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Paul Espeseth, der das Antidepressivum Celexa abgesetzt hatte, machte sich in SeaWorld auf das Schlimmste gefasst. Er fragte sich bloß, welche Form die Katastrophe annehmen würde. Indem er einen Enthüllungsbericht über den Ozean-Themenpark aus dem Kabelfernsehen paraphrasierte, den aber weder er noch sie gesehen hatte, hatte Esepeth versucht, sein Veto gegen den Ausflug einzulegen. Doch seine Frau hatte das Argument gleich auf die Matte geschickt: »Die Mädchen sollten die Dinge sehen, die sie lieben, bevor sie ganz von der Welt verschwinden.«

Nun war er also hier. Bei der ersten Etappe ging es offenbar um Flamingos. Nachdem er seine vierjährigen Zwillinge durch das Drehkreuz und an den Andenkenläden vorbeibugsiert hatte, mit den Stoffversionen jener Spezies, denen sie in Fleisch und Blut gegenüber stehen würden, folgte seine Familie dem Leitsystem des Parks und wurde von den Vögeln in Empfang genommen. Ihre rotschwarzen Ziffernköpfe tanzten auf rosafarbenen, dicht mit Federn bedeckten Stängeln, schwebten über den Köpfen einer Gruppe von Neuankömmlingen.

»Wartet, bis ihr dran seid, Mädchen«, sagte seine Frau. Angesichts dessen aber, dass es keine wirkliche Reihenfolge gab, nahm Espeseth Chloe und Deidre bei der Hand und gemeinsam drängelten sie sich in den Pulk hinein, um einen Blick auf die Vögel zu erhaschen. Seine Frau blieb zurück und passte auf den Zwillingsbuggy mit ihrem Krempel auf. Aus der Nähe sah Espeseth, dass die Vögel auf einer Insel gefangen waren, einem akkurat gemähten Grashügel, umgeben von einem niedrigen Zaun und Schildern, auf denen »Bitte nicht füttern« stand.

»Könnt ihr sie sehen?«, flüsterte er hinab zu den Mädchen, so als handele es sich bei dem Haufen exotischer Vögel um etwas Wildes, gesichtet in der Ferne, einen Schwarm, der aufgeschreckt werden und verschwinden könnte. Tatsächlich aber hatte man ihnen die entscheidenden Flügel gestutzt und sie flugunfähig gemacht, was das Gleiche war, als wenn man einem Gegner die Archillessehne durchtrennte und ihn so zum Krüppel machte. Die Vögel hatten keine Möglichkeit sich dem Sperrfeuer kreischender Familien zu entziehen, die ihre Jüngsten nah genug heranschoben, um ein Handyfoto machen zu können.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Sie haben auch Angst«, erklärte er ihr. So wie ich. Die Flamingos gehörten zu den Dingen, auf die ihn nichts hätte vorbereiten können. Indem er im Vorfeld mit den Mädchen an die hundert YouTube-Videos über Orcas geschaut, Bilder von Orcas aus Zeitschriften ausgeschnitten und seine Kinder zur Schlafenszeit in Betten voll ausgestopfter Orcas geknuddelt hatte, hatte Paul Espeseth seine Seele hart gemacht und in Orca-Bereitschaft versetzt – ihre muskulöse Eindringlichkeit, ihr stummes Drama, die Möglichkeit, dass sie vor aller Augen und von inspirativer Musik begleitet, einem ihrer Neoprenanzug tragenden Trainer Ellbogen oder Hals amputieren könnten. Aber die Designer des Parks hatten ihn gelinkt, hatten ihn mit Flamingos besänftigt, wie mit einer lockeren Runde Zigarettenausdrücken auf dem Brustkorb, bevor man zum Waterboarding überging.

Die Mädchen fassten sich ein Herz und drängelten sich ganz nach vorn, gaben dann aber wieder kleinbei und wurden von anderen ungeduldigen, sozial benachteiligten Kindern verdrängt. Den Vögeln musste es so vorkommen, als ebbe die Flutwelle blühend psychotischer Gesichter niemals ab.

Im Kontext ihrer Spezies hatten diese Flamingos etwas von Weltraumfahrern, die mit Geschichten zurückkehren würden, für die es keine Worte gab. Bloß, dass sie niemals zurückkehren würden. Man hätte die Vögel genauso gut in Tiefseetaucherkugeln stecken und sie den Orcas vorstellen können, oder aber ihre Nahrung mit LSD versetzen.

      »Gehen wir«, sagte er und zog die Zwillinge fort. Ihre Patschehändchen hatten zu schwitzen begonnen, oder er war es, der begonnen hatte sie vollzuschwitzen. »Es gibt noch eine Menge … anderes«.

»Die Killerwal-Show!«, kreischten die Mädchen. Dafür waren sie hergekommen.

»Die Show beginnt um elf«, erklärte er. »Wir haben noch etwas Zeit. Und auf dem Weg dorthin gibt´s noch andere Sachen. Haie.« Er hatte den Hintersinn des Geländeplans auf den ersten Blick durchschaut: von dort, wo man abgeworfen wurde, gelangte man nicht zum Shamu Stadium, ohne zunächst andere Attraktionen passieren zu müssen. Er schlug den Weg in Richtung der Haie und Riesenschildkröten ein, wenn auch nur als Schachzug, um die Sesame Street of Play und eine Achterbahn namens Manta zu umgehen. Er hatte Prinzipien. SeaWord sollte dem gerecht werden, was der Name versprach: unheimliche Begegnungen mit der Unterwasserfauna bieten, nicht mit Vögeln, Elmo, genauswenig wie mit Prinzessin Leia oder Cap’n Crunch. Aber während sie so die Pfade entlangliefen, hatte er hier trotzdem nicht das Gefühl, das Kommando darüber zu haben, wohin seine Familie steuerte. Sondern fühlte sich in Muster fachmännisch prognostizierter Reaktionen und Verhaltensweisen gepresst, auch was die fälligen Aufwendungen in Form von Schweiß, guter Laune und anderer Währungen betraf, sowohl aus seiner Brieftasche, als auch seiner Seele. Er war hilflos wie eine Flipperkugel, die in einem dieser Tischgeräte herumflog. Nicht einem dieser einfachen, langsam verfallenden Apparate, die er aus den Spielhallen im Minneapolis der Siebziger kannte, sondern einem dieser wütenden, pulsierenden Neunziger-Jahre-Flipper, deren halbes Dutzend Neonhebel auf sein Gehirn eindroschen.

Auf ein weiteres Legoland-Wunder zu hoffen, erschien ihm nicht realistisch. Zwei Monate zuvor hatten sich Espeseth, seine Frau und die Zwillingstöchter nach Süden aufgemacht und Legoland besucht. Legoland war erträglich gewesen. Es war abwechslungsreich und gut strukturiert gewesen und hatte Nervenkitzel geboten. Es gab auch dort ein paar schlimme Bereiche, einschließlich, ganz vorneweg, der fingierten Hauptstadt namens Fun Town, aber andere waren in Ordnung, mehr als in Ordnung, etwa der Pulk von Restaurants auf dem Castle Hill. Dort war es ihm gelungen, während die Zwillinge sich mit der Königin fotografieren liessen und in Sätteln von ritterlichen Lego-Turnierpferden saßen, die auf Bahnschienen montiert waren, sich davonzustehlen und bei Castle Ice Cream einen doppelten Espresso zu ergattern. Das war etwas gewesen. Mit seinem Espresso in einer schattigen Ecke des Burginnenhofs verborgen, hatte er seinen Töchtern schweigend zugeprostet, während sie hintereinanderher den Parcours abfuhren. Legoland trug also die Schuld, nahm er an: Seine Erträglichkeit hatte dazu geführt, dass er bei SeaWorld zu schnell eingewilligt hatte, was selbst mit Celexa, wie ihn nun klar war, eine völlig andere Angelegenheit gewesen wäre.

Sein Psychiater, Irving Renker, hatte ihn vor den Auswirkungen auf sein Gehirn gewarnt, wenn er das Celexa ausschlich. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte Espeseth das Mittel erst seit zwei Tagen nicht mehr genommen. Er hörte unter Renkers Anleitung damit auf, ganz nach Vorschrift. »Machen Sie sich darauf gefasst«, erklärte ihm Renker. »Sie werden möglicherweise Penner und Taschendiebe sehen.«

»Sehen, im Sinne von halluzinieren?«

»Nein«, sagte Renker. »Halluzinieren werden Sie nicht. Ich meine sehen im Sinne von bemerken. Sie werden womöglich im überdurchschnittlichen Maße Penner und Taschendiebe bemerken. Irgendwelche fiesen Typen. Perverslinge. Sogar Amputierte.«

Irving Renker war ein New Yorker Jude, der seinem Archetyp entfleucht war wie ein Hummer seiner Schale, also noch immer in die unerbittliche Form dieser Schale hineinpasste, gleichzeitig jedoch wie frisch geschlüpft, roh und staunend in der Weltgeschichte herumlief. Renker legte großen Wert auf Sport und man traf ihn in den Hügeln von Santa Barbara an, wo er mit seinem Fahrrad herumkurvte, mit Helm, Sonnenbrille und einem bürotauglichen Pullover, blauer Hose und lederbesohlten Schuhe. Weiter unten in der Stadt hatte Espeseth ihn noch nie gesehen, geschweige denn in Strandnähe. Er vermutete, dass Renkers Frau alle Einkäufe erledigte. Renkers Büro befand sich in einer Einliegerwohnung, eingebettet in die mit Buschwerk bewachsenen Hügel hinter seinem Haus, das aufgrund des abschüssigen Geländes auf Stelzen stand. Die Vorhänge vor Renkers Fenster waren stets zugezogen, um neugierige Blicke abzuwehren. Verbarg sich hier eine geheime Klause jüdischer Intellektueller mit vollgestellten Bücherregalen, sigmundschen Fetischmasken und flippigen, nicht mehr enträucherbaren Perserteppichen? Unmöglich zu bestimmen. Das Gesprächszimmer war nichtssagend: gerahmte, abstrakte Aquarelle, beige Sitzmöbel und eine Uhr aus Messing.

Im Gespräch verwendete Renker neben den Wendungen »Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?« und »Nicht den Kopf zerbrechen!«, zudem häufig Begriffe wie »die Schwarzen«, »Orientale«, »behumpsen« und »Penner«. Einmal, als Espeseth ausgiebig in Erinnerungen geschwelgt hatte, wie er während eines Angelausflugs mit seinen drei Brüdern gemeinsam auf dem Vordersitz des väterlichen Pick-ups gesessen hatte, hatte Renker gemurmelt: »Ja, ja, nennt man für gewöhnlich ›Tortilla-Kutsche‹«.

Aber Espeseth konfrontierte oder verbesserte seinen Psychiater nie. Stattdessen bot er höflich Beispiele für angemessene Wortwahl an, in diesem Fall, indem er entgegnete: »Bedeutet das, dass das Celexa mich, was, gegenüber wohnungslosen Menschen blind gemacht hat? Oder die Wahrscheinlichkeit erhöht hat, ausgeraubt zu werden?«

»Es ist eine Frage des Augenmerks«, sagte Renker. »Sie werden womöglich eher dazu neigen, die Arschgeigen zu bemerken, statt derjenigen, die rechts und links davon stehen. Und ohne suggerieren zu wollen, sie würden paranoid werden, so kann es dennoch sein, dass sie Arschgeigentum auch auf normale Menschen projizieren.« Dass sein Psychiater an »normale Menschen« glaubte, war, je länger Espeseth darüber nachdachte, ein schlechtes Zeichen. Er selbst versuchte, das nicht zu tun. Was er aber nicht abzuschütteln vermochte, war das, was Renker als Nächstes sagte: »Den Celaxa-Entzug haben einige Patienten so beschrieben, dass sich an den Rändern des Alltags kriechend eine Atmosphäre der Fäulnis oder Verwesung oder Bedrohung bemerkbar mache, etwas, was aber nur sie so benennen können. Einer meiner Kollegen hat das als ›Made-im-Fleisch-Syndrom‹ klassifiziert. Besser man ist drauf gefasst, als dass es einen einfach überkommt.«

Made-im-Fleisch-Syndrom?

Niemand, Psychiater Renker nicht, Espeseths Frau nicht und ganz sicher nicht die Zwillinge, kein menschlicher Zuhörer außerhalb des Containment-Bereichs seines Schädels, wusste, dass Paul Espeseth sich selbst in Veganer in der Schwebe umbenannt hatte. Der Geheimname war ein Symptom, sollte man ihn denn als ein solches erachten, das sich bereits Monate bevor er die Einnahme des Celexa einstellte, bemerkbar gemacht hatte. Konnte man ihn als Nebenwirkung bezeichnen? Er hatte gehofft, er würde verschwinden, wenn er das Medikament absetzte. Schön wär´s gewesen. Aber Veganer in der Schwebe empfand nicht ausschließlich Bedauern. Der neue Name war eine Kränkung, ja, gleichzeitig aber hing er auch daran, lag darin doch auch das Versprechen eines erhabeneren Lebens, das knapp außer Reichweite lag.

Wie hatte das mit seinen Nachforschungen begonnen? Espeseth hatte sich, als das noch sein einziger Name gewesen war, in der öffentlichen Bibliothek von Santa Barbara eine populärwissenschaftliche Abhandlung entliehen über den irreparablen Kollaps der Erde unter der Last der eigenen Bevölkerung. Danach hatte er verschiedene bekannte Polemiken gegen die Tierquälerei auf Farmen und in Schlachthöfen gelesen. Dann ein Buch mit dem Titel »Fear of the Animal Planet«, in dem detailliert viehische Racheakte an der menschlichen Zivilisation beschrieben wurden. Das war der Zeitpunkt gewesen, als Espeseth gespürt hatte, wie er zu Veganer in der Schwebe wurde. Ein Bewusstsein war in ihm geweckt worden, dessen Entfaltung lediglich untätiges Verharren, Scham und Anpassung verlangsamen konnten. Glücklicherweise oder unglücklicherweise besaß Veganer in der Schwebe große Affinität zu diesen Verzögerung bewirkenden Maßnahmen.

Das große Problem würde ohnehin sein, seinen Töchtern die Entscheidung zu erklären. Veganer in der Schwebe bewunderte Chloes und Deidres Gabe, zwischen ihrer angeborenen Tierliebe und den Wonnen des Fleischverzehrs vermitteln zu können. Für ihn war es eher eine hart erkämpfte Differenziertheit, die F. Scott Fitzgeralds Fähigkeit glich, gleichzeitig zwei gegensätzliche Ideen bedenken zu können. Die frühen Rites des Passages der Mädchen schienen überhaupt hauptsächlich aus Anstrengungen zu bestehen, solcherlei Paradoxien aufzulösen. Wie jene etwa, dass Mommy und Daddy sich stritten und einander doch liebhatten. Dass menschliche Wesen wunderbar waren und man die eigene Schüchternheit überwinden sollte, sie aber gleichzeitig dem allzu eifrigen Fremden misstrauen und ihn für ein potentielles Monster halten sollten. Dass eine Stunde Fernsehen oder iPad-Nutzung als vergiftende Überdosis gelten sollte, während die Eltern sich doch bei jeder Gelegenheit Bildschirmexzessen hingaben. Veganer in der Schwebe selbst verbrachte routinemäßig drei Stunden auf dem Sofa und verfolgte im Fernsehen, wie sein Footballteam verlor. Die Vikings, Talisman seiner Ahnen. Doch anders als bei den Redskins und den Chiefs, waren Namen oder Logo nie als rassistisch kritisiert worden. Niemand hatte Mitleid mit Weißen, was seine Faszination für Juden erklären mochte, die beidem ausgesetzt zu sein schienen. Hätte Irving Renker den Gedanken von Veganer in der Schwebe lauschen können, hätte er gekichert. Nicht abschweifen.

Bei der Zivilisierung von Kindern ging es im Wesentlichen doch ohnehin bloß darum, kognitive Dissonanz herzustellen. Das Vermögen seiner Töchter, das Verlangen sowohl Säugetiere zu knuddeln als auch zu verspeisen miteinander vereinbaren zu können, ermöglichte es ihnen nämlich erst, sich in das menschliche Historienspiel einzureihen. Wenn Veganer in der Schwebe ihnen gegenüber nun zugab, dass er es für falsch hielt Tiere zu essen – auch wenn er noch immer nach dem intensiven Geschmack rauchiger Steaks und salzig-fettigen Specks gierte – würde er sich, in ihren Augen, mit diesem kindlich-moralischen Absolutismus selbst herabsetzen. Oder vielleicht sogar in den eigenen Augen? Seit sechs Monaten hing er nun in der Schwebe. Irgendein jenseitiger Inquisitor, eine Wache vor der Himmelspforte mit dem Kopf eines Ferkels oder Kalbs höchstwahrscheinlich, würde ihn dereinst für diese Verzögerung zur Rechenschaft ziehen, die durchaus mit der Phase vergleichbar war, als die Alliierten zwar bereits von der Existenz der Todeslager erfahren hatten, ihre moralische Empörung aber noch mit militärtaktischen Erwägungen abglichen. Seine Essgewohnheiten oder andere Verhaltensweisen betreffend, hatte sich nämlich rein gar nichts verändert. Er hatte weder Pamphlete verteilt noch sich einen Aufkleber für die Stoßstange besorgt. Nichts hatte sich verändert, außer dass er sich einen Geheimnamen gegeben hatte.

Glühend vor Scham dirigierte er seine Familie in die Welt der Haie, schleppte sich hinter anderen Familien mit ihren Buggys auf einen Fahrsteig. Die Passage, ein weiteres Beispiel der Zwangsarchitektur, lief als Tunnel unter den Haifischbecken hindurch, illuminierte die Kreaturen von unten, um ihre weißen Bäuche und Kürbiskopfgrimassen besser zu Geltung zu bringen. Es kam ihm plötzlich der Gedanke, dass die Bauweise des Parks etwas von einem Verdauungssystem hatte. Man wurde verschlungen, verdaut und wieder ausgeschissen.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Aber ich nicht«, sagte Chloe.

Für die Haie zu sprechen, maßte sich Veganer in der Schwebe nicht an. Stattdessen deutete er auf das Schimmern vor ihnen, während der Fahrsteig sie wieder aus der Dunkelheit herausdrückte.

»Daddy?«, sagte Chloe.

»Ja?«

»Waren Delfine und Killerwale echt mal Haustiere bei den Menschen, bevor sie zurück ins Meer gegangen sind?«

»Keine Haustiere«, sagte Veganer in der Schwebe. »Wilde Tiere. Wie Schweine.« Er erbebte angesichts der wachsenden Verwirrung: für die Kinder waren Schweine ja Tiere von der Farm. Just an diesem Morgen hatte er heimlich in einem Blog namens Der Ruf der Ungezähmten gelesen. Die Grade der Unterjochung wurden dort folgendermaßen unterschieden: Haustier, domestiziert, ungezähmt, wild …

»Wieso dürfen wir kein Haustier haben?«, fragte Chloe.

Seine Frau wandte sich Veganer in der Schwebe zu. Er wich ihrem Blick aus, spürte ihn aber dennoch.

»Euer Vater mag Haustiere nicht«, sagte sie.

»Nicht mehr lange bis zur Elf-Uhr-Show!«, sagte er, dringend bemüht das Thema zu wechseln. Und damit glitten sie aus dem schlundartigen Gang hinaus ins Tageslicht.

Ganz SeaWorld wand und krümmte sich.

Made-im-Fleisch-Syndrom, die wenig hilfreiche Vorstellung, die Renker ihm eingepflanzt hatte, war selbst eine Made, die sich nun im Fleisch seines Gehirns wand und krümmte.

Sie hatten einen Jack-Russell-Terrier gehabt, einen kastrierten zweijährigen Rüden namens Maurice, den sie aus dem Tierheim geholt hatten, einen völlig durchgeknallten Derwisch, in den seine Frau aber völlig vernarrt gewesen war und er – na ja, Veganer in der Schwebe war ebenfalls in ihn vernarrt gewesen, auch wenn es für ihn eher so gewesen war, wie mit einem Rätsel zu leben, hinter das man nicht kam. Maurice bewegte sich mit verblüffender Geschwindigkeit, ging senkrecht in die Luft wie ein illegaler Feuerwerkskörper, war ungemein fordernd und drang in ihre privatesten Lebensbereiche ein. Dann aber – und hier lag der Grund, warum es ihn demütigte, wenn eines der Mädchen das Thema Haustiere überhaupt nur erwähnte, genauso wie der, warum der Blick seiner Frau ihm das Blut gefrieren ließ –, nachdem Veganer in der Schwebe beobachtet hatte, wie der Hund sich gegenüber seiner schwangeren Frau verhielt, hatte er Maurice aus ihrer aller Leben verbannt. Der Hund war einfach übertrieben fürsorglich gewesen, geradezu besessen von ihrer Schwangerschaft, hatte sich etwa Nachts um ihren Bauch gekringelt, so als wollte er die Zwillinge mittels seiner eigenen Körperhitze ausbrüten. Er hatte sogar begonnen nach Veganer in der Schwebe zu schnappen, wenn der sich dem eigenen Ehebett näherte. Im Verlaufe des dritten Trimesters hatte er den Hund also zurück ins Tierheim gebracht, und auch wenn das kaum entschuldbar war, womöglich überhaupt nicht entschuldbar, so wurde Maurice nach der Geburt der Babies doch nie wieder erwähnt.

Die Mädchen würden niemals erfahren, dass Maurice sie noch in der Gebärmutter geknuddelt hatte, sollte ihre Mutter ihnen nicht eines Tages davon erzählen. Stattdessen stillten Chloe und Deidre nun ihre Sehnsucht nach anderen Säugern mit Pixar-Figuren. Auf der Hinfahrt hatten sie an den Bildschirmen geklebt, die in die Kopfstützen der Vordersitze eingelassen waren. Das hatte ihnen die Eintönigkeit der Interstate 5 erspart, die immergleichen Ausfahrten in immer neue Vororte, Lärmschutzwälle und öde vergilbte Hügel. Nahe San Diego zeigte ein Schild die Silhouette einer fliehenden mexikanischen Familie, wie man sie sonst von Elchen oder Rehen kannte, damit man sie auf ihrer illegalen Flucht über die fünf Spuren des Freeways nicht anfuhr. Veganer in der Schwebe empfand es als Segen, keine Erklärung liefern zu müssen.

Familienleben, ein Kataklysmus der Einsamkeiten.

Als kleiner Junge hatte er Reisen auf dem Rücksitz ohne die Hilfe von Filmen überstanden. Stattdessen hatte er während zigtausender Kilometer den Chippewa National Forest hindurch, entlang der Union Pacific Railroad und durch die östlichen Teile Ontarios und Manitobas aus den Fenstern des Familienkombis geschaut. Im Alter von zehn, während seiner Öko-Phase, hatte er sich zum Zeitvertreib ein Spiel ausgedacht, das, wie den neuen Namen, allein er kannte. In seiner Fantasie verfügte das Auto seiner Eltern über ein langes unsichtbares Messer, dem Flügel eines Flugzeugs ähnlich, welches mittels mentaler Instruktionen aus der Seite des Kombis heraus- und wieder hereingefahren werden konnte. Er und seine Eltern gaben bloß vor Nobodys zu sein, die einzige protestantische Familie aus einer Kleinstadt, die scherzhaft St. Jewish Park genannt wurde. In Wahrheit aber waren sie Sendboten aus einer anderen Welt, geschickt, um die Natur von den Eingriffen der menschlichen Spezies zu befreien. Nur er selbst konnte die Klinge steuern, die herausschoss, um alle Hochspannungsmasten und Straßenschilder abzurasieren, aber immer wieder eingefahren wurde, um so viele Bäume wie möglich zu verschonen. Häuser und andere Autos hingehen durchtrennte sie erbarmungslos. Die Fantasie umfasste sogar ein Alibi stiftendes Element der Verzögerung, was zum einen dafür sorgte, dass er die gloriose Zerstörung, die er anrichtete, selbst nicht zu Gesicht bekam, zum anderen verhinderte, dass keine menschliche Instanz im Stande war, die mysteriöse Kraft zu lokalisieren und zu neutralisieren, die sich durch die Umgebung fraß: Die gekappten Objekte fielen erst fünf Minuten nachdem der Wagen der Familie sie passiert hatte auseinander. Durch diese Methode würde die Welt wieder der Flora und Fauna zurückgegeben.

In letzter Zeit war Veganer in der Schwebe das Bild der unsichtbaren Klinge wieder in den Sinn gekommen. Es stellte sich angesichts irgendeiner architektonischen Abscheulichkeit ein, oder einem mit Werbeschildern verschandelten Straßenrand. SeaWorld hingegegen war der Fantasie gegenüber immun. Dieses Labyrinth der Disharmonie in Scheiben zu schneiden, würde ja bedeuten, die darin gefangenen Kreaturen zu meucheln. Der Logik seiner Kindheitsfantasie zufolge, würde die Klinge zwar die Schildkröten, Haie und Delfine aus ihren Becken befreien, die ausströmen würden, nur um dann in der Sonne nach Luft schnappend auf den betonierten Pfaden zu verenden.

Im Shamu Stadion angekommen, bemerkte Veganer in der Schwebe, entgegen Renkers Ankündigung, weder Penner noch Taschendiebe. Sondern Soldaten auf Heimaturlaub. Armeeangehörige zwischen zwei Einsätzen, die mit ihren Familien einen Tagesausflug machten, den unvertrauten kleinen Kindern und stoisch ignorierten Frauen, um sich Killerwale anzuschauen. Zu erkennen waren sie an ihren Kurzhaarschnitten, den Bizepstattoos und dem wachsamen Hin- und Her ihrer verdickten Nacken. In ihrer strammen Unerschütterlichkeit erweckten sie den Eindruck, als seien unterschiedlichste Zivilisten-Körper in dieselbe unerbittliche Form gegossen worden. Ethnische Merkmale, bei den Soldaten nunmehr zu Spuren reduziert, waren bei den Frauen und Kindern wesentlich greifbarer – in Renkerschen Termini hauptsächlich Schwarze, Mexikaner und Orientale. Vielleicht gar ein paar Zigeuner hier und dort? Schwer zu sagen. Immer schön vereinfachen.

Vielleicht waren es ja die Soldaten, die für das Unglück sorgen würden, vor das Nervensystem von Veganer in der Schwebe so gellend warnte. Vor dem inneren Auge sah er aus Hubschraubern aufgenommene Szenen, gelbes Absperrband, zwischen untröstlichen Familien umherschwirrende Sondereinsatzkommandos. Das Stadion war ein Maya-Tempel und man wartete darauf, dass im blauen Bassin unten irgendein Opfer dargebracht wurde. Und doch, obgleich zusammen mit fünftausend anderen eingesperrt, fühlte sich Veganer in der Schwebe für den Moment ruhig. Sollte seine Reise durch die Röhren und Tunnel von SeaWorld tatsächlich etwas Peristaltisches haben, so hatte er nun den gekammerten Magen erreicht.

Und dann, nach der abgeschmackt-triumphierenden Ouvertüre aus Musik, Videobildern und Hopserei in androgynem Spandex, als die Orcas schließlich in die Arena kamen und begannen ihre Runden zu drehen, wurde SeaWorld durch ihre absolute und umwerfende Präsenz vollständig überschrieben. Durch ihr Kunststück, zwei Sphären miteinander zu vernähen, Himmel und Wasser, bloß um ein Stadion voller Kinder zu entzücken – Kinder, die in Reaktion darauf ihrerseits Sätze vollführten, auf ihren Sitzen vibrierten und unzusammenhängende Glucksgeräusche machten, gleichsam in Zungen sprachen. Andere Kinder, älter und weniger ängstlich als seine, rasten hinab zur Kunststoffeinfassung, um sich nassspritzen zu lassen und ruderten wild mit den Armen. Die Killerwale mit ihren Emmett-Kelly-Augen waren die glorreichen Todesclowns Gottes. Ihre üppigen muskulösen Körper waren das Unverfrorenste, was Veganer in der Schwebe je gesehen hatte. Sie wirkten wie von Albert Speer modifizierte Pandabären. Immer diese Holocaust-Anspielungen, hatte Renker einmal gesagt. Warum überlassen Sie das nicht uns?

Die Zwillinge saßen zwischen ihm und seiner Frau, hielten einander bei den Händen, die Augen weit aufgerissen, überwältigt von ihrem unbestechlichen Sehnen.

»Deidre hat Angst«, sagte Chloe.

»Hab ich gar nicht«, sagte Deidre. Sie sprach wie im Traum, ohne den Blick vom Becken abzuwenden. Veganer in der Schwebe verlangte es schmerzlich danach, die Mädchen in einer Art schützendem Anbau in Sicherheit zu bringen, der von seiner beschädigten Seele abging. Aber die Mädchen ließen sich nicht in Sicherheit bringen, so wie das Stadion sich nicht in Sicherheit bringen ließ, genauso wenig wie die Welt. Das alles lag ungeschützt unter dem Himmel, egal welchen Strahlen auch immer gegenüber, die durch die geschundene Atmosphäre sickerten. Die Mädchen waren Himmel und Killerwalen ausgeliefert, die durch ihre wehrlosen Herzen sprangen. Außerdem verfügte Veganer in der Schwebe auch gar nicht über einen schützenden Anbau, der von seiner Seele abging. Das war reine Fantasie, genau wie die ein- und ausfahrbare Klinge am Kombi seiner Eltern.

Was würden die Mädchen über Killerwale denken, wenn sie irgendwann einmal die ganze Wahrheit erfuhren? Die Verheerungen der Welt stapelten sich überall und warteten geduldig darauf, von seinen Töchtern beachtet zu werden. Eines Tages würden sie ganz von selbst all die Dokumentarfilme und Webseiten entdecken. Sie werden womöglich dazu neigen, ihre Kinder zu bemerken, hätte Renker ihn warnen sollen.

Gleichzeitig, auf der anderen Seite der Zwillinge, ein Mysterium: seine Frau. Die, mit der er einmal so gut wie eins gewesen war. Dann, so als habe er sie angerempelt und zwei Teile herausgebrochen, waren die Zwillinge aufgetaucht. Im letzten Jahr hatte sie etwas Opakes bekommen, so als habe sie ihn freiwillig schonen wollen. Ihre menschliche Silhouette füllte nun etwas aus, das Veganer in der Schwebe im Gespräch mit Renker als »Wolke des Unbekannten« beschrieben hatte. Sie hatte ihn an die Celexa-Odyssey herangeführt und sie mit ihm durchgestanden, was aber kam jetzt? Würde sie nun ihr lange vertagtes Urteil fällen?

Als er aus dem Shamu Stadium heraustrat, hatte Veganer in der Schwebe das Gefühl, dem Urteil seiner Frau standhalten zu können, genauso wie er SeaWorld standhalten konnte und SeaWorld sich selbst. Weder die Veteranen, noch die Orcas, noch er selbst waren ausgerastet und hatten jemanden zerkaut oder bajonettiert. Wenn die Orca-Show der Höhepunkt gewesen war, der Härtetest, konnten sie dann jetzt nicht gehen? Er sehnte sich nach den trivialen Tröstungen, die das Motel, die Familie auf zwei Doppelzimmer verteilt, bereithielt: Zimmerservice, Club-Sandwichs und noch mehr Pay-per-View-Disney.

»Also«, sagte er und klatschte in die Hände. »Sollen wir den Parkplatz suchen?«

»Das sind Tagestickets«, sagte seine Frau. »Rebeccas Mutter meinte, wir sollten auf keinen Fall die Kleintier-Show verpassen.«

»Ich habe Hunger«, sagte er.

»Kleintier-Show, Kleintier-Show!«, skandierten die Mädchen.

»Zu essen gibt es auch hier«, sagte seine Frau spitz. »Und wir sind extra hergefahren und haben für den ganzen Tag bezahlt. Die Mädchen haben Monate gewartet.« Dieses Mal sah sie ihm in die Augen, bevor er den Blick abwenden konnte und er wurde umhüllt von der Wolke des Unbekannten.

Die nächste Kleintier-Show begann um eins, also parkten sie den Buggy an einem schattigen Platz und Veganer in der Schwebe machte sich auf die Suche nach etwas Essbarem. Er fand eine Pizzeria, aber man musste exorbitant lang auf einen Tisch warten, und sich ins dunkele Innere zu drängeln, auch um nur etwas zum Mitnehmen zu bestellen, konnte er sich ebenfalls nicht vorstellen. An einem Stand vor dem Restaurant grillte ein Mann Truthahnkeulen. Die Schlegel sahen seltsam urzeitlich aus – man war doch hier nicht im Mittelalter! – aber der Geruch des versengten Fleisches brachte Veganer  in der Schwebe zum Geifern.

Essen sehen, Essen essen.

Sea World, Eat World.

Er bereute den Kauf bereits in dem Moment, als er ihn tätigte. Die Schlegel waren Fleischabfall, von irgendeiner industriellen Farm zu Gunsten des Brust-Produkts entsorgt worden. SeaWorld konnte da genauso gut Pferdehufe oder eingelegte Kuhaugen verkaufen. Dennoch trug er es zurück zum Buggy und kam sich dabei wie Fred Flintstone vor. Von seiner Frau ungläubig angestarrt, riss er Fetzen von dem riesigen knorpeligen Schlegel, um seine Mädchen damit zu füttern, wie eine Vogelmutter ihre Neulinge im Nest. Die knusprige Haut löste sich als Ganze und war, einmal abgetrennt, einfach zu widerlich, um sie nicht direkt wegzuwerfen. Die Mädchen spülten das Fleisch mit Orangensaft herunter. Papierservietten klebten ihnen in Fetzen an Gesicht und Fingern.

Da noch eine Viertelstunde Zeit war, machten sie noch einen Abstecher zu den Fledermausrochen, die man in ihrem Bassin anfassen konnte. Wie bei den Flamingos, musste Veganer in der Schwebe die Zwillinge ganz nach vorn drängeln, damit sie die Chance hatten, ihre Hände in das flache, bloß hüfthohe Becken zu tauchen und die glatten, gummiartigen Rochen darunterhergleiten zu lassen. Den Mädchen stockte der Atem. So mochte es sich anfühlen, wenn man einen Killerwal berührte. Hier fand sie womöglich endlich statt, die tatsächliche Begegnung, die Sache, wofür sie eigentlich hergekommen waren, und einen Moment lang verschwanden für Veganer in der Schwebe alle Barrieren, waren die Truthahnaugen vergessen, bekam die Hintergrundmusik etwas Erhabenes, so als komme sie aus weit entfernten Sphären.

Das Bassin mit den geschmeidigen Rochen beherbergte aus irgendeinem Grund ebenfalls einen verhornten Stör mit knotigem Gesicht. Ein Schild warnte jene, die die Rochen berührten, nicht zu versuchen, auch den Stör anzufassen. Veganer in der Schwebe hingegen, in seiner Verzückung, versuchte es. In Reaktion darauf, sperrte der Stör das Maul auf und schnappte hinauf zu ihm, wo er inmitten so vieler vergnügter Kinder stand, seinen eigenen und anderen. Voller Angst zuckte Veganer in der Schwebe zurück. Der Stör nahm seinen Kurs wieder auf, Made im Fleisch des Rochenbassins.

»Habt ihr das gesehen?«, fragte er seine Töchter und jeden anderen, der vielleicht Zeuge gewesen war.

»Was gesehen?«, sagte Chloe.

»Den Stör! Der hat mich praktisch angekläfft!«

»Daddy«, sagte Chloe zärtlich.

Die Kleintier-Show verfügte über ein eigenes Stadion, eine kleinere Arena, ein paar Tribünen im Wesentlichen, die vor einer Bühne aufgestellt waren, ausgerüstet mit Leitern, Fenstern, Hindernisparcours und gigantischen Plastikskulpturen einer Milchflasche und eines hellroten Turnschuhs. Anders als im Shamu Stadion, waren die Sitze hier spärlich besetzt und Veganer in der Schwebe und seine Frau und Kinder fanden in der dritten Reihe Platz. Nur einen Augenblick später begann die Vorführung. Zu den Klängen von »Who Let the Dogs Out?«, ergossen sich, wie in einer Sequenz kurz vorm Abspann, eine Flut von Hunden und Hauskatzen aus verschiedenen Geheimtüren über die Kunstrasenbühne, gefolgt von einem Schwein, einem Vogel Strauß und einer Reihe Enten. Die Hunde sprangen auf eine Wippe und katapultieren Miniburger aus Plastik in Richtung einer Herdattrappe. Die Katzen kletterten ein Seil hoch. Die Zwillinge waren außer sich. Einer der Hunde zog an einem Hebel und löste ein aufgerolltes Banner, auf dem in Fingernägel-auf-Schultafel-Schrift der Titel der Show stand: »Hier haben wir Tiere das Sagen!«

»Das ist ja wohl ein klassisches Beispiel für Hitlers Technik der großen Lüge, meinst du nicht auch?«, sagte Veganer in der Schwebe.

»Was?«, sagte seine Frau.

»›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ Haben sie nicht. Sie machen bloß … es stimmt einfach nicht. Ich find´s furchtbar hier.«

»Pst.«

»Wir machen uns mitschuldig an einem weithin bekannten Albtraum«.

»Ich habe noch nie etwas Kritisches über die Kleintier-Show gelesen.«

Weil alle damit beschäftigt sind, diese ästhetisch-moralische Kalamität aus ihren Köpfen zu tilgen, wollte er sagen. Gibt es Erlaß für diese Art Erkennen?1 Stattdessen sagte er: »Der Stör hat mir da vorhin fast den Finger abgebissen.«

»Jetzt ist es zu spät, glaub ich.«

»Wofür, für den Fisch, meinen Finger zu fressen?«

»Nein, für dich und den Fisch, um bei ›60 Minutes‹ aufzutreten, weil der Ort hier ja durchaus schon vorher mal in den Medien war.«

Ein Showmaster im Baseballtrikot und mit Headset-Mikrofon erschien und begann die Kleintier-Show anzumoderieren. Irgendein gescheiterter Schauspieler, vermutete Veganer in der Schwebe. Seit sein Bewerbungsfoto in der Personalabteilung von SeaWorld gelandet war, war der Junge dazu verdammt, fünfmal täglich diesen unsäglichen Sermon abzuspulen. Er erläuterte die Kleintier-Olympiade, bei der die dressierten Hunde gegeneinander antreten würden, rief dann die Stars der Show namentlich auf und ermunterte die Kinder im Publikum, bei jedem noch so dämlichen Mätzchen zu klatschen und zu kreischen. »Unsere Freunde sind allesamt Rettungshunde«, erklärte er. »Bis zu ihrem ersten Auftritt bei ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ trainieren sie beinahe drei Jahre lang und ihr habt großes Glück, denn wir haben einen ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹-Neuling, der heute zum ersten Mal dabei ist, einen süßen kleinen Kerl namens Bingo. Ich möchte, dass ihr ihm, wenn ich ihn auf die Bühne rufe, dafür Respekt zollt, dass er zum ersten Mal vor ein Publikum tritt, und hoffe, dass ihr Bingo doll liebhabt und ihn nun ganz herzlich begrüßt …«

Bingo war ein Jack-Russell-Terrier. Er schien, so der erste Eindruck, durchaus reif für die Hauptsendezeit zu sein, überschlug sich zweimal, rückte dann mit einer hellroten Zange einem überdimensionierten Hydranten zuleibe, was darin resultierte, dass eine Wasserfontäne ein unbeteiligtes Ferkel traf und den Zuschauern in der ersten Reihe ins Gesicht spritze, die vor Freude jauchzten. Er stand auf den Hinterbeinen, grinste breit und schlang dann die diskrete Belohnung von der Handfläche des Showmasters. Dann aber sprang der neue Hund von der Bühne, krabbelte über die beiden ersten Reihen hinweg und in die  Arme von Veganer in der Schwebe. Dort fing Bingo an, wie besessen an dessen Kinn und Lippen zu lecken und zu knabbern, wobei das wirbelnde Gelecke immer wieder von winzigen scharfen Bissen unterbrochen wurde.

»Bingo!«, rief der Showmaster von der Bühne aus. Das nasse Ferkel ging zögernd ab, aus den Boxen kam allerdings noch immer gackernde Musik, was dem Ganzen einen Anstrich der Übermütigkeit gab. Der Hund wandte sich nun blindwütig seinen Nasenlöchern zu. Veganer in der Schwebe war unentschieden, ob all dies Teil der Show war oder nicht. Chloe und Deidre reagierten mit Entzücken, streckten die Hände aus, um den Hund zu streicheln, der ihren Vater in den Sitz presste. Auch seine Frau tätschelte den Hund und Veganer in der Schwebe spürte, wie ihr Arm leicht seinen Bauch berührte, das erste Mal seit Monaten. Andere in ihrer Reihe wichen zurück.

Es war ihr einstiger Hund, erst gerettet und dann verlassen, ein zweites Mal gerettet und nun dressiert worden, der ihnen jetzt zurückgegeben wurde. Bingo, begriff Veganer in der Schwebe, war Maurice. Genau wie er hatte auch das Tier zwei Namen. Und das hatte ihn gleich erkannt und war von der Bühne gesprungen, um sich dafür zu entschuldigen, die Familie im Stich gelassen zu haben, den Mann und die Frau und die Zwillingsmädchen, die nun außerhalb des Körpers der Ehefrau waren, statt darin, der Maurice zuletzt bekannte Ort. Der Hund war gekommen, um dem Alphatier seines ehemaligen Rudels seine Referenz zu erweisen. Mit seiner animalischen Schläue erkannte Maurice, dass Veganer in der Schwebe das Medikament nun nicht mehr nahm. Oder war der Gedanke geisteskrank? Er war geisteskrank. Der Vogel Strauß war inzwischen aus seinem Versteck hinter dem Vorhang hervorgekommen und lief in Gänseschritten bis vor zur Bühnenkante, offenbar nicht auf irgendein Stichwort hin. Die Kleintier-Show zerfiel in ihre Bestandteile. Ein Vogel Strauß ist kein Kleintier. Die Untaten von Veganer in der Schwebe waren Legion, selbst wenn der Hund ihm, auf seine automatische Weise, Absolution erteilen würde, gerade wo seine Hände mit Truthahnsoße verschmiert waren. Seine Untaten schrien zu einem unermesslichen Himmel. Nicht alles gleich global sehen, sagte Irving Renker in seinem Kopf, während die rasende Zunge des Terriers sich in die Schwimmhaut zwischen seinen Fingern bohrte.

Der 42er nach Piedmont. Bummelbus zum Jack London •Square. Hausangestellte und alte Frauen. Ich saß neben einer alten Blinden, die Braille las, ihr Finger glitt über die Seite, langsam und still, Zeile für Zeile. Es war beruhigend, ihr zuzuschauen, über ihre Schulter mitzulesen. Die Frau stieg in der 29th Street aus, wo aus dem Schild AMERIKANISCHE PRODUKTE VON BLINDEN alle Buchstaben herausgefallen waren, außer BLINDE.

Die 29th Street ist auch meine Haltestelle, aber ich muss die ganze Strecke bis ins Zentrum fahren, um Mrs. Jessels Scheck einzulösen. Wenn sie mich noch einmal mit einem Scheck bezahlt, kündige ich. Außerdem hat sie nie Kleingeld für den Bus. Letzte Woche bin ich auf eigene Kosten für einen Vierteldollar den ganzen Weg zur Bank gefahren, und sie hatte vergessen, den Scheck zu unterschreiben.

Sie vergisst alles, sogar ihre Leiden. Wenn ich Staub wische, sammle ich sie ein und lege sie auf ihren Schreibtisch. 10 Uhr Morgens ÜBELKEIT (sic!) auf einem Zettel auf dem Kamin. DIARRHÖHE neben der Spüle. SCHWINDEL SCHLECHTES GEDÄCHTNIS auf dem Herd. Meistens erinnert sie sich nicht daran, ob sie ihr Phenobarbital genommen hat oder nicht oder dass sie mich deswegen schon zwei Mal zu Hause angerufen hat, oder wo ihr Rubinring ist usw.

Sie folgt mir von Zimmer zu Zimmer und sagt immer wieder dasselbe. Ich werde noch genauso gaga wie sie. Ich sage dauernd, dass ich kündige, aber dann tut sie mir leid. Ich bin die Einzige, die sie zum Reden hat. Ihr Mann ist Anwalt, spielt Golf und hat eine Geliebte. Ich glaube nicht, dass Mrs. Jessel das weiß oder sich daran erinnert. Putzfrauen wissen alles.

Putzfrauen stehlen tatsächlich. Nicht die Sachen, um die sich die Leute, für die wir arbeiten, Sorgen machen. Es ist der Überfluss, der einen schließlich dazu bringt. Das Kleingeld im Aschenbecher wollen wir nicht.

Auf irgendeiner Bridge-Party hat eine Dame das Gerücht in die Welt gesetzt, man könne die Ehrlichkeit einer Putzfrau testen, indem man hier oder da kleine Aschenbecher mit ein paar Münzen darin herumstehen lässt. Ich lege immer ein paar Pennys dazu, auch ein Zehncentstück.

Bevor ich mit der Arbeit beginne, sehe ich zuerst nach, wo die Armbanduhren sind, die Ringe, die Handtaschen aus Goldlamé. Wenn sie später rotgesichtig und verschwollen hereingestürmt kommen, sage ich nur kühl »unter dem Kissen« oder »hinter der avocadofarbenen Kloschüssel«. Das Einzige, was ich tatsächlich stehle, sind Schlaftabletten, falls einer dieser dunklen Tage kommt. Heute habe ich ein Glas Spice-Islands-Sesamkerne gestohlen. Mrs. Jessen kocht selten, aber wenn, dann Sesam-Hühnchen. Das Rezept klebt im Gewürzschrank. Eine Kopie davon befindet sich in der Schublade mit den Briefmarken und Bindfäden und eine zweite in ihrem Adressbuch. Wenn sie Hühnchen, Sojasoße und Sherry bestellt, bestellt sie auch immer ein neues Glas Sesamkerne. Sie hat fünfzehn Gläser davon. Jetzt nur noch vierzehn.

An der Bushaltestelle setzte ich mich auf den Bordstein. Drei andere Dienstmädchen, dunkelhäutig in weißer Uniform, standen hinter mir. Sie waren alte Freundinnen, arbeiteten schon seit Jahren an der Country Club Road. Zuerst waren wir alle wütend … der Bus war zwei Minuten zu früh gekommen, wir hatten ihn verpasst. Verdammt. Der Fahrer weiß, dass die Hausangestellten immer hier stehen und der 42er nach Piedmont nur einmal in der Stunde fährt.

Ich rauchte, während sie ihre Beute verglichen. Sachen, die sie hatten mitgehen lassen  … Nagellack, Parfüm, Toilettenpapier. Sachen, die sie bekommen hatten … einzelne Ohrringe, ein 20er-Pack Kleiderbügel, zerrissene Büstenhalter.

(Ratschlag für Putzfrauen: Nimm alles an, was deine Arbeitgeberin dir schenkt, und sag Danke. Du kannst es im Bus lassen, im Spalt zwischen den Sitzen.)

Um ins Gespräch zu kommen, zeigte ich ihnen mein Glas Sesamkerne. Sie kreischten vor Lachen. »Ach Kindchen, Sesamkerne?« Sie fragten mich, wieso ich schon so lange für Mrs. Jessel arbeitete. Die meisten Putzfrauen ertragen sie nicht öfter als dreimal. Sie fragten, ob das stimmt mit den hundertvierzig Paar Schuhen. Ja, aber das Schlimme ist, es sind fast alle die Gleichen.

Die Stunde verging sehr angenehm. Wir redeten über die Damen, für die wir alle arbeiten. Wir lachten, nicht ohne Bitterkeit.

Normalerweise akzeptieren mich altgediente Putzfrauen nicht so ohne Weiteres. Ich kriege auch nur schwer Putzjobs, weil ich »gebildet« bin. Aber etwas anderes lässt sich im Moment einfach nicht finden. Habe gelernt, den Kundinnen gleich am Anfang zu erzählen, dass mein alkoholkranker Ehemann kürzlich gestorben ist und mich mit vier Kindern zurückgelassen hat. Dass ich noch nie arbeiten gegangen bin, weil ich ja die Kinder großziehen muss und so.

Der 43er von Shattuck nach Berkeley. Die Bänke, auf denen WERBEFLÄCHE steht, sind jeden Morgen klitschnass. Ich bat einen Mann um ein Streichholz, und er gab mir die ganze Schachtel. SUIZIDPRÄVENTION. Es war die blöde Sorte mit der Streichfläche auf der Rückseite. Aber besser die als keine.

Drüben auf der anderen Straßenseite fegte die Frau von der REINIGUNG FLECKENLOS ihren Gehweg. Rechts und links von ihrem Laden flogen Abfall und Blätter herum. Es ist Herbst in Oakland.

Später am Nachmittag, als ich vom Putzen bei den Horwitzens zurückkam, war auch der Gehweg vor FLECKENLOS wieder von Blättern und Müll bedeckt. Ich warf mein Umsteigticket dazu. Ich habe immer ein Umsteigticket. Manchmal gebe ich es weiter, normalerweise behalte ich es einfach.

Ter zog mich immer damit auf, dass ich Dinge behielt. »Hör zu, Maggie May, ’s gibt nichts auf der Welt, was du festhalten kannst. Außer mich vielleicht.«

Eines Nachts wachte ich in der Telegraph Street davon auf, dass er mir den Verschluss einer Coors-Bierflasche in die Hand drückte. Er lächelte auf mich herab. Terry war ein junger Cowboy aus Nebraska. Er mochte keine ausländischen Filme. Gerade erst ist mir klar geworden, warum: Er konnte nicht schnell genug lesen.

Wenn Ter ein Buch las, selten, riss er jede gelesene Seite heraus und warf sie weg. Ich kam nach Hause, wo die Fenster immer offen standen oder kaputt waren, und durch das ganze Zimmer wirbelten Blätter wie die Tauben über den Parkplatz vorm Safeway-Supermarkt.

Der 33er-Schnellbus nach Berkeley. Der 33er hat sich verfahren! Vor dem SEARS-Kaufhaus hat der Fahrer den Abzweig zur Autobahn verpasst. Alle drückten auf die Klingel, als er, mit rotem Kopf, auf der 27th Street nach links abbog. Wir blieben in einer Sackgasse stecken. Menschen kamen ans Fenster, um sich den Bus anzusehen. Vier Männer stiegen aus und halfen dem Fahrer, aus der schmalen Straße rückwärts zwischen den geparkten Autos herauszurangieren. Wieder auf der Autobahn, fuhr er gute achtzig. Es war beängstigend. Wir unterhielten uns alle, erfreut über die Abwechslung.

Heute bei Linda.

(Putzfrauen: Grundsätzlich nie für Freunde arbeiten. Früher oder später nehmen sie es dir übel, weil du so viel über sie weißt. Oder weil du es weißt, kannst du sie nicht mehr leiden.)

Linda und Bob sind gute alte Freunde. Ich spüre ihre Wärme, obwohl sie nicht da sind. Sperma und Blaubeermarmelade auf den Laken. Programme von Pferderennen und Zigarettenkippen im Bad. Notizen von Bob an Linda: »Bring Kippen mit und nimm das Auto … dumm-dido dumm-dido.« Zeichnungen von Andrea mit Liebe für Mama. Pizzaränder. Ihren Koks-Spiegel mache ich mit Windex sauber.

Es ist die einzige Wohnung, in der ich arbeite, die nicht schon von Anfang an total sauber ist. Genau genommen ist sie versifft. Jeden Mittwoch steige ich wie Sisyphos die Treppe zu ihrem Wohnzimmer hoch, wo es immer aussieht, als würden sie gerade umziehen.

Ich verdiene nicht viel an ihnen, weil ich nicht stundenweise abrechne, kein Fahrgeld nehme. Ganz sicher keine Mittagspause. Ich arbeite wirklich schwer. Aber ich sitze auch viel herum und bleibe bis spät. Ich rauche und lese die New York Times, Pornos oder Wie baue ich ein Verandadach. Meistens sehe ich nur aus dem Fenster auf das Haus gegenüber, wo wir früher gewohnt haben. Russell Street 2129 ½. Ich schaue auf den Baum mit den Wildbirnen, auf die Ter immer geschossen hat. Der Holzzaun glänzt von der Farbe der Gotcha-Bälle. Das Schild der Umzugsfirma BEKINS, das nachts unser Bett beleuchtete. Ich vermisse Ter und rauche. Tagsüber hört man die Züge nicht.

Der 40er zur Telegraph Avenue. MILLHAVEN GENESUNGSHEIM. Vier alte Frauen in Rollstühlen starren mit verschleiertem Blick auf die Straße. Hinter ihnen auf der Schwesternstation tanzt ein wunderschönes schwarzes Mädchen zu »I Shot the Sheriff«. Die Musik ist laut, sogar für mich, aber die alten Frauen können sie gar nicht hören. Unterhalb von ihnen auf dem Gehweg hängt ein geschmackloses Schild: »TUMOR-EINRICHTUNG 1 : 30«.

Der Bus hat Verspätung. Autos fahren vorbei. Reiche Leute in Autos sehen nie Leute auf der Straße an. Arme immer … es scheint sogar, als würden sie nur herumfahren und sich Leute auf der Straße ansehen. Ich habe das gemacht. Arme warten oft. Auf Sozialhilfe, in Schlangen vor dem Arbeitsamt, Waschsalons, Telefonzellen, Notaufnahmen, Gefängnisse usw.

Während alle auf den 40er-Bus warteten, schauten wir ins Fenster von MILLS UND ADDIES WASCHSALON. Mill wurde in einer Mühle in Georgia geboren. Er hatte sich quer über fünf Waschmaschinen gelegt und brachte einen riesigen Fernseher an der Wand an. Addie machte alberne Pantomimen, die uns zeigen sollten, dass der Fernseher nie halten würde. Passanten blieben stehen, um Mill gemeinsam mit uns zuzuschauen. Wir alle spiegelten uns im Fernseher, wie eine »Man on the Street«-Show.

Am Ende der Straße bei Fouché findet eine große schwarze Beerdigung statt. Ich dachte immer, dass auf dem Neonschild »Touché« steht, und stellte mir den Tod maskiert vor, die Spitze des Degens auf meinem Herzen.

Ich habe inzwischen dreißig Tabletten, von Jessel, Burns, Mcintyre, Horwitz und Blum. Die Leute, für die ich arbeite, haben jeder genug Aufputsch- und Beruhigungsmittel, um einen Hells Angel für zwanzig Jahre auszuschalten.

Der 18er zum Montclair-Park. Das Stadtzentrum von Oakland. Ein betrunkener Indianer, kennt mich mittlerweile, sagt jedes Mal: »So ist das Leben, Süße.«

In der Park Avenue steht ein blauer Bus mit vergitterten Fenstern vom Büro des Bezirkssheriffs. Drinnen sind etwa zwanzig Gefangene auf dem Weg zum Haftrichter. Die Männer, aneinandergekettet, bewegen sich wie eine Sportmannschaft in ihrer orangefarbenen Häftlingskleidung. Mit derselben Kameraderie, im Grunde. Es ist dunkel im Bus. In den Fenstern spiegelt sich das Licht der Ampeln. Gelb WARTEN WARTEN. Rot STOPP STOPP.

Eine lange, schläfrige Stunde hoch in die wohlhabenden, nebligen Montclair-Hügel. Nur Hausangestellte im Bus. Unterhalb der lutheranischen Zionskirche hängt ein großes schwarz-weißes Schild, auf dem ACHTUNG STEINSCHLAG steht. Wenn ich es sehe, muss ich jedes Mal laut lachen. Die Hausangestellten und der Fahrer drehen sich um und gucken mich groß an. Das ist schon ein Ritual. Es gab Zeiten, da bekreuzigte ich mich automatisch, sobald ich an einer katholischen Kirche vorbeikam. Vielleicht habe ich damit aufgehört, weil die Leute im Bus sich immer umdrehten und mich groß anguckten. Ich spreche immer noch automatisch ein Ave-Maria, wenn ich eine Sirene höre, aber lautlos. Das ist lästig, weil ich am Pill Hill in Oakland wohne, neben drei Krankenhäusern.

Am Fuße des Montclair-Hügels warten Frauen in Toyotas darauf, dass ihre Putzfrauen aus dem Bus steigen. Ich werde immer die Snake Road hinauf mitgenommen, von Mamie und ihrer Arbeitgeberin, die sagt: »Mensch, Mamie, was sehen wir doch schick aus mit dieser eisgrauen Perücke und ich in meinen schäbigen Malerklamotten.« Mamie und ich rauchen.

Die Stimmen von Frauen sind immer zwei Oktaven höher, wenn sie mit Putzfrauen oder Katzen sprechen.

(Putzfrauen: Apropos Katzen … freunde dich nie mit Katzen an, lass sie nicht mit dem Wischmopp oder mit den Lappen spielen. Das macht die Damen eifersüchtig. Verscheuche aber niemals eine Katze von einem Stuhl. Freunde dich andererseits immer mit Hunden an, verbringe fünf oder zehn Minuten damit, Cherokee oder Smiley zu kraulen, wenn du das erste Mal dort bist. Vergiss nicht, die Toilettendeckel zuzuklappen. Fellige, tropfende Hängebacken.)

Die Blums. Das ist die seltsamste Wohnung, in der ich arbeite, das einzige schöne Haus. Beide sind Psychiater, Eheberater, mit zwei adoptierten »Vorschulkindern«.

(Arbeite nie in einem Haus, in dem es »Vorschulkinder« gibt. Babys sind großartig. Du kannst Stunden damit verbringen, sie anzuschauen, zu halten. Aber die Älteren … da gibt es Gekreische, herumfliegende Cheerios, kleine Unglücke, die schon eingetrocknet sind und von einem Snoopy-Pyjama-Fuß breit getreten wurden.)

(Arbeite auch nie für Psychiater. Du wirst verrückt. Ich könnte denen so die eine oder andere Sache beibringen … ich meine, Schuhe, die einen größer machen?)

Dr. Blum, der männliche Part, leidet schon wieder an Heimweh. Er hat Asthma, verdammt noch mal! Er steht in seinem Bademantel herum und kratzt sich mit seinem Pantoffel das haarige Bein.

Oh ho ho ho, Mrs. Robinson. Er hat eine Stereoanlage, die mehr als zweitausend Dollar wert ist, und bloß fünf Schallplatten. Simon and Garfunkel, Joni Mitchell und dreimal die Beatles.

Er steht in der Tür zur Küche und kratzt sich jetzt das andere Bein. Ich wische mich in sinnlichen Mr.-Clean-Wischmopp-Wirbeln von ihm weg in die Frühstücksecke, als er mich fragt, warum ich dieses spezielle Arbeitsgebiet gewählt habe.

»Ich schätze, entweder aus Schuldgefühl oder Wut«, sage ich gedehnt.

»Darf ich mir eine Tasse Tee machen, wenn der Boden getrocknet ist?«

»Ach, kommen Sie, setzen Sie sich einfach hin. Ich bringe Ihnen den Tee. Zucker oder Honig dazu?«

»Honig. Wenn es nicht zu viel Arbeit macht. Und Zitrone, wenn es …«

»Jetzt setzen Sie sich schon hin.« Ich bringe ihm Tee.

Einmal habe ich Natasha, die vier Jahre alt ist, eine schwarze Paillettenbluse mitgebracht. Zum Schickmachen. Frau Dr. Blum wurde wütend und schrie, das sei sexistisch. Einen Moment lang hatte ich den Verdacht, sie würde mich beschuldigen, Natasha verführen zu wollen. Sie warf die Bluse in den Müll. Ich holte sie später wieder heraus und trage sie jetzt manchmal, wenn ich schick sein will.

(Putzfrauen: Ihr werdet einer Menge emanzipierter Frauen begegnen. Das erste Stadium ist eine Selbsterfahrungsgruppe, das zweite Stadium eine Putzfrau, das dritte die Scheidung.)

Die Blums haben jede Menge Tabletten, eine Fülle von Tabletten. Sie hat Aufputschmittel, er Beruhigungsmittel. Herr Dr. Blum hat auch Belladonna-Tabletten. Ich weiß nicht, wogegen sie wirken, würde aber gern so heißen.

Eines Morgens hörte ich ihn zu ihr in der Küchenecke sagen: »Lass uns heute mal was Spontanes machen, mit den Kindern Drachensteigen gehen!«

Mein Herz flog ihm zu. Ein Teil von mir wollte hineinstürmen wie die Haushälterin auf der Rückseite der Saturday Evening Post. Ich kann tolle Drachen bauen, ich weiß, wo es in Tilden guten Wind gibt. In Montclair gibt es keinen Wind. Der andere Teil von mir stellte den Staubsauger an, um ihre Antwort nicht hören zu müssen. Draußen regnete es in Strömen.

Das Spielzimmer war ein Chaos. Ich fragte Natasha, ob sie und Todd eigentlich mit all diesen Spielsachen spielten. Sie sagte mir, dass sie und Todd montags aufstanden und alles auskippten, weil ich kam. »Hol deinen Bruder«, sagte ich.

Ich ließ sie das Zimmer aufräumen, als Frau Dr. Blum hereinkam. Sie hielt mir einen Vortrag über Einmischung und wie sehr sie es ablehnte, in ihren Kindern »irgendwelche Schuld- oder Pflichtgefühle zu wecken«. Ich hörte missmutig zu. Im Nachsatz trug sie mir auf, den Kühlschrank abzutauen und mit Ammoniak und Vanille sauber zu machen.

Ammoniak und Vanille? Sofort hörte ich auf, sie zu hassen. So was Simples. Ich begriff, dass sie wirklich ein heimeliges Heim haben und in ihren Kindern keine Schuld- oder Pflichtgefühle wecken wollte. Später an diesem Tag trank ich ein Glas Milch, und sie schmeckte nach Ammoniak und Vanille.

Der 40er von der Telegraph nach Berkeley. MILLS UND ADDIES WASCHSALON. Addie ist allein im Laden und putzt das riesige Spiegelglasfenster. Auf einer Waschmaschine hinter ihr liegt ein enormer Fischkopf in einer Plastiktüte. Träge blinde Augen. Ein Freund, Mr. Walker, bringt ihnen immer Fischköpfe für die Suppe mit. Addie macht große Kreise aus flockigem Weiß auf dem Glas. Gegenüber im Saint-Lukes-Kindergarten denkt ein Kind, sie würde ihm zuwinken. Es winkt zurück, macht dieselben wirbelnden Kreise. Addie hält inne, lächelt, winkt diesmal wirklich. Mein Bus kommt. Die Telegraph Street hoch nach Berkeley. Im Fenster vom ZAUBERSTAB SCHÖNHEITSSALON ist ein Stern aus Aluminiumfolie an einer Fliegenklatsche befestigt. Nebenan gibt es ein Orthopädie-Geschäft mit zwei flehenden Händen und einem Bein.

Ter weigerte sich, Bus zu fahren. Die Leute, die drin saßen, deprimierten ihn. Aber er mochte die Greyhound-Busbahnhöfe. Wir gingen oft zu denen in San Francisco und Oakland. Meistens in Oakland, an der San Pablo Avenue. Einmal sagte er mir, er würde mich lieben, weil ich wie die San Pablo Avenue sei.

Er war wie die Müllhalde von Berkeley. Ich wünschte, es gäbe einen Bus zur Halde. Wir fuhren dorthin, wenn wir Heimweh nach New Mexico hatten. Es ist kahl und windig, und Möwen segeln darüber hin wie Nachtfalken in der Wüste. Rings um dich her und über dir ist Himmel. Müllfahrzeuge donnern über von Staubschwaden durchzogene Straßen. Graue Dinosaurier.

Ich komme nicht klar damit, dass du tot bist, Ter. Aber das weißt du ja.

Es ist wie damals am Flughafen, als du schon fast auf der Rampe für die Raupenfahrzeuge nach Albuquerque warst.

»Scheiße. Ich kann nicht weg. Du wirst das Auto nie finden.«

»Was wirst du nur ohne mich machen, Maggie?«, hast du mich wieder und wieder gefragt, damals, als du nach London wolltest.

»Makramee, du Rüpel.«

»Was wirst du nur ohne mich machen, Maggie?«

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dich so sehr brauche?«

»Doch«, hast du gesagt. Eine schlichte Feststellung nach Nebraska-Art.

Meine Freunde sagen, ich ertrinke in Selbstmitleid und Reue. Sagten, ich würde überhaupt niemanden mehr treffen. Wenn ich lächele, lege ich unwillkürlich die Hand vor den Mund.

Ich sammle Schlaftabletten. Einst haben wir einen Pakt geschlossen … wenn bis 1976 nicht alles in Ordnung sei, würden wir hinten im Yachthafen eine Schießerei veranstalten. Du hast mir nicht getraut, hast gesagt, ich würde dich zuerst erschießen und dann weglaufen oder mich zuerst erschießen, wie auch immer. Ich habe genug von der Abmachung, Ter.

Der 58er vom College nach Alameda. Alte Damen aus Oakland gehen ins Hinks-Kaufhaus in Berkeley. Alte Damen aus Berkeley gehen ins Capwell-Kaufhaus in Oakland. In diesem Bus sind alle jung und schwarz oder alt und weiß, inklusive Fahrer. Die alten weißen Fahrer sind fies und nervös, besonders in der Gegend um die Technical High School in Oakland. Jedes Mal bremsen sie den Bus an der Haltestelle abrupt ab, regen sich übers Rauchen und die Radios auf. Sie lassen den Bus schlingern und halten mit einem Ruck, der die alten weißen Damen gegen die Haltestangen wirft. Die Arme der alten Damen bekommen sofort blaue Flecke.

Die jungen schwarzen Fahrer fahren schnell, rauschen auf der Pleasant Valley Road über gelbe Ampeln. Ihre Busse sind laut und verraucht, aber sie schlingern nicht.

Mrs. Burkes Haus heute. Ihr muss ich auch kündigen. Nichts ändert sich. Nichts ist je schmutzig. Ich verstehe nicht, wozu ich überhaupt da bin. Heute ging es mir besser. Wenigstens habe ich das mit den dreißig Flaschen Lancers Roséwein verstanden. Vorher waren es einunddreißig. Offenbar war gestern ihr Hochzeitstag. In seinem Aschenbecher lagen zwei Zigarettenstummel (nicht nur seiner), ein Weinglas stand auf dem Tisch (sie trinkt nicht) und meine neue Flasche Rosé. Die Bowling-Trophäen waren verschoben worden, ein bisschen. Unser gemeinsames Leben.

Sie hat mir viel über Hauswirtschaft beigebracht. Leg das Toilettenpapier so ein, dass es sich von unten her abrollen lässt. Öffne den Deckel des Scheuermittels nur drei Löcher weit, nicht sechs. Spare in der Zeit, so hast du in der Not. Einmal riss ich in einem rebellischen Anfall den Deckel vollständig ab und verschüttete aus Versehen Scheuerpulver im gesamten Herd. Eine Sauerei.

(Putzfrauen: Zeige ihnen, dass du sorgfältig arbeitest. Stelle am ersten Tag alle Möbel falsch zurück … fünf bis zehn Zentimeter weiter oder so, dass sie in die falsche Richtung zeigen. Drehe beim Staubwischen die siamesischen Katzenfiguren um, stelle das Milchkännchen links neben den Zucker. Bringe die Zahnbürsten durcheinander.)

Mein Meisterwerk auf diesem Gebiet vollbrachte ich, als ich die Oberseite des Kühlschranks bei Mrs. Burke sauber machte. Sie bemerkt alles, aber wenn ich die Taschenlampe nicht angelassen hätte, hätte sie übersehen, dass ich das Waffeleisen gescheuert und neu geölt, das Geisha-Mädchen repariert und auch die Taschenlampe gereinigt hatte.

Indem du alles falsch machst, beweist du ihnen nicht nur, dass du sorgfältig bist; es gibt ihnen auch die Möglichkeit, entschlossen und als »Chef« aufzutreten. Den meisten Amerikanerinnen ist es sehr unangenehm, Hausangestellte zu haben. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, während du dort bist. Mrs. Burke beispielsweise fängt an, ihre Liste mit Leuten durchzugehen, die von ihr Weihnachtskarten erhalten, und sie bügelt das Geschenkpapier vom letzten Jahr. Im August.

Versuche, für Juden oder Schwarze zu arbeiten. Da bekommst du ein Mittagessen. Aber vor allem haben jüdische und schwarze Frauen Achtung vor der Arbeit, vor deiner Arbeit, und schämen sich überhaupt nicht dafür, dass sie den ganzen Tag absolut nichts tun. Schließlich bezahlen sie ja dich, nicht wahr?

Leute von den Freimaurern des Christlichen Ordens der Eastern Stars sind ein anderes Kaliber. Damit sie keine Schuldkomplexe kriegen, muss man immer etwas machen, was sie nie machen würden. Stell dich auf den Herd, um hochgespritzte Coca-Cola von der Decke zu wischen. Sperr dich in die Glasdusche ein. Schieb alle Möbel, inklusive Klavier, gegen die Tür. Das würden sie nie machen, außerdem kommen sie nicht mehr rein.

Gott sei Dank gibt es immer wenigstens eine Fernsehshow, nach der sie süchtig sind. Ich schalte für eine halbe Stunde den Staubsauger an (ein beruhigendes Geräusch), lege mich unter das Klavier, einen Staublappen fest in der Hand, nur für den Notfall. Ich liege einfach da, summe vor mich hin und denke nach. Ich habe mich geweigert, deinen Körper zu identifizieren, Ter, was eine Menge Ärger machte. Ich hatte Angst, dass ich dich schlagen würde für das, was du getan hast. Dass du gestorben bist.

Das Klavier ist das Letzte, was ich bei den Burkes sauber mache, bevor ich gehe. Das einzig Dumme daran ist, dass darauf keine anderen Noten stehen als die Hymne des Marine-Korps. Jedes Mal marschiere ich zu den Klängen von »From the Halls of Mon-te-zu-u-ma« zur Bushaltestelle.

Im 58er-Bus vom College nach Berkeley. Ein bösartiger alter weißer Fahrer. Es regnet, es ist spät, voll und kalt. Weihnachten ist eine schlechte Zeit zum Busfahren. Ein bekifftes Hippie-Mädchen schrie: »Lasst mich aus diesem Scheißbus raus!« – »An der nächsten Haltestelle!«, schrie der Fahrer zurück. Eine dicke Frau – eine Putzfrau – hatte sich über den Vordersitz erbrochen, auf die Gummischuhe der Mitfahrer und auf meinen Stiefel. Es roch widerlich, und mehrere Leute stiegen an der nächsten Haltestelle aus, wo auch sie ausstieg. Der Fahrer hielt an der Arco-Haltestelle vor Alcatraz, holte einen Schlauch, um sauber zu machen, aber natürlich lief das ganze Zeug nur nach hinten, und im Bus wurde es noch nasser. Er war wütend und rot im Gesicht, überfuhr die nächste rote Ampel, bringt uns alle in Gefahr, sagte der Mann neben mir.

An der Technical High School von Oakland warteten etwa zwanzig Schüler mit Radios hinter einem schwer gelähmten Mann. Das Amt für Sozialhilfe ist direkt neben der High School. Als der Mann mühevoll einstieg, sagte der Fahrer: Verdammt noch mal!, und der Mann sah überrascht aus.

Wieder bei den Burkes. Keine Veränderungen. Sie haben zehn Digitaluhren, und alle zeigen dieselbe korrekte Uhrzeit an. Wenn ich kündige, werde ich alle Stecker rausziehen.

Mrs. Jessel habe ich schließlich wirklich gekündigt. Sie bezahlte mich weiterhin mit einem Scheck, und einmal rief sie mich in einer Nacht vier Mal an. Ich telefonierte mit ihrem Mann und sagte ihm, ich hätte Pfeiffer’sches Drüsenfieber. Sie hat schon wieder vergessen, dass ich gekündigt habe, und rief mich letzte Nacht an, um zu fragen, ob sie auf mich ein bisschen blasser gewirkt hätte. Ich vermisse sie.

Heute eine neue Kundin. Eine echte Dame.

(Ich sehe mich nie als Putzfrau, auch wenn sie einen so nennen, ihre Hausangestellte oder ihr Dienstmädchen.)

Mrs. Johansen. Sie ist Schwedin und spricht Englisch mit ziemlich starkem Akzent, wie jemand von den Philippinen. Das Erste, was sie heute zu mir sagte, als sie die Tür öffnete, war: »Heiliger Moses!«

»Oh. Bin ich zu früh?«

»Ganz und gar nicht, meine Liebe.«

Sie betrat die Bühne. Eine achtzigjährige Glenda Jackson. Ich war hin und weg. (Sehen Sie, ich fange schon an, so zu reden wie sie.) Hin und weg im Foyer.

Im Foyer, bevor ich überhaupt meinen Mantel ausgezogen hatte, Ters Mantel, setzte sie mich über das Ereignis ihres Lebens in Kenntnis.

John, ihr Mann, war vor sechs Monaten gestorben. Es war schwer für sie gewesen, besonders das Schlafen. Sie hatte angefangen, Bilderpuzzle zusammenzusetzen. (Sie zeigte auf den Kartentisch im Wohnzimmer, wo Jeffersons Landgut Monticello beinahe fertig war, bis auf ein klaffendes Urtierchen-Loch oben rechts.)

Eines Nachts war sie so in ihr Puzzle vertieft gewesen, dass sie gar nicht erst schlafen ging. Sie hatte es vergessen, sie hatte wirklich vergessen, ins Bett zu gehen! Und zu essen, das auch. Um acht Uhr morgens aß sie Abendbrot. Sie legte sich hin, wachte um zwei Uhr auf, frühstückte nachmittags um zwei und ging los, um ein neues Puzzle zu kaufen.

Als John noch lebte, gab es morgens um sechs Frühstück, Mittagessen um zwölf, Abendbrot um sechs. Ich werde dieser lächerlichen Welt sagen, dass die Zeiten sich geändert haben.

»Nein, meine Liebe, Sie sind nicht zu früh«, sagte sie. »Es könnte allerdings sein, dass ich jeden Moment ins Bett verschwinde.« Ich stand immer noch da, schwitzte, blickte in die glänzenden, müden Augen meiner neuen Arbeitgeberin und wartete darauf, dass Tacheles geredet wurde.

Ich sollte nichts weiter tun, als die Fenster zu putzen und den Teppich zu saugen. Aber bevor ich den Teppich saugte, sollte ich ein Puzzleteil suchen, Himmel mit ein bisschen Ahorn. Ich weiß schon, dass es fehlt.

Es war schön auf dem Balkon beim Fensterputzen. Kalt, aber die Sonne schien mir auf den Rücken. Drinnen saß sie über ihrem Puzzle. Entrückt, aber doch in einer Pose. Sie muss früher wunderschön gewesen sein.

Nach den Fenstern folgte die Aufgabe, das Puzzleteil zu suchen. Zentimeter für Zentimeter im quietschgrünen Teppich, Crackerkrümel, Gummibänder vom Chronicle. Ich freute mich, das war der beste Job, den ich je gehabt hatte. Sie scherte sich »einen feuchten Kehricht« darum, ob ich rauchte oder nicht, also kroch ich über den Teppich, rauchte und schob den Aschenbecher vor mir her.

Ich fand das Puzzleteil auf der anderen Seite des Zimmers, weit weg vom Tisch mit dem Puzzle. Es war Himmel mit ein bisschen Ahorn.

»Ich hab’s!«, rief sie. »Ich wusste doch, dass es fehlt!«

»Ich hab’s!«, rief ich.

Dann konnte ich Staub saugen, womit ich noch beschäftigt war, als sie das Puzzle mit einem Seufzer beendete. Beim Gehen fragte ich sie, wann sie glaube, dass sie mich wieder brauchen würde.

»Wer weiß?«, sagte sie.

»Na ja … möglich ist alles«, sagte ich, und wir lachten beide. Ter, eigentlich möchte ich überhaupt nicht sterben.

Der 40er zur Telegraph. Haltestelle vor dem Waschsalon. MILLS AND ADDIES ist voll mit Leuten, die darauf warten, dass ihre Waschmaschine fertig wird, aber so feierlich, als warteten sie auf einen Tisch im Restaurant. Sie stehen am Fenster, schwatzen, trinken Sprite aus grünen Dosen. Mill und Addie mischen sich unter sie wie gesellige Gastgeber und wechseln Geld. Im Fernsehen spielt die Ohio State Band die Nationalhymne. Schneegestöber in Michigan.

Es ist ein kalter, klarer Januartag. Vier rasante Radfahrer reihen sich an der Ecke der 29th Street wie an einer Drachenschnur auf. Eine Harley tuckert im Leerlauf an der Haltestelle, und ein paar Kinder winken dem böse blickenden Biker von der Ladefläche eines 1950er-Dodge-Lasters zu. Endlich weine ich.

1982. Schon jahrelang ohne sie, murmelst du am abtauenden Kühlschrank »Was?« »Wie?« »Ruhe jetzt«, während es knarrt, weh tut, ächzt, bis der letzte Eisblock ergeben von der Decke des Gefrierfachs tropft.

Du träumst, und in deinen Träumen schweben Babys an den Baumwipfeln vorbei, sie haben die Ausstrahlung von Dackeln und sind fett wie Luftballons von Macy.

Das erste Kunststoffherz wird chirurgisch eingepflanzt.

Oben hat jemand »You’ll Never Walk Alone« aufgelegt. Jetzt »Oklahoma!« Die müssen eine Rodgers und Hammerstein- Sammlung haben.

1981. In öffentlichen Verkehrsmitteln schauen dich Mütter mit weichen, seifigen Engeln in Kord an, ihre Gesichter sind Dominosteine der Innigkeit. Ihre Engel sind klein und ruhig, oder aber sie zählen endlos die Farben der Bussitze: »Blau-Blau-Blau, Gelb-Gelb-Gelb, Glün-Glün-glün.« Die Mütter sehen, wie du die Kinder beäugst. Sie lächeln wohlwollend. Sie glauben, du bist kinderlos. Sie glauben zu wissen warum. Du siehst schnell weg, zur schmutzigen Fensterscheibe hinaus.

1980. Das Brummen, Brausen und Klappern von Gegenständen in der Küche. Es sind ein paar der Geräusche, die dein Leben organisieren. Das Klimpern des Silbers in der Schublade, aufeinandergetürmt wie Knochen in einem Massengrab. Deine Vergleiche werden düster,

werden müde.

Reagan wird zum Präsidenten gewählt, obwohl du Donuts und Flugblätter für Carter verteilt hast.

Du verabredest dich mit einem Italiener. Er reibt deinen Bauch und sagt: »Deine Haut ist weich wie Samt.« Und in deinem wirren Kopf denkst du: weit wie das Land, weiß wie die Wand, heiß wie die Hand, nimm dich in acht.

Er pflanzt Küsse in die Schräge deines Genicks, und du schläfst bei ihm ein, deine Unterhose ist um einen Oberschenkel gestreift und gerollt wie der Strumpfhalter einer Braut.

1979. Manchmal unternimmst du abendliche Ausflüge zu dem alten, unverkauften Haus, in dem du aufgewachsen bist, in das verspukte, ländliche Nest, das zwei Stunden von deiner jetzigen Wohnung entfernt liegt. Es ist wie Halloween: der geharkte, mondbeleuchtete Rasen, die geblähten Riesenbäume, deren Arme und Finger sich in den sternenlosen Himmelsstreifen strecken wie Wunden, Risse, Landkartenflüsse. Ihre schwarzen Schatten schaukeln zu der Veranda im Osten hin. Du biegst langsam um die Ecke, siehst aber weiter aus dem Autofenster. Dieses Haus ist tief in dir vergraben, noch ist etwas hier, das du kennst, das du glaubst zu kennen, eine Stimme ganz oben auf jener Treppe, vielleicht, eine Gestalt auf der Veranda, eine seltsame Schürze, die sich in den Zweigen verfangen hat, in der für eine Herbstnacht zu warmen Brise, irgend etwas stimmt nicht, dieses Turmfenster, das von hier aus, von außen, zu sehen, von innen jedoch nicht erreichbar ist. (Die Geisterangeberei deiner Kindheit: »Wir haben ein Zauberzimmer. Das Fenster ist vorne zu sehen, aber man kann nicht reingehen, es gibt keine Tür. Vor vielen Jahren hat ein Arzt da gewohnt und heimlich operiert, und jetzt ist es zugemauert.«) Das Fenster sitzt wie ein totes Auge im Turm. Du siehst einen Geist, eine sich drehende Statue neben einem Strauch.

1978. Du beerdigst sie in dem kalten südlichen Seitenhof dieses unheimlichen Hauses. Dein Bruder und seine Kinder sind da. Du umarmst sie alle. Der Pfarrer im sportlichen Tweedmantel, die nachbarlosen Felder, die Straßenkreuzungen, das alles ist trostlos wie Kansas. Es wird gebetet, dann schaufelt jemand. Die Leute gehen zu den Autos und umarmen sich wieder. Du steigst mit deiner Nichte in deinen Wagen. Wartest. Schaust durch die Windschutzscheibe nach oben. Am Novemberhimmel zieht ein Keil von Zaunkönigen gen Süden, die Linien ihrer Formation, die äußersten Flanken und die Spitze folgen einer geheimnisvollen Choreographie, fließen, verändern, kreuzen sich wie die Beine eines Schlittschuhläufers. »Irgendwo werden sie sich instinktiv auf einem Baum niederlassen«, sagst du, »aber das wird noch lange dauern.« Du staunst, beobachtest, bis sie amöbisch-langsam dunkle, weit entfernte Stiche im Horizont bilden. Du läßt den Wagen nicht an. Endlich spricht die schweigsame Nichte neben dir: »Tante Ginnie, gehen wir zu den anderen ins Restaurant?« Du siehst sie an. Erkennst sie: neun, in einem Parka aus Webpelz. Du lächelst und fährst los.

1977. Sie wird alt, schaukelt in deinem Schaukelstuhl, lautlos wie Wind. Die vorderen Strähnen ihres weißen Haares baumeln gelb von zu vielen Zigaretten vor ihren Augen. Sie raucht sogar jetzt, da ihre Stimme heiser vom Schleim ist. Manchmal, wenn ihr in deiner winzigen Küche zu Abend eßt, wird sie einfach auf dich starren, mit feuchten Augen, und dann in einen Hustenanfall ausbrechen, der ihren schmächtigen Altmännerkörper wie ein Sturm peinigt.

Du ißt deine gebackene Kartoffel nicht weiter. Fragst, ob alles in Ordnung ist.

Sie wird krächzen: »Weißt du noch, Ginnie, wie dein Vater immer sagte, daß ich eines Tages, bei den vielen Zigaretten, ›mit dem Schleim leben‹ würde?« Bei diesen Worten gluckst, würgt, keucht sie wieder.

Hilf ihr beim Aufstehen. Stütze sie gegen dich.

Klopfe ihr leicht auf den gewölbten Hügel ihres Rückens. Bitte sie, um Gottes willen mit dem

Rauchen aufzuhören.

Sie wird lächeln und sagen: »Um Gottes willen? Ist das eine Art, mit deiner Mutter zu reden?«

In der Nacht gehst du rein und siehst nach ihr. Sie liegt wach, ihre Lippen sind auseinander, offen und vertrocknet. Bringe ihr etwas Saft. Sie murmelt: »Danke, Liebling.« Ihr Mund riecht, wölbt sich wie ein Grab.

1976. Die Zweihundertjahrfeier. Im Waschsalon wartest du, daß die Zeit für deine Münzen abläuft. Du beobachtest durch das Bullauge des Trockners, wie deine verhexten Handtücher und Laken hochspringen und fallen. Von der Decke tönt Radiomusik, langsamer, trauriger Motown; er umgibt dich mit dem verzweifelten Optimismus eines jungen Mannes auf einem Ball, und er bringt dich zum Weinen. Sobald du in deinem Appartement bist, kippst du alles auf dein Bett. Deine Mutter strickt gekrümmt: Rot, Weiß und Blau. Du gibst ihr einen Begrüßungskuß. Sagst: »War sehr warm dort.« Anscheinend hört sie dich nicht.

1975. Du gehst allein zu Dichterlesungen in die Stadtbibliothek. Merkst, daß du nicht richtig zuhörst. Starrst auf deine überkreuzten Oberschenkel. Denkst über deine Mutter nach. Manchmal verwechselst du sie mit dem ersten Mann, den du jemals geliebt hast, der dich jemals geliebt hat, der seinen Kopf in die Flusen deines Pullovers vergrub und so herrliche Dinge sagte wie »O Gott, o Gott«, der dich bedingungslos, fürchterlich liebte, wie eine Mutter.

Der Dichter verliert einen Augenblick lang die Nerven, ein roter Schwall überzieht seinen Nacken und seine Ohren, aber er gewinnt seine Fassung wieder. Als er fertig ist, klatschen die Leute. Es gibt Wein und Käse.

Du brichst allein auf, gehst allein nach Hause. Die Straßen im Zentrum sind Lichtgalerien, die

dich halten, sie halten dich, an der Kirche, beim Gemeindezentrum. Du marschierst, wie Stella Dallas, kerzengerade, durch das Melodrama von Straßenlaternen, Telefonmasten, in Richtung des grünen Hauses hinter der Borealis Avenue, zu dem hinteren Appartement mit dem abschüssigen Boden und dem Kürbis auf dem Herd.

In deinem Horoskop steht: Sei nett, faß dich kurz.

Du bist wieder schwanger. Entscheide, was du tun sollst.

1974. Sie hat Anfälle, eine verrückte Art von Altersschwachsinn. Sie ruft dich bei der Arbeit an. »Hier ist nichts zu essen! Hilf mir! Ich verhungere!«, obwohl du erst gestern Lebensmittel für vierzig Dollar gekauft hast. »Mom, es ist doch was zu essen da!«

Als du nach Hause kommst, ist der Kühlschrank fast völlig leer. »Mom, wo hast du die ganze Milch und den Käse und das Zeug hingetan?« Deine Mutter sitzt da, starrt dich von ihrem Platz vor dem Fernsehapparat aus an. Tränen strömen aus ihren Augen. »Es ist nichts zu essen da, Ginnie.«

Aus der Spülmaschine dringen raschelnde, kratzende Geräusche. Du öffnest sie, und die Augen eines kleinen Nagetiers strahlen dich an. Es krabbelt heraus und verschwindet bei der Fußleiste hinter dem Kühlschrank. Deine Mutter hat, offensichtlich, sämtliche Lebensmittel in die Spülmaschine gestellt. Die Milch ist verschüttet, eine weiße Lache auf Blau, und Sachen wie Käse und Mortadella und Äpfel sind angeknabbert.

1973. Auf einer Party erzählt dir eine Frau, wo sie ein wunderschönes Paar Schuhe gekauft hat, und du sagst, deiner Meinung nach sei Kleiderkaufen wie Masturbieren – jeder tue es, aber es sei nicht besonders interessant und sollte daher allein erledigt werden, auf eine intime Art, und nie Thema eines Partygesprächs sein. Die Frau kneift Lippen und Augen zusammen und sagt: »Oh, vermutlich können Sie über spannendere Dinge reden.« Du wirst unbeholfen und nervös. Sagst »nein« und steuerst auf das Ginger Ale zu. Den Leuten neben dir erzählst du, daß sich dein Inneres irgendwie nach Versunkenem und Vinyl anfühlt, wie eine Claes Oldenburg-Toilette. Sie sagen »Oh?« und heben das Muster auf deinem Kleid hervor: Paisleys, die andere Paisleys befruchten. Du gießt dir noch mehr Ginger Ale nach.

1972. Nixon erringt einen überwältigenden Wahlsieg. Manchmal nennt dich deine Mutter beim Namen ihrer Schwester. Sag ihr: »Nein, Mom, ich bin’s. Virginia.« Du lernst, Dinge zu wiederholen. Du lernst, daß ihr euch auf eine Art kennt, die seltsamerweise die Art, in der ihr euch nicht kennt, wiedergutmacht.

Du kochst zum ersten Mal Apfelauflauf.

1971. Du unternimmst lange Spaziergänge, um ihr zu entkommen. Gehst durch waldige Gebiete; dort herrscht ein Leben, das du längst vergessen hast. Die Gerüche und Laute erscheinen dir unvermittelt, unverändert, genau, das papierähnliche Knirschen der Blätter, das vermodernde Duftkissen des Schlamms. Die Bäume sind krumm wie Rücken, die Zaunpfähle zersplittert, sicher und zugleich verletzlich in ihrer festen Umarmung, die Astern sind spindeldürr, trocken, welk und weiß vom Frost. Du findest einen wunderschönen rötlichen Stein und nimmst ihn für deine Mutter mit nach Hause. Du küßt sie. Sagst: »Der ist für dich.« Sie packt ihn und lächelt. »Du warst schon immer ein so empfindsames Kind«, sagt sie. Antworte: »Ja, ich weiß.«

1970. Du bist wieder schwanger. Versuche dich zu entscheiden, was du tun sollst. Laß dir dein Haar absäbeln, kurz wie das eines Jungen.

1969. Die Menschheit springt auf den Mond.

Wegwerfwindeln werden zum ersten Mal in Supermärkten verkauft.

Du läßt dich auf gelegentliche Affären mit lächerlichen, dummen Männern ein, die dir sagen, du sollst dein Haar bis zur Taille wachsen lassen, und die dich, wenn du traurig bist, zur Aufmunterung in den Rippen kitzeln. Das Mondlicht zwischen den Rollostäben streift euch wie Zebras. Du lachst. Du heiratest nie.

1968. Ärgere dich nicht über sie. Denk zum Beispiel an die Situation, wenn du die letzte Mülltüte aus der Schachtel nimmst: Du mußt die Schachtel wegwerfen, indem du sie in genau diese Mülltüte schmeißt. Was einmal Inhalt war, muß nun beinhalten. Der Behälter wird dann zum Beinhalteten, zum Eingeschlossenen, Gehaltenen. Du entdeckst zunehmend, wie gern du über solche Dinge nachdenkst.

1967. Deine Mutter ist krank und zieht bei dir ein. Sie weiß nicht, wohin sie sonst gehen könnte. Du spürst viele verschiedene Leerstellen in dir.

In Südafrika wird die erste erfolgreiche Herztransplantation durchgeführt.

1966. Du bringst deine Liebhaber durcheinander, verwechselst, wer welche Narbe, welche Farbe, welche Mutter hatte.

1965. Du rauchst Marihuana. Versuchst herauszufinden, was in deinem Leben falsch gelaufen ist. Es ist, als wolltest du herausfinden, was den Kühlschrank verstänkert. Es könnte alles mögliche sein. Der Drehverschluß der Mayonnaise, Onkel Rons seit vier Jahren in der linken Ecke stehender Honigwein. Vergilbender, schnell blühender Brokkoli. Es sind alles Metaphern. Es sind alles Probleme. In deinem Horoskop steht: Sprich freundlich mit einem geliebten Menschen.

1964. Deine Mutter führt ein Ferngespräch und fragt, ob du Thanksgiving nach Hause kommst, dein Bruder und das Baby seien da. Du erfindest Ausreden.

»Wenn eine Mutter älter wird«, sagt deine Mutter, »werden solche Feiertage immer wichtiger.« Du sagst: »Es tut mir leid, Mom.«

1963. Eines Morgens wachst du mit einem Mann auf, von dem du dachtest, du könntest dein Leben mit ihm verbringen, und erkennst, mit einem Stein im Bauch, daß du ihn nicht mal magst. Du verbringst einen sentimentalen Nachmittag in seinem Badezimmer und gehst nicht raus, wenn er klopft. Du kannst deinen Gefühlen nicht länger trauen. Menschen und Orte, die du zu lieben glaubst, sind vielleicht Menschen und Orte, die du haßt.

Kennedy wird erschossen.

Irgend jemand erfindet ein künstliches Herz, das während der Operation eingesetzt wird.

1962. Zum ersten Mal ißt du chinesisch, mit einem Anwalt aus Kalifornien. Er zeigt dir, wie man die Stäbchen hält. Er tätschelt dein Bein. Du greifst seinen Beruf an. Fragst ihn, ob er denn glaube, das Gesetz mache aus kleinen Leuten große Leute.

1961. Grandma Moses stirbt.

Du bist ein Zoo voll Unsicherheiten. Du gewöhnst dir an, Brandy in den Frühstückskaffee zu kippen und dich zu schnell zu verlieben. Du hast eine Abtreibung.

1960. Vom Testament deines Vaters und seiner Lebensversicherung ist Geld da. Du kaufst ein Auto und ein grünes Samtkleid, das du nicht brauchst. Jeden Samstag fährst du zwei Stunden, um mit deiner Mutter Mittag zu essen. Sie schlägt dir vor, über was du schreiben könntest, Geschichten, die sie im Radio gehört hat: eine Frau mit telepathischen Zwillingen, eine Frau ohne Füße.

1959. Bei der Beerdigung sagt sie: »Er hatte seine Probleme, aber er war ein großzügiger Mann«, obwohl du weißt, daß er kleinlich war wie ein Pfadfinderknoten, niemandem zuhören konnte und du dich nur an ein einziges Mal erinnern kannst, wo du ihn geliebt hast, als er nämlich die Pointe von einem deiner Witze eher als deine Mutter mitbekam, er von seiner wissenschaftlichen Zeitschrift hochsah und wie ein Riese in schallendes Gelächter ausbrach und ihr beide euch, für den Bruchteil einer Sekunde, wie Engel mitten in diesem Raum, in diesem warmen, miteinander geteilten Gedankenlicht verstanden habt. Du sagst: »Er war in Ordnung.«

»Du solltest nicht so bitter sein«, fährt dich deine Mutter an. »Er hat dir und deinem Bruder die Ausbildung am College finanziert.« Sie knöpft ihren Mantel zu. »Außerdem war er der erste Mann, der ein bestimmtes Heliumisotop isoliert hat, ich habe den Namen vergessen, aber er hätte den Nobelpreis verdient.« Sie tippt an ihre Nase.

Du sagst: »Ja, Mom.«

1958. Bei der Hochzeit deines Bruders wird dein Vater mit dem Krankenwagen abgeholt. Eine kleine Cousine flüstert laut ihrer Mutter zu: »Hatte Onkel Will einen Schmerzanfall?« Ganze sieben Tage lang sagst du deiner Mutter Dinge wie: »Ich bin sicher, es wird wieder gut« und »Ich bleibe hier, warum gehst du nicht nach Hause und schläfst ein bißchen.«

1957. Du tanzt Calypso mit Jungs aus einem anderen College. Knallst dich mit New York-Burgunder voll, verlierst deine Jungfräulichkeit und kaufst dir eine der ersten tragbaren elektrischen Schreibmaschinen.

1956. Du erzählst deiner Mutter von all den Büchern, die du im College liest. Das beruhigt sie.

1955. Du machst ein ›Malen nach Zahlen‹-Bild von Elvis Presley. Erzählst deiner Mutter, wie sehr du ihn liebst. Sie wird den Kopf schütteln.

1954. Du klaust einen Kaschmirpullover.

1953. Du rauchst eine Zigarette mit Hillary Swedelson. Ihr erzählt euch gegenseitig, für wen ihr schwärmt. Ihr werdet Blutsschwestern.

1952. Als dich deine Mutter fragt, ob es auch ein paar nette Jungs an der Junior High gibt, fragst du sie, woher du um alles in der Welt so was wissen solltest, wo du doch jeden Abend um neun! zu Hause sein mußt. Ihre Augenbrauen heben sich wie Theatervorhänge. »Du armes, mißbrauchtes Ding«, wird sie sagen.

Sag: »Genau« und knall die Tür zu.

1951. Deine Mutter klärt dich über Menstruation auf. Am nächsten Tag kriegst du prompt deine Periode, anscheinend wartete dein Körper nur auf die Erlaubnis, auf ein Signal. Du wachst morgens auf und bist peinlich berührt.

1949. Du lernst, wie man Kaugummiblasen macht und negative Zahlen addiert.

1947. Die Schriftrollen am Toten Meer werden entdeckt.

Du hast zu viele Hollywood-Musicals gesehen. Du hast zu viele Leute gesehen, die in der Öffentlichkeit singen, und nimmst an, du könntest es ebenfalls. Du übst. Dein Lehrer stellt dir eine Frage. Du trällerst zurück: »Die Antwort auf Frage Nummer zwei ist zwölf.« Die meisten in der Klasse lachen über dich, obwohl ein paar, mit juwelen-stillen Augen, fasziniert staunen.

Zu Hause bittet dich deine Mutter, in deinem Kleiderschrank Staub zu wischen. Du steigerst dich wütend in ein Vibrato, durch das ein Lastwagen fahren könnte. Singst: »Warum muß ich das ausgerechnet jetzt tun?« und steppst durch das Wohnzimmer. Deine Mutter fordert dich auf, daß du dich beruhigst und ein Nickerchen machst. Du schreist: »Ich bin dir egal! Ich bin dir völlig egal!«

1946. Dein Bruder spielt den ganzen Tag »Shoofly Pie« auf der alten Victrola.

Du fragst deine Mutter, oh du bei Ellen essen darfst. »Frag deinen Vater«, wird sie antworten, und du gehst, an den Fingern ziehend, ins Wohnzimmer und wimmerst neben seinem Sessel. Er liest. Du tippst an seinen Arm. »Dad? Daddy? Dad?« Er liest in seiner wissenschaftlichen Zeitschrift weiter. Du ziehst noch stärker an deinen Fingern und rennst in die Küche zurück, um es deiner Mutter zu erzählen, die jetzt ins Wohnzimmer stürmt und sagt: »Warum hörst du eigentlich nie deinen Kindern zu, wenn sie mit dir reden wollen?« Sie streiten sich. Du drückst dein Gesicht in ein Geschirrtuch, schämst dich, und das Brummen des Kühlschrankmotors, das Tröpfeln in der Spüle macht dir angst.

1945. Dein Vater kehrt von seiner Kriegsforschung zurück. Er läßt dich um den gelben verfilzten Rasen im Garten huckepack reiten, und das tote Fenster im Turm, dunkel wie eine Wunde, sieht dir zu. Er schubst dich wortlos auf der Schaukel an.

Dein Bruder hat neue Freunde, verhält sich älter und distanziert, sogar wenn ihr gemeinsam auf den Schulbus wartet.

Du bist zu oft allein. Du erzählst deiner Mutter, daß du deine Babys später, wenn du groß bist, mit nach Australien nimmst und ihnen die Känguruhs zeigst.

In Nagasaki werden vierzigtausend Menschen umgebracht.

1944. Du hast eine kleine Puppe, die »The Sue« heißt, die du anziehst und hätschelst. Du nimmst sie überallhin mit. Ihr verirrt euch auf dem Wilson Creek-Gemüsemarkt, und du rufst leise: »Mom, wo bist du?« Du beobachtest, wie andere Kinder Trauben abzupfen, traust dich selber aber nie. Deine Augen sind kleine dunkle Trichter, deine Hand umklammert The Sue.

1943. Du fragst deine Mutter über Babys aus. Läßt sie nur Geschichten über Babys vorlesen. Fragst sie, ob sie ein Baby bekommt. Fragst sie nach dem Baby, das gestorben ist. Du weinst in ihren Armen.

1940. Du packst ihr Haar in deine Faust. Streichelst deine Wange damit.

1939. Wie durch eine Helix, wie durch ein Ohr, hier bist du den Traumfetzen, den anderen Wesen näher.

Da ist ein Zelt aus Beinen, eine Spaltung zweier Selbst, während ihr beide blind nach Luft ringt. Durch das Helle und Kalte hindurch spürt sie, wenn du mit ihr reden willst, wenngleich du dies nie richtig begriffen hast.

Deutschland marschiert in Polen ein.

Der Song des Jahres heißt »Three Little Fishies«, und irgend jemand spielt ihn, irgendwo.


* Copyright © 1985 by Lorrie Moore. From Self-Help (Knopf). Reprinted with permission by Melanie Jackson Agency, LLC.

*Translation copyright ©2008 by Brigitte Jacobeit. Reprinted by permission by Piper Verlag. All rights reserved.

Alles dreht sich um eine Säule aus einer Art Polyesterharz, zehn Fuß hoch, vier Fuß im Durchmesser. Das Material glänzt so stark, man kann die eigene Reflektion darin sehen, wenn das Licht von hinten kommt. Gleichzeitig erweist es sich auch als durchsichtig genug, um, sofern sich jemand auf der anderen Seite der Skulptur befindet, einen verschwommenen Umriss der Person erkennen zu lassen. Drei Furchen ziehen sich durch die Oberfläche, sie winden sich kurz, bevor sie im Schwung der Säule aufgehen. Sie ist ein Werk des Künstlers Conroy Glasser mit dem Titel Feretory aus dem Jahr 1969 und Teil der Dauerausstellung im vierten Stock des Museum of Modern Art in New York. Direkt gegenüber befinden sich Zeichnungen von Agnes Martin, die einige Jahre früher, im selben Jahrzehnt wie die Skulptur, entstanden sind. Kurz nach Mitternacht, in der Nacht zum Weihnachtsmorgen, ertappte mich ein Nachtwächter bei Glassers Werk, eine Brandaxt bereits über meinen Kopf geschwungen. Ich bin, oder war, einer der leitenden Kuratoren des MoMa, mein Spezialgebiet ist die Light and Space Bewegung der 60er Jahre. So forderte man natürlich eine Erklärung von mir, warum ich den Wunsch gehabt hätte, ausgerechnet ein so wichtiges Werk zu zerstören. Die einzige Antwort, die mir dazu einfällt ist die, dass ich nichts weniger gewollt hatte, als es zu zerstören. Selbst nach allem, was geschehen ist, ist Feretory in meinen Augen noch immer ein Meisterwerk. Seine Zerstörung wäre nichts weiter gewesen, als die unvermeidliche Konsequenz dessen, was ich mit der Axt in dieser Nacht tatsächlich hatte erreichen wollen.

Um die visuellen Effekte der Skulpturen seiner späteren Schaffensperiode zu erzielen, legte Glasser großen Wert darauf, dass sie keine sichtbaren Verbindungstellen oder Nähte aufwiesen. Dafür brauchte er ein durchscheinendes Polyesterharz, das langsam genug abkühlte, damit er jede Form in einem einzigen Marathonguss – acht Barrel innerhalb von acht Stunden – befüllen konnte, ohne dass Risse oder Eintrübungen entstanden. Da ein solches Material damals nicht zur Verfügung stand, tat Glasser sich mit Leslie Ketban, einem engagierten Verkäufer von Hudson Plastics, zusammen, um sein eigenes Polyesterharz zu entwickeln. Nach vielen Monaten der Tüftelei, stieß Glasser auf das Katalysator-Verhältnis, das Feretory, Seventeen Sections und einige weitere, kleinere Arbeiten aus derselben Zeit ermöglichen würde. Das neue Material fand sich damals sogar im Hudson Plastics Katalog des Folgejahres. Es wurde besonders für Tresen-Oberflächen und Raumtrenner empfohlen und unter dem Namen Hudson-Glasser 11 vertrieben. Nur eine kleine Anerkennung könnte man sagen und doch eine, die in der Welt der Kunst des 20ten Jahrhunderts ihresgleichen sucht.

Es blieben fünf Monate bis zur Eröffnung der Gruppenausstellung Before Downtown, im Rahmen derer vier New Yorker Künstler der späten 60er Jahre gezeigt werden sollten, als Andrea Wooney in mein Büro kam. Es war eine dieser unvergleichlichen Wochen Ende September, die einen Londoner einfach verzaubern müssen. New York, der großzügigste aller Gastgeber lädt den Sommer zum Verweilen ein, länger, immer länger und bald würdigt man jeden Tropfen, der einem aus einer Klimaanlage über der Tür zu irgendeiner Bodega in den Kragen tropft, denn man weiß, dass auch dieser Tropfen noch mindestens eine weitere Woche abendlichen Biertrinkens auf dem Dach verspricht. Wooney hingegen hatte sich in einen Parka gemummelt, der aussah wie Lastwagenplane und sie hatte jenen wüsten, gehetzten Blick, den ich mittlerweile jeden Morgen im Badezimmerspiegel an mir selbst beobachten kann. Ihr Erscheinen erfüllte mich sogleich mit Wiederwillen, ich bereute es, diesem Gespräch zugestimmt zu haben. Für einen begrenzten Zeitraum in den frühen 2000ern hatten Wooneys Arbeiten hohe Preise erzielt und viele Rezensionen anlässlich der Whitney Biennale im Jahr 2002 hatten ihre Arbeiten mit jenen Conroy Glassers verglichen. Ich erinnerte mich daran, dass sie diesen Vergleich gern hingenommen, ja, erklärt hatte, dass sie sich in einem „erbitterten Dialog“ mit den Künstlern der Light and Space Bewegung befunden habe, bei denen es sich ausschließlich um Männer gehandelt hatte. Seitdem war sie von der Bildfläche verschwunden. „Sie müssen diese Ausstellung abblasen. Sie müssen das, was sie da tun, sofort beenden“, hatte sie ohne sich auch nur zu setzen oder sich vorzustellen, ja, ohne jede Form von Einleitung gesagt.

Ich möchte keiner dieser Typen sein, die Dinge wie „eine klassische feministische Argumentationslinie“ sagen, nur um diese Argumentationslinie sogleich verwerfen zu können. Doch im Zusammenhang mit Conroy Glasser gibt es tatsächlich eine klassische feministische Argumentationslinie (KFA): Sie lautet, dass jede öffentliche Einrichtung, die seine Werke zeigt, sich zum Komplizen häuslicher Gewalt macht, weil sie von ihr besudelte Arbeiten zeigt – und zwar basierend auf der unausgesprochenen Annahme, dass ein Mann nur Genie genug sein muss, um sein Verhalten Frauen gegenüber entschuldbar zu machen. Glassers Arbeiten entzogen sich der Wucht der KFA aus meiner damaligen Sicht gleich auf zweierlei Art. Zum einen wusste niemand so genau, ob Glasser tatsächlich für das Verschwinden seiner Frau verantwortlich gewesen war und so musste für ihn, wie auch für jeden anderen, die Unschuldsvermutung gelten. Zweitens – selbst wenn Glasser, wie durch die Verfechterinnen der KFA immer wieder propagiert, tatsächlich ein Mörder war – hatten doch die Skulpturen selbst niemandem je ein Leid angetan. Jedes Kunstwerk war vom Moment seiner Erschaffung an unabhängig von seinem Schöpfer. Möglicherweise war Feretory eng mit dem Verschwinden von Jillian Glasser verbunden, doch handelte es sich nicht um die Ergebnisse medizinischer Studien der Nazis oder die Spende eines Mafiapatens. Seine Werke waren autonome, unabhängige Wesen. Denn entschieden wir uns dafür, Glassers Arbeiten in das tiefe Verließ der Schande zu verbannen, wo würden wir dann aufhören? Würden wir uns von Caravaggios Madonnen abwenden, weil der einmal in Rom einen Mann ermordet hatte? Und so weiter und so weiter. Stundenlang konnte ich das so weiterspinnen. Das war die Argumentationslinie, der ich in meiner damaligen Naivität anhing.

Wer nichts über Glasser weiß – und das trifft noch immer auf viele Menschen zu – würde ganz automatisch annehmen, dass Feretory in Kalifornien entstanden sei. Doch einer der Gründe, warum diese Arbeit so wichtig ist, besteht darin, dass die Kunst der Light and Space Bewegung, so oft auf eine recht banale Art und Weise im Kontext der ästhetischen Umstände ihrer Entstehung betrachtet wird. Das vehemente Licht des pazifischen Himmels und der kleine Fetzen dieses Himmels, der sich auf der glänzenden Kühlerhaube deiner frisierten Karre spiegelt: das alles taugt einem Seminar in Wahrnehmung für Fortgeschrittene, taugt zum Lehrstück, nicht bloß im Hinblick darauf, was gesehen wird – weil es in diesem wolkenlosen Blau schließlich gar nichts zu sehen gibt – sondern zu einem Lehrstück über den Akt des Sehens an sich. Dennoch wäre es absurd zu behaupten, dass New York nicht in der Lage wäre seine eigenen Kenner der Phänomenologie hervorzubringen, solche, die ihren Schatten gleich zwei Mal auf dem Gehweg liegen sehen, wenn die Sonne einen gläsernen Turm in Midtown im gerade richtigen Winkel berührt. Vielleicht spähen sie auch nachts in einen Tunnel der G-Linie der U-Bahn, so erfüllt von der eigenen Hoffnung auf die Ankunft des 3:30h Zuges, dass es ihnen beinahe gelingt, sich Glauben zu machen, dass sie den Wiederschein seiner Frontscheinwerfer bereits erahnen können, bevor er sich überhaupt zeigt. Für mich ist Feretory durch und durch eine New Yorker Arbeit. Dann wiederum ist es natürlich eine Arbeit, die sich nirgendwo verorten lässt, eine Art apriorische Arbeit. Im Grunde hätte dieses Werk überall dort entstehen können, wo Menschen mit ihren Augen die Welt betasten.

Andrea Wooney kam mir nicht mit dem KFA, als sie mich aufforderte, Glassers Polyesterharz-Skulpturen nicht zu zeigen. Tatsächlich brachte sie gar kein für mich nachvollziehbares Argument. „Ich habe die Geschichte in der New York Times gelesen“, sagte sie. „Darüber, dass sie diese neuen Werke in China gießen lassen wollen. Sie müssen das absagen, wenn es denn noch nicht zu spät dafür ist. Sie glauben, dass Sie die Einzigen sind, die sich im Besitz der Formel befinden, aber das sind Sie nicht. Auch ich hatte sie einmal, deshalb weiß ich, was passieren wird. Ich sage Ihnen das nur zu Ihrem Besten. Ich hätte nicht herkommen müssen. Wie weit entfernt von Feretory befinden wir uns gerade? Ein paar hundert Fuß? Zu nah. Zu nah. Nie mehr wieder wollte ich ihm so nahe kommen. Ich hätte wirklich nicht herkommen müssen und sobald ich dieses Büro verlasse, ist es nicht mehr mein Problem. Ich werde sehr weit weg sein. Ich werde es Ihnen nur dieses eine Mal sagen. Ich selbst hatte die Formel, ich weiß Bescheid.“

Bei der Überschwemmung, die es im Zusammenhang mit Glassers Selbstmord in seinem Atelier gegeben hatte, waren alle seine Notizhefte verloren gegangen. Denn selbstverständlich ist Lower Manhatten problemlos dazu in der Lage, fünf Pappkartons einfach zu verschlingen wie ein bisschen Plankton. Die Zahl fünf stammt aus dem Polizeibericht. (Andererseits fragte ich stets: wenn Glasser seine Frau tatsächlich getötet hätte, wie wäre er ihre Leiche losgeworden? Er hatte kein Auto. Er hatte keine Freunde, die Autos besaßen. Er hätte sie wohl kaum in einem Taxi runter zum East River karren können). Die Hauptgeschäftsstelle von Hudson Plastics war ungefähr zur selben Zeit, als das Unternehmen im Jahr 1970 Konkurs anmelden musste, durch einen mutmaßlichen Brandanschlag zerstört worden. Soweit also festzustellen war, gab es zu Hudson-Glasser 11 ebenso wenige Spuren in den von beißenden Dämpfen umgebenen Chroniken der organischen Chemie wie vom griechischen Feuer. Und dann hatte ich eines Tages, im März 2011, einen Anruf von einem Mann erhalten, der sich als Bob Ketban vorgestellt hatte, Enkel des Polymer-Verkäufers Leslie Ketban. Statt mich in meinem Büro im MoMa zu besuchen, bestand er darauf, dass wir uns in einer zwielichtigen Sportkneipe auf der 48ten Straße trafen und obwohl es erst sechs Uhr war, hatte er sich bereits in einen Zustand weinerlichen Suffs getrunken. Immer wieder presste er seinen Finger gegen meine Brust, packte meinen Unterarm und rüttelte an meiner Schulter wie ein Mann, der versuchte auf halber Höhe an einer Klippe Halt zu finden, wobei er wiederholt ein grundloses, brüchiges Kichern von sich gab.

„Mein Vater hat viele Besitztümer seines Vaters an mich weiter vererbt“, sagte er an diesem Abend. „Allem voran das Familienunternehmen. Nicht das Plastikgeschäft, das gehörte nur meinem Großvater. Nein, ich will sagen, das Unglück. Das Unglück ist das Geschäft meiner Familie. Die Kalamitäten GmbH. So heißt unser Laden! Andernfalls säße ich hier und würde versuchen, Ihnen eine Kiste … Egal, das ist noch nicht alles. Auch ne ganze Menge Weisheit hab ich vermacht gekriegt. Eines Tages hat Vater mich beiseite genommen und mir den wichtigsten Rat überhaupt gegeben. Er selbst hatte ihn von seinem Vater und er lautete: ‚Wenn du genau hinsiehst, vielleicht ein bisschen genauer, als du solltest, wenn du wirklich schaust, bis dir die Augen aus dem Kopf fallen, dann siehst du …“

Wieder verlor Bob Ketban den Faden. „Naja, damit muss man sich jetzt auch nicht mehr befassen. Kein Grund, sich einen schönen Abend zu vermiesen. Und ich glaube eh nicht dran. Meinem Großvater kann man keine Schuld geben. Glasser bekam ohnehin die meiste Anerkennung für Hudson-Glasser 11, weil die kriegt schließlich immer das berühmte ‚Genie’. Die Menschen wissen nicht, wie viel mein Großvater mit eingebracht hat. Damals hatte Hudson Plastics zig Verträge mit der Regierung. Er wurde ständig in Laboratorien eingeladen, lernte Wissenschaftler kennen. Und die mussten schließlich mit irgendjemandem reden, über das, was sie da taten. Nicht einmal ihren Frauen durften die sonst erzählen, woran sie arbeiteten. Ich weiß das alles von meinem Vater. Der arme Hund. Hören Sie zu, ich will zehn Riesen dafür. Dieses Zeug ist unbezahlbar und es ist alles da. Ich will bloß zehn Riesen.“

Ich investierte fünftausend Dollar meines eigenen Geldes, um einen Faltordner voller Wasserflecken zu erwerben, der neben einer Reihe anderer Papiere von Leslie Ketban, auch die vollständige Formel für Hudson-Glasser 11 enthielt. Danach begann ich, die Präsentation vorzubereiten, mithilfe derer ich meine Abteilung am MoMa für das Herstellungs-Projekt gewinnen wollte. Viele Jahre zuvor, im Jahr 1998, hatte das Museum anlässlich des Todes des Bankiers Stephen Zduriencik, eine dem MoMa zu bereits zu seinen Lebzeiten zugesicherte Zuwendung erhalten: seine gesamte Sammlung von Kunst des 20. Jahrhunderts, alles von einem bahnbrechenden Rauschenberg bis hin zu einem zerknitterten Samaras Polaroid. Fast wie nebenbei waren dem Museum dabei auch drei sogenannte „Geisterarbeiten“ zugekommen. Zduriencik war in den späten 1960ern ein Förderer Glassers gewesen und als dem das Geld ausging, während er noch an Hudson-Glasser 11 arbeitete, erklärte der Bankier sich bereit, drei Arbeiten für den Garten seines Sommerhauses im Norden New Yorks, im Voraus zu bezahlen. Doch Glasser erhängte sich, nachdem er die Formen für die drei Skulpturen zwar bereits hergestellt, die Skulpturen selbst aber noch nicht gegossen hatte. So blieben Zduriencik nichts als die Pläne, die Glasser gezeichnet, die Gestaltungshinweise, die er dem Landschaftsgärtner geschickt hatte, und jene jungfräulichen Formen. Lange Zeit versauerte dieser Zuwachs in der Studiensammlung des MoMa – die Formen abstrakt, beinahe wertlos. Räume ohne Türen, bis zu ihrer Wiedervereinigung mit Hudson-Glasser 11 viele Jahre später.

Unter anderen Umständen hätten wir im Zusammenhang mit dem Nachlass die Erlaubnis der Erben eingeholt, doch in Glassers Fall gab es niemanden, der als Erbe hätte fungieren können. Als ich mit einem Reporter der New York Times über das Herstellungs-Projekt sprach, räsonierte ich, dass es nicht weniger kühn sei, die Skulpturen zu gießen, als die Entscheidung des französischen Chambre des Députés von ihrem Recht Gebrauch zu machen, basierend auf alten Gipsabdrücken Rodins, neue Bronzeformen anzufertigen, siehe auch Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, siehe auch Krauss’ die Originalität der Avant-Garde und andere Mythen der Moderne. Und das wiederum brachte mich auch wieder zurück zur KFA, die gewissermaßen einen Ausdruck heidnischen Glaubens an die Aura des Kunstwerkes darstellte. Nun, konnte es denn einen besseren Weg geben, dem Werk diese Aura, sofern man denn an sie glaubte, auszutreiben, denn jenen, solche Werke auszustellen, die der Künstler selbst nie berührt hatte? Als Andrea Wooney mich besuchte, waren die Versuchsreihen, der Guss und der Prozess des Polierens schon längst in einer Fabrik in Shenzhen in Gang gebracht worden, nachdem wir die Formen dorthin verschickt hatten (keine Firma in Europa oder den USA war in der Lage, diese Arbeit zu einem angemessenen Preis durchzuführen). Hin und wieder erhielt ich E-Mails, die soweit ich in der Lage war, sie zu entschlüsseln, enthusiastisch klangen, manchmal war es auch Megan, eine ehrgeizige Praktikantin, deren Familie aus China kam, die besonders früh aufstand, um via Skype mit einem der dortigen Manager zu sprechen.

„Sie fragen sich sicher, wie ich mir die Formel verschaffen konnte“, sagte Andrea Wooney. „Sie fragen sich, wer sie mir gegeben hat. Aber sie wurde mir nicht gegeben. Ich selbst musste sie neu entdecken. Die Polymere von damals werden kaum noch verwendet, genau wie die alten Katalysatoren also ist das ganze Wissen verlorengegangen – Gott sei Dank. Drei Jahre Arbeit hat mich das gekostet und alles, was ich je an Geld verdient hatte. Eine Zeit lang kam ich jeden Tag hierher, um mir Feretory anzusehen. Ich versuchte zu verstehen, was ich noch immer falsch machte. Keine Person kann so viel Zeit damit verbringen, Feretory zu betrachten, ohne sich darüber klar zu werden, dass sie machen sollte, dass sie wegkommt, dass sie es einfach vergessen sollte. Wenn Ihnen das noch nicht klargeworden ist, dann haben sie noch nicht genau genug hingesehen. Das tun Kuratoren nie. Aber auch ich machte trotzdem weiter. Die Dämpfe waren giftig, also trug ich bei der Arbeit zunächst eine Maske, aber als ich der Zusammensetzung immer näherkam, begann ich die Maske abzusetzen, um den Geruch bei der Entwicklung miteinbeziehen zu können. Manchmal, wenn ich genug eingeatmet hatte, sah ich unaussprechliche Dinge. Ich hatte drei Assistenten in meinem Atelier – Cleo, Nick und Paddy. Bald schnüffelten wir es alle. Danach standen wir würgend im Bad, ohne dass etwas herausgekommen wäre, manchmal husteten wir Blut, doch ich kam der Formel immer näher und wir alle näherten uns einer Art von Wahrheit. Damals schlief ich mit Paddy. Eines Tages, ohne jeden erdenklichen Grund, platze ein Gießtrichter und bevor wir irgendetwas unternehmen konnten, stand Paddy bis zu den Schienbeinen in geschmolzenem Polyesterharz. An diesem Tag wusste ich, dass ich die Formel hatte. Er verlor beide Füße. Aber auch nicht mehr als das. Unter uns Vieren, war er der Glückspilz.“ Sie nahm eine Karteikarte aus der Tasche ihres Parkas und legte sie auf den Schreibtisch. „Wenn Sie mir nicht glauben, sprechen sie mit Marlon Rayle.“ Während sie bereits hastig mein Büro verließ, nahm ich die Karte zur Hand. Nicht die Kontaktdaten von Marlon Rayle standen darauf, sondern die Adresse einer psychiatrischen Klinik in Philadelphia.

Conroy Glasser mag ein abscheulicher Ehemann gewesen sein, doch niemand hätte Jillian Glasser jemals für einen Engel gehalten. Selbst ihre Verteidiger würden zustimmen, dass das Paar sich sehr ähnelte: beide waren rachsüchtig, hinterhältig und stets erfüllt von Wodka, Sex und Zorn. Damals witzelte man, dass New York, diese großartige Stadt, sie in den heiligen Stand der Ehe geführt hatte, ganz so, wie die CIA versucht hatte, die Cosa Nostra auf Fidel Castro anzusetzen, oder wie man das Gift einer Qualle mit frischer Pisse zu neutralisieren sucht. Und doch glaube ich nicht, dass Conroy und Jillian wirklich in der gleichen Liga spielten. Als die Nachricht über Conroy Glassers Selbstmord sich verbreitete, ja, als deutlich wurde, dass er sich nur zwei Wochen, nachdem er die New Yorker Polizeidienststelle darüber informiert hatte, dass seine Frau vom Zigarettenholen nicht zurückgekehrt war, erhängt hatte, begannen die Gerüchte. Conroy sei nicht der erste Liebhaber Jillians, der sich das Leben genommen habe. Damals an der Vassar Universität, hatte sie mitbekommen, dass ihr damaliger Freund, der Quarterback des Footballteams auf einer Party beim Knutschen mit einer anderen beobachtet worden war. Daraufhin hatte sie beschlossen ihn zu zerstören, allerdings ohne die Beziehung zu beenden. Einen Monat später, während Jillian in einer Vorlesung saß, ging er zur Casperkill Schlucht. Nicht einmal einen Zettel hinterließ er. Tja, so war sie, diese gertenschlanke Violinistin von der Upper East Side.

„Der Typ hat seine Frau ermordet“, würden viele Leute sagen, „und Sie tun so, als sei er das Opfer in der Beziehung gewesen.“ Darauf kann ich nur entgegnen, dass die Tatsache, dass jemand in der Lage ist, einen Mord zu begehen, noch lange keinen echten Charaktertest darstellt. Es gibt viele persönliche Eigenschaften, die nicht wirklich messbar sind. Einige davon haben Glasser gewiss gefehlt, oder sie kamen höchstens in seiner Kunst jemals zum Ausdruck. Jillian Glasser verfügte über eine regelrecht gottlose Zielstrebigkeit und ein kühles, freudloses Gemüt – unerschütterlich und stets mit beiden Händen packte sie die Welt bei der Gurgel. Die wenigen Freunde Conroys, diejenigen, die nicht glaubten, dass er sie getötet und sich anschließend aus Reue das Leben genommen hatte, behaupteten, dass er sich, ganz im Gegenteil, nach ihrem Verschwinden aus lauter Schmerz erhängt hatte. Ich glaube, dass wir alle hoffen, oder auch befürchten, dass romantische Liebe eine dermaßen omnipotente und vernunftlose Macht ist, dass es tatsächlich jemanden geben könnte, der echte selbstmörderische Verzweiflung empfindet, nachdem eine Frau wie Jillian Glasser sein Leben verlässt.

Ich war Marlon Rayle, jenem Mann, mit dem ich mich laut Andrea Wooney unterhalten sollte, noch nie begegnet, aber sein Name kam mir bekannt vor. In meinem Büro gab es ein Archiv mit Artikeln zur Light and Space Bewegung, das ich mit an Besessenheit grenzender Gründlichkeit führte. Darin fanden sich mehrere von Rayle verfasste Rezensionen über entsprechende Ausstellungen für das Magazin Artforum, sowie über Ausstellungen, die Rayle selbst, vor allem im Raum Philadelphia, kuratiert hatte. Nach dem Jahr 1998 gab es keine Ausschnitte mehr. Mir war klar, dass es das Klügste wäre, die Karteikarte einfach wegzuwerfen. Andrea Wooney war eine psychisch gestörte Frau, die mir etwas Unzusammenhängendes erzählt hatte, was man nicht einmal als eine Geschichte bezeichnen konnte. Wenn ich nun erklären sollte, warum ich dennoch zum Telefon griff und die psychiatrische Klinik anrief, dann kann ich nur vermuten, dass ihre Warnungen irgendwo im Unterschallbereich etwas in mir zum Schwingen brachten, so wie das entfernte Geräusch der U-Bahn-Line, die von der Avenue A bis zum Schlund der Hölle rumpelt, einen manchmal mit Unruhe erfüllt. Aus denselben Untiefen musste die Erkenntnis dessen, worüber Andrea Wooney sprach in mein Bewusstsein gedrungen sein. Als es mir gelang, eine Assistenzärztin in der Klinik zu erreichen, erfuhr ich, dass Mr. Rayle das Privileg telefonieren zu dürfen eingebüßt habe, dass ich ihn aber persönlich besuchen könne, sofern ich denn Willens sei, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben. Vor mir selbst redete ich mich damit heraus, dass ich ohnehin die Ausstellung von Jason Rhoades im dortigen Institut für zeitgenössische Kunst hatte besuchen wollen. Also gab ich der Frau meine Telefonnummer, damit sie die Vereinbarung des Treffens bestätigen konnte, sofern Rayle sich darauf einließe. Danach schrieb ich eine E-Mail an die Fabrik in Shenzhen, nur um sicherzustellen, dass alles seinen Gang ging, obwohl ich es beinahe verstohlen tat, weil ich mir dabei albern vorkam.

„Am Anfang fand ich es hier gar nicht so schlimm“, sagte Rayle zu mir. „Die Patienten organisieren jedes Jahr eine Kunstausstellung. Früher haben sie mir erlaubt, die zu kuratieren, aber das darf ich jetzt auch nicht mehr. Ein oder zwei Mal im Jahr habe ich mich vergessen und jetzt darf ich im Grunde mit niemandem Kontakt haben. Deshalb weiß ich Ihr Kommen sehr zu schätzen.“ Um zum Besucherraum zu gelangen, war ich von einem Wärter, der jetzt in einer Ecke stand und sich an einem Fleck Schuppenflechte auf seinem Hals kratzte, durch eine Reihe verschlossener Türen geführt worden. Darüber hinaus hatte ich ihm mein Telefon, mein Portemonnaie, meine Schlüssel und sogar mein Händedesinfektionsgel aushändigen müssen. Rayle war so höflich, ein Mann der weichen Töne und dabei so akribisch gepflegt – was für ein Patient trug schon eine Ansteckblume? – dass ich mich immer wieder an die Warnungen erinnern musste, die der Arzt mir gegenüber ausgesprochen hatte.

„Ich weiß nicht, wieviel Andrea Ihnen erzählt hat, also fange ich einfach am Anfang an“, sagte er. „Damals, 1998, plante ich eine Ausstellung mit Glassers späteren Arbeiten – kleinere Arbeiten aus der Feretory Periode. Glasser war damals immer noch nicht wieder angesagt, aber ich dachte, ich könne das ändern. Ich habe ein paar Anfragen rausgeschickt und bei ein paar privaten Sammlungen hatte ich Glück. Es gelang mir sogar, Zduriencik davon zu überzeugen, mir eines seiner Werke zu leihen – und Zduriencik verlieh niemals irgendetwas außerhalb New Yorks, egal wer fragte. Es sollte eine großartige Ausstellung werden. Aber dann gab es dieses seltsame Phänomen mit den Praktikanten. Sie kündigten. Schickte ich sie in den Keller, wo die ganzen Glassers lagerten, für kurz oder für länger machte keinen Unterschied: am nächsten Tag riefen sie an, um zu sagen, dass sie nicht mehr wiederkämen, manche taten nicht mal das. Ich verschliss so viele Praktikanten, dass ich in der Stadt schon bald einen Ruf weghatte – alle dachten ich sei ein Tyrann oder irgendwie pervers. Irgendwann fand ich dann eine, die länger als eine Woche blieb. Doch dann ging sie eines Tages runter in den Lagerraum und als ich sie einige Stunden später vermisste, ging ich runter und fand sie – also zunächst konnte ich gar nicht feststellen, ob es tatsächlich meine Praktikantin war, aber ein DNA-Test brachte dann Gewissheit. Auf dem Flur gab es eine Überwachungskamera und niemand außer ihr und mir war an diesem Tag in den Keller gegangen. Ganz logisch, dass sie mir die Schuld gaben. Und es stimmt ja auch, natürlich war es meine Schuld. Selbst nachdem ich verstanden hatte, was ich da im Polyesterharz erkannt hatte, schickte ich diese Kids allein in den Keller. Zduriencik starb ein paar Monate später. Und wissen Sie warum? Weil die Galerie, nachdem wir die Ausstellung abgeblasen hatten, alle Werke zurück an die Sammler geschickt hatte, die sie uns geliehen hatten. Ich schätze Zduriencik hatte die Skulptur eigentlich schon fast vergessen, bis er sah, wie sie angeliefert und ausgepackt wurde. Sie gefiel ihm so gut, dass er sie in sein Schlafzimmer stellte.“

Nachdem ich Marlon Rayle besucht hatte, wählte ich die Nummer von Ketban, die ich noch in meiner Kontaktdatenbank hatte, aber der Anschluss war nicht mehr vergeben. Damals, als ich die Papiere seines Großvaters gekauft hatte, hatte ich kaum einen Blick auf den Vertrag verschwendet, den er angefertigt hatte. Ich hatte ihn direkt an die Rechtsabteilung des MoMa weitergegeben. Ich grub in meinem Aktenschrank und als ich das Dokument fand, bemerkte ich, dass er seine private Adresse angegeben hatte. Zu meinem Erstaunen kannte ich diese Adresse. Das neoromanische Gebäude auf der Great Jones Street, in dem sich einmal Conroy Glassers Atelier befunden hatte, beherbergt heute vier Büroetagen und ein hawaiianisches Restaurant im Erdgeschoss, was ganz besonders im Modebetrieb sehr beliebt ist. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nicht, ebenso wie alle anderen, die an Glassers Unschuld glaubten, ein wenig erleichtert war, als das Restaurant eröffnete. Die reibungslose Eröffnung sprach dafür, dass die sterblichen Überreste Jillian Glassers bei der Entkernung des Gebäudes nicht zutage gekommen waren, weder eingemauert in eine Wand, noch versenkt in einem Abwassertank. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich eines der letzten Hotels in New York, das noch komplett diese Billig-Einzelzimmer vermietet. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse hatten es vor der Sanierung bewahrt und hielten es in einer Art Schwebezustand. Ketbans Adresse auf dem Vertrag war die des Hotels. Ausgerechnet Bob Ketban, so verzagt angesichts der „Kalamitäten GmbH“, hatte das Hotel unmittelbar gegenüber der Wirkungsstätte des früheren Mitarbeiters seines Großvaters als seinen Wohnort gewählt. Auf dem Weg nach draußen warf ich einen letzten Blick in meinen E-Mail-Posteingang. Noch immer nichts Neues aus Shenzhen. Seit mehr als einer Woche, hatten ich von dort nichts mehr gehört.

Aus Gründen, die niemand außer Anwälten nachvollziehen kann, war es wichtig, dass die Familie, die das Hotel auf der Great Jones Street sechzig Jahre lang geführt hatte, auch fortfuhr das zu tun. Nur so konnten sie ihre rechtlichen Ansprüche aufrechterhalten. Aus diesem Grund war keiner der betagten Mieter, die noch dort lebten, herausgeschmissen worden, aber die Familie hatten sich auch nie die Mühe gemacht, die Leerstände zu füllen, oder die Zimmer zu pflegen. So war das Hotel mittlerweile vollkommen verpekt, ein totales Wrack. Das alles erklärte mir der Leiter des Hotels, als ich hinging, um nach Bob Ketban zu fragen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass der eines Tages im Mai 2011 tot in seinem Zimmer gefunden worden war. Mit anderen Worten: Ketban war nicht mehr als ein paar Monate, nachdem wir uns zum ersten Mal begegnet waren, gestorben. Der Hoteldirektor nahm sofort eine Pappschachtel mit Ketbans persönlichen Sachen vom obersten Regal in seinem Büro. Vermutlich hoffte er, dass ich gekommen war, um die Gegenstände zu reklamieren, sodass der Platz im Regal wieder frei würde.

Ich vermute, dass niemand, beim Blick in diesen Karton, nicht an den eigenen Tod gedacht hätte. Er ähnelte jenem Faltordner, in dem Leslie Ketbans Papiere eingesperrt gewesen waren und tatsächlich war das erste, was ich herausnahm, nicht wirklich eines von Bob Ketbans Besitztümern, sondern hatte seinem Großvater gehört. Es handelte sich um eine Art rechteckigen Pokal, darauf eine Plakette. Folgende Worte waren darauf graviert: „Leslie Ketban, Hudson Plastics Verkäufer des Jahres 1969.“ Ganz offensichtlich war auch der Pokal aus Hudson-Glasser 11 hergestellt worden. Ich war überrascht von der leicht fettigen, beinahe amphibienartigen Textur der Oberfläche und realisierte, dass ich Feretory in all den Jahren als Kurator, in all den Jahren, die ich in seiner Nähe verbracht hatte, niemals berührt, ja, überhaupt nichts, was aus diesem Material gemacht worden war, je angefasst hatte. Und während ich noch diese Feststellung machte, rutschte das Teil mir aus der Hand und zerbrach am Boden. Ich sollte dazu sagen, dass der Pokal ebenso durchscheinend war, wie die Säule im MoMa, jedoch um einiges dünner. Man konnte geradewegs hindurchschauen. Und doch bemerkte ich, als ich mich beschämt nach den zwei Hälften bückte, dass der Pokal genau an jener Stelle geborsten war, wo etwas im Harz eingeschlossen, aber bis zu diesem Augenblick unsichtbar gewesen war. Es war eine Baby-Ratte. Perfekt konserviert.

‚Hören Sie, Sie denken das ganz falsch“, sagte Marlon Rayle, als ich ihn ein zweites Mal besuchte. „Sie betrachten es wie einen Fleck auf einer Bodenleiste, oder ein Bakterium, was bei einem Handschlag übertragen wird. Bloß weil Jillian Glasser in dem Gebäude auf der Great Jones Street getötet wurde, meinen Sie, die Models müssten Abend für Abend schreiend aus dem Restaurant rennen. Sie fragen sich warum das nicht der Fall ist? Nun, so funktioniert das nicht. Andrea Wooneys Atelier befand sich drüben in Williamsburg und sie hatte nie direkt mit Conroy Glasser zu tun. Aber sollten Sie bald erfahren, dass die Menschen in ihrer Fabrik in Shenzhen alle miteinander der Tod oder Schlimmeres ereilt hat, obwohl die sich auf der anderen Seite der Erde befinden und nie in ihrem Leben auch nur einen einzigen Blick auf Feretory geworfen haben, dann hoffe ich, dass Sie endlich alles begreifen werden. Warum glauben sie ist Hudson Plastics im Jahr 1970 pleitegegangen? Es geht um die Formel. Es geht um Hudson-Glasser 11. Darin lebt sie. Sie lebt in diesem Harz, ganz egal, wer es anrührt.“

Ich betrachtete den Wärter in der Ecke, dessen Schuppenflechte sich bis zu seinem linken Ohrläppchen ausgebreitet hatte. „Ok, nun denken Sie sicher ans MoMa. Feretory steht dort seit Jahrzehnten. Warum liegt es nicht auch schon längst in Schutt und Asche? Warum sind Sie alle dort noch immer am Leben?“

Rayle beugte sich vor. „Schauen Sie sich an, wie die Ausstellungsfläche im vierten Stock organisiert ist. Da sind die drei Zeichnungen von Agnes Martin, genau gegenüber von Feretory. Ich glaube, dass es einzig und allein diese Bilder sind, die Sie im MoMa all die Jahre vor ihr geschützt haben. Was hat Boethius nochmal gesagt? ‚Der Teufel hasst Grenzen und Schranken, also fürchte nicht die dunklen Ecken. Der Wahnsinn verbirgt sich in Licht und Raum.’“

Das für mich mittlerweile plausibelste Szenario ist folgendes: Leslie Ketban ließ sich mit Conroy Glassers Frau ein, aber statt, dass es die Freunde entzweit hätte, verbündeten sie sich gegen die gemeinsame Feindin. In jenen Jahren gab es in Manhattan viele streunende Katzen und Hunde und ganz sicher, machten die Männer sich diesen Umstand zu Nutze, um die Formel im Kleinen zu testen. Das Harz sollte das Licht so brechen, dass man direkt hindurchsehen konnte, ohne dass man den Kadaver bemerkte, der darin, wie die sprichwörtliche Mücke im Bernstein, eingeschlossen war. Doch als sie, inspiriert von dem, was Leslie Ketban im Zusammenhang mit den Aufträgen für die Regierung gelernt hatte, einige Weiterentwicklungen des Stoffes vornahmen, brachten sie, ohne sich darüber im Klaren zu sein, unkalkulierbare Potenzialitäten ins Spiel.

Dennoch, selbst nach meiner „Suspendierung auf unbestimmte Zeit“ und nach den erstaunlichen Entdeckungen in Shenzhen, wird das MoMa, Before Downtown in leicht abgewandelter Form auf die Beine stellen, was bedeutet, dass Feretory in eine andere Gallery gebracht wird. So wird es sich dann nicht nur außer Reichweite der göttlichen Gnade von Agnes Martins Rasterbildern befinden, nein, mutmaßlich wird die Präsenz der kleineren Werke, die Marlon Rayle damals in Philadelphia hatte zeigen wollen, seine Macht noch vervielfachen. Die KFA war näher an der Wahrheit gewesen, als irgendeine ihrer Verfechterinnen es je für möglich gehalten hätte: Schau nur tief genug in die Skulptur hinein, so lange „bis die Augen dir aus dem Kopf fallen“, dann wirst du sehen, dass Conroy Glassers Verbrechen, noch immer in ihr wohnt.

Als ich am Weihnachtsmorgen mit der Brandaxt in der Hand auf Feretory zu schlich, sagte ich mir, dass ich gekommen war, um die Kaiserin im Harz zu zerstören. Doch Hudson-Glasser 11 ist stärker als ein so schwacher Wille wie meiner einer ist. Denn als Conroy Glasser im Jahr 1969 eine Schlinge von einem Rohr an der Decke baumeln ließ, folgte er Befehlen, denen er sich nicht wiedersetzen konnte, genauso wenig wie Marlon Rayle viele Jahre später und auch Andrea Wooney, Bob Ketban und vielleicht sogar Steven Zduriencik – sie alle sind heute nicht mehr am Leben, bis auf Rayle. Welchen Teil meiner Arbeit an Before Downtown hatte ich aus eigenem Antrieb getan? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich viele Minuten wie paralysiert dastand, die Axt bereits erhoben, bis der Nachtwächter mich fand. Ja, in diesem Moment wollte ich Jillian Glasser zerstören, aber noch viel dringender wollte ich sie befreien.


*© Ned Beauman 2013, First published in The Guardian in 2013.

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