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Holgers Eltern hatten sich schon hingelegt.

Den Geschmack der fremden Zahnpasta im Mund saß ich in meinem Schlafanzug auf dem Bett.

Holger stand am Aquarium und fütterte die Guppys. »Och nö, bitte jetzt nicht Jimmi«, sagte er.

Er sprach es deutsch aus, also nicht Dschimmy, sondern Jimmi, wie Jienshosen. 

»Wer?«

»Die machen jetzt wieder Jimmi.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

Was ich hörte, war ein leises, regelmäßiges Quietschen, das ich aber nicht einordnen konnte. Ein wenig klang es wie der durchdrehende Anlasser eines Autos. Es hätte aber auch ein Vogel sein können. Eine Taube vielleicht, die klangen so ähnlich, nur tiefer. Eine kleine Taube? Andererseits schien das Geräusch direkt aus der Wand oder dem dahinter liegenden Elternzimmer zu kommen, weswegen weder das eine noch das andere in Betracht kamen. Rätselhaft, und Holger machte keine Anstalten, mir zu erklären, was los war. Er verdrehte nur die Augen und tippte weiter mit dem Zeigefinger an die Fischfutterdose.

Nach dem Spiel hatten mich Holger und dessen Vater mitgenommen. Seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, dort zu übernachten. Holger hatte mir schon so viel von seinem prächtigen Zuhause erzählt, dass ich jetzt Lampenfieber empfand. Die beiden Sicherheitsbeamten, die mich begleiteten und beschützten, waren uns in ihrem Wagen gefolgt, unseren Käfer stets im Blick behaltend. Vor dem dreigeschossigen Mehrfamilienhaus, in dem Holgers Familie im mittleren Stock wohnte, waren sie ausgestiegen und hatten kurz mit seinem Vater gesprochen, wahrscheinlich hatten sie den Zeitpunkt meiner morgigen Abholung verabredet. Als sie weggefahren waren, hatte ich ihnen zugewunken, und Herr Danner am Steuer hatte den Winnetougruß gemacht, während sein neuer Kollege Herr Volquardsen auf der anderen Seite zum Fenster hinausgestarrt hatte.

Das Geräusch war jetzt deutlicher vernehmbar. Regelmäßiges Quietschen, offenbar mechanischen, nicht stimmlichen Ursprungs, dessen Ursache ich durch Holgers genervte Schweigsamkeit allmählich ahnte.

Jimmi – jimmi – jimmi – jimmi – jimmi – jimmi.

Er ging vom Aquarium zum Plattenspieler und legte die Platte von Slade auf, die er von der Mannschaft zum Geburtstag bekommen hatte. »Mama, weer all crazee now«. Obwohl die Musik das andere Geräusch nun übertönte, ging meine ganze Aufmerksamkeit zur Wand hin, fast war es, als wartete ich nur auf die Leerrille der LP, die Pause zwischen dem laufenden und dem nächsten Titel, um zu horchen, wie nebenan der Stand der Dinge war.

Unser Torwart Nettekoven hatte vor einiger Zeit davon erzählt, wie seine Eltern, deren Doppelbett wohl in eine Schrankwand integriert und aus dieser auszuklappen war, eine Nacht und einen halben Tag lang lebendig unter ebenjener begraben gewesen waren, weil diese auf sie gestürzt und nicht mehr wegzubewegen gewesen war. Erst der am Sonntagnachmittag heimkehrende Sohn hatte Hilfe holen können, sodass die Eingeklemmten schließlich befreit worden waren. Nettekoven hatte gekreischt, seine Eltern seien »am Poppen« gewesen, als das Unglück geschah, was meinen Verdacht verstärkt hatte, dass er sich das Ganze nur ausgedacht hatte. Bei einer Unterhaltung der Polizisten Stöckl und Danner hatte ich einmal belauscht, wie der Erstere eine ähnliche Geschichte aus dem Express vorgelesen hatte, in der das von Nettekoven verwendete Tätigkeitswort selbstverständlich nicht vorgekommen, sondern launig umschrieben worden war. Hier war ein Paar in einem Auto eingeklemmt gewesen und war aus diesem mithilfe eines Schweißbrenners befreit worden, die Sache hatte sich überdies in England zugetragen. Wie auch immer, Herr Danner hatte sich nicht mehr eingekriegt.

Wir legten uns ins Bett, Holger in seines, auf dem ich bisher gesessen hatte, und ich auf die Schaumgummimatratze am Boden davor. Die Aquariumlampe warf einen violetten Schein an Decke und Wand, sodass eine gemütliche, aber auch etwas spukhafte Atmosphäre entstand. Jimmi und Slade waren verstummt, und ich schaute nach oben zu Holger, sah aber nur dessen borstiges Haar aus dem Kissen emporstehen und sich gegen die Wand abzeichnen. Nach kurzer Zeit hörte ich gleichmäßiges Atmen.

Ich dachte an den herrlichen, hinter uns liegenden Abend: Gemeinsam mit Holgers Eltern hatten wir die Sendung »Drei mal Neun« mit Wim Thoelke angeschaut und dabei die von Holgers Mutter auf einer Platte angerichteten Champignonstreichkäse- und Salamibrote verdrückt. Zwischen den Broten fächerartig aufgeschnittene Gewürzgurken. Die Petersilienröschen und die schon enzymatisch angebräunten Apfelschnitze hatte ich vorsichtig an den Rand meines Tellers geschoben, was Holgers Mutter trotzdem bemerkt hatte. Als sie mich darauf angesprochen hatte – ich war, ertappt, sofort rot geworden –, hatte Holger mich gerettet, indem er das kleine Häufchen genommen und sich komplett in den Mund gesteckt hatte – Gelächter. Später hatte es für jeden noch eine Portion Fürst-Pückler-Eis mit einer hineingesteckten Kekswaffel gegeben, zum Abschluss waren bunte Glasschälchen mit Fischlis und Weingummi auf den Tisch gekommen.

»Schade, dass du morgen nicht noch zum Mittagessen bleibst«, hatte Holgers Mutter gesagt, »da gibt’s Siegfrieds Lieblingsessen, Zunge in Madeira.«

Mein Lächeln hätte alles Mögliche bedeuten können, das hatte ich mir bei meiner Mutter abgeguckt. Jetzt allerdings war ich heilfroh gewesen, morgen Mittag schon sehr weit weg zu sein. Holgers Eltern hatten Bier getrunken, Kurfürsten Kölsch, wir Tri-Top Mandarine, für Gläser und Flaschen hatte es Untersetzer gegeben, die Holgers große Schwester Biggi aus Fimo modelliert und gebrannt hatte, und ich war begeistert gewesen von der Wohlgeordnetheit dieses Lebens.

Alles und jeder schien seinen festen Ablauf und Platz zu haben und wie bei der Märklinbahn in überlegt vorgegebenen Spuren zu laufen, ohne jegliche Gefahr der Abweichung oder des Zusammenstoßes. Es hatte auf mich den Eindruck gemacht, als würde hier eine Handlung, nachdem sie erprobt und für gut befunden worden war, von da an auf immer die gleiche Weise ausgeführt. Fragen, die sich mir täglich stellten und deren Beantwortung einen Großteil meiner Zeit beanspruchte, schien es hier gar nicht zu geben.

Auf ein für mich unsichtbares Zeichen hin, vielleicht zur immer gleichen Uhrzeit, waren zum Beispiel alle Mitglieder der Familie in ihren Zimmern verschwunden, um sich einige Minuten später in verschiedenen Varianten von Freizeitkleidung zum Fernsehschauen im Wohnzimmer einzufinden.

Holger und ich hatten schon unsere Pyjamas getragen, sein Vater einen leuchtend blauen Trainingsanzug mit weiß-schwarzem Adlerwappen und der Aufschrift Bundeswehr über dem Herzen, der seiner ohnehin gedrungenen Gestalt zusätzlich etwas noch Kastigeres verliehen hatte. Die Jacke war geöffnet gewesen, man hatte das Unterhemd und seine starke Brustbehaarung gesehen, in diese sanft eingebettet einen kleinen goldenen Anhänger an einer ebensolchen dünnen Kette, der das Sternzeichen des Widders zeigte. An den Füßen hatte er Cordschlappen der Marke Romika »mit Fußbett« getragen, wie er mir einmal erklärt hatte. Beim Training hatte ich über Schmerzen in der rechten Achillessehne geklagt, und Holgers Vater war sich, als ich ihm davon erzählt hatte, sicher gewesen, es läge daran, dass meinen Schuhen ein anständiges Fußbett fehlte. Das Thema war noch mehrmals aufgekommen, immer wieder hatte er mich mit ernsthaft besorgter Miene gefragt, ob in der Fußbettfrage schon etwas geschehen sei. Er schien davon besessen zu sein. Meine Mutter allerdings hatte, als ich ihr meinen Wunsch nach Schuhen mit anständigem Fußbett vortrug, nur verständnislos mit den Schultern gezuckt.

Nun in einen einteiligen orangefarbenen Frotteeanzug mit goldenem Reißverschluss gekleidet, hatte Holgers Mutter einen weiteren Teller mit Broten gebracht, auch sie hatte Hausschuhe getragen, bei denen kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie den allerhöchsten Ansprüchen an Gelenkstütze und Längsgewölbehalt genügten, möglicherweise war sogar eine Spreizfuß-Pelotte eingearbeitet, wer weiß.

Holgers Schwester Biggi, die schon fünfzehn und heute Abend auf einer Party war, übernachtete ihrerseits bei einer Freundin. Ob ich das bedauerte oder es mich eigentlich erleichterte, war mir nicht ganz klar. Wahrscheinlich beides zugleich.

Die Neubauwohnung von Holgers Familie bestand aus Wohn- und Elternschlafzimmer, den Zimmern von Holger und Biggi, der Küche und dem Bad. Allesamt gingen sie vom Flur ab, in dem neben der Wohnungstür eine Garderobe angebracht war und wo auf Höhe der Küchentür ein Tischchen mit dem brokatbezogenen Telefon und einem ebenso veredelten Nummernverzeichnis stand. Ich war gleich beeindruckt gewesen, dass in dieser Wohnung durch die Sorgfalt ihrer Bewohner alles eine optische als auch praktische Aufwertung erfahren hatte.

Das Wohnzimmer war ein recht kleiner, mit moosgrünem Teppichboden ausgelegter, nahezu quadratischer Raum mit einem Fenster zur Straße und zum Parkplatz hin. Jetzt allerdings waren die Rollläden heruntergelassen worden, wie ich durch die gehäkelten Stores erkannt hatte. Die Wände waren mittel-, die niedrige Decke hellbraun gestrichen.

Wenn man den Raum betrat, stand rechts an der Wand ein mit beigem Cordstoff bezogenes Ecksofa für vier Personen, auf dessen kürzerem, an der Fensterseite gelegenem Teil der Platz von Holgers Vater war. Holger und ich hatten auf dem Hauptteil des Sofas gesessen, vor dem, auf einem kleinen Flokati, ein Couchtisch mit chromfarbenem Gestell und einer dunklen Rauchglasplatte stand. Auf diesem ein Drehaschenbecher aus Kristallglas und ein dazugehöriges Tischfeuerzeug, daneben hatten Zigaretten gelegen, jeweils eine Packung Kim und HB. Über dem Sofa hing die gerahmte Reproduktion eines Ölgemäldes, welches den Leuchtturm von Sankt Peter-Ording zeigte, wie ich beim Hinsetzen gelesen hatte.

Zu unserer linken Seite hatte Holgers Mutter im ebenfalls zur Sitzgarnitur gehörenden gleichfarbigen Sessel Platz genommen. Knapp über dem Couchtisch hing eine Lampe aus glasiertem Ton, ich hatte darauf achten müssen, dass mir deren weißes Spiralkabel beim Fernsehschauen nicht die Sicht nahm. Der Apparat stand nämlich in der, die gesamte gegenüberliegende Wand einnehmenden Eichenholzschrankwand. Tagsüber war er hinter einer Klapptür darin verborgen, welche Holgers Vater, in Vorfreude summend, geöffnet hatte. Oben auf dieser Schrankwand waren Neonröhren angebracht, die, wie die Hängelampe, eingeschaltet waren, sodass es viel heller gewesen war, als ich es von zu Hause kannte. Meine Mutter, die Deckenbeleuchtung hasste, begann bei Einbruch der Dämmerung etliche über den Raum verteilte, zum Teil versteckte Leuchten und Funzeln anzuknipsen, weil sie der Meinung war, das sei so angenehmer. Hier aber war der Fernseher, ein ganz neues Nordmende-Modell, eingeschaltet worden, und Holgers Vater hatte sich händereibend in die Polster fallen lassen.

Die Sendung hatte begonnen, Holger und seine Mutter den Text der Titelmusik mitgesungen, der Vater sie pfeifend begleitet.

»Spiel mit, das Glück macht heut’ eine Show, Spiel mit, heut’ sagt Fortuna nicht No«.

Diese Art der Begeisterung war mir neu gewesen, bei uns zu Hause machte man sich über so etwas eher lustig, schlief gleich ein oder stand nach spätestens fünf Minuten auf und ging kommentarlos, mit hochgezogener Augenbraue höchstens, seiner Wege, sodass ich, wenn meine Mutter sich nicht erbarmte, meist alleine vor dem Fernseher sitzen blieb.

Die gesamte Sendung war mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit verfolgt worden, es war mitgeraten (»Riisikoo«, hatte die Belegschaft des Wohnzimmers im Chor geraunt) und gesungen worden (»Du bringst in mir nie gekannte Akkorde zum Klingen, der Grand Prix d’amour, das bist du für mich«), man hatte seine Einschätzungen über die Verfassung des Showmasters und seiner prominenten Gäste geteilt: »Auch dicker geworden, der Thoelke.«

Nach dem Verklingen des vom Orchester Max Greger intonierten Schlussmedleys hatten sich Holgers Eltern kurz zugenickt, der Fernseher war ausgeschaltet worden, man war aufgestanden, und zügig war nach einem eingespielten Ritual der Tisch abgeräumt worden. Den Regeln dieses Vorgangs hatte ich mich intuitiv anzupassen versucht, leider vergeblich, weswegen ich ständig im Weg herumgestanden hatte. Dann waren Holger und ich Zähne putzen gegangen, und als wir aus dem Bad gekommen waren, war der Flur dunkel und leer gewesen.

Es fiel mir schwer, zur Ruhe zu kommen, während ich nun hier lag und Holgers Atemzügen lauschte, aufgewühlt vom gemeinsamen Abend in dieser wunderbaren Welt. Hatte er mir doch gezeigt, wie und wo ich leben wollte, so wie hier sähe es aus, mein zukünftiges Leben!

Was mir alles durch den Kopf ging. Vielleicht könnte ich ja später auch zur Bundestagsverwaltung gehen und dort als Sachbearbeiter in die Fußstapfen von Holgers Vater treten, warum nicht? Aber erst, nachdem Holger und ich die vier Jahre Bundeswehr hinter uns hätten, was, wie er uns erklärt hatte, neben der Kameradschaft, der körperlichen und charakterlichen Stärkung, auch viele finanzielle Vorteile mit sich brächte. Zum Beispiel, willkürlich herausgegriffen, in Hinsicht auf die Autoversicherung, wo wir ja dann, nachdem wir beim Barras den Autoführerschein plus Motorrad und Lkw für lau gemacht hätten, die günstigen Tarife für den öffentlichen Dienst in Anspruch nehmen könnten! Von den vermögenswirksamen Leistungen gar nicht zu reden. Da legte Vater Staat ja ordentlich was dazu.

Die behagliche Geschlossenheit dieser Gedankenwelt hatte mich sofort eingelullt. Aber ich sah jetzt doch auch, dass dies hier in jeglicher Hinsicht das Gegenteil meines Zuhauses war. Oder musste es nicht besser heißen, meines bisherigen Zuhauses? Einerseits bedauerte ich mich dafür, dass das Schicksal mir diesen Zwiespalt bereitzuhalten schien, zum anderen war ich geradezu euphorisch wegen der am heutigen Abend so lebendig aufgezeigten Alternative jenes Lebens, das auf mich wartete.

Plötzlich musste ich lachen, weil mir eine Geschichte einfiel, die ich nachmittags gehört hatte. Ich hatte den Frotteebezug des Toilettendeckels, der farblich dem kleinen Teppich davor angeglichen war, gelobt und Holger gesagt, wie wohnlich ich das fand, woraufhin er mit mir in die Küche gerannt war, um seine Mutter anzuflehen, mir die Geschichte von Tante Otti zu erzählen, was sie auch bereitwillig getan hatte.

Folgendes hatte sich also zugetragen: Einer in Dresden lebenden Tante von Holgers Vater, Frau Otto, schickte man regelmäßig Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung und anderen im Osten nicht erhältlichen Waren. In einem dieser Pakete hatte sich vor einiger Zeit auch eine der von mir bewunderten Frottee-Toilettengarnituren befunden. Nach einiger Zeit hatten Holgers Eltern von besagter Tante einen Dankesbrief bekommen, der den Satz enthielt: »Danke für den schönen Schal, leider ist mir die Mütze viel zu groß.« Holgers Mutter hatte das kaum zu Ende erzählen können, er selbst sich vor Lachen auf dem Küchenboden gewunden, während ich den Witz der Sache nicht verstand, bis sie ihn mir erklärt hatten: Die alte Dame hatte sich, deren Bestimmung verkennend, anscheinend den Klodeckelbezug auf den Kopf gesetzt und den Vorleger um den Hals gelegt.

Niemand erwartete von mir, dass sie mir leidtat, wie die Reaktion ihrer Verwandten gezeigt hatte. Auch das war für mich ungewohnt und verblüffend gewesen.

Während des Fernsehabends war es mir so gegangen wie schon oft: Wenn es mir irgendwo gefiel, musste ich mich dieser Umgebung vollkommen anverwandeln. Ich wollte dann nicht nur so sein wie die Menschen, unter denen ich mich befand, sondern eigentlich mehr sie sein, als sie selbst es waren! Gleichzeitig spürte ich einen tiefen Zorn auf mein Zuhause aufsteigen, vor allem auf meine Eltern, die mir, wie ich jetzt fand, so vieles vorenthielten. Alles, genau genommen, was das Leben lebenswert machte. Warum musste ich denn am nächsten Vormittag schon wieder aus der Mitte der Familie gerissen werden, mit der ich diesen grandiosen Abend verbracht hatte und als deren Mitglied ich mich längst fühlte?

Für die Meinigen dagegen empfand ich in diesem Augenblick keinerlei Liebe mehr. Aber die bittere Feststellung löste in mir keine Trauer oder Wehmut aus, und es schien, als würde mir die Klarheit und Kälte der Erkenntnis die nötige Stärke für die unausweichliche Loslösung, den Schnitt verleihen, den ich eines Tages zu vollziehen hätte. Würden alle Beteiligten Vernunft walten lassen, fände sich schon eine würdige Form der Trennung, zu der es keine Alternative mehr gab. Letztlich konnte ja niemand etwas dafür, dass der Zufall mich in die für mich gar nicht passende Umgebung meines sogenannten Zuhauses geworfen hatte. Nein, von dem mir nun vorgezeichneten Weg gab es kein Zurück. Gerührt von der eigenen Tapferkeit angesichts dieser mir schon in so jungen Jahren auferlegten Prüfung schlief ich schließlich doch ein, mich dem Unausweichlichen ernst und gefasst stellend.

Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass es sich bei dem Wimmern, von dem ich aufgewacht war, um mein eigenes handelte. Kurz war ich in dem fremden Zimmer orientierungslos gewesen. Ich hatte mir die Augen gerieben und, als ich mit dem Handrücken mein Kopfkissen berührte, gefühlt, dass es feucht war. Ich richtete mich auf, und ein Luftzug strich mir dabei über die tränennassen Wangen. Es dauerte ein wenig, die Ursache meines Unglücks zu erkennen, dann traf es mich mit Wucht. Stoßartig zog es mir jetzt den Magen zusammen, und ein nächster Schluchzer entrang sich meiner zugeschnürten Kehle.

Und dann, das Bewusstsein war träger als der Körper, kamen mir die Gedanken und Bilder, die diese Aufwallung offenbar schon seit einer Weile bewirkt hatten. Ich hörte meine Mutter mir leise eine gute Nacht wünschen, spürte meine Stirn an der Hemdbrust des Vaters liegen und wusste, dass ich sie und ihre Liebe verraten hatte. Dass ich mich jetzt mehr als nach irgendetwas anderem nach ihnen sehnte, dass sie aber, so meine Angst, für mich verloren waren, weil ich sie vor ein paar Stunden erst so rücksichtslos verleugnet hatte. Ich hielt mir das Kopfkissen vors Gesicht, aus Angst, dass Holger aufwachen würde. Ich wollte nur eines, so schnell wie möglich nach Hause, musste aber hier ausharren, bis die Polizisten mich holten. In diesem Augenblick schien es mir undenkbar, die Stunden bis dahin zu überleben. Ein schwerer Druck lastete auf meiner Brust, und ich fühlte mich so allein wie noch nie zuvor. Wie gerne hätte ich meine Gedanken, die ich vor dem Einschlafen gehabt hatte, ungedacht gemacht. Aber es war aussichtslos.

Nebenan grunzte Holger und wälzte sich herum, schnell wandte ich mich ab. Mein Vater hatte mir einmal – ich hatte ihn gefragt, was eigentlich Heimweh genau ist – eine Geschichte aus alter Zeit von den Schweizer Söldnern in der französischen Armee erzählt, in deren Gegenwart die Regierung bei Todesandrohung verboten hatte, ein bestimmtes Volkslied zu singen, weil diese es dann vor Sehnsucht nicht mehr ausgehalten hatten. Sofort waren sie desertiert und hatten sich auf den Weg nach Hause gemacht.

Ich vermisste Gabor so sehr, die Weite, das Alleinsein, das keine Einsamkeit war.

Vor Erschöpfung schlief ich irgendwann wieder ein, vielleicht auch ein wenig erleichtert, weil ich merkte, dass mein Schmerz nichts anderes war als die Erkenntnis, wohin ich gehörte.

Beim gemeinsamen Frühstück mit Holger und seinen Eltern kaute ich der Form halber an meinem Brötchen herum, obwohl ich eigentlich nichts runterbekam. Ich musste es schaffen, das glibberige Frühstücksei stehen zu lassen, aber da spielte ich auf Zeit. Als sein Vater den Kühlschrank öffnete, um die Marmelade herauszunehmen, schaute ich schnell weg, aus Angst, darin die bläuliche Rinderzunge liegen zu sehen, die hier Mittags kredenzt werden würde. Keinesfalls wollte ich riskieren, gefragt zu werden, was mit mir los sei, und so meine mühsam gewahrte Fassung gefährden lassen.

Immer wieder schaute ich vorsichtig auf die Küchenuhr über der Tür. Komisch – nur, wenn ich sie anguckte, hörte ich, wie laut sie tickte, sonst nicht. Als ob sie meinen Blick beantwortete. Gleichzeitig lauschte ich, ob durch die Glastür das Motorengeräusch des Wagens von Herrn Danner und Herrn Volquardsen, meinen Rettern, zu hören sei. Für zehn Uhr hatten sie die Abholung mit Holgers Vater vereinbart. Nur noch kurze Zeit galt es zu überstehen, und wenn ich erst im Auto saß, war ich erlöst.

Es war Sonntagmorgen, und weil deswegen kaum jemand unterwegs war, hörte ich den Audi schon von Weitem. Ich sprang auf, stürzte zur Balkontür und sah den Wagen auf den Parkplatz rollen. Den Anschein der Gelassenheit konnte ich jetzt beim besten Willen nicht mehr wahren, schon war ich in Holgers Zimmer, um meine längst gepackte Tasche zu holen, und eilte von dort aus in den Flur zur Garderobe, wo ich meine Jacke anzog. Ich gab Holgers Eltern in der Küche schnell die Hand und machte einen Diener. Eigentlich wollte ich mich noch für die Gastfreundschaft und den schönen Abend bedanken, aber als ich den Mund öffnete, begann meine Unterlippe wieder zu zittern, und mir schossen Tränen in die Augen. Wie ein Gaul schnaubte ich laut aus, drehte mich dann wortlos um und ging. Die Familie blieb verwundert zurück.

Zum Glück steckte der Wohnungsschlüssel von innen, sodass ich selbst öffnen und, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten springen konnte. Draußen rannte ich auf Herrn Danner, der ausgestiegen war, zu und umarmte ihn, für ihn unvermittelt. Herr Volquardsen war im Auto sitzen geblieben. »Gutenn Morgenn!«, schnarrte er, den Blick nach vorne gerichtet, auf eine Art, die klarstellte, dass dies sowohl der Anfang wie auch gleichzeitig das Ende unserer Unterhaltung war. Es würde mit uns beiden nichts mehr werden, was mir aber in diesem Moment herzlich egal war. Auch seine schlechte Laune weckte in mir behagliche Heimatgefühle. Seltsam, in meiner jetzigen Euphorie konnte ich mich kaum noch an die vollkommene Verzweiflung einige Stunden zuvor erinnern.

Während der Fahrt schaute ich von der Rückbank aus lange die Christophorusplakette an, die auf das Armaturenbrett geklebt war.

Als sich das Rolltor hinter mir schloss, kam Gabor bellend angelaufen, der, ich wusste es, wegen meines Ausbleibens vor Unruhe krank gewesen sein musste. Ich begrüßte ihn, dann schaute ich auf das zu große weiße Haus, in dem wir alle uns so leicht verpassten.

Hier wollte ich sein.

Bei ihnen. Für mich.

Nirgendwo sonst.


*Aus: „Raumpatrouille“ by Matthias Brandt © 2016, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co, KG, Cologne/Germany.

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam. Ich hatte in diesem Winter angefangen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen, die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbringen sollten. Natürlich kannte ich die meisten dieser Kinder, aber es kamen auch manchmal Fremde, die nicht in unserer Straße wohnten. Und wenn auch die Mehrzahl von ihnen gerade nur so lange Zeit blieb, wie der Umtausch in Anspruch nahm, so gab es doch einige, die sich hinsetzten und gleich auf der Stelle zu lesen begannen. Dann saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete, und die Kinder saßen an dem kleinen Tisch bei der Bücherwand, und ihre Gegenwart war mir angenehm und störte mich nicht. Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jedenfalls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag. Ich hätte vor auszugehen und war im Begriff, einen kleinen Imbiß, den ich mir gerichtet hatte, ins Zimmer zu tragen. Kurz vorher hatte ich einen Besuch gehabt, und dieser mußte wohl vergessen haben, die Eingangstüre zu schließen. So kam es, daß das dicke Kind ganz plötzlich vor mir stand, gerade als ich das Tablett auf den Schreibtisch niedergesetzt hatte und mich umwandte, um noch etwas in der Küche zu holen. Es war ein Mädchen von vielleicht zwölf Jahren, das einen altmodischen Lodenmantel und schwarze, gestrickte Gamaschen anhatte und an einem Riemen ein paar Schlittschuhe trug, und es kam mir bekannt, aber doch nicht richtig bekannt vor, und weil es so leise hereingekommen war, hatte es mich erschreckt. Kenne ich dich? fragte ich überrascht.

Das dicke Kind sagte nichts. Es stand nur da und legte die Hände über seinem runden Bauch zusammen und sah mich mit seinen wasserhellen Augen an.

Möchtest du ein Buch? fragte ich.

Das dicke Kind gab wieder keine Antwort. Aber darüber wunderte ich mich nicht allzu sehr. Ich war es gewohnt, daß die Kinder schüchtern waren und daß man ihnen helfen mußte. Also zog ich ein paar Bücher heraus und legte sie vor das fremde Mädchen hin. Dann machte ich mich daran, eine der Karten auszufüllen, auf welchen die entliehenen Bücher aufgezeichnet wurden.

Wie heißt du denn? fragte ich.

Sie nennen mich die Dicke, sagte das Kind.

Soll ich dich auch so nennen? fragte ich.

Es ist mir egal, sagte das Kind. Es erwiderte mein Lächeln nicht, und ich glaube mich jetzt zu erinnern, daß sein Gesicht sich in diesem Augenblick schmerzlich verzog. Aber ich achtete darauf nicht.

Wann bist du geboren? fragte ich weiter.

Im Wassermann, sagte das Kind ruhig.

Diese Antwort belustigte mich, und ich trug sie auf der Karte ein, spaßeshalber gewissermaßen, und dann wandte ich mich wieder den Büchern zu.

Möchtest du etwas Bestimmtes? fragte ich.

Aber dann sah ich, daß das fremde Kind gar nicht die Bücher ins Auge faßte, sondern seine Blicke auf dem Tablett ruhen ließ, auf dem mein Tee und meine belegten Brote standen.

Vielleicht möchtest du etwas essen, sagte ich schnell.

Das Kind nickte, und in seiner Zustimmung lag etwas wie ein gekränktes Erstaunen darüber, daß ich erst jetzt auf diesen Gedanken kam. Es machte sich daran, die Brote eins nach dem andern zu verzehren, und es tat das auf eine besondere Weise, über die ich mir erst später Rechenschaft gab. Dann saß es wieder da und ließ seine trägen, kalten Blicke im Zimmer herumwandern, und es lag etwas in seinem Wesen, das mich mit Ärger und Abneigung erfüllte. Ja gewiß, ich habe dieses Kind von Anfang an gehaßt. Alles an ihm hat mich äbgestoßen, seine trägen Glieder, sein hübsches, fettes Gesicht, seine Art zu sprechen, die zugleich schläfrig und anmaßend war. Obwohl ich mich entschlossen hatte, ihm zuliebe meinen Spaziergang aufzugeben, behandelte ich es doch keineswegs freundlich, sondern grausam und kalt.

Oder soll man es etwa freundlich nennen, daß ich mich nun an den Schreibtisch setzte und meine Arbeit vornahm und über meine Schulter weg sagte: Lies jetzt, obwohl ich doch ganz genau wußte, daß das fremde Kind gar nicht lesen wollte? Und dann saß ich da und wollte schreiben und brachte nichts zu Stande, weil ich ein sonderbares Gefühl der Peinigung hatte, so, wie wenn man was erraten soll und errät es nich, und ehe man es nicht erraten kann, kann nichts mehr so werden, wie es vorher war. Und eine Weile lang hielt ich das aus, aber nicht sehr lange, und dann wandte ich mich um und begann eine Unterhaltung, und es fielen mir nur die törichtsten Fragen ein.

Hast du noch Geschwister? fragte ich.

Ja, sagte das Kind.

Gehst du gern in die Schule? fragte ich.          

Ja, sagte das Kind.

Was magst du denn am liebsten?        

Wie bitte? fragte das Kind.

Welches Fach? sagte ich verzweifelt.

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Vielleicht Deutsch? fragte ich.            

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Ich drehte meinen Bleistift zwischen den Fingern, und es wuchs etwas in mir auf, ein Grauen, das mit der Erscheinung des Kindes im gar keinem Verhältnis stand.

Hast du Freundinnen? fragte ich zitternd.

O ja, sagte das Mädchen.

Eine hast du doch sicher am liebsten? fragte ich.

Ich weiß nicht, sagte das Kind, und wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum.

Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frißt, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. Denn nun war es schon soweit, daß alles an diesem Kind mich aufzuregen und zu ärgern begann. Was für ein albernes, weißes Kleid, was für ein lächerlicher Stehkragen, dachte ich, als das Kind nach dem Essen seinen Mantel aufknöpfte. Ich setzte mich wieder an meine Arbeit, aber dann hörte ich das Kind hinter mir schmatzen, und dieses Geräusch glich dem trägen Schmatzen eines schwarzen Weihers irgendwo im Walde, es brachte mir alles wässerig Dumpfe, alles Schwere und Trübe der Menschennatur zum Bewußtsein und verstimmte mich sehr. Was willst du von mir? dachte ich, geh fort, geh fort. Und ich hatte Lust, das Kind mit meinen Händen aus dem Zimmer zu stoßen, wie man ein lästiges Tier vertreibt. Aber dann stieß ich es nicht aus dem Zimmer, sondern sprach nur wieder mit ihm, und wieder auf dieselbe grausame Art.

Gehst du jetzt aufs Eis? fragte ich.

Ja, sagte das dicke Kind.

Kannst du gut Schlittschuhlaufen? fragte ich und deutete auf die Schlittschuhe, die das Kind noch immer am Arm hängen hatte.

Meine Schwester kann gut, sagte das Kind, und wieder erschien auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Schmerz und Trauer, und wieder beachtete ich ihn nicht.

Wie sieht deine Schwester aus? fragte ich. Gleicht sie dir?

Ach nein, sagte das dicke Kind. Meine Schwester ist ganz dünn und hat schwarzes, lockiges Haar. Im Sommer, wenn wir auf dem Land sind, steht sie nachts auf, wenn ein Gewitter kommt, und sitzt oben auf der obersten Galerie auf dem Geländer und singt.

Und du? fragte ich.

Ich bleibe im Bett, sagte das Kind. Ich habe Angst.

Deine Schwester hat keine Angst, nicht wahr? sagte ich.

Nein, sagte das Kind. Sie hat niemals Angst. Sie springt auch vom obersten Sprungbrett. Sie macht einen Kopfsprung, und dann schwimmt sie weit hinaus . . .

Was singt deine Schwester denn? fragte ich neugierig.

Sie singt, was sie will, sagte das dicke Kind traurig. Sie macht Gedichte.

Und du? fragte ich.

Ich tue nichts, sagte das Kind. Und dann stand es auf und sagte: Ich muß jetzt gehen. Ich streckte meine Hand aus, und es legte seine dicken Finger hinein, und ich weiß nicht genau, was ich dabei empfand, etwas wie eine Aufforderung, ihm zu folgen, einen unhörbaren, dringlichen Ruf. Komm einmal wieder, sagte ich, aber es war mir nicht ernst damit, und das Kind sagte nichts und sah mich mit seinen kühlen Augen an. Und dann war es fort, und ich hätte eigentlich Erleichterung spüren müssen. Aber kaum, daß ich die Wohnungstür ins Schloß fallen hörte, lief ich auch schon auf den Korridor hinaus und zog meinen Mantel an.

Ich rannte ganz schnell die Treppe hinunter und erreichte die Straße in dem Augenblick, in dem das Kind um die nächste Ecke verschwand.

Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren.

Es war am frühen Nachmittag gewesen, als das dicke Kind zu mir ins Zimmer trat, und jetzt brach die Dämmerung herein. Obwohl ich in dieser Stadt einige Jahre meiner Kindheit verbracht hatte, kannte ich mich doch nicht mehr gut aus, und während ich mich bemühte, dem Kinde zu folgen, wußte ich bald nicht mehr, welchen Weg wir gingen, und die Straßen und Plätze, die vor mir auftauchten, waren mir völlig fremd. Ich bemerkte auch plötzlich eine Veränderung in der Luft. Es war sehr kalt gewesen, aber nun war ohne Zweifel Tauwetter eingetreten, und mit so großer Gewalt, daß der Schnee schon von den Dächern tropfte und am Himmel große Föhnwolken ihres Weges zogen. Wir kamen vor die Stadt hinaus, dorthin, wo die Häuser von großen Gärten umgeben sind, und dann waren gar keine Häuser mehr da, und dann verschwand plötzlich das Kind und tauchte eine Böschung hinab. Und wenn ich erwartet hatte, nun einen Eislaufplatz vor mir zu sehen, helle Buden und Bogenlampen und eine glitzernde Fläche voll Geschrei und Musik, so bot sich mir jetzt ein ganz anderer Anblick. Denn dort unten lag der See, von dem ich geglaubt hatte, daß seine Ufer mittlerweile alle bebaut worden wären: er lag ganz einsam da, von schwarzen Wäldern umgeben, und sah genau wie in meiner Kindheit aus.

Dieses unerwartete Bild erregte mich so sehr, daß ich das fremde Kind beinahe aus den Augen verlor. Aber dann sah ich es wieder, es hockte am Ufer und versuchte, ein Bein über das andere zu legen und mit der einen Hand den Schlittschuh am Fuß festzuhalten, während es mit der andern den Schlüssel herumdrehte. Der Schlüssel fiel ein paarmal herunter, und dann ließ sich das dicke Kind auf alle Viere fallen und rutschte auf dem Eis herum und suchte und sah wie eine seltsame Kröte aus. Überdem wurde es immer dunkler, der Dampfersteg, der nur ein paar Meter von dem Kind entfernt in den See vorstieß, stand tiefschwarz über der weiten Fläche, die silbrig glänzte, aber nicht überall gleich, sondern ein wenig dunkler hier und dort, und in diesen trüben Flecken kündigte sich das Tauwetter an. Mach doch schnell, rief ich ungeduldig, und die Dicke beeilte sich nun wirklich, aber nicht auf mein Drängen hin, sondern weil draußen vor dem Ende des langen Dampfersteges jemand winkte und Komm, Dicke, schrie, jemand, der dort seine Kreise zog, eine leichte, helle Gestalt. Es fiel mir ein, daß dies die Schwester sein müsse, die Tänzerin, die Gewittersängerin, das Kind nach meinem Herzen, und ich war gleich überzeugt, daß nichts anderes mich hierhergelockt hatte als der Wunsch, dieses anmutige Wesen zu sehen. Zugleich aber wurde ich mir auch der Gefahr bewußt, in der die Kinder schwebten. Denn nun begann mit einemmal dieses seltsame Stöhnen, diese tiefen Seufzer, die der See auszustoßen scheint, ehe die Eisdecke bricht. Diese Seufzer liefen in der Tiefe hin wie eine schaurige Klage, und ich hörte sie, und die Kinder hörten sie nicht.

Nein gewiß, sie hörten sie nicht. Denn sonst hätte sich die Dicke, dieses ängstliche Geschöpf, nicht auf den Weg gemacht, sie wäre nicht mit ihren kratzigen, unbeholfenen Stößen immer weiter hinausgestrebt, und die Schwester draußen hätte nicht gewinkt und gelacht und sich wie eine Ballerina auf der Spitze ihres Schlittschuhs gedreht, um dann wieder ihre schönen Achter zu ziehen, und die Dicke hätte die schwarzen Stellen vermieden, vor denen sie jetzt zurückschreckte, um sie dann doch zu überqueren, und die Schwester hätte sich nicht plötzlich hoch aufgerichtet und wäre nicht davon geglitten, fort, fort, einer der kleinen einsamen Buchten zu.

Ich konnte das alles genau sehen, weil ich mich daran gemacht hatte, auf dem Dampfersteg hinauszuwandern, immer weiter, Schritt für Schritt. Trotzdem die Bohlen vereist waren, kam ich doch schneller vorwärts, als das dicke Kind dort unten, und wenn ich mich umwandte, konnte ich sein Gesicht sehen, das einen dumpfen und zugleich sehnsüchtigen Ausdruck hatte. Ich konnte auch die Risse sehen, die jetzt überall aufbrachen und aus denen, wie Schaum vor die Lippen des Rasenden, ein wenig schäumendes Wasser trat. Und dann sah ich natürlich auch, wie unter dem dicken Kinde das Eis zerbrach. Denn das geschah an der Stelle, an der die Schwester vordem getanzt hatte und nur wenige Armlängen vor dem Ende des Stegs.

Ich muß gleich sagen, daß dieses Einbrechen kein lebensgefährliches war. Der See gefriert in ein paar Schichten, und die zweite lag nur einen Meter unter der ersten und war noch ganz fest. Alles, was geschah, war, daß die Dicke einen Meter tief im Wasser stand, im eisigen Wasser freilich und umgeben von bröckelnden Schollen, aber wenn sie nur ein paar Schritte durch das Wasser watete, konnte sie den Steg erreichen und sich dort hinaufziehen, und ich konnte ihr dabei behilflich sein. Aber ich dachte trotzdem gleich, sie wird es nicht schaffen, und es sah auch so aus, als ob sie es nicht schaffen würde, wie sie da stand, zu Tode erschrocken, und nur ein paar Unbeholfene Bewegungen machte; und das Wasser strömte um sie herum, und das Eis unter ihren Händen zerbrach. Der Wassermann, dachte ich, jetzt zieht er sie hinunter, und ich spürte gar nichts dabei, nicht das geringste Erbarmen, und rührte mich nicht.

Aber nun hob die Dicke plötzlich den Kopf, und weil es jetzt vollends Nacht geworden und der Mond hinter den Wolken erschienen war; konnte ich deutlich sehen, daß etwas in ihrem Gesicht sich verändert hatte. Es waren dieselben Züge und doch nicht dieselben, aufgerissen waren sie von Willen und Leidenschaft, als ob sie nun, im Angesicht des Todes, alles Leben tränken, alles glühende Leben der Welt. Ja, das glaubte ich wohl, daß der Tod nahe und dies das letzte sei, und beugte mich über das Geländer und blickte in das weiße Antlitz unter mir, und wie ein Spiegelbild sah es mir entgegen aus der schwarzen Flut. Da aber hatte das dicke Kind den Pfahl erreicht. Es streckte die Hände aus und begann sich heraufzuziehen, ganz geschickt hielt es sich an den Nägeln und Haken, die aus dem Holze ragten. Sein Körper war zu schwer und seine Finger bluteten, und es fiel wieder zurück, aber nur, um wieder von neuem zu beginnen. Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich da zusah, und jetzt hätte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wußte, ich brauchte ihm nicht mehr zu helfen – ich hatte es erkannt.

An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe es nicht. Und daß ich dann die Papiere auf meinem Schreibtisch durcheinandergewühlt fand und irgendwo dazwischen ein altes Bildchen, das mich selbst darstellte, in einem weißen Wollkleid mit Stehkragen, mit hellen, wäßrigen Augen und sehr dick.


*This story is taken from: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in sieben Bänden. Vierter Band. Die Erzählungen. © Insel Verlag Frankfurt am Main 1983.

*Bild: Maria-Rubinke.

In der Militärschule zu Sankt Severin. Turnsaal. Der Jahrgang steht in den hellen Zwillichblusen, in zwei Reihen geordnet, unter den großen Gaskronen. Der Turnlehrer, ein junger Offizier mit hartem braunen Gesicht und höhnischen Augen, hat Freiübungen kommandiert und verteilt nun die Riegen. »Erste Riege Reck, zweite Riege Barren, dritte Riege Bock, vierte Riege Klettern! Abtreten!« Und rasch, auf den leichten, mit Kolophonium isolierten Schuhen, zerstreuen sich die Knaben. Einige bleiben mitten im Saale stehen, zögernd, gleichsam unwillig. Es ist die vierte Riege, die schlechten Turner, die keine Freude haben an der Bewegung bei den Geräten und schon müde sind von den zwanzig Kniebeugen und ein wenig verwirrt und atemlos.

Nur Einer, der sonst der Allerletzte blieb bei solchen Anlässen, Karl Gruber, steht schon an den Kletterstangen, die in einer etwas dämmerigen Ecke des Saales, hart vor den Nischen, in denen die abgelegten Uniformröcke hängen, angebracht sind. Er hat die nächste Stange erfaßt und zieht sie mit ungewöhnlicher Kraft nach vorn, so daß sie frei an dem zur Übung geeigneten Platze schwankt. Gruber läßt nicht einmal die Hände von ihr, er springt auf und bleibt, ziemlich hoch, die Beine ganz unwillkürlich im Kletterschluß verschränkt, den er sonst niemals begreifen konnte, an der Stange hängen. So erwartet er die Riege und betrachtet – wie es scheint – mit besonderem Vergnügen den erstaunten Ärger des kleinen polnischen Unteroffiziers, der ihm zuruft, abzuspringen, Aber Gruber ist diesmal sogar ungehorsam und Jastersky, der blonde Unteroffizier, schreit endlich: »Also, entweder Sie kommen herunter oder Sie klettern hinauf, Gruber! Sonst melde ich dem Herrn Oberlieutenant …« Und da beginnt Gruber, zu klettern, erst heftig mit Überstürzung, die Beine wenig aufziehend und die Blicke aufwärts gerichtet, mit einer gewissen Angst das unermeßliche Stück Stange abschätzend, das noch bevorsteht. Dann verlangsamt sich seine Bewegung; und als ob er jeden Griff genösse, wie etwas Neues, Angenehmes, zieht er sich höher, als man gewöhnlich zu klettern pflegt. Er beachtet nicht die Aufregung des ohnehin gereizten Unteroffiziers, klettert und klettert, die Blicke immerfort aufwärts gerichtet, als hätte er einen Ausweg in der Decke des Saales entdeckt und strebte danach, ihn zu erreichen. Die ganze Riege folgt ihm mit den Augen. Und auch aus den anderen Riegen richtet man schon da und dort die Aufmerksamkeit auf den Kletterer, der sonst kaum das erste Drittel der Stange keuchend, mit rotem Gesicht und bösen Augen erklomm. »Bravo, Gruber!« ruft jemand aus der ersten Riege herüber. Da wenden viele ihre Blicke aufwärts, und es wird eine Weile still im Saal, – aber gerade in diesem Augenblick, da alle Blicke auf der Gestalt Grubers hängen, macht er hoch oben unter der Decke eine Bewegung, als wollte er sie abschütteln; und da ihm das offenbar nicht gelingt, bindet er alle diese Blicke oben an den nackten eisernen Haken und saust die glatte Stange herunter, so daß alle immer noch hinaufsehen, als er schon längst, schwindelnd und heiß, unten steht und mit seltsam glanzlosen Augen in seine glühenden Handflächen schaut. Da fragt ihn der eine oder der andere der ihm zunächst stehenden Kameraden, was denn heute in ihn gefahren sei. »Willst wohl in die erste Riege kommen?« Gruber lacht und scheint etwas antworten zu wollen, aber er überlegt es sich und senkt schnell die Augen. Und dann, als das Geräusch und Getöse wieder seinen Fortgang hat, zieht er sich leise in die Nische zurück, setzt sich nieder, schaut ängstlich um sich und holt Atem, zweimal rasch, und lacht wieder und will was sagen … aber schon achtet niemand mehr seiner. Nur Jerome, der auch in der vierten Riege ist, sieht, daß er wieder seine Hände betrachtet, ganz darüber gebückt wie einer, der bei wenig Licht einen Brief entziffern will. Und er tritt nach einer Weile zu ihm hin und fragt: »Hast du dir weh getan?« Gruber erschrickt. »Was?« macht er mit seiner gewöhnlichen, in Speichel watenden Stimme. »Zeig mal!« Jerome nimmt die eine Hand Grubers und neigt sie gegen das Licht. Sie ist am Ballen ein wenig abgeschürft. »Weißt du, ich habe etwas dafür,« sagt Jerome, der immer Englisches Pflaster von zu Hause geschickt bekommt, »komm dann nachher zu mir.« Aber es ist, als hätte Gruber nicht gehört; er schaut geradeaus in den Saal hinein, aber so, als sähe er etwas Unbestimmtes, vielleicht nicht im Saal, draußen vielleicht, vor den Fenstern, obwohl es dunkel ist, spät und Herbst.

In diesem Augenblick schreit der Unteroffizier in seiner hochfahrenden Art: »Gruber!« Gruber bleibt unverändert, nur seine Füße, die vor ihm ausgestreckt sind, gleiten, steif und ungeschickt, ein wenig auf dein glatten Parkett vorwärts. »Gruber!« brüllt der Unteroffizier und die Stimme schlägt ihm über. Dann wartet er eine Weile und sagt rasch und heiser, ohne den Gerufenen anzusehen: »Sie melden sich nach der Stunde. Ich werde Ihnen schon …« Und die Stunde geht weiter. »Gruber,« sagt Jerome und neigt sich zu dem Kameraden, der sich immer tiefer in die Nische zurücklehnt, »es war schon wieder an dir, zu klettern, auf dem Strick, geh mal, versuchs, sonst macht dir der Jastersky irgend eine Geschichte, weißt du …« Gruber nickt. Aber statt aufzustehen, schließt er plötzlich die Augen und gleitet unter den Worten Jeromes durch, als ob eine Welle ihn trüge, fort, gleitet langsam und lautlos tiefer, tiefer, gleitet vom Sitz, und Jerome weiß erst, was geschieht, als er hört, wie der Kopf Grubers hart an das Holz des Sitzes prallt und dann vornüberfällt … »Gruber!« ruft er heiser. Erst merkt es niemand. Und Jerome steht ratlos mit hängenden Händen und ruft: »Gruber, Gruber!« Es fällt ihm nicht ein, den anderen aufzurichten. Da erhält er einen Stoß, jemand sagt ihm: »Schaf«, ein anderer schiebt ihn fort, und er sieht, wie sie den Reglosen aufheben. Sie tragen ihn vorbei, irgend wohin, wahrscheinlich in die Kammer nebenan. Der Oberlieutenant springt herzu. Er giebt mit harter, lauter Stimme sehr kurze Befehle. Sein Kommando schneidet das Summen der vielen schwatzenden Knaben scharf ab. Stille. Man sieht nur da und dort noch Bewegungen, ein Ausschwingen am Gerät, einen leisen Absprung, ein verspätetes Lachen von einem, der nicht weiß, um was es sich handelt. Dann hastige Fragen: »Was? Was? Wer? Der Gruber? Wo?« Und immer mehr Fragen. Dann sagt jemand laut: »Ohnmächtig.« Und der Zugführer Jastersky läuft mit rotem Kopf hinter dem Oberlieutenant her und schreit mit seiner. boshaften Stimme, zitternd vor Wut-. »Ein Simulant, Herr Oberlieutenant, ein Simulant!« Der Oberlieutenant beachtet ihn gar nicht. Er sieht geradeaus, nagt an seinem Schnurrbart, wodurch das harte Kinn noch eckiger und energischer vortritt, und giebt von Zeit zu Zeit eine knappe Weisung. Vier Zöglinge, die Gruber tragen, und der Oberlieutenant verschwinden in der Kammer. Gleich darauf kommen die vier Zöglinge zurück. Ein Diener läuft durch den Saal. Die vier werden groß angeschaut und mit Fragen bedrängt: »Wie sieht er aus? Was ist mit ihm? Ist er schon zu sich gekommen?« Keiner von ihnen weiß eigentlich was. Und da ruft auch schon der Oberlieutenant herein, das Turnen möge weitergehen, und übergiebt dem Feldwebel Goldstein das Kommando. Also wird wieder geturnt, beim Barren, beim Reck, und die kleinen dicken Leute der dritten Riege kriechen mit weitgekretschten Beinen über den hohen Bock. Aber doch sind alle Bewegungen anders als vorher; als hätte ein Horchen sich über sie gelegt. Die Schwingungen am Reck brechen so plötzlich ab und am Barren werden nur lauter kleine Übungen gemacht. Die Stimmen sind weniger verworren und ihre Summe summt feiner, als ob alle immer nur ein Wort sagten: »Ess, Ess, Ess …« Der kleine schlaue Krix horcht inzwischen an der Kammertür. Der Unteroffizier der zweiten Riege jagt ihn davon, indem er zu einem Schlage auf seinen Hintern ausholt. Krix springt zurück, katzenhaft, mit hinterlistig blitzenden Augen. Er weiß schon genug. Und nach einer Weile, als ihn niemand betrachtet, giebt er dem Pawlowitsch weiter: »Der Regimentsarzt ist gekommen.« Nun, man kennt ja den Pawlowitsch; mit seiner ganzen Frechheit geht er, als hätte ihm irgendwer einen Befehl gegeben, quer durch den Saal von Riege zu Riege und sagt ziemlich laut: »Der Regimentsarzt ist drin.« Und es scheint, auch die Unteroffiziere interessieren sich für diese Nachricht. Immer häufiger wenden sich die Blicke nach der Tür, immer langsamer werden die Übungen; und ein Kleiner mit schwarzen Augen ist oben auf dem Bock hocken geblieben und starrt mit offenem Mund nach der Kammer. Etwas Lähmendes scheint in der Luft zu liegen. Die Stärksten bei der ersten Riege machen zwar noch einige Anstrengungen, gehen dagegen an, kreisen mit den Beinen; und Pombert, der kräftige Tiroler, biegt seinen Arm und betrachtet seine Muskeln, die sich durch den Zwillich hindurch breit und straff ausprägen. Ja, der kleine, gelenkige Baum schlägt sogar noch einige Armwellen, und plötzlich ist diese heftige Bewegung die einzige im ganzen Saal, ein großer flimmernder Kreis, der etwas Unheimliches hat inmitten der allgemeinen Ruhe. Und mit einem Ruck bringt sich der kleine Mensch zum Stehen, läßt sich einfach unwillig in die Knie fallen und macht ein Gesicht, als ob er alle verachte. Aber auch seine kleinen stumpfen Augen bleiben schließlich an der Kammertür hängen.

Jetzt hört man das Singen der Gasflammen und das Gehen der Wanduhr. Und dann schnarrt die Glocke, die das Stundenzeichen giebt. Fremd und eigentümlich ist heute ihr Ton; sie hört auch ganz unvermittelt auf, unterbricht sich mitten im Wort. Feldwebel Goldstein aber kennt seine Pflicht. Er ruft. »Antreten!« Kein Mensch hört ihn. Keiner kann sich erinnern, welchen Sinn dieses Wort besaß, – vorher. Wann vorher? »Antreten!« krächzt der Feldwebel böse und gleich schreien jetzt die anderen Unteroffiziere ihm nach: »Antreten!« Und auch mancher von den Zöglingen sagt wie zu sich selbst, wie im Schlaf: »Antreten! Antreten!« Aber im Grunde wissen alle, daß sie noch etwas abwarten müssen. Und da geht auch schon die Kammertür auf; eine Weile nichts; dann tritt Oberlieutenant Wehl heraus und seine Augen sind groß und zornig und seine Schritte fest. Er marschiert wie beim Defilieren und sagt heiser: »Antreten!« Mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit findet sich alles in Reihe und Glied. Keiner rührt sich. Als wenn ein Feldzeugmeister da wäre. Und jetzt das Kommando: »Achtung!« Pause und dann, trocken und hart: »Euer Kamerad Gruber ist soeben gestorben. Herzschlag. Abmarsch!« Pause.

Und erst nach einer Weile die Stimme des diensttuenden Zöglings, klein und leise: »Links um! Marschieren: Compagnie, Marsch!“ Ohne Schritt und langsam wendet sich der Jahrgang zur Tür. Jerome als der letzte. Keiner sieht sich um. Die Luft aus dem Gang kommt, kalt und dumpfig, den Knaben entgegen. Einer meint, es rieche nach Karbol. Pombert macht laut einen gemeinen Witz in Bezug auf den Gestank. Niemand lacht. Jerome fühlt sich plötzlich am Arm gefaßt, so angesprungen. Krix hängt daran. Seine Augen glänzen und seine Zähne schimmern, als ob er beißen wollte. »Ich hab ihn gesehen«, flüstert er atemlos und preßt Jeromes Arm und ein Lachen ist innen in ihm und rüttelt ihn hin und her. Er kann kaum weiter: »Ganz nackt ist er und eingefallen und ganz lang. Und an den Fußsohlen ist er versiegelt …«

Und dann kichert er, spitz und kitzlich, kichert und beißt sich in den Ärmel Jeromes hinein.

Als ich an jenem 11. September mit Pflastersteinen auf Polizisten warf, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich einmal selbst Polizist werde.

Es war der 11. September 1973. Ich weiß nicht mehr, wie ich vom Putsch in Chile und der Ermordung Präsident Allendes erfahren hatte. Ist es nicht seltsam? Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, wie es in einer Zeit ohne Internet und Handy überhaupt möglich war, dass sich Informationen wie ein Lauffeuer verbreiteten. Aber ich hatte irgendwie davon erfahren, auch von der Erklärung Henry Kissingers, der bereits wenige Stunden nach Allendes Tod gutgelaunt einräumte, dass die USA immer bereitstünden, befreundeten Völkern zu helfen.

Ich nahm sofort ein Taxi. Es gab keine Absprachen. Ich kann mich nicht erinnern, dass herumtelefoniert worden wäre, um eine spontane Kundgebung zu organisieren. Es war einfach klar: Ich musste sofort zur Botschaft der USA. Ich war damals Anfang zwanzig, ein verträumter, zur Schwermut neigender Philosophiestudent. Ich hatte wenig Geld. Ich glaube, ich war der einzige Wiener Student, der damals mit dem Taxi zu einer Demo fuhr. Aber es hätte mir an diesem Tag mit der Straßenbahn zu lange gedauert.

Das war die Wut.

Vielleicht brauchten wir damals keine Handys, weil wir auch ohne technische Geräte mitbekamen, was in der Luft lag. Die Wut.

Als ich in der Boltzmanngasse ankam, hatten sich bereits einige Hundert Menschen vor der Botschaft versammelt. Es wurden minütlich mehr. Ich sah mich plötzlich da stehen, die geballte Faust rhythmisch hochstoßen und mit den anderen schreien: »Allende, Allende, dein Tod ist nicht das Ende!«

In Wahrheit war es nicht die geballte Faust. Ich hatte ein Buch dabei, ein Exemplar der »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer/Adorno, das ich schon den ganzen Tag mit mir trug. Also stieß ich dieses Buch in die Luft, als wir »Allende, Allende …« zu rufen begannen. Am nächsten Tag war ein Foto im Wiener KURIER, auf dem ich zu sehen war, wie ich das Buch in die Höhe streckte und schrie. Darunter stand: »Studenten demonstrierten mit Mao-Bibel vor der US-Botschaft«.

An der Ecke Boltzmanngasse/Strudlhofgasse befand sich eine Baustelle. Ich glaube, dass wir die Steine von dort holten. Zugleich fuhren immer mehr Polizeiautos vor. Da sah ich Werner, einen Freund aus dem Philosophie-Seminar. Dass ich nicht verhaftet oder verletzt wurde, habe ich ihm zu verdanken. Er hatte Angst. Ich hatte den Eindruck, dass er hyperventilierte. Er keuchte, mehr noch: Er hechelte. Er zog an meiner Jacke, zerrte mich weg. Ich dachte, dass ich mich um ihn kümmern müsse.

Werner litt, wie ich wusste, an einer Herzinsuffizienz. Er war überzeugt davon, dass es der Kapitalismus sei, der ihn krank machte, weshalb er jegliche Behandlung durch die bürgerliche Schulmedizin verweigerte. Einen marxistischen Herzspezialisten, mit dem er eine Therapie hätte diskutieren können, die vom Kapitalismus als Krankheitsursache ausging, gab es in Wien nicht. Keine zwei Wochen nach der Kundgebung vor der amerikanischen Botschaft wäre Werner, übrigens während eines Wilhelm-Reich-Arbeitskreises zur »Funktion des Orgasmus«, beinahe an seiner Krankheit gestorben.

Ich selbst erfreute mich damals bester Gesundheit. Nur ein einziges Mal – ich hatte mir beim Fußballspiel Trotzkisten gegen Spontis das Bein gebrochen – war ich in die Verlegenheit gekommen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich erwähne das deshalb, weil mir Werners Standpunkt nicht nur verrückt, sondern insgeheim auch plausibel erschienen war. Hätte ich Werners Krankheit gehabt – gut möglich, dass ich damals gestorben und ein unbekanntes Opfer der Auseinandersetzung der Weltsysteme geworden wäre.

So herrisch sich die westliche Welt in Chile gezeigt hatte, so hilflos war sie damals gegenüber den arabischen Ländern. 1973 gab es nicht nur den heute vergessenen 11. September, es war auch das Jahr der sogenannten »Energiekrise«. Die Scheichs, so stand es in den Zeitungen, »drehten den Ölhahn zu«. Das war es, worüber sich die ganze Republik empörte: Primitive Wüstenhäuptlinge, die zufällig auf den größten Erdölreserven der Welt saßen, zwangen die demokratischen Hochkulturen zu Verzichtleistungen. Der österreichische Kanzler empfahl allen Männern, sich nicht mehr elektrisch, sondern nass zu rasieren, um Energie zu sparen. Es wurde ein »autofreier Tag« eingeführt, um den Benzinverbrauch zu drosseln, und in den Schulen die »Energieferien«, um Heizkosten zu sparen.

Damals, als in den Zeitungen ständig von der »Energiekrise« die Rede war, hatte ich eine ungeheizte Wohnung und litt kraftlos an einer Sinnkrise. Beides hatte allerdings nichts mit der Energiekrise zu tun. Mein Vater hatte seine monatlichen Zahlungen eingestellt. Er hielt mein Philosophiestudium für blanken Müßiggang – hart an der Grenze zur Kriminalität. ,

Er legte den KURIER auf den Tisch.

Mein Sohn, ein randalierender Maoist!

Ich bin kein Maoist.

Bist du das? Auf diesem Foto?

Ja.

Er nickte.

Ich bekam einen Fieberschub von Hass und Verachtung. Dieses Nicken meines Vaters erschien mir als der Inbegriff von Idiotie, Selbstgerechtigkeit und emotionaler Verrottung. Er wusste nicht, was Maoismus war. Er konnte nicht wissen, ob ich tatsächlich dem Maoismus anhing. Er konnte also auch nicht wissen, dass ich diese Fraktion ablehnte und nichts mit ihr zu tun hatte. Aber die Art, wie er nur durch ein Nicken klarmachte, dass er es gar nicht wissen wollte, dass er nicht bereit und nicht im Geringsten interessiert war, darüber zu reden und etwas von mir zu erfahren, die Härte, mit der er in jedem Fall sein Urteil sprach, ohne sich um Aufklärung bemüht zu haben, machte mich sprachlos. Wie er lieber seinen Sohn verurteilte, als einen Satz aus einer Boulevard-Zeitung zu hinterfragen!

Diese Karikatur einer archaischen Schicksalstragödie, wie er mit steinernem Gesicht seinen Sohn verstieß! Ich wollte ihm so viel sagen, dass ich kein Wort herausbrachte. Den vom CIA organisierten Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten eines souveränen Staates nahm er als »Weltpolitik« hin, aber dass sein Sohn an einer Kundgebung gegen diesen Putsch teilgenommen hatte, zur Verteidigung der Demokratie, in einem Land mit Demonstrationsfreiheit, entsetzte diesen braven Staatsbürger, der nun meinte, gebieterisch einschreiten zu müssen.

Ich sagte kein Wort. Er sagte noch einige Sätze, im Grunde aber nur dies: Kein Geld mehr, bis ich »vernünftig« geworden sei.

Ich stand auf und ging. Ich wünschte ihm den Tod. Heute bin ich sehr froh, dass ich auch diesen Satz nicht ausgesprochen habe.

Er hatte damals schon Krebs, aber das wusste ich noch nicht.

Ich saß also in einer ungeheizten Wohnung und hatte die Sinnkrise. Ich fragte mich, ob mir mein Studium so viel bedeutete, dass ich auch bereit war, es durch Jobs selbst zu finanzieren. Philosophie! Und was dann? Ich war von den Bedenken meines Vaters nun selbst schon angekränkelt.

Ich ging in Vorlesungen und fragte mich danach bei Durchsicht meiner Mitschriften, ob ich beim Mitschreiben oder der Professor beim Vortragen deliriert hatte. Ich machte noch zwei oder drei Prüfungen, die lediglich Triumphorgien der Professoren waren, die, nur wenige Jahre zuvor mit Tomaten beworfen, sich nun bei der nächsten Studentengeneration ungestraft dafür rächen konnten: »Brav gelernt, Herr Kollege, aber ich kann Ihnen nur ein >genügend< geben, weil: Sehr gut ist der liebe Gott, gut bin ich, und dann kommt lange nichts.«

Im März 1974 starb Werner. Nein, es war nicht das Herz. Er hatte einen Autounfall. Ich ging zum Begräbnis und traf dort ein kleines Fähnlein von Ehemaligen: ehemalige Studentenführer, Kommunegründer, Revolutionsdichter, Parteiengründer – fast jeder, mit einer halbvollendeteten philosophischen Doktorarbeit im fünfzehnten bis zwanzigsten Semester, ein Veteran des Übergangs von der Theorie zur Praxis. In der Aufbahrungshalle hielt Werners Doktorvater, Professor Benedikt, eine Rede, die mein Leben – nicht veränderte, aber immerhin meinen stummen Lebensfilm zu diesem Zeitpunkt vernünftig untertitelte. »Man kann«, sagte er, »ein Leben, zumal ein so kurzes, nicht phänomenologisch analysieren. Es ist eine Erscheinung, ohne dass ein Sinn feststellbar wäre in seinen Zusammenhängen mit anderen Erscheinungen und am Ende dem Tod!«

Es kam zu Unruhe. Manche riefen: »Lauter!« Die Akustik in der Aufbahrungshalle war sehr schlecht. Und Professor Benedikt senkte den Kopf ganz nahe an das Mikrophon und sagte — in übersteuerter Überlautstärke, als spräche ein Gott mit Donnergewalt; »Im Einzelnen waltet der Zufall, im Ganzen allein der Sinn …« — Er machte eine Pause und fügte hinzu: »… oder, wie in bestimmten historischen Epochen, auch hier die Sinnlosigkeit!«

Ich ging. Der Kiesweg des Zentralfriedhofs. Die Alleen der Steine. Ich wusste, dass eine Epoche zu Ende war: die der weltgeschichtsgesättigten Psychosomatiker. Damit war auch mein Philosophiestudium beendet.

Was tun? In Deutschland waren einige Achtundsechziger zu Kaufhausbrandstiftern geworden – und ich begann in Wien in einem Kaufhaus zu arbeiten! Auch das war eine Folge von 1968: der Anstieg der Ladendiebstähle in solchem Ausmaß, dass Kaufhausdetektive angestellt werden mussten. Ich hatte keine Qualifikationen außer einem abgebrochenen Philosophiestudium mit einer unvollendeten Seminararbeit über die »Dialektik der Aufklärung«, und Kaufhausdetektiv war unter den Jobs, die man mir anbot, der einzige, den ich mir körperlich zumuten wollte. Ich weiß nicht, was ich bald als trostloser empfand: die Auseinandersetzungen mit den kleinen Ladendieben, die ich ertappen und abliefern musste, um meinen Job zu behalten, oder die Gespräche mit den Verkäuferinnen, wenn ich aus Mitleid wieder wegschauen wollte. Elend und Borniertheit hielten sich dabei in einer so perfekten Weise die Waage, dass ich den Eindruck hatte, dass es doch eine geheime Weltordnung geben müsse.

Als ich kündigte, hatte ich erstmals eine Qualifikation: ein Jahr Berufserfahrung als Detektiv. Das genügte damals, um eine Anstellung bei der Polizei zu bekommen, im Innendienst, Falschgelddezernat, wo ich mit einer Automatik, der ich mich lethargisch ergab, durch regelmäßige Vorrückungen eine erstaunliche Karriere machte – die mir übrigens in meinem sozialen Leben überraschenderweise nicht schaden sollte: Als ich Polizist wurde, war ich sicher, nun von meinen alten Freunden verachtet und gemieden zu werden. Tatsächlich aber wurde ich von den Helden der Studentenkämpfe bereits beim zehnjährigen Jubiläum von 1968 als Beispiel dafür gefeiert, dass der Marsch durch die Institutionen in Österreich besonders geglückt sei.

Das ging beim fünfzehn- und zwanzigjährigen Jubiläum so weiter, die Geschichte wurde fast schon zu einem Heldenepos. Was sie alle nicht wissen konnten, war, dass ich mich bewusst um einen Dienstposten im Falschgelddezernat beworben hatte, weil ich einen Arbeitsplatz wollte, der mich möglichst nicht mehr behelligte. Bekanntlich gab es in Österreich kein Falschgeld. Wer die Mittel und Möglichkeiten hatte, gut gemachte Blüten herzustellen, verschwendete seine Zeit nicht mit Schilling, sondern produzierte gleich D-Mark.

Ausschlaggebend dafür, dass ich an einen Schreibtisch im Staatsdienst wechselte, war also keineswegs die Illusion, dass ich von dort aus irgendetwas verändern könnte: die Welt, die Gesellschaft oder gar mich selbst. Es war einfach ein bezahlter Rückzug.

Aufklärung war der große Anspruch der Zeit, in der ich erwachsen wurde. Als ich studierte, ging es um nichts anderes: Man musste der Mann sein, der in jedem Fall am Ende Bescheid wusste. Ich sammelte und ordnete Fakten, untersuchte Zusammenhänge, hinterfragte Motive, ging allen Informationen nach, entwickelte Theorien, suchte nach Schuldigen, glaubte, dass ich etwas zu verstehen begann, kam zu einer Lösung. Das nannte man damals Bildung. Die Bildung eines Weltbilds. Wer die Welt von links betrachtete, sah bald nur noch Täter und Opfer, Zeugen und gesetzlose Rebellen. Aber nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Polizist werden würde. Hätte ich die Erfahrung gemacht, dass man Fälle wirklich aufklären kann – ich wäre mit Leidenschaft Detektiv geworden, oder zumindest Philosophie-Professor.

Ich wollte das nicht, aber ich wurde es: abgebrüht. Manchmal, ganz selten, erlebte ich noch Momente der Leidenschaft, in bestimmten Situationen nippte ich daran wie an einem Glas Champagner, wissend, dass das nicht der Alltag war.

Ich wurde auf Empfehlung meines Vorgesetzten Mitglied in seinem Tennis-Club, lernte brav das Spiel und war auch hier ohne jeden Ehrgeiz einigermaßen • erfolgreich: Ich bekam den Spitznamen »Die Wand«. Ich machte keine Punkte, ich lebte von den Fehlern der Gegner. Ich gewann immer wieder ein Match, bis ein anderer stärker war als ich, einer, der wirklich Punkte machen konnte. Ich lernte im Club eine Frau kennen, die mich dazu verführte, die Leidenschaft neu zu lernen. Ich lernte das Spiel. Ich war »Die Wand«. Doch dann konnte ein anderer bei ihr wirklich punkten. Was von dieser Affäre blieb, war ein Kind. Ein Sohn.

Ich konnte ihm nicht widersprechen, als er mit achtzehn zu mir sagte, er finde Bullen scheiße. Ich war selbst schuld. Als ich nach seiner Geburt mit seiner Mutter darüber diskutierte, wie er heißen sollte, wollte ich unbedingt, dass er den Namen eines Revolutionärs und Freiheitskämpfers bekam. Da fiel es mir erst auf: dass alle Revolutionäre völlig unattraktive Namen hatten: Karl, Friedrich, Ferdinand, Leo – niemand hätte da an einen Freiheitskämpfer gedacht. Oder Vladimir, Fidel, Che – diese Namen hätten dem Kind nur Gespött eingebracht. Bei einer Tochter hätten wir es einfacher gehabt; Rosa oder Olga. Oder Alice. Aber es war leider ein Sohn.

Schließlich machte ich mit verzweifelter Ironie einen allerletzten Vorschlag; Zorro.

Wie kommst du auf Zorro?

Der letzte Freiheitskämpfer, der mir noch einfällt.

Freiheitskämpfer? Sagte sie. Im Grunde war Zorro ein Robin Hood.

Also Robin?

Robin.

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass ich meine Stelle bei der Polizei aufgab, um Robins Liebe zurückzugewinnen.

Es war Mitte Dezember 2001, unmittelbar vor der Einführung des Euro. Ich traf Robin zu einem Abendessen.

Wie geht es dir?

Geht so.

Und deiner Mutter?

Geht so.

Ich hasse es, wenn jemand so beharrlich wortkarg ist, dass ich mich dazu gezwungen fühle, ununterbrochen zu reden, nur damit jene Peinlichkeit nicht aufkommt – die ich dann durch mein Reden erst recht produziere. Wie er aussah! Eigentlich hätte ich ihn wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot festnehmen müssen.

Kannst du bitte wenigstens im Restaurant diese Kapuze runternehmen?

Wen stört’s?

Mich.

Er nickte.

Du bist kein Amt, sagte ich. Ich habe keine Eingabe gemacht, die du jetzt lange prüfen musst.

Ist ja gut, sagte er und strich die Kapuze zurück. Er saß mit gesenktem Kopf da und sah mich an, als würde er noch immer unter seiner Kapuze hervorschauen. So trotzig von unten herauf hatte auch ich meinen Vater angeschaut, damals, als er mir bei einem Abendessen eröffnete, dass er mein Studium nicht länger finanzieren werde. Da war ich älter gewesen als Robin heute. Aber ich hatte auch nichts zu sagen gewusst.

Ich sah Robin an, versuchte ein verständnisvolles, komplizenhaftes Lächeln. Wie er schaute! Es machte mich aggressiv. Ich ertrug es nicht. Sein muffiger Blick. Er war kein Rebell. Er war ein blöder Pubertierender, aber aus dem Alter sollte er eigentlich heraus sein.

Mein Sohn war die Wand, von der mein Missvergnügen zu mir zurückprallte.

Weißt du, sagte ich, nur um irgendetwas zu sagen: Es gibt Dinge, die kann man nicht machen, wenn man ihre Bedeutung kennt. Ein freier Mann darf zum Beispiel keinen Zopf tragen. Es gibt junge Menschen, die tragen ein Zöpfchen und halten sich für Rebellen. Aber der Zopf war das Symbol für den Adel. Deshalb nennt man ja alles Rückständige »verzopft«. Es war eine der großen Leistungen der bürgerlichen Gesellschaft, dass sie die alten Zöpfe abgeschnitten hat, buchstäblich und metaphorisch, und wer also heute einen Zopf –

Ich habe keinen Zopf, sagte er.

Ja. Ich sage nur. Oder Nasenringe. Das geht einfach nicht. Junge Menschen halten das für ein Symbol der Aufsässigkeit, aber es ist ein Symbol der Unterwerfung, es zeigt; Ich bin bereit, mich an der Nase herumführen zu lassen.

Siehst du bei mir ein Piercing? sagte Robin. Nicht in der Nase, und auch nicht –

Er streckte die Zunge heraus.

Ist ja gut, sagte ich. Du verstehst, was ich meine. Wer also kein Bär ist, sollte keinen Nasenring tragen. Was ich sagen wollte –

Der Kellner brachte die Speisekarten.

Was ich sagen wollte, ist: Wer nicht beim Ku-Klux- Klan ist, trägt keine Kapuze.

Wir öffneten die Speisekarten. Ich hatte mich nach einer halben Minute entschieden, aber Robin erweckte den Eindruck, als wollte er die Speisekarte auswendig lernen, inklusive der Jahrgänge der Flaschenweine.

Nach zehn Minuten fragte ich ihn; Weißt du schon?

Was?

Was du willst.

Weißt du, was du willst?

Ja, sagte ich.

Und bekommst du, was du willst?

Ich schaute ihn an. Da kam der Kellner. Ich bestellte. Robin sagte, er nehme das Gleiche.

Und zu trinken, fragte ich. Apfelsaft?

Du hast doch eine Flasche Wein bestellt.

Ja.

Ist gut.

Dazu eine große Flasche Wasser, sagte ich zum Kellner.

Ich nahm mir immer vor, in Restaurants vor dem Essen kein Brot zu essen, und konnte doch nie widerstehen. Robin versuchte, oder tat so, als versuchte er es, mit der Gabel eine Olive aufzuspießen, aber ständig sprang sie weg und rollte über den Teller, er stach zu, und die Olive sprang weg, ich mampfte Brot, das ich in Olivenöl tunkte, und sah mit wachsender Irritation zu, wie Robin immer wieder mit der Gabel auf die Olive einstach, die jedesmal unter der Gabel wegrollte.

Was machst du da? fragte ich.

Ich mache sie müde.

Lass den Unsinn, sagte ich. Wir müssen reden.

Worüber? Über das Taschengeld?

Er öffnete die Speisekarte und studierte sie wieder.

Ich habe dir etwas mitgebracht, sagte ich. Hier! Das Startpaket.

Ich legte es vor ihn hin. Eine in Plastik eingeschweißte Sammlung aller Euro- und Cent-Münzen, im Gegenwert von loo Schilling, in Summe also sieben Euro. Diese »Startpakete« wurden damals von den Banken ausgegeben, damit man sich schon vor dem 1. Januar mit diesen Münzen vertraut machen konnte.

Danke, sagte Robin. Weißt du, was Oma gesagt hat?

Nein. Was hat sie gesagt?

Dass du jetzt deinen Job verlieren wirst.

Warum?

Es steht ja jeden Tag in der Zeitung. Noch nie in der Geschichte gab es so fälschungssicheres Geld wie den Euro. Es wird jetzt lange kein Falschgeld mehr geben.

Warum? Es ist für Geldfälscher einfach eine neue Herausforderung.

Aber wozu soll man sich die Mühe machen, Geld zu fälschen, wenn es genügt, das Geld falsch umzurechnen?

Es gibt ein Gesetz, das das verbietet.

Und bist du dafür zuständig? Man wird Leute wie dich nicht mehr brauchen. Oma hat gesagt, man wird uns ganz offiziell betrügen, wir werden nicht auf Falschgeld, sondern auf das neue Geld hereinfallen. Wie bei der Währungsreform 1947.

Was weißt du von der Währungsreform 1947?

Was Oma erzählt hat.

Ich kannte mich jetzt überhaupt nicht mehr aus. Robin rebellierte gegen mich — aber mit Geschichten meiner Mutter!

Der Kellner brachte die Vorspeisensalate und wollte die Speisekarten mitnehmen.

Robin hielt die seine fest und sagte: Die brauche ich noch!

Was macht das Studium? fragte ich.

Geht so.

Das heißt?

Es war seltsam. Mein Sohn studierte Philosophie. Ich hätte das verstehen sollen. Oder gar Genugtuung empfinden. Aber ich verstand es nicht. Wir aßen den Salat.

Der Kellner servierte die Teller ab. Wieder wollte er die Speisekarte mitnehmen, aber Robin legte die Hand darauf; Nein, die brauche ich noch.

Also, sagte ich. Dein Studium! Welche Vorlesungen besuchst du?

Einführung in die Philosophie Eins. Einführung in Religionsphilosophie.

Religionsphilosophie? Ist das Pflicht?

Ja. Und Einführung in die Logik. Dann noch Politische Utopien, aber –

Politische Utopien?

Ja. Aber findet nicht statt.

Was heißt, findet nicht statt?

Was ich sage: war angekündigt, ich habe mich eingeschrieben, aber es findet nicht statt. Und dann noch Klimawandel.

Bitte was?

Klimawandel. Aus ethischer und wissenschaftsphilosophischer Sicht.

Was ist das?

Hauptvorlesung. Pflicht im ersten oder zweiten Semester.

Ich schüttelte den Kopf. Robin nahm die Speisekarte und steckte sie in seinen Rucksack. Der Kellner brachte die Pasta.

Ich bestellte immer etwas Vegetarisches, wenn ich Robin zum Essen traf. Er aß kein Fleisch. Und ich legte bei Tisch Wert auf Symmetrie. Mit jemandem zu essen sollte in jeder Hinsicht etwas Gemeinsames sein. Ich beobachtete ihn, wie er den Wein trank. Er hatte nicht viel Erfahrung mit Alkohol. Er trank den Wein wie einen Saft, hielt dann erschrocken inne und trank sehr viel Wasser nach. Die Pasta war grauenhaft. Dieses Gemüsesugo war viel zu fett. Ich nippte an meinem Wein, sah Robin an. Er aß mit Appetit. In seinem Alter hatte man noch einen guten Magen. Ich schob meinen Teller weg, wollte nicht aufessen.

Hat es geschmeckt?, fragte der Kellner, als er abservierte.

Ja, sagte ich. Ausgezeichnet.

Robin sah mich an und lachte.

Ich weiß genau, was du denkst, sagte ich.

Ist okay, sagte er.

Als Dessert hatten wir Zitronensorbet. Mit einem Schuss Champagner? Ich hatte erwartet, dass Robin ablehnen würde, aber er sagte: Ja, gerne.

Endlich schaute er mich an. Dass er mich so geradeheraus ansah, war mir jetzt genauso unangenehm wie sein gesenkter Blick am Anfang.

Weißt du, worauf ich jetzt Lust hätte?, fragte er.

Ich sah ihn an.

Auf einen Bummel.

Auf einen Bummel?

Ja. Hast du Lust? Wir gehen durch ein paar Lokale und –

Er trank den geschmolzenen Rest seines Sorbets.

Und nehmen überall die Karten mit.

Die Karten?

Ja. Die Speisekarten, die Getränkekarten. Und in einem Jahr wiederholen wir diese Runde und vergleichen die Preise.

Ich musste lachen. Er verarschte mich. Aber ich fand es witzig. Und es wurde witzig. Wir waren wie zwei Detektive, die Beweismaterial zusammentrugen. Gutbürgerliche Lokale bekamen die Aura suspekter Orte. Je später es wurde, desto zwielichtiger wurde das Feld, das wir durchkämmten. Wir sprachen nicht viel. Wir verstanden einander.

Ein dreiviertel Jahr später nahm ich das Angebot der Polizeidirektion an, mit großzügiger Abfindung und Sozialplan aus dem Polizeidienst auszuscheiden. Bald darauf, im Frühjahr 2003, fand ich eine Stelle bei einer privaten Detektiv-Agentur. Beim fünfunddreißigjährigen Jubiläum von 1968, einer riesigen Party im Wiener Rathaus mit dem Bürgermeister, dem Kulturstadtrat und dem Wissenschaftsminister, wurde ich als Held gefeiert: Ich bediente perfekt die romantischen Gefühle der Alt-Achtundsechziger, die in mir nun eine Art Philip Marlowe sahen, einen Aufklärer im doppelten Wortsinn.

Bei dieser Feier traf ich die frühere Freundin von Werner. Sie trug eine große rote Brille, durch die Augen voller Melancholie hervorschauten.

Ich glaube, Werner hätte die Welt heute nicht gefallen, sagte sie.

Ich weiß nicht, sagte ich. Ich glaube, dass jedem, der lebt, die Welt besser gefällt als einem Toten.

Robin gründete eine Facebook-Gruppe gegen den Euro-Umrechnungsbetrug, brach bald darauf sein Studium ab und fand eine Anstellung bei der Arbeiterkammer in der Abteilung für Konsumentenschutz.

Im Grunde ist er eine Art Polizist geworden. Konsumentenschützer. Ich werde das nie verstehen. Ich habe sein Philosophiestudium unterstützt. Aber er ist eine Art Polizist geworden.

Ich sitze an einem Schreibtisch in der behördlich konzessionierten Detektivagentur Fränzl. Es ist ein grauer Tag, dem Kalender nach ein Frühlingstag, ein Tag im Mai, aber einer von der Sorte, wie es sie in Wien auch im Herbst und Winter gibt. Einer jener Tage, die nicht einmal Liebende euphorisch machen, an denen kein Dichter Eindrücke ausdrückt, an denen diejenigen, die rasch mal Zigaretten holen gehen, wieder träge nach Hause zurückkehren, ein Tag, an dem die grauen Anzüge der Kleinbürger in der grauen Atmosphäre wie Tarnanzüge wirken. Ich tippe den Endbericht eines schon abgeschlossenen Falles, lästige Papierarbeit, die so grau ist wie das Licht hinter dem Fenster.

Noch sechs Jahre bis zur Rente.

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