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Als Markus Kellmer von der Arbeit nach Hause kam, fand er auf dem Teppich seines Wohnzimmers eine nackte Frau. Ihr zerzaustes Haar erinnerte ihn an die Art, wie er als Kind Krähennester oder Baumwipfel gezeichnet hatte, ihre Haut glänzte, als wäre sie glasiert, und als Markus sie vorsichtig auf den Rücken drehte, um sie anzusprechen und so vielleicht herauszufinden, wer sie war und was sie in seiner Wohnung suchte, stellte er fest, dass sie tot war.

Sofort ging er zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Eigentlich war es dafür viel zu früh, draußen war es noch hell. Der Frühling hatte gerade erst vor ein paar Tagen begonnen, und die Sonne würde erst in einer Stunde, so gegen sechs Uhr, untergehen. Vor wenigen Wochen war sie immer schon gegen vier Uhr verschwunden, doch jetzt hatten die Tage dazugelernt, hielten ihre Leuchtkraft immer länger aufrecht, und bald würden sie von der sommerlichen Glut abgelöst werden, die sie bereits jetzt in sich trugen.

In diesen milden Frühlingstagen waren die Strahlen der Nachmittagssonne immer die ersten, die ihn begrüßten, wenn Markus über die Schwelle seiner Wohnungstür trat. Sie nun auszusperren bereitete ihm Kopfschmerzen, ein Gefühl, als hätte der Raum Migräne. Aber er konnte wohl nicht anders, immerhin lag eine tote Frau in seiner Wohnung auf dem Boden. Die Haut rund um ihren Mund und ihre Nasenlöcher sah aus, als hätte sie jemand als Reibefläche für Streichhölzer verwendet. Markus hob die Leiche auf und setzte sie auf einen Sessel. Sofort fiel sie wieder herunter, ihre Gelenke waren wie Gelee, ihr Körper wie ein mit Flüssigkeit gefüllter Ballon. Er versuchte es noch einmal, aber sie blieb wieder nicht sitzen, sondern kippte vornüber, wie jemand, der sich plötzlich übergeben muss, und knallte mit dem Kopf voran auf den Parkettboden. Der laute Knall brachte Markus in die Realität zurück: Er ging unverzüglich zu seiner Stereoanlage und schaltete sie ein. Musik half ihm beim Nachdenken.

Er konnte die Leiche nicht einfach auf dem Boden liegen lassen, denn Leichen veränderten sich, ihre Oberfläche war nicht so stabil wie die lebender Menschen. Sie waren im Grunde nur mehr an einer einzigen Sache interessiert: an ihrer eigenen Auflösung. Um möglichst vollständig zu verschwinden, brauchten sie einen austauschfreudigen Untergrund, einen Waldboden etwa oder einen Sumpf. Etwas, mit dem sie langsam verschmelzen konnten. Hier allerdings gab es so etwas nicht, also musste er sich etwas einfallen lassen. Er nahm die Fernbedienung und schaltete die Musik lauter.

Ihm fiel ein, dass er vor kurzem ein großes Modellflugzeug aus Holz hinter seinem Heizkörper versteckt hatte. Das war letzte Woche gewesen, als ihn seine Eltern besuchten und er vermeiden wollte, dass sie das Modell zu Gesicht bekamen. Hinter dem Heizkörper war viel Platz, aber würde auch der Körper einer erwachsenen Frau in den Zwischenraum passen? Markus holte ein Maßband und vermaß die Leiche. Nun, es kam auf einen Versuch an.

Er mühte sich über eine halbe Stunde ab, aber am Ede schauten immer noch der Kopf und der halbe Oberkörper hervor. Trotzdem: ein Teilerfolg. Eine Weile saß Markus einfach nur da, lehnte sich gegen den Türrahmen und blickte ins Leere. Woran war die Frau wohl gestorben? Er hatte keine Würgemale oder Blutergüsse entdeckt. Was immer es gewesen war, ihr Körper schien dabei nicht verletzt worden zu sein. Vielleicht vergiftet. Oder eine natürliche Ursache. Aber sie war noch recht jung, Markus schätzte ihr Alter auf fünfundzwanzig bis dreißig.

Er stand auf, streckte sich. Nein, das sah furchtbar aus. Das Modellflugzeug war hinter dem Heizkörper sicher gewesen, aber die Leiche würde wirklich jeder sehen, der ins Zimmer kam. Er musste sich ein anderes Versteck überlegen.

Während er im Geist die verschiedenen Winkel seiner Wohnung durchging, zerrte er die Leiche hinter dem Heizkörper hervor. Da sie nackt war, beschädigte er sie durch sein ungeduldiges Ziehen und Zerren an manchen Stellen. Die Rillen des Heizkörpers durchschnitten die bleiche Haut, als wäre sie Butter. Doch es floss nur wenig Blut, denn das Herz schlug ja nicht mehr, die Blutgefäße standen nicht mehr unter Druck. Trotzdem blieben ein paar hässliche Flecken auf dem Boden und am Heizkörper selbst zurück. Markus ging ins Bad und holte einen nassen Lappen, mit dem er die Rillen reinigte. Es war jetzt Frühling, und wenn er die Körperflüssigkeit heute eintrocknen ließ, würde der Heizkörper im nächsten Winter, wenn er ihn wieder in Betrieb nahm, furchtbar zu stinken anfangen.

Er packte die Leiche an den Armen und schleifte sie zurück ins Vorzimmer. Wieder blieben dabei einige Spuren zurück, diesmal lange, rötliche Schleifspuren. Kopfschüttelnd ging er ins Bad, holte einen zweiten Lappen und machte sich ans Schrubben. Er war manchmal wirklich langsam im Kopf, geradezu träge. Damit so etwas nicht noch einmal passierte, wickelte er die Leiche in große Badetücher, von Kopf bis Fuß. So war es auch viel einfacher, sie über den Parkettboden zu ziehen.

Die Musik aus der Stereoanlage verstummte, und ein Sprecher erklärte, wie der Bass, das Schlagzeug und die Querflöte mit bürgerlichem Namen hießen.

Die Nacht über ließ Markus die eingewickelte Leiche in der Badewanne liegen. Am nächsten Tag verschlief er beinahe, weil er das Klingeln des Weckers im Traum für das traurige Abschiedsquaken eines Frosches hielt, der in einer kleinen Rakete in eine geostationäre Umlaufbahn um die Erde geschossen wurde. Ihm blieb gerade noch Zeit für ein leichtes Frühstück, dann nahm er den Bus zur Arbeit. Am späten Nachmittag kam er nach Hause zurück.

Schon beim Eintreten bemerkte er den Geruch. Er war nicht sehr stark, aber er war da. Er ging ins Badezimmer. Die Leiche lag da wie gestern Abend, nur auf dem Tuch, das ihr Gesicht bedeckte, hatte sich ein Fleck gebildet, der in seiner Form ein wenig an ein Ahornblatt erinnerte.

Der Tag im Büro war anstrengend gewesen, und normalerweise hätte Markus liebend gerne ein Bad genommen, sich im warmen Wasser ausgestreckt, mit den Zehen gewackelt und alle Sorgen, die in seinem Kopf herumschwirrten, im knisternden Schaumgebirge langsam untergehen lassen. Heute hielt er es ja vielleicht noch aus, auf dieses tägliche Reinigungsritual zu verzichten, aber als Dauerlösung war dieser Zustand sicher nicht zu ertragen. Im Grunde wurde er schon jetzt nervös. Er zerrte die Leiche aus der Badewanne, rollte sie ins Nebenzimmer und spülte die Wanne mit der Brause sauber. Er verbrauchte fast die ganze Flasche Fliesenreiniger, bis er endlich das Gefühl hatte, ohne größere Ekelgefühle nackt in die Wanne steigen zu können.

Doch bevor er ein Bad nahm, machte er sich daran, die Leiche in den teilweise leeren Kleiderschrank zu stellen, der in seinem Arbeitszimmer stand. Merkwürdig, dass er daran nicht schon früher gedacht hatte. Immerhin hatte er in dem Kleiderschrank schon einmal eine ganze Garnitur aufgerollter Rollos untergebracht (wie Dynamitstangen hatten sie ausgesehen, mit der weißen Schnur, die am oberen Ende herausragte). Die Leiche passte gut in den Schrank, aber wenn Markus versuchte, die Tür zu schließen, kippte sie jedes Mal vornüber heraus, und er musste sie auffangen. Wie bei einer Wiederbegegnung nach sehr langer Zeit fiel sie ihm um den Hals. Schließlich fixierte er ihre Handgelenke mit Klebestreifen innen an der Schrankwand und überklebte auch den Lüftungsschlitz im Boden mehrfach, bis er das Gefühl hatte, so könnte das Ganze zumindest für ein paar Tage gehen.

Er war gerade mal drei Minuten im Badezimmer und spielte mit dem Duschkopf, als er den Aufschlag hörte. Er stellte das Wasser ab und lauschte. Alles ruhig, aber es half nichts, er ahnte schon, was passiert war. Halb nackt ging er aus dem Bad zurück in sein Arbeitszimmer.

Der Anblick der Frau, die in furchtbarer Verrenkung halb noch im Schrank, halb davor lag, war so lächerlich, dass Markus eine Art brüllendes Niesen von sich gab, verursacht nicht durch eine Überreizung seiner Nasenschleimhäute, sondern seines Vorstellungsvermögens.

Bevor er sie hochheben konnte, musste er sie erst einmal auseinanderfalten, ja, tatsächlich auseinanderfalten, denn sie hatte – mein Gott, nicht einmal ein Schlangenmensch hätte für eine solche Körperhaltung etwas übrig gehabt. Aber es war eine Leiche, sagte er sich, nichts Lebendiges. Da durfte man nicht dieselben Maßstäbe anlegen.

Vielleicht war es ja besser, wenn er die Leiche so ließ, wie sie war, ein zusammengeballtes Durcheinander von Armen und Beinen und einem an mehreren Stellen bereits aus den Nähten platzenden Rumpf. Der Transport war auf alle Fälle leichter, aber natürlich nahm sie so mehr Platz weg als im auseinandergefalteten Zustand.

Der Teppich in Markus’ Wohnzimmer war einer der altehrwürdigen Sorte. Er hatte schon viele Generationen getragen, das Getrappel von Kinderfüßen war auf ihm zu den schweren Tritten des Alters und der Verantwortung herangewachsen, er hatte Brautpaare und Trauergäste in Empfang genommen, sein Muster hatte den geometrischen Sinn von rund zwanzig Menschen oder vielleicht sogar mehr beschäftigt, er hatte Weltkriege überstanden und Zeiten der Euphorie und des inspirierten Chaos, kurz – es war ein Teppich, unter den man nicht einfach so eine Leiche schob.

Markus wusste das. Er wusste das alles und trotzdem – es fiel ihm keine andere Lösung ein. Alles hatte er versucht, den Kleiderschrank, den Heizkörper, die Badewanne. Außer die Leiche zu packen und Beine über Hals über Kopf aus dem Fenster zu werfen, blieb ihm nicht mehr viel übrig. Außerdem drängte die Zeit.

Mit beiden Händen hob er den schweren Teppich hoch und schob und trat mit seinen Füßen die Leiche auf den Bereich der etwas blasseren Bodenbretter. Diese von Licht und Menschen unberührt gebliebenen Bretter waren mit Sicherheit der verletzlichste, intimste Teil der Wohnung. Es dauerte eine Weile, aber schließlich hatte er die Leiche an die richtige Stelle geschoben und breitete den Teppich über sie aus. Das Gefühl, als das schwere, dichte, nach Vergangenheit und Schuhleder riechende Gewebe sich ganz um den Fremdkörper legte und ihn quasi wegzauberte, war eines großer Erleichterung. Fast hätte Markus laut in die Hände geklatscht.

Der neue Teppichhügel sah ein wenig aus wie das dreidimensionale Modell einer topografischen Karte. Die Erhöhungen, die der Körper der Leiche verursachte, korrespondierten durch Zufall genau mit dem konzentrischen Muster des Teppichs. So lagen die dunkelsten Bereiche auf dem geografisch höchsten Punkt (der Schulter, die immer ein wenig nach oben ragte, wenn die Leiche auf dem Rücken lag). Das Ganze wirkte fast, als wäre es absichtlich so arrangiert worden, zum Zweck der leichteren Orientierung.

Diese Lösung war zweifellos die beste bisher. Das einzige Problem war, über die Leiche hinwegzusteigen, denn ständig kam man auf dem aufgebäumten Teppich ins Straucheln. Also rückte Markus seinen großen Schreibtisch, der sowieso nie für etwas Sinnvolles genutzt wurde, aus dem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer, bis er genau über dem Teppichgebirge stand. So würde er wenigstens nicht mehr stolpern. Und der Tisch stand hier, mitten im Raum, zwar nicht sehr vorteilhaft, aber vielleicht würde er sich jetzt öfter an ihn setzen und an seinen kleinen dichterischen Versuchen weiterarbeiten, die ihm ebenso leicht von der Hand gingen, wie sie ihm Kummer bereiteten angesichts ihrer offensichtlichen Zwecklosigkeit.

Es sah gar nicht übel aus. Ein kleiner Hügel mitten im Raum – und darüber ein Tisch. Wenn er den Tisch nicht mit beschriebenen Blättern überfluten konnte, würde er einfach irgendwann ein langes Tuch darüberbreiten, eines, das bis zum Boden reichte.

Erledigt, dachte Markus und ging in die Küche. Auf die erfolgreich überstandenen Strapazen der letzten beiden Tage musste er unbedingt anstoßen. Nach einigem gedankenverlorenen Etikettenlesen entschied er sich für einen Cabernet Sauvignon, eine Flasche mit dunkelrotem Inhalt.

Erst als er schon zurück im Wohnzimmer war, wo der Tisch nun eine unübersehbar zentrale Position einnahm und dem Zimmer einen neuen emotionalen Schwerpunkt verlieh, bemerkte er, dass er zwei Weingläser mitgenommen hatte. Bei jedem Schritt klirrten sie leise aneinander im sanften Griff seiner Finger, mit dem er ihre dünnen, gläsernen Hälse umfasste.


*This story is taken from: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes by Clemens J. Setz. © Suhrkamp Verlag Berlin 2011.

*Image: Fábio Magalhães.

 

Die folgende Geschichte ist so wahr, wie etwas aus der Welt des Wissens, wie etwas aus dem Reich der toten für unsereins nur wahr sein kann. Zwar nicht derselbe Wandschirm, aber doch ein Wandschirm gleicher Bauart steht im Sanitäts- und Heilkundemuseum Wien. Die einschlägigen Klingelknöpfe kann man noch heute, nach über acht Jahrzehnten, bei Techniktrödlern nicht bloß in Österreich, sondern vielerorts in unserem glücklich neuerstandenen Mitteleuropa finden und für wenig Geld erwerben.

Hinter dem Wandschirm, hinter Wachstuch und weißgebeiztem Weidenholz, den grauhaarigen Schädel armtief unter dem Klingelknopf, liegt in der Nacht, in der die Anekdote spielt, ein über sechzig Jahre alter, ein damals bereits renommierter, in Bälde berühmter, ein heute, lang nach seinem Tode, weiterhin vielgepriesener, ein nun an diesem lauen Wiener Frühlingsabend frisch operierter Mann. Er röchelt leis. Er weiß: Bereits im Lauf der Nacht soll er, nach drei, vier Ruhestunden, in familiäre Pflege entlassen werden.

Dass man ihn provisorisch abgestellt hat, dass er in einer Rumpelkammer liegt, kümmert und kränkt ihn nicht. Er weiß, aus eigener Arbeit, wie es in Krankenhäusern zugeht und wie wenig dort bisweilen Privilegien gelten, wenn etwas schnell und praktisch geregelt werden muss. Sein Abgestelltsein ist schlicht den Umständen des ambulanten Eingriffs zuzuschreiben. Er selber hat im Voraus darauf bestanden, möglichst bald mit dem Automobil nach Hause überstellt zu werden.

Er röchelt, hustet und schluckt frisches Blut. Es ist das Blut der tief in seinen Mund geschnittenen Wunde. Ein ihm freundschaftlich verbundener Professor, ein Mann seines Vertrauens, ein Routinier der allgemeinen Chirurgie, hat ihm eine den geliebten Zigarren geschuldete Geschwulst entfernt. Die reichte weiter ins Gewebe als zunächst angenommen. Und auch die Folgen seines Immer-tiefer-Schneidens hat der Meister der Skalpelle nicht ganz richtig eingeschätzt. Vom Blutverlust elend geschwächt, von Ohnmacht bedroht, begreift der Operierte, der alleingelassene, allmählich den Ernst der Lage. Denn er ist selber Arzt, selber Professor.

Die Blutung droht, ihn umzubringen. In einem wahren Willensakt, in einer letzten Kraftanstrengung quält er den rechten Arm nach oben, fingert über die ölfarbenglatte Wand, ertastet den Klingelknopf, presst dessen Bakelit. aber der Knopf ist tot. Die Blechzunge, die den Kontakt zwischen den Drähten schließen soll, ist tags zuvor beim Alarmruf eines anderen hier abgestellten entzweigebrochen. Jenem uns unbekannten anderen wurde binnen einer Minute beigestanden; unserem stummen, großen Notfall schwappt indes der Lebenssaft mörderisch hoch im Rachen. Die Kehle, zu schwach zum Rufen, kommt eben noch mit Schlucken nach. Ersticken oder Verbluten. Vergeblich versucht der schwindelige Doktor, der längst in eine selbsterfundene Wissenschaft entlaufene einstige Mediziner, sich aufzurichten, dann, ebenso vergeblich, sich umzudrehen. Den zuständigen Muskeln fehlt es bereits an Kraft. Bloß seine Augen schwenken noch gehorsam über den dunklen Plafond und dann zum Paravent und sehen Jodi um die Wachstuchkante lugen.

Jodi sabbert. Jodi sabbert wie stets, der kleine Jodi sabbert – er kann nicht anders! – mehr als nur ein bisschen. Jodi kratzt sich, weil er das gern tut, an seinem großen, akkurat kahl geschorenen Kopf. Er lässt den Speichelfaden länger werden und guckt und horcht. Am Gaumen gluckst das Blut. Wer weiß, was Jodi denkt. ach, allenfalls kann unsereiner heute wissen: Der kleinwüchsige, schmalbrüstige Jodi hat lang schon innigen Umgang mit der Herzenspraxis moderner Wissenschaft, mit ihrem Tun am Leibe. Sein ganzes bisheriges Leben, alle dreiunddreißig Jahre, ist er nicht aus dem allgemeinen Krankenhaus zu Wien hinausgekommen. Die Ordensschwestern haben ihn als Säugling in ihre Obhut übernommen, nachdem ihm seine Mutter, eine ungemein grazile ungarische Hochseilballerina – kaum größer als die Kollegen aus dem Reich Liliput! –, mitten in der Mühsal des Gebärens und Geborenwerdens sang- und klanglos weggestorben war.

Der blutschluckende Professor, unser würgender Wiener Psycholog, erkennt selbstredend auf den ersten Blick, welchen Typus der Zwergenwüchsigkeit er vor Augen hat.

Er denkt an Imbezillität, er denkt «Kretin», er denkt in einer Art von Zwang an hoffnungslosen Schwachsinn und wortlos blödes Lallen und zeitgleich an den Fortschritt des Geistes, der hier, in dieser Rumpelkammer, als gelte es, einen albtraumhaft exquisiten Witz zu reißen, synchron mit ihm die Luft anhält.

Die Kammer ist Jodis Reich. hier hat der feingliedrige, dickschädelige Jodi, seit er sich selber an- und ausziehen kann, inmitten eines Sammelsuriums aus abgestelltem Kram, hinter einem der Rollschirme sein Bettchen. hier steht der Stuhl, über dessen lehne Jodi Hemd und Hose breitet. hier ruht im hübsch geschwungenen Gestell die Schüssel, mit deren Wasser er sich abends den Rotz vom Näschen und den Sabber von den stummen Lippen wäscht. hier schlummert Jodi und träumt Jodis träume, nachdem er – kindisch übereifrig, unermüdlich fleißig, Gang auf, Gang ab – beim Putzen, Räumen und Bettenbeziehen mitgeholfen hat.

Wer weiß, was unser Jodi denkt. Der alte Grauschopf denkt noch einmal in einem atemlosen Kreisschluss an die kaputte Klingel und an die hochspezielle Verhöhnung, die ihr Defekt-Sein nun für ihn und seine junge Lehre darstellt, als sich schon Jodis Linke in schweißverklebte Haare schiebt, als Jodis Rechte unter eine Achsel schlüpft, ein nasses Hemd fest fasst und alle zehn Jodi-Finger – der Speichel sprüht von Jodis Mund! – einen Kopf und einen Oberkörper in die Seitenlage ziehen. Erlöst würgt der Erkenner, der Deuter, der Begründer eines langlebigen Kults sein Blut über den Rand der Liege auf das Linoleum des Abstellraums. Es platscht! Es platscht so herrlich laut, dass wir es alle platschen hören.

Und dann saust unser Jodi los. Er spurtet schnurstracks Hilfe holen. In einem schönen hohen Bogen fliegt dem Rennenden der Schaum vom Mund. Jodi eilt weg, den Gang hinunter, wird gleich eine seiner weißbehelmten Schwestern am Ärmel zupfen, wird sie, weil sie sein Wollen nicht kapiert, am steifgestärkten Ärmel in seine Kammer zerren und mit ihr in der klebrigen Lache vor dem nun glücklich sorglos ohnmächtig Gewordenen stehen.

Herr Doktor Sigmund Freud wurde gerettet, wurde in Folge noch mehrmals an Gaumen und Kiefer operiert und lebte, mit wechselnden Prothesen in Mund und Rachen und an zahllosen Zigarren saugend, weitere anderthalb Jahrzehnte für das Wachsen und Gedeihen seiner Werke. Solange deren Worte Wahrheit stiften, so lang wird unser kleiner Jodi rennen, werden die krummen Beinchen Jodis wackeln, trommelt das Leder seiner blank gewetzten Sohlen auf Stein, Parkett, Linoleum – nicht länger, aber doch genauso lang soll Jodis Speichelfaden, soll dessen blasige Spur durch alle Sätze dieser Zwergenanekdote perlen.


*This story is taken from: Die Logik der Süße by Georg Klein. Copyright © 2010 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

»Ich will nichts mehr wissen «, sagte der Mann, der nichts mehr wissen wollte.

Der Mann, der nichts mehr wissen wollte, sagte: »Ich will nichts mehr wissen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Und schon läutete das Telefon.

Und anstatt das Kabel aus der Wand zu reißen, was er hätte tun sollen, weil er nichts mehr wissen wollte, nahm er den Hörer ab und sagte seinen Namen.

»Guten Tag«, sagte der andere.

Und der Mann sagte auch: »Guten Tag.«

»Es ist schönes Wetter heute«, sagte der andere.

Und der Mann sagte nicht: »Ich will das nicht wissen«, er sagte sogar: »Ja sicher, es ist sehr schönes Wetter heute.«

Und dann sagte der andere noch etwas.

Und dann sagte der Mann noch etwas. Und dann legte er den Hörer auf die Gabel, und er ärgerte sich sehr, weil er jetzt wußte, daß es schönes Wetter ist.

Und jetzt riß er doch das Kabel aus der Wand und rief: »Ich will auch das nicht wissen, und ich will es vergessen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Denn durch das Fenster schien die Sonne, und wenn die Sonne durch das Fenster scheint, weiß man, daß schönes Wetter ist. Der Mann schloß die Läden, aber nun schien die Sonne durch die Ritzen.

Der Mann holte Papier und verklebte die Fensterscheiben und saß im Dunkeln.

Und so saß er lange Zeit, und seine Frau kam und sah die verklebten Fenster und erschrak. Sie fragte: »Was soll das?«

»Das soll die Sonne abhalten«, sagte der Mann.

»Dann hast du kein Licht«, sagte die Frau.

»Das ist ein Nachteil«, sagte der Mann, »aber es ist besser so, denn wenn ich keine Sonne habe, habe ich zwar kein Licht, aber ich weiß dann wenigstens nicht, daß schönes Wetter ist.«

»Was hast du gegen das schöne Wetter?« sagte die Frau, »schönes Wetter macht froh.«

»Ich habe«, sagte der Mann, »nichts gegen das schöne Wetter, ich habe überhaupt nichts gegen das Wetter. Ich will nur nicht wissen, wie es ist.«

»Dann dreh wenigstens das Licht an«, sagte die Frau, und sie wollte es andrehen, aber der Mann riß die Lampe von der Decke und sagte: »Ich will auch das nicht mehr wissen, ich will auch nicht mehr  wissen,  daß man das Licht  andrehen kann.«

Da weinte seine Frau.

Und der Mann sagte: »Ich will nämlich gar nichts mehr wissen. «

Und weil das die Frau nicht begreifen konnte, weinte sie nicht mehr und ließ ihren Mann im Dunkeln.

Und da blieb er sehr lange Zeit.

Und die Leute, die zu Besuch kamen, fragten die Frau nach ihrem Mann, und die Frau erklärte ihnen: »Das ist nämlich so, er sitzt nämlich im Dunkeln und will nämlich nichts mehr wissen. «

»Was will er nicht mehr wissen? « fragten die Leute, und die Frau sagte:

»Nichts, gar nichts mehr will er wissen.

Er will nicht mehr wissen, was er sieht – nämlich wie das Wetter ist.

Er will nicht mehr wissen, was er hört – nämlich was die Leute sagen.

Und er will nicht mehr wissen, was er weiß – nämlich wie man das Licht andreht.

So ist das nämlich«, sagte die Frau.

»Ah, so ist das«, sagten die Leute, und sie kamen nicht mehr zu Besuch.

Und der Mann saß im Dunkeln.

Und seine Frau brachte ihm das Essen.

Und sie fragte: »Was   weißt du nicht mehr?«

Und er sagte: »Ich weiß noch alles«, und er war sehr traurig, weil er noch alles wußte.

Da versuchte ihn seine Frau zu trösten und sagte: »Aber du weißt doch nicht, wie das Wetter ist.«

»Wie es ist, weiß ich nicht«, sagte der Mann, »aber ich weiß es immer noch, wie es sein kann. Ich erinnere mich noch an Regentage, und ich erinnere mich an sonnige Tage. «

»Du wirst es vergessen«, sagte die Frau.

Und der Mann sagte:

»Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.«

Und er blieb im Dunkeln, und seine Frau brachte ihm täglich das Essen, und der Mann schaute auf den Teller und sagte:

»Ich weiß, daß das Kartoffeln sind, ich weiß, daß das Fleisch ist, und ich kenne den Blumenkohl; und es nützt alles nichts, ich werde immer alles wissen. Und jedes Wort, das ich sage, weiß ich.«

Und als seine Frau ihn das nächste Mal fragte: »Was weißt du noch?« da sagte er:

»Ich weiß viel mehr als vorher, ich weiß nicht nur, wie schönes Wetter und wie schlechtes Wetter ist, ich weiß jetzt auch, wie das ist, wenn kein Wetter ist. Und ich weiß, daß, wenn es ganz dunkel ist, daß es dann immer noch nicht dunkel genug ist.«

»Es gibt aber Dinge, die du nicht weißt«, sagte seine Frau und wollte gehen, und als er sie zurückhielt, sagte sie: »Du weißt nämlich nicht, wie ›schönes Wetter‹ auf chinesisch heißt«, und sie ging und schloß die Tür hinter sich.

Da begann der Mann, der nichts mehr wissen wollte, nachzudenken. Er konnte wirklich kein Chinesisch, und es nützt ihm nichts, zu sagen: »Ich will auch das nicht mehr wissen«, weil er es ja noch gar nicht wußte.

»Ich muß zuerst wissen, was ich nicht wissen will«, rief der Mann und riß das Fenster auf und öffnete die Laden, und vor dem Fenster regnete es, und er schaute in den Regen.

Dann ging er in die Stadt, um sich Bücher zu kaufen über das Chinesische, und er kam zurück und saß wochenlang hinter diesen Büchern und malte chinesische Schriftzeichen  aufs Papier.

Und wenn Leute zu Besuch kamen und die Frau nach ihrem Mann fragten, sagte sie: »Das ist  nämlich so, er  lernt jetzt Chinesisch, so ist das nämlich. «

Und die Leute kamen nicht mehr zu Besuch.

Es dauert aber Monate und Jahre, bis man das Chinesische kann, und als er es endlich konnte, sagte er:

»Ich weiß aber immer noch nicht genug.

Ich muß alles wissen. Dann erst kann ich sagen, daß ich das alles nicht mehr wissen will.

Ich muß wissen, wie der Wein schmeckt, wie der schlechte schmeckt und wie der gute.

Und wenn ich Kartoffeln esse, muß ich wissen, wie man sie anpflanzt.

Ich muß wissen, wie der Mond aussieht, denn wenn ich ihn sehe, weiß ich noch lange nicht, wie er aussieht, und ich muß wissen, wie man ihn erreicht.

Und die Namen der Tiere muß ich wissen und wie sie aussehen und was sie tun und wo sie leben. «

Und er kaufte sich ein Buch über die Kaninchen und ein Buch über die Hühner und ein Buch über die Tiere im Wald und eines über die  Insekten.

Und dann kaufte er sich ein Buch über das Panzernashorn.

Und das Panzernashorn fand er schön.

Er ging in den Zoo und fand es da, und es stand in einem großen Gehege und bewegte sich nicht.

Und der Mann sah genau, wie das Panzernashorn versuchte zu denken und versuchte, etwas zu wissen, und er sah, wie sehr ihm das Mühe machte.

Und jedesmal, wenn dem Panzernashorn etwas einfiel, rannte es los vor Freude, drehte zwei, drei Runden im Gehege und vergaß dabei, was ihm eingefallen war, und blieb dann lange stehen – eine Stunde, zwei Stunden ­ und rannte, wenn es ihm einfiel, wieder los.

Und weil es  immer ein kleines bißchen zu früh losrannte, fiel ihm eigentlich gar nichts ein.

»Ein Panzernashorn möchte ich sein«, sagte der Mann, »aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.

Dann ging er nach Hause  und dachte an sein Nashorn.

Und er sprach von nichts anderem mehr.

»Mein Panzernashorn«, sagte er, »denkt zu langsam und rennt zu früh los, und das ist recht so«, und er vergaß dabei, was er alles wissen wollte, um es nicht mehr wissen zu wollen.

Und er führte sein Leben weiter wie vorher.

Nur, daß er jetzt noch Chinesisch konnte.


*This story is taken from: Kindergeschichten by Peter Bichsel. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997.

*Bild: Joana Keler

Bei mir, in meiner Wohnung, in diesen drei aufgeräumten und hübsch hergerichteten Zimmern, die mein und ausschließlich mein Eigentum sind, wohnt ein kleines Kind und quält mich. Ich bekomme es nicht los, zu sehr sind wir inzwischen verbunden. Doch würde ich es gerne packen, dieses kleine, viel zu leichte, fast verschwindende Kind – ich würde es gerne packen und vor die Tür setzen oder noch lieber mit ganzer Kraft gegen meine weiße Wand schmeißen, um zu sehen, um auch ganz sicher zu sein, dass und wie es daran zerschmettert.

Doch bringe ich es nicht übers Herz. Seit das Kind bei mir wohnt, aus meinen Tassen trinkt, sich in die hinterste Ecke meines Bettes wühlt oder milchschlürfend auf meinem Fenstersims in der Küche sitzt, dabei mit den Beinen baumelnd auf mich guckt und nur guckt und nichts, kein Wort zur Aufklärung des Umstands von sich gibt und ich es dann – zu oft, es kam leider zu oft vor, vier oder fünf mal mögen es gewesen sein – ich es also dann aus lauter Verzweiflung heraus anschreie, zu ihm vordringen will, indem ich brülle „geh, verschwinde, lass‘ mich endlich in Ruhe!“, es ruhig sitzen bleibt und kaum eine Miene verzieht, allenfalls leise in sich hinein lacht – seither quäle ich mich und bringe es nicht übers Herz dieses schreckliche Kind aus meiner Wohnung zu verbannen. Dafür gibt es Gründe.

Das Kind war eines Tages plötzlich da und hockte im Wohnzimmer hinter der Tür. Es zwirbelte unaufhörlich in seinem zotteligen, schwarzen Haar, das große Teile der durchscheinenden Gesichtshaut verbarg. Sofort sah ich, dass es Hilfe brauchte und wollte uns nicht mit unnötigen Fragen aufhalten.  Es zitterte am ganzen Leib und trug verschlissene Kleidung. Ich hob es hoch und sofort packten mich die Hände dieses unterernährten Körpers und griffen nach meinen Schultern, die Kraft, die es mit seinen ausgezehrten Gliedmaßen zu entfalten in der Lage war, verblüffte mich. Dabei ließen die großen schwarzen Augen keine Sekunde von mir ab, sie starrten mich an, einen kurzen Augenblick fühlte ich mich, als wolle das Kind in mich hinein klettern, doch war keine Zeit für weitere Überlegungen oder Befragungen, denn das Kind musste schließlich versorgt werden!

Wirklich, ich befürchtete, es könne sonst jede Minute vor meinen Augen in sich zusammen fallen. Der kleine Körper war ausgekühlt, das Hemd an den Schultern durchgescheuert, darunter sah ich wunde Haut, die rot und offen vor mir lag. Ich trug es also in mein Badezimmer, wobei es mich, unablässig und ohne ein Wort zu sagen, ansah und mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand an dem losen Faden eines Knopfes an der Brusttasche meines Hemdes riss.

Ich setzte es auf einem Hocker ab und ließ die Wanne volllaufen. Es dampfte und die Kacheln beschlugen. Das Kind hatte die Knie angezogen, den Kopf hielt es geduckt und sah meinen Vorbereitungen nach. Ein Bad war aber notwendig. Um die wunden Stellen, die schrecklich gebrannt haben müssen, tat es mir leid, es tat mir wirklich leid, fast möchte ich sagen, dass es mir weh tat — der Blick des Kindes war kaum auszuhalten. Ich vermied deswegen, es anzusehen und beeilte mich die Wunden danach mit einer Salbe zu versorgen und verband sie auch. Das Kind sollte nun schlafen.

Ich richtete ihm ein Bett, ein wirklich komfortables und wärmendes Bett im Wohnzimmer her. Während ich das Laken spannte, beschloss ich, dass wir am nächsten morgen Gelegenheit haben würden, alle wichtigen Fragen zu besprechen. Das Kind stand die ganze Zeit über hinter mir, leicht schräg guckte es hinter meinem Bein hervor, an dem es sich fast festhielt. Ich nahm das Kind und deckte es zu. Bevor ich das Zimmer verließ, vergewisserte ich mich, ob nicht von irgendwoher ein kalter Luftzug kommen könnte, ich lief deswegen mehrmals durch den Raum. Es hatte durchaus etwas schönes, nun in Gesellschaft zu sein, dachte ich bei mir und erkundigte mich, ob es noch weitere Decken, vielleicht sogar eine Wärmflasche benötigte. Doch das Kind saß nur da, aufrecht und an die kalte Wand gedrängt. „Was hast du? Brauchst du noch irgendetwas? Möchtest du vielleicht doch noch mal zur Toilette? Du musst nur Bescheid sagen, ich werde versuchen, dir in allen Angelegenheiten behilflich zu sein. Aber bitte, sag mir doch, was du hast! Warum guckst du so, worum geht es denn?“

Das Kind saß weiter still da. Um seine Mundwinkel herum bildete sich ein kleines Lächeln. Es folgte mir mit den Augen, es schlug die Lider mit den Sekunden nieder und es vergingen so Minuten. Ich begann zu verstehen.

Ich verstand, dass dieses Kind ganz offensichtlich auf meine Bemühungen herunter sah. Dieses kleine Bündel, das sich mir ungefragt überantwortet hatte, dass wirklich die Stirn hatte, mich, meine Zeit und meine Wohnung einzunehmen — oder besser: zu besetzen, eben weil es ein so scheinbar hilfloses Bündel war — es sah es auf mich herunter und lachte mich aus. Es lachte nicht ganz mit dem Gesicht, dort lächelte es nur. Innerlich aber lachte es über mich, daran war überhaupt kein Zweifel. Das Kind lachte mit der ganzen Verachtung, die ein Mensch nur aufbringen kann, wenn er damit seit jeher geschlagen wurde.  Ich lief so schnell ich konnte aus dem Zimmer und wünschte eine gute Nacht. Doch das Kind schlief nicht.

Das Kind schläft niemals. Es guckt nur.

Ich legte mich also in mein Bett, löschte das Licht und wollte, wie ich es für gewöhnlich am Ende eines jeden Tages tue, die Augen schließen und schlafen. Aber ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, ich schwitze und schlug die Decken zur Seite. In meinen Beinen drehte sich das Blut. Ich legte mich dann auf den Bauch, was sonst nicht vorkommt. Ich schlug die Augen auf und sah an die Decke. Dann blickte ich zur Seite und da war das Kind.

Es stand neben meinem Bett und sah auf mich herunter. Ich richtete mich auf.

„Was ist denn nun schon wieder? Du kannst also nicht schlafen. Aber ich brauche meinen Schlaf! Wenigstens in der Nacht musst du mich in Ruhe lassen! Du wirst doch wohl einsehen, dass es für mich unmöglich ist, auch nur ein Auge zu zu tun, wenn du neben mir stehst und auf mich herunter siehst! Was bezweckst du damit? Sag — was gibt es da zu lachen? Du lachst wohl über meine Gewohnheit, so zeitig ins Bett zu gehen und nur auf dem rücken zu schlafen – liege ich da richtig? Dazu kann und will ich dir sagen, dass es mir ganz egal ist, was du darüber denkst! Ich bin nun mal mit einem verantwortungsvollen Posten beauftragt, für den ich ausgeruht sein muss, damit mir keine Fehler unterlaufen. Nie! Nie, hörst du, ist mir in meiner bisherigen Laufbahn, in diesen 15 Jahren, die ich nun für die Firma im Dienst bin, auch nur ein größerer Fehler unterlaufen und das führe ich sehr wohl auf meine gesunde Lebensführung zurück! Deswegen: ich muss jetzt wirklich schlafen“

Ich hatte mich inzwischen im Bett aufgestellt, um dem Kind, die Hände in die Hüften gestützt, meinen Standpunkt ein für alle mal klar zu machen. Vor dem Fenster fuhr ein Auto vorbei, das Scheinwerferlicht brach sich an den Jalousien, fiel streifenweise in mein Schlafzimmer und beleuchtete für einen kurzen Moment das Kind. In diesem Licht sah ich, wie es wie ich ebenfalls die Hände in die Hüften stützte, den Bauch nach vorne schob und damit auf lächerliche Weise wippte, um mich, und was das angeht bin ich mir sicher, auf gemeine und hinterlistige Weise nach zu machen.

„Das findest du jetzt wohl besonders komisch, richtig? Du scheinst zu glauben, dass du mich damit verunsichern kannst, doch das tust du nicht! Ich habe mir in keiner Hinsicht etwas vorzuwerfen und ich habe auch nicht im entferntesten einen Grund, anzunehmen, dass du dazu das Recht haben könntest! Es ist nämlich überhaupt nicht so, wie du denkst. Ich bin ganz anders, als du es mir unterstellst. Warte nur! Du wirst nun schleunigst in dein Bett im Wohnzimmer gehen, derweil ich mir noch einen tee zubereiten werde, um dann endlich zu schlafen. Los ins Bett!“

Ich stieg vom Bett herunter und ging mit großen schritten zur Küche. Das Kind sprang mir hinterher und krallte sich in die Hose meines Schlafanzugs, den ich deswegen beim gehen fast verloren hätte. Als ich mich das nächste Mal umblickte, sah ich das Kind schon auf dem Fenstersims sitzen.

In jener Nacht ließ mich das Kind überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Wir verbrachten sie gemeinsam in der Küche und rührten in Tassen, wir gingen auf dem schmalen Flur auf und ab, wir machten alles gleich bis es hell wurde und darüber hinaus. Das Kind wich nicht von meiner Seite.

In den Folgetagen lernte ich es dann in seiner ganzen Abscheulichkeit und Schlechtheit kennen. An Besuch war nicht zu denken, denn das hätte das Kind nicht ausgehalten. Diesem Kind, so dachte ich, so sprach es aus jedem seiner Blicke, fehlt etwas in seinen Augen, die tief in seinem Kopf, diesem mageren Schädel, lagen und immer noch liegen. Der Mund stand fast immer offen, denn das Kind hatte immer Hunger. Es verschlang alles, was es zwischen seine knochigen Finger bekam. Das Kind wurde nie satt und es nahm auch nicht an Gewicht zu, obwohl das  am dringendsten gewesen wäre. Mir blieb nichts anderes übrig, als es reichlich mit essen zu versorgen und ich gab mir damit die allergrößte mühe. Ich bereitete ihm jedes Essen zu, von dem ich dachte, dass es ihm schmecken und vor allem seinen Hunger stillen könnte. Das Kind nahm alles hastig in sich auf. Es saugte den Knochen die Reste weg, es leckte die Teller aus und es blieb nie etwas über und es war niemals genug. Wenn ich nicht hinsah, wenn ich nur einen Augenblick unachtsam war, wollte es mir gleich ganz die Schränke leer räumen. Einmal kam ich in die Küche und da saß es auf, fast in dem Brotkasten. Es lauerte und ich sah in seinen Augen, diesen Löchern voll schwarz, dass es mich am liebsten anspringen wollte. Wie ein kleiner Affe wollte es an meinen Kopf springen und mich dort umklammert halten.

 

Seit das Kind bei mir wohnte und einfach nicht weg ging, fragte ich mich nun immer wieder, was mit diesem Kind nur passiert sein musste, dass es so ausgehungert war. Ich fragte mich, was es nur seien könne, das diesem Kind fehlte.

Warum bist du nur so ausgehungert, fragte ich also ganz ohne bösen Willen. Das Kind antwortete nicht. Es lächelte nur spöttisch, kauerte sich noch mehr in sich hinein und schlug die Augen auf und zu. Immer wieder fragte ich es und immer mehr wurde mir, als trage ich – über den es sich zweifelsohne von Beginn an unverschämt lustig machte – mir wurde so, als trage ich die ganze schuld für das Ausgehungertsein des Kindes und als wäre es deswegen meine oberste Pflicht, noch mehr meine Schuld, dieses Kind zu versorgen.

„Bitte, ich bin nur in Sorge um dich und habe schließlich ein recht darauf zu erfahren, wo die Ursache liegt. Es ist sogar deine Pflicht mich in diesen Dingen zu informieren. Was gibt es denn da nun wieder zu lachen?“, fragte ich es.

Das Kind stellte sich auf die Fensterbank und imitierte in gemeiner, für mich absolut beschämender weise meine Gesten. Ich fasste mir an die Stirn, es tat es mir nach. Ich schnaufte, das Kind schnaufte. Nun musste ich prüfen, ob es mich wirklich absichtlich nachmachte und stellte mich probehalber auf das linke Bein. Vorsichtig, die buschigen Brauen gekräuselt und überhaupt die ganze Kraft, die in diesem stöckchenhaften Körper steckte, zusammennehmend, hob das Kind sein linkes Bein, bis es allein darauf stand. Dann lachte es, sah mich voller Stolz an und verlieh seiner Freude, ja, seinem Triumph, durch einen kleinen, hohen schrei Ausdruck.

Ich schrie.

„Lass das. Hör auf damit!“

Das Kind aber hielt mit rotem Kopf für einige Minuten die Stellung. Es ballte die Fäuste und schien seine ganze Energie darauf zu verwenden, um so wie ich zuvor, auf einem Bein stehen zu bleiben. Ich schüttelte den Kopf. Schließlich setzte es, ebenfalls kopfschüttelnd, ab und sah mich böse an. Es guckte so böse, dass ich einen Schritt zurück treten musste, denn aus seinem Blick stach der ganze Mangel, der in diesem Kind war, heraus und auf mich ein und mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich zu entfernen, denn ich ahnte in diesem Augenblick, dass das Kind mit diesem entsetzlichen, bösen Mangel im Körper, gar nicht anders konnte, als in mich hinein zu klettern und dort das zu suchen, was es brauchte, um wenigstens überleben zu können. Ich musste mich schützen, musste aber auch das Kind beschützen. Wirklich, es wäre sonst gleich gestorben.

Nachdem ich mich für kurze Zeit entfernt hatte, indem ich mich im Badezimmer eingeschlossen hatte, verweigerte das Kind mir am Abend erstmalig das Essen, das ich ihm gemacht hatte. Das war aber nur ein Trick von ihm. Spät in der Nacht erwischte ich es nämlich in einer Nische zwischen Tür und Küchenschrankwand. Es saß da gebückt und aß ein rohes stück Fleisch, das es aus meinem Kühlschrank genommen hatte. Als es mich bemerkte blickte es aus seinen dunklen Augen auf, immer noch hungrig, es sah zu mir hoch, als bedrohe ich sein Leben und als wolle es dafür meines haben. Wieder dachte ich, dass es durch meine Augen in mich hinein kommen wolle. Ich dachte, dass dieses Kind mein Leben sein wollte, um endlich in Sicherheit zu sein. Ich rannte ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Die Anwesenheit dieses Kindes wurde mir immer unerträglicher. Nicht nur, dass es mir ständig folgte, jederzeit meine Aufmerksamkeit verlangte und gleich wieder neben meinem Bett stand, um auf mich herunter zu starren, nein, dieses Kind — es gelang ihm schließlich sogar, dass es nur noch schlief, wenn ich über es wachte, ich also nur noch wachte.

An jenem Abend nämlich, an dem ich mir aus Ratlosigkeit die Decke über den Kopf gezogen hatte, um endlich für mich zu sein, rüttelte es an meinem Kopf und schlug die Decke zur Seite. Ich brüllte es an und ich will auch nicht leugnen, dass ich in diesem Moment die Geduld verlor.

„Verschwinde endlich! Los! Ich muss schlafen, sonst kann ich meine Aufgaben nicht mehr genau ausführen. Verschwinde umgehend aus meinem Schlafzimmer!“

Ich brüllte mein Anliegen, bis ich heiser war. Das Kind sah mir zu. Es guckte still aus sich heraus, während ich mich brüllend erleichterte. Ich brüllte mit geschlossenen Augen, aus Wut, aber auch, um den Blicken des Kindes zu entkommen. Als ich, noch immer brüllend, meine Augen wieder öffnete, sah ich, dass das Kind auf dem Boden lag und eingeschlafen war. Sofort verstummte ich. Eine weile guckte ich es mir an. Dann, leise, um es nur nicht zu wecken, nahm ich es auf meine Arme und trug es in sein Bett. Ich legte es zwischen die Decken und streichelte ihm die kleine weiße Stirn. Es schlief. Unendlich erleichtert und in Vorfreude auf meinen Schlaf, drehte mich um und ging in mein Schlafzimmer. Nach dem ersten Schritt, hörte ich das Kind mir hinterher atmen, es stand mit nackten Füßen auf dem Boden. Ich brachte es zurück in sein Bett, deckte es zu und saß am Matratzenrand, bis es eingeschlafen war. Ich weiß nicht, wie oft ich es in dieser Nacht zurück in sein Bett brachte, es zudeckte und am Matratzenrand saß, bis es eingeschlafen war. Ich habe nicht mitgezählt, denn es war nicht zu zählen. Ich bin wohl die ganze nacht zwischen den Zimmern umhergelaufen, denn sobald ich aufstand, um mich von dem schlafenden Kind zu entfernen und in mein Bett zu schleichen, war es wieder hinter mir.

Es stellte sich in dieser Nacht also heraus, dass es nur schlafen konnte, wenn ich, neben ihm, den Blick immer auf ihm, über es wachte und dass es, seit es bei mir wohnte, tatsächlich kein einziges mal wirklich geschlafen hatte. Was blieb mir anderes übrig, als über das Kind zu wachen?

Wirklich, es wäre sonst längst gestorben.

Ich zog meine Schlüsse. Das Kind nahm nicht an Gewicht zu und es schlief nur durch mich. Ich entschied deswegen, verschiedene Ärzte um Hilfe zu fragen. Weil sich das Kind weigerte, mit mir zu gehen (lieber bewachte es die Küche und die Vorräte) ging ich alleine und beschrieb den Ärzten das Problem. Übernächtigt, schattig und weiß im Gesicht, saß ich auf Stühlen vor Schreibtischen und sagte die Worte, die ich mir zurecht gelegt hatte, wissend, dass dieser Fall kein einfacher war und immer die Möglichkeit bestand, dass die Ärzte mich nicht verstanden.

Ich sagte: „Ich komme zu ihnen, weil bei mir ein Kind wohnt, das mir große Sorgen macht. Offenbar hat dieses Kind irgendeinen ganz grundlegenden und dringenden Mangel. Es hat Schwierigkeiten mit dem Schlaf und so viel es auch isst, es nimmt nicht zu. Sie können mir glauben, dass ich alles probiert und keine Mühen gescheut habe. Ich befürchte deswegen, dass es sterben könnte. Ich mache mir große sorgen und erhoffe mir von ihnen Hilfe.“

Weil ich erschöpft war, flüsterte ich jedes Wort einzeln aus mir heraus und beugte mich über den Schreibtisch zu den Ärzten herüber, aus Angst, sonst könne ein Wort verloren gehen. Die Ärzte nickten und stellten fragen. Sie machten sich einige Notizen und während sie schrieben sahen sie immer wieder zu mir auf. Sie erkundigten sich nach meinen Ess- und Schlafgewohnheiten. Erst dachte ich, es handele sich um Routinefragen, doch erkundigten sie sich immer weiter unnötig nach meinen Gewohnheiten. In meinen Augen beachteten sie viel zu wenig das Kind, wegen dem ich ja gekommen war.  Ich konnte deswegen nicht anders, als anzunehmen, dass sie wohl meine Fähigkeit es angemessen zu versorgen, in Frage stellten. Ein Arzt, ein sehr schmuddelig aussehender Arzt dazu, der sich mindestens drei Tage nicht rasiert hatte, dessen Kittel schlampig und ungestärkt an ihm herunter hing und am kragen eindeutig graue schmutzränder aufwies, dieser Arzt  wollte mir sogar eine Kur verordnen! Vor entsetzen und auch, weil ich keinen Ausweg sah, schlug ich meinen Kopf auf die Tischplatte, fuhr hoch und rief ihm zu:

„Was stellen sie sich eigentlich vor? Wer soll denn das Kind versorgen, wenn ich einen Kuraufenthalt mache und deswegen nicht bei ihm sein kann? Bitte, sie scheinen mich nicht zu verstehen! Ich bin nicht meinetwegen hier, sondern aus Sorge um das Kind!“

Der Arzt nickte und empfahl mir, mich zu beruhigen. Aber meine Wut über sein Unvermögen, mir einen kompetenten Ratschlag zu geben war groß, ja, ich fragte mich wirklich, wie dieser Arzt mir in einem derart ungepflegten Zustand gegenübertreten konnte. Ich verließ also kurzerhand das Sprechzimmer und hastete voller Ärger über diese insgesamt völlig ergebnislosen Arztbesuche durch den Abendverkehr nachhause zu meinem Kind.

Schon kurz nachdem ich die Wohnung betreten hatte, eigentlich schon, während ich sie aufschloss, wusste ich, dass etwas vor sich gegangen war. Im Flur stolperte ich nach dem ersten Schritt über eine leere Konservendose, eine Pilzkonservendose, wie ich verärgert feststellte. Wäre es nur bei dieser Dose geblieben, ich hätte sicher kein Aufheben gemacht. Aber der gesamte Flur war mit Verpackungen, leeren Lebensmittelverpackungen, übersät, dazwischen standen Teller, Besteck lag in den Ecken und je weiter ich mich vortastete, immer ungläubig, desto mehr wurde es. Das Schlafzimmer wollte ich nicht betreten, so hoch war das Hindernis der aufgetürmten Verpackungsreste. Mein Herz schlug, es schlug mich, darunter krampfte der Magen und ich musste – ich eilte, ich stolperte ins Bad. Ich sah, das auch hier alles voller Müll war, stützte mich über die Toilette und übergab mich. Aus dem Augenwinkel sah ich das Kind auf dem Hocker sitzen. Die Augen aufgerissen, die Beine vor dem Bauch verschränkt, den es sich kurz zuvor mit Sicherheit vollgeschlagen hatte, dachte ich, während mein Körper mich schüttelte. Nachdem ich mich, keuchend auf dem Badewannenrand sitzend, etwas erholt hatte, ging ich ohne ein Wort zu sagen an dem Kind vorbei und stieg über die Unordnung hinweg in die Küche. Erst da wurde das volle Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Die Schränke standen offen, die Verpackungsreste türmten sich bis zu den Knien auf. Das Kind hatte alle Schränke geleert, es hatte sie bis auf den letzten Vorrat geleert und gegessen. Jetzt war es genug. Das Kind verhielt sich in meiner eigenen Wohnung wie ein Räuber und vernichtete ungefragt meine Essensvorräte, noch dazu hinterließ es eine Unordnung, die es noch nie gegeben hatte und auch niemals gegeben hätte, hätte sich nicht dieses entsetzliche, böse Kind zwischen meine Wänden gedrängt. Ich lief fluchend umher und überlegte sogar, gleich ganz auszuziehen. Das Kind folgte mir stumm, ohne dass ich es beachtete. Ich sah nicht mal hin und begann mit der Aufräumarbeit, denn es war schon spät. Nach Stunden, in denen ich mich Zimmer für Zimmer durch den Müll gearbeitet und auch die letzten Ecken gesäubert hatte, war es mir endlich gelungen die Ordnung wieder herzustellen. Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Das Kind stellte sich daneben und zwirbelte sich auf dem schwarzen Kopf herum. Es sollte heute zur Strafe kein Essen bekommen. Das Kind sollte von mir überhaupt nichts mehr bekommen. Ich wünschte nicht mal mehr gute Nacht, sondern deckte mich ganz für mich alleine zu und schloss fest die Augen. Ich hielt es tatsächlich für möglich schlafen zu können.

Es war ein tropfen, ich hörte es eindeutig tropfen. Ich richtete mich auch und sah mich um. Das Kind stand noch immer unbewegt an der gleichen Stelle neben dem Kopfende meines Bettes. Auch wenn ich es mir befahl, konnte ich nicht aufhören es anzusehen. Ich wollte auch wissen, woher das Tropfen kam, das schneller auf dem Boden aufschlug, als mein herz in mir. Ich sah dann, dass es aus den Augen des Kindes kam. Das Kind stand regungslos da und weinte große Tränen, die auf den Boden tropften. Schnell drehte ich mich zur Seite weg und versuchte zu schlafen.

Im Morgengrauen hörte ich ein neues Geräusch. Es kam von der Wohungstür. Ich sprang auf, lief über den Flur und sah wie sich das Kind nach der Türklinke streckte. Das Kind wollte gehen. Unter dem arm hielt es sein Kissen und das Laken, das ich ihm auf sein Bett gespannt hatte. Aus seinen Augen tropfte es noch immer. Ich eilte zu ihm und nahm es in meine Arme. So hielt ich es und halte es noch immer. Denn dieses Kind wird ewig mein Kind bleiben. Wo es auch hingehen wird, um seinen Mangel auszugleichen und endlich satt zu werden, es wird niemals das finden, was es sucht. Es bleibt hier. Es wird mich nicht mehr schlafen lassen und ewig von meinen Vorräten essen.

Herbst 2009

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam. Ich hatte in diesem Winter angefangen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen, die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbringen sollten. Natürlich kannte ich die meisten dieser Kinder, aber es kamen auch manchmal Fremde, die nicht in unserer Straße wohnten. Und wenn auch die Mehrzahl von ihnen gerade nur so lange Zeit blieb, wie der Umtausch in Anspruch nahm, so gab es doch einige, die sich hinsetzten und gleich auf der Stelle zu lesen begannen. Dann saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete, und die Kinder saßen an dem kleinen Tisch bei der Bücherwand, und ihre Gegenwart war mir angenehm und störte mich nicht. Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jedenfalls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag. Ich hätte vor auszugehen und war im Begriff, einen kleinen Imbiß, den ich mir gerichtet hatte, ins Zimmer zu tragen. Kurz vorher hatte ich einen Besuch gehabt, und dieser mußte wohl vergessen haben, die Eingangstüre zu schließen. So kam es, daß das dicke Kind ganz plötzlich vor mir stand, gerade als ich das Tablett auf den Schreibtisch niedergesetzt hatte und mich umwandte, um noch etwas in der Küche zu holen. Es war ein Mädchen von vielleicht zwölf Jahren, das einen altmodischen Lodenmantel und schwarze, gestrickte Gamaschen anhatte und an einem Riemen ein paar Schlittschuhe trug, und es kam mir bekannt, aber doch nicht richtig bekannt vor, und weil es so leise hereingekommen war, hatte es mich erschreckt. Kenne ich dich? fragte ich überrascht.

Das dicke Kind sagte nichts. Es stand nur da und legte die Hände über seinem runden Bauch zusammen und sah mich mit seinen wasserhellen Augen an.

Möchtest du ein Buch? fragte ich.

Das dicke Kind gab wieder keine Antwort. Aber darüber wunderte ich mich nicht allzu sehr. Ich war es gewohnt, daß die Kinder schüchtern waren und daß man ihnen helfen mußte. Also zog ich ein paar Bücher heraus und legte sie vor das fremde Mädchen hin. Dann machte ich mich daran, eine der Karten auszufüllen, auf welchen die entliehenen Bücher aufgezeichnet wurden.

Wie heißt du denn? fragte ich.

Sie nennen mich die Dicke, sagte das Kind.

Soll ich dich auch so nennen? fragte ich.

Es ist mir egal, sagte das Kind. Es erwiderte mein Lächeln nicht, und ich glaube mich jetzt zu erinnern, daß sein Gesicht sich in diesem Augenblick schmerzlich verzog. Aber ich achtete darauf nicht.

Wann bist du geboren? fragte ich weiter.

Im Wassermann, sagte das Kind ruhig.

Diese Antwort belustigte mich, und ich trug sie auf der Karte ein, spaßeshalber gewissermaßen, und dann wandte ich mich wieder den Büchern zu.

Möchtest du etwas Bestimmtes? fragte ich.

Aber dann sah ich, daß das fremde Kind gar nicht die Bücher ins Auge faßte, sondern seine Blicke auf dem Tablett ruhen ließ, auf dem mein Tee und meine belegten Brote standen.

Vielleicht möchtest du etwas essen, sagte ich schnell.

Das Kind nickte, und in seiner Zustimmung lag etwas wie ein gekränktes Erstaunen darüber, daß ich erst jetzt auf diesen Gedanken kam. Es machte sich daran, die Brote eins nach dem andern zu verzehren, und es tat das auf eine besondere Weise, über die ich mir erst später Rechenschaft gab. Dann saß es wieder da und ließ seine trägen, kalten Blicke im Zimmer herumwandern, und es lag etwas in seinem Wesen, das mich mit Ärger und Abneigung erfüllte. Ja gewiß, ich habe dieses Kind von Anfang an gehaßt. Alles an ihm hat mich äbgestoßen, seine trägen Glieder, sein hübsches, fettes Gesicht, seine Art zu sprechen, die zugleich schläfrig und anmaßend war. Obwohl ich mich entschlossen hatte, ihm zuliebe meinen Spaziergang aufzugeben, behandelte ich es doch keineswegs freundlich, sondern grausam und kalt.

Oder soll man es etwa freundlich nennen, daß ich mich nun an den Schreibtisch setzte und meine Arbeit vornahm und über meine Schulter weg sagte: Lies jetzt, obwohl ich doch ganz genau wußte, daß das fremde Kind gar nicht lesen wollte? Und dann saß ich da und wollte schreiben und brachte nichts zu Stande, weil ich ein sonderbares Gefühl der Peinigung hatte, so, wie wenn man was erraten soll und errät es nich, und ehe man es nicht erraten kann, kann nichts mehr so werden, wie es vorher war. Und eine Weile lang hielt ich das aus, aber nicht sehr lange, und dann wandte ich mich um und begann eine Unterhaltung, und es fielen mir nur die törichtsten Fragen ein.

Hast du noch Geschwister? fragte ich.

Ja, sagte das Kind.

Gehst du gern in die Schule? fragte ich.          

Ja, sagte das Kind.

Was magst du denn am liebsten?        

Wie bitte? fragte das Kind.

Welches Fach? sagte ich verzweifelt.

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Vielleicht Deutsch? fragte ich.            

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Ich drehte meinen Bleistift zwischen den Fingern, und es wuchs etwas in mir auf, ein Grauen, das mit der Erscheinung des Kindes im gar keinem Verhältnis stand.

Hast du Freundinnen? fragte ich zitternd.

O ja, sagte das Mädchen.

Eine hast du doch sicher am liebsten? fragte ich.

Ich weiß nicht, sagte das Kind, und wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum.

Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frißt, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. Denn nun war es schon soweit, daß alles an diesem Kind mich aufzuregen und zu ärgern begann. Was für ein albernes, weißes Kleid, was für ein lächerlicher Stehkragen, dachte ich, als das Kind nach dem Essen seinen Mantel aufknöpfte. Ich setzte mich wieder an meine Arbeit, aber dann hörte ich das Kind hinter mir schmatzen, und dieses Geräusch glich dem trägen Schmatzen eines schwarzen Weihers irgendwo im Walde, es brachte mir alles wässerig Dumpfe, alles Schwere und Trübe der Menschennatur zum Bewußtsein und verstimmte mich sehr. Was willst du von mir? dachte ich, geh fort, geh fort. Und ich hatte Lust, das Kind mit meinen Händen aus dem Zimmer zu stoßen, wie man ein lästiges Tier vertreibt. Aber dann stieß ich es nicht aus dem Zimmer, sondern sprach nur wieder mit ihm, und wieder auf dieselbe grausame Art.

Gehst du jetzt aufs Eis? fragte ich.

Ja, sagte das dicke Kind.

Kannst du gut Schlittschuhlaufen? fragte ich und deutete auf die Schlittschuhe, die das Kind noch immer am Arm hängen hatte.

Meine Schwester kann gut, sagte das Kind, und wieder erschien auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Schmerz und Trauer, und wieder beachtete ich ihn nicht.

Wie sieht deine Schwester aus? fragte ich. Gleicht sie dir?

Ach nein, sagte das dicke Kind. Meine Schwester ist ganz dünn und hat schwarzes, lockiges Haar. Im Sommer, wenn wir auf dem Land sind, steht sie nachts auf, wenn ein Gewitter kommt, und sitzt oben auf der obersten Galerie auf dem Geländer und singt.

Und du? fragte ich.

Ich bleibe im Bett, sagte das Kind. Ich habe Angst.

Deine Schwester hat keine Angst, nicht wahr? sagte ich.

Nein, sagte das Kind. Sie hat niemals Angst. Sie springt auch vom obersten Sprungbrett. Sie macht einen Kopfsprung, und dann schwimmt sie weit hinaus . . .

Was singt deine Schwester denn? fragte ich neugierig.

Sie singt, was sie will, sagte das dicke Kind traurig. Sie macht Gedichte.

Und du? fragte ich.

Ich tue nichts, sagte das Kind. Und dann stand es auf und sagte: Ich muß jetzt gehen. Ich streckte meine Hand aus, und es legte seine dicken Finger hinein, und ich weiß nicht genau, was ich dabei empfand, etwas wie eine Aufforderung, ihm zu folgen, einen unhörbaren, dringlichen Ruf. Komm einmal wieder, sagte ich, aber es war mir nicht ernst damit, und das Kind sagte nichts und sah mich mit seinen kühlen Augen an. Und dann war es fort, und ich hätte eigentlich Erleichterung spüren müssen. Aber kaum, daß ich die Wohnungstür ins Schloß fallen hörte, lief ich auch schon auf den Korridor hinaus und zog meinen Mantel an.

Ich rannte ganz schnell die Treppe hinunter und erreichte die Straße in dem Augenblick, in dem das Kind um die nächste Ecke verschwand.

Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren.

Es war am frühen Nachmittag gewesen, als das dicke Kind zu mir ins Zimmer trat, und jetzt brach die Dämmerung herein. Obwohl ich in dieser Stadt einige Jahre meiner Kindheit verbracht hatte, kannte ich mich doch nicht mehr gut aus, und während ich mich bemühte, dem Kinde zu folgen, wußte ich bald nicht mehr, welchen Weg wir gingen, und die Straßen und Plätze, die vor mir auftauchten, waren mir völlig fremd. Ich bemerkte auch plötzlich eine Veränderung in der Luft. Es war sehr kalt gewesen, aber nun war ohne Zweifel Tauwetter eingetreten, und mit so großer Gewalt, daß der Schnee schon von den Dächern tropfte und am Himmel große Föhnwolken ihres Weges zogen. Wir kamen vor die Stadt hinaus, dorthin, wo die Häuser von großen Gärten umgeben sind, und dann waren gar keine Häuser mehr da, und dann verschwand plötzlich das Kind und tauchte eine Böschung hinab. Und wenn ich erwartet hatte, nun einen Eislaufplatz vor mir zu sehen, helle Buden und Bogenlampen und eine glitzernde Fläche voll Geschrei und Musik, so bot sich mir jetzt ein ganz anderer Anblick. Denn dort unten lag der See, von dem ich geglaubt hatte, daß seine Ufer mittlerweile alle bebaut worden wären: er lag ganz einsam da, von schwarzen Wäldern umgeben, und sah genau wie in meiner Kindheit aus.

Dieses unerwartete Bild erregte mich so sehr, daß ich das fremde Kind beinahe aus den Augen verlor. Aber dann sah ich es wieder, es hockte am Ufer und versuchte, ein Bein über das andere zu legen und mit der einen Hand den Schlittschuh am Fuß festzuhalten, während es mit der andern den Schlüssel herumdrehte. Der Schlüssel fiel ein paarmal herunter, und dann ließ sich das dicke Kind auf alle Viere fallen und rutschte auf dem Eis herum und suchte und sah wie eine seltsame Kröte aus. Überdem wurde es immer dunkler, der Dampfersteg, der nur ein paar Meter von dem Kind entfernt in den See vorstieß, stand tiefschwarz über der weiten Fläche, die silbrig glänzte, aber nicht überall gleich, sondern ein wenig dunkler hier und dort, und in diesen trüben Flecken kündigte sich das Tauwetter an. Mach doch schnell, rief ich ungeduldig, und die Dicke beeilte sich nun wirklich, aber nicht auf mein Drängen hin, sondern weil draußen vor dem Ende des langen Dampfersteges jemand winkte und Komm, Dicke, schrie, jemand, der dort seine Kreise zog, eine leichte, helle Gestalt. Es fiel mir ein, daß dies die Schwester sein müsse, die Tänzerin, die Gewittersängerin, das Kind nach meinem Herzen, und ich war gleich überzeugt, daß nichts anderes mich hierhergelockt hatte als der Wunsch, dieses anmutige Wesen zu sehen. Zugleich aber wurde ich mir auch der Gefahr bewußt, in der die Kinder schwebten. Denn nun begann mit einemmal dieses seltsame Stöhnen, diese tiefen Seufzer, die der See auszustoßen scheint, ehe die Eisdecke bricht. Diese Seufzer liefen in der Tiefe hin wie eine schaurige Klage, und ich hörte sie, und die Kinder hörten sie nicht.

Nein gewiß, sie hörten sie nicht. Denn sonst hätte sich die Dicke, dieses ängstliche Geschöpf, nicht auf den Weg gemacht, sie wäre nicht mit ihren kratzigen, unbeholfenen Stößen immer weiter hinausgestrebt, und die Schwester draußen hätte nicht gewinkt und gelacht und sich wie eine Ballerina auf der Spitze ihres Schlittschuhs gedreht, um dann wieder ihre schönen Achter zu ziehen, und die Dicke hätte die schwarzen Stellen vermieden, vor denen sie jetzt zurückschreckte, um sie dann doch zu überqueren, und die Schwester hätte sich nicht plötzlich hoch aufgerichtet und wäre nicht davon geglitten, fort, fort, einer der kleinen einsamen Buchten zu.

Ich konnte das alles genau sehen, weil ich mich daran gemacht hatte, auf dem Dampfersteg hinauszuwandern, immer weiter, Schritt für Schritt. Trotzdem die Bohlen vereist waren, kam ich doch schneller vorwärts, als das dicke Kind dort unten, und wenn ich mich umwandte, konnte ich sein Gesicht sehen, das einen dumpfen und zugleich sehnsüchtigen Ausdruck hatte. Ich konnte auch die Risse sehen, die jetzt überall aufbrachen und aus denen, wie Schaum vor die Lippen des Rasenden, ein wenig schäumendes Wasser trat. Und dann sah ich natürlich auch, wie unter dem dicken Kinde das Eis zerbrach. Denn das geschah an der Stelle, an der die Schwester vordem getanzt hatte und nur wenige Armlängen vor dem Ende des Stegs.

Ich muß gleich sagen, daß dieses Einbrechen kein lebensgefährliches war. Der See gefriert in ein paar Schichten, und die zweite lag nur einen Meter unter der ersten und war noch ganz fest. Alles, was geschah, war, daß die Dicke einen Meter tief im Wasser stand, im eisigen Wasser freilich und umgeben von bröckelnden Schollen, aber wenn sie nur ein paar Schritte durch das Wasser watete, konnte sie den Steg erreichen und sich dort hinaufziehen, und ich konnte ihr dabei behilflich sein. Aber ich dachte trotzdem gleich, sie wird es nicht schaffen, und es sah auch so aus, als ob sie es nicht schaffen würde, wie sie da stand, zu Tode erschrocken, und nur ein paar Unbeholfene Bewegungen machte; und das Wasser strömte um sie herum, und das Eis unter ihren Händen zerbrach. Der Wassermann, dachte ich, jetzt zieht er sie hinunter, und ich spürte gar nichts dabei, nicht das geringste Erbarmen, und rührte mich nicht.

Aber nun hob die Dicke plötzlich den Kopf, und weil es jetzt vollends Nacht geworden und der Mond hinter den Wolken erschienen war; konnte ich deutlich sehen, daß etwas in ihrem Gesicht sich verändert hatte. Es waren dieselben Züge und doch nicht dieselben, aufgerissen waren sie von Willen und Leidenschaft, als ob sie nun, im Angesicht des Todes, alles Leben tränken, alles glühende Leben der Welt. Ja, das glaubte ich wohl, daß der Tod nahe und dies das letzte sei, und beugte mich über das Geländer und blickte in das weiße Antlitz unter mir, und wie ein Spiegelbild sah es mir entgegen aus der schwarzen Flut. Da aber hatte das dicke Kind den Pfahl erreicht. Es streckte die Hände aus und begann sich heraufzuziehen, ganz geschickt hielt es sich an den Nägeln und Haken, die aus dem Holze ragten. Sein Körper war zu schwer und seine Finger bluteten, und es fiel wieder zurück, aber nur, um wieder von neuem zu beginnen. Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich da zusah, und jetzt hätte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wußte, ich brauchte ihm nicht mehr zu helfen – ich hatte es erkannt.

An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe es nicht. Und daß ich dann die Papiere auf meinem Schreibtisch durcheinandergewühlt fand und irgendwo dazwischen ein altes Bildchen, das mich selbst darstellte, in einem weißen Wollkleid mit Stehkragen, mit hellen, wäßrigen Augen und sehr dick.


*This story is taken from: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in sieben Bänden. Vierter Band. Die Erzählungen. © Insel Verlag Frankfurt am Main 1983.

*Bild: Maria-Rubinke.

Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad. Aber die kantig verpackte, auf Höfen aus Eutern gesuckte, weiße, ich weiß: von Kühen für Kälber den dauerverdauten, im Wind weh’nden Gräsern entschnaubte, geraubte, verrührte, maschinell Molkerei’n zugeführte, von Lastwag’n in Supermärkte chauffierte Flüssigkeit reichte bei weitem nicht aus, um damit meine Wanne voll zu machen. Ich holte Sahne   und Schmand aus der Küche und schüttete sie auf die neunzehn Liter drauf, die Melchior, der Schrank, noch hergegeben hatte. Wie’s aussah würde ich mehr Milch kaufen geh’n müssen. Nur wo?! Die Geschäfte hatten alle schon zu. Zur Tankstelle also? Im Grunde konnte ich’s mir ja leisten. Hatte ich doch Monate mit dem Weißeln von Wänden verbracht und Geld wie Heu. Ich zog also los.

Bevor ich aufbrach, präparierte ich aber noch ein Stirnband.

Meine Freundin Karen hatte vor vier Monaten mit mir Schluss gemacht und beim Auszug alles mitgenommen: den Sandwichmaker, das Hochbett, den Vorgänger Melchiors … Alles außer einer etwa vierzehn Zentimeter langen Messingschraube, mit der das Hochbett an der Wand befestigt gewesen war und mit der ich nun das Stirnband derart durchbohrte und mit Isolierband umwickelte, dass dort, wo vorher harmlos »Nike« gestanden hatte, nun ein Horn stand. Ich zog es mir auf und den Parka an und hinaus ging’s.

O und draußen, da … blühten die Linden! Nirgends lag mehr Schnee auf den Dächern der Autos, die leer, unanhebbar schwer, lautlos im Licht der Laternen, längs des Bürgersteigs, der mich hinantrug, matt schimmerten – es war Sommer geworden. Auf Armaturen lagen zärtlich per Einriss beschädigte Karten zu Reggaekonzerten, auf Beifahrersitzen Bikinis, Bermudashorts, Schnorchel, Pappteller voller Marmorkuchenkrümel, zerknautschte Zigaretten schachteln, auf Rücksitzen luftleere Luftmatratzen und bierleere Flaschen, gläsern vertrunkene Limo und Apfelsaftschorlen, sommerwiesig, zumzerfieselnstundenzeithabig etikettiert.

Gerührt und traurig, dass das Fest schon verrauscht schien, starrte ich in die sonst so rasenden Reliquienschreine, diese schneewittchenen, gläsernen Särge, in denen ein Mensch gewordener Sommer lag. Wäre ich ein Prinz gewesen, ich hätte ihn wachgeküsst. Ich hätte eine Scheibe eingeschlagen und eines der Autos geklaut. Wäre ich ein Dieb gewesen, wäre ich weggefahren, noch tiefer in den Süden hinein, in den Palmenwald menorcanischer Gefühle, der sich mir inwendig auftat. Ich lauschte der Gischt des Fernverkehrs, sah »den See« über den Dächern, diesen Kristall des Vorschwebens vom Schleifband himmelwärts gewundener Straßen geschliffener werden. Wie traurig, wie schön, wie erinnerlich und verrinnend doch dieser Abend war, und arglos, und wie er sich ganz leise schnaubend nüsternstupsig mitten in der Stadt gebärdete! (Der wippende Haselzweig, den ich meine.)

Die Tankstelle war ein schon von weitem zu spürendes Glimmen von kleinen Stängeln, ein Pulsen des Safts in den Schläuchen, ein Sich-Umdreh’n von Bäuchen, ein Kotzen von Schlangen in Tanks rein, ein in Gesichter geschriebenes Bangen, das Geld möge reichen, Verfluchung von Scheichen, Herumsteh’n an Teichen, in denen kein Fisch schwamm. Ein zarter Wind lag mir mit strotzendem Benzingeruch in der Nase. Ich musste niesen. Schon von weitem sah ich, in Blazern und schreienden Hemden, die hinter ihre beat-wummernden, türenschlagenden Schlitten geduckten, einander mit Zapfcolts bedroh’nden, Stutzen in seitliche, lackfarbumgrellte Löcher rammenden Kerle her- umulkend um die Wette tanken. Vielleicht war es auch nur das Nacheinander rauchend volltankender Spaßpistoleros, aber die Sprache hier, der Erinnerung, ordnet mir alles zu gleißender Gleichzeitigkeit, Assonanz, und ich will sie gewähren lassen, will sie hier, im selben Satz noch, mich, den Spruch »Da geht das letzte Einhorn!« im Rücken, durch eine sanft sich aufschiebende Doppelglastür eintreten lassen lassen, ins Grelle.

Es ist wie immer. Ist wie mit Waren, die aber sehr wohl sind, hart und grell beworfen zu werden. Hart und grell und hagelnd. Eine Steinigung oder Kirschkernkissenschlacht der viel’n gegen einen, der klein ist, nein schlaksig. Der schlaksige Kerl, der hereinkommt, hält sich die Arme vors Gesicht, um sich vor den aus allen Richtungen auf ihn zufliegenden Chipstüten, Zigarettenschachteln, Redbulldosen, Busenbroschüren, Schokoriegeln, Weinflaschen, Sektflaschen, Bierflaschen, Kaugummipackungen, Magazinen, Gummibärchentüten, Blicken, Bierdosen, Boilern, Bachblütenbonbonbehältern zu schützen. Er heißt schlichtweg »Hannes«. Er geht nun auf die Verkäuferin zu. Alles, was er von ihr will, ist ein Lächeln und einen Kuss vielleicht. Und sie, die Schwarzhaarige, Geschminkte, von Beginn an Abwinkende, malt ihm mit einem Kugelschreiber (der kein Lippenstift ist) einen Strichcode auf die Stirn, setzt ihm ihre Infrarotpistole auf diese Brust vor seinem Hirn, das ein Herz ist, drückt ab. Es piepst lakonisch. Hannes erfährt, dass er gerade mal 95 Cent wert ist, und geht vor den Augen der Verkäuferin, die, ein Namensschild verrät es gerade noch, »Carmen« heißt, ein. Unter, der Boden verschluckt ihn.

Da stand ich also, in der Tankstelle, im Attackenbunt, und dachte dunkel an meine Wohnung. Wie verlassen sie jetzt schien. Wie fern und leer und möbliert nur mit Melchior und einem einzigen Stuhl. Und wie sehr auf diesem Stuhl mein Wohnungsschlüssel lag und wie die drei sich ganz tonlos zuraunten, wo ich denn bliebe. Gerührt von diesem Wissen begann ich, mich ein wenig umzutun in dem Shop, der der der Tankstelle war. Ich blätterte zwei, drei der Hefte. Recht reißfest war’n Tüten mit Chips drin. Ich roch am Rund einer Pringlesdose und Dosen von Fett und Hydraten und Inhaltsstoffe studierte ich aufheul’nd. Prüfte Scheibenwischer auf ihre Intaktheit. Probierte einen Hupfball aus – bis der zu den Milky Ways fiel, ins Regal unterm Tresen. Da wusste ich plötzlich wieder, weshalb ich ja hier war. Ich wollte Milch!

O sie hatten Milch! Zwar nicht meine Lieblingsmarke, aber immerhin siebzehn Liter. – Aus dem stark, zu stark!, kühlenden Tankstellenkühlschrank, doch ich sah mich schon, diese Not zu einer Tugend verarbeitend, in der Küche stehen und köchelnde Milch zu herrlichem Badeschaum boxen … Ich bat einen Mann mit Muskeln, der in einer mit Redbulldosen gefüllten, durchsichtigen Halbkugel wühlte, mir, wie ich mich ausdrückte, »mal eben sehr plötzlich einen Gefallen zu tun«. Er sah mir zuerst in die Augen. Dann auf mein Stirnhorn. Dann auf die Schuhe. Dann ins Gesicht. Dann auf dessen Ausdruck und sagte dann »Oh…« und dann »käj…«. Ich führte ihn hin (zum Kühlschrank) und erklärte ihm, was und wie. Ich hielt meine Arme so, dass er in die Kehlen meiner Ellenbogen – wie Holzscheite – die Milchpackungen legen konnte, nahm aber vorher noch meine EC-Karte zwischen die Zähne. Er lud und lud. Sein Goldkettchen rutschte ihm am Stiernacken auf und ab, und er kam richtig ins Schwitzen.

Ab und zu trat ich ihm leicht mit meinen federnden Schuhspitzen gegens Schienbein, um ihn anzutreiben, rammte ihm ein Knie in die Magengegend, um ihn zu animieren, schneller zu stapeln, verpasste ihm, was ich, befrachtet, wie ich schon war, nicht konnte und deshalb unterließ, »a G’nackwoatsch’n«, damit es voranging. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis wir fertig waren. Als er sich, mit mir zugewandtem Gesicht, rückwärtsgehend, von mir entfernte, kam es mir so vor, als kennten wir uns schon seit Stunden. Ich entließ ihn mit einer Art würdevollem Nicken.

Caro, so hieß die Verkäuferin diesmal, hatte uns bei der Arbeit zugeschaut. Wir mussten das Bild zweier Holz zu holen sich bei einer Berghütteneinkehr erbietender Pfadfinder abgegeben haben. So etwas: männliche Sorge um ein Feuer, Holz holen, Holz hacken, Holz gekonnt in den Flammen positionieren, zieht immer gut bei den wollüstig frösteln- den, die Knie bibbernd aneinander pressenden, antörnend unsexy in schlotternde Wollpullover gekleideten Frauen, die sehnsüchtig in die Glut starren und leise, zu scheu zum Singen, zu angetan, um still zu sein, vor sich hin summen. Ich meinte, als ich mich anstellte, auf Caros sich aufhellendem Gesicht den flackernden Widerschein von Flammen und von fernem Sternenlicht erkennen zu können.

Zwei Longpapers-Käufer kamen noch vor mir dran. Dann griff sich Caro eine der Packungen von meinem wackeligen Berg. Sie ließ es piepsen, zählte durch und gab dann den Algorithmus mal siebzehn ein. Als sie mir die Summe, horrend war sie, nannte, hob ich die Brauen, um mich zu beschweren (wobei mir beinah das Stirnband hochgerutscht wäre!), und reckte dann meinen Hals mit dem Kopf, in dessen Mund die Karte steckte, in ihre Richtung.

Caro nahm mir die Karte mit spitzen Fingern ab, was mir die Möglichkeit, »Danke« zu sagen verschaffte, und steckte sie in den Schlitz des Apparats. »Geheimzahl bitte und zweimal bestätigen«, sagte Caro. Ich zog die  Milch fester an mich und beugte mich vor. Mein Horn sauste auf die kleinen, leise aufpiepsenden Tasten nieder. Ein Bon wurde gedruckt. Ihn und die Karte im Mund, verließ ich die Tankstelle.

Mit meiner weißen Fracht galoppierte ich durch die Nacht.


*Aus: “Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe” by Jan Snela © 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart.

Ich bemerkte ihn erst nach ein paar Folgen. Er versuchte, die Tür eines verfallenen Gebäudes aufzubrechen, das an der Ecke einer heruntergekommenen, verlassenen Straße stand. Er war zu weit entfernt, als dass man seine Gesichtszüge hätte erkennen können, aber im Bildhintergrund war sein gelber Anorak ein gut sichtbarer Fleck. Im Vordergrund unterhielten sich Detective Burns und Marion über die laufenden Ermittlungen, ohne ihm auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Vor ihren Mündern bildeten sich Dampfwölkchen. Die Winter sind kalt in Cleveland.

Handlungen von Filmen vergesse ich immer schnell, aber mein Gedächtnis für visuelle Details ist sehr gut. Ich wäre unfähig, die Handlung von Intimidation oder Hors de la Nuit zusammenzufassen, aber ich weiß, dass es in ersterem eine Kamerafahrt gibt, bei der Clive Owen auf der Straße eine schöne kurzhaarige Brünette passiert, die sich im Hintergrund selbstvergessen aber sehr charmant an der Schulter kratzt (Ich würde meinen Kopf darauf verwetten, dass der Regisseur diese Einstellung ausgewählt hat, weil sie ein kleines Körnchen Wahrheit enthielt). Ich weiß auch, dass in Hors de la Nuit, in dem schäbigen Diner, wo sich das flüchtige kriminelle Liebespaar im Morgengrauen versteckt, ein Hopper-artiges Kitschbild an der Wand hängt, das die Einsamkeit der Liebenden widerspiegeln zu scheint. Jedenfalls war ich mir sicher, den Mann im gelben Anorak in einer vorigen Folge von Simple Cops schon einmal gesehen zu haben.

Auf die Serie war ich durch Zufall gestoßen, als ich unter Schlafstörungen litt. Die Medikamente, die ich zu der Zeit einnahm, hatten den Effekt, dass ich tagsüber kaputt und abends bis zu später Stunde voll aufgedreht war. Ich war zum lesen zu müde und zu aufgeregt, um einschlafen zu können, also hängte ich mich vor meinen kleinen Fernseher und ließ mich in das Bermudadreieck des Fernsehprogramms abdriften, diesen audiovisuellen Schiffsfriedhof, den die frühen Morgenstunden darstellen. Vor einer Tierdoku dämmerte ich dahin, nickte bei einer australischen 80er-Soap ein und wachte mitten in der tausendsten Wiederholung von Derrick oder Cash in the Attic wieder auf. Der Bildsalat vermengte sich mit Traumansätzen und schließlich sackte ich auf dem Sofa zusammen. Ich erwachte erst wieder im Morgengrauen, mit schwerem Kopf und schmerzendem Rücken, während auf dem Bildschirm eine flotte Wetterfee mit strahlendem Lachen ankündigte, dass es den ganzen Tag regnen werde.

Eines Nachts wurde ich von Detective Burns’ Stimme aus dem Halbschlaf gerissen. Er war merklich unzufrieden. Ich öffnete ein Auge. Mein Radar lief bereits auf Hochtouren. Kriminalbeamte. Ein lokales Polizeirevier. Wir befinden uns im verglasten Büro des Chefs. Die Alu-Jalousien sind heruntergelassen, damit niemand die Unterhaltung mitbekommt. Es ist der klassische Streit zwischen dem erfahrenen Detective-der-weiß-wie’s-auf-der-Straße-zugeht und seinem Vorschrift-ist-Vorschrift-Vorgesetzten. Nach dem letzten Schlagabtausch öffnet der Detective die Tür und setzt zum Abgang an. Zehn zu eins, dass der Chef ihn nochmal zurückruft, um ein letztes Wort zu platzieren. „Burns?“ Gewonnen. Burns, denn das ist sein Name, dreht sich um und zieht eine Augenbraue hoch. Der Chef gibt ihm zu verstehen, dass er ihn deckt, aber dass er nicht zu viel Staub aufwirbeln soll. Abblende. Es folgt eine Sequenz in der Stadt: Zwei Polizisten, von den Nachbarn alarmiert, entdecken die Leiche einer alten Frau, die seit ein paar Tagen tot in ihrem Sessel sitzt. Ich war inzwischen hellwach und schaute mir den Rest der Folge mit wachsendem Interesse an. Gar nicht so schlecht gemacht. Sogar durchaus anschaubar. Das wäre mal was anderes.

Die Programmzeitschrift, am nächsten Tag besorgt, verriet mir den Titel der Serie, und zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich am darauffolgenden Dienstag um 2:30 Uhr morgens auf die nächste Episode wartete – als hätten mir der dicke Burns und seine Kollegen von jenseits des Bildschirms ein Zeichen gegeben. Ich war einsam und deprimiert, so deprimiert, dass ich manchmal die Zeit damit totschlug, in Maltin’s Movie Guide alle Filme abzuhaken, die ich in meinem Leben schon gesehen hatte. Ich brauchte eine Ablenkung, eine Rettungsboje, an der ich mich festklammern konnte. Simple Cops war vielleicht die Lösung.

Dem ersten Anschein nach stammte die Serie aus den Neunziger Jahren. Sie war eine Art Hill Street Blues für Arme, eine ehrliche, durchschnittliche Krimiserie, weder schlecht noch genial. Ich vermutete darüberhinaus, dass die Macher der Serie auf dem Erfolg der Steven-Bochco-Produktionen mitsurfen wollten, die das Genre gerade grundlegend umgekrempelt hatten. Simple Cops (Was für ein unfassbar schlechter Name) war so etwas wie die Alltagschronik eines Polizeireviers. Im Zentrum standen etwa ein dutzend Cops, die einen repräsentativen Querschnitt des amerikanischen Melting Pots darstellen sollten. Die Polizeiarbeit kollidierte ständig mit ihrem Privatleben und ihren persönlichen Problemen – dieser hatte ein Alkoholproblem, jener Ärger in der Ehe – was genügend Stoff für Parallelhandlungen lieferte. Jede Folge erstreckte sich über genau einen Tag und zeigte zwei, manchmal drei gleichzeitig laufende Fälle, die oft, wie sich im Zuge der Ermittlungen herausstellte, miteinander verknüpft waren. Spektakuläre Verbrechen waren eher selten zu sehen; die Serie strebte einen gewissen Realismus an und versuchte, ein Mosaik der alltäglichen städtischen Gewalt zu zeigen. Gleichzeitig wurde ein Akzent auf die Polizeiroutine und die internen Konflikte zwischen normalen Beamten, ihren Vorgesetzten, den Staatsanwälten und den Anwälten gesetzt. Ohne eine besondere Originalität an den Tag zu legen, bewiesen die Drehbuchautoren im Korsett dieser immer wiederkehrenden Erzählschemata ein gewisses handwerkliches Geschick. Der Eindruck eines permanenten Déjà-vus war darüberhinaus nicht unangenehm, sondern trug noch zum Charme der Sache bei – so sehr, dass man nach ein paar Folgen, wie es so oft passiert, die Figuren ins Herz geschlossen hatte, oder genauer gesagt, die Sympathie erregenden Anstrengungen der Darsteller (Allesamt wackere Fernsehsoldaten, denen das letzte Quäntchen Charisma für eine Filmkarriere gefehlt hatte), ihren Rollen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Das einzig wirklich Innovative an der Serie war das Setting. Sie spielte weder in New York oder San Francisco, noch in Miami oder Los Angeles, sondern in einer Stadt, die man sonst selten auf der Leinwand sieht. Cleveland, wie es hier erschien, war eine eigenartige, gespenstische Stadt mit nie enden wollenden Verkehrsadern und riesenhaften, seltsam leeren Plätzen. Die Parks, die Vorgebirge, die verlassenen Viertel, der Hafen am Eriesee – alle diese Orte waren durch hervorragende Feldarbeit erschlossen worden und gaben ein breites Spektrum an Drehorten ab. Das offensichtlich limitierte Produktionsbudget verlieh den Außenaufnahmen etwas Dokumentarisches. Eigentlich war die Stadt die Hauptdarstellerin der Serie. Und ihre Erkundung im Laufe der Fälle, die alle gesellschaftlichen Schichten durchquerten, war wie in vielen Krimiserien ein Vorwand, um die sozialen Probleme Amerikas zu durchleuchten: Rassenkonflikte, De-Industrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und Armut — Der Ausdruck “Die Ärmste Stadt der Vereinigten Staaten” tauchte leitmotivisch immer wieder in den Dialogen auf, mal mit einem resignierten Unterton, mal mit einer Prise Selbstironie, wie ein Witz, der im Viertel die Runde macht.

Und dann war da der Mann im gelben Anorak.

Dass der gleiche Statist mit demselben, leuchtend gelben Kleidungsstück durch zwei Folgen der gleichen Serie spaziert, war an sich schon außergewöhnlich. War die Produktion wirklich so knapp bei Kasse? Als ich ihn in der folgenden Woche noch einmal sah, glaubte ich meinen Augen kaum. Doch da war er, saß auf einer Parkbank am Rand einer kleinen Grünanlage, und hob eine Schnapsflasche an die Lippen, die in einer braunen Papiertüte verborgen war. Was hatte das zu bedeuten?

Die Einstellung dauerte nur ein paar Sekunden, genug um die Umgebung der Szene zu verorten. Schon verengte sich die Perspektive mit einer Nahaufnahme von Detective Atkinson, der sich gerade diskret mit einem Informanten unterhielt. Ihr Gespräch interessierte mich schon kaum mehr, und auch dem Rest der Folge schenkte ich nur wenig Beachtung, denn mein Geist war ganz mit dem Mann im Anorak beschäftigt. Wie konnte seine geheimnisvolle Präsenz erklärt werden? Nichts schien sie zu rechtfertigen. Er war in keiner Weise an der Handlung beteiligt, und die Helden der Serie schienen ihn nicht zu bemerken. Burns hatte ihn in der vorigen Woche nicht mal mit einem Blick gewürdigt, und Atkinson tat das jetzt genauso wenig. Handelte es sich etwa um eine Nebenfigur, deren Auftritt insgeheim vorbereitet wurde? War der Mann im Anorak ein Bauer, der von den Drehbuchautoren auf dem Schachbrett der Narration unbemerkt vorgeschoben wurde? Könnte sein – aber die Auftritte des Mannes waren so unterschwellig, dass diese Hypothese wenig plausibel war. Oder war seine Präsenz ein Insiderwitz, den sich die Regisseure ausgedacht hatten, so wie es in der großen Zeit des Kinos sicher war, dass in Chabrol-Filmen Attal und Zardi in kleinen Nebenrollen auftauchen und ein Statist “Fascination” summte? Oder handelte es sich – aber das war nun wirklich sehr unwahrscheinlich – um eine selbst auferlegte contrainte, die sich ein Oulipo-verrückter Produzent ausgedacht hatte? Ergo, konnte es sein, dass der Mann mit dem Anorak in allen Folgen von Simple Cops auftauchte?

Während ich auf die nächste Folge wartete, stellte ich in meiner Bibliothek und im Internet Nachforschungen an. Ich musste feststellen, dass Simple Cops keinen besonderen Eindruck in der Welt der Serienfans hinterlassen hatte. Martin Winklers und Christophe Petits unumgängliches Lexikon der Fernsehserien erwähnte Simple Cops mit keinem Wort. Auf Imdb.com gab es eine einzige, eher gedämpfte Zuschauerrezension, die der Serie ankreidete, ein schwacher NYPD-Blue-Abklatsch zu sein. Ganz Unrecht hatte sie damit nicht. Amerikanische Fan-Websites wie tvshows.com führten Simple Cops und hunderte anderer Serien auf, mit vollständiger Liste der Mitwirkenden und einer knappen Zusammenfassung, die so mehr oder weniger von allen Seiten übernommen worden war. Die Rubriken “Anekdoten”, “Trivia” oder “Geheimnisse vom Set”, in denen der Mann im gelben Anorak hätte erwähnt werden können, waren leer. Eine magere Ausbeute. Aber immerhin erfuhr ich, dass der Serie ein nur kurzes Leben beschert gewesen war. Mitten in der zweiten Staffel war sie eingestellt worden, sicher wegen unbefriedigender Quoten. Aus dem gleichen Grund gab es auch keine DVD-Ausgabe – die hätte ich mir sonst natürlich sofort bestellt. Doch da ich mich trotz allem stur daran machte, mehrere Seiten und Links zu durchforsten, fand ich schließlich einen etwas vollständigeren Eintrag auf einer australischen Seite, der eine Liste der Folgen mit kurzen Zusammenfassungen enthielt. Dieser Wegweiser sollte sich als sehr nützlich erweisen, denn die Serie wurde selbstredend nicht in der korrekten Reihenfolge ausgestrahlt – schließlich war sie nur ein Lückenfüller im Nachtprogramm eines drittklassigen Senders.

Von diesem Zeitpunkt an nahm ich die Folgen systematisch auf, ohne jedoch aufzuhören, sie mir dann auch anzuschauen. Mir gefiel dieser Dienstagstermin in der Stille der Nacht: Die schlafende Stadt um mich herum zu wissen verstärkte das Gefühl, dass ich eine besondere Beziehung zu den Cops aus Cleveland hatte. Ich begann auch, die Serie mit anderen Augen zu betrachten. Das Notizbuch lag immer griffbereit. Ich kümmerte mich nicht mehr um die immer gleichen Fälle, und es interessierte mich nicht mehr, ob Burns sich mit seinem auf die schiefe Bahn geratenen Sohn aussöhnen, Atkinson mit der süßen Marion Sanders anbandeln, Morales den Krebs besiegen oder Resnick es schaffen würde, sich von seiner bei jeder Gelegenheit fremdgehenden Ehefrau zu trennen. Stattdessen beobachtete ich die hintersten Winkel jeder Bildsequenz und wartete auf ein Erscheinen des mysteriösen Statisten. Zu meiner Überraschung bestätigte sich die wildeste meiner Hypothesen. Der Mann mit dem gelben Anorak tauchte in jeder Folge auf, zumindest in dem Dutzend, das ich sehen konnte (denn ich hatte die Serie ja erst in der Mitte der Fernsehsaison entdeckt). Er blieb immer im Hintergrund und spielte für die Handlung nicht die geringste Rolle. Und doch zeichnete sich langsam, ein Roter Faden ab, der sich durch seine Auftritte zog. Es war, als erzählten sie mit Unterbrechungen eine parallele Geschichte: Den Abstieg eines armen Kerls in die Obdachlosigkeit.

– In Folge 1.3 (Die früheste, die ich sehen konnte) überquert er zögernd eine Straße und wirft dabei sorgenvolle Blicke um sich.

– In Folge 1.5 ermitteln Sanders und Colson wegen eines bewaffneten Überfalls in einem Ladengeschäft. Man sieht den Mann im Anorak aus dem Nachbargeschäft treten und sofort wieder in der nächsten Tür verschwinden.

– In Folge 1.6 geht er durch die Drehtür des Gerichtsgebäudes, während Bauer im Vordergrund vom Staatsanwalt den Kopf gewaschen bekommt.

– Folge 1.7 war die, in der er mir zum ersten Mal aufgefallen war. Er versucht, sich Zugang zu einem verlassenen Haus zu schaffen.

– In Folge 1.9 füttert er Tauben in einem Park.

– In Folge 1.10 erscheint er im Flur des Polizeireviers und rüttelt wie wild an einer Schranktür (Der Kerl schien wirklich von Türen besessen zu sein).

– Folge 1.12 war die, in der man ihn im Park trinken sieht, während sich Atkinson mit seinem Informanten unterhält.

– Eine Besonderheit: in Episode 1.13 taucht er zweimal auf. Man sieht ihn zuerst auf einem Gehsteig sitzen und betteln, während im Vordergrund Colson und Thaddeus einen Dealer festnehmen. Etwas später schlüpft er durch eine Lücke in einer Baustellenabsperrung.

– In Folge 2.1 verhandelt er auf der Türschwelle eines Hauses mit einem Rentner, der ihm schließlich die Tür vor der Nase zuschlägt.

– In Folge 2.2 verpasste ich ihn fast. Aber er war da, neben anderen Obdachlosen in einer verlassenen Fabrik schlafend, in der Burns und Morales nach einem flüchtigen Zeugen suchen.

– In Folge 2.5 konnte man ihn am besten erkennen. Bauer und Resnick hocken über Nacht in einem Lieferwagen unter einem Highway. Penner wärmen sich an einem Feuer in einer Öltonne. Unter ihnen befindet sich der Mann im gelben Anorak (der jetzt schon nicht mehr gelb ist, sondern eher schmutzig-grau), schlecht rasiert, eingefallene Wangen, verlorener Blick.

Es ist eine eigentümliche Sache, einen Film oder eine Serie zu schauen und dabei nur auf die Hintergründe und Ränder des Bildes zu achten. Es ist, als ob die eigene Aufmerksamkeit zu schielen beginnt, und man stellt fest, dass man die meisten Filme gar nicht wirklich anschaut. Einerseits verfolgt man unwillkürlich den Fall mit – man merkt sich Namen, Fakten, vermutet eine plötzliche Wendung in der Handlung, und versucht, den die Identität des Täters zu erraten. Andererseits entdeckt man, dass sogar die konventionellste Fiktion voller bizarrer, überraschender, unlogischer und berührender Details ist, die mal vom Regisseur absichtlich platziert (ohne dass jedoch notwendigerweise ein klarer Grund zu erkennen war), mal ohne sein wissen von der Kamera aufgezeichnet wurden, wie das schüchterne Mädchen mit den kurzen Haaren: flüchtige, zerbrechliche Momente, für immer auf Zelluloid gebannt. Sind sie nicht unser geheimster Grund, ins Kino zu gehen? Mehrere solcher Details sprangen bei Simple Cops ins Auge. Die schöne Monica am Empfang des Polizeireviers besaß eine scheinbar unerschöpfliche Pulloversammlung. Jede Folge trug sie einen anderen. Thaddeus, Bauer und Mentell waren allesamt Linkshänder – drei Linkshänder in der gleichen Serie? Und was sollte man von den unzähligen Standuhren, Wanduhren und Radioweckern halten? Manchmal wurden sie zu Zwecken des Spannungsaufbaus in Nahaufnahme gezeigt, meistens blieben sie jedoch im Hintergrund und an den Rändern des Bildes, wie eine geheime, nur angedeutete Obsession. Und was hatte es mit den Graffitis auf sich, die immer wieder in den Außenaufnahmen zu sehen waren, mit Spraydosen auf die Mauern gesprüht oder hastig in eine Telefonzelle gekrakelt? Es waren allesamt Hilferufe: “Help!”, “Get me out of this!”

Drei Monate dauerte meine Spurensuche. Dann legte ich mich eines Dienstags mit der Fernbedienung in der Hand aufs Sofa, bereit, die Aufnahme zu starten. Um punkt zwei Uhr dreiunddreißig, nach dem Werbeblock, erwartete ich den altvertrauten Vorspann, doch stattdessen stiegen zwei unbekannte Uniformierte, eine blonde Bohnenstange und ein schwarzer Schrank, aus einem New Yorker Polizeiwagen. Sowas aber auch! Simple Cops war ohne Umschweife eingestellt und durch eine andere alte Lückenfüller-Serie ersetzt worden. Ich war wie von Sinnen.

In den Tagen danach musste ich eine weitere Niederlage einstecken. Als ich alle Folgen noch einmal anschauen wollte, stellte ich fest, dass mein alter Videorekorder ohne mein Wissen begonnen hatte, den Geist aufzugeben (Wie die meisten Menschen nahm ich viele Sendungen auf, schaute sie aber erst Monate später an). Das Bild war verzerrt, verschneit, unbetrachtbar. Unmöglich, unter diesen Bedingungen irgendetwas zu erkennen. Ein Haufen Filme, die ich in der gleichen Zeit aufgenommen hatte, war ebenfalls dahin. Ich dachte an meinen alten Freund Bernard, ein manischer Cineast, der immer sicherstellte, dass der Film, dessen Aufnahme er am Vortag programmiert hatte, auch korrekt aufgenommen worden war. Er hatte Recht gehabt. Ich hätte mich Ohrfeigen können.

Simple Cops hatte so viel Raum in meinem zerfaserten Leben eingenommen, dass ich in eine echte Depression versunken wäre, hätte ich nicht am übernächsten Tag einen Anruf wegen eines Jobs erhalten, auf den ich mich ohne große Illusionen beworben hatte. Es war eine Stelle in einer Kulturdelegation in Deutschland. Ich war einer der vier Kandidaten, deren Bewerbung ausgewählt worden war. Das Vorstellungsgespräch fand einige Tage später statt und verlief erstaunlich gut, vielleicht auch, weil ich mir keinerlei Hoffnungen auf Erfolg machte. Meine Deutschkenntnisse kamen mit einer Leichtigkeit wieder, die mich selbst begeisterte. Eine Woche später rief man mich an, um mir mitzuteilen, dass man trotz meiner sehr interessanten Bewerbung – blablabla – einen anderen eingestellt hatte. Jedoch war eine zweite Stelle, die dringend besetzt werden musste, kurzfristig in Berlin frei geworden. Natürlich war es nicht das gleiche Aufgabenprofil und die Bezahlung würde dementsprechend niedriger sein. Vielleicht sei ich ja der Ansicht, mein Ausbildungsniveau sei für diese Stelle zu hoch? Der Typ am anderen Ende der Leitung schien sich fast zu entschuldigen. Ich tat so, als würde ich einen Moment überlegen müssen, und akzeptierte dann – ohne zu erwähnen, dass mir diese Lösung gelegener nicht hätte kommen können. Ich hatte es noch nie gemocht, in “einer Verantwortungsposition zu stehen”, um seine Worte zu benutzen. Ich musste Packen, stapelweise Formulare ausfüllen, einen Untermieter finden. Plötzlich waren meine Tage ausgelastet.

In Berlin lebte ich mich sofort ein. Ich hatte den Eindruck, aus einem langen Winterschlaf zu erwachen. Es gab sehr viel zu tun, und die Arbeitstage verlängerten sich oft bis in die Abende und Wochenenden, doch das störte mich nicht. Manchmal dachte ich noch an den Mann im gelben Anorak. Es passierte auch, dass ich befreundeten Kollegen von ihm erzählte, doch niemand schien Simple Cops zu kennen. Meine Ausführungen wurden mit einer höflichen, aber skeptischen Stille begrüßt. Das war noch vor dem großen Serienboom, und die meisten Menschen im Kulturbereich interessierten sich nicht für diese Art von Fiktionen. Fernsehserien waren in ihren Augen ein Abfallprodukt der Massenkultur. Und da man mich ohnehin schon für einen komischen Kauz hielt, beharrte ich nicht allzu sehr und lenkte die Unterhaltung auf Bücher und Kunstausstellungen.

Die ersten sechs Monate vergingen wie im Flug. Als ich dann eines Morgens im Herbst das Filmprogramm in der Zeitung las, fiel mir eine Anzeige für einen neuen amerikanischen Film namens The Cleveland Ultimatum ins Auge. Der Regisseur war mir unbekannt, doch da ich in Begleitung von Detective Burns und seinen Kollegen so viele Stunden in der Stadt verbracht hatte, ging ich mir am darauffolgenden Samstagnachmittag den Film anschauen. Es war ein ziemlich uninspirierter Thriller mit endlosen Schießereien und einer Verschwörung, hinter der natürlich ein hohes Tier der CIA steckte. Es wurde diese unerträgliche, heute unerlässliche Schnitttechnik benutzt, bei der keine Einstellung länger als drei Sekunden dauert, um Rhythmus vorzutäuschen und zu verbergen, dass der Regisseur nicht weiß, wo er die Kamera hinstellen soll. Hätte die Handlung nicht in Cleveland gespielt, wäre ich nach zwanzig Minuten rausgegangen. Aber ich war froh, wenn auch nur schemenhaft, den Terminal Tower, den Hafen am Eriesee und die Bögen der Detroit-Superior Bridge erkennen zu können.

Die Einstellung war so schnell vorbei, dass ich zunächst an eine Halluzination glaubte. Doch dieser kleine gelbe Fleck hinten im Bild, war das nicht der Mann im Anorak? Ich ertrug tapfer die Lawine von vorhersehbaren Plot-Twists bis zum Ende des Films und bleib bis zur nächsten Vorstellung im Kino sitzen. Als die Sequenz erneut auf der Leinwand erschien, gab es keinen Zweifel mehr. Viele Jahre waren zwischen den Drehs von Simple Cops und The Cleveland Ultimatum vergangen. Sein Bart war ergraut. Er hatte seine Haare verloren. Doch er war es, in seinem alten gelben Anorak. Zusammen mit zwei anderen Vagabunden stand er an einer Straßenecke. Ich war wie vom Schlag getroffen.

Als ich das Kino verließ, plagten mich Gedanken aller Art, wenn auch nicht besonders tiefgründige. Während mein Leben eine Wendung zum besseren erfahren hatte, waren andere Existenzen für immer in einer Sackgasse steckengeblieben. Etwa wie, wenn man in das Viertel zurückkehrt, in dem man aufgewachsen ist, und feststellt, dass die Bäckersfrau immer noch Bäckersfrau ist. Während sich die Welt weiterdrehte, hatte der Mann im Gelben Anorak seine ziellose Wanderschaft fortgesetzt, ohne Cleveland je verlassen zu können. Oder besser gesagt, und dieser Gedanke bildete sich ganz von allein, so dass ich selbst stutzen musste, ohne das Bild von Cleveland je verlassen zu können.

Manchmal will es der Zufall, dass sich die Dinge überschlagen. Eine Woche später musste ich auf eine Dienstreise nach Köln. Abends kehrte ich erschöpft ins Hotel zurück, warf mich aufs Bett, schaltete den Fernseher ein, ließ meine Schuhe geräuschvoll auf den Boden fallen, und fing an, durch die Kanäle zu schalten. Auf Eurosport wurde eine Partie Snooker in Gänze übertragen. Ich schaute sie bis zu Ende an und versuchte, mich an die Regeln zu erinnern – eine Rote Kugel, dann eine Farbige… dieses Spiel hatte mich schon immer fasziniert. Dann schaltete ich wieder herum, zappte schnell durch fünf oder sechs Kanäle, und schaltete wieder zurück: ich hatte den dicken Burns erkannt. Es war eine Folge von Simple Cops. Eine, die ich noch nie gesehen hatte. Ich drehte lauter. Natürlich war die Folge auf Deutsch synchronisiert, was es noch seltsamer machte, in diesem Hotelzimmer, wenn auch wie zuvor in den frühen Morgenstunden, darauf zu stoßen. Die Handlung folgte einem anderen Rhythmus, sie war etwas behäbig, als wären die Drehbuchautoren noch nicht richtig warm geworden. Die Folge erweckte den Eindruck eines langen Prologs, in dem sich mehrere Handlungsstränge abzeichneten, deren Auflösung ich bereits kannte. Nach einer Viertelstunde ging mir auf, dass ich gerade dabei war, den Pilotfilm der Serie zu schauen.

Also wartete ich auf das Erscheinen des Mannes im gelben Anorak und hoffte, dass sein erster Auftritt noch nicht vorbei war. Bald entdeckte ich ihn: Er schlief auf einer Parkbank. Spaziergänger, Liebespaare und Mütter mit Kinderwagen liefen durch das Bild. Schließlich erschienen Burns und Atkinson und setzten sich. Die beiden Polizisten waren nicht im Dienst und diskutierten ihre persönlichen Probleme, keinen aktuellen Fall. Die Szene endete, wie sie begann, mit einer Totalen des gesamten Parks. Der Mann im Anorak schlief noch immer auf seiner Bank.

Während der Rest der Folge über den Bildschirm flimmerte und mich langsam der Schlaf übermannte, begann ich zu erahnen, was sich an diesem Tag am Set von Simple Cops ereignet hatte. Es war eine Szene mit vielen Statisten gewesen, deren Organisation nicht einfach gewesen war und die mehrere Anläufe gebraucht hatte, um das Ballett der Müßiggänger, die sich auf den Wegen des Parks begegneten, zu koordinieren. Der Regieassistent hatte den Statisten mit dem gelben Anorak gebeten, sich einfach auf eine Bank zu legen und den schlafenden Penner zu mimen. Man probte, veränderte einige Details – die Dame mit dem Kinderwagen bitte schneller, das Liebespaar etwas langsamer – und machte fünf oder sechs Aufnahmen. Unter der warmen Nachmittagssonne war der Mann im Anorak letzten Endes tatsächlich eingeschlafen. Als der Regisseur zufrieden war, gaben die Assistenten den Statisten frei. Der Rest des Teams packte die Ausrüstung ein. Keiner schenkte dem auf der Bank ausgestreckten Kerl im gelben Anorak mehr Beachtung. Als er eine Stunde später wieder aufwachte, hatte er den Park verlassen vorgefunden.

Wann hatte er bemerkt, dass er auf eine andere Realitätsebene gerutscht war? Er muss versucht haben, zu seiner Frau und seinen Kindern nach Hause zu gehen, doch das war nicht mehr möglich, denn sein Haus war nicht gefilmt worden. Er war Tage und Wochen in einem virtuellen Cleveland herumgeirrt, das sich nach und nach vergrößerte, wann immer bei Simple Cops ein neuer Drehort hinzukam. Als sein Geld aufgebraucht war, hatte er gebettelt, um zu überleben, geschlafen wo er konnte, und sich schließlich mit anderen Obdachlosen zusammengetan. Vielleicht hatte er ein paarmal versucht, seinen Leidensgenossen seine Geschichte zu erzählen. Doch die anderen lachten nur, ohne ihm Böses zu wollen, hielten ihn für einen ungefährlichen Irren und reichten ihm die Flasche. Während dieser ganzen Zeit suchte er verzweifelt nach einem Ausgang, der auf die Richtige Seite der Kulisse führte. Also probierte er alle Türen und ging überall hinein wo er konnte, doch vergebens. In einer Lagerhalle, in der er einmal geschlafen hatte, fand er ein paar alte Spraydosen, mit denen er Hilferufe auf die Mauern der Stadt sprühte – wer weiß, vielleicht würde ja jemand eines Tages seine Anwesenheit bemerken? Doch zehn Jahre später, als The Cleveland Ultimatum gedreht wurde, war er immer noch Gefangener dieser seltsamen, nur für die Kameras sichtbaren Zwischenwelt. Und vielleicht irrt er auch noch heute von Straße zu Straße, von Tür zu Tür, in der Hoffnung, eines Tages den Ausgang des Bildschirms zu finden.  


*video: Yuval Ben Bassat            

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