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Was man denken könnte, kurz nachdem man sich von ihm verabschiedet hat und kurz bevor man durch die Tür des Hauses hinaustritt:

1. Was ist das für ein Photo, das hier hängt?

2. Ist das sie auf dem Photo, das hier hängt?

3. Dass sie vor einem nicht sehr hohen Holzlattenzaun steht, der sie von einer kleinen Gänseherde trennt, könnte man denken. Ihr Körper nach oben gereckt, ihr Kopf nach hinten geworfen. Nicht zu sehen ist, wo ihr Blick hingeht.

4. Dass das Photo an einer dieser schmalen Wände hängt, die zwischen Ecken und Türen eingeklemmt sind; das sind Wände, an denen Kalender und kleine Bilder hängen; das sind keine Wände, denen man sich beim Laufen durch die Räume gegenüber sieht; es sind Wände, an denen vorbeigegangen wird.

Wenn man nicht daran vorbeigeht, sieht man ein Photo, das sie sich, als sie noch lebte, niemals an die Wand gehängt hätte: vor ihrem Zaun stehend, vor ihren Gänsen, während diese gemütlich durch die Pfützen gehen, die fast überall untief ihre ausgefächerten Füße umstehen. Die Gänse sehen sie nicht an, sie sehen zueinander oder sich selbst ins Gefieder. Ihr Federfell ist nicht schmutzig, im Gegenteil: es ist sehr weiß. Manche haben den Schnabel nicht in die Federn gesteckt, sie recken den Hals, als versuchten sie, die Pfützen nicht zu durchqueren, sondern sich aus ihnen herauszuziehen. Und auch sie, könnte man denken, sieht aus, als versuchte sie, sich irgendwo herauszuziehen, aus tiefstem Schlamassel in äußerst saubere Luft, dabei so gewollt angestrengt, dass sie kurzzeitig alle über die Jahre sich angeeigneten Auffassungen von Sauberkeit vergessen haben musste.

Was man denken könnte:

Dass sie nicht gemerkt haben konnte, wie sie photographiert, wie ihr Verhalten zu einem Bild wurde. Nie war es zu Ausschweifungen ihres Körpers gekommen; allenfalls ihres Mundes: auffällig viele Personen, die ihr nicht gewogen waren aus bestimmten Gründen – idiotischen, wie sie sagte –, waren gestorben, kurz nachdem sie sie leise verflucht hatte.

Der Weg auf dem Photo würde sie zum Haus führen, ginge sie ihn weiter: am Zaun entlang, über den Rand des Photos hinaus, hierher, wo jetzt auf ihr Photo geblickt wird, auf einen in fast sturer Dauerhaftigkeit in sich zusammengefallenen Körper, der sich sehr plötzlich nach oben aufgerichtet zu haben scheint, senkrecht die Sonne hinauf, hinein in den Wind, der in der Höhe weht, in die sie sich hineingereckt hat. So steht sie da, vor dem Zaun, während auf der anderen Seite Wald- und Wiesengänse gehen, die so konsequent vermeiden, sie direkt anzusehen, als würde dieser Blick seit Jahrhunderten vom Baltischen Meer bis zum Atlantischen Ozean geübt, nachdem Zugvögel ihn aus dem afrikanischsten aller Länder eingeflogen hatten und aus der Luft, wie eine himmlische Fügung, auf die Tiere fallen ließen.

Ihnen zu Füßen, erahnbar: Gänseblümchen, Gänsefingerkraut, Gänsedisteln, Gänsekresse, Gänsefußgewächse. Gänse leben auf einer Erde, die nur nach ihnen benannt ist und sich aus wachsender Dankbarkeit, umgangen zu werden, jeden Morgen bis an ihr absehbares Ende, einen Zaun, produktiv nach oben ausdehnt. Auf der Umgehung steht sie und sieht sich nicht um und merkt nicht, dass sie photographiert wird. Die Arme ausgestreckt neben sich, vor ihr stumpfes Holz, über ihr kreiselnde Luft.

Nie hatte sie sich so verhalten, nicht außerhalb und auch nicht innerhalb dieses Hauses, in das sie, aus der Stadt kommend, gezogen war. Aus Liebe – später sagte sie: aus Idiotie – hatte sie einen Mann geheiratet, der mit 18 Jahren Hitlers Leibgarde beigetreten war; später promovierte er in Ornithologie.

Die Kamera hatte sie in sich hineingeklappt und erst über einem Papierbogen wieder aufgefaltet, in einer freigiebigen Geste – unentscheidbar, ob sie die Abgebildete oder das Abbildende zu verantworten hatte, an dieser schmal an vier Kanten vorbeiziehenden Wand, vor der man jetzt steht: mit ihm. Und zu dem er versucht, Auskunft zu geben, das heißt: hinüber zu seinen Büchern geht, sie aufschlägt und sie zuschlägt und dies auch drei Zimmer weiter tut, während man ihn murmeln hört: Zweitmünder, Zweitmünder. So heißt ornithologisch aller Gänsearten Überstamm, aber wie heißt der Stamm? Irgendwo muss es stehen – und auch, weshalb Erkenntnis entsteht, indem man etwas schlägt, damit es sich öffnet, und schlägt, damit es sich schließt.

Am Rande der winzigen Gänseherde ist ein winziger Bach. Das Bachwasser fließt waagerecht in die Luft hinein, von rechts nach links – gegen die Bewegung der über das Photo kreisenden Gedanken. Möglich, dass entgegen dem sehr eigenen Blickverhalten die Laute der Gänse, wenn auch auf unsichtbaren Bahnen verlaufend, der Person gewidmet waren, die am Zaun stand, vor allem die tieferen und kräftigeren, weiblichen Töne. Möglich, dass die Gänse nicht geschnattert, sondern geschrien haben. Möglich, dass ihnen deshalb der Schnabel so weit offensteht. Möglich, dass sie zurückgeschrien hat, den Kopf nach hinten, senkrecht in die Luft. Ihr Körper beim Schreien sich nach oben geworfen hat, eine Bewegung, die sie sehr lange nicht mehr oder nur heimlich ausgeführt hatte. Dabei jemanden verflucht hat, diesmal sehr laut, weil sie alleine war. Möglich, dass der Photograph deshalb das Photo niemandem außer ihr gezeigt hatte und überlebte, weil er den Beweis ihrer akrobatischen Seele bis zu ihrem Tod vor anderen versteckt hatte. Wobei in diesem Fall zu fragen wäre: mit welcher Absicht der Photograph sie photographieren wollte; ob sie ihm zufällig vor die Linse getreten war; oder ob sie ihn womöglich bereits Tage zuvor hörbar verflucht und er seitdem schweißgetrieben versucht hatte, sie in einer für sie undarstellbaren, unvorstellbar darstellbaren Haltung abzulichten und damit zu erpressen. – Möglich, dass sie angesichts der Gänse, angesichts einer Tierunterform aus dem Überstamm der Zweitmünder, nichts gesagt hatte, dass sich in der schwarz auf weiß erfassten Haltung die Luft wie ein Netz um sie gespannt hatte, mit hartem aber feinem Garn, das an der Brust am weitesten und am Hals am engsten liegt; dass sie festgestellt hatte, wie schön und nutzlos Perspektiven sind, wenn alles so nah an einem dranliegt, auch wenn alles Nahliegende sich gleich wieder entfernt, wie am Abend die Helligkeit, die tagsüber aus einem bis zum Rand mit Licht gefüllten Himmel kommt.

Ob ihm die ornithologisch korrekte Bezeichnung des Stammes einfallen wird, wenn er die Bezeichnung des Überstammes, jetzt auf Latein, vor sich hin skandiert?

Über den weiß gefiederten Köpfen, den hochgereckten, vor denen sie sich hochgereckt hat: die hellen Blätter der Hainbuchen, oder Weißbuchen. Sind auch sie, worauf die Logik bereits aufgeführter Pflanzennamen drängt, benannt nach den darunterweilenden Tieren? Die Blätter der Weißbuchen hängen dicht an ihren Zweigen und die Zweige wachsen nicht weit weg von ihrem Stamm, das ganze Ensemble mehr Strauch als Baum.

Man könnte denken: ihr Scheitel sieht ganz ungezogen aus in der sonst sehr aufgeräumten Landschaft.

Dass die Hainbuchen dort hinten noch immer stehen, könnte man denken, kurz nachdem man sich ein zweites Mal von ihm verabschiedet hat und kurz bevor man durch die Tür des Hauses hinaustritt. Davor noch immer der Zaun. Davor der Weg. Am Zaun entlang werden Spaziergänge gemacht und es wird hinübergeschaut, als man durch die Tür des Hauses hinaustritt. Unter den Spaziergängern ist ein Kind, das versucht stehenzubleiben und durch den Zaun hindurchzusehen, seine Hand wird von der Hand eines Spaziergängers festgehalten. Das Kind ist sehr klein und tapsig und gibt sich Mühe, das zu sehen, was die Zaunlatten abwechselnd verbergen und freigeben:

die Unterfamilie der Gänse.

Familie: Gänsevögel.

Ordnung: Entenvögel.

Klasse: Vögel.

Reihe: Landwirbeltiere.

Überklasse: Kiefermäuler.

Unterstamm: Wirbeltiere.

Überstamm: Zweitmünder.

Unterabteilung: Zweiseitentiere.

Abteilung: Gewebetiere.

Unterreich: Vielzellige Tiere.

Reich: Tiere.

Domäne: Zellkern besitzende Organismen.

Klassifikation: Lebewesen.

Ausgezeichnet war das Wetter an diesem Tag, hört man ihn im Inneren des Hauses rufen, wie auf der Suche nach einem und dann an einem Fenster: Über den Gänsen standen die Wolken, sie bewegten sich kein Stück!

Jetzt könnte man etwas denken, aber:

Man nickt.

Das Kind schafft es nicht stehenzubleiben. Die Zaunlatten, an denen das Kind vorbeigezogen wird, erinnern an Augenlider, die flattern und das Gesehene verschwimmen lassen; wären sie Münder, plapperten sie, ohne etwas von dem zu verraten, was sie sagen. Das Kind versucht trotzdem, wenigstens mit den Augen zu dem Verborgenen hinter dem Zaun durchzudringen. Es sieht nicht so aus, als würde das Kind gleich hochgehoben, um mehr sehen zu können. Jemand zieht an seinem Arm (derselbe, der vorher seine Hand gehalten hat), und zieht an seinem Arm, bis alle Spaziergänger am Zaun vorbeigezogen sind; den Weg weitergehend, senkt sich langsam der Kopf des Kindes, so langsam, dass es anstrengt, dem enttäuschten Zaungast dabei zuzusehen.

»Ich will nichts mehr wissen «, sagte der Mann, der nichts mehr wissen wollte.

Der Mann, der nichts mehr wissen wollte, sagte: »Ich will nichts mehr wissen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Und schon läutete das Telefon.

Und anstatt das Kabel aus der Wand zu reißen, was er hätte tun sollen, weil er nichts mehr wissen wollte, nahm er den Hörer ab und sagte seinen Namen.

»Guten Tag«, sagte der andere.

Und der Mann sagte auch: »Guten Tag.«

»Es ist schönes Wetter heute«, sagte der andere.

Und der Mann sagte nicht: »Ich will das nicht wissen«, er sagte sogar: »Ja sicher, es ist sehr schönes Wetter heute.«

Und dann sagte der andere noch etwas.

Und dann sagte der Mann noch etwas. Und dann legte er den Hörer auf die Gabel, und er ärgerte sich sehr, weil er jetzt wußte, daß es schönes Wetter ist.

Und jetzt riß er doch das Kabel aus der Wand und rief: »Ich will auch das nicht wissen, und ich will es vergessen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Denn durch das Fenster schien die Sonne, und wenn die Sonne durch das Fenster scheint, weiß man, daß schönes Wetter ist. Der Mann schloß die Läden, aber nun schien die Sonne durch die Ritzen.

Der Mann holte Papier und verklebte die Fensterscheiben und saß im Dunkeln.

Und so saß er lange Zeit, und seine Frau kam und sah die verklebten Fenster und erschrak. Sie fragte: »Was soll das?«

»Das soll die Sonne abhalten«, sagte der Mann.

»Dann hast du kein Licht«, sagte die Frau.

»Das ist ein Nachteil«, sagte der Mann, »aber es ist besser so, denn wenn ich keine Sonne habe, habe ich zwar kein Licht, aber ich weiß dann wenigstens nicht, daß schönes Wetter ist.«

»Was hast du gegen das schöne Wetter?« sagte die Frau, »schönes Wetter macht froh.«

»Ich habe«, sagte der Mann, »nichts gegen das schöne Wetter, ich habe überhaupt nichts gegen das Wetter. Ich will nur nicht wissen, wie es ist.«

»Dann dreh wenigstens das Licht an«, sagte die Frau, und sie wollte es andrehen, aber der Mann riß die Lampe von der Decke und sagte: »Ich will auch das nicht mehr wissen, ich will auch nicht mehr  wissen,  daß man das Licht  andrehen kann.«

Da weinte seine Frau.

Und der Mann sagte: »Ich will nämlich gar nichts mehr wissen. «

Und weil das die Frau nicht begreifen konnte, weinte sie nicht mehr und ließ ihren Mann im Dunkeln.

Und da blieb er sehr lange Zeit.

Und die Leute, die zu Besuch kamen, fragten die Frau nach ihrem Mann, und die Frau erklärte ihnen: »Das ist nämlich so, er sitzt nämlich im Dunkeln und will nämlich nichts mehr wissen. «

»Was will er nicht mehr wissen? « fragten die Leute, und die Frau sagte:

»Nichts, gar nichts mehr will er wissen.

Er will nicht mehr wissen, was er sieht – nämlich wie das Wetter ist.

Er will nicht mehr wissen, was er hört – nämlich was die Leute sagen.

Und er will nicht mehr wissen, was er weiß – nämlich wie man das Licht andreht.

So ist das nämlich«, sagte die Frau.

»Ah, so ist das«, sagten die Leute, und sie kamen nicht mehr zu Besuch.

Und der Mann saß im Dunkeln.

Und seine Frau brachte ihm das Essen.

Und sie fragte: »Was   weißt du nicht mehr?«

Und er sagte: »Ich weiß noch alles«, und er war sehr traurig, weil er noch alles wußte.

Da versuchte ihn seine Frau zu trösten und sagte: »Aber du weißt doch nicht, wie das Wetter ist.«

»Wie es ist, weiß ich nicht«, sagte der Mann, »aber ich weiß es immer noch, wie es sein kann. Ich erinnere mich noch an Regentage, und ich erinnere mich an sonnige Tage. «

»Du wirst es vergessen«, sagte die Frau.

Und der Mann sagte:

»Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.«

Und er blieb im Dunkeln, und seine Frau brachte ihm täglich das Essen, und der Mann schaute auf den Teller und sagte:

»Ich weiß, daß das Kartoffeln sind, ich weiß, daß das Fleisch ist, und ich kenne den Blumenkohl; und es nützt alles nichts, ich werde immer alles wissen. Und jedes Wort, das ich sage, weiß ich.«

Und als seine Frau ihn das nächste Mal fragte: »Was weißt du noch?« da sagte er:

»Ich weiß viel mehr als vorher, ich weiß nicht nur, wie schönes Wetter und wie schlechtes Wetter ist, ich weiß jetzt auch, wie das ist, wenn kein Wetter ist. Und ich weiß, daß, wenn es ganz dunkel ist, daß es dann immer noch nicht dunkel genug ist.«

»Es gibt aber Dinge, die du nicht weißt«, sagte seine Frau und wollte gehen, und als er sie zurückhielt, sagte sie: »Du weißt nämlich nicht, wie ›schönes Wetter‹ auf chinesisch heißt«, und sie ging und schloß die Tür hinter sich.

Da begann der Mann, der nichts mehr wissen wollte, nachzudenken. Er konnte wirklich kein Chinesisch, und es nützt ihm nichts, zu sagen: »Ich will auch das nicht mehr wissen«, weil er es ja noch gar nicht wußte.

»Ich muß zuerst wissen, was ich nicht wissen will«, rief der Mann und riß das Fenster auf und öffnete die Laden, und vor dem Fenster regnete es, und er schaute in den Regen.

Dann ging er in die Stadt, um sich Bücher zu kaufen über das Chinesische, und er kam zurück und saß wochenlang hinter diesen Büchern und malte chinesische Schriftzeichen  aufs Papier.

Und wenn Leute zu Besuch kamen und die Frau nach ihrem Mann fragten, sagte sie: »Das ist  nämlich so, er  lernt jetzt Chinesisch, so ist das nämlich. «

Und die Leute kamen nicht mehr zu Besuch.

Es dauert aber Monate und Jahre, bis man das Chinesische kann, und als er es endlich konnte, sagte er:

»Ich weiß aber immer noch nicht genug.

Ich muß alles wissen. Dann erst kann ich sagen, daß ich das alles nicht mehr wissen will.

Ich muß wissen, wie der Wein schmeckt, wie der schlechte schmeckt und wie der gute.

Und wenn ich Kartoffeln esse, muß ich wissen, wie man sie anpflanzt.

Ich muß wissen, wie der Mond aussieht, denn wenn ich ihn sehe, weiß ich noch lange nicht, wie er aussieht, und ich muß wissen, wie man ihn erreicht.

Und die Namen der Tiere muß ich wissen und wie sie aussehen und was sie tun und wo sie leben. «

Und er kaufte sich ein Buch über die Kaninchen und ein Buch über die Hühner und ein Buch über die Tiere im Wald und eines über die  Insekten.

Und dann kaufte er sich ein Buch über das Panzernashorn.

Und das Panzernashorn fand er schön.

Er ging in den Zoo und fand es da, und es stand in einem großen Gehege und bewegte sich nicht.

Und der Mann sah genau, wie das Panzernashorn versuchte zu denken und versuchte, etwas zu wissen, und er sah, wie sehr ihm das Mühe machte.

Und jedesmal, wenn dem Panzernashorn etwas einfiel, rannte es los vor Freude, drehte zwei, drei Runden im Gehege und vergaß dabei, was ihm eingefallen war, und blieb dann lange stehen – eine Stunde, zwei Stunden ­ und rannte, wenn es ihm einfiel, wieder los.

Und weil es  immer ein kleines bißchen zu früh losrannte, fiel ihm eigentlich gar nichts ein.

»Ein Panzernashorn möchte ich sein«, sagte der Mann, »aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.

Dann ging er nach Hause  und dachte an sein Nashorn.

Und er sprach von nichts anderem mehr.

»Mein Panzernashorn«, sagte er, »denkt zu langsam und rennt zu früh los, und das ist recht so«, und er vergaß dabei, was er alles wissen wollte, um es nicht mehr wissen zu wollen.

Und er führte sein Leben weiter wie vorher.

Nur, daß er jetzt noch Chinesisch konnte.


*This story is taken from: Kindergeschichten by Peter Bichsel. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997.

*Bild: Joana Keler

Datum: Mon, 19. August 20:41:42-0700 (PDT)

Von: Henning

An: Kundendienst

Betreff: ihre Mikrowelle

To whom it may concern,

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe in einer Angelegenheit, die trivial wirken mag, auf den ersten Blick glänzt sie geradezu vor Belanglosigkeit, zumal ich der letzte wäre, der wegen eines tiefgefrorenen Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Kokos-Vanillefüllung auf sich aufmerksam machen will, jenem Universalfood Donut also, den ich am 6. Juni gegen 18:34 Uhr in ihrer Mikrowelle (Modell: MagicWant single) gemäß meiner Gewohnheit in nur fünfunddreißig Sekunden zu meiner vollen Zufriedenheit aufgetaut habe. Was ich damit vorab sagen will: Ich bin mir bewusst, dass sie vor Aufgaben stehen, die nicht nur für Außenstehende dringlicher erscheinen, sondern dies unter Einbezug sämtlicher Faktoren auch tatsächlich sind. Lassen Sie mich also vorab jedes Missverständnis ausräumen: Ich melde hiermit keine Funktionsstörung o.g. Mikrowelle oder einer ihrer zahlreichen Apparate oder Applikationen in meiner Wohneinheit, die ihren Dienst allesamt einwandfrei verrichten, zumindest gehe ich davon aus (?). Läge eine technische Panne vor, die Sache wäre eindeutig und ließe sich leicht benennen (und wären Sie nicht sowieso von dem Defekt längst unterrichtet, ich meine, man ließ mich wissen, dass die Geräte Funktionsstörungen selbstständig an Sie senden, und Sie den Schaden womöglich sogar aus der Ferne beheben können, ohne eigenes einen Spezialisten oder Monteur (?) vor Ort schicken zu müssen?). Ich sehe mich daher gezwungen, auszuholen, ich werde mich möglichst knapp fassen, mir ist bewusst (oder zumindest nehme ich an, ohne dabei den hohen Automationsgrad ihrer Apparate infrage stellen zu wollen), dass die Zeit, die Sie einzelnen Nutzern widmen können, begrenzt ist (und wem sage ich, dass die Zeit eine kostbare Ressource ist, schließlich schreiben Sie dies gleich zu Beginn ihres mission statements, und zwar als Unternehmen mit mehrjährigen Erfahrungen, alternativ sprechen Sie von Daten, um ihren Kunden neben zahllosen Erleichterungen vor allem Zeitersparnisse zu garantieren, die im Einzelnen vielleicht gering, in der Summe aber beachtlich – und verwenden Sie in diesem Zusammenhang nicht sogar das Wort »Revolution« und, vermutlich wollen Sie mit dem ebenfalls verwendeten Kompositum auf den friedlichen Charakter des Ganzen verweisen (?): »Heimrevolution« – ausfallen). (Würden Sie mich direkt darauf ansprechen, und nach meinen Assoziationen fragen – ich gehe jedoch davon aus, dass Sie in dieser Sache bereits hinreichende Einblicke in die Gewohnheiten und Präferenzen ihrer Nutzer haben, zumindest deute ich eine jüngere Werbung ihres Unternehmens in dieser Richtung –, denke ich hierbei in erster Linie an ihr biometrisches Schließsystem, den intelligenten Kühlschrank YourMaid mit seiner exklusiven Bestellapplikationen für Universalfoodprodukte, den Staubsaugerroboter DustDeath II inklusive seiner Zwillingsschwester, dem Fenstersaubsauger AlwaysOntheBrightSide, und insbesondere den intelligenten Fernsehsessel Belaqua, die Liste ließe sich leicht fortsetzen, ihren Toaster e-Sunbeam, der wahlweise den tagesaktuellen DAX 30 Kurs oder die persönlichen systolischen und diastolischen Blutwerte auf den Toast brennt (oder beides miteinander überlagert), ist zweifelsfrei eine Spielerei, die ans Kindische grenzt, bereitet mir morgens aber dennoch immer wieder ein stilles Vergnügen).

Lassen Sie mich also zu dem Vorfall kommen, oder sagen wir lieber: den Umstand schildern, Vorfall wäre in diesem Kontext ein zu großer Begriff, der falsche Erwartungen wecken könnte, ebenso wie Ereignis, selbst Begebenheit, vielleicht kann man einfach von Hergängen sprechen oder Abläufen (in die mehrere Faktoren hineinspielen, deren präzise Funktion und Funktionsweise für mich oftmals im Dunkeln bleibt, wobei natürlich auch ich als Person und Handelnder zwangsläufig einen dieser Faktoren verkörpere), ohne dass ich zwischen Ursachen und Wirkungen in der jeweils gebotenen Schärfe zu unterscheiden wüsste, als ich an besagtem Abend am 6. Juni wie gewöhnlich zwischen sechs und halbsieben von der Arbeit nach Hause in meine Einheit zurückkehrte. Die Wohneinheit habe ich vor genau einem Jahr, am 1. August, bezogen, sie können dies ihrem über mich angelegten Profil vermutlich entnehmen (falls es keine große Mühe bereitet, würde ich bei Gelegenheit gerne einen Blick darauf werfen, ich sage dies frei von Hintergedanken, es wäre reine Neugier, sie betrifft allein das Format des besagten Profils (läge es eher in der Form eines Protokolls, einer Akte oder eines Dossiers vor und muss ich es mir eher chronologisch, typologisch oder synoptisch als Nutzerhistorie oder Biografie aufbereitet vorstellen, ich meine sogar, kürzlich einen Beitrag gelesen zu haben, dessen Autor behauptete, dass der Umgang mit großen Datenbergen die Nutzer zu regelrechten Romanfiguren à la Oliver Twist machen würde, nur das es nun für die Leser oder Ausleser dieser Daten gar nicht mehr so leicht sei, zwischen fiktionalem und realem Protagonisten zu unterscheiden?), vielleicht spielen auch Gründe der Eitelkeit mit in diese Anfrage nach dem Profil hinein, ich will dies keineswegs ausschließen, aber vielleicht finden sich darin ja auch für mich aufschlussreiche Einsichten, ich erwähne dies aber nur, und komme überhaupt erst in diesem Moment auf den Gedanken, da ich mich mit diesem Schreiben sowieso an Sie wende), in großer Erwartung und bisher zu meiner vollständigen Zufriedenheit. Wie Sie vermutlich wissen, betrete ich meine Wohnung an mindestens zwei Tagen in der Woche mit einer gewissen Ungeduld (leicht erhöhter Puls, flacher Atem etc.) (und es ist wirklich eine enorme Erleichterung, dass ich keinen Schlüsselbund mehr aus der Tasche klauben muss. Ich war einer jener Menschen, die ihren Schlüssel jedes Mal in unzähligen verfügbaren Taschen suchen musste, nicht selten wurde ich bei dem Gedanken eines Verlusts von einer plötzlichen Panik ergriffen, die Panik führte zu einer gesteigerten Schweißproduktion, zuerst im unteren Rückenbereich, dann im Nacken hinter den Ohren (der Schweiß rührte also weniger aus einer physischen Verausgabung, sondern – zumindest in Teilen – aus der Vorstellung, dass mich meine hinter ihrem Rollo stehenden Nachbarn schon wieder in dieser beschämenden, weil letztlich hilflosen, und in dieser Hilflosigkeit unwillkürlich kindlichen Geste ausgesetzt vor der eigenen Tür stehen sehen könnten), obwohl ich den Schlüssel in mittlerweile dreiundfünfzig Jahren niemals verloren und im letzten Moment zu meiner großen Erleichterung, ohne dass ich mir das hätte anmerken lassen, jedes Mal doch noch gefunden habe). Wenn ich meine Einheit dieser Tage nach wie vor in einem Zustand der inneren Anspannung betrete (manchmal frage ich mich, ob Außenstehende bei meinem Anblick auf einen diffusen Leidensdruck schließen?) (wobei es mir unangenehm wäre, dass ich der Vermutung Vorschub leisten könnte, an einer Blasenschwäche zu leiden, es mag harmlos sein und ist trotz allem verhext, aber ich werde diese Projektion trotz verschiedener meditativer Gegenmaßnahmen nicht los), liegen die Dinge anders als in Zeiten des Metallschlüsselbunds. Jetzt steht hinter der Ungeduld nichts weiter als das ebenso einfache wie instinktive Bedürfnis, möglichst schnell die Tür zu meiner Einheit hinter mir zu verriegeln (was natürlich automatisch geschieht, nur beim Entriegelungsvorgang führt meine Hast manchmal zu einem Abbruch des Verifikationsprozesses, sodass ich erneut einen Schritt zurück- und wieder vortreten muss, beim Zurücktreten zähle ich bis fünf, da ein zu rasches wieder Vortreten zu noch größeren Verzögerungen führt), um die Welt, der ich mit dem Eintritt in meine Einheit den Rücken kehre, auszuschließen, sodass ich nach einem langen Tag endlich in eine zu diesem Zeitpunkt heftig ersehnte Ruhe einkehren kann. Meine neue Einheit hat mir gerade auch in dieser Stimmungslage von Anfang an ein erhebliches Glücksgefühl bereitet, es mag aus der Geste rühren, beim Eintritt in die Einheit meine Hand um den biometrischen Türknauf zu legen, den Kopf leicht in den Nacken geknickt, um in das kleine Auge der Kamera zu blicken (die für meinen Geschmack eine Idee zu hoch angebracht ist, aber ist es in den Zukunftsfilmen, die ich in meiner Jugend mit großer Hingabe angeschaut habe, nicht ebenso, dass die Protagonisten mit einer leichten Links- oder Rechtswendung ihrer Köpfe aufschauen müssen? Manchmal drängt sich mir aber auch das Bild einer alten Frau auf, die, ihre Hände gefaltet und den Kopf wie eine Filmschauspielerin erhoben, zu einer Heiligenfigur in einer der katholischen Kirchen aufblickt, wie ich sie als Kind auf Familienurlauben gemeinsam mit meinen Eltern beobachtet habe; von den von meiner Mutter initiierten Kirchenbesuchen ist mir anders als die Himmelsdarstellung allein das Bild der kleinwüchsigen Frau erinnerlich, obwohl wir mit Sicherheit bedeutsame Deckengemälde gesehen haben (Michelangelo etc.)). Letztlich ist es aber wohl die Summe und Konstellation der zahlreichen kleinen Gesten und Sinneseindrücke, die eine simple Dopaminausschüttung bewirkt, und mich in die alberne, aber darin  glückliche Vorstellung versetzt, soeben in ein Raumschiff zu steigen (und was könnte ein größeres Freiheitsversprechen tragen, als die Fantasie, am Ende des Tags, nach getaner Arbeit, ein Raumschiff zu betreten, um hinaus, in die stillen Weiten des Alls zu gleiten und all den kleinlichen Sorgen des Alltags sanft enthoben zu werden?) (Wenn ich richtig informiert bin, ist Ihr Unternehmen als Investor an einem Unternehmen beteiligt, das den privaten Mond- und Marsflug mit visionären Eifer zeitnah auf die Beine zu stellen sucht?) (Dokumentarfilme, aber auch Romane – ich weiß nicht, ob Sie auch hier über meine Vorlieben unterrichtet sind, falls ja, so muss ich dies nicht eigenes erwähnen –, die sich mit dem Thema des Mars- und anderer Planetenflüge in allen ihren Facetten befassen, gehören noch immer zu meinen großen Leidenschaften). Kurz gesagt betrete ich meine Einheit gerne und mit hohen Erwartungen, zudem spüre ich deutlich ihr Potenzial sowie das Befreiende, das in einer Konzentration auf Wesentliches gründet (wie es von ihren Produkten heißt), die mir das Leben (und muss es anderen Menschen nicht ähnlich gehen?) mit der neuen Wohneinheit erschließt. Wenn ich die Wohneinheit nach wie vor in einem Zustand innerer Anspannung betrete, dann liegt das nicht an ihren selbsttätigen Apparaten, im Gegenteil, ich trage die Last und Erregung aus der Außenwelt in meine Einheit hinein, kurzum: Ich spreche von meinem Heißhunger (er beschränkt sich auf Süßspeisen, vielleicht sollte man also besser von Appetit statt Hunger sprechen, auch ein sogenannter Fressanfall (FA), wie er u.a. im DSM und ICD-10 gelistet ist, ginge an dieser Stelle entschieden zu weit, es liegt hier also, um es mit aller Deutlichkeit zu sagen, kein klinischer Fall vor), der möglicherweise in einer untergründigen Beziehung zu dem o.g. Isolationsbedürfnis steht, auch wenn ich über den Zusammenhang beider Sensationen, hier Appetit, dort Abschottung, kein fachliches Wissen besitze (bisher ist mir diesbezüglich keine einschlägige Studie bekannt, die sich diesem Phänomen widmet, und die einzigen Details, die mir in dieser Hinsicht einfallen, und zu einem tieferen Verständnis beitragen könnten, beträfen meine Schulzeit. Denn bereits dort habe ich zu jenen gehört, die nach Schulende als erstes das Schulgebäude verließen, und auf dem direkten Weg nach Hause zurückeilten, tatsächlich war es eher ein Stürmen, um sich nach der unentrinnbaren Eingliederung in ein soziales Gefüge wieder in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, anstatt etwa auf den Treppenstufen mit Klassenkameraden länger zu verweilen, gemeinsam in Kiosken Klebebilder oder klebrige Süßigkeiten aus großen Sammeltöpfen zu beziehen oder gar gemeinsam durch die Stadt zu stromern).

Tatsache ist also, dass ich an jenen durchschnittlich zwei, manchmal drei, und nur sehr selten (ja, dies sind durchweg Wochen, in denen mich soziale Situationen auf diffuse Art und Weise mehr als sonst und über die Maßen strapazieren und sich auf meine Stimmungen niederschlagen) an vier Tagen in der Woche, mit dem Betreten meiner Einheit direkt zur Kocheinheit stürze, obwohl es meiner Gewohnheit, aber mehr noch meinem Hygieneempfinden widerspricht, mit Straßenschuhen, die Jacke am Leib, meine Wohnung, und im Besonderen die Kochnische, zu betreten. Ohne Zögern öffne ich das Gefrierfach (oft erweckt es den Eindruck eines Reißens, das aber nur durch die Gummilippen der Gefrierfachtür hervorgerufen wird, die sich nur widerwillig vom Leichtmetall des Kühlschrankgehäuses lösen und so einer angemessenen Kraftanstrengung bedürfen), dem Gefrierfache entnehme ich einen Gefrierbeutel, dem Beutel zwei Donuts, einen der beiden lege ich zum Auftauen sofort in ihre Mikrowelle. In den fünfunddreißig Sekunden, in denen ihre Mikrowelle meinen Donut auftaut (und leicht anwärmt, es ist nur ein Hauch, der aber perfekt ist, die Simulation, dass es sich um einen ofenfrischen Donut handeln könnte, würde mir in diesem Moment bitter aufstoßen) (hat nicht schon meine Mutter die Donuts in meiner Kindheit in der Mikrowelle aufgetaut, nicht im Ofen erwärmt, ohne dass ich mich der Mikrowelle während des Betriebs jedoch nähern oder gar meine Stirn oder Nase gegen deren durchsichtige Tür pressen durfte?), schenke ich mir ein Glas Kuhmilch ein (1,5 % Fett mit Vitamin D Zusatz, 225 ml), um daraufhin  den Donut aus der Mikrowelle zu nehmen (erst beiße ich vom Donut ab, dann trinke ich einen Schluck Milch, mit der ich nur den letzten Rest des Donuts hinunterspüle). Donut und Milch nehme ich stets stehend in der Kochnische ein, ich erwähne dies, um den hohen Stellenwert und den Schwellencharakter zu betonen, den dieser erste Donut im Eintritt in meine Einheit für mich einnimmt, von der innerlichen, und auch physischen, letztlich handelt es sich wohl um eine psychosomatische Unruhe, hin zu einer Entspannung, die sich von Biss zu Biss in meinem Körper verbreitet (vergleichbar vielleicht mit dem wässrigen Nebel, der sich am Morgen beim Duschen aus dem intelligenten Duschkopf ihrer Konkurrenz (Modell e3250 X) langsam um den Körper schließt, um erst allmählich Tropfen und kleine Wasserbäche zu bilden, die, nun selbsttätig mit einem knapp bemessenen Spritzer Seife versetzt, den Oberkörper (das leichte Kitzeln um die Hüften), dann die Beine hinunterkullern, bis sie in kleinen Schaummuränen meine Knöchel und Füße erreichen). Folglich atme ich erst danach tief durch, fahre mir mit beiden Händen durch die Haare. Anschließend öffne ich den Reißverschluss meiner Jacke und streife die Schuhe ab. Ich dehne mich. Daraufhin schlüpfe ich in meine empfindsamen Hauspuschen, die die Innenraumtemperatur in Rückkopplung mit meinem Pulsschlag und Blutdruck perfekt regulieren. Erst jetzt lege ich den zweiten Donut in die Mikrowelle, diesen werde ich auf meinem Sessel in der Komfortzone sitzend, vor mir der wandfüllende Bildschirm, genießen. Alles in allem mag es ein bescheidenes, äußerst anfälliges und auch befristetes Glücksgefühl handeln, mit dem ich jetzt die wohltemperierte Komfortzone betrete, den Nachgeschmack des ersten Donuts und der Milch noch frisch im Gaumen (ein Nachgeschmack, der zugleich die Vorfreude auf den zweiten Donut befeuert), manchmal trage ich ihn in einer Serviette eingehüllt, manchmal auf einem Unterteller. Im Hintergrund spielt meine Lieblingsmusik, die automatisch startet, sobald sich die Wohnungstür nach meinem Eintritt in die Einheit selbsttätig schließt, gleichzeitig schaltet sich die indirekte LED-Beleuchtung sowie das Akzentlicht im Wohnbereich an, die Rollläden sind halb geschlossen, wie ich es am liebsten habe, vielleicht huscht soeben noch der Fensterstaubsaugroboter über das Glas, nicht selten, stelle ich mir vor, entdeckt er auf der Scheibe ein Schatten, der erst im Schein der tief stehenden Sonnenstrahlen sichtbar wird, so wie einem nachträglichen Blick, der zufällig aus einem unerwarteten Winkel auf die Chromverkleidung der Küchenablage fällt, die man erst vor wenigen Minuten akribisch gewischt hat, plötzlich eine weitere, zuvor übersehene Schliere ins Auge springt (obwohl mir natürlich bewusst ist, dass der BrightSight die Schatten und Schlieren nicht sieht, wie ich sie sehe, dass er überhaupt nichts sieht, sondern auf unergründliche Weise vorausberechneten Bahnen folgt, die sich dann aber dennoch niemals genau gleichen, für mein Geschmack ein wahres Mysterium). Alles ist maximal friedlich, maximal ruhig. Wie gesagt bin ich mir im Klaren darüber, dass das Equilibrium, das ich in diesem Moment in meiner Einheit erlebe, fragil sein mag, schließlich leben wir, wie nahezu täglich zu lesen und zu hören ist, in unsicheren Zeiten. Wenn ich in der Komfortzone stehe (soeben im Begriff, mich in dem intelligenten Fernsehsessel Belaqua niederzulassen – die Pobacken haben die Sitzfläche noch nicht berührt, schon blendet die Musik aus den Boxen aus, das Licht dimmt hinunter, und auf der Wand gegenüber des Sessels, die sich an der entsprechenden Stelle als Monitor erweist, erscheint ein Videobild, ich komme darauf zurück, es handelt sich um Aufnahmen aus dem All, aufgenommen von einer Sonde, manchmal ist es sogar ein Raumschiff, die in Realtime, also Lichtgeschwindigkeit, gesendet werden), erfasst mich ein Schwindel, bei dem Gedanken, dass es möglicherweise nur wenig bedarf, nur ein Glied, das in dieser fein aufeinander abgestimmten Kette ausschert, um ein ganzes Gefüge durcheinander zu bringen oder eine Mission zu vereiteln. (Haben Sie jüngst den Bericht über wachsenden Müllmassen im Weltraum zur Kenntnis genommen? Anlass des Artikels war eine Besatzung, die ihr Raumschiff wegen heranfliegender Schrottteile evakuieren musste, ich weiß nicht, ob Sie eine klare Position in Sachen Weltraumschrott beziehen? Oder gar darüber nachdenken, selbst Maßnahmen zu ergreifen oder zu veranlassen, dass Maßnahmen von Dritten ergriffen werden?)

Aber ich will endlich auf besagte Hergänge oder Abläufe (sofern es sich um welche handelt und schlussendlich nicht nichts?) zu sprechen kommen. Nachdem ich nach meinem Einzug o.g. Mikrowelle in Betrieb genommen habe, wurde ich mit der Zeit auf Zusammenhänge kommunikativer, und wie ich meine, kausaler Art aufmerksam, zumindest festigte sich die Vermutung, dass ein diskretes Verhältnis, das letztlich durch meine Person oder mein Verhalten getragen sein musste, zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Universalfood Donuts und o.g. Bildern des Weltraumkanals besteht. Über Textnachrichten, die auf diversen Endgeräten eintrafen und mich etwa über vorteilhafte oder weniger vorteilhafte Nährwerte unterrichteten, an die Nährwerttabellen schlossen sich wiederum weitere Ermutigungen oder Angebote an, oftmals erreichten mich auch e-Coupons für eben jene Donuts mit einer Haselnuss-Vanillecremefüllung, die ich am liebsten verzehre, und die beispielsweise in Aussicht stellten, beim Kauf des nächsten XL-Gefrierbeutels die aus den Donutlöchern gewonnen Teigbällchen der Bestellung gratis beizulegen, machte ich mir anfangs keine weiteren Gedanken. Ich wäre sogar verlegen zu sagen, wann der Weltraumkanal anstatt der Weltraumbilder erstmals jene Spots zeigte, die dann zur Gewohnheit wurden, anfangs handelte es sich wenn ich mich richtig erinnere um eine One-apple-a-day Kampagne: eine Formation grüner Äpfel flog gleich Amseln durch einen üppigen Garten, schwang sich kurz darauf in einen blauen Himmel auf, geriet außer Sichtweite, nur um unmittelbar darauf auf eine planetarische Umlaufbahn einzuschwenken. Die Bilder, so der Anschein, waren aus der Perspektive der Kamera meines Weltraumkanals aufgenommen, der Übergang zum Stream des Weltraumkanals vollzog sich gekonnt und war für das ungeübte Auge kaum auszumachen, zumal mich die entsprechende Ermunterung, der One-Apple-a-day-Bewegung beizutreten sowie die Erläuterungen der damit verbundenen Vergünstigungen nicht über den Bildschirm, sondern textbasiert erreichten, ohne den Fluss der Bilder zu stören. Wenige Tage später folgten Bilder von Donuts, die in der Anordnung ganzer Galaxien durchs All schwebten; dieser Eindruck stellte sich freilich erst ein, als ein einzelner Planet sich aus der Nahsicht plötzlich als ein in einen weißen Zuckerguss gehüllten Donut classic entpuppte, der sich in der Formation weiterer Teigwaren in der darauffolgenden Fernsicht schließlich wieder in ein zwar kleines, aber eigenständiges Sonnensystem zurückverwandelte. Wie dem auch sei: Dass die Botschaften und Bilder in einer Verbindung mit ihrer Mikrowelle stehen, erhärtete sich, als ich eines Abends auf dem Weltraumkanal von einem Arzt empfangen wurde, der meinem Hausarzt zum Verwechseln ähnlich sah (oder sollte er es tatsächlich gewesen sein?). Er betonte die Notwendigkeit einer bestimmten Anzahl von Schritten, die jeder Einzelne früher aufgrund zahlreicher Botengänge etwa zum Supermarkt oder zur Post täglich automatisch absolviert hatte, heute konnte und musste dieses Pensum dagegen aktiv gestaltet werden (die Informationen über die Geräte, die Sie diesbezüglich im Angebot haben, und die es einem ersparen, zur körperlichen Ertüchtigung seine Wohneinheit verlassen zu müssen, habe ich mehrfach erhalten) (wobei ich an dieser Stelle vielleicht die Nachfrage nach einer Applikation äußern kann, denn bisher konnte ich nur Applikationen finden, die Gewichtsabnahmen, jedoch gezielt keine langfristigen Gewichtszunahmen aufzeichnen?). Als die Ansprache meines Hausarztes sich ihrem Ende neigte, zoomte die Kamera von seinem Gesicht weg, und der Hometrainer kam ins Bild, auf dem er während seiner Ansprache gesessen hatte. In einer weiteren Einstellung stellte sich heraus, dass der Hometrainer in einer Raumschiffkapsel stand, der Arzt lächelte ein letztes Mal (mehr als einmal meinte ich tatsächlich, dieses Aufblitzen in seinen Augen wahrzunehmen, das eine Wiedererkennung signalisiert), zustimmend reckte er einen Daumen in die Höhe, bevor die Kamera seitlich zu einem runden Kajütenfenster und hinaus ins All schwenke, und zu den Bilder des Weltraumkanals überblendete, die mir so gut vertraut waren. Ab und zu erschien an seiner Stelle seine Arzthelferin oder eine Beraterin meiner Krankenkasse oder der Manager einer mit Universalfood konkurrierenden Supermarktkette, Mal waren sie in einem Raumkapsel untergebracht, Mal erreichte mich ihre Nachricht vom staubig verwehten, ins rötlich changierenden Grund des Planeten Mars.

Raubten die Bilder mir meine ersehnte Ruhe oder erregten sie meinen Missmut?

Nein, keineswegs.

An jenen Tagen, an denen ich die Mikrowelle nicht bediente, blieben die Botschaften und Bilder gewöhnlich aus und auch dies entsprach meiner Stimmung, weil ich mir an diesen Abenden, frei von der inneren Anspannung, selbst genug war. Manchmal verzehrte ich an diesen Tagen sogar einen Apfel, und auch diese Vorstellung bereitete mir mitunter ein geradezu diebisches Vergnügen, weil ich mit dieser Wahl, die den Mitgliedern der One-Apple-a-Day Bewegung oder meinem Hausarzt doch so sehr hätte zusagen müssen, alleine war (es mag eine egoistische Freude sein, die ihrem unternehmerischen Gemeinschaftsgeist widerspricht, aber ich schildere hier nur, was ich empfand). Denn bereits am Folgetag registrierte ich, dass ich mir schon während der erste Donut in der Mikrowelle kreiste, der zweite ruhte tiefgefroren auf der Ablage, Gedanken machte, wer mich wohl heute von welchen Ort auf dem Weltraumkanal empfangen würde und mit welcher Botschaft. Ich war mir vollkommen gewiss oder vielmehr meinte ich zu wissen, dass mich die Bilder und Botschaften notwendig erreichten, sobald ich einen Donut in der Mikrowelle platzierte, weil beide in jenem erwähnten Beziehungsgefüge eingebettet waren, und ich sage es frei heraus: Dieses Wissen, mit meinem Verhalten die Bilder und Botschaften nicht kontrollieren, nein, sie aber vielleicht doch in einer gewissen Richtung zu steuern oder auch nur zu beeinflussen, oder sagen wir sie anzustupsen, bereitete mir eine bescheidene Genugtuung. In der Retrospektive kommt es mir sogar so vor, dass diese Bilder und Botschaften aus dem All, die ihren Ursprung natürlich in einem jeweils eigenen Interesse ihrer Sender hatten, dennoch ein Interesse spiegelten, das dem meinem kongenial entgegenkam, sich mit diesem kreuzte, und darin eine belebende, aber auch beruhigende Wirkung entfalten konnte. Musste nicht gerade das All groß genug sein, um mir mit meinen Bedürfnissen genügend Raum zu gewähren, und war es nicht so unermesslich groß, dass mir jene Bilder und Botschaften, die sich abends vor dem Bildschirm in meine Vorstellungswelt einschrieben, als Anker und Trost dienen mussten, dass ich dort draußen mit meinem Bedürfnissen nicht vollkommen allein unterwegs war?

An jenem 6. Juni – denn wenn ich mich in der Rekonstruktion der Ereignisse nicht täusche, markiert dieser Tag den Wendepunkt oder Umschwung in den oben geschilderten Abläufen –, kehrte ich nicht anders als sonst von der Arbeit in meine Einheit zurück. Wie gewöhnlich verzehrte ich meinen ersten Donut stehend in der Küche, mit dem zweiten begab ich mich in einer leichten Anspannung, die aber bereits im Abklingen war, in die Komfortzone. Als ich mich niederließ und der Bildschirm ansprang, liefen nun aber lediglich die tonlosen Bilder des Weltraumkanals, die tiefe Schwärze des Alls schien plötzlich mit Händen greifbar zu sein, nur hier und dort war der weite Raum von winzigen Lichtquellen erleuchtet, die ihre Wellen aussendeten, indem sie sich selbst verzehrten und nichts taten, als ihrem eigenen Ende entgegen zu glühen – ein Ende, dass bereits unwiederbringlich eingetreten war, als ihre Nachricht mich erreichte. An jenem Abend machte ich mir keine weiteren Gedanken über den Ausfall jeglicher Bilder oder Botschaften eines Agenten oder Werbeträgers, die Irritation wuchs erst, als dieser Ablauf sich am folgenden Tag wiederholte und in den nachfolgenden Tagen und Wochen zur Norm wurde, ohne dass ich mich entsinnen kann, an jenem Dienstag den 6. etwas anders oder anderes gemacht zu haben als zuvor. Die Botschaften und Bilder blieben seitdem aus, egal, ob ich erregt oder gelassen in meine Einheit zurückkehrte, ob ich die Mikrowelle bediente oder nicht, ob ich einen Donut oder nährreiches Gemüse auf dem Drehteller platzierte. Weder meinen Arzt noch dessen Helferin oder sonst eine Person hat mich seither auf dem Weltraumkanal empfangen. Die Frage, die mich seither umtreibt, lautet daher schlicht, ob jene diskrete Kommunikation zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Donut und o.g. Botschaften jemals vorgelegen hat? Und sollte sie tatsächlich vorgelegen haben, frage ich mich, warum sie inzwischen gekappt ist, oder ob sie sich mittlerweile nur auf eine für mich noch nicht erkennbare Weise verschoben hat? Es liegt mir also fern, den Verdacht zu äußern, dass ihre Mikrowelle möglicherweise gar nicht in der Lage ist, die ihr zugeführten Produkte zu identifizieren. Bedeutet das aber im Umkehrschluss nicht, dass ihre Mikrowelle plötzlich keine Notwendigkeit mehr sieht, diese Informationen an Dritte zu kommunizieren? Oder hat sich möglicherweise nur die Adresse jener Dritten geändert? Natürlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Dinge zum Guten fügen werden und vielleicht klären sich die Dinge von alleine – sagt man nicht, dass der Fortgang der Zeit eine heilende Wirkung ausübt? Noch verspüre ich ab und an aber jene Irritation, und ja, Niedergeschlagenheit, ohne dass ich ihren Sitz präzise in meinem Körper lokalisieren könnte – und doch bringe ich diese Stimmungen mit den Hergängen an o.g. Dienstag in Verbindung, kurz: Die Weltraumbilder, die mich zuvor von den täglichen Sorgen befreiten und in jene stille und erhabene Weite des Alls hoben, versetzen mich plötzlich in eine scharfe Unruhe, als wollten mich dieselben Bilder nun in eine ebenso große wie dunkle Leere hinaustragen, und zwar alleine, vollkommen auf mich gestellt. Ist es nicht ein beängstigender Gedanke, dass das All in seinem unermüdlichen Drang, auseinanderzustreben und immer weiter auseinander in dieser Bewegung nichts als neue Räume der vollkommenen Leere erschließt?

Nein, ich weiß nicht, ob ich mich deutlich machen kann, und ob mein Unbehagen tatsächlich in einem Zusammenhang mit ihrer Mikrowelle steht, sofern diese überhaupt jemals in jener von mir vermuteten diskreten Beziehung zu den Dingen und Abläufen in meiner Einheit stand? Dass ein Telefonat der bessere Weg wäre, um mein Unwohlsein Ihnen gegenüber zu artikulieren, will ich hierbei gar nicht bestreiten. Tatsächlich habe ich es mich einiges an Mühe und Zeit kosten lassen (elf Anrufe über drei Tage, während ich Sorge trug, zu jeweils unterschiedlichen Tageszeiten anzurufen, um mögliche Hochphasen zu umgehen und mögliche Flauten zu erwischen, sicher haben sie diesbezüglich verlässliche Zahlen vorliegen, leider war es mir jedoch nicht möglich, die entsprechenden Angaben zu finden), um eine ihrer Kundenberaterinnen zu erreichen (ist es wahr, dass man nach 10 Uhr abends, sofern man durchgestellt wird, zu einem Callcenter in Indien oder Bangladesch vermittelt wird, was allerdings unverständlich wäre, wenn jene anderen Aussage zuträfe, die ich gelesen oder gehört habe, dass der Großteil der Anrufe inzwischen von Sprachsoftwaresystemen verwaltet wird?). Als es beim elften Anruf soweit war (ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass sich jemand meldet, in Gedanken war ich demnach abgeschweift, auch wenn es mir im Nachhinein unmöglich ist, zu sagen, welche Gedanken mich konkret beschäftigten, ich weiß nicht, ob dies für ihre Recherchen im Dienst verbesserter Dienstleistungen evtl. von Interesse gewesen wäre?), hat mich die helle Frauenstimme in eine momentane Verwirrung gestürzt, selbst nach dem dritten Hallo?, gefolgt von der Nachfrage ihrer Kundenberaterin (die vielleicht auch nur über ein Sub-Unternehmen bei ihnen angestellt ist), ob sich am anderen Ende der Leitung jemand befände, schien es mir plötzlich unmöglich, oder vielmehr verließ mich der Mut, mein Anliegen mündlich zu schildern. Ich will ihrer Telefonisten, die ihre Arbeit unter hohem Leistungsdruck ausführt (ich meine gelesen zu haben, dass Telefonistinnen im Callcenter meistens leistungsbezogenen, sprich: gemäß der Anzahl der Gespräche die sie abwickeln honoriert werden?), keinen Vorwurf machen, aber es mag auch an einer gewissen Ungeduld gelegen haben, die sich von einem Hallo? zum nächsten meinem Gespür nach empfindlich steigerte, der sicher kaum wahrnehmbare Ton einer aufkeimenden Gereiztheit, für die ich vielleicht über die Maßen sensibel bin, und die mein Vorhaben, mein Anliegen lieber telefonisch statt postalisch zu artikulieren von Hallo? zu Hallo? in eine zunehmend weitere und schließlich unerreichbare Ferne rückte. Es schien mir vergeblich, einer möglicherweise ungeduldigen Person erklären zu wollen, was sich wie oben geschildertes nur schwerlich auf dem direkten Weg benennen lässt, und deshalb auf Geduld und ein gewisses Wohlwollen seines Gegenübers angewiesen ist, zumal ich anderen Menschen ungern zur Last falle. Ich habe die Verbindung rasch und wortlos abgebrochen.

Nein, wie sie meinem Schreiben vielleicht entnommen haben, bin ich kein Mensch, der vor Selbstbewusstsein strotzt, in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen, manchmal genügen schon ein oder zwei, fällt es mir schwer, selbst in eine Stille hinein, das Wort zu ergreifen. (Und ja, manchmal stürzt es mich in eine tiefe Verwirrung, um nicht von einer Verzweiflung zu  sprechen, dass der gefühlte Raum, vielleicht kann man auch von einer Art der Präsenz sprechen, die in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen mein Körper physisch einnimmt, in einem solchen Gegensatz zu dem Raum steht, den ich meiner Stimme zugestehe.) Aber all das gehört nicht hierher, ich beginne abzuschweifen, sodass ich abschließend nur betonen möchte, dass mein Schreiben nicht unter die Rubrik der gewöhnlichen Kundenbeschwerde fällt (erst kürzlich habe ich zum wiederholten Mal einen weiteren Artikel gelesen, der schilderte, in welchem Ton die Kunden ihre Beschwerden äußern; über den mangelnden Takt, ja, die offene Wut und Gehässigkeit, bin ich vermutlich nicht anders als Sie, in höchstem Maß beunruhigt, sowohl entsetzt als auch betrübt, auch wenn ich darin trotz allem keinen Grund sehe, sich auf kulturpessimistische Abwege zu begeben, ihrem Team, oder dem von ihnen via Sub-Unternehmen engagierten Mitarbeiterstab, zolle ich aber auch deshalb umso größeren Respekt bzw. beglückwünsche ich Sie, falls Sie die Hotlinedienste inzwischen tatsächlich weitgehend automatisiert haben.) Aber natürlich würde es mich in diesem Kontext auch keineswegs erstaunen, beziehungsweise gehe ich mehr oder weniger davon aus (und ich sage dies frei von einem Vorwurf oder einer Enttäuschung), dass Sie dieses Schreiben zuerst maschinell lesen und auswerten (verschlagwortet?, und mit einer Synopse oder einem Dringlichkeitsmarker versehen? – leider sind meine Kenntnisse in diesen Dingen begrenzt) (die Datenbanken und -speicher, auf die Sie zurückgreifen müssen, liegen womöglich nicht einmal voll und ganz in ihren Händen, sondern ausgelagert in anderen Ländern und bevorzugt kalten Regionen (Permafrost)?), sodass einige Zeit vergehen kann, bevor einer ihrer Mitarbeiter die Zeit findet, sich der Sache anzunehmen. Vielleicht wird aber auch niemals eine Mitarbeiterin ihres Unternehmens das Schreiben tatsächlich lesen (oder vielleicht nur zufällig, im Zuge von Stichproben, die möglicherweise regelmäßig durchgeführt werden, ich meine, ähnliches in einem anderen Kontext bezüglich eines vergleichbaren Dienstleisters gehört zu haben, obwohl es in diesem Fall darum ging, dass anstößige Bildinhalte gelöscht werden, eine Arbeit die bislang offenbar noch nicht von Software erledigt werden kann?). Wie dem auch sei, selbstredend kann und werde ich nicht beurteilen, ob eine computergenerierte Rückantwort besser oder schlechter ausfallen würde, als eine von ihren Serviceexperten persönlich verfasste (ist es nicht vorstellbar, dass ihre Maschinen auf ein ganz ähnliches Schreiben, vielleicht sogar bis hin zum Tonfall oder Satzbau, von einem ehemaligen Nutzer finden, von dem ihrer Kundenberaterinnen unmöglich wissen können, und dem man sich bereits damals in einer gebührenden Tiefe widmete?). Zudem wäre es aber vermessen, mich mit meinem Anliegen als Einzelfall zu betrachten, der eine besondere Behandlung verdient, und selbst wenn dem so wäre, wäre es vermessen, diesem Einzelfall, gerade weil er keine allgemeine Relevanz besitzt, eine gesteigerte Aufmerksamkeit ihrerseits abverlangen zu wollen, all dies ist mir bewusst. So bleibt zuletzt also nur dir Nachfrage, ob ich mich bei Ihnen an die richtige Adresse gewendet habe? Gegebenenfalls bitte ich, mein Schreiben zu ignorieren, oder mich davon zu informieren, dass Sie in dieser Sache nicht zuständig sind und das Schreiben deshalb unbeantwortet lassen. Universalfood, aus deren Produktportfolio o.g. Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Haselnuss-Vanillecremefüllung stammt, haben deren Zuständigkeit mit einem eindeutigen Negativbescheid quittiert (was nicht anders zu erwarten war, nur die leicht zugängliche Kundenhotline auf dem Gefrierbeutel, die mich beim ersten Versuch mit einer freundlichen Mitarbeiterin des Unternehmens verbunden hat, hat mich bewogen, es wider besseres Wissen trotzdem zu versuchen, und heißt es darüber hinaus nicht, dass man sich seinem Ziel manchmal am besten über ein Ausschlussverfahren nähert), gleiches gilt für den Generalunternehmer, bei dem ich meine Einheit auf Kredit erworben habe, ohne dass man mir jedoch hinsichtlich des zuständigen Ansprechpartners bisher weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen,

Henning


*This story is taken from: „Vor Anbruch der Morgenröte“ by Philipp Schönthaler © 2017 Verlag Matthes & Seitz, Berlin/Germany.

Ich schreibe: An Veras Mantel fehlt ein Knopf – den hat der Hund geholt. Sie schaut über meine Schulter. Eines Tages wird er auch mich holen, sagt Vera, du wirst schon sehen. Ich sage: Sei nicht albern.

Der Hund läuft weit voraus. Wir folgen seiner Spur im feuchten Kies. Nachts hat es geregnet. Der Weg ist zerklüftet von den Hufen der Ziegen. Richtige Straßen gibt es nicht in Ødland. Wir wandern zwischen den Häusern umher, als gäbe es hier etwas zu sehen. Ich schreibe: Nie brennt irgendwo Licht. Ich streiche und schreibe: In den Häusern brennt kein Licht, als wir vorbeigehen. Es kratzt in der Lunge. Die Luft hier sei gut für mich. Bloß jeden Tag einmal das Haus verlassen, dann würde es mir schon besser gehen – so hatten sie es formuliert. Ich hatte es mir noch notiert.

Ich schreibe: An den Gestank gewöhnen wir uns nur langsam. Von den Tieren hat man uns nichts gesagt. Vera hat auch den Hund nicht mitnehmen wollen, aber wohin mit ihm? Ich bürste ihn täglich mit angehaltenem Atem, damit er weniger haart. Neben den Ziegen gibt es hier Gänse, Hühner und einige andere Hunde, die wir nie sehen, nur manchmal in der Ferne hören. Ich hasse die Gänse am meisten, sie laufen frei herum und machen einen Heidenlärm. Vera geht ganz nah heran. Und während Vera mit den Gänsen spricht, sehe ich nach dem Hund. Der steht an der Biegung und wartet. Zum ersten Mal sieht er aus wie ein Tier, groß und glänzend, mit ganz anderen Augen.

Zurück im Zimmer, schreibe ich alles auf. Die Landschaft, die Luft. Ich muss daran denken, wie mein Vater sagte, mit zunehmendem Alter ertrage er immer weniger Schwachsinn. Genau so hat er es gesagt. Hier steht es.

Während ich meine Tabletten sortiere, sortiert Vera ihre Kleidung für die nächsten Tage.

Ich laufe gegen die Steigung des Berges an. Es ist mühsam. Das vertraute Flackern in der Lunge. Ich schreibe auf: Hier und da blüht Mohn am Wegesrand. Auch Vera hat den Mohn bemerkt, sie sagt: Es ist, als weise er den Weg. Aber das stimmt nicht. Der Mohn hat nichts mit uns zu tun, alles wächst hier ganz gleichgültig nebeneinander.

Auf dem Rückweg geraten wir in eine Herde, an uns teilt sich der Strom, wir können bloß warten, bis es vorübergeht. Wir stehen ganz dicht nebeneinander, Veras kühle Hand an meiner linken. Sie streicht über die knochigen Leiber: das Fell sei ja ganz hart und glatt. Ich mache mich ganz schmal. Ich grüße den Hirten, er grüßt nicht zurück, er blökt, wir sollen aus dem Weg gehen. Er wohnt gleich nebenan, wir begegnen ihm auf jedem Spaziergang, aber so ist das hier. Seine Frau verlässt das Haus so gut wie nie. Die Kinder grüßen auch nicht, sie sehen sich so ähnlich, dass wir uns immer verzählen. Dasselbe weißblonde Haar. Vera beobachtet die Kinder im Hof durch das Fenster in unserem Zimmer.

Ich schreibe: Die Fensterläden klopfen sachte an den Sims. Vor unserer Haustür sortiert der Hausherr das Holz. Es ist nicht viel, aber es ist wahr. Ich rufe aus dem Fenster hinunter, ob ich ihm irgendwie zur Hand gehen könne, er sieht nicht herauf, er schüttelt den Kopf. Im Hof gegenüber steht der Sohn des Hirten am Zaun. Er ist einer der älteren Jungen, er steht auf einen Spaten gestützt und schaut herüber. Ich nicke ihm zu, der Junge geht zurück ins Haus. Wir kommen nicht von hier.

Die Nächte sind wie ins Wasser gefallen. Das einzige Geräusch in ganz Ødland kommt nachts aus meiner Lunge. Ich schreibe es auf, ich streiche es durch. Ich schreibe: Einmal hören wir draußen ein Heulen. Das konnte von einem Menschen stammen, aber genauso gut von einem Tier, oder es war der Wind in einem Rohr. Oder, oder! Ich streiche alles durch. Der Hund hebt langsam den Kopf. Seine Konturen verschwimmen in der Dunkelheit des Flures, nur seine Augen leuchten bläulich und stumpf. Ich denke unwillkürlich an das Innere einer Muschel. Vera fragt, ob wir nicht nachsehen sollten, was dort los sei. Aber ich will nicht. Ich will es nicht wissen. Ich will hier einfach nur liegen, mit niemandem sprechen. An nichts denken.

Die Dinge hier laufen so, sagt Vera am nächsten Morgen: Die Männer schlagen ihre Frauen, die Frauen die Kinder, die Kinder die Hunde und die Hunde schnappen nach den Ziegen, wenn der Hirte nicht hinsieht. Und niemand schaut nach, niemand stellt irgendwelche Fragen. Und die Ziegen, frage ich, aber Vera ist schon im Bad verschwunden und hört mich nicht mehr. Ich schreibe: Na und die Ziegen rupfen das Gras mit den Wurzeln aus der Erde, sie fressen die Hänge kahl und zertrampeln die Blumen.

Dort, wo Ødland aufhört, fängt die sogenannte Wildnis an. So steht es auf einem Schild, darunter ist ein Pfeil, der in Richtung Gipfel zeigt. Auf dem Plateau ist ein letzter Gasthof. Wir machen die Leine des Hundes am Schild fest, er will uns nach, ich drücke seine Flanken auf den Boden und sage: Bleib. Drinnen setze ich mich so, dass ich ihn im Auge habe. Der Wirt steht nicht auf, als wir hereinkommen. Sonst ist niemand zu sehen. Er blättert in einer Zeitung. Ich grüße, er grüßt nicht zurück. Ich frage, ob es etwas zu empfehlen gebe, er sagt, dass es nichts zu empfehlen gebe. Ich frage, ob es denn keine Tagessuppe gebe, er antwortet, dass es keine Tagessuppe gebe und auch sonst keine.

Der Hund draußen steht mit dem Rücken zum Gasthof, er scheint in die Ferne zu sehen, als würde er dort jemanden erkennen, den Körper angespannt bis zu den Ohren, der Schwanz in der Bewegung erstarrt. Als wir zu ihm hinausgehen, bellt er Hallo, als sei nichts gewesen, und vermutlich ist auch nichts gewesen.

Ich sitze am Schreibtisch und versuche zu schreiben, aber nichts ergibt Sinn und vielleicht ist es genau so. Ich schiebe den wackligen Tisch von einer Ecke in die andere. Entweder sind die Tischbeine unterschiedlich lang oder der Boden ist uneben. Der Tee schmeckt nach Kalk und ein bisschen salzig. Ich schreibe auf: Nur schreiben, was da ist. Wenn nichts da ist – nicht schreiben. Und dann befällt mich eine große Erschöpfung, als hätte ich weiß Gott was getan. Vera steht hinter mir, ich habe sie nicht kommen hören. Ihre Hände streichen über meinen Nacken. Die Augen des Hundes unter dem Bett. Ich lehne mich vor, sie sagt: Bleib, und drückt meinen Körper zurück gegen die Lehne. Und ich halte still. Ihre Finger sind warm. Vera ist heute streng mit mir. Ich wehre mich nicht, sie zieht an meinem Pullover, sie befiehlt: Zieh das aus. Und ich gehorche.

Auf dem Heimweg begegnen wir der Frau des Hirten, sie trägt in jedem Arm einen Plastikeimer mit Getreide. Sie ist allein. Ich schreibe: Sich von dem Gefühl der Ohnmacht nicht außer Gefecht setzen lassen. Ich frage, ob ich ihr helfen könne. Sie bellt, ich solle kein Idiot sein. Ihre Stimme ist schön. Ich schreibe auf: Ich bin ein Idiot. Später im Zimmer verschwindet Vera für eine lange Zeit im Bad. Ich warte, dann gehe ich ans Fenster, wo es manchmal Empfang gibt, und versuche zweimal nacheinander meinen Vater zu erreichen, aber er hebt nicht ab. Vielleicht ist er spazieren gegangen oder er ist in die Stadt gegangen oder er ist verschwunden vom Antlitz der Erde. Ich schalte das Telefon aus und verstecke es tief in der Reisetasche. Ich setze mich an den Schreibtisch, die Stuhlbeine sind alle im Weg. Ich schreibe es auf, ich streiche alles durch. Vera kommt aus dem Bad und fragt, ob alles in Ordnung sei, aber was soll das für eine Ordnung sein?

Die Nase des Hundes stößt feucht gegen meine Hand, ich schiebe ihn von mir, aber er lässt nicht ab. Vera schläft fast geräuschlos, ein Fuß berührt die Wand, der andere ist unter der Decke vergraben. Mein Brustkorb fühlt sich an wie ein Hohlkörper, eine Lunge wie morsches Holz. Ich weiß nicht einmal, wovor ich mich fürchte. Ich schreibe: Das Herz ist schon gar kein Herz mehr. Es muss angebunden werden, wie ein Boot, sonst treibt es davon. Ich streiche es durch, ich schreibe: Wie ein Hund. Unter anderem: die Angst vor dem Telefon. Die Befürchtung, es könnte jeden Moment klingeln. Ich könnte nichts tun. Dass Vera fragen würde, warum ich nicht rangehe, dass ich nicht wissen würde, warum ich nicht rangehe.

Ich stehe auf und der Hund ist sofort da. Ich drücke seine Flanken zurück auf den Boden, er wehrt sich, ich bin grob. Er solle liegen bleiben. Er murrt, er bleibt liegen. Ich schreibe: Kein Selbstmitleid zulassen. Und: mehr Geduld. Die Treppe ächzt bei jedem Schritt, die untere Etage bewohnt der Hausherr ganz allein, aber er wird nicht wach, zumindest ist nichts zu hören.

Barfuß auf dem kühlen Steinboden. Im Haus gegenüber sitzt jemand auf der Veranda, ich kann nicht erkennen, wer. Für einen Moment denke ich an meinen Vater. Ab und zu glimmt im Dunkeln die Glut einer Zigarette. Ich huste, ich sage: Hallo. Aber niemand antwortet mir.

Ich öffne so geräuschlos wie möglich die Tür, aus dem Zimmer dringt ein verhaltenes Knurren. Mein Hund erkennt mich nicht. Ich zwänge mich durch den schmalen Spalt: Ich bin es, ich bin es doch.

Ich liege im Bett, auf dem Bauch, das Gesicht zur Seite gedreht. Wenn ich es später aufschreibe, schreibe ich: Völlig betäubt. Ich liege da und höre Vera zu, wie sie umherschleicht. Vera denkt, ich schlafe, aber ich höre ihr zu. Wie sie ins Bad geht und sich leise anzieht. Das Geräusch der Bürste in ihrem Haar. Wie sie sich aufs Fensterbrett lümmelt und eine Weile liest, das Geräusch des Umblätterns. Ich bleibe noch liegen. Ich höre, wie sie aufhört zu schleichen, wie sie anfängt, Kaffee zu kochen, das Geschirr zu spülen. Wie viel Geschirr kann da sein, dass das so lange dauert? Ich grabe meine Stirn tief ins Laken.

Vera ist nachlässig gekleidet: Am Hemd hat sie sich verknöpft, das Haar ist im Nacken zusammengeknüllt. Sie sitzt auf dem Fensterbrett und baumelt mit den nackten Beinen. Ich kann es nicht leiden, wenn sie tut, als sei sie fünf. Ich sehe mit Absicht nicht hin. Der Hund hat den schweren Kopf vor sich auf die Pfoten gebettet, die Ohren sind wachsam. Vera hebt ihre Beine aufs Fensterbrett, sie sagt: Er lauert. Ich sage: Er ist ein Hund, er liegt eben herum, was soll er deiner Meinung nach tun?

Ich schreibe: Wir laufen gegen den Berg an. Am Gasthof vorbei. Der Wirt sieht uns nach. Oder anders: Wir laufen den Berg hoch, an dem Gasthof vorbei. Im Fenster steht der Wirt. Oder: Es gibt den Berg, den Wirt und uns. Oder auch: Es gibt den Berg, den Wirt und den Hund. Und Vera. Und mich. Im Zimmer streiche ich alles durch, ich schreibe alles auf, was ich sehe, aber es ist immer noch mehr da. Und alles, was dasteht, steht für immer da. Was nicht da steht, verschwindet. Ich schreibe: Es gibt die Landschaft und die Lüge. Das Nebeneinander der Dinge und den Versuch, eine Ordnung zu schaffen. In einer Welt, die zumindest ich nicht verstehe.

Es ist fast Mittag. Ich liege im Bett und schreibe: Beim Aufwachen schon dieses Gefühl. Ein Wollen unbestimmter Natur. Ein Sich-losreißen-Wollen. Etwas, das das Herz losmacht. Ich versuche, meinen Vater zu erreichen, aber er geht nicht ran. Ich denke daran, wie er einmal gesagt hat, dass ihm nur eine Sache wirklich wichtig sei: Wenn er sterbe, solle das ja niemandem Umstände machen. Wenn es nach ihm ginge, könnten ihn die Hühner fressen und niemand solle es erfahren. Genau so hat er es gesagt. Hier steht es.

Vera ist Milch holen gegangen, im Laden. Ganz selbstverständlich ist sie losgegangen. Ist die Milch alle, wird neue gekauft. Als wäre das nichts. Ich schreibe: Bei mir steht immer alles in Frage, die einfachsten Dinge. Atmen ist ein Problem.

Ich laufe gegen die Steigung des Berges an, der Gasthof ist jetzt schon nicht mehr zu sehen. Der Hund zieht und zieht, als wüsste er, wohin. Mein Blick folgt den krummen Linien möglicher Wege, kahle Stellen im Gras, die zu einem Pfad werden könnten. Alles muss schnell noch aufgeschrieben werden, bevor es verschwindet. Nach einer Weile fühlt sich das Laufen an, als würde ich mich gar nicht bewegen. Als würde die Erde unter meinen Füßen davongleiten, ohne mein Zutun. Ich schreibe: Nicht wissen, wo man ankommt, beim Losgehen. Das Boot losmachen. Ich lasse den Hund laufen und er läuft. Die Luft ist ganz klar.

Ich schreibe: Vielleicht meiden die Kinder der Nachbarn uns nicht gemeinsam. Sondern jedes meidet uns für sich, jedes aus einem anderen Grund. Vielleicht schnappt der Hirte nach den Ziegen, wenn die Hunde nicht hinsehen. Und die Ziegen? Die fressen das Gras. Und das Gras? Das wächst und wächst, als wäre nichts gewesen. Heute und morgen und auch an jedem anderen Tag, ob wir hinsehen oder nicht.


*Copyright © Margarita Iov, 2015. 

*Bild: Maxime Sabourin More.

Paul Espeseth, der das Antidepressivum Celexa abgesetzt hatte, machte sich in SeaWorld auf das Schlimmste gefasst. Er fragte sich bloß, welche Form die Katastrophe annehmen würde. Indem er einen Enthüllungsbericht über den Ozean-Themenpark aus dem Kabelfernsehen paraphrasierte, den aber weder er noch sie gesehen hatte, hatte Esepeth versucht, sein Veto gegen den Ausflug einzulegen. Doch seine Frau hatte das Argument gleich auf die Matte geschickt: »Die Mädchen sollten die Dinge sehen, die sie lieben, bevor sie ganz von der Welt verschwinden.«

Nun war er also hier. Bei der ersten Etappe ging es offenbar um Flamingos. Nachdem er seine vierjährigen Zwillinge durch das Drehkreuz und an den Andenkenläden vorbeibugsiert hatte, mit den Stoffversionen jener Spezies, denen sie in Fleisch und Blut gegenüber stehen würden, folgte seine Familie dem Leitsystem des Parks und wurde von den Vögeln in Empfang genommen. Ihre rotschwarzen Ziffernköpfe tanzten auf rosafarbenen, dicht mit Federn bedeckten Stängeln, schwebten über den Köpfen einer Gruppe von Neuankömmlingen.

»Wartet, bis ihr dran seid, Mädchen«, sagte seine Frau. Angesichts dessen aber, dass es keine wirkliche Reihenfolge gab, nahm Espeseth Chloe und Deidre bei der Hand und gemeinsam drängelten sie sich in den Pulk hinein, um einen Blick auf die Vögel zu erhaschen. Seine Frau blieb zurück und passte auf den Zwillingsbuggy mit ihrem Krempel auf. Aus der Nähe sah Espeseth, dass die Vögel auf einer Insel gefangen waren, einem akkurat gemähten Grashügel, umgeben von einem niedrigen Zaun und Schildern, auf denen »Bitte nicht füttern« stand.

»Könnt ihr sie sehen?«, flüsterte er hinab zu den Mädchen, so als handele es sich bei dem Haufen exotischer Vögel um etwas Wildes, gesichtet in der Ferne, einen Schwarm, der aufgeschreckt werden und verschwinden könnte. Tatsächlich aber hatte man ihnen die entscheidenden Flügel gestutzt und sie flugunfähig gemacht, was das Gleiche war, als wenn man einem Gegner die Archillessehne durchtrennte und ihn so zum Krüppel machte. Die Vögel hatten keine Möglichkeit sich dem Sperrfeuer kreischender Familien zu entziehen, die ihre Jüngsten nah genug heranschoben, um ein Handyfoto machen zu können.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Sie haben auch Angst«, erklärte er ihr. So wie ich. Die Flamingos gehörten zu den Dingen, auf die ihn nichts hätte vorbereiten können. Indem er im Vorfeld mit den Mädchen an die hundert YouTube-Videos über Orcas geschaut, Bilder von Orcas aus Zeitschriften ausgeschnitten und seine Kinder zur Schlafenszeit in Betten voll ausgestopfter Orcas geknuddelt hatte, hatte Paul Espeseth seine Seele hart gemacht und in Orca-Bereitschaft versetzt – ihre muskulöse Eindringlichkeit, ihr stummes Drama, die Möglichkeit, dass sie vor aller Augen und von inspirativer Musik begleitet, einem ihrer Neoprenanzug tragenden Trainer Ellbogen oder Hals amputieren könnten. Aber die Designer des Parks hatten ihn gelinkt, hatten ihn mit Flamingos besänftigt, wie mit einer lockeren Runde Zigarettenausdrücken auf dem Brustkorb, bevor man zum Waterboarding überging.

Die Mädchen fassten sich ein Herz und drängelten sich ganz nach vorn, gaben dann aber wieder kleinbei und wurden von anderen ungeduldigen, sozial benachteiligten Kindern verdrängt. Den Vögeln musste es so vorkommen, als ebbe die Flutwelle blühend psychotischer Gesichter niemals ab.

Im Kontext ihrer Spezies hatten diese Flamingos etwas von Weltraumfahrern, die mit Geschichten zurückkehren würden, für die es keine Worte gab. Bloß, dass sie niemals zurückkehren würden. Man hätte die Vögel genauso gut in Tiefseetaucherkugeln stecken und sie den Orcas vorstellen können, oder aber ihre Nahrung mit LSD versetzen.

      »Gehen wir«, sagte er und zog die Zwillinge fort. Ihre Patschehändchen hatten zu schwitzen begonnen, oder er war es, der begonnen hatte sie vollzuschwitzen. »Es gibt noch eine Menge … anderes«.

»Die Killerwal-Show!«, kreischten die Mädchen. Dafür waren sie hergekommen.

»Die Show beginnt um elf«, erklärte er. »Wir haben noch etwas Zeit. Und auf dem Weg dorthin gibt´s noch andere Sachen. Haie.« Er hatte den Hintersinn des Geländeplans auf den ersten Blick durchschaut: von dort, wo man abgeworfen wurde, gelangte man nicht zum Shamu Stadium, ohne zunächst andere Attraktionen passieren zu müssen. Er schlug den Weg in Richtung der Haie und Riesenschildkröten ein, wenn auch nur als Schachzug, um die Sesame Street of Play und eine Achterbahn namens Manta zu umgehen. Er hatte Prinzipien. SeaWord sollte dem gerecht werden, was der Name versprach: unheimliche Begegnungen mit der Unterwasserfauna bieten, nicht mit Vögeln, Elmo, genauswenig wie mit Prinzessin Leia oder Cap’n Crunch. Aber während sie so die Pfade entlangliefen, hatte er hier trotzdem nicht das Gefühl, das Kommando darüber zu haben, wohin seine Familie steuerte. Sondern fühlte sich in Muster fachmännisch prognostizierter Reaktionen und Verhaltensweisen gepresst, auch was die fälligen Aufwendungen in Form von Schweiß, guter Laune und anderer Währungen betraf, sowohl aus seiner Brieftasche, als auch seiner Seele. Er war hilflos wie eine Flipperkugel, die in einem dieser Tischgeräte herumflog. Nicht einem dieser einfachen, langsam verfallenden Apparate, die er aus den Spielhallen im Minneapolis der Siebziger kannte, sondern einem dieser wütenden, pulsierenden Neunziger-Jahre-Flipper, deren halbes Dutzend Neonhebel auf sein Gehirn eindroschen.

Auf ein weiteres Legoland-Wunder zu hoffen, erschien ihm nicht realistisch. Zwei Monate zuvor hatten sich Espeseth, seine Frau und die Zwillingstöchter nach Süden aufgemacht und Legoland besucht. Legoland war erträglich gewesen. Es war abwechslungsreich und gut strukturiert gewesen und hatte Nervenkitzel geboten. Es gab auch dort ein paar schlimme Bereiche, einschließlich, ganz vorneweg, der fingierten Hauptstadt namens Fun Town, aber andere waren in Ordnung, mehr als in Ordnung, etwa der Pulk von Restaurants auf dem Castle Hill. Dort war es ihm gelungen, während die Zwillinge sich mit der Königin fotografieren liessen und in Sätteln von ritterlichen Lego-Turnierpferden saßen, die auf Bahnschienen montiert waren, sich davonzustehlen und bei Castle Ice Cream einen doppelten Espresso zu ergattern. Das war etwas gewesen. Mit seinem Espresso in einer schattigen Ecke des Burginnenhofs verborgen, hatte er seinen Töchtern schweigend zugeprostet, während sie hintereinanderher den Parcours abfuhren. Legoland trug also die Schuld, nahm er an: Seine Erträglichkeit hatte dazu geführt, dass er bei SeaWorld zu schnell eingewilligt hatte, was selbst mit Celexa, wie ihn nun klar war, eine völlig andere Angelegenheit gewesen wäre.

Sein Psychiater, Irving Renker, hatte ihn vor den Auswirkungen auf sein Gehirn gewarnt, wenn er das Celexa ausschlich. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte Espeseth das Mittel erst seit zwei Tagen nicht mehr genommen. Er hörte unter Renkers Anleitung damit auf, ganz nach Vorschrift. »Machen Sie sich darauf gefasst«, erklärte ihm Renker. »Sie werden möglicherweise Penner und Taschendiebe sehen.«

»Sehen, im Sinne von halluzinieren?«

»Nein«, sagte Renker. »Halluzinieren werden Sie nicht. Ich meine sehen im Sinne von bemerken. Sie werden womöglich im überdurchschnittlichen Maße Penner und Taschendiebe bemerken. Irgendwelche fiesen Typen. Perverslinge. Sogar Amputierte.«

Irving Renker war ein New Yorker Jude, der seinem Archetyp entfleucht war wie ein Hummer seiner Schale, also noch immer in die unerbittliche Form dieser Schale hineinpasste, gleichzeitig jedoch wie frisch geschlüpft, roh und staunend in der Weltgeschichte herumlief. Renker legte großen Wert auf Sport und man traf ihn in den Hügeln von Santa Barbara an, wo er mit seinem Fahrrad herumkurvte, mit Helm, Sonnenbrille und einem bürotauglichen Pullover, blauer Hose und lederbesohlten Schuhe. Weiter unten in der Stadt hatte Espeseth ihn noch nie gesehen, geschweige denn in Strandnähe. Er vermutete, dass Renkers Frau alle Einkäufe erledigte. Renkers Büro befand sich in einer Einliegerwohnung, eingebettet in die mit Buschwerk bewachsenen Hügel hinter seinem Haus, das aufgrund des abschüssigen Geländes auf Stelzen stand. Die Vorhänge vor Renkers Fenster waren stets zugezogen, um neugierige Blicke abzuwehren. Verbarg sich hier eine geheime Klause jüdischer Intellektueller mit vollgestellten Bücherregalen, sigmundschen Fetischmasken und flippigen, nicht mehr enträucherbaren Perserteppichen? Unmöglich zu bestimmen. Das Gesprächszimmer war nichtssagend: gerahmte, abstrakte Aquarelle, beige Sitzmöbel und eine Uhr aus Messing.

Im Gespräch verwendete Renker neben den Wendungen »Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?« und »Nicht den Kopf zerbrechen!«, zudem häufig Begriffe wie »die Schwarzen«, »Orientale«, »behumpsen« und »Penner«. Einmal, als Espeseth ausgiebig in Erinnerungen geschwelgt hatte, wie er während eines Angelausflugs mit seinen drei Brüdern gemeinsam auf dem Vordersitz des väterlichen Pick-ups gesessen hatte, hatte Renker gemurmelt: »Ja, ja, nennt man für gewöhnlich ›Tortilla-Kutsche‹«.

Aber Espeseth konfrontierte oder verbesserte seinen Psychiater nie. Stattdessen bot er höflich Beispiele für angemessene Wortwahl an, in diesem Fall, indem er entgegnete: »Bedeutet das, dass das Celexa mich, was, gegenüber wohnungslosen Menschen blind gemacht hat? Oder die Wahrscheinlichkeit erhöht hat, ausgeraubt zu werden?«

»Es ist eine Frage des Augenmerks«, sagte Renker. »Sie werden womöglich eher dazu neigen, die Arschgeigen zu bemerken, statt derjenigen, die rechts und links davon stehen. Und ohne suggerieren zu wollen, sie würden paranoid werden, so kann es dennoch sein, dass sie Arschgeigentum auch auf normale Menschen projizieren.« Dass sein Psychiater an »normale Menschen« glaubte, war, je länger Espeseth darüber nachdachte, ein schlechtes Zeichen. Er selbst versuchte, das nicht zu tun. Was er aber nicht abzuschütteln vermochte, war das, was Renker als Nächstes sagte: »Den Celaxa-Entzug haben einige Patienten so beschrieben, dass sich an den Rändern des Alltags kriechend eine Atmosphäre der Fäulnis oder Verwesung oder Bedrohung bemerkbar mache, etwas, was aber nur sie so benennen können. Einer meiner Kollegen hat das als ›Made-im-Fleisch-Syndrom‹ klassifiziert. Besser man ist drauf gefasst, als dass es einen einfach überkommt.«

Made-im-Fleisch-Syndrom?

Niemand, Psychiater Renker nicht, Espeseths Frau nicht und ganz sicher nicht die Zwillinge, kein menschlicher Zuhörer außerhalb des Containment-Bereichs seines Schädels, wusste, dass Paul Espeseth sich selbst in Veganer in der Schwebe umbenannt hatte. Der Geheimname war ein Symptom, sollte man ihn denn als ein solches erachten, das sich bereits Monate bevor er die Einnahme des Celexa einstellte, bemerkbar gemacht hatte. Konnte man ihn als Nebenwirkung bezeichnen? Er hatte gehofft, er würde verschwinden, wenn er das Medikament absetzte. Schön wär´s gewesen. Aber Veganer in der Schwebe empfand nicht ausschließlich Bedauern. Der neue Name war eine Kränkung, ja, gleichzeitig aber hing er auch daran, lag darin doch auch das Versprechen eines erhabeneren Lebens, das knapp außer Reichweite lag.

Wie hatte das mit seinen Nachforschungen begonnen? Espeseth hatte sich, als das noch sein einziger Name gewesen war, in der öffentlichen Bibliothek von Santa Barbara eine populärwissenschaftliche Abhandlung entliehen über den irreparablen Kollaps der Erde unter der Last der eigenen Bevölkerung. Danach hatte er verschiedene bekannte Polemiken gegen die Tierquälerei auf Farmen und in Schlachthöfen gelesen. Dann ein Buch mit dem Titel »Fear of the Animal Planet«, in dem detailliert viehische Racheakte an der menschlichen Zivilisation beschrieben wurden. Das war der Zeitpunkt gewesen, als Espeseth gespürt hatte, wie er zu Veganer in der Schwebe wurde. Ein Bewusstsein war in ihm geweckt worden, dessen Entfaltung lediglich untätiges Verharren, Scham und Anpassung verlangsamen konnten. Glücklicherweise oder unglücklicherweise besaß Veganer in der Schwebe große Affinität zu diesen Verzögerung bewirkenden Maßnahmen.

Das große Problem würde ohnehin sein, seinen Töchtern die Entscheidung zu erklären. Veganer in der Schwebe bewunderte Chloes und Deidres Gabe, zwischen ihrer angeborenen Tierliebe und den Wonnen des Fleischverzehrs vermitteln zu können. Für ihn war es eher eine hart erkämpfte Differenziertheit, die F. Scott Fitzgeralds Fähigkeit glich, gleichzeitig zwei gegensätzliche Ideen bedenken zu können. Die frühen Rites des Passages der Mädchen schienen überhaupt hauptsächlich aus Anstrengungen zu bestehen, solcherlei Paradoxien aufzulösen. Wie jene etwa, dass Mommy und Daddy sich stritten und einander doch liebhatten. Dass menschliche Wesen wunderbar waren und man die eigene Schüchternheit überwinden sollte, sie aber gleichzeitig dem allzu eifrigen Fremden misstrauen und ihn für ein potentielles Monster halten sollten. Dass eine Stunde Fernsehen oder iPad-Nutzung als vergiftende Überdosis gelten sollte, während die Eltern sich doch bei jeder Gelegenheit Bildschirmexzessen hingaben. Veganer in der Schwebe selbst verbrachte routinemäßig drei Stunden auf dem Sofa und verfolgte im Fernsehen, wie sein Footballteam verlor. Die Vikings, Talisman seiner Ahnen. Doch anders als bei den Redskins und den Chiefs, waren Namen oder Logo nie als rassistisch kritisiert worden. Niemand hatte Mitleid mit Weißen, was seine Faszination für Juden erklären mochte, die beidem ausgesetzt zu sein schienen. Hätte Irving Renker den Gedanken von Veganer in der Schwebe lauschen können, hätte er gekichert. Nicht abschweifen.

Bei der Zivilisierung von Kindern ging es im Wesentlichen doch ohnehin bloß darum, kognitive Dissonanz herzustellen. Das Vermögen seiner Töchter, das Verlangen sowohl Säugetiere zu knuddeln als auch zu verspeisen miteinander vereinbaren zu können, ermöglichte es ihnen nämlich erst, sich in das menschliche Historienspiel einzureihen. Wenn Veganer in der Schwebe ihnen gegenüber nun zugab, dass er es für falsch hielt Tiere zu essen – auch wenn er noch immer nach dem intensiven Geschmack rauchiger Steaks und salzig-fettigen Specks gierte – würde er sich, in ihren Augen, mit diesem kindlich-moralischen Absolutismus selbst herabsetzen. Oder vielleicht sogar in den eigenen Augen? Seit sechs Monaten hing er nun in der Schwebe. Irgendein jenseitiger Inquisitor, eine Wache vor der Himmelspforte mit dem Kopf eines Ferkels oder Kalbs höchstwahrscheinlich, würde ihn dereinst für diese Verzögerung zur Rechenschaft ziehen, die durchaus mit der Phase vergleichbar war, als die Alliierten zwar bereits von der Existenz der Todeslager erfahren hatten, ihre moralische Empörung aber noch mit militärtaktischen Erwägungen abglichen. Seine Essgewohnheiten oder andere Verhaltensweisen betreffend, hatte sich nämlich rein gar nichts verändert. Er hatte weder Pamphlete verteilt noch sich einen Aufkleber für die Stoßstange besorgt. Nichts hatte sich verändert, außer dass er sich einen Geheimnamen gegeben hatte.

Glühend vor Scham dirigierte er seine Familie in die Welt der Haie, schleppte sich hinter anderen Familien mit ihren Buggys auf einen Fahrsteig. Die Passage, ein weiteres Beispiel der Zwangsarchitektur, lief als Tunnel unter den Haifischbecken hindurch, illuminierte die Kreaturen von unten, um ihre weißen Bäuche und Kürbiskopfgrimassen besser zu Geltung zu bringen. Es kam ihm plötzlich der Gedanke, dass die Bauweise des Parks etwas von einem Verdauungssystem hatte. Man wurde verschlungen, verdaut und wieder ausgeschissen.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Aber ich nicht«, sagte Chloe.

Für die Haie zu sprechen, maßte sich Veganer in der Schwebe nicht an. Stattdessen deutete er auf das Schimmern vor ihnen, während der Fahrsteig sie wieder aus der Dunkelheit herausdrückte.

»Daddy?«, sagte Chloe.

»Ja?«

»Waren Delfine und Killerwale echt mal Haustiere bei den Menschen, bevor sie zurück ins Meer gegangen sind?«

»Keine Haustiere«, sagte Veganer in der Schwebe. »Wilde Tiere. Wie Schweine.« Er erbebte angesichts der wachsenden Verwirrung: für die Kinder waren Schweine ja Tiere von der Farm. Just an diesem Morgen hatte er heimlich in einem Blog namens Der Ruf der Ungezähmten gelesen. Die Grade der Unterjochung wurden dort folgendermaßen unterschieden: Haustier, domestiziert, ungezähmt, wild …

»Wieso dürfen wir kein Haustier haben?«, fragte Chloe.

Seine Frau wandte sich Veganer in der Schwebe zu. Er wich ihrem Blick aus, spürte ihn aber dennoch.

»Euer Vater mag Haustiere nicht«, sagte sie.

»Nicht mehr lange bis zur Elf-Uhr-Show!«, sagte er, dringend bemüht das Thema zu wechseln. Und damit glitten sie aus dem schlundartigen Gang hinaus ins Tageslicht.

Ganz SeaWorld wand und krümmte sich.

Made-im-Fleisch-Syndrom, die wenig hilfreiche Vorstellung, die Renker ihm eingepflanzt hatte, war selbst eine Made, die sich nun im Fleisch seines Gehirns wand und krümmte.

Sie hatten einen Jack-Russell-Terrier gehabt, einen kastrierten zweijährigen Rüden namens Maurice, den sie aus dem Tierheim geholt hatten, einen völlig durchgeknallten Derwisch, in den seine Frau aber völlig vernarrt gewesen war und er – na ja, Veganer in der Schwebe war ebenfalls in ihn vernarrt gewesen, auch wenn es für ihn eher so gewesen war, wie mit einem Rätsel zu leben, hinter das man nicht kam. Maurice bewegte sich mit verblüffender Geschwindigkeit, ging senkrecht in die Luft wie ein illegaler Feuerwerkskörper, war ungemein fordernd und drang in ihre privatesten Lebensbereiche ein. Dann aber – und hier lag der Grund, warum es ihn demütigte, wenn eines der Mädchen das Thema Haustiere überhaupt nur erwähnte, genauso wie der, warum der Blick seiner Frau ihm das Blut gefrieren ließ –, nachdem Veganer in der Schwebe beobachtet hatte, wie der Hund sich gegenüber seiner schwangeren Frau verhielt, hatte er Maurice aus ihrer aller Leben verbannt. Der Hund war einfach übertrieben fürsorglich gewesen, geradezu besessen von ihrer Schwangerschaft, hatte sich etwa Nachts um ihren Bauch gekringelt, so als wollte er die Zwillinge mittels seiner eigenen Körperhitze ausbrüten. Er hatte sogar begonnen nach Veganer in der Schwebe zu schnappen, wenn der sich dem eigenen Ehebett näherte. Im Verlaufe des dritten Trimesters hatte er den Hund also zurück ins Tierheim gebracht, und auch wenn das kaum entschuldbar war, womöglich überhaupt nicht entschuldbar, so wurde Maurice nach der Geburt der Babies doch nie wieder erwähnt.

Die Mädchen würden niemals erfahren, dass Maurice sie noch in der Gebärmutter geknuddelt hatte, sollte ihre Mutter ihnen nicht eines Tages davon erzählen. Stattdessen stillten Chloe und Deidre nun ihre Sehnsucht nach anderen Säugern mit Pixar-Figuren. Auf der Hinfahrt hatten sie an den Bildschirmen geklebt, die in die Kopfstützen der Vordersitze eingelassen waren. Das hatte ihnen die Eintönigkeit der Interstate 5 erspart, die immergleichen Ausfahrten in immer neue Vororte, Lärmschutzwälle und öde vergilbte Hügel. Nahe San Diego zeigte ein Schild die Silhouette einer fliehenden mexikanischen Familie, wie man sie sonst von Elchen oder Rehen kannte, damit man sie auf ihrer illegalen Flucht über die fünf Spuren des Freeways nicht anfuhr. Veganer in der Schwebe empfand es als Segen, keine Erklärung liefern zu müssen.

Familienleben, ein Kataklysmus der Einsamkeiten.

Als kleiner Junge hatte er Reisen auf dem Rücksitz ohne die Hilfe von Filmen überstanden. Stattdessen hatte er während zigtausender Kilometer den Chippewa National Forest hindurch, entlang der Union Pacific Railroad und durch die östlichen Teile Ontarios und Manitobas aus den Fenstern des Familienkombis geschaut. Im Alter von zehn, während seiner Öko-Phase, hatte er sich zum Zeitvertreib ein Spiel ausgedacht, das, wie den neuen Namen, allein er kannte. In seiner Fantasie verfügte das Auto seiner Eltern über ein langes unsichtbares Messer, dem Flügel eines Flugzeugs ähnlich, welches mittels mentaler Instruktionen aus der Seite des Kombis heraus- und wieder hereingefahren werden konnte. Er und seine Eltern gaben bloß vor Nobodys zu sein, die einzige protestantische Familie aus einer Kleinstadt, die scherzhaft St. Jewish Park genannt wurde. In Wahrheit aber waren sie Sendboten aus einer anderen Welt, geschickt, um die Natur von den Eingriffen der menschlichen Spezies zu befreien. Nur er selbst konnte die Klinge steuern, die herausschoss, um alle Hochspannungsmasten und Straßenschilder abzurasieren, aber immer wieder eingefahren wurde, um so viele Bäume wie möglich zu verschonen. Häuser und andere Autos hingehen durchtrennte sie erbarmungslos. Die Fantasie umfasste sogar ein Alibi stiftendes Element der Verzögerung, was zum einen dafür sorgte, dass er die gloriose Zerstörung, die er anrichtete, selbst nicht zu Gesicht bekam, zum anderen verhinderte, dass keine menschliche Instanz im Stande war, die mysteriöse Kraft zu lokalisieren und zu neutralisieren, die sich durch die Umgebung fraß: Die gekappten Objekte fielen erst fünf Minuten nachdem der Wagen der Familie sie passiert hatte auseinander. Durch diese Methode würde die Welt wieder der Flora und Fauna zurückgegeben.

In letzter Zeit war Veganer in der Schwebe das Bild der unsichtbaren Klinge wieder in den Sinn gekommen. Es stellte sich angesichts irgendeiner architektonischen Abscheulichkeit ein, oder einem mit Werbeschildern verschandelten Straßenrand. SeaWorld hingegegen war der Fantasie gegenüber immun. Dieses Labyrinth der Disharmonie in Scheiben zu schneiden, würde ja bedeuten, die darin gefangenen Kreaturen zu meucheln. Der Logik seiner Kindheitsfantasie zufolge, würde die Klinge zwar die Schildkröten, Haie und Delfine aus ihren Becken befreien, die ausströmen würden, nur um dann in der Sonne nach Luft schnappend auf den betonierten Pfaden zu verenden.

Im Shamu Stadion angekommen, bemerkte Veganer in der Schwebe, entgegen Renkers Ankündigung, weder Penner noch Taschendiebe. Sondern Soldaten auf Heimaturlaub. Armeeangehörige zwischen zwei Einsätzen, die mit ihren Familien einen Tagesausflug machten, den unvertrauten kleinen Kindern und stoisch ignorierten Frauen, um sich Killerwale anzuschauen. Zu erkennen waren sie an ihren Kurzhaarschnitten, den Bizepstattoos und dem wachsamen Hin- und Her ihrer verdickten Nacken. In ihrer strammen Unerschütterlichkeit erweckten sie den Eindruck, als seien unterschiedlichste Zivilisten-Körper in dieselbe unerbittliche Form gegossen worden. Ethnische Merkmale, bei den Soldaten nunmehr zu Spuren reduziert, waren bei den Frauen und Kindern wesentlich greifbarer – in Renkerschen Termini hauptsächlich Schwarze, Mexikaner und Orientale. Vielleicht gar ein paar Zigeuner hier und dort? Schwer zu sagen. Immer schön vereinfachen.

Vielleicht waren es ja die Soldaten, die für das Unglück sorgen würden, vor das Nervensystem von Veganer in der Schwebe so gellend warnte. Vor dem inneren Auge sah er aus Hubschraubern aufgenommene Szenen, gelbes Absperrband, zwischen untröstlichen Familien umherschwirrende Sondereinsatzkommandos. Das Stadion war ein Maya-Tempel und man wartete darauf, dass im blauen Bassin unten irgendein Opfer dargebracht wurde. Und doch, obgleich zusammen mit fünftausend anderen eingesperrt, fühlte sich Veganer in der Schwebe für den Moment ruhig. Sollte seine Reise durch die Röhren und Tunnel von SeaWorld tatsächlich etwas Peristaltisches haben, so hatte er nun den gekammerten Magen erreicht.

Und dann, nach der abgeschmackt-triumphierenden Ouvertüre aus Musik, Videobildern und Hopserei in androgynem Spandex, als die Orcas schließlich in die Arena kamen und begannen ihre Runden zu drehen, wurde SeaWorld durch ihre absolute und umwerfende Präsenz vollständig überschrieben. Durch ihr Kunststück, zwei Sphären miteinander zu vernähen, Himmel und Wasser, bloß um ein Stadion voller Kinder zu entzücken – Kinder, die in Reaktion darauf ihrerseits Sätze vollführten, auf ihren Sitzen vibrierten und unzusammenhängende Glucksgeräusche machten, gleichsam in Zungen sprachen. Andere Kinder, älter und weniger ängstlich als seine, rasten hinab zur Kunststoffeinfassung, um sich nassspritzen zu lassen und ruderten wild mit den Armen. Die Killerwale mit ihren Emmett-Kelly-Augen waren die glorreichen Todesclowns Gottes. Ihre üppigen muskulösen Körper waren das Unverfrorenste, was Veganer in der Schwebe je gesehen hatte. Sie wirkten wie von Albert Speer modifizierte Pandabären. Immer diese Holocaust-Anspielungen, hatte Renker einmal gesagt. Warum überlassen Sie das nicht uns?

Die Zwillinge saßen zwischen ihm und seiner Frau, hielten einander bei den Händen, die Augen weit aufgerissen, überwältigt von ihrem unbestechlichen Sehnen.

»Deidre hat Angst«, sagte Chloe.

»Hab ich gar nicht«, sagte Deidre. Sie sprach wie im Traum, ohne den Blick vom Becken abzuwenden. Veganer in der Schwebe verlangte es schmerzlich danach, die Mädchen in einer Art schützendem Anbau in Sicherheit zu bringen, der von seiner beschädigten Seele abging. Aber die Mädchen ließen sich nicht in Sicherheit bringen, so wie das Stadion sich nicht in Sicherheit bringen ließ, genauso wenig wie die Welt. Das alles lag ungeschützt unter dem Himmel, egal welchen Strahlen auch immer gegenüber, die durch die geschundene Atmosphäre sickerten. Die Mädchen waren Himmel und Killerwalen ausgeliefert, die durch ihre wehrlosen Herzen sprangen. Außerdem verfügte Veganer in der Schwebe auch gar nicht über einen schützenden Anbau, der von seiner Seele abging. Das war reine Fantasie, genau wie die ein- und ausfahrbare Klinge am Kombi seiner Eltern.

Was würden die Mädchen über Killerwale denken, wenn sie irgendwann einmal die ganze Wahrheit erfuhren? Die Verheerungen der Welt stapelten sich überall und warteten geduldig darauf, von seinen Töchtern beachtet zu werden. Eines Tages würden sie ganz von selbst all die Dokumentarfilme und Webseiten entdecken. Sie werden womöglich dazu neigen, ihre Kinder zu bemerken, hätte Renker ihn warnen sollen.

Gleichzeitig, auf der anderen Seite der Zwillinge, ein Mysterium: seine Frau. Die, mit der er einmal so gut wie eins gewesen war. Dann, so als habe er sie angerempelt und zwei Teile herausgebrochen, waren die Zwillinge aufgetaucht. Im letzten Jahr hatte sie etwas Opakes bekommen, so als habe sie ihn freiwillig schonen wollen. Ihre menschliche Silhouette füllte nun etwas aus, das Veganer in der Schwebe im Gespräch mit Renker als »Wolke des Unbekannten« beschrieben hatte. Sie hatte ihn an die Celexa-Odyssey herangeführt und sie mit ihm durchgestanden, was aber kam jetzt? Würde sie nun ihr lange vertagtes Urteil fällen?

Als er aus dem Shamu Stadium heraustrat, hatte Veganer in der Schwebe das Gefühl, dem Urteil seiner Frau standhalten zu können, genauso wie er SeaWorld standhalten konnte und SeaWorld sich selbst. Weder die Veteranen, noch die Orcas, noch er selbst waren ausgerastet und hatten jemanden zerkaut oder bajonettiert. Wenn die Orca-Show der Höhepunkt gewesen war, der Härtetest, konnten sie dann jetzt nicht gehen? Er sehnte sich nach den trivialen Tröstungen, die das Motel, die Familie auf zwei Doppelzimmer verteilt, bereithielt: Zimmerservice, Club-Sandwichs und noch mehr Pay-per-View-Disney.

»Also«, sagte er und klatschte in die Hände. »Sollen wir den Parkplatz suchen?«

»Das sind Tagestickets«, sagte seine Frau. »Rebeccas Mutter meinte, wir sollten auf keinen Fall die Kleintier-Show verpassen.«

»Ich habe Hunger«, sagte er.

»Kleintier-Show, Kleintier-Show!«, skandierten die Mädchen.

»Zu essen gibt es auch hier«, sagte seine Frau spitz. »Und wir sind extra hergefahren und haben für den ganzen Tag bezahlt. Die Mädchen haben Monate gewartet.« Dieses Mal sah sie ihm in die Augen, bevor er den Blick abwenden konnte und er wurde umhüllt von der Wolke des Unbekannten.

Die nächste Kleintier-Show begann um eins, also parkten sie den Buggy an einem schattigen Platz und Veganer in der Schwebe machte sich auf die Suche nach etwas Essbarem. Er fand eine Pizzeria, aber man musste exorbitant lang auf einen Tisch warten, und sich ins dunkele Innere zu drängeln, auch um nur etwas zum Mitnehmen zu bestellen, konnte er sich ebenfalls nicht vorstellen. An einem Stand vor dem Restaurant grillte ein Mann Truthahnkeulen. Die Schlegel sahen seltsam urzeitlich aus – man war doch hier nicht im Mittelalter! – aber der Geruch des versengten Fleisches brachte Veganer  in der Schwebe zum Geifern.

Essen sehen, Essen essen.

Sea World, Eat World.

Er bereute den Kauf bereits in dem Moment, als er ihn tätigte. Die Schlegel waren Fleischabfall, von irgendeiner industriellen Farm zu Gunsten des Brust-Produkts entsorgt worden. SeaWorld konnte da genauso gut Pferdehufe oder eingelegte Kuhaugen verkaufen. Dennoch trug er es zurück zum Buggy und kam sich dabei wie Fred Flintstone vor. Von seiner Frau ungläubig angestarrt, riss er Fetzen von dem riesigen knorpeligen Schlegel, um seine Mädchen damit zu füttern, wie eine Vogelmutter ihre Neulinge im Nest. Die knusprige Haut löste sich als Ganze und war, einmal abgetrennt, einfach zu widerlich, um sie nicht direkt wegzuwerfen. Die Mädchen spülten das Fleisch mit Orangensaft herunter. Papierservietten klebten ihnen in Fetzen an Gesicht und Fingern.

Da noch eine Viertelstunde Zeit war, machten sie noch einen Abstecher zu den Fledermausrochen, die man in ihrem Bassin anfassen konnte. Wie bei den Flamingos, musste Veganer in der Schwebe die Zwillinge ganz nach vorn drängeln, damit sie die Chance hatten, ihre Hände in das flache, bloß hüfthohe Becken zu tauchen und die glatten, gummiartigen Rochen darunterhergleiten zu lassen. Den Mädchen stockte der Atem. So mochte es sich anfühlen, wenn man einen Killerwal berührte. Hier fand sie womöglich endlich statt, die tatsächliche Begegnung, die Sache, wofür sie eigentlich hergekommen waren, und einen Moment lang verschwanden für Veganer in der Schwebe alle Barrieren, waren die Truthahnaugen vergessen, bekam die Hintergrundmusik etwas Erhabenes, so als komme sie aus weit entfernten Sphären.

Das Bassin mit den geschmeidigen Rochen beherbergte aus irgendeinem Grund ebenfalls einen verhornten Stör mit knotigem Gesicht. Ein Schild warnte jene, die die Rochen berührten, nicht zu versuchen, auch den Stör anzufassen. Veganer in der Schwebe hingegen, in seiner Verzückung, versuchte es. In Reaktion darauf, sperrte der Stör das Maul auf und schnappte hinauf zu ihm, wo er inmitten so vieler vergnügter Kinder stand, seinen eigenen und anderen. Voller Angst zuckte Veganer in der Schwebe zurück. Der Stör nahm seinen Kurs wieder auf, Made im Fleisch des Rochenbassins.

»Habt ihr das gesehen?«, fragte er seine Töchter und jeden anderen, der vielleicht Zeuge gewesen war.

»Was gesehen?«, sagte Chloe.

»Den Stör! Der hat mich praktisch angekläfft!«

»Daddy«, sagte Chloe zärtlich.

Die Kleintier-Show verfügte über ein eigenes Stadion, eine kleinere Arena, ein paar Tribünen im Wesentlichen, die vor einer Bühne aufgestellt waren, ausgerüstet mit Leitern, Fenstern, Hindernisparcours und gigantischen Plastikskulpturen einer Milchflasche und eines hellroten Turnschuhs. Anders als im Shamu Stadion, waren die Sitze hier spärlich besetzt und Veganer in der Schwebe und seine Frau und Kinder fanden in der dritten Reihe Platz. Nur einen Augenblick später begann die Vorführung. Zu den Klängen von »Who Let the Dogs Out?«, ergossen sich, wie in einer Sequenz kurz vorm Abspann, eine Flut von Hunden und Hauskatzen aus verschiedenen Geheimtüren über die Kunstrasenbühne, gefolgt von einem Schwein, einem Vogel Strauß und einer Reihe Enten. Die Hunde sprangen auf eine Wippe und katapultieren Miniburger aus Plastik in Richtung einer Herdattrappe. Die Katzen kletterten ein Seil hoch. Die Zwillinge waren außer sich. Einer der Hunde zog an einem Hebel und löste ein aufgerolltes Banner, auf dem in Fingernägel-auf-Schultafel-Schrift der Titel der Show stand: »Hier haben wir Tiere das Sagen!«

»Das ist ja wohl ein klassisches Beispiel für Hitlers Technik der großen Lüge, meinst du nicht auch?«, sagte Veganer in der Schwebe.

»Was?«, sagte seine Frau.

»›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ Haben sie nicht. Sie machen bloß … es stimmt einfach nicht. Ich find´s furchtbar hier.«

»Pst.«

»Wir machen uns mitschuldig an einem weithin bekannten Albtraum«.

»Ich habe noch nie etwas Kritisches über die Kleintier-Show gelesen.«

Weil alle damit beschäftigt sind, diese ästhetisch-moralische Kalamität aus ihren Köpfen zu tilgen, wollte er sagen. Gibt es Erlaß für diese Art Erkennen?1 Stattdessen sagte er: »Der Stör hat mir da vorhin fast den Finger abgebissen.«

»Jetzt ist es zu spät, glaub ich.«

»Wofür, für den Fisch, meinen Finger zu fressen?«

»Nein, für dich und den Fisch, um bei ›60 Minutes‹ aufzutreten, weil der Ort hier ja durchaus schon vorher mal in den Medien war.«

Ein Showmaster im Baseballtrikot und mit Headset-Mikrofon erschien und begann die Kleintier-Show anzumoderieren. Irgendein gescheiterter Schauspieler, vermutete Veganer in der Schwebe. Seit sein Bewerbungsfoto in der Personalabteilung von SeaWorld gelandet war, war der Junge dazu verdammt, fünfmal täglich diesen unsäglichen Sermon abzuspulen. Er erläuterte die Kleintier-Olympiade, bei der die dressierten Hunde gegeneinander antreten würden, rief dann die Stars der Show namentlich auf und ermunterte die Kinder im Publikum, bei jedem noch so dämlichen Mätzchen zu klatschen und zu kreischen. »Unsere Freunde sind allesamt Rettungshunde«, erklärte er. »Bis zu ihrem ersten Auftritt bei ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ trainieren sie beinahe drei Jahre lang und ihr habt großes Glück, denn wir haben einen ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹-Neuling, der heute zum ersten Mal dabei ist, einen süßen kleinen Kerl namens Bingo. Ich möchte, dass ihr ihm, wenn ich ihn auf die Bühne rufe, dafür Respekt zollt, dass er zum ersten Mal vor ein Publikum tritt, und hoffe, dass ihr Bingo doll liebhabt und ihn nun ganz herzlich begrüßt …«

Bingo war ein Jack-Russell-Terrier. Er schien, so der erste Eindruck, durchaus reif für die Hauptsendezeit zu sein, überschlug sich zweimal, rückte dann mit einer hellroten Zange einem überdimensionierten Hydranten zuleibe, was darin resultierte, dass eine Wasserfontäne ein unbeteiligtes Ferkel traf und den Zuschauern in der ersten Reihe ins Gesicht spritze, die vor Freude jauchzten. Er stand auf den Hinterbeinen, grinste breit und schlang dann die diskrete Belohnung von der Handfläche des Showmasters. Dann aber sprang der neue Hund von der Bühne, krabbelte über die beiden ersten Reihen hinweg und in die  Arme von Veganer in der Schwebe. Dort fing Bingo an, wie besessen an dessen Kinn und Lippen zu lecken und zu knabbern, wobei das wirbelnde Gelecke immer wieder von winzigen scharfen Bissen unterbrochen wurde.

»Bingo!«, rief der Showmaster von der Bühne aus. Das nasse Ferkel ging zögernd ab, aus den Boxen kam allerdings noch immer gackernde Musik, was dem Ganzen einen Anstrich der Übermütigkeit gab. Der Hund wandte sich nun blindwütig seinen Nasenlöchern zu. Veganer in der Schwebe war unentschieden, ob all dies Teil der Show war oder nicht. Chloe und Deidre reagierten mit Entzücken, streckten die Hände aus, um den Hund zu streicheln, der ihren Vater in den Sitz presste. Auch seine Frau tätschelte den Hund und Veganer in der Schwebe spürte, wie ihr Arm leicht seinen Bauch berührte, das erste Mal seit Monaten. Andere in ihrer Reihe wichen zurück.

Es war ihr einstiger Hund, erst gerettet und dann verlassen, ein zweites Mal gerettet und nun dressiert worden, der ihnen jetzt zurückgegeben wurde. Bingo, begriff Veganer in der Schwebe, war Maurice. Genau wie er hatte auch das Tier zwei Namen. Und das hatte ihn gleich erkannt und war von der Bühne gesprungen, um sich dafür zu entschuldigen, die Familie im Stich gelassen zu haben, den Mann und die Frau und die Zwillingsmädchen, die nun außerhalb des Körpers der Ehefrau waren, statt darin, der Maurice zuletzt bekannte Ort. Der Hund war gekommen, um dem Alphatier seines ehemaligen Rudels seine Referenz zu erweisen. Mit seiner animalischen Schläue erkannte Maurice, dass Veganer in der Schwebe das Medikament nun nicht mehr nahm. Oder war der Gedanke geisteskrank? Er war geisteskrank. Der Vogel Strauß war inzwischen aus seinem Versteck hinter dem Vorhang hervorgekommen und lief in Gänseschritten bis vor zur Bühnenkante, offenbar nicht auf irgendein Stichwort hin. Die Kleintier-Show zerfiel in ihre Bestandteile. Ein Vogel Strauß ist kein Kleintier. Die Untaten von Veganer in der Schwebe waren Legion, selbst wenn der Hund ihm, auf seine automatische Weise, Absolution erteilen würde, gerade wo seine Hände mit Truthahnsoße verschmiert waren. Seine Untaten schrien zu einem unermesslichen Himmel. Nicht alles gleich global sehen, sagte Irving Renker in seinem Kopf, während die rasende Zunge des Terriers sich in die Schwimmhaut zwischen seinen Fingern bohrte.

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