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Als Ferdinand Klingenreiter das Publikum, liebe Freunde, Familie, liebe Kinder, um Ruhe für seine Große Illusion bat, lachten einige, die meisten redeten weiter. Die Mädels vom Stadelmann unterbrachen ihre jauchzende Jagd und wandten sich zur Bühne. Die jüngere – Michaela oder Martina oder sonst ein Name, der für einen Jungen reserviert gewesen war und ein a angehängt bekam – rief schrill und munter durch den Saal: »Mami, wer ist der Opa?«

Klingenreiter winkte ihr zu, so süß wie die aussah, die Zöpfe, das Dirndl, worauf sie erschrocken zur Stadelmännin rannte und deren Arm umarmte. »Das ist doch Freddie, mein Schatz«, erklärte die Mutter, »Freddie … der Famose. Er zaubert uns gleich was.«

Freddie, der Fantastische, wäre korrekt gewesen, aber Klingenreiter machte sich nichts daraus, es war ja sein erster Auftritt überhaupt, wie sollte sich da jemand seinen Bühnennamen schon gemerkt haben?

Insgesamt war es doch etwas leiser geworden im Gemeindesaal, man hörte die Kaffeemaschine glucksen.

Klingenreiter sah zu dem Tisch, an dem Felix saß. Oder vielmehr lag, so tief war der Junge in den Stuhl gesunken, die Hände in den Taschen, der Kopf in der Kapuze, ein Auge unter der Frisur. Was Felix von seinem Körper unsichtbar machen konnte, machte er unsichtbar. Das andere Auge starrte auf die Cola oder auf die Salzstangen im Plastikbecher auf der Plastiktischdecke. Dem Blick des Großonkels begegnete es nicht.

Im Kopf woanders, der Junge. Oder einfach lieber nicht hier.

Ferdinand Klingenreiter machte das nichts aus. Auch in seinem Kopf hatten die Gedanken zeitlebens selten dort Vergnügen gehabt, wo er sie gebraucht hätte, na und? Sind Kirschen und Träume pflücken gegangen, statt Schulaufgaben zu lösen. Merkten sich weder Formeln noch Verse, und sehr schwer nur, wie man die Maschinen richtig bediente. Oder doch, einige Verse schon, welche, die seine Käthe schrieb.

Zaubertricks lernte er dafür mit jener Leichtigkeit, die so groß nur im Nutzlosen stecken konnte.

Im Kopf woanders, im Körper irgendwie auch. Klingenreiter konnte sich immer schon in einer Weise unauffällig verhalten, dass man seine Gegenwart vergaß. Felix hätte ihm dieses Talent neiden können. Diesen Zauber. Brachte aber nicht nur Vorteile. Klingenreiters Eltern hatten in seiner Anwesenheit so heftig gestritten, als wäre er gar nicht da. Das Geschrei ging oft noch weiter, nachdem er sich zu Wort gemeldet hatte. Das waren die einzigen Momente, in denen Klingenreiter sich seinen Bruder nah gewünscht hatte. Wenn Franz da war, ruckelte niemand am Haussegen.

Erst spät, vielleicht überhaupt erst nach Franzens Tod im letzten Jahr, kam es Klingenreiter in den Sinn, dass sein Talent keines zur Unauffälligkeit gewesen war. Es war seinen Eltern, Franz, überhaupt den Leuten schlicht egal, ob er anwesend war oder nicht. Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein.

Vielleicht Käthe nicht. Nein, Käthe gewiss nicht, Käthe war er nicht egal gewesen, sie hatte in seiner Anwesenheit immer fröhlich gezwitschert, und man könnte natürlich jetzt sagen, ob mit oder ohne ihn, die Käthe habe so oder so viel gezwitschert, aber das stimmt nicht, Käthe stellte ihrem Mann gelegentlich auch eine Frage, und obwohl sie das vielleicht nur getan hat, um sicherzugehen, dass er zuhörte – indem sie Klingenreiter eine Frage stellte, nahm sie Klingenreiter wahr. Die Tür sprang auf und in den Saal marschierten Thomas und die Familie, also alle außer Felix. Lisa, die Zwillinge, der kleine Max, ein Fässchen mit Fäustchen im Mund neben dem großen Fass, das sein Vater war.

Einige drehten die Köpfe, ein paar standen auf, um Thomas zu begrüßen, so soll es sein, der Chef trifft ein. Klingenreiter nickte seinem Neffen zu, der eine entschuldigende Geste Richtung Bühne machte und sich zu Felix an den Tisch setzte, was der mit einem Schluck Cola ignorierte.

Der Thomas machte das gut mit dem Sägewerk, das heißt, er war informiert und unnachgiebig. Holte jetzt sogar, am Sonntagnachmittag, einen Stapel Papiere aus seiner Tasche, gewiss für die Arbeit. Klingenreiter wollte fortfahren, da machte sein Neffe eine fragende, kreisende Geste über dem Stapel und zeigte in den Saal, er schien Klingenreiter etwas mitteilen zu wollen, und Klingenreiter zuckte wie zur Erlaubnis mit den Schultern.

Daraufhin ließ Thomas den Stapel herumgehen, »jeder nur eins«, und fast jeder nahm sich ein Blatt oder eine Broschüre, oder was das war, waren ja fast nur Werksarbeiter mit den Familien da. Es raschelte jetzt an jedem Tisch, alle lasen sich das durch. Ganz hinten beim Ausgang saß ein einzelner Mann, der alte Stangl war das, er lehnte den Stapel ab.

Klingenreiter wartete, was sollte er auch tun? Neben ihm seine Kiste. Zwei gelbe Blitze, ein rotes Fragezeichen. Eiche. Der Stangl, der war ja auch ein Streitgrund gewesen für die Eltern. Dieser Name, in großer Lautstärke ausgesprochen, gehörte zu Klingenreiters frühesten Erinnerungen. Zog sich über Jahre hin, bis Vater ihn irgendwann verjagt hat.

Mutter hatte Stangl gemocht, das war Fakt. Sie duzten sich sogar, aber für mehr war doch das Sägewerk zu klein! Wäre etwas vorgefallen zwischen den beiden, ein Absauggebläse hätte es erfahren und ein Spaltkeil verraten.

Der Stangl müsste näher an hundert als an neunzig sein. Ist aus dem Tal extra heraufgekommen. Mit dem Bus. Hat Klingenreiter sofort gesucht, um ihn zu begrüßen. Das reicht doch, damit alles gut ist, zwischenmenschlich, jemanden suchen, um ihn zu begrüßen. Sonst einen Freund hatte der Stangl hier aber nicht.

Thomas holte sich jetzt einen Kaffee. Klingenreiter wollte darüber fast den Kopf schütteln, aber wie sähe das aus, ein kopfschüttelnder Magier?

Der Gang, der Nacken und immer der Ehrgeiz. Thomas war wie Franz. Wegen zu viel Ehrgeiz hatten Vater und Franz überhaupt ihren einzigen großen Streit gehabt.

Das war, als Franz vom Studium zurückgekommen war mit Ideen. Franz wollte erneuern, wollte investieren, den Laden ›entwurmen‹. Gabelstapler, Blockzüge, mechanische Sortieranlagen.

Davon hat Vater nichts wissen wollen. Nicht, weil er nicht einverstanden gewesen wäre. Ihm gefiel nicht, dass Franz Sätze mit »An deiner Stelle würde ich« anfing. Ihm gefiel der Druck nicht. Schöne und gute Ideen sind schön und gut, aber Vater wollte Franz eine Lektion in Ideenwirtschaft erteilen, und Lektion eins hieß: Ideen gut verpacken.

Am Ende hat man modernisiert, ein wenig rationalisiert auch, aber eben erst als Vater selbst sich die Zeit angeschaut und gesagt hat, reif ist die jetzt.

Die einzigen Ideen, die Klingenreiter hatte, betrafen die Kantine und das Programm bei der Weihnachtsfeier. Ferdinand Klingenreiter liebte das Sägewerk, und er liebte die Unterhaltung, und es hat ihm nichts ausgemacht, ein Leben lang beim eigenen Bruder angestellt zu sein, mochten die Leute doch reden.

Zu einer Sache nur hat er sich geäußert, zu der Sache mit den Holzfässern. Klingenreiter war dagegen, die Herstellung von Fässern aufzugeben, wie Franz es vorgeschlagen hatte, vor allem aus nostalgischen Gründen. All das Bier, das in Klingenreiter-Fässern gelagert wurde! Und in Zukunft weiter gelagert werden könnte! Er wurde laut gegen Franz und Vater, als ginge es um wer weiß was Wichtiges.

Nostalgische Gründe waren in der Familie nie gewichtige Gründe gewesen. Die Nostalgie ist eine Komplizin von Spinnern, keine von Gewinnern. Die Fassproduktion wurde eingestellt, keine Minute zu früh. Der Rückgang des Produktionswerts in den folgenden Jahren fiel gigantisch aus, überall gab es nur noch Aluminium und Kunststoff und anderes herzloses Zeug, und immer mehr Leute tranken Bier aus Flaschen und Dosen, furchtbar.

Käthe, und was Käthe zu ihm sagte:

›Du Kindskopf, du.‹

›Wo bist du wieder, Freddie, du, bleib doch mal bei mir.‹

›Mein Freddie, du.‹

Das hatte er sich gut gemerkt. Viel von dem, was seine Käthe gesagt hat. Seine Gedanken mahnten ihn manchmal mit Käthes Stimme, gängelten ihn, nahmen ihm Entscheidungen ab, denn im Entscheiden war er erbärmlich. Es gab auch mal Tacheles von den Gedanken, leider viel zu selten.

Seine Hände zitterten. Er ballte sie zu Fäusten. Ferdinand Klingenreiter hatte nie viel zu sagen gehabt, und jetzt zitterte er auf der Bühne, während die Leute darauf warteten, dass er etwas sagte. Dabei wusste er und spürte er, dass immer noch allen egal war, was das war, was er sagen würde, Hauptsache, er nahm seine Medizin und ging in der Nacht nicht noch mal auf der Landstraße spazieren.

Vielleicht Felix, vielleicht war es Felix nicht egal.

Seine Kiste lauerte unerschütterlich an seiner Seite. Die beiden Blitze wie Augen. Vielleicht war den Leuten Magie nicht egal.

Klingenreiter räusperte sich, um die sogar jetzt, während er auf einer Bühne stand, davonjagenden Gedanken zurückzurufen, die Boxen räusperten sich schrill mit. Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit.

»Meine Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Kinder.« Klingenreiters Lächeln wurde breiter. Gleich würde er aussprechen, was er ein Leben lang vor einem Publikum hatte aussprechen wollen, und alles, was über vierzig Seelen war, konnte freilich Publikum genannt werden, plus der Kirchenchor hinter der Bühne. Zwei Stunden vor Beginn des offiziellen Programms, für eine Zaubereinlage, nicht schlecht, Herr Specht, dachte Klingenreiter.

Wieder suchte er den Blick seines Großneffen, und diesmal erwischte er einen Zipfel blauer Pupille, doch Felix senkte den Kopf. Klingenreiter nahm es ihm nicht übel, er wusste nun, der Junge war dabei, der Junge passte auf, wollte bloß beim Aufpassen nicht erwischt werden.

»Was Sie sogleich zu sehen bekommen, wird Ihre Meinung über die Magie für immer verändern. Damit Sie es aber sehen, brauche ich einen Freiwilligen.« Klingenreiter öffnete einladend die Arme, sein Hemd glitzerte, die Kaffeemaschine piepte. Niemand rührte sich.

Die große Illusionistin Halima hatte am Höhepunkt ihrer Show etwas ganz anderes, etwas Freches gesagt, das traute sich Klingenreiter nicht: »Magie ist nicht das, was ich mache. Magie ist, was ihr nicht seht, dass ich mache.« Halima, mit schwarzer Mähne und langen Armen, die auf und ab schlugen, während sie über die Bühne sprang, tanzte, flog.

Auch hatte Halima dramatische Musik zur Untermalung ihrer Tricks und Illusionen, Klingenreiter hatte bloß die Kaffeemaschine. Der Kirchenchor hätte eigentlich zur Verfügung gestanden, die hatten vor seiner Nummer für den Abend geprobt, hat Klingenreiter ausnehmend gut gefallen, zuerst What if God was One of Us, dann das sehr traurige Wir sind nur Gast auf Erden, und der sehr fröhliche Abgang Always Look on the Bright Side of Life, alles sehr passabel, Fichtner hatte kaum eingreifen müssen. Mit Fichtner hatte Klingenreiter sich aber auf kein Lied zur Begleitung der Illusion einigen können. Klingenreiter hätte gern gehabt, dass der Chor bloß summte, und zwar The Final Countdown, erste Wahl, oder dieses eine, das jeder kennt, aus Carmina Burana, zweite Wahl. Summen kam für den Chorleiter aber nicht in Frage.

»Natürlich nicht, Mann, Freddie.« Auch Felix hatte dazu eine Meinung gehabt.

Die offizielle Ausrede von Fichtner lautete, die Bühne sei zu klein für den Chor und Klingenreiter und Klingenreiters Kiste, die mit Klingenreiters ausgebreiteten Armen noch immer auf ihren Einsatz wartete.

Für Halimas Zaubershow hatte Klingenreiter zwei VIP-Plätze reserviert, für sich und für Felix in der zweiten Reihe. Vor genau einem Monat war das, kurz nach Felix’ vierzehntem Geburtstag, das Ticket Klingenreiters Geschenk an den Jungen, aber auch Klingenreiters Geschenk an Klingenreiter, seine erste große Zauber-Show. Für jemanden, der von Kindesbeinen an für die Magie schwärmte, der Harry Potter mit 65 gelesen hatte und das Haus nie ohne ein Kartenspiel in der Tasche verließ, war es wirklich an der Zeit gewesen.

Auch auf den Besuch der Landeshauptstadt mit Felix hatte Klingenreiter sich gefreut. Er hatte ein türkisches Restaurant für das Abendessen ausgesucht, die Idee dahinter war, dass es zu Hause keinen Türken gab. Dem Jungen schien es egal zu sein, er fragte, ob er Cola bestellen dürfe.

»Du musst doch nicht nach Erlaubnis fragen.« Klingenreiter lachte.

Felix sagte »okay« und bestellte ein Bier.

Klingenreiter riss die Augen übertrieben auf, Felix grinste gelangweilt.

Vierzehn Jahre, das war doch schon einiges, dachte Klingenreiter und bestellte ein Helles und ein extra Glas und goss etwas für Felix ab, und der rührte es nicht an, trank seine Cola, und Klingenreiter trank auch nur die Hälfte wegen der Medizin.

»Was machst du eigentlich sonst gern?« Er konnte sich nichts außer irgendwas am Computer vorstellen.

»Warum ich?«, fragte Felix.

Klingenreiter verstand nicht.

»Warum hast du nicht die Zwillinge mitgenommen? Die hatten auch Geburtstag. Oder Max? Der ist vier, der steht sicher auf so was.«

Klingenreiter lächelte und hasste es, dass er lächelte. Dass er immer aus den Ecken lächeln musste, in die er gedrängt wurde. An der gefliesten Wand hing ein Wandteppich, der Tresen war aus Glas und Metall. Klingenreiter suchte Holz und fand keines. Der Junge wirkte entspannt, wie es Sieger sind. Als wäre er froh, dass ihnen die einfachste Unterhaltung nicht gelang.

Mit Thomas und der Familie waren es achtundvierzig Leute im Gemeindesaal. Inzwischen waren sie alle still, ein Freiwilliger für Klingenreiter war aber immer noch nicht gefunden.

Klingenreiters Arme wogen schwer in der angedeuteten Umarmung. Vielleicht schwiegen die Leute, weil sein eigenes Schweigen zu groß geworden war. Weil es unangenehm ist, wenn einer auf der Bühne steht und nichts sagt. Vielleicht hatte er sich aber auch wieder eingenässt, und das Schweigen war ein betretenes.

Felix leckte das Salz von einer Salzstange.

An der Wand gegenüber hing das ewige Spruchband: »Das Wort ward Fleisch.«

Neben ihm seine Kiste. Die Blitze wie Vorwürfe, das Fragezeichen ein hämisches Grinsen.

Er hatte die Kiste selber entworfen. Fast fünfzig Jahre in einem Sägewerk angestellt, und mit siebenundsiebzig die erste eigene Anfertigung, vom Entwurf bis zur Herstellung.

Gut, Holger Schwarzmann hatte ihm für den Feinschnitt seine nicht zitternden Hände geliehen und Theo Schwarzmann für das Stecksystem die Muskelkraft. Den Zuschnitt hat er aber selbst hinbekommen. Als es um die Maschen und Finessen ging, um das Wesentliche jedes Zauberutensils, musste er den Schwarzmann Junior mehrmals überstimmen, das hat den ganz aus dem Konzept gebracht, dass der alte Klingenreiter ihm widersprach, dabei hatte Klingenreiter sich noch zurückgehalten, weil ihm klar war, dass man von jemandem, der sein Leben lang Kisten für den Transport von Kartoffeln hergestellt hat, nicht erwarten konnte, dass ihm auf Anhieb eine Kiste für eine Große Illusion gelang, eine Kiste für die Kunst.

Die Schnittflächen mussten sauber sein, makellos, und der Schwarzmann ging mit einer Stichsäge ran, direkt aus der Hand in den Freischnitt rein! Es zählte doch jeder Millimeter! Also hat Klingenreiter ihm die kleine Japansäge gegeben, die er Franz vor Jahren geschenkt hatte. Dort, wo der war, ob Himmel oder Hölle, brauchte es keine Sägen mehr.

Hon Dozuki Deluxe hieß die Säge. Rattangriff. Tolles, auch schönes Gerät, das kann man von unseren Sägen nicht behaupten, dass die je schön waren.

Ja, und dann kam Felix vorbei, das war eigentlich das Beste, dass der Junge gefragt hat, was es mit der Kiste auf sich hatte.

»Ist für eine magische Illusion«, antwortete Klingenreiter.

»Wie?«

»Ich übe Verschwinden.«

»Ist es ein Trick?«

»Kommt drauf an, ob man der ist, der verschwindet, oder der, der zusieht.«

Felix spuckte seitlich aus.

»Ich würde die Kiste anmalen.«

»Das hatte ich vor.«

»Nein, ich meine, ich würde sie anmalen. Wenn ich darf.«

Natürlich durfte er. Klingenreiter konnte seine Freude kaum verbergen, und Käthe fragte sich in seinen Gedanken, warum man Freude überhaupt je verbarg.

Noch am selben Abend trafen sie sich in der Fertigungshalle. Klingenreiter hatte Farben besorgt, Pinsel, Licht. Auch Musik und Vesper, das wollte der Junge gar nicht, er wollte seine Ruhe und seine Cola.

Vier Stunden blieben sie in der sonst menschenleeren Halle. Nach vier Stunden riecht man das Holz nicht mehr, nicht das Anti-Schimmel-Mittel.

Dieser Abend wäre Klingenreiters Antwort gewesen auf Felix’ Frage, warum er ausgerechnet ihn mitgenommen hatte. Großonkel und Großneffe bemalen eine Kiste für ein Zauberstück, in der 900 m2 großen Fertigungshalle des Familiensägewerks, umgeben von Holztafeln, Holzrahmen, Holzbalken, Holzmaschinen, umgeben von den zu Spänegeistern und Holzstaub gewordenen toten Klingenreitern, die ehrgeizig, nach Art der Familie, um sie herumspuken.

»Freddie? Darf ich mal kurz …?« Das war Thomas. Er winkte mit den Papieren und machte sich auf den Weg zur Bühne, ohne die Antwort abzuwarten. Klingenreiter fühlte sich inzwischen ganz wohl dort oben. Auch seine Arme wurden leichter, je näher Thomas kam. Mit den Papieren in der Hand und so forsch wie er sich in Richtung Bühne drückte, wollte er bestimmt eine Ansage machen.

Jetzt? Klingenreiter stieg eine Hitze ins Gesicht, aber die Worte kamen freundlich heraus: »Meine Damen und Herren, wir haben unseren Freiwilligen! Bitte um Applaus für Thomas Klingenreiter!«

Thomas verstand nicht, der Applaus übersetzte es ihm.

Sofort streckte er die Arme vor, als schöbe er etwas Schweres von sich, und wich zurück.

»Bist ein Feigling?« Klingenreiter wusste nicht, hatte er das gedacht oder auch gesagt? Es war ihm ganz und gar egal. Er sah zu Felix. Der hatte sich aufgesetzt und sich das Haar aus der Stirn gestrichen.

Anderthalb Stunden lang hatte Halima, die First Lady der Magie, auf der Bühne alles gegeben. Fünfundvierzig Minuten lang gab Felix nicht zu erkennen, wie er das fand. Er war in seinem Sitz versunken, die Hände in den Taschen. Erst vor der Pause wurde der Junge sozusagen sichtbar und setzte sich wie jemand mit einer Wirbelsäule hin.

Halimas Gäste, ein Paar aus der Ukraine, tanzten eine irrwitzige Kleiderwechsel-Nummer, eine Telefonzelle als einzige Requisite. Der Mann betrat gleich zu Beginn die Telefonzelle in einer Unterhose mit Mickymäusen drauf, einen Atemzug später verließ er sie im Anzug. So ging es weiter, minutenlang, tanzen und umziehen.

»Quickchange«, flüsterte Klingenreiter. »Brauchst vor allem einen guten Schneider.«

Felix schien nicht zuzuhören, Felix beugte sich vor.

Die Nummer ging unter großem Applaus zu Ende, der Junge applaudierte mit, Klingenreiter applaudierte dem Jungen.

In der Pause standen sie bei Brezel und Cola im Foyer, und Klingenreiter beobachtete, wie Felix zwei Mädchen in seinem Alter beobachtete.

»Ich zeichne Klamotten«, sagte Felix, den Blick noch immer auf den Mädchen.

»Wie bitte?«

»Das wolltest du doch wissen. Was ich gern mache.«

»Ja! Ja, wollte ich. Das ist gut. Ich finde das gut«, sagte Klingenreiter und kam sich dämlich vor.

»Mir egal, wie du das findest. Muss niemandem gefallen. Mir gefällt es.«

Zum zweiten Akt wurde das Licht gedimmt, die warmen Töne verschwanden, Glockengeläut erklang. Halima betrat die Bühne ganz in Schwarz. Der Saal war stockfinster. Der Geruch von Kirche am Sonntag lag in der Luft.

Halima tanzte auf schwarzen Seilen, ließ die Seile verschwinden, tanzte in der Luft, langsam, wie trauernd. Sie stieg in einen Käfig und verließ den Käfig als Mann und Maus, Mann und Maus kletterten auf ein Bett, das in Flammen aufging, und als die Flammen gelöscht wurden, stieg Halima aus dem Rauch. Sie steckte sich ein Schwert in die Speiseröhre, bettete sich auf Speerspitzen und sagte ein Gedicht von Edgar Allan Poe in Gänze auf.

Wie jeder Mensch, dem etwas ernst ist, verausgabte sie sich, ihre Schminke zeigte Risse. Das Publikum klatschte selten Beifall und war doch in ihrem Bann. Sie wollte nicht überraschen, sie wollte die perfekte Illusion, ihre Miene war kalt, fast verkrampft.

Klingenreiter begriff alles. Warum diese Drehung, warum jene Position. Jeden Aufbau und jedes Finale konnte er sich mechanisch oder visuell oder handwerklich erklären. Er genoss aber nicht die Erklärung, sondern das Unerklärliche – Halima machte keine Fehler, gab sich keine Blöße, so dass jede von seinen Erklärungen letztlich eine Vermutung blieb.

Sie zitierte die großen Magier, deren Illusionen und Legenden Klingenreiter ein Leben lang begleitet hatten. Zu ihnen konnte er sich flüchten, wenn ihm das Büro, das Holz, die Familie zu viel wurden.

Halima zitierte Houdini und ging durch eine Wand, sang dazu zweistimmig in einer fremden Sprache.

Sie zitierte Hofzinser und verwandelte die Bühne in einen Salon, in dem Tee für die Zuschauer serviert wurde und Rabenvögel zwischen ihnen liefen wie livrierte Diener. Die Magierin als Gastgeberin; sie flüsterte ein Wort hier, strich dort über eine Schläfe, jetzt ein Kartenspiel in der Hand, jetzt ein Tuch, dann eine schwarze Taube. Als die Bühne wieder ihr allein gehörte, lagen auf dem Teewagen, auf dem Teppich: Uhren, Schmuck, Geldbeutel, Telefone. Das Publikum johlte.

Vor ihrer letzten, der größten Illusion, einem Befreiungsakt, suchte Halima nach einem Assistenten. Sie sah über Klingenreiter hinweg, deutete hinter ihn, schüttelte den Kopf, und jetzt begegneten sich ihre Blicke, er zeigte auf Felix und fühlte sich doch erkannt, sie hatte ihn ausgesucht aus hunderten.

Schon war er oben, verneigte sich vor der Magierin. Applaus brandete auf, ebbte ab, Halimas Helferinnen umschwirrten ihn wie schwarze Schmetterlinge, eine Klarinette träumte wach.

Schön wäre, dachte der alte Mann, so ein Tod.

Halima erklärte Klingenreiter, was man von ihm erwartete, er hörte nicht zu, er wusste doch, was er zu tun hatte, ihn interessierten ihre Finger, immer in Bewegung, welche Zeichen gab sie wem? Ihm?

Mittig auf der Bühne bleckte eine komplizierte Apparatur die Zähne aus Klingen und Flammen, ein Seil hing darüber. Die Schmetterlinge überreichten Klingenreiter eine Zwangsjacke, er sollte sie auf Funktionstüchtigkeit hin überprüfen, Halima beim Anziehen helfen, die Gurte festzurren, so fest er konnte.

Er griff in den Ärmel und entdeckte sofort die Schnur, mit der sich das Innenfutter lösen ließ, um mehr Platz zu haben.

Auch wusste er: Das brennende Seil, an dem Halima in der Jacke gleich hängen würde, hatte ein Inneres aus Stahl, war also durch Feuer gar nicht zu zerstören, ein Techniker würde es per Fernsteuerung durchtrennen, kurz nachdem Halima sich befreit hätte, sie schwebte in keiner Gefahr.

Was, wenn Klingenreiter sich umsähe und Felix den Trick erklärte? Und Klingenreiter sah sich um, die Zwangsjacke in den Händen, er stand mit dem Gesicht zum Parkett, und Thomas sagte: »Ich müsste mal eine Durchsage für die Jungs von der Frühschicht machen.«

Das mit dem Feigling hatte Klingenreiter sich leider nur vorgestellt gehabt. Und da sah er Felix auf sich zukommen. Er nimmt mir jetzt das Mikro weg, dachte er, er sagt jetzt, dass ich der Feigling bin, weil ich mich nicht wehre, nicht gegen die Unverfrorenheit seines Vaters, nicht gegen dieses Leben, ein Leben lang bestenfalls Clown gewesen.

Ferdinand Klingenreiter hatte mit der Zwangsjacke in den Händen das Sagen. Der Saal war dunkel und wartete auf ihn.

»Die ist echt, das können Sie mir glauben«, ein Schmunzeln, »ich weiß es aus eigener Erfahrung.« Dort und dort lachte jemand. Er übergab die Jacke an die Schmetterlinge, Halima warf ihm eine Kusshand zu, ihre Finger sagten Dank, Klingenreiter trat ab. Am Bühnenaufgang wartete Felix, um ihm hinunterzuhelfen.

»Ich mach’s.« Felix stellte sich neben seinen Großonkel.

Klingenreiter schluckte. »Meine Damen und Herren, noch ein Klingenreiter!« Er zwinkerte in den Gemeindesaal. »Der hier ist aber ein mutiger.«

Die Leute klatschten, Thomas zog sich an seinen Platz zurück, und Felix hauchte einen Mädchennamen ins Mikro, und ein paar Sekunden später quirlten vier Chorsängerinnen hinter dem Vorhang hervor, etwa so alt wie Felix, sie stellten sich auf den Bühnenrand und begannen auf sein Zeichen hin, das eine Stück aus Carmina Burana zu summen.

Freddie, der Fantastische, öffnete seine Kiste und zeigte dem Publikum, dass sie leer war. Er bat seinen Großneffen hinein. Er warf ein schwarzes Tuch über die Kiste und hob die Arme über den Kopf wie ein Dirigent, wie ein großer Illusionist.


 *Copyright © 2016, Luchterhand Literaturverlag, München.

*Bild: Liu Bolin.

›Diese Hilda‹ hatte Fritz in einem Lokal namens ›Paradise Now‹ kennengelernt, eigentlich ein purer Zufall. Er ging sonst nie in solche Lokale, er bewegte sich seit vielen Jahren in einem Zirkel aus drei, vier Kneipen und Kaffeehäusern, einer Handvoll gutbürgerlicher Restaurants, der Betriebskantine und dem Espresso, das an die Squash-Halle angeschlossen war. Eines Nachts, als Karin einen ihrer hysterischen Anfälle hatte, war sie noch bei Sinnen genug gewesen, diese Gaststätten in irgendeiner Reihenfolge durchzurufen. Und so hatte sie ihn gefunden, im ›Blaubichler‹ oder im ›Jakobinerwirt‹, kurz nach Mitternacht. Fritz war berechenbar, er verließ ungern seine gewohnten Bahnen. Deshalb hatte er all die Jahre nur Affären mit Arbeitskolleginnen gehabt oder, seltener, mit den Frauen seiner Squash-Partner, und im Nachhinein tröstete er sich damit, dass eine Frau wie ›diese Hilda‹ gar nicht in sein Leben gepasst hatte.

Dabei sah sie wirklich gut aus, wenngleich dunkel. Auch mit dunkelhaarigen Frauen hatte er wenig Erfahrung, irgendwie war er bisher immer nur an Blondinen geraten. Ob das bereits eine Vorliebe war, hätte er nicht zu sagen gewusst. Karin war blond wie ein Schwedenmädchen, natürlich waren ihre beiden gemeinsamen Kinder blond, kein Wunder, er selbst war auch ein ganz heller Typ. Aber sogar Judith, die Älteste, von Karin mit in die Ehe gebracht, hatte einen Kopf wie ein Kornfeld, deshalb sahen sie alle fünf aus wie eine richtige, glückliche Familie. So viel Blond ist hierzulande rar, da sind zu viele Slawen drübergelegen, witzelte Karin gern und schien sich dabei verwegen zu fühlen. Dass Karins Freundinnen auch alle blond waren, und wenn nicht von Natur aus, dann gefärbt, war Fritz erst nach vielen Jahren aufgefallen, erst, nachdem er ausgezogen war. Und selbst da hatte er dem keine Bedeutung zugemessen.

Jedenfalls hatte es Fritz gleich ein bisschen komisch gefunden, eine Frau anzusprechen, die vor einem grasgrünen Cocktail saß, mit einem Pfirsichfächer am Glasrand. In seinen Kreisen trank man Bier und guten Wein, die Frauen tranken gern Champagner. Aber dieser ganze Abend war irgendwie aus der Reihe gefallen, wegen seines Kollegen Wolfgang, der abends in der Kantine, nach dem Spätdienst, plötzlich sein Leben vor ihn hingekotzt hatte, die kaputte Ehe, das behinderte Kind, und der ihn dann gezwungen hatte, ihn in dieses ›Paradise Now‹ zu begleiten, ganz gegen seine Gewohnheit. Fritz hatte nicht Nein sagen können. Emotionen, also Naturgewalten gegenüber war er wehrlos. Und er war es nicht gewohnt, über Persönliches zu sprechen, auch wenn in der Redaktion schon einige Gerüchte über Wolfgang kursierten. Als Wolfgang das dritte Krügel bestellte, ihn mit geröteten Augen fixierte und erklärte, er denke ständig über Mord und Selbstmord nach, nur könne er sich einfach nicht entscheiden, ob er seine Frau auch umbringen solle oder ob ihr Überleben nicht die schönste Strafe sei, da hatte Fritz unbehaglich gedacht: Die Pavlovic, die intrigante Chefin vom Dienst, wäre in diese Lage gar nicht erst gekommen. Aber er, er galt ja als ehrliche Haut. Ihm kippte man Intima hin, die anderen runtergegangen wären wie Öl, und ihm war es nur peinlich. Fritz begann zu schwitzen, und es hatte quälende Minuten gedauert, bis er begriff, dass Wolfgang gar keinen Ratschlag erwartete. Und deshalb war er dann mitgegangen ins ›Paradise Now‹, aus Erleichterung, aus schlechtem Gewissen und einem sich leise regenden Allmachtsgefühl, das sich als Verantwortungsbewusstsein perfekt zu tarnen verstand.

Natürlich hielt Fritz sich für einen reflektierten Menschen. Karin hatte ihm oft genug vorgeworfen, dass er träge sei, aber wenn er sich treiben ließ, dann, hielt er sich zugute, tat er das immer in vollem Bewusstsein. Dass ihm einiges über sich selbst entging, hätte er vehement bestritten. Wenn er manche Dinge so nahm, wie sie kamen, dann deswegen, weil er im Widerstand keinen Sinn sah. Also betrachtete er seinen Nicht-Widerstand im Endeffekt als bewusste Entscheidung. Davon ließ er sich nicht abbringen. Von solchen Entscheidungen seinerseits, ohne überflüssigen Energieaufwand zustande gekommen, hatte Karin doch selbst am meisten profitiert! Schon ihr Kennenlernen war so überstürzt gewesen, dass andere vielleicht bloß aus Prinzip opponiert hätten. Oder welcher Fünfundzwanzigjährige wäre nach nur einer Liebesnacht mit einer Frau samt Kleinkind zusammengezogen? Karins Pragmatismus hatte ihm auch später noch oft eingeleuchtet. Warum sollte sie jetzt eine Wohnung suchen, die in einem halben Jahr, wenn man sich besser kennen und umso mehr lieben würde, doch nur wieder zu klein wäre? Und eine Wohnung brauchte sie. Zwar hatte der Kindsvater, ein junger Regisseur, ihr die ehemals gemeinsame Unterkunft reumütig überlassen, nachdem er ihr seine Affäre gebeichtet und sich im nächsten Moment aus dem Staub gemacht hatte. Von dem nehm ich nichts, nur ihn aus, das Dreckschwein, hatte jedoch Karin gezischt und die Unterlippe dabei auf eine Art in den Mund gezogen, wie Fritz es später noch oft zu sehen bekommen sollte. Aber damals konnte Fritz, der sich unter einer frisch verlassenen jungen Mutter ein rotgeheultes Wesen vorgestellt hatte, nicht umhin, sie für diese pointierte Lebenswut zu bewundern. Das war endlich eine Frau, die wusste, was sie wollte, kein stirnfransiges Mädchen mit speckigen Taschenbüchern im Bett, wie er sie bisher auf der Uni oder auf Partys aufgegabelt hatte.

Dass sie schwanger war, hatte Karin ihm erst ein paar Wochen später mitgeteilt, nachdem sie den Mietvertrag unterschrieben hatten. Fritz hatte nichts dabei finden können, in der ersten Nacht gleich geschwängert, da war er fast stolz auf sich. Und für die kleine Judith wäre es nur gut. Die hatte an dem Schock des Vaterwechsels ohnehin zu kauen, das sah er ganz genauso. Der Regisseur, Judiths Vater, war übrigens so übel nicht, aber das hatte Fritz für sich behalten. Karin war da emotional verwickelt, das glaubte er zu verstehen. In den Jahren, als Judith und Paula heranwuchsen – sie sahen wie Zwillinge aus –, hatte Fritz manchmal zwischen Karin und dem Regisseur vermittelt. Es ging immer ums Geld, das ist ja klar in solchen Fällen.

Oft genug hatte er fast Verständnis für den Regisseur gehabt. Es mochte ja sein, dass der Regisseur insgesamt zu wenig zahlte, und zwar weil er seine Einkünfte nicht korrekt versteuerte. Karin verbreitete dieses Gerücht, wo sie nur konnte. Aber warum Karin dann ausgerechnet wegen einer Winterjacke aus dem Ausverkauf explodierte und nach Rechtsanwälten, Richtern und dem Jugendamt schrie, das verstand eigentlich nicht einmal Fritz. Zugegeben hätte er das nie. Auch nicht, wie amikal seine Vermittlungsgespräche mit dem Regisseur verliefen. Er hatte sich die Lösung immer schon vorher genau überlegt, meistens, indem er herauszufinden versuchte, was Judith sich gerade wünschte. Das schlug er dem Regisseur dann gleich nach der Begrüßung vor, und danach konnten sie in aller Ruhe Rotwein trinken und sich über die Kulturszene austauschen.

Nach der Winterjackenaffäre war es ein Skitag am Semmering gewesen. Der Wochenendvater lud sogar Paula dazu ein. Das nahm Karin nicht unbedingt den Wind aus den Segeln – bei Dingen des täglichen Gebrauchs spart er an seinem einzigen Kind, nur um sich dann als toller Abenteuerpapi zu inszenieren! –, beendete aber immerhin ihren juristischen Aktionismus: Der Brief an den Rechtsanwalt lag noch ein paar Tage auf ihrem Schreibtisch, bis er verschwand, und zwar nicht im Briefkasten.

Ansonsten war der Regisseur pflegeleicht. Er verbrachte jedes Jahr einen schönen Sommerurlaub und oft auch einen Winterurlaub mit seiner Tochter, er nahm sie verlässlich jedes zweite Wochenende zu sich, er setzte sie nur äußerst sparsam seinen wechselnden Gefährtinnen aus, und besonders, als Judith in die Pubertät kam, schien sie das geheimnisvolle Nebenleben mit ihrem Vater zu genießen. Man hörte, dass Vater und Tochter einander am provençalischen Strand Beckett und Brecht mit verteilten Rollen vorlasen.

Wie gesagt, Streit gab es eigentlich nur ums Geld. Als Karin etwa plötzlich beschloss, dass Judith den Namen ihres Vaters zugunsten von Fritz’ Namen aufgeben solle, war Fritz angenehm überrascht, wie wenig Widerstand der Regisseur leistete. Karin hatte Fritz vorgeschickt. Auftragsgemäß erklärte er, dass Judith es in der Schule leichter haben würde. Man erspare ihr eine Stigmatisierung als Scheidungskind, und sie selbst habe schon oft danach gefragt, warum sie eigentlich anders heiße als der Rest der Familie – hier übertrieb Fritz ein bisschen. Und also geschah es, obwohl der Regisseur ein ganz merkwürdiges, irgendwie flackerndes Gesicht gemacht hatte, wie Fritz später Karin berichtete, die daraus eine etwas ordinäre Befriedigung zu ziehen schien.

Als Fritz sich ›dieser Hilda‹ gegenüber in die Bank zwängte, streifte er mit der Schulter einen künstlichen Palmwedel. Sie lächelte ihn an. Ihre Stimme war viel höher und mädchenhafter, als ihr rassiges Aussehen vermuten ließ. Sie lebte allein und hatte einen erwachsenen Sohn. Sie habe es immer bedauert, nur ein Kind zu haben, aber ihre Ehe sei schwierig genug gewesen und dann auch bald zerbrochen. Sie beneidete Fritz überschwänglich um seine ›zweieinhalb‹ Kinder. Warum sagte er plötzlich ›zweieinhalb‹? Früher hatte er immer ›drei‹ gesagt, aber nach seiner Trennung von Karin beschlich ihn manchmal das Gefühl, dem Regisseur etwas zurückgeben zu müssen. Oder etwas mit ihm gemeinsam zu haben, so genau dachte er darüber nicht nach.

Hilda sagte, sie warte sehnlich auf Enkelkinder, sie gehe ihrem Sohn damit schon so auf die Nerven, dass er ihr diesen Wunsch wohl aus Trotz nie erfüllen werde. Jedenfalls drohe er damit. Dann bin ich selber schuld, sagte sie und lachte.

Das Thema behagte Fritz nicht. Schließlich war seine Jüngste noch keine vier. Karin hatte sie als späten Liebesbeweis haben wollen, als Sühne für eine Affäre, an die sich Fritz kaum mehr erinnerte. Dass Judith sofort nach der Schule ausgezogen war, schien auch eine Rolle gespielt zu haben, nie hätte man das bei diesem schüchternen Mädchen vermutet.

Hilda drängte Fritz, ihr ein Foto von den Kindern zu zeigen. Erst zierte er sich, er fand das ›Paradise Now‹ einen in jeder Hinsicht unpassenden Ort für solche Vertraulichkeiten. Sie sagte natürlich, was alle sagen (›ach, so schön blond‹) und behielt das Bild lange in der Hand, aber danach kam seine Familie eine Weile nicht mehr vor.

Sie hatten dann ein paar wirklich gute Wochen. Fritz’ erste Befürchtungen hatten sich schnell zerstreut – Hilda wohnte im Haus des ›Paradise Now‹ und ging nur hinunter, wenn in ihrer geschmackvoll eingerichteten Wohnung der Wein ausgegangen war.

Vor allem hatte Hilda einen unglaublichen Körper. Nach all den Jahren, den Erfahrungen, den oft viel jüngeren Frauen in der Redaktion hatte Fritz nicht mehr erwartet, von einem Körper noch einmal so begeistert zu sein. Dabei hatte Hilda unzählige Operationen an der Wirbelsäule hinter sich, aber die Narben waren ja nur am Rücken. Die sah er selten, Fritz war ein konventioneller Liebhaber. Doch die durch das Rückenleiden bedingte Gymnastik, das Muskeltraining, die fast besessene Beschäftigung mit allen Funktionen ihres Bewegungsapparats hatten Hilda schlank und geschmeidig gehalten. Und ihre Schamhaare ließ sie von der Kosmetikerin bis auf einen schmalen Streifen auf dem Schambein komplett entfernen. Fritz fand das ehrlich, auch vornehm, nicht so einschüchternd wie die wuchernden Büsche, die zwanzig Jahre zuvor üblich gewesen waren.

Karin war diesbezüglich inkonsequent. Sie experimentierte mit Cremes, von denen sie Ausschläge bekam, mit Rasierern, mit denen sie sich schnitt, oder sie vergaß beides und hatte Stoppeln zwischen den Beinen. Dann war da noch diese besondere, leichte Tönung von Hildas Haut, die Fritz faszinierte, etwas irgendwie Olivfarbenes. Karin dagegen hatte seit einiger Zeit mit dem Solarium etwas übertrieben.

Fritz jedenfalls fand Hilda perfekt. Anatomisch genau hatte er sie auch Anton beschrieben, bei dem er seit der Trennung von Karin lebte – zwei Arbeitskollegen, denen, für alle Welt überraschend, plötzlich die Ehen in die Luft geflogen waren. Anton hatte gelacht und ihn damit geneckt, dass er ihn gar nicht für einen solchen Sexisten gehalten hätte. Doch Fritz tat sich schwer, Hilda darüber hinaus zu charakterisieren. Unglaublich lieb sei sie, hatte er schließlich gesagt, nachgiebig, fürsorglich, natürlich keine so starke Frau wie Karin, so stark sei ja kaum eine. Dass Hilda ihm tagsüber E-Mails mit albern blinkenden Smileys und Herzchen schickte, verschwieg er. Aber nachdem Anton mit den beiden einmal ein Glas Wein getrunken hatte, schien er ohnehin zu verstehen. Wie geht es deinem Kätzchen, fragte er nun manchmal und mimte den Neidischen. Fritz stak dieser Ausdruck wie ein Widerhaken im Gedächtnis. Er glaubte nicht, dass Anton ihn verhöhnte, trotzdem war ihm ein bisschen unbehaglich.

Unter der Trennung von Fritz und Karin litt am meisten Paula. Während das kleine Lottchen zum Glück noch kaum etwas begriff und Judith nicht nur von ihrem Studium, sondern vor allem von ihrer ersten großen Liebe abgelenkt war, schien sie völlig den Halt zu verlieren. Sie war schon seit Judiths Auszug schwierig gewesen und hatte in einem beängstigenden Ausmaß abgenommen.

Ein paar Wochen, nachdem Karin ihn unter Flüchen und Drohungen hinausgeschmissen und angekündigt hatte, seinen Umgang mit den Kindern ›in deren Interesse‹ fürs erste so gering wie möglich zu halten, war Fritz mitten in der Nacht aufgewacht, weil Anton, der im Pyjama unerwartet zerknittert aussah, vor ihm stand und ihm das Telefon hinhielt. Sie werde seiner Tochter nicht mehr Herr, hatte Karin geheult, und es liege nicht an ihr, wirklich nicht, sie lasse sich nicht alles anhängen. In einem zweistündigen Gespräch, in dem sie tobsüchtig mehrmals aufgelegt, danach aber gleich wieder angerufen hatte, waren sie schließlich übereingekommen, dass Fritz zu festgelegten Zeiten mit Paula lernen würde. Jedes Mal, wenn er in den folgenden Wochen die alte Wohnung betrat, traf er nur das Mädchen an. Karin legte Wert darauf, ihm nicht zu begegnen, und Paula bemerkte einmal abfällig, sie habe doch längst einen Neuen.

Fritz kam mit Paula viel besser zurecht als erwartet. Bei ihm war sie brav wie ein Lämmchen, und sie bemühte sich mit dem Lernen. Nur beim Abschied hing sie jedes Mal an seinem Hals wie eine kleine Geliebte, schob ihm ihre Hände wie gierige Tiere in den Hemdkragen und flehte unter Tränen, mit ihm kommen zu dürfen. Und jedes Mal vertröstete er sie mit schlechtem Gewissen auf die Zeit, wo er eine eigene Wohnung haben würde. In seine unordentliche Männer-WG konnte er das Kind wirklich nicht mitnehmen, außerdem traute er Anton nicht, der seit seiner Trennung mit Mädchen ausging, die immer jünger wurden. Aber seine eigene Wohnungssuche betrieb er bestenfalls halbherzig. Denn dieses unverbindliche Junggesellenleben war schon eine süße, ungewohnte Freiheit, das wenigstens gestand er sich ein.

Gelegentlich, wenn er sich nach der Arbeit mit Hilda traf, hatte sie große Papiertüten mit dem Schriftzug eines teuren Spielwarengeschäftes dabei. Sie schien dauernd Kinder kennenzulernen, und sie beschenkte die Kinder ihrer Arbeitskollegen zu allen Geburtstagen. Sie verwandte auf diese Geschenke viel Zeit und Liebe. Sooft ein neues zur Welt kam, geriet sie ganz aus dem Häuschen. Um als Gratulantin jederzeit gerüstet zu sein, bewahrte sie in einer ihrer Schreibtischschubladen im Büro ein kleines Sortiment Babyschuhe, Schmusetücher und speichelechte Stofftierchen auf. Doch davon wusste Fritz nichts, darüber spotteten bloß die Kolleginnen. Das einzige Mal, als Fritz Hilda abholte, war ihm die riesige Pinnwand hinter dem Schreibtisch, übervoll mit Kinderfotos, zwar aufgefallen, aber er dachte nicht weiter darüber nach, denn er hatte es eilig, wieder hinauszukommen.

Fritz wich allen Gelegenheiten aus, die seine Beziehung hätten publik machen können. Für die gemeinsamen Abendessen schlug er im Restaurantführer Lokale nach, die abseits seines üblichen Parcours lagen. Er sei einfach noch nicht so weit, hatte er Anton, seinem einzigen Mitwisser, zu erklären versucht, obwohl er sich mit Hilda so wohl wie schon lange nicht fühle. Vielleicht sei er von den achtzehn Jahren mit Karin ja doch irgendwie geschädigt, scherzte er, der sonst für das allgegenwärtige Wohlstandsgerede von Traumatisierung und innerer Bearbeitung nur Spott übrig hatte. Er wolle einfach nichts überstürzen, behauptete er, und außerdem gehe es ihm gegen den Strich, wie Judith und Paula Karins Herrenbekanntschaften kommentierten. Doch als Anton eine seiner gedankenlosen Bemerkungen machte (›Angst vor den Töchtern‹), wurde Fritz richtig wütend, was ihn selbst am meisten überraschte. Es gehe nicht um Angst, zischte er, sondern um Respekt, den Kindern gegenüber und Hilda auch, Respekt, verstehst du, weißt du überhaupt, was das heißt?

Eines Tages brachte Hilda einen grünen Plüschfrosch. Den habe sie unbekannterweise für das kleine Lottchen gekauft, ja, kaufen müssen, flüsterte sie und zwängte ihm das Spielzeug in die Hand. Fritz betrachtete den Frosch, dessen Vorderbeinchen ängstlich zitterten, und als er aufsah, erschienen ihm die bittenden Augen Hildas und des Frosches auf perverse Weise verwandt. Fritz reagierte ungehalten, unbeherrscht, so, wie er es Karin gegenüber oft hatte tun wollen und niemals tat.

Wie sie sich das vorstelle, hatte er höhnisch gefragt und Hilda das flauschige Ding in den Schoß geworfen, ob er die Dreijährige ›unbekannterweise‹ von ihr grüßen solle? Oder das Geschenk als sein eigenes ausgeben? Und was sie eigentlich bezwecke? Wolle sie ihn zu etwas drängen? Da könne er ihr gleich sagen, dass … Nein, nein, hatte Hilda gewimmert und den Frosch in ihren Armen gewiegt, es tue ihr leid, sie habe wohl nicht nachgedacht, nur dieses Fröschlein so unglaublich süß gefunden, und da habe sie … ganz unschuldig, manchmal bin ich halt ein bisschen dumm, verzeih mir bitte, kannst du das? Fritz hatte den Rest des Abends im grimmigen Hochgefühl eines Mannes verbracht, der widerstrebend Verzeihung gewährt, wofür ihm mit immer neuen Wellen ausufernder, untertäniger Zärtlichkeit gedankt wird. Dieses gefährliche Spiel setzte sich bis in die Nacht fort, in der Hilda sich ihm in einem Ausmaß unterwarf, dass Fritz noch am nächsten Tag, mitten in der Redaktionskonferenz, von der Erinnerung eine Erektion bekam, sich dafür dann aber ziemlich schämte.

Als nächstes wurde Judith von ihrem blassen Tierarzt-Aspiranten betrogen, und Karin, Fritz und der Regisseur wechselten sich an ihrem Krankenbett ab. Die beiden Väter wurden beauftragt, Judiths Habseligkeiten aus der Wohnung am Gürtel abzuholen. Zum Glück trafen sie den Blassen dort nicht an, denn Fritz hätte beim besten Willen nicht gewusst, wie er sich verhalten sollte. Das Rachebedürfnis der Frauen zu Hause war grenzenlos, aber weder Fritz noch der Regisseur waren zur Exekution solch unausgesprochener Wünsche geeignet. In diesen Wochen entspannte sich das Verhältnis zwischen Fritz und Karin deutlich. Die Konzentration auf ihr seelisch verwundetes Kind und, wie er später erfuhr, auf die sich vielversprechend entwickelnde neue Liebe machten Karin geradezu leutselig. Deshalb sah er auch keinen Grund, ihr nicht entgegenzukommen, und zog bereitwillig für drei Wochen zu den Kindern, als Karin mit dem Neuen in die Karibik fuhr.

Fast war alles wie früher, und er konnte sich einer gewissen Sentimentalität nicht erwehren: Er stand morgens auf, machte Frühstück, brachte die Kleine in den Kindergarten und trank nachher am Küchentisch einen Kaffee, bevor er in die Redaktion aufbrach. Leider bedeutete das eine Zwangspause mit Hilda. Denn abends Termine zu erfinden, ging ihm gegen den Strich, das hatte er Karin gegenüber zu oft getan. So etwas machte man nur mit der Ehefrau, vor den Kindern erschien ihm das irgendwie unmoralisch. Es kam sogar so weit, dass er wieder masturbierte, und wie früher achtete er darauf, nur die weißen Handtücher zu nehmen. Er tröstete sich damit, dass die Enthaltsamkeit begrenzt sei. Hilda und er tauschten tagsüber dreckige E-Mails aus, das bereitete ihm erhebliches Vergnügen. Doch als auf einmal keine dreckige, sondern eine sehnsüchtige, viel zu pathetische E-Mail mit vielen blinkenden Herzchen kam, die mit der Frage endete, ob nicht die beiden Mädchen einmal abends auf die Kleine aufpassen könnten, meldete Fritz sich ein paar Tage überhaupt nicht mehr bei ihr.

Daheim begannen sich seine Töchter auf unklare Weise zu regen. Jedes Mal, wenn er sich zu ihnen setzte, fingen sie mit den Schwierigkeiten an, die sie mit ihrer Mutter zu haben behaupteten, klagten und jammerten, zählten selbstmitleidig Karins Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten auf, doch Fritz war unaufmerksam, reagierte kaum und wollte die versteckten Botschaften nicht hören. Eines immerhin schien ihm klar: Dies war kein guter Zeitpunkt, um Hilda bei ihnen einzuführen.

Schließlich brach Hilda alle Abmachungen und rief eines Abends an. Paula, die ans Telefon gegangen war, erstarrte erst und schnitt dann Grimassen zu Judith, die seit ihrem schweren Schlag meistens zu Hause war. Fritz war so wütend wie erregt, als er Hildas kindliche Stimme hörte. Er wechselte nur ein paar Worte und legte dann auf. Paula und Judith zischte er zu, dass er ausgehe und wahrscheinlich über Nacht bleibe. Judith werde hoffentlich imstande sein, Lottchen am nächsten Tag in den Kindergarten zu bringen. Dann ging er geräuschvoll, begleitet vom Schweigen seiner Töchter.

Als Hilda die Tür öffnete, packte er sie und drängte sie ins Schlafzimmer. Nachher stellte er fest, dass er sogar die Wohnungstür offen gelassen hatte. Er fiel wie ein Verrückter über sie her, ihm war, als könnte er sich auf diese Weise blindlings von ihr, von Karin, von seinen verzogenen Gören, von seinem ganzen beschissenen Leben abspalten. Noch nie war er sich so fremd gewesen. Als er, nach einem gewaltigen Orgasmus, bei dem er brüllte wie ein Tier – Fritz hatte männliche Geräusche beim Sex immer verabscheut –, widerstrebend aus seinem Rausch erwachte, bemerkte er, dass sie einen riesigen braunen Teddybär unter sich begraben hatten. Hildas seligen Blick konnte er kaum ertragen. Und doch fühlte er sich geläutert. Plötzlich lag er wie ein Kind in ihren Armen und machte unsinnige Versprechungen. Danach gingen sie händchenhaltend ins ›Paradise Now‹, saßen unter der künstlichen Palme und knutschten wie Gymnasiasten.

Später konnte er nicht mehr sagen, ob es an Paula lag, die sich zu gebärden begann wie eine Irre und ihn schließlich mit totaler Nahrungsverweigerung erpresste, an Karin, die nach ihrer Rückkehr aus der Karibik genauso unberechenbar, aggressiv und bedrohlich war wie in den schlimmsten Ehezeiten, an Hilda, die ihn mit ihrem grenzenlosen Verständnis fast erstickte, oder an ihm selbst, der die Sache mit Hilda vielleicht überschätzt hatte. Vielleicht war es doch nur eine der üblichen Affären gewesen, die ihren Reiz verlieren, sobald sie verbindlich werden.

In den Jahren, die folgten, machten seine großen Töchter im Streit gelegentlich noch Bemerkungen über ›diese Hilda‹, als hätten sie etwas gegen ihn in der Hand. Im Grunde hatten sie nur vorzubringen gehabt, dass sie ›so scheußlich schwarzhaarig‹ war, denn sie kannten sie ja kaum. Als die Angelegenheit frisch war, hatten sie noch ganz andere Sachen über Hilda gesagt, aber das hatte Fritz sich mit ihrer emotionalen Überreizung erklärt und so schnell wie möglich vergessen.

Als Fritz seinen fünfzigsten  Geburtstag  feierte,  im ›Blaubichler‹ oder im ›Jakobinerwirt‹, lud er sogar Anton dazu ein. Der war ihm über die Jahre irgendwie abhanden gekommen, Fritz hätte gar nicht mehr genau sagen können, warum. Klar, dass auch Karin kam, mit ihrem dritten Ehemann, einem Funktionär der Industriellenkammer. Seit den furchtbaren Wochen damals, als Paula zwei Tage lang auf der Intensivstation lag und Karins Karibikbräune dort im Neonlicht noch fremder aussah als ihr verkabeltes Kind, lief es mit ihr eigentlich wieder ganz gut. Fritz konnte mit dem Funktionär allerdings viel weniger anfangen als mit dem Regisseur. Er fand es fast unfair, den Funktionär als Gast bei seinem Geburtstagsfest zu haben, während der Regisseur fehlte. Karin jedenfalls hatte ihm unlängst sogar Handwerker besorgt, für die Renovierung der Wohnung, die wirklich überfällig war. Die Küche war tatsächlich seit Paulas Geburt nicht gestrichen worden! Für solche praktischen Aufgaben hatte Karin immer schon ein Händchen gehabt. Auch bei der Auswahl der Fliesen hatte sie ihn beraten, Fritz konnte nichts dabei finden, sie hatte schließlich selber lange genug da gewohnt.

Als er damals, nach der Sache mit Hilda, bei Anton zusammengepackt hatte und endgültig zurück zu den Kindern gezogen war, hatte er kurz überlegt, was mit den Kartons geschehen sollte, die er bei seinem Auszug in Karins Keller deponiert hatte, vorübergehend, wie er damals glaubte. Er beschloss, sie im Keller, der ja nun seiner war, zu lassen. Was ihm in all den Monaten bei Anton nicht abgegangen war, konnte nicht so wichtig sein. Irgendwann, in ein paar Jahren, könnte man die Sachen noch einmal durchschauen. Vielleicht wäre es dann ganz lustig, auf längst Vergessenes zu stoßen. Aber wahrscheinlich würde man sie nie mehr öffnen, diese alten Kisten. Wenn er an die schlimme Zeit damals schon unbedingt denken musste, dachte er noch am liebsten an die Szene mit Lottchen. Als er mit dem ersten Umzugskarton keuchend im vierten Stock angekommen war, hatte seine Jüngste ihm die Tür weit geöffnet, theatralisch den Schnuller aus dem Mund genommen und gekräht: ›Und jetzt bleibt Papa für immer.‹


*This story is taken from: „Lässliche Todsünden“ by Eva Menasse © 2009, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Cologne/Germany.

Mutter verschwand am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten. Am einundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen acht uhr und dreißig minutenrief Vater an und teilte es mir mit: »Mutter ist gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten diese nacht gestorben.« Ich ging ins bett zurück und setzte die am abend zuvor unterbrochene lektüre des entencomics fort. Mit dem verschwinden Mutters ist seit langem gerechnet worden. Mitte April des jahres neunzehnhundertsiebenundneunzig rief Vater an und sagte, es könnten jetzt jederzeit die organe aussetzen. Am neunzehnten August neunzehnhundertachtundneunzig ist Mutter dann ein letztes mal ins wachkoma gefallen, nachdem sie tage zuvor bereits nichts mehr gegessen hatte und nicht mehr das heißt endgültig nicht mehr umhergelaufen war. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Meine fensterlose Mutter! Nachdem sie wochen und tage meinen Vater beschimpft hatte, er komme nie pünktlich nach hause und die kinder seien nicht artig am tisch, sagte sie plötzlich nur dann und wann noch, »ach, da bist du ja« oder einfach nur »Vater«, oder »Vater« auch fragend, wenn Vater ins krankenhauszimmer trat und mit dem eintritt ins zimmer sie besuchte. Sie war jetzt abgemagert und bettversunken. Sie hatte jetzt flecken überall. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies.

Am achtundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr morgens wurde Mutter beerdigt. Ich warf eine gelbe rose in den schacht. Die rose lag vorbereitet in so etwas wie einer schachtel. Man greift in die schachtel hinein und nimmt eine rose heraus. Dann wirft man die rose in den vorbereiteten schacht hinein. Es ist aber nicht so, dass man an ein hineingestoßenes leben denkt, man wirft die rose in den schacht und weint. Ich behalte Mutter mit freundlichen augen zurück. Sie sitzt aufrecht im bett mit einer weißen strickjacke gegen das frieren an. Sie fragt mich, ob es mir gut gehe, und ich bejahe dies. Sie sagt, sie komme wohl nicht mehr heim. Sie ist jetzt insgesamt überraschend klar. Sie ist von einer überraschenden klarheit. Sie ist plötzlich eine alte frau geworden, die sie niemals war. Sie altert jetzt täglich. Sie erinnert sich, dass ich längst nicht mehr zu hause wohne. Auch sie wohne nicht mehr zu hause, sagt sie, sie wisse aber nicht genau, wo sie jetzt eigentlich wohne, und ob sie überhaupt eine wohnung habe noch. Sie wohne halt hier und da.

Als Mutter verschwand, und Vater anrief, Mutter sei diese nacht gestorben, ging ich ins bett zurück und zur lektüre zurück und den mäusen den enten dem geizigen Dagobert. Onkel Dagobert ist gerade wieder einmal dabei, seinen reichtum ins unermessliche zu steigern. Die von ihm dafür aufgebrachte logistik ist die erbärmlichste. Zu dieser logistik gehören auch die neffen. Die es immer wieder im entscheidenden moment rausreißen. Immer hat es Donald jetzt endgültig satt, wenn Dagobert ihn unentgeltlich schuften lässt. So ist das. Ist Donald das leben und Dagobert der tod?

Jetzt kannst du nicht mehr anrufen und nach Mutter fragen, stellte ich fest. Und du bist nie mit Mutter ins kino gegangen und nie mit Mutter ins theater gegangen, stellte ich fest. Überhaupt bist du mit ihr immer nirgendwo hingegangen. Es gibt so viele letzte blicke, dass ich gar nicht mehr weiß, wann genau ich sie zuletzt gesehen habe. Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Ich winke noch einmal zurück, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff gleitet langsam ins sichere schloss. Auf dieser station liegt der gebrochene fuß neben dem tod. Hinaus geht alles den flur entlang. Mutter hat schwierigkeiten mit der zunge, ihre stimme aber ist unmitgenommen. Sie schluckt schlecht und muss künstlichen speichel trinken.

Das erste mal nach ihrer erstmals freiwilligen und zugleich letzten einlieferung besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Sie ist in einem so erbärmlichen zustand, dass ich außerstande bin, anderes zu tun als stundenlang nur wortlos neben ihr zu sitzen. Selbst anschauen ist unmöglich. Auch die hand verstohlen auf die blaue wolldecke legen ist unmöglich. Barbara ist tränendurchschossen direkt aus dem zimmer wieder hinaus, kaum dass sie Mutter so daliegen und so erbärmlich sein und so fast verschwunden eingefallen vertrocknet und knochenschädelig so hat daliegen sehen, sofort wieder aus dem zimmer raus. Was hätte ich Mutter sagen sollen? Dauernd zeigt sie mit dem fliehenden finger auf merkwürdige gestalten da an der wand oder hier auf dem tisch. Sie richtet dabei ihren kopf so gut es geht ein wenig auf und schaut angestrengt mit kleinen augen mitten hinein in ihr geisterreich. Hatte es sinn, ihr zu sagen, da sei nichts als eine blume, ein seifenspender ein fleischfarbenes getier aus holz, das immer bei ihr war? Sie mochte es nicht glauben. Sie nämlich sieht fliegende vögel und gesichter. Als Barbara wieder ins zimmer tritt, hat Mutter gerade etwas tee aus der schnabeltasse getrunken und erbrechen müssen. Barbara wischt das braune zeug, den gallentee, von ihrem mund und ihrem weißen jäckchen. Das sei ja ungehörig, schämt Mutter sich. Sie könne das nicht leiden, sie sei ihr ganzes leben ja immer so etepetete gewesen. Das weiße jäckchen sei jetzt wohl unbrauchbar, überhaupt könne sie das ganze hier nicht mehr leiden, und abends würden über ihr ausgelassene parties gefeiert mit sexueller belästigung und so. Still bewundert sie meinen silbernen ring, den sie gern für sich behalten würde. Ihr finger sei aber sicher zu dünn dafür. Zwischen den sätzen bekommt sie so momentane abwesenheiten, gesichtsstarre, durchblick. Pfingsten war Mutter so erbärmlich, dass mein ganzer körper wie ausgegossen neben ihr saß mit so etwas wie gefühlstaubheit. Mutter schien keine angst zu haben.

Ich werde wohl langsam alt, sagte sie plötzlich vor jahren. Oder sie sagte, ich werde alt, bis sie eines tages sagte, wir sind alt geworden. Sie sitzt zu hause auf dem sofa. Irgend etwas fällt ihr nicht ein. Sie erinnert sich genau, dass ihr ein name nicht einfällt. Doch, sagt sie, ich spüre genau, dass ich alt geworden bin. Es fällt ihr nicht ein. Pfingsten berichtete Mutter von nächtlichen begegnungen mit ihrem vater, von nächtlichen erkundungen und bedenken, ob das hier alles mit rechten dingen zugehe, erblickte dann und wann eine sonderbare gestalt im zimmer, an der decke oder dicht neben ihr am bett, wollte dann und wann ihre sündhaft teure wie sie sagte lieblingscreme gereicht bekommen, um sich die immer trockener werdenden hände einzureiben, die sie ja im gegensatz zu ihren beinen noch passabel bewegen könne, immerhin. Und was ihr keine ruhe ließ, war der verlust ihres silbernen und sündhaft teuren wie sie sagte diamantringes, der ihr spurlos abhanden gekommen sei. Das könne nur an ihren fingern liegen, die sind ja alle so dünn geworden, da falle ja alles ab, was jahrelang nicht draufgepasst habe, schließlich fällt es ab. Jetzt endlich lege ich drucklos meine hand auf die decke, darunter ihre vollkommen abgemagerten beine stecken. Beine erahnen. Sie ist so mager, dass die sehnen des halses wie trockene äste aus ihrem körper wachsen so mager. Ihr kehlkopf ragt hervor, als wolle er für sich sein. Die arme drohen plötzlich wegzuknicken, ihr ganzer körper ist eine regierungslose marionette, deren fäden jemand verworren hat. Sie zeigt mir ihre zeitschriften, die sie immer noch mitgebracht bekommen wolle, die sie aber nicht mehr lesen könne, nur bilder schauen. Das sei jetzt die kommende mode, und ob mir das gefalle. Ihr nicht, sagt sie. Ihre füße jucken, dagegen könne sie aber nichts machen, sie könne nämlich die beine nicht mehr heben und habe das auch schon lange nicht mehr versucht. Nach einigen minuten nur dasitzen daliegen wegdenken überkommt sie die vermutung, scheißen und kotzen gleichzeitig zu müssen, was sie so nicht sagt. Mir ist auf einmal undefinierbar schlecht, schießt es aus ihr raus. Die schwester wird geholt, wir staksen den flur auf und ab, bis es Mutter wieder besser geht. Ihr mattes haar liegt jetzt noch abgebrochener neben dem kopf, fällt mir auf. Macht euch keine sorgen, hatte Mutter gesagt, als ich sie nach ihrer ersten operation wiedersah. Jetzt sagt sie nichts dergleichen. Es ist ihr alles peinlich. Ohne fremde hilfe kann sie nicht aufs klo. Jedes mal werde sie auf einen stuhl gehockt. Früher sei das ja ganz anders gewesen. Sie wisse, dass sie völlig unwillig sei. Das hätte sie sich aber ihr leben nicht gedacht, dass es mal so kommen werde. Sie wünscht uns alles gute. Ob wir die balkontür ein wenig öffnen könnten, die luft sei unerträglich schlecht. Ob wir das nachempfinden könnten. Für kurze zeit fällt sie in schlaf oder dämmerung. Sie hat ihre große brille auf, durch die man unter ihrem linken auge einen fleck sehen kann. Deutlich zu sehen ist ein dunkelroter fleck. Ich habe sie nie gefragt, warum der fleck da unter ihrem auge ist. Fragt man sie geradeaus, wie es gehe, sagt sie stets, es gehe ihr gut. Sie sagt allen, es gehe ihr gut. Es geht mir gut, sagt sie allen, die sie fragen. Ich habe sie nie gefragt, ob sie bald zu sterben denke.

Als die krankheit in der leber war, gab’s wohl keine hoffnung mehr. Zu niemandem hat sie gesagt, dass es das dann wohl gewesen sein werde. Keine mitteilung über den tod. Kein wort. Manchmal brach sie in tränen aus und tat dann so als habe sie sich verschluckt oder einen trockenen mund oder etwas merkwürdiges in der kehle. Vater sagt, sie habe nie über den tod gesprochen. Sie freute sich, wenn man sie besuchen kam. Sie klagte nicht, wenn man gehen musste. Nur über Vater hat sie geklagt, ununterbrochen hat sie ihm und allen vorgehalten, er sei nicht für sie da, er komme und gehe wann und wohin er wolle, er lasse sie hier im stich, er sei immer unpünktlich, das habe es früher nicht gegeben, er halte die abmachungen nicht ein, er bleibe die meiste zeit einfach weg. Vater ertrug diese beschimpfungen stets mit ausgeharrter sanftmut. Sein aufgeräumt kariertes jackett, und sie in ihrer nachthemdhülle. Karriere karies. Gangart des pferdes, schneller galopp. Zerstörung der knochenteile. In voller karriere daherkommen. Morschheit fäulnis. So wie er früher aufs amt gegangen ist, zur arbeit gegangen ist, so wie sie spürbar verschwindet. Ein drittes ist ausgeschlossen. Früher hatte sie öffentlich geweint. Öffentlich war zu hause. Ich schätze das so ein, dass es ein weinen aus verbitterung war. Auch hatte sie da selten grippe oder ›herzgeschichten‹, wie dieses ammenmärchen hieß, lag sie tagsüber und nächtelang über tage im bett bei zugezogenen oder aufgerissenen vorhängen und war unansprechlich auf gnädige art und weise aber so etwas wie empfänglich mal guten tag sagen von Vater vorgeschickt und lag da im nachthemd im bett tagelang mit diesem unwort, das es damals nicht gab, mit depressionen. Mutter, bettliegend, damals schon in zeitschriften geblättert, geheim wie geheimnisvoll. War aber nichts drin außer verweigerung. Modeabschöpfung. Und ging hinaus. Und kam anderswo wieder herein. Nämlich ins krankenzimmer. In die verwesungskammer. Auf den friedhof. In die zerstreuung entfernung. Wurde aus unserer mitte entfernt. Wo das liegen könnte. Notate. Ködersprache. Von Mutter als etwas unediertem zu sprechen. Fragment, randglosse. Bahnung, riss und zug. Form und bruch, schneise und strich.

Eine  krankheit  ist  ja  immer  auch  eine  krankheit  des bewusstseins. Das, auf was alles zusteuert. Zusammenfassung des lebens als mitteilung da ist krebs im darm. Dass da bereits eine fortschreitung ist, wird Mutter aber ganz und gar nicht direkt bekannt gemacht. Bis zu ihrem tod hat sie nur einen inneren bescheid, was sie so fürchterlich ahnte, als sie wochenlang nicht mehr scheißen konnte. Hatte unsägliche schmerzen, die sie genau lokalisierte, nämlich darmwärts. Eines tages geht sie zum arzt und sagt, da ist was. Das spüre sie seit monaten. Der arzt fertigt bilder an. Er tritt vor meine Mutter hin und sagt, da ist was. Kann es so etwas geben wie ein bewusstsein dafür, dass da etwas ist, fragt meine Mutter den arzt. Es ist absolut nicht unmöglich, dass Sie vorher wussten, was ich Ihnen jetzt bejahe. Und ob es schlimm sei. Dass es wirklich schlimm sei. Danach immer zusammenfassung zusammenfassung zusammenfassung. Ein vor augen stellen. Eine tägliche portion abschied.

Am abend des zehnten Januar neunzehnhundertvierundneunzig bin ich zum essen eingeladen. Ente acht kostbarkeiten. Auf den kerzenlichtbestrahlten tisch hat die gastgeberin sich selber aufgedeckt. Sofort will ich ihr mit der zunge zwischen die schenkel langen. Telefon. Hier ist Vater. Mutter ist schwer erkrankt. Sendeschluss. Das war neunzehnhundertvierundneunzig. Da war das essen zu ende. Schwer erkrankt klingt ja auch heute noch nach lebensende. Um nicht zu sagen liegt bereits im sterben. Acht kalte kostbarkeiten. Kein essen mehr. Seit neunzehnhundertvierundneunzig habe ich nicht mehr gegessen. »Ja mehr denn gantz verheeret!« Das sympathetische wissen selbst ist ein krebsgeschwür und hat aller schweiß und fleiß und vorrat aufgezehret. Was ist das was einer denkt? Wohin gehn all diese gedanken, nachdem das betriebssystem erloschen ist? Kreist das dauernd in sich selbst? Sind unsere gedanken wirklich, sind unsere gedanken wirklich fensterlos? Weiß halm nun eine lösung, der jetzt bereits mahl nun ist und lahm nun? Fragen, die Mutter nicht berühren. Mutter nicht berühren! Die Mutter, das fremde denken. Nie reichst du heran! Möglicherweise ist es ja so, dass alles denken gleich – und gleich verloschen ist.

Es hat schöne gespräche gegeben in unserem leben. Aber wovon handelten die schon. Es sind wichtige dinge, vom wetter und vom essen zu reden. Mutter sprach gern vom wetter und vom essen. Setzt euch hin und redet nicht so viel über dinge die man nicht essen kann. Hätte von ihr sein können. Wetter war aber etwas, das in ihr drin war, das konnte sie spüren, das machte sie fertig oder froh. Mutter war nicht von dieser gesellschaft. Ich glaube, sie war aus dem krieg, und sie hat alles mit dem von aus dem krieg verglichen. Und da war wohl wenig deckungsgleich. Sie hat ihre kinder nicht auf der höhe der gesellschaft erzogen, ich meine, diese gesellschaft war ihr beim erziehen immer im weg, ich meine, diese gesellschaft war ihr immer im weg, will heißen, da gab es so voreingenommenheiten, so gegenseitig tote winkel, unlebbare versprochenheiten, sie ist ihren beschwerlichen fahrradweg zur schule gefahren, sie hat pharmazeutische dinge gelernt, danach, und dann kamen so umbrechungen, eine plötzlich so jäh hereinbrechende gegenwart, eine hinübergereichte indieweltstellung, sie ist eigentlich immer mit ihrem fahrradweg zur schule gefahren. Ich würde gerne mal wissen, ob sie einen gedankenhaushalt hatte, wie sie einen haushalthaushalt hatte, in dem alles protokolliert und aufgeschrieben war, aber sie hat wohl nichts weiter aufgeschrieben als den haushalt, die gläser obst, die rezepte, die wenigen briefe mit ihrer schönen blauen schrift, mit ihrer heimat. Ihre haushaltsehe, die schönste denkbare schrift. Grazil geführter fluss. Sie hat schließlich nicht mehr selber telefonieren können, wohl aber gesprochen, wenn jemand in der leitung war. Ihre stimme ihre schrift. Sie hat schließlich das alphabet der zahlen nicht mehr verstanden, ihr ist alles abhanden gekommen, was eine verbindung herstellt nach draußen, wo sie fließend in den köpfen ist.

In ihrem nun verlassenen zimmer öffne ich den schrank sperrangelweit und fische einen letzten zettel mit ihrer verzitterten verknitterten schrift. Da ist sie wieder diese handsame warme führung dieses endlich verlernte alphabet mit spuren nach kindsein im vertrauten gehege als da ein lesen noch auflesen war. Jemand sagte ihr einen namen eine straße ein noch zu erledigendes etwas oder ihr fiel etwas ein und sie schrieb es auf. Eine boje ein standort eine flüchtig ergriffene gelegenheit. Was bleibt ist eine schrift. Sie versucht, den zettel zu entziffern. Sie kann keine landschaft mehr lesen. Was sie immer und immer wiederholt, soll und kann nicht anders als nicht mehr als genug sein. Eine socke, fällt ihr wochen vor ihrem tod ein, hat sie seit jahren vergessen zu stopfen. Sie will jetzt da sie in ihrem sessel sitzt bequem oder verhältnismäßig bequem diese vergessene socke stopfen. Auch die fließende nadel ist ungehörig. Das führt zu nichts. Da sie merkt, dies führt zu nichts als zeit und nichts als verjubelter zeit, sitzt sie plötzlich nur noch da und käme einer mit dem lichtbart dieser unpünktlich zeitlosen patriarchen, sie schämte sich gleich für ihn mit. Hast du denn nichts besseres zu tun? Aderlass. Jetzt wo sie tot ist, ist sie fremd. Wie kommt das, wenn einer tot ist, dass er fremd ist. Jetzt, wo einer tot ist, ist er fremd. Wo denn das wo ist. Ist ihr leben eine erinnerung, die fremd ist, fragt sich jetzt das überbleibsel. Alles sprießt. Es ist eine große verwunderung in der welt, dass jetzt dennoch alles sprießt, wo sie tot ist. Die vom krieg gelockerte Mutter, die unterwegs verloren ging. Wo ein gedanke hingeht wenn er gedacht ist. Ob da nicht ein direktes museum ist, wenn einer seine schränke und türen, seine treppen und verliese zurücklässt, seine verschlusssache. Sie öffnet die lade ihres sekretärs und nichts als schlüssel und fotopapier. Sie hat da immer so hineingekramt. Fundgrube und verschlossene schatztruhe zugleich. Da ist ein zeitmoment ein kindergesicht. Da gibt es schon längst kein schloss mehr für. Wer in aller welt soll das denn noch zusammendenken/-leben? Ein zettel voller namen ein unbeschriebenes namenpaket. Rezepte fotos rezepte. Und das foto mit opa im arztkittel und kleine unverbrauchte dinge die niemand mehr braucht. Aufgesparte gummiringe nie benutzte griffel. Eine welt eine unfertigungshalle. Ein pass. Ein wort. Ein nicht mehr zurückkommen. Ein hinunterfallen. Fotos von Vater in allen jahren. Ordnungssysteme registraturen. Denn was du nie verlierst das musst du stets beweinen. Das hätte von ihr sein können. Sie hat nichts verloren. Sie hat alles abgelegt. Sie hat nicht mal sagen können, meine ordnung sieht immer so unordentlich aus. Ihre ordnung sah aus wie alle ordnung. Ein aufzählen bloß. Ein dahinlegen. Schlüsselsysteme. Schlösser unauffindlich. Metallstangen, mit denen der dachstuhl des sekretärs zu öffnen ist. Mutter machte das mal vor und beeindruckte mich. Fingerfertigkeiten, das mittelgeschoss zu öffnen. Offenbarung, offenbar. Seit jahren gelingt mir das nicht. Seit jahren vermute ich hinter den dingen und in den dingen truhen schachteln kammern einen schatz eine vertrautheit eine fotografische vollnarkose, die mich ins land meiner Mutter entführt, die mich für einen weggeatmeten augenblick mal tapfer in ihrer landschaft stehen lässt Düsseldorf Bitburg Nonnenwerth und Neuerburg da ist sie mal gewesen mit uns, da hat sie mal hingezeigt aus dem vorbeifahrenden auto raus in dem wir saßen dass sie da mal gewesen ist ganz selbst. Den ihrer zungenschläge aber mochte ich am liebsten, der schon lietzeburgisch war. Dem hörte ich stundenlang zu, ohne ein wort zu verstehen. Das konnte sie singen, wenn wir in Geichlingen an der luxemburgischen grenze zu besuch bei Grete waren, der haushälterin von oma und opa. Eines tages hatte Grete ihren bauernhof frisch tünchen lassen. Ich glaubte ihr einen gefallen zu tun die fliegen in hundertschaften mit fliegenpatsche an die frischgetünchte außenmauer zu heften. Sah aus wie von masern befallen diese frischgetünchte fassade. Danach fliege gemacht. Wir sind jung und das war schön, sagte mal jemand.

Auf ihrem letzten foto hat Mutter das kleid schon an, in dem sie später beerdigt wird. Das hat ihr immer gut gestanden, und weil das ihr letztes foto ist, sagt Vater. Vom tod gezeichnet, wie das so landläufig heißt, so schaut Mutter eineindeutig neun monate vor ihrem tod. Als müsse sie in unvorbereitet kürzester zeit stellung beziehen, wo ihr doch schon die bloße anwesenheit die ärgste anstrengung war. Alles gerinnt zu einem sogenannten. Sie steht täglich vor mir. Träume ich, ist sie nicht tot. Ich weiß das in- und auswendig. Ich gelange da nicht hin. Eben nicht zu vergessen Bas Jan Ader, der am neunten Juli neunzehnhundertfünfundsiebzig von Cape Cod mit einem kleinen segelboot in see stach, um den Atlantik in richtung England zu durchqueren. Nix da! Eine halb verfaulte nussschale. Das wars. Kieloben treibend. So westlich von Irland. Er selbst verschwunden. Aderlass. »Mein Körper, das Ertrinken praktizierend«, hat er mal notiert. Und dann »I’m too sad to tell you«, jener wunderbare sechzehn-millimeter-film hemmungslosen weinens. Das ist es. Ein weltraum des weinens. Und ob es danach einen moment der ruhe gibt. Ob nach diesem weltraum alles raus ist. Manchmal ist das mit dem eigenen weinen ja so, dass man es selber nicht von einem filmweinen unterscheiden kann. Man lernt und weint ein leben lang.

Öl. Ein flüssiger kerzenschein eine fünftagesration ewiges licht. Und wiederkommen. Und wiederdenken. Das gedächtnis ist ein baum. Ein blumenstrauß. Angeflogenes, sofort wieder unterbrochenes beten. Ein todestag als gedächtnisring. Eine sprießende frühjahrsblüte mit wurzel. Eine schale. Und wiederkommen. Erde wenden. Und winter werden. Und danebenstehen. Immer mal da so hinkommen bis jemand zu dir kommt. Auf grasnarbenfühlung auf touristenkurs. Vielleicht auch mit diesem unsagbaren bild auf den lippen mit dieser verstarrung oder nicht mehr unternehmbaren kopfbewegung. Da wie sie daliegt. Wie sie nur noch wenig machen kann. So rumdrehen zum beispiel eine unmöglichkeit. Verabschiedung unmöglich. Kurzsichtig ohne wiedergruß. Kurzsichtig und voller raum im gesicht. Betreten. Auf der einen seite stehen. Auf der anderen. Das leben ist eine abgewöhnung. Und ein tod hilft ja auch dabei wie dieser. Liegt mutterseelenallein auf der sterbepritsche. Vater fallen schon die augen zu. Der ihr seit stunden erwartete tod der ihr aber seit tagen schon ausbleibt. Komatös mit nach hinten gestrecktem kopf. Hat ein leibchen an. Keine letzten überlieferten worte. Dagewesen weggegangen. Bloßheit. Und wohin das führt. Vater fallen die augen zu. Er geht jetzt mal nach hause. Ein mutterseelenmenschenleerer raum darin Mutter verschwindet. Sie sagt ja nicht, geh mal eben nach hause, ich muss jetzt sterben. Hinübergehen. Abkratzen. Platte machen. Platz machen. Sich ein leben lang verhört haben. Sich ein leben lang fragen, habe ich das richtig verstanden. Und mal etwas klarstellen wollen. Das betriebssystem Mutter überprüfte sozusagen lebenslänglich seine schnittstellen. Waren vielleicht ja gar keine da. Ein selbst verglühender herd. Was aber schön ist, selig scheint es in sich selbst. Was da so trocken im laken verglüht. So unpolitisch am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig. Wie wir da ins zimmer treten und denken uns trifft der schlag. Wie da plötzlich alles stillsteht. Wie wir im gehörten das hören hören. Vielleicht ist das ja etwas das nie aufhört, dieses STERBEN das nie aufhört. Dieses dünne ärmchen, das aus dem laken schießt. Diese unberingte hand, die nach einem ring sich sehnt. Dieser komplett untergeschossige körper, der es selbst nicht fassen mag. War doch gestern noch kompletter, sagt sich dieser körper abermals und gern. Was ist das denn plötzlich ernsthaft, dass das so nicht mehr geht.

Wiederholt verbucht sie so manches falsch. So zum beispiel das vehemente verneinen auch nur irgendeinen sohn gehabt zu haben. »Wieso mein sohn hat mich besucht!« Bis zuletzt gab’s von Vatter für Mutter ausgesuchtes und zwar eine woche vorher ausgesuchtes mittagessen, nämlich diesmal irgend so was mit dampfsuppe fleisch und tirili. Diäthalber sterbenslangweilig verdaubar und abgangswürdig. Aber was willste machen. Alles auf der welt findet irgendwo in der welt ein katastrophales verständnis. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies. Ich hätte gern einmal verständnis dafür entwickelt, was da organisch so abgeht, was da so abfällt und aussetzt organisch. Es ist halt so dass ich mit dieser tastatur sehr gerne mal in die eingeweide vorgedrungen wäre, aber es war nicht so, dass mir dies zu lebzeiten auch nur ausgesprochen gelungen gewesen wäre. Die deutsche grammatik versprüht immer so einen ausgestochenen verwesungsgestank. Diese permanent papstgesegnete deutsche sprache. Diese sparsprache. Diese philosophensprache. Diese pfandwertflasche. Dieses sterbekristentum. Dieses abtransportiertwesen. Dieser stolz: »Der wird mir unrecht thun / der meinen tod beweinet.« Ihr tod. Ein tod eine echtzeit und drum herum so etwas wie hermeneutik oder karlsruher karneval. »Es wird der bleiche todt mit seiner kalten hand« habe ich zwar gelesen, erschrickt mich aber nicht.

Besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Selbst anschauen war unmöglich. DAS jagte einen hinaus als wäre kein platz! Hatte sich aber noch kurz vor ihrem tod in einem unterwäschegeschäft unterwäsche gekauft in rauen mengen und wollte immer einkaufen gehen. Einkaufen war für Mutter stets ein staatsakt. Der oberstadtdirektorvater, und Mutter geht jetzt für die oberstadtdirektorfamilie einkaufen. In diesem verschissenen Düren einkaufen gehen. In diesem geistig total vor den hund gekommenen Düren einkaufen gehen. Mit ausnahme des museums ist diese stadt bitte dringend zu schließen! Eine stadt, die im krieg zu achtundneunzig prozent zerstört wurde, hätte besser nicht mehr aufgebaut werden sollen. Man hätte alles so stehen und liegen und verrotten lassen sollen. Dann hätte man noch fünfzig jahre nach dem krieg menschen und frauen aus aller herren länder da mal hinführen können mit dem satz: DAS ist der krieg. Bitte alle Düren schließen. Eine möchtegernstadt wie ein schweizer käse. Wenig gestalt um viel nichts. Das nichts scheint durch. Immer diese vorstellung des weniger werdens. Und hochschrecken nachts, weil im traum sitzt Mutter noch da, und es ist die rede von einem wunder. Dass sie jetzt wohl über den berg sei. Dass da nicht mehr viel passieren könne. Und da sitzt Mutter also und lässt es sich gut gehen. Nicht totzukriegen. Sitzt da vor sich hin. Besuch aus einer anderen welt. Redet plötzlich ganz anders als im leibhaftigen sinne.

Abermals hochschrecken, weil die finte bemerkt wird. Sofort klar machen, dass Mutter hinüber ist. Beruhigend zu wissen, sozusagen. Alles beim alten. Auch sie hatte vor den nächten angst. Sie wollte eigentlich die nächte gar nicht mehr haben. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Dort im krankenhauspark steht eine skulptur. Einmal hat meine Mutter aus dem fenster in den park hinausgeschaut und da hat sie genau dieses ding da gesehen. Das ihr gut gefallen hat. Nachdem Mutter am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten verschwunden ist, erteilt Vater dem skulpturenmacher den auftrag, eine schicke stele fürs grab zu machen. Ein sehr erdenfestes, ums zentrum verzwirbeltes oder verdrehtes gerät aus grauem stein ist es geworden. Hat mittlerweile schon moos angesetzt. Nein, meine Mutter hat mich nicht persönlich angerufen, mir zu sagen, »ich habe krebs«. Ich bekam einige wochen nach Vaters meldung, Mutter sei schwer erkrankt, von ebensolchem Vater eine telefonnummer, mit der ich die bereits operierte und noch krankenhausbettlägrige Mutter besuchen konnte. Niemand von uns hatte eine gute gesprächseinstellung parat. Ihre stimme war eine starke schwäche. Nur kurz telefonieren, hatte Vater gesagt. Ein leben ist immer ja ein wunsch voneinander. Nein, das sind so verbrauchte sätze. Das ist kein ausgang. Den stil verbessern, heißt, die gedanken verbessern, sagte mal jemand. Man wählt diese nummer ja nicht nur einmal nicht ganz so durch, sondern immer nur bis zum anschlag, immer nur bis zur vorletzten nummer, immer nur bis höchstens zur letzten nummer, die aber schon nicht mehr ganz durchgeht, vielmehr längstens ein wenig angeläutet wird, dann schnell den hörer auf die schüssel. Man scheut die erste liebe wie den ersten tod. Es ist alles vermittelt und numerös. Hörer wieder abnehmen, weil es doch die eine einzige stimme ist, die zählt.

Einen einzigen brief gibt es von ihr. Sie kündigt darin an, meine hose aufzubewahren, die ich vergessen habe beim letzten besuch nach dem umzug und die sie mir schicken könne, vorerst. Das ist jahre her. Die mittlerweile längst aus der sogenannten mode gekommene hose hat sie mir höflich in einem karton geschickt. Ich habe ihr nämlich einen brief geschrieben, bitte schicke mir besagte hose, weil es wird kalt, und die hose fehlt mir. Hose ist mittlerweile verrottet, karton habe ich aufbewahrt. Und zwar liegt da so allerhand unzurechnungsfähiges zeug drin rum. Karton also aufbewahrt, aber nicht mehr reingeguckt. Die hose ist von anfang an schon zu kurz gewesen, ich steckte trotzdem mittendrin und nannte diese hose stets ›beinkleider‹. Zwischen dem verrecken einer nahe liegenden person und dem verrecken einer fast identischen person liegt nur das anziehen einer hose. Oder das alphabet. Du ziehst eine hose an und Franz Papaver spricht von identität, die nur variierte wiederholung ist.

Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Mutter hatte gerade gefrühstückt, was ihr diesmal anders als die tage zuvor freude zu machen schien, sagte Vater. Ich war mir völlig im klaren darüber, sie das letzte mal gesehen zu haben. Mit einem nochmaligen betreten des zimmers hätte dieses bewusstsein ein anderes werden können. Es hat aber ganz und gar keinen vorwand keinen deckmantel gegeben, den raum erneut zu betreten. Ich muss jetzt gehen, rief ich ihr zu, einmal noch winkend, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff glitt langsam ins sichere schloss. Wohin aber gehen? Das zimmer verlassen, die station verlassen, das gebäude verlassen. Einmal noch notiz nehmen  von  dieser  abgelegenheit. Von  dieser  reparatur-, heilungs-  und  beendigungsstätte. Felsenfest  sagen, hier möchtest du bis an dein lebensende nicht mehr rein. So tun,     als sei nichts gewesen. Auf andere gedanken kommen, sozusagen.  Aber  wohin  denn?  Vorbei  am  alten  abgerissenen schwimmbad, an all diesen wie aus dem hut gezauberten überanstrengungen vorbei, die Düren heißen. An diesem gesamten ensemble der notdurft vorbei. An der mittelstadt vorbei. Vorbei an dir selbst in jenen heruntergekommenen etablissements der innenstadt einen kaffee trinken. Das ist eine durch und durch vergessenswürdige kleinstadt. Sitzt plötzlich aufrecht im bett, nachdem sie bereits stunden zuvor keinen laut mehr von sich gegeben hat. Ob sie wohl wieder einem phantom nachjagt. Fragen, die sie stellt. Ob ich das gehört habe, was opa sagt. Es verwundere sie zutiefst, dass opa hier etwas vor allen leuten sage. Opa sage nämlich nur ihr allein immer was und zwar morgens im bad. Ich solle doch bitte die leute rausschmeißen. Dass es nicht stimme, was ich sage. Dass ich hier nicht allein mir ihr in diesem zimmer sei. Dass diese anderen leute böses im schilde führen. Dass sie manchmal nicht ganz aufmerksam sei. Sie habe wie sie sagt in ihren lichten momenten das gefühl zwar schon seit längerem regelrecht vor sich hin zu altern aber dieses ganze hier das habe doch mit gottes erlaubnis nichts mehr mit altern zu tun, das sei doch was ganz anderes, und ob ich ihr da mal entgegenkommen könne mit einem hinweis was das denn genau nun sei, sie jedenfalls habe zwar vielleicht mal was davon gehört, es mittlerweile aber vergessen, jedenfalls habe sie anderes zu tun. Außerdem, das aber sei nicht dringlich, falle ihr dieses eine wort nicht ein. Das so etwas endgültiges sei. Fällt wieder ins bett zurück wie tot. So also sieht sie aus wenn sie tot ist vielleicht. Jetzt ist sie bereits zehn minuten tot. Ihre haut auf den wangen. Ihre glänzende stirn, die sie mehr und mehr mit einer sagen wir hochprozentigen salbe einreibt. Was ist aus uns geworden. Diese alltagsfrage dieser gesalbte schmerz. Die adern ihrer schläfen die wie ein rinnsal das gebirge hinunterdrängen. Ihr schlaf, der ein gebirge ist. Und aus dem gebirge schaut sie plötzlich auf mit einem fast schon versöhnlichen lächeln, das alles zu überblicken scheint. Sind wir da denn hier noch beizeiten? Ist das denn noch alles rechtzeitig?

Am achtzehnten August zweitausend teilt mir Vater mit, er habe Mutters liebesbriefe wiedergefunden. Sie hätten in einer keksdose gelegen. Jedenfalls in einer blechdose. Mutter und er hätten damals die vernichtung ihrer liebesbriefe beschlossen. Sie hätte SEINE liebesbriefe tadellos verbrannt. Jetzt finde er wie zufällig in einem braunen karton, und sei es auch nur eine unbedeutende alte schachtel, diese IHRE liebesbriefe, die er dann wohl nicht wie es abgemacht gewesen sei vernichtet habe. Er wundere sich wie von selbst. In einer dose hier in diesem braunen karton sind sie dringelegen. Mutter habe alle seine liebesbriefe verbrannt, sagt Vater. Dies zeige sich, sagt Vater. Er habe also aus dem schrank diese kiste hier rausgenommen und anstatt des vermuteten christbaumschmucks seien also diese briefe hier dringelegen. Während all der jahre muss er also und zwar zuletzt an diesem ort ihre an ihn adressierten liebesbriefe aufgehoben haben, während sie wie abgemacht seine liebesbriefe ordnungsgemäß verbrannt habe, mutmaßt er. Finde er also in dieser keksdose Mutters liebesbriefe entferne er sogleich sämtliche noch übriggebliebenen briefumschläge mit all den wechselnden anschriften und adressen und schmeiße sie sofort in den mülleimer, sagt Vater. Er zeigt mir einen aktenordner mit sauber eingelochten handbeschriebenen papierseiten. Mutters liebesbriefe. Das darf doch wohl nicht wahr sein, entgegne ich. Auf die frage, warum er denn die briefe eingelocht und die umschläge weggeschmissen habe anstatt sie unversehrt in der dose im karton aufzubewahren, erwidert Vater, er sei nur an den briefen interessiert. Diese hätten jetzt zwar je zwei löcher, er habe jedoch peinlich darauf geachtet, dass keine textstelle berührt worden sei.


* Michael Lentz, Muttersterben. Prosa. pp. 139 – 157. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2002.

Paul Espeseth, der das Antidepressivum Celexa abgesetzt hatte, machte sich in SeaWorld auf das Schlimmste gefasst. Er fragte sich bloß, welche Form die Katastrophe annehmen würde. Indem er einen Enthüllungsbericht über den Ozean-Themenpark aus dem Kabelfernsehen paraphrasierte, den aber weder er noch sie gesehen hatte, hatte Esepeth versucht, sein Veto gegen den Ausflug einzulegen. Doch seine Frau hatte das Argument gleich auf die Matte geschickt: »Die Mädchen sollten die Dinge sehen, die sie lieben, bevor sie ganz von der Welt verschwinden.«

Nun war er also hier. Bei der ersten Etappe ging es offenbar um Flamingos. Nachdem er seine vierjährigen Zwillinge durch das Drehkreuz und an den Andenkenläden vorbeibugsiert hatte, mit den Stoffversionen jener Spezies, denen sie in Fleisch und Blut gegenüber stehen würden, folgte seine Familie dem Leitsystem des Parks und wurde von den Vögeln in Empfang genommen. Ihre rotschwarzen Ziffernköpfe tanzten auf rosafarbenen, dicht mit Federn bedeckten Stängeln, schwebten über den Köpfen einer Gruppe von Neuankömmlingen.

»Wartet, bis ihr dran seid, Mädchen«, sagte seine Frau. Angesichts dessen aber, dass es keine wirkliche Reihenfolge gab, nahm Espeseth Chloe und Deidre bei der Hand und gemeinsam drängelten sie sich in den Pulk hinein, um einen Blick auf die Vögel zu erhaschen. Seine Frau blieb zurück und passte auf den Zwillingsbuggy mit ihrem Krempel auf. Aus der Nähe sah Espeseth, dass die Vögel auf einer Insel gefangen waren, einem akkurat gemähten Grashügel, umgeben von einem niedrigen Zaun und Schildern, auf denen »Bitte nicht füttern« stand.

»Könnt ihr sie sehen?«, flüsterte er hinab zu den Mädchen, so als handele es sich bei dem Haufen exotischer Vögel um etwas Wildes, gesichtet in der Ferne, einen Schwarm, der aufgeschreckt werden und verschwinden könnte. Tatsächlich aber hatte man ihnen die entscheidenden Flügel gestutzt und sie flugunfähig gemacht, was das Gleiche war, als wenn man einem Gegner die Archillessehne durchtrennte und ihn so zum Krüppel machte. Die Vögel hatten keine Möglichkeit sich dem Sperrfeuer kreischender Familien zu entziehen, die ihre Jüngsten nah genug heranschoben, um ein Handyfoto machen zu können.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Sie haben auch Angst«, erklärte er ihr. So wie ich. Die Flamingos gehörten zu den Dingen, auf die ihn nichts hätte vorbereiten können. Indem er im Vorfeld mit den Mädchen an die hundert YouTube-Videos über Orcas geschaut, Bilder von Orcas aus Zeitschriften ausgeschnitten und seine Kinder zur Schlafenszeit in Betten voll ausgestopfter Orcas geknuddelt hatte, hatte Paul Espeseth seine Seele hart gemacht und in Orca-Bereitschaft versetzt – ihre muskulöse Eindringlichkeit, ihr stummes Drama, die Möglichkeit, dass sie vor aller Augen und von inspirativer Musik begleitet, einem ihrer Neoprenanzug tragenden Trainer Ellbogen oder Hals amputieren könnten. Aber die Designer des Parks hatten ihn gelinkt, hatten ihn mit Flamingos besänftigt, wie mit einer lockeren Runde Zigarettenausdrücken auf dem Brustkorb, bevor man zum Waterboarding überging.

Die Mädchen fassten sich ein Herz und drängelten sich ganz nach vorn, gaben dann aber wieder kleinbei und wurden von anderen ungeduldigen, sozial benachteiligten Kindern verdrängt. Den Vögeln musste es so vorkommen, als ebbe die Flutwelle blühend psychotischer Gesichter niemals ab.

Im Kontext ihrer Spezies hatten diese Flamingos etwas von Weltraumfahrern, die mit Geschichten zurückkehren würden, für die es keine Worte gab. Bloß, dass sie niemals zurückkehren würden. Man hätte die Vögel genauso gut in Tiefseetaucherkugeln stecken und sie den Orcas vorstellen können, oder aber ihre Nahrung mit LSD versetzen.

      »Gehen wir«, sagte er und zog die Zwillinge fort. Ihre Patschehändchen hatten zu schwitzen begonnen, oder er war es, der begonnen hatte sie vollzuschwitzen. »Es gibt noch eine Menge … anderes«.

»Die Killerwal-Show!«, kreischten die Mädchen. Dafür waren sie hergekommen.

»Die Show beginnt um elf«, erklärte er. »Wir haben noch etwas Zeit. Und auf dem Weg dorthin gibt´s noch andere Sachen. Haie.« Er hatte den Hintersinn des Geländeplans auf den ersten Blick durchschaut: von dort, wo man abgeworfen wurde, gelangte man nicht zum Shamu Stadium, ohne zunächst andere Attraktionen passieren zu müssen. Er schlug den Weg in Richtung der Haie und Riesenschildkröten ein, wenn auch nur als Schachzug, um die Sesame Street of Play und eine Achterbahn namens Manta zu umgehen. Er hatte Prinzipien. SeaWord sollte dem gerecht werden, was der Name versprach: unheimliche Begegnungen mit der Unterwasserfauna bieten, nicht mit Vögeln, Elmo, genauswenig wie mit Prinzessin Leia oder Cap’n Crunch. Aber während sie so die Pfade entlangliefen, hatte er hier trotzdem nicht das Gefühl, das Kommando darüber zu haben, wohin seine Familie steuerte. Sondern fühlte sich in Muster fachmännisch prognostizierter Reaktionen und Verhaltensweisen gepresst, auch was die fälligen Aufwendungen in Form von Schweiß, guter Laune und anderer Währungen betraf, sowohl aus seiner Brieftasche, als auch seiner Seele. Er war hilflos wie eine Flipperkugel, die in einem dieser Tischgeräte herumflog. Nicht einem dieser einfachen, langsam verfallenden Apparate, die er aus den Spielhallen im Minneapolis der Siebziger kannte, sondern einem dieser wütenden, pulsierenden Neunziger-Jahre-Flipper, deren halbes Dutzend Neonhebel auf sein Gehirn eindroschen.

Auf ein weiteres Legoland-Wunder zu hoffen, erschien ihm nicht realistisch. Zwei Monate zuvor hatten sich Espeseth, seine Frau und die Zwillingstöchter nach Süden aufgemacht und Legoland besucht. Legoland war erträglich gewesen. Es war abwechslungsreich und gut strukturiert gewesen und hatte Nervenkitzel geboten. Es gab auch dort ein paar schlimme Bereiche, einschließlich, ganz vorneweg, der fingierten Hauptstadt namens Fun Town, aber andere waren in Ordnung, mehr als in Ordnung, etwa der Pulk von Restaurants auf dem Castle Hill. Dort war es ihm gelungen, während die Zwillinge sich mit der Königin fotografieren liessen und in Sätteln von ritterlichen Lego-Turnierpferden saßen, die auf Bahnschienen montiert waren, sich davonzustehlen und bei Castle Ice Cream einen doppelten Espresso zu ergattern. Das war etwas gewesen. Mit seinem Espresso in einer schattigen Ecke des Burginnenhofs verborgen, hatte er seinen Töchtern schweigend zugeprostet, während sie hintereinanderher den Parcours abfuhren. Legoland trug also die Schuld, nahm er an: Seine Erträglichkeit hatte dazu geführt, dass er bei SeaWorld zu schnell eingewilligt hatte, was selbst mit Celexa, wie ihn nun klar war, eine völlig andere Angelegenheit gewesen wäre.

Sein Psychiater, Irving Renker, hatte ihn vor den Auswirkungen auf sein Gehirn gewarnt, wenn er das Celexa ausschlich. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte Espeseth das Mittel erst seit zwei Tagen nicht mehr genommen. Er hörte unter Renkers Anleitung damit auf, ganz nach Vorschrift. »Machen Sie sich darauf gefasst«, erklärte ihm Renker. »Sie werden möglicherweise Penner und Taschendiebe sehen.«

»Sehen, im Sinne von halluzinieren?«

»Nein«, sagte Renker. »Halluzinieren werden Sie nicht. Ich meine sehen im Sinne von bemerken. Sie werden womöglich im überdurchschnittlichen Maße Penner und Taschendiebe bemerken. Irgendwelche fiesen Typen. Perverslinge. Sogar Amputierte.«

Irving Renker war ein New Yorker Jude, der seinem Archetyp entfleucht war wie ein Hummer seiner Schale, also noch immer in die unerbittliche Form dieser Schale hineinpasste, gleichzeitig jedoch wie frisch geschlüpft, roh und staunend in der Weltgeschichte herumlief. Renker legte großen Wert auf Sport und man traf ihn in den Hügeln von Santa Barbara an, wo er mit seinem Fahrrad herumkurvte, mit Helm, Sonnenbrille und einem bürotauglichen Pullover, blauer Hose und lederbesohlten Schuhe. Weiter unten in der Stadt hatte Espeseth ihn noch nie gesehen, geschweige denn in Strandnähe. Er vermutete, dass Renkers Frau alle Einkäufe erledigte. Renkers Büro befand sich in einer Einliegerwohnung, eingebettet in die mit Buschwerk bewachsenen Hügel hinter seinem Haus, das aufgrund des abschüssigen Geländes auf Stelzen stand. Die Vorhänge vor Renkers Fenster waren stets zugezogen, um neugierige Blicke abzuwehren. Verbarg sich hier eine geheime Klause jüdischer Intellektueller mit vollgestellten Bücherregalen, sigmundschen Fetischmasken und flippigen, nicht mehr enträucherbaren Perserteppichen? Unmöglich zu bestimmen. Das Gesprächszimmer war nichtssagend: gerahmte, abstrakte Aquarelle, beige Sitzmöbel und eine Uhr aus Messing.

Im Gespräch verwendete Renker neben den Wendungen »Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?« und »Nicht den Kopf zerbrechen!«, zudem häufig Begriffe wie »die Schwarzen«, »Orientale«, »behumpsen« und »Penner«. Einmal, als Espeseth ausgiebig in Erinnerungen geschwelgt hatte, wie er während eines Angelausflugs mit seinen drei Brüdern gemeinsam auf dem Vordersitz des väterlichen Pick-ups gesessen hatte, hatte Renker gemurmelt: »Ja, ja, nennt man für gewöhnlich ›Tortilla-Kutsche‹«.

Aber Espeseth konfrontierte oder verbesserte seinen Psychiater nie. Stattdessen bot er höflich Beispiele für angemessene Wortwahl an, in diesem Fall, indem er entgegnete: »Bedeutet das, dass das Celexa mich, was, gegenüber wohnungslosen Menschen blind gemacht hat? Oder die Wahrscheinlichkeit erhöht hat, ausgeraubt zu werden?«

»Es ist eine Frage des Augenmerks«, sagte Renker. »Sie werden womöglich eher dazu neigen, die Arschgeigen zu bemerken, statt derjenigen, die rechts und links davon stehen. Und ohne suggerieren zu wollen, sie würden paranoid werden, so kann es dennoch sein, dass sie Arschgeigentum auch auf normale Menschen projizieren.« Dass sein Psychiater an »normale Menschen« glaubte, war, je länger Espeseth darüber nachdachte, ein schlechtes Zeichen. Er selbst versuchte, das nicht zu tun. Was er aber nicht abzuschütteln vermochte, war das, was Renker als Nächstes sagte: »Den Celaxa-Entzug haben einige Patienten so beschrieben, dass sich an den Rändern des Alltags kriechend eine Atmosphäre der Fäulnis oder Verwesung oder Bedrohung bemerkbar mache, etwas, was aber nur sie so benennen können. Einer meiner Kollegen hat das als ›Made-im-Fleisch-Syndrom‹ klassifiziert. Besser man ist drauf gefasst, als dass es einen einfach überkommt.«

Made-im-Fleisch-Syndrom?

Niemand, Psychiater Renker nicht, Espeseths Frau nicht und ganz sicher nicht die Zwillinge, kein menschlicher Zuhörer außerhalb des Containment-Bereichs seines Schädels, wusste, dass Paul Espeseth sich selbst in Veganer in der Schwebe umbenannt hatte. Der Geheimname war ein Symptom, sollte man ihn denn als ein solches erachten, das sich bereits Monate bevor er die Einnahme des Celexa einstellte, bemerkbar gemacht hatte. Konnte man ihn als Nebenwirkung bezeichnen? Er hatte gehofft, er würde verschwinden, wenn er das Medikament absetzte. Schön wär´s gewesen. Aber Veganer in der Schwebe empfand nicht ausschließlich Bedauern. Der neue Name war eine Kränkung, ja, gleichzeitig aber hing er auch daran, lag darin doch auch das Versprechen eines erhabeneren Lebens, das knapp außer Reichweite lag.

Wie hatte das mit seinen Nachforschungen begonnen? Espeseth hatte sich, als das noch sein einziger Name gewesen war, in der öffentlichen Bibliothek von Santa Barbara eine populärwissenschaftliche Abhandlung entliehen über den irreparablen Kollaps der Erde unter der Last der eigenen Bevölkerung. Danach hatte er verschiedene bekannte Polemiken gegen die Tierquälerei auf Farmen und in Schlachthöfen gelesen. Dann ein Buch mit dem Titel »Fear of the Animal Planet«, in dem detailliert viehische Racheakte an der menschlichen Zivilisation beschrieben wurden. Das war der Zeitpunkt gewesen, als Espeseth gespürt hatte, wie er zu Veganer in der Schwebe wurde. Ein Bewusstsein war in ihm geweckt worden, dessen Entfaltung lediglich untätiges Verharren, Scham und Anpassung verlangsamen konnten. Glücklicherweise oder unglücklicherweise besaß Veganer in der Schwebe große Affinität zu diesen Verzögerung bewirkenden Maßnahmen.

Das große Problem würde ohnehin sein, seinen Töchtern die Entscheidung zu erklären. Veganer in der Schwebe bewunderte Chloes und Deidres Gabe, zwischen ihrer angeborenen Tierliebe und den Wonnen des Fleischverzehrs vermitteln zu können. Für ihn war es eher eine hart erkämpfte Differenziertheit, die F. Scott Fitzgeralds Fähigkeit glich, gleichzeitig zwei gegensätzliche Ideen bedenken zu können. Die frühen Rites des Passages der Mädchen schienen überhaupt hauptsächlich aus Anstrengungen zu bestehen, solcherlei Paradoxien aufzulösen. Wie jene etwa, dass Mommy und Daddy sich stritten und einander doch liebhatten. Dass menschliche Wesen wunderbar waren und man die eigene Schüchternheit überwinden sollte, sie aber gleichzeitig dem allzu eifrigen Fremden misstrauen und ihn für ein potentielles Monster halten sollten. Dass eine Stunde Fernsehen oder iPad-Nutzung als vergiftende Überdosis gelten sollte, während die Eltern sich doch bei jeder Gelegenheit Bildschirmexzessen hingaben. Veganer in der Schwebe selbst verbrachte routinemäßig drei Stunden auf dem Sofa und verfolgte im Fernsehen, wie sein Footballteam verlor. Die Vikings, Talisman seiner Ahnen. Doch anders als bei den Redskins und den Chiefs, waren Namen oder Logo nie als rassistisch kritisiert worden. Niemand hatte Mitleid mit Weißen, was seine Faszination für Juden erklären mochte, die beidem ausgesetzt zu sein schienen. Hätte Irving Renker den Gedanken von Veganer in der Schwebe lauschen können, hätte er gekichert. Nicht abschweifen.

Bei der Zivilisierung von Kindern ging es im Wesentlichen doch ohnehin bloß darum, kognitive Dissonanz herzustellen. Das Vermögen seiner Töchter, das Verlangen sowohl Säugetiere zu knuddeln als auch zu verspeisen miteinander vereinbaren zu können, ermöglichte es ihnen nämlich erst, sich in das menschliche Historienspiel einzureihen. Wenn Veganer in der Schwebe ihnen gegenüber nun zugab, dass er es für falsch hielt Tiere zu essen – auch wenn er noch immer nach dem intensiven Geschmack rauchiger Steaks und salzig-fettigen Specks gierte – würde er sich, in ihren Augen, mit diesem kindlich-moralischen Absolutismus selbst herabsetzen. Oder vielleicht sogar in den eigenen Augen? Seit sechs Monaten hing er nun in der Schwebe. Irgendein jenseitiger Inquisitor, eine Wache vor der Himmelspforte mit dem Kopf eines Ferkels oder Kalbs höchstwahrscheinlich, würde ihn dereinst für diese Verzögerung zur Rechenschaft ziehen, die durchaus mit der Phase vergleichbar war, als die Alliierten zwar bereits von der Existenz der Todeslager erfahren hatten, ihre moralische Empörung aber noch mit militärtaktischen Erwägungen abglichen. Seine Essgewohnheiten oder andere Verhaltensweisen betreffend, hatte sich nämlich rein gar nichts verändert. Er hatte weder Pamphlete verteilt noch sich einen Aufkleber für die Stoßstange besorgt. Nichts hatte sich verändert, außer dass er sich einen Geheimnamen gegeben hatte.

Glühend vor Scham dirigierte er seine Familie in die Welt der Haie, schleppte sich hinter anderen Familien mit ihren Buggys auf einen Fahrsteig. Die Passage, ein weiteres Beispiel der Zwangsarchitektur, lief als Tunnel unter den Haifischbecken hindurch, illuminierte die Kreaturen von unten, um ihre weißen Bäuche und Kürbiskopfgrimassen besser zu Geltung zu bringen. Es kam ihm plötzlich der Gedanke, dass die Bauweise des Parks etwas von einem Verdauungssystem hatte. Man wurde verschlungen, verdaut und wieder ausgeschissen.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Aber ich nicht«, sagte Chloe.

Für die Haie zu sprechen, maßte sich Veganer in der Schwebe nicht an. Stattdessen deutete er auf das Schimmern vor ihnen, während der Fahrsteig sie wieder aus der Dunkelheit herausdrückte.

»Daddy?«, sagte Chloe.

»Ja?«

»Waren Delfine und Killerwale echt mal Haustiere bei den Menschen, bevor sie zurück ins Meer gegangen sind?«

»Keine Haustiere«, sagte Veganer in der Schwebe. »Wilde Tiere. Wie Schweine.« Er erbebte angesichts der wachsenden Verwirrung: für die Kinder waren Schweine ja Tiere von der Farm. Just an diesem Morgen hatte er heimlich in einem Blog namens Der Ruf der Ungezähmten gelesen. Die Grade der Unterjochung wurden dort folgendermaßen unterschieden: Haustier, domestiziert, ungezähmt, wild …

»Wieso dürfen wir kein Haustier haben?«, fragte Chloe.

Seine Frau wandte sich Veganer in der Schwebe zu. Er wich ihrem Blick aus, spürte ihn aber dennoch.

»Euer Vater mag Haustiere nicht«, sagte sie.

»Nicht mehr lange bis zur Elf-Uhr-Show!«, sagte er, dringend bemüht das Thema zu wechseln. Und damit glitten sie aus dem schlundartigen Gang hinaus ins Tageslicht.

Ganz SeaWorld wand und krümmte sich.

Made-im-Fleisch-Syndrom, die wenig hilfreiche Vorstellung, die Renker ihm eingepflanzt hatte, war selbst eine Made, die sich nun im Fleisch seines Gehirns wand und krümmte.

Sie hatten einen Jack-Russell-Terrier gehabt, einen kastrierten zweijährigen Rüden namens Maurice, den sie aus dem Tierheim geholt hatten, einen völlig durchgeknallten Derwisch, in den seine Frau aber völlig vernarrt gewesen war und er – na ja, Veganer in der Schwebe war ebenfalls in ihn vernarrt gewesen, auch wenn es für ihn eher so gewesen war, wie mit einem Rätsel zu leben, hinter das man nicht kam. Maurice bewegte sich mit verblüffender Geschwindigkeit, ging senkrecht in die Luft wie ein illegaler Feuerwerkskörper, war ungemein fordernd und drang in ihre privatesten Lebensbereiche ein. Dann aber – und hier lag der Grund, warum es ihn demütigte, wenn eines der Mädchen das Thema Haustiere überhaupt nur erwähnte, genauso wie der, warum der Blick seiner Frau ihm das Blut gefrieren ließ –, nachdem Veganer in der Schwebe beobachtet hatte, wie der Hund sich gegenüber seiner schwangeren Frau verhielt, hatte er Maurice aus ihrer aller Leben verbannt. Der Hund war einfach übertrieben fürsorglich gewesen, geradezu besessen von ihrer Schwangerschaft, hatte sich etwa Nachts um ihren Bauch gekringelt, so als wollte er die Zwillinge mittels seiner eigenen Körperhitze ausbrüten. Er hatte sogar begonnen nach Veganer in der Schwebe zu schnappen, wenn der sich dem eigenen Ehebett näherte. Im Verlaufe des dritten Trimesters hatte er den Hund also zurück ins Tierheim gebracht, und auch wenn das kaum entschuldbar war, womöglich überhaupt nicht entschuldbar, so wurde Maurice nach der Geburt der Babies doch nie wieder erwähnt.

Die Mädchen würden niemals erfahren, dass Maurice sie noch in der Gebärmutter geknuddelt hatte, sollte ihre Mutter ihnen nicht eines Tages davon erzählen. Stattdessen stillten Chloe und Deidre nun ihre Sehnsucht nach anderen Säugern mit Pixar-Figuren. Auf der Hinfahrt hatten sie an den Bildschirmen geklebt, die in die Kopfstützen der Vordersitze eingelassen waren. Das hatte ihnen die Eintönigkeit der Interstate 5 erspart, die immergleichen Ausfahrten in immer neue Vororte, Lärmschutzwälle und öde vergilbte Hügel. Nahe San Diego zeigte ein Schild die Silhouette einer fliehenden mexikanischen Familie, wie man sie sonst von Elchen oder Rehen kannte, damit man sie auf ihrer illegalen Flucht über die fünf Spuren des Freeways nicht anfuhr. Veganer in der Schwebe empfand es als Segen, keine Erklärung liefern zu müssen.

Familienleben, ein Kataklysmus der Einsamkeiten.

Als kleiner Junge hatte er Reisen auf dem Rücksitz ohne die Hilfe von Filmen überstanden. Stattdessen hatte er während zigtausender Kilometer den Chippewa National Forest hindurch, entlang der Union Pacific Railroad und durch die östlichen Teile Ontarios und Manitobas aus den Fenstern des Familienkombis geschaut. Im Alter von zehn, während seiner Öko-Phase, hatte er sich zum Zeitvertreib ein Spiel ausgedacht, das, wie den neuen Namen, allein er kannte. In seiner Fantasie verfügte das Auto seiner Eltern über ein langes unsichtbares Messer, dem Flügel eines Flugzeugs ähnlich, welches mittels mentaler Instruktionen aus der Seite des Kombis heraus- und wieder hereingefahren werden konnte. Er und seine Eltern gaben bloß vor Nobodys zu sein, die einzige protestantische Familie aus einer Kleinstadt, die scherzhaft St. Jewish Park genannt wurde. In Wahrheit aber waren sie Sendboten aus einer anderen Welt, geschickt, um die Natur von den Eingriffen der menschlichen Spezies zu befreien. Nur er selbst konnte die Klinge steuern, die herausschoss, um alle Hochspannungsmasten und Straßenschilder abzurasieren, aber immer wieder eingefahren wurde, um so viele Bäume wie möglich zu verschonen. Häuser und andere Autos hingehen durchtrennte sie erbarmungslos. Die Fantasie umfasste sogar ein Alibi stiftendes Element der Verzögerung, was zum einen dafür sorgte, dass er die gloriose Zerstörung, die er anrichtete, selbst nicht zu Gesicht bekam, zum anderen verhinderte, dass keine menschliche Instanz im Stande war, die mysteriöse Kraft zu lokalisieren und zu neutralisieren, die sich durch die Umgebung fraß: Die gekappten Objekte fielen erst fünf Minuten nachdem der Wagen der Familie sie passiert hatte auseinander. Durch diese Methode würde die Welt wieder der Flora und Fauna zurückgegeben.

In letzter Zeit war Veganer in der Schwebe das Bild der unsichtbaren Klinge wieder in den Sinn gekommen. Es stellte sich angesichts irgendeiner architektonischen Abscheulichkeit ein, oder einem mit Werbeschildern verschandelten Straßenrand. SeaWorld hingegegen war der Fantasie gegenüber immun. Dieses Labyrinth der Disharmonie in Scheiben zu schneiden, würde ja bedeuten, die darin gefangenen Kreaturen zu meucheln. Der Logik seiner Kindheitsfantasie zufolge, würde die Klinge zwar die Schildkröten, Haie und Delfine aus ihren Becken befreien, die ausströmen würden, nur um dann in der Sonne nach Luft schnappend auf den betonierten Pfaden zu verenden.

Im Shamu Stadion angekommen, bemerkte Veganer in der Schwebe, entgegen Renkers Ankündigung, weder Penner noch Taschendiebe. Sondern Soldaten auf Heimaturlaub. Armeeangehörige zwischen zwei Einsätzen, die mit ihren Familien einen Tagesausflug machten, den unvertrauten kleinen Kindern und stoisch ignorierten Frauen, um sich Killerwale anzuschauen. Zu erkennen waren sie an ihren Kurzhaarschnitten, den Bizepstattoos und dem wachsamen Hin- und Her ihrer verdickten Nacken. In ihrer strammen Unerschütterlichkeit erweckten sie den Eindruck, als seien unterschiedlichste Zivilisten-Körper in dieselbe unerbittliche Form gegossen worden. Ethnische Merkmale, bei den Soldaten nunmehr zu Spuren reduziert, waren bei den Frauen und Kindern wesentlich greifbarer – in Renkerschen Termini hauptsächlich Schwarze, Mexikaner und Orientale. Vielleicht gar ein paar Zigeuner hier und dort? Schwer zu sagen. Immer schön vereinfachen.

Vielleicht waren es ja die Soldaten, die für das Unglück sorgen würden, vor das Nervensystem von Veganer in der Schwebe so gellend warnte. Vor dem inneren Auge sah er aus Hubschraubern aufgenommene Szenen, gelbes Absperrband, zwischen untröstlichen Familien umherschwirrende Sondereinsatzkommandos. Das Stadion war ein Maya-Tempel und man wartete darauf, dass im blauen Bassin unten irgendein Opfer dargebracht wurde. Und doch, obgleich zusammen mit fünftausend anderen eingesperrt, fühlte sich Veganer in der Schwebe für den Moment ruhig. Sollte seine Reise durch die Röhren und Tunnel von SeaWorld tatsächlich etwas Peristaltisches haben, so hatte er nun den gekammerten Magen erreicht.

Und dann, nach der abgeschmackt-triumphierenden Ouvertüre aus Musik, Videobildern und Hopserei in androgynem Spandex, als die Orcas schließlich in die Arena kamen und begannen ihre Runden zu drehen, wurde SeaWorld durch ihre absolute und umwerfende Präsenz vollständig überschrieben. Durch ihr Kunststück, zwei Sphären miteinander zu vernähen, Himmel und Wasser, bloß um ein Stadion voller Kinder zu entzücken – Kinder, die in Reaktion darauf ihrerseits Sätze vollführten, auf ihren Sitzen vibrierten und unzusammenhängende Glucksgeräusche machten, gleichsam in Zungen sprachen. Andere Kinder, älter und weniger ängstlich als seine, rasten hinab zur Kunststoffeinfassung, um sich nassspritzen zu lassen und ruderten wild mit den Armen. Die Killerwale mit ihren Emmett-Kelly-Augen waren die glorreichen Todesclowns Gottes. Ihre üppigen muskulösen Körper waren das Unverfrorenste, was Veganer in der Schwebe je gesehen hatte. Sie wirkten wie von Albert Speer modifizierte Pandabären. Immer diese Holocaust-Anspielungen, hatte Renker einmal gesagt. Warum überlassen Sie das nicht uns?

Die Zwillinge saßen zwischen ihm und seiner Frau, hielten einander bei den Händen, die Augen weit aufgerissen, überwältigt von ihrem unbestechlichen Sehnen.

»Deidre hat Angst«, sagte Chloe.

»Hab ich gar nicht«, sagte Deidre. Sie sprach wie im Traum, ohne den Blick vom Becken abzuwenden. Veganer in der Schwebe verlangte es schmerzlich danach, die Mädchen in einer Art schützendem Anbau in Sicherheit zu bringen, der von seiner beschädigten Seele abging. Aber die Mädchen ließen sich nicht in Sicherheit bringen, so wie das Stadion sich nicht in Sicherheit bringen ließ, genauso wenig wie die Welt. Das alles lag ungeschützt unter dem Himmel, egal welchen Strahlen auch immer gegenüber, die durch die geschundene Atmosphäre sickerten. Die Mädchen waren Himmel und Killerwalen ausgeliefert, die durch ihre wehrlosen Herzen sprangen. Außerdem verfügte Veganer in der Schwebe auch gar nicht über einen schützenden Anbau, der von seiner Seele abging. Das war reine Fantasie, genau wie die ein- und ausfahrbare Klinge am Kombi seiner Eltern.

Was würden die Mädchen über Killerwale denken, wenn sie irgendwann einmal die ganze Wahrheit erfuhren? Die Verheerungen der Welt stapelten sich überall und warteten geduldig darauf, von seinen Töchtern beachtet zu werden. Eines Tages würden sie ganz von selbst all die Dokumentarfilme und Webseiten entdecken. Sie werden womöglich dazu neigen, ihre Kinder zu bemerken, hätte Renker ihn warnen sollen.

Gleichzeitig, auf der anderen Seite der Zwillinge, ein Mysterium: seine Frau. Die, mit der er einmal so gut wie eins gewesen war. Dann, so als habe er sie angerempelt und zwei Teile herausgebrochen, waren die Zwillinge aufgetaucht. Im letzten Jahr hatte sie etwas Opakes bekommen, so als habe sie ihn freiwillig schonen wollen. Ihre menschliche Silhouette füllte nun etwas aus, das Veganer in der Schwebe im Gespräch mit Renker als »Wolke des Unbekannten« beschrieben hatte. Sie hatte ihn an die Celexa-Odyssey herangeführt und sie mit ihm durchgestanden, was aber kam jetzt? Würde sie nun ihr lange vertagtes Urteil fällen?

Als er aus dem Shamu Stadium heraustrat, hatte Veganer in der Schwebe das Gefühl, dem Urteil seiner Frau standhalten zu können, genauso wie er SeaWorld standhalten konnte und SeaWorld sich selbst. Weder die Veteranen, noch die Orcas, noch er selbst waren ausgerastet und hatten jemanden zerkaut oder bajonettiert. Wenn die Orca-Show der Höhepunkt gewesen war, der Härtetest, konnten sie dann jetzt nicht gehen? Er sehnte sich nach den trivialen Tröstungen, die das Motel, die Familie auf zwei Doppelzimmer verteilt, bereithielt: Zimmerservice, Club-Sandwichs und noch mehr Pay-per-View-Disney.

»Also«, sagte er und klatschte in die Hände. »Sollen wir den Parkplatz suchen?«

»Das sind Tagestickets«, sagte seine Frau. »Rebeccas Mutter meinte, wir sollten auf keinen Fall die Kleintier-Show verpassen.«

»Ich habe Hunger«, sagte er.

»Kleintier-Show, Kleintier-Show!«, skandierten die Mädchen.

»Zu essen gibt es auch hier«, sagte seine Frau spitz. »Und wir sind extra hergefahren und haben für den ganzen Tag bezahlt. Die Mädchen haben Monate gewartet.« Dieses Mal sah sie ihm in die Augen, bevor er den Blick abwenden konnte und er wurde umhüllt von der Wolke des Unbekannten.

Die nächste Kleintier-Show begann um eins, also parkten sie den Buggy an einem schattigen Platz und Veganer in der Schwebe machte sich auf die Suche nach etwas Essbarem. Er fand eine Pizzeria, aber man musste exorbitant lang auf einen Tisch warten, und sich ins dunkele Innere zu drängeln, auch um nur etwas zum Mitnehmen zu bestellen, konnte er sich ebenfalls nicht vorstellen. An einem Stand vor dem Restaurant grillte ein Mann Truthahnkeulen. Die Schlegel sahen seltsam urzeitlich aus – man war doch hier nicht im Mittelalter! – aber der Geruch des versengten Fleisches brachte Veganer  in der Schwebe zum Geifern.

Essen sehen, Essen essen.

Sea World, Eat World.

Er bereute den Kauf bereits in dem Moment, als er ihn tätigte. Die Schlegel waren Fleischabfall, von irgendeiner industriellen Farm zu Gunsten des Brust-Produkts entsorgt worden. SeaWorld konnte da genauso gut Pferdehufe oder eingelegte Kuhaugen verkaufen. Dennoch trug er es zurück zum Buggy und kam sich dabei wie Fred Flintstone vor. Von seiner Frau ungläubig angestarrt, riss er Fetzen von dem riesigen knorpeligen Schlegel, um seine Mädchen damit zu füttern, wie eine Vogelmutter ihre Neulinge im Nest. Die knusprige Haut löste sich als Ganze und war, einmal abgetrennt, einfach zu widerlich, um sie nicht direkt wegzuwerfen. Die Mädchen spülten das Fleisch mit Orangensaft herunter. Papierservietten klebten ihnen in Fetzen an Gesicht und Fingern.

Da noch eine Viertelstunde Zeit war, machten sie noch einen Abstecher zu den Fledermausrochen, die man in ihrem Bassin anfassen konnte. Wie bei den Flamingos, musste Veganer in der Schwebe die Zwillinge ganz nach vorn drängeln, damit sie die Chance hatten, ihre Hände in das flache, bloß hüfthohe Becken zu tauchen und die glatten, gummiartigen Rochen darunterhergleiten zu lassen. Den Mädchen stockte der Atem. So mochte es sich anfühlen, wenn man einen Killerwal berührte. Hier fand sie womöglich endlich statt, die tatsächliche Begegnung, die Sache, wofür sie eigentlich hergekommen waren, und einen Moment lang verschwanden für Veganer in der Schwebe alle Barrieren, waren die Truthahnaugen vergessen, bekam die Hintergrundmusik etwas Erhabenes, so als komme sie aus weit entfernten Sphären.

Das Bassin mit den geschmeidigen Rochen beherbergte aus irgendeinem Grund ebenfalls einen verhornten Stör mit knotigem Gesicht. Ein Schild warnte jene, die die Rochen berührten, nicht zu versuchen, auch den Stör anzufassen. Veganer in der Schwebe hingegen, in seiner Verzückung, versuchte es. In Reaktion darauf, sperrte der Stör das Maul auf und schnappte hinauf zu ihm, wo er inmitten so vieler vergnügter Kinder stand, seinen eigenen und anderen. Voller Angst zuckte Veganer in der Schwebe zurück. Der Stör nahm seinen Kurs wieder auf, Made im Fleisch des Rochenbassins.

»Habt ihr das gesehen?«, fragte er seine Töchter und jeden anderen, der vielleicht Zeuge gewesen war.

»Was gesehen?«, sagte Chloe.

»Den Stör! Der hat mich praktisch angekläfft!«

»Daddy«, sagte Chloe zärtlich.

Die Kleintier-Show verfügte über ein eigenes Stadion, eine kleinere Arena, ein paar Tribünen im Wesentlichen, die vor einer Bühne aufgestellt waren, ausgerüstet mit Leitern, Fenstern, Hindernisparcours und gigantischen Plastikskulpturen einer Milchflasche und eines hellroten Turnschuhs. Anders als im Shamu Stadion, waren die Sitze hier spärlich besetzt und Veganer in der Schwebe und seine Frau und Kinder fanden in der dritten Reihe Platz. Nur einen Augenblick später begann die Vorführung. Zu den Klängen von »Who Let the Dogs Out?«, ergossen sich, wie in einer Sequenz kurz vorm Abspann, eine Flut von Hunden und Hauskatzen aus verschiedenen Geheimtüren über die Kunstrasenbühne, gefolgt von einem Schwein, einem Vogel Strauß und einer Reihe Enten. Die Hunde sprangen auf eine Wippe und katapultieren Miniburger aus Plastik in Richtung einer Herdattrappe. Die Katzen kletterten ein Seil hoch. Die Zwillinge waren außer sich. Einer der Hunde zog an einem Hebel und löste ein aufgerolltes Banner, auf dem in Fingernägel-auf-Schultafel-Schrift der Titel der Show stand: »Hier haben wir Tiere das Sagen!«

»Das ist ja wohl ein klassisches Beispiel für Hitlers Technik der großen Lüge, meinst du nicht auch?«, sagte Veganer in der Schwebe.

»Was?«, sagte seine Frau.

»›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ Haben sie nicht. Sie machen bloß … es stimmt einfach nicht. Ich find´s furchtbar hier.«

»Pst.«

»Wir machen uns mitschuldig an einem weithin bekannten Albtraum«.

»Ich habe noch nie etwas Kritisches über die Kleintier-Show gelesen.«

Weil alle damit beschäftigt sind, diese ästhetisch-moralische Kalamität aus ihren Köpfen zu tilgen, wollte er sagen. Gibt es Erlaß für diese Art Erkennen?1 Stattdessen sagte er: »Der Stör hat mir da vorhin fast den Finger abgebissen.«

»Jetzt ist es zu spät, glaub ich.«

»Wofür, für den Fisch, meinen Finger zu fressen?«

»Nein, für dich und den Fisch, um bei ›60 Minutes‹ aufzutreten, weil der Ort hier ja durchaus schon vorher mal in den Medien war.«

Ein Showmaster im Baseballtrikot und mit Headset-Mikrofon erschien und begann die Kleintier-Show anzumoderieren. Irgendein gescheiterter Schauspieler, vermutete Veganer in der Schwebe. Seit sein Bewerbungsfoto in der Personalabteilung von SeaWorld gelandet war, war der Junge dazu verdammt, fünfmal täglich diesen unsäglichen Sermon abzuspulen. Er erläuterte die Kleintier-Olympiade, bei der die dressierten Hunde gegeneinander antreten würden, rief dann die Stars der Show namentlich auf und ermunterte die Kinder im Publikum, bei jedem noch so dämlichen Mätzchen zu klatschen und zu kreischen. »Unsere Freunde sind allesamt Rettungshunde«, erklärte er. »Bis zu ihrem ersten Auftritt bei ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ trainieren sie beinahe drei Jahre lang und ihr habt großes Glück, denn wir haben einen ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹-Neuling, der heute zum ersten Mal dabei ist, einen süßen kleinen Kerl namens Bingo. Ich möchte, dass ihr ihm, wenn ich ihn auf die Bühne rufe, dafür Respekt zollt, dass er zum ersten Mal vor ein Publikum tritt, und hoffe, dass ihr Bingo doll liebhabt und ihn nun ganz herzlich begrüßt …«

Bingo war ein Jack-Russell-Terrier. Er schien, so der erste Eindruck, durchaus reif für die Hauptsendezeit zu sein, überschlug sich zweimal, rückte dann mit einer hellroten Zange einem überdimensionierten Hydranten zuleibe, was darin resultierte, dass eine Wasserfontäne ein unbeteiligtes Ferkel traf und den Zuschauern in der ersten Reihe ins Gesicht spritze, die vor Freude jauchzten. Er stand auf den Hinterbeinen, grinste breit und schlang dann die diskrete Belohnung von der Handfläche des Showmasters. Dann aber sprang der neue Hund von der Bühne, krabbelte über die beiden ersten Reihen hinweg und in die  Arme von Veganer in der Schwebe. Dort fing Bingo an, wie besessen an dessen Kinn und Lippen zu lecken und zu knabbern, wobei das wirbelnde Gelecke immer wieder von winzigen scharfen Bissen unterbrochen wurde.

»Bingo!«, rief der Showmaster von der Bühne aus. Das nasse Ferkel ging zögernd ab, aus den Boxen kam allerdings noch immer gackernde Musik, was dem Ganzen einen Anstrich der Übermütigkeit gab. Der Hund wandte sich nun blindwütig seinen Nasenlöchern zu. Veganer in der Schwebe war unentschieden, ob all dies Teil der Show war oder nicht. Chloe und Deidre reagierten mit Entzücken, streckten die Hände aus, um den Hund zu streicheln, der ihren Vater in den Sitz presste. Auch seine Frau tätschelte den Hund und Veganer in der Schwebe spürte, wie ihr Arm leicht seinen Bauch berührte, das erste Mal seit Monaten. Andere in ihrer Reihe wichen zurück.

Es war ihr einstiger Hund, erst gerettet und dann verlassen, ein zweites Mal gerettet und nun dressiert worden, der ihnen jetzt zurückgegeben wurde. Bingo, begriff Veganer in der Schwebe, war Maurice. Genau wie er hatte auch das Tier zwei Namen. Und das hatte ihn gleich erkannt und war von der Bühne gesprungen, um sich dafür zu entschuldigen, die Familie im Stich gelassen zu haben, den Mann und die Frau und die Zwillingsmädchen, die nun außerhalb des Körpers der Ehefrau waren, statt darin, der Maurice zuletzt bekannte Ort. Der Hund war gekommen, um dem Alphatier seines ehemaligen Rudels seine Referenz zu erweisen. Mit seiner animalischen Schläue erkannte Maurice, dass Veganer in der Schwebe das Medikament nun nicht mehr nahm. Oder war der Gedanke geisteskrank? Er war geisteskrank. Der Vogel Strauß war inzwischen aus seinem Versteck hinter dem Vorhang hervorgekommen und lief in Gänseschritten bis vor zur Bühnenkante, offenbar nicht auf irgendein Stichwort hin. Die Kleintier-Show zerfiel in ihre Bestandteile. Ein Vogel Strauß ist kein Kleintier. Die Untaten von Veganer in der Schwebe waren Legion, selbst wenn der Hund ihm, auf seine automatische Weise, Absolution erteilen würde, gerade wo seine Hände mit Truthahnsoße verschmiert waren. Seine Untaten schrien zu einem unermesslichen Himmel. Nicht alles gleich global sehen, sagte Irving Renker in seinem Kopf, während die rasende Zunge des Terriers sich in die Schwimmhaut zwischen seinen Fingern bohrte.

Die Rue Las Cases lag ruhig da wie im Hochsommer, jedes offene Fenster wurde von einer gelben Markise geschützt. Die schönen Tage waren zurückgekehrt; es war der erste Frühlingssonntag. Lau, ungeduldig, unruhig trieb er die Menschen aus den Häusern, aus den Städten. Der Himmel strahlte in sanftem Glanz. Man hörte den Gesang der Vögel im Square Sainte-Clotilde, ein erstauntes und träges zartes Piepen, und in den stillen, hallenden Straßen das rauhe Krächzen der Autos, die aufs Land fuhren. Keine andere Wolke als eine kleine, fein gerollte weiße Muschel, die einen Augenblick am Himmel schwebte und im Blau zerschmolz. Mit entzücktem, vertrauensvollem Gesichtsausdruck hoben die Passanten den Kopf und atmeten lächelnd den Wind.

Agnès schloß halb die Fensterläden: Die Sonne war warm, die Rosen würden zu rasch aufblühen und absterben. Die kleine Nanette kam hereingerannt, von einem Fuß auf den andern hüpfend.

»Darf ich rausgehen, Mama? Es ist so schönes Wetter.«

Schon ging die Messe zu Ende. Schon liefen die Kinder in hellen Kleidern mit nackten Armen durch die Rue Las Cases, ihre Gebetbücher in den weißbehandschuhten Händen, und umringten eine kleine Kommunikantin mit dicken roten Wangen unter ihren Schleiern. Rosige und gebräunte Waden, flaumig wie Früchte, schimmerten in der Sonne. Aber noch läuteten die Glocken, langsam und melancholisch schienen sie zu sagen: »Geht, gute Leute, wir bedauern, euch nicht länger behalten zu können. Wir haben euch beschützt, so lange wir konnten, aber nun müssen wir euch der Welt und euren Sorgen zurückgeben. Geht jetzt, die Messe ist gelesen.«

Als sie verstummten, war die Straße vom Duft des warmen Brots erfüllt, der stoßweise aus der offenen Bäckerei drang; man sah die frisch gereinigten Fliesen blinken, und die in die Wände eingelassenen schmalen Spiegel glänzten matt im Dunkel. Dann ging ein jeder nach Hause.

Agnès sagte:

»Nanette, sieh nach, ob Papa fertig ist, und sag Nadine Bescheid, daß das Essen auf dem Tisch steht.«

Guillaume trat ein und verbreitete den Geruch nach edlen Zigarren und Lavendelwasser, den sie immer mit Unbehagen einatmete. Er war, noch mehr als sonst, fett, gesund und glücklich.

Sobald sie bei Tisch saßen, verkündete er:

»Ich will Ihnen gleich sagen, daß ich nach dem Essen wegfahre. Wenn man die ganze Woche in Paris erstickt ist, ist es das mindeste … Verlockt Sie das wirklich nicht?«

»Ich möchte die Kleine nicht allein lassen.«

Guillaume zog Nanette, die ihm gegenübersaß, an den Haaren; sie hatte in der letzten Nacht einen Fieberanfall gehabt, der allerdings so leicht gewesen war, daß ihre frische Farbe nicht gelitten hatte.

»Sie ist nicht sehr krank. Sie hat einen wunderbaren Appetit.«

»Oh, sie macht mir keine Sorgen, Gott sei Dank«, sagte Agnès. »Ich werde sie bis vier Uhr hinausgehen lassen. Wo fahren Sie hin?«

Guillaumes Miene verdüsterte sich.

»Ich … Oh, ich weiß noch nicht … Sie haben die Manie, alles im voraus festzulegen… In die Gegend von Fontainebleau oder Chartres, aufs Geratewohl, ins Blaue… Nun? Begleiten Sie mich?«

›Sein Gesicht möchte ich sehen, wenn ich einwilligte‹, dachte Agnès. Das ein wenig verkrampfte Lächeln im Winkel ihrer zusammengepreßten Lippen irritierte Guillaume. Aber sie antwortete wie gewöhnlich:

»Ich habe im Haus zu tun.«

Und sie dachte: ›Wer ist es diesmal?‹

Guillaumes Mätressen. Ihre eifersüchtige Unruhe, ihre schlaflosen Nächte. Wie fern das alles jetzt war. Er war groß und dick, ein wenig kahl, sein ganzer Körper befand sich in behaglichem, sicherem Gleichgewicht, und sein Kopf saß fest auf einem breiten, kräftigen Hals; er war fünfundvierzig, ein Alter, in dem der Mann am stärksten, am schwersten ist, mit beiden Beinen auf der Erde steht und sein dickes Blut kräftig durch die Adern fließt. Wenn er lachte, schob er seinen Unterkiefer vor und entblößte alle seine weißen Zähne, auf denen kaum Gold zu sehen war.

›Wer‹, überlegte Agnès, ›hat gesagt: Du machst eine Grimasse wie ein Wolf, wie ein wildes Tier, wenn du lachst? Bestimmt war er davon unsäglich geschmeichelt. Früher hatte er diese Gewohnheit nicht.‹

Sie erinnerte sich, wie er jedesmal in ihren Armen weinte, wenn ein Liebesabenteuer zu Ende ging, und an das kurze Stöhnen, das seinen Lippen entwich, während er den Mund leicht öffnete, als wollte er seine Tränen schlürfen. Armer Guillaume…

»Ich, ich…«, sagte Nadine.

So begann sie ihre Sätze immer. Ausgeschlossen, in ihren Gedanken oder in ihren Äußerungen ein Wort, einen Geistesblitz zu finden, der sich nicht auf sie selbst bezog, auf ihre Kleider, ihre Freunde, ihre Strumpfmaschen, ihr Taschengeld, ihre Vergnügungen. Sie war… strahlend. Ihre Haut war so weiß wie bestimmte samtweiche Blüten, blaß und leuchtend zugleich, wie der Jasmin, die Kamelie, aber man sah das pochende junge Blut hindurchscheinen, in ihre Wangen steigen, die Lippen schwellen, die wirkten, als werde gleich ein Saft aus ihnen herausspritzen, rosa und feurig wie Wein. Ihre Augen glitzerten.

›Sie ist zwanzig‹, sagte sich Agnès, die sich ein weiteres Mal bemühte, die Augen zu schließen und von dieser allzu strahlenden, allzu gierigen Schönheit, von diesem schallenden Lachen, diesem Egoismus, diesem jungen Feuer, dieser diamantenen Härte nicht verletzt zu werden. ›Sie ist zwanzig, es ist nicht ihre Schuld … Das Leben wird sie abkühlen, besänftigen, zur Vernunft bringen wie alle anderen.‹

»Mama, darf ich Ihren roten Schal nehmen? Ich werde ihn bestimmt nicht verlieren. Und, Mama, darf ich spät heimkommen?«

»Zuerst einmal, wo gehst du hin?«

»Aber das wissen Sie doch, Mama! Nach Saint-Cloud zu Chantal Aumont! Arlette holt mich ab. Mama, darf ich spät heimkommen? Also, nach acht? Sie werden nicht böse sein?

Denn an einem Sonntag um sieben möchten wir die Steigung von Saint-Cloud vermeiden.«

»Sehr vernünftig«, sagte Guillaume.

Das Essen ging zu Ende. Mariette hatte die Speisen rasch aufgetragen. Sonntag … Sobald das Geschirr gespült war, würde auch sie ausgehen.

Sie aßen mit Orangensaft getränkte Crêpes; Agnès hatte Mariette geholfen, den Teig anzurühren.

»Köstlich«, sagte Guillaume mit Feingefühl.

Schon hörte man durch die offenen Fenster die Teller klirren, manche ganz sachte wie in dem dunklen Erdgeschoß, wo zwei alte Jungfern im Dunkel Zuflucht fanden, andere fröhlicher, lebhafter. So auch im Haus gegenüber, wo samt seinen zwölf Gedecken das große glänzende Damasttischtuch mit den harten Falten schimmerte, in dessen Mitte ein Korb mit weißen Rosen zur Erstkommunion prangte.

»Ich gehe schon und mache mich fertig, Mama. Ich möchte keinen Kaffee.«

Guillaume trank wortlos und hastig seine Tasse aus. Mariette begann den Tisch abzudecken.

›Wie eilig sie es haben‹, dachte Agnès, während ihre flinken, mageren Hände mechanisch Nanettes Serviette falteten, ›nur ich …‹

Nur für sie war der herrliche Sonntag ohne Reiz.

›Ich hätte nie geglaubt, daß sie so häuslich, so abgestumpft werden könnte‹, dachte Guillaume. Er sah sie an, atmete tief ein, blähte den Brustkorb, glücklich und stolz, diesen Andrang an Kraft in sich zu spüren, die die schönen Tage seinem Körper zu verleihen schienen. ›Ich bin wunderbar in Form. Ich halte mich erstaunlich gut‹, sagte er sich noch, als er sich an die vielen Krisen und an die Geldsorgen erinnerte… Germaine, die sich an ihn klammerte, der Teufel soll sie holen… die Steuern… alles, was ihn mit Recht hätte deprimieren, traurig stimmen können. Aber nein! ›So bin ich schon immer gewesen! Ein Sonnenstrahl, die Aussicht auf einen Sonntag außerhalb von Paris, in Freiheit, eine gute Flasche, eine hübsche Frau an meiner Seite, und ich bin zwanzig! Ja, ich lebe‹, beglückwünschte er sich, während er seine Frau mit dumpfer Feindseligkeit betrachtete; ihre kalte Schönheit irritierte ihn, ebenso die spöttische, verkrampfte Falte ihrer schmalen Lippen. Laut sagte er:

»Falls ich in Chartres übernachten sollte, werde ich Sie natürlich anrufen. Jedenfalls bin ich morgen früh wieder zurück. Ich komme hier vorbei, bevor ich ins Büro fahre.«

Mit sonderbarer, schmerzhafter Kälte dachte Agnès: ›Eines Tages wird das Auto mit ihm und der Frau, die er liebkost, nach einem zu üppigen Mahl gegen einen Baum fahren. Ein Telefonanruf aus Senlis oder Auxerre. Wirst du leiden?‹ fragte sie neugierig ein unsichtbares, stummes, aufmerksames Bild ihrer selbst im Dunkel. Aber das Bild, schweigsam und gleichgültig, antwortete nicht, und Guillaumes Gestalt schob sich zwischen sie und den Spiegel.

»Bis bald, meine Liebe.«

»Bis bald, mein Freund.« Dann war er weg.

»Soll ich den Teetisch im Salon herrichten, Madame?« fragte Mariette.

»Nein, lassen Sie nur. Ich werde es selbst tun. Sobald die Küche aufgeräumt ist, können Sie gehen.«

»Danke, Madame«, sagte das junge Mädchen, deren Wangen plötzlich heftig erröteten, als hätte sie sie an ein loderndes Feuer gehalten. »Danke, Madame«, wiederholte sie mit einem schmachtenden Blick, bei dem Agnès spöttisch die Achseln zuckte.

Agnès streichelte das glatte, schwarze Köpfchen von Nanette, die sich abwechselnd in den Falten ihres Kleides verbarg, dann lachend das Gesicht vorstreckte.

»Wir beide werden es schön ruhig haben, mein Liebes.« Unterdessen zog sich Nadine in ihrem Zimmer eilig an, puderte ihren Hals, ihre nackten Arme, den Ansatz ihres Busens, dort, wohin Rémi im Dunkel des Wagens seine trockenen, glühenden Lippen gelegt hatte, die Stelle, die er mit raschen, flammendheißen Küssen bedeckt hatte. Halb drei… Arlette war noch nicht da. ›Bei Arlette wird Mama keinen Verdacht schöpfen.‹ Das Stelldichein war für drei Uhr geplant. ›Wenn man bedenkt, daß Mama nichts sieht. Sie war doch auch einmal jung …‹, dachte sie und versuchte vergebens, sich die Jugend, die Verlobung, die ersten Ehejahre ihrer Mutter vorzustellen.

›Sie ist wohl immer so gewesen. Ordnung, Ruhe. Weiße Leinenkragen … Guillaume, zerbrechen Sie meine Rosen nicht… Ich dagegen…‹

Sie erbebte, biß sich sanft auf die Lippen, näherte ihr Gesicht dem Spiegel. Nichts geiel ihr so sehr wie ihr Körper, ihr Blick, ihre Züge, die Form des weißen und reinen jungen Halses, wie eine Säule. ›Es ist wunderbar, zwanzig zu sein‹, dachte sie iebrig. ›Können alle jungen Mädchen es so sehen wie ich, können sie diese Seligkeit auskosten, diese Glut, diese Kraft, dieses heiße Blut? Dies alles ebenso stark und tief fühlen wie ich? Im Jahre 1934 zwanzig sein, das ist für eine Frau … herrlich‹, sagte sie sich und erinnerte sich undeutlich an die Campingnächte, die Rückfahrt im Morgengrauen in Rémis Wagen (während ihre Eltern sie bei einem Ausflug mit Freunden auf der Île Saint-Louis wähnten, um sich unschuldig den Sonnenaufgang über der Seine anzuschauen) und an das Skifahren, das Schwimmen im Freien, das kalte Wasser auf ihrem jungen Körper, an Rémis Hand, der seine Fingernägel in ihren Nacken grub, ihre kurzen Haare sanft nach hinten zog… ›Und diese Eltern, die nichts sehen! Freilich, zu ihrer Zeit… Ich stelle mir meine Mutter in meinem Alter vor, den ersten Ball, die niedergeschlagenen Augen. Rémi… Ich bin verliebt‹, sagte sie zu ihrem lächelnden Spiegelbild. ›Aber man muß auf Rémi aufpassen, so schön, so von sich eingenommen, verwöhnt von den Frauen, den Huldigungen. Bestimmt läßt er einen gerne leiden.‹

»Aber wir werden ja sehen, wer der Stärkere ist«, murmelte sie, ballte nervös die Fäuste, spürte ihre Liebe tief in ihrem Innern pochen wie einen stürmischen Wunsch nach Kampf, nach einem feurigen, grausamen Spiel.

Sie lachte. Und ihr Lachen klang so hell, so frech, so frisch in der Stille, daß sie bezaubert innehielt und die Ohren spitzte, als lauschte sie dem Echo eines seltenen, vollkommenen Musikinstruments.

›Manchmal scheint mir, als wäre ich vor allem in mich selbst verliebt‹, dachte sie, als sie sich ihre grüne Kette um den Hals legte, deren kleine Kugeln schimmerten und die Sonne reflektierten. Ihre reine, feste und glatte Haut hatte jene glossiness der jungen Tiere, der Blumen, der Pflanzen im Mai, ein Glanz, dessen Vergänglichkeit man fühlte, der jedoch zur äußersten Vollkommenheit gelangt war. ›Nie wieder werde ich so schön sein.‹

Sie parfümierte sich, vergeudete absichtlich das Parfüm, verteilte es auf ihrem Gesicht, ihren Schultern: Alles, was auffällig, extravagant war, stand ihr an diesem Tag! ›Ich möchte ein feuerrotes Kleid haben, Zigeunerschmuck.‹ Sie erinnerte sich an die zarte und matte Stimme ihrer Mutter:

»Alles mit Maßen, Nadine!«

»Diese alten Leute«, sagte sie sich verächtlich.

Auf der Straße vor dem Haus hatte Arlettes Wagen angehalten. Nadine nahm ihre Handtasche, die Baskenmütze, die sie sich im Laufen auf den Kopf setzte, rief vorbeifliegend:

»Auf Wiedersehen, Mama!«, und verschwand.

»Ich möchte, daß du dich ein wenig auf dem Sofa ausruhst, Nanette. Du hast heute nacht so schlecht geschlafen. Ich werde neben dir arbeiten!« sagte Agnès. »Danach kannst du mit Mademoiselle rausgehen.«

Die kleine Nanette rollte einen Augenblick ihre rosa Schürze in den Händen, drehte sich hin und her, rieb ihr Gesicht an den Kissen, gähnte, schlief ein. Sie war fünf Jahre alt. Wie Agnès hatte sie die Haut einer Blondine, blaß und frisch, schwarzes Haar und dunkle Augen.

Leise setzte sich Agnès neben sie. Das Haus war still, verschlafen. Draußen hing der Duft des Filterkaffees in der Luft. Das Zimmer war von einem gelben, warmen, sanften Schatten erfüllt. Agnès hörte, wie Mariette behutsam die Küchentür zumachte und durch die Wohnung ging; sie lauschte ihren Schritten, die sich auf der Dienstbotentreppe entfernten. Sie seufzte; es überkam sie ein seltsames, wehmütiges Glücksgefühl, ein köstlicher Friede. Die Stille, die leeren Zimmer, die Gewißheit, daß bis zum Abend niemand sie stören, daß weder ein Schritt noch eine fremde Stimme in dieses Haus, diese Zuflucht dringen würde … Die Straße war ruhig und menschenleer. Nur eine unsichtbare Frau spielte Klavier, im Schutz ihrer heruntergelassenen Jalousien. Dann verstummte alles. Zur selben Zeit preßte Mariette ihre breiten, nackten Hände um ihre sonntägliche Handtasche aus

»Schweinslederimitat«, eilte zur Metrostation Sèvres-Croix-Rouge, wo ihr Liebhaber sie erwartete, und Guillaume sagte im Wald von Compiègne zu einer üppigen Blondine, die neben ihm saß: »Es ist leicht, mich zu tadeln, dabei bin ich kein schlechter Ehemann, aber meine Frau…« Nadine flitzte in Arlettes kleinem grünem Auto am Gitter des Jardin de Luxembourg entlang. Die Kastanienbäume standen in Blüte. Die Kinder tollten in ärmellosen Frühlingsjäckchen herum. Voller Bitterkeit dachte Arlette, daß niemand auf sie wartete; niemand liebte sie. Man duldete sie wegen ihres kostbaren grünen Wagens und ihrer mit Schildpatt umrandeten runden Augen, die den Müttern Vertrauen einflößten. Glückliche Nadine!

Es blies ein kräftiger Wind; die jäh nach links sich neigenden Wasserstrahlen des Springbrunnens besprühten die Passanten mit glitzerndem Staub. Die jungen Bäume im Square Sainte-Clotilde bewegten sich sachte.

›Welch ein Frieden‹, dachte Agnès.

Sie lächelte; weder ihr Mann noch ihre älteste Tochter kannten dieses langsame und seltene vertrauensvolle Lächeln, das ihre Lippen ein wenig öffnete.

Sie stand auf, um leise das Wasser der Rosen zu wechseln; sorgfältig beschnitt sie die Stengel; die Rosen gingen langsam auf, und die Blütenblätter schienen sich wie mit Bedauern zu öffnen, furchtsam und in einer Art göttlicher Schamhaftigkeit.

›Wie wohl man sich hier fühlt‹, dachte Agnès.

Ihr Haus… Die Zuflucht, die verschlossene, warme Muschel, verschlossen gegen den Lärm von draußen. Wenn sie in der Winterdämmerung die Rue Las Cases entlangging und über der Tür die in den Stein gemeißelte lächelnde Frauenigur erkannte, dieses vertraute, mit schmalen Bändern geschmückte sanfte Gesicht, fühlte sie sich auf geheimnisvolle Weise erleichtert, besänftigt, von ruhigem Glück durchströmt. Ihr Haus… Die köstliche Stille, dieses leichte, flüchtige Knacken der Möbel, die zarten Marketerien, die schwach im Dunkel schimmerten, wie sehr sie das alles liebte. Sie setzte sich, ließ sich tief in einen Sessel sinken, sie, die sich sonst immer so gerade hielt, den Rücken nicht beugte und den Kopf nicht senkte.

›Guillaume sagt, daß ich die Dinge mehr liebe als die Menschen… Das ist möglich!‹

Sie umgaben sie mit süßem, stummem Zauber. Die mit Schildpatt und Kupfer verzierte Standuhr schlug langsam und friedlich in der Stille.

Das musikalische, vertraute Klingen einer silbernen Tasse, die im Dunkel glänzte, antwortete auf jede Bewegung, jeden Seufzer, wie ein Freund.

Das Glück? ›Man verfolgt es, man sucht es, man rackert sich ab, und es ist nur hier‹, sagte sie sich, ›es entsteht in dem Augenblick, wo man nichts mehr erwartet, nichts mehr erhofft, nichts mehr befürchtet. Natürlich, die Gesundheit der Kleinen…‹ Mechanisch beugte sie sich herab, berührte Nanettes Stirn mit den Lippen. ›Frisch wie eine Blume, Gott sei Dank. Auf nichts mehr hoffen, welcher Friede. Wie ich mich verändert habe‹, dachte sie, als sie sich an ihre Vergangenheit erinnerte, an ihre unsinnige Liebe zu Guillaume, an diesen kleinen Square irgendwo in Passy, wo sie an Frühlingsabenden auf ihn gewartet hatte. Ihre Familie, ihre abscheuliche Schwiegermutter, der Lärm ihrer Schwestern in dem traurigen, düsteren kleinen Salon. »Ah, nie werde ich der Stille überdrüssig sein.« Sie lächelte, sagte leise, als ob die Agnès von einst mit ihren schwarzen Zöpfen, die ihr blasses junges Gesicht umrahmten, neben ihr säße und ihr ungläubig lauschte:

»Das wundert dich? Habe ich mich verändert?«

Sie schüttelte den Kopf. In ihrer Erinnerung kam es ihr vor, als wäre jeder Tag der Vergangenheit regnerisch und traurig gewesen, jedes Warten vergeblich, jedes Wort grausam oder verlogen.

›Ah, wie nur kann man der Liebe nachweinen? Glücklicherweise ähnelt Nadine mir nicht. Diese Kleinen sind ja so kalt, so gefühllos. Nadine ist noch ein Kind, aber auch später wird sie nie so lieben, so leiden können wie ich. Um so besser im übrigen, um so besser, mein Gott. Nanette wird wahrscheinlich genauso sein wie ihre Schwester.‹

Sie lächelte; es war so seltsam, sich vorzustellen, daß aus diesen dicken und glatten rosigen Wangen, diesen unbestimmten Zügen einmal das Gesicht einer Frau werden würde. Sie streckte die Hand aus, streichelte sanft das feine schwarze Haar. ›Die einzigen Augenblicke, an denen meine Seele sich ausruht‹, dachte sie, und sie erinnerte sich an eine Jugendfreundin, die immer sagte: »Meine Seele ruht sich aus…«, wobei sie halb die Augen schloß und eine Zigarette anzündete. Aber Agnès rauchte nicht. Nicht das Träumen liebte sie, sondern so dazusitzen und irgendeiner ganz bescheidenen, präzisen Beschäftigung nachzugehen, zu nähen, zu stricken, ihr Denken zu zwingen, sich zu beugen, demütig zu werden, ruhig und still zu sein, die Bücher zu ordnen, sorgfältig die Gläser aus böhmischem Kristall zu spülen und abzutrocknen, eines nach dem andern, die altmodischen, goldumrandeten langen Kelche, aus denen man den Champagner zu trinken pflegte. ›Das Glück… Ja, mit zwanzig kam mir das Glück anders, schrecklicher, größer vor, aber die Wünsche werden auf wundersame Weise kleiner und erfüllbarer, je näher man dem Ende aller Wünsche kommt‹, dachte sie, während sie einen Korb auf ihre Knie stellte, der eine begonnene Handarbeit, Nähseide, ihren Fingerhut, ihre goldene Schere enthielt. ›Braucht eine Frau, die die Liebe nicht liebt, denn mehr?‹

»Laß mich bitte hier raus, Arlette«, bat Nadine.

Es war drei Uhr. ›Ich werde ein wenig zu Fuß gehen‹, sagte sie sich. ›Ich will nicht als erste da sein.‹

Arlette gehorchte. Nadine stieg aus.

»Danke, meine Liebe.«

Das Auto fuhr weiter. Nadine ging die Rue de l’Odéon hinauf, wobei sie sich zwang, die Eile und das fröhliche Feuer zu zähmen, das ihren Körper erfaßte. ›Ich mag die Straße‹, dachte sie und schaute sich dankbar um. ›Zu Hause ersticke ich. Sie können nicht verstehen, daß ich jung bin, daß ich zwanzig bin, daß ich nicht umhinkann zu singen, zu tanzen, laut zu sprechen, zu lachen. Ich bin glücklich.‹ Mit Wonne spürte sie durch den dünnen Stoff ihres Kleides den Wind auf ihren Beinen. Leicht, luftig, frei, beflügelt, nichts hielt sie in diesem Augenblick auf der Erde fest, so schien ihr. ›Es gibt Momente, wo man sich mühelos in die Lüfte erheben könnte‹, dachte sie, von Hoffnung getragen. Wie schön die Welt war, wie liebenswert! Die strahlende Flut der Mittagssonne ließ nach, verwandelte sich in ein fahles, ruhiges Licht; an jeder Straßenecke verkauften Frauen Narzissensträuße, boten den Passanten ihre Körbe an. In den Cafés, auf den Terrassen tranken friedlich beisammensitzende Familien Granatapfelsirup, im Kreis um eine kleine Kommunikantin mit glühenden Wangen und glänzenden Augen. Und langsam, die Trottoirs versperrend, flanierten die Soldaten und Frauen in schwarzen Kleidern, Frauen mit roten und nackten großen Händen. »Hübsch«, sagte ein vorbeikommender Junge und schob wie zu einem Kuß die Lippen vor, während er Nadine gierig ansah. Sie lachte.

Mitunter verschwand die Liebe, sogar Rémis Bild. Es blieb nur eine Schwärmerei, ein Fieber, eine stechende, fast unerträgliche Glückseligkeit, die jedoch in ihren geheimsten Tiefen eine sonderbare, süße Angst zu bergen schien.

›Die Liebe? Liebt mich Rémi?‹ fragte sie sich plötzlich auf der Schwelle des kleinen Bistros, wo sie auf ihn warten sollte. ›Und ich? Vor allem sind wir Freunde, oder? Aber Freundschaft, Vertrauen ist etwas für alte Leute! Sogar Zärtlichkeit ist nichts für uns! Liebe ist etwas ganz anderes‹, dachte sie, als sie sich an den schmerzenden Stachel erinnerte, den die Küsse, die zärtlichsten Worte bisweilen im Innern zu bergen schienen. Sie trat ein.

Das Café war leer. Die Sonne schien. Eine Wanduhr schlug. Der kleine Raum, in dem sie sich setzte, war kühl wie ein Keller und roch nach Wein.

Er war nicht da. Sie fühlte, wie ihr Herz sich langsam zusammenkrampfte. ›Schon Viertel nach drei, das stimmt. Aber hat er denn nicht auf mich gewartet?‹

Sie bestellte aufs Geratewohl ein Getränk.

Jedesmal, wenn die Tür aufging, jedesmal, wenn eine männliche Gestalt auf der Schwelle erschien, klopfte dies ungebärdige Herz freudig und überflutete sie stürmisch mit Glückseligkeit, und jedesmal trat ein Unbekannter ein, betrachtete sie zerstreut und setzte sich ins Dunkel. Nervös preßte sie unter dem Tisch die Hände zusammen.

›Aber wo ist er? Warum kommt er nicht?‹

Dann senkte sie den Kopf und begann wieder zu warten.

Unerbittlich schlug die Uhr jede Viertelstunde. Die Augen auf den Zeiger geheftet, wartete sie bewegungslos, als könnte die vollständige Reglosigkeit den Gang der Zeit verlangsamen. Drei Uhr dreißig. Drei Uhr fünfundvierzig. Das war noch nicht viel. Zu beiden Seiten der halben Stunde besteht ja nur ein ganz kleiner Unterschied, desgleichen bei drei Uhr vierzig, aber wenn man sagt, zwanzig vor vier, Viertel vor vier, dann ist alles verloren, verdorben, unwiederbringlich verloren! Er wird nicht kommen, er hat sich über sie lustig gemacht! Mit wem ist er in diesem Augenblick zusammen? Wem sagt er: »Nadine Padouan? Die habe ich ganz schön an der Nase herumgeführt!« Sie spürte, wie herbe, bittere Tränen in ihren Augen brannten. Nein, nein, das nicht! Vier Uhr. Ihre Lippen bebten. Sie öffnete ihre Handtasche, blies auf die Puderquaste. Der auffliegende Puder umgab sie mit einer erstickenden Duftwolke. Sie sah ihre Züge in dem kleinen Spiegel, zitternd und verzerrt wie auf dem Grund des Wassers. ›Nein, ich werde nicht weinen‹, dachte sie, wild die Zähne zusammenbeißend. Mit bebenden Fingern ergriff sie ihren Lippenstift, fuhr sich damit über den Mund, puderte die seidige, bläuliche, glatte Höhlung unter ihren Augen, genau dort, wo sich später die erste Falte bilden würde. ›Warum hat er das getan?‹ Ein Kuß an einem Abend, war das denn alles, was er wollte? Einen Augenblick wurde sie von verzweifelter Erniedrigung ergriffen. Alle bitteren Erinnerungen, die sogar eine glückliche Kindheit enthalten kann, strömten in ihre Seele: jene unverdiente Ohrfeige ihres Vaters, als sie zwölf war; jener ungerechte Lehrer; jene kleinen englischen Mädchen in der Tiefe ihrer Vergangenheit, die lachend sagten: »We won’t play with you. We  don’t play with kids.«

›Ich leide. Ich wußte nicht, daß man so leiden kann.‹

Sie sah nicht mehr auf die Uhr. Reglos blieb sie sitzen. Wohin gehen? Hier fühlte sie sich geschützt, an ihrem Platz. Wie viele Frauen hatten gewartet wie sie, ihre Tränen heruntergeschluckt wie sie, mechanisch diese alte Moleskinbank gestreichelt, die sich warm und weich anfühlte wie das Fell eines Tiers? Doch plötzlich durchströmte sie wieder ein Gefühl stolzer Kraft. Was bedeutete das? ›Ich leide, ich bin unglücklich.‹ Oh, die schönen, völlig neuen Wörter: Liebe, Unglück, Begehren. Sie bildete sie sanft mit den Lippen.

»Ich möchte, daß er mich liebt. Ich bin jung. Ich bin schön. Er wird mich lieben, und wenn nicht er, dann andere«, murmelte sie und preßte nervös ihre Hände mit den glänzenden, wie Krallen spitzen Nägeln zusammen.

Fünf Uhr… Der kleine dunkle Raum erglühte mit einem Mal in goldenem Licht. Die Sonne hatte sich gedreht, erhellte den goldgelben Likör in ihrem Glas, beleuchtete die kleine Telefonkabine ihr gegenüber.

›Ein Anruf?‹ dachte sie iebrig. ›Vielleicht ist er krank?‹

»Ach was«, sagte sie, wütend die Achseln zuckend.

Sie hatte laut gesprochen; sie erschauerte. ›Aber was habe ich denn?‹ Sie stellte sich vor, er läge blutend, tot auf einer Landstraße. Im Auto raste er immer wie ein Verrückter…

»Soll ich anrufen? Nein!« murmelte sie und fühlte zum ersten Mal die Schwäche, die Feigheit ihres Herzens.

Zur selben Zeit schien tief in ihrem Innern eine Stimme geheimnisvoll zu flüstern: ›Schau genau hin. Hör genau zu. Erinnere dich. Niemals wirst du diesen Tag vergessen. Du wirst älter werden. Aber in der Stunde deines Todes wirst du diese offene, in der Sonne schlagende Tür wiedersehen. Du wirst diese Uhr die Viertelstunden schlagen hören, den Lärm wahrnehmen, die Rufe von der Straße.‹

Sie stand auf und ging in die kleine Telefonkabine, die nach Staub und Kreide roch; die Wände waren mit Bleistiftgekritzel bedeckt. Lange starrte sie auf eine in eine Ecke gezeichnete Frauengestalt. Schließlich wählte sie Jasmin 10-32.

»Hallo«, sagte eine Frauenstimme, eine unbekannte Stimme.

»Die Wohnung von Monsieur Rémi Alquier?« fragte sie, und der Klang ihrer Worte überraschte sie: ihre Stimme zitterte.

»Ja, wer ist am Apparat?«

Nadine schwieg. Undeutlich hörte sie ein träges sanftes Lachen, einen Ruf:

»Rémi, ein junges Mädchen fragt nach dir… Was? Monsieur Alquier ist nicht da, Mademoiselle.«

Langsam hängte Nadine den Hörer ein und ging hinaus. Es war sechs Uhr, und der Glanz der Maisonne hatte sich getrübt; eine traurige, leichte Dämmerung war hereingebrochen. Aus dem Jardin de Luxembourg stieg der Geruch nach frisch besprengten Pflanzen und Blumen. Auf gut Glück ging Nadine in eine Straße, dann in eine andere. Beim Gehen piff sie leise. Die ersten Lampen wurden in den Häusern angezündet, die ersten Gaslaternen in den noch hellen Straßen: ihre verzerrten Lichter blinkten durch ihre Tränen hindurch.

In der Rue Las Cases hatte Agnès Nanette zu Bett gebracht. Das Kind schlief schon fast, aber es sprach in seinem Halbschlaf mit zögernder, sanfter, vertrauensvoller Stimme zu sich selbst, zu ihrem Spielzeug, zu der Dunkelheit. Doch sobald sie den Schritt von Agnès hörte, verstummte sie aus Vorsicht.

›Jetzt schon‹, dachte Agnès.

Sie betrat den dunklen Salon, und ohne die Lampen anzumachen, ging sie zum Fenster. Der Himmel wurde dunkel. Sie seufzte. Der Frühlingstag barg eine Art Bitterkeit, die mit dem Abend zu verströmen schien. So wie rosige, duftende Pirsiche einen bitteren Geschmack im Mund hinterlassen. Wo war Guillaume? »Heute nacht wird er bestimmt nicht heimkommen. Um so besser«, sagte sie und dachte an ein frisches, leeres Bett. Mit der Hand berührte sie die kalte Fensterscheibe. Wie oft hatte sie so auf Guillaume gewartet? Abend für Abend, in der Stille auf das Schlagen der Uhr lauschend, auf das Knarren des Fahrstuhls, der langsam aufstieg, an ihrer Tür vorbeiglitt, wieder hinabfuhr. Abend für Abend, zuerst mit Verzweiflung, dann mit Resignation, dann mit schwerer, tödlicher Gleichgültigkeit.

Und jetzt? Traurig zuckte sie die Achseln.

Die Straße war leer, und ein bläulicher Dunst schien über allen Dingen zu schweben, als hätte vom verschleierten Himmel sachte ein feiner Ascheregen zu fallen begonnen. Der goldene Stern einer Straßenlaterne leuchtete im Dunkeln auf, und die Türme von Sainte-Clotilde schienen zurückzuweichen, sich in der Ferne aufzulösen. Ein kleiner Wagen voller Blumen, der vom Land zurückkehrte, fuhr vorbei; es war gerade noch hell genug, um die an den Scheinwerfern befestigten Narzissensträuße zu erkennen. Die Hausmeister, die auf Strohstühlen an ihren Türschwellen saßen, die Hände lässig auf ihre Knie gestützt, schwiegen. An jedem Fenster wurden die Läden geschlossen, und durch die Zwischenräume schimmerte nur schwach eine rosa Lampe.

›Früher‹, erinnerte sich Agnès, ›als ich so alt war wie Nadine, wartete ich schon stundenlang vergeblich auf Guillaume.‹ Sie schloß die Augen, versuchte, ihn wiederzusehen, wie er damals war, oder zumindest so, wie er ihr erschienen war. War er denn so schön? So charmant? Mein Gott, bestimmt magerer als jetzt, das Gesicht sorgenvoller, hagerer. Schöne Lippen. Seine Küsse… Es entwich ihr ein trauriges und bitteres kurzes Lachen.

›Wie sehr ich ihn liebte… ich Närrin… ich unglückliche Närrin. Er sagte mir keine Liebesworte. Er begnügte sich damit, mich zu küssen, mich so lange zu küssen, bis mein Herz vor Sanftmut und Kummer dahinschmolz. Achtzehn Monate lang hat er mir nicht einmal ›Ich liebe dich‹… oder ›Ich will dich heiraten‹ gesagt. Ich mußte immer für ihn da sein, zu meiner Verfügung, wie er sagte. Und ich törichter Unglückswurm, ich fand Gefallen daran. Ich war in dem Alter, in dem sogar die Niederlage berauscht. Und ich dachte: Er wird mich lieben. Ich werde seine Frau sein. Wegen all meiner Hingabe und Liebe wird er mich schließlich lieben.‹ Ungewöhnlich genau erinnerte sie sich an einen lange zurückliegenden Frühlingsabend. Aber er war nicht so schön und lau gewesen wie heute. Es war einer jener regnerischen oder kalten Pariser Frühlinge, in denen schon am frühen Morgen ein eisiger Regen fällt und durch die belaubten Bäume tropft. Die blühenden Kastanien, die langen Tage und die milde Luft wirkten wie grausamer Hohn. Sie wartete auf einer Bank in einem leeren Square. Der regennasse Buchsbaum verströmte einen bitteren Geruch. Die Tropfen ielen ins Wasserbassin und maßen langsam und melancholisch die unwiederbringlich verstreichenden Minuten; kalte Tränen rannen ihr über die Wangen. Er kam nicht. Eine Frau hatte sich neben sie gesetzt, hatte sie wortlos angesehen, unter dem Regen den Rücken krümmend und bitter die Lippen zusammenpressend, als dächte sie: ›Noch eine‹.

Sie neigte ein wenig den Kopf, legte ihn wie früher mechanisch auf ihren Arm. Eine tiefe Traurigkeit stieg in ihr auf.

›Was ist denn los? Dabei bin ich glücklich, so ruhig, so friedlich. Wozu sich erinnern? Das kann in meiner Seele nur Groll und sinnlosen Zorn wecken, mein Gott!‹

Doch dann tauchte in ihrem Gedächtnis das Bild des Taxis auf, das sie durch die schwarzen, nassen Alleen des Bois de Boulogne fuhr, und ihr schien, als fände sie von neuem die Würze und den Geruch dieser reinen, kalten Luft wieder, die durch die offenen Fenster drang, während Guillaumes Hand sanft und grausam ihre nackte Brust preßte wie eine Frucht, aus der man den Saft spritzen ließ. Streitereien, Versöhnungen, bittere Tränen, Lügen, ungeheure Feigheit und jenes jähe, süße Glück, wenn er ihre Hand berührte und lachend sagte: »Verärgert? Ich liebe es, dich ein wenig leiden zu lassen.«

»Das ist vorbei, das wird nicht wiederkehren«, sagte sie plötzlich laut mit unverständlicher Verzweiflung. Jäh fühlte sie eine Flut von Tränen aus ihren Augen schießen und über ihr Gesicht rinnen. »Ich möchte noch immer leiden.«

›Leiden, verzweifeln, auf jemanden warten! Ich warte auf niemanden mehr in der Welt! Ich bin alt. Ich hasse dieses Haus‹, dachte sie plötzlich wie im Fieber. ›Und diesen Frieden, diese Ruhe! Und die Kleinen? Ja, die mütterliche Illusion ist die hartnäckigste und vergeblichste. Ja, ich liebe sie, ich habe nur sie auf der Welt, aber das genügt nicht. Ich möchte die verlorenen Jahre wiederinden, die verlorenen Leiden. Ich möchte zwanzig Jahre alt sein! Glückliche Nadine! Aber sie ist vermutlich in Saint-Cloud beim Golfspielen! Sie kümmert sich nicht um die Liebe! Glückliche Nadine!‹

Sie zuckte zusammen. Sie hatte die Tür nicht gehört, auch nicht Nadines Schritte auf dem Teppich. Hastig sagte sie, heimlich ihre Augen wischend:

»Mach kein Licht.«

Wortlos setzte sich Nadine neben sie. Die Nacht war hereingebrochen, und jede wandte den Blick ab. Sie sahen nichts.

Nach einer Weile fragte Agnès:

»Hast du dich gut amüsiert, Liebes?«

»Ja, Mama«, sagte Nadine.

»Wie spät ist es denn?«

»Bald sieben, glaube ich.«

»Du kommst früher zurück, als du dachtest«, sagte Agnès zerstreut.

Nadine antwortete nicht, ließ sachte die dünnen goldenen Reifen an ihren nackten Armen klirren.

›Wie still sie ist‹, dachte Agnès, ein wenig erstaunt. Laut sagte sie:

»Was ist los, Liebes? Bist du müde?«

»Ein bißchen.«

»Du wirst früh schlafen gehen. Wasch dir jetzt die Hände. In fünf Minuten setzen wir uns zu Tisch. Mach keinen Lärm, wenn du durch den Flur gehst, Nanette schläft.«

Im selben Augenblick läutete das Telefon. Jäh hob Nadine den Kopf. Mariette kam herein.

»Mademoiselle Nadine wird am Telefon verlangt.«

Mit dumpf klopfendem Herzen ging Nadine leise durch den Salon, sich des Blicks ihrer Mutter bewußt. Geräuschlos schloß sie die Türe des kleinen Büros hinter sich, in dem sich das Telefon befand.

»Nadine?… Hier ist Rémi… Oh, wie verärgert wir sind… So verzeihen Sie mir doch… Seien Sie nicht böse… Wo ich doch um Verzeihung bitte! Na, na«, sagte er, als redete er einem störrischen Tier gut zu. »Ein wenig Nachsicht, bitte sehr, kleines Mädchen… Was wollen Sie? Eine alte Liebschaft, ein Almosen … Ach, Nadine, Sie wollen doch nicht, daß ich mich mit den kleinen Nichtigkeiten zufriedengebe, die Sie mir bieten?… He?… He?« wiederholte er, und sie erkannte das Echo dieses wollüstigen, sanften Lachens zwischen seinen zusammengepreßten Lippen wieder. »Sie müssen mir vergeben. Es ist mir nicht unangenehm, Sie zu küssen, wenn Sie wütend sind und Ihre grünen Augen Funken sprühen. Mir ist, als sähe ich sie. Sie blitzen, nicht wahr? Morgen? Wollen Sie morgen, zur selben Zeit?… Ich werde Sie nicht versetzen, ich schwör’s … Was? … Nicht frei? Was für ein Witz! Morgen? Am selben Ort, um die gleiche Zeit. Aber wenn ich es schwöre… Morgen?« wiederholte er.

Nadine sagte:

»Morgen.« Er lachte:

»There’s a good girl. Good little girlie. Bye-bye.«

Nadine rannte in den Salon. Ihre Mutter hatte sich nicht gerührt.

»Was machen Sie denn da, Mama?« rief Nadine aus, und ihre Stimme, ihr schallendes Lachen weckten in Agnès’ Seele ein unklares, bitteres Gefühl, ähnlich dem Neid. »Es ist ja stockdunkel!«

Sie machte alle Lampen an. Ihre noch tränenfeuchten Augen blitzten; eine düstere Flamme war in ihre Wangen gestiegen. Sie näherte sich trällernd dem Spiegel, brachte ihr Haar in Ordnung, betrachtete lächelnd ihr vom Glück erleuchtetes Gesicht, ihre halb geöffneten, zitternden Lippen.

»Wie fröhlich du auf einmal bist«, sagte Agnès.

Sie bemühte sich zu lachen, aber nur ein trauriges Glucksen kam ihr über die Lippen. Sie dachte: ›Ich war blind! Die Kleine ist ja verliebt! Ah, sie hat zu viele Freiheiten, und ich bin zu schwach, das beunruhigt mich.‹ Aber in ihrem Herzen erkannte sie jene Bitterkeit, jenes Leiden wieder; sie begrüßte es wie einen alten Freund. ›Tatsächlich, ich bin eifersüchtig!‹

»Wer hat dich angerufen? Du weißt genau, daß dein Vater diese Telefonate von Unbekannten und diese mysteriösen Rendezvous nicht mag.«

»Ich verstehe nicht, Mama«, sagte Nadine mit unschuldig glänzenden Augen, die fest auf ihre Mutter gerichtet waren, ohne daß man den in ihrer Tiefe verborgenen Gedanken hätte lesen können: die Mutter, die ewige Feindin, das geschwätzige Alter, das nichts begreift, nichts sieht, sich in seinem Schneckenhaus verkriecht und nur danach trachtet, die Jugend am Leben zu hindern! »Ich versichere Ihnen, daß ich Sie nicht verstehe. Das Tennisspiel, das am Samstag nicht stattgefunden hat, ist bloß auf morgen verschoben worden. Das ist alles.«

»Ach, wirklich alles!« sagte Agnès, aber der schroffe, harte Ton ihrer Worte verwunderte sie selbst.

Sie sah Nadine an. ›Ich bin verrückt. Es sind diese alten Erinnerungen. Sie ist noch ein Kind.‹ Einen Augenblick sah sie im Geist das Bild eines jungen Mädchens mit langen schwarzen Zöpfen wieder, das bei Nebel und Regen in einem verlorenen Square saß; traurig betrachtete sie es und vertrieb es für immer aus ihrem Gedächtnis.

Sanft legte sie ihre Hand auf Nadines Arm.

»Na, komm schon«, sagte sie.

Nadine unterdrückte ein ironisches Lachen. ›Werde ich in ihrem Alter genauso… leichtgläubig sein? Glückliche Mama‹, dachte sie mit süßer Verachtung. ›Wie schön ist doch die Unschuld und der Friede des Herzens.‹


*Aus: Irène Némirovsky, Meistererzählungen.

*Die Rechte an der Nutzung der deutschen Übersetzung von Eva Moldenhauer liegen beim Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH.

Für Narziss, Beschützer der Schiffbrüche

Die Kinder wollten auf dem Weg zum Strand unbedingt eine Luftmatratze kaufen. Sie suchten sich die größte aus, einen gelben Kreis mit ein paar Felsen und einem hervorstehenden Krebs. In der Mitte eine ebenfalls aufblasbare Palme, zwei Meter Stamm mit langen Plastikblättern. Am Strand angelangt brauchten wir, da wir keine Pumpe hatten, fast zwei Stunden, um sie komplett aufzublasen. Ich hätte gern einfach weiter gelesen, aber Alberto kann nicht schwimmen, und Laura ist noch zu klein, um auf ihn aufzupassen. Als wir die Insel aufs Wasser setzten und die Kinder sie treiben sahen, waren sie so begeistert, dass wir unbedingt sofort aufsteigen mussten.

Die Plastikoberfläche war noch so neu, dass ihr Geruch den Geruch nach Menschen und Sonnencreme überdeckte. Zufrieden stellte ich fest, dass die Palme Schatten gab, denn außer den Plastikblättern hatte sie auch noch andere aus Stoff, die eine Art Sonnenschirm bildeten. Ich lehnte mich zurück, und während die Kinder sich abrackerten und mit den Füßen aufs Wasser traten, um voranzukommen, begann ich zu lesen.

Ich weiß nicht, ob plötzlich Wind aufkam oder ob ich so abgelenkt war, dass ich die Anstrengung der Kinder, uns vom Ufer wegzubringen, nicht bemerkte – als ich die Augen vom Buch hob, war die Entfernung, die uns vom Ufer trennte, jedenfalls so groß, dass das Menschengewirr der Strandgänger nicht mehr zu erkennen war. Laura und Alberto plapperten weiter in dem Tonfall, den ich als Hintergrund meiner Lektüre hingenommen hatte, um sicher zu sein, dass es ihnen gut ging. Vor der Angst empfand ich einen Augenblick lang Genuss, als ich erkannte, dass ihre Stimmen das einzige menschliche Attribut rund um mich herum waren. Das nächste Menschliche, was ich hörte, war mein Luftholen, ein besorgtes Keuchen, als ich mich fragte, wie wir zurückkehren sollten.

Ich prüfte die Windrichtung. Die Insel trug uns weiter vom Land fort, angetrieben von den Blättern der Palme, die wie Segel wirkten. Ich packte den Stamm und knickte ihn in der Mitte um, band ihn mit einem von Lauras Haargummis fest. Das bremste unsere Fahrt ein wenig, doch das Meer trug uns weiter vom Strand fort. Ich dachte an verschiedene Möglichkeiten. Da ich ein hervorragender Schwimmer bin, hatte ich noch Chancen, das Land schwimmend zu erreichen, wenn ich der Strömung diagonal folgte. Aber das müsste ich allein tun, und ich bezweifelte, dass Laura und Alberto meiner Anweisung gehorchen würden, auf der Insel zu bleiben, bis ich mit Hilfe zurückkam. Laura konnte ich vielleicht vertrauen, aber Alberto hörte nie. Wenn ich sicher gewusst hätte, dass niemand uns rechtzeitig finden würde, hätte ich sie dort zurückgelassen. Ich wäre ins Meer gesprungen, um zu versuchen, wenigstens einen der drei Schiffbrüchigen zu retten. Schließlich entschied ich mich zu warten, und angesichts der Möglichkeit, dass niemand uns aufspüren würde, fühlte ich die Lächerlichkeit eines Vaters, der beschließt, mit seinen Kindern zu sterben.

Als ich den Motor hörte, wusste ich, dass ich kein Märtyrer werden würde. Die Seerettung nahte auf einem Jetski mit einer Transportbahre hintendran. Einige Minuten später rückte die Küste allmählich näher. Zuerst die bunten Sonnenschirme, dann die bunten Leute, anschließend das Geschrei, die Bäuche, die Kühltaschen und die belegten Brote mit Wurst. Wieder an Land checkte ein Sanitäter uns durch und meine Frau kam und ließ mich gerade noch einmal mit dem Leben davonkommen, aus Freude, uns alle lebendig wiederzusehen.

Eva hatte schon alle Urlaubstage aufgebraucht, und während sie arbeitete, musste ich weiter an den Strand gehen. Es fühlte sich an wie eine Pflicht, dachte ich am nächsten Tag, als ich wieder mit den Kindern den Strandweg entlanglief, beladen mit Handtüchern, Eimern und Harken. Als wir an dem Laden vorbeikamen, wo wir am Vortag die Luftmatratze gekauft hatten, berührte es mich freudig, dass sie noch immer dieselbe Insel verkauften. Da lag sie, einen Teil des Weges einnehmend, die Palme gleich einer Sonnenuhr, die Schatten auf das Gelb ihres Sandes warf. Während ich sie betrachtete, hatte ich das Gefühl, mich vom Strand zu entfernen, eine frische Brise wehte über ihr Plastik und meine Beine, ein Hauch Freiheit umschmeichelte mich. Ich drehte wieder um, trat in den Laden und kaufte sie, diesmal schon aufgepumpt. Die Kinder, die die Schwere des Vorfalls vom Tag zuvor nicht ganz verstanden hatten, halfen mir, sie zu tragen, damit sie auf dem Weg zum Strand nicht über den Boden schleifte.

Ich kämpfte um einen freien Fleck Sand und legte die Insel ab. Ich rieb die kleinen Körper von Laura und Alberto mit Sonnenschutz ein. Die weiße Creme machte sie den anderen Kindern gleich, die am Ufer spielten. Den Kopf an die Insel gelehnt, nahm ich das Buch und las weiter, aber der Gedanke, wieder auf der Insel fortzutreiben, lenkte mich ab. Ich sah ein Ehepaar mittleren Alters, stand auf und bat sie, auf meine Kinder aufzupassen, während ich ein Bad nahm. Ich zog die Schwimmflossen an, packte die Aufblasinsel und schob sie die ersten Meter kräftig an, bevor ich hinaufsprang und zuschaute, wie mich die Wellen davontrugen. Am Strand wurde die gelbe Fahne, die Vorsicht bedeutete, langsam immer kleiner. Meine Kinder auch. Meine Kinder, so schön wie allmählich unsichtbar.

Seit langem hatte ich mich nicht mehr so gut gefühlt wie auf meiner Insel. Ab einer gewissen Distanz begann die Quallenplage, die in dem Menschengetümmel zu sprießen schien, sich zu zerstreuen, und ich ließ mich rücklings treiben, die Füße im Wasser und den Blick von Tropfen verschleiert. Ich brauchte nichts weiter als eine Flasche Wasser. Wenn Alexander der Große gekommen wäre und mir was auch immer geboten hätte, ich hätte ihn nur um eines gebeten: wieder abzuhauen. Ich fühlte mich wie ein Diogenes in der radikalen Gegenwärtigkeit einer Welle, die schäumend bricht.

Zurück am Strand war das Ehepaar besorgt, meine Kinder weinten. Eine Masseurin ging von einem Rücken zum anderen, ohne sich die Hände zu waschen. Öl und Geld. Rülpser vom aufgewärmten Bier. Ich entschuldigte mich, beruhigte die Kinder und ließ die Luft aus der Schwimminsel, damit Eva sie nicht sah, wenn wir nach Hause kamen.

Am nächsten Tag suchte ich einen anderen Strand. Ich hatte eine automatische Pumpe gekauft und in zehn Minuten würde die Insel sich erheben. Dieses Mal vertraute ich Laura und Alberto einer Oma an. Es war der dritte Tag, an dem ich mit der Luftmatratze hinausfuhr, und der, an dem ich zum ersten Mal die Silhouette sah, die mich völlig gefangen nehmen sollte.

Ich trieb schon etwa eine halbe Stunde dahin, als ich in ungefähr siebzig Meter Entfernung eine Insel erblickte, genau wie meine. Dieselbe Palme mit den wehenden Stoffblättern, dieselbe Form, dieselbe Größe, und darauf – die Silhouette einer Frau. Ich versuchte, ihr Alter zu schätzen, aber aus der Distanz konnte ich nur zwei rote Tupfer erkennen, ihren Bikini. Ich war neugierig, wollte sie aber nicht stören und entfernte mich.

In der Nacht wuchs die Neugierde. Ich schlief und erwachte mit dem Gedanken, der anderen Insel wieder zu begegnen. Ich erinnerte mich an die Landmarken, wo ich sie gesichtet hatte, und obwohl ich dachte, dass mir das nichts nützen würden, fand ich sie an derselben Stelle wieder. Ich vermutete, dass sie sich vielleicht zwischen den zwei Bojen beidseits von ihr festgefahren hatte. Wieder war der Respekt stärker als die Neugier, und ich schrie ihr nur zu, ob sie irgendetwas brauche. Da ich keine Antwort bekam, dachte ich, dass auch sie, wie ich, nichts brauchte. Eine neue Empfindung durchspülte mich: von dem Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein, war ich zu dem Gefühl übergegangen, gemeinsam einsam zu sein.

Die folgenden drei Tage verliefen ähnlich. Sie immer am selben Ort. Ich begriff, dass sie die Insel absichtlich festgemacht hatte. Es war ein guter Platz, von dort sahen die zwanzigstöckigen Hochhäuser wie weiße Bauklötze aus. Jedes Mal traute ich mich ein Stückchen näher, aber da ich sie nicht belästigen wollte, war ich immer noch zu weit weg. Ich konnte die beiden roten Tupfer ihres Bikinis etwas besser sehen, aber nichts weiter; es gelang mir nicht, ihre Haarfarbe genau zu erkennen, nicht einmal ihre Körperhaltung, obwohl sie gewöhnlich am Stamm der Palme zu lehnen schien. Nur die Farbe ihrer Haut konnte ich erahnen; im Kontrast zum hellen Sand der Insel war sie ein klein wenig dunkler, ein bisschen mehr orange. Aber trotz der spärlichen Daten reichte allein der Umstand, dass sie ihre Stunden auf einer Insel wie meiner verbrachte, um eine enorme Anziehungskraft auf mich auszuüben, die weit über ihr Alter oder ihr Aussehen hinausging.

An einem der nächsten Tage bestanden Laura und Alberto so unbedingt darauf mitzukommen, dass ich nicht anders konnte als sie mitzunehmen. Von nun an würde ich ihnen Schwimmringe anziehen. Mit ihnen konnte ich mich der Insel unmöglich nähern, wie ich es die letzten Male getan hatte, und in den nächsten Tagen stellte ich fest, dass es, wenn die Kinder mich begleiteten, immer irgendeinen Faktor gab, der mein Näherkommen verunmöglichte, sei es eine widrige Meeresströmung, ein unerwarteter Wetterumschwung oder unerträglicher Durst, der mich eines Morgens zwang, die Wasserflasche in einem Zug zu leeren und gleich wieder umkehren zu müssen. War ich hingegen allein, schien meine Insel den Kurs von selbst zu kennen und segelte wie von einem freundlichen Wind getragen dahin.

Mein Wagemut war noch nicht groß genug, um ganz heranzurücken, und ich konnte meine Gefährtin nicht beschreiben. Denn als solche betrachtete ich sie, als meine Gefährtin, angesichts unserer Umstände. Und auf jeder Fahrt verstärkte ein neues Detail die Anziehung. Ein verstreutes Glitzern auf dem, was ihr Körper sein musste, verriet die Wassertropfen. Sicher hatte sie gerade ein Bad genommen, dort, so weit draußen, wo das Meer nicht mehr der Whirlpool wie am Ufer ist, wo die einzigen Augen, die uns sehen, den Unterwasserwesen gehören, die, wie wir, die Küste meiden. Zweifellos war sie eine großartige Schwimmerin, wie ich. Auf einer der letzten Fahrten warf ich das Buch ins Wasser. Es nützte mir nichts mehr, ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich überlegte, ein Fernglas mitzunehmen, um die Distanz zu wahren und sie doch sehen zu können, aber das kam mir vor, als würde ich ihr Gewalt antun, und ich verwarf die Idee. Wenn ich sie sehen wollte, musste ich näher heran, ich musste ihr die Freiheit geben, dass sie, wenn sie mich sah, davonfuhr oder mich empfing.

Laura und Alberto bereiteten mir eine unerträgliche Woche. Sie weigerten sich, noch einmal in der Obhut irgendeines Fremden am Strand zu bleiben, und ich musste sie wieder mitnehmen. Der Vorteil war, dass wir sehr viel länger auf der Insel sein konnten, wir aßen jetzt auch dort. Obwohl die Kinder nach dem Essen ruhiger waren, plapperten sie doch weiter miteinander. Ich verlor all die Meter, die ich bei meinen Alleinfahrten gewonnen hatte. Aus irgendeinem Grund schien nun auch meine vorherige, diskrete Annäherung unmöglich. Der Anblick der fernen Insel begann mich zu verzweifeln, wie die Fata Morgana einer Oase. Und im Hintergrund das Murmeln der Kinder, das ich besser nicht unterband, denn letztlich erlaubte dieser Klang mir, sie nicht anschauen zu müssen, um zu wissen, dass es ihnen gut ging. Ich wollte meinen Blick für meine Nachbarinsel aufsparen, die wie ein Spiegelbild meiner eigenen war, ein treibender Schatten meines Begehrens, das sich nach so vielen Stunden in meine Netzhaut brannte und auf dem Rückweg in kurzen Momenten aufflackerte; auf Lauras Gesicht, auf der Bergspitze, im Feuer des Leuchtturms am Hafen.

Ich rührte Eva nicht mehr an. Frühmorgens steckte ich die Füße aus dem Bett und stellte mir vor, wie der nächste Tag sein würde. Zwischen den Laken konnte ich die Frische des Wassers spüren, die Wellenbewegung unter der Luftmatratze, den Ruf der Insel, die auf mich wartete. Alle Zeit, die ich an Land verbrachte, verwendete ich darauf, die Empfindungen heraufzubeschwören, die ich beim Dahintreiben hatte, und eines Nachts beschloss ich, dass ich beim nächsten Mal die Insel erreichen würde. Nach vielen schlaflosen Nächten fiel ich in einen ruhigen Schlaf und wachte mit salzverkrusteter Zunge auf.

Am nächsten Tag, bereit, jede Beschränkung auszuräumen, die mein Heranrücken behindern könnte, fuhren wir wieder los, doch an einem bestimmten Punkt hielt meine Insel, wie schon üblich, an. Die Anziehung war so unwiderstehlich, dass ich an Sirenengesang denken musste, und Hand in Hand mit diesem Gedanken kam ein anderer, der mir den Grund verriet, warum der Kurs sich nicht fortsetzen ließ: der wahre Sirenengesang ist keine Melodie, er ist keine Stimme und auch kein Chor. Der wahre Sirenengesang ist die Stille. Ich versuchte, das Wort von mir wegzuschieben. Alles, was Wort war, würde die Vereinigung unserer Inseln stören. Immer stärker magnetisiert, sagte ich den Kindern, sie sollten still sein. Tatsächlich kam ich in jeder Stille eine Armlänge voran. Aber Laura oder Alberto fingen irgendwann immer wieder mit dem Geplapper an, und wir blieben erneut stehen. Ich konnte es nicht mehr länger aushalten und warf sie ins Wasser. In ihren Schwimmringen begannen sie davonzutreiben, und als ihre Stimmen verklangen, kam ich wieder voran, schweigend, still. Ich hatte die Augen geschlossen. Ich wollte die Erscheinung in ihrer Gesamtheit entdecken. Ich ließ mich treiben, stellte mir im Kopf den weichen Zusammenprall der beiden Inseln als Geburt eines neuen Kontinents vor. Als ich den Aufprall spürte, machte ich die Augen auf und sah das Plastikland vor mir. Es war haargenau wie meines, abgesehen von einem Detail, das mich einen verzweifelten Schrei ausstoßen ließ, einen Hilferuf, die Klage eines Vaters. Das Fleisch seiner Bewohnerin war nicht aus demselben Material wie meines – es war aus demselben Plastik wie die Palme, der Sand, der Krebs. Meine Verzweiflung war so groß, dass ich mich wunderte, dass die aufblasbare Frau mich nicht umarmte, als sie mich die Namen meiner Kinder schreien hörte.


*Diese Erzählung wurde 2013 in dem Erzählband „Leche“ bei Los Libros de Lince veröffentlicht.

„Wo sind die Klamotten von deinen Eltern?“, fragt Marga.

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und wartet auf meine Antwort. Sie weiß, dass ich es nicht weiß, und dass sie mir eine weitere Frage stellen muss. Draußen vor dem Panoramafenster rennen meine Eltern nackt durch den hinteren Garten.

„Es ist gleich sechs, Javier“, sagt Marga. „Was ist, wenn Charly mit den Kindern vom Supermarkt kommt und sie sehen, wie ihre Großeltern sich hier durch die Gegend jagen?“

„Wer ist Charly?“, frage ich.

Ich glaube, ich weiß, wer Charlie ist, es ist der großartige neue Typ von meiner Exfrau, aber ich würde es irgendwann gern von ihr selbst erklärt bekommen.

„Sie werden sich in Grund und Boden schämen für ihre Großeltern, das wird sein.“

„Sie sind krank, Marga.“

Marga seufzt. Ich zähle Schäfchen, um mich nicht aufzuregen, ich will geduldig sein, will Marga die Zeit geben, die sie braucht. Ich sage:

„Du wolltest doch, dass die Kinder ihre Großeltern sehen. Du wolltest, dass ich meine Eltern herbringe, weil man hier, dreihundert Kilometer von meinem Zuhause entfernt, deiner Meinung nach gut Urlaub machen kann.“

„Du hast gesagt, es geht ihnen besser.“

Hinter Marga spritzt mein Vater meine Mutter mit dem Gartenschlauch ab. Meine Mutter hält ihre Brüste fest, als er sie abspritzt, meine Mutter hält sich den Po, als er ihn abspritzt.

„Du weißt doch, wie sie reagieren, wenn man sie aus ihrer gewohnten Umgebung reißt“, sage ich, „und die frische Luft…“

Hält meine Mutter wirklich das fest, was mein Vater abspritzt, oder spritzt mein Vater das ab, was meine Mutter festhält?

„Ach so. Ich muss mir also vorher überlegen, wie sehr das deine Eltern aufregt, wenn ich dich einlade, ein paar Tage mit deinen Kindern zu verbringen, die du ja seit drei Monaten nicht gesehen hast.“

Meine Mutter hebt Margas Pudel hoch bis über ihren Kopf und dreht sich dabei im Kreis. Ich versuche, Margas Blick zu halten, damit sie sich auf keinen Fall zu meinen Eltern umsieht.

„Ich will diesen ganzen Irrsinn nicht mehr, Javier.“

<Diesen Irrsinn>, denke ich.

„Auch wenn das bedeutet, dass du die Kinder weniger siehst… Ich kann ihnen das einfach nicht länger zumuten.“

„Sie sind doch nur nackt, Marga.“

Marga geht nach vorn zur Haustür, ich folge ihr. In meinem Rücken wirbelt noch immer der Pudel durch die Luft. Bevor Marga aufmacht, betrachtet sie sich in der Glasscheibe, streicht sich die Haare glatt und zupft ihr Kleid zurecht. Charly ist groß, stark und schwerfällig. Er sieht aus wie der Typ vom Mittagsjournal, nur mit aufgepumpten Körper. Meine vierjährige Tochter und mein sechsjähriger Sohn hängen wie Schwimmreifen über seinen Armen. Charly lässt sie sanft hinab, indem er seinen mächtigen Gorilla-Body nach vorn absenkt. Dadurch wird er frei, um Marga einen Kuss zu geben. Dann kommt er auf mich zu, und einen Augenblick lang fürchte ich, dass es nicht im Guten ist. Doch er reicht mir die Hand und lächelt.

„Javier, darf ich dir Charly vorstellen?“, sagt Marga.

Ich spüre, wie die Kinder gegen meine Beine trommeln und mich umarmen. Kraftvoll drücke ich Charlys Hand, und er schüttelt mich ordentlich durch. Die Kinder machen sich los und rennen davon.

„Wie findest du das Haus, Javi?“, fragt Charly und schaut über mich hinweg, als hätten sie ein wahres Schloss gemietet.

<Javi>, denke ich. <Dieser Irrsinn>, denke ich.

Da taucht der Pudel auf, leise jaulend und mit eingezogenem Schwanz. Marga nimmt ihn hoch, und während der Hund sie ableckt, zieht sie die Nase kraus und sagt: <Mein kleiner Schnuck, mein kleiner Schnuck>. Charly sieht sie mit schräggelegtem Kopf an, vielleicht versucht er einfach nur zu verstehen, was los ist. Da dreht sie sich abrupt zu ihm um und fragt alarmiert:

„Wo sind die Kinder?“

„Sie sind bestimmt hinten im Garten“, sagt Charly.

„Ich will nicht, dass sie ihre Großeltern so sehen.“

Wir drehen uns alle drei nach rechts und nach links, aber die Kinder sind nicht zu sehen.

„Siehst du, Javier, genau so was will ich vermeiden“, sagt Marga und entfernt sich ein paar Schritte. „Kinder!“

Sie läuft am Haus entlang nach hinten in den Garten. Charly und ich folgen ihr.

„Wie war die Fahrt?“, fragt Charly.

Er tut so, als würde er mit der einen Hand lenken und mit der anderen schalten. An jeder seiner Bewegungen merkt man, wie beschränkt und überdreht er ist.

„Ich habe keinen Führerschein.“

Er bückt sich, um ein paar Spielsachen aufzuheben, die auf dem Weg verstreut sind, und legt sie stirnrunzelnd auf einer Seite ab. Ich fürchte, dass wir in den Garten kommen und dort meine Kinder zusammen mit meinen Eltern antreffen. Nein, was ich fürchte, ist, dass Marga sie zusammen antrifft und ihnen eine Riesenszene macht. Doch Marga steht ganz allein im Garten und wartet auf uns, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Wir folgen ihr ins Haus, sind ihre ergebensten Anhänger, und das schafft eine Verbindung zwischen mir und Charly, eine Art Beziehung. Ob ihm die Fahrt wirklich so viel Spaß gemacht hat?

„Kinder!“, ruft Marga auf der Treppe, sie ist wütend, reißt sich aber zusammen, vielleicht weil Charly sie noch nicht so gut kennt. Sie kommt zurück und setzt sich auf einen der Küchenhocker. „Wir brauchen was zu trinken, oder?“

Charly holt eine Flasche Limonade aus dem Kühlschrank und schenkt drei Gläser ein. Marga nimmt ein paar Schlucke und starrt einen Moment lang in den Garten.

„Das gefällt mir gar nicht.“ Sie steht wieder auf. „Das gefällt mir überhaupt nicht. Ihr könntet doch mal was tun.“ Und jetzt sieht sie auch mich an.

„Lass uns nochmal suchen“, sage ich, aber da eilt sie bereits nach hinten in den Garten.

Ein paar Sekunden später ist sie wieder zurück.

„Sie sind weg“, sagt sie, „mein Gott, Javier, sie sind weg.“

„Sie sind nicht weg, Marga, sie müssen doch irgendwo sein.“

Charly geht vorne raus, läuft durch den Garten und folgt den Reifenspuren, die zum Weg führen. Marga läuft nach oben und ruft von da aus nach den Kindern. Ich gehe hinaus und umrunde das Haus. Komme an den offenen Garagen vorbei, die voller Spielzeug, Eimer und Schippen sind. Durch die Bäume hindurch sehe ich den aufblasbaren Delphin der Kinder erhängt von einem Ast baumeln. Als Galgenstrick dienen die Joggingklamotten meiner Eltern. Marga beugt sich aus einem der Fenster, und eine Sekunde lang kreuzen sich unsere Blicke. Ob sie auch meine Eltern sucht oder nur die Kinder? Durch die Küchentür gelange ich wieder ins Haus. Im selben Augenblick kommt Charly durch die Haustür herein und ruft aus dem Wohnzimmer:

„Vorne sind sie nicht.“

Sein Ausdruck ist nun nicht mehr freundlich. Zwei steile Falten zeichnen sich zwischen seinen Augenbrauen ab, und er übertreibt seine Bewegungen, als würde Marga sie kontrollieren: Er agiert hektisch, bückt sich unter den Tisch, verschwindet hinter der Kommode, späht unter die Treppe, als könnte er die Kinder nur finden, wenn er sie überrascht. Ich sehe mich gezwungen, ihm zu folgen, und kann mich nicht auf meine eigene Suche konzentrieren.

„Draußen sind sie nicht“, sagt Marga. „Sind sie vielleicht zurück zum Auto? Das Auto, Charly, das Auto.“

Ich warte, aber an mich folgt keine Anweisung. Charly geht wieder hinaus, und Marga steigt noch einmal die Treppe zu den Schlafzimmern hoch. Ich folge ihr. Sie betritt das Zimmer, das offensichtlich von Simón bewohnt wird, also suche ich in dem von Lina. Dann wechseln wir die Zimmer und suchen ein weiteres Mal. Als ich gerade unter Simóns Bett nachsehe, höre ich sie fluchen.

„Verdammtes Pack“, sagt sie, woraus ich schließe, dass sie nicht die Kinder gefunden hat. Hat sie vielleicht meine Eltern gefunden?

Gemeinsam suchen wir im Badezimmer, auf dem Dachboden und im Elternschlafzimmer. Marga öffnet die Wandschränke, verschiebt ein paar der Kleidungsstücke, die auf Bügeln hängen. Viele sind es nicht, und alles wirkt sehr ordentlich. Es ist ein Ferienhaus, sage ich mir, doch dann denke ich an das eigentliche Haus meiner Frau und meiner Kinder, an das Haus, das auch einmal meines war, und mir wird klar, dass es in dieser Familie immer so war, dass es nie viel gab und alles immer ordentlich wirkte, dass es nie etwas gebracht hat, die Kleiderbügel zu verschieben, wenn man noch etwas anderes finden wollte. Wir hören Charly wieder hereinkommen und stoßen im Wohnzimmer auf ihn.

„Im Auto sind sie auch nicht“, sagt er zu meiner Frau.

„Deine Alten sind schuld“, sagt Marga.

Sie schlägt mir gegen die Schulter und schubst mich weg.

„Du bist schuld. Verdammte Scheiße, wo sind meine Kinder?“, schreit sie und rennt wieder in den Garten.

Sie ruft zu beiden Seiten des Grundstücks nach ihnen.

„Was ist denn hinter den Büschen da?“, frage ich Charly.

Er sieht erst mich an und dann meine Frau, die immer noch schreit.

„Simón! Lina!“

„Gibt es Nachbarn hinter den Büschen?“

„Ich glaube nicht. Keine Ahnung. Da sind Villen. Baugrundstücke. Die Häuser sind sehr groß.“

Selbst wenn Charly das zurecht bezweifelt, kommt er mir gerade vor wie der dümmste Mensch auf der Welt. Marga taucht wieder auf.

„Ich geh nach vorn“, sagt sie und trennt uns, indem sie zwischen uns durchläuft. „Simón!“

„Papa!“, rufe ich und laufe hinter Marga her. „Mama!“

Marga geht einige Meter vor mir, als sie plötzlich stehen bleibt und etwas vom Boden aufhebt. Es ist etwas Blaues, und sie fasst es mit spitzen Fingern an, als wäre es ein totes Tier. Linas Overall. Sie sieht mich an. Sie will etwas sagen, will mich wieder zusammenstauchen, sieht aber, dass ein Stück weiter noch ein Kleidungsstück liegt und geht dorthin. Ich spüre Charlys enormen Schatten in meinem Rücken. Marga hebt Linas pinkes T-Shirt auf und danach einen ihrer Turnschuhe, dann, noch etwas weiter, Simóns T-Shirt.

Es liegt noch mehr auf dem Weg, doch Marga bleibt abrupt stehen und dreht sich zu uns um.

„Ruf die Polizei, Charly. Ruf sofort die Polizei.“

„Bichi, so schlimm ist das doch nicht…“, sagt Charly.

<Bichi>, denke ich.

„Ruf die Polizei, Charly.“

Charly eilt zum Haus. Marga sammelt weitere Kleidungsstücke auf. Ich folge ihr. Sie hebt noch eines auf und bleibt vor dem letzten stehen. Es ist Simóns kleine Turnhose. Sie ist gelb und irgendwie eingerollt. Marga unternimmt nichts. Vielleicht kann sie sich nicht mehr danach bücken, vielleicht hat sie keine Kraft mehr. Sie wendet sich von mir ab, ihr Körper scheint zu zittern. Ich trete vorsichtig näher, versuche, sie nicht zu erschrecken. Es ist eine sehr kleine Turnhose. Sie könnte auf meine Hand passen, vier Finger in ein Bein, der Daumen in das andere.

„Sie sind in einer Minute hier“, sagt Charly, der aus dem Haus wiederkommt. „Sie rufen die Streife vom Kreisverkehr.“

„Ich werde dich und deine Familie noch…“, sagt Marga und tritt auf mich zu.

„Marga…“

Als ich mich nach der Turnhose bücke, stürzt sich Marga auf mich. Ich versuche, mich auf den Beinen zu halten, verliere aber das Gleichgewicht. Sie schlägt auf mich ein, ich halte schützend die Hände vors Gesicht. Charly ist sofort zur Stelle und versucht, uns zu trennen. Die Streife hält vor der Haustür und lässt kurz die Sirene aufheulen. Zwei Polizisten eilen herbei und kommen Charly zu Hilfe.

„Meine Kinder sind weg, meine Kinder sind weg“, sagt Marga und zeigt auf die Turnhose, die von meiner Hand herabhängt.

„Wer ist dieser Mann?“, fragt der Polizist. „Sind Sie der Ehemann?“, fragen sie Charly.

Wir versuchen, uns zu erklären. Wider Erwarten scheinen weder Marga noch Charly mich zu beschuldigen. Es geht ihnen nur um die Kinder.

„Meine Kinder sind verschwunden, zusammen mit zwei Verrückten“, sagt Marga.

Aber die Polizisten wollen nur wissen, warum wir uns geprügelt haben. Charlys Brust schwillt an, und einen Augenblick lang befürchte ich, dass er sich auf die Polizisten stürzt. Resigniert lasse ich die Arme fallen, wie zuvor Marga, doch ich erreiche nur, dass der zweite Polizist nervös auf die Turnhose starrt, die an meinem Arm hin- und herschwingt.

„Was gucken Sie denn so?“, fragt Charly.

„Was?“, fragt der Polizist zurück.

„Warum gucken Sie die ganze Zeit diese Turnhose an? Wollen Sie nicht vielleicht mal jemandem melden, dass zwei Kinder verschwunden sind?“

„Meine Kinder“, bekräftigt Marga. Sie baut sich vor einem der Polizisten auf und wiederholt es ganz oft, sie will, dass die Polizei sich auf das Wesentliche konzentriert, „meine Kinder, meine Kinder, meine Kinder.“

„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“, fragt schließlich der andere.

„Sie sind nicht im Haus“, sagt Marga, „sie haben sie mitgenommen.“

„Wer hat sie mitgenommen, Señora?“

Ich protestiere und versuche, mich einzumischen, aber sie kommen mir zuvor.

„Sprechen Sie von einer Entführung?“

„Sie könnten mit den Großeltern unterwegs sein“, sage ich.

„Sie sind mit zwei nackten Alten unterwegs“, sagt Marga.

„Und wem gehören diese Kleidungsstücke, Señora?“

„Meinen Kindern.“

„Sie wollen mir also sagen, dass es um nackte Kinder geht, die mit nackten Erwachsenen unterwegs sind?“

„Bitte“, fleht Marga mit versagender Stimme.

Zum ersten Mal frage ich mich, was eigentlich so gefährlich daran ist, wenn deine Kinder nackt mit deinen Eltern herumlaufen.

„Sie können sich auch versteckt haben“, sage ich, „das ist noch nicht auszuschließen.“

„Und Sie, wer sind Sie?“, fragt der Polizist, während der andere bereits über Funk die Zentrale verständigt.

„Ich bin ihr Ehemann“, sage ich.

Daraufhin sieht der Polizist Charly an. Marga wendet sich wieder an den Polizisten, und ich fürchte, dass sie mir widersprechen will, doch sie sagt:

„Meine Kinder, meine Kinder. Bitte!“

Der andere Polizist hört auf zu funken und tritt näher:

„Die Eltern ins Auto, dieser Herr“, er deutet auf Charly, „bleibt hier, falls die Kinder zurückkommen.“

Wir sehen ihn an.

„Ins Auto, los, wir müssen schnell handeln.“

„Auf keinen Fall“, sagt Marga.

„Señora, bitte, wir müssen sicherstellen, dass sie nicht an die Fernstraße gelangen.“

Charly schiebt Marga zum Streifenwagen, und ich laufe hinter ihr her. Wir steigen ein, ich schließe die Tür, während das Auto bereits anfährt. Charly steht da und sieht uns nach, und ich frage mich, ob auf diesen dreihundert Kilometern aufregender Autofahrt wohl meine Kinder auf der Rückbank gesessen haben. Der Streifenwagen setzt kurz zurück, und dann geht es ab in Richtung Fernstraße. In diesem Augenblick drehe ich mich zum Haus um. Und da sehe ich sie, die vier: hinter Charly, am Panoramafenster, meine Eltern und meine Kinder, nackt und nass. Meine Mutter reibt ihre Brüste gegen die Scheibe, Lina schaut fasziniert zu und macht es ihr nach. Sie schreien vor Begeisterung, aber das hört man nicht. Simón macht es den beiden mit den Pobacken nach. Jemand reißt mir die Turnhose aus der Hand, und ich höre, wie Marga den Polizisten beschimpft. Das Funkgerät knackt. Während meine Exfrau mit ihren Fäusten den Fahrersitz bearbeitet, übermitteln die Polizisten der Zentrale schreiend zweimal die Wörter <Erwachsene und Minderjährige>, einmal das Wort <Entführung> und dreimal das Wort <nackt>. <Halt bloß die Klappe>, sage ich mir also, <gib keinen Mucks von dir>, denn ich sehe, wie mein Vater in unsere Richtung blickt, sehe seinen alten, von der Sonne vergoldeten Oberkörper, sein schlaffes Geschlecht zwischen den Beinen. Er lächelt triumphierend und scheint mich zu erkennen. Dann umarmt er meine Mutter und meine Kinder, behutsam, liebevoll, ohne sie von der Scheibe zu lösen.


*Aus: Siete casas vacías 

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2018,

© 2015 by Samanta Schweblin

Als ich an jenem 11. September mit Pflastersteinen auf Polizisten warf, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich einmal selbst Polizist werde.

Es war der 11. September 1973. Ich weiß nicht mehr, wie ich vom Putsch in Chile und der Ermordung Präsident Allendes erfahren hatte. Ist es nicht seltsam? Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, wie es in einer Zeit ohne Internet und Handy überhaupt möglich war, dass sich Informationen wie ein Lauffeuer verbreiteten. Aber ich hatte irgendwie davon erfahren, auch von der Erklärung Henry Kissingers, der bereits wenige Stunden nach Allendes Tod gutgelaunt einräumte, dass die USA immer bereitstünden, befreundeten Völkern zu helfen.

Ich nahm sofort ein Taxi. Es gab keine Absprachen. Ich kann mich nicht erinnern, dass herumtelefoniert worden wäre, um eine spontane Kundgebung zu organisieren. Es war einfach klar: Ich musste sofort zur Botschaft der USA. Ich war damals Anfang zwanzig, ein verträumter, zur Schwermut neigender Philosophiestudent. Ich hatte wenig Geld. Ich glaube, ich war der einzige Wiener Student, der damals mit dem Taxi zu einer Demo fuhr. Aber es hätte mir an diesem Tag mit der Straßenbahn zu lange gedauert.

Das war die Wut.

Vielleicht brauchten wir damals keine Handys, weil wir auch ohne technische Geräte mitbekamen, was in der Luft lag. Die Wut.

Als ich in der Boltzmanngasse ankam, hatten sich bereits einige Hundert Menschen vor der Botschaft versammelt. Es wurden minütlich mehr. Ich sah mich plötzlich da stehen, die geballte Faust rhythmisch hochstoßen und mit den anderen schreien: »Allende, Allende, dein Tod ist nicht das Ende!«

In Wahrheit war es nicht die geballte Faust. Ich hatte ein Buch dabei, ein Exemplar der »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer/Adorno, das ich schon den ganzen Tag mit mir trug. Also stieß ich dieses Buch in die Luft, als wir »Allende, Allende …« zu rufen begannen. Am nächsten Tag war ein Foto im Wiener KURIER, auf dem ich zu sehen war, wie ich das Buch in die Höhe streckte und schrie. Darunter stand: »Studenten demonstrierten mit Mao-Bibel vor der US-Botschaft«.

An der Ecke Boltzmanngasse/Strudlhofgasse befand sich eine Baustelle. Ich glaube, dass wir die Steine von dort holten. Zugleich fuhren immer mehr Polizeiautos vor. Da sah ich Werner, einen Freund aus dem Philosophie-Seminar. Dass ich nicht verhaftet oder verletzt wurde, habe ich ihm zu verdanken. Er hatte Angst. Ich hatte den Eindruck, dass er hyperventilierte. Er keuchte, mehr noch: Er hechelte. Er zog an meiner Jacke, zerrte mich weg. Ich dachte, dass ich mich um ihn kümmern müsse.

Werner litt, wie ich wusste, an einer Herzinsuffizienz. Er war überzeugt davon, dass es der Kapitalismus sei, der ihn krank machte, weshalb er jegliche Behandlung durch die bürgerliche Schulmedizin verweigerte. Einen marxistischen Herzspezialisten, mit dem er eine Therapie hätte diskutieren können, die vom Kapitalismus als Krankheitsursache ausging, gab es in Wien nicht. Keine zwei Wochen nach der Kundgebung vor der amerikanischen Botschaft wäre Werner, übrigens während eines Wilhelm-Reich-Arbeitskreises zur »Funktion des Orgasmus«, beinahe an seiner Krankheit gestorben.

Ich selbst erfreute mich damals bester Gesundheit. Nur ein einziges Mal – ich hatte mir beim Fußballspiel Trotzkisten gegen Spontis das Bein gebrochen – war ich in die Verlegenheit gekommen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich erwähne das deshalb, weil mir Werners Standpunkt nicht nur verrückt, sondern insgeheim auch plausibel erschienen war. Hätte ich Werners Krankheit gehabt – gut möglich, dass ich damals gestorben und ein unbekanntes Opfer der Auseinandersetzung der Weltsysteme geworden wäre.

So herrisch sich die westliche Welt in Chile gezeigt hatte, so hilflos war sie damals gegenüber den arabischen Ländern. 1973 gab es nicht nur den heute vergessenen 11. September, es war auch das Jahr der sogenannten »Energiekrise«. Die Scheichs, so stand es in den Zeitungen, »drehten den Ölhahn zu«. Das war es, worüber sich die ganze Republik empörte: Primitive Wüstenhäuptlinge, die zufällig auf den größten Erdölreserven der Welt saßen, zwangen die demokratischen Hochkulturen zu Verzichtleistungen. Der österreichische Kanzler empfahl allen Männern, sich nicht mehr elektrisch, sondern nass zu rasieren, um Energie zu sparen. Es wurde ein »autofreier Tag« eingeführt, um den Benzinverbrauch zu drosseln, und in den Schulen die »Energieferien«, um Heizkosten zu sparen.

Damals, als in den Zeitungen ständig von der »Energiekrise« die Rede war, hatte ich eine ungeheizte Wohnung und litt kraftlos an einer Sinnkrise. Beides hatte allerdings nichts mit der Energiekrise zu tun. Mein Vater hatte seine monatlichen Zahlungen eingestellt. Er hielt mein Philosophiestudium für blanken Müßiggang – hart an der Grenze zur Kriminalität. ,

Er legte den KURIER auf den Tisch.

Mein Sohn, ein randalierender Maoist!

Ich bin kein Maoist.

Bist du das? Auf diesem Foto?

Ja.

Er nickte.

Ich bekam einen Fieberschub von Hass und Verachtung. Dieses Nicken meines Vaters erschien mir als der Inbegriff von Idiotie, Selbstgerechtigkeit und emotionaler Verrottung. Er wusste nicht, was Maoismus war. Er konnte nicht wissen, ob ich tatsächlich dem Maoismus anhing. Er konnte also auch nicht wissen, dass ich diese Fraktion ablehnte und nichts mit ihr zu tun hatte. Aber die Art, wie er nur durch ein Nicken klarmachte, dass er es gar nicht wissen wollte, dass er nicht bereit und nicht im Geringsten interessiert war, darüber zu reden und etwas von mir zu erfahren, die Härte, mit der er in jedem Fall sein Urteil sprach, ohne sich um Aufklärung bemüht zu haben, machte mich sprachlos. Wie er lieber seinen Sohn verurteilte, als einen Satz aus einer Boulevard-Zeitung zu hinterfragen!

Diese Karikatur einer archaischen Schicksalstragödie, wie er mit steinernem Gesicht seinen Sohn verstieß! Ich wollte ihm so viel sagen, dass ich kein Wort herausbrachte. Den vom CIA organisierten Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten eines souveränen Staates nahm er als »Weltpolitik« hin, aber dass sein Sohn an einer Kundgebung gegen diesen Putsch teilgenommen hatte, zur Verteidigung der Demokratie, in einem Land mit Demonstrationsfreiheit, entsetzte diesen braven Staatsbürger, der nun meinte, gebieterisch einschreiten zu müssen.

Ich sagte kein Wort. Er sagte noch einige Sätze, im Grunde aber nur dies: Kein Geld mehr, bis ich »vernünftig« geworden sei.

Ich stand auf und ging. Ich wünschte ihm den Tod. Heute bin ich sehr froh, dass ich auch diesen Satz nicht ausgesprochen habe.

Er hatte damals schon Krebs, aber das wusste ich noch nicht.

Ich saß also in einer ungeheizten Wohnung und hatte die Sinnkrise. Ich fragte mich, ob mir mein Studium so viel bedeutete, dass ich auch bereit war, es durch Jobs selbst zu finanzieren. Philosophie! Und was dann? Ich war von den Bedenken meines Vaters nun selbst schon angekränkelt.

Ich ging in Vorlesungen und fragte mich danach bei Durchsicht meiner Mitschriften, ob ich beim Mitschreiben oder der Professor beim Vortragen deliriert hatte. Ich machte noch zwei oder drei Prüfungen, die lediglich Triumphorgien der Professoren waren, die, nur wenige Jahre zuvor mit Tomaten beworfen, sich nun bei der nächsten Studentengeneration ungestraft dafür rächen konnten: »Brav gelernt, Herr Kollege, aber ich kann Ihnen nur ein >genügend< geben, weil: Sehr gut ist der liebe Gott, gut bin ich, und dann kommt lange nichts.«

Im März 1974 starb Werner. Nein, es war nicht das Herz. Er hatte einen Autounfall. Ich ging zum Begräbnis und traf dort ein kleines Fähnlein von Ehemaligen: ehemalige Studentenführer, Kommunegründer, Revolutionsdichter, Parteiengründer – fast jeder, mit einer halbvollendeteten philosophischen Doktorarbeit im fünfzehnten bis zwanzigsten Semester, ein Veteran des Übergangs von der Theorie zur Praxis. In der Aufbahrungshalle hielt Werners Doktorvater, Professor Benedikt, eine Rede, die mein Leben – nicht veränderte, aber immerhin meinen stummen Lebensfilm zu diesem Zeitpunkt vernünftig untertitelte. »Man kann«, sagte er, »ein Leben, zumal ein so kurzes, nicht phänomenologisch analysieren. Es ist eine Erscheinung, ohne dass ein Sinn feststellbar wäre in seinen Zusammenhängen mit anderen Erscheinungen und am Ende dem Tod!«

Es kam zu Unruhe. Manche riefen: »Lauter!« Die Akustik in der Aufbahrungshalle war sehr schlecht. Und Professor Benedikt senkte den Kopf ganz nahe an das Mikrophon und sagte — in übersteuerter Überlautstärke, als spräche ein Gott mit Donnergewalt; »Im Einzelnen waltet der Zufall, im Ganzen allein der Sinn …« — Er machte eine Pause und fügte hinzu: »… oder, wie in bestimmten historischen Epochen, auch hier die Sinnlosigkeit!«

Ich ging. Der Kiesweg des Zentralfriedhofs. Die Alleen der Steine. Ich wusste, dass eine Epoche zu Ende war: die der weltgeschichtsgesättigten Psychosomatiker. Damit war auch mein Philosophiestudium beendet.

Was tun? In Deutschland waren einige Achtundsechziger zu Kaufhausbrandstiftern geworden – und ich begann in Wien in einem Kaufhaus zu arbeiten! Auch das war eine Folge von 1968: der Anstieg der Ladendiebstähle in solchem Ausmaß, dass Kaufhausdetektive angestellt werden mussten. Ich hatte keine Qualifikationen außer einem abgebrochenen Philosophiestudium mit einer unvollendeten Seminararbeit über die »Dialektik der Aufklärung«, und Kaufhausdetektiv war unter den Jobs, die man mir anbot, der einzige, den ich mir körperlich zumuten wollte. Ich weiß nicht, was ich bald als trostloser empfand: die Auseinandersetzungen mit den kleinen Ladendieben, die ich ertappen und abliefern musste, um meinen Job zu behalten, oder die Gespräche mit den Verkäuferinnen, wenn ich aus Mitleid wieder wegschauen wollte. Elend und Borniertheit hielten sich dabei in einer so perfekten Weise die Waage, dass ich den Eindruck hatte, dass es doch eine geheime Weltordnung geben müsse.

Als ich kündigte, hatte ich erstmals eine Qualifikation: ein Jahr Berufserfahrung als Detektiv. Das genügte damals, um eine Anstellung bei der Polizei zu bekommen, im Innendienst, Falschgelddezernat, wo ich mit einer Automatik, der ich mich lethargisch ergab, durch regelmäßige Vorrückungen eine erstaunliche Karriere machte – die mir übrigens in meinem sozialen Leben überraschenderweise nicht schaden sollte: Als ich Polizist wurde, war ich sicher, nun von meinen alten Freunden verachtet und gemieden zu werden. Tatsächlich aber wurde ich von den Helden der Studentenkämpfe bereits beim zehnjährigen Jubiläum von 1968 als Beispiel dafür gefeiert, dass der Marsch durch die Institutionen in Österreich besonders geglückt sei.

Das ging beim fünfzehn- und zwanzigjährigen Jubiläum so weiter, die Geschichte wurde fast schon zu einem Heldenepos. Was sie alle nicht wissen konnten, war, dass ich mich bewusst um einen Dienstposten im Falschgelddezernat beworben hatte, weil ich einen Arbeitsplatz wollte, der mich möglichst nicht mehr behelligte. Bekanntlich gab es in Österreich kein Falschgeld. Wer die Mittel und Möglichkeiten hatte, gut gemachte Blüten herzustellen, verschwendete seine Zeit nicht mit Schilling, sondern produzierte gleich D-Mark.

Ausschlaggebend dafür, dass ich an einen Schreibtisch im Staatsdienst wechselte, war also keineswegs die Illusion, dass ich von dort aus irgendetwas verändern könnte: die Welt, die Gesellschaft oder gar mich selbst. Es war einfach ein bezahlter Rückzug.

Aufklärung war der große Anspruch der Zeit, in der ich erwachsen wurde. Als ich studierte, ging es um nichts anderes: Man musste der Mann sein, der in jedem Fall am Ende Bescheid wusste. Ich sammelte und ordnete Fakten, untersuchte Zusammenhänge, hinterfragte Motive, ging allen Informationen nach, entwickelte Theorien, suchte nach Schuldigen, glaubte, dass ich etwas zu verstehen begann, kam zu einer Lösung. Das nannte man damals Bildung. Die Bildung eines Weltbilds. Wer die Welt von links betrachtete, sah bald nur noch Täter und Opfer, Zeugen und gesetzlose Rebellen. Aber nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Polizist werden würde. Hätte ich die Erfahrung gemacht, dass man Fälle wirklich aufklären kann – ich wäre mit Leidenschaft Detektiv geworden, oder zumindest Philosophie-Professor.

Ich wollte das nicht, aber ich wurde es: abgebrüht. Manchmal, ganz selten, erlebte ich noch Momente der Leidenschaft, in bestimmten Situationen nippte ich daran wie an einem Glas Champagner, wissend, dass das nicht der Alltag war.

Ich wurde auf Empfehlung meines Vorgesetzten Mitglied in seinem Tennis-Club, lernte brav das Spiel und war auch hier ohne jeden Ehrgeiz einigermaßen • erfolgreich: Ich bekam den Spitznamen »Die Wand«. Ich machte keine Punkte, ich lebte von den Fehlern der Gegner. Ich gewann immer wieder ein Match, bis ein anderer stärker war als ich, einer, der wirklich Punkte machen konnte. Ich lernte im Club eine Frau kennen, die mich dazu verführte, die Leidenschaft neu zu lernen. Ich lernte das Spiel. Ich war »Die Wand«. Doch dann konnte ein anderer bei ihr wirklich punkten. Was von dieser Affäre blieb, war ein Kind. Ein Sohn.

Ich konnte ihm nicht widersprechen, als er mit achtzehn zu mir sagte, er finde Bullen scheiße. Ich war selbst schuld. Als ich nach seiner Geburt mit seiner Mutter darüber diskutierte, wie er heißen sollte, wollte ich unbedingt, dass er den Namen eines Revolutionärs und Freiheitskämpfers bekam. Da fiel es mir erst auf: dass alle Revolutionäre völlig unattraktive Namen hatten: Karl, Friedrich, Ferdinand, Leo – niemand hätte da an einen Freiheitskämpfer gedacht. Oder Vladimir, Fidel, Che – diese Namen hätten dem Kind nur Gespött eingebracht. Bei einer Tochter hätten wir es einfacher gehabt; Rosa oder Olga. Oder Alice. Aber es war leider ein Sohn.

Schließlich machte ich mit verzweifelter Ironie einen allerletzten Vorschlag; Zorro.

Wie kommst du auf Zorro?

Der letzte Freiheitskämpfer, der mir noch einfällt.

Freiheitskämpfer? Sagte sie. Im Grunde war Zorro ein Robin Hood.

Also Robin?

Robin.

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass ich meine Stelle bei der Polizei aufgab, um Robins Liebe zurückzugewinnen.

Es war Mitte Dezember 2001, unmittelbar vor der Einführung des Euro. Ich traf Robin zu einem Abendessen.

Wie geht es dir?

Geht so.

Und deiner Mutter?

Geht so.

Ich hasse es, wenn jemand so beharrlich wortkarg ist, dass ich mich dazu gezwungen fühle, ununterbrochen zu reden, nur damit jene Peinlichkeit nicht aufkommt – die ich dann durch mein Reden erst recht produziere. Wie er aussah! Eigentlich hätte ich ihn wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot festnehmen müssen.

Kannst du bitte wenigstens im Restaurant diese Kapuze runternehmen?

Wen stört’s?

Mich.

Er nickte.

Du bist kein Amt, sagte ich. Ich habe keine Eingabe gemacht, die du jetzt lange prüfen musst.

Ist ja gut, sagte er und strich die Kapuze zurück. Er saß mit gesenktem Kopf da und sah mich an, als würde er noch immer unter seiner Kapuze hervorschauen. So trotzig von unten herauf hatte auch ich meinen Vater angeschaut, damals, als er mir bei einem Abendessen eröffnete, dass er mein Studium nicht länger finanzieren werde. Da war ich älter gewesen als Robin heute. Aber ich hatte auch nichts zu sagen gewusst.

Ich sah Robin an, versuchte ein verständnisvolles, komplizenhaftes Lächeln. Wie er schaute! Es machte mich aggressiv. Ich ertrug es nicht. Sein muffiger Blick. Er war kein Rebell. Er war ein blöder Pubertierender, aber aus dem Alter sollte er eigentlich heraus sein.

Mein Sohn war die Wand, von der mein Missvergnügen zu mir zurückprallte.

Weißt du, sagte ich, nur um irgendetwas zu sagen: Es gibt Dinge, die kann man nicht machen, wenn man ihre Bedeutung kennt. Ein freier Mann darf zum Beispiel keinen Zopf tragen. Es gibt junge Menschen, die tragen ein Zöpfchen und halten sich für Rebellen. Aber der Zopf war das Symbol für den Adel. Deshalb nennt man ja alles Rückständige »verzopft«. Es war eine der großen Leistungen der bürgerlichen Gesellschaft, dass sie die alten Zöpfe abgeschnitten hat, buchstäblich und metaphorisch, und wer also heute einen Zopf –

Ich habe keinen Zopf, sagte er.

Ja. Ich sage nur. Oder Nasenringe. Das geht einfach nicht. Junge Menschen halten das für ein Symbol der Aufsässigkeit, aber es ist ein Symbol der Unterwerfung, es zeigt; Ich bin bereit, mich an der Nase herumführen zu lassen.

Siehst du bei mir ein Piercing? sagte Robin. Nicht in der Nase, und auch nicht –

Er streckte die Zunge heraus.

Ist ja gut, sagte ich. Du verstehst, was ich meine. Wer also kein Bär ist, sollte keinen Nasenring tragen. Was ich sagen wollte –

Der Kellner brachte die Speisekarten.

Was ich sagen wollte, ist: Wer nicht beim Ku-Klux- Klan ist, trägt keine Kapuze.

Wir öffneten die Speisekarten. Ich hatte mich nach einer halben Minute entschieden, aber Robin erweckte den Eindruck, als wollte er die Speisekarte auswendig lernen, inklusive der Jahrgänge der Flaschenweine.

Nach zehn Minuten fragte ich ihn; Weißt du schon?

Was?

Was du willst.

Weißt du, was du willst?

Ja, sagte ich.

Und bekommst du, was du willst?

Ich schaute ihn an. Da kam der Kellner. Ich bestellte. Robin sagte, er nehme das Gleiche.

Und zu trinken, fragte ich. Apfelsaft?

Du hast doch eine Flasche Wein bestellt.

Ja.

Ist gut.

Dazu eine große Flasche Wasser, sagte ich zum Kellner.

Ich nahm mir immer vor, in Restaurants vor dem Essen kein Brot zu essen, und konnte doch nie widerstehen. Robin versuchte, oder tat so, als versuchte er es, mit der Gabel eine Olive aufzuspießen, aber ständig sprang sie weg und rollte über den Teller, er stach zu, und die Olive sprang weg, ich mampfte Brot, das ich in Olivenöl tunkte, und sah mit wachsender Irritation zu, wie Robin immer wieder mit der Gabel auf die Olive einstach, die jedesmal unter der Gabel wegrollte.

Was machst du da? fragte ich.

Ich mache sie müde.

Lass den Unsinn, sagte ich. Wir müssen reden.

Worüber? Über das Taschengeld?

Er öffnete die Speisekarte und studierte sie wieder.

Ich habe dir etwas mitgebracht, sagte ich. Hier! Das Startpaket.

Ich legte es vor ihn hin. Eine in Plastik eingeschweißte Sammlung aller Euro- und Cent-Münzen, im Gegenwert von loo Schilling, in Summe also sieben Euro. Diese »Startpakete« wurden damals von den Banken ausgegeben, damit man sich schon vor dem 1. Januar mit diesen Münzen vertraut machen konnte.

Danke, sagte Robin. Weißt du, was Oma gesagt hat?

Nein. Was hat sie gesagt?

Dass du jetzt deinen Job verlieren wirst.

Warum?

Es steht ja jeden Tag in der Zeitung. Noch nie in der Geschichte gab es so fälschungssicheres Geld wie den Euro. Es wird jetzt lange kein Falschgeld mehr geben.

Warum? Es ist für Geldfälscher einfach eine neue Herausforderung.

Aber wozu soll man sich die Mühe machen, Geld zu fälschen, wenn es genügt, das Geld falsch umzurechnen?

Es gibt ein Gesetz, das das verbietet.

Und bist du dafür zuständig? Man wird Leute wie dich nicht mehr brauchen. Oma hat gesagt, man wird uns ganz offiziell betrügen, wir werden nicht auf Falschgeld, sondern auf das neue Geld hereinfallen. Wie bei der Währungsreform 1947.

Was weißt du von der Währungsreform 1947?

Was Oma erzählt hat.

Ich kannte mich jetzt überhaupt nicht mehr aus. Robin rebellierte gegen mich — aber mit Geschichten meiner Mutter!

Der Kellner brachte die Vorspeisensalate und wollte die Speisekarten mitnehmen.

Robin hielt die seine fest und sagte: Die brauche ich noch!

Was macht das Studium? fragte ich.

Geht so.

Das heißt?

Es war seltsam. Mein Sohn studierte Philosophie. Ich hätte das verstehen sollen. Oder gar Genugtuung empfinden. Aber ich verstand es nicht. Wir aßen den Salat.

Der Kellner servierte die Teller ab. Wieder wollte er die Speisekarte mitnehmen, aber Robin legte die Hand darauf; Nein, die brauche ich noch.

Also, sagte ich. Dein Studium! Welche Vorlesungen besuchst du?

Einführung in die Philosophie Eins. Einführung in Religionsphilosophie.

Religionsphilosophie? Ist das Pflicht?

Ja. Und Einführung in die Logik. Dann noch Politische Utopien, aber –

Politische Utopien?

Ja. Aber findet nicht statt.

Was heißt, findet nicht statt?

Was ich sage: war angekündigt, ich habe mich eingeschrieben, aber es findet nicht statt. Und dann noch Klimawandel.

Bitte was?

Klimawandel. Aus ethischer und wissenschaftsphilosophischer Sicht.

Was ist das?

Hauptvorlesung. Pflicht im ersten oder zweiten Semester.

Ich schüttelte den Kopf. Robin nahm die Speisekarte und steckte sie in seinen Rucksack. Der Kellner brachte die Pasta.

Ich bestellte immer etwas Vegetarisches, wenn ich Robin zum Essen traf. Er aß kein Fleisch. Und ich legte bei Tisch Wert auf Symmetrie. Mit jemandem zu essen sollte in jeder Hinsicht etwas Gemeinsames sein. Ich beobachtete ihn, wie er den Wein trank. Er hatte nicht viel Erfahrung mit Alkohol. Er trank den Wein wie einen Saft, hielt dann erschrocken inne und trank sehr viel Wasser nach. Die Pasta war grauenhaft. Dieses Gemüsesugo war viel zu fett. Ich nippte an meinem Wein, sah Robin an. Er aß mit Appetit. In seinem Alter hatte man noch einen guten Magen. Ich schob meinen Teller weg, wollte nicht aufessen.

Hat es geschmeckt?, fragte der Kellner, als er abservierte.

Ja, sagte ich. Ausgezeichnet.

Robin sah mich an und lachte.

Ich weiß genau, was du denkst, sagte ich.

Ist okay, sagte er.

Als Dessert hatten wir Zitronensorbet. Mit einem Schuss Champagner? Ich hatte erwartet, dass Robin ablehnen würde, aber er sagte: Ja, gerne.

Endlich schaute er mich an. Dass er mich so geradeheraus ansah, war mir jetzt genauso unangenehm wie sein gesenkter Blick am Anfang.

Weißt du, worauf ich jetzt Lust hätte?, fragte er.

Ich sah ihn an.

Auf einen Bummel.

Auf einen Bummel?

Ja. Hast du Lust? Wir gehen durch ein paar Lokale und –

Er trank den geschmolzenen Rest seines Sorbets.

Und nehmen überall die Karten mit.

Die Karten?

Ja. Die Speisekarten, die Getränkekarten. Und in einem Jahr wiederholen wir diese Runde und vergleichen die Preise.

Ich musste lachen. Er verarschte mich. Aber ich fand es witzig. Und es wurde witzig. Wir waren wie zwei Detektive, die Beweismaterial zusammentrugen. Gutbürgerliche Lokale bekamen die Aura suspekter Orte. Je später es wurde, desto zwielichtiger wurde das Feld, das wir durchkämmten. Wir sprachen nicht viel. Wir verstanden einander.

Ein dreiviertel Jahr später nahm ich das Angebot der Polizeidirektion an, mit großzügiger Abfindung und Sozialplan aus dem Polizeidienst auszuscheiden. Bald darauf, im Frühjahr 2003, fand ich eine Stelle bei einer privaten Detektiv-Agentur. Beim fünfunddreißigjährigen Jubiläum von 1968, einer riesigen Party im Wiener Rathaus mit dem Bürgermeister, dem Kulturstadtrat und dem Wissenschaftsminister, wurde ich als Held gefeiert: Ich bediente perfekt die romantischen Gefühle der Alt-Achtundsechziger, die in mir nun eine Art Philip Marlowe sahen, einen Aufklärer im doppelten Wortsinn.

Bei dieser Feier traf ich die frühere Freundin von Werner. Sie trug eine große rote Brille, durch die Augen voller Melancholie hervorschauten.

Ich glaube, Werner hätte die Welt heute nicht gefallen, sagte sie.

Ich weiß nicht, sagte ich. Ich glaube, dass jedem, der lebt, die Welt besser gefällt als einem Toten.

Robin gründete eine Facebook-Gruppe gegen den Euro-Umrechnungsbetrug, brach bald darauf sein Studium ab und fand eine Anstellung bei der Arbeiterkammer in der Abteilung für Konsumentenschutz.

Im Grunde ist er eine Art Polizist geworden. Konsumentenschützer. Ich werde das nie verstehen. Ich habe sein Philosophiestudium unterstützt. Aber er ist eine Art Polizist geworden.

Ich sitze an einem Schreibtisch in der behördlich konzessionierten Detektivagentur Fränzl. Es ist ein grauer Tag, dem Kalender nach ein Frühlingstag, ein Tag im Mai, aber einer von der Sorte, wie es sie in Wien auch im Herbst und Winter gibt. Einer jener Tage, die nicht einmal Liebende euphorisch machen, an denen kein Dichter Eindrücke ausdrückt, an denen diejenigen, die rasch mal Zigaretten holen gehen, wieder träge nach Hause zurückkehren, ein Tag, an dem die grauen Anzüge der Kleinbürger in der grauen Atmosphäre wie Tarnanzüge wirken. Ich tippe den Endbericht eines schon abgeschlossenen Falles, lästige Papierarbeit, die so grau ist wie das Licht hinter dem Fenster.

Noch sechs Jahre bis zur Rente.

1982. Schon jahrelang ohne sie, murmelst du am abtauenden Kühlschrank »Was?« »Wie?« »Ruhe jetzt«, während es knarrt, weh tut, ächzt, bis der letzte Eisblock ergeben von der Decke des Gefrierfachs tropft.

Du träumst, und in deinen Träumen schweben Babys an den Baumwipfeln vorbei, sie haben die Ausstrahlung von Dackeln und sind fett wie Luftballons von Macy.

Das erste Kunststoffherz wird chirurgisch eingepflanzt.

Oben hat jemand »You’ll Never Walk Alone« aufgelegt. Jetzt »Oklahoma!« Die müssen eine Rodgers und Hammerstein- Sammlung haben.

1981. In öffentlichen Verkehrsmitteln schauen dich Mütter mit weichen, seifigen Engeln in Kord an, ihre Gesichter sind Dominosteine der Innigkeit. Ihre Engel sind klein und ruhig, oder aber sie zählen endlos die Farben der Bussitze: »Blau-Blau-Blau, Gelb-Gelb-Gelb, Glün-Glün-glün.« Die Mütter sehen, wie du die Kinder beäugst. Sie lächeln wohlwollend. Sie glauben, du bist kinderlos. Sie glauben zu wissen warum. Du siehst schnell weg, zur schmutzigen Fensterscheibe hinaus.

1980. Das Brummen, Brausen und Klappern von Gegenständen in der Küche. Es sind ein paar der Geräusche, die dein Leben organisieren. Das Klimpern des Silbers in der Schublade, aufeinandergetürmt wie Knochen in einem Massengrab. Deine Vergleiche werden düster,

werden müde.

Reagan wird zum Präsidenten gewählt, obwohl du Donuts und Flugblätter für Carter verteilt hast.

Du verabredest dich mit einem Italiener. Er reibt deinen Bauch und sagt: »Deine Haut ist weich wie Samt.« Und in deinem wirren Kopf denkst du: weit wie das Land, weiß wie die Wand, heiß wie die Hand, nimm dich in acht.

Er pflanzt Küsse in die Schräge deines Genicks, und du schläfst bei ihm ein, deine Unterhose ist um einen Oberschenkel gestreift und gerollt wie der Strumpfhalter einer Braut.

1979. Manchmal unternimmst du abendliche Ausflüge zu dem alten, unverkauften Haus, in dem du aufgewachsen bist, in das verspukte, ländliche Nest, das zwei Stunden von deiner jetzigen Wohnung entfernt liegt. Es ist wie Halloween: der geharkte, mondbeleuchtete Rasen, die geblähten Riesenbäume, deren Arme und Finger sich in den sternenlosen Himmelsstreifen strecken wie Wunden, Risse, Landkartenflüsse. Ihre schwarzen Schatten schaukeln zu der Veranda im Osten hin. Du biegst langsam um die Ecke, siehst aber weiter aus dem Autofenster. Dieses Haus ist tief in dir vergraben, noch ist etwas hier, das du kennst, das du glaubst zu kennen, eine Stimme ganz oben auf jener Treppe, vielleicht, eine Gestalt auf der Veranda, eine seltsame Schürze, die sich in den Zweigen verfangen hat, in der für eine Herbstnacht zu warmen Brise, irgend etwas stimmt nicht, dieses Turmfenster, das von hier aus, von außen, zu sehen, von innen jedoch nicht erreichbar ist. (Die Geisterangeberei deiner Kindheit: »Wir haben ein Zauberzimmer. Das Fenster ist vorne zu sehen, aber man kann nicht reingehen, es gibt keine Tür. Vor vielen Jahren hat ein Arzt da gewohnt und heimlich operiert, und jetzt ist es zugemauert.«) Das Fenster sitzt wie ein totes Auge im Turm. Du siehst einen Geist, eine sich drehende Statue neben einem Strauch.

1978. Du beerdigst sie in dem kalten südlichen Seitenhof dieses unheimlichen Hauses. Dein Bruder und seine Kinder sind da. Du umarmst sie alle. Der Pfarrer im sportlichen Tweedmantel, die nachbarlosen Felder, die Straßenkreuzungen, das alles ist trostlos wie Kansas. Es wird gebetet, dann schaufelt jemand. Die Leute gehen zu den Autos und umarmen sich wieder. Du steigst mit deiner Nichte in deinen Wagen. Wartest. Schaust durch die Windschutzscheibe nach oben. Am Novemberhimmel zieht ein Keil von Zaunkönigen gen Süden, die Linien ihrer Formation, die äußersten Flanken und die Spitze folgen einer geheimnisvollen Choreographie, fließen, verändern, kreuzen sich wie die Beine eines Schlittschuhläufers. »Irgendwo werden sie sich instinktiv auf einem Baum niederlassen«, sagst du, »aber das wird noch lange dauern.« Du staunst, beobachtest, bis sie amöbisch-langsam dunkle, weit entfernte Stiche im Horizont bilden. Du läßt den Wagen nicht an. Endlich spricht die schweigsame Nichte neben dir: »Tante Ginnie, gehen wir zu den anderen ins Restaurant?« Du siehst sie an. Erkennst sie: neun, in einem Parka aus Webpelz. Du lächelst und fährst los.

1977. Sie wird alt, schaukelt in deinem Schaukelstuhl, lautlos wie Wind. Die vorderen Strähnen ihres weißen Haares baumeln gelb von zu vielen Zigaretten vor ihren Augen. Sie raucht sogar jetzt, da ihre Stimme heiser vom Schleim ist. Manchmal, wenn ihr in deiner winzigen Küche zu Abend eßt, wird sie einfach auf dich starren, mit feuchten Augen, und dann in einen Hustenanfall ausbrechen, der ihren schmächtigen Altmännerkörper wie ein Sturm peinigt.

Du ißt deine gebackene Kartoffel nicht weiter. Fragst, ob alles in Ordnung ist.

Sie wird krächzen: »Weißt du noch, Ginnie, wie dein Vater immer sagte, daß ich eines Tages, bei den vielen Zigaretten, ›mit dem Schleim leben‹ würde?« Bei diesen Worten gluckst, würgt, keucht sie wieder.

Hilf ihr beim Aufstehen. Stütze sie gegen dich.

Klopfe ihr leicht auf den gewölbten Hügel ihres Rückens. Bitte sie, um Gottes willen mit dem

Rauchen aufzuhören.

Sie wird lächeln und sagen: »Um Gottes willen? Ist das eine Art, mit deiner Mutter zu reden?«

In der Nacht gehst du rein und siehst nach ihr. Sie liegt wach, ihre Lippen sind auseinander, offen und vertrocknet. Bringe ihr etwas Saft. Sie murmelt: »Danke, Liebling.« Ihr Mund riecht, wölbt sich wie ein Grab.

1976. Die Zweihundertjahrfeier. Im Waschsalon wartest du, daß die Zeit für deine Münzen abläuft. Du beobachtest durch das Bullauge des Trockners, wie deine verhexten Handtücher und Laken hochspringen und fallen. Von der Decke tönt Radiomusik, langsamer, trauriger Motown; er umgibt dich mit dem verzweifelten Optimismus eines jungen Mannes auf einem Ball, und er bringt dich zum Weinen. Sobald du in deinem Appartement bist, kippst du alles auf dein Bett. Deine Mutter strickt gekrümmt: Rot, Weiß und Blau. Du gibst ihr einen Begrüßungskuß. Sagst: »War sehr warm dort.« Anscheinend hört sie dich nicht.

1975. Du gehst allein zu Dichterlesungen in die Stadtbibliothek. Merkst, daß du nicht richtig zuhörst. Starrst auf deine überkreuzten Oberschenkel. Denkst über deine Mutter nach. Manchmal verwechselst du sie mit dem ersten Mann, den du jemals geliebt hast, der dich jemals geliebt hat, der seinen Kopf in die Flusen deines Pullovers vergrub und so herrliche Dinge sagte wie »O Gott, o Gott«, der dich bedingungslos, fürchterlich liebte, wie eine Mutter.

Der Dichter verliert einen Augenblick lang die Nerven, ein roter Schwall überzieht seinen Nacken und seine Ohren, aber er gewinnt seine Fassung wieder. Als er fertig ist, klatschen die Leute. Es gibt Wein und Käse.

Du brichst allein auf, gehst allein nach Hause. Die Straßen im Zentrum sind Lichtgalerien, die

dich halten, sie halten dich, an der Kirche, beim Gemeindezentrum. Du marschierst, wie Stella Dallas, kerzengerade, durch das Melodrama von Straßenlaternen, Telefonmasten, in Richtung des grünen Hauses hinter der Borealis Avenue, zu dem hinteren Appartement mit dem abschüssigen Boden und dem Kürbis auf dem Herd.

In deinem Horoskop steht: Sei nett, faß dich kurz.

Du bist wieder schwanger. Entscheide, was du tun sollst.

1974. Sie hat Anfälle, eine verrückte Art von Altersschwachsinn. Sie ruft dich bei der Arbeit an. »Hier ist nichts zu essen! Hilf mir! Ich verhungere!«, obwohl du erst gestern Lebensmittel für vierzig Dollar gekauft hast. »Mom, es ist doch was zu essen da!«

Als du nach Hause kommst, ist der Kühlschrank fast völlig leer. »Mom, wo hast du die ganze Milch und den Käse und das Zeug hingetan?« Deine Mutter sitzt da, starrt dich von ihrem Platz vor dem Fernsehapparat aus an. Tränen strömen aus ihren Augen. »Es ist nichts zu essen da, Ginnie.«

Aus der Spülmaschine dringen raschelnde, kratzende Geräusche. Du öffnest sie, und die Augen eines kleinen Nagetiers strahlen dich an. Es krabbelt heraus und verschwindet bei der Fußleiste hinter dem Kühlschrank. Deine Mutter hat, offensichtlich, sämtliche Lebensmittel in die Spülmaschine gestellt. Die Milch ist verschüttet, eine weiße Lache auf Blau, und Sachen wie Käse und Mortadella und Äpfel sind angeknabbert.

1973. Auf einer Party erzählt dir eine Frau, wo sie ein wunderschönes Paar Schuhe gekauft hat, und du sagst, deiner Meinung nach sei Kleiderkaufen wie Masturbieren – jeder tue es, aber es sei nicht besonders interessant und sollte daher allein erledigt werden, auf eine intime Art, und nie Thema eines Partygesprächs sein. Die Frau kneift Lippen und Augen zusammen und sagt: »Oh, vermutlich können Sie über spannendere Dinge reden.« Du wirst unbeholfen und nervös. Sagst »nein« und steuerst auf das Ginger Ale zu. Den Leuten neben dir erzählst du, daß sich dein Inneres irgendwie nach Versunkenem und Vinyl anfühlt, wie eine Claes Oldenburg-Toilette. Sie sagen »Oh?« und heben das Muster auf deinem Kleid hervor: Paisleys, die andere Paisleys befruchten. Du gießt dir noch mehr Ginger Ale nach.

1972. Nixon erringt einen überwältigenden Wahlsieg. Manchmal nennt dich deine Mutter beim Namen ihrer Schwester. Sag ihr: »Nein, Mom, ich bin’s. Virginia.« Du lernst, Dinge zu wiederholen. Du lernst, daß ihr euch auf eine Art kennt, die seltsamerweise die Art, in der ihr euch nicht kennt, wiedergutmacht.

Du kochst zum ersten Mal Apfelauflauf.

1971. Du unternimmst lange Spaziergänge, um ihr zu entkommen. Gehst durch waldige Gebiete; dort herrscht ein Leben, das du längst vergessen hast. Die Gerüche und Laute erscheinen dir unvermittelt, unverändert, genau, das papierähnliche Knirschen der Blätter, das vermodernde Duftkissen des Schlamms. Die Bäume sind krumm wie Rücken, die Zaunpfähle zersplittert, sicher und zugleich verletzlich in ihrer festen Umarmung, die Astern sind spindeldürr, trocken, welk und weiß vom Frost. Du findest einen wunderschönen rötlichen Stein und nimmst ihn für deine Mutter mit nach Hause. Du küßt sie. Sagst: »Der ist für dich.« Sie packt ihn und lächelt. »Du warst schon immer ein so empfindsames Kind«, sagt sie. Antworte: »Ja, ich weiß.«

1970. Du bist wieder schwanger. Versuche dich zu entscheiden, was du tun sollst. Laß dir dein Haar absäbeln, kurz wie das eines Jungen.

1969. Die Menschheit springt auf den Mond.

Wegwerfwindeln werden zum ersten Mal in Supermärkten verkauft.

Du läßt dich auf gelegentliche Affären mit lächerlichen, dummen Männern ein, die dir sagen, du sollst dein Haar bis zur Taille wachsen lassen, und die dich, wenn du traurig bist, zur Aufmunterung in den Rippen kitzeln. Das Mondlicht zwischen den Rollostäben streift euch wie Zebras. Du lachst. Du heiratest nie.

1968. Ärgere dich nicht über sie. Denk zum Beispiel an die Situation, wenn du die letzte Mülltüte aus der Schachtel nimmst: Du mußt die Schachtel wegwerfen, indem du sie in genau diese Mülltüte schmeißt. Was einmal Inhalt war, muß nun beinhalten. Der Behälter wird dann zum Beinhalteten, zum Eingeschlossenen, Gehaltenen. Du entdeckst zunehmend, wie gern du über solche Dinge nachdenkst.

1967. Deine Mutter ist krank und zieht bei dir ein. Sie weiß nicht, wohin sie sonst gehen könnte. Du spürst viele verschiedene Leerstellen in dir.

In Südafrika wird die erste erfolgreiche Herztransplantation durchgeführt.

1966. Du bringst deine Liebhaber durcheinander, verwechselst, wer welche Narbe, welche Farbe, welche Mutter hatte.

1965. Du rauchst Marihuana. Versuchst herauszufinden, was in deinem Leben falsch gelaufen ist. Es ist, als wolltest du herausfinden, was den Kühlschrank verstänkert. Es könnte alles mögliche sein. Der Drehverschluß der Mayonnaise, Onkel Rons seit vier Jahren in der linken Ecke stehender Honigwein. Vergilbender, schnell blühender Brokkoli. Es sind alles Metaphern. Es sind alles Probleme. In deinem Horoskop steht: Sprich freundlich mit einem geliebten Menschen.

1964. Deine Mutter führt ein Ferngespräch und fragt, ob du Thanksgiving nach Hause kommst, dein Bruder und das Baby seien da. Du erfindest Ausreden.

»Wenn eine Mutter älter wird«, sagt deine Mutter, »werden solche Feiertage immer wichtiger.« Du sagst: »Es tut mir leid, Mom.«

1963. Eines Morgens wachst du mit einem Mann auf, von dem du dachtest, du könntest dein Leben mit ihm verbringen, und erkennst, mit einem Stein im Bauch, daß du ihn nicht mal magst. Du verbringst einen sentimentalen Nachmittag in seinem Badezimmer und gehst nicht raus, wenn er klopft. Du kannst deinen Gefühlen nicht länger trauen. Menschen und Orte, die du zu lieben glaubst, sind vielleicht Menschen und Orte, die du haßt.

Kennedy wird erschossen.

Irgend jemand erfindet ein künstliches Herz, das während der Operation eingesetzt wird.

1962. Zum ersten Mal ißt du chinesisch, mit einem Anwalt aus Kalifornien. Er zeigt dir, wie man die Stäbchen hält. Er tätschelt dein Bein. Du greifst seinen Beruf an. Fragst ihn, ob er denn glaube, das Gesetz mache aus kleinen Leuten große Leute.

1961. Grandma Moses stirbt.

Du bist ein Zoo voll Unsicherheiten. Du gewöhnst dir an, Brandy in den Frühstückskaffee zu kippen und dich zu schnell zu verlieben. Du hast eine Abtreibung.

1960. Vom Testament deines Vaters und seiner Lebensversicherung ist Geld da. Du kaufst ein Auto und ein grünes Samtkleid, das du nicht brauchst. Jeden Samstag fährst du zwei Stunden, um mit deiner Mutter Mittag zu essen. Sie schlägt dir vor, über was du schreiben könntest, Geschichten, die sie im Radio gehört hat: eine Frau mit telepathischen Zwillingen, eine Frau ohne Füße.

1959. Bei der Beerdigung sagt sie: »Er hatte seine Probleme, aber er war ein großzügiger Mann«, obwohl du weißt, daß er kleinlich war wie ein Pfadfinderknoten, niemandem zuhören konnte und du dich nur an ein einziges Mal erinnern kannst, wo du ihn geliebt hast, als er nämlich die Pointe von einem deiner Witze eher als deine Mutter mitbekam, er von seiner wissenschaftlichen Zeitschrift hochsah und wie ein Riese in schallendes Gelächter ausbrach und ihr beide euch, für den Bruchteil einer Sekunde, wie Engel mitten in diesem Raum, in diesem warmen, miteinander geteilten Gedankenlicht verstanden habt. Du sagst: »Er war in Ordnung.«

»Du solltest nicht so bitter sein«, fährt dich deine Mutter an. »Er hat dir und deinem Bruder die Ausbildung am College finanziert.« Sie knöpft ihren Mantel zu. »Außerdem war er der erste Mann, der ein bestimmtes Heliumisotop isoliert hat, ich habe den Namen vergessen, aber er hätte den Nobelpreis verdient.« Sie tippt an ihre Nase.

Du sagst: »Ja, Mom.«

1958. Bei der Hochzeit deines Bruders wird dein Vater mit dem Krankenwagen abgeholt. Eine kleine Cousine flüstert laut ihrer Mutter zu: »Hatte Onkel Will einen Schmerzanfall?« Ganze sieben Tage lang sagst du deiner Mutter Dinge wie: »Ich bin sicher, es wird wieder gut« und »Ich bleibe hier, warum gehst du nicht nach Hause und schläfst ein bißchen.«

1957. Du tanzt Calypso mit Jungs aus einem anderen College. Knallst dich mit New York-Burgunder voll, verlierst deine Jungfräulichkeit und kaufst dir eine der ersten tragbaren elektrischen Schreibmaschinen.

1956. Du erzählst deiner Mutter von all den Büchern, die du im College liest. Das beruhigt sie.

1955. Du machst ein ›Malen nach Zahlen‹-Bild von Elvis Presley. Erzählst deiner Mutter, wie sehr du ihn liebst. Sie wird den Kopf schütteln.

1954. Du klaust einen Kaschmirpullover.

1953. Du rauchst eine Zigarette mit Hillary Swedelson. Ihr erzählt euch gegenseitig, für wen ihr schwärmt. Ihr werdet Blutsschwestern.

1952. Als dich deine Mutter fragt, ob es auch ein paar nette Jungs an der Junior High gibt, fragst du sie, woher du um alles in der Welt so was wissen solltest, wo du doch jeden Abend um neun! zu Hause sein mußt. Ihre Augenbrauen heben sich wie Theatervorhänge. »Du armes, mißbrauchtes Ding«, wird sie sagen.

Sag: »Genau« und knall die Tür zu.

1951. Deine Mutter klärt dich über Menstruation auf. Am nächsten Tag kriegst du prompt deine Periode, anscheinend wartete dein Körper nur auf die Erlaubnis, auf ein Signal. Du wachst morgens auf und bist peinlich berührt.

1949. Du lernst, wie man Kaugummiblasen macht und negative Zahlen addiert.

1947. Die Schriftrollen am Toten Meer werden entdeckt.

Du hast zu viele Hollywood-Musicals gesehen. Du hast zu viele Leute gesehen, die in der Öffentlichkeit singen, und nimmst an, du könntest es ebenfalls. Du übst. Dein Lehrer stellt dir eine Frage. Du trällerst zurück: »Die Antwort auf Frage Nummer zwei ist zwölf.« Die meisten in der Klasse lachen über dich, obwohl ein paar, mit juwelen-stillen Augen, fasziniert staunen.

Zu Hause bittet dich deine Mutter, in deinem Kleiderschrank Staub zu wischen. Du steigerst dich wütend in ein Vibrato, durch das ein Lastwagen fahren könnte. Singst: »Warum muß ich das ausgerechnet jetzt tun?« und steppst durch das Wohnzimmer. Deine Mutter fordert dich auf, daß du dich beruhigst und ein Nickerchen machst. Du schreist: »Ich bin dir egal! Ich bin dir völlig egal!«

1946. Dein Bruder spielt den ganzen Tag »Shoofly Pie« auf der alten Victrola.

Du fragst deine Mutter, oh du bei Ellen essen darfst. »Frag deinen Vater«, wird sie antworten, und du gehst, an den Fingern ziehend, ins Wohnzimmer und wimmerst neben seinem Sessel. Er liest. Du tippst an seinen Arm. »Dad? Daddy? Dad?« Er liest in seiner wissenschaftlichen Zeitschrift weiter. Du ziehst noch stärker an deinen Fingern und rennst in die Küche zurück, um es deiner Mutter zu erzählen, die jetzt ins Wohnzimmer stürmt und sagt: »Warum hörst du eigentlich nie deinen Kindern zu, wenn sie mit dir reden wollen?« Sie streiten sich. Du drückst dein Gesicht in ein Geschirrtuch, schämst dich, und das Brummen des Kühlschrankmotors, das Tröpfeln in der Spüle macht dir angst.

1945. Dein Vater kehrt von seiner Kriegsforschung zurück. Er läßt dich um den gelben verfilzten Rasen im Garten huckepack reiten, und das tote Fenster im Turm, dunkel wie eine Wunde, sieht dir zu. Er schubst dich wortlos auf der Schaukel an.

Dein Bruder hat neue Freunde, verhält sich älter und distanziert, sogar wenn ihr gemeinsam auf den Schulbus wartet.

Du bist zu oft allein. Du erzählst deiner Mutter, daß du deine Babys später, wenn du groß bist, mit nach Australien nimmst und ihnen die Känguruhs zeigst.

In Nagasaki werden vierzigtausend Menschen umgebracht.

1944. Du hast eine kleine Puppe, die »The Sue« heißt, die du anziehst und hätschelst. Du nimmst sie überallhin mit. Ihr verirrt euch auf dem Wilson Creek-Gemüsemarkt, und du rufst leise: »Mom, wo bist du?« Du beobachtest, wie andere Kinder Trauben abzupfen, traust dich selber aber nie. Deine Augen sind kleine dunkle Trichter, deine Hand umklammert The Sue.

1943. Du fragst deine Mutter über Babys aus. Läßt sie nur Geschichten über Babys vorlesen. Fragst sie, ob sie ein Baby bekommt. Fragst sie nach dem Baby, das gestorben ist. Du weinst in ihren Armen.

1940. Du packst ihr Haar in deine Faust. Streichelst deine Wange damit.

1939. Wie durch eine Helix, wie durch ein Ohr, hier bist du den Traumfetzen, den anderen Wesen näher.

Da ist ein Zelt aus Beinen, eine Spaltung zweier Selbst, während ihr beide blind nach Luft ringt. Durch das Helle und Kalte hindurch spürt sie, wenn du mit ihr reden willst, wenngleich du dies nie richtig begriffen hast.

Deutschland marschiert in Polen ein.

Der Song des Jahres heißt »Three Little Fishies«, und irgend jemand spielt ihn, irgendwo.


* Copyright © 1985 by Lorrie Moore. From Self-Help (Knopf). Reprinted with permission by Melanie Jackson Agency, LLC.

*Translation copyright ©2008 by Brigitte Jacobeit. Reprinted by permission by Piper Verlag. All rights reserved.

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