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Franz Liszt starb am 31. Juli des Jahres 1886, an die näheren Umstände hierzu konnte er sich nicht erinnern. Er fand sich allerdings im Vollbesitz seiner Sinne und geistigen Gaben auf einer Straße wieder und ging zielstrebig – wohin, dies bedeutete ihm eine Einladung, die er in der Tasche hielt, eine Einladung mit der lapidaren Bemerkung: »Frau Magda G. bittet um Ihren Besuch im Bunker der Reichskanzlei, und zwar für den 1. Mai 1945.«

In der Reichskanzlei, offenbar waren dies Räumlichkeiten unter der Erde, fand er sich auf einem Stuhl sitzend wieder, ohne zu wissen, wie er so rasch und ohne alle Umstände hierhergekommen war. Er musterte den Raum, der hin und wieder, in unregelmäßigen Abständen, von Detonationen erschüttert wurde. Er sah einen langen Eichentisch, darum herum Stühle mit hohen, gepolsterten Lehnen, dann eine Büste, einen männlichen Kopf darstellend, von eben der Farbe, wie sie der Kalk hatte, der aus Rissen von den Wänden rieselte. Dieser Kopf zog ihn unwiderstehlich an. Aber nun sah er schon in einer äußersten Ecke, ihm schräg gegenüber, ein Pianoforte, dessen schwarzer Lack von staubigem Mörtel und von Stücken Mauerwerk dicht übersät war.

Dahinter, auf einem Hocker, ganz in ängstlicher Haltung, ganz in sich zusammengesunken, aber den Blick doch mit fragender, fast flehender Aufmerksamkeit auf den Neuankömmling gerichtet, saß eine Frau mittleren Alters. Sie hatte ihr blondes Haar im Nacken zu einem Knoten gebunden, sie hielt ihr Gesicht etwas zu sehr erhoben, hier und da zeigten sich rötliche Flecken.

»Ich freue mich, dass Sie gekommen sind«, sagte sie kaum hörbar. »Nicht wahr, Gräfin d’Agoult war die Mutter Ihrer Kinder.«

Liszt war verwirrt, da er so unerwartet, auf direkte Weise und von einer Frau, die er nicht kannte, von der er aber annehmen musste, dass sie litt, an frühere Umstände erinnert wurde. Dann, nach Augenblicken der Unentschlossenheit, die zu der Würde seines Alters einen merkwürdigen Kontrast bildeten, erhob er sich und ging auf das Pianoforte zu.

»Warum weinen Sie, Madame?«, fragte er. »Um Gottes willen, warum weinen Sie?«

Und als er die Arme ausstreckte und fast schon versucht war, da sie nun aufschluchzte, ihre Hände zu ergreifen, erstarrte er in seiner bemühten, freundlichen Bewegung, denn nun stand in der Tür, die mit einem unangenehmen, metallenen Klirrton geöffnet und wieder geschlossen worden war, ein schmächtig wirkender Mann, der ihnen mehrmals und mit heiterer Selbstverständlichkeit zunickte.

»Reden Sie mit ihm«, rief die Frau und umklammerte Liszts rechte Hand. »Er will, dass ich meine Kinder umbringe.«

Aber gleichzeitig schämte sie sich, ihren Mann, der in der Tür stand und um Haltung bemüht war, vor einem Fremden, auch wenn dieser Franz Liszt hieß, zu desavouieren.

»Ich behaupte nicht«, fügte sie hinzu, und ihr Gesicht war tränenüberströmt, »ich behaupte nicht, dass dies nicht auch mein Wunsch wäre. Aber Sie verstehen, ich wünsche etwas, das ich unmöglich ausführen kann.«

»Es bleibt keine Zeit, der Arzt wartet«, sagte Josef G. und lächelte. »Ich bin sicher, der unsterbliche Franz Liszt wird dir genügend Kraft geben, das Unvermeidliche zu tun.«

Damit ging er auf seine Frau zu, umfasste sanft ihren Ellbogen und führte sie, die kaum widerstrebte, zur Tür, und Liszt bemerkte, dass ihn eine Missbildung, ein zu kurzes Bein, beim Gehen hinderte.

»Sie wollen Ihre Kinder töten?«, fragte er, und das Ehepaar wandte sich um und sah die erschreckte Güte im Gesicht des Ehrwürdigen und dass dieser wie ein Priester gekleidet war.

Es folgte eine Detonation, derart heftig, dass man fürchten musste, sie würde sich bis ins Innere der Erde fortsetzen. Das Licht verlosch, und als die Glühbirne, die an der Decke des Zimmers angebracht war, wieder aufflammte, war Liszt allein. Er wusste nicht, ob er dem Ehepaar, das offenbar hinter der Tür verschwunden war, folgen sollte, und versuchte, die Umstände, in denen er sich befand, zu begreifen.

›Aber wie denn‹, dachte er, ›es ist unmöglich, dass man mich in dieses Haus bittet, damit ich Zeuge eines Verbrechens werde. Ich muss mich verhört haben!‹

Und die Zurückhaltung, die er ein Leben lang eingeübt hatte, das Unverbindliche im Betrachten der Welt, wie sie sich auf Konzertreisen darstellte, die Unmöglichkeit, als vielgefragter Virtuose die Gewohnheiten seiner Gastgeber zu durchschauen oder auch nur wahrzunehmen, dies alles hinderte ihn auch diesmal daran, sich um sein Erstaunen gründlicher zu kümmern.

Er beschloss, den Lauf der Dinge abzuwarten. Er setzte sich, nachdem er die Tastatur, den Mörtel nicht achtend, freigelegt hatte, hinter das Pianoforte und spielte die ersten Takte der Waldsteinsonate bis zu jenem Triller, der den düsteren, melancholischen Auftakt ins Heitere zu wenden versucht. Dies tat er wieder und noch einmal, als würde er zögern, die Kostbarkeit, die er so oft durch seine Hände hatte entstehen lassen, preiszugeben. Aber er spielte, sowie sich seine Selbstvergessenheit festigte, weiter, und zuletzt herrschte jene Magie, eine Ununterschiedenheit zwischen Künstler und Instrument, die nur der Virtuose geltend machen kann.

Wieder öffnete sich die Eisentür, sanfter als beim ersten Mal, und Frau G. kehrte in den Raum zurück. Liszt war es, als hörte er hinter dem Korridor, den die Tür verdeckte, Kinderstimmen und wie diese, offenbar im Spiel miteinander, lachten, aber es war vage und unbestimmt und so fern, dass er nicht wusste, ob er sich getäuscht hatte.

»Wie wunderbar Sie spielen«, sagte Frau G. und setzte sich auf einen der Stühle, die um den Eichentisch gruppiert waren.

»Ich danke Ihnen, Madame«, antwortete der Pianist, unterbrach sein Spiel und verbeugte sich gegen sie.

Die Stille, die nun folgte, dauerte etwas zu lange. Frau G. blickte zu Boden und sagte leise, wie zu sich selbst und wie um das entstandene Schweigen zu entschuldigen:

»Denken Sie nicht schlecht von meinem Mann. Er liebt die Kinder ebenso wie ich. Aber auch er möchte ihnen das Leben ersparen.«

»Madame, wovon reden Sie?«, sagte Liszt und sah auf jene bis zur Erschöpfung einsam wirkende Frau, die man weder alt noch jung, weder schön noch hässlich, weder anziehend noch abstoßend, aber in ihrer endgültigen Traurigkeit anrührend nennen musste und die nun seinen Blick erwiderte. Dabei hielt sie den Kopf hoch erhoben, sie presste ihre Hände gegeneinander, um Halt zu finden, aber es waren die Augen, diese geweiteten, in äußerster Erregung hilflos wirkenden Augen, die verrieten, dass hier jemand Anstrengungen unternahm, obwohl er wusste, dass er jeden Anlass hierzu längst hinter sich gelassen hatte.

»Ich möchte Sie bitten, sich meiner Kinder anzunehmen«, sagte sie. »Ich mache mir Sorgen, was aus ihnen werden wird, wenn sie gestorben sind. Sie sind ja noch so jung. Ich weiß«, fügte sie hinzu, »wie gütig Sie sind, und ich hoffe sehr, dass Sie die Kinder nicht unbeachtet lassen.«

Liszt starrte auf ihr Haar und bemerkte, dass sich eine Strähne, die mit einer Klammer befestigt war, gelöst hatte und nun über ihre Schläfe fiel und wie sie diese Nachlässigkeit unbeachtet ließ. Er konnte nicht umhin, die Anmut, die trotz aller Verzweiflung für einen Augenblick entstanden war, zu bewundern.

»Aber Ihre Kinder leben«, sagte er. »Und sie haben eine Mutter, die unmöglich wünschen kann, dass es anders wäre.«

Sie antwortete nicht.

Er wollte sie bitten, ihre, wie ihm schien, unverständlichen Worte zu erklären, aber nun stand Josef G. in der Tür, offenbar in der Absicht, seine Frau, deren Zustand er misstraute, nicht aus den Augen zu lassen.

»Wer sein Haus nicht mehr retten kann, für den wird es zum Scheiterhaufen. Wer sich und seine Kinder opfert, adelt den Untergang«, sagte er. Dabei ging er zum Eichentisch, setzte sich, suchte die Nähe seiner Frau, und zwar so sehr, dass sie einander mit den Schultern berührten.

Wie lange sie so dasaßen, wusste Liszt nicht zu sagen. Er sah immer nur auf das seltsame Paar, hörte auf die Detonationen, die näher und näher kamen, und sah, wie Josef G., der solche Umstände seit langem gewohnt war und mit Verachtung auf alle äußere Gefährdung zu reagieren pflegte, zusammenzuckte, aber es war ein Reflex seiner Nerven, den er unbeachtet ließ.

Nur einmal, als die Tür, wie aus den Angeln gerissen, ohne dass jemand sie berührt hatte, aufsprang, versicherte er, dass die Einschläge, die von der Artillerie herrührten, die Gesichertheit dieser Räume, man befände sich mehrere Meter unter der Erde, keineswegs gefährden könnten und dass der deutsche Soldat, obwohl erschöpft, obwohl aus unzähligen Wunden blutend, durchaus noch willens und in der Lage sei, den Feind bis zum Abend aufzuhalten.

Ordonnanzen kamen und brachten Nachrichten, die dieser Zuversicht widersprachen. Niemand, versicherten sie, sei imstande, die umkämpften Straßen, jenes schmale Gebiet zwischen Tiergarten und Voßstraße, das den Mächtigen des dritten reiches noch verblieben war, länger als ein, zwei Stunden zu verteidigen.

»Es ist gut so«, sagte Josef G. »Wir haben die Welt, da sie in ihrer Schläfrigkeit zu ersticken drohte, mit eisernen Fäusten durchgerüttelt, und wir haben diesen Kampf nicht auf uns genommen, um zu siegen. Was ist schon der Sieg? Er ist billig zu haben, wenn man nicht das ganze Verhängnis herausfordern, das Fatum selbst gegen sich herbeizwingen will.«

Und wieder war es Liszt, als würde er Kinderstimmen hören, deutlicher als beim ersten Mal, ja er glaubte sogar, Unterschiede ihres Alters wahrnehmen zu können. Er erhob sich.

›Die Wahnsinnigen‹, dachte er. ›Sie führen einen Krieg, sie wünschen ihren Untergang. Aber ich muss sie daran hindern, dass ihre Kinder dafür büßen müssen.‹

Er bedankte sich für die Einladung, bedauerte, dass er an der verzweifelten Lage seiner Gastgeber nichts, aber auch gar nichts ändern könne, dass er jedoch bereit sei, auf dem Pianoforte zu spielen, falls man dies wünsche, und dass er nichts dagegen hätte, wenn auch die Kinder … Ja, er würde sich über ihre Anwesenheit geradezu freuen, denn, versicherte er mehrmals und immer drängender, es gäbe für ihn kein größeres Vergnügen, als vor Kindern zu spielen.

»Ja, spielen Sie, spielen Sie!«, rief Magda G. Doch schon hatte Josef G. ihre Hand genommen, hielt sie sanft, aber unmissverständlich fest, lächelte, und Liszt schien es, als würde auch sie für einen Augenblick triumphieren, als seien ihre Augen auf diesen Mann wie auf einen Magier gerichtet, der imstande war, inmitten einer brennenden Festung, den eigenen und den Untergang der Kinder wie einen Sieg erscheinen zu lassen.

Dies beunruhigte Liszt.

»Aber«, sagte er, »Sie werden nicht so unhöflich sein, den Raum zu verlassen, solange ich auf dem Pianoforte spiele. Dies wäre mir in meinem Leben nie begegnet«, fügte er hinzu und: ›Wenn dieser Krieg in wenigen Stunden beendet sein soll‹, dachte er, ›muss die Musik sie bezaubern. Beethoven! Beethoven wird die Kinder retten. Er ist mächtiger als alles andere‹, dachte er, und: ›Der müsste erst geboren werden, der der Waldsteinsonate widerstehen kann.‹

Er begann zu spielen. Aber bevor er dies tat, musterte er noch einmal, seine Hände lagen auf der Tastatur, die Zuhörer, so wie er es gewohnt war. Es war dies ein Augenblick äußerster Konzentration. Und als er die ersten Takte anschlug, sah er, wie Magda G. von ihrem Mann abrückte, unmerklich, indem sie mit dem geringsten Aufwand an Bewegung ein Taschentuch aus dem Gürtel ihres Kleides zog und es gegen die Lippen führte, und wie Josef G. von dieser Bewegung keinerlei Notiz nahm. Aber er, Franz Liszt, sah dies sehr wohl und nahm es als Beweis, wie rasch der Zauber seiner Virtuosität zu wirken begann.  Das machte ihm Mut.

›Weiter, immer weiter‹, dachte er. ›Die Sonate bewältige ich in dreiundzwanzig Minuten, aber man wird sich wundern, wenn diese kurze Ewigkeit bis zum Abend dauert.‹

Er wiederholte den Anfang, setzte die Akkorde besonders weich, in der Absicht, die düstere Entschlossenheit der beiden zu mildern. Dann unterbrach er, bevor er mit den Variationen begann, sein Spiel, sah aber nicht auf, um niemanden zum Beifall zu nötigen. Minuten später fühlte er sich bestätigt. Josef G. saß da wie jemand, dem der Zustand der Welt, der ja doch nur sein eigener Zustand war, durch die Musik auf wunderbare Weise wieder zurechtgerückt wurde. Er sah immer nur auf Liszt, auf dessen Hände und sah nicht, wie sehr Magda G., um ihr Gemüt einigermaßen zu bändigen, ununterbrochen mit dem Taschentuch beschäftigt war. Sie litt unter der Vorstellung, die Kinder könnten sich diesem Raum nähern, obwohl man es ihnen verboten hatte, und sie würden nun, angezogen von der Musik, ach von dieser wunderbaren Musik, die Nähe ihrer Eltern suchen, jene Nähe, in der sie sich so selbstverständlich sicher fühlen durften und die man ihnen nie verweigert hatte. Sie ertrug den Gedanken nicht, dass sie diese Nähe, bevor es Abend werden konnte, dazu missbrauchen musste, die Kinder zu hintergehen. Aber auch ihr wurde der Schmerz durch den Wechsel der Akkorde, das Auf und Ab einander widersprechender und sich wieder versöhnender Klangflächen, die den Raum ins Unbegrenzte ausweiteten, auch ihr wurde die Gewissheit des Todes, der so hastig, so unwürdig vollzogen werden sollte, durch die Musik auf wunderbare Weise wünschenswert gemacht.

Liszt konnte ihre Stimmung nicht bessern, aber seine Kunst bannte sie fest in dem Verlangen, es möge sich an ihrem Unglück nichts ändern, ja, sie wünschte geradezu, in der Verzweiflung, die ihr jetzt ebenso unentbehrlich schien wie das Pianoforte, eine Ewigkeit zu verweilen.

»Wie wunderbar Sie spielen!«, rief Magda G.

»Ich danke Ihnen«, antwortete Liszt, verbeugte sich aber nicht gegen sie, spielte weiter und war nun fest davon überzeugt, dass auch die Kinder ihn hören mussten, obwohl man sie so gründlich vor ihm versteckt hielt.

Wieder bewegte sich die Eisentür, und ein Mann mittleren Alters betrat den Raum. Er trug eine schwarze Uniform, hatte die Ärmel seiner Jacke bis zum Ellbogen aufgekrempelt, der Kragen war weit geöffnet, die kurzgeschnittenen Haare waren nicht frisiert, in der linken Hand hielt er einen kleinen Koffer. Er schien das Klavierspiel nicht zu bemerken, richtete seine Aufmerksamkeit noch dem Korridor zu, aus dem er gekommen war, antwortete einer Stimme, als wollte er sich irgendeiner Sache vergewissern, dann sah er mit äußerster Ungeduld auf Josef G. Es war der Arzt. Und Liszt spürte, dass nun jemand anwesend war, den er zu fürchten hatte.

›Der gleiche Kopf, den ich dort als Büste stehen sehe‹, dachte er. ›Er ist blass wie Marmor, ohne Güte, ganz und gar unerreichbar. Er hört die Musik nicht.‹

Dabei sah er auf den Kragenspiegel der Uniform, der mit einem Totenkopf geschmückt war, und konnte nicht umhin, die Ununterschiedenheit zwischen Gesicht, Uniform und den Insignien des Todes zu bewundern. Er, der so lange Jahre von der Schönheit der Güte fasziniert gewesen war, hatte nun die Schönheit des Bösen vor Augen, und er fühlte, wie das Spiel seiner Hände, das bisher ohne Anstrengung, fast wie von selbst, vor sich gegangen war, stockte, und wie er sich dagegen wehrte, indem er die Bässe und die äußersten Höhen über Oktaven hinweg mehrmals gegeneinander anschlug.

Aber der Arzt blieb unbeeindruckt, und Josef G. erhob sich langsam, ging, die Schritte behutsam auf den harten Beton setzend, zur Tür, wobei er immer noch auf Liszt und in Richtung Pianoforte zurücksah, dann, an der Tür angekommen, hob er, wie zum Gruß, seinen rechten Arm mit einer Miene des Bedauerns

»Ich spiele noch!«, rief der Pianist. »Die Regel des Anstands gebietet, dass zuerst der Künstler den Raum verlässt. Madame«, rief er und wandte sich nun an Magda G., »gibt es einen Grund, meinen Vortrag derart zu missachten?«

Aber sie sah schon zur Tür, sah, wie Josef G. und der Arzt sich entfernten, und ließ nun, indem sie versuchte, sich ebenfalls zu erheben, das Taschentuch fallen, das sie so lange umklammert hatte. Sie wollte den beiden nach, aber ihre Knie ertrugen die rasche Bewegung, der sie folgen sollten, nicht, und so fiel sie, kaum dass sie sich erhoben hatte, wieder auf den Stuhl zurück, wobei sie mit dem rechten Ellbogen hart gegen den Tisch aufschlug.

»Helfen Sie mir. Er geht zu den Kindern. Rasch, geben Sie mir Ihren Arm.«

»Nein«, antwortete Liszt und spielte weiter, immer nur weiter. »Nein«, antwortete er und versuchte seiner Stimme Schärfe zu geben, »solange Sie mir zuhören, kann den Kindern nichts geschehen.«

»Sie irren sich. Wenn ich mich ihrer nicht erbarme, tötet sie der Arzt. Wir sind schuldig. Wir dürfen nicht in die Hände unserer Feinde fallen«, sagte sie, erschrak aber gleichzeitig über ihr Geständnis und wollte es ungeschehen machen. »Nein«, fügte sie hinzu und erhob sich. »Nein«, wiederholte sie fast flehend und ging auf Liszt zu, »wir sind nicht schuldig.«

Dabei kam sie ihm so nahe, dass er sich genötigt sah, sein Spiel zu unterbrechen, und als sie nochmals und nun mit aller Eindringlichkeit von ihm wissen wollte, ob auch er glaube, dass sie nicht schuldig seien, sagte er:

»Madame, ich weiß es nicht. Aber da Sie es sagen, will ich es glauben.«

»Ich danke Ihnen«, antwortete sie und schwieg. Liszt spürte, wie die Lampe über ihren Köpfen, die Möbel ringsherum, ja der ganze Raum zu schwingen begann, und wunderte sich, dass dies in vollkommener Stille vor sich ging. Und da Magda G. immer noch schwieg und in merkwürdiger Unentschlossenheit einfach so dastand und er nicht wusste, wie er dies deuten sollte und ob es angemessen wäre, jetzt weiter auf dem Pianoforte zu spielen, begann er leise und eindringlich zu reden:

»Madame«, sagte er, »Sie sollten mit dem Leben nicht ungerecht sein, und vor allem: Man muss nicht immer und um jeden Preis etwas wollen. Ich hatte zwei Kinder aus erster Ehe, Cosima und Blandine, das heißt, sie waren eigentlich unehelich, ich habe mich aber trotzdem um sie gekümmert. Blandine starb leider sehr früh, aber Cosima war, wie Sie wissen, von Bülows, dann Richard Wagners Frau und starb erst im Jahre 1930. Was für ein langes, ereignisreiches Leben! Natürlich: Auch ich hatte Gründe, unzufrieden zu sein, und ich habe Cosimas Untreue gegenüber von Bülow und ihre Zuneigung zu Wagner nie goutiert, und ich kann auch nicht behaupten, dass die Sorgen, die ich mir um Cosima machen musste, erheblich waren. Sie, Madame, sind verzweifelt, aber: Keine Verzweiflung, auch jene nicht, die den Tod sehnsüchtig herbeiwünscht, darf uns dazu verführen, alles nur mit eigenen Augen zu sehen. Nichts übersteigt das eigene Unglück, aber: Madame, man muss auch der Welt, und dazu gehören die eigenen Kinder, ihren Lauf lassen.«

Sie hörte ihm zu, bemerkte jetzt erst, wie alt dieser Mann war, ja dass er sich an der Grenze seiner Hinfälligkeit befand, und die bedächtige, fast betulich wirkende Art zu sprechen tat ihr wohl, und dass er das Gewand eines Priesters trug, war ihr nun selbstverständlich. Ob sie seine Worte billigte, konnte er nicht sagen. Sie schien in Gedanken weit, weit weg zu sein, und auch als eine Stimme zaghaft nach der Mutter rief, schien sie dies nicht zu bemerken.

»Wie viel Kinder haben Sie?«, fragte Liszt.

Sie konnte nicht antworten. Sie schämte sich. Es schien ihr unmöglich zu erklären, dass sie sieben Kinder hatte, aber nur eines vor ihrer Fürsorge in Sicherheit war. Auch schien es ihr unvorstellbar, dass man sechs Kinder so verschiedenen Alters und in so kurzer Zeit töten konnte. Die Kleinsten, ja, was wäre daran entsetzlich, wenn man sie nahe bei sich, wie sie es gewohnt waren, einschlafen ließe, dies eine Mal für immer. Aber die Älteren, die schon verständig waren, die voller Misstrauen nur noch unter neuen, immer neuen Versicherungen, dass ihnen nichts geschehen könne, seit Tagen tapfer in ihrem Zimmer aushielten, wie sollte man ihnen das Äußerste antun, nachdem man versprochen hatte, sie davor zu bewahren.

Sie wunderte sich, dass diese Gedanken, die ihr unerträglich waren, sie nicht niederdrückten und wie so oft dazu zwangen, sich hinzulegen, um wenigstens ihr Herz einigermaßen zu beruhigen. Es wurde ihr alles leicht, der Boden unter ihren Füßen bewegte sich wie ein Schatten, und sie erinnerte sich plötzlich an frühe, sehr frühe Umstände, in denen sie vor Glück und gehobener Stimmung hätte vergehen können, und sie musste rasch, aber doch so, dass Liszt es nicht bemerkte, mit den Händen das Pianoforte fassen, um nicht zu fallen. Und weil sie dabei lächelte, dies aber nicht billigen konnte und fürchten musste, die Gewalt über ihre Empfindungen zu verlieren, sagte sie:

»Ich danke Ihnen. Ich muss zu meinen Kindern. Sie hören ja selbst, sie rufen nach mir.«

Liszt wollte ihr behilflich sein. Er hatte sehr wohl bemerkt, dass sie wankte und Mühe hatte, vom Pianoforte loszukommen, aber als er die zwei, drei Schritte ging, die nötig waren, um sie zu erreichen, verfing er sich mit den Schuhen im Saum seiner Soutane, konnte gerade noch verhindern, dass er stolperte, und als er nach dieser Ungeschicklichkeit mit einem Wort der Entschuldigung endlich seinen Arm anbieten wollte, war sie verschwunden. Er starrte auf den Korridor, dessen eiserne Tür weit geöffnet war, wie auf einen Abgrund, der aus der Welt führte, und nun fiel ihm ein, dass er es versäumt hatte zu spielen.

»Warten Sie«, wollte er rufen. »Entschuldigen Sie meine Nachlässigkeit! Lassen Sie die Kinder, es geht weiter! Wir sind mit der Sonate noch nicht am Ende!«

Aber er ahnte, wie nutzlos dies alles war, brachte nur hastig und halblaut etwas Unverständliches über die Lippen und stand da, wie jemand, der zusehen musste, wie ein Unglück, dessen Entstehen er hatte verhindern wollen, gerade durch ihn und, wie er glaubte, durch seine Geschwätzigkeit möglich geworden war. Er fühlte seinen Rücken kalt werden und wie ihm die Hände, diese kostbaren, zur äußersten Disziplin erzogenen Hände, zu zittern begannen und wie er dem panischen Verlangen nicht folgen konnte, sofort, unwiderruflich, zum Pianoforte zurückzugehen, um das Versäumte nachzuholen. Aber dann erreichte er doch, wobei er den Eindruck hatte, er würde sich über Arme und Beine hinweg zu dieser Anstrengung zwingen, die Tastatur und begann zu spielen.

›Gott sei Dank‹, dachte er, ›dies Instrument bringt, wenn man nur darauf zaubert, alles zum Schwingen.‹

Und wirklich: Das schlechte Gewissen, das ihn trieb, die verzweifelte Hoffnung, er könnte, wenn er nur überall zu hören wäre, alles Lebendige unter dieser Erde wieder zurück in seine Nähe zwingen, aber auch die Vorstellung, die Kinder könnten, wenn er nicht spielte, in ihrer Not vor Entsetzen aufschreien und er wäre dazu verdammt, es zu hören, dies alles brachte ihn dazu, mit dem Adagio derart erregt und hoch auftürmend einzusetzen, dass es schien, als würden der allzu enge Raum, die eiserne Tür, aber auch der Korridor wie durch die Wucht einer Posaune auseinandergesprengt. Aber dabei ließ er es nicht bewenden.

»Wagen Sie es nicht!«, rief er, »wagen Sie nicht, den Kindern etwas anzutun! Es sind Geschöpfe Gottes!« Und: »Ich maße mir nicht an, über die Welt zu urteilen, ich bin ebenso gering wie Sie, aber: Wer seine Kinder mordet, der soll in Ewigkeit weder leben noch sterben, weder Vater noch Mutter genannt werden!«, rief er.

Und je mehr er die Stimme hob, je vorbehaltloser seine Drohungen wurden, je unbedingter er wünschte, das Unglück der Kinder, koste es, was es wolle, zu verhindern, desto deutlicher spürte er, dass seine Kraft für so viel Zorn nicht mehr ausreichte. Eine Weile schien er sich zu behaupten, bis ein Husten, den er nicht unterdrücken konnte, ihm so sehr den Atem nahm, dass er sich vom Pianoforte abwenden musste, wobei er mit der rechten Hand, die linke lag schon kraftlos auf der Tastatur, den Fortlauf der Sonate aufrechterhielt.

Er keuchte, rang nach Luft, konnte die Schwäche, die ihn überfallen hatte, nicht wieder loswerden. Er hoffte, dass sich jemand zeigen würde und dass, wenn dies zu viel verlangt war, wenigstens eine Stimme, die ja nicht ihm gelten musste, sich hören ließe. Aber es blieb alles still.

Er klappte das Notenpult zurück, schloss das Pianoforte.

›Gut‹, dachte er, ›gut. Dann habe ich meine Schuldigkeit getan, und nun sind alle Himmel verschlossen.‹

Er saß da, zusammengesunken, den Kopf gebeugt, die Hände ruhten auf den Knien, und während sein Atem langsam ruhiger wurde, überkam ihn ein Gefühl von Gleichgültigkeit. Er dachte an die Gräfin d’Agoult und dass er zu ihrem Begräbnis nicht gekommen war.

Daran dachte er jetzt. Und auch, dass er der Waldsteinsonate zu viel, ja das Unmögliche, zugemutet hatte.

Über der Erde, dort, wo man dem Himmel sieben, acht Meter näher war, begann der Frühling. Die Kastanien blühten. Sie hatten Mühe, sich gegen den Geruch, der über der brennenden Stadt lag, zu behaupten.


* Aus: Die Waldsteinsonate by Hartmut Lange, Copyright © 1984, 2017 Diogenes Verlag AG Zurich, Switzerland, all rights reserved.

Einmal besuchte mich ein türkischer Philosoph aus Istanbul in Berlin. Er war nur für ein paar Tage dort. Er schaute sich die Straße an und sagte leise: »Ich glaube, ich könnte hier nicht leben.«

Nicht die Sommerflugzeuge, aber die Winterflugzeuge brachten viele Menschen, die weinten, von Europa nach Istanbul, weil ihnen in der Türkei Vater oder Mutter gestorben waren. Ich saß vor drei Jahren in einem Winterflugzeug. Plötzlich stand vorne eine Frau von ihrem Platz auf, warf sich auf den Flugzeugboden und fing an zu schreien. Alle Leute erhoben sich.

»Was ist los ?«

Zwei Kinder dieser Frau waren in Istanbul bei einem Autounfall gestorben, und sie mußte zur Beerdigung. Die Stewardessen setzten sie wieder auf ihren Platz, hielten ihre Hand. Die Frau schrie: »Öffnet die Tür. Werft mich raus. Ich will sie im Himmel suchen.« Sie schaute ständig aus dem Fenster, als könnte sie ihre Toten im Himmel sehen.

»Macht die Tür auf.«

Dann blickte sie die anderen Passagiere hinter sich an, als sollten sie alle mit ihr in den Himmel laufen, um ihre Toten zu suchen. Das Flugzeug sollte sich wie ein Auto nach links, nach rechts, nach hinten, nach vorne bewegen und die Toten suchen. Das Flugzeug aber flog geradeaus, als ob es an einer Stange durch den Himmel gezogen würde.

Als ich noch in Istanbul lebte, vor fünfundzwanzig Jahren, saß ich in einer Sommernacht auf einem Schiff, das mich von der europäischen Seite zur asiatischen Seite fuhr. Die Teeverkäufer trugen Tee zu den Leuten, in ihren Taschen klapperte das Kleingeld. Der Mond war so groß, als wohnte er nur im Istanbuler Himmel, liebte nur Istanbul und polierte sich jeden Tag nur für diese Stadt. Wohin er schaute, würden sich sofort alle Türen öffnen, um ihn hineinwachsen zu lassen. Wohin man faßte, faßte man den Mond mit an. Jeder hatte ein bißchen Mond in seinen Händen. Jetzt beleuchtete der Mond zwei Gesichter auf dem Schiff neben mir. Ein Junge, ein Mädchen. Er sagte: »Du hast also auch dem Mustafa deinen Schlüssel gegeben. Ich gehe. Auf Wiedersehen.« Er sprang vom Schiffsdeck ins Meer und tauchte ins Mondlicht. Das Schiff befand sich genau in der Mitte zwischen Asien und Europa. Ohne etwas zu sagen, blieb das Mädchen im Mondschein auf ihrem Platz sitzen. Alle anderen Menschen eilten zur Reling, das Schiff neigte sich mit der Menschenmenge, auch die Teegläser rutschten mit ihren Untertassen in Richtung Reling. Der Teeverkäufer schrie: »Teegeld. Teegeld.« Ich fragte das Mädchen: »Kann er gut schwimmen?« Sie nickte. Die Schiffsbesatzung warf dem Jungen zwei Rettungsringe hinterher, aber er wollte keinen Rettungsring. Das Schiff drehte und fuhr hinter dem Jungen her, ein Rettungsboot holte ihn aus dem Meer. Der Mond verfolgte alles; was passierte, und als der Junge mit nassen Kleidern und nassen Haaren zum Kapitän mußte, beleuchtete ihn der Mond wie einen Clown im Zirkus mit rundem Licht. Das Schiff drehte wieder in Richtung asiatischer Teil, die Teeverkäufer fanden ihre Kunden und sammelten das Kleingeld ein. Der Mond schien auf die leeren Teegläser, doch plötzlich drehte das Schiff wieder in Richtung europäische Seite, weil es die Rettungsringe im Meer vergessen hatte. Und der Mond war immer da über Europa und Asien.

Im Istanbuler Flughafen warteten die Menschen, ein langer Korridor aus Menschen, einige weinten.

Wie viele Türen gab es jetzt in Istanbul? Zwölf Millionen Menschen, wie viele Türen machten sie auf? Und kann der Mondschein unter all den Türen hineinwachsen? Kann der Mond das schaffen?

Als ich ein Kind war, lebten in Istanbul vierhunderttausend Menschen.

Unsere Nachbarin Madame Atina (»Athena«), eine Istanbuler Griechin, zog damals ihre älter gewordenen Wangen bis hinter ihre Ohren und klebte sie mit einem Klebeband fest. Ich sollte ihr dabei helfen. Sie sagte zu mir: »Ich bin eine Byzantinerin wie die Kirche Hagia Sophia, die in der Zeit des byzantinischen Kaisers Konstantin dem Großen, 326 nach Christus, als eine Basilika mit Steinmauern und Holzdach gebaut wurde. In der Hagia Sophia glaubten die Byzantiner mehr als irgendwo sonst, Gott nahe zu sein, und auch ich glaube, in Konstantinopel dem Mond näher zu sein als irgendwo sonst auf der Welt.« Mit dem Klebeband hinter den Ohren ging Madame Atina zum Obstladen. Ich ging mit ihr, sie sah mit ihren nach hinten gezogenen Wangen jung aus, deswegen lief ich schnell. Sie wollte so schnell laufen wie ich und fiel dabei manchmal auf die Straße. Der Obstladenbesitzer war ein Moslem und scherzte mit Madame Atina: »Madame, ein Moslemengel ist gekommen, er hat seine Finger in das Loch einer Säule gesteckt und die Kirche Hagia Sophia in Richtung Mekka gedreht.« Ich liebte die Hagia Sophia, ihr Boden war uneben, und an den Mauern sah man Christusfresken ohne Kreuz, aus dem Minarett sang ein Muezzin den Ezan, und in der Nacht schien der Mond auf Christus‘ Gesicht und auf das Gesicht des Muezzins.

Einmal fuhr Madame Atina mit mir auf dem Schiff Richtung asiatischer Teil. Ich war sieben Jahre alt. Meine Mutter sagte: »Schau, die Griechen aus Istanbul sind das Salz und der Zucker der Stadt.« Und Madame Atina zeigte mir ihr eigenes Konstantinopel. »Schau dieser kleine Turm am Meer. Der byzantinische Kaiser, dem man wahrgesagt hatte, daß seine Tochter von einer Schlange gebissen und getötet würde, ließ vor Üsküdar diesen Leanderturm (Mädchenturm) bauen und versteckte hier seine Tochter. Als sich das Mädchen einmal nach Feigen sehnte und man ihr aus der Stadt einen Korb Feigen brachte, wurde sie von der Schlange, die sich im Korb versteckt hatte, gebissen und starb.« Madame Atina nahm mein Gesicht in die Hände, sagte: »Mädchen, mit diesen schönen Augen wirst du vielen Männern die Herzen verbrennen.« Die Sonne beleuchtete ihre rotgefärbten Fingernägel, hinter denen ich den Mädchenturm am Meer sah.

Dann lief Madame Atina mit mir über die Brücke vom Goldenen Horn. Als ich damals über die niedrige Brücke, die sich mit den Wellen bewegte, lief, wußte ich noch nicht, daß Leonardo da Vinci – die Ottomanen nannten ihn Lecardo – einmal, am 3. Juli 1503, einen Brief an den Sultan geschrieben hatte. Der Sultan hatte am Goldenen Horn von ihm eine Brücke bauen lassen wollen, und Leonardo machte in seinem Brief an den Sultan seine Vorschläge. Ein anderer Vorschlag kam 1504 von Michelangelo. Aber Michelangelo hatte eine Frage: »Wenn ich diese Brücke bauen sollte würde der Sultan verlangen, daß ich den muslimischen Glauben annehme ?« Der Franziskanerabt, der den Vorschlag des Sultans mit Michelangelo diskutierte, sagte: »Nein, mein Sohn, ich kenne Istanbul so gut wie Rom. Ich weiß nicht, in welcher dieser Städte mehr Sündige leben. Der ottomanische Sultan wird nie so etwas von dir verlangen.« Michelangelo konnte die Brücke dann aber doch nicht bauen, weil der Papst dem Künstler damit drohte, ihn zu exkommunizieren. Jahrhundertelang bauten die Ottomanen keine Brücke zwischen den beiden europäischen Teilen Istanbuls, weil im einen Teil Moslems und im anderen Juden, Griechen und Armenier lebten. Nur Fischerboote fuhren die Menschen hin und her. Der Sultan Mahmut II. (1808-1836) wollte endlich Moslems und Nicht-Moslems in Istanbul zusammenbringen und ließ die berühmte Brücke bauen. Als sie fertiggestellt war, schlugen die Fischer mit Stöcken gegen die Brücke, weil sie ihnen die Arbeit weggenommen hatte. Die Brücke wurde wie eine Bühne: Juden, Türken, Griechen, Araber, Albaner, Armenier, Europäer, Perser, Tscherkessen, Frauen, Männer, Pferde, Esel, Kühe, Hühner, Kamele, alle liefen über diese Brücke. Irgendwann gab es zwei Verrückte, eine Frau, ein Mann, beide waren nackt. Der Mann stand am einen Ende der Brücke, die Frau am anderen. Sie schrie: »Ab hier ist Istanbul mein.« Er schrie: »Ab hier ist Konstantinopel mein,«

Am Flughafen nahm ich ein Taxi. Seitdem Istanbul eine Zwölf-Millionen-Stadt geworden war, fanden die Taxifahrer die Adressen nicht mehr und regten sich auf. »Meine Dame, wenn du nicht weißt, wohin du fahren willst, warum bist du dann in mein Auto eingestiegen?« Ich wollte zu einer Freundin, ich hatte keinen Vater, keine Mutter mehr, zu denen ich als erstes hätte fahren können.

Vor Jahren war ich schon einmal mit einem Winterflugzeug nach Istanbul gekommen, um meine Eltern, die innerhalb von drei Tagen gestorben waren, zu begraben. Erst war meine Mutter gegangen. Mein Vater hatte in seinem Sessel gesessen, der Sessel gegenüber war leer. Er holte ein Gebiß herbei, an dem noch Schafskäse klebte, und sagte: »Hier, das Gebiß eurer Mutter.« Nach zwei Tagen starb auch er, und im Moscheehof stand sein Sarg auf einem hohen Totenstein. Auf den anderen Steinen standen noch zwei weitere Särge, und die Moscheeverwaltung hatte die Särge durcheinandergebracht. Sie wußte nicht, welcher Tote zu welcher Familie gehörte. Auf dem Friedhof holten die Totengräber deswegen die Leichen, die in Tücher gewickelt waren, aus den Särgen, und aus jeder Familie sollte ein Mann — die Frauen durften nicht in der Nähe des Grabs stehen — schauen, welcher Tote zu ihnen gehörte. Mein Bruder schaute auf die Gesichter der drei Toten und sagte: »Das ist unser Vater.«

Mit dem Taxi fuhr ich jetzt an dem Friedhof, auf dem meine Eltern begraben waren, vorbei. Ich wußte nicht mehr, in welchem Grab mein Vater liegt. Ich wußte nur, daß man von seinem Grab aus das Meer sah. Seitdem Istanbul eine Zwölf-Millionen-Stadt geworden ist, verlangte die Friedhofsverwaltung von den Hinterbliebenen, das Grab zu kaufen, sonst würden neue Tote über die Toten gelegt. Mein Bruder rief mich damals in Deutschland an: »Was sollen wir machen? Das Grab kaufen oder ihn zwischen anderen Toten verlorengehen lassen?« »Was denkst du?« »Wir können ihn mit anderen Toten zusammenlegen lassen, das paßt besser zu ihm.« Da man in Istanbul keine Friedhofsbesuche macht, war es uns egal, wo die Toten liegen. Die Friedhöfe sind leer, es sind die einzigen ruhigen Orte in der Stadt. Als junges Mädchen war ich manchmal mit einem Dichter zu den Friedhöfen gegangen. Er hatte aufgeschrieben, was auf den Grabsteinen stand. Er sagte: »Das sind die letzten Sätze der Menschen. Da gibt es keine Lügen.« Er wollte diese Sätze in seinen Gedichten benutzen.

Zwar gibt es in Istanbul keine Friedhofsbesucher, aber jeder Friedhof hat seinen Verrückten. Sie laufen dort zwischen den Grabsteinen herum, und Katzen laufen hinter ihnen her, weil sie den Katzen Käse und Brot geben. Auf dem Friedhof meiner Eltern lebten jahrelang zwei Verrückte. Der eine gab dem anderen immer ein Lira. Eines Tages gab er ihm statt eines Lira drei Lira. Der andere wurde böse und sagte: »Wieso gibst du mir drei Lira, ich möchte nur ein Lira.« »Mein Sohn, hast du nicht von der Inflation gehört? Jetzt sind drei Lira ein Lira.«

Der andere fing an zu weinen, sein Freund gab ihm ein Taschentuch.

Der Taxifahrer fand die Adresse meiner Freundin nicht und schwitzte. Ich gab ihm ein Papiertaschentuch und sagte: »Fahren Sie mich zum Stadtzentrum.« Vor dreißig Jahren hatte es in Istanbul einen Filmproduzenten gegeben, der nur traurige Geschichten verfilmte, und weil er sicher war, daß alle Zuschauer weinen würden, ließ er Taschentücher aus feiner Baumwolle herstellen. Er stand selbst vor dem Kino und verteilte die Taschentücher an die Besucher. Dabei lachte er. Zu dieser Zeit gab es in Istanbul einen berühmten Kino-Wahnsinnigen, der einen bestimmten türkischen Filmschauspieler besonders verehrte. Weil dieser Schauspieler in einer Rolle getötet wurde, kam der Verrückte eines Abends mit einer Pistole ins Kino und versuchte, den Mörder, bevor er schoß, selbst zu erschießen — und gab sechs Schüsse auf die Leinwand ab. Istanbul liebt die Verrückten. Die Stadt gibt ihnen ihre Brust und stillt sie. Sie hat sich von mehreren verrückten Sultans regieren lassen. Wenn ein Verrückter kommt, gibt Istanbul ihm einen Platz.

Genau vor dem Kino, in dem der Verrückte auf die Leinwand geschossen hatte, stieg ich aus dem Taxi. Bevor ich vor zweiundzwanzig Jahren nach Berlin gegangen war, hatte ich oft vor diesem Kino gestanden und auf meine Freunde gewartet.

Jetzt stehe ich wieder hier und schaue die Gesichter der Menschen an, die an mir vorbeilaufen. Es sah aus, als liefen Filme aus ganz verschiedenen Ländern dieser Welt übereinander. Humphrey Bogart spricht mit einer arabischen Frau, fragt sie nach der Uhrzeit. Eine russische Hure spricht mit einem Mann, der sich wie Woody Allen bewegt.

In den Gesichtern der Menschen suche ich meine Freunde von damals, aber ich suche sie in den jungen Gesichtern von heute, als wären meine Freunde in den zweiundzwanzig Jahren nicht älter geworden, als hätten sie mit ihren damaligen Gesichtern auf mich gewartet. Als wäre Istanbul in dem Moment, in dem ich nach Europa gegangen war, zu einem Photo erstarrt, um auf mich zu warten — mit all seinen Bädern, Kirchen, Moscheen, Sultanspalästen, Brunnen, Türmen, byzantinischen Mauern, Bazaren, Holzhäusern, steilen Gassen, Brücken, Feigenbäumen, Slumhäusern, Straßenkatzen, Straßenhunden, Läusen, Eseln, Wind, Meer, sieben Hügeln, Schiffen, Verrückten, Toten, Lebendigen, Huren, Dichtern, Lastträgern. Als hätte Istanbul auf mich gewartet mit seinen Millionen von Schuhen, die in den Häusern auf den Morgen warten, mit seinen Millionen von Haarkämmen, die vor den mit Rasierseife befleckten Spiegeln liegen.

Ich bin da, jetzt werden sich alle Fenster öffnen. Die Frauen werden von Fenster zu Fenster zu ihren Freundinnen herüberrufen. Die Basilikumpflanzen in den Blumentöpfen werden duften. Die Kinder der Armen werden sich in ihren langen Baumwollunterhosen ins Marmarameer werfen, um sich zu waschen. Alle Schiffe zwischen Asien und Europa werden hupen. Die Katzen werden auf den Dächern nach Liebe schreien. Die sieben Istanbuler Hügel werden aufwachen. Die Zigeunerinnen werden dort Blumen pflücken, um sie später im Stadtzentrum zu verkaufen. Die Kinder werden auf die Feigenbäume klettern. Die Vögel werden an den Feigen picken.

»Mutter, macht man von männlichen oder weiblichen Feigenbäumen Feigenmarmelade?« »Aus den männlichen. Schau, deren Feigen sind klein und hart.«

In den Tulpengärten des Sultanspalasts werden die Schildkröten mit den brennenden Kerzen auf dem Rücken herumlaufen, die Tulpen werden mit dem Wind ihre Köpfe zum Meer neigen, die Kerzenlichter der Schildkröten werden in die gleiche Richtung flackern, Der Wind wird die Schiffe heute schieben und schneller fahren lassen, die Passagiere werden früher in ihren Häusern ankommen. Wenn die Männer zu Hause sind, werden auf den sieben Hügeln die Lichter angehen. Die Väter werden ihre Hände waschen. Wassergeräusche. »Meine Tochter, gibst du mir ein Handtuch?« »Ja, Vater.«

Dem Kino gegenüber lagen ein paar Läden, manche der Ladenbesitzer erkannten mich wieder und begrüßten mich, alle hatten weiße Haare und weiße Augenbrauen.

Neben dem Kino stand ein armer Mann, vielleicht ein Bauer, der versuchte, mit einer Polaroid-Kamera die vorbeikommenden Leute zu photographieren. »Photo-Erinnerung an Istanbul, Photo-Erinnerung an Istanbul.«

Ich ließ mich von ihm photographieren, das Bild war unscharf. »Machen Sie noch ein Bild.«

»Ich habe keinen Film mehr.«

Eine Bettlerin nahm mir das Photo aus der Hand und sagte zum Photographen:

»Du bist doch der Künstler, warum hast du die Dame nicht vor dem McDonald’s photographiert?«

Sie schaute das Photo genau an und rief: »Oh, wie schön ist mein Schatz, wie schön.«

Ich dachte, sie meinte mich, aber auf dem Photo saß auf der Mauer hinter mir eine Katze. Ich war unscharf, aber die Katze war scharf.

Dann rief ich den türkischen Philosophen, der nicht in Berlin leben wollte, an.

»Wo bist du?«

»In Istanbul.«

Mit dem Schiff fuhr ich zu ihm herüber zum asiatischen Teil von Istanbul. Neben dem Schiff fuhr ein Fischerboot, das zwei Pferde transportierte. Der Mond schien auf die Gesichter der Pferde, die ganz ruhig waren. Ich tauchte meine Hände ins Meer, um etwas Mondschein anzufassen, der Mond sah plötzlich aus wie in meiner Kindheit – als wohnte er immer nur hier im Istanbuler Himmel, als liebte er nur Istanbul und polierte sich jeden Tag nur für diese Stadt.


*Aus: Der Hof im Spiegel by Emine Sevgi Özdamar. © Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Cologne/Germany.

Ich selbst hab’ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab’ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick, zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen!).

Also das alles nicht. Aber abends und nachts spazieren geh’ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige „g“, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen („warum“ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von „psychologischen Befunden“, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp und klar, ich sei hyänenhaft-feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutphänomen – ach, du lieber Gott! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab’ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher „runde“ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf „Stunde“ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei und braucht sich nicht als voyeur vorzukommen, also „schuldig“ oder gar „sündig“: den meisten von uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um fünf; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn’ so dicht am Zonengrenzübergang und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehenbleibt und horcht: was war das Geräusch eben? Eine nahe Grille oder ein meilenferner Traktor? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten).

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die „etwas erlebt“ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein, die ganze Atmosphäre dort: das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz und klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die zwei, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen: ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte!; SIE von der Sorte, die auf Camping-Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt).

Die Ernstzunehmenden sind natürlich die anderen, Männer wie Weiber. Meist breit, mit energisch-fleischverhangenen Gesichtern, die Fahrer; sämtlich fähig, ’ne abstrakte Kleinplastik notfalls als Büchsenöffner zu verwenden; (ich bin nicht für’s Moderne; man hat es vielleicht schon gemerkt). Die Frauen meist „Lieschen“, mit leicit gezerrtem Defensor virginitatis, aber handfest: weder ist die Brust, vorn. Tarn und Tara, noch hinten die Porta Nigra.

Die betreffende breitschultrige Fünfzigerin hatte ich übrigens schon öfter hier gesehen; stets leicht be-bowlt, so daß die Stimme ein entzückend hoher heiserer Baß wurde. Eben erklärte sie vermittelst desselben: „Mein Vater war Trommler beim Zaren: bei mir ist alles Natur!“ (Eine Logik, die mir zwar gewagt, ihrem heutigen Partner jedoch anscheinend legitim vorkam, denn er nickte eifrig. Seinen Beruf erkannte ich, als er dann gleich allein abfuhr: er machte seinen Weekendausflug im Leichenauto. Und ich stellte mir das eine Minute lang illustriert vor. Bis ich kichern mußte).

Meine zwei Nachbarn auf der anderen Seite bestellten sich erst ‚,’ne Schachtel Zie’retten“, (der eine noch zusätzlich „Pfefferminzbruch“); und dann machten sie folgendes: Jeder tat in sein leeres Glas zwei gehäufte Teelöffel Nescafé und goß dann frische Coca-Cola drüber: das schäumte hoch; dick und gelbbraun; alles schien sich aufgelöst zu haben; sie schlürften und lächelten technoid. (Das muß ja auch toll aufpulvern! Ma’ probier’n). Mit solchem Trank im Leibe hatten sie dann freilich gut ketzern, lästern und erzählen:

Von dem Kehlkopfoperierten, dem die Russen die silberne Kanüle aus dem Halse geklaut hatten; (dabei hatte er noch „Wilke“ geheißen, was ja bekanntlich vom slawischen „Wölk“, gleich „Wolf“, kommt: es hatte alles nichts genützt!)

„Wat hat sich ’ne Hausanjeschtellte vadient, die 60 Jahre in een- und derselbn Famielje jearbeit’ hat?“: ‚,’ne Urkunde von’n Landrat“, entschied der andere pomadig. Auch wollten sie, relata refero, Deutschland neutralisieren und entwaffnen; und dann noch ’ne solid-lose Konföderation „zwischen Bonn und der DDR“; und ihre Begründung war, wie immer bei Fernfahrern, so dumm gar nicht. Sie gingen nämlich von der Fünf-Prozent-Klausel aus und einem künftigen Weltstaat: in dessen Parlament wäre „Bonn“ dann nämlich mitnichten vertreten! „Denn fünf Prozent von drei Milliarden, der mußte dir ma’ ausrechnen, det sind hundertfuffzich Milljon’!“. (Und der andere nickte, vorgeschobenen Untergelipps, à la „Ja bei uns schtimmt e’em ooch nich alles“.) – „Mensch, du liest noch Karl May?! Bei dem kommt doch nich een Auto, vor! Da reiten se doch noch uff Pferden rum, wie beim Ollen Fritzen – det hat doch keene Zukumft!“ – (Und endlich fing er an, von „Erlebtem“ zu erzählen – darauf hatte ich gewartet; darauf warte ich immer; ich warte ja überhaupt auf nichts anderes. Schon kam ich mir wieder vor wie bei Homers: los: skin the goat!)

Der Betreffende – (ich will ihn geheimnisvoll „den Betreffenden“ nennen. Das paßt für viele: Dürre in Niedersachsen; dafür Überschwemmungen in Salzburg?: „Der Betreffende hat wieder mal falsch disponiert!“) – war „im Westen“ zu Besuch gewesen, Jubeltrubelheiterkeit; und hatte, da seines Zeichens Omnibusunternehmer, auch hiesige Tankstellen und Autohändler frequentiert. Neidisch die besterhaltenen Gebrauchtwagen gemustert – auf einmal blitzte sein Blauauge: war das nicht dort derselbe Autobus wie „seiner“? Natürlich, nur viel fescher, und fast wie neu. – „Den müßte man haben!“

Handelseinig wurde man relativ rasch; denn der Betreffende war im Nebenberuf auch noch HO-Leiter, und da fällt ja bekanntlich immer einiges ab. Nur hatte „seiner“ hinten noch zwei ovale Fenster drinne: ? : „Die schneiden wa rein!“

„Fuffzehntausend? Na?“ – „Ja. Aber zahlbar erst nach Empfang!“ (Und wie das Ding über die diversen Zonengrenzen kriegen; es war ja schließlich ein Objekt, das man sich nicht in den Ärmel schnipsen kann!).

„Und denn haa’ck’n rüber jebracht!“ (Jetzt lehnte auch die Nachfahrin des Zarentrommlers ihre machtvollen Reize interessiert näher. Also zumindest ein Teil war bestimmt Natur).

„Erst ha’m se noch det janze Verdeck innen vabrannt“; nämlich beim Einschneiden der, zur Tarnung unerläßlichen, beiden neuen Rückfenster. Bis aus Lüneburg mußte man einen Sattler ranwurde „und ick schtand wie uff Kohln! Und et wurde neune“ (und zwar P. M.; das dauert jetzt schon 30 Jahre, und die 24-Stunden-Zählung ist immer noch nicht volkstümlich geworden); „und et wurde zehne: endlich, um elwe, konnt’ick los!“

Und war eine finstere Nacht gewesen: der Regen goß in Strömen; von den Wetterfähnlein der Kirchentürme kreischte es herunter, wenn er, seinen Leviathan hinter sich, durch die schlafenden Dörfer spritzte; Paul Revere war ein Waisenknabe; bis Helmstedt.

„Den een’ Zollfritzen kenn’ick; der saacht: ‚Kieck ma det Pärchen; die warten ooch schonn seit drei Taachen, det se eener mitnimmt. Die sind beschtimmt durchgebrannt und wolln jetz wieda zu Muttien.‘ Finster sahn se ja aus.“ (Kunststück: drei Tage warten; wahrscheinlich ungewaschen; ohne Geld; und dann bei dem Wetter. Jedenfalls hatte er sie, der Bus war ja ganz leer, dann um Gottes willen bis auf die Höhe von Lehnin mitgenommen. Begreiflicherweise auch den Rückspiegel so eingestellt, daß er vorsichtshalber die beiden Zerknitterten beobachten konnte. Beschrieb auch deren intimere Evolutionen, wozu unsere ältliche Hörerin, fachmännisch gepreßten Mundes, mehrfach billigend nickte. Einmal allerdings stieß sie verächtlich Nasenluft aus: Anfänger!).

„Hinta Braunschweig hatt’ick schonn ma ’ne Weiße Maus hinter mir jehabt“ (so nennt man in solcher Umgebung, unehrerbietig, einen einzelnen Verkehrspolizisten auf seinem Motorrad); in Westberlin aber war es dann gar ein „Peterwagen“ (also ein ganzes Polizeiauto) gewesen, das ihn an den Straßenrand gedrückt und seine Papiere kontrolliert hatte: die waren auf DDR und Westberlin via Zone ausgestellt gewesen und ergo unanfechtbar; hier lag ja auch gar nicht die Schwierigkeit; aber

„Nu schteh ick in Berlin-Schalottenburch und der Betreffende kommt an: mit sonner Aktentasche! Alles Fuffzijer und Hunderter.“ Da wurde einem, beiden Teilen bekannten und ehrwürdigen neutralen Dritten, die Kaufsumme übergeben; der schrieb im Schweiße seines Angesichtes 15 Postanweisungen a tausend Mark aus und gab erst mal sieben davon auf bei der Post – in Berlin wundert man sich über gar nichts mehr.

„Haste de Nummernschilder?!“ Nämlich von des Betreffenden „alter ostzonaler Schaukel“: die mußten erst passend gemacht werden; das heißt, die Schraubenlöcher genau aufeinander, sämtliche Muttern geölt. Und dann als erstes wirkliches Risiko

„Durchs Brandenburger Tor: und det war vielleicht enge, Mensch: ‚Kieck du links raus; ich rechts‘.“; so waren sie, die Wände beinahe streifend, durch jenes nicht-marmorne deutsche Wahrzeichen gesteuert; und drüben harrte schon der Volkspolizist.

Nun braucht man im inner-berlinischen Verkehr weiter keine Papiere – aber daß sich einer zur Besichtigung des Ostsektors ausgerechnet einen leeren Omnibus wählt, befremdete den Blanken, und mit Recht, doch ein wenig. Der Dicke aber, eiserner Stirnen rundherum übervoll, hatte so lange auf seine besichtigungslustige Korpulenz und den einen Freund verwiesen, bis der Beamte endlich achselzuckend sagte: „Et kost’ ja Ihr Benzien.“ Und ihn weiterließ.

„Aber nu kam de eigentliche Schwierigkeit“; und das war der Übergang aus Ostberlin in die ‚Zone‘, also disons le mot, die DDR: „Da hatt’ ick nu schon vorher meine Bekannten mobilisiert jehabt: ‚Sucht ma ’n janz einsam Grenzüberjang raus‘“ – er hielt den Zeigefinger effektvoll drei Zentimeter vor die dicken Cäsarenlippen und funkelte uns Lauschende majestätisch an (und geschmeichelt auch. Die Gebärden der Erzähler hier sind mannigfaltig).

„Und zwar in Richtung Ludwigslust. – Ick fah da also immer an’n Kanal lank. Vor uns keener, hinter uns keener; et iss ja ooch bloß ’n halber. Feldwech.“ Steuerbord voraus kam der Kontrollpunkt in Sicht: eine simple Bretterbude, ganz einfältig. Bis auf 300 Meter fuhren sie ran –

„Dann wir runter. Ick saache: ‚De Schilder her: ick vorne, du hinten!‘ Und de Muttern bloß so mit de Finger anjezogen. Rinn in’n Kanal mit de alten Schilder; und immer noch keen Aas in Sicht. Und ick rieht’ ma uff. Und ick dreh ma um. Und ick saache bloß: ‚Hier haste dein’ Omnibus’.“ (Und wir nickten alle im neidischen Takt: es gibt schon noch Männer!).

„Der konnte det jaa nich’ jlooben! Det er nu ’n neuet Auto hatte.“ Hatte nur immer strahlend das neu auf West lackierte Ungetüm betrachtet der Betreffende. Und dann wieder den mutig Dicken. Hatte sich selig ans Steuer geschwungen ihm noch ‚Hundert Ost: für ’t Mittachessen!‘ ist die Hand hinuntergedrückt; und war dann abgebrummt.

„Ick seh ma det noch so an, wie er an det Wach Häuseken da ran jondelt. Da kiekt een-eenzje: raus, mi’m Kopp. Und winkt bloß so mit der Hand“ – so schwach und schläfrig winkte du seine nach, wie ich, in a long and misspent life noch nie zuvor gesehen hatte – „und der wink wieder –: und da iss er ooch schon durch. Keene Kontrolle. Nischt…“. Und breitete, leicht kopfschüttelnd, die Hände; und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken: geritzt.

Wir waren verpflichtet, wiederum zu nicken Taten es auch gern. Der andere bot ihm vor Anerkennung einen Stumpen.

„Det haa’ck übrijens ooch noch nich jewußt, de det Brand’nburjer Tor nich massiv iss. Ick hab immer jedacht, wenichstens Jranitt oder so.“ Aber der Erzähler schüttelte nur ablehnend den kundigen Kopf: nichts; gar nichts: „Überall blättert die Tünche ab.“

„Bei mir ist alles Natur“, sagte die Walküre und lehnte sich voller zurück: „Mein Vater war Trommler beim Zaren!“


* Aus: ders., Trommler beim Zaren. © 1966 Stahlberg Verlag GmbH, Karlsruhe. Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

In der Militärschule zu Sankt Severin. Turnsaal. Der Jahrgang steht in den hellen Zwillichblusen, in zwei Reihen geordnet, unter den großen Gaskronen. Der Turnlehrer, ein junger Offizier mit hartem braunen Gesicht und höhnischen Augen, hat Freiübungen kommandiert und verteilt nun die Riegen. »Erste Riege Reck, zweite Riege Barren, dritte Riege Bock, vierte Riege Klettern! Abtreten!« Und rasch, auf den leichten, mit Kolophonium isolierten Schuhen, zerstreuen sich die Knaben. Einige bleiben mitten im Saale stehen, zögernd, gleichsam unwillig. Es ist die vierte Riege, die schlechten Turner, die keine Freude haben an der Bewegung bei den Geräten und schon müde sind von den zwanzig Kniebeugen und ein wenig verwirrt und atemlos.

Nur Einer, der sonst der Allerletzte blieb bei solchen Anlässen, Karl Gruber, steht schon an den Kletterstangen, die in einer etwas dämmerigen Ecke des Saales, hart vor den Nischen, in denen die abgelegten Uniformröcke hängen, angebracht sind. Er hat die nächste Stange erfaßt und zieht sie mit ungewöhnlicher Kraft nach vorn, so daß sie frei an dem zur Übung geeigneten Platze schwankt. Gruber läßt nicht einmal die Hände von ihr, er springt auf und bleibt, ziemlich hoch, die Beine ganz unwillkürlich im Kletterschluß verschränkt, den er sonst niemals begreifen konnte, an der Stange hängen. So erwartet er die Riege und betrachtet – wie es scheint – mit besonderem Vergnügen den erstaunten Ärger des kleinen polnischen Unteroffiziers, der ihm zuruft, abzuspringen, Aber Gruber ist diesmal sogar ungehorsam und Jastersky, der blonde Unteroffizier, schreit endlich: »Also, entweder Sie kommen herunter oder Sie klettern hinauf, Gruber! Sonst melde ich dem Herrn Oberlieutenant …« Und da beginnt Gruber, zu klettern, erst heftig mit Überstürzung, die Beine wenig aufziehend und die Blicke aufwärts gerichtet, mit einer gewissen Angst das unermeßliche Stück Stange abschätzend, das noch bevorsteht. Dann verlangsamt sich seine Bewegung; und als ob er jeden Griff genösse, wie etwas Neues, Angenehmes, zieht er sich höher, als man gewöhnlich zu klettern pflegt. Er beachtet nicht die Aufregung des ohnehin gereizten Unteroffiziers, klettert und klettert, die Blicke immerfort aufwärts gerichtet, als hätte er einen Ausweg in der Decke des Saales entdeckt und strebte danach, ihn zu erreichen. Die ganze Riege folgt ihm mit den Augen. Und auch aus den anderen Riegen richtet man schon da und dort die Aufmerksamkeit auf den Kletterer, der sonst kaum das erste Drittel der Stange keuchend, mit rotem Gesicht und bösen Augen erklomm. »Bravo, Gruber!« ruft jemand aus der ersten Riege herüber. Da wenden viele ihre Blicke aufwärts, und es wird eine Weile still im Saal, – aber gerade in diesem Augenblick, da alle Blicke auf der Gestalt Grubers hängen, macht er hoch oben unter der Decke eine Bewegung, als wollte er sie abschütteln; und da ihm das offenbar nicht gelingt, bindet er alle diese Blicke oben an den nackten eisernen Haken und saust die glatte Stange herunter, so daß alle immer noch hinaufsehen, als er schon längst, schwindelnd und heiß, unten steht und mit seltsam glanzlosen Augen in seine glühenden Handflächen schaut. Da fragt ihn der eine oder der andere der ihm zunächst stehenden Kameraden, was denn heute in ihn gefahren sei. »Willst wohl in die erste Riege kommen?« Gruber lacht und scheint etwas antworten zu wollen, aber er überlegt es sich und senkt schnell die Augen. Und dann, als das Geräusch und Getöse wieder seinen Fortgang hat, zieht er sich leise in die Nische zurück, setzt sich nieder, schaut ängstlich um sich und holt Atem, zweimal rasch, und lacht wieder und will was sagen … aber schon achtet niemand mehr seiner. Nur Jerome, der auch in der vierten Riege ist, sieht, daß er wieder seine Hände betrachtet, ganz darüber gebückt wie einer, der bei wenig Licht einen Brief entziffern will. Und er tritt nach einer Weile zu ihm hin und fragt: »Hast du dir weh getan?« Gruber erschrickt. »Was?« macht er mit seiner gewöhnlichen, in Speichel watenden Stimme. »Zeig mal!« Jerome nimmt die eine Hand Grubers und neigt sie gegen das Licht. Sie ist am Ballen ein wenig abgeschürft. »Weißt du, ich habe etwas dafür,« sagt Jerome, der immer Englisches Pflaster von zu Hause geschickt bekommt, »komm dann nachher zu mir.« Aber es ist, als hätte Gruber nicht gehört; er schaut geradeaus in den Saal hinein, aber so, als sähe er etwas Unbestimmtes, vielleicht nicht im Saal, draußen vielleicht, vor den Fenstern, obwohl es dunkel ist, spät und Herbst.

In diesem Augenblick schreit der Unteroffizier in seiner hochfahrenden Art: »Gruber!« Gruber bleibt unverändert, nur seine Füße, die vor ihm ausgestreckt sind, gleiten, steif und ungeschickt, ein wenig auf dein glatten Parkett vorwärts. »Gruber!« brüllt der Unteroffizier und die Stimme schlägt ihm über. Dann wartet er eine Weile und sagt rasch und heiser, ohne den Gerufenen anzusehen: »Sie melden sich nach der Stunde. Ich werde Ihnen schon …« Und die Stunde geht weiter. »Gruber,« sagt Jerome und neigt sich zu dem Kameraden, der sich immer tiefer in die Nische zurücklehnt, »es war schon wieder an dir, zu klettern, auf dem Strick, geh mal, versuchs, sonst macht dir der Jastersky irgend eine Geschichte, weißt du …« Gruber nickt. Aber statt aufzustehen, schließt er plötzlich die Augen und gleitet unter den Worten Jeromes durch, als ob eine Welle ihn trüge, fort, gleitet langsam und lautlos tiefer, tiefer, gleitet vom Sitz, und Jerome weiß erst, was geschieht, als er hört, wie der Kopf Grubers hart an das Holz des Sitzes prallt und dann vornüberfällt … »Gruber!« ruft er heiser. Erst merkt es niemand. Und Jerome steht ratlos mit hängenden Händen und ruft: »Gruber, Gruber!« Es fällt ihm nicht ein, den anderen aufzurichten. Da erhält er einen Stoß, jemand sagt ihm: »Schaf«, ein anderer schiebt ihn fort, und er sieht, wie sie den Reglosen aufheben. Sie tragen ihn vorbei, irgend wohin, wahrscheinlich in die Kammer nebenan. Der Oberlieutenant springt herzu. Er giebt mit harter, lauter Stimme sehr kurze Befehle. Sein Kommando schneidet das Summen der vielen schwatzenden Knaben scharf ab. Stille. Man sieht nur da und dort noch Bewegungen, ein Ausschwingen am Gerät, einen leisen Absprung, ein verspätetes Lachen von einem, der nicht weiß, um was es sich handelt. Dann hastige Fragen: »Was? Was? Wer? Der Gruber? Wo?« Und immer mehr Fragen. Dann sagt jemand laut: »Ohnmächtig.« Und der Zugführer Jastersky läuft mit rotem Kopf hinter dem Oberlieutenant her und schreit mit seiner. boshaften Stimme, zitternd vor Wut-. »Ein Simulant, Herr Oberlieutenant, ein Simulant!« Der Oberlieutenant beachtet ihn gar nicht. Er sieht geradeaus, nagt an seinem Schnurrbart, wodurch das harte Kinn noch eckiger und energischer vortritt, und giebt von Zeit zu Zeit eine knappe Weisung. Vier Zöglinge, die Gruber tragen, und der Oberlieutenant verschwinden in der Kammer. Gleich darauf kommen die vier Zöglinge zurück. Ein Diener läuft durch den Saal. Die vier werden groß angeschaut und mit Fragen bedrängt: »Wie sieht er aus? Was ist mit ihm? Ist er schon zu sich gekommen?« Keiner von ihnen weiß eigentlich was. Und da ruft auch schon der Oberlieutenant herein, das Turnen möge weitergehen, und übergiebt dem Feldwebel Goldstein das Kommando. Also wird wieder geturnt, beim Barren, beim Reck, und die kleinen dicken Leute der dritten Riege kriechen mit weitgekretschten Beinen über den hohen Bock. Aber doch sind alle Bewegungen anders als vorher; als hätte ein Horchen sich über sie gelegt. Die Schwingungen am Reck brechen so plötzlich ab und am Barren werden nur lauter kleine Übungen gemacht. Die Stimmen sind weniger verworren und ihre Summe summt feiner, als ob alle immer nur ein Wort sagten: »Ess, Ess, Ess …« Der kleine schlaue Krix horcht inzwischen an der Kammertür. Der Unteroffizier der zweiten Riege jagt ihn davon, indem er zu einem Schlage auf seinen Hintern ausholt. Krix springt zurück, katzenhaft, mit hinterlistig blitzenden Augen. Er weiß schon genug. Und nach einer Weile, als ihn niemand betrachtet, giebt er dem Pawlowitsch weiter: »Der Regimentsarzt ist gekommen.« Nun, man kennt ja den Pawlowitsch; mit seiner ganzen Frechheit geht er, als hätte ihm irgendwer einen Befehl gegeben, quer durch den Saal von Riege zu Riege und sagt ziemlich laut: »Der Regimentsarzt ist drin.« Und es scheint, auch die Unteroffiziere interessieren sich für diese Nachricht. Immer häufiger wenden sich die Blicke nach der Tür, immer langsamer werden die Übungen; und ein Kleiner mit schwarzen Augen ist oben auf dem Bock hocken geblieben und starrt mit offenem Mund nach der Kammer. Etwas Lähmendes scheint in der Luft zu liegen. Die Stärksten bei der ersten Riege machen zwar noch einige Anstrengungen, gehen dagegen an, kreisen mit den Beinen; und Pombert, der kräftige Tiroler, biegt seinen Arm und betrachtet seine Muskeln, die sich durch den Zwillich hindurch breit und straff ausprägen. Ja, der kleine, gelenkige Baum schlägt sogar noch einige Armwellen, und plötzlich ist diese heftige Bewegung die einzige im ganzen Saal, ein großer flimmernder Kreis, der etwas Unheimliches hat inmitten der allgemeinen Ruhe. Und mit einem Ruck bringt sich der kleine Mensch zum Stehen, läßt sich einfach unwillig in die Knie fallen und macht ein Gesicht, als ob er alle verachte. Aber auch seine kleinen stumpfen Augen bleiben schließlich an der Kammertür hängen.

Jetzt hört man das Singen der Gasflammen und das Gehen der Wanduhr. Und dann schnarrt die Glocke, die das Stundenzeichen giebt. Fremd und eigentümlich ist heute ihr Ton; sie hört auch ganz unvermittelt auf, unterbricht sich mitten im Wort. Feldwebel Goldstein aber kennt seine Pflicht. Er ruft. »Antreten!« Kein Mensch hört ihn. Keiner kann sich erinnern, welchen Sinn dieses Wort besaß, – vorher. Wann vorher? »Antreten!« krächzt der Feldwebel böse und gleich schreien jetzt die anderen Unteroffiziere ihm nach: »Antreten!« Und auch mancher von den Zöglingen sagt wie zu sich selbst, wie im Schlaf: »Antreten! Antreten!« Aber im Grunde wissen alle, daß sie noch etwas abwarten müssen. Und da geht auch schon die Kammertür auf; eine Weile nichts; dann tritt Oberlieutenant Wehl heraus und seine Augen sind groß und zornig und seine Schritte fest. Er marschiert wie beim Defilieren und sagt heiser: »Antreten!« Mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit findet sich alles in Reihe und Glied. Keiner rührt sich. Als wenn ein Feldzeugmeister da wäre. Und jetzt das Kommando: »Achtung!« Pause und dann, trocken und hart: »Euer Kamerad Gruber ist soeben gestorben. Herzschlag. Abmarsch!« Pause.

Und erst nach einer Weile die Stimme des diensttuenden Zöglings, klein und leise: »Links um! Marschieren: Compagnie, Marsch!“ Ohne Schritt und langsam wendet sich der Jahrgang zur Tür. Jerome als der letzte. Keiner sieht sich um. Die Luft aus dem Gang kommt, kalt und dumpfig, den Knaben entgegen. Einer meint, es rieche nach Karbol. Pombert macht laut einen gemeinen Witz in Bezug auf den Gestank. Niemand lacht. Jerome fühlt sich plötzlich am Arm gefaßt, so angesprungen. Krix hängt daran. Seine Augen glänzen und seine Zähne schimmern, als ob er beißen wollte. »Ich hab ihn gesehen«, flüstert er atemlos und preßt Jeromes Arm und ein Lachen ist innen in ihm und rüttelt ihn hin und her. Er kann kaum weiter: »Ganz nackt ist er und eingefallen und ganz lang. Und an den Fußsohlen ist er versiegelt …«

Und dann kichert er, spitz und kitzlich, kichert und beißt sich in den Ärmel Jeromes hinein.

Wir standen mit Gerschom Scholem am Grab seiner Eltern und seiner Brüder auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Es war kalt, es war Dezember. Gerschom Scholem und Fania, seine Frau, hatten leichte Mäntel an, sie waren gerade aus Jerusalemgekommen. Scholem hätte eigentlich wissen müssen, wie kalt es im Dezember in Berlin ist, er hat ja langegenug hier gelebt, war hier geboren und aufgewachsen. Aber wahrscheinlich war das schon zu lange her. Es war 1923, als er wegging, weil er glaubte, daß er nichts mehr verloren habe in Deutschland.

Wir räumten das Grab frei von altem Laub und den Zweigen, Ästen und halben Bäumen und von dem maßlosen Efeu, das über alle Gräber klettert, von einem zum anderen, von Grab zu Baum und von Baum wieder zu Grab, und sich alles nimmt und allesverschlingt, bis die ganze steinerne Ordnung wieder zu einem Wald verwächst und nicht nur der Körper der Toten, sondern auch dieses ganze Werk der Erinnerung an ihn wieder zu Erde wird. «Da braucht man eine Axt, wenn man das Grab eines Vorfahren besuchen will, um sich einen Weg durch die angewachsene Zeit zu schlagen», sagte Scholem.

Auf dem Grabstein stand:

ARTHUR SCHOLEM

geb. 1863 in Berlin              gest. 1925 in Berlin

BETTY SCHOLEM, geb. Hirsch

geb. 1866 in Berlin              gest. 1946 in Sydney

WERNER SCHOLEM

geb. 1895 in Berlin

erschossen 1942 in Buchenwald

ERICH SCHOLEM

geb. 1893 in Berlin              gest. 1965 in Sydney

 

Scholem erzählte von seinem Vater, von seiner Mutter, von seinen beiden Brüdern, dem, der Kommunist geworden und in Buchenwald umgebracht worden war, und Erich, der nach Australien ausgewandert war. Er stellte sie uns alle vor, einen nach dem anderen. Und dann blieben wir eine kleine Weile stumm für die Zeit vielleicht, in der man hätte «Guten Tag» sagen und sich die Hand geben können. Scholem sprach ein kurzes Gebet. Er sprach es ganzleise, er flüsterte bloß.

Nahe dem Eingang, auf dem Wege zu dem Grab, gab es eine Baustelle, man konnte zwar nicht erkennen, was gebaut wurde, und alles sah aus wie immer, trotzdem war ein großes Stück des Weges abgesperrt mit einem Seil, daran ein Fähnchen, darauf die Aufschrift: «Achtung Baustelle». Fania Scholem nahm das Seil samt Fähnchen ab, ganz einfach, nur so, wie man die Klinke der Tür drückt, durch die man geht, und lief quer über die markierte Baustelle, und Gerschom Scholem rief ihr nach: «Siehst du nicht, daß der Weg gesperrt ist?» Aber Fania antwortete: «Ich lasse mich doch nicht von einem Strick abhalten, meinen Weg zu gehen! Siehst du nicht, daß da gar nichts zu sehen ist?» Scholem schüttelte den Kopf, aber folgte ihr doch auf dem verbotenen Weg über die unsichtbare Baustelle, nicht ohne am Ende das Seil hinter sich wieder einzuhängen.

Vor dem Tor des Friedhofs wartete ein schwarzer Mercedes mit Chauffeur auf Gerschom Scholem und Fania, der war ihnen nämlich von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, die Scholem eingeladen hatte, also von Bölling, oder vielleicht war es auch noch Gaus, für diesen Tag zur Verfügung gestellt worden.

Wir fuhren zur Schönhauser Allee. Scholem wollte sich eine schweinslederne Aktentasche kaufen, so eine, wie er sie früher in Berlin immer gehabt hatte. In Jerusalem gibt es so etwas nicht, und er hatte diese Aktentasche damals so geliebt und sich später immer wieder eine gewünscht, aber nie mehr bekommen. Deshalb wollte er sich jetzt in Berlin eine kaufen. Scholem und Fania, seine Frau, betraten den Ladenschon durch die falsche Tür und wurden wiederzurückgeschickt, um noch einmal durch die richtige Tür, auf der »Eingang» geschrieben steht, hereinzukommen. Dann versäumten sie in dem Selbstbedienungsladen an der bestimmten Stelle einen Einkaufskorb zu nehmen, und wurden wieder gerügt. Siebemerkten es aber gar nicht, weil sie sich laut unterhielten, und darüber ärgerten sich die Verkäuferinnen wohl auch und zeigten nur widerwillig einige Taschen vor. Fania wurde wütend über die Unfreundlichkeit und ständige Zurechtweisung, aber Scholem bat sie, sich zurückzuhalten. Zum guten Schluß kauften sie eine Aktentasche und waren sehr froh, weil es ein so alter Wunsch gewesen war und jetzt, nach so langer Zeit, endlich erfüllt.

Fania Scholem sprach deutsch. Aber woher konnte sie es? Ihre Muttersprache ist Hebräisch, später sprach sie polnisch, jiddisch, russisch, und dann als Fremdsprachen Englisch und Französisch, aber kein Deutsch. Also woher konnte sie es jetzt? «Sie hat es im Zusammenleben mit mir irgendwie eingeatmet», sagte Scholem.

Dann saß Scholem bei uns zu Hause im Schaukelstuhl. Er hatte bei der Tante Eva in Jerusalem schon alle unsere Briefe gelesen, und er sagte, ich solle in die Küche gehen und keinen Kaffee kochen, weil man dann nur kostbare Zeit des Gespräches verlieren würde. Er fragte und erzählte, und wir fragten und erzählten.

Was hat er nicht alles erzählt, tausend Begebenheiten aus deutscher und jüdischer und deutschjüdischer, alter, neuer und altneuer Geschichte. Von den Frankkisten, der jüdischmessianischen Sekte in Polen, deren Anhänger später alle zum Katholizismus übergetreten sind; über die hatte er gerade gearbeitet. Und von Walter Benjamins Freund Noeggerath aus Berlin, über den er jetzt hier noch etwas herauszufinden hoffte. Dann schimpfte er auf den Lubawitscher Rebben, dem habe er die Fälschung eines angeblich historischen Briefes nachgewiesen, und so etwas rege ihn als Historiker maßlos auf. Und vom Gesamtarchiv der Juden erzählte er noch, das sich heute im Staatsarchiv der DDR in Merseburg befindet, und wie er zum ersten mal dort war und es mit eigenen Augen gesehen hat, und von der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in Berlin, der ehemals riesigen Bibliothek in der Oranienburger Straße 68. Und wir sagten, da ist sie heute wieder, nur ist sie nicht mehrriesig, sondern winzig klein, aber in derselben Straße, in demselben Haus. Dort habe er die ersten Bücher jüdischen Wissens ausgeliehen, sagte Scholem, und wir sagten: wir auch. Und damit habeeigentlich alles angefangen, und wir sagten: bei uns auch.

Und dann erzählte uns Scholem vom Schicksal dieser Bibliothek. Nach dem Krieg nämlich war er im Auftrag des israelischen Staates nach Berlin gekommen, um dieser Bibliothek nachzuforschen und sie, wenn möglich, herüberzubringen. Jüdische Büchersind von den Nazis nicht vernichtet worden, im Gegenteil, sie wurden gesammelt und katalogisiert von zehn eigens dafür angestellten jüdischen Gelehrten (von ihnen haben nur die beiden, die mit deutschen Frauen verheiratet waren, überlebt) . Später wurde die ganze Sammlung nach Prag ausgelagert, weil die Nazis davon ausgingen, daß diese Stadt nichtbombardiert werden würde, und nach dem Krieg, also nach dem Sieg, sollten die zusammengetragenen Bücher wohl den Triumph über die Juden demonstrieren, so wie einst die Tempelschätze des zerstörten Jerusalem in Rom. Die Regierung der Tschechoslowakei, die nach dem Krieg die Sammlung in Pragvorfand, hat sie als ihr Eigentum betrachtet und in aller Welt zum Verkauf angeboten. So sind die Bücher überallhin verstreut worden, kein Menschweiß wohin, hier und da kann man eines oder ein anderes in einer Bibliothek oder einem Antiquariatin irgendeiner Stadt der Welt wiederfinden. Ein paar von ihnen hat Scholem auf seinen Reisen in allen möglichen Städten und Ländern wiedergefunden und wiedergekauft, die stehen jetzt bei ihm zu Hause. Es sollen auch 500 sehr wertvolle hebräische Handschriften darunter gewesen sein, von denen Scholem zwei in Warschau wiederentdeckt hat. «Es ist den Büchern nicht besser ergangen als den Menschen», sagte Scholem. Über seine Nachforschungen hat er einen Bericht verfaßt, den er aber nie veröffentlicht hat.

Später saßen wir im Hotel »Berolina», dort wollten wir Scholem und Fania, seine Frau, zum Esseneinladen, und nachdem er noch erzählt hatte, wie die Franckisten nach ihrem Übertritt zum Katholizismus in den polnischen Adel eingeheiratet und den also vollkommen »verjudet» haben, und darüber gelachthatte, sagte Scholem zu mir und Peter, meinem Mann: «Es heißt: Wandere aus in ein Land der Thorakenntnis (. . . und sprich nicht, daß sie zu dir komme, denn nur, wenn du Gefährten hast, wird siesich dir erhalten. Sprüche der Väter 4, 18). Jerusalemwäre gut, New York wäre gut, London wäre gut, sonstwo wäre gut, aber Deutschland ist nicht mehr gut für Juden. Hier kann man nichts mehr lernen, also hat es keinen Sinn zu bleiben, es ist viel zu schwer. Wie das gehen soll, daß ihr dahin kommt, weiß ich nicht, aber ich werde es mir überlegen.»

Sie lehnten es beide ab, Fleisch zu essen, sie lebten zwar nicht strikt koscher zu Hause, sagten sie, aber hier in Berlin wollten sie doch lieber kein Fleischnehmen. Fisch gab es aber nicht in dem Interhotel, und da konnten wir sie nur zu einem Eiersalateinladen, der auch schon halb vertrocknet war. Scholem und Fania redeten laut und lachten laut, und ichspürte die mißbilligenden Blicke von allen Seiten auf dieses ungenierte alte Paar.

Vor dem Hotel wartete der Chauffeur von der Ständigen Vertretung, und da stiegen sie dann schließlich ein, und wir standen noch eine kleine Weile vor den offenen Wagentüren und sagten, wases für ein schöner Tag gewesen sei, und Scholem zeigte nochmal auf die schweinslederne Aktentasche und sagte, das sei ein großer Erfolg für ihn gewesen, und dann: «Auf Wiedersehen. Na, ob wir uns wiedersehen … »

Am nächsten Tag rannten wir in die Bibliothek in der Oranienburger Straße und holten uns alle Bücher von Scholem nach Hause. Sie standen auch dort tatsächlich, worüber er sich schon vorher bei uns be-schwert hatte, neben denen vom »deutschnationalen» Schoeps, dem er sich doch so fern fühlte.

Bald bekamen wir auch Post von Scholem, er schickte uns sein Buch über die Franckisten, das nun geradeerschienen war, und bat uns, es der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in seinem Namen zu schenken, wenn wir es gelesen hätten, und das haben wir auch getan.

Wenige Wochen später rief mich meine Freundin an und sagte, sie habe «was Blödes» im Radio gehört. Ich verstand nicht, was sie mir mitteilen wollte, aberda sagte sie schon, daß Gerschom Scholem heute in Jerusalem gestorben sei und morgen sei das Begräbnis. Das war am 21. Februar 1982.

Er war 84 Jahre alt, als er starb. Aber für mich war er gerade auf die Welt gekommen. Jahre und Jahre war Gerschom Scholem nur Schrift gewesen. Schrift seines Namens auf Titeln von Büchern und über Zeitschriftenartikeln, Schrift in der Folge eines kleinen Sternchens im Text, beim Nachschlagen hinten im Buch, einer Anmerkung. Oder manchmal, wenn er von dem oder jenem erwähnt wurde, der Klangseines Namens, dieses seltsamen Namens.

Dieser Name war nun als Mensch erschienen, als wahre Wirklichkeit, laut redend, berlinernd, ein langer Lulatsch mit abstehenden Ohren, die ganze Mystik in unserem Schaukelstuhl. Er hatte die Reiseseines Lebens noch einmal zurückgelegt, noch ein-mal Berlin — Jerusalem retour, und er hatte einen zu leichten Mantel angehabt.

Es ist kalt, es ist Dezember, drei Jahre später. Ich sitze im «Petit Café» auf der Avenue du Général de Gaulle. Es ist also nicht New York und nicht London, aber Frankreich, da sitze ich und denke an Scholem in Berlin. Das Café ist leer, nur am Nebentisch sitzen die drei Araber, die immer da sitzen und die ich schonganz gut kenne, weil wir uns ein paarmal unterhalten haben, und die sehr freundlich sind, obwohl ich ihnen

gleich erklärt habe, daß ich »israélite» bin. Sie haben nur nicht verstanden, warum ich dann kein Hebräisch spreche (es ist doch auch dem Arabischen so ähnlich), so habe ich noch erklären müssen, daß meine Muttersprache Deutsch ist und daß ich aus Deutschland komme und nun hier lebe, weil es in Deutschland so gut wie keine «isradlites» mehr gibt, und da fragten sie: Warum denn nicht?

Nach Scholems Tod, bald danach, bin ich noch einmal auf den Friedhof nach Weißensee gegangen, an das Grab seiner Eltern und seiner Brüder. Ich wollte irgendeine Handlung der Erinnerung vollziehen, und ich nahm denselben Weg, den wir gegangen waren, hängte das Seil mit dem «Achtung Baustelle» Fähnchen ab und lief quer über den abgesperrten Weg, sowie wir es damals getan hatten. Dann stand ichwieder vor dem Grab, und da sah ich, unter all den Namen seiner Familie steht nun auch der seine. Da steht:

GERHARD G. SCHOLEM

geb. 1897 in Berlin              gest. 1982 in Jerusalem

Die meisten Menschen haben nur ein Grab. Gerschom Scholem hat zwei. Eines in Jerusalem und eines in Berlin. Er hatte wohl auch zeit seines Lebens in beiden Städten gelebt. Deshalb hat er ein doppeltes Grab. So ein Leben war das eben.


*Aus: Barbara Honigmann, Roman von einem Kinde. © 2001 dtv Verlagsgesellschaft, München.

25 April 1982, Downing Street: Verkündung der Rückeroberung des zu den Falklandinseln gehörenden South Georgia.

Mrs Thatcher: Der Verteidigungsminister ist gerade gekommen, um mir eine sehr gute Nachricht zu überbringen …

Verteidigungsminister: … die Nachricht, die wir erhalten haben, ist, dass britische Truppen heute Nachmittag kurz nach 16:00 Uhr Londoner Zeit auf South Georgia gelandet sind … Der Kommandant der Operation schickt folgende Nachricht: »Sind erfreut, Ihrer 

Majestät mitteilen zu können, dass unsere Seekriegsflagge neben dem 

Union Jack auf South Georgia flattert. Gott schütze die Königin.«

Mrs Thatcher: Freuen Sie sich über die Neuigkeiten und gratulieren Sie unseren Streitkräften und den Marine-Infanteristen. Gute Nacht.

Mrs Thatcher wendet sich der Tür von Downing Street Nummer 10 zu.

Reporter: Treten wir in einen Krieg mit Argentinien ein, Mrs Thatcher?

Mrs Thatcher (ihre Türschwelle übertretend): Freuen Sie sich.

Die Ermordung Margaret Thatchers: 6. August 1983

Stellen Sie sich zuerst die Straße vor, in der sie ihren letzten Atemzug nahm. Es ist eine ruhige Straße, beschaulich, von alten Bäumen beschattet: eine Straße mit hohen Häusern, die Fassaden wie mit weißem Zuckerguss bestrichen, das Mauerwerk honigfarben. Einige sind georgianisch flach, einige viktorianisch, mit schimmernden Erkern. Die Häuser sind zu groß für moderne Haushalte, und die meisten wurden in Wohnungen unterteilt. Aber das zerstört weder die Eleganz ihrer Proportionen, noch beeinträchtigt es den tiefen Glanz der mit Messing beschlagenen dunkelblauen oder waldgrünen Kassettentüren. Der einzige Nachteil des Viertels ist, dass es mehr Autos als Stellplätze am Straßenrand gibt. Die Anwohner parken Stoßstange an Stoßstange und legen ihre Parkausweise hinter die Scheiben. Wer eine Einfahrt hat, wird oft darin eingeparkt. Aber die Leute sind geduldig. Sie sind stolz auf ihre hübsche Straße und bereit, dafür zu leiden, dass sie hier wohnen. Wer den Blick hebt, sieht ein zerbrechliches georgianisches Oberlicht, einen warmen Bogen Terrakotta-Fliesen oder funkelndes Buntglas. Im Frühling kleiden sich die Kirschbäume in extravagante Blütenrüschen, und wenn der Wind die Blätter abstreift, treiben sie in rosa Wolken durch die Luft und bedecken die Bürgersteige, als hätten Riesen in der Straße Hochzeit gefeiert. Im Sommer weht Musik aus offenen Fenstern: Vivaldi, Mozart, Bach.

Die Straße selbst beschreibt eine sanfte Kurve und vereinigt sich mit der Hauptstraße, die aus der Stadt hinausführt. Die Dreifaltigkeitskirche auf ihrer Insel ist mit Garnisonsflaggen behängt. Aus einem hochgelegenen Fenster über die Stadt sehend (wie ich es am Tag der Ermordung getan habe), spürt man die Nähe von Festung und Burg. Werfen Sie einen Blick nach links, und der runde Turm tritt in den Blick und drückt förmlich gegen die Scheiben. An Tagen mit Nieselregen und treibenden Wolken zieht der Bergfried sich jedoch zurück, der zur Hälfte ausradierten Zeichnung eines Amateurkünstlers gleich. Seine Konturen weichen auf, die Ecken verbleichen, und er versinkt in der vom Fluss aufsteigenden rauen Kälte und scheint eher ein verschleierter Berg als eine Königsburg zu sein.

Die Häuser rechts vom Trinity Place – ich meine, rechts, wenn man aus der Stadt hinaussieht – haben große Gärten, die sich heute jeweils drei oder vier Parteien teilen. In den frühen 1980ern hatte sich England noch nicht dem Brandgeruch ergeben. Der wochenendliche Grillgestank war noch unbekannt, von den am Fluss gelegenen Gin-Palästen Maidenheads und Brays einmal abgesehen. Unsere Gärten, so makellos sie gepflegt waren, wurden kaum betreten. Es gab keine Kinder in der Straße, nur junge Paare, die sich noch nicht fortgepflanzt hatten, sowie ältere Paare, die höchstens einmal die Türen öffneten, um eine abendliche Party auf die Terrasse auszudehnen. An warmen Nachmittagen dörrten die Rasenflächen unbeaufsichtigt vor sich hin, und Katzen rollten sich auf der krümeligen Erde steinerner Pflanzvasen. Im Herbst kompostierte sich das herabfallende Laub selbstständig in den tiefer liegenden Patios der Souterrainwohnungen und wurden von ihren enervierten Eignern weggeschaufelt. Der Winterregen durchnässte die Büsche, ohne dass es jemand gesehen hätte.

Im Sommer 1983 aber fand sich diese vornehme, von Einkaufenden und Touristen missachtete Ecke im Brennpunkt des nationalen Interesses wieder. An die Gärten von Nummer 20 und 21 grenzte das Grundstück eines privaten Krankenhauses, eines anmutigen, hellen, an einer Straßenecke liegenden Gebäudes. Drei Tage vor ihrer Ermordung begab sich die Premierministerin für eine kleine Augenoperation in dieses Krankenhaus, worauf sofort alles kopfstand. Fremde schubsten die Anwohner herum. Zeitungsleute und Fernsehteams blockierten die Straße und parkten ohne Erlaubnis in Einfahrten. Man sah sie den Spinner’s Walk hinauf- und hinunterlaufen und Kabel und Lampen hinter sich herziehen, immer einen Blick auf das zur Clarence Road hinausgehende Eingangstor des Krankenhauses gerichtet, die Hälse mit Kameras behängt. Alle paar Minuten verschmolzen sie zu einer Masse wogender Kampfjacken, als wollten sie sich gegenseitig versichern, dass nichts geschah – aber dass etwas geschehen würde, irgendwann. Sie warteten, und während sie warteten, schlürften sie Orangensaft aus Kartons und Bier aus Flaschen, sie aßen, krümelten sich auf die Bäuche und warfen verschmierte Papiertüten auf die Beete. Der Bäcker am Ende der St Leonard’s Road hatte um zehn Uhr vormittags bereits keine Käsebrötchen mehr, alles andere war mittags verkauft. Leute aus Windsor standen auf dem Trinity Place zusammen, Einkaufstüten drängten sich auf niedrigen Mauern. Wir spekulierten darüber, wie wir zu dieser Ehre kamen und wann sie wohl wieder verschwinden würde.

Windsor ist nicht das, was Sie denken. Es hat seine Intelligenzija. Wenn man sich von der Burg zum Ende der Peascod Street hinunterschlängelt, stößt man nicht mehr nur auf royalistische Speichellecker, und wer über die Abzweigung zur Leonard’s Road wechselt, kann womöglich sogar heimliche Republikaner riechen. Für die örtlichen Sozialisten war das bei den Wahlen jedoch nur ein schwacher Trost, und die Leute murrten, Stimmen für sie seien verschenkte Stimmen. Sie mussten die Stärke ihrer Gefühle durch taktisches Wählen ausdrücken und ihre Einstellung bei extravaganten Veranstaltungen im Arts Centre unter Beweis stellen. Das war erst kürzlich in der alten Feuerwache eingerichtet worden und ein Ort, an dem Dichter im Selbstverlag eine Bühne fanden und saurer weißer Wein aus Kartons ausgeschenkt wurde. Samstagmorgens gab es Selbstbehauptungs-, Yoga- und Bilderrahmkurse.

Aber als Mrs Thatcher zu Besuch kam, gingen die Dissidenten auf die Straße. Sie bildeten Knoten, inspizierten das Pressecorps und wandten dem Krankenhaustor demonstrativ den Rücken zu, wo eine Reihe wertvoller Parkbuchten markiert und mit Schildern versehen waren: DOCTORS ONLY.

Eine Frau sagte: »Ich habe einen Doktortitel und bin oft versucht, dort zu parken.« Es war früh, und ihr Brot war noch warm vom Bäcker. Sie drückte es wie ein Haustier an ihre Brust und sagte: »Hier fliegen einige heftige Meinungen durch die Gegend.«

»Meine ist in Dolch«, erwiderte ich, »und der fliegt geradewegs in ihr Herz.«

»Das«, sagte sie bewundernd, »ist die stärkste Gefühlsäußerung, die ich bisher gehört habe.«

»Ich muss zurück in meine Wohnung«, sagte ich. »Ich warte auf den Handwerker, mein Boiler ist kaputt.«

»Das ist Pech«, sagte sie. »Wen haben Sie? Duggan? Wir haben Duggan. Er erpresst uns alle, aber was soll man machen? Hören Sie, soll ich Ihnen meine Nummer geben?« Sie schrieb sie mir auf den nackten Arm, da wir beide kein Papier dabeihatten. »Rufen Sie mich an. Gehen Sie manchmal ins Arts Centre? Da könnten wir uns auf ein Glas Wein treffen.«

Ich stellte gerade meine Flasche Perrier in den Kühlschrank, als es an der Tür klingelte. Ich dachte, wir wissen es noch nicht, aber wir werden einmal gern an die Zeit zurückdenken, als Mrs Thatcher hier war: Neue Freundschaften bildeten sich auf der Straße, mit Geplauder über Installateure und unsere Erfahrungen mit ihnen. In der Wechselsprechanlage knisterte es wie gewöhnlich, als hätte jemand das Kabel in Brand gesetzt. »Kommen Sie herauf, Mr Duggan«, sagte ich. Es konnte nicht schaden, ihn respektvoll zu behandeln.

Ich wohnte im dritten Stock, die Treppe war steil und Duggan schwergewichtig. Deshalb war ich überrascht, wie schnell er an die Tür klopfte. »Hallo«, sagte ich. »Haben Sie einen Parkplatz für ihren Transporter gefunden?« Auf dem Treppenabsatz stand ein Mann in einer billigen Steppjacke. Mein unschuldiger Gedanke war, das ist Duggans Sohn. »Wegen des Boilers?«, fragte ich.

»Genau«, sagte er.

Er wuchtete sich in die Wohnung, die Installateurstasche in der Hand. In der schuhschachtelgroßen Diele standen wir Nase an Nase. Seine Jacke, mehr als angemessen für den englischen Sommer, füllte den Raum zwischen uns aus. Ich drückte mich nach hinten.

»Was ist denn damit?«, sagte er.

»Er ächzt und knallt. Ich weiß, es ist August, aber …«

»Nein, Sie haben recht, Sie haben ja recht. Dem Wetter ist nicht

zu trauen. Werden die Heizkörper warm?«

»Stellenweise.«

»Sie haben Luft im System«, sagte er. »Ich lasse sie raus, während ich warte. Warum auch nicht. Wenn Sie einen Schlüssel haben.«

Jetzt kam mir ein Verdacht. Während ich warte, hatte er gesagt. Worauf? »Sind Sie Fotograf?«

Er antwortete nicht, befühlte und durchsuchte nur seine Taschen und runzelte die Stirn.

»Ich dachte, Sie sind der Installateur. Sie sollten hier nicht einfach so hereinmarschieren.«

»Sie haben mir aufgemacht.«

»Nicht Ihnen. Im Übrigen weiß ich nicht, warum Sie sich die Mühe machen. Sie können das Eingangstor von dieser Seite aus nicht sehen.  Sie müssen hier raus«, sagte ich eindringlich, »und dann links.«

»Es heißt, sie kommt hinten heraus. Da ist es doch der ideale Platz, um sie zu erwischen.«

Aus meinem Schlafzimmer hatte man einen perfekten Blick auf

den Krankenhausgarten. Jeder, der seitlich ums Haus ging, konnte das sehen.

»Für wen arbeiten Sie?«, sagte ich.

»Das müssen Sie nicht wissen.«

»Vielleicht nicht, aber Sie könnten es mir aus Freundlichkeit sagen.«

Ich wich in die Küche zurück, und er folgte mir. Der Raum war sonnenhell, und ich sah ihn jetzt besser: Er war untersetzt, in seinen Dreißigern, ungepflegt, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und widerspenstiges Haar. Er stellte seine Tasche auf den Tisch und zog die Jacke aus. Plötzlich war er nur noch halb so massig. »Sagen wir, ich bin Freiberufler.«

»Trotzdem«, sagte ich. »Ich sollte etwas dafür bekommen, dass Sie meine Wohnung benutzen. Das wäre nur fair.«

»Das können Sie nicht beziffern«, sagte er.

Seinem Akzent nach zu urteilen, kam er aus Liverpool. Er hörte sich völlig anders an als Duggan oder Duggans Sohn, hatte aber erst etwas gesagt, als er oben vor der Tür stand. Wie hätte ich es also merken sollen? Er hätte der Installateur sein können, sagte ich mir. Ich hatte mich nicht wie eine komplette Idiotin hereinlegen lassen. Einen Moment lang ging es mir nur um meine Selbstachtung. Frage nach einem Ausweis, bevor du einen Fremden hereinlässt, raten einem die Leute. Aber stellen Sie sich den Krawall vor, den Duggan gemacht hätte, hätte ich seinen Jungen auf der Treppe warten lassen, ihn daran gehindert, zum nächsten Boiler auf seiner Liste zu kommen, und damit seine Chancen zum Beutemachen geschmälert.

Aus dem Küchenfenster sah man auf den Trinity Place hinunter, auf dem es von Leuten nur so wimmelte. Wenn ich den Hals reckte, konnte ich links weitere Polizisten ausmachen, die aus Richtung des Privatparks am Clarence Crescent kamen. »Möchten Sie eine?« Mein Besucher hatte seine Zigaretten gefunden.

»Nein. Und es wäre mir lieber, wenn Sie auch nicht rauchten.«

»Verstehe.« Er stopfte die Schachtel zurück in die Tasche und zog ein zusammengeknülltes Taschentuch heraus, trat etwas vom großen Fenster zurück und wischte sich das Gesicht ab, das so grau und zerknittert wie sein Taschentuch war. Dieser Mann war es eindeutig nicht gewohnt, in fremde Wohnungen einzudringen, und ich ärgerte mich mehr über mich als über ihn. Er musste seinen Lebensunterhalt verdienen, und vielleicht konnte man es ihm nicht vorwerfen, in eine fremde Wohnung einzudringen, wenn ihm eine Närrin wie ich die Tür aufhielt. Ich sagte: »Wie lange gedenken Sie zu bleiben?«

»Sie wird in einer Stunde erwartet.«

»Verstehe.« Das erklärte das größer werdende Gedränge und den Tumult unten auf der Straße. »Woher wissen Sie das?«

»Wir haben ein Mädchen drinnen. Eine Schwester.«

Ich gab ihm zwei Stücke Küchenpapier. »Danke.« Er trocknete sich die Stirn. »Sie kommt heraus, und die Ärzte und Schwestern stellen sich in einer Reihe auf, damit sie ihnen ihre Anerkennung zollen kann. Sie wird an ihnen entlanggehen, Danke und Auf Wiedersehen sagen, um die Ecke tappen, in eine Limousine steigen, und schon ist sie weg. So ist es geplant. Eine genaue Zeit habe ich nicht. Deswegen dachte ich, wenn ich frühzeitig hier bin, könnte ich alles aufbauen und mir den besten Platz aussuchen.«

»Wie viel bekommen Sie dafür?«

»Lebenslänglich ohne Bewährung«, sagte er.

Ich lachte. »Es ist kein Verbrechen.«

»Das finde ich auch.«

»Ist es nicht etwas weit?«, sagte ich. »Ich meine, ich weiß, Sie haben besondere Objektive und sind der Einzige hier oben, aber wollen Sie keine Nahaufnahme?«

»Nein«, sagte er. »Solange ich unverstellte Sicht habe, ist das mit der Entfernung ein Kinderspiel.«

Er zerknüllte das Küchenpapier und sah sich nach einem Abfalleimer um. Ich nahm ihm das Papier ab, und er grunzte und machte sich daran, seine Tasche aufzuschnüren. Sie war aus Stoff und hätte, wie ich dachte, auch für Handwerker oder Vertreter getaugt. Und dann holte er nacheinander verschiedene Metallteile heraus, die ganz sicher nicht zu einer Kameraausrüstung gehörten, was selbst ich in meiner Ignoranz erkannte. Er begann sie zusammenzubauen und hatte ganz offenbar handwerkliches Geschick. Er sang bei der Arbeit, kaum hörbar, ein kleines Lied, wie sie es im Fußballstadion singen:

»Du dri-dra-dreckiger Liverpooler

Bist nur glücklich, wenn’s Stütze gibt,

 Dein Vater klaut, deine Mutter dealt,

Lass wenigstens unsere Radkappen dran.«

»Drei Millionen Arbeitslose«, sagte er. »Die meisten davon in unserer Gegend. Hier ist das sicher kein Problem.«

»O nein. Hier gibt’s genug Geschenkartikelläden, um allen einen Job zu geben. Waren Sie drüben in der High Street?«

Ich dachte an die Touristentrauben, die sich gegenseitig von den Bürgersteigen drängten und um Andenkenblech und aufziehbare Beefeater kämpften. Es könnte ein anderes Land sein. Von der Straße unten drangen keine Stimmen herauf. Unser Mann summte selbstvergessen vor sich hin, und ich fragte mich, ob sein Lied noch eine zweite Strophe hatte. Jedes Teil aus seiner Tasche wischte er mit einem Tuch ab, das sauberer als sein Taschentuch war, und behandelte es mit großer Andacht, wie ein Messdiener, der die Kelche fürs Hochamt poliert.

Als das Instrument zusammengesetzt war, hielt er es prüfend vor sich hin. »Ein Klappschaft«, sagte er. »Das ist das Tolle daran. Passt in eine Cornflakes-Schachtel. Sie nennen es einen Witwenmacher. Allerdings nicht in diesem Fall. Der arme, verdammte Dennis, was?  Er wird sich seine Eier von jetzt an selbst kochen müssen.«

Im Nachhinein betrachtet, fühlt es sich an, als hätten wir Stunden im Schlafzimmer zusammengesessen, er auf einem Klappstuhl am Schiebefenster, seinen Becher Tee in beiden Händen, den Witwenmacher zu seinen Füßen. Ich selbst saß auf dem Rand des Betts,

über das ich schnell die Decke gezogen hatte, damit es einigermaßen ordentlich aussah.

Er hatte seine Jacke aus der Küche mitgebracht, vielleicht waren die Taschen voller Attentäter-Requisiten. Als er sie aufs Bett warf, rutschte sie gleich wieder hinunter. Ich versuchte sie festzuhalten, und meine Hand wischte über das Nylon, das sich wie ein Reptil anfühlte. Die Jacke schien ein eigenes Leben zu haben. Ich zog sie aufs Bett neben mich und hielt den Kragen fest, was er mit einem anerkennenden Blick bedachte.

Er sah immer wieder auf die Uhr, obwohl er doch sagte, dass er keine genaue Zeit habe. Einmal rieb er mit dem Handteller darüber, als wäre das Glas vernebelt. Aus dem Augenwinkel versicherte er sich, dass ich noch war, wo ich sein sollte, und behielt auch meine Hände im Blick: wo er sie, wie er mir erklärte, gerne habe. Dann richtete er den Blick wieder auf den Rasen unten und die hinteren Zäune. Wie um seinem Ziel näher zu kommen, wippte er mit dem Stuhl nach vorn.

Ich sagte: »Es ist die falsche Weiblichkeit, die ich nicht ertrage, und die aufgesetzte Stimme. Die Art, wie sie mit ihrem Dad, dem Lebensmittelhändler, und dem, was er ihr alles beigebracht hat, angibt, wobei doch klar ist, dass sie es jetzt noch ändern würde, wenn sie könnte, und lieber das Kind reicher Eltern wäre. Es ist die Art, wie sie die Reichen vergöttert und ihnen huldigt. Ihr Philistertum und ihre Ignoranz und wie sie sich darin suhlt. Es ist ihr fehlendes Mitleid. Warum braucht sie eine Augenoperation? Weil sie nicht weinen kann?«

Als das Telefon klingelte, zuckten wir beide zusammen. Ich verstummte mitten im Satz.

»Gehen Sie ran«, sagte er. »Es wird für mich sein.«

Es war schwer für mich, mir das Netzwerk und all die Vorkehrungen vorzustellen, die hinter den Plänen für diesen Tag steckten. »Moment«, sagte ich, als ich ihn fragte, ob er Tee oder Kaffee wolle, und den Kessel einschaltete. »Sie wissen, dass ich den Installateur erwarte? Ich bin sicher, er kommt jeden Moment.«

»Duggan?«, sagte er. »Nein, nein.«

»Sie kennen Duggan?«

»Ich weiß, dass er nicht kommen wird.«

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Oh, Himmel noch mal.« Er schnaubte. »Warum sollten wir ihm was tun? Das ist nicht nötig. Er hat Bescheid bekommen. Wir haben überall Kumpel.«

Kumpel. Ein angenehmes Wort. Fast schon archaisch. Lieber Gott, dachte ich, Duggan ist ein IRA-Mann. Nicht, dass mein Besucher es ausgesprochen hätte, aber ich sagte es laut in meinem Kopf. Das Wort, die drei Buchstaben, schockierte oder bestürzte mich nicht so, wie es vielleicht bei Ihnen der Fall gewesen wäre. Das sagte ich ihm, während ich die Milch aus dem Kühlschrank holte und darauf wartete, dass das Wasser kochte. Ich sagte, ich würde Sie aufhalten, wenn ich könnte, aber es wäre allein aus Angst um mich selbst und davor, was mit mir geschehen wird, wenn Sie es getan haben. Was übrigens was sein wird? Ich bin kein Freund dieser Frau, allerdings glaube ich nicht (fühlte ich mich gezwungen hinzuzufügen), dass Gewalt irgendetwas löst. Aber ich würde Sie nicht verraten, weil …

»Ja, ja«, sagte er. »Alle haben sie eine irische Oma. Das garantiert gar nichts. Ich bin wegen Ihrer Aussicht hier, und mir ist egal, wem gegenüber Sie eine Affinität haben. Bleiben Sie vom Fenster vorn weg und fassen Sie das Telefon nicht an, oder ich schlage Sie tot. Mich interessieren die Lieder nicht, die ihre verdammten Großonkel samstagabends gesungen haben.«

Ich nickte.  Es waren nur meine eigenen Gedanken gewesen.

Rührseligkeit ohne Substanz.

»Der Bänkelsänger zieht in den Krieg,

In den Reihen des Todes wirst du ihn finden.

Das Schwert des Vaters hat er umgebunden

Und die wilde Harfe auf dem Rücken.«

Meine Großonkel (er hatte recht, was sie betraf) hätten keine wilde Harfe erkannt, selbst wenn eine auf sie losgegangen wäre und sie in den Hintern gebissen hätte. Ihr Patriotismus war nur eine Ausrede dafür, sich den Blick schief zu trinken, so ähnlich nannten sie

es, während ihre Frauen Tee schlürften, Ingwerplätzchen aßen und anschließend hinten in der Küche den Rosenkranz beteten. Die ganze Sache war eine Ausrede. Dafür, dass wir unterdrückt werden. Dass wir hier sitzen und unterdrückt werden, während andere Leute auf ihre unchristliche Weise etwas aus sich machen und sich dreiteilige Anzüge kaufen. Während wir hier sitzen und »La-la-la auld Ireland« singen (weil wir nach all der Zeit den Text vergessen haben), schlichten unsere Nachbarn ihren Streit, lassen ihre Herkunft hinter sich und greifen zu modernen, nicht sektiererischen Formen der Stigmatisierung, die sich in modernen Liedern niederschlagen: »Du dri-dra-dreckiger Liverpooler«. Ich persönlich bin keine Liverpoolerin, aber den Norden scheren im Süden alle über einen Kamm. Und in Berkshire und in der Gegend um London sind alle Gründe, alle Ideen, für die ein Mensch sterben wollen könnte, nichts als Ärgernisse, Verstöße gegen den Frieden, und wahrscheinlich verursachen sie auch noch Verkehrsstaus und Zugverspätungen.

»Sie scheinen ja gut über mich Bescheid zu wissen«, sagte ich und klang verärgert.

»So weit es nötig ist. Ich meine, nicht dass Sie was Besonderes wären. Sie können helfen, wenn Sie wollen, und wenn Sie es nicht wollen, verhalten wir uns entsprechend.«

Er redete, als hätte er Komplizen. Aber er war allein. Ein Mann. Wenn auch ein massiger, selbst ohne Jacke. Nehmen wir an, ich wäre ein überzeugter Tory gewesen oder eine der frommen Seelen, die keiner Fliege was zuleide tun können: Ich hätte dennoch nichts Heikles probiert. Er hielt mich offenbar für fügsam, oder vielleicht traute er mir sogar ein wenig, seinem Spott zum Trotz. Auf jeden Fall ließ er zu, dass ich ihm mit meinem Becher Tee ins Schlafzimmer folgte. Seinen eigenen Tee hielt er in der linken, sein Gewehr in der rechten Hand. Das Klebeband und die Handschellen blieben auf dem Küchentisch zurück, wo er sie beim Auspacken seiner Tasche hingelegt hatte. Und jetzt ließ er mich an das Telefon auf meinem Nachttisch gehen und ihm den Hörer geben. Ich hörte die Stimme einer Frau, jung, zaghaft und weit weg. Man hätte nicht gedacht, dass sie im Krankenhaus gleich nebenan war. »Brendan?«, sagte sie, und ich nahm nicht an, dass das sein richtiger Name war.

Er legte den Hörer so heftig auf, dass es schepperte. »Es gibt eine verdammte Verzögerung. Sie denkt, so um die zwanzig Minuten. Oder dreißig, es könnten sogar dreißig sein.« Er ließ die Luft aus der Lunge fahren, als hätte er, seit er die Treppe heraufgestampft war, den Atem angehalten. »Verdammt, verdammt. Wo ist das Klo?«

Man kann jemanden überraschen, indem man »Affinität« sagt, dachte ich, und dann »Wo ist das Klo?« folgen lassen. Nicht gerade der gute Windsor-Ton. Eine wirkliche Frage war es auch nicht. Die Wohnung war zu klein, als dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte. Er nahm seine Waffe mit. Ich hörte, wie er urinierte. Den Wasserhahn aufdrehte. Ich hörte es plätschern, hörte ihn herauskommen und den Reißverschluss hochziehen. Sein Gesicht war gerötet, wo er es abgetrocknet hatte. Er ließ sich auf den Klappstuhl fallen, dessen zerbrechliches Rohrgeflecht ein Jammern hören ließ. Er sagte: »Sie haben eine Nummer auf Ihrem Arm stehen.«

»Ja.«

»Von wem ist sie?«

»Von einer Frau.« Ich tupfte mit dem Zeigefinger auf die Zunge und fuhr damit über die Zahlen.

»So kriegen Sie das nicht weg. Dazu brauchen Sie Seife und müssen gut rubbeln.«

»Wie nett, dass Sie so Anteil nehmen.«

»Haben Sie sie aufgeschrieben? Die Nummer?«

»Nein.«

»Sie wollen sie nicht?«

Nur, wenn ich eine Zukunft habe, dachte ich und überlegte, wann es angemessen wäre zu fragen.

»Schütten Sie uns noch einen Tee auf, und diesmal mit etwas Zucker.«

»Oh«, sagte ich. Es machte mich verlegen, eine schlechte Gastgeberin gewesen zu sein. »Ich wusste nicht, dass Sie Zucker nehmen. Es kann sein, dass ich gar keinen weißen habe.«

»Die Bourgeoisie, wie?«

Ich war wütend. »Und Sie sind sich nicht zu schade, aus meinem bourgeoisen Schiebefenster zu schießen, oder?«

Er ruckte vor und griff nach dem Gewehr. Nicht, um mich zu erschießen, obwohl mein Herz kurz aussetzte. Er starrte hinunter in den Garten, und sein Körper spannte sich an, als wollte er die Scheibe mit dem Kopf einschlagen. Er ließ ein leises, unbefriedigtes Grunzen hören und setzte sich wieder hin. »Da war eine verdammte Katze auf dem Zaun.«

»Ich habe Demerara«, sagte ich, »und wahrscheinlich schmeckt der genauso, wenn er hineingerührt ist.«

»Sie kommen doch nicht auf den Gedanken, aus dem Küchenfenster zu rufen?«, sagte er. »Oder die Treppe hinunterzurennen?«

»Was? Nach allem, was ich gesagt habe?«

»Sie denken, Sie sind auf meiner Seite?« Er schwitzte wieder. »Sie kennen meine Seite nicht. Glauben Sie mir, Sie haben keine Ahnung.«

Mir kam der Gedanke, dass er kein Provisorischer war, sondern einer der verrückten Splittergruppen angehörte, von denen man lesen konnte. Allerdings war ich kaum in der Situation, Haarspaltereien zu betreiben. Das Endergebnis würde dasselbe sein. Aber ich sagte: »Bourgeoisie, was für ein Polytechnikumsausdruck ist das denn?«

Ich beleidigte ihn, und ich tat es bewusst. Den Jüngeren sollte ich erklären, dass die Polytechnika-Institute höherer Bildung für all die waren, die es nicht in eine Universität geschafft hatten: für die, die aufgeweckt genug waren, von »Affinität« zu sprechen, aber immer noch billige Nylonjacken trugen.

Er runzelte die Stirn. »Schütten Sie den Tee auf.«

»Ich denke, Sie sollten sich nicht über meine Großonkel lustig machen, weil sie, wie Sie denken, nur vorgetäuschte Iren sind, wenn Sie selbst mit Ausdrücken um sich werfen, die Sie in Müllcontainern gefunden haben.«

»Es war eine Art Witz«, sagte er.

»Oh. War es das?« Ich war verblüfft. »Dann sieht es wohl so aus, als hätte ich auch nicht mehr Sinn für Humor als sie.« Ich deutete mit dem Kopf zum Rasen draußen, auf dem in Kürze die Premierministerin sterben sollte.

»Ich werfe ihr nicht vor, dass sie nicht lacht«, sagte er. »Das nicht.«

»Das sollten Sie aber. Deshalb kann sie nicht sehen, wie lächerlich sie ist.«

»Lächerlich würde ich sie nicht nennen.« Er blieb stur. »Grausam, durchtrieben, aber nicht lächerlich. Was gibt es da zu lachen?«

»Menschen lachen«, sagte ich.

Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Jesus hat geweint.«

Er grinste. Ich sah, wie er sich entspannte, da er wusste, dass er wegen der verdammten Verzögerung jetzt noch nicht morden musste. »Wobei«, sagte ich, »sie wahrscheinlich lachen würde, wenn sie uns hier so sähe. Auslachen würde sie uns. Voller Verachtung. Sehen Sie nur Ihren Anorak an. Sie verachtet ihn. Und mein Haar. Sie verachtet mein Haar.«

Er hob den Blick. Er hatte mich bis dahin nicht richtig angesehen. Ich war nur die Teeköchin. »So wie es herunterhängt«, erklärte ich. »Statt in Wellen gelegt zu sein. Ich sollte es waschen und mir eine Dauerwelle machen lassen. Auf abgestufte Rollen sollte ich es wickeln – sie weiß, wie man solches Haar behandelt. Und ich mag auch nicht, wie sie geht. Wie sie ›tappt‹, haben Sie gesagt. Sie wird ›um die Ecke tappen‹. Das haben Sie richtig beobachtet.«

»Was denken Sie, worum es hier geht?«, fragte er.

»Um Irland.«

Er nickte. »Und ich will, dass Sie das verstehen. Ich erschieße sie nicht, weil sie keine Opern mag. Oder weil Ihnen ihre – wie in Dreiteufelsnamen nennen Sie es? – ihre Accessoires nicht gefallen. Es hat nichts mit ihrer Handtasche zu tun. Nichts mit ihrer Frisur. Es geht um Irland. Nur um Irland, okay?«

»Oh, ich weiß nicht«, sagte ich, »Sie haben selbst etwas von einem falschen Iren, denke ich. Sie sind dem alten Land nicht näher als ich. Ihre Großonkel kannten den Text auch nicht. Deswegen wollen Sie vielleicht zusätzliche Gründe. Beigaben.«

»Ich bin traditionell erzogen«, sagte er. »Und das hier ist das Ergebnis.« Er sah sich um, als könnte er es nicht glauben: Die entscheidende Tat seines engagierten Lebens lag nur zehn Minuten entfernt, und er lehnte mit dem Rücken an einem weiß furnierten Pressspanschrank, über sich eine plissierte Papierjalousie. Auf dem ungemachten Bett saß eine fremde Frau, und dem letzten Tee, den er in der Hand hielt, fehlte der Zucker. »Ich denke an die Jungs im Hungerstreik«, sagte er, »der Erste von ihnen starb, fast auf den Tag zwei Jahre nachdem sie das erste Mal gewählt worden war. Wussten Sie das? Bobby brauchte sechsundsechzig Tage, um zu sterben, und kurz darauf folgten neun weitere Jungs. Es heißt, nach fünfundvierzig Tagen wird es besser. Da hörst du auf, Galle zu spucken, und kannst wieder trinken. Aber das ist deine letzte Chance, denn schon fünf Tage später kannst du kaum noch sehen oder hören. Dein Körper verdaut sich selbst. Voller Verzweiflung frisst er sich selbst auf. Und Sie fragen sich, ob sie nicht lachen kann? Ich wüsste nicht, was es zu lachen gäbe.«

»Was soll ich dazu sagen?«, erwiderte ich. »Ich stimme allem zu, was Sie sagen. Gehen Sie und kochen Sie den Tee, ich bleibe hier und passe auf das Gewehr auf.«

Er schien es einen Moment lang in Betracht zu ziehen.

»Sie würden sie verfehlen. Sie sind nicht trainiert.«

»Wie haben Sie trainiert?«

»Mit Zielscheiben.«

»Bei einer lebendigen Person ist es etwas anderes. Sie könnten die Schwestern treffen. Die Ärzte.«

»Vielleicht, ja.«

Ich hörte seinen festsitzenden Raucherhusten. »Oh, richtig, der Tee«, sagte ich. »Aber wissen Sie noch etwas? Die Jungs mögen am Ende ja blind gewesen sein, aber sie haben die Sache offenen Auges angefangen. Sie können einer Regierung wie dieser kein Mitleid abzwingen. Warum sollte sie verhandeln? Wie können Sie das erwarten? Was zählen für diese Leute schon ein Dutzend Iren? Was zählen hundert? Die wollen die Todesstrafe. Sie geben sich modern, aber lass sie frei schalten und walten, und sie stechen ihren Feinden öffentlich die Augen aus.«

»Ist vielleicht gar nicht so schlecht«, sagte er. »Aufgehängt zu werden. Unter gewissen Umständen.«

Ich starrte ihn an. »Um ein irischer Märtyrer zu werden? Okay. Das geht schneller, als sich zu Tode zu hungern.«

»So ist es. Da kann ich nicht widersprechen.«

»Sie wissen, was die Männer im Pub sagen? Sie sagen, nenne mir einen einzigen irischen Märtyrer. Sie sagen, komm schon, komm, du kannst es nicht, oder?«

»Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe nennen«, sagte er. »Die Namen standen in der Zeitung. Sind zwei Jahre eine zu lange Zeit, um sich noch zu erinnern?«

»Nein. Aber vergessen Sie nicht: Die Leute, die das sagen, sind Engländer.«

»Sie haben recht. Es sind Engländer«, sagte er traurig. »Sie können sich verdammt noch mal an gar nichts erinnern.«

Zehn Minuten, dachte ich. Etwa zehn Minuten. Ihm zum Trotz trat ich leise ans Küchenfenster. Die Straße war in ihre gewohnte Alltagsstarre verfallen. Die Leute waren alle an der Ecke. Sie mussten sie bald erwarten. Auf der Arbeitsfläche stand das Telefon, direkt neben meiner Hand, aber wenn ich es abnahm, würde er den Apparat im Schlafzimmer einen leisen Piepser von sich geben hören, würde kommen und mich töten, nicht mit einer Kugel, sondern auf eine weniger auffällige Weise, um die Nachbarn nicht zu alarmieren und sich den Tag nicht zu verderben.

Ich stand neben dem Kessel, während er zum Kochen kam, und fragte mich: War die Augenoperation ein Erfolg? Wird sie, wenn sie herauskommt, normal sehen können? Werden Sie sie führen müssen? Werden ihre Augen verbunden sein?

Mir gefiel das Bild nicht, und ich rief zu ihm hinüber, um die Antwort zu bekommen. Nein, rief er zurück, die alten Augen werden so scharf sein wie je.

Ich dachte, sie hat keine Träne in sich. Nicht für die Mutter im Regen an der Bushaltestelle oder für den Seemann, der auf dem Meer verbrennt. Sie schläft vier Stunden pro Nacht und lebt von Whiskydämpfen und dem Eisen im Blut ihrer Beute.

 

Als ich ihm die zweite Tasse Tee, mit Demerara, hineinbrachte, hatte er seinen weiten Pullover ausgezogen, der unten an den Ärmeln aufribbelte. Er ist für das Grab angezogen, dachte ich, Schicht über Schicht, doch das wird die Kälte nicht vertreiben. Unter der Wolle trug er ein verblichenes Flanellhemd. Der verdrehte Kragen stand in die Höhe. Ich dachte, er sieht aus wie ein Mann, der seine Wäsche selbst wäscht. »Ziehen Sie jemanden mit ins Unglück?«, fragte ich.

»Nein«, sagte er, »ich hab keinen großen Erfolg bei Mädchen.« Er fuhr sich mit der Hand über das Haar, als könnte die Geste etwas an seinem Glück ändern. »Keine Kinder, na ja, wenigstens keine, von denen ich wüsste.«

Ich gab ihm seinen Tee. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Hinterher …«, sagte er.

»Ja?«

»Sie werden gleich sehen, woher der Schuss gekommen ist, dazu müssen sie nicht lange herumknobeln. Wenn ich die Treppe runter bin und aus der Tür komme, haben sie mich gleich da auf der Straße. Ich nehme das Gewehr mit, dann erschießen sie mich, sobald sie mich sehen.« Er hielt inne und setzte dann wie gegen einen Einwand von mir nach: »So ist es das Beste.«

»Ah«, sagte ich. »Ich dachte, Sie hätten einen Plan. Ich meine, einen anderen, als sich töten zu lassen.«

»Was für einen besseren Plan könnte ich haben?« Es lag nur ein Hauch Sarkasmus in seiner Stimme. »Das hier ist ein Gottesgeschenk. Das Krankenhaus. Ihre Dachwohnung. Ihr Fenster. Sie. Es ist billig, sauber, schafft diese Frau aus dem Weg und kostet nur einen Mann.«

Ich hatte gesagt, Gewalt löse keine Probleme. Aber das war reine Frömmigkeit, wie das Gebet vor dem Essen. Die Bedeutung hatte mich nicht gekümmert, als ich es sagte, und als ich jetzt darüber nachdachte, fühlte ich mich wie eine Heuchlerin. Es ist nur das, was die Starken den Schwachen predigen, du hörst es nie andersherum: Die Starken legen ihre Waffen nicht weg. »Was, wenn ich Ihnen etwas Zeit verschaffen könnte?«, sagte ich. »Wenn Sie Ihre Jacke beim Schießen trügen und bereit wären zu verschwinden: den Witwenmacher hier ließen, ihre leere Tasche nähmen und das Haus wie ein Installateur verließen? So, wie Sie hereingekommen sind?«

»Sobald ich dieses Haus verlasse, haben sie mich.«

»Und wenn Sie durchs Nebenhaus gingen?«

»Wie sollte das möglich sein?«, sagte er.

Ich sagte: »Kommen Sie mit.«

Es machte ihn nervös, seinen Posten zu verlassen, aber auf diese Aussicht hin musste er es. Wir haben noch fünf Minuten, sagte ich, und das wissen Sie, also kommen Sie und lassen Sie das Gewehr ordentlich unter dem Stuhl liegen. Er folgte mir dicht auf in den Flur, und ich musste ihm sagen, er solle einen Schritt zurücktreten, damit ich die Tür aufmachen konnte. »Arretieren Sie den Riegel«, riet ich ihm. »Es wäre ein Witz, wenn wir uns aussperrten.«

Die Treppen in diesen Häusern sind ohne Tageslicht. Man kann einen Zeitschalter an der Wand drücken und die Treppenabsätze damit in ein grelles gelbliches Licht tauchen. Aber nach den eingestellten zwei Minuten wird es wieder dunkel. Allerdings nicht so dunkel, wie man erst denkt.

Du stehst, atmest ruhig und gleichmäßig, und die Augen gewöhnen sich. Die Füße machen kein Geräusch auf dem dicken Teppich, und du gehst eine halbe Treppe hinab. Du lauschst: Das Haus ist still. Die Mieter, die sich diese Treppe teilen, sind den ganzen Tag nicht da. Die geschlossenen Türen annullieren und dämpfen die Welt draußen, das Geschnatter der Radionachrichten, den Lärm der Stadt, selbst das apokalyptische Dröhnen der Flugzeuge, die nach Heathrow einschwenken. Die stehende Luft riecht nach Kampfer, als öffneten die Leute, die als Erste in diesem Haus gewohnt haben, die Schränke und holten ihre Trauerkleidung heraus. Halb schon draußen, aber noch im Haus, sichtbar, aber ungesehen, könntest du hier ungestört eine Stunde verbringen, oder gar einen ganzen Tag. Schlafen könntest du, träumen. Unschuldig oder nicht, du könntest dich hier jahrzehntelang versteckt halten, während die Töchter der Ratsherren da draußen alt werden: Hier auf den Stufen könntest auch du alt werden und die Henkersschlinge von deinem Namen nehmen. Eines Tages werden die Häuser einstürzen, in einer Wolke aus Putz und Knochenstaub. Die Zeit wird sich auf null zubewegen, auf einen Punkt: Engel werden suchend durch die Ruinen streifen, Blütenblätter aus den Gossen blasen, die Arme in zerfetzte Flaggen gewickelt.

Auf der Treppe die geflüsterten Worte: »Und werden Sie mich auch töten?« Das ist eine Frage, die sich nur im Dunklen stellen lässt.

»Ich lasse Sie gefesselt und geknebelt zurück«, sagt er. »In der Küche. Sie können Ihnen sagen, dass ich es gleich nach meinem gewaltsamen Eindringen gemacht habe.«

»Aber wann wollen Sie es wirklich tun?« Die Stimme ein Murmeln.

»Kurz vorher. Hinterher ist keine Zeit.«

»Das werden Sie nicht. Ich will es sehen. Das verpasse ich nicht.«

»Dann fessele ich Sie im Schlafzimmer, okay? Ich fessele Sie mit Aussicht.«

»Sie könnten mich auch kurz vorher nach unten gehen lassen. Ich nehme eine Einkaufstasche mit, und wenn mich niemand sieht, sage ich, ich war die ganze Zeit weg. Aber dann müssen Sie meine Tür noch aufbrechen, oder? Damit es nach einem Einbruch aussieht.«

»Ich sehe, dass Sie sich mit meinem Job auskennen.«

»Ich lerne.«

»Ich dachte, Sie wollten zusehen.«

»Ich würde es hören können. Es wird wie das Getöse in einem römischen Amphitheater sein.«

»Nein. So machen wir es nicht.« Eine Berührung, eine Hand streicht über meinen Arm. »Zeigen Sie’s mir schon. Womit ich hier

meine Zeit verschwende.«

Zwischen den Etagen ist eine Tür. Sie sieht aus wie der Zugang zu einem Besenschrank. Aber sie ist schwer. Schwer zu öffnen, und die Hand rutscht vom Messingknauf ab.

»Im Falle eines Feuers …«

Er beugt sich an mir vorbei und zieht die Tür auf.

Fünf Zentimeter dahinter eine weitere Tür.

»Drücken Sie.«

Er drückt. Sie schwingt langsam auf, Dunkel ins Dunkel. Der gleiche abgestandene, gestaute Geruch, der Geruch des Grenzbereichs, in dem die private und die öffentliche Welt aufeinandertreffen: Regennässe auf Industrieteppich, klamme Schirme und feuchtes Schuhleder, der Metallgeruch von Schlüsseln, Salz in der Hand. Aber es ist das Nebenhaus, sieh genau in die Düsternis. Es ist die gleiche und auch wieder nicht. Du kannst von einem Rahmen in den anderen treten. Als Mörder betrittst du Nummer 21, als Installateur verlässt du Nummer 20. Hinter der Feuertür sind andere Haushalte mit anderen Leben. Verschiedene Geschichten liegen nahe beieinander: eingerollt wie Tiere im Winterschlaf, mit flachem Atem, der Puls nicht fühlbar.

Was wir tun müssen, ist klar: Wir müssen uns zusätzlich Zeit verschaffen. Die Gnade ein paar zusätzlicher Momente, um uns von der Situation wegzubringen, die nicht verhandelbar ist. Das Haus hat eine unerwartete Eigenart. Sie bietet nur eine kleine Chance, aber eine andere gibt es nicht. Aus dem Nebenhaus tritt er ein paar Meter näher zum Ende der Straße hin ins Freie: näher zum richtigen Ende, weg von Stadt und Burg, weg von der Tat. Wir müssen annehmen, dass er trotz seines Wagemuts nicht sterben will, wenn er es vermeiden kann: dass irgendwo in den umliegenden Straßen, widerrechtlich auf dem Platz eines Anwohners geparkt oder eine Zufahrt versperrend, ein Auto auf ihn wartet, um ihn außer Reichweite zu bringen, ihn verschwinden zu lassen, als hätte es ihn nie gegeben.

Er zögert, blickt in die Dunkelheit.

»Versuchen Sie es. Schalten Sie das Licht nicht ein. Sagen Sie nichts. Gehen Sie nur hindurch.«

Wer hat die Tür in der Wand nicht gesehen? Es ist der Trost des schwachen Kindes, die letzte Hoffnung des Gefangenen. Es ist der einfache Ausgang für den Sterbenden, der nicht im Todesgriff eines rasselnden Keuchens zugrunde geht, sondern mit einem Seufzer verscheidet, wie eine zu Boden fallende Feder. Es ist eine besondere Tür, die nicht den Gesetzen von Holz und Eisen gehorcht. Kein Schlosser kann sie versperren, kein Gerichtsvollzieher eintreten. Patrouillierende Polizisten gehen an ihr vorbei, denn sie ist nur für das glaubende Auge sichtbar. Bist du einmal durch sie hindurch, kommst du als Licht und Luft zurück, als Funken und Flamme. Dass der Attentäter ein Flimmern auf den Rahmen geworfen hat, weißt du. Hinter der Tür löst er sich auf, deswegen siehst du ihn nie in den Nachrichten. Deswegen lernst du seinen Namen nicht kennen, erfährst nicht, wie er aussieht. Deswegen lebte Mrs Thatcher, wie du sicher weißt, bis zu ihrem natürlichen Tod. Aber beachte die Tür; beachte die Wand; beachte die Macht der Tür in der Wand, die du nie gesehen hast. Und beachte den kalten Wind, der durch sie hindurchbläst, wenn du sie einen Spalt öffnest. Die Geschichte hätte immer auch anders sein können. Denn es gibt die Zeit, den Ort, die schwarze Gelegenheit: den Tag, die Stunde, die Neigung des Lichts, das Läuten des Eiswagens in einer fernen Gasse bei der Umgehungsstraße.

Und als er zurück in Nummer 21 tritt, grunzt der Attentäter vor Lachen.

»Pssst«, sage ich.

»Das ist Ihr toller Vorschlag? Dass sie mich ein Stück weiter die Straße hinunter erschießen? Okay, wir probieren es. Verlassen den Ort auf einer anderen Route. Eine kleine Überraschung.«

Die Zeit ist knapp. Wir kehren ins Schlafzimmer zurück. Er hat nicht gesagt, ob ich es überleben werde oder andere Pläne machen sollte. Er schiebt mich zum Fenster. »Machen Sie es auf und treten Sie dann zurück.«

Er fürchtet, ein plötzliches lautes Geräusch könnte unten jemanden aufschrecken. Aber wenn das Fenster auch schwer ist und mitunter an seinem Rahmen rüttelt, fährt es doch ruhig nach oben. Er muss sich keine Sorgen machen. Die Gärten sind leer, und drüben im Krankenhaus, hinter Zäunen und Büschen, tut sich etwas. Sie kommen heraus: zunächst nicht die höheren Herrschaften, sondern eine Schar Schwestern mit Kitteln und Hauben.

Er nimmt den Witwenmacher und legt ihn sich sanft auf die Knie. Er kippelt mit seinem Stuhl vor, und weil ich sehe, dass seine Hände wieder schweißnass sind, bringe ich ihm ein Handtuch, das er ohne ein Wort nimmt. Er wischt sich die Handflächen trocken. Erneut werde ich an etwas Priesterliches erinnert: ein Opfer. Eine Wespe trödelt auf der Fensterbank herum. Der Geruch der Gärten ist wässrig und grün. Lauer Sonnenschein zieht herein, poliert seine schäbigen Halbschuhe und schiebt sich scheu über die 

Oberfläche des Frisiertischs. Ich will ihn fragen: Wenn das, was geschehen soll, geschieht, wird es laut sein? Hier, wo ich sitze? Wenn ich sitze? Oder stehe? Wo stehe? Neben ihm? Vielleicht sollte ich mich hinknien und beten.

Jetzt sind es nur noch Sekunden. Auf der Terrasse, dem Rasen zwitschert das Krankenhauspersonal. Eine Verabschiedungsreihe hat sich gebildet. Ärzte, Schwestern, Bürohocker. Der Chef kommt dazu, in seinem weißen Aufzug und mit einer Haube, wie ich sie bisher nur in Bilderbüchern gesehen habe. Wider Willen muss ich kichern. Ich bin mir jedes Ein- und Ausatmens des Attentäters bewusst. Stille senkt sich nieder: auf den Garten, auf uns.

Hohe Absätze auf dem vermoosten Pfad. Tippi-tapp. Tappe weiter. Sie müht sich, kommt aber nicht schnell voran. Die Tasche an ihrem Arm, wie ein Schild. Der geschneiderte Anzug genau, wie ich ihn mir vorgestellt habe, die Schleife, die lange Perlenkette und – etwas Neues – eine riesige Brille. Schützt sie, ohne Zweifel, vor den Prüfungen des Nachmittags. Die Hand ausgestreckt, bewegt sie sich an der Reihe entlang. Jetzt, da es endlich so weit ist, haben wir alle Zeit dieser Welt. Der Schütze kniet nieder und nimmt seine Position ein. Er sieht, was ich sehe, den glitzernden Helm ihres Haars. Er sieht ihn wie eine Goldmünze in der Gosse leuchten, groß wie den vollen Mond. Die Wespe schwebt über der Fensterbank, hängt in der ruhigen Luft. Ein leichtes Blinzeln des blinden Auges der Welt.

»Freuen Sie sich«, sagt er. »Scheiße noch mal, freuen Sie sich.«


*Aus: Die Ermordung Margaret Thatchers von Hilary Mantel. © der deutschen Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln, S. 133-158.

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