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Als Markus Kellmer von der Arbeit nach Hause kam, fand er auf dem Teppich seines Wohnzimmers eine nackte Frau. Ihr zerzaustes Haar erinnerte ihn an die Art, wie er als Kind Krähennester oder Baumwipfel gezeichnet hatte, ihre Haut glänzte, als wäre sie glasiert, und als Markus sie vorsichtig auf den Rücken drehte, um sie anzusprechen und so vielleicht herauszufinden, wer sie war und was sie in seiner Wohnung suchte, stellte er fest, dass sie tot war.

Sofort ging er zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Eigentlich war es dafür viel zu früh, draußen war es noch hell. Der Frühling hatte gerade erst vor ein paar Tagen begonnen, und die Sonne würde erst in einer Stunde, so gegen sechs Uhr, untergehen. Vor wenigen Wochen war sie immer schon gegen vier Uhr verschwunden, doch jetzt hatten die Tage dazugelernt, hielten ihre Leuchtkraft immer länger aufrecht, und bald würden sie von der sommerlichen Glut abgelöst werden, die sie bereits jetzt in sich trugen.

In diesen milden Frühlingstagen waren die Strahlen der Nachmittagssonne immer die ersten, die ihn begrüßten, wenn Markus über die Schwelle seiner Wohnungstür trat. Sie nun auszusperren bereitete ihm Kopfschmerzen, ein Gefühl, als hätte der Raum Migräne. Aber er konnte wohl nicht anders, immerhin lag eine tote Frau in seiner Wohnung auf dem Boden. Die Haut rund um ihren Mund und ihre Nasenlöcher sah aus, als hätte sie jemand als Reibefläche für Streichhölzer verwendet. Markus hob die Leiche auf und setzte sie auf einen Sessel. Sofort fiel sie wieder herunter, ihre Gelenke waren wie Gelee, ihr Körper wie ein mit Flüssigkeit gefüllter Ballon. Er versuchte es noch einmal, aber sie blieb wieder nicht sitzen, sondern kippte vornüber, wie jemand, der sich plötzlich übergeben muss, und knallte mit dem Kopf voran auf den Parkettboden. Der laute Knall brachte Markus in die Realität zurück: Er ging unverzüglich zu seiner Stereoanlage und schaltete sie ein. Musik half ihm beim Nachdenken.

Er konnte die Leiche nicht einfach auf dem Boden liegen lassen, denn Leichen veränderten sich, ihre Oberfläche war nicht so stabil wie die lebender Menschen. Sie waren im Grunde nur mehr an einer einzigen Sache interessiert: an ihrer eigenen Auflösung. Um möglichst vollständig zu verschwinden, brauchten sie einen austauschfreudigen Untergrund, einen Waldboden etwa oder einen Sumpf. Etwas, mit dem sie langsam verschmelzen konnten. Hier allerdings gab es so etwas nicht, also musste er sich etwas einfallen lassen. Er nahm die Fernbedienung und schaltete die Musik lauter.

Ihm fiel ein, dass er vor kurzem ein großes Modellflugzeug aus Holz hinter seinem Heizkörper versteckt hatte. Das war letzte Woche gewesen, als ihn seine Eltern besuchten und er vermeiden wollte, dass sie das Modell zu Gesicht bekamen. Hinter dem Heizkörper war viel Platz, aber würde auch der Körper einer erwachsenen Frau in den Zwischenraum passen? Markus holte ein Maßband und vermaß die Leiche. Nun, es kam auf einen Versuch an.

Er mühte sich über eine halbe Stunde ab, aber am Ede schauten immer noch der Kopf und der halbe Oberkörper hervor. Trotzdem: ein Teilerfolg. Eine Weile saß Markus einfach nur da, lehnte sich gegen den Türrahmen und blickte ins Leere. Woran war die Frau wohl gestorben? Er hatte keine Würgemale oder Blutergüsse entdeckt. Was immer es gewesen war, ihr Körper schien dabei nicht verletzt worden zu sein. Vielleicht vergiftet. Oder eine natürliche Ursache. Aber sie war noch recht jung, Markus schätzte ihr Alter auf fünfundzwanzig bis dreißig.

Er stand auf, streckte sich. Nein, das sah furchtbar aus. Das Modellflugzeug war hinter dem Heizkörper sicher gewesen, aber die Leiche würde wirklich jeder sehen, der ins Zimmer kam. Er musste sich ein anderes Versteck überlegen.

Während er im Geist die verschiedenen Winkel seiner Wohnung durchging, zerrte er die Leiche hinter dem Heizkörper hervor. Da sie nackt war, beschädigte er sie durch sein ungeduldiges Ziehen und Zerren an manchen Stellen. Die Rillen des Heizkörpers durchschnitten die bleiche Haut, als wäre sie Butter. Doch es floss nur wenig Blut, denn das Herz schlug ja nicht mehr, die Blutgefäße standen nicht mehr unter Druck. Trotzdem blieben ein paar hässliche Flecken auf dem Boden und am Heizkörper selbst zurück. Markus ging ins Bad und holte einen nassen Lappen, mit dem er die Rillen reinigte. Es war jetzt Frühling, und wenn er die Körperflüssigkeit heute eintrocknen ließ, würde der Heizkörper im nächsten Winter, wenn er ihn wieder in Betrieb nahm, furchtbar zu stinken anfangen.

Er packte die Leiche an den Armen und schleifte sie zurück ins Vorzimmer. Wieder blieben dabei einige Spuren zurück, diesmal lange, rötliche Schleifspuren. Kopfschüttelnd ging er ins Bad, holte einen zweiten Lappen und machte sich ans Schrubben. Er war manchmal wirklich langsam im Kopf, geradezu träge. Damit so etwas nicht noch einmal passierte, wickelte er die Leiche in große Badetücher, von Kopf bis Fuß. So war es auch viel einfacher, sie über den Parkettboden zu ziehen.

Die Musik aus der Stereoanlage verstummte, und ein Sprecher erklärte, wie der Bass, das Schlagzeug und die Querflöte mit bürgerlichem Namen hießen.

Die Nacht über ließ Markus die eingewickelte Leiche in der Badewanne liegen. Am nächsten Tag verschlief er beinahe, weil er das Klingeln des Weckers im Traum für das traurige Abschiedsquaken eines Frosches hielt, der in einer kleinen Rakete in eine geostationäre Umlaufbahn um die Erde geschossen wurde. Ihm blieb gerade noch Zeit für ein leichtes Frühstück, dann nahm er den Bus zur Arbeit. Am späten Nachmittag kam er nach Hause zurück.

Schon beim Eintreten bemerkte er den Geruch. Er war nicht sehr stark, aber er war da. Er ging ins Badezimmer. Die Leiche lag da wie gestern Abend, nur auf dem Tuch, das ihr Gesicht bedeckte, hatte sich ein Fleck gebildet, der in seiner Form ein wenig an ein Ahornblatt erinnerte.

Der Tag im Büro war anstrengend gewesen, und normalerweise hätte Markus liebend gerne ein Bad genommen, sich im warmen Wasser ausgestreckt, mit den Zehen gewackelt und alle Sorgen, die in seinem Kopf herumschwirrten, im knisternden Schaumgebirge langsam untergehen lassen. Heute hielt er es ja vielleicht noch aus, auf dieses tägliche Reinigungsritual zu verzichten, aber als Dauerlösung war dieser Zustand sicher nicht zu ertragen. Im Grunde wurde er schon jetzt nervös. Er zerrte die Leiche aus der Badewanne, rollte sie ins Nebenzimmer und spülte die Wanne mit der Brause sauber. Er verbrauchte fast die ganze Flasche Fliesenreiniger, bis er endlich das Gefühl hatte, ohne größere Ekelgefühle nackt in die Wanne steigen zu können.

Doch bevor er ein Bad nahm, machte er sich daran, die Leiche in den teilweise leeren Kleiderschrank zu stellen, der in seinem Arbeitszimmer stand. Merkwürdig, dass er daran nicht schon früher gedacht hatte. Immerhin hatte er in dem Kleiderschrank schon einmal eine ganze Garnitur aufgerollter Rollos untergebracht (wie Dynamitstangen hatten sie ausgesehen, mit der weißen Schnur, die am oberen Ende herausragte). Die Leiche passte gut in den Schrank, aber wenn Markus versuchte, die Tür zu schließen, kippte sie jedes Mal vornüber heraus, und er musste sie auffangen. Wie bei einer Wiederbegegnung nach sehr langer Zeit fiel sie ihm um den Hals. Schließlich fixierte er ihre Handgelenke mit Klebestreifen innen an der Schrankwand und überklebte auch den Lüftungsschlitz im Boden mehrfach, bis er das Gefühl hatte, so könnte das Ganze zumindest für ein paar Tage gehen.

Er war gerade mal drei Minuten im Badezimmer und spielte mit dem Duschkopf, als er den Aufschlag hörte. Er stellte das Wasser ab und lauschte. Alles ruhig, aber es half nichts, er ahnte schon, was passiert war. Halb nackt ging er aus dem Bad zurück in sein Arbeitszimmer.

Der Anblick der Frau, die in furchtbarer Verrenkung halb noch im Schrank, halb davor lag, war so lächerlich, dass Markus eine Art brüllendes Niesen von sich gab, verursacht nicht durch eine Überreizung seiner Nasenschleimhäute, sondern seines Vorstellungsvermögens.

Bevor er sie hochheben konnte, musste er sie erst einmal auseinanderfalten, ja, tatsächlich auseinanderfalten, denn sie hatte – mein Gott, nicht einmal ein Schlangenmensch hätte für eine solche Körperhaltung etwas übrig gehabt. Aber es war eine Leiche, sagte er sich, nichts Lebendiges. Da durfte man nicht dieselben Maßstäbe anlegen.

Vielleicht war es ja besser, wenn er die Leiche so ließ, wie sie war, ein zusammengeballtes Durcheinander von Armen und Beinen und einem an mehreren Stellen bereits aus den Nähten platzenden Rumpf. Der Transport war auf alle Fälle leichter, aber natürlich nahm sie so mehr Platz weg als im auseinandergefalteten Zustand.

Der Teppich in Markus’ Wohnzimmer war einer der altehrwürdigen Sorte. Er hatte schon viele Generationen getragen, das Getrappel von Kinderfüßen war auf ihm zu den schweren Tritten des Alters und der Verantwortung herangewachsen, er hatte Brautpaare und Trauergäste in Empfang genommen, sein Muster hatte den geometrischen Sinn von rund zwanzig Menschen oder vielleicht sogar mehr beschäftigt, er hatte Weltkriege überstanden und Zeiten der Euphorie und des inspirierten Chaos, kurz – es war ein Teppich, unter den man nicht einfach so eine Leiche schob.

Markus wusste das. Er wusste das alles und trotzdem – es fiel ihm keine andere Lösung ein. Alles hatte er versucht, den Kleiderschrank, den Heizkörper, die Badewanne. Außer die Leiche zu packen und Beine über Hals über Kopf aus dem Fenster zu werfen, blieb ihm nicht mehr viel übrig. Außerdem drängte die Zeit.

Mit beiden Händen hob er den schweren Teppich hoch und schob und trat mit seinen Füßen die Leiche auf den Bereich der etwas blasseren Bodenbretter. Diese von Licht und Menschen unberührt gebliebenen Bretter waren mit Sicherheit der verletzlichste, intimste Teil der Wohnung. Es dauerte eine Weile, aber schließlich hatte er die Leiche an die richtige Stelle geschoben und breitete den Teppich über sie aus. Das Gefühl, als das schwere, dichte, nach Vergangenheit und Schuhleder riechende Gewebe sich ganz um den Fremdkörper legte und ihn quasi wegzauberte, war eines großer Erleichterung. Fast hätte Markus laut in die Hände geklatscht.

Der neue Teppichhügel sah ein wenig aus wie das dreidimensionale Modell einer topografischen Karte. Die Erhöhungen, die der Körper der Leiche verursachte, korrespondierten durch Zufall genau mit dem konzentrischen Muster des Teppichs. So lagen die dunkelsten Bereiche auf dem geografisch höchsten Punkt (der Schulter, die immer ein wenig nach oben ragte, wenn die Leiche auf dem Rücken lag). Das Ganze wirkte fast, als wäre es absichtlich so arrangiert worden, zum Zweck der leichteren Orientierung.

Diese Lösung war zweifellos die beste bisher. Das einzige Problem war, über die Leiche hinwegzusteigen, denn ständig kam man auf dem aufgebäumten Teppich ins Straucheln. Also rückte Markus seinen großen Schreibtisch, der sowieso nie für etwas Sinnvolles genutzt wurde, aus dem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer, bis er genau über dem Teppichgebirge stand. So würde er wenigstens nicht mehr stolpern. Und der Tisch stand hier, mitten im Raum, zwar nicht sehr vorteilhaft, aber vielleicht würde er sich jetzt öfter an ihn setzen und an seinen kleinen dichterischen Versuchen weiterarbeiten, die ihm ebenso leicht von der Hand gingen, wie sie ihm Kummer bereiteten angesichts ihrer offensichtlichen Zwecklosigkeit.

Es sah gar nicht übel aus. Ein kleiner Hügel mitten im Raum – und darüber ein Tisch. Wenn er den Tisch nicht mit beschriebenen Blättern überfluten konnte, würde er einfach irgendwann ein langes Tuch darüberbreiten, eines, das bis zum Boden reichte.

Erledigt, dachte Markus und ging in die Küche. Auf die erfolgreich überstandenen Strapazen der letzten beiden Tage musste er unbedingt anstoßen. Nach einigem gedankenverlorenen Etikettenlesen entschied er sich für einen Cabernet Sauvignon, eine Flasche mit dunkelrotem Inhalt.

Erst als er schon zurück im Wohnzimmer war, wo der Tisch nun eine unübersehbar zentrale Position einnahm und dem Zimmer einen neuen emotionalen Schwerpunkt verlieh, bemerkte er, dass er zwei Weingläser mitgenommen hatte. Bei jedem Schritt klirrten sie leise aneinander im sanften Griff seiner Finger, mit dem er ihre dünnen, gläsernen Hälse umfasste.


*This story is taken from: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes by Clemens J. Setz. © Suhrkamp Verlag Berlin 2011.

*Image: Fábio Magalhães.

 

Die folgende Geschichte ist so wahr, wie etwas aus der Welt des Wissens, wie etwas aus dem Reich der toten für unsereins nur wahr sein kann. Zwar nicht derselbe Wandschirm, aber doch ein Wandschirm gleicher Bauart steht im Sanitäts- und Heilkundemuseum Wien. Die einschlägigen Klingelknöpfe kann man noch heute, nach über acht Jahrzehnten, bei Techniktrödlern nicht bloß in Österreich, sondern vielerorts in unserem glücklich neuerstandenen Mitteleuropa finden und für wenig Geld erwerben.

Hinter dem Wandschirm, hinter Wachstuch und weißgebeiztem Weidenholz, den grauhaarigen Schädel armtief unter dem Klingelknopf, liegt in der Nacht, in der die Anekdote spielt, ein über sechzig Jahre alter, ein damals bereits renommierter, in Bälde berühmter, ein heute, lang nach seinem Tode, weiterhin vielgepriesener, ein nun an diesem lauen Wiener Frühlingsabend frisch operierter Mann. Er röchelt leis. Er weiß: Bereits im Lauf der Nacht soll er, nach drei, vier Ruhestunden, in familiäre Pflege entlassen werden.

Dass man ihn provisorisch abgestellt hat, dass er in einer Rumpelkammer liegt, kümmert und kränkt ihn nicht. Er weiß, aus eigener Arbeit, wie es in Krankenhäusern zugeht und wie wenig dort bisweilen Privilegien gelten, wenn etwas schnell und praktisch geregelt werden muss. Sein Abgestelltsein ist schlicht den Umständen des ambulanten Eingriffs zuzuschreiben. Er selber hat im Voraus darauf bestanden, möglichst bald mit dem Automobil nach Hause überstellt zu werden.

Er röchelt, hustet und schluckt frisches Blut. Es ist das Blut der tief in seinen Mund geschnittenen Wunde. Ein ihm freundschaftlich verbundener Professor, ein Mann seines Vertrauens, ein Routinier der allgemeinen Chirurgie, hat ihm eine den geliebten Zigarren geschuldete Geschwulst entfernt. Die reichte weiter ins Gewebe als zunächst angenommen. Und auch die Folgen seines Immer-tiefer-Schneidens hat der Meister der Skalpelle nicht ganz richtig eingeschätzt. Vom Blutverlust elend geschwächt, von Ohnmacht bedroht, begreift der Operierte, der alleingelassene, allmählich den Ernst der Lage. Denn er ist selber Arzt, selber Professor.

Die Blutung droht, ihn umzubringen. In einem wahren Willensakt, in einer letzten Kraftanstrengung quält er den rechten Arm nach oben, fingert über die ölfarbenglatte Wand, ertastet den Klingelknopf, presst dessen Bakelit. aber der Knopf ist tot. Die Blechzunge, die den Kontakt zwischen den Drähten schließen soll, ist tags zuvor beim Alarmruf eines anderen hier abgestellten entzweigebrochen. Jenem uns unbekannten anderen wurde binnen einer Minute beigestanden; unserem stummen, großen Notfall schwappt indes der Lebenssaft mörderisch hoch im Rachen. Die Kehle, zu schwach zum Rufen, kommt eben noch mit Schlucken nach. Ersticken oder Verbluten. Vergeblich versucht der schwindelige Doktor, der längst in eine selbsterfundene Wissenschaft entlaufene einstige Mediziner, sich aufzurichten, dann, ebenso vergeblich, sich umzudrehen. Den zuständigen Muskeln fehlt es bereits an Kraft. Bloß seine Augen schwenken noch gehorsam über den dunklen Plafond und dann zum Paravent und sehen Jodi um die Wachstuchkante lugen.

Jodi sabbert. Jodi sabbert wie stets, der kleine Jodi sabbert – er kann nicht anders! – mehr als nur ein bisschen. Jodi kratzt sich, weil er das gern tut, an seinem großen, akkurat kahl geschorenen Kopf. Er lässt den Speichelfaden länger werden und guckt und horcht. Am Gaumen gluckst das Blut. Wer weiß, was Jodi denkt. ach, allenfalls kann unsereiner heute wissen: Der kleinwüchsige, schmalbrüstige Jodi hat lang schon innigen Umgang mit der Herzenspraxis moderner Wissenschaft, mit ihrem Tun am Leibe. Sein ganzes bisheriges Leben, alle dreiunddreißig Jahre, ist er nicht aus dem allgemeinen Krankenhaus zu Wien hinausgekommen. Die Ordensschwestern haben ihn als Säugling in ihre Obhut übernommen, nachdem ihm seine Mutter, eine ungemein grazile ungarische Hochseilballerina – kaum größer als die Kollegen aus dem Reich Liliput! –, mitten in der Mühsal des Gebärens und Geborenwerdens sang- und klanglos weggestorben war.

Der blutschluckende Professor, unser würgender Wiener Psycholog, erkennt selbstredend auf den ersten Blick, welchen Typus der Zwergenwüchsigkeit er vor Augen hat.

Er denkt an Imbezillität, er denkt «Kretin», er denkt in einer Art von Zwang an hoffnungslosen Schwachsinn und wortlos blödes Lallen und zeitgleich an den Fortschritt des Geistes, der hier, in dieser Rumpelkammer, als gelte es, einen albtraumhaft exquisiten Witz zu reißen, synchron mit ihm die Luft anhält.

Die Kammer ist Jodis Reich. hier hat der feingliedrige, dickschädelige Jodi, seit er sich selber an- und ausziehen kann, inmitten eines Sammelsuriums aus abgestelltem Kram, hinter einem der Rollschirme sein Bettchen. hier steht der Stuhl, über dessen lehne Jodi Hemd und Hose breitet. hier ruht im hübsch geschwungenen Gestell die Schüssel, mit deren Wasser er sich abends den Rotz vom Näschen und den Sabber von den stummen Lippen wäscht. hier schlummert Jodi und träumt Jodis träume, nachdem er – kindisch übereifrig, unermüdlich fleißig, Gang auf, Gang ab – beim Putzen, Räumen und Bettenbeziehen mitgeholfen hat.

Wer weiß, was unser Jodi denkt. Der alte Grauschopf denkt noch einmal in einem atemlosen Kreisschluss an die kaputte Klingel und an die hochspezielle Verhöhnung, die ihr Defekt-Sein nun für ihn und seine junge Lehre darstellt, als sich schon Jodis Linke in schweißverklebte Haare schiebt, als Jodis Rechte unter eine Achsel schlüpft, ein nasses Hemd fest fasst und alle zehn Jodi-Finger – der Speichel sprüht von Jodis Mund! – einen Kopf und einen Oberkörper in die Seitenlage ziehen. Erlöst würgt der Erkenner, der Deuter, der Begründer eines langlebigen Kults sein Blut über den Rand der Liege auf das Linoleum des Abstellraums. Es platscht! Es platscht so herrlich laut, dass wir es alle platschen hören.

Und dann saust unser Jodi los. Er spurtet schnurstracks Hilfe holen. In einem schönen hohen Bogen fliegt dem Rennenden der Schaum vom Mund. Jodi eilt weg, den Gang hinunter, wird gleich eine seiner weißbehelmten Schwestern am Ärmel zupfen, wird sie, weil sie sein Wollen nicht kapiert, am steifgestärkten Ärmel in seine Kammer zerren und mit ihr in der klebrigen Lache vor dem nun glücklich sorglos ohnmächtig Gewordenen stehen.

Herr Doktor Sigmund Freud wurde gerettet, wurde in Folge noch mehrmals an Gaumen und Kiefer operiert und lebte, mit wechselnden Prothesen in Mund und Rachen und an zahllosen Zigarren saugend, weitere anderthalb Jahrzehnte für das Wachsen und Gedeihen seiner Werke. Solange deren Worte Wahrheit stiften, so lang wird unser kleiner Jodi rennen, werden die krummen Beinchen Jodis wackeln, trommelt das Leder seiner blank gewetzten Sohlen auf Stein, Parkett, Linoleum – nicht länger, aber doch genauso lang soll Jodis Speichelfaden, soll dessen blasige Spur durch alle Sätze dieser Zwergenanekdote perlen.


*This story is taken from: Die Logik der Süße by Georg Klein. Copyright © 2010 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

»Ich will nichts mehr wissen «, sagte der Mann, der nichts mehr wissen wollte.

Der Mann, der nichts mehr wissen wollte, sagte: »Ich will nichts mehr wissen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Und schon läutete das Telefon.

Und anstatt das Kabel aus der Wand zu reißen, was er hätte tun sollen, weil er nichts mehr wissen wollte, nahm er den Hörer ab und sagte seinen Namen.

»Guten Tag«, sagte der andere.

Und der Mann sagte auch: »Guten Tag.«

»Es ist schönes Wetter heute«, sagte der andere.

Und der Mann sagte nicht: »Ich will das nicht wissen«, er sagte sogar: »Ja sicher, es ist sehr schönes Wetter heute.«

Und dann sagte der andere noch etwas.

Und dann sagte der Mann noch etwas. Und dann legte er den Hörer auf die Gabel, und er ärgerte sich sehr, weil er jetzt wußte, daß es schönes Wetter ist.

Und jetzt riß er doch das Kabel aus der Wand und rief: »Ich will auch das nicht wissen, und ich will es vergessen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Denn durch das Fenster schien die Sonne, und wenn die Sonne durch das Fenster scheint, weiß man, daß schönes Wetter ist. Der Mann schloß die Läden, aber nun schien die Sonne durch die Ritzen.

Der Mann holte Papier und verklebte die Fensterscheiben und saß im Dunkeln.

Und so saß er lange Zeit, und seine Frau kam und sah die verklebten Fenster und erschrak. Sie fragte: »Was soll das?«

»Das soll die Sonne abhalten«, sagte der Mann.

»Dann hast du kein Licht«, sagte die Frau.

»Das ist ein Nachteil«, sagte der Mann, »aber es ist besser so, denn wenn ich keine Sonne habe, habe ich zwar kein Licht, aber ich weiß dann wenigstens nicht, daß schönes Wetter ist.«

»Was hast du gegen das schöne Wetter?« sagte die Frau, »schönes Wetter macht froh.«

»Ich habe«, sagte der Mann, »nichts gegen das schöne Wetter, ich habe überhaupt nichts gegen das Wetter. Ich will nur nicht wissen, wie es ist.«

»Dann dreh wenigstens das Licht an«, sagte die Frau, und sie wollte es andrehen, aber der Mann riß die Lampe von der Decke und sagte: »Ich will auch das nicht mehr wissen, ich will auch nicht mehr  wissen,  daß man das Licht  andrehen kann.«

Da weinte seine Frau.

Und der Mann sagte: »Ich will nämlich gar nichts mehr wissen. «

Und weil das die Frau nicht begreifen konnte, weinte sie nicht mehr und ließ ihren Mann im Dunkeln.

Und da blieb er sehr lange Zeit.

Und die Leute, die zu Besuch kamen, fragten die Frau nach ihrem Mann, und die Frau erklärte ihnen: »Das ist nämlich so, er sitzt nämlich im Dunkeln und will nämlich nichts mehr wissen. «

»Was will er nicht mehr wissen? « fragten die Leute, und die Frau sagte:

»Nichts, gar nichts mehr will er wissen.

Er will nicht mehr wissen, was er sieht – nämlich wie das Wetter ist.

Er will nicht mehr wissen, was er hört – nämlich was die Leute sagen.

Und er will nicht mehr wissen, was er weiß – nämlich wie man das Licht andreht.

So ist das nämlich«, sagte die Frau.

»Ah, so ist das«, sagten die Leute, und sie kamen nicht mehr zu Besuch.

Und der Mann saß im Dunkeln.

Und seine Frau brachte ihm das Essen.

Und sie fragte: »Was   weißt du nicht mehr?«

Und er sagte: »Ich weiß noch alles«, und er war sehr traurig, weil er noch alles wußte.

Da versuchte ihn seine Frau zu trösten und sagte: »Aber du weißt doch nicht, wie das Wetter ist.«

»Wie es ist, weiß ich nicht«, sagte der Mann, »aber ich weiß es immer noch, wie es sein kann. Ich erinnere mich noch an Regentage, und ich erinnere mich an sonnige Tage. «

»Du wirst es vergessen«, sagte die Frau.

Und der Mann sagte:

»Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.«

Und er blieb im Dunkeln, und seine Frau brachte ihm täglich das Essen, und der Mann schaute auf den Teller und sagte:

»Ich weiß, daß das Kartoffeln sind, ich weiß, daß das Fleisch ist, und ich kenne den Blumenkohl; und es nützt alles nichts, ich werde immer alles wissen. Und jedes Wort, das ich sage, weiß ich.«

Und als seine Frau ihn das nächste Mal fragte: »Was weißt du noch?« da sagte er:

»Ich weiß viel mehr als vorher, ich weiß nicht nur, wie schönes Wetter und wie schlechtes Wetter ist, ich weiß jetzt auch, wie das ist, wenn kein Wetter ist. Und ich weiß, daß, wenn es ganz dunkel ist, daß es dann immer noch nicht dunkel genug ist.«

»Es gibt aber Dinge, die du nicht weißt«, sagte seine Frau und wollte gehen, und als er sie zurückhielt, sagte sie: »Du weißt nämlich nicht, wie ›schönes Wetter‹ auf chinesisch heißt«, und sie ging und schloß die Tür hinter sich.

Da begann der Mann, der nichts mehr wissen wollte, nachzudenken. Er konnte wirklich kein Chinesisch, und es nützt ihm nichts, zu sagen: »Ich will auch das nicht mehr wissen«, weil er es ja noch gar nicht wußte.

»Ich muß zuerst wissen, was ich nicht wissen will«, rief der Mann und riß das Fenster auf und öffnete die Laden, und vor dem Fenster regnete es, und er schaute in den Regen.

Dann ging er in die Stadt, um sich Bücher zu kaufen über das Chinesische, und er kam zurück und saß wochenlang hinter diesen Büchern und malte chinesische Schriftzeichen  aufs Papier.

Und wenn Leute zu Besuch kamen und die Frau nach ihrem Mann fragten, sagte sie: »Das ist  nämlich so, er  lernt jetzt Chinesisch, so ist das nämlich. «

Und die Leute kamen nicht mehr zu Besuch.

Es dauert aber Monate und Jahre, bis man das Chinesische kann, und als er es endlich konnte, sagte er:

»Ich weiß aber immer noch nicht genug.

Ich muß alles wissen. Dann erst kann ich sagen, daß ich das alles nicht mehr wissen will.

Ich muß wissen, wie der Wein schmeckt, wie der schlechte schmeckt und wie der gute.

Und wenn ich Kartoffeln esse, muß ich wissen, wie man sie anpflanzt.

Ich muß wissen, wie der Mond aussieht, denn wenn ich ihn sehe, weiß ich noch lange nicht, wie er aussieht, und ich muß wissen, wie man ihn erreicht.

Und die Namen der Tiere muß ich wissen und wie sie aussehen und was sie tun und wo sie leben. «

Und er kaufte sich ein Buch über die Kaninchen und ein Buch über die Hühner und ein Buch über die Tiere im Wald und eines über die  Insekten.

Und dann kaufte er sich ein Buch über das Panzernashorn.

Und das Panzernashorn fand er schön.

Er ging in den Zoo und fand es da, und es stand in einem großen Gehege und bewegte sich nicht.

Und der Mann sah genau, wie das Panzernashorn versuchte zu denken und versuchte, etwas zu wissen, und er sah, wie sehr ihm das Mühe machte.

Und jedesmal, wenn dem Panzernashorn etwas einfiel, rannte es los vor Freude, drehte zwei, drei Runden im Gehege und vergaß dabei, was ihm eingefallen war, und blieb dann lange stehen – eine Stunde, zwei Stunden ­ und rannte, wenn es ihm einfiel, wieder los.

Und weil es  immer ein kleines bißchen zu früh losrannte, fiel ihm eigentlich gar nichts ein.

»Ein Panzernashorn möchte ich sein«, sagte der Mann, »aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.

Dann ging er nach Hause  und dachte an sein Nashorn.

Und er sprach von nichts anderem mehr.

»Mein Panzernashorn«, sagte er, »denkt zu langsam und rennt zu früh los, und das ist recht so«, und er vergaß dabei, was er alles wissen wollte, um es nicht mehr wissen zu wollen.

Und er führte sein Leben weiter wie vorher.

Nur, daß er jetzt noch Chinesisch konnte.


*This story is taken from: Kindergeschichten by Peter Bichsel. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997.

*Bild: Joana Keler

Datum: Mon, 19. August 20:41:42-0700 (PDT)

Von: Henning

An: Kundendienst

Betreff: ihre Mikrowelle

To whom it may concern,

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe in einer Angelegenheit, die trivial wirken mag, auf den ersten Blick glänzt sie geradezu vor Belanglosigkeit, zumal ich der letzte wäre, der wegen eines tiefgefrorenen Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Kokos-Vanillefüllung auf sich aufmerksam machen will, jenem Universalfood Donut also, den ich am 6. Juni gegen 18:34 Uhr in ihrer Mikrowelle (Modell: MagicWant single) gemäß meiner Gewohnheit in nur fünfunddreißig Sekunden zu meiner vollen Zufriedenheit aufgetaut habe. Was ich damit vorab sagen will: Ich bin mir bewusst, dass sie vor Aufgaben stehen, die nicht nur für Außenstehende dringlicher erscheinen, sondern dies unter Einbezug sämtlicher Faktoren auch tatsächlich sind. Lassen Sie mich also vorab jedes Missverständnis ausräumen: Ich melde hiermit keine Funktionsstörung o.g. Mikrowelle oder einer ihrer zahlreichen Apparate oder Applikationen in meiner Wohneinheit, die ihren Dienst allesamt einwandfrei verrichten, zumindest gehe ich davon aus (?). Läge eine technische Panne vor, die Sache wäre eindeutig und ließe sich leicht benennen (und wären Sie nicht sowieso von dem Defekt längst unterrichtet, ich meine, man ließ mich wissen, dass die Geräte Funktionsstörungen selbstständig an Sie senden, und Sie den Schaden womöglich sogar aus der Ferne beheben können, ohne eigenes einen Spezialisten oder Monteur (?) vor Ort schicken zu müssen?). Ich sehe mich daher gezwungen, auszuholen, ich werde mich möglichst knapp fassen, mir ist bewusst (oder zumindest nehme ich an, ohne dabei den hohen Automationsgrad ihrer Apparate infrage stellen zu wollen), dass die Zeit, die Sie einzelnen Nutzern widmen können, begrenzt ist (und wem sage ich, dass die Zeit eine kostbare Ressource ist, schließlich schreiben Sie dies gleich zu Beginn ihres mission statements, und zwar als Unternehmen mit mehrjährigen Erfahrungen, alternativ sprechen Sie von Daten, um ihren Kunden neben zahllosen Erleichterungen vor allem Zeitersparnisse zu garantieren, die im Einzelnen vielleicht gering, in der Summe aber beachtlich – und verwenden Sie in diesem Zusammenhang nicht sogar das Wort »Revolution« und, vermutlich wollen Sie mit dem ebenfalls verwendeten Kompositum auf den friedlichen Charakter des Ganzen verweisen (?): »Heimrevolution« – ausfallen). (Würden Sie mich direkt darauf ansprechen, und nach meinen Assoziationen fragen – ich gehe jedoch davon aus, dass Sie in dieser Sache bereits hinreichende Einblicke in die Gewohnheiten und Präferenzen ihrer Nutzer haben, zumindest deute ich eine jüngere Werbung ihres Unternehmens in dieser Richtung –, denke ich hierbei in erster Linie an ihr biometrisches Schließsystem, den intelligenten Kühlschrank YourMaid mit seiner exklusiven Bestellapplikationen für Universalfoodprodukte, den Staubsaugerroboter DustDeath II inklusive seiner Zwillingsschwester, dem Fenstersaubsauger AlwaysOntheBrightSide, und insbesondere den intelligenten Fernsehsessel Belaqua, die Liste ließe sich leicht fortsetzen, ihren Toaster e-Sunbeam, der wahlweise den tagesaktuellen DAX 30 Kurs oder die persönlichen systolischen und diastolischen Blutwerte auf den Toast brennt (oder beides miteinander überlagert), ist zweifelsfrei eine Spielerei, die ans Kindische grenzt, bereitet mir morgens aber dennoch immer wieder ein stilles Vergnügen).

Lassen Sie mich also zu dem Vorfall kommen, oder sagen wir lieber: den Umstand schildern, Vorfall wäre in diesem Kontext ein zu großer Begriff, der falsche Erwartungen wecken könnte, ebenso wie Ereignis, selbst Begebenheit, vielleicht kann man einfach von Hergängen sprechen oder Abläufen (in die mehrere Faktoren hineinspielen, deren präzise Funktion und Funktionsweise für mich oftmals im Dunkeln bleibt, wobei natürlich auch ich als Person und Handelnder zwangsläufig einen dieser Faktoren verkörpere), ohne dass ich zwischen Ursachen und Wirkungen in der jeweils gebotenen Schärfe zu unterscheiden wüsste, als ich an besagtem Abend am 6. Juni wie gewöhnlich zwischen sechs und halbsieben von der Arbeit nach Hause in meine Einheit zurückkehrte. Die Wohneinheit habe ich vor genau einem Jahr, am 1. August, bezogen, sie können dies ihrem über mich angelegten Profil vermutlich entnehmen (falls es keine große Mühe bereitet, würde ich bei Gelegenheit gerne einen Blick darauf werfen, ich sage dies frei von Hintergedanken, es wäre reine Neugier, sie betrifft allein das Format des besagten Profils (läge es eher in der Form eines Protokolls, einer Akte oder eines Dossiers vor und muss ich es mir eher chronologisch, typologisch oder synoptisch als Nutzerhistorie oder Biografie aufbereitet vorstellen, ich meine sogar, kürzlich einen Beitrag gelesen zu haben, dessen Autor behauptete, dass der Umgang mit großen Datenbergen die Nutzer zu regelrechten Romanfiguren à la Oliver Twist machen würde, nur das es nun für die Leser oder Ausleser dieser Daten gar nicht mehr so leicht sei, zwischen fiktionalem und realem Protagonisten zu unterscheiden?), vielleicht spielen auch Gründe der Eitelkeit mit in diese Anfrage nach dem Profil hinein, ich will dies keineswegs ausschließen, aber vielleicht finden sich darin ja auch für mich aufschlussreiche Einsichten, ich erwähne dies aber nur, und komme überhaupt erst in diesem Moment auf den Gedanken, da ich mich mit diesem Schreiben sowieso an Sie wende), in großer Erwartung und bisher zu meiner vollständigen Zufriedenheit. Wie Sie vermutlich wissen, betrete ich meine Wohnung an mindestens zwei Tagen in der Woche mit einer gewissen Ungeduld (leicht erhöhter Puls, flacher Atem etc.) (und es ist wirklich eine enorme Erleichterung, dass ich keinen Schlüsselbund mehr aus der Tasche klauben muss. Ich war einer jener Menschen, die ihren Schlüssel jedes Mal in unzähligen verfügbaren Taschen suchen musste, nicht selten wurde ich bei dem Gedanken eines Verlusts von einer plötzlichen Panik ergriffen, die Panik führte zu einer gesteigerten Schweißproduktion, zuerst im unteren Rückenbereich, dann im Nacken hinter den Ohren (der Schweiß rührte also weniger aus einer physischen Verausgabung, sondern – zumindest in Teilen – aus der Vorstellung, dass mich meine hinter ihrem Rollo stehenden Nachbarn schon wieder in dieser beschämenden, weil letztlich hilflosen, und in dieser Hilflosigkeit unwillkürlich kindlichen Geste ausgesetzt vor der eigenen Tür stehen sehen könnten), obwohl ich den Schlüssel in mittlerweile dreiundfünfzig Jahren niemals verloren und im letzten Moment zu meiner großen Erleichterung, ohne dass ich mir das hätte anmerken lassen, jedes Mal doch noch gefunden habe). Wenn ich meine Einheit dieser Tage nach wie vor in einem Zustand der inneren Anspannung betrete (manchmal frage ich mich, ob Außenstehende bei meinem Anblick auf einen diffusen Leidensdruck schließen?) (wobei es mir unangenehm wäre, dass ich der Vermutung Vorschub leisten könnte, an einer Blasenschwäche zu leiden, es mag harmlos sein und ist trotz allem verhext, aber ich werde diese Projektion trotz verschiedener meditativer Gegenmaßnahmen nicht los), liegen die Dinge anders als in Zeiten des Metallschlüsselbunds. Jetzt steht hinter der Ungeduld nichts weiter als das ebenso einfache wie instinktive Bedürfnis, möglichst schnell die Tür zu meiner Einheit hinter mir zu verriegeln (was natürlich automatisch geschieht, nur beim Entriegelungsvorgang führt meine Hast manchmal zu einem Abbruch des Verifikationsprozesses, sodass ich erneut einen Schritt zurück- und wieder vortreten muss, beim Zurücktreten zähle ich bis fünf, da ein zu rasches wieder Vortreten zu noch größeren Verzögerungen führt), um die Welt, der ich mit dem Eintritt in meine Einheit den Rücken kehre, auszuschließen, sodass ich nach einem langen Tag endlich in eine zu diesem Zeitpunkt heftig ersehnte Ruhe einkehren kann. Meine neue Einheit hat mir gerade auch in dieser Stimmungslage von Anfang an ein erhebliches Glücksgefühl bereitet, es mag aus der Geste rühren, beim Eintritt in die Einheit meine Hand um den biometrischen Türknauf zu legen, den Kopf leicht in den Nacken geknickt, um in das kleine Auge der Kamera zu blicken (die für meinen Geschmack eine Idee zu hoch angebracht ist, aber ist es in den Zukunftsfilmen, die ich in meiner Jugend mit großer Hingabe angeschaut habe, nicht ebenso, dass die Protagonisten mit einer leichten Links- oder Rechtswendung ihrer Köpfe aufschauen müssen? Manchmal drängt sich mir aber auch das Bild einer alten Frau auf, die, ihre Hände gefaltet und den Kopf wie eine Filmschauspielerin erhoben, zu einer Heiligenfigur in einer der katholischen Kirchen aufblickt, wie ich sie als Kind auf Familienurlauben gemeinsam mit meinen Eltern beobachtet habe; von den von meiner Mutter initiierten Kirchenbesuchen ist mir anders als die Himmelsdarstellung allein das Bild der kleinwüchsigen Frau erinnerlich, obwohl wir mit Sicherheit bedeutsame Deckengemälde gesehen haben (Michelangelo etc.)). Letztlich ist es aber wohl die Summe und Konstellation der zahlreichen kleinen Gesten und Sinneseindrücke, die eine simple Dopaminausschüttung bewirkt, und mich in die alberne, aber darin  glückliche Vorstellung versetzt, soeben in ein Raumschiff zu steigen (und was könnte ein größeres Freiheitsversprechen tragen, als die Fantasie, am Ende des Tags, nach getaner Arbeit, ein Raumschiff zu betreten, um hinaus, in die stillen Weiten des Alls zu gleiten und all den kleinlichen Sorgen des Alltags sanft enthoben zu werden?) (Wenn ich richtig informiert bin, ist Ihr Unternehmen als Investor an einem Unternehmen beteiligt, das den privaten Mond- und Marsflug mit visionären Eifer zeitnah auf die Beine zu stellen sucht?) (Dokumentarfilme, aber auch Romane – ich weiß nicht, ob Sie auch hier über meine Vorlieben unterrichtet sind, falls ja, so muss ich dies nicht eigenes erwähnen –, die sich mit dem Thema des Mars- und anderer Planetenflüge in allen ihren Facetten befassen, gehören noch immer zu meinen großen Leidenschaften). Kurz gesagt betrete ich meine Einheit gerne und mit hohen Erwartungen, zudem spüre ich deutlich ihr Potenzial sowie das Befreiende, das in einer Konzentration auf Wesentliches gründet (wie es von ihren Produkten heißt), die mir das Leben (und muss es anderen Menschen nicht ähnlich gehen?) mit der neuen Wohneinheit erschließt. Wenn ich die Wohneinheit nach wie vor in einem Zustand innerer Anspannung betrete, dann liegt das nicht an ihren selbsttätigen Apparaten, im Gegenteil, ich trage die Last und Erregung aus der Außenwelt in meine Einheit hinein, kurzum: Ich spreche von meinem Heißhunger (er beschränkt sich auf Süßspeisen, vielleicht sollte man also besser von Appetit statt Hunger sprechen, auch ein sogenannter Fressanfall (FA), wie er u.a. im DSM und ICD-10 gelistet ist, ginge an dieser Stelle entschieden zu weit, es liegt hier also, um es mit aller Deutlichkeit zu sagen, kein klinischer Fall vor), der möglicherweise in einer untergründigen Beziehung zu dem o.g. Isolationsbedürfnis steht, auch wenn ich über den Zusammenhang beider Sensationen, hier Appetit, dort Abschottung, kein fachliches Wissen besitze (bisher ist mir diesbezüglich keine einschlägige Studie bekannt, die sich diesem Phänomen widmet, und die einzigen Details, die mir in dieser Hinsicht einfallen, und zu einem tieferen Verständnis beitragen könnten, beträfen meine Schulzeit. Denn bereits dort habe ich zu jenen gehört, die nach Schulende als erstes das Schulgebäude verließen, und auf dem direkten Weg nach Hause zurückeilten, tatsächlich war es eher ein Stürmen, um sich nach der unentrinnbaren Eingliederung in ein soziales Gefüge wieder in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, anstatt etwa auf den Treppenstufen mit Klassenkameraden länger zu verweilen, gemeinsam in Kiosken Klebebilder oder klebrige Süßigkeiten aus großen Sammeltöpfen zu beziehen oder gar gemeinsam durch die Stadt zu stromern).

Tatsache ist also, dass ich an jenen durchschnittlich zwei, manchmal drei, und nur sehr selten (ja, dies sind durchweg Wochen, in denen mich soziale Situationen auf diffuse Art und Weise mehr als sonst und über die Maßen strapazieren und sich auf meine Stimmungen niederschlagen) an vier Tagen in der Woche, mit dem Betreten meiner Einheit direkt zur Kocheinheit stürze, obwohl es meiner Gewohnheit, aber mehr noch meinem Hygieneempfinden widerspricht, mit Straßenschuhen, die Jacke am Leib, meine Wohnung, und im Besonderen die Kochnische, zu betreten. Ohne Zögern öffne ich das Gefrierfach (oft erweckt es den Eindruck eines Reißens, das aber nur durch die Gummilippen der Gefrierfachtür hervorgerufen wird, die sich nur widerwillig vom Leichtmetall des Kühlschrankgehäuses lösen und so einer angemessenen Kraftanstrengung bedürfen), dem Gefrierfache entnehme ich einen Gefrierbeutel, dem Beutel zwei Donuts, einen der beiden lege ich zum Auftauen sofort in ihre Mikrowelle. In den fünfunddreißig Sekunden, in denen ihre Mikrowelle meinen Donut auftaut (und leicht anwärmt, es ist nur ein Hauch, der aber perfekt ist, die Simulation, dass es sich um einen ofenfrischen Donut handeln könnte, würde mir in diesem Moment bitter aufstoßen) (hat nicht schon meine Mutter die Donuts in meiner Kindheit in der Mikrowelle aufgetaut, nicht im Ofen erwärmt, ohne dass ich mich der Mikrowelle während des Betriebs jedoch nähern oder gar meine Stirn oder Nase gegen deren durchsichtige Tür pressen durfte?), schenke ich mir ein Glas Kuhmilch ein (1,5 % Fett mit Vitamin D Zusatz, 225 ml), um daraufhin  den Donut aus der Mikrowelle zu nehmen (erst beiße ich vom Donut ab, dann trinke ich einen Schluck Milch, mit der ich nur den letzten Rest des Donuts hinunterspüle). Donut und Milch nehme ich stets stehend in der Kochnische ein, ich erwähne dies, um den hohen Stellenwert und den Schwellencharakter zu betonen, den dieser erste Donut im Eintritt in meine Einheit für mich einnimmt, von der innerlichen, und auch physischen, letztlich handelt es sich wohl um eine psychosomatische Unruhe, hin zu einer Entspannung, die sich von Biss zu Biss in meinem Körper verbreitet (vergleichbar vielleicht mit dem wässrigen Nebel, der sich am Morgen beim Duschen aus dem intelligenten Duschkopf ihrer Konkurrenz (Modell e3250 X) langsam um den Körper schließt, um erst allmählich Tropfen und kleine Wasserbäche zu bilden, die, nun selbsttätig mit einem knapp bemessenen Spritzer Seife versetzt, den Oberkörper (das leichte Kitzeln um die Hüften), dann die Beine hinunterkullern, bis sie in kleinen Schaummuränen meine Knöchel und Füße erreichen). Folglich atme ich erst danach tief durch, fahre mir mit beiden Händen durch die Haare. Anschließend öffne ich den Reißverschluss meiner Jacke und streife die Schuhe ab. Ich dehne mich. Daraufhin schlüpfe ich in meine empfindsamen Hauspuschen, die die Innenraumtemperatur in Rückkopplung mit meinem Pulsschlag und Blutdruck perfekt regulieren. Erst jetzt lege ich den zweiten Donut in die Mikrowelle, diesen werde ich auf meinem Sessel in der Komfortzone sitzend, vor mir der wandfüllende Bildschirm, genießen. Alles in allem mag es ein bescheidenes, äußerst anfälliges und auch befristetes Glücksgefühl handeln, mit dem ich jetzt die wohltemperierte Komfortzone betrete, den Nachgeschmack des ersten Donuts und der Milch noch frisch im Gaumen (ein Nachgeschmack, der zugleich die Vorfreude auf den zweiten Donut befeuert), manchmal trage ich ihn in einer Serviette eingehüllt, manchmal auf einem Unterteller. Im Hintergrund spielt meine Lieblingsmusik, die automatisch startet, sobald sich die Wohnungstür nach meinem Eintritt in die Einheit selbsttätig schließt, gleichzeitig schaltet sich die indirekte LED-Beleuchtung sowie das Akzentlicht im Wohnbereich an, die Rollläden sind halb geschlossen, wie ich es am liebsten habe, vielleicht huscht soeben noch der Fensterstaubsaugroboter über das Glas, nicht selten, stelle ich mir vor, entdeckt er auf der Scheibe ein Schatten, der erst im Schein der tief stehenden Sonnenstrahlen sichtbar wird, so wie einem nachträglichen Blick, der zufällig aus einem unerwarteten Winkel auf die Chromverkleidung der Küchenablage fällt, die man erst vor wenigen Minuten akribisch gewischt hat, plötzlich eine weitere, zuvor übersehene Schliere ins Auge springt (obwohl mir natürlich bewusst ist, dass der BrightSight die Schatten und Schlieren nicht sieht, wie ich sie sehe, dass er überhaupt nichts sieht, sondern auf unergründliche Weise vorausberechneten Bahnen folgt, die sich dann aber dennoch niemals genau gleichen, für mein Geschmack ein wahres Mysterium). Alles ist maximal friedlich, maximal ruhig. Wie gesagt bin ich mir im Klaren darüber, dass das Equilibrium, das ich in diesem Moment in meiner Einheit erlebe, fragil sein mag, schließlich leben wir, wie nahezu täglich zu lesen und zu hören ist, in unsicheren Zeiten. Wenn ich in der Komfortzone stehe (soeben im Begriff, mich in dem intelligenten Fernsehsessel Belaqua niederzulassen – die Pobacken haben die Sitzfläche noch nicht berührt, schon blendet die Musik aus den Boxen aus, das Licht dimmt hinunter, und auf der Wand gegenüber des Sessels, die sich an der entsprechenden Stelle als Monitor erweist, erscheint ein Videobild, ich komme darauf zurück, es handelt sich um Aufnahmen aus dem All, aufgenommen von einer Sonde, manchmal ist es sogar ein Raumschiff, die in Realtime, also Lichtgeschwindigkeit, gesendet werden), erfasst mich ein Schwindel, bei dem Gedanken, dass es möglicherweise nur wenig bedarf, nur ein Glied, das in dieser fein aufeinander abgestimmten Kette ausschert, um ein ganzes Gefüge durcheinander zu bringen oder eine Mission zu vereiteln. (Haben Sie jüngst den Bericht über wachsenden Müllmassen im Weltraum zur Kenntnis genommen? Anlass des Artikels war eine Besatzung, die ihr Raumschiff wegen heranfliegender Schrottteile evakuieren musste, ich weiß nicht, ob Sie eine klare Position in Sachen Weltraumschrott beziehen? Oder gar darüber nachdenken, selbst Maßnahmen zu ergreifen oder zu veranlassen, dass Maßnahmen von Dritten ergriffen werden?)

Aber ich will endlich auf besagte Hergänge oder Abläufe (sofern es sich um welche handelt und schlussendlich nicht nichts?) zu sprechen kommen. Nachdem ich nach meinem Einzug o.g. Mikrowelle in Betrieb genommen habe, wurde ich mit der Zeit auf Zusammenhänge kommunikativer, und wie ich meine, kausaler Art aufmerksam, zumindest festigte sich die Vermutung, dass ein diskretes Verhältnis, das letztlich durch meine Person oder mein Verhalten getragen sein musste, zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Universalfood Donuts und o.g. Bildern des Weltraumkanals besteht. Über Textnachrichten, die auf diversen Endgeräten eintrafen und mich etwa über vorteilhafte oder weniger vorteilhafte Nährwerte unterrichteten, an die Nährwerttabellen schlossen sich wiederum weitere Ermutigungen oder Angebote an, oftmals erreichten mich auch e-Coupons für eben jene Donuts mit einer Haselnuss-Vanillecremefüllung, die ich am liebsten verzehre, und die beispielsweise in Aussicht stellten, beim Kauf des nächsten XL-Gefrierbeutels die aus den Donutlöchern gewonnen Teigbällchen der Bestellung gratis beizulegen, machte ich mir anfangs keine weiteren Gedanken. Ich wäre sogar verlegen zu sagen, wann der Weltraumkanal anstatt der Weltraumbilder erstmals jene Spots zeigte, die dann zur Gewohnheit wurden, anfangs handelte es sich wenn ich mich richtig erinnere um eine One-apple-a-day Kampagne: eine Formation grüner Äpfel flog gleich Amseln durch einen üppigen Garten, schwang sich kurz darauf in einen blauen Himmel auf, geriet außer Sichtweite, nur um unmittelbar darauf auf eine planetarische Umlaufbahn einzuschwenken. Die Bilder, so der Anschein, waren aus der Perspektive der Kamera meines Weltraumkanals aufgenommen, der Übergang zum Stream des Weltraumkanals vollzog sich gekonnt und war für das ungeübte Auge kaum auszumachen, zumal mich die entsprechende Ermunterung, der One-Apple-a-day-Bewegung beizutreten sowie die Erläuterungen der damit verbundenen Vergünstigungen nicht über den Bildschirm, sondern textbasiert erreichten, ohne den Fluss der Bilder zu stören. Wenige Tage später folgten Bilder von Donuts, die in der Anordnung ganzer Galaxien durchs All schwebten; dieser Eindruck stellte sich freilich erst ein, als ein einzelner Planet sich aus der Nahsicht plötzlich als ein in einen weißen Zuckerguss gehüllten Donut classic entpuppte, der sich in der Formation weiterer Teigwaren in der darauffolgenden Fernsicht schließlich wieder in ein zwar kleines, aber eigenständiges Sonnensystem zurückverwandelte. Wie dem auch sei: Dass die Botschaften und Bilder in einer Verbindung mit ihrer Mikrowelle stehen, erhärtete sich, als ich eines Abends auf dem Weltraumkanal von einem Arzt empfangen wurde, der meinem Hausarzt zum Verwechseln ähnlich sah (oder sollte er es tatsächlich gewesen sein?). Er betonte die Notwendigkeit einer bestimmten Anzahl von Schritten, die jeder Einzelne früher aufgrund zahlreicher Botengänge etwa zum Supermarkt oder zur Post täglich automatisch absolviert hatte, heute konnte und musste dieses Pensum dagegen aktiv gestaltet werden (die Informationen über die Geräte, die Sie diesbezüglich im Angebot haben, und die es einem ersparen, zur körperlichen Ertüchtigung seine Wohneinheit verlassen zu müssen, habe ich mehrfach erhalten) (wobei ich an dieser Stelle vielleicht die Nachfrage nach einer Applikation äußern kann, denn bisher konnte ich nur Applikationen finden, die Gewichtsabnahmen, jedoch gezielt keine langfristigen Gewichtszunahmen aufzeichnen?). Als die Ansprache meines Hausarztes sich ihrem Ende neigte, zoomte die Kamera von seinem Gesicht weg, und der Hometrainer kam ins Bild, auf dem er während seiner Ansprache gesessen hatte. In einer weiteren Einstellung stellte sich heraus, dass der Hometrainer in einer Raumschiffkapsel stand, der Arzt lächelte ein letztes Mal (mehr als einmal meinte ich tatsächlich, dieses Aufblitzen in seinen Augen wahrzunehmen, das eine Wiedererkennung signalisiert), zustimmend reckte er einen Daumen in die Höhe, bevor die Kamera seitlich zu einem runden Kajütenfenster und hinaus ins All schwenke, und zu den Bilder des Weltraumkanals überblendete, die mir so gut vertraut waren. Ab und zu erschien an seiner Stelle seine Arzthelferin oder eine Beraterin meiner Krankenkasse oder der Manager einer mit Universalfood konkurrierenden Supermarktkette, Mal waren sie in einem Raumkapsel untergebracht, Mal erreichte mich ihre Nachricht vom staubig verwehten, ins rötlich changierenden Grund des Planeten Mars.

Raubten die Bilder mir meine ersehnte Ruhe oder erregten sie meinen Missmut?

Nein, keineswegs.

An jenen Tagen, an denen ich die Mikrowelle nicht bediente, blieben die Botschaften und Bilder gewöhnlich aus und auch dies entsprach meiner Stimmung, weil ich mir an diesen Abenden, frei von der inneren Anspannung, selbst genug war. Manchmal verzehrte ich an diesen Tagen sogar einen Apfel, und auch diese Vorstellung bereitete mir mitunter ein geradezu diebisches Vergnügen, weil ich mit dieser Wahl, die den Mitgliedern der One-Apple-a-Day Bewegung oder meinem Hausarzt doch so sehr hätte zusagen müssen, alleine war (es mag eine egoistische Freude sein, die ihrem unternehmerischen Gemeinschaftsgeist widerspricht, aber ich schildere hier nur, was ich empfand). Denn bereits am Folgetag registrierte ich, dass ich mir schon während der erste Donut in der Mikrowelle kreiste, der zweite ruhte tiefgefroren auf der Ablage, Gedanken machte, wer mich wohl heute von welchen Ort auf dem Weltraumkanal empfangen würde und mit welcher Botschaft. Ich war mir vollkommen gewiss oder vielmehr meinte ich zu wissen, dass mich die Bilder und Botschaften notwendig erreichten, sobald ich einen Donut in der Mikrowelle platzierte, weil beide in jenem erwähnten Beziehungsgefüge eingebettet waren, und ich sage es frei heraus: Dieses Wissen, mit meinem Verhalten die Bilder und Botschaften nicht kontrollieren, nein, sie aber vielleicht doch in einer gewissen Richtung zu steuern oder auch nur zu beeinflussen, oder sagen wir sie anzustupsen, bereitete mir eine bescheidene Genugtuung. In der Retrospektive kommt es mir sogar so vor, dass diese Bilder und Botschaften aus dem All, die ihren Ursprung natürlich in einem jeweils eigenen Interesse ihrer Sender hatten, dennoch ein Interesse spiegelten, das dem meinem kongenial entgegenkam, sich mit diesem kreuzte, und darin eine belebende, aber auch beruhigende Wirkung entfalten konnte. Musste nicht gerade das All groß genug sein, um mir mit meinen Bedürfnissen genügend Raum zu gewähren, und war es nicht so unermesslich groß, dass mir jene Bilder und Botschaften, die sich abends vor dem Bildschirm in meine Vorstellungswelt einschrieben, als Anker und Trost dienen mussten, dass ich dort draußen mit meinem Bedürfnissen nicht vollkommen allein unterwegs war?

An jenem 6. Juni – denn wenn ich mich in der Rekonstruktion der Ereignisse nicht täusche, markiert dieser Tag den Wendepunkt oder Umschwung in den oben geschilderten Abläufen –, kehrte ich nicht anders als sonst von der Arbeit in meine Einheit zurück. Wie gewöhnlich verzehrte ich meinen ersten Donut stehend in der Küche, mit dem zweiten begab ich mich in einer leichten Anspannung, die aber bereits im Abklingen war, in die Komfortzone. Als ich mich niederließ und der Bildschirm ansprang, liefen nun aber lediglich die tonlosen Bilder des Weltraumkanals, die tiefe Schwärze des Alls schien plötzlich mit Händen greifbar zu sein, nur hier und dort war der weite Raum von winzigen Lichtquellen erleuchtet, die ihre Wellen aussendeten, indem sie sich selbst verzehrten und nichts taten, als ihrem eigenen Ende entgegen zu glühen – ein Ende, dass bereits unwiederbringlich eingetreten war, als ihre Nachricht mich erreichte. An jenem Abend machte ich mir keine weiteren Gedanken über den Ausfall jeglicher Bilder oder Botschaften eines Agenten oder Werbeträgers, die Irritation wuchs erst, als dieser Ablauf sich am folgenden Tag wiederholte und in den nachfolgenden Tagen und Wochen zur Norm wurde, ohne dass ich mich entsinnen kann, an jenem Dienstag den 6. etwas anders oder anderes gemacht zu haben als zuvor. Die Botschaften und Bilder blieben seitdem aus, egal, ob ich erregt oder gelassen in meine Einheit zurückkehrte, ob ich die Mikrowelle bediente oder nicht, ob ich einen Donut oder nährreiches Gemüse auf dem Drehteller platzierte. Weder meinen Arzt noch dessen Helferin oder sonst eine Person hat mich seither auf dem Weltraumkanal empfangen. Die Frage, die mich seither umtreibt, lautet daher schlicht, ob jene diskrete Kommunikation zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Donut und o.g. Botschaften jemals vorgelegen hat? Und sollte sie tatsächlich vorgelegen haben, frage ich mich, warum sie inzwischen gekappt ist, oder ob sie sich mittlerweile nur auf eine für mich noch nicht erkennbare Weise verschoben hat? Es liegt mir also fern, den Verdacht zu äußern, dass ihre Mikrowelle möglicherweise gar nicht in der Lage ist, die ihr zugeführten Produkte zu identifizieren. Bedeutet das aber im Umkehrschluss nicht, dass ihre Mikrowelle plötzlich keine Notwendigkeit mehr sieht, diese Informationen an Dritte zu kommunizieren? Oder hat sich möglicherweise nur die Adresse jener Dritten geändert? Natürlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Dinge zum Guten fügen werden und vielleicht klären sich die Dinge von alleine – sagt man nicht, dass der Fortgang der Zeit eine heilende Wirkung ausübt? Noch verspüre ich ab und an aber jene Irritation, und ja, Niedergeschlagenheit, ohne dass ich ihren Sitz präzise in meinem Körper lokalisieren könnte – und doch bringe ich diese Stimmungen mit den Hergängen an o.g. Dienstag in Verbindung, kurz: Die Weltraumbilder, die mich zuvor von den täglichen Sorgen befreiten und in jene stille und erhabene Weite des Alls hoben, versetzen mich plötzlich in eine scharfe Unruhe, als wollten mich dieselben Bilder nun in eine ebenso große wie dunkle Leere hinaustragen, und zwar alleine, vollkommen auf mich gestellt. Ist es nicht ein beängstigender Gedanke, dass das All in seinem unermüdlichen Drang, auseinanderzustreben und immer weiter auseinander in dieser Bewegung nichts als neue Räume der vollkommenen Leere erschließt?

Nein, ich weiß nicht, ob ich mich deutlich machen kann, und ob mein Unbehagen tatsächlich in einem Zusammenhang mit ihrer Mikrowelle steht, sofern diese überhaupt jemals in jener von mir vermuteten diskreten Beziehung zu den Dingen und Abläufen in meiner Einheit stand? Dass ein Telefonat der bessere Weg wäre, um mein Unwohlsein Ihnen gegenüber zu artikulieren, will ich hierbei gar nicht bestreiten. Tatsächlich habe ich es mich einiges an Mühe und Zeit kosten lassen (elf Anrufe über drei Tage, während ich Sorge trug, zu jeweils unterschiedlichen Tageszeiten anzurufen, um mögliche Hochphasen zu umgehen und mögliche Flauten zu erwischen, sicher haben sie diesbezüglich verlässliche Zahlen vorliegen, leider war es mir jedoch nicht möglich, die entsprechenden Angaben zu finden), um eine ihrer Kundenberaterinnen zu erreichen (ist es wahr, dass man nach 10 Uhr abends, sofern man durchgestellt wird, zu einem Callcenter in Indien oder Bangladesch vermittelt wird, was allerdings unverständlich wäre, wenn jene anderen Aussage zuträfe, die ich gelesen oder gehört habe, dass der Großteil der Anrufe inzwischen von Sprachsoftwaresystemen verwaltet wird?). Als es beim elften Anruf soweit war (ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass sich jemand meldet, in Gedanken war ich demnach abgeschweift, auch wenn es mir im Nachhinein unmöglich ist, zu sagen, welche Gedanken mich konkret beschäftigten, ich weiß nicht, ob dies für ihre Recherchen im Dienst verbesserter Dienstleistungen evtl. von Interesse gewesen wäre?), hat mich die helle Frauenstimme in eine momentane Verwirrung gestürzt, selbst nach dem dritten Hallo?, gefolgt von der Nachfrage ihrer Kundenberaterin (die vielleicht auch nur über ein Sub-Unternehmen bei ihnen angestellt ist), ob sich am anderen Ende der Leitung jemand befände, schien es mir plötzlich unmöglich, oder vielmehr verließ mich der Mut, mein Anliegen mündlich zu schildern. Ich will ihrer Telefonisten, die ihre Arbeit unter hohem Leistungsdruck ausführt (ich meine gelesen zu haben, dass Telefonistinnen im Callcenter meistens leistungsbezogenen, sprich: gemäß der Anzahl der Gespräche die sie abwickeln honoriert werden?), keinen Vorwurf machen, aber es mag auch an einer gewissen Ungeduld gelegen haben, die sich von einem Hallo? zum nächsten meinem Gespür nach empfindlich steigerte, der sicher kaum wahrnehmbare Ton einer aufkeimenden Gereiztheit, für die ich vielleicht über die Maßen sensibel bin, und die mein Vorhaben, mein Anliegen lieber telefonisch statt postalisch zu artikulieren von Hallo? zu Hallo? in eine zunehmend weitere und schließlich unerreichbare Ferne rückte. Es schien mir vergeblich, einer möglicherweise ungeduldigen Person erklären zu wollen, was sich wie oben geschildertes nur schwerlich auf dem direkten Weg benennen lässt, und deshalb auf Geduld und ein gewisses Wohlwollen seines Gegenübers angewiesen ist, zumal ich anderen Menschen ungern zur Last falle. Ich habe die Verbindung rasch und wortlos abgebrochen.

Nein, wie sie meinem Schreiben vielleicht entnommen haben, bin ich kein Mensch, der vor Selbstbewusstsein strotzt, in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen, manchmal genügen schon ein oder zwei, fällt es mir schwer, selbst in eine Stille hinein, das Wort zu ergreifen. (Und ja, manchmal stürzt es mich in eine tiefe Verwirrung, um nicht von einer Verzweiflung zu  sprechen, dass der gefühlte Raum, vielleicht kann man auch von einer Art der Präsenz sprechen, die in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen mein Körper physisch einnimmt, in einem solchen Gegensatz zu dem Raum steht, den ich meiner Stimme zugestehe.) Aber all das gehört nicht hierher, ich beginne abzuschweifen, sodass ich abschließend nur betonen möchte, dass mein Schreiben nicht unter die Rubrik der gewöhnlichen Kundenbeschwerde fällt (erst kürzlich habe ich zum wiederholten Mal einen weiteren Artikel gelesen, der schilderte, in welchem Ton die Kunden ihre Beschwerden äußern; über den mangelnden Takt, ja, die offene Wut und Gehässigkeit, bin ich vermutlich nicht anders als Sie, in höchstem Maß beunruhigt, sowohl entsetzt als auch betrübt, auch wenn ich darin trotz allem keinen Grund sehe, sich auf kulturpessimistische Abwege zu begeben, ihrem Team, oder dem von ihnen via Sub-Unternehmen engagierten Mitarbeiterstab, zolle ich aber auch deshalb umso größeren Respekt bzw. beglückwünsche ich Sie, falls Sie die Hotlinedienste inzwischen tatsächlich weitgehend automatisiert haben.) Aber natürlich würde es mich in diesem Kontext auch keineswegs erstaunen, beziehungsweise gehe ich mehr oder weniger davon aus (und ich sage dies frei von einem Vorwurf oder einer Enttäuschung), dass Sie dieses Schreiben zuerst maschinell lesen und auswerten (verschlagwortet?, und mit einer Synopse oder einem Dringlichkeitsmarker versehen? – leider sind meine Kenntnisse in diesen Dingen begrenzt) (die Datenbanken und -speicher, auf die Sie zurückgreifen müssen, liegen womöglich nicht einmal voll und ganz in ihren Händen, sondern ausgelagert in anderen Ländern und bevorzugt kalten Regionen (Permafrost)?), sodass einige Zeit vergehen kann, bevor einer ihrer Mitarbeiter die Zeit findet, sich der Sache anzunehmen. Vielleicht wird aber auch niemals eine Mitarbeiterin ihres Unternehmens das Schreiben tatsächlich lesen (oder vielleicht nur zufällig, im Zuge von Stichproben, die möglicherweise regelmäßig durchgeführt werden, ich meine, ähnliches in einem anderen Kontext bezüglich eines vergleichbaren Dienstleisters gehört zu haben, obwohl es in diesem Fall darum ging, dass anstößige Bildinhalte gelöscht werden, eine Arbeit die bislang offenbar noch nicht von Software erledigt werden kann?). Wie dem auch sei, selbstredend kann und werde ich nicht beurteilen, ob eine computergenerierte Rückantwort besser oder schlechter ausfallen würde, als eine von ihren Serviceexperten persönlich verfasste (ist es nicht vorstellbar, dass ihre Maschinen auf ein ganz ähnliches Schreiben, vielleicht sogar bis hin zum Tonfall oder Satzbau, von einem ehemaligen Nutzer finden, von dem ihrer Kundenberaterinnen unmöglich wissen können, und dem man sich bereits damals in einer gebührenden Tiefe widmete?). Zudem wäre es aber vermessen, mich mit meinem Anliegen als Einzelfall zu betrachten, der eine besondere Behandlung verdient, und selbst wenn dem so wäre, wäre es vermessen, diesem Einzelfall, gerade weil er keine allgemeine Relevanz besitzt, eine gesteigerte Aufmerksamkeit ihrerseits abverlangen zu wollen, all dies ist mir bewusst. So bleibt zuletzt also nur dir Nachfrage, ob ich mich bei Ihnen an die richtige Adresse gewendet habe? Gegebenenfalls bitte ich, mein Schreiben zu ignorieren, oder mich davon zu informieren, dass Sie in dieser Sache nicht zuständig sind und das Schreiben deshalb unbeantwortet lassen. Universalfood, aus deren Produktportfolio o.g. Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Haselnuss-Vanillecremefüllung stammt, haben deren Zuständigkeit mit einem eindeutigen Negativbescheid quittiert (was nicht anders zu erwarten war, nur die leicht zugängliche Kundenhotline auf dem Gefrierbeutel, die mich beim ersten Versuch mit einer freundlichen Mitarbeiterin des Unternehmens verbunden hat, hat mich bewogen, es wider besseres Wissen trotzdem zu versuchen, und heißt es darüber hinaus nicht, dass man sich seinem Ziel manchmal am besten über ein Ausschlussverfahren nähert), gleiches gilt für den Generalunternehmer, bei dem ich meine Einheit auf Kredit erworben habe, ohne dass man mir jedoch hinsichtlich des zuständigen Ansprechpartners bisher weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen,

Henning


*This story is taken from: „Vor Anbruch der Morgenröte“ by Philipp Schönthaler © 2017 Verlag Matthes & Seitz, Berlin/Germany.

Ich selbst hab’ ja nichts erlebt – was mir übrigens gar nichts ausmacht; ich bin nicht Narrs genug, einen Weltreisenden zu beneiden, dazu hab’ ich zuviel im Seydlitz gelesen oder im Großen Brehm. Und was heißt schon New York? Großstadt ist Großstadt; ich war oft genug in Hannover, ich kenn’s, wenn morgens tausend Henkelmänner mit ihren Kännchen aus dem Hauptbahnhof geschwindschreiten, in Fächerformation, hinein ins vergoldete Zeitalter. Einer hat’n Gang, als käm ’n Dackel hinter ihm her. Backsteinfarbene Geschöpfe mischen sich ein, Schirmpfeile in den blutigen Händen (oder auch in totschwarzen; gleich werden ihre Schreibmaschinen hell wie Wachtelschlag erklingen. Alle die Weckergeweckten. Schon räuspert sich das Auto neben mir strafend; dabei bin ich doch wirklich, schon rein äußerlich, nicht mehr in dem Alter, daß man mich in Verdacht haben könnte, der Anblick, zweier Milchdrüsen vermöchte mich noch zum Trottel zu machen!).

Also das alles nicht. Aber abends und nachts spazieren geh’ ich ganz gern – man beachte das dreifach-gaumige „g“, mir ist es eben auch unangenehm aufgefallen („warum“ will ich aber nicht wissen; ich halte nichts mehr von „psychologischen Befunden“, seitdem ich mich einmal unter der Hand nach der Bedeutung solcher meiner nächtlichen Gänge erkundigt habe. Ein Gutachten sagte klipp und klar, ich sei hyänenhaft-feige und eine potentielle Verbrechernatur; das sind die meisten von uns, sicher. Das andere behauptete, ich wäre ein Mutphänomen – ach, du lieber Gott! Es wurde mir jedenfalls sehr rasch zu viel, auch zu teuer. Ich hab’ dann selbst längere Zeit darüber nachgedacht; der eigentliche Grund dürfte sein, daß ich so schlecht sehe und es mir am Tage zu hell und zu heiß ist.)

Jedenfalls gehe ich immer erst eine rundliche Stunde – ich hätte gebräuchlicher „runde“ schreiben sollen, ich weiß; aber das hätte sich dann auf „Stunde“ gereimt, und ich mag Gedichte nicht – da sieht man allerlei und braucht sich nicht als voyeur vorzukommen, also „schuldig“ oder gar „sündig“: den meisten von uns vergeht das Leben damit, die in der Jugend verkehrt eingestellten Maßstäbe mühsam wieder zu adjustieren.

Die Jahreszeit spielt dabei keine Rolle – ich kann durchaus einen winterlichen Neubau würdigen, früh um fünf; und die Handwerker tauen die eingefrorene Pumpe des schon fertigen Nachbars mit lodernden Tapetenresten auf. Es darf ein Sommermeteor sein, der gegen Mitternacht seinen Nylonfaden durch die Giraffe zieht und über der DDR zerspringt; (ich wohn’ so dicht am Zonengrenzübergang und erkenne also vorsichtshalber die DDR an). Es darf ein Spätherbstabend sein, wo man stehenbleibt und horcht: was war das Geräusch eben? Eine nahe Grille oder ein meilenferner Traktor? (Zum Frühling fällt mir im Augenblick nichts ein, und ich bin nicht Pedant genug, mich deswegen irgendwie zu forcieren; der Herbst ist mir jedenfalls die liebste unter den Jahreszeiten).

Anschließend gehe ich dann grundsätzlich noch in die Fernfahrerkneipe; und das kann eventuell lange dauern, denn da sitzen ja dann lauter Leute, die „etwas erlebt“ haben, beziehungsweise alle noch mitten im Erleben drin sind, und zwar heftig.

Allein, die ganze Atmosphäre dort: das hochoptische Gemisch aus nacktem Kunstlicht und kurz und klein gehackten Schatten. Die fleckigen Tischplatten (Decken haben davon nur die zwei, links vom Eingang, wo die überwachten Vornehmen sitzen, in dünnen Fingerspiralen Eisglaskelche, auf denen Schlipsschleifen aus Zitronenschalen schwimmen: ER mit jener für öffentliche Ämter so unschätzbaren würdevollen Fadheit und leeren Ernsthaftigkeit, dabei so doof, daß er nicht mal in der Hölle Eiskrem verkaufen könnte, wenn er selbständig sein müßte!; SIE von der Sorte, die auf Camping-Plätzen gleich Blümchen vors Zelt pflanzt und einen Tannenzapfen daneben legt).

Die Ernstzunehmenden sind natürlich die anderen, Männer wie Weiber. Meist breit, mit energisch-fleischverhangenen Gesichtern, die Fahrer; sämtlich fähig, ’ne abstrakte Kleinplastik notfalls als Büchsenöffner zu verwenden; (ich bin nicht für’s Moderne; man hat es vielleicht schon gemerkt). Die Frauen meist „Lieschen“, mit leicit gezerrtem Defensor virginitatis, aber handfest: weder ist die Brust, vorn. Tarn und Tara, noch hinten die Porta Nigra.

Die betreffende breitschultrige Fünfzigerin hatte ich übrigens schon öfter hier gesehen; stets leicht be-bowlt, so daß die Stimme ein entzückend hoher heiserer Baß wurde. Eben erklärte sie vermittelst desselben: „Mein Vater war Trommler beim Zaren: bei mir ist alles Natur!“ (Eine Logik, die mir zwar gewagt, ihrem heutigen Partner jedoch anscheinend legitim vorkam, denn er nickte eifrig. Seinen Beruf erkannte ich, als er dann gleich allein abfuhr: er machte seinen Weekendausflug im Leichenauto. Und ich stellte mir das eine Minute lang illustriert vor. Bis ich kichern mußte).

Meine zwei Nachbarn auf der anderen Seite bestellten sich erst ‚,’ne Schachtel Zie’retten“, (der eine noch zusätzlich „Pfefferminzbruch“); und dann machten sie folgendes: Jeder tat in sein leeres Glas zwei gehäufte Teelöffel Nescafé und goß dann frische Coca-Cola drüber: das schäumte hoch; dick und gelbbraun; alles schien sich aufgelöst zu haben; sie schlürften und lächelten technoid. (Das muß ja auch toll aufpulvern! Ma’ probier’n). Mit solchem Trank im Leibe hatten sie dann freilich gut ketzern, lästern und erzählen:

Von dem Kehlkopfoperierten, dem die Russen die silberne Kanüle aus dem Halse geklaut hatten; (dabei hatte er noch „Wilke“ geheißen, was ja bekanntlich vom slawischen „Wölk“, gleich „Wolf“, kommt: es hatte alles nichts genützt!)

„Wat hat sich ’ne Hausanjeschtellte vadient, die 60 Jahre in een- und derselbn Famielje jearbeit’ hat?“: ‚,’ne Urkunde von’n Landrat“, entschied der andere pomadig. Auch wollten sie, relata refero, Deutschland neutralisieren und entwaffnen; und dann noch ’ne solid-lose Konföderation „zwischen Bonn und der DDR“; und ihre Begründung war, wie immer bei Fernfahrern, so dumm gar nicht. Sie gingen nämlich von der Fünf-Prozent-Klausel aus und einem künftigen Weltstaat: in dessen Parlament wäre „Bonn“ dann nämlich mitnichten vertreten! „Denn fünf Prozent von drei Milliarden, der mußte dir ma’ ausrechnen, det sind hundertfuffzich Milljon’!“. (Und der andere nickte, vorgeschobenen Untergelipps, à la „Ja bei uns schtimmt e’em ooch nich alles“.) – „Mensch, du liest noch Karl May?! Bei dem kommt doch nich een Auto, vor! Da reiten se doch noch uff Pferden rum, wie beim Ollen Fritzen – det hat doch keene Zukumft!“ – (Und endlich fing er an, von „Erlebtem“ zu erzählen – darauf hatte ich gewartet; darauf warte ich immer; ich warte ja überhaupt auf nichts anderes. Schon kam ich mir wieder vor wie bei Homers: los: skin the goat!)

Der Betreffende – (ich will ihn geheimnisvoll „den Betreffenden“ nennen. Das paßt für viele: Dürre in Niedersachsen; dafür Überschwemmungen in Salzburg?: „Der Betreffende hat wieder mal falsch disponiert!“) – war „im Westen“ zu Besuch gewesen, Jubeltrubelheiterkeit; und hatte, da seines Zeichens Omnibusunternehmer, auch hiesige Tankstellen und Autohändler frequentiert. Neidisch die besterhaltenen Gebrauchtwagen gemustert – auf einmal blitzte sein Blauauge: war das nicht dort derselbe Autobus wie „seiner“? Natürlich, nur viel fescher, und fast wie neu. – „Den müßte man haben!“

Handelseinig wurde man relativ rasch; denn der Betreffende war im Nebenberuf auch noch HO-Leiter, und da fällt ja bekanntlich immer einiges ab. Nur hatte „seiner“ hinten noch zwei ovale Fenster drinne: ? : „Die schneiden wa rein!“

„Fuffzehntausend? Na?“ – „Ja. Aber zahlbar erst nach Empfang!“ (Und wie das Ding über die diversen Zonengrenzen kriegen; es war ja schließlich ein Objekt, das man sich nicht in den Ärmel schnipsen kann!).

„Und denn haa’ck’n rüber jebracht!“ (Jetzt lehnte auch die Nachfahrin des Zarentrommlers ihre machtvollen Reize interessiert näher. Also zumindest ein Teil war bestimmt Natur).

„Erst ha’m se noch det janze Verdeck innen vabrannt“; nämlich beim Einschneiden der, zur Tarnung unerläßlichen, beiden neuen Rückfenster. Bis aus Lüneburg mußte man einen Sattler ranwurde „und ick schtand wie uff Kohln! Und et wurde neune“ (und zwar P. M.; das dauert jetzt schon 30 Jahre, und die 24-Stunden-Zählung ist immer noch nicht volkstümlich geworden); „und et wurde zehne: endlich, um elwe, konnt’ick los!“

Und war eine finstere Nacht gewesen: der Regen goß in Strömen; von den Wetterfähnlein der Kirchentürme kreischte es herunter, wenn er, seinen Leviathan hinter sich, durch die schlafenden Dörfer spritzte; Paul Revere war ein Waisenknabe; bis Helmstedt.

„Den een’ Zollfritzen kenn’ick; der saacht: ‚Kieck ma det Pärchen; die warten ooch schonn seit drei Taachen, det se eener mitnimmt. Die sind beschtimmt durchgebrannt und wolln jetz wieda zu Muttien.‘ Finster sahn se ja aus.“ (Kunststück: drei Tage warten; wahrscheinlich ungewaschen; ohne Geld; und dann bei dem Wetter. Jedenfalls hatte er sie, der Bus war ja ganz leer, dann um Gottes willen bis auf die Höhe von Lehnin mitgenommen. Begreiflicherweise auch den Rückspiegel so eingestellt, daß er vorsichtshalber die beiden Zerknitterten beobachten konnte. Beschrieb auch deren intimere Evolutionen, wozu unsere ältliche Hörerin, fachmännisch gepreßten Mundes, mehrfach billigend nickte. Einmal allerdings stieß sie verächtlich Nasenluft aus: Anfänger!).

„Hinta Braunschweig hatt’ick schonn ma ’ne Weiße Maus hinter mir jehabt“ (so nennt man in solcher Umgebung, unehrerbietig, einen einzelnen Verkehrspolizisten auf seinem Motorrad); in Westberlin aber war es dann gar ein „Peterwagen“ (also ein ganzes Polizeiauto) gewesen, das ihn an den Straßenrand gedrückt und seine Papiere kontrolliert hatte: die waren auf DDR und Westberlin via Zone ausgestellt gewesen und ergo unanfechtbar; hier lag ja auch gar nicht die Schwierigkeit; aber

„Nu schteh ick in Berlin-Schalottenburch und der Betreffende kommt an: mit sonner Aktentasche! Alles Fuffzijer und Hunderter.“ Da wurde einem, beiden Teilen bekannten und ehrwürdigen neutralen Dritten, die Kaufsumme übergeben; der schrieb im Schweiße seines Angesichtes 15 Postanweisungen a tausend Mark aus und gab erst mal sieben davon auf bei der Post – in Berlin wundert man sich über gar nichts mehr.

„Haste de Nummernschilder?!“ Nämlich von des Betreffenden „alter ostzonaler Schaukel“: die mußten erst passend gemacht werden; das heißt, die Schraubenlöcher genau aufeinander, sämtliche Muttern geölt. Und dann als erstes wirkliches Risiko

„Durchs Brandenburger Tor: und det war vielleicht enge, Mensch: ‚Kieck du links raus; ich rechts‘.“; so waren sie, die Wände beinahe streifend, durch jenes nicht-marmorne deutsche Wahrzeichen gesteuert; und drüben harrte schon der Volkspolizist.

Nun braucht man im inner-berlinischen Verkehr weiter keine Papiere – aber daß sich einer zur Besichtigung des Ostsektors ausgerechnet einen leeren Omnibus wählt, befremdete den Blanken, und mit Recht, doch ein wenig. Der Dicke aber, eiserner Stirnen rundherum übervoll, hatte so lange auf seine besichtigungslustige Korpulenz und den einen Freund verwiesen, bis der Beamte endlich achselzuckend sagte: „Et kost’ ja Ihr Benzien.“ Und ihn weiterließ.

„Aber nu kam de eigentliche Schwierigkeit“; und das war der Übergang aus Ostberlin in die ‚Zone‘, also disons le mot, die DDR: „Da hatt’ ick nu schon vorher meine Bekannten mobilisiert jehabt: ‚Sucht ma ’n janz einsam Grenzüberjang raus‘“ – er hielt den Zeigefinger effektvoll drei Zentimeter vor die dicken Cäsarenlippen und funkelte uns Lauschende majestätisch an (und geschmeichelt auch. Die Gebärden der Erzähler hier sind mannigfaltig).

„Und zwar in Richtung Ludwigslust. – Ick fah da also immer an’n Kanal lank. Vor uns keener, hinter uns keener; et iss ja ooch bloß ’n halber. Feldwech.“ Steuerbord voraus kam der Kontrollpunkt in Sicht: eine simple Bretterbude, ganz einfältig. Bis auf 300 Meter fuhren sie ran –

„Dann wir runter. Ick saache: ‚De Schilder her: ick vorne, du hinten!‘ Und de Muttern bloß so mit de Finger anjezogen. Rinn in’n Kanal mit de alten Schilder; und immer noch keen Aas in Sicht. Und ick rieht’ ma uff. Und ick dreh ma um. Und ick saache bloß: ‚Hier haste dein’ Omnibus’.“ (Und wir nickten alle im neidischen Takt: es gibt schon noch Männer!).

„Der konnte det jaa nich’ jlooben! Det er nu ’n neuet Auto hatte.“ Hatte nur immer strahlend das neu auf West lackierte Ungetüm betrachtet der Betreffende. Und dann wieder den mutig Dicken. Hatte sich selig ans Steuer geschwungen ihm noch ‚Hundert Ost: für ’t Mittachessen!‘ ist die Hand hinuntergedrückt; und war dann abgebrummt.

„Ick seh ma det noch so an, wie er an det Wach Häuseken da ran jondelt. Da kiekt een-eenzje: raus, mi’m Kopp. Und winkt bloß so mit der Hand“ – so schwach und schläfrig winkte du seine nach, wie ich, in a long and misspent life noch nie zuvor gesehen hatte – „und der wink wieder –: und da iss er ooch schon durch. Keene Kontrolle. Nischt…“. Und breitete, leicht kopfschüttelnd, die Hände; und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken: geritzt.

Wir waren verpflichtet, wiederum zu nicken Taten es auch gern. Der andere bot ihm vor Anerkennung einen Stumpen.

„Det haa’ck übrijens ooch noch nich jewußt, de det Brand’nburjer Tor nich massiv iss. Ick hab immer jedacht, wenichstens Jranitt oder so.“ Aber der Erzähler schüttelte nur ablehnend den kundigen Kopf: nichts; gar nichts: „Überall blättert die Tünche ab.“

„Bei mir ist alles Natur“, sagte die Walküre und lehnte sich voller zurück: „Mein Vater war Trommler beim Zaren!“


* Aus: ders., Trommler beim Zaren. © 1966 Stahlberg Verlag GmbH, Karlsruhe. Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Die Bekanntschaft mit Werken des japanischen Dichters Yasushi Inoue danke ich einer jungen Kollegin, mit der ich im vergangenen Winter einen langwierigen und anstrengenden Abend verbrachte. Zu jener Zeit lebte ich seit einigen Monaten von meiner Frau und meinem Sohn getrennt, ich hatte in einem hochgelegenen Ort im Taunus ein Hotelzimmer gemietet. Die Schuld an der Trennung lag allein bei meiner Frau, sie hatte, soweit ich zurückdachte, unentwegt an mir herumgenörgelt. Und meine Geliebte besaß größere Brüste. Sie lebte allerdings einige hundert Kilometer entfernt in Bremen. Ich hatte also genug Zeit und Gründe, über alles mögliche nachzudenken, zum Beispiel auch über Frauen.

An dem besagten Tag war die junge Kollegin, die mich auf Inoue aufmerksam machen sollte, morgens in meinem Büro in der Redaktion erschienen. Wir unterhielten uns über einen Text, den sie für die Zeitung geschrieben hatte. Mit dem ersten Satz hatte sie sich besonders viel Mühe gegeben, er klang großartig, erwies sich bei näherem Hinsehen aber als hohl. Auch sonst war das Manuskript mißglückt, aus Gründen, die sich nicht nur bei Leuten finden lassen, die gerade ihren Universitätsabschluß gemacht haben, bei diesen jedoch besonders häufig. Die Verfasserin wußte nicht recht, was sie eigentlich sagen, aber um so besser, wie sie selbst in ihrem Text erscheinen wollte, und das hatte durchgängig ihre Wortwahl, den Satzbau und den Inhalt ihres Manuskriptes bestimmt. Vielleicht hatte sie sich auch nur keine Blöße geben wollen, aber das lief auf dasselbe hinaus. Meine Aufgabe bezog sich ohnehin nicht auf Ursachen, sondern auf Wirkungen.

Nachdem ich der jungen Kollegin gezeigt hatte, daß der Text nichts verlor, wenn man den offenbar in wochenlanger Arbeit erfundenen Einleitungssatz einfach strich, sie auf weitere Mängel hingewiesen und ihr schließlich geraten hatte, das ganze als mißlungenen Versuch zu betrachten und neu zu beginnen, brach sie in Tränen aus. Etwas Ähnliches war mir vor Jahren schon einmal mit einer Mitarbeiterin passiert, die sich schwer damit tat, daß ich als der Jüngere ihr neuerdings Anweisungen zu geben hatte, und die vermutlich aus diesem Gefühl heraus allen meinen Plänen hinhaltenden Widerstand entgegensetzte. Ihr Weinen hatte mir damals die Sprache verschlagen. Eigentlich war es nur um die zweckmäßige Gestaltung bestimmter Aktenvermerke gegangen, doch angesichts der schmalen, bebenden Schultern der schluchzenden Frau, die mir, wie um ihre Tränen zu verbergen, den Rücken gekehrt hatte, kam ich mir plötzlich hartherzig und roh vor und suchte sie verschreckt zu trösten. Später wurde mir klar, daß sie mit diesem Trick nur ihren Willen durchgesetzt hatte.

Deshalb beeindruckten mich diesmal die Tränen der jungen Kollegin nicht weiter. Ich vermutete, daß sie weinte, um mich zum Abdruck ihres Manuskriptes zu bewegen. Tatsächlich versiegten ihre Tränen sogleich, als ich ihr zusagte, den Text in den Satz zu geben, und auf ihrem Gesicht erschien ein befreites, wenn auch ein wenig verschämtes Lächeln. Zwar ärgerte ich mich über den heimtückischen Angriff auf die Ruhe meines Herzens, aber ich tröstete mich damit, daß die angemessene Strafe mit der Veröffentlichung des belanglosen Textes in einer bedeutenden Zeitung gesichert sei.

So war beiderseits die Zufriedenheit wiederhergestellt, und es entspann sich eine unverfängliche Plauderei, in deren Verlauf ich auf den Gedanken kam, sie am Abend fortzusetzen. In mein Zimmer hinter dem Berg zog es mich nicht zurück, und ebensowenig verlockte mich die Aussicht, wieder einmal zu nächtlicher Stunde im Büro des ausgestorbenen Verlagshauses zu sitzen und mich von wehen Gedanken an mein zugleich so nahes wie unerreichbar fernes Zuhause bedrücken zu lassen, wo ich meine entgeisterte Frau und mein trauerndes Kind wußte.

Also lud ich die junge Kollegin zum Essen ein. Mit einer Frau von fünfundzwanzig Jahren hatte ich mich schon lange nicht mehr unterhalten. Wie ich in diesem Alter gefühlt und gedacht, wie ich mich selbst gesehen hatte, meinte ich zwar noch einigermaßen zu erinnern, aber doch nicht gut genug, um mir vorstellen zu können, was ich nun, mit bald vierzig, in meinem dreizehn Jahre jüngeren anderen Ich auffinden würde, wenn ich ihm nur hätte begegnen können. Die Möglichkeit bestand nicht, doch vielleicht mochte es mir gelingen, statt dessen in diese junge Frau hineinzuschauen und auf diesem Umweg auch ein wenig in meine eigene Vergangenheit.

Diese Absicht erfüllte sich nicht, und in den zähen Stunden am Abend hielt ich mir wiederholt vor, daß ich das eigentlich von Anfang an gewußt hatte. Zum Beispiel war mir sonnenklar, daß ich auch mit fünfundzwanzig nicht so eigensinnig gewesen wäre, den Abdruck eines Manuskriptes, dessen ich nicht sicher sein konnte, gegen den Rat eines Erfahreneren durchsetzen zu wollen − und wenn nicht aus Einsicht, so doch aus Vorsicht. Und selbstverständlich wußte ich, daß ein Mensch, der mir morgens selbstgerecht und herrschsüchtig begegnet, sich am Abend schwerlich als aufmerksam und bescheiden erweisen wird.

Andererseits war sie eine Frau. Obgleich ich das Geheimnis der Frauen zufällig am vergangenen Wochenende gelöst hatte, dachte ich doch, daß es nicht schaden könne, für meine frischen Einsichten weitere Beweise zu sammeln, falls mein anderes Vorhaben − der Rückblick in die Vergangenheit − sich nicht verwirklichen lassen würde.

Übrigens soll, lieber Leser, dieser Text ein Essay sein, und sein Gegenstand ein Thema, das mich seit längerem und Sie seit ungefähr fünf Minuten beschäftigt: die Selbstdarstellung des Autors in seinem Text. Wenn Sie allerdings glauben, ich hätte bei dem Treffen mit der jungen Dame eine weitere Absicht verfolgt, die ich Ihnen verschweige, so möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, daß Sie sich in diesem Punkte täuschen! Erstens hatte ich eine feste Geliebte (die mit den riesigen Brüsten), und zweitens schlief ich, wenn ich nicht in Bremen war, so ziemlich jeden Tag mit meiner Frau. Ich fand das alles selbst nicht richtig, aber so war es eben, und, weiß Gott, es genügte mir. Nur zur Sicherheit ließ ich in meinem Hotel Bezüge für die andere Betthälfte auflegen − ich bewohnte dort nämlich ein Doppelzimmer. Aber nein, was sage ich: Ich ließ die andere Betthälfte durchaus nicht beziehen, sondern überlegte nur, ob ich sie sicherheitshalber hätte beziehen lassen sollen, nahm dann jedoch Abstand von dieser unsinnigen Idee! Ja, so war es.

Ich verband also in keiner Beziehung hochgespannte Erwartungen mit dem Treffen. Sein Ort war eine kleine Sushibar mit vier Tischen, die das Nebengelaß eines japanischen Restaurants bildete, in dessen geräumiger Gaststube theatralisch auftretende Köche heißes Essen an denselben Tischen zubereiteten, an welchen die Gäste saßen. Die gesamte japanische Wirtschaft wiederum machte den kleineren Teil eines Komplexes aus, dessen größeren ein Chinarestaurant beanspruchte − obwohl doch ansonsten die Beziehungen zwischen Japanern und Chinesen seit geraumer Zeit insgesamt eher unerfreulich sind. Unmittelbar an die beiden Restaurants grenzte die doppelstöckige Eingangshalle eines Hotels, und all das überwölbte eine kristallene Ladengalerie inmitten der Frankfurter Innenstadt. Wegen dieser verzwickten Verhältnisse wirkte die kleine Bar immer irgendwie abgelegen. Als wir dort eintrafen, fielen draußen schon Schneeflocken, und das Schmelzwasser von den Stiefeln der Leute trübte den Widerschein der elektrischen Lichter auf dem Fliesenboden der Passage.

Es wurde ein Abend mit Überlänge. Insgeheim überlegte ich wieder und wieder, warum zum Teufel ich ihm kein Ende setzte, und ich fand dafür auch verschiedene Gründe, die durchweg weder für mich noch für die Kollegin sonderlich schmeichelhaft waren. Doch sowenig wie die junge Frau am Vormittag vermochte nun ich mich dazu durchzuringen, mißraten sein zu lassen, was mißraten war. Statt dessen führten wir mit abnehmenden Kräften, nachdem das Essen vorüber war, unser fades Gespräch in einer Ecke der Hotellobby bei Weißwein und Salzmandeln fort, während eine gelangweilte Sängerin in rosa Polyesterhosen auf einem Podest zur Keyboard-Begleitung Evergreens ausschied. Der Abend endete wie jene Flüsse, die ohne je das Meer zu erreichen inmitten der Wüste versiegen.

In der Stadt draußen lag inzwischen allerdings dicker Schnee. Ich betrachtete diesen Schnee als einen Schnee, der es mir unmöglich, und wenn nicht schlechterdings unmöglich, so doch unverhältnismäßig schwer gemacht hätte, mit Sommerreifen über den Feldberg zu meinem Hotel zu gelangen. Zwar hatte ich die Richtung schon eingeschlagen, doch nach einigem Bedenken wendete ich den Wagen und steuerte ihn unter rätselhaftem Gewissenszwicken ostwärts durch menschenleere, taube Straßen, zu meinem früheren Zuhause, in meine frühere Garage. Von dort begab ich mich in meine frühere Wohnung in mein früheres Schlafzimmer in mein früheres Bett zu meiner früheren Frau. Aus heutiger Sicht räume ich ein, daß ich am vorläufigen Ende dieses erschöpfenden Abends irgendwie doch am Ziel angelangt war (anders als jene Flüsse, die ohne je das Meer zu erreichen inmitten der Wüste versiegen), auch wenn ich von diesem Ziel sowenig gewußt hatte wie irgendein Fluß vom Meer − oder ebensoviel. Das einzige, was mir sicher zu sein schien, war, daß meine frühere Frau, wenn ich unerwartet nachts um halb zwei mit kalten Füßen unter ihre Decke schlüpfte, nicht nörgeln würde.

Davon abgesehen bezeichnete dieser Abend nicht nur den Beginn meiner Bekanntschaft mit den Werken des Dichters Inoue, sondern auch den späten Einbruch anhaltend winterlicher Witterung in Deutschland. Und als ich am darauffolgenden Sonnabend mit meinem Sohn nach Föhr übersetzte, konnten wir von Glück sagen, daß noch eine Fähre verkehrte. Auf der grauen See trieben unzählige Eisschollen, Schneeflocken eilten unverwandt gegen die Salonfenster, und wo das Schiff sich auf die geschlossene Eisdecke schob, war es, als ob eine Riesenfaust seinen Bug versetzte. Mein Vermieter hatte nicht zuviel versprochen, als er im Sommer gesagt hatte, der Februar sei die beste Zeit auf der Insel.

Tags unternahmen mein Sohn und ich, dick vermummt, lange Spaziergänge. Wenn ich abends vor dem Kamin saß, durch den Telefonapparat mit meiner früheren Frau und der fernen Geliebten stritt oder dem Mond lauschte, lag das Kind nebenan und knirschte im Schlaf mit den Zähnen. Auf einer unserer Strandwanderungen durch Halden von hüfthohen Eisschollen (hüfthoch aus meiner Sicht, scheitelhoch aus der seinen) hatten wir in einer Nische den schon größtenteils verwesten Kadaver einer Ente entdeckt, den der Frost hier in seinen Bann geschlagen hatte. Ein Bein des Tieres war noch in Reste eines grünen Netzes verstrickt, im brüchigen Käfig des Brustkorbs lag wie ein einsamer Kiesel das schwarze, verdorrte Herz.

Mein Junge konnte sich vom Anblick des toten Geschöpfes nicht lösen, und als er sich schließlich doch einmal losgerissen hatte, kehrte er schon nach wenigen Schritten wieder dorthin zurück. So standen wir lange neben dem Leichnam beisammen, umgeben von den zerschründeten, vom Schlick braun verfärbten Schollen, unter einem weiten, offenen Himmel. Mein Sohn fragte mich nach Leben und Tod, als wüßte ich, wie sonst über alles, auch in diesen Dingen Bescheid. Zwei kleine Tränen standen auf seinen Wangen. Mir aber senkte sich das Bild meines bekümmerten Kindes, wie es am eisigen Grab des Vogels grübelte, tief in die Seele.

Ansonsten las ich dem Jungen täglich aus Walbüchern vor, die er sich im Wyker Buchladen ausgesucht hatte. Ich selbst hatte mir einen ganzen Stapel Literatur mitgenommen, darunter auch einen schmalen Band von Inoue: Das Jagdgewehr. Dieses Buch war am Tag, der auf den langen Abend folgte, als unerwartete Gabe der jungen Kollegin in meinem Büro eingetroffen. Auf die erste Seite hatte sie eine Widmung geschrieben, in der sie den zurückliegenden Abend zu meiner Überraschung als »spannend« bezeichnete. Ich zog es vor, mein Urteil dadurch eher bestätigt als in Frage gestellt zu sehen.

Zu der Zeit hatte ich gerade die Lektüre des Romans Musashi von Eiji Yoshikawa beendet. Auch in diesem Buch stand eine Widmung: von der Hand meiner früheren Frau, die es mir vor elf Jahren zum Weihnachtsfest geschenkt hatte. In gewisser Weise hatte der Roman mir, als ich ihn nach so langer Zeit zum zweiten Mal durchwanderte, den erwünschten Rückblick in die Vergangenheit erlaubt. Denn obwohl sich mir beim ersten Lesen viele Einzelheiten der Handlung eingeprägt hatten, las ich das Buch nun wie mit anderen Augen. Im Lauf der Jahre hatte ich offenbar Erkenntnisse gewonnen, die einigen des Verfassers ähnelten; deshalb entdeckte ich nun in dem Roman manches, was mir vorher verborgen oder unerklärlich gewesen war, und zugleich konnte ich mir meine frühere Sicht ins Gedächtnis rufen. Doch ebenso wie vor gut einem Jahrzehnt fühlte ich mich von den Schlußsätzen Yoshikawas angerührt, in denen er Wollen und Meinen der Menschen mit dem Rauschen der Wogen vergleicht:

»… doch wer kennt die Seele des Meeres, hundert Fuß unten? Wer kennt seine Tiefe?«

Für die Tage auf Föhr hatte ich mir den Shogun von James Clavell vorgenommen, denn dieses Buch behandelt dieselbe japanische Epoche und wendet sich, ähnlich wie Yoshikawas Werk und mit dem gleichen Erfolg, an ein breites Publikum, wenn auch an eines mit westlichem Geschmack. Zu dem Vergleich hatten mich unter anderem Bemerkungen eines Japankenners über die − sehr verschiedenen − Liebesgeschichten in beiden Romanen angeregt. Aber gleichzeitig dürstete mich nach mehr japanischer Literatur, und so fügte es sich gut, daß ich in meinem Gepäck das Büchlein von Inoue hatte. Es ist eine Novelle, keine hundert Seiten lang. Sie gibt zum wesentlichen drei Briefe wieder, die an denselben Mann gerichtet sind, die Briefe stammen von seiner Ehefrau, von seiner Geliebten und von deren Tochter. Nach dem Jagdgewehr las ich alle Bücher von Inoue, deren ich habhaft werden konnte, leider ist bisher nur eine Handvoll ins Deutsche übertragen worden.

Ich verspüre die Neigung zu sagen, daß ich in Inoues Schriften Antworten auf viele Fragen fand, die mich damals beschäftigten. Aber in Wahrheit war es wohl so, daß Inoues Texte mir im Umgang mit diesen Fragen halfen, indem sie einen stillen Einfluß auf meine Sicht der Dinge entfalteten, darunter auch bei jenem Thema, das, wie Sie, mein umworbener Leser, bereits wissen, Gegenstand dieses Essays ist: die Selbstdarstellung des Autors in seinem Text. Sie werden einwenden, daß alles, was ich seither dazu geschrieben habe, nicht als Essay gelten kann, sondern allenfalls als irgend etwas anderes. Und ich widerspreche nicht. Denn ehrlich gesagt kann ich überhaupt keine Essays schreiben. Ein einziges Mal habe ich unter Qualen einen verfaßt, er erschien 1989 in der Tiefdruckbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und trug mir, wie ich wohl sagen darf, eine gewisse Anerkennung ein, vielleicht haben Sie ihn gelesen. Damals hat niemand bestritten, daß es sich um einen Essay handele. Aber ich als sein Verfasser muß es besser wissen: Ich hatte mich seinerzeit nur als Essayist ausgegeben, indem ich meinen Text nach besten Kräften einem Essay anverwandelte. Er war aber keiner.

Was Inoue anbetraf, so nahm die Lektüre seiner Bücher allerdings mehr Zeit in Anspruch als die zwölf Tage, die ich mit meinem Sohn auf der eingeschneiten Nordseeinsel verbrachte. Inzwischen war es Frühling geworden, und ich dachte nicht mehr an den langen Abend mit der jungen Kollegin, die ich längst aus den Augen verloren hatte und deren Lebensweg den meinen überhaupt nur an diesem einen Wintertag gekreuzt hatte. Daß sie es war, der ich die Bekanntschaft mit einem Dichter verdankte, der mir so viel bedeutete wie seit Jahren kein zweiter, wäre mir wohl nicht mehr eingefallen. Doch als ich eines Tages Das Jagdgewehr wieder zur Hand nahm, fiel mein Blick auf die Widmung darin.

Ich hatte den Abend in der Sushibar gerade so im Gedächtnis, wie ich es dargestellt habe; nun kam mir das alles überaus sonderbar vor. Wie war es zugegangen, daß ein Mensch, der meine Gedanken weder teilte noch auch nur verstanden zu haben schien, mich ausgerechnet zu einem Dichter geführt hatte, der so viele meiner Sehnsüchte stillte? Ich erinnerte mich noch, daß die Kollegin mich zum Beispiel im Hinblick auf meinen Vater in einer geradezu lächerlichen Weise zu belehren versucht hatte. Auch sonst hatte ich ihre Denkungsart als durch und durch anmaßend empfunden. Nachdem ich Inoue nun kannte, schien mir unerklärlich, was diese Frau einem solchen Autor abgewinnen konnte. Warum hatte sie mir das Buch überhaupt anempfohlen? Gewiß hatten wir uns, was ja nahelag, beim Essen auch über Japan unterhalten, und in diesem Zusammenhang hatte sie vermutlich das Jagdgewehr erwähnt. Dann fiel es mir wieder ein; das Buch hatte ein Beweisstück sein sollen.

Es ging um das Geheimnis der Frauen. Daß ich es bereits gelüftet hatte, hatte ich wohlweislich für mich behalten. Mein unausgesprochener Kerngedanke lautete: Frauen sind anders. Ich gebe zu, daß er, so niedergeschrieben, nicht übermäßig neu klingt. Für Außenstehende mag es sogar den Anschein haben, als hätte ich hier nicht die Lösung benannt, sondern wieder nur das Geheimnis. Doch für mich haftete meiner Erkenntnis etwas Umwälzendes an. Nachdem ich sie einmal bis ins Letzte durchdacht hatte, befand ich mich in jener Gemütsverfassung, in der man anderen seine Einsichten nicht zum Fraß vorwirft, sondern Nahrung für sie sucht. Ich fand sie auch überall, etwa in einem an die dreitausend Jahre alten chinesischen Gedicht, in dem es heißt: »Der kluge Mann erbaut die Mauer / Das kluge Weib zerstört die Mauer.«

Es wäre widersinnig gewesen, die Weisheit, die dieser Vers aus dem Shijing zum Ausdruck bringt, nun ausgerechnet einer Frau vorzutragen − und schon gar der jungen Kollegin, die überzeugt war, der ganze Unterschied zwischen den Geschlechtern beschränke sich darauf, daß Frauen »sensibel« seien und Männer nicht. Nicht zuletzt um diese ihre Theorie hatte sich unser träges Gespräch gewälzt. Zwischendurch hatte die Kollegin meinen Blick auf das Geschehen am Nebentisch gelenkt, wo eine Gruppe von Japanern speiste. Einer von ihnen, ein kleiner Mann von Mitte Sechzig, schien eine wichtige Persönlichkeit zu sein, denn alle Aufmerksamkeit der Jüngeren galt ihm, indes er selbst sich fast ausschließlich mit den Speisen beschäftigte, die nacheinander aufgetragen wurden. Aus den Gesprächen, die um ihn herum geführt wurden, schnappte er offenbar nur ab und zu einen Satz auf, der sein Interesse weckte; dann − und nur dann − drehte er den Kopf leicht in die Richtung, aus der der Satz gekommen war. Doch seine Aufmerksamkeit war nie von langer Dauer, und bald senkte er den Blick wieder auf seinen Teller.

Ich weiß nicht, wie es zuging − ob meine Begleiterin und ich plötzlich japanisch verstanden oder ob, was noch unwahrscheinlicher ist, die Japaner am Nebentisch deutsch sprachen, oder ob schließlich, was mir als das Nächstliegende erscheint, die Situation eine hyperkulturelle Qualität hatte, so daß einfach jeder verstehen mußte, was sich dort abspielte. Während des Essens wurde nämlich der kleine Mann von seiner Frau, die neben ihm saß, mit Ratschlägen überhäuft, wie: »Iß davon nur die Hälfte!« oder »Das ist sauer, willst du nicht lieber darauf verzichten?« − »Du hast recht, ich werde nur die Hälfte essen; ich werde lieber gar nichts davon essen«, murmelte er dann gefügig mit leiser Stimme, wie um sich zur Vernunft zu rufen; dann wieder verkündete er von Zeit zu Zeit wie im Selbstgespräch: »Delikat! Ich eß es doch!«, und schließlich aß er wohl jedesmal alles auf, was er auf dem Teller hatte.

Meine Begleiterin entdeckte im Verhalten des Herrn Tanizaki − denn das war, wie ich später in Erfahrung brachte, sein Name − eine unerhörte Dickfelligkeit, einen typisch männlichen Mangel an »Sensibilität« gegenüber dem liebenden Bemühen seiner Gattin, die nur der Sorge um Herrn Tanizakis Gesundheit lebte. Muß ich wirklich ausführen, daß sich mir dieselbe Sache in ganz anderem Licht zeigte? Nein, denn mir geht es hier allein darum, daß im Laufe eben dieser Auseinandersetzung die junge Kollegin die Novelle von Inoue erwähnt hatte: Dieses Buch behandele exakt unser Thema, es stelle auf das Eindrucksvollste und unwiderleglich dar, wie Frauen an der Unnahbarkeit von Männern zerbrächen.

Natürlich beschreibt die Novelle in Wirklichkeit allenfalls die Wunschvorstellung bestimmter Frauen, an der Unnahbarkeit eines bestimmten Mannes mehr oder weniger zu zerbrechen. Über ihn selbst erfährt man sehr wenig, und das wenige fast ausschließlich aus dem Urteil jener Frauen. Da die drei jedoch in ihren Briefen auch übereinander urteilen und eine jede von ihnen sich dabei dramatisch täuscht, schien es mir unwahrscheinlich, daß die Frauen nun ausgerechnet das Wesen jenes Mannes richtig erfaßt haben sollten. Schon deshalb konnte ich, nachdem mir wieder eingefallen war, daß das Buch zum Beleg einer Annahme dienen sollte, es nicht als einen solchen gelten lassen − ganz davon abgesehen, daß die junge Kollegin den Umstand völlig vernachlässigt hatte, daß der Schöpfer des Buches und somit auch der darin enthaltenen Frauenbriefe ein Mann war. So betrachtet verdankte ich die Bekanntschaft mit der Novelle und ihrem Verfasser letztlich einem belustigenden Mißverständnis. Und dennoch gab ich der jungen Kollegin in einem ganz und gar recht: Es handelte sich um das Werk eines ungemein feinfühligen und, wie ich wohl hinzufügen darf, gütigen Meisters.

Oft habe ich in den Monaten danach versucht, der Persönlichkeit Inoues in seinen Büchern wie einem Schemen nachzuspüren. Und schließlich löste sich mir auch dieses Geheimnis − Sie werden es schon bemerkt haben. In jener Zeit, während die Eisschollen schmolzen, schichtete sich auch mein Leben sonderbar um. Auf unerklärliche Weise war die Gewohnheit des Nörgelns von meiner Frau abgefallen und auf meine ferne Geliebte übergesprungen. Und irgendwann im folgenden Sommer, ich wohnte schon lange wieder zu Hause, hörte dann auch mein Sohn auf, im Schlaf mit den Zähnen zu knirschen. War alles nur ein Traum? Ach, lieber Leser, Sie können es mir gewiß nicht sagen.

© Volker Zastrow, 1998

Holgers Eltern hatten sich schon hingelegt.

Den Geschmack der fremden Zahnpasta im Mund saß ich in meinem Schlafanzug auf dem Bett.

Holger stand am Aquarium und fütterte die Guppys. »Och nö, bitte jetzt nicht Jimmi«, sagte er.

Er sprach es deutsch aus, also nicht Dschimmy, sondern Jimmi, wie Jienshosen. 

»Wer?«

»Die machen jetzt wieder Jimmi.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

Was ich hörte, war ein leises, regelmäßiges Quietschen, das ich aber nicht einordnen konnte. Ein wenig klang es wie der durchdrehende Anlasser eines Autos. Es hätte aber auch ein Vogel sein können. Eine Taube vielleicht, die klangen so ähnlich, nur tiefer. Eine kleine Taube? Andererseits schien das Geräusch direkt aus der Wand oder dem dahinter liegenden Elternzimmer zu kommen, weswegen weder das eine noch das andere in Betracht kamen. Rätselhaft, und Holger machte keine Anstalten, mir zu erklären, was los war. Er verdrehte nur die Augen und tippte weiter mit dem Zeigefinger an die Fischfutterdose.

Nach dem Spiel hatten mich Holger und dessen Vater mitgenommen. Seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, dort zu übernachten. Holger hatte mir schon so viel von seinem prächtigen Zuhause erzählt, dass ich jetzt Lampenfieber empfand. Die beiden Sicherheitsbeamten, die mich begleiteten und beschützten, waren uns in ihrem Wagen gefolgt, unseren Käfer stets im Blick behaltend. Vor dem dreigeschossigen Mehrfamilienhaus, in dem Holgers Familie im mittleren Stock wohnte, waren sie ausgestiegen und hatten kurz mit seinem Vater gesprochen, wahrscheinlich hatten sie den Zeitpunkt meiner morgigen Abholung verabredet. Als sie weggefahren waren, hatte ich ihnen zugewunken, und Herr Danner am Steuer hatte den Winnetougruß gemacht, während sein neuer Kollege Herr Volquardsen auf der anderen Seite zum Fenster hinausgestarrt hatte.

Das Geräusch war jetzt deutlicher vernehmbar. Regelmäßiges Quietschen, offenbar mechanischen, nicht stimmlichen Ursprungs, dessen Ursache ich durch Holgers genervte Schweigsamkeit allmählich ahnte.

Jimmi – jimmi – jimmi – jimmi – jimmi – jimmi.

Er ging vom Aquarium zum Plattenspieler und legte die Platte von Slade auf, die er von der Mannschaft zum Geburtstag bekommen hatte. »Mama, weer all crazee now«. Obwohl die Musik das andere Geräusch nun übertönte, ging meine ganze Aufmerksamkeit zur Wand hin, fast war es, als wartete ich nur auf die Leerrille der LP, die Pause zwischen dem laufenden und dem nächsten Titel, um zu horchen, wie nebenan der Stand der Dinge war.

Unser Torwart Nettekoven hatte vor einiger Zeit davon erzählt, wie seine Eltern, deren Doppelbett wohl in eine Schrankwand integriert und aus dieser auszuklappen war, eine Nacht und einen halben Tag lang lebendig unter ebenjener begraben gewesen waren, weil diese auf sie gestürzt und nicht mehr wegzubewegen gewesen war. Erst der am Sonntagnachmittag heimkehrende Sohn hatte Hilfe holen können, sodass die Eingeklemmten schließlich befreit worden waren. Nettekoven hatte gekreischt, seine Eltern seien »am Poppen« gewesen, als das Unglück geschah, was meinen Verdacht verstärkt hatte, dass er sich das Ganze nur ausgedacht hatte. Bei einer Unterhaltung der Polizisten Stöckl und Danner hatte ich einmal belauscht, wie der Erstere eine ähnliche Geschichte aus dem Express vorgelesen hatte, in der das von Nettekoven verwendete Tätigkeitswort selbstverständlich nicht vorgekommen, sondern launig umschrieben worden war. Hier war ein Paar in einem Auto eingeklemmt gewesen und war aus diesem mithilfe eines Schweißbrenners befreit worden, die Sache hatte sich überdies in England zugetragen. Wie auch immer, Herr Danner hatte sich nicht mehr eingekriegt.

Wir legten uns ins Bett, Holger in seines, auf dem ich bisher gesessen hatte, und ich auf die Schaumgummimatratze am Boden davor. Die Aquariumlampe warf einen violetten Schein an Decke und Wand, sodass eine gemütliche, aber auch etwas spukhafte Atmosphäre entstand. Jimmi und Slade waren verstummt, und ich schaute nach oben zu Holger, sah aber nur dessen borstiges Haar aus dem Kissen emporstehen und sich gegen die Wand abzeichnen. Nach kurzer Zeit hörte ich gleichmäßiges Atmen.

Ich dachte an den herrlichen, hinter uns liegenden Abend: Gemeinsam mit Holgers Eltern hatten wir die Sendung »Drei mal Neun« mit Wim Thoelke angeschaut und dabei die von Holgers Mutter auf einer Platte angerichteten Champignonstreichkäse- und Salamibrote verdrückt. Zwischen den Broten fächerartig aufgeschnittene Gewürzgurken. Die Petersilienröschen und die schon enzymatisch angebräunten Apfelschnitze hatte ich vorsichtig an den Rand meines Tellers geschoben, was Holgers Mutter trotzdem bemerkt hatte. Als sie mich darauf angesprochen hatte – ich war, ertappt, sofort rot geworden –, hatte Holger mich gerettet, indem er das kleine Häufchen genommen und sich komplett in den Mund gesteckt hatte – Gelächter. Später hatte es für jeden noch eine Portion Fürst-Pückler-Eis mit einer hineingesteckten Kekswaffel gegeben, zum Abschluss waren bunte Glasschälchen mit Fischlis und Weingummi auf den Tisch gekommen.

»Schade, dass du morgen nicht noch zum Mittagessen bleibst«, hatte Holgers Mutter gesagt, »da gibt’s Siegfrieds Lieblingsessen, Zunge in Madeira.«

Mein Lächeln hätte alles Mögliche bedeuten können, das hatte ich mir bei meiner Mutter abgeguckt. Jetzt allerdings war ich heilfroh gewesen, morgen Mittag schon sehr weit weg zu sein. Holgers Eltern hatten Bier getrunken, Kurfürsten Kölsch, wir Tri-Top Mandarine, für Gläser und Flaschen hatte es Untersetzer gegeben, die Holgers große Schwester Biggi aus Fimo modelliert und gebrannt hatte, und ich war begeistert gewesen von der Wohlgeordnetheit dieses Lebens.

Alles und jeder schien seinen festen Ablauf und Platz zu haben und wie bei der Märklinbahn in überlegt vorgegebenen Spuren zu laufen, ohne jegliche Gefahr der Abweichung oder des Zusammenstoßes. Es hatte auf mich den Eindruck gemacht, als würde hier eine Handlung, nachdem sie erprobt und für gut befunden worden war, von da an auf immer die gleiche Weise ausgeführt. Fragen, die sich mir täglich stellten und deren Beantwortung einen Großteil meiner Zeit beanspruchte, schien es hier gar nicht zu geben.

Auf ein für mich unsichtbares Zeichen hin, vielleicht zur immer gleichen Uhrzeit, waren zum Beispiel alle Mitglieder der Familie in ihren Zimmern verschwunden, um sich einige Minuten später in verschiedenen Varianten von Freizeitkleidung zum Fernsehschauen im Wohnzimmer einzufinden.

Holger und ich hatten schon unsere Pyjamas getragen, sein Vater einen leuchtend blauen Trainingsanzug mit weiß-schwarzem Adlerwappen und der Aufschrift Bundeswehr über dem Herzen, der seiner ohnehin gedrungenen Gestalt zusätzlich etwas noch Kastigeres verliehen hatte. Die Jacke war geöffnet gewesen, man hatte das Unterhemd und seine starke Brustbehaarung gesehen, in diese sanft eingebettet einen kleinen goldenen Anhänger an einer ebensolchen dünnen Kette, der das Sternzeichen des Widders zeigte. An den Füßen hatte er Cordschlappen der Marke Romika »mit Fußbett« getragen, wie er mir einmal erklärt hatte. Beim Training hatte ich über Schmerzen in der rechten Achillessehne geklagt, und Holgers Vater war sich, als ich ihm davon erzählt hatte, sicher gewesen, es läge daran, dass meinen Schuhen ein anständiges Fußbett fehlte. Das Thema war noch mehrmals aufgekommen, immer wieder hatte er mich mit ernsthaft besorgter Miene gefragt, ob in der Fußbettfrage schon etwas geschehen sei. Er schien davon besessen zu sein. Meine Mutter allerdings hatte, als ich ihr meinen Wunsch nach Schuhen mit anständigem Fußbett vortrug, nur verständnislos mit den Schultern gezuckt.

Nun in einen einteiligen orangefarbenen Frotteeanzug mit goldenem Reißverschluss gekleidet, hatte Holgers Mutter einen weiteren Teller mit Broten gebracht, auch sie hatte Hausschuhe getragen, bei denen kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie den allerhöchsten Ansprüchen an Gelenkstütze und Längsgewölbehalt genügten, möglicherweise war sogar eine Spreizfuß-Pelotte eingearbeitet, wer weiß.

Holgers Schwester Biggi, die schon fünfzehn und heute Abend auf einer Party war, übernachtete ihrerseits bei einer Freundin. Ob ich das bedauerte oder es mich eigentlich erleichterte, war mir nicht ganz klar. Wahrscheinlich beides zugleich.

Die Neubauwohnung von Holgers Familie bestand aus Wohn- und Elternschlafzimmer, den Zimmern von Holger und Biggi, der Küche und dem Bad. Allesamt gingen sie vom Flur ab, in dem neben der Wohnungstür eine Garderobe angebracht war und wo auf Höhe der Küchentür ein Tischchen mit dem brokatbezogenen Telefon und einem ebenso veredelten Nummernverzeichnis stand. Ich war gleich beeindruckt gewesen, dass in dieser Wohnung durch die Sorgfalt ihrer Bewohner alles eine optische als auch praktische Aufwertung erfahren hatte.

Das Wohnzimmer war ein recht kleiner, mit moosgrünem Teppichboden ausgelegter, nahezu quadratischer Raum mit einem Fenster zur Straße und zum Parkplatz hin. Jetzt allerdings waren die Rollläden heruntergelassen worden, wie ich durch die gehäkelten Stores erkannt hatte. Die Wände waren mittel-, die niedrige Decke hellbraun gestrichen.

Wenn man den Raum betrat, stand rechts an der Wand ein mit beigem Cordstoff bezogenes Ecksofa für vier Personen, auf dessen kürzerem, an der Fensterseite gelegenem Teil der Platz von Holgers Vater war. Holger und ich hatten auf dem Hauptteil des Sofas gesessen, vor dem, auf einem kleinen Flokati, ein Couchtisch mit chromfarbenem Gestell und einer dunklen Rauchglasplatte stand. Auf diesem ein Drehaschenbecher aus Kristallglas und ein dazugehöriges Tischfeuerzeug, daneben hatten Zigaretten gelegen, jeweils eine Packung Kim und HB. Über dem Sofa hing die gerahmte Reproduktion eines Ölgemäldes, welches den Leuchtturm von Sankt Peter-Ording zeigte, wie ich beim Hinsetzen gelesen hatte.

Zu unserer linken Seite hatte Holgers Mutter im ebenfalls zur Sitzgarnitur gehörenden gleichfarbigen Sessel Platz genommen. Knapp über dem Couchtisch hing eine Lampe aus glasiertem Ton, ich hatte darauf achten müssen, dass mir deren weißes Spiralkabel beim Fernsehschauen nicht die Sicht nahm. Der Apparat stand nämlich in der, die gesamte gegenüberliegende Wand einnehmenden Eichenholzschrankwand. Tagsüber war er hinter einer Klapptür darin verborgen, welche Holgers Vater, in Vorfreude summend, geöffnet hatte. Oben auf dieser Schrankwand waren Neonröhren angebracht, die, wie die Hängelampe, eingeschaltet waren, sodass es viel heller gewesen war, als ich es von zu Hause kannte. Meine Mutter, die Deckenbeleuchtung hasste, begann bei Einbruch der Dämmerung etliche über den Raum verteilte, zum Teil versteckte Leuchten und Funzeln anzuknipsen, weil sie der Meinung war, das sei so angenehmer. Hier aber war der Fernseher, ein ganz neues Nordmende-Modell, eingeschaltet worden, und Holgers Vater hatte sich händereibend in die Polster fallen lassen.

Die Sendung hatte begonnen, Holger und seine Mutter den Text der Titelmusik mitgesungen, der Vater sie pfeifend begleitet.

»Spiel mit, das Glück macht heut’ eine Show, Spiel mit, heut’ sagt Fortuna nicht No«.

Diese Art der Begeisterung war mir neu gewesen, bei uns zu Hause machte man sich über so etwas eher lustig, schlief gleich ein oder stand nach spätestens fünf Minuten auf und ging kommentarlos, mit hochgezogener Augenbraue höchstens, seiner Wege, sodass ich, wenn meine Mutter sich nicht erbarmte, meist alleine vor dem Fernseher sitzen blieb.

Die gesamte Sendung war mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit verfolgt worden, es war mitgeraten (»Riisikoo«, hatte die Belegschaft des Wohnzimmers im Chor geraunt) und gesungen worden (»Du bringst in mir nie gekannte Akkorde zum Klingen, der Grand Prix d’amour, das bist du für mich«), man hatte seine Einschätzungen über die Verfassung des Showmasters und seiner prominenten Gäste geteilt: »Auch dicker geworden, der Thoelke.«

Nach dem Verklingen des vom Orchester Max Greger intonierten Schlussmedleys hatten sich Holgers Eltern kurz zugenickt, der Fernseher war ausgeschaltet worden, man war aufgestanden, und zügig war nach einem eingespielten Ritual der Tisch abgeräumt worden. Den Regeln dieses Vorgangs hatte ich mich intuitiv anzupassen versucht, leider vergeblich, weswegen ich ständig im Weg herumgestanden hatte. Dann waren Holger und ich Zähne putzen gegangen, und als wir aus dem Bad gekommen waren, war der Flur dunkel und leer gewesen.

Es fiel mir schwer, zur Ruhe zu kommen, während ich nun hier lag und Holgers Atemzügen lauschte, aufgewühlt vom gemeinsamen Abend in dieser wunderbaren Welt. Hatte er mir doch gezeigt, wie und wo ich leben wollte, so wie hier sähe es aus, mein zukünftiges Leben!

Was mir alles durch den Kopf ging. Vielleicht könnte ich ja später auch zur Bundestagsverwaltung gehen und dort als Sachbearbeiter in die Fußstapfen von Holgers Vater treten, warum nicht? Aber erst, nachdem Holger und ich die vier Jahre Bundeswehr hinter uns hätten, was, wie er uns erklärt hatte, neben der Kameradschaft, der körperlichen und charakterlichen Stärkung, auch viele finanzielle Vorteile mit sich brächte. Zum Beispiel, willkürlich herausgegriffen, in Hinsicht auf die Autoversicherung, wo wir ja dann, nachdem wir beim Barras den Autoführerschein plus Motorrad und Lkw für lau gemacht hätten, die günstigen Tarife für den öffentlichen Dienst in Anspruch nehmen könnten! Von den vermögenswirksamen Leistungen gar nicht zu reden. Da legte Vater Staat ja ordentlich was dazu.

Die behagliche Geschlossenheit dieser Gedankenwelt hatte mich sofort eingelullt. Aber ich sah jetzt doch auch, dass dies hier in jeglicher Hinsicht das Gegenteil meines Zuhauses war. Oder musste es nicht besser heißen, meines bisherigen Zuhauses? Einerseits bedauerte ich mich dafür, dass das Schicksal mir diesen Zwiespalt bereitzuhalten schien, zum anderen war ich geradezu euphorisch wegen der am heutigen Abend so lebendig aufgezeigten Alternative jenes Lebens, das auf mich wartete.

Plötzlich musste ich lachen, weil mir eine Geschichte einfiel, die ich nachmittags gehört hatte. Ich hatte den Frotteebezug des Toilettendeckels, der farblich dem kleinen Teppich davor angeglichen war, gelobt und Holger gesagt, wie wohnlich ich das fand, woraufhin er mit mir in die Küche gerannt war, um seine Mutter anzuflehen, mir die Geschichte von Tante Otti zu erzählen, was sie auch bereitwillig getan hatte.

Folgendes hatte sich also zugetragen: Einer in Dresden lebenden Tante von Holgers Vater, Frau Otto, schickte man regelmäßig Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung und anderen im Osten nicht erhältlichen Waren. In einem dieser Pakete hatte sich vor einiger Zeit auch eine der von mir bewunderten Frottee-Toilettengarnituren befunden. Nach einiger Zeit hatten Holgers Eltern von besagter Tante einen Dankesbrief bekommen, der den Satz enthielt: »Danke für den schönen Schal, leider ist mir die Mütze viel zu groß.« Holgers Mutter hatte das kaum zu Ende erzählen können, er selbst sich vor Lachen auf dem Küchenboden gewunden, während ich den Witz der Sache nicht verstand, bis sie ihn mir erklärt hatten: Die alte Dame hatte sich, deren Bestimmung verkennend, anscheinend den Klodeckelbezug auf den Kopf gesetzt und den Vorleger um den Hals gelegt.

Niemand erwartete von mir, dass sie mir leidtat, wie die Reaktion ihrer Verwandten gezeigt hatte. Auch das war für mich ungewohnt und verblüffend gewesen.

Während des Fernsehabends war es mir so gegangen wie schon oft: Wenn es mir irgendwo gefiel, musste ich mich dieser Umgebung vollkommen anverwandeln. Ich wollte dann nicht nur so sein wie die Menschen, unter denen ich mich befand, sondern eigentlich mehr sie sein, als sie selbst es waren! Gleichzeitig spürte ich einen tiefen Zorn auf mein Zuhause aufsteigen, vor allem auf meine Eltern, die mir, wie ich jetzt fand, so vieles vorenthielten. Alles, genau genommen, was das Leben lebenswert machte. Warum musste ich denn am nächsten Vormittag schon wieder aus der Mitte der Familie gerissen werden, mit der ich diesen grandiosen Abend verbracht hatte und als deren Mitglied ich mich längst fühlte?

Für die Meinigen dagegen empfand ich in diesem Augenblick keinerlei Liebe mehr. Aber die bittere Feststellung löste in mir keine Trauer oder Wehmut aus, und es schien, als würde mir die Klarheit und Kälte der Erkenntnis die nötige Stärke für die unausweichliche Loslösung, den Schnitt verleihen, den ich eines Tages zu vollziehen hätte. Würden alle Beteiligten Vernunft walten lassen, fände sich schon eine würdige Form der Trennung, zu der es keine Alternative mehr gab. Letztlich konnte ja niemand etwas dafür, dass der Zufall mich in die für mich gar nicht passende Umgebung meines sogenannten Zuhauses geworfen hatte. Nein, von dem mir nun vorgezeichneten Weg gab es kein Zurück. Gerührt von der eigenen Tapferkeit angesichts dieser mir schon in so jungen Jahren auferlegten Prüfung schlief ich schließlich doch ein, mich dem Unausweichlichen ernst und gefasst stellend.

Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass es sich bei dem Wimmern, von dem ich aufgewacht war, um mein eigenes handelte. Kurz war ich in dem fremden Zimmer orientierungslos gewesen. Ich hatte mir die Augen gerieben und, als ich mit dem Handrücken mein Kopfkissen berührte, gefühlt, dass es feucht war. Ich richtete mich auf, und ein Luftzug strich mir dabei über die tränennassen Wangen. Es dauerte ein wenig, die Ursache meines Unglücks zu erkennen, dann traf es mich mit Wucht. Stoßartig zog es mir jetzt den Magen zusammen, und ein nächster Schluchzer entrang sich meiner zugeschnürten Kehle.

Und dann, das Bewusstsein war träger als der Körper, kamen mir die Gedanken und Bilder, die diese Aufwallung offenbar schon seit einer Weile bewirkt hatten. Ich hörte meine Mutter mir leise eine gute Nacht wünschen, spürte meine Stirn an der Hemdbrust des Vaters liegen und wusste, dass ich sie und ihre Liebe verraten hatte. Dass ich mich jetzt mehr als nach irgendetwas anderem nach ihnen sehnte, dass sie aber, so meine Angst, für mich verloren waren, weil ich sie vor ein paar Stunden erst so rücksichtslos verleugnet hatte. Ich hielt mir das Kopfkissen vors Gesicht, aus Angst, dass Holger aufwachen würde. Ich wollte nur eines, so schnell wie möglich nach Hause, musste aber hier ausharren, bis die Polizisten mich holten. In diesem Augenblick schien es mir undenkbar, die Stunden bis dahin zu überleben. Ein schwerer Druck lastete auf meiner Brust, und ich fühlte mich so allein wie noch nie zuvor. Wie gerne hätte ich meine Gedanken, die ich vor dem Einschlafen gehabt hatte, ungedacht gemacht. Aber es war aussichtslos.

Nebenan grunzte Holger und wälzte sich herum, schnell wandte ich mich ab. Mein Vater hatte mir einmal – ich hatte ihn gefragt, was eigentlich Heimweh genau ist – eine Geschichte aus alter Zeit von den Schweizer Söldnern in der französischen Armee erzählt, in deren Gegenwart die Regierung bei Todesandrohung verboten hatte, ein bestimmtes Volkslied zu singen, weil diese es dann vor Sehnsucht nicht mehr ausgehalten hatten. Sofort waren sie desertiert und hatten sich auf den Weg nach Hause gemacht.

Ich vermisste Gabor so sehr, die Weite, das Alleinsein, das keine Einsamkeit war.

Vor Erschöpfung schlief ich irgendwann wieder ein, vielleicht auch ein wenig erleichtert, weil ich merkte, dass mein Schmerz nichts anderes war als die Erkenntnis, wohin ich gehörte.

Beim gemeinsamen Frühstück mit Holger und seinen Eltern kaute ich der Form halber an meinem Brötchen herum, obwohl ich eigentlich nichts runterbekam. Ich musste es schaffen, das glibberige Frühstücksei stehen zu lassen, aber da spielte ich auf Zeit. Als sein Vater den Kühlschrank öffnete, um die Marmelade herauszunehmen, schaute ich schnell weg, aus Angst, darin die bläuliche Rinderzunge liegen zu sehen, die hier Mittags kredenzt werden würde. Keinesfalls wollte ich riskieren, gefragt zu werden, was mit mir los sei, und so meine mühsam gewahrte Fassung gefährden lassen.

Immer wieder schaute ich vorsichtig auf die Küchenuhr über der Tür. Komisch – nur, wenn ich sie anguckte, hörte ich, wie laut sie tickte, sonst nicht. Als ob sie meinen Blick beantwortete. Gleichzeitig lauschte ich, ob durch die Glastür das Motorengeräusch des Wagens von Herrn Danner und Herrn Volquardsen, meinen Rettern, zu hören sei. Für zehn Uhr hatten sie die Abholung mit Holgers Vater vereinbart. Nur noch kurze Zeit galt es zu überstehen, und wenn ich erst im Auto saß, war ich erlöst.

Es war Sonntagmorgen, und weil deswegen kaum jemand unterwegs war, hörte ich den Audi schon von Weitem. Ich sprang auf, stürzte zur Balkontür und sah den Wagen auf den Parkplatz rollen. Den Anschein der Gelassenheit konnte ich jetzt beim besten Willen nicht mehr wahren, schon war ich in Holgers Zimmer, um meine längst gepackte Tasche zu holen, und eilte von dort aus in den Flur zur Garderobe, wo ich meine Jacke anzog. Ich gab Holgers Eltern in der Küche schnell die Hand und machte einen Diener. Eigentlich wollte ich mich noch für die Gastfreundschaft und den schönen Abend bedanken, aber als ich den Mund öffnete, begann meine Unterlippe wieder zu zittern, und mir schossen Tränen in die Augen. Wie ein Gaul schnaubte ich laut aus, drehte mich dann wortlos um und ging. Die Familie blieb verwundert zurück.

Zum Glück steckte der Wohnungsschlüssel von innen, sodass ich selbst öffnen und, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten springen konnte. Draußen rannte ich auf Herrn Danner, der ausgestiegen war, zu und umarmte ihn, für ihn unvermittelt. Herr Volquardsen war im Auto sitzen geblieben. »Gutenn Morgenn!«, schnarrte er, den Blick nach vorne gerichtet, auf eine Art, die klarstellte, dass dies sowohl der Anfang wie auch gleichzeitig das Ende unserer Unterhaltung war. Es würde mit uns beiden nichts mehr werden, was mir aber in diesem Moment herzlich egal war. Auch seine schlechte Laune weckte in mir behagliche Heimatgefühle. Seltsam, in meiner jetzigen Euphorie konnte ich mich kaum noch an die vollkommene Verzweiflung einige Stunden zuvor erinnern.

Während der Fahrt schaute ich von der Rückbank aus lange die Christophorusplakette an, die auf das Armaturenbrett geklebt war.

Als sich das Rolltor hinter mir schloss, kam Gabor bellend angelaufen, der, ich wusste es, wegen meines Ausbleibens vor Unruhe krank gewesen sein musste. Ich begrüßte ihn, dann schaute ich auf das zu große weiße Haus, in dem wir alle uns so leicht verpassten.

Hier wollte ich sein.

Bei ihnen. Für mich.

Nirgendwo sonst.


*Aus: „Raumpatrouille“ by Matthias Brandt © 2016, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co, KG, Cologne/Germany.

Zu einer gewissen Zeit meines Lebens brachten es meine Dienste mit sich, daß ich ziemlich regelmäßig mehrmals in der Woche um eine gewisse Stunde über die kleine Brücke ging (denn der Pont neuf war damals noch nicht erbaut) und dabei meist von einigen Handwerkern oder anderen Leuten aus dem Volk erkannt und gegrüßt wurde, am auffälligsten aber und regelmäßigsten von einer sehr hübschen Krämerin, deren Laden an einem Schild mit zwei Engeln kenntlich war, und die, so oft ich in den fünf oder sechs Monaten vorüber kam, sich tief neigte und mir soweit nachsah, als sie konnte. Ihr Betragen fiel mir auf, ich sah sie gleichfalls an und dankte ihr sorgfältig. Einmal, im Spätwinter, ritt ich von Fontainebleau nach Paris und als ich wieder die kleine Brücke heraufkam, trat sie an ihre Ladentür und sagte zu mir, indem ich vorbeiritt: »Mein Herr, Ihre Dienerin!« Ich erwiderte ihren Gruß und, indem ich mich von Zeit zu Zeit umsah, hatte sie sich weiter vorgelehnt, um mir soweit als möglich nachzusehen. Ich hatte einen Bedienten und einen Postillon hinter mir, die ich noch diesen Abend mit Briefen an gewisse Damen nach Fontainebleau zurückschicken wollte. Auf meinen Befehl stieg der Bediente ab und ging zu der jungen Frau, ihr in meinem Namen zu sagen, daß ich ihre Neigung, mich zu sehen und zu grüßen, bemerkt hätte; ich wollte, wenn sie wünschte, mich näher kennen zu lernen, sie aufsuchen, wo sie verlangte.

Sie antwortete dem Bedienten: Er hätte ihr keine erwünschtere Botschaft bringen können, sie wollte kommen, wohin ich sie bestellte.

Im Weiterreiten fragte ich den Bedienten, ob er nicht etwa einen Ort wüßte, wo ich mit der Frau zusammenkommen könnte? Er antwortete, daß er sie zu einer gewissen Kupplerin führen wollte; da er aber ein sehr besorgter und gewissenhafter Mensch war, dieser Diener Wilhelm aus Courtral, so setzte er gleich hinzu: Da die Pest sich hie und da zeige und nicht nur Leute aus dem niedrigen und schmutzigen Volk, sondern auch ein Doktor und ein Domherr schon daran gestorben seien, so rate er mir, Matratzen, Decken und Leintücher aus meinem Hause mitbringen zu lassen. Ich nahm den Vorschlag an, und er versprach mir ein gutes Bett zu bereiten. Vor dem Absteigen sagte ich noch, er solle auch ein ordentliches Waschbecken dorthin tragen, eine kleine Flasche mit wohlriechender Essenz und etwas Backwerk und Äpfel; auch solle er dafür sorgen, daß das Zimmer tüchtig geheizt werde, denn es war so kalt, daß mir die Füße im Bügel steif gefroren waren, und der Himmel hing voll Schneewolken.

Den Abend ging ich hin und fand eine sehr schöne Frau von ungefähr zwanzig Jahren auf dem Bette sitzen, indes die Kupplerin, ihren Kopf und ihren runden Rücken in ein schwarzes Tuch eingemummt, eifrig in sie hineinredete. Die Tür war angelehnt, im Kamin lohten große frische Scheiter geräuschvoll auf, man hörte mich nicht kommen, und ich blieb einen Augenblick in der Tür stehen. Die Junge sah mit großen Augen ruhig in die Flamme; mit einer Bewegung ihres Kopfes hatte sie sich wie auf Meilen von der widerwärtigen Alten entfernt; dabei war unter einer kleinen Nachthaube, die sie trug, ein Teil ihrer schweren dunklen Haare vorgequollen und fiel, zu ein paar natürlichen Locken sich ringelnd, zwischen Schulter und Brust über das Hemd. Sie trug noch einen kurzen Unterrock von grünwollenem Zeug und Pantoffeln an den Füßen. In diesem Augenblick mußte ich mich durch ein Geräusch verraten haben: Sie warf ihren Kopf herum und bog mir ein Gesicht entgegen, dem die übermäßige Anspannung der Züge fast einen wilden Ausdruck gegeben hätte, ohne die strahlende Hingebung, die aus den weit aufgerissenen Augen strömte und aus dem sprachlosen Mund wie eine unsichtbare Flamme herausschlug. Sie gefiel mir außerordentlich; schneller als es sich denken läßt, war die Alte aus dem Zimmer und ich bei meiner Freundin. Als ich mir in der ersten Trunkenheit des überraschenden Besitzes einige Freiheiten herausnehmen wollte, entzog sie sich mir mit einer unbeschreiblichen lebenden Eindringlichkeit zugleich des Blickes und der dunkeltönenden Stimme. Im nächsten Augenblick aber fühlte ich mich von ihr umschlungen, die noch inniger mit dem fort und fort empordrängenden Blick der unerschöpflichen Augen als mit den Lippen und den Armen an mir haftete; dann wieder war es, als wollte sie sprechen, aber die von Küssen zuckenden Lippen bildeten keine Worte, die bebende Kehle ließ keinen deutlicheren Laut als ein gebrochenes Schluchzen empor.

Nun hatte ich einen großen Teil dieses Tages zu Pferde auf frostigen Landstraßen verbracht, nachher im Vorzimmer des Königs einen sehr ärgerlichen und heftigen Auftritt durchgemacht und darauf, meine schlechte Laune zu betäuben, sowohl getrunken als mit dem Zweihänder stark gefochten, und so überfiel mich mitten unter diesem reizenden und geheimnisvollen Abenteuer, als ich von weichen Armen im Nacken umschlungen und mit duftendem Haar bestreut dalag, eine so plötzliche heftige Müdigkeit und beinahe Betäubung, daß ich mich nicht mehr zu erinnern wußte, wie ich denn gerade in dieses Zimmer gekommen wäre, ja sogar für einen Augenblick die Person, deren Herz so nahe dem meinigen klopfte, mit einer ganz anderen aus früherer Zeit verwechselte und gleich darauf fest einschlief.

Als ich wieder erwachte, war es noch finstere Nacht, aber ich fühlte sogleich, daß meine Freundin nicht mehr bei mir war. Ich hob den Kopf und sah beim schwachen Schein der zusammensinkenden Glut, daß sie am Fenster stand: Sie hatte den einen Laden aufgeschoben und sah durch den Spalt hinaus. Dann drehte sie sich um, merkte, daß ich wach war, und rief (ich sehe noch, wie sie dabei mit dem Ballen der linken Hand an ihrer Wange emporfuhr und das vorgefallene Haar über die Schulter zurückwarf): »Es ist noch lange nicht Tag, noch lange nicht!« Nun sah ich erst recht, wie groß und schön sie war, und konnte den Augenblick kaum erwarten, daß sie mit wenigen der ruhigen großen Schritte ihrer schönen Füße, an denen der rötliche Schein emporglomm, wieder bei mir wäre. Sie trat aber noch vorher an den Kamin, bog sich zur Erde, nahm das letzte schwere Scheit, das draußen lag, in ihre strahlenden nackten Arme und warf es schnell in die Glut. Dann wandte sie sich, ihr Gesicht funkelte von Flammen und Freude, mit der Hand riß sie im Vorbeilaufen einen Apfel vom Tisch und war schon bei mir, ihre Glieder noch vom frischen Anhauch des Feuers umweht und dann gleich aufgelöst und von innen her von stärkeren Flammen durchschüttert, mit der Rechten mich umfassend, mit der Linken zugleich die angebissene kühle Frucht und Wangen, Lippen und Augen meinem Mund darbietend. Das letzte Scheit im Kamin brannte stärker als alle anderen. Aufsprühend sog es die Flamme in sich und ließ sie dann wieder gewaltig emporlohen, daß der Feuerschein über uns hinschlug, wie eine Welle, die an der Wand sich brach und unsere umschlungenen Schatten jäh emporhob und wieder sinken ließ. Immer wieder knisterte das starke Holz und nährte aus seinem Innern immer wieder neue Flammen, die emporzüngelten und das schwere Dunkel mit Güssen und Garben von rötlicher Helle verdrängten. Auf einmal aber sank die Flamme hin, und ein kalter Lufthauch tat leise wie eine Hand den Fensterladen auf und entblößte die fahle widerwärtige Dämmerung.

Wir setzten uns auf und wußten, daß nun der Tag da war. Aber das da draußen glich keinem Tag. Es glich nicht dem Aufwachen der Welt. Was da draußen lag, sah nicht aus wie eine Straße. Nichts einzelnes ließ sich erkennen: es war ein farbloser, wesenloser Wust, in dem sich zeitlose Larven hinbewegen mochten. Von irgendwoher, weither, wie aus der Erinnerung heraus, schlug eine Turmuhr, und eine feuchtkalte Luft, die keiner Stunde angehörte, zog sich immer stärker herein, daß wir uns schaudernd aneinander drückten. Sie bog sich zurück und heftete ihre Augen mit aller Macht auf mein Gesicht; ihre Kehle zuckte, etwas drängte sich in ihr herauf und quoll bis an den Rand der Lippen vor: Es wurde kein Wort daraus, kein Seufzer und kein Kuß, aber etwas, was ungeboren allen dreien glich. Von Augenblick zu Augenblick wurde es heller und der vielfältige Ausdruck ihres zuckenden Gesichts immer redender; auf einmal kamen schlurfende Schritte und Stimmen von draußen so nahe am Fenster vorbei , daß sie sich duckte und ihr Gesicht gegen die Wand kehrte. Es waren zwei Männer, die vorbeigingen: Einen Augenblick fiel der Schein einer kleinen Laterne, die der eine trug, herein; der andere schob einen Karren, dessen Rad knirschte und ächzte. Als sie vorüber waren, stand ich auf, schloß den Laden und zündete ein Licht an. Da lag noch ein halber Apfel: Wir aßen ihn zusammen, und dann fragte ich sie, ob ich sie nicht noch einmal sehen könnte, denn ich verreise erst Sonntag. Dies war aber die Nacht vom Donnerstag auf den Freitag gewesen.

Sie antwortete mir: Daß sie es gewiß sehnlicher verlange als ich; wenn ich aber nicht den ganzen Sonntag bliebe, sei es ihr unmöglich; denn nur in der Nacht vom Sonntag auf den Montag könnte sie mich wiedersehen.

Mir fielen zuerst verschiedene Abhaltungen ein, so daß ich einige Schwierigkeiten machte, die sie mit keinem Worte, aber mit einem überaus schmerzlich fragenden Blick und einem gleichzeitigen fast unheimlichen Hart- und Dunkelwerden ihres Gesichts anhörte. Gleich darauf versprach ich natürlich, den Sonntag zu bleiben, und setzte hinzu, ich wollte also Sonntag Abend mich wieder an dem nämlichen Ort einfinden. Auf dieses Wort sah sie mich fest an und sagte mir mit einem ganz rauhen und gebrochenen Ton in der Stimme: »Ich weiß recht gut, daß ich um deinetwillen in ein schändliches Haus gekommen bin; aber ich habe es freiwillig getan, weil ich mit dir sein wollte, weil ich jede Bedingung eingegangen wäre. Aber jetzt käme ich mir vor, wie die letzte niedrigste Straßendirne, wenn ich ein zweitesmal hierher zurückkommen könnte. Um deinetwillen hab‘ ich’s getan, weil du für mich der bist, der du bist, weil du der Bassompierre bist, weil du der Mensch auf der Welt bist, der mir durch seine Gegenwart dieses Haus da ehrenwert macht!« Sie sagte: »Haus«; einen Augenblick war es, als wäre ein verächtlicheres Wort ihr auf der Zunge; indem sie das Wort aussprach, warf sie auf diese vier Wände, auf dieses Bett, auf die Decke, die herabgeglitten auf dem Boden lag, einen solchen Blick, daß unter der Garbe von Licht, die aus ihren Augen hervorschoß, alle diese häßlichen und gemeinen Dinge aufzuzucken und geduckt vor ihr zurückzuweichen schienen, als wäre der erbärmliche Raum wirklich für einen Augenblick größer geworden.

Dann setzte sie mit einem unbeschreiblich sanften und feierlichen Tone hinzu: »Möge ich eines elenden Todes sterben, wenn ich außer meinem Mann und dir je irgendeinem andern gehört habe und nach irgendeinem anderen auf der Welt verlange!« und schien, mit halboffenen, lebenhauchenden Lippen leicht vorgeneigt, irgendeine Antwort, eine Beteuerung meines Glaubens zu erwarten, von meinem Gesicht aber nicht das zu lesen, was sie verlangte, denn ihr gespannter suchender Blick trübte sich, ihre Wimpern schlugen auf und zu, und auf einmal war sie am Fenster und kehrte mir den Rücken, die Stirn mit aller Kraft an den Laden gedrückt, den ganzen Leib von lautlosem, aber entsetzlich heftigem Weinen so durchschüttert, daß mir das Wort im Munde erstarb und ich nicht wagte, sie zu berühren. Ich erfaßte endlich eine ihrer Hände, die wie leblos herabhingen, und mit den eindringlichsten Worten, die mir der Augenblick eingab, gelang es mir nach langem, sie soweit zu besänftigen, daß sie mir ihr von Tränen überströmtes Gesicht wieder zukehrte, bis plötzlich ein Lächeln, wie ein Licht zugleich aus den Augen und rings um die Lippen hervorbrechend, in einem Moment alle Spuren des Weinens wegzehrte und das ganze Gesicht mit Glanz überschwemmte. Nun war es das reizendste Spiel, wie sie wieder mit mir zu reden anfing, indem sie sich mit dem Satz: »Du willst mich noch einmal sehen? so will ich dich bei meiner Tante einlassen!« endlos herumspielte, die erste Hälfte zehnfach aussprach, bald mit süßer Zudringlichkeit, bald mit kindischem gespielten Mißtrauen, dann die zweite mir als das größte Geheimnis zuerst ins Ohr flüsterte, dann mit Achselzucken und spitzem Mund, wie die selbstverständlichste Verabredung von der Welt, über die Schulter hinwarf und endlich, an mir hängend, mir ins Gesicht lachend und schmeichelnd wiederholte. Sie beschrieb mir das Haus aufs genaueste, wie man einem Kind den Weg beschreibt, wenn es zum erstenmal allein über die Straße zum Bäcker gehen soll. Dann richtete sie sich auf, wurde ernst – und die ganze Gewalt ihrer strahlenden Augen heftete sich auf mich mit einer solchen Stärke, daß es war, als müßten sie auch ein totes Geschöpf an sich zu reißen vermögend sein – und fuhr fort: »Ich will dich von zehn Uhr bis Mitternacht erwarten und auch noch später und immerfort, und die Tür unten wird offen sein. Erst findest du einen kleinen Gang, in dem halte dich nicht auf, denn da geht die Tür meiner Tante heraus. Dann stößt dir eine Treppe entgegen, die führt dich in den ersten Stock, und dort bin ich!« Und indem sie die Augen schloß, als ob ihr schwindelte, warf sie den Kopf zurück, breitete die Arme aus und umfing mich, und war gleich wieder aus meinen Armen und in die Kleider eingehüllt, fremd und ernst, und aus dem Zimmer; denn nun war völlig Tag.

Ich machte meine Einrichtung, schickte einen Teil meiner Leute mit meinen Sachen voraus und empfand schon am Abend des nächsten Tages eine so heftige Ungeduld, daß ich bald nach dem Abendläuten mit meinem Diener Wilhelm, den ich aber kein Licht mitnehmen hieß, über die kleine Brücke ging, um meine Freundin wenigstens in ihrem Laden oder in der daranstoßenden Wohnung zu sehen und ihr allenfalls ein Zeichen meiner Gegenwart zu geben, wenn ich mir auch schon keine Hoffnung auf mehr machte, als etwa einige Worte mit ihr wechseln zu können.

Um nicht aufzufallen, blieb ich an der Brücke stehen und schickte den Diener voraus, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er blieb längere Zeit aus und hatte beim Zurückkommen die niedergeschlagene und grübelnde Miene, die ich an diesem braven Menschen immer kannte, wenn er einen meinigen Befehl nicht hatte erfolgreich ausführen können. »Der Laden ist versperrt«, sagte er, »und scheint auch niemand darinnen. Überhaupt läßt sich in den Zimmern, die nach der Gasse zu liegen, niemand sehen und hören. In den Hof könnte man nur über eine hohe Mauer, zudem knurrt dort ein großer Hund. Von den vorderen Zimmern ist aber eines erleuchtet, und man kann durch einen Spalt im Laden hineinsehen, nur ist es leider leer.«

Mißmutig wollte ich schon umkehren, strich aber doch noch einmal langsam an dem Haus vorbei, und mein Diener in seiner Beflissenheit legte nochmals sein Auge an den Spalt, durch den ein Lichtschimmer drang, und flüsterte mir zu, daß zwar nicht die Frau, wohl aber der Mann nun in dem Zimmer sei. Neugierig, diesen Krämer zu sehen, den ich mich nicht erinnern konnte, auch nur ein einzigesmal in seinem Laden erblickt zu haben, und den ich mir abwechselnd als einen unförmlichen dicken Menschen oder als einen dürren gebrechlichen Alten vorstellte, trat ich ans Fenster und war überaus erstaunt, in dem guteingerichteten vertäfelten Zimmer einen ungewöhnlich großen und sehr gut gebauten Mann umhergehen zu sehen, der mich gewiß um einen Kopf überragte und, als er sich umdrehte, mir ein sehr schönes tiefernstes Gesicht zuwandte, mit einem braunen Bart, darin einige wenige silberne Fäden waren, und mit einer Stirn von fast seltsamer Erhabenheit, so daß die Schläfen eine größere Fläche bildeten, als ich noch je bei einem Menschen gesehen hatte. Obwohl er ganz allein im Zimmer war, so wechselte doch sein Blick, seine Lippen bewegten sich, und indem er unter dem Auf- und Abgehen hie und da stehen blieb, schien er sich in der Einbildung mit einer anderen Person zu unterhalten: einmal bewegte er den Arm, wie um eine Gegenrede mit halb nachsichtiger Überlegenheit wegzuweisen. Jede seiner Gebärden war von großer Lässigkeit und fast verachtungsvollem Stolz, und ich konnte nicht umhin, mich bei seinem einsamen Umhergehen lebhaft des Bildes eines sehr erhabenen Gefangenen zu erinnern, den ich im Dienst des Königs während seiner Haft in einem Turmgemach des Schlosses zu Blois zu bewachen hatte. Diese Ähnlichkeit schien mir noch vollkommener zu werden, als der Mann seine rechte Hand emporhob und auf die emporgekrümmten Finger mit Aufmerksamkeit, ja mit finsterer Strenge hinabsah.

Denn fast mit der gleichen Gebärde hatte ich jenen erhabenen Gefangenen öfter einen Ring betrachten sehen, den er am Zeigefinger der rechten Hand trug und von welchem er sich niemals trennte. Der Mann im Zimmer trat dann an den Tisch, schob die Wasserkugel vor das Wachslicht und brachte seine beiden Hände in den Lichtkreis, mit ausgestreckten Fingern: er schien seine Nägel zu betrachten. Dann blies er das Licht aus und ging aus dem Zimmer und ließ mich nicht ohne eine dumpfe zornige Eifersucht zurück, da das Verlangen nach seiner Frau in mir fortwährend wuchs und wie ein umsichgreifendes Feuer sich von allem nährte, was mir begegnete und so durch diese unerwartete Erscheinung in verworrener Weise gesteigert wurde, wie durch jede Schneeflocke, die ein feuchtkalter Wind jetzt zertrieb und die mir einzeln an Augenbrauen und Wangen hängen blieben und schmolzen.

Den nächsten Tag verbrachte ich in der nutzlosesten Weise, hatte zu keinem Geschäft die richtige Aufmerksamkeit, kaufte ein Pferd, das mir eigentlich nicht gefiel, wartete nach Tisch dem Herzog von Nemours auf und verbrachte dort einige Zeit mit Spiel und mit den albernsten und widerwärtigsten Gesprächen. Es war nämlich von nichts anderem die Rede, als von der in der Stadt immer heftiger umsichgreifenden Pest, und aus allen diesen Edelleuten brachte man kein anderes Wort heraus als dergleichen Erzählungen von dem schnellen Verscharren der Leichen, von dem Strohfeuer, das man in den Totenzimmern brennen müsse, um die giftigen Dünste zu verzehren, und so fort; der Albernste aber erschien mir der Kanonikus von Chandieu, der, obwohl dick und gesund wie immer, sich nicht enthalten konnte, unausgesetzt nach seinen Fingernägeln hinabzuschielen, ob sich an ihnen schon das verdächtige Blauwerden zeige, womit sich die Krankheit anzukündigen pflegt.

Mich widerte das alles an, ich ging früh nach Hause und legte mich zu Bette, fand aber den Schlaf nicht, kleidete mich vor Ungeduld wieder an und wollte, koste es was es wolle, dorthin, meine Freundin zu sehen, und müßte ich mit meinen Leuten gewaltsam eindringen. Ich ging ans Fenster, meine Leute zu wecken, die eisige Nachtluft brachte mich zur Vernunft, und ich sah ein, daß dies der sichere Weg war, alles zu verderben. Angekleidet warf ich mich aufs Bett und schlief endlich ein.

Ähnlich verbrachte ich den Sonntag bis zum Abend, war viel zu früh in der bezeichneten Straße, zwang mich aber, in einer Nebengasse auf- und niederzugehen, bis es zehn Uhr schlug. Dann fand ich sogleich das Haus und die Tür, die sie mir beschrieben hatte, und die Tür auch offen, und dahinter den Gang und die Treppe. Oben aber die zweite Tür, zu der die Treppe führte, war verschlossen, doch ließ sie unten einen feinen Lichtstreif durch. So war sie drinnen und wartete und stand vielleicht horchend drinnen an der Tür, wie ich draußen. Ich kratzte mit dem Nagel an der Tür, da hörte ich drinnen Schritte: es schienen mir zögernd unsichere Schritte eines nackten Fußes. Eine Zeit stand ich ohne Atem und dann fing ich an zu klopfen: aber ich hörte eine Mannesstimme, die mich fragte, wer draußen sei. Ich drückte mich ans Dunkel des Türpfostens und gab keinen Laut von mir: die Tür blieb zu und ich klomm mit der äußersten Stille, Stufe für Stufe, die Stiege hinab, schlich den Gang hinaus ins Freie und ging, mit pochenden Schläfen und zusammengebissenen Zähnen, glühend vor Ungeduld, einige Straßen auf und ab. Endlich zog es mich wieder vor das Haus. ich wollte noch nicht hinein; ich fühlte, ich wußte, sie würde den Mann entfernen, es müßte gelingen, gleich würde ich zu ihr können. Die Gasse war eng; auf der anderen Seite war kein Haus, sondern die Mauer eines Klostergartens: an der drückte ich mich hin und suchte von gegenüber das Fenster zu erraten. Da loderte in einem, das offen stand, im oberen Stockwerk, ein Schein auf und sank wieder ab, wie von einer Flamme. Nun glaubte ich alles vor mir zu sehen: sie hatte ein großes Scheit in den Kamin geworfen wie damals, wie damals stand sie jetzt mitten im Zimmer, die Glieder funkelnd von der Flamme, oder saß auf dem Bette und horchte und wartete. Von der Tür würde ich sie sehen und den Schatten ihres Nackens, ihrer Schultern, den die durchsichtige Stelle an der Wand hob und senkte. Schon war ich im Gang, schon auf der Treppe; nun war auch die Tür nicht mehr verschlossen: angelehnt, ließ sie auch seitwärts den schwankenden Schein durch. Schon streckte ich die Hand nach der Klinke aus, da glaubte ich drinnen Schritte und Stimmen von mehreren zu hören. Ich wollte es aber nicht glauben: ich nahm es für das Arbeiten meines Blutes in den Schläfen, am Halse, und für das Lodern des Feuers drinnen. Auch damals hatte es laut gelodert. Nun hatte ich die Klinke gefaßt, da mußte ich begreifen, daß Menschen drinnen waren, mehrere Menschen. Aber nun war es mir gleich: denn ich fühlte, ich wußte, sie war auch drinnen, und sobald ich die Türe aufstieß, konnte ich sie sehen, sie ergreifen, und, wäre es auch aus den Händen anderer, mit einem Arm sie an mich reißen, müßte ich gleich den Raum für sie und mich mit meinem Degen, mit meinem Dolch aus einem Gewühl schreiender Menschen herausschneiden! Das einzige, was mir ganz unerträglich schien, war, noch länger zu warten.

Ich stieß die Tür auf und sah:

In der Mitte des leeren Zimmers ein paar Leute, welche Bettstroh verbrannten, und bei der Flamme, die das ganze Zimmer erleuchtete, abgekratzte Wände, deren Schutt auf dem Boden lag, und an einer Wand einen Tisch, auf dem zwei nackte Körper ausgestreckt lagen, der eine sehr groß, mit zugedecktem Kopf, der andere kleiner, gerade an der Wand hingestreckt, und daneben der schwarze Schatten feiner Formen, der emporspielte und wieder sank.

Ich taumelte die Stiege hinab und stieß vor dem Haus auf zwei Totengräber: der eine hielt mir seine kleine Laterne ins Gesicht und fragte mich, was ich suche? Der andere schob seinen ächzenden, knirschenden Karren gegen die Haustür. Ich zog den Degen, um sie mir vom Leibe zu halten, und kam nach Hause. Ich trank sogleich drei oder vier große Gläser schweren Weins und trat, nachdem ich mich ausgeruht hatte, den anderen Tag die Reise nach Lothringen an.

Alle Mühe, die ich mir nach meiner Rückkunft gegeben, irgend etwas von dieser Frau zu erfahren, war vergeblich. Ich ging sogar nach dem Laden mit den zwei Engeln; allein die Leute, die ihn jetzt inne hatten, wußten nicht, wer vor ihnen darin gesessen hatte.

M. de Bassompierre, journal de ma vie, Köln 1663. 

Goethe, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.


 

Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad. Aber die kantig verpackte, auf Höfen aus Eutern gesuckte, weiße, ich weiß: von Kühen für Kälber den dauerverdauten, im Wind weh’nden Gräsern entschnaubte, geraubte, verrührte, maschinell Molkerei’n zugeführte, von Lastwag’n in Supermärkte chauffierte Flüssigkeit reichte bei weitem nicht aus, um damit meine Wanne voll zu machen. Ich holte Sahne   und Schmand aus der Küche und schüttete sie auf die neunzehn Liter drauf, die Melchior, der Schrank, noch hergegeben hatte. Wie’s aussah würde ich mehr Milch kaufen geh’n müssen. Nur wo?! Die Geschäfte hatten alle schon zu. Zur Tankstelle also? Im Grunde konnte ich’s mir ja leisten. Hatte ich doch Monate mit dem Weißeln von Wänden verbracht und Geld wie Heu. Ich zog also los.

Bevor ich aufbrach, präparierte ich aber noch ein Stirnband.

Meine Freundin Karen hatte vor vier Monaten mit mir Schluss gemacht und beim Auszug alles mitgenommen: den Sandwichmaker, das Hochbett, den Vorgänger Melchiors … Alles außer einer etwa vierzehn Zentimeter langen Messingschraube, mit der das Hochbett an der Wand befestigt gewesen war und mit der ich nun das Stirnband derart durchbohrte und mit Isolierband umwickelte, dass dort, wo vorher harmlos »Nike« gestanden hatte, nun ein Horn stand. Ich zog es mir auf und den Parka an und hinaus ging’s.

O und draußen, da … blühten die Linden! Nirgends lag mehr Schnee auf den Dächern der Autos, die leer, unanhebbar schwer, lautlos im Licht der Laternen, längs des Bürgersteigs, der mich hinantrug, matt schimmerten – es war Sommer geworden. Auf Armaturen lagen zärtlich per Einriss beschädigte Karten zu Reggaekonzerten, auf Beifahrersitzen Bikinis, Bermudashorts, Schnorchel, Pappteller voller Marmorkuchenkrümel, zerknautschte Zigaretten schachteln, auf Rücksitzen luftleere Luftmatratzen und bierleere Flaschen, gläsern vertrunkene Limo und Apfelsaftschorlen, sommerwiesig, zumzerfieselnstundenzeithabig etikettiert.

Gerührt und traurig, dass das Fest schon verrauscht schien, starrte ich in die sonst so rasenden Reliquienschreine, diese schneewittchenen, gläsernen Särge, in denen ein Mensch gewordener Sommer lag. Wäre ich ein Prinz gewesen, ich hätte ihn wachgeküsst. Ich hätte eine Scheibe eingeschlagen und eines der Autos geklaut. Wäre ich ein Dieb gewesen, wäre ich weggefahren, noch tiefer in den Süden hinein, in den Palmenwald menorcanischer Gefühle, der sich mir inwendig auftat. Ich lauschte der Gischt des Fernverkehrs, sah »den See« über den Dächern, diesen Kristall des Vorschwebens vom Schleifband himmelwärts gewundener Straßen geschliffener werden. Wie traurig, wie schön, wie erinnerlich und verrinnend doch dieser Abend war, und arglos, und wie er sich ganz leise schnaubend nüsternstupsig mitten in der Stadt gebärdete! (Der wippende Haselzweig, den ich meine.)

Die Tankstelle war ein schon von weitem zu spürendes Glimmen von kleinen Stängeln, ein Pulsen des Safts in den Schläuchen, ein Sich-Umdreh’n von Bäuchen, ein Kotzen von Schlangen in Tanks rein, ein in Gesichter geschriebenes Bangen, das Geld möge reichen, Verfluchung von Scheichen, Herumsteh’n an Teichen, in denen kein Fisch schwamm. Ein zarter Wind lag mir mit strotzendem Benzingeruch in der Nase. Ich musste niesen. Schon von weitem sah ich, in Blazern und schreienden Hemden, die hinter ihre beat-wummernden, türenschlagenden Schlitten geduckten, einander mit Zapfcolts bedroh’nden, Stutzen in seitliche, lackfarbumgrellte Löcher rammenden Kerle her- umulkend um die Wette tanken. Vielleicht war es auch nur das Nacheinander rauchend volltankender Spaßpistoleros, aber die Sprache hier, der Erinnerung, ordnet mir alles zu gleißender Gleichzeitigkeit, Assonanz, und ich will sie gewähren lassen, will sie hier, im selben Satz noch, mich, den Spruch »Da geht das letzte Einhorn!« im Rücken, durch eine sanft sich aufschiebende Doppelglastür eintreten lassen lassen, ins Grelle.

Es ist wie immer. Ist wie mit Waren, die aber sehr wohl sind, hart und grell beworfen zu werden. Hart und grell und hagelnd. Eine Steinigung oder Kirschkernkissenschlacht der viel’n gegen einen, der klein ist, nein schlaksig. Der schlaksige Kerl, der hereinkommt, hält sich die Arme vors Gesicht, um sich vor den aus allen Richtungen auf ihn zufliegenden Chipstüten, Zigarettenschachteln, Redbulldosen, Busenbroschüren, Schokoriegeln, Weinflaschen, Sektflaschen, Bierflaschen, Kaugummipackungen, Magazinen, Gummibärchentüten, Blicken, Bierdosen, Boilern, Bachblütenbonbonbehältern zu schützen. Er heißt schlichtweg »Hannes«. Er geht nun auf die Verkäuferin zu. Alles, was er von ihr will, ist ein Lächeln und einen Kuss vielleicht. Und sie, die Schwarzhaarige, Geschminkte, von Beginn an Abwinkende, malt ihm mit einem Kugelschreiber (der kein Lippenstift ist) einen Strichcode auf die Stirn, setzt ihm ihre Infrarotpistole auf diese Brust vor seinem Hirn, das ein Herz ist, drückt ab. Es piepst lakonisch. Hannes erfährt, dass er gerade mal 95 Cent wert ist, und geht vor den Augen der Verkäuferin, die, ein Namensschild verrät es gerade noch, »Carmen« heißt, ein. Unter, der Boden verschluckt ihn.

Da stand ich also, in der Tankstelle, im Attackenbunt, und dachte dunkel an meine Wohnung. Wie verlassen sie jetzt schien. Wie fern und leer und möbliert nur mit Melchior und einem einzigen Stuhl. Und wie sehr auf diesem Stuhl mein Wohnungsschlüssel lag und wie die drei sich ganz tonlos zuraunten, wo ich denn bliebe. Gerührt von diesem Wissen begann ich, mich ein wenig umzutun in dem Shop, der der der Tankstelle war. Ich blätterte zwei, drei der Hefte. Recht reißfest war’n Tüten mit Chips drin. Ich roch am Rund einer Pringlesdose und Dosen von Fett und Hydraten und Inhaltsstoffe studierte ich aufheul’nd. Prüfte Scheibenwischer auf ihre Intaktheit. Probierte einen Hupfball aus – bis der zu den Milky Ways fiel, ins Regal unterm Tresen. Da wusste ich plötzlich wieder, weshalb ich ja hier war. Ich wollte Milch!

O sie hatten Milch! Zwar nicht meine Lieblingsmarke, aber immerhin siebzehn Liter. – Aus dem stark, zu stark!, kühlenden Tankstellenkühlschrank, doch ich sah mich schon, diese Not zu einer Tugend verarbeitend, in der Küche stehen und köchelnde Milch zu herrlichem Badeschaum boxen … Ich bat einen Mann mit Muskeln, der in einer mit Redbulldosen gefüllten, durchsichtigen Halbkugel wühlte, mir, wie ich mich ausdrückte, »mal eben sehr plötzlich einen Gefallen zu tun«. Er sah mir zuerst in die Augen. Dann auf mein Stirnhorn. Dann auf die Schuhe. Dann ins Gesicht. Dann auf dessen Ausdruck und sagte dann »Oh…« und dann »käj…«. Ich führte ihn hin (zum Kühlschrank) und erklärte ihm, was und wie. Ich hielt meine Arme so, dass er in die Kehlen meiner Ellenbogen – wie Holzscheite – die Milchpackungen legen konnte, nahm aber vorher noch meine EC-Karte zwischen die Zähne. Er lud und lud. Sein Goldkettchen rutschte ihm am Stiernacken auf und ab, und er kam richtig ins Schwitzen.

Ab und zu trat ich ihm leicht mit meinen federnden Schuhspitzen gegens Schienbein, um ihn anzutreiben, rammte ihm ein Knie in die Magengegend, um ihn zu animieren, schneller zu stapeln, verpasste ihm, was ich, befrachtet, wie ich schon war, nicht konnte und deshalb unterließ, »a G’nackwoatsch’n«, damit es voranging. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis wir fertig waren. Als er sich, mit mir zugewandtem Gesicht, rückwärtsgehend, von mir entfernte, kam es mir so vor, als kennten wir uns schon seit Stunden. Ich entließ ihn mit einer Art würdevollem Nicken.

Caro, so hieß die Verkäuferin diesmal, hatte uns bei der Arbeit zugeschaut. Wir mussten das Bild zweier Holz zu holen sich bei einer Berghütteneinkehr erbietender Pfadfinder abgegeben haben. So etwas: männliche Sorge um ein Feuer, Holz holen, Holz hacken, Holz gekonnt in den Flammen positionieren, zieht immer gut bei den wollüstig frösteln- den, die Knie bibbernd aneinander pressenden, antörnend unsexy in schlotternde Wollpullover gekleideten Frauen, die sehnsüchtig in die Glut starren und leise, zu scheu zum Singen, zu angetan, um still zu sein, vor sich hin summen. Ich meinte, als ich mich anstellte, auf Caros sich aufhellendem Gesicht den flackernden Widerschein von Flammen und von fernem Sternenlicht erkennen zu können.

Zwei Longpapers-Käufer kamen noch vor mir dran. Dann griff sich Caro eine der Packungen von meinem wackeligen Berg. Sie ließ es piepsen, zählte durch und gab dann den Algorithmus mal siebzehn ein. Als sie mir die Summe, horrend war sie, nannte, hob ich die Brauen, um mich zu beschweren (wobei mir beinah das Stirnband hochgerutscht wäre!), und reckte dann meinen Hals mit dem Kopf, in dessen Mund die Karte steckte, in ihre Richtung.

Caro nahm mir die Karte mit spitzen Fingern ab, was mir die Möglichkeit, »Danke« zu sagen verschaffte, und steckte sie in den Schlitz des Apparats. »Geheimzahl bitte und zweimal bestätigen«, sagte Caro. Ich zog die  Milch fester an mich und beugte mich vor. Mein Horn sauste auf die kleinen, leise aufpiepsenden Tasten nieder. Ein Bon wurde gedruckt. Ihn und die Karte im Mund, verließ ich die Tankstelle.

Mit meiner weißen Fracht galoppierte ich durch die Nacht.


*Aus: “Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe” by Jan Snela © 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart.

Die psychiatrische Tagesklinik Sankt Johannesweide umfasst ein weitläufiges Gelände. Die Patienten werden in diesem niederbayerischen Juwel der Heilungsanstalten fünf Tage die Woche von sieben Uhr früh bis sechs Uhr abends aufgenommen. Seit drei Wochen ist diese Klinik mein Leben. Drei Wochen. Da kann noch kein Antidepressivum wirken, da kann es noch niemandem grundlegend besser gehen. Das bekomme ich oft zu hören, und ich stimme dem im Grunde auch zu. Ich bleibe geduldig und stelle lediglich fest, dass die Antidepressiva bislang keine Wirkung auf meine Psyche zeigen, sehr wohl aber auf mein Erektionsvermögen.

Jeden Tag mache ich ausgedehnte Spaziergänge über das Klinikgelände. Nicht aufgrund von Selbstdisziplin oder Genesungswillen, sondern weil ich nicht weiß, was nach sechs Uhr noch zu tun wäre. Stundenlang spaziere ich über die Hügel, an den Bäumen entlang und dem Teich mit Fröschen vorbei. Ich fahre erst dann heim, wenn es dunkel geworden ist. Aber da der Sommer unaufhaltsam voranschreitet, zögert sich dieser Augenblick von Tag zu Tag weiter hinaus. Zu Hause schlafe ich wie ein Ermordeter, mache nach dem Aufstehen eine minimale Morgentoilette, rühre keinen Bissen an, trinke nicht einmal Kaffee und fahre wieder zur Klinik.

Die Wochenenden verschlafe ich, leider nicht durchgehend, sondern mit Unterbrechungen, unruhig und traumlos. Beim Aufwachen bin ich schließlich genauso ausgelaugt wie beim Einschlafen. In den wachen Stunden schalte ich den Fernseher ein. Irgendwann denke ich daran, etwas zu essen. Dafür gehe ich zum Türken nebenan, es ist der einzige Türke in Waldesreuth, er bietet Döner an. Sobald ich den Laden betrete, fängt er schweigend mit der Zusammenstellung meines Essens an, ich nehme immer dasselbe, Salatauswahl und ein Glas Schwarztee. In einer Ecke des Ladens hängt ein Fernseher, der auf einen Nachrichtenkanal eingestellt ist. Die Nachrichten sehe ich mir unbeteiligt an, denn ich warte nur. Ich warte auf Montag, sieben Uhr früh.

Im Teich wachsen langsam die Kaulquappen heran. Die stärksten und fettesten unter ihnen können nur überleben, indem sie zu Kannibalen werden. Von der Bevölkerung des Teichs mit Kaulquappen und Fröschen weiß ich, weil ich das Gemenge im Wasser beim Spazierengehen selbst entdeckt habe. Die Ärzte hatten eher nebenbei erwähnt, dass es auf dem Gelände durchaus vieles zu entdecken gebe.

Auch nach einem Monat kann ich mir meinen Wochenplan in der Klinik nicht merken, deshalb hängt er über meinem Bett, notiert auf einem karierten Zettel. Am Montag zum Beispiel ist als Erstes die gemeinsame Frühstücksvorbereitung dran, danach die Gruppensitzung, danach die Bewegungstherapie und so weiter. Ich kann mir meinen Wochenplan nicht merken, weil ich an depressionsbedingtem Gedächtnisschwund leide. Das soll sich laut den Ärzten mit den Medikamenten, den Gesprächen und den anderen Angeboten in der Klinik bessern.

Um mich von der Frage abzulenken, ob ich verrückt werde, achte ich auf die Besonderheiten der Natur, während ich das Klinikgelände durchstreife: ein vertrockneter Regenwurm; sich paarende, aneinanderhängende Käfer; Wind; Sonne; Pappelflusen, die im Gras hängen bleiben. Erscheinen mir meine Beobachtungen lächerlich? Vielleicht. Ich hätte sie nie gemacht, wenn ich gesund geblieben wäre, aber die Ärzte hatten mir die Aufgabe gegeben, achtsam zu sein, mir meiner Umwelt bewusst zu werden. Ich hatte also keine Wahl.

In letzter Zeit habe ich viel über mein Bild aus der Kunsttherapie diskutieren müssen. Unbeholfen habe ich ein galoppierendes Pferd gemalt, von dem ein Mann stürzt, aber statt auf den harten Boden fällt er auf eine Blumenwiese. Ich musste darüber reden, als ob ich wüsste, was das Bild zu bedeuten hat oder weshalb ich es gemalt habe.

Unterdessen sind die Nächte so kurz geworden, dass ich meine Wohnung für nur vier, fünf Stunden Schlaf aufsuche. Ständig vergesse ich, die verschwitzte Bettwäsche zu wechseln. Wenn ich dann das Fenster öffne, versammeln sich die Mücken verschwörerisch an meinem Bett. Dann stechen sie mich. Mein Körper ist übersät von den Zeugnissen ihrer Geheimversammlungen.

Am Teich wird das Quaken lauter. Die Kaulquappen, die überleben konnten, sind erwachsen geworden und suchen nach Geschlechtspartnern. Der Zyklus ihres Lebens ist festgelegt, sie wissen immer, was zu tun ist.

Offensichtlich vergeht also Zeit. Diese angeblich vergehende Zeit spüre ich aber nicht. Ich weiß nie genau, was ich die Woche zuvor gemacht habe. Irgendwann werden Monate und Jahre vergangen sein.

Vor Kurzem ist in der Klinik eine Grillfeier angekündigt worden. Es wird alkoholfreie Bowle geben, und für das Essen muss jeder seinen Teil beisteuern, darum geht es schließlich, um Stressbewältigung im Alltag. In meiner Therapiegruppe hängt eine Liste aus, in die man eintragen soll, was man zur Grillfeier mitbringen will. Ich werde einfach eine Riesenportion Salat vom Türken holen. Einigen anderen Patienten bereitet das Grillfest mehr Sorgen als mir: Was soll ich für das Essen beisteuern? Wie soll ich es schaffen, das ausgewählte Gericht zuzubereiten? Woher soll ich die Kraft nehmen, diesem Druck standzuhalten? Ich dagegen lege mich schlafen – die Mücken kreisen um mein Bett, und ich weiß, dass es morgen so weit ist –, denke aber an nichts.

Zum Sonnenaufgang erwache ich von dem Geräusch des aufziehbaren Spielzeuggebisses, das ich so oft den Kindern in meiner Praxis vorgeführt habe. Es befindet sich schon lange nicht mehr in meiner Wohnung, was bedeutet, dass ich es mit einem Phantomgeräusch zu tun habe. Der Tag der Grillfeier, ein Freitag, verläuft wie jeder Freitag in der Klinik. Erst nach dem Mittagessen merkt man, dass etwas anders ist. Patienten sind in Gruppen über das Klinikgelände verstreut. Am Teich stehen zwei Männer, die sich in der Bewegungstherapie angefreundet haben, zu der ich auch gehe. Für das Grillfest haben sie sich etwas feiner angezogen. Ich trage mein gelbes Polohemd, das ich auch zur Arbeit oft anhatte. Die zwei Männer haben ihre Blicke auf den Teich geheftet und besprechen etwas miteinander. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es um die Frösche geht. Um wie viel einfacher alles wäre, wenn man als einer von ihnen geboren worden wäre. Da gibt es zum Beispiel eine Froschart, den nordamerikanischen Waldfrosch, der eine unvorstellbare Fähigkeit besitzt: Im Winter gefrieren diese Tiere. Alle Vitalfunktionen werden eingestellt, und ein körpereigenes Frostschutzmittel wird gebildet, das die inneren Organe schützt. Im Frühling tauen sie dann von innen nach außen auf, und ihre Herzen beginnen langsam wieder zu schlagen. Sie haben das Glück, den harten Winter überleben zu können, ohne ihn erleben zu müssen. Die zwei Männer lachen, und ich drehe mich um und schlendere weiter.

Am Klinikgebäude herrscht Trubel. Tische werden aufgestellt und mit den mitgebrachten Gerichten gedeckt, unter anderem auch mit meinem Salat vom Türken. Viele Patienten haben sich verkleidet und sehen nun wie glückliche Partygäste aus. In der von den Betreuern versprochenen alkoholfreien Bowle, die in einer Glasschale mit zwei Glaskellen serviert wird, schwimmen durchweichte Früchte. Ich erkenne Weintrauben, Schattenmorellen, Ananas, alles aus der Dose, und jedes Mal, wenn man eine der Kellen zum Einschenken in die Schalte tunkt, werden die Früchte darin aufgewirbelt.

Während ich mir etwas von der Bowle eingieße, versuche ich angestrengt, keinen Tropfen danebengehen zu lassen. Vorsichtig trinke ich einen Schluck nach dem anderen. Im Gegensatz zu den Männern am Froschteich habe ich mich hier mit niemandem angefreundet. Die meiste Zeit bemerke ich die anderen kaum. Sie sind lediglich Konturen im Nebel. Während meines Gangs durchs Foyer und über die Terrasse begrüße ich trotzdem einige von ihnen, wir besuchen dieselben Sitzungen, oder sie spielen Tischtennis, während ich zusehe.

Schon bald wird durch das ernste, zügige Auflegen des Grillguts signalisiert, dass das Buffet eröffnet ist. Ich habe keinen Appetit, esse aber, um beschäftigt zu sein. Da kommt ein Junge auf mich zu. Er ist etwa fünfzehn und trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen Dreieck darauf.

»Sind Sie nicht der Zahnarzt?«


»Ich bin erst zweiundvierzig Jahre alt.«

»Und?«

»Das heißt, du musst mich nicht siezen.«

»Bist du richtiger Zahnarzt?«

»Ich habe elf Semester Zahnheilkunde studiert. Danach habe ich dreizehn Jahre lang praktiziert. Reicht das?«

»Ich habe da ein Problem.«

»Wieso gehst du damit nicht zu deinem Hauszahnarzt?«

Als wäre das schon eine Antwort, zieht mich der Junge beiseite und macht seinen Mund auf. Oben rechts am Elfer ist ein längliches, gar nicht mal so kleines Stück weggebrochen.

»Wie ist das denn passiert?«

»Ausgehen. Tanzen. Ich feiere eben hart.«

Der Junge streicht immer wieder mit seiner Zunge über die gezackte Stelle und fragt lispelnd, ob man das wieder richten könne. Als ich wissen will, warum man das richten lassen sollte, sagt er, weil es hässlich aussehe und weil er nicht mehr an diesen beschädigten Zahn erinnert werden wolle. Knapp erkläre ich die in seinem Fall möglichen Vorgehensweisen: Erstens, man poliert den Rand der Abbruchstelle glatt und versiegelt sie. Zweitens, man setzt eine Art Teilkrone über den schadhaften Zahn, was aufwendiger ist als die erste Methode. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber ich frage den Jungen trotzdem, ob er das abgebrochene Stück Zahn aufgehoben hat. Der Junge verneint, daraufhin habe ich auch nichts zu erwidern. Wir sehen uns etwas verlegen um. Kurz bevor ich erwarte, dass der Junge wieder geht, reicht er mir seine Hand und nennt seinen Namen, Kristan. Ich sage meinen Namen, Jost Uhlich.

Danach bleiben wir beieinander stehen. In unseren Händen halten wir die zierlichen Bowlegläser, als wären sie etwas Wertvolles, aber vielleicht kommt uns das nur so vor, weil in der Klinik schöne Dinge selten sind.

»Willst du was Richtiges zum Trinken?«, fragt Kristan.

»Das geht doch nicht mit den Antidepressiva.«

»Aber willst du?««

Nachdem ich bejaht habe, geht alles recht schnell. Kristan versetzt unsere Bowle mit billigem Wodka aus einer kleinen Flasche, die er zwischen seinen blau-weiß karierten Boxershorts und seiner Hose gelagert hatte. Ich nehme den ersten Schluck und schmelze.

»Gott, vermisse ich das.«

Kristan lächelt, er hält mich sicherlich für zu alt zum Trinken, zum Feiern, und er hat recht.

»Vor der ganzen Sache habe ich Cocktails gemixt. Und war sogar ziemlich gut darin.«

»War das dein Hobby?«

»Ja. Hobby.«

Wir sehen uns um. Ununterbrochen wird gegrillt, jemand bedient die Musikanlage, aus der seit Stunden Jazzvariationen dringen, und die Leute schlingen ihr Essen runter. Ob jemand ahnt, was wir trinken? Ob jemand schon längst auf dieselbe Idee gekommen ist?

»Meine damalige Freundin hat mir ein Barkeeper-Set zum Geburtstag geschenkt«, sage ich. »Da war alles dabei für den heimischen Barkeeper. Zwei Boston Shaker, Sieb, Zitronenpresse, Eispickel und anderes.«

»Woher kanntest du die Rezepte?«

»Ich hatte mehrere Bücher zu Hause.«

»Was war dein Lieblingscocktail?«

Das hat mich seit meiner Klinikzeit niemand mehr gefragt, nein, es ist sogar noch länger her. Ich betrachte ziemlich lange die künstliche rötliche Bowle in meinem Glas, schmecke ausführlich ihre übertriebene Süße. Dann antworte ich.

»Der Hemingway Daiquiri.«

Kristan nickt anerkennend, während er erneut die Flasche herausholt.

»Ich mag seine Einstellung«, sagt er.

»Und ich seinen Cocktail. Weißer Rum, Limettensaft, Grapefruitsaft, beide frisch gepresst, und Maraschinolikör. Alle Zutaten sind für sich genommen schon gut, aber zusammen ergeben sie etwas noch viel Besseres.«

Kristan nickt unaufhörlich und gießt mir nach.

»Hast du dir das oft gemixt?«

»Immer mal wieder, nach langen, nach harten Tagen.«

»Zuerst in den Zähnen von Leuten bohren und dann Cocktails mixen.«

»Was hast du gemacht?«

Kristan trinkt hastig mehrere Schlucke.

»Im Gymnasium war ich in allen Fächern mittelmäßig, beim Fußball aber war ich einer der Besten.«

»Mit Fußball konnte ich nie was anfangen.«

»Na ja, du schwitzt dich nass. Du läufst bis zum Umfallen einem, in der normalen Welt, unwichtigen Ding hinterher. Es geht um Leben und Tod. Sozusagen.«

»Und wann wirst du wieder spielen?«

»Das letzte Mal hab ich mich ziemlich verletzt.« Kristan macht eine Pause, um sein Glas zu leeren. »Und es war nicht die Schuld der anderen.«

Während er spricht, passiert etwas: Ich habe eine Idee. Und ich merke, dass ich schon gar nicht mehr gewusst habe, wie es sich anfühlt, eine Idee zu haben.

Kurze Zeit später schleichen wir uns aus dem Foyer und laufen die Hintertreppe hinauf in den ersten Stock. Wir wollen zu dem Abstellraum, in dem die Werke aus der Kunsttherapie aufbewahrt werden. Kristan fragt, ob ich mir sicher bin, dass hier mein Bild lagert, und ich bin mir sicher, denn die Möglichkeit, es mit nach Hause zu nehmen, habe ich abgelehnt. Und so bleibt es hier, bei der Kunst der anderen Melancholiker.

Nachdem wir mehrere Minuten umsonst an der Türklinke gerüttelt haben, wird uns klar, dass wir einen weiteren Einfall benötigen, um reinzukommen. Kristan holt aufgeregt seine Bankkarte hervor.

»Wetten, ich schaffe das?«

Senkrecht schiebt er die Karte zwischen Tür und Rahmen, direkt über das Schloss. Ich stehe daneben und sehe ihm zu.

»Je weniger es dich kümmert, ob die Karte dabei kaputtgeht, desto eher kriegst du die Tür auf.«

Diese Behauptung illustriert Kristan mit dem starken Biegen der Karte nach links zur Klinke hin. Als die Tür kurz danach aufgeht, blicken wir in den schmalen Raum. Die Wände sind gesäumt von Aluminiumregalen, und auf jedem Regalboden stehen Kartons, die mit einem Datum beschriftet sind. Darin lagern auf Pappe geklebte Leinwände und Zeichenblockseiten. Schnell finde ich mein Bild. Ich hole es heraus und zeige es Kristan.

»Das ist es?«

»Ich sagte doch, ich weiß nicht, wieso ich ständig darüber reden muss.«

»Was soll das für ein Tier sein? Ein Dinosaurier?«

»Nein, ein Pferd natürlich.«

»Du meinst ein Pferd, das sich als Dinosaurier verkleidet hat?«

Ich muss lachen, Kristan auch, wir lachen viel zu laut. Unser Aufenthalt in der Klinik, das Grillen, die Bilder der Kranken, unsere scheußlich schmeckende Bowle, dass wir kein Leben mehr haben, das alles ist lustig.

Endlich spüre ich den Alkohol. Ich kann gerade noch den schwankenden Kristan erkennen, der mein Bild betrachtet und sagt:

»Morgen wird es uns übel gehen. Der Kater ist schlimmer mit den Tabletten.«

»Wie viel muss man von beidem nehmen, um nicht mehr aufzuwachen?«

»Weiß ich nicht, das musst du selber rausfinden.«

Wir sehen uns mein Bild genauer an, und Kristan legt seine Hand auf meine Schulter.

»Wie ein Pferd sieht das wirklich nicht aus.«

Es fällt mir schwer, die einzelnen Wörter zu einem Satz zusammenzufügen, aber schließlich gelingt es.

»Kann sein, aber die Blumenwiese ist gut geworden. Und nur darum ging es mir.«


*This story is taken from: „Elefanten treffen“ by Kristina Schilke © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016.

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