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Als Markus Kellmer von der Arbeit nach Hause kam, fand er auf dem Teppich seines Wohnzimmers eine nackte Frau. Ihr zerzaustes Haar erinnerte ihn an die Art, wie er als Kind Krähennester oder Baumwipfel gezeichnet hatte, ihre Haut glänzte, als wäre sie glasiert, und als Markus sie vorsichtig auf den Rücken drehte, um sie anzusprechen und so vielleicht herauszufinden, wer sie war und was sie in seiner Wohnung suchte, stellte er fest, dass sie tot war.

Sofort ging er zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Eigentlich war es dafür viel zu früh, draußen war es noch hell. Der Frühling hatte gerade erst vor ein paar Tagen begonnen, und die Sonne würde erst in einer Stunde, so gegen sechs Uhr, untergehen. Vor wenigen Wochen war sie immer schon gegen vier Uhr verschwunden, doch jetzt hatten die Tage dazugelernt, hielten ihre Leuchtkraft immer länger aufrecht, und bald würden sie von der sommerlichen Glut abgelöst werden, die sie bereits jetzt in sich trugen.

In diesen milden Frühlingstagen waren die Strahlen der Nachmittagssonne immer die ersten, die ihn begrüßten, wenn Markus über die Schwelle seiner Wohnungstür trat. Sie nun auszusperren bereitete ihm Kopfschmerzen, ein Gefühl, als hätte der Raum Migräne. Aber er konnte wohl nicht anders, immerhin lag eine tote Frau in seiner Wohnung auf dem Boden. Die Haut rund um ihren Mund und ihre Nasenlöcher sah aus, als hätte sie jemand als Reibefläche für Streichhölzer verwendet. Markus hob die Leiche auf und setzte sie auf einen Sessel. Sofort fiel sie wieder herunter, ihre Gelenke waren wie Gelee, ihr Körper wie ein mit Flüssigkeit gefüllter Ballon. Er versuchte es noch einmal, aber sie blieb wieder nicht sitzen, sondern kippte vornüber, wie jemand, der sich plötzlich übergeben muss, und knallte mit dem Kopf voran auf den Parkettboden. Der laute Knall brachte Markus in die Realität zurück: Er ging unverzüglich zu seiner Stereoanlage und schaltete sie ein. Musik half ihm beim Nachdenken.

Er konnte die Leiche nicht einfach auf dem Boden liegen lassen, denn Leichen veränderten sich, ihre Oberfläche war nicht so stabil wie die lebender Menschen. Sie waren im Grunde nur mehr an einer einzigen Sache interessiert: an ihrer eigenen Auflösung. Um möglichst vollständig zu verschwinden, brauchten sie einen austauschfreudigen Untergrund, einen Waldboden etwa oder einen Sumpf. Etwas, mit dem sie langsam verschmelzen konnten. Hier allerdings gab es so etwas nicht, also musste er sich etwas einfallen lassen. Er nahm die Fernbedienung und schaltete die Musik lauter.

Ihm fiel ein, dass er vor kurzem ein großes Modellflugzeug aus Holz hinter seinem Heizkörper versteckt hatte. Das war letzte Woche gewesen, als ihn seine Eltern besuchten und er vermeiden wollte, dass sie das Modell zu Gesicht bekamen. Hinter dem Heizkörper war viel Platz, aber würde auch der Körper einer erwachsenen Frau in den Zwischenraum passen? Markus holte ein Maßband und vermaß die Leiche. Nun, es kam auf einen Versuch an.

Er mühte sich über eine halbe Stunde ab, aber am Ede schauten immer noch der Kopf und der halbe Oberkörper hervor. Trotzdem: ein Teilerfolg. Eine Weile saß Markus einfach nur da, lehnte sich gegen den Türrahmen und blickte ins Leere. Woran war die Frau wohl gestorben? Er hatte keine Würgemale oder Blutergüsse entdeckt. Was immer es gewesen war, ihr Körper schien dabei nicht verletzt worden zu sein. Vielleicht vergiftet. Oder eine natürliche Ursache. Aber sie war noch recht jung, Markus schätzte ihr Alter auf fünfundzwanzig bis dreißig.

Er stand auf, streckte sich. Nein, das sah furchtbar aus. Das Modellflugzeug war hinter dem Heizkörper sicher gewesen, aber die Leiche würde wirklich jeder sehen, der ins Zimmer kam. Er musste sich ein anderes Versteck überlegen.

Während er im Geist die verschiedenen Winkel seiner Wohnung durchging, zerrte er die Leiche hinter dem Heizkörper hervor. Da sie nackt war, beschädigte er sie durch sein ungeduldiges Ziehen und Zerren an manchen Stellen. Die Rillen des Heizkörpers durchschnitten die bleiche Haut, als wäre sie Butter. Doch es floss nur wenig Blut, denn das Herz schlug ja nicht mehr, die Blutgefäße standen nicht mehr unter Druck. Trotzdem blieben ein paar hässliche Flecken auf dem Boden und am Heizkörper selbst zurück. Markus ging ins Bad und holte einen nassen Lappen, mit dem er die Rillen reinigte. Es war jetzt Frühling, und wenn er die Körperflüssigkeit heute eintrocknen ließ, würde der Heizkörper im nächsten Winter, wenn er ihn wieder in Betrieb nahm, furchtbar zu stinken anfangen.

Er packte die Leiche an den Armen und schleifte sie zurück ins Vorzimmer. Wieder blieben dabei einige Spuren zurück, diesmal lange, rötliche Schleifspuren. Kopfschüttelnd ging er ins Bad, holte einen zweiten Lappen und machte sich ans Schrubben. Er war manchmal wirklich langsam im Kopf, geradezu träge. Damit so etwas nicht noch einmal passierte, wickelte er die Leiche in große Badetücher, von Kopf bis Fuß. So war es auch viel einfacher, sie über den Parkettboden zu ziehen.

Die Musik aus der Stereoanlage verstummte, und ein Sprecher erklärte, wie der Bass, das Schlagzeug und die Querflöte mit bürgerlichem Namen hießen.

Die Nacht über ließ Markus die eingewickelte Leiche in der Badewanne liegen. Am nächsten Tag verschlief er beinahe, weil er das Klingeln des Weckers im Traum für das traurige Abschiedsquaken eines Frosches hielt, der in einer kleinen Rakete in eine geostationäre Umlaufbahn um die Erde geschossen wurde. Ihm blieb gerade noch Zeit für ein leichtes Frühstück, dann nahm er den Bus zur Arbeit. Am späten Nachmittag kam er nach Hause zurück.

Schon beim Eintreten bemerkte er den Geruch. Er war nicht sehr stark, aber er war da. Er ging ins Badezimmer. Die Leiche lag da wie gestern Abend, nur auf dem Tuch, das ihr Gesicht bedeckte, hatte sich ein Fleck gebildet, der in seiner Form ein wenig an ein Ahornblatt erinnerte.

Der Tag im Büro war anstrengend gewesen, und normalerweise hätte Markus liebend gerne ein Bad genommen, sich im warmen Wasser ausgestreckt, mit den Zehen gewackelt und alle Sorgen, die in seinem Kopf herumschwirrten, im knisternden Schaumgebirge langsam untergehen lassen. Heute hielt er es ja vielleicht noch aus, auf dieses tägliche Reinigungsritual zu verzichten, aber als Dauerlösung war dieser Zustand sicher nicht zu ertragen. Im Grunde wurde er schon jetzt nervös. Er zerrte die Leiche aus der Badewanne, rollte sie ins Nebenzimmer und spülte die Wanne mit der Brause sauber. Er verbrauchte fast die ganze Flasche Fliesenreiniger, bis er endlich das Gefühl hatte, ohne größere Ekelgefühle nackt in die Wanne steigen zu können.

Doch bevor er ein Bad nahm, machte er sich daran, die Leiche in den teilweise leeren Kleiderschrank zu stellen, der in seinem Arbeitszimmer stand. Merkwürdig, dass er daran nicht schon früher gedacht hatte. Immerhin hatte er in dem Kleiderschrank schon einmal eine ganze Garnitur aufgerollter Rollos untergebracht (wie Dynamitstangen hatten sie ausgesehen, mit der weißen Schnur, die am oberen Ende herausragte). Die Leiche passte gut in den Schrank, aber wenn Markus versuchte, die Tür zu schließen, kippte sie jedes Mal vornüber heraus, und er musste sie auffangen. Wie bei einer Wiederbegegnung nach sehr langer Zeit fiel sie ihm um den Hals. Schließlich fixierte er ihre Handgelenke mit Klebestreifen innen an der Schrankwand und überklebte auch den Lüftungsschlitz im Boden mehrfach, bis er das Gefühl hatte, so könnte das Ganze zumindest für ein paar Tage gehen.

Er war gerade mal drei Minuten im Badezimmer und spielte mit dem Duschkopf, als er den Aufschlag hörte. Er stellte das Wasser ab und lauschte. Alles ruhig, aber es half nichts, er ahnte schon, was passiert war. Halb nackt ging er aus dem Bad zurück in sein Arbeitszimmer.

Der Anblick der Frau, die in furchtbarer Verrenkung halb noch im Schrank, halb davor lag, war so lächerlich, dass Markus eine Art brüllendes Niesen von sich gab, verursacht nicht durch eine Überreizung seiner Nasenschleimhäute, sondern seines Vorstellungsvermögens.

Bevor er sie hochheben konnte, musste er sie erst einmal auseinanderfalten, ja, tatsächlich auseinanderfalten, denn sie hatte – mein Gott, nicht einmal ein Schlangenmensch hätte für eine solche Körperhaltung etwas übrig gehabt. Aber es war eine Leiche, sagte er sich, nichts Lebendiges. Da durfte man nicht dieselben Maßstäbe anlegen.

Vielleicht war es ja besser, wenn er die Leiche so ließ, wie sie war, ein zusammengeballtes Durcheinander von Armen und Beinen und einem an mehreren Stellen bereits aus den Nähten platzenden Rumpf. Der Transport war auf alle Fälle leichter, aber natürlich nahm sie so mehr Platz weg als im auseinandergefalteten Zustand.

Der Teppich in Markus’ Wohnzimmer war einer der altehrwürdigen Sorte. Er hatte schon viele Generationen getragen, das Getrappel von Kinderfüßen war auf ihm zu den schweren Tritten des Alters und der Verantwortung herangewachsen, er hatte Brautpaare und Trauergäste in Empfang genommen, sein Muster hatte den geometrischen Sinn von rund zwanzig Menschen oder vielleicht sogar mehr beschäftigt, er hatte Weltkriege überstanden und Zeiten der Euphorie und des inspirierten Chaos, kurz – es war ein Teppich, unter den man nicht einfach so eine Leiche schob.

Markus wusste das. Er wusste das alles und trotzdem – es fiel ihm keine andere Lösung ein. Alles hatte er versucht, den Kleiderschrank, den Heizkörper, die Badewanne. Außer die Leiche zu packen und Beine über Hals über Kopf aus dem Fenster zu werfen, blieb ihm nicht mehr viel übrig. Außerdem drängte die Zeit.

Mit beiden Händen hob er den schweren Teppich hoch und schob und trat mit seinen Füßen die Leiche auf den Bereich der etwas blasseren Bodenbretter. Diese von Licht und Menschen unberührt gebliebenen Bretter waren mit Sicherheit der verletzlichste, intimste Teil der Wohnung. Es dauerte eine Weile, aber schließlich hatte er die Leiche an die richtige Stelle geschoben und breitete den Teppich über sie aus. Das Gefühl, als das schwere, dichte, nach Vergangenheit und Schuhleder riechende Gewebe sich ganz um den Fremdkörper legte und ihn quasi wegzauberte, war eines großer Erleichterung. Fast hätte Markus laut in die Hände geklatscht.

Der neue Teppichhügel sah ein wenig aus wie das dreidimensionale Modell einer topografischen Karte. Die Erhöhungen, die der Körper der Leiche verursachte, korrespondierten durch Zufall genau mit dem konzentrischen Muster des Teppichs. So lagen die dunkelsten Bereiche auf dem geografisch höchsten Punkt (der Schulter, die immer ein wenig nach oben ragte, wenn die Leiche auf dem Rücken lag). Das Ganze wirkte fast, als wäre es absichtlich so arrangiert worden, zum Zweck der leichteren Orientierung.

Diese Lösung war zweifellos die beste bisher. Das einzige Problem war, über die Leiche hinwegzusteigen, denn ständig kam man auf dem aufgebäumten Teppich ins Straucheln. Also rückte Markus seinen großen Schreibtisch, der sowieso nie für etwas Sinnvolles genutzt wurde, aus dem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer, bis er genau über dem Teppichgebirge stand. So würde er wenigstens nicht mehr stolpern. Und der Tisch stand hier, mitten im Raum, zwar nicht sehr vorteilhaft, aber vielleicht würde er sich jetzt öfter an ihn setzen und an seinen kleinen dichterischen Versuchen weiterarbeiten, die ihm ebenso leicht von der Hand gingen, wie sie ihm Kummer bereiteten angesichts ihrer offensichtlichen Zwecklosigkeit.

Es sah gar nicht übel aus. Ein kleiner Hügel mitten im Raum – und darüber ein Tisch. Wenn er den Tisch nicht mit beschriebenen Blättern überfluten konnte, würde er einfach irgendwann ein langes Tuch darüberbreiten, eines, das bis zum Boden reichte.

Erledigt, dachte Markus und ging in die Küche. Auf die erfolgreich überstandenen Strapazen der letzten beiden Tage musste er unbedingt anstoßen. Nach einigem gedankenverlorenen Etikettenlesen entschied er sich für einen Cabernet Sauvignon, eine Flasche mit dunkelrotem Inhalt.

Erst als er schon zurück im Wohnzimmer war, wo der Tisch nun eine unübersehbar zentrale Position einnahm und dem Zimmer einen neuen emotionalen Schwerpunkt verlieh, bemerkte er, dass er zwei Weingläser mitgenommen hatte. Bei jedem Schritt klirrten sie leise aneinander im sanften Griff seiner Finger, mit dem er ihre dünnen, gläsernen Hälse umfasste.


*This story is taken from: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes by Clemens J. Setz. © Suhrkamp Verlag Berlin 2011.

*Image: Fábio Magalhães.

 

»Ich will nichts mehr wissen «, sagte der Mann, der nichts mehr wissen wollte.

Der Mann, der nichts mehr wissen wollte, sagte: »Ich will nichts mehr wissen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Und schon läutete das Telefon.

Und anstatt das Kabel aus der Wand zu reißen, was er hätte tun sollen, weil er nichts mehr wissen wollte, nahm er den Hörer ab und sagte seinen Namen.

»Guten Tag«, sagte der andere.

Und der Mann sagte auch: »Guten Tag.«

»Es ist schönes Wetter heute«, sagte der andere.

Und der Mann sagte nicht: »Ich will das nicht wissen«, er sagte sogar: »Ja sicher, es ist sehr schönes Wetter heute.«

Und dann sagte der andere noch etwas.

Und dann sagte der Mann noch etwas. Und dann legte er den Hörer auf die Gabel, und er ärgerte sich sehr, weil er jetzt wußte, daß es schönes Wetter ist.

Und jetzt riß er doch das Kabel aus der Wand und rief: »Ich will auch das nicht wissen, und ich will es vergessen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Denn durch das Fenster schien die Sonne, und wenn die Sonne durch das Fenster scheint, weiß man, daß schönes Wetter ist. Der Mann schloß die Läden, aber nun schien die Sonne durch die Ritzen.

Der Mann holte Papier und verklebte die Fensterscheiben und saß im Dunkeln.

Und so saß er lange Zeit, und seine Frau kam und sah die verklebten Fenster und erschrak. Sie fragte: »Was soll das?«

»Das soll die Sonne abhalten«, sagte der Mann.

»Dann hast du kein Licht«, sagte die Frau.

»Das ist ein Nachteil«, sagte der Mann, »aber es ist besser so, denn wenn ich keine Sonne habe, habe ich zwar kein Licht, aber ich weiß dann wenigstens nicht, daß schönes Wetter ist.«

»Was hast du gegen das schöne Wetter?« sagte die Frau, »schönes Wetter macht froh.«

»Ich habe«, sagte der Mann, »nichts gegen das schöne Wetter, ich habe überhaupt nichts gegen das Wetter. Ich will nur nicht wissen, wie es ist.«

»Dann dreh wenigstens das Licht an«, sagte die Frau, und sie wollte es andrehen, aber der Mann riß die Lampe von der Decke und sagte: »Ich will auch das nicht mehr wissen, ich will auch nicht mehr  wissen,  daß man das Licht  andrehen kann.«

Da weinte seine Frau.

Und der Mann sagte: »Ich will nämlich gar nichts mehr wissen. «

Und weil das die Frau nicht begreifen konnte, weinte sie nicht mehr und ließ ihren Mann im Dunkeln.

Und da blieb er sehr lange Zeit.

Und die Leute, die zu Besuch kamen, fragten die Frau nach ihrem Mann, und die Frau erklärte ihnen: »Das ist nämlich so, er sitzt nämlich im Dunkeln und will nämlich nichts mehr wissen. «

»Was will er nicht mehr wissen? « fragten die Leute, und die Frau sagte:

»Nichts, gar nichts mehr will er wissen.

Er will nicht mehr wissen, was er sieht – nämlich wie das Wetter ist.

Er will nicht mehr wissen, was er hört – nämlich was die Leute sagen.

Und er will nicht mehr wissen, was er weiß – nämlich wie man das Licht andreht.

So ist das nämlich«, sagte die Frau.

»Ah, so ist das«, sagten die Leute, und sie kamen nicht mehr zu Besuch.

Und der Mann saß im Dunkeln.

Und seine Frau brachte ihm das Essen.

Und sie fragte: »Was   weißt du nicht mehr?«

Und er sagte: »Ich weiß noch alles«, und er war sehr traurig, weil er noch alles wußte.

Da versuchte ihn seine Frau zu trösten und sagte: »Aber du weißt doch nicht, wie das Wetter ist.«

»Wie es ist, weiß ich nicht«, sagte der Mann, »aber ich weiß es immer noch, wie es sein kann. Ich erinnere mich noch an Regentage, und ich erinnere mich an sonnige Tage. «

»Du wirst es vergessen«, sagte die Frau.

Und der Mann sagte:

»Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.«

Und er blieb im Dunkeln, und seine Frau brachte ihm täglich das Essen, und der Mann schaute auf den Teller und sagte:

»Ich weiß, daß das Kartoffeln sind, ich weiß, daß das Fleisch ist, und ich kenne den Blumenkohl; und es nützt alles nichts, ich werde immer alles wissen. Und jedes Wort, das ich sage, weiß ich.«

Und als seine Frau ihn das nächste Mal fragte: »Was weißt du noch?« da sagte er:

»Ich weiß viel mehr als vorher, ich weiß nicht nur, wie schönes Wetter und wie schlechtes Wetter ist, ich weiß jetzt auch, wie das ist, wenn kein Wetter ist. Und ich weiß, daß, wenn es ganz dunkel ist, daß es dann immer noch nicht dunkel genug ist.«

»Es gibt aber Dinge, die du nicht weißt«, sagte seine Frau und wollte gehen, und als er sie zurückhielt, sagte sie: »Du weißt nämlich nicht, wie ›schönes Wetter‹ auf chinesisch heißt«, und sie ging und schloß die Tür hinter sich.

Da begann der Mann, der nichts mehr wissen wollte, nachzudenken. Er konnte wirklich kein Chinesisch, und es nützt ihm nichts, zu sagen: »Ich will auch das nicht mehr wissen«, weil er es ja noch gar nicht wußte.

»Ich muß zuerst wissen, was ich nicht wissen will«, rief der Mann und riß das Fenster auf und öffnete die Laden, und vor dem Fenster regnete es, und er schaute in den Regen.

Dann ging er in die Stadt, um sich Bücher zu kaufen über das Chinesische, und er kam zurück und saß wochenlang hinter diesen Büchern und malte chinesische Schriftzeichen  aufs Papier.

Und wenn Leute zu Besuch kamen und die Frau nach ihrem Mann fragten, sagte sie: »Das ist  nämlich so, er  lernt jetzt Chinesisch, so ist das nämlich. «

Und die Leute kamen nicht mehr zu Besuch.

Es dauert aber Monate und Jahre, bis man das Chinesische kann, und als er es endlich konnte, sagte er:

»Ich weiß aber immer noch nicht genug.

Ich muß alles wissen. Dann erst kann ich sagen, daß ich das alles nicht mehr wissen will.

Ich muß wissen, wie der Wein schmeckt, wie der schlechte schmeckt und wie der gute.

Und wenn ich Kartoffeln esse, muß ich wissen, wie man sie anpflanzt.

Ich muß wissen, wie der Mond aussieht, denn wenn ich ihn sehe, weiß ich noch lange nicht, wie er aussieht, und ich muß wissen, wie man ihn erreicht.

Und die Namen der Tiere muß ich wissen und wie sie aussehen und was sie tun und wo sie leben. «

Und er kaufte sich ein Buch über die Kaninchen und ein Buch über die Hühner und ein Buch über die Tiere im Wald und eines über die  Insekten.

Und dann kaufte er sich ein Buch über das Panzernashorn.

Und das Panzernashorn fand er schön.

Er ging in den Zoo und fand es da, und es stand in einem großen Gehege und bewegte sich nicht.

Und der Mann sah genau, wie das Panzernashorn versuchte zu denken und versuchte, etwas zu wissen, und er sah, wie sehr ihm das Mühe machte.

Und jedesmal, wenn dem Panzernashorn etwas einfiel, rannte es los vor Freude, drehte zwei, drei Runden im Gehege und vergaß dabei, was ihm eingefallen war, und blieb dann lange stehen – eine Stunde, zwei Stunden ­ und rannte, wenn es ihm einfiel, wieder los.

Und weil es  immer ein kleines bißchen zu früh losrannte, fiel ihm eigentlich gar nichts ein.

»Ein Panzernashorn möchte ich sein«, sagte der Mann, »aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.

Dann ging er nach Hause  und dachte an sein Nashorn.

Und er sprach von nichts anderem mehr.

»Mein Panzernashorn«, sagte er, »denkt zu langsam und rennt zu früh los, und das ist recht so«, und er vergaß dabei, was er alles wissen wollte, um es nicht mehr wissen zu wollen.

Und er führte sein Leben weiter wie vorher.

Nur, daß er jetzt noch Chinesisch konnte.


*This story is taken from: Kindergeschichten by Peter Bichsel. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997.

*Bild: Joana Keler

Bei mir, in meiner Wohnung, in diesen drei aufgeräumten und hübsch hergerichteten Zimmern, die mein und ausschließlich mein Eigentum sind, wohnt ein kleines Kind und quält mich. Ich bekomme es nicht los, zu sehr sind wir inzwischen verbunden. Doch würde ich es gerne packen, dieses kleine, viel zu leichte, fast verschwindende Kind – ich würde es gerne packen und vor die Tür setzen oder noch lieber mit ganzer Kraft gegen meine weiße Wand schmeißen, um zu sehen, um auch ganz sicher zu sein, dass und wie es daran zerschmettert.

Doch bringe ich es nicht übers Herz. Seit das Kind bei mir wohnt, aus meinen Tassen trinkt, sich in die hinterste Ecke meines Bettes wühlt oder milchschlürfend auf meinem Fenstersims in der Küche sitzt, dabei mit den Beinen baumelnd auf mich guckt und nur guckt und nichts, kein Wort zur Aufklärung des Umstands von sich gibt und ich es dann – zu oft, es kam leider zu oft vor, vier oder fünf mal mögen es gewesen sein – ich es also dann aus lauter Verzweiflung heraus anschreie, zu ihm vordringen will, indem ich brülle „geh, verschwinde, lass‘ mich endlich in Ruhe!“, es ruhig sitzen bleibt und kaum eine Miene verzieht, allenfalls leise in sich hinein lacht – seither quäle ich mich und bringe es nicht übers Herz dieses schreckliche Kind aus meiner Wohnung zu verbannen. Dafür gibt es Gründe.

Das Kind war eines Tages plötzlich da und hockte im Wohnzimmer hinter der Tür. Es zwirbelte unaufhörlich in seinem zotteligen, schwarzen Haar, das große Teile der durchscheinenden Gesichtshaut verbarg. Sofort sah ich, dass es Hilfe brauchte und wollte uns nicht mit unnötigen Fragen aufhalten.  Es zitterte am ganzen Leib und trug verschlissene Kleidung. Ich hob es hoch und sofort packten mich die Hände dieses unterernährten Körpers und griffen nach meinen Schultern, die Kraft, die es mit seinen ausgezehrten Gliedmaßen zu entfalten in der Lage war, verblüffte mich. Dabei ließen die großen schwarzen Augen keine Sekunde von mir ab, sie starrten mich an, einen kurzen Augenblick fühlte ich mich, als wolle das Kind in mich hinein klettern, doch war keine Zeit für weitere Überlegungen oder Befragungen, denn das Kind musste schließlich versorgt werden!

Wirklich, ich befürchtete, es könne sonst jede Minute vor meinen Augen in sich zusammen fallen. Der kleine Körper war ausgekühlt, das Hemd an den Schultern durchgescheuert, darunter sah ich wunde Haut, die rot und offen vor mir lag. Ich trug es also in mein Badezimmer, wobei es mich, unablässig und ohne ein Wort zu sagen, ansah und mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand an dem losen Faden eines Knopfes an der Brusttasche meines Hemdes riss.

Ich setzte es auf einem Hocker ab und ließ die Wanne volllaufen. Es dampfte und die Kacheln beschlugen. Das Kind hatte die Knie angezogen, den Kopf hielt es geduckt und sah meinen Vorbereitungen nach. Ein Bad war aber notwendig. Um die wunden Stellen, die schrecklich gebrannt haben müssen, tat es mir leid, es tat mir wirklich leid, fast möchte ich sagen, dass es mir weh tat — der Blick des Kindes war kaum auszuhalten. Ich vermied deswegen, es anzusehen und beeilte mich die Wunden danach mit einer Salbe zu versorgen und verband sie auch. Das Kind sollte nun schlafen.

Ich richtete ihm ein Bett, ein wirklich komfortables und wärmendes Bett im Wohnzimmer her. Während ich das Laken spannte, beschloss ich, dass wir am nächsten morgen Gelegenheit haben würden, alle wichtigen Fragen zu besprechen. Das Kind stand die ganze Zeit über hinter mir, leicht schräg guckte es hinter meinem Bein hervor, an dem es sich fast festhielt. Ich nahm das Kind und deckte es zu. Bevor ich das Zimmer verließ, vergewisserte ich mich, ob nicht von irgendwoher ein kalter Luftzug kommen könnte, ich lief deswegen mehrmals durch den Raum. Es hatte durchaus etwas schönes, nun in Gesellschaft zu sein, dachte ich bei mir und erkundigte mich, ob es noch weitere Decken, vielleicht sogar eine Wärmflasche benötigte. Doch das Kind saß nur da, aufrecht und an die kalte Wand gedrängt. „Was hast du? Brauchst du noch irgendetwas? Möchtest du vielleicht doch noch mal zur Toilette? Du musst nur Bescheid sagen, ich werde versuchen, dir in allen Angelegenheiten behilflich zu sein. Aber bitte, sag mir doch, was du hast! Warum guckst du so, worum geht es denn?“

Das Kind saß weiter still da. Um seine Mundwinkel herum bildete sich ein kleines Lächeln. Es folgte mir mit den Augen, es schlug die Lider mit den Sekunden nieder und es vergingen so Minuten. Ich begann zu verstehen.

Ich verstand, dass dieses Kind ganz offensichtlich auf meine Bemühungen herunter sah. Dieses kleine Bündel, das sich mir ungefragt überantwortet hatte, dass wirklich die Stirn hatte, mich, meine Zeit und meine Wohnung einzunehmen — oder besser: zu besetzen, eben weil es ein so scheinbar hilfloses Bündel war — es sah es auf mich herunter und lachte mich aus. Es lachte nicht ganz mit dem Gesicht, dort lächelte es nur. Innerlich aber lachte es über mich, daran war überhaupt kein Zweifel. Das Kind lachte mit der ganzen Verachtung, die ein Mensch nur aufbringen kann, wenn er damit seit jeher geschlagen wurde.  Ich lief so schnell ich konnte aus dem Zimmer und wünschte eine gute Nacht. Doch das Kind schlief nicht.

Das Kind schläft niemals. Es guckt nur.

Ich legte mich also in mein Bett, löschte das Licht und wollte, wie ich es für gewöhnlich am Ende eines jeden Tages tue, die Augen schließen und schlafen. Aber ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, ich schwitze und schlug die Decken zur Seite. In meinen Beinen drehte sich das Blut. Ich legte mich dann auf den Bauch, was sonst nicht vorkommt. Ich schlug die Augen auf und sah an die Decke. Dann blickte ich zur Seite und da war das Kind.

Es stand neben meinem Bett und sah auf mich herunter. Ich richtete mich auf.

„Was ist denn nun schon wieder? Du kannst also nicht schlafen. Aber ich brauche meinen Schlaf! Wenigstens in der Nacht musst du mich in Ruhe lassen! Du wirst doch wohl einsehen, dass es für mich unmöglich ist, auch nur ein Auge zu zu tun, wenn du neben mir stehst und auf mich herunter siehst! Was bezweckst du damit? Sag — was gibt es da zu lachen? Du lachst wohl über meine Gewohnheit, so zeitig ins Bett zu gehen und nur auf dem rücken zu schlafen – liege ich da richtig? Dazu kann und will ich dir sagen, dass es mir ganz egal ist, was du darüber denkst! Ich bin nun mal mit einem verantwortungsvollen Posten beauftragt, für den ich ausgeruht sein muss, damit mir keine Fehler unterlaufen. Nie! Nie, hörst du, ist mir in meiner bisherigen Laufbahn, in diesen 15 Jahren, die ich nun für die Firma im Dienst bin, auch nur ein größerer Fehler unterlaufen und das führe ich sehr wohl auf meine gesunde Lebensführung zurück! Deswegen: ich muss jetzt wirklich schlafen“

Ich hatte mich inzwischen im Bett aufgestellt, um dem Kind, die Hände in die Hüften gestützt, meinen Standpunkt ein für alle mal klar zu machen. Vor dem Fenster fuhr ein Auto vorbei, das Scheinwerferlicht brach sich an den Jalousien, fiel streifenweise in mein Schlafzimmer und beleuchtete für einen kurzen Moment das Kind. In diesem Licht sah ich, wie es wie ich ebenfalls die Hände in die Hüften stützte, den Bauch nach vorne schob und damit auf lächerliche Weise wippte, um mich, und was das angeht bin ich mir sicher, auf gemeine und hinterlistige Weise nach zu machen.

„Das findest du jetzt wohl besonders komisch, richtig? Du scheinst zu glauben, dass du mich damit verunsichern kannst, doch das tust du nicht! Ich habe mir in keiner Hinsicht etwas vorzuwerfen und ich habe auch nicht im entferntesten einen Grund, anzunehmen, dass du dazu das Recht haben könntest! Es ist nämlich überhaupt nicht so, wie du denkst. Ich bin ganz anders, als du es mir unterstellst. Warte nur! Du wirst nun schleunigst in dein Bett im Wohnzimmer gehen, derweil ich mir noch einen tee zubereiten werde, um dann endlich zu schlafen. Los ins Bett!“

Ich stieg vom Bett herunter und ging mit großen schritten zur Küche. Das Kind sprang mir hinterher und krallte sich in die Hose meines Schlafanzugs, den ich deswegen beim gehen fast verloren hätte. Als ich mich das nächste Mal umblickte, sah ich das Kind schon auf dem Fenstersims sitzen.

In jener Nacht ließ mich das Kind überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Wir verbrachten sie gemeinsam in der Küche und rührten in Tassen, wir gingen auf dem schmalen Flur auf und ab, wir machten alles gleich bis es hell wurde und darüber hinaus. Das Kind wich nicht von meiner Seite.

In den Folgetagen lernte ich es dann in seiner ganzen Abscheulichkeit und Schlechtheit kennen. An Besuch war nicht zu denken, denn das hätte das Kind nicht ausgehalten. Diesem Kind, so dachte ich, so sprach es aus jedem seiner Blicke, fehlt etwas in seinen Augen, die tief in seinem Kopf, diesem mageren Schädel, lagen und immer noch liegen. Der Mund stand fast immer offen, denn das Kind hatte immer Hunger. Es verschlang alles, was es zwischen seine knochigen Finger bekam. Das Kind wurde nie satt und es nahm auch nicht an Gewicht zu, obwohl das  am dringendsten gewesen wäre. Mir blieb nichts anderes übrig, als es reichlich mit essen zu versorgen und ich gab mir damit die allergrößte mühe. Ich bereitete ihm jedes Essen zu, von dem ich dachte, dass es ihm schmecken und vor allem seinen Hunger stillen könnte. Das Kind nahm alles hastig in sich auf. Es saugte den Knochen die Reste weg, es leckte die Teller aus und es blieb nie etwas über und es war niemals genug. Wenn ich nicht hinsah, wenn ich nur einen Augenblick unachtsam war, wollte es mir gleich ganz die Schränke leer räumen. Einmal kam ich in die Küche und da saß es auf, fast in dem Brotkasten. Es lauerte und ich sah in seinen Augen, diesen Löchern voll schwarz, dass es mich am liebsten anspringen wollte. Wie ein kleiner Affe wollte es an meinen Kopf springen und mich dort umklammert halten.

 

Seit das Kind bei mir wohnte und einfach nicht weg ging, fragte ich mich nun immer wieder, was mit diesem Kind nur passiert sein musste, dass es so ausgehungert war. Ich fragte mich, was es nur seien könne, das diesem Kind fehlte.

Warum bist du nur so ausgehungert, fragte ich also ganz ohne bösen Willen. Das Kind antwortete nicht. Es lächelte nur spöttisch, kauerte sich noch mehr in sich hinein und schlug die Augen auf und zu. Immer wieder fragte ich es und immer mehr wurde mir, als trage ich – über den es sich zweifelsohne von Beginn an unverschämt lustig machte – mir wurde so, als trage ich die ganze schuld für das Ausgehungertsein des Kindes und als wäre es deswegen meine oberste Pflicht, noch mehr meine Schuld, dieses Kind zu versorgen.

„Bitte, ich bin nur in Sorge um dich und habe schließlich ein recht darauf zu erfahren, wo die Ursache liegt. Es ist sogar deine Pflicht mich in diesen Dingen zu informieren. Was gibt es denn da nun wieder zu lachen?“, fragte ich es.

Das Kind stellte sich auf die Fensterbank und imitierte in gemeiner, für mich absolut beschämender weise meine Gesten. Ich fasste mir an die Stirn, es tat es mir nach. Ich schnaufte, das Kind schnaufte. Nun musste ich prüfen, ob es mich wirklich absichtlich nachmachte und stellte mich probehalber auf das linke Bein. Vorsichtig, die buschigen Brauen gekräuselt und überhaupt die ganze Kraft, die in diesem stöckchenhaften Körper steckte, zusammennehmend, hob das Kind sein linkes Bein, bis es allein darauf stand. Dann lachte es, sah mich voller Stolz an und verlieh seiner Freude, ja, seinem Triumph, durch einen kleinen, hohen schrei Ausdruck.

Ich schrie.

„Lass das. Hör auf damit!“

Das Kind aber hielt mit rotem Kopf für einige Minuten die Stellung. Es ballte die Fäuste und schien seine ganze Energie darauf zu verwenden, um so wie ich zuvor, auf einem Bein stehen zu bleiben. Ich schüttelte den Kopf. Schließlich setzte es, ebenfalls kopfschüttelnd, ab und sah mich böse an. Es guckte so böse, dass ich einen Schritt zurück treten musste, denn aus seinem Blick stach der ganze Mangel, der in diesem Kind war, heraus und auf mich ein und mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich zu entfernen, denn ich ahnte in diesem Augenblick, dass das Kind mit diesem entsetzlichen, bösen Mangel im Körper, gar nicht anders konnte, als in mich hinein zu klettern und dort das zu suchen, was es brauchte, um wenigstens überleben zu können. Ich musste mich schützen, musste aber auch das Kind beschützen. Wirklich, es wäre sonst gleich gestorben.

Nachdem ich mich für kurze Zeit entfernt hatte, indem ich mich im Badezimmer eingeschlossen hatte, verweigerte das Kind mir am Abend erstmalig das Essen, das ich ihm gemacht hatte. Das war aber nur ein Trick von ihm. Spät in der Nacht erwischte ich es nämlich in einer Nische zwischen Tür und Küchenschrankwand. Es saß da gebückt und aß ein rohes stück Fleisch, das es aus meinem Kühlschrank genommen hatte. Als es mich bemerkte blickte es aus seinen dunklen Augen auf, immer noch hungrig, es sah zu mir hoch, als bedrohe ich sein Leben und als wolle es dafür meines haben. Wieder dachte ich, dass es durch meine Augen in mich hinein kommen wolle. Ich dachte, dass dieses Kind mein Leben sein wollte, um endlich in Sicherheit zu sein. Ich rannte ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Die Anwesenheit dieses Kindes wurde mir immer unerträglicher. Nicht nur, dass es mir ständig folgte, jederzeit meine Aufmerksamkeit verlangte und gleich wieder neben meinem Bett stand, um auf mich herunter zu starren, nein, dieses Kind — es gelang ihm schließlich sogar, dass es nur noch schlief, wenn ich über es wachte, ich also nur noch wachte.

An jenem Abend nämlich, an dem ich mir aus Ratlosigkeit die Decke über den Kopf gezogen hatte, um endlich für mich zu sein, rüttelte es an meinem Kopf und schlug die Decke zur Seite. Ich brüllte es an und ich will auch nicht leugnen, dass ich in diesem Moment die Geduld verlor.

„Verschwinde endlich! Los! Ich muss schlafen, sonst kann ich meine Aufgaben nicht mehr genau ausführen. Verschwinde umgehend aus meinem Schlafzimmer!“

Ich brüllte mein Anliegen, bis ich heiser war. Das Kind sah mir zu. Es guckte still aus sich heraus, während ich mich brüllend erleichterte. Ich brüllte mit geschlossenen Augen, aus Wut, aber auch, um den Blicken des Kindes zu entkommen. Als ich, noch immer brüllend, meine Augen wieder öffnete, sah ich, dass das Kind auf dem Boden lag und eingeschlafen war. Sofort verstummte ich. Eine weile guckte ich es mir an. Dann, leise, um es nur nicht zu wecken, nahm ich es auf meine Arme und trug es in sein Bett. Ich legte es zwischen die Decken und streichelte ihm die kleine weiße Stirn. Es schlief. Unendlich erleichtert und in Vorfreude auf meinen Schlaf, drehte mich um und ging in mein Schlafzimmer. Nach dem ersten Schritt, hörte ich das Kind mir hinterher atmen, es stand mit nackten Füßen auf dem Boden. Ich brachte es zurück in sein Bett, deckte es zu und saß am Matratzenrand, bis es eingeschlafen war. Ich weiß nicht, wie oft ich es in dieser Nacht zurück in sein Bett brachte, es zudeckte und am Matratzenrand saß, bis es eingeschlafen war. Ich habe nicht mitgezählt, denn es war nicht zu zählen. Ich bin wohl die ganze nacht zwischen den Zimmern umhergelaufen, denn sobald ich aufstand, um mich von dem schlafenden Kind zu entfernen und in mein Bett zu schleichen, war es wieder hinter mir.

Es stellte sich in dieser Nacht also heraus, dass es nur schlafen konnte, wenn ich, neben ihm, den Blick immer auf ihm, über es wachte und dass es, seit es bei mir wohnte, tatsächlich kein einziges mal wirklich geschlafen hatte. Was blieb mir anderes übrig, als über das Kind zu wachen?

Wirklich, es wäre sonst längst gestorben.

Ich zog meine Schlüsse. Das Kind nahm nicht an Gewicht zu und es schlief nur durch mich. Ich entschied deswegen, verschiedene Ärzte um Hilfe zu fragen. Weil sich das Kind weigerte, mit mir zu gehen (lieber bewachte es die Küche und die Vorräte) ging ich alleine und beschrieb den Ärzten das Problem. Übernächtigt, schattig und weiß im Gesicht, saß ich auf Stühlen vor Schreibtischen und sagte die Worte, die ich mir zurecht gelegt hatte, wissend, dass dieser Fall kein einfacher war und immer die Möglichkeit bestand, dass die Ärzte mich nicht verstanden.

Ich sagte: „Ich komme zu ihnen, weil bei mir ein Kind wohnt, das mir große Sorgen macht. Offenbar hat dieses Kind irgendeinen ganz grundlegenden und dringenden Mangel. Es hat Schwierigkeiten mit dem Schlaf und so viel es auch isst, es nimmt nicht zu. Sie können mir glauben, dass ich alles probiert und keine Mühen gescheut habe. Ich befürchte deswegen, dass es sterben könnte. Ich mache mir große sorgen und erhoffe mir von ihnen Hilfe.“

Weil ich erschöpft war, flüsterte ich jedes Wort einzeln aus mir heraus und beugte mich über den Schreibtisch zu den Ärzten herüber, aus Angst, sonst könne ein Wort verloren gehen. Die Ärzte nickten und stellten fragen. Sie machten sich einige Notizen und während sie schrieben sahen sie immer wieder zu mir auf. Sie erkundigten sich nach meinen Ess- und Schlafgewohnheiten. Erst dachte ich, es handele sich um Routinefragen, doch erkundigten sie sich immer weiter unnötig nach meinen Gewohnheiten. In meinen Augen beachteten sie viel zu wenig das Kind, wegen dem ich ja gekommen war.  Ich konnte deswegen nicht anders, als anzunehmen, dass sie wohl meine Fähigkeit es angemessen zu versorgen, in Frage stellten. Ein Arzt, ein sehr schmuddelig aussehender Arzt dazu, der sich mindestens drei Tage nicht rasiert hatte, dessen Kittel schlampig und ungestärkt an ihm herunter hing und am kragen eindeutig graue schmutzränder aufwies, dieser Arzt  wollte mir sogar eine Kur verordnen! Vor entsetzen und auch, weil ich keinen Ausweg sah, schlug ich meinen Kopf auf die Tischplatte, fuhr hoch und rief ihm zu:

„Was stellen sie sich eigentlich vor? Wer soll denn das Kind versorgen, wenn ich einen Kuraufenthalt mache und deswegen nicht bei ihm sein kann? Bitte, sie scheinen mich nicht zu verstehen! Ich bin nicht meinetwegen hier, sondern aus Sorge um das Kind!“

Der Arzt nickte und empfahl mir, mich zu beruhigen. Aber meine Wut über sein Unvermögen, mir einen kompetenten Ratschlag zu geben war groß, ja, ich fragte mich wirklich, wie dieser Arzt mir in einem derart ungepflegten Zustand gegenübertreten konnte. Ich verließ also kurzerhand das Sprechzimmer und hastete voller Ärger über diese insgesamt völlig ergebnislosen Arztbesuche durch den Abendverkehr nachhause zu meinem Kind.

Schon kurz nachdem ich die Wohnung betreten hatte, eigentlich schon, während ich sie aufschloss, wusste ich, dass etwas vor sich gegangen war. Im Flur stolperte ich nach dem ersten Schritt über eine leere Konservendose, eine Pilzkonservendose, wie ich verärgert feststellte. Wäre es nur bei dieser Dose geblieben, ich hätte sicher kein Aufheben gemacht. Aber der gesamte Flur war mit Verpackungen, leeren Lebensmittelverpackungen, übersät, dazwischen standen Teller, Besteck lag in den Ecken und je weiter ich mich vortastete, immer ungläubig, desto mehr wurde es. Das Schlafzimmer wollte ich nicht betreten, so hoch war das Hindernis der aufgetürmten Verpackungsreste. Mein Herz schlug, es schlug mich, darunter krampfte der Magen und ich musste – ich eilte, ich stolperte ins Bad. Ich sah, das auch hier alles voller Müll war, stützte mich über die Toilette und übergab mich. Aus dem Augenwinkel sah ich das Kind auf dem Hocker sitzen. Die Augen aufgerissen, die Beine vor dem Bauch verschränkt, den es sich kurz zuvor mit Sicherheit vollgeschlagen hatte, dachte ich, während mein Körper mich schüttelte. Nachdem ich mich, keuchend auf dem Badewannenrand sitzend, etwas erholt hatte, ging ich ohne ein Wort zu sagen an dem Kind vorbei und stieg über die Unordnung hinweg in die Küche. Erst da wurde das volle Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Die Schränke standen offen, die Verpackungsreste türmten sich bis zu den Knien auf. Das Kind hatte alle Schränke geleert, es hatte sie bis auf den letzten Vorrat geleert und gegessen. Jetzt war es genug. Das Kind verhielt sich in meiner eigenen Wohnung wie ein Räuber und vernichtete ungefragt meine Essensvorräte, noch dazu hinterließ es eine Unordnung, die es noch nie gegeben hatte und auch niemals gegeben hätte, hätte sich nicht dieses entsetzliche, böse Kind zwischen meine Wänden gedrängt. Ich lief fluchend umher und überlegte sogar, gleich ganz auszuziehen. Das Kind folgte mir stumm, ohne dass ich es beachtete. Ich sah nicht mal hin und begann mit der Aufräumarbeit, denn es war schon spät. Nach Stunden, in denen ich mich Zimmer für Zimmer durch den Müll gearbeitet und auch die letzten Ecken gesäubert hatte, war es mir endlich gelungen die Ordnung wieder herzustellen. Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Das Kind stellte sich daneben und zwirbelte sich auf dem schwarzen Kopf herum. Es sollte heute zur Strafe kein Essen bekommen. Das Kind sollte von mir überhaupt nichts mehr bekommen. Ich wünschte nicht mal mehr gute Nacht, sondern deckte mich ganz für mich alleine zu und schloss fest die Augen. Ich hielt es tatsächlich für möglich schlafen zu können.

Es war ein tropfen, ich hörte es eindeutig tropfen. Ich richtete mich auch und sah mich um. Das Kind stand noch immer unbewegt an der gleichen Stelle neben dem Kopfende meines Bettes. Auch wenn ich es mir befahl, konnte ich nicht aufhören es anzusehen. Ich wollte auch wissen, woher das Tropfen kam, das schneller auf dem Boden aufschlug, als mein herz in mir. Ich sah dann, dass es aus den Augen des Kindes kam. Das Kind stand regungslos da und weinte große Tränen, die auf den Boden tropften. Schnell drehte ich mich zur Seite weg und versuchte zu schlafen.

Im Morgengrauen hörte ich ein neues Geräusch. Es kam von der Wohungstür. Ich sprang auf, lief über den Flur und sah wie sich das Kind nach der Türklinke streckte. Das Kind wollte gehen. Unter dem arm hielt es sein Kissen und das Laken, das ich ihm auf sein Bett gespannt hatte. Aus seinen Augen tropfte es noch immer. Ich eilte zu ihm und nahm es in meine Arme. So hielt ich es und halte es noch immer. Denn dieses Kind wird ewig mein Kind bleiben. Wo es auch hingehen wird, um seinen Mangel auszugleichen und endlich satt zu werden, es wird niemals das finden, was es sucht. Es bleibt hier. Es wird mich nicht mehr schlafen lassen und ewig von meinen Vorräten essen.

Herbst 2009


*Bild: Oleg Doun

Datum: Mon, 19. August 20:41:42-0700 (PDT)

Von: Henning

An: Kundendienst

Betreff: ihre Mikrowelle

To whom it may concern,

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe in einer Angelegenheit, die trivial wirken mag, auf den ersten Blick glänzt sie geradezu vor Belanglosigkeit, zumal ich der letzte wäre, der wegen eines tiefgefrorenen Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Kokos-Vanillefüllung auf sich aufmerksam machen will, jenem Universalfood Donut also, den ich am 6. Juni gegen 18:34 Uhr in ihrer Mikrowelle (Modell: MagicWant single) gemäß meiner Gewohnheit in nur fünfunddreißig Sekunden zu meiner vollen Zufriedenheit aufgetaut habe. Was ich damit vorab sagen will: Ich bin mir bewusst, dass sie vor Aufgaben stehen, die nicht nur für Außenstehende dringlicher erscheinen, sondern dies unter Einbezug sämtlicher Faktoren auch tatsächlich sind. Lassen Sie mich also vorab jedes Missverständnis ausräumen: Ich melde hiermit keine Funktionsstörung o.g. Mikrowelle oder einer ihrer zahlreichen Apparate oder Applikationen in meiner Wohneinheit, die ihren Dienst allesamt einwandfrei verrichten, zumindest gehe ich davon aus (?). Läge eine technische Panne vor, die Sache wäre eindeutig und ließe sich leicht benennen (und wären Sie nicht sowieso von dem Defekt längst unterrichtet, ich meine, man ließ mich wissen, dass die Geräte Funktionsstörungen selbstständig an Sie senden, und Sie den Schaden womöglich sogar aus der Ferne beheben können, ohne eigenes einen Spezialisten oder Monteur (?) vor Ort schicken zu müssen?). Ich sehe mich daher gezwungen, auszuholen, ich werde mich möglichst knapp fassen, mir ist bewusst (oder zumindest nehme ich an, ohne dabei den hohen Automationsgrad ihrer Apparate infrage stellen zu wollen), dass die Zeit, die Sie einzelnen Nutzern widmen können, begrenzt ist (und wem sage ich, dass die Zeit eine kostbare Ressource ist, schließlich schreiben Sie dies gleich zu Beginn ihres mission statements, und zwar als Unternehmen mit mehrjährigen Erfahrungen, alternativ sprechen Sie von Daten, um ihren Kunden neben zahllosen Erleichterungen vor allem Zeitersparnisse zu garantieren, die im Einzelnen vielleicht gering, in der Summe aber beachtlich – und verwenden Sie in diesem Zusammenhang nicht sogar das Wort »Revolution« und, vermutlich wollen Sie mit dem ebenfalls verwendeten Kompositum auf den friedlichen Charakter des Ganzen verweisen (?): »Heimrevolution« – ausfallen). (Würden Sie mich direkt darauf ansprechen, und nach meinen Assoziationen fragen – ich gehe jedoch davon aus, dass Sie in dieser Sache bereits hinreichende Einblicke in die Gewohnheiten und Präferenzen ihrer Nutzer haben, zumindest deute ich eine jüngere Werbung ihres Unternehmens in dieser Richtung –, denke ich hierbei in erster Linie an ihr biometrisches Schließsystem, den intelligenten Kühlschrank YourMaid mit seiner exklusiven Bestellapplikationen für Universalfoodprodukte, den Staubsaugerroboter DustDeath II inklusive seiner Zwillingsschwester, dem Fenstersaubsauger AlwaysOntheBrightSide, und insbesondere den intelligenten Fernsehsessel Belaqua, die Liste ließe sich leicht fortsetzen, ihren Toaster e-Sunbeam, der wahlweise den tagesaktuellen DAX 30 Kurs oder die persönlichen systolischen und diastolischen Blutwerte auf den Toast brennt (oder beides miteinander überlagert), ist zweifelsfrei eine Spielerei, die ans Kindische grenzt, bereitet mir morgens aber dennoch immer wieder ein stilles Vergnügen).

Lassen Sie mich also zu dem Vorfall kommen, oder sagen wir lieber: den Umstand schildern, Vorfall wäre in diesem Kontext ein zu großer Begriff, der falsche Erwartungen wecken könnte, ebenso wie Ereignis, selbst Begebenheit, vielleicht kann man einfach von Hergängen sprechen oder Abläufen (in die mehrere Faktoren hineinspielen, deren präzise Funktion und Funktionsweise für mich oftmals im Dunkeln bleibt, wobei natürlich auch ich als Person und Handelnder zwangsläufig einen dieser Faktoren verkörpere), ohne dass ich zwischen Ursachen und Wirkungen in der jeweils gebotenen Schärfe zu unterscheiden wüsste, als ich an besagtem Abend am 6. Juni wie gewöhnlich zwischen sechs und halbsieben von der Arbeit nach Hause in meine Einheit zurückkehrte. Die Wohneinheit habe ich vor genau einem Jahr, am 1. August, bezogen, sie können dies ihrem über mich angelegten Profil vermutlich entnehmen (falls es keine große Mühe bereitet, würde ich bei Gelegenheit gerne einen Blick darauf werfen, ich sage dies frei von Hintergedanken, es wäre reine Neugier, sie betrifft allein das Format des besagten Profils (läge es eher in der Form eines Protokolls, einer Akte oder eines Dossiers vor und muss ich es mir eher chronologisch, typologisch oder synoptisch als Nutzerhistorie oder Biografie aufbereitet vorstellen, ich meine sogar, kürzlich einen Beitrag gelesen zu haben, dessen Autor behauptete, dass der Umgang mit großen Datenbergen die Nutzer zu regelrechten Romanfiguren à la Oliver Twist machen würde, nur das es nun für die Leser oder Ausleser dieser Daten gar nicht mehr so leicht sei, zwischen fiktionalem und realem Protagonisten zu unterscheiden?), vielleicht spielen auch Gründe der Eitelkeit mit in diese Anfrage nach dem Profil hinein, ich will dies keineswegs ausschließen, aber vielleicht finden sich darin ja auch für mich aufschlussreiche Einsichten, ich erwähne dies aber nur, und komme überhaupt erst in diesem Moment auf den Gedanken, da ich mich mit diesem Schreiben sowieso an Sie wende), in großer Erwartung und bisher zu meiner vollständigen Zufriedenheit. Wie Sie vermutlich wissen, betrete ich meine Wohnung an mindestens zwei Tagen in der Woche mit einer gewissen Ungeduld (leicht erhöhter Puls, flacher Atem etc.) (und es ist wirklich eine enorme Erleichterung, dass ich keinen Schlüsselbund mehr aus der Tasche klauben muss. Ich war einer jener Menschen, die ihren Schlüssel jedes Mal in unzähligen verfügbaren Taschen suchen musste, nicht selten wurde ich bei dem Gedanken eines Verlusts von einer plötzlichen Panik ergriffen, die Panik führte zu einer gesteigerten Schweißproduktion, zuerst im unteren Rückenbereich, dann im Nacken hinter den Ohren (der Schweiß rührte also weniger aus einer physischen Verausgabung, sondern – zumindest in Teilen – aus der Vorstellung, dass mich meine hinter ihrem Rollo stehenden Nachbarn schon wieder in dieser beschämenden, weil letztlich hilflosen, und in dieser Hilflosigkeit unwillkürlich kindlichen Geste ausgesetzt vor der eigenen Tür stehen sehen könnten), obwohl ich den Schlüssel in mittlerweile dreiundfünfzig Jahren niemals verloren und im letzten Moment zu meiner großen Erleichterung, ohne dass ich mir das hätte anmerken lassen, jedes Mal doch noch gefunden habe). Wenn ich meine Einheit dieser Tage nach wie vor in einem Zustand der inneren Anspannung betrete (manchmal frage ich mich, ob Außenstehende bei meinem Anblick auf einen diffusen Leidensdruck schließen?) (wobei es mir unangenehm wäre, dass ich der Vermutung Vorschub leisten könnte, an einer Blasenschwäche zu leiden, es mag harmlos sein und ist trotz allem verhext, aber ich werde diese Projektion trotz verschiedener meditativer Gegenmaßnahmen nicht los), liegen die Dinge anders als in Zeiten des Metallschlüsselbunds. Jetzt steht hinter der Ungeduld nichts weiter als das ebenso einfache wie instinktive Bedürfnis, möglichst schnell die Tür zu meiner Einheit hinter mir zu verriegeln (was natürlich automatisch geschieht, nur beim Entriegelungsvorgang führt meine Hast manchmal zu einem Abbruch des Verifikationsprozesses, sodass ich erneut einen Schritt zurück- und wieder vortreten muss, beim Zurücktreten zähle ich bis fünf, da ein zu rasches wieder Vortreten zu noch größeren Verzögerungen führt), um die Welt, der ich mit dem Eintritt in meine Einheit den Rücken kehre, auszuschließen, sodass ich nach einem langen Tag endlich in eine zu diesem Zeitpunkt heftig ersehnte Ruhe einkehren kann. Meine neue Einheit hat mir gerade auch in dieser Stimmungslage von Anfang an ein erhebliches Glücksgefühl bereitet, es mag aus der Geste rühren, beim Eintritt in die Einheit meine Hand um den biometrischen Türknauf zu legen, den Kopf leicht in den Nacken geknickt, um in das kleine Auge der Kamera zu blicken (die für meinen Geschmack eine Idee zu hoch angebracht ist, aber ist es in den Zukunftsfilmen, die ich in meiner Jugend mit großer Hingabe angeschaut habe, nicht ebenso, dass die Protagonisten mit einer leichten Links- oder Rechtswendung ihrer Köpfe aufschauen müssen? Manchmal drängt sich mir aber auch das Bild einer alten Frau auf, die, ihre Hände gefaltet und den Kopf wie eine Filmschauspielerin erhoben, zu einer Heiligenfigur in einer der katholischen Kirchen aufblickt, wie ich sie als Kind auf Familienurlauben gemeinsam mit meinen Eltern beobachtet habe; von den von meiner Mutter initiierten Kirchenbesuchen ist mir anders als die Himmelsdarstellung allein das Bild der kleinwüchsigen Frau erinnerlich, obwohl wir mit Sicherheit bedeutsame Deckengemälde gesehen haben (Michelangelo etc.)). Letztlich ist es aber wohl die Summe und Konstellation der zahlreichen kleinen Gesten und Sinneseindrücke, die eine simple Dopaminausschüttung bewirkt, und mich in die alberne, aber darin  glückliche Vorstellung versetzt, soeben in ein Raumschiff zu steigen (und was könnte ein größeres Freiheitsversprechen tragen, als die Fantasie, am Ende des Tags, nach getaner Arbeit, ein Raumschiff zu betreten, um hinaus, in die stillen Weiten des Alls zu gleiten und all den kleinlichen Sorgen des Alltags sanft enthoben zu werden?) (Wenn ich richtig informiert bin, ist Ihr Unternehmen als Investor an einem Unternehmen beteiligt, das den privaten Mond- und Marsflug mit visionären Eifer zeitnah auf die Beine zu stellen sucht?) (Dokumentarfilme, aber auch Romane – ich weiß nicht, ob Sie auch hier über meine Vorlieben unterrichtet sind, falls ja, so muss ich dies nicht eigenes erwähnen –, die sich mit dem Thema des Mars- und anderer Planetenflüge in allen ihren Facetten befassen, gehören noch immer zu meinen großen Leidenschaften). Kurz gesagt betrete ich meine Einheit gerne und mit hohen Erwartungen, zudem spüre ich deutlich ihr Potenzial sowie das Befreiende, das in einer Konzentration auf Wesentliches gründet (wie es von ihren Produkten heißt), die mir das Leben (und muss es anderen Menschen nicht ähnlich gehen?) mit der neuen Wohneinheit erschließt. Wenn ich die Wohneinheit nach wie vor in einem Zustand innerer Anspannung betrete, dann liegt das nicht an ihren selbsttätigen Apparaten, im Gegenteil, ich trage die Last und Erregung aus der Außenwelt in meine Einheit hinein, kurzum: Ich spreche von meinem Heißhunger (er beschränkt sich auf Süßspeisen, vielleicht sollte man also besser von Appetit statt Hunger sprechen, auch ein sogenannter Fressanfall (FA), wie er u.a. im DSM und ICD-10 gelistet ist, ginge an dieser Stelle entschieden zu weit, es liegt hier also, um es mit aller Deutlichkeit zu sagen, kein klinischer Fall vor), der möglicherweise in einer untergründigen Beziehung zu dem o.g. Isolationsbedürfnis steht, auch wenn ich über den Zusammenhang beider Sensationen, hier Appetit, dort Abschottung, kein fachliches Wissen besitze (bisher ist mir diesbezüglich keine einschlägige Studie bekannt, die sich diesem Phänomen widmet, und die einzigen Details, die mir in dieser Hinsicht einfallen, und zu einem tieferen Verständnis beitragen könnten, beträfen meine Schulzeit. Denn bereits dort habe ich zu jenen gehört, die nach Schulende als erstes das Schulgebäude verließen, und auf dem direkten Weg nach Hause zurückeilten, tatsächlich war es eher ein Stürmen, um sich nach der unentrinnbaren Eingliederung in ein soziales Gefüge wieder in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, anstatt etwa auf den Treppenstufen mit Klassenkameraden länger zu verweilen, gemeinsam in Kiosken Klebebilder oder klebrige Süßigkeiten aus großen Sammeltöpfen zu beziehen oder gar gemeinsam durch die Stadt zu stromern).

Tatsache ist also, dass ich an jenen durchschnittlich zwei, manchmal drei, und nur sehr selten (ja, dies sind durchweg Wochen, in denen mich soziale Situationen auf diffuse Art und Weise mehr als sonst und über die Maßen strapazieren und sich auf meine Stimmungen niederschlagen) an vier Tagen in der Woche, mit dem Betreten meiner Einheit direkt zur Kocheinheit stürze, obwohl es meiner Gewohnheit, aber mehr noch meinem Hygieneempfinden widerspricht, mit Straßenschuhen, die Jacke am Leib, meine Wohnung, und im Besonderen die Kochnische, zu betreten. Ohne Zögern öffne ich das Gefrierfach (oft erweckt es den Eindruck eines Reißens, das aber nur durch die Gummilippen der Gefrierfachtür hervorgerufen wird, die sich nur widerwillig vom Leichtmetall des Kühlschrankgehäuses lösen und so einer angemessenen Kraftanstrengung bedürfen), dem Gefrierfache entnehme ich einen Gefrierbeutel, dem Beutel zwei Donuts, einen der beiden lege ich zum Auftauen sofort in ihre Mikrowelle. In den fünfunddreißig Sekunden, in denen ihre Mikrowelle meinen Donut auftaut (und leicht anwärmt, es ist nur ein Hauch, der aber perfekt ist, die Simulation, dass es sich um einen ofenfrischen Donut handeln könnte, würde mir in diesem Moment bitter aufstoßen) (hat nicht schon meine Mutter die Donuts in meiner Kindheit in der Mikrowelle aufgetaut, nicht im Ofen erwärmt, ohne dass ich mich der Mikrowelle während des Betriebs jedoch nähern oder gar meine Stirn oder Nase gegen deren durchsichtige Tür pressen durfte?), schenke ich mir ein Glas Kuhmilch ein (1,5 % Fett mit Vitamin D Zusatz, 225 ml), um daraufhin  den Donut aus der Mikrowelle zu nehmen (erst beiße ich vom Donut ab, dann trinke ich einen Schluck Milch, mit der ich nur den letzten Rest des Donuts hinunterspüle). Donut und Milch nehme ich stets stehend in der Kochnische ein, ich erwähne dies, um den hohen Stellenwert und den Schwellencharakter zu betonen, den dieser erste Donut im Eintritt in meine Einheit für mich einnimmt, von der innerlichen, und auch physischen, letztlich handelt es sich wohl um eine psychosomatische Unruhe, hin zu einer Entspannung, die sich von Biss zu Biss in meinem Körper verbreitet (vergleichbar vielleicht mit dem wässrigen Nebel, der sich am Morgen beim Duschen aus dem intelligenten Duschkopf ihrer Konkurrenz (Modell e3250 X) langsam um den Körper schließt, um erst allmählich Tropfen und kleine Wasserbäche zu bilden, die, nun selbsttätig mit einem knapp bemessenen Spritzer Seife versetzt, den Oberkörper (das leichte Kitzeln um die Hüften), dann die Beine hinunterkullern, bis sie in kleinen Schaummuränen meine Knöchel und Füße erreichen). Folglich atme ich erst danach tief durch, fahre mir mit beiden Händen durch die Haare. Anschließend öffne ich den Reißverschluss meiner Jacke und streife die Schuhe ab. Ich dehne mich. Daraufhin schlüpfe ich in meine empfindsamen Hauspuschen, die die Innenraumtemperatur in Rückkopplung mit meinem Pulsschlag und Blutdruck perfekt regulieren. Erst jetzt lege ich den zweiten Donut in die Mikrowelle, diesen werde ich auf meinem Sessel in der Komfortzone sitzend, vor mir der wandfüllende Bildschirm, genießen. Alles in allem mag es ein bescheidenes, äußerst anfälliges und auch befristetes Glücksgefühl handeln, mit dem ich jetzt die wohltemperierte Komfortzone betrete, den Nachgeschmack des ersten Donuts und der Milch noch frisch im Gaumen (ein Nachgeschmack, der zugleich die Vorfreude auf den zweiten Donut befeuert), manchmal trage ich ihn in einer Serviette eingehüllt, manchmal auf einem Unterteller. Im Hintergrund spielt meine Lieblingsmusik, die automatisch startet, sobald sich die Wohnungstür nach meinem Eintritt in die Einheit selbsttätig schließt, gleichzeitig schaltet sich die indirekte LED-Beleuchtung sowie das Akzentlicht im Wohnbereich an, die Rollläden sind halb geschlossen, wie ich es am liebsten habe, vielleicht huscht soeben noch der Fensterstaubsaugroboter über das Glas, nicht selten, stelle ich mir vor, entdeckt er auf der Scheibe ein Schatten, der erst im Schein der tief stehenden Sonnenstrahlen sichtbar wird, so wie einem nachträglichen Blick, der zufällig aus einem unerwarteten Winkel auf die Chromverkleidung der Küchenablage fällt, die man erst vor wenigen Minuten akribisch gewischt hat, plötzlich eine weitere, zuvor übersehene Schliere ins Auge springt (obwohl mir natürlich bewusst ist, dass der BrightSight die Schatten und Schlieren nicht sieht, wie ich sie sehe, dass er überhaupt nichts sieht, sondern auf unergründliche Weise vorausberechneten Bahnen folgt, die sich dann aber dennoch niemals genau gleichen, für mein Geschmack ein wahres Mysterium). Alles ist maximal friedlich, maximal ruhig. Wie gesagt bin ich mir im Klaren darüber, dass das Equilibrium, das ich in diesem Moment in meiner Einheit erlebe, fragil sein mag, schließlich leben wir, wie nahezu täglich zu lesen und zu hören ist, in unsicheren Zeiten. Wenn ich in der Komfortzone stehe (soeben im Begriff, mich in dem intelligenten Fernsehsessel Belaqua niederzulassen – die Pobacken haben die Sitzfläche noch nicht berührt, schon blendet die Musik aus den Boxen aus, das Licht dimmt hinunter, und auf der Wand gegenüber des Sessels, die sich an der entsprechenden Stelle als Monitor erweist, erscheint ein Videobild, ich komme darauf zurück, es handelt sich um Aufnahmen aus dem All, aufgenommen von einer Sonde, manchmal ist es sogar ein Raumschiff, die in Realtime, also Lichtgeschwindigkeit, gesendet werden), erfasst mich ein Schwindel, bei dem Gedanken, dass es möglicherweise nur wenig bedarf, nur ein Glied, das in dieser fein aufeinander abgestimmten Kette ausschert, um ein ganzes Gefüge durcheinander zu bringen oder eine Mission zu vereiteln. (Haben Sie jüngst den Bericht über wachsenden Müllmassen im Weltraum zur Kenntnis genommen? Anlass des Artikels war eine Besatzung, die ihr Raumschiff wegen heranfliegender Schrottteile evakuieren musste, ich weiß nicht, ob Sie eine klare Position in Sachen Weltraumschrott beziehen? Oder gar darüber nachdenken, selbst Maßnahmen zu ergreifen oder zu veranlassen, dass Maßnahmen von Dritten ergriffen werden?)

Aber ich will endlich auf besagte Hergänge oder Abläufe (sofern es sich um welche handelt und schlussendlich nicht nichts?) zu sprechen kommen. Nachdem ich nach meinem Einzug o.g. Mikrowelle in Betrieb genommen habe, wurde ich mit der Zeit auf Zusammenhänge kommunikativer, und wie ich meine, kausaler Art aufmerksam, zumindest festigte sich die Vermutung, dass ein diskretes Verhältnis, das letztlich durch meine Person oder mein Verhalten getragen sein musste, zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Universalfood Donuts und o.g. Bildern des Weltraumkanals besteht. Über Textnachrichten, die auf diversen Endgeräten eintrafen und mich etwa über vorteilhafte oder weniger vorteilhafte Nährwerte unterrichteten, an die Nährwerttabellen schlossen sich wiederum weitere Ermutigungen oder Angebote an, oftmals erreichten mich auch e-Coupons für eben jene Donuts mit einer Haselnuss-Vanillecremefüllung, die ich am liebsten verzehre, und die beispielsweise in Aussicht stellten, beim Kauf des nächsten XL-Gefrierbeutels die aus den Donutlöchern gewonnen Teigbällchen der Bestellung gratis beizulegen, machte ich mir anfangs keine weiteren Gedanken. Ich wäre sogar verlegen zu sagen, wann der Weltraumkanal anstatt der Weltraumbilder erstmals jene Spots zeigte, die dann zur Gewohnheit wurden, anfangs handelte es sich wenn ich mich richtig erinnere um eine One-apple-a-day Kampagne: eine Formation grüner Äpfel flog gleich Amseln durch einen üppigen Garten, schwang sich kurz darauf in einen blauen Himmel auf, geriet außer Sichtweite, nur um unmittelbar darauf auf eine planetarische Umlaufbahn einzuschwenken. Die Bilder, so der Anschein, waren aus der Perspektive der Kamera meines Weltraumkanals aufgenommen, der Übergang zum Stream des Weltraumkanals vollzog sich gekonnt und war für das ungeübte Auge kaum auszumachen, zumal mich die entsprechende Ermunterung, der One-Apple-a-day-Bewegung beizutreten sowie die Erläuterungen der damit verbundenen Vergünstigungen nicht über den Bildschirm, sondern textbasiert erreichten, ohne den Fluss der Bilder zu stören. Wenige Tage später folgten Bilder von Donuts, die in der Anordnung ganzer Galaxien durchs All schwebten; dieser Eindruck stellte sich freilich erst ein, als ein einzelner Planet sich aus der Nahsicht plötzlich als ein in einen weißen Zuckerguss gehüllten Donut classic entpuppte, der sich in der Formation weiterer Teigwaren in der darauffolgenden Fernsicht schließlich wieder in ein zwar kleines, aber eigenständiges Sonnensystem zurückverwandelte. Wie dem auch sei: Dass die Botschaften und Bilder in einer Verbindung mit ihrer Mikrowelle stehen, erhärtete sich, als ich eines Abends auf dem Weltraumkanal von einem Arzt empfangen wurde, der meinem Hausarzt zum Verwechseln ähnlich sah (oder sollte er es tatsächlich gewesen sein?). Er betonte die Notwendigkeit einer bestimmten Anzahl von Schritten, die jeder Einzelne früher aufgrund zahlreicher Botengänge etwa zum Supermarkt oder zur Post täglich automatisch absolviert hatte, heute konnte und musste dieses Pensum dagegen aktiv gestaltet werden (die Informationen über die Geräte, die Sie diesbezüglich im Angebot haben, und die es einem ersparen, zur körperlichen Ertüchtigung seine Wohneinheit verlassen zu müssen, habe ich mehrfach erhalten) (wobei ich an dieser Stelle vielleicht die Nachfrage nach einer Applikation äußern kann, denn bisher konnte ich nur Applikationen finden, die Gewichtsabnahmen, jedoch gezielt keine langfristigen Gewichtszunahmen aufzeichnen?). Als die Ansprache meines Hausarztes sich ihrem Ende neigte, zoomte die Kamera von seinem Gesicht weg, und der Hometrainer kam ins Bild, auf dem er während seiner Ansprache gesessen hatte. In einer weiteren Einstellung stellte sich heraus, dass der Hometrainer in einer Raumschiffkapsel stand, der Arzt lächelte ein letztes Mal (mehr als einmal meinte ich tatsächlich, dieses Aufblitzen in seinen Augen wahrzunehmen, das eine Wiedererkennung signalisiert), zustimmend reckte er einen Daumen in die Höhe, bevor die Kamera seitlich zu einem runden Kajütenfenster und hinaus ins All schwenke, und zu den Bilder des Weltraumkanals überblendete, die mir so gut vertraut waren. Ab und zu erschien an seiner Stelle seine Arzthelferin oder eine Beraterin meiner Krankenkasse oder der Manager einer mit Universalfood konkurrierenden Supermarktkette, Mal waren sie in einem Raumkapsel untergebracht, Mal erreichte mich ihre Nachricht vom staubig verwehten, ins rötlich changierenden Grund des Planeten Mars.

Raubten die Bilder mir meine ersehnte Ruhe oder erregten sie meinen Missmut?

Nein, keineswegs.

An jenen Tagen, an denen ich die Mikrowelle nicht bediente, blieben die Botschaften und Bilder gewöhnlich aus und auch dies entsprach meiner Stimmung, weil ich mir an diesen Abenden, frei von der inneren Anspannung, selbst genug war. Manchmal verzehrte ich an diesen Tagen sogar einen Apfel, und auch diese Vorstellung bereitete mir mitunter ein geradezu diebisches Vergnügen, weil ich mit dieser Wahl, die den Mitgliedern der One-Apple-a-Day Bewegung oder meinem Hausarzt doch so sehr hätte zusagen müssen, alleine war (es mag eine egoistische Freude sein, die ihrem unternehmerischen Gemeinschaftsgeist widerspricht, aber ich schildere hier nur, was ich empfand). Denn bereits am Folgetag registrierte ich, dass ich mir schon während der erste Donut in der Mikrowelle kreiste, der zweite ruhte tiefgefroren auf der Ablage, Gedanken machte, wer mich wohl heute von welchen Ort auf dem Weltraumkanal empfangen würde und mit welcher Botschaft. Ich war mir vollkommen gewiss oder vielmehr meinte ich zu wissen, dass mich die Bilder und Botschaften notwendig erreichten, sobald ich einen Donut in der Mikrowelle platzierte, weil beide in jenem erwähnten Beziehungsgefüge eingebettet waren, und ich sage es frei heraus: Dieses Wissen, mit meinem Verhalten die Bilder und Botschaften nicht kontrollieren, nein, sie aber vielleicht doch in einer gewissen Richtung zu steuern oder auch nur zu beeinflussen, oder sagen wir sie anzustupsen, bereitete mir eine bescheidene Genugtuung. In der Retrospektive kommt es mir sogar so vor, dass diese Bilder und Botschaften aus dem All, die ihren Ursprung natürlich in einem jeweils eigenen Interesse ihrer Sender hatten, dennoch ein Interesse spiegelten, das dem meinem kongenial entgegenkam, sich mit diesem kreuzte, und darin eine belebende, aber auch beruhigende Wirkung entfalten konnte. Musste nicht gerade das All groß genug sein, um mir mit meinen Bedürfnissen genügend Raum zu gewähren, und war es nicht so unermesslich groß, dass mir jene Bilder und Botschaften, die sich abends vor dem Bildschirm in meine Vorstellungswelt einschrieben, als Anker und Trost dienen mussten, dass ich dort draußen mit meinem Bedürfnissen nicht vollkommen allein unterwegs war?

An jenem 6. Juni – denn wenn ich mich in der Rekonstruktion der Ereignisse nicht täusche, markiert dieser Tag den Wendepunkt oder Umschwung in den oben geschilderten Abläufen –, kehrte ich nicht anders als sonst von der Arbeit in meine Einheit zurück. Wie gewöhnlich verzehrte ich meinen ersten Donut stehend in der Küche, mit dem zweiten begab ich mich in einer leichten Anspannung, die aber bereits im Abklingen war, in die Komfortzone. Als ich mich niederließ und der Bildschirm ansprang, liefen nun aber lediglich die tonlosen Bilder des Weltraumkanals, die tiefe Schwärze des Alls schien plötzlich mit Händen greifbar zu sein, nur hier und dort war der weite Raum von winzigen Lichtquellen erleuchtet, die ihre Wellen aussendeten, indem sie sich selbst verzehrten und nichts taten, als ihrem eigenen Ende entgegen zu glühen – ein Ende, dass bereits unwiederbringlich eingetreten war, als ihre Nachricht mich erreichte. An jenem Abend machte ich mir keine weiteren Gedanken über den Ausfall jeglicher Bilder oder Botschaften eines Agenten oder Werbeträgers, die Irritation wuchs erst, als dieser Ablauf sich am folgenden Tag wiederholte und in den nachfolgenden Tagen und Wochen zur Norm wurde, ohne dass ich mich entsinnen kann, an jenem Dienstag den 6. etwas anders oder anderes gemacht zu haben als zuvor. Die Botschaften und Bilder blieben seitdem aus, egal, ob ich erregt oder gelassen in meine Einheit zurückkehrte, ob ich die Mikrowelle bediente oder nicht, ob ich einen Donut oder nährreiches Gemüse auf dem Drehteller platzierte. Weder meinen Arzt noch dessen Helferin oder sonst eine Person hat mich seither auf dem Weltraumkanal empfangen. Die Frage, die mich seither umtreibt, lautet daher schlicht, ob jene diskrete Kommunikation zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Donut und o.g. Botschaften jemals vorgelegen hat? Und sollte sie tatsächlich vorgelegen haben, frage ich mich, warum sie inzwischen gekappt ist, oder ob sie sich mittlerweile nur auf eine für mich noch nicht erkennbare Weise verschoben hat? Es liegt mir also fern, den Verdacht zu äußern, dass ihre Mikrowelle möglicherweise gar nicht in der Lage ist, die ihr zugeführten Produkte zu identifizieren. Bedeutet das aber im Umkehrschluss nicht, dass ihre Mikrowelle plötzlich keine Notwendigkeit mehr sieht, diese Informationen an Dritte zu kommunizieren? Oder hat sich möglicherweise nur die Adresse jener Dritten geändert? Natürlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Dinge zum Guten fügen werden und vielleicht klären sich die Dinge von alleine – sagt man nicht, dass der Fortgang der Zeit eine heilende Wirkung ausübt? Noch verspüre ich ab und an aber jene Irritation, und ja, Niedergeschlagenheit, ohne dass ich ihren Sitz präzise in meinem Körper lokalisieren könnte – und doch bringe ich diese Stimmungen mit den Hergängen an o.g. Dienstag in Verbindung, kurz: Die Weltraumbilder, die mich zuvor von den täglichen Sorgen befreiten und in jene stille und erhabene Weite des Alls hoben, versetzen mich plötzlich in eine scharfe Unruhe, als wollten mich dieselben Bilder nun in eine ebenso große wie dunkle Leere hinaustragen, und zwar alleine, vollkommen auf mich gestellt. Ist es nicht ein beängstigender Gedanke, dass das All in seinem unermüdlichen Drang, auseinanderzustreben und immer weiter auseinander in dieser Bewegung nichts als neue Räume der vollkommenen Leere erschließt?

Nein, ich weiß nicht, ob ich mich deutlich machen kann, und ob mein Unbehagen tatsächlich in einem Zusammenhang mit ihrer Mikrowelle steht, sofern diese überhaupt jemals in jener von mir vermuteten diskreten Beziehung zu den Dingen und Abläufen in meiner Einheit stand? Dass ein Telefonat der bessere Weg wäre, um mein Unwohlsein Ihnen gegenüber zu artikulieren, will ich hierbei gar nicht bestreiten. Tatsächlich habe ich es mich einiges an Mühe und Zeit kosten lassen (elf Anrufe über drei Tage, während ich Sorge trug, zu jeweils unterschiedlichen Tageszeiten anzurufen, um mögliche Hochphasen zu umgehen und mögliche Flauten zu erwischen, sicher haben sie diesbezüglich verlässliche Zahlen vorliegen, leider war es mir jedoch nicht möglich, die entsprechenden Angaben zu finden), um eine ihrer Kundenberaterinnen zu erreichen (ist es wahr, dass man nach 10 Uhr abends, sofern man durchgestellt wird, zu einem Callcenter in Indien oder Bangladesch vermittelt wird, was allerdings unverständlich wäre, wenn jene anderen Aussage zuträfe, die ich gelesen oder gehört habe, dass der Großteil der Anrufe inzwischen von Sprachsoftwaresystemen verwaltet wird?). Als es beim elften Anruf soweit war (ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass sich jemand meldet, in Gedanken war ich demnach abgeschweift, auch wenn es mir im Nachhinein unmöglich ist, zu sagen, welche Gedanken mich konkret beschäftigten, ich weiß nicht, ob dies für ihre Recherchen im Dienst verbesserter Dienstleistungen evtl. von Interesse gewesen wäre?), hat mich die helle Frauenstimme in eine momentane Verwirrung gestürzt, selbst nach dem dritten Hallo?, gefolgt von der Nachfrage ihrer Kundenberaterin (die vielleicht auch nur über ein Sub-Unternehmen bei ihnen angestellt ist), ob sich am anderen Ende der Leitung jemand befände, schien es mir plötzlich unmöglich, oder vielmehr verließ mich der Mut, mein Anliegen mündlich zu schildern. Ich will ihrer Telefonisten, die ihre Arbeit unter hohem Leistungsdruck ausführt (ich meine gelesen zu haben, dass Telefonistinnen im Callcenter meistens leistungsbezogenen, sprich: gemäß der Anzahl der Gespräche die sie abwickeln honoriert werden?), keinen Vorwurf machen, aber es mag auch an einer gewissen Ungeduld gelegen haben, die sich von einem Hallo? zum nächsten meinem Gespür nach empfindlich steigerte, der sicher kaum wahrnehmbare Ton einer aufkeimenden Gereiztheit, für die ich vielleicht über die Maßen sensibel bin, und die mein Vorhaben, mein Anliegen lieber telefonisch statt postalisch zu artikulieren von Hallo? zu Hallo? in eine zunehmend weitere und schließlich unerreichbare Ferne rückte. Es schien mir vergeblich, einer möglicherweise ungeduldigen Person erklären zu wollen, was sich wie oben geschildertes nur schwerlich auf dem direkten Weg benennen lässt, und deshalb auf Geduld und ein gewisses Wohlwollen seines Gegenübers angewiesen ist, zumal ich anderen Menschen ungern zur Last falle. Ich habe die Verbindung rasch und wortlos abgebrochen.

Nein, wie sie meinem Schreiben vielleicht entnommen haben, bin ich kein Mensch, der vor Selbstbewusstsein strotzt, in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen, manchmal genügen schon ein oder zwei, fällt es mir schwer, selbst in eine Stille hinein, das Wort zu ergreifen. (Und ja, manchmal stürzt es mich in eine tiefe Verwirrung, um nicht von einer Verzweiflung zu  sprechen, dass der gefühlte Raum, vielleicht kann man auch von einer Art der Präsenz sprechen, die in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen mein Körper physisch einnimmt, in einem solchen Gegensatz zu dem Raum steht, den ich meiner Stimme zugestehe.) Aber all das gehört nicht hierher, ich beginne abzuschweifen, sodass ich abschließend nur betonen möchte, dass mein Schreiben nicht unter die Rubrik der gewöhnlichen Kundenbeschwerde fällt (erst kürzlich habe ich zum wiederholten Mal einen weiteren Artikel gelesen, der schilderte, in welchem Ton die Kunden ihre Beschwerden äußern; über den mangelnden Takt, ja, die offene Wut und Gehässigkeit, bin ich vermutlich nicht anders als Sie, in höchstem Maß beunruhigt, sowohl entsetzt als auch betrübt, auch wenn ich darin trotz allem keinen Grund sehe, sich auf kulturpessimistische Abwege zu begeben, ihrem Team, oder dem von ihnen via Sub-Unternehmen engagierten Mitarbeiterstab, zolle ich aber auch deshalb umso größeren Respekt bzw. beglückwünsche ich Sie, falls Sie die Hotlinedienste inzwischen tatsächlich weitgehend automatisiert haben.) Aber natürlich würde es mich in diesem Kontext auch keineswegs erstaunen, beziehungsweise gehe ich mehr oder weniger davon aus (und ich sage dies frei von einem Vorwurf oder einer Enttäuschung), dass Sie dieses Schreiben zuerst maschinell lesen und auswerten (verschlagwortet?, und mit einer Synopse oder einem Dringlichkeitsmarker versehen? – leider sind meine Kenntnisse in diesen Dingen begrenzt) (die Datenbanken und -speicher, auf die Sie zurückgreifen müssen, liegen womöglich nicht einmal voll und ganz in ihren Händen, sondern ausgelagert in anderen Ländern und bevorzugt kalten Regionen (Permafrost)?), sodass einige Zeit vergehen kann, bevor einer ihrer Mitarbeiter die Zeit findet, sich der Sache anzunehmen. Vielleicht wird aber auch niemals eine Mitarbeiterin ihres Unternehmens das Schreiben tatsächlich lesen (oder vielleicht nur zufällig, im Zuge von Stichproben, die möglicherweise regelmäßig durchgeführt werden, ich meine, ähnliches in einem anderen Kontext bezüglich eines vergleichbaren Dienstleisters gehört zu haben, obwohl es in diesem Fall darum ging, dass anstößige Bildinhalte gelöscht werden, eine Arbeit die bislang offenbar noch nicht von Software erledigt werden kann?). Wie dem auch sei, selbstredend kann und werde ich nicht beurteilen, ob eine computergenerierte Rückantwort besser oder schlechter ausfallen würde, als eine von ihren Serviceexperten persönlich verfasste (ist es nicht vorstellbar, dass ihre Maschinen auf ein ganz ähnliches Schreiben, vielleicht sogar bis hin zum Tonfall oder Satzbau, von einem ehemaligen Nutzer finden, von dem ihrer Kundenberaterinnen unmöglich wissen können, und dem man sich bereits damals in einer gebührenden Tiefe widmete?). Zudem wäre es aber vermessen, mich mit meinem Anliegen als Einzelfall zu betrachten, der eine besondere Behandlung verdient, und selbst wenn dem so wäre, wäre es vermessen, diesem Einzelfall, gerade weil er keine allgemeine Relevanz besitzt, eine gesteigerte Aufmerksamkeit ihrerseits abverlangen zu wollen, all dies ist mir bewusst. So bleibt zuletzt also nur dir Nachfrage, ob ich mich bei Ihnen an die richtige Adresse gewendet habe? Gegebenenfalls bitte ich, mein Schreiben zu ignorieren, oder mich davon zu informieren, dass Sie in dieser Sache nicht zuständig sind und das Schreiben deshalb unbeantwortet lassen. Universalfood, aus deren Produktportfolio o.g. Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Haselnuss-Vanillecremefüllung stammt, haben deren Zuständigkeit mit einem eindeutigen Negativbescheid quittiert (was nicht anders zu erwarten war, nur die leicht zugängliche Kundenhotline auf dem Gefrierbeutel, die mich beim ersten Versuch mit einer freundlichen Mitarbeiterin des Unternehmens verbunden hat, hat mich bewogen, es wider besseres Wissen trotzdem zu versuchen, und heißt es darüber hinaus nicht, dass man sich seinem Ziel manchmal am besten über ein Ausschlussverfahren nähert), gleiches gilt für den Generalunternehmer, bei dem ich meine Einheit auf Kredit erworben habe, ohne dass man mir jedoch hinsichtlich des zuständigen Ansprechpartners bisher weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen,

Henning


*This story is taken from: „Vor Anbruch der Morgenröte“ by Philipp Schönthaler © 2017 Verlag Matthes & Seitz, Berlin/Germany.

Die Bekanntschaft mit Werken des japanischen Dichters Yasushi Inoue danke ich einer jungen Kollegin, mit der ich im vergangenen Winter einen langwierigen und anstrengenden Abend verbrachte. Zu jener Zeit lebte ich seit einigen Monaten von meiner Frau und meinem Sohn getrennt, ich hatte in einem hochgelegenen Ort im Taunus ein Hotelzimmer gemietet. Die Schuld an der Trennung lag allein bei meiner Frau, sie hatte, soweit ich zurückdachte, unentwegt an mir herumgenörgelt. Und meine Geliebte besaß größere Brüste. Sie lebte allerdings einige hundert Kilometer entfernt in Bremen. Ich hatte also genug Zeit und Gründe, über alles mögliche nachzudenken, zum Beispiel auch über Frauen.

An dem besagten Tag war die junge Kollegin, die mich auf Inoue aufmerksam machen sollte, morgens in meinem Büro in der Redaktion erschienen. Wir unterhielten uns über einen Text, den sie für die Zeitung geschrieben hatte. Mit dem ersten Satz hatte sie sich besonders viel Mühe gegeben, er klang großartig, erwies sich bei näherem Hinsehen aber als hohl. Auch sonst war das Manuskript mißglückt, aus Gründen, die sich nicht nur bei Leuten finden lassen, die gerade ihren Universitätsabschluß gemacht haben, bei diesen jedoch besonders häufig. Die Verfasserin wußte nicht recht, was sie eigentlich sagen, aber um so besser, wie sie selbst in ihrem Text erscheinen wollte, und das hatte durchgängig ihre Wortwahl, den Satzbau und den Inhalt ihres Manuskriptes bestimmt. Vielleicht hatte sie sich auch nur keine Blöße geben wollen, aber das lief auf dasselbe hinaus. Meine Aufgabe bezog sich ohnehin nicht auf Ursachen, sondern auf Wirkungen.

Nachdem ich der jungen Kollegin gezeigt hatte, daß der Text nichts verlor, wenn man den offenbar in wochenlanger Arbeit erfundenen Einleitungssatz einfach strich, sie auf weitere Mängel hingewiesen und ihr schließlich geraten hatte, das ganze als mißlungenen Versuch zu betrachten und neu zu beginnen, brach sie in Tränen aus. Etwas Ähnliches war mir vor Jahren schon einmal mit einer Mitarbeiterin passiert, die sich schwer damit tat, daß ich als der Jüngere ihr neuerdings Anweisungen zu geben hatte, und die vermutlich aus diesem Gefühl heraus allen meinen Plänen hinhaltenden Widerstand entgegensetzte. Ihr Weinen hatte mir damals die Sprache verschlagen. Eigentlich war es nur um die zweckmäßige Gestaltung bestimmter Aktenvermerke gegangen, doch angesichts der schmalen, bebenden Schultern der schluchzenden Frau, die mir, wie um ihre Tränen zu verbergen, den Rücken gekehrt hatte, kam ich mir plötzlich hartherzig und roh vor und suchte sie verschreckt zu trösten. Später wurde mir klar, daß sie mit diesem Trick nur ihren Willen durchgesetzt hatte.

Deshalb beeindruckten mich diesmal die Tränen der jungen Kollegin nicht weiter. Ich vermutete, daß sie weinte, um mich zum Abdruck ihres Manuskriptes zu bewegen. Tatsächlich versiegten ihre Tränen sogleich, als ich ihr zusagte, den Text in den Satz zu geben, und auf ihrem Gesicht erschien ein befreites, wenn auch ein wenig verschämtes Lächeln. Zwar ärgerte ich mich über den heimtückischen Angriff auf die Ruhe meines Herzens, aber ich tröstete mich damit, daß die angemessene Strafe mit der Veröffentlichung des belanglosen Textes in einer bedeutenden Zeitung gesichert sei.

So war beiderseits die Zufriedenheit wiederhergestellt, und es entspann sich eine unverfängliche Plauderei, in deren Verlauf ich auf den Gedanken kam, sie am Abend fortzusetzen. In mein Zimmer hinter dem Berg zog es mich nicht zurück, und ebensowenig verlockte mich die Aussicht, wieder einmal zu nächtlicher Stunde im Büro des ausgestorbenen Verlagshauses zu sitzen und mich von wehen Gedanken an mein zugleich so nahes wie unerreichbar fernes Zuhause bedrücken zu lassen, wo ich meine entgeisterte Frau und mein trauerndes Kind wußte.

Also lud ich die junge Kollegin zum Essen ein. Mit einer Frau von fünfundzwanzig Jahren hatte ich mich schon lange nicht mehr unterhalten. Wie ich in diesem Alter gefühlt und gedacht, wie ich mich selbst gesehen hatte, meinte ich zwar noch einigermaßen zu erinnern, aber doch nicht gut genug, um mir vorstellen zu können, was ich nun, mit bald vierzig, in meinem dreizehn Jahre jüngeren anderen Ich auffinden würde, wenn ich ihm nur hätte begegnen können. Die Möglichkeit bestand nicht, doch vielleicht mochte es mir gelingen, statt dessen in diese junge Frau hineinzuschauen und auf diesem Umweg auch ein wenig in meine eigene Vergangenheit.

Diese Absicht erfüllte sich nicht, und in den zähen Stunden am Abend hielt ich mir wiederholt vor, daß ich das eigentlich von Anfang an gewußt hatte. Zum Beispiel war mir sonnenklar, daß ich auch mit fünfundzwanzig nicht so eigensinnig gewesen wäre, den Abdruck eines Manuskriptes, dessen ich nicht sicher sein konnte, gegen den Rat eines Erfahreneren durchsetzen zu wollen − und wenn nicht aus Einsicht, so doch aus Vorsicht. Und selbstverständlich wußte ich, daß ein Mensch, der mir morgens selbstgerecht und herrschsüchtig begegnet, sich am Abend schwerlich als aufmerksam und bescheiden erweisen wird.

Andererseits war sie eine Frau. Obgleich ich das Geheimnis der Frauen zufällig am vergangenen Wochenende gelöst hatte, dachte ich doch, daß es nicht schaden könne, für meine frischen Einsichten weitere Beweise zu sammeln, falls mein anderes Vorhaben − der Rückblick in die Vergangenheit − sich nicht verwirklichen lassen würde.

Übrigens soll, lieber Leser, dieser Text ein Essay sein, und sein Gegenstand ein Thema, das mich seit längerem und Sie seit ungefähr fünf Minuten beschäftigt: die Selbstdarstellung des Autors in seinem Text. Wenn Sie allerdings glauben, ich hätte bei dem Treffen mit der jungen Dame eine weitere Absicht verfolgt, die ich Ihnen verschweige, so möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, daß Sie sich in diesem Punkte täuschen! Erstens hatte ich eine feste Geliebte (die mit den riesigen Brüsten), und zweitens schlief ich, wenn ich nicht in Bremen war, so ziemlich jeden Tag mit meiner Frau. Ich fand das alles selbst nicht richtig, aber so war es eben, und, weiß Gott, es genügte mir. Nur zur Sicherheit ließ ich in meinem Hotel Bezüge für die andere Betthälfte auflegen − ich bewohnte dort nämlich ein Doppelzimmer. Aber nein, was sage ich: Ich ließ die andere Betthälfte durchaus nicht beziehen, sondern überlegte nur, ob ich sie sicherheitshalber hätte beziehen lassen sollen, nahm dann jedoch Abstand von dieser unsinnigen Idee! Ja, so war es.

Ich verband also in keiner Beziehung hochgespannte Erwartungen mit dem Treffen. Sein Ort war eine kleine Sushibar mit vier Tischen, die das Nebengelaß eines japanischen Restaurants bildete, in dessen geräumiger Gaststube theatralisch auftretende Köche heißes Essen an denselben Tischen zubereiteten, an welchen die Gäste saßen. Die gesamte japanische Wirtschaft wiederum machte den kleineren Teil eines Komplexes aus, dessen größeren ein Chinarestaurant beanspruchte − obwohl doch ansonsten die Beziehungen zwischen Japanern und Chinesen seit geraumer Zeit insgesamt eher unerfreulich sind. Unmittelbar an die beiden Restaurants grenzte die doppelstöckige Eingangshalle eines Hotels, und all das überwölbte eine kristallene Ladengalerie inmitten der Frankfurter Innenstadt. Wegen dieser verzwickten Verhältnisse wirkte die kleine Bar immer irgendwie abgelegen. Als wir dort eintrafen, fielen draußen schon Schneeflocken, und das Schmelzwasser von den Stiefeln der Leute trübte den Widerschein der elektrischen Lichter auf dem Fliesenboden der Passage.

Es wurde ein Abend mit Überlänge. Insgeheim überlegte ich wieder und wieder, warum zum Teufel ich ihm kein Ende setzte, und ich fand dafür auch verschiedene Gründe, die durchweg weder für mich noch für die Kollegin sonderlich schmeichelhaft waren. Doch sowenig wie die junge Frau am Vormittag vermochte nun ich mich dazu durchzuringen, mißraten sein zu lassen, was mißraten war. Statt dessen führten wir mit abnehmenden Kräften, nachdem das Essen vorüber war, unser fades Gespräch in einer Ecke der Hotellobby bei Weißwein und Salzmandeln fort, während eine gelangweilte Sängerin in rosa Polyesterhosen auf einem Podest zur Keyboard-Begleitung Evergreens ausschied. Der Abend endete wie jene Flüsse, die ohne je das Meer zu erreichen inmitten der Wüste versiegen.

In der Stadt draußen lag inzwischen allerdings dicker Schnee. Ich betrachtete diesen Schnee als einen Schnee, der es mir unmöglich, und wenn nicht schlechterdings unmöglich, so doch unverhältnismäßig schwer gemacht hätte, mit Sommerreifen über den Feldberg zu meinem Hotel zu gelangen. Zwar hatte ich die Richtung schon eingeschlagen, doch nach einigem Bedenken wendete ich den Wagen und steuerte ihn unter rätselhaftem Gewissenszwicken ostwärts durch menschenleere, taube Straßen, zu meinem früheren Zuhause, in meine frühere Garage. Von dort begab ich mich in meine frühere Wohnung in mein früheres Schlafzimmer in mein früheres Bett zu meiner früheren Frau. Aus heutiger Sicht räume ich ein, daß ich am vorläufigen Ende dieses erschöpfenden Abends irgendwie doch am Ziel angelangt war (anders als jene Flüsse, die ohne je das Meer zu erreichen inmitten der Wüste versiegen), auch wenn ich von diesem Ziel sowenig gewußt hatte wie irgendein Fluß vom Meer − oder ebensoviel. Das einzige, was mir sicher zu sein schien, war, daß meine frühere Frau, wenn ich unerwartet nachts um halb zwei mit kalten Füßen unter ihre Decke schlüpfte, nicht nörgeln würde.

Davon abgesehen bezeichnete dieser Abend nicht nur den Beginn meiner Bekanntschaft mit den Werken des Dichters Inoue, sondern auch den späten Einbruch anhaltend winterlicher Witterung in Deutschland. Und als ich am darauffolgenden Sonnabend mit meinem Sohn nach Föhr übersetzte, konnten wir von Glück sagen, daß noch eine Fähre verkehrte. Auf der grauen See trieben unzählige Eisschollen, Schneeflocken eilten unverwandt gegen die Salonfenster, und wo das Schiff sich auf die geschlossene Eisdecke schob, war es, als ob eine Riesenfaust seinen Bug versetzte. Mein Vermieter hatte nicht zuviel versprochen, als er im Sommer gesagt hatte, der Februar sei die beste Zeit auf der Insel.

Tags unternahmen mein Sohn und ich, dick vermummt, lange Spaziergänge. Wenn ich abends vor dem Kamin saß, durch den Telefonapparat mit meiner früheren Frau und der fernen Geliebten stritt oder dem Mond lauschte, lag das Kind nebenan und knirschte im Schlaf mit den Zähnen. Auf einer unserer Strandwanderungen durch Halden von hüfthohen Eisschollen (hüfthoch aus meiner Sicht, scheitelhoch aus der seinen) hatten wir in einer Nische den schon größtenteils verwesten Kadaver einer Ente entdeckt, den der Frost hier in seinen Bann geschlagen hatte. Ein Bein des Tieres war noch in Reste eines grünen Netzes verstrickt, im brüchigen Käfig des Brustkorbs lag wie ein einsamer Kiesel das schwarze, verdorrte Herz.

Mein Junge konnte sich vom Anblick des toten Geschöpfes nicht lösen, und als er sich schließlich doch einmal losgerissen hatte, kehrte er schon nach wenigen Schritten wieder dorthin zurück. So standen wir lange neben dem Leichnam beisammen, umgeben von den zerschründeten, vom Schlick braun verfärbten Schollen, unter einem weiten, offenen Himmel. Mein Sohn fragte mich nach Leben und Tod, als wüßte ich, wie sonst über alles, auch in diesen Dingen Bescheid. Zwei kleine Tränen standen auf seinen Wangen. Mir aber senkte sich das Bild meines bekümmerten Kindes, wie es am eisigen Grab des Vogels grübelte, tief in die Seele.

Ansonsten las ich dem Jungen täglich aus Walbüchern vor, die er sich im Wyker Buchladen ausgesucht hatte. Ich selbst hatte mir einen ganzen Stapel Literatur mitgenommen, darunter auch einen schmalen Band von Inoue: Das Jagdgewehr. Dieses Buch war am Tag, der auf den langen Abend folgte, als unerwartete Gabe der jungen Kollegin in meinem Büro eingetroffen. Auf die erste Seite hatte sie eine Widmung geschrieben, in der sie den zurückliegenden Abend zu meiner Überraschung als »spannend« bezeichnete. Ich zog es vor, mein Urteil dadurch eher bestätigt als in Frage gestellt zu sehen.

Zu der Zeit hatte ich gerade die Lektüre des Romans Musashi von Eiji Yoshikawa beendet. Auch in diesem Buch stand eine Widmung: von der Hand meiner früheren Frau, die es mir vor elf Jahren zum Weihnachtsfest geschenkt hatte. In gewisser Weise hatte der Roman mir, als ich ihn nach so langer Zeit zum zweiten Mal durchwanderte, den erwünschten Rückblick in die Vergangenheit erlaubt. Denn obwohl sich mir beim ersten Lesen viele Einzelheiten der Handlung eingeprägt hatten, las ich das Buch nun wie mit anderen Augen. Im Lauf der Jahre hatte ich offenbar Erkenntnisse gewonnen, die einigen des Verfassers ähnelten; deshalb entdeckte ich nun in dem Roman manches, was mir vorher verborgen oder unerklärlich gewesen war, und zugleich konnte ich mir meine frühere Sicht ins Gedächtnis rufen. Doch ebenso wie vor gut einem Jahrzehnt fühlte ich mich von den Schlußsätzen Yoshikawas angerührt, in denen er Wollen und Meinen der Menschen mit dem Rauschen der Wogen vergleicht:

»… doch wer kennt die Seele des Meeres, hundert Fuß unten? Wer kennt seine Tiefe?«

Für die Tage auf Föhr hatte ich mir den Shogun von James Clavell vorgenommen, denn dieses Buch behandelt dieselbe japanische Epoche und wendet sich, ähnlich wie Yoshikawas Werk und mit dem gleichen Erfolg, an ein breites Publikum, wenn auch an eines mit westlichem Geschmack. Zu dem Vergleich hatten mich unter anderem Bemerkungen eines Japankenners über die − sehr verschiedenen − Liebesgeschichten in beiden Romanen angeregt. Aber gleichzeitig dürstete mich nach mehr japanischer Literatur, und so fügte es sich gut, daß ich in meinem Gepäck das Büchlein von Inoue hatte. Es ist eine Novelle, keine hundert Seiten lang. Sie gibt zum wesentlichen drei Briefe wieder, die an denselben Mann gerichtet sind, die Briefe stammen von seiner Ehefrau, von seiner Geliebten und von deren Tochter. Nach dem Jagdgewehr las ich alle Bücher von Inoue, deren ich habhaft werden konnte, leider ist bisher nur eine Handvoll ins Deutsche übertragen worden.

Ich verspüre die Neigung zu sagen, daß ich in Inoues Schriften Antworten auf viele Fragen fand, die mich damals beschäftigten. Aber in Wahrheit war es wohl so, daß Inoues Texte mir im Umgang mit diesen Fragen halfen, indem sie einen stillen Einfluß auf meine Sicht der Dinge entfalteten, darunter auch bei jenem Thema, das, wie Sie, mein umworbener Leser, bereits wissen, Gegenstand dieses Essays ist: die Selbstdarstellung des Autors in seinem Text. Sie werden einwenden, daß alles, was ich seither dazu geschrieben habe, nicht als Essay gelten kann, sondern allenfalls als irgend etwas anderes. Und ich widerspreche nicht. Denn ehrlich gesagt kann ich überhaupt keine Essays schreiben. Ein einziges Mal habe ich unter Qualen einen verfaßt, er erschien 1989 in der Tiefdruckbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und trug mir, wie ich wohl sagen darf, eine gewisse Anerkennung ein, vielleicht haben Sie ihn gelesen. Damals hat niemand bestritten, daß es sich um einen Essay handele. Aber ich als sein Verfasser muß es besser wissen: Ich hatte mich seinerzeit nur als Essayist ausgegeben, indem ich meinen Text nach besten Kräften einem Essay anverwandelte. Er war aber keiner.

Was Inoue anbetraf, so nahm die Lektüre seiner Bücher allerdings mehr Zeit in Anspruch als die zwölf Tage, die ich mit meinem Sohn auf der eingeschneiten Nordseeinsel verbrachte. Inzwischen war es Frühling geworden, und ich dachte nicht mehr an den langen Abend mit der jungen Kollegin, die ich längst aus den Augen verloren hatte und deren Lebensweg den meinen überhaupt nur an diesem einen Wintertag gekreuzt hatte. Daß sie es war, der ich die Bekanntschaft mit einem Dichter verdankte, der mir so viel bedeutete wie seit Jahren kein zweiter, wäre mir wohl nicht mehr eingefallen. Doch als ich eines Tages Das Jagdgewehr wieder zur Hand nahm, fiel mein Blick auf die Widmung darin.

Ich hatte den Abend in der Sushibar gerade so im Gedächtnis, wie ich es dargestellt habe; nun kam mir das alles überaus sonderbar vor. Wie war es zugegangen, daß ein Mensch, der meine Gedanken weder teilte noch auch nur verstanden zu haben schien, mich ausgerechnet zu einem Dichter geführt hatte, der so viele meiner Sehnsüchte stillte? Ich erinnerte mich noch, daß die Kollegin mich zum Beispiel im Hinblick auf meinen Vater in einer geradezu lächerlichen Weise zu belehren versucht hatte. Auch sonst hatte ich ihre Denkungsart als durch und durch anmaßend empfunden. Nachdem ich Inoue nun kannte, schien mir unerklärlich, was diese Frau einem solchen Autor abgewinnen konnte. Warum hatte sie mir das Buch überhaupt anempfohlen? Gewiß hatten wir uns, was ja nahelag, beim Essen auch über Japan unterhalten, und in diesem Zusammenhang hatte sie vermutlich das Jagdgewehr erwähnt. Dann fiel es mir wieder ein; das Buch hatte ein Beweisstück sein sollen.

Es ging um das Geheimnis der Frauen. Daß ich es bereits gelüftet hatte, hatte ich wohlweislich für mich behalten. Mein unausgesprochener Kerngedanke lautete: Frauen sind anders. Ich gebe zu, daß er, so niedergeschrieben, nicht übermäßig neu klingt. Für Außenstehende mag es sogar den Anschein haben, als hätte ich hier nicht die Lösung benannt, sondern wieder nur das Geheimnis. Doch für mich haftete meiner Erkenntnis etwas Umwälzendes an. Nachdem ich sie einmal bis ins Letzte durchdacht hatte, befand ich mich in jener Gemütsverfassung, in der man anderen seine Einsichten nicht zum Fraß vorwirft, sondern Nahrung für sie sucht. Ich fand sie auch überall, etwa in einem an die dreitausend Jahre alten chinesischen Gedicht, in dem es heißt: »Der kluge Mann erbaut die Mauer / Das kluge Weib zerstört die Mauer.«

Es wäre widersinnig gewesen, die Weisheit, die dieser Vers aus dem Shijing zum Ausdruck bringt, nun ausgerechnet einer Frau vorzutragen − und schon gar der jungen Kollegin, die überzeugt war, der ganze Unterschied zwischen den Geschlechtern beschränke sich darauf, daß Frauen »sensibel« seien und Männer nicht. Nicht zuletzt um diese ihre Theorie hatte sich unser träges Gespräch gewälzt. Zwischendurch hatte die Kollegin meinen Blick auf das Geschehen am Nebentisch gelenkt, wo eine Gruppe von Japanern speiste. Einer von ihnen, ein kleiner Mann von Mitte Sechzig, schien eine wichtige Persönlichkeit zu sein, denn alle Aufmerksamkeit der Jüngeren galt ihm, indes er selbst sich fast ausschließlich mit den Speisen beschäftigte, die nacheinander aufgetragen wurden. Aus den Gesprächen, die um ihn herum geführt wurden, schnappte er offenbar nur ab und zu einen Satz auf, der sein Interesse weckte; dann − und nur dann − drehte er den Kopf leicht in die Richtung, aus der der Satz gekommen war. Doch seine Aufmerksamkeit war nie von langer Dauer, und bald senkte er den Blick wieder auf seinen Teller.

Ich weiß nicht, wie es zuging − ob meine Begleiterin und ich plötzlich japanisch verstanden oder ob, was noch unwahrscheinlicher ist, die Japaner am Nebentisch deutsch sprachen, oder ob schließlich, was mir als das Nächstliegende erscheint, die Situation eine hyperkulturelle Qualität hatte, so daß einfach jeder verstehen mußte, was sich dort abspielte. Während des Essens wurde nämlich der kleine Mann von seiner Frau, die neben ihm saß, mit Ratschlägen überhäuft, wie: »Iß davon nur die Hälfte!« oder »Das ist sauer, willst du nicht lieber darauf verzichten?« − »Du hast recht, ich werde nur die Hälfte essen; ich werde lieber gar nichts davon essen«, murmelte er dann gefügig mit leiser Stimme, wie um sich zur Vernunft zu rufen; dann wieder verkündete er von Zeit zu Zeit wie im Selbstgespräch: »Delikat! Ich eß es doch!«, und schließlich aß er wohl jedesmal alles auf, was er auf dem Teller hatte.

Meine Begleiterin entdeckte im Verhalten des Herrn Tanizaki − denn das war, wie ich später in Erfahrung brachte, sein Name − eine unerhörte Dickfelligkeit, einen typisch männlichen Mangel an »Sensibilität« gegenüber dem liebenden Bemühen seiner Gattin, die nur der Sorge um Herrn Tanizakis Gesundheit lebte. Muß ich wirklich ausführen, daß sich mir dieselbe Sache in ganz anderem Licht zeigte? Nein, denn mir geht es hier allein darum, daß im Laufe eben dieser Auseinandersetzung die junge Kollegin die Novelle von Inoue erwähnt hatte: Dieses Buch behandele exakt unser Thema, es stelle auf das Eindrucksvollste und unwiderleglich dar, wie Frauen an der Unnahbarkeit von Männern zerbrächen.

Natürlich beschreibt die Novelle in Wirklichkeit allenfalls die Wunschvorstellung bestimmter Frauen, an der Unnahbarkeit eines bestimmten Mannes mehr oder weniger zu zerbrechen. Über ihn selbst erfährt man sehr wenig, und das wenige fast ausschließlich aus dem Urteil jener Frauen. Da die drei jedoch in ihren Briefen auch übereinander urteilen und eine jede von ihnen sich dabei dramatisch täuscht, schien es mir unwahrscheinlich, daß die Frauen nun ausgerechnet das Wesen jenes Mannes richtig erfaßt haben sollten. Schon deshalb konnte ich, nachdem mir wieder eingefallen war, daß das Buch zum Beleg einer Annahme dienen sollte, es nicht als einen solchen gelten lassen − ganz davon abgesehen, daß die junge Kollegin den Umstand völlig vernachlässigt hatte, daß der Schöpfer des Buches und somit auch der darin enthaltenen Frauenbriefe ein Mann war. So betrachtet verdankte ich die Bekanntschaft mit der Novelle und ihrem Verfasser letztlich einem belustigenden Mißverständnis. Und dennoch gab ich der jungen Kollegin in einem ganz und gar recht: Es handelte sich um das Werk eines ungemein feinfühligen und, wie ich wohl hinzufügen darf, gütigen Meisters.

Oft habe ich in den Monaten danach versucht, der Persönlichkeit Inoues in seinen Büchern wie einem Schemen nachzuspüren. Und schließlich löste sich mir auch dieses Geheimnis − Sie werden es schon bemerkt haben. In jener Zeit, während die Eisschollen schmolzen, schichtete sich auch mein Leben sonderbar um. Auf unerklärliche Weise war die Gewohnheit des Nörgelns von meiner Frau abgefallen und auf meine ferne Geliebte übergesprungen. Und irgendwann im folgenden Sommer, ich wohnte schon lange wieder zu Hause, hörte dann auch mein Sohn auf, im Schlaf mit den Zähnen zu knirschen. War alles nur ein Traum? Ach, lieber Leser, Sie können es mir gewiß nicht sagen.

© Volker Zastrow, 1998

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam. Ich hatte in diesem Winter angefangen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen, die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbringen sollten. Natürlich kannte ich die meisten dieser Kinder, aber es kamen auch manchmal Fremde, die nicht in unserer Straße wohnten. Und wenn auch die Mehrzahl von ihnen gerade nur so lange Zeit blieb, wie der Umtausch in Anspruch nahm, so gab es doch einige, die sich hinsetzten und gleich auf der Stelle zu lesen begannen. Dann saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete, und die Kinder saßen an dem kleinen Tisch bei der Bücherwand, und ihre Gegenwart war mir angenehm und störte mich nicht. Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jedenfalls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag. Ich hätte vor auszugehen und war im Begriff, einen kleinen Imbiß, den ich mir gerichtet hatte, ins Zimmer zu tragen. Kurz vorher hatte ich einen Besuch gehabt, und dieser mußte wohl vergessen haben, die Eingangstüre zu schließen. So kam es, daß das dicke Kind ganz plötzlich vor mir stand, gerade als ich das Tablett auf den Schreibtisch niedergesetzt hatte und mich umwandte, um noch etwas in der Küche zu holen. Es war ein Mädchen von vielleicht zwölf Jahren, das einen altmodischen Lodenmantel und schwarze, gestrickte Gamaschen anhatte und an einem Riemen ein paar Schlittschuhe trug, und es kam mir bekannt, aber doch nicht richtig bekannt vor, und weil es so leise hereingekommen war, hatte es mich erschreckt. Kenne ich dich? fragte ich überrascht.

Das dicke Kind sagte nichts. Es stand nur da und legte die Hände über seinem runden Bauch zusammen und sah mich mit seinen wasserhellen Augen an.

Möchtest du ein Buch? fragte ich.

Das dicke Kind gab wieder keine Antwort. Aber darüber wunderte ich mich nicht allzu sehr. Ich war es gewohnt, daß die Kinder schüchtern waren und daß man ihnen helfen mußte. Also zog ich ein paar Bücher heraus und legte sie vor das fremde Mädchen hin. Dann machte ich mich daran, eine der Karten auszufüllen, auf welchen die entliehenen Bücher aufgezeichnet wurden.

Wie heißt du denn? fragte ich.

Sie nennen mich die Dicke, sagte das Kind.

Soll ich dich auch so nennen? fragte ich.

Es ist mir egal, sagte das Kind. Es erwiderte mein Lächeln nicht, und ich glaube mich jetzt zu erinnern, daß sein Gesicht sich in diesem Augenblick schmerzlich verzog. Aber ich achtete darauf nicht.

Wann bist du geboren? fragte ich weiter.

Im Wassermann, sagte das Kind ruhig.

Diese Antwort belustigte mich, und ich trug sie auf der Karte ein, spaßeshalber gewissermaßen, und dann wandte ich mich wieder den Büchern zu.

Möchtest du etwas Bestimmtes? fragte ich.

Aber dann sah ich, daß das fremde Kind gar nicht die Bücher ins Auge faßte, sondern seine Blicke auf dem Tablett ruhen ließ, auf dem mein Tee und meine belegten Brote standen.

Vielleicht möchtest du etwas essen, sagte ich schnell.

Das Kind nickte, und in seiner Zustimmung lag etwas wie ein gekränktes Erstaunen darüber, daß ich erst jetzt auf diesen Gedanken kam. Es machte sich daran, die Brote eins nach dem andern zu verzehren, und es tat das auf eine besondere Weise, über die ich mir erst später Rechenschaft gab. Dann saß es wieder da und ließ seine trägen, kalten Blicke im Zimmer herumwandern, und es lag etwas in seinem Wesen, das mich mit Ärger und Abneigung erfüllte. Ja gewiß, ich habe dieses Kind von Anfang an gehaßt. Alles an ihm hat mich äbgestoßen, seine trägen Glieder, sein hübsches, fettes Gesicht, seine Art zu sprechen, die zugleich schläfrig und anmaßend war. Obwohl ich mich entschlossen hatte, ihm zuliebe meinen Spaziergang aufzugeben, behandelte ich es doch keineswegs freundlich, sondern grausam und kalt.

Oder soll man es etwa freundlich nennen, daß ich mich nun an den Schreibtisch setzte und meine Arbeit vornahm und über meine Schulter weg sagte: Lies jetzt, obwohl ich doch ganz genau wußte, daß das fremde Kind gar nicht lesen wollte? Und dann saß ich da und wollte schreiben und brachte nichts zu Stande, weil ich ein sonderbares Gefühl der Peinigung hatte, so, wie wenn man was erraten soll und errät es nich, und ehe man es nicht erraten kann, kann nichts mehr so werden, wie es vorher war. Und eine Weile lang hielt ich das aus, aber nicht sehr lange, und dann wandte ich mich um und begann eine Unterhaltung, und es fielen mir nur die törichtsten Fragen ein.

Hast du noch Geschwister? fragte ich.

Ja, sagte das Kind.

Gehst du gern in die Schule? fragte ich.          

Ja, sagte das Kind.

Was magst du denn am liebsten?        

Wie bitte? fragte das Kind.

Welches Fach? sagte ich verzweifelt.

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Vielleicht Deutsch? fragte ich.            

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Ich drehte meinen Bleistift zwischen den Fingern, und es wuchs etwas in mir auf, ein Grauen, das mit der Erscheinung des Kindes im gar keinem Verhältnis stand.

Hast du Freundinnen? fragte ich zitternd.

O ja, sagte das Mädchen.

Eine hast du doch sicher am liebsten? fragte ich.

Ich weiß nicht, sagte das Kind, und wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum.

Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frißt, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. Denn nun war es schon soweit, daß alles an diesem Kind mich aufzuregen und zu ärgern begann. Was für ein albernes, weißes Kleid, was für ein lächerlicher Stehkragen, dachte ich, als das Kind nach dem Essen seinen Mantel aufknöpfte. Ich setzte mich wieder an meine Arbeit, aber dann hörte ich das Kind hinter mir schmatzen, und dieses Geräusch glich dem trägen Schmatzen eines schwarzen Weihers irgendwo im Walde, es brachte mir alles wässerig Dumpfe, alles Schwere und Trübe der Menschennatur zum Bewußtsein und verstimmte mich sehr. Was willst du von mir? dachte ich, geh fort, geh fort. Und ich hatte Lust, das Kind mit meinen Händen aus dem Zimmer zu stoßen, wie man ein lästiges Tier vertreibt. Aber dann stieß ich es nicht aus dem Zimmer, sondern sprach nur wieder mit ihm, und wieder auf dieselbe grausame Art.

Gehst du jetzt aufs Eis? fragte ich.

Ja, sagte das dicke Kind.

Kannst du gut Schlittschuhlaufen? fragte ich und deutete auf die Schlittschuhe, die das Kind noch immer am Arm hängen hatte.

Meine Schwester kann gut, sagte das Kind, und wieder erschien auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Schmerz und Trauer, und wieder beachtete ich ihn nicht.

Wie sieht deine Schwester aus? fragte ich. Gleicht sie dir?

Ach nein, sagte das dicke Kind. Meine Schwester ist ganz dünn und hat schwarzes, lockiges Haar. Im Sommer, wenn wir auf dem Land sind, steht sie nachts auf, wenn ein Gewitter kommt, und sitzt oben auf der obersten Galerie auf dem Geländer und singt.

Und du? fragte ich.

Ich bleibe im Bett, sagte das Kind. Ich habe Angst.

Deine Schwester hat keine Angst, nicht wahr? sagte ich.

Nein, sagte das Kind. Sie hat niemals Angst. Sie springt auch vom obersten Sprungbrett. Sie macht einen Kopfsprung, und dann schwimmt sie weit hinaus . . .

Was singt deine Schwester denn? fragte ich neugierig.

Sie singt, was sie will, sagte das dicke Kind traurig. Sie macht Gedichte.

Und du? fragte ich.

Ich tue nichts, sagte das Kind. Und dann stand es auf und sagte: Ich muß jetzt gehen. Ich streckte meine Hand aus, und es legte seine dicken Finger hinein, und ich weiß nicht genau, was ich dabei empfand, etwas wie eine Aufforderung, ihm zu folgen, einen unhörbaren, dringlichen Ruf. Komm einmal wieder, sagte ich, aber es war mir nicht ernst damit, und das Kind sagte nichts und sah mich mit seinen kühlen Augen an. Und dann war es fort, und ich hätte eigentlich Erleichterung spüren müssen. Aber kaum, daß ich die Wohnungstür ins Schloß fallen hörte, lief ich auch schon auf den Korridor hinaus und zog meinen Mantel an.

Ich rannte ganz schnell die Treppe hinunter und erreichte die Straße in dem Augenblick, in dem das Kind um die nächste Ecke verschwand.

Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren.

Es war am frühen Nachmittag gewesen, als das dicke Kind zu mir ins Zimmer trat, und jetzt brach die Dämmerung herein. Obwohl ich in dieser Stadt einige Jahre meiner Kindheit verbracht hatte, kannte ich mich doch nicht mehr gut aus, und während ich mich bemühte, dem Kinde zu folgen, wußte ich bald nicht mehr, welchen Weg wir gingen, und die Straßen und Plätze, die vor mir auftauchten, waren mir völlig fremd. Ich bemerkte auch plötzlich eine Veränderung in der Luft. Es war sehr kalt gewesen, aber nun war ohne Zweifel Tauwetter eingetreten, und mit so großer Gewalt, daß der Schnee schon von den Dächern tropfte und am Himmel große Föhnwolken ihres Weges zogen. Wir kamen vor die Stadt hinaus, dorthin, wo die Häuser von großen Gärten umgeben sind, und dann waren gar keine Häuser mehr da, und dann verschwand plötzlich das Kind und tauchte eine Böschung hinab. Und wenn ich erwartet hatte, nun einen Eislaufplatz vor mir zu sehen, helle Buden und Bogenlampen und eine glitzernde Fläche voll Geschrei und Musik, so bot sich mir jetzt ein ganz anderer Anblick. Denn dort unten lag der See, von dem ich geglaubt hatte, daß seine Ufer mittlerweile alle bebaut worden wären: er lag ganz einsam da, von schwarzen Wäldern umgeben, und sah genau wie in meiner Kindheit aus.

Dieses unerwartete Bild erregte mich so sehr, daß ich das fremde Kind beinahe aus den Augen verlor. Aber dann sah ich es wieder, es hockte am Ufer und versuchte, ein Bein über das andere zu legen und mit der einen Hand den Schlittschuh am Fuß festzuhalten, während es mit der andern den Schlüssel herumdrehte. Der Schlüssel fiel ein paarmal herunter, und dann ließ sich das dicke Kind auf alle Viere fallen und rutschte auf dem Eis herum und suchte und sah wie eine seltsame Kröte aus. Überdem wurde es immer dunkler, der Dampfersteg, der nur ein paar Meter von dem Kind entfernt in den See vorstieß, stand tiefschwarz über der weiten Fläche, die silbrig glänzte, aber nicht überall gleich, sondern ein wenig dunkler hier und dort, und in diesen trüben Flecken kündigte sich das Tauwetter an. Mach doch schnell, rief ich ungeduldig, und die Dicke beeilte sich nun wirklich, aber nicht auf mein Drängen hin, sondern weil draußen vor dem Ende des langen Dampfersteges jemand winkte und Komm, Dicke, schrie, jemand, der dort seine Kreise zog, eine leichte, helle Gestalt. Es fiel mir ein, daß dies die Schwester sein müsse, die Tänzerin, die Gewittersängerin, das Kind nach meinem Herzen, und ich war gleich überzeugt, daß nichts anderes mich hierhergelockt hatte als der Wunsch, dieses anmutige Wesen zu sehen. Zugleich aber wurde ich mir auch der Gefahr bewußt, in der die Kinder schwebten. Denn nun begann mit einemmal dieses seltsame Stöhnen, diese tiefen Seufzer, die der See auszustoßen scheint, ehe die Eisdecke bricht. Diese Seufzer liefen in der Tiefe hin wie eine schaurige Klage, und ich hörte sie, und die Kinder hörten sie nicht.

Nein gewiß, sie hörten sie nicht. Denn sonst hätte sich die Dicke, dieses ängstliche Geschöpf, nicht auf den Weg gemacht, sie wäre nicht mit ihren kratzigen, unbeholfenen Stößen immer weiter hinausgestrebt, und die Schwester draußen hätte nicht gewinkt und gelacht und sich wie eine Ballerina auf der Spitze ihres Schlittschuhs gedreht, um dann wieder ihre schönen Achter zu ziehen, und die Dicke hätte die schwarzen Stellen vermieden, vor denen sie jetzt zurückschreckte, um sie dann doch zu überqueren, und die Schwester hätte sich nicht plötzlich hoch aufgerichtet und wäre nicht davon geglitten, fort, fort, einer der kleinen einsamen Buchten zu.

Ich konnte das alles genau sehen, weil ich mich daran gemacht hatte, auf dem Dampfersteg hinauszuwandern, immer weiter, Schritt für Schritt. Trotzdem die Bohlen vereist waren, kam ich doch schneller vorwärts, als das dicke Kind dort unten, und wenn ich mich umwandte, konnte ich sein Gesicht sehen, das einen dumpfen und zugleich sehnsüchtigen Ausdruck hatte. Ich konnte auch die Risse sehen, die jetzt überall aufbrachen und aus denen, wie Schaum vor die Lippen des Rasenden, ein wenig schäumendes Wasser trat. Und dann sah ich natürlich auch, wie unter dem dicken Kinde das Eis zerbrach. Denn das geschah an der Stelle, an der die Schwester vordem getanzt hatte und nur wenige Armlängen vor dem Ende des Stegs.

Ich muß gleich sagen, daß dieses Einbrechen kein lebensgefährliches war. Der See gefriert in ein paar Schichten, und die zweite lag nur einen Meter unter der ersten und war noch ganz fest. Alles, was geschah, war, daß die Dicke einen Meter tief im Wasser stand, im eisigen Wasser freilich und umgeben von bröckelnden Schollen, aber wenn sie nur ein paar Schritte durch das Wasser watete, konnte sie den Steg erreichen und sich dort hinaufziehen, und ich konnte ihr dabei behilflich sein. Aber ich dachte trotzdem gleich, sie wird es nicht schaffen, und es sah auch so aus, als ob sie es nicht schaffen würde, wie sie da stand, zu Tode erschrocken, und nur ein paar Unbeholfene Bewegungen machte; und das Wasser strömte um sie herum, und das Eis unter ihren Händen zerbrach. Der Wassermann, dachte ich, jetzt zieht er sie hinunter, und ich spürte gar nichts dabei, nicht das geringste Erbarmen, und rührte mich nicht.

Aber nun hob die Dicke plötzlich den Kopf, und weil es jetzt vollends Nacht geworden und der Mond hinter den Wolken erschienen war; konnte ich deutlich sehen, daß etwas in ihrem Gesicht sich verändert hatte. Es waren dieselben Züge und doch nicht dieselben, aufgerissen waren sie von Willen und Leidenschaft, als ob sie nun, im Angesicht des Todes, alles Leben tränken, alles glühende Leben der Welt. Ja, das glaubte ich wohl, daß der Tod nahe und dies das letzte sei, und beugte mich über das Geländer und blickte in das weiße Antlitz unter mir, und wie ein Spiegelbild sah es mir entgegen aus der schwarzen Flut. Da aber hatte das dicke Kind den Pfahl erreicht. Es streckte die Hände aus und begann sich heraufzuziehen, ganz geschickt hielt es sich an den Nägeln und Haken, die aus dem Holze ragten. Sein Körper war zu schwer und seine Finger bluteten, und es fiel wieder zurück, aber nur, um wieder von neuem zu beginnen. Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich da zusah, und jetzt hätte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wußte, ich brauchte ihm nicht mehr zu helfen – ich hatte es erkannt.

An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe es nicht. Und daß ich dann die Papiere auf meinem Schreibtisch durcheinandergewühlt fand und irgendwo dazwischen ein altes Bildchen, das mich selbst darstellte, in einem weißen Wollkleid mit Stehkragen, mit hellen, wäßrigen Augen und sehr dick.


*This story is taken from: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in sieben Bänden. Vierter Band. Die Erzählungen. © Insel Verlag Frankfurt am Main 1983.

*Bild: Maria-Rubinke.

Later in the night he saw, strangely, the picture of himself as he had been before she came. 

He thought: ‚She has the power to wake the dead.‘ 

–Tanja Blixen, Tempests.

Flughafen, heute, Nacht

Im Osten ist jeder Tag anders, sagen die alten Bücher. Er besteht aus Inseln, jede Insel ist anders, auf jeder lebt eine Hexe, und ich kannte eine von ihnen.

Sie nannte sich Gabriela Sloane, wir sind alte Diebe und waren uns beim Ausbaldowern eines grandiosen Raubzugs in einem römischen Park begegnet, ohne gleich zu wissen, daß der andere ebenfalls nichts anderes im Sinn hatte, nichts anderes beherrschte, als zu rauben. Einmal war ich bereits auf ihrer östlichen Insel kriminell in Erscheinung getreten, ohne zu ahnen, daß sie dort im Jahr 5502 geboren worden war (unter dem Namen Pesach Slabosky), eine Hexenkindheit dort verbracht hatte. Während sie wie ein Opossum in seinem Keller hockte, ihre Desert Eagle ölte und an einem schimmeligen trockenen Brötchen knabberte, dinierte ich feuchtfröhlich im Penthouse mit Frobart, unserem Opfer. Immer kam sie von unten, grub Tunnel, zwängte sich durch Rohre, nächtigte in Kellern, während ich gleich oben anfing, mit kultivierten Wortkaskaden arbeitete, Schmeicheleien, vorgetäuschter edler Gesinnung. Ich wollte schon immer die Welt erobern, indem ich mich über ihr ergoß wie parfümiertes Badewasser. Sie wollte einfach nur in aller Stille rauben und morden, sich blutig rächen, ich habe bis heute nicht herausgefunden, wofür, unsere Vorgehensweisen waren recht verschieden. Aber manchmal in Sternstunden waren wir gemeinsam jung und verliebt in die Ewigkeit, weil wir wieder und wieder getrennt wurden.

Gabriela Sloane, hier saß sie nun in ihrem grünen Kostüm in der Abfluglounge des Leonardo da Vinci, man sah ihr die Keller nicht an, wenn sie aus ihnen auftauchte, diesmal war sie vielleicht Ende zwanzig, trügerisch jung, trügerisch klein, gespannt wie eine Springfeder, Haar und Augen leuchtend schwarz, und wenn ich noch irgendeinen Zweifel gehegt hatte, ob diese Diebin und Mörderin einer Sternstunde fähig und meine Geliebte, Gehaßte, Verlorene, Wiedergefundene war, ihre unverschämten Augen ließen Zweifel gar nicht erst zu. Jeder ihrer Blicke traf tief, selbst der neben ihr gierig seine Zeitung Aussaugende, den sie mißtrauisch musterte, verlor sofort die Herrschaft über sein trostloses Inneres und empfing ihre mordlustigen Gedanken wie schwarze Tinte, die sich in Wasser ausbreitet. Sah sie in ihm eine Gefahr, einen Verfolger? Niemand kann mir gefolgt sein, mir zu folgen, ist ganz unmöglich, las ich in ihrem traurigen östlichen Lächeln, das so alt ist wie die Bücher. Zwei Leichen, Frobart und Frau, die Piazza Bologna in polizeilichem Aufruhr, sie hatte mit ihrer Schießwut auch mich in große Gefahr gebracht, mein Abendanzug und die Wolke strengen Eau de Toilettes, in die ich gehüllt war, retteten mich gerade so. Killer trugen nicht Terre D’Hermes auf, wenn sie zur Arbeit gingen, schlußfolgerten nach langen Beratungen die Uniformierten.

Alte und gewaltige Gefühle wie schwarze Vorhänge verdunkelten den Duty Free Shop, in den ich ihr gefolgt war. Zwischen Baci di Dama Nocciola und Romantica Seifen standen wir uns endlich gegenüber. Aber sie wandte sich ab, um an den Seifen zu riechen.

‚Hallo, Pesach.‘

‚Kenne ich Sie?‘

Ich verstand. Es machte mehr Spaß, wenn wir es wieder nicht glauben, nicht fassen wollten, wenn wir fremdelten und die Freude leugneten. Wir sind eben nicht nur Diebe, sondern naturgemäß auch Lügner und Phantasten und akzeptieren einander als solche (waren aber, soweit ich zurückfühlen kann, nie -wie bei Lügnern sonst gang und gäbe- verheiratet).

‚Im Park vor Frobarts Haus‘, sagte ich, ‚da haben wir uns gesehen, als Passanten getarnt. Du hattest ein Nachtsichtgerät, ich nicht.‘

Jetzt roch sie nicht mehr an den Seifen, sondern an einer ihrer schwarzen Haarsträhnen, ganz Unschuld und Selbstvergessenheit, als übersteige das Hier und Jetzt im Duty Free eines Flughafens bei Nacht ihre Vorstellungskraft. Sie hatte es schon immer verstanden, ihr sogenanntes ‚Bewußtsein‘ von einem Moment zum anderen in Narkose zu versetzen (oft litt sie unter Alpträumen).

‚Wo bekommt man sowas?‘

‚Was?‘

‚Nachtsichtgeräte. Du weißt, ich bin ein technischer Idiot.‘

Sie lachte ihr weißperliges rotzüngiges Lachen. ‚Wie meinen? Sie sind wohl nicht ganz bei Trost, Sie Lackaffe.‘ Wie charmant die leicht altertümliche Wortwahl, der Hauch der Jahrhunderte, der die Hexe umwehte. Und sie wollte davonstapfen. Ich erwischte ihren kleinen Finger, an dem ich sie, mit meinem kleinen Finger, festhielt.

‚Hab dich vermißt.‘

Sie betrachtete unsere Finger, nahm sich Zeit dafür. Wollte sie sich endlich erinnern? Ohne aufzuschauen sagte sie leise: ‚Wenn Sie mich nicht sofort loslassen, werde ich Sie töten, gleich hier bei der Seife, und niemand wird es merken und für die Menschheit wird es auch kein Verlust sein.‘  Ich glaubte ihr aufs Wort. Ich sagte:

‚Also gut, Gabriela. Kommen wir zum Geschäftlichen.‘

‚Woher kennen Sie meinen Namen?‘

‚Weil ich deinen Paß gestohlen habe.‘

Mit Genugtuung schaute ich zu, wie sie in ihrer gelben Umhängetasche kramte und Identifikationspapiere herauszerrte, deren Existenz sie nie verstanden hatte.

‚Dreimal‘, lächelte ich. ‚Aber immer zurückgegeben.‘

Sie brütete über ihrem Paß, als sei die eigene Fälschung, die eigene Legende ihr fremd, unverständlich, ein Rätsel.

‚Wer sind Sie?‘

Je suis le poinçonneur des Lilas. Je fais des trous, des petits trous, encore des petits trous…‘  Ich fügte hinzu: ‚Und ich habe Frobarts Stein.‘

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie jede Bewegung einiger auffallend häßlicher vielfliegender verwöhnter Kinder, die hereinstürzten und Wassermaschinengewehre aufeinander richteten. Verfolger? Oder echte Kinder? Wie würde sie eine Übermacht von Verfolgern hier abwehren wollen? Hatte sie einen Plan? Eine unsichtbare Waffe? Helfershelfer, die ich bisher übersehen hatte? Hatte sie einen Liebhaber? Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, sie führte irgendetwas im Schilde. Jetzt bohrte sie auch noch ihren Absatz in meinen Lackschuh.

‚Ach, meinen Sie? Ihr Stein ist falsch. Hab ihn ausgetauscht‘.

‚Du gibst also zu, daß wir uns kennen? Es ist lange her, es ist erschütternd, Pesach, ich muß mich kneifen.‘

Sie bohrte ihren Absatz tiefer.

‚Und du bist schöner als jemals zuvor. Ich habe den Stein übrigens zurückgetauscht, deiner ist falsch.‘

‚Hab ich dann aber wieder ausgetauscht.‘

‚Hältst du mich für einen Amateur? Ich natürlich auch.‘

‚Aber ich nochmal wieder.‘

‚Wie jetzt? Meiner ist nicht echt?‘

‚Oder vielleicht meiner. Sie machen mich ganz meshugge.‘

‚Gabriela, sieh mich an, sag die Wahrheit, bist du es?‘

Sie schüttelte stumm ihre schwarzen Locken. Ließ ein paar Stücke Seife in ihrem Kostüm verschwinden, Macht der Gewohnheit. Eines fiel zu Boden. Wir starrten beide darauf, als hätten wir etwas unschätzbar Wertvolles verloren.

Plötzlich Rosheshone

Mein Name ist Simone Frobart. Ich habe mit Pablo zu Abend gegessen, in der Rue Gabrielle, er hat mich skizziert, aber nicht gemalt. Ich plane eine blaue Periode, hat er gesagt, und du bist mir irgendwie nicht blau genug. Also kann ich auch nicht das Bild gestohlen haben, denn es gab kein Bild von mir, verstehen Sie? Außerdem war es der 6te Oktober. Sie verstehen nicht? Ich will mal so sagen: Sie, Monsieur, sehnen sich nach dem neuen Jahrhundert, wir aber nicht, keines hat je gehalten, was es versprach. David und ich haben einen kleinen Sohn, einen Bastard, er will später mal Schaffner werden und Löcher in Billets knipsen, weiter will ich nicht denken, weitere Gespräche über die Zukunft nicht führen, bringt nur Unglück, ich habe immer Angst, ganz alte Angst. David werden Sie nie schnappen, er ist längst in Biarritz oder sonstwo. Die Knallfrösche haben wir selbst entworfen und gebastelt, wir wollten ein kleines Feuerwerk veranstalten, nur für uns, es war ja plötzlich Rosheshone, der Feiertag. Kennen Sie nicht? Gehört nicht zur Sache? Tut mir leid, daß wir das öffentliche Pissoir in die Luft gejagt haben, wirklich. Nein, ich lache nicht, ja, ich bin mir des Ernstes meiner Lage bewußt. David hat gesagt: Wir schauen in den Nachthimmel, in die Dunkelheit, aber die Sterne werden siegen. Solche Sachen sagt er halt. Ich geb’s zu, ich habe ihm das Klauen beigebracht, bei einer höheren Tochter wie mir heißt es übrigens nicht Diebstahl, sondern Kleptomanie, eine in meinen Kreisen anerkannte Gemütserkrankung, möglicherweise libidonösen Ursprungs. David stellte sich ja derart dämlich an beim Klauen, und Mitleid mit den Opfern hatte er auch immer. Es stimmt übrigens nicht, daß Mitleid keine Liebe ist, oft ist es die Liebe selbst. Schon lustig, finden Sie nicht, daß ich hier sitze und ausgerechnet dem David, der blind ist, die Flucht gelang. Sie meinen, er spielt den Blinden nur? Aha, Sie haben Beweise! Sie haben ja für alles Beweise. Dann ist er schlauer, als ich dachte, ich habe in vier Jahren nichts gemerkt. Er tastete sich so dämlich und anmutig durch die Straßen und das Leben, man muß ihn lieben, er hat sich dann in meine Liebe verliebt, sowas kommt vor. Ich glaube Ihnen übrigens kein Wort, Monsieur, Sie wollen uns auseinanderbringen, das hat schon mein Vater versucht, der ein Verräter ist und sich neuerdings jeden Abend in Sacré Coeur bekreuzigt. David schickte mir keine billets doux, er hat ja nie Geld, wir versteckten uns ein Jahr lang in Vaters Kellern, unser Sohn erblickte dort das Licht der Welt, es war eine wilde romantische Zeit, Stück für gräßliches Stück, das gebe ich bereitwillig zu, verscherbelten wir Vaters Hausrat, er dachte, es seien Gespenster am Werk. da wurde er aus Rache katholisch. Non, je ne regrette rien.

Eine Stunde vor ihrem frühen Tod (sie wurde von ihrem Vater erschlagen) schrieb Simone in ihrer steilschrägen unlesbaren wunderschönen Schrift, die sie als Vierjährige unter einer großen, sehr geliebten Sonne in einem anderen Leben im babylonischen Exil erlernt hatte, einen Brief an David.

Liebster, sie haben mich freigelassen. Pablos Bild ist in einem sicheren Versteck, sogar Dir verrate ich nicht, wo. Vater hat mich enterbt, aber eines Tages werden wir das Bild verkaufen, dann muß unser kleiner Claude nicht Schaffner werden. Heute feiert der Rest der Welt tanzend um die Gaslaternen, im Bois de Vincennes ist Feuerwerk, feurige künstliche Sterne schnuppen am Himmel herum, es sind nicht unsere Sterne, aber sie leuchten doch. Alle rufen: Es lebe das Zwanzigste Jahrhundert! und werfen ihre Hüte in die Luft. Auch wenn Du nicht blind bist, ich vermisse Dich. Nous allons changer le monde. Antworte mir.

Inzwischen am Leonardo da Vinci

Gabriela Sloane und ich starren immer noch auf das heruntergefallene Stück Seife. Die Zeit schwankt einen Augenblick, als habe sie sich im Kreis gedreht und sei dabei in Ohnmacht gefallen. Wann hatte das alles angefangen? Ich wußte es nicht. Sie wußte es auch nicht, oder sie verheimlichte es. Wir stoßen mit den Köpfen zusammen, als wir uns gleichzeitig zur Seife bücken. Im Abflugloungecafé, wo alles außer Atmen verboten ist, (wer nie ein Abflugloungecafé, wo alles verboten ist, um zwei Uhr morgens gesehen hat, weiß nicht, welchen Müdigkeiten der Planet sich entgegenbewegt), sind wir höflich. Breaking News auf den Screens, Frobarts Villa, Frobart und Frau als Leichen, in jeder steckt ein Magazin aus Grabrielas Desert Eagle, werden unter Gummiplanen herausgetragen. Stellungnahmen, Frobart war kein Unbekannter gewesen, alte Familie, Vatikanbank (das war mir neu), hatte als Knirps noch dem Duce die Hand geschüttelt. Bravo, sage ich, wir kommen hier nie im Leben weg, warum hat unser Flug wohl Verspätung, sie sind dir schon auf der Spur, sie werden gleich hier sein. Unser Flug? sagt sie mit diesem unverschämten Blick, diesem Blick, wir fliegen zusammen? Ich küsse sie. Sie schmeckt nach Rhabarber. Denkt sie etwa, ich lasse sie noch ein einziges Mal aus den Augen? Sie küßt gedankenverloren an mir vorbei, küßt die Luft.

Im Osten Rhabarber

Die Kunst, das Verbrechen, auch der Diebstahl, gründen sich auf und sind nicht denkbar ohne eine halb absichtliche, halb unabsichtliche Unaufmerksamkeit und Schläfrigkeit, eine Art von ohnmächtigem Zeitempfinden. Jeder Künstler weiß, daß der Grat zwischen dem noch im Halbdunkel schlummernden, ungeformten Werk und dem Moment, da es zu spät ist, irgendetwas zu verbessern, schmal ist. Die meisten Künstler und Verbrecher schwanken hin und her zwischen diesen beiden Stadien, trotz aller guten Vorsätze, nämlich weil sie zu faul sind, zu gleichgültig, zu selbstzufrieden, zu unaufmerksam, zu eitel. Das ist natürlich ein moralisches Problem, denn alle Kunst und jedes Verbrechen sind, in gewisser Hinsicht, ein Ringen um Rechtschaffenheit, ja, ich sage sogar: um Unschuld…

So sprach Pauline, das unscheinbare Fräulein von — (man durfte ihren Namen nicht aussprechen, eigentlich waren ihr Ästhetikvorlesungen nicht erlaubt, nur Strickstunden am Ofen).

Ein Kuß kann aber die Welt verändern, wandte ich keck ein.

Wir wollen nicht wissen, was wir tun, entgegnete sie, bis es zu spät ist, irgendetwas daran zu ändern. Der menschliche Geist, fuhr sie fort, ist ein Lumpensack. Der Körper, die Objekte der Außenwelt, heiße Erinnerungen, warme Phantasien, Schuld, Angst, Zögern, Zweifel, Lügen, kleine Freuden, große Schmerzen und tausend Dinge, die mit Worten kaum zu fassen sind, koexistieren in uns, koexistieren auch in Ihnen, Herr Frobart.

Wir befanden uns auf einer östlichen Insel mit Namen Weimar, wo die Leute ununterbrochen um die Wette dichteten. Die Insel war nicht groß, sie lag in einem eiskalten Meer, das ununterbrochen an der Insel nagte, so daß sie am Ende einfach fortgewaschen sein würde, aufgelöst, und nur ein Eiskristall vielleicht von ihr übrig bliebe. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut als Tagedieb. War ich nicht zu Höherem berufen, steckte in mir nicht ein ganz anderer Nathan Frobart? Manchmal kniete und betete ich und dachte: Die Zeit ist gekommen.

Dann küßte ich Pauline von — unter dem Flieder. Sie schmeckte nach Rhabarber, den sie heimlich einkochte und in großen Mengen nachts im Schlosskeller verschlang. Ich erfuhr, daß auch sie sich fremd in Weimar und in ihrem Leib und auf der Welt fühlte. Wir waren schon einmal hier gewesen, glaubten wir, hatten uns schon einmal unter Flieder geküßt, in einem anderen Zeitalter. Damals waren wir anders (glaubten wir), tauschten Blicke aus mandelförmigen schwarzen Augen, dufteten nach Kardamom und Mhyrre, Orangen. Irgendwie blauer waren wir, sagte Pauline. Irgendwie älter, sagte ich. Dürfen wir so sprechen, Nathan? flüsterte sie, so sprechen Hexen. Nein, so sprechen die Liebenden, antwortete ich.

Ein Kuß verändert die Welt. Mit einem Mal ist der Lumpensack aufgeräumt, alles Innere geordnet, es gibt keine Angst, keine Furcht, es ist nur noch Platz für dich darin.

Wir wurden Dichter, aber wir schrieben nicht selbst. Wir bedienten uns bei anderen, zogen ihnen die Manuskripte unter den Kopfkissen weg, klauten ihre Kladden und Konvolute. Griffen dann zu Scheren und schnitten das Ganze in Streifen wie Pökelfleisch, setzten es neu zusammen und ließen es drucken unter einem nom de plume, den ich vergessen habe. Stets trugen wir eine Münze bei uns, ich in meinem Brustbeutel, sie in ihren Unterkleidern, für den Fährmann. Unsere Sehnsucht, unsere Vorahnung, daß etwas Großes, Weltbewegendes mit uns geschehen würde, Weltruhm möglicherweise, der Sinn für die Richtung, die unser Leben einschlagen würde, erwiesen sich als richtig. Doch der Weg war länger, als wir uns vorgestellt hatten.

Woanders

Dort konnten wir nicht stehlen, weil wir tot waren (erstickt).

Portrait

Heute ist Sonntag. Unser Haus ist nur noch Schutt und Asche, thank you, Mr. Wernher von Braun. Am Muswell Hill Broadway weinen die Waisenkinder. Vater ist tot, Mutter sprach sieben Tage kein Wort, sie sprach mit ihrem Herz, bis es stehenblieb. Wir dachten, wir wären sicher in London, die Frauen rosafarben wie Marzipan, wirkten beruhigend auf unsere Nerven, die Männer aus weichem hellen leicht gekräuselten Leder, lächelten manchmal amüsiert, zogen eine Augenbraue hoch, alles beruhigend, auch die alte Sprache des Barden, die vielleicht das Laute und Scharfe kennt, aber nicht das Bellen. King Lear wird nie bellen, da können sie in Berlin toben, soviel sie wollen. Vaters Laden, der gute alte Frobart’s Bookshop, dem Erdboden gleich. Im traurigen Rest wühle ich und finde ein altes Buch über die Heimat, die verwunschenen Inseln und die wundervollen Hexen auf ihnen. Sie waren eine Möglichkeit, diese Hexen, aber meine Heimat wollte diese Möglichkeit nicht. Das Portrait einer alterslosen kleinen rabenschwarzhaarigen Hexe mit Augen, die viel gesehen haben und Geheimnisse kennen, zieht mich in eine andere Zeit, als die Inseln noch in der warmen Sonne lagen, manchmal stiegen sie aus dem Meer und wanderten über die Erde, um sich woanders niederzulassen. Eine junge Frau wie ich, Jahrhunderte schon tot, ihr Name war Pesach.

Flug 0913 ist bereit

Wieder in den verfluchten Duty Free, Bühne der unterdrückten Gefühle. Gabriela fiel ein, daß sie noch das eine oder andere, zum Beispiel Toblerone, unbedingt benötigte. Kleiner Wettstreit, wer unter den mitschwenkenden Kameras mehr Toblerone wegzaubern konnte.

‚Wir werden immer besser‘, sagte ich.

‚Ach ja? Hören Sie mal, an der Kasse trennen sich unsere Wege. Und Sie bezahlen.‘ Sie griff nach einem Minigemälde, Rom im Regen, und drückte es mir in die Hand.  ‚Das da.‘ 

Ich hielt mir das Gemälde vors Gesicht. ‚Du hättest mich beinahe geküßt…‘

‚…‘

‚Es ist spät, Gabriela Sloane. Sie sind in Gefahr.‘

‚War es nicht immer spät?‘

‚Nicht damals in Babylon‘, sagte ich.

‚…‘

‚Wir könnten nach London gehen und uns zur Ruhe setzen. Ich habe eine Stadtwohnung in Muswell Hill. Oder nach Paris, dort gehört mir ein kleines Hotel in der Rue – ‚

‚In diesem Park‘, unterbrach sie mich, ‚vor Frobarts Haus, als du dich dreist neben mich auf die Bank gesetzt hast, sind dir die Tauben aufgefallen?‘

‚Tauben?‘

‚Siehst du, du schläfst die ganze Zeit, du schlafwandelst durch unser Leben, ich hab die Schnauze voll, ich muß mich befreien von dir, du schadest mir.‘

‚Tauben?‘

‚Ja, Tauben. Sie standen im Halbkreis um uns herum, ziemlich alte Tauben, starrten uns aus ihren harten Augen an. Und der Himmel war so blau und kalt, hast du auch nicht bemerkt, er hat uns nicht verziehen. Und hiermit verkünde ich das unwiderrufliche Ende.‘

Jetzt schließlich berührte sie mich, ihre Finger (die auch mordeten) zogen einen kleinen Kreis auf meiner Hand, und sie ließ ihren schwarzen Schopf auf meiner Schulter ruhen. Es schien, als wollte sie meine Vergebung. Dafür, daß sie jung war und schön und unverdorben und eine Zukunft hatte, während ich alt und häßlich und ein Sünder war und keine hatte.

‚Lufthansa Flight 0913 now boarding…‘ Die körperlose Stimme.              

Ach, Berlin, dachten wir beide. Eine Stadt, die uns das Schicksal gnädig erspart, um die es uns in weiten Kreisen herumgeleitet hatte. Was wollte sie in Berlin? A Diamond as big as the Adlon?

‚War das Gott?‘ sagte ich.

‚Wie meinen?‘

‚Die Stimme.‘

‚Du lernst es einfach nie. Wir. Wir sind es.‘ Sie stand auf. ‚Bitte, folge mir nicht. Flieg irgendwoanders hin, flieg nach Paris, wir waren mal glücklich dort, lebe in unseren Erinnerungen, ich brauche eine Unterbrechung, eine Pause, mindestens ein Jahrhundert, laß mich einfach alleine.‘

‚Alleine..‘ sinnierte ich noch.

Da war sie schon losgerannt. Ich hatte vergessen, wie schnell sie rennen konnte, es sah aus, als sei ein kleiner Kugelblitz in die Abfluglounge gefahren. Der Rest der Welt machte Platz, spritzte auseinander, wie war ich stolz auf sie. Hatte sie recht, brauchten wir eine Pause? Erst mußte ich sie davon überzeugen, das Morden einzustellen, es lag so gar nicht in unserer Natur, Diebstahl als Kunstform war unsere Natur, Worte und Blicke waren unsere Natur.

Während des Fluges unterhielten wir uns über Nachtsichtgeräte. Die sind ganz famos, sagte sie, wenn du zum Beispiel in einem Haus mit vielen Kellern arbeitest, du siehst alles grün, es ist fantastisch, wie ein Traum. Ich liebte sie, wenn sie so fachsimpelte, und sie wußte das, wir waren Meister der Distanz, wir verstanden und ehrten den Abstand zwischen den Sternen in ihren Nachtlagern am Himmel. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände. Diesmal küßte sie nicht vorbei. Ein Kuß kann die Welt verändern, es gibt keine zeitlosen, vereinzelten, eingekapselten, unbemerkten Augenblicke, in denen wir beliebig handeln können, um dann unsere Leben weiterzuführen, als sei nichts geschehen. Es gibt folgenschwere Küsse. Manchmal muß man sie stehlen. Unruhig wandernde Seelen wissen das. Diebe sowieso.

Beim Landeanflug auf die Stadt Berlin begann die Maschine zu kippeln, dann bedrohlich zu schwanken, dann zu trudeln, und die Hölle brach los.

‚Das darf doch nicht wahr sein, Pesach, wir stürzen ab. Mitten in Europa.‘

‚In der Tat‘, sagte sie. Sie streckte mir die Zunge heraus und fischte ihre Münze für den Fährmann aus der gelben Tasche. ‚Halt lieber deine Münze bereit‘, sagte sie.

‚Hast du hier deine Finger im Spiel?‘

‚Vielleicht.‘

‚Pesach, Pesach…‘

‚Ich muß dir was sagen: es gibt auch eine Bombe.‘

‚Wir werden halb Berlin zerstören.‘

‚Mag sein.‘

‚Ist das denn wirklich nötig?‘

Nous allons changer le monde. Hast du Angst?‘

‚Hättest du wohl gerne.‘

‚Wir sind noch nie zusammen gestorben‘, sagte sie.

Ich wollte sagen: doch, o doch. Aber ich schwieg. Immer schweige ich. Ich bin nicht der einzige, denke ich, und der andere denkt es auch, und so schweigen wir alle zusammen.

‚Weißt du zufällig, was aus unserem kleinen Claude geworden ist?‘ fragte sie.

‚Was er sich immer gewünscht hatte, le poinçonneur des Lilas.

Je fais des trous…‘

Des petits trous…‘

Ich seufzte. Es wäre so schön gewesen. Sie nahm meine Hand. ‚Baruch, damals in Babylon, die Sonne auf unseren Köpfen, wie neu wir waren.‘

Dann kippte das Flugzeug mit hundertneunundzwanzig Seelen an Bord in den steilen Sturzflug und explodierte tief in der Stadt und löschte viele Geschichten aus, aber bloß vorübergehend.

Haben wir nur ein Leben? Vermutlich. Können wir aus unseren Träumen, unseren Sehnsüchten irgendeine Wirklichkeit weben wie einst die Parzen, einen verwunschenen ewigen Teppich, der uns durch die Lüfte und Zeiten fliegt? Vorbei, verlernt. Und dennoch, in unseren Sternstunden sind wir Götter. Wir lieben in anderer Form, anderer Gestalt den Menschen, den wir schon immer liebten, nichts geht verloren, wir singen nur ein Lied.

Wir waren Götter. Jetzt bin ich allein in diesem Keller, kein Licht, keine Sterne, kein Nachtsichtgerät, nur die Vergangenheit, die ein fremdes Land ist. Pesach, bist du noch dort? Oder bist du schon hier? Antworte mir.

                                                                                                                                               Für Hanna


*Copyright © Martin Kluger, 2015.

*Bild: Adam Martinakis.

Ich schreibe: An Veras Mantel fehlt ein Knopf – den hat der Hund geholt. Sie schaut über meine Schulter. Eines Tages wird er auch mich holen, sagt Vera, du wirst schon sehen. Ich sage: Sei nicht albern.

Der Hund läuft weit voraus. Wir folgen seiner Spur im feuchten Kies. Nachts hat es geregnet. Der Weg ist zerklüftet von den Hufen der Ziegen. Richtige Straßen gibt es nicht in Ødland. Wir wandern zwischen den Häusern umher, als gäbe es hier etwas zu sehen. Ich schreibe: Nie brennt irgendwo Licht. Ich streiche und schreibe: In den Häusern brennt kein Licht, als wir vorbeigehen. Es kratzt in der Lunge. Die Luft hier sei gut für mich. Bloß jeden Tag einmal das Haus verlassen, dann würde es mir schon besser gehen – so hatten sie es formuliert. Ich hatte es mir noch notiert.

Ich schreibe: An den Gestank gewöhnen wir uns nur langsam. Von den Tieren hat man uns nichts gesagt. Vera hat auch den Hund nicht mitnehmen wollen, aber wohin mit ihm? Ich bürste ihn täglich mit angehaltenem Atem, damit er weniger haart. Neben den Ziegen gibt es hier Gänse, Hühner und einige andere Hunde, die wir nie sehen, nur manchmal in der Ferne hören. Ich hasse die Gänse am meisten, sie laufen frei herum und machen einen Heidenlärm. Vera geht ganz nah heran. Und während Vera mit den Gänsen spricht, sehe ich nach dem Hund. Der steht an der Biegung und wartet. Zum ersten Mal sieht er aus wie ein Tier, groß und glänzend, mit ganz anderen Augen.

Zurück im Zimmer, schreibe ich alles auf. Die Landschaft, die Luft. Ich muss daran denken, wie mein Vater sagte, mit zunehmendem Alter ertrage er immer weniger Schwachsinn. Genau so hat er es gesagt. Hier steht es.

Während ich meine Tabletten sortiere, sortiert Vera ihre Kleidung für die nächsten Tage.

Ich laufe gegen die Steigung des Berges an. Es ist mühsam. Das vertraute Flackern in der Lunge. Ich schreibe auf: Hier und da blüht Mohn am Wegesrand. Auch Vera hat den Mohn bemerkt, sie sagt: Es ist, als weise er den Weg. Aber das stimmt nicht. Der Mohn hat nichts mit uns zu tun, alles wächst hier ganz gleichgültig nebeneinander.

Auf dem Rückweg geraten wir in eine Herde, an uns teilt sich der Strom, wir können bloß warten, bis es vorübergeht. Wir stehen ganz dicht nebeneinander, Veras kühle Hand an meiner linken. Sie streicht über die knochigen Leiber: das Fell sei ja ganz hart und glatt. Ich mache mich ganz schmal. Ich grüße den Hirten, er grüßt nicht zurück, er blökt, wir sollen aus dem Weg gehen. Er wohnt gleich nebenan, wir begegnen ihm auf jedem Spaziergang, aber so ist das hier. Seine Frau verlässt das Haus so gut wie nie. Die Kinder grüßen auch nicht, sie sehen sich so ähnlich, dass wir uns immer verzählen. Dasselbe weißblonde Haar. Vera beobachtet die Kinder im Hof durch das Fenster in unserem Zimmer.

Ich schreibe: Die Fensterläden klopfen sachte an den Sims. Vor unserer Haustür sortiert der Hausherr das Holz. Es ist nicht viel, aber es ist wahr. Ich rufe aus dem Fenster hinunter, ob ich ihm irgendwie zur Hand gehen könne, er sieht nicht herauf, er schüttelt den Kopf. Im Hof gegenüber steht der Sohn des Hirten am Zaun. Er ist einer der älteren Jungen, er steht auf einen Spaten gestützt und schaut herüber. Ich nicke ihm zu, der Junge geht zurück ins Haus. Wir kommen nicht von hier.

Die Nächte sind wie ins Wasser gefallen. Das einzige Geräusch in ganz Ødland kommt nachts aus meiner Lunge. Ich schreibe es auf, ich streiche es durch. Ich schreibe: Einmal hören wir draußen ein Heulen. Das konnte von einem Menschen stammen, aber genauso gut von einem Tier, oder es war der Wind in einem Rohr. Oder, oder! Ich streiche alles durch. Der Hund hebt langsam den Kopf. Seine Konturen verschwimmen in der Dunkelheit des Flures, nur seine Augen leuchten bläulich und stumpf. Ich denke unwillkürlich an das Innere einer Muschel. Vera fragt, ob wir nicht nachsehen sollten, was dort los sei. Aber ich will nicht. Ich will es nicht wissen. Ich will hier einfach nur liegen, mit niemandem sprechen. An nichts denken.

Die Dinge hier laufen so, sagt Vera am nächsten Morgen: Die Männer schlagen ihre Frauen, die Frauen die Kinder, die Kinder die Hunde und die Hunde schnappen nach den Ziegen, wenn der Hirte nicht hinsieht. Und niemand schaut nach, niemand stellt irgendwelche Fragen. Und die Ziegen, frage ich, aber Vera ist schon im Bad verschwunden und hört mich nicht mehr. Ich schreibe: Na und die Ziegen rupfen das Gras mit den Wurzeln aus der Erde, sie fressen die Hänge kahl und zertrampeln die Blumen.

Dort, wo Ødland aufhört, fängt die sogenannte Wildnis an. So steht es auf einem Schild, darunter ist ein Pfeil, der in Richtung Gipfel zeigt. Auf dem Plateau ist ein letzter Gasthof. Wir machen die Leine des Hundes am Schild fest, er will uns nach, ich drücke seine Flanken auf den Boden und sage: Bleib. Drinnen setze ich mich so, dass ich ihn im Auge habe. Der Wirt steht nicht auf, als wir hereinkommen. Sonst ist niemand zu sehen. Er blättert in einer Zeitung. Ich grüße, er grüßt nicht zurück. Ich frage, ob es etwas zu empfehlen gebe, er sagt, dass es nichts zu empfehlen gebe. Ich frage, ob es denn keine Tagessuppe gebe, er antwortet, dass es keine Tagessuppe gebe und auch sonst keine.

Der Hund draußen steht mit dem Rücken zum Gasthof, er scheint in die Ferne zu sehen, als würde er dort jemanden erkennen, den Körper angespannt bis zu den Ohren, der Schwanz in der Bewegung erstarrt. Als wir zu ihm hinausgehen, bellt er Hallo, als sei nichts gewesen, und vermutlich ist auch nichts gewesen.

Ich sitze am Schreibtisch und versuche zu schreiben, aber nichts ergibt Sinn und vielleicht ist es genau so. Ich schiebe den wackligen Tisch von einer Ecke in die andere. Entweder sind die Tischbeine unterschiedlich lang oder der Boden ist uneben. Der Tee schmeckt nach Kalk und ein bisschen salzig. Ich schreibe auf: Nur schreiben, was da ist. Wenn nichts da ist – nicht schreiben. Und dann befällt mich eine große Erschöpfung, als hätte ich weiß Gott was getan. Vera steht hinter mir, ich habe sie nicht kommen hören. Ihre Hände streichen über meinen Nacken. Die Augen des Hundes unter dem Bett. Ich lehne mich vor, sie sagt: Bleib, und drückt meinen Körper zurück gegen die Lehne. Und ich halte still. Ihre Finger sind warm. Vera ist heute streng mit mir. Ich wehre mich nicht, sie zieht an meinem Pullover, sie befiehlt: Zieh das aus. Und ich gehorche.

Auf dem Heimweg begegnen wir der Frau des Hirten, sie trägt in jedem Arm einen Plastikeimer mit Getreide. Sie ist allein. Ich schreibe: Sich von dem Gefühl der Ohnmacht nicht außer Gefecht setzen lassen. Ich frage, ob ich ihr helfen könne. Sie bellt, ich solle kein Idiot sein. Ihre Stimme ist schön. Ich schreibe auf: Ich bin ein Idiot. Später im Zimmer verschwindet Vera für eine lange Zeit im Bad. Ich warte, dann gehe ich ans Fenster, wo es manchmal Empfang gibt, und versuche zweimal nacheinander meinen Vater zu erreichen, aber er hebt nicht ab. Vielleicht ist er spazieren gegangen oder er ist in die Stadt gegangen oder er ist verschwunden vom Antlitz der Erde. Ich schalte das Telefon aus und verstecke es tief in der Reisetasche. Ich setze mich an den Schreibtisch, die Stuhlbeine sind alle im Weg. Ich schreibe es auf, ich streiche alles durch. Vera kommt aus dem Bad und fragt, ob alles in Ordnung sei, aber was soll das für eine Ordnung sein?

Die Nase des Hundes stößt feucht gegen meine Hand, ich schiebe ihn von mir, aber er lässt nicht ab. Vera schläft fast geräuschlos, ein Fuß berührt die Wand, der andere ist unter der Decke vergraben. Mein Brustkorb fühlt sich an wie ein Hohlkörper, eine Lunge wie morsches Holz. Ich weiß nicht einmal, wovor ich mich fürchte. Ich schreibe: Das Herz ist schon gar kein Herz mehr. Es muss angebunden werden, wie ein Boot, sonst treibt es davon. Ich streiche es durch, ich schreibe: Wie ein Hund. Unter anderem: die Angst vor dem Telefon. Die Befürchtung, es könnte jeden Moment klingeln. Ich könnte nichts tun. Dass Vera fragen würde, warum ich nicht rangehe, dass ich nicht wissen würde, warum ich nicht rangehe.

Ich stehe auf und der Hund ist sofort da. Ich drücke seine Flanken zurück auf den Boden, er wehrt sich, ich bin grob. Er solle liegen bleiben. Er murrt, er bleibt liegen. Ich schreibe: Kein Selbstmitleid zulassen. Und: mehr Geduld. Die Treppe ächzt bei jedem Schritt, die untere Etage bewohnt der Hausherr ganz allein, aber er wird nicht wach, zumindest ist nichts zu hören.

Barfuß auf dem kühlen Steinboden. Im Haus gegenüber sitzt jemand auf der Veranda, ich kann nicht erkennen, wer. Für einen Moment denke ich an meinen Vater. Ab und zu glimmt im Dunkeln die Glut einer Zigarette. Ich huste, ich sage: Hallo. Aber niemand antwortet mir.

Ich öffne so geräuschlos wie möglich die Tür, aus dem Zimmer dringt ein verhaltenes Knurren. Mein Hund erkennt mich nicht. Ich zwänge mich durch den schmalen Spalt: Ich bin es, ich bin es doch.

Ich liege im Bett, auf dem Bauch, das Gesicht zur Seite gedreht. Wenn ich es später aufschreibe, schreibe ich: Völlig betäubt. Ich liege da und höre Vera zu, wie sie umherschleicht. Vera denkt, ich schlafe, aber ich höre ihr zu. Wie sie ins Bad geht und sich leise anzieht. Das Geräusch der Bürste in ihrem Haar. Wie sie sich aufs Fensterbrett lümmelt und eine Weile liest, das Geräusch des Umblätterns. Ich bleibe noch liegen. Ich höre, wie sie aufhört zu schleichen, wie sie anfängt, Kaffee zu kochen, das Geschirr zu spülen. Wie viel Geschirr kann da sein, dass das so lange dauert? Ich grabe meine Stirn tief ins Laken.

Vera ist nachlässig gekleidet: Am Hemd hat sie sich verknöpft, das Haar ist im Nacken zusammengeknüllt. Sie sitzt auf dem Fensterbrett und baumelt mit den nackten Beinen. Ich kann es nicht leiden, wenn sie tut, als sei sie fünf. Ich sehe mit Absicht nicht hin. Der Hund hat den schweren Kopf vor sich auf die Pfoten gebettet, die Ohren sind wachsam. Vera hebt ihre Beine aufs Fensterbrett, sie sagt: Er lauert. Ich sage: Er ist ein Hund, er liegt eben herum, was soll er deiner Meinung nach tun?

Ich schreibe: Wir laufen gegen den Berg an. Am Gasthof vorbei. Der Wirt sieht uns nach. Oder anders: Wir laufen den Berg hoch, an dem Gasthof vorbei. Im Fenster steht der Wirt. Oder: Es gibt den Berg, den Wirt und uns. Oder auch: Es gibt den Berg, den Wirt und den Hund. Und Vera. Und mich. Im Zimmer streiche ich alles durch, ich schreibe alles auf, was ich sehe, aber es ist immer noch mehr da. Und alles, was dasteht, steht für immer da. Was nicht da steht, verschwindet. Ich schreibe: Es gibt die Landschaft und die Lüge. Das Nebeneinander der Dinge und den Versuch, eine Ordnung zu schaffen. In einer Welt, die zumindest ich nicht verstehe.

Es ist fast Mittag. Ich liege im Bett und schreibe: Beim Aufwachen schon dieses Gefühl. Ein Wollen unbestimmter Natur. Ein Sich-losreißen-Wollen. Etwas, das das Herz losmacht. Ich versuche, meinen Vater zu erreichen, aber er geht nicht ran. Ich denke daran, wie er einmal gesagt hat, dass ihm nur eine Sache wirklich wichtig sei: Wenn er sterbe, solle das ja niemandem Umstände machen. Wenn es nach ihm ginge, könnten ihn die Hühner fressen und niemand solle es erfahren. Genau so hat er es gesagt. Hier steht es.

Vera ist Milch holen gegangen, im Laden. Ganz selbstverständlich ist sie losgegangen. Ist die Milch alle, wird neue gekauft. Als wäre das nichts. Ich schreibe: Bei mir steht immer alles in Frage, die einfachsten Dinge. Atmen ist ein Problem.

Ich laufe gegen die Steigung des Berges an, der Gasthof ist jetzt schon nicht mehr zu sehen. Der Hund zieht und zieht, als wüsste er, wohin. Mein Blick folgt den krummen Linien möglicher Wege, kahle Stellen im Gras, die zu einem Pfad werden könnten. Alles muss schnell noch aufgeschrieben werden, bevor es verschwindet. Nach einer Weile fühlt sich das Laufen an, als würde ich mich gar nicht bewegen. Als würde die Erde unter meinen Füßen davongleiten, ohne mein Zutun. Ich schreibe: Nicht wissen, wo man ankommt, beim Losgehen. Das Boot losmachen. Ich lasse den Hund laufen und er läuft. Die Luft ist ganz klar.

Ich schreibe: Vielleicht meiden die Kinder der Nachbarn uns nicht gemeinsam. Sondern jedes meidet uns für sich, jedes aus einem anderen Grund. Vielleicht schnappt der Hirte nach den Ziegen, wenn die Hunde nicht hinsehen. Und die Ziegen? Die fressen das Gras. Und das Gras? Das wächst und wächst, als wäre nichts gewesen. Heute und morgen und auch an jedem anderen Tag, ob wir hinsehen oder nicht.


*Copyright © Margarita Iov, 2015. 

*Bild: Maxime Sabourin More.

Die psychiatrische Tagesklinik Sankt Johannesweide umfasst ein weitläufiges Gelände. Die Patienten werden in diesem niederbayerischen Juwel der Heilungsanstalten fünf Tage die Woche von sieben Uhr früh bis sechs Uhr abends aufgenommen. Seit drei Wochen ist diese Klinik mein Leben. Drei Wochen. Da kann noch kein Antidepressivum wirken, da kann es noch niemandem grundlegend besser gehen. Das bekomme ich oft zu hören, und ich stimme dem im Grunde auch zu. Ich bleibe geduldig und stelle lediglich fest, dass die Antidepressiva bislang keine Wirkung auf meine Psyche zeigen, sehr wohl aber auf mein Erektionsvermögen.

Jeden Tag mache ich ausgedehnte Spaziergänge über das Klinikgelände. Nicht aufgrund von Selbstdisziplin oder Genesungswillen, sondern weil ich nicht weiß, was nach sechs Uhr noch zu tun wäre. Stundenlang spaziere ich über die Hügel, an den Bäumen entlang und dem Teich mit Fröschen vorbei. Ich fahre erst dann heim, wenn es dunkel geworden ist. Aber da der Sommer unaufhaltsam voranschreitet, zögert sich dieser Augenblick von Tag zu Tag weiter hinaus. Zu Hause schlafe ich wie ein Ermordeter, mache nach dem Aufstehen eine minimale Morgentoilette, rühre keinen Bissen an, trinke nicht einmal Kaffee und fahre wieder zur Klinik.

Die Wochenenden verschlafe ich, leider nicht durchgehend, sondern mit Unterbrechungen, unruhig und traumlos. Beim Aufwachen bin ich schließlich genauso ausgelaugt wie beim Einschlafen. In den wachen Stunden schalte ich den Fernseher ein. Irgendwann denke ich daran, etwas zu essen. Dafür gehe ich zum Türken nebenan, es ist der einzige Türke in Waldesreuth, er bietet Döner an. Sobald ich den Laden betrete, fängt er schweigend mit der Zusammenstellung meines Essens an, ich nehme immer dasselbe, Salatauswahl und ein Glas Schwarztee. In einer Ecke des Ladens hängt ein Fernseher, der auf einen Nachrichtenkanal eingestellt ist. Die Nachrichten sehe ich mir unbeteiligt an, denn ich warte nur. Ich warte auf Montag, sieben Uhr früh.

Im Teich wachsen langsam die Kaulquappen heran. Die stärksten und fettesten unter ihnen können nur überleben, indem sie zu Kannibalen werden. Von der Bevölkerung des Teichs mit Kaulquappen und Fröschen weiß ich, weil ich das Gemenge im Wasser beim Spazierengehen selbst entdeckt habe. Die Ärzte hatten eher nebenbei erwähnt, dass es auf dem Gelände durchaus vieles zu entdecken gebe.

Auch nach einem Monat kann ich mir meinen Wochenplan in der Klinik nicht merken, deshalb hängt er über meinem Bett, notiert auf einem karierten Zettel. Am Montag zum Beispiel ist als Erstes die gemeinsame Frühstücksvorbereitung dran, danach die Gruppensitzung, danach die Bewegungstherapie und so weiter. Ich kann mir meinen Wochenplan nicht merken, weil ich an depressionsbedingtem Gedächtnisschwund leide. Das soll sich laut den Ärzten mit den Medikamenten, den Gesprächen und den anderen Angeboten in der Klinik bessern.

Um mich von der Frage abzulenken, ob ich verrückt werde, achte ich auf die Besonderheiten der Natur, während ich das Klinikgelände durchstreife: ein vertrockneter Regenwurm; sich paarende, aneinanderhängende Käfer; Wind; Sonne; Pappelflusen, die im Gras hängen bleiben. Erscheinen mir meine Beobachtungen lächerlich? Vielleicht. Ich hätte sie nie gemacht, wenn ich gesund geblieben wäre, aber die Ärzte hatten mir die Aufgabe gegeben, achtsam zu sein, mir meiner Umwelt bewusst zu werden. Ich hatte also keine Wahl.

In letzter Zeit habe ich viel über mein Bild aus der Kunsttherapie diskutieren müssen. Unbeholfen habe ich ein galoppierendes Pferd gemalt, von dem ein Mann stürzt, aber statt auf den harten Boden fällt er auf eine Blumenwiese. Ich musste darüber reden, als ob ich wüsste, was das Bild zu bedeuten hat oder weshalb ich es gemalt habe.

Unterdessen sind die Nächte so kurz geworden, dass ich meine Wohnung für nur vier, fünf Stunden Schlaf aufsuche. Ständig vergesse ich, die verschwitzte Bettwäsche zu wechseln. Wenn ich dann das Fenster öffne, versammeln sich die Mücken verschwörerisch an meinem Bett. Dann stechen sie mich. Mein Körper ist übersät von den Zeugnissen ihrer Geheimversammlungen.

Am Teich wird das Quaken lauter. Die Kaulquappen, die überleben konnten, sind erwachsen geworden und suchen nach Geschlechtspartnern. Der Zyklus ihres Lebens ist festgelegt, sie wissen immer, was zu tun ist.

Offensichtlich vergeht also Zeit. Diese angeblich vergehende Zeit spüre ich aber nicht. Ich weiß nie genau, was ich die Woche zuvor gemacht habe. Irgendwann werden Monate und Jahre vergangen sein.

Vor Kurzem ist in der Klinik eine Grillfeier angekündigt worden. Es wird alkoholfreie Bowle geben, und für das Essen muss jeder seinen Teil beisteuern, darum geht es schließlich, um Stressbewältigung im Alltag. In meiner Therapiegruppe hängt eine Liste aus, in die man eintragen soll, was man zur Grillfeier mitbringen will. Ich werde einfach eine Riesenportion Salat vom Türken holen. Einigen anderen Patienten bereitet das Grillfest mehr Sorgen als mir: Was soll ich für das Essen beisteuern? Wie soll ich es schaffen, das ausgewählte Gericht zuzubereiten? Woher soll ich die Kraft nehmen, diesem Druck standzuhalten? Ich dagegen lege mich schlafen – die Mücken kreisen um mein Bett, und ich weiß, dass es morgen so weit ist –, denke aber an nichts.

Zum Sonnenaufgang erwache ich von dem Geräusch des aufziehbaren Spielzeuggebisses, das ich so oft den Kindern in meiner Praxis vorgeführt habe. Es befindet sich schon lange nicht mehr in meiner Wohnung, was bedeutet, dass ich es mit einem Phantomgeräusch zu tun habe. Der Tag der Grillfeier, ein Freitag, verläuft wie jeder Freitag in der Klinik. Erst nach dem Mittagessen merkt man, dass etwas anders ist. Patienten sind in Gruppen über das Klinikgelände verstreut. Am Teich stehen zwei Männer, die sich in der Bewegungstherapie angefreundet haben, zu der ich auch gehe. Für das Grillfest haben sie sich etwas feiner angezogen. Ich trage mein gelbes Polohemd, das ich auch zur Arbeit oft anhatte. Die zwei Männer haben ihre Blicke auf den Teich geheftet und besprechen etwas miteinander. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es um die Frösche geht. Um wie viel einfacher alles wäre, wenn man als einer von ihnen geboren worden wäre. Da gibt es zum Beispiel eine Froschart, den nordamerikanischen Waldfrosch, der eine unvorstellbare Fähigkeit besitzt: Im Winter gefrieren diese Tiere. Alle Vitalfunktionen werden eingestellt, und ein körpereigenes Frostschutzmittel wird gebildet, das die inneren Organe schützt. Im Frühling tauen sie dann von innen nach außen auf, und ihre Herzen beginnen langsam wieder zu schlagen. Sie haben das Glück, den harten Winter überleben zu können, ohne ihn erleben zu müssen. Die zwei Männer lachen, und ich drehe mich um und schlendere weiter.

Am Klinikgebäude herrscht Trubel. Tische werden aufgestellt und mit den mitgebrachten Gerichten gedeckt, unter anderem auch mit meinem Salat vom Türken. Viele Patienten haben sich verkleidet und sehen nun wie glückliche Partygäste aus. In der von den Betreuern versprochenen alkoholfreien Bowle, die in einer Glasschale mit zwei Glaskellen serviert wird, schwimmen durchweichte Früchte. Ich erkenne Weintrauben, Schattenmorellen, Ananas, alles aus der Dose, und jedes Mal, wenn man eine der Kellen zum Einschenken in die Schalte tunkt, werden die Früchte darin aufgewirbelt.

Während ich mir etwas von der Bowle eingieße, versuche ich angestrengt, keinen Tropfen danebengehen zu lassen. Vorsichtig trinke ich einen Schluck nach dem anderen. Im Gegensatz zu den Männern am Froschteich habe ich mich hier mit niemandem angefreundet. Die meiste Zeit bemerke ich die anderen kaum. Sie sind lediglich Konturen im Nebel. Während meines Gangs durchs Foyer und über die Terrasse begrüße ich trotzdem einige von ihnen, wir besuchen dieselben Sitzungen, oder sie spielen Tischtennis, während ich zusehe.

Schon bald wird durch das ernste, zügige Auflegen des Grillguts signalisiert, dass das Buffet eröffnet ist. Ich habe keinen Appetit, esse aber, um beschäftigt zu sein. Da kommt ein Junge auf mich zu. Er ist etwa fünfzehn und trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen Dreieck darauf.

»Sind Sie nicht der Zahnarzt?«


»Ich bin erst zweiundvierzig Jahre alt.«

»Und?«

»Das heißt, du musst mich nicht siezen.«

»Bist du richtiger Zahnarzt?«

»Ich habe elf Semester Zahnheilkunde studiert. Danach habe ich dreizehn Jahre lang praktiziert. Reicht das?«

»Ich habe da ein Problem.«

»Wieso gehst du damit nicht zu deinem Hauszahnarzt?«

Als wäre das schon eine Antwort, zieht mich der Junge beiseite und macht seinen Mund auf. Oben rechts am Elfer ist ein längliches, gar nicht mal so kleines Stück weggebrochen.

»Wie ist das denn passiert?«

»Ausgehen. Tanzen. Ich feiere eben hart.«

Der Junge streicht immer wieder mit seiner Zunge über die gezackte Stelle und fragt lispelnd, ob man das wieder richten könne. Als ich wissen will, warum man das richten lassen sollte, sagt er, weil es hässlich aussehe und weil er nicht mehr an diesen beschädigten Zahn erinnert werden wolle. Knapp erkläre ich die in seinem Fall möglichen Vorgehensweisen: Erstens, man poliert den Rand der Abbruchstelle glatt und versiegelt sie. Zweitens, man setzt eine Art Teilkrone über den schadhaften Zahn, was aufwendiger ist als die erste Methode. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber ich frage den Jungen trotzdem, ob er das abgebrochene Stück Zahn aufgehoben hat. Der Junge verneint, daraufhin habe ich auch nichts zu erwidern. Wir sehen uns etwas verlegen um. Kurz bevor ich erwarte, dass der Junge wieder geht, reicht er mir seine Hand und nennt seinen Namen, Kristan. Ich sage meinen Namen, Jost Uhlich.

Danach bleiben wir beieinander stehen. In unseren Händen halten wir die zierlichen Bowlegläser, als wären sie etwas Wertvolles, aber vielleicht kommt uns das nur so vor, weil in der Klinik schöne Dinge selten sind.

»Willst du was Richtiges zum Trinken?«, fragt Kristan.

»Das geht doch nicht mit den Antidepressiva.«

»Aber willst du?««

Nachdem ich bejaht habe, geht alles recht schnell. Kristan versetzt unsere Bowle mit billigem Wodka aus einer kleinen Flasche, die er zwischen seinen blau-weiß karierten Boxershorts und seiner Hose gelagert hatte. Ich nehme den ersten Schluck und schmelze.

»Gott, vermisse ich das.«

Kristan lächelt, er hält mich sicherlich für zu alt zum Trinken, zum Feiern, und er hat recht.

»Vor der ganzen Sache habe ich Cocktails gemixt. Und war sogar ziemlich gut darin.«

»War das dein Hobby?«

»Ja. Hobby.«

Wir sehen uns um. Ununterbrochen wird gegrillt, jemand bedient die Musikanlage, aus der seit Stunden Jazzvariationen dringen, und die Leute schlingen ihr Essen runter. Ob jemand ahnt, was wir trinken? Ob jemand schon längst auf dieselbe Idee gekommen ist?

»Meine damalige Freundin hat mir ein Barkeeper-Set zum Geburtstag geschenkt«, sage ich. »Da war alles dabei für den heimischen Barkeeper. Zwei Boston Shaker, Sieb, Zitronenpresse, Eispickel und anderes.«

»Woher kanntest du die Rezepte?«

»Ich hatte mehrere Bücher zu Hause.«

»Was war dein Lieblingscocktail?«

Das hat mich seit meiner Klinikzeit niemand mehr gefragt, nein, es ist sogar noch länger her. Ich betrachte ziemlich lange die künstliche rötliche Bowle in meinem Glas, schmecke ausführlich ihre übertriebene Süße. Dann antworte ich.

»Der Hemingway Daiquiri.«

Kristan nickt anerkennend, während er erneut die Flasche herausholt.

»Ich mag seine Einstellung«, sagt er.

»Und ich seinen Cocktail. Weißer Rum, Limettensaft, Grapefruitsaft, beide frisch gepresst, und Maraschinolikör. Alle Zutaten sind für sich genommen schon gut, aber zusammen ergeben sie etwas noch viel Besseres.«

Kristan nickt unaufhörlich und gießt mir nach.

»Hast du dir das oft gemixt?«

»Immer mal wieder, nach langen, nach harten Tagen.«

»Zuerst in den Zähnen von Leuten bohren und dann Cocktails mixen.«

»Was hast du gemacht?«

Kristan trinkt hastig mehrere Schlucke.

»Im Gymnasium war ich in allen Fächern mittelmäßig, beim Fußball aber war ich einer der Besten.«

»Mit Fußball konnte ich nie was anfangen.«

»Na ja, du schwitzt dich nass. Du läufst bis zum Umfallen einem, in der normalen Welt, unwichtigen Ding hinterher. Es geht um Leben und Tod. Sozusagen.«

»Und wann wirst du wieder spielen?«

»Das letzte Mal hab ich mich ziemlich verletzt.« Kristan macht eine Pause, um sein Glas zu leeren. »Und es war nicht die Schuld der anderen.«

Während er spricht, passiert etwas: Ich habe eine Idee. Und ich merke, dass ich schon gar nicht mehr gewusst habe, wie es sich anfühlt, eine Idee zu haben.

Kurze Zeit später schleichen wir uns aus dem Foyer und laufen die Hintertreppe hinauf in den ersten Stock. Wir wollen zu dem Abstellraum, in dem die Werke aus der Kunsttherapie aufbewahrt werden. Kristan fragt, ob ich mir sicher bin, dass hier mein Bild lagert, und ich bin mir sicher, denn die Möglichkeit, es mit nach Hause zu nehmen, habe ich abgelehnt. Und so bleibt es hier, bei der Kunst der anderen Melancholiker.

Nachdem wir mehrere Minuten umsonst an der Türklinke gerüttelt haben, wird uns klar, dass wir einen weiteren Einfall benötigen, um reinzukommen. Kristan holt aufgeregt seine Bankkarte hervor.

»Wetten, ich schaffe das?«

Senkrecht schiebt er die Karte zwischen Tür und Rahmen, direkt über das Schloss. Ich stehe daneben und sehe ihm zu.

»Je weniger es dich kümmert, ob die Karte dabei kaputtgeht, desto eher kriegst du die Tür auf.«

Diese Behauptung illustriert Kristan mit dem starken Biegen der Karte nach links zur Klinke hin. Als die Tür kurz danach aufgeht, blicken wir in den schmalen Raum. Die Wände sind gesäumt von Aluminiumregalen, und auf jedem Regalboden stehen Kartons, die mit einem Datum beschriftet sind. Darin lagern auf Pappe geklebte Leinwände und Zeichenblockseiten. Schnell finde ich mein Bild. Ich hole es heraus und zeige es Kristan.

»Das ist es?«

»Ich sagte doch, ich weiß nicht, wieso ich ständig darüber reden muss.«

»Was soll das für ein Tier sein? Ein Dinosaurier?«

»Nein, ein Pferd natürlich.«

»Du meinst ein Pferd, das sich als Dinosaurier verkleidet hat?«

Ich muss lachen, Kristan auch, wir lachen viel zu laut. Unser Aufenthalt in der Klinik, das Grillen, die Bilder der Kranken, unsere scheußlich schmeckende Bowle, dass wir kein Leben mehr haben, das alles ist lustig.

Endlich spüre ich den Alkohol. Ich kann gerade noch den schwankenden Kristan erkennen, der mein Bild betrachtet und sagt:

»Morgen wird es uns übel gehen. Der Kater ist schlimmer mit den Tabletten.«

»Wie viel muss man von beidem nehmen, um nicht mehr aufzuwachen?«

»Weiß ich nicht, das musst du selber rausfinden.«

Wir sehen uns mein Bild genauer an, und Kristan legt seine Hand auf meine Schulter.

»Wie ein Pferd sieht das wirklich nicht aus.«

Es fällt mir schwer, die einzelnen Wörter zu einem Satz zusammenzufügen, aber schließlich gelingt es.

»Kann sein, aber die Blumenwiese ist gut geworden. Und nur darum ging es mir.«


*This story is taken from: „Elefanten treffen“ by Kristina Schilke © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016.

…und fand sie schlafend vor Traurigkeit. Die ersten Worte morgens, der angestrichene Satz in dem Band mit Lesebändchen, einem Geschenk von Marie, und die Sonne geht auf hinter den Kastanien der Fontane-Promenade, wo noch kein Mensch zu sehen ist, kein Hund, nur eine Elster, die über den Sandweg hüpft, ihrem langen Schatten voraus. Die Uhr im Schuh neben dem Bett, der kleine Wecker aus Peru, ist stehengeblieben; dem Licht nach hatte er in einer Stunde geklingelt.

Krähen, riesige Schwarme in wechselnden Formationen, fliegen über das Haus zum Park, jeden Morgen zur Hasenheide. Die Räume hell, das Wasser fast warm, und die Zahncreme, mentholfrei, fällt nach einer kurzen Bewegung mit der Bürste aus dem Mund – ein Moment, in dem man die Augen schließt, durchatmet und noch einmal beginnt mit dem Tag, den man gestern schon überstanden glaubte.

Und fand sie schlafend. Ein Schluck Tee am Küchentisch, das Radio, zwei Minuten Nachrichten, noch heißer soll es werden in diesem Rekordsommer; die Linden an der Blücherstraße sehen staubig aus, der Kunstrasen auf dem Sportplatz wirft Wellen, und was er ausdünstet in der Tagesglut, wer möchte es wissen.

Nie ein Tier darauf, kein Vogel, keine der vielen im Buschwerk sich tummelnden Ratten.

Die Schuhe putzen, den kleinen Rucksack packen, Brieftasche, Schlüssel. Trotz der wenigen Stunden Schlaf keine Benommenheit, kein überflüssiger Handgriff, alles, sogar das Zuknöpfen des blauen, noch von Marie gebügelten Hemdes grundiert von einem Ernst, den er bisher nicht gekannt hat an sich. Er schließt ab, geht über den Flur und öffnet ihre Wohnung, zwei Zimmer, zum Hinterhof hinaus. Sie ist kleiner als seine, aufgeräumter, liegt ganz im Schatten einer Birke, und Raul betritt den Schlafraum und nimmt die Ikone von der Wand, die heilige Anna, kaum größer als eine Kreditkarte. Auch das weiße Taschentuch, in das er sie wickelt, ist gebügelt.

Bis zum Prinzenbad sind es acht Minuten; kaum Verkehr um diese Zeit, wenige Räder an der Mauer, die Kasse noch geschlossen. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen warten vor dem Gitter, das dicke Rentnerpaar ganz vorn. Mit Kühltaschen, Zeitungen und einem kleinen Radio ausgestattet, bleiben die beiden stets bis zur Schließung des Bades um zwanzig Uhr auf der Terrasse der Cafeteria, essen und trinken unentwegt, lösen ein Kreuzworträtsel nach dem anderen und gehen nie, auch bei größter Hitze nicht, ins Wasser. Die anderen sind durchtrainierte, in Terminplanern blätternde Menschen, fast jeden Tag dieselben, die von sieben bis kurz vor acht ihre Bahnen schwimmen und dann auch schon wieder davonsausen auf Fahrrädern und Bikes mit mehr als zwanzig Gängen und elektronischen Schlössern.

Als das Gitter zur Seite schwingt, zücken alle ihre Monatskarten; einige Männer knöpfen sich bereits die Hemden auf, während sie zu den Kabinen gehen, und auch Raul wirft seinen Rucksack voraus in den offenen Schrank, Nummer dreiundfünfzig, wie immer. Badehose, Chlorbrille, Armband mit Schlüssel, und nach einer raschen Dusche, kalt, die erste Enttäuschung. Das Sportbecken ist geschlossen, Reinigungsarbeiten. Die anderen gehen murrend weiter, zu dem zweiten, unter Akazien gelegenen Pool, beheizt und tagsüber brodelnd voll, ein Kreischen, das man weithin hört. Das Wasser dort ist berüchtigt; Haare, Kaugummis, faulendes Laub und Heftpflaster mit trübroten Flecken schaukeln auf der Oberflache. Die Schwimmer nennen es Eintopf.

Er bleibt stehen. Der Arbeiter im grauen Kittel, der das verchromte, mit einer Pumpe verbundene Gerat über den Boden des Sportbeckens zieht, runzelt kurz die Brauen, blickt aber nicht auf. Er geht Kachelreihe für Kachelreihe vor, hat nur noch drei zu reinigen, und Raul setzt sich auf die Kante der Sonnenterrasse, macht Atemübungen und starrt auf die glänzende Fläche, das Bild der Pappeln im zitternden Blau.

Den Tag und alle Möglichkeiten der Zerstörung, die er birgt, mit einem Sprung in diesen Spiegel zu beginnen, zu versöhnen, ist das einzig Richtige jetzt. Dahinter liegt das Ende der Angst: eine Glastür, ein langer Flur, Gezwitscher im Park voller Frauen in neuen Morgenmänteln, jungen Frauen, die kleine, schubbernde Schritte machen in ihren Thrombosestrümpfen und sich den Bauch halten. Es ist genug. Dahinter liegen die letzten Tränen, ein kurzer Schmerz, nach dem alles besser wird, glauben Sie uns, warum sind Sie nicht früher gekommen. Doch Marie, eine dicke Nadel im Arm, Eigenblutspende, Infektionsgefahr, Marie lacht ihr helles, fast zwölf Jahre jüngeres Lachen und zeigt ihm das Geschenk der Nachbarin, die am Vortag entlassen wurde, Totalausräumung, und die noch einmal durch den großen Klinikpark zurückgekommen war und ihr den Klee gebracht hatte, vierblattrig, vorm Tor entdeckt.

Abwehrkräfte, Antikörper, zweitausend Meter jeden Tag. Und wer sind Sie? Ein Begleiter, der immer da ist, bei jeder Untersuchung, jeder Ultraschallaufnahme, der ihr die Kontaktflüssigkeit vom Bauch wischt und sogar den Blutdruck mißt. Die Ärzte werden vorsichtig und weniger salopp, die Schwestern lächeln etwas langer, und der Anästhesist setzt sich noch einmal, als er das Wort Spinalparalyse hört. Sind Sie ein Kollege?

Weiße Wolken vor dem Fenster, ein paar Schmetterlinge, und er legt den Füllhalter auf das Bett und zeigt auf die gepunkteten Linien. Doch Marie will nicht mehr wissen, was sie unterschreibt, Marie ist müde, löffelt ihre Suppe, schluckt die Tablette, betrachtet die Rosen. Bis morgen, mein Herz. Kommst du früh? Die Schwestern in ihrem Glasverschlag winken ihm zu, und er winkt zurück mit den Formularen, nimmt den Aufzug und steckt sie in den Kasten der Verwaltung, auch das, in dem sich die Patientin im Fall des Todes mit der Sektion ihres Körpers einverstanden erklärt. Und das er ihr nicht vorgelegt hat.

Der Mann im Kittel zieht das verchromte Gerat aus dem Becken, macht einen Schritt zur Seite und beginnt die nächste Kachelreihe zu säubern. Kaum je krank, nie im Leben eine Operation, und Raul mit all dem nutzlosen Wissen, dem Rohstoff seiner Angst, er hat Menschen an viel simpleren Eingriffen sterben sehen – eine winzige Anomalie, Gewebeschwache, der Tubus scheuert an der Halsschlagader, und plötzlich Blut, in hohem Bogen, und keiner der vielen Ärzte holt ihn zurück, den durchtrainierten Abiturienten, dem man nur den Blinddarm entfernt hatte und dessen klaffender Kehle nun ein langer letzter, nahezu wütender Laut entfahrt…

Wer sagts dem Chef? Und wie viele Krankenzimmer hat er betreten, die wie dieses waren, hell, freundlich, Noldes Mohn, wie viele Haarhauben hat er den Patienten gereicht: Hallo, nun wollen wir mal, müssen Sie noch zur Toilette? Und dann braucht Marie lange, verzweifelt lange, wie ihm scheint; die Stationsschwester blickt auf die Uhr, die Schülerin gähnt und träumt aus dem Fenster hinaus, flirrendes Laub, und er nimmt das Krankenblatt und liest die Blutdruckwerte, die er längst auswendig kennt. Schließlich kommt sie, zieht die Tür hinter sich zu und betrachtet ihre Hand, die Einstiche auf dem Rücken. Öffnet die Tür noch einmal, langt in den Raum und löscht das Licht. Hab ich dir schon die Rasur gezeigt? Echt Punk. Und die Schülerin lacht und hilft ihr ins Bett.

Raul nimmt der Schwester die Haarhaube ab, auch das macht er selbst, schiebt die roten Locken unter den Gummisaum und löst, ein Tritt, die Rädersperre.

Schick siehst du aus. Doch Marie fühlt, daß er am liebsten losheulen würde, natürlich fühlt sie das und streichelt seinen Arm. Es wird gut, glaub mir, sie haben gestern noch eine Spiegelung gemacht, sogar der Professor war dabei. Alles im grünen Bereich. Wirst du dasein, wenn ich aufwache? Bist du da?

Das Rattern der Rader auf der Schwelle des Lifts, und noch aus dem Stahlschacht heraus ein Winken und Zwinkern ohne jede Angst, wie es scheint, die Wirkung der Tablette. Dann schnellt die Tür zu, und er neigt, wie sie, den Kopf zur Seite, ein letzter Blick. Adieu.

Die Zähne zusammengebissen, die Fäuste geballt, betritt er den Aufenthaltsraum, rempelt ohne Absicht ein paar Zeitschriften vom Tisch und stolpert über die Fußmatte auf den Balkon. Am Haus gegenüber eine Kinderzeichnung, Vögel ohne Schnabel, auf dem Dach ein Helikopter, und er reißt eine Handvoll Blüten aus dem Kasten, Geranien, und schleudert sie über die Brüstung.

Wind, ein warmer Hauch, weht sie zurück. Ich bin da. Ohne zu essen oder zu trinken, das ist ein Vorsatz, den er nicht begründen kann und der doch, das fühlt er, richtig ist. Nichts essen, nichts trinken, sich nirgendwo anlehnen, weder am Stuhl noch am Türrahmen oder an der Balkonbrüstung, solange sie operiert wird. Zwei Stunden, drei. Und noch einmal zwei Stunden, die sie im Aufwachraum bleibt, und die freundliche Schwester, eine Polin, stellt ein Tablett neben den kalten Fernseher, Brote und Tee. Raul bedankt sich und rührt nichts an.

Warten. Und immer wieder das Erschrecken, wenn Lifttüren sich öffnen und eine Patientin, soeben operiert, auf die Station geschoben wird, wach oder schlafend in den tiefen Kissen und oft erst nach dem zweiten Blick zu erkennen; die Schatten der Pflanzen auf der getönten Glaswand, die den Raum vom Korridor trennt, gaukeln ihm Maries Konturen vor, und er schließt einmal kurz die Augen, als die Frau ihn fragt: Und du?  Wie lange willst du hier noch sitzen?

Über zwanzig Jahre. Er war eingenickt in dem Lokal nahe der Uni-Klinik, in dem er sich betrunken hatte nach dem Entschluß, das Stethoskop für immer wegzuhängen. Nicht länger mehr Elend und Tod und die Lügen der Hoffnung, nicht länger dieses Rattenrennen in weißen Kitteln, nichts mehr von Ärzten, die über Leichen gehen, um Chefärzte zu werden . . . Er wollte ausruhen, forschen vielleicht, er wollte leben, reisen – und noch einen Drink von dieser Kellnerin. Es war so dunkel in dem Laden, daß man sein Wechselgeld nicht fand, aber ihr Haar brannte in allen Spiegeln. Sie brachte ihm einen Kaffee.

Du bist es also, flüsterte sie, als sie sich zum ersten Mal küßten, nur einen Tag später, in einer Morgenstunde hinter dem Lokal, und schon damals war ihm ihr Gesicht, der Mund, die Brauenbögen und die Linie der Stirn, wie eine Schrift vorgekommen, eine jäh aufleuchtende heilige, in der die Worte geschrieben waren, die ihn für immer erlösen würden.

Zwanzig Jahre. Ein Wimpernschlag. Er hebt die Absperrung, das rot-weiße Band, setzt sich auf den Startblock, und der Arbeiter droht ihm freundlich mit dem Finger, reinigt die letzte Bahn. Und dann ist es Abend, als die Tür aufgleitet und das Bett aus dem Lift geschoben wird; als ihm das Herz plötzlich in der Kehle schlagt und er nach zwei, drei Schritten am Kopfende steht und die Schwester lächelnd Langsam! flüstert. Marie, die wach ist und ihn ansieht, staunend, um Orientierung bemüht, das ganze Gesicht ein stummes Du? Was war denn? – Marie ist so bleich wie nie, die Lippen sind von der Haut kaum zu unterscheiden, und ihre Hand, nach der er greift und die den Druck nicht erwidert, natürlich nicht, die Hand mit der Kanüle auf dem Rücken ist kalt.

Er hilft den Schwestern, das Bett im Raum zu installieren, hängt die Infusionen an den Ständer, befestigt den Drainageschlauch am Nachthemd und den halbvollen Beutel mit einer Nadel am Matratzenrand. Dann packt er die Flaschen mit der Glukose- und der Kochsalzlösung aus, je zwölf, und korrigiert den Tropfenzähler. Die Schwestern bedanken sich und lassen ihn mit Marie allein.

Sie schlaft. In der Mappe mit dem Krankenblatt und den Befunden kein Operationsbericht, und er tastet nach dem Puls, der zwar rast, doch der Blutdruck ist normal. Vorsichtig hebt er die Decke an, der Bauch ist braun von der Desinfektionslösung, der Schnitt nur mit Gaze bedeckt; er liegt knapp über der rasierten Schamhaargrenze, reicht von einem Beckenkamm zum anderen, und Marie, ohne die Augen zu öffnen, fragt leise: Wie sieht es aus?

Wunderbar, sagt er erschrocken, natürlich sagt er das, du brauchst keinen neuen Badeanzug. Sie haben horizontal geschnitten und nur die unteren Hautschichten genaht; die obere ist geklebt. Keine Einstiche. Die Narbe wird fast unsichtbar sein.

Sie räuspert sich, schluckt; noch darf sie nichts trinken. Die Lippen sind rauh. Und weißt du, haucht sie, was sie mir vor der Spiegelung sagten? Was sie entdeckt haben?

Er schweigt, wartet, doch da ist sie schon wieder eingeschlafen; das Schmerzmittel, von dem noch zwei Ampullen auf dem Tisch liegen. Hellrot tropft die Spülflüssigkeit aus dem Schlauch, der in einem Loch neben der Naht steckt, Wasserstoff und Blut, wenig nur, der Tinteneffekt. Die Werte jedenfalls sind okay, auch wenn er den Zeitpunkt der letzten Entnahme nicht lesen kann, der Stempel ist verwischt, und er setzt sich auf den Stuhl neben dem Bett und greift nach ihrer Hand.

Erste Rosen lassen die Köpfe hangen, und trotz des offenen Fensters ist es still; kaum noch Menschen in dem Park, nur aus der Kinderklinik gegenüber das leise Klappern von Geschirr und Besteck, und eine Katze streift langsam über die Wiese, durch den dicken Klee.

Raul betrachtet die Schlafende, ihre helle Stirn, die Sommersprossen unter dem rotgoldenen Haaransatz. Die Nase ist im oberen Teil leicht gebogen, ein Fahrradunfall in der Kindheit, der Schwung der Lippen kommt ihm seit jeher florentinisch vor, und er denkt an die Zeit, die sich auch in dieses Gesicht eingeschrieben hat, das zwar um einiges jünger ist als er – aber um wieviel Liebe erfahrener. Einer Liebe, deren unbeirrbare Sicherheit und Selbstverständlichkeit ihn immer verblüfft und oft beschämt hat; die fast alles hinnahm, jeden Verzicht, jede seiner Launen, seiner Ungerechtigkeiten und Brutalitäten; einer Liebe, die immer weiser war als sie beide und selbst die schwersten Prüfungen überstand. Als er sie nach einer Trennung von fast acht Monaten, in denen sie weder miteinander gesprochen noch korrespondiert hatten, kleinlaut und nicht ganz nüchtern anrief – er stand in einer Hotelbar in Swansea, Wales, und das Pharma-Unternehmen, für das er den Messeaufbau leiten sollte, hatte ihn gefeuert –, sagte sie nur: Das wurde auch Zeit! Viel langer hätte ichs nicht ertragen.

Und jetzt der Schmerz, das trockene Schlucken, die Züge um den Mund vertiefen sich, und er sägt die Ampulle auf, spritzt das Mittel in den Infusionsschlauch. Irgendwo hinter dem Haus geht die Sonne unter, die Fenster gegenüber spiegeln das Licht, ein Reflex davon liegt auf Maries Wangenknochen, der Halsgrube, und hier und da schimmert etwas Flaum, eine feine Spirale neben dem Ohr. Ruhig der Atem, lautlos fast, und nach einem langen Blick in ihr Gesicht, den sie wie immer spürt, denn die Lider zucken, küßt Raul ihre Stirn, die schon nicht mehr so kalt ist, hangt eine neue Infusion an den Ständer und schließt leise die Tür.

In dem Glasverschlag ist niemand, und er betritt das Büro dahinter und fragt die Schwester, die rauchend in Papieren blättert, nach dem Operationsbericht. Die nickt zwar, sieht aber nicht auf. Sie sind weder Ehemann noch Verwandter, stimmts? Dann darf ich Ihnen leider nicht viel sagen. Alles soweit in Ordnung. Ein recht normal verlaufener Eingriff. Außer vielleicht…

Sie schiebt die Mappe ins Regal, und er macht einen Schritt auf sie zu. Außer was!

Die Zigarette riecht nach Menthol. Nun ja, hellhäutige Rothaarige bluten sehr stark bei Operationen, deswegen die Abnahme davor. Aber bei Ihrer Freundin war das anders. Da gabs kaum was zu tupfen, ehrlich gesagt. Muß wohl an der Mondphase liegen . . . Und den Rest soll sie Ihnen selbst erzählen, fügt sie mit herbem Schmunzeln hinzu, und erst jetzt sieht Raul das Schild am Kittel und daß die Frau, die er mit Schwester angesprochen hat, Stationsärztin ist, der Nachtdienst.

Er fährt mit dem Bus nach Kreuzberg zurück, in die Bergmannstraße, wo er im Milagro etwas ißt und zwei Glaser Rotwein trinkt. Obwohl es die schönere Strecke ist, spaziert er auf dem kurzen Weg nach Hause nicht an den Kirchhöfen vorbei. Er legt sich auf Maries Bett und sieht fern. Doch dann wird er müde, alle Glieder tun ihm weh, und er geht über den Flur in seine Wohnung, putzt sich die Zähne, löscht das Licht. Kühler ist es geworden, die alten Dielen knacken. Matt schimmert der Goldschnitt an dem Buch. Kannst du nicht eine Stunde mit mir wachen?

Und kurz vor Mitternacht dann das Klingeln, der Anruf einer Frau, die er schlafbenommen für Marie halt. Er stößt die Leselampe um, verheddert sich in der Schnur. Marie? Dann erkennt er die Stimme der polnischen Schwester: Ich dachte, ich ruf Sie noch rasch an. Eine Revision. Kein Grund zur Sorge, nicht einmal dringend, aber eine Revision. Gleich um neun, als erste Patientin. Was kann ich ihr sagen? Werden Sie dasein?

Er blickt zur Uhr über dem Kassenhaus und stellt sich auf den Startblock. Wenn er nur tausend Meter krault und anschließend ein Taxi nimmt, ist es zu schaffen. Der Mann im Kittel zieht an dem drahtumwickelten Schlauch, rollt ihn um den Motor, und er setzt sich die Chlorbrille auf. Völlig glatt und unberührt liegt die Wasserfläche da und erscheint in ihrer Reglosigkeit fast konvex, so daß Raul, schon vorgeneigt zum Sprung, momentlang nicht weiß, ob der Himmel mit den plötzlich wieder auftauchenden Vogelschwärmen über oder unter ihm ist. Und kaum sieht er das Sauggerat, das Blitzen der verchromten Haube, stößt er sich ab von dem Block und taucht am Ende seines langen Schattens in das Wasser, das nicht kalt ist und nicht warm, nicht klar und nicht trüb, das überhaupt kein Wasser ist in diesem Moment, sondern irgend etwas Gleißendes, so wie der Schrei auf der anderen Seite nichts als die Stille im Herzinnern ist, sternweiter Raum, in dem eine zarte Stimme verklingt.

Das plötzliche Erkennen einer besonderen Frau. Die helle Formulierung eigener Dunkelheiten und der verblüffende Einklang in Dingen, von denen man geglaubt hatte, lebenslang mit ihnen allein bleiben zu müssen. Die Kraft und die Warme in der Nähe eines immer zuversichtlichen und glücksbereiten Menschen und die schöne Trauer auf dem Grund seines Lächelns . . .

Als Raul gegen halb neun auf die Station kommt, steht die Tür zu Maries Zimmer offen. Das Bett ist leer, und ein Mann in einem Overall putzt das Fenster und nickt ihm zu. Pflasterstreifen kleben am Matratzenrand, ein paar Gummihandschuhe und der Plastikbeutel mit der Spülflüssigkeit liegen im Bad. An der Seife ein einzelnes rotes Haar, auf dem Nachttisch das Krankenblatt und jenes Formular, das er ihr zur Unterschrift nicht vorgelegt hat, ein Fragezeichen hinter der gepunkteten Linie, und einen Moment lang – der Mann kippt das Fenster, Passanten spiegeln sich im Glas – glaubt er ihren Umriß zu erkennen auf dem eingedrückten Kissen, den Hauch einer Kontur.


*Aus: Ralf Rothmann, Rehe am Meer. Erzählungen. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006.

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