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Sie ist die Frau aus der Nachbarschaft, man trifft sie im Supermarkt, in der Schlange der Postfiliale. Sie ist wie Montag, wenn sie das Kind bringt, wie Dienstag, wenn sie in der Schwimmhalle ihre Bahnen zieht, wie Mittwoch, wenn sie das Kind holt, wie Donnerstag, wenn sie einkauft, und wie Freitag, wenn sie mit einem Kuchenpaket vom Konditor kommt. Wie von Schnüren gezogen kreuzen Stadtteil-Nachbarinnen ihre Stadtteil-Nachbarinnen, bis in alle Ewigkeit hätte es so bleiben können, bis es anders kommt und die Malerin Uta Päffgen bei der Vernissage von Cindy Sherman in der Galerie Sprüth Magers Berlin sagt: Gespenster suchst du? Dann frag Anne, die Frau kann Gespenster rufen, die hat einen unglaublichen Draht mit ihrer Methode. Und so verabredet man sich mit einer unbekannten Anne, sie öffnet und man steht vor niemand anderem als besagter Stadtteil-Nachbarin. Diese langen dunkelroten Haare, der brutal amüsierte Blick, das große Herz auf weiter Brust und der Duft der Kaffeetafel hinter ihrem Rücken aufsteigend. Diese Geschichte ist ein Geschenk der Schriftstellerin Anne Hahn, der Rotweinhexe von Mitte, der Burgfrau von Goseck, dem Magdeburger Medium. Danke.

Eine übersinnlich veranlagte Frau bemerkt ihre Fähigkeiten schon früh in der Jugend und spielt damit herum. Eines Tages ist es dann so weit, sie bekommt eine höllische Angst und beschließt, den Unfug für immer sein zu lassen. Und doch ruft sie die Geister immer wieder, denn sie kann es nicht lassen. Anne wurde 1966 in Magdeburg geboren. Als Anne zweiundzwanzig Jahre alt war und von allem tödlich gelangweilt, beschloss sie aus dem Land zu fliehen. Sie wusste ja nicht, dass die Tage der DDR gezählt waren, denn sie hatte die Geister fast nie nach ihrer eigenen Zukunft befragt. Das war zu heikel. Sie war auch nicht die Einzige in ihrem Freundeskreis, die sich mit Fluchtgedanken beschäftigte. Andere hatten Ausreiseanträge laufen und Angst vor schlechten Nachrichten. Auch musste immer mit Spitzeln gerechnet werden. Stell dir vor, der Geist sagt beim Gläserrücken in großer Runde, die Anne H. wird nächste Woche einen erfolgreichen Fluchtversuch hinlegen. Deshalb ging das nicht, den Blick in die eigene Zukunft zu wagen. Anne und ihre Freunde aber waren von den ausgefeilten, wundersamen Geschichten der Geister fasziniert. Einmal war ein Geist da, der Bertolt Brecht gekannt hatte, und ein andermal ein Kind, das immer auf dem rechten Knie vom lieben Gott saß. Das war unterhaltsam und lustig. Während die Realität und die nahe Zukunft für die jungen DDR-Bürger beides nicht war, weder unterhaltsam noch lustig. So also kam es, dass Anne die Geister nicht nach ihrem eigenen Schicksal befragte, sonst hätte sie sich die Flucht, die Festnahme und den DDR-Knast vielleicht erspart.

Anne hatte damals in Magdeburg keinen Job, aber sie hatte Freunde. Die Freunde hatten Rotwein und der Rotwein hatte eine Kerze und die Kerze hatte ein Glas. Sie bildeten eine Runde, drehten das Glas um und stellten es in ihre Mitte auf einen Tisch. Dann legten sie ganz viele Zettel um das Glas: die Worte »ja« und »nein« und alle Buchstaben des Alphabets und die Zahlen eins bis hundert, jeweils in Zehnerschritten angeordnet. Jeder legte sachte einen Finger auf das Glas, dann begannen sie. Und wie toll es kribbelte, zuckelte und ruckelte, sobald Anne die Geister rief. Dann tanzte das Glas.

Einmal hatten sie sofort jemanden drin, der sagte: SOS, SOS, SOS.

»Wer braucht SOS?«

Sie bekommen eine Zahl, noch eine Zahl, immer wieder die gleichen Zahlen. Jemand holt einen Atlas, überprüft die Zahlen an den Längen- und Breitengraden. Es war ein Punkt im Südatlantik. Die Rotwein trinkende Gläserrücker-Clique aus der Endphase der DDR in Magdeburg hörte am nächsten Tag in den Nachrichten, dass vor der Küste der Falklandinseln ein Schiff sank und die ganze Besatzung ertrank.

Einmal riefen sie einen Geist und nichts geschah. Dann klopfte es an der Tür. Einer stand auf und öffnete, es war niemand zu sehen und doch trat jemand ein. Alle saßen kreisförmig im Schneidersitz auf hauchdünnen, alten, schiefen Dielen, und sie merkten, wie sich die Dielen unter dem Tritt des unsichtbaren, aber gewichtigen Gastes hoben und senkten, und sie hörten das Holz knarzen. Der Gast umrundete die Magdeburger mehrmals, jagte ihnen einen Höllenschrecken ein, dann ging er wieder. Alle wussten, dass es Anne war, die diese Kraft hatte, einen so dreisten Geist zu provozieren. Ohne Anne klappte es nie, und mit Anne war es immer wunderbar und schrecklich. Aber nach dieser Erfahrung schwor Anne, damit aufzuhören. Geisterbesuch in der eigenen Wohnung sei viel zu heftig, und man solle überhaupt keine Geister mehr rufen, denn man wisse ja nie, wer da komme und was er mitbringe. Sie habe endgültig verstanden, sie könne zwar anlocken, aber nicht kontrollieren. Also abgemachte Sache, nie wieder Geisterbeschwörung. Aber dann passierte die Geschichte mit der komischen Frau, die wie Anne auf dem Flohmarkt Klamotten verkaufte und sich an sie ranschmiss. So überfreundlich, so künstlich, so außerordentlich verdächtig lud sie Anne und ihre Clique zu sich nach Hause ein. Da konnte Anne nicht anders, wollte unbedingt ihre Muskeln zeigen, nahm ihre Freunde und eine Flasche Wein und schlug bei der Komischen auf. Die Komische wollte sich über den überraschenden Besuch freuen, da unterbrach man ihren Redefluss und sagte: Räum mal deinen Tisch ab, den brauchen wir jetzt. Das Glas kam umgedreht in die Mitte, das Alphabet und die Zahlen drum herum, sie hatten alles mitgebracht. Jeder legte sachte einen Finger auf das Glas. Die Komische wollte nicht mitmachen, sie bekam furchtbar Gruselschiss, aber man sagte ihr, sie solle nicht so langweilig sein. Anne rief die Geister. Und schon hatte sie einen Geist im Glas. Zunächst fragten sie ihn der Reihe nach belangloses Zeug.

»Großer Geist, willst du mit uns reden?«

»Ja.«

»Bist du ein guter Geist?«

»Ja.«

»Ist es schön da, wo du bist?«

»Kalt.«

»Wie heißt du?«

»Ludwig Brenndecker.«

»Seit wann bist du tot?«

»1952.«

»Wie alt warst du, als du starbst?«

»57.«

»Was warst du von Beruf?«

»Krüppel.«

Kaum fängt die Komische zu kichern an, kommt Anne auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen.

»Ist hier jemand im Raum, der für die Stasi arbeitet?«

»Ja.«

»Ist der Raum verwanzt?«

»Ja.«

»Kannst du mir zeigen, wo?«

»Ja.«

»Wenn ich in die Ecke gehe, wo die Wanze ist, sag ja.« Anne steht auf und schreitet den Raum ab. Als sie in der Ecke mit der Vitrine steht, meldet sich der Geist wieder:

»Ja!«

Auf der Vitrine steht ein Radio. Anne fasst nach dem Radio und schüttelt es.

»Hier drin?«

»Ja.«

Anne setzt sich wieder an den Tisch. Die Komische ist leichenblass. »Raus aus meiner Wohnung!«, schreit sie. »Aber sofort!«

Aber sie gehen nicht, machen weiter.

»Weißt du die Telefonnummer der Leute, die uns gerade belauschen?«

»Ja.«

»Kannst du mir die geben?«

Die Nummer, die der Geist ihnen gibt, ist fünfstellig und beginnt mit einer Drei. Die Dreier-Nummern waren die Stasi-Nummern in Magdeburg. Welch ein Triumph für Anne. Sie hatte Fähigkeiten, auf die die DDR nicht vorbereitet war. Welch ein Jubel. So glaubte sie, obwohl der Tod ein Gedanke blieb, die Flucht würde ihr gelingen. Ein anderes Leben wartete auf sie, eines ohne Gitter. Sie musste nur aufbrechen.

Vor der Flucht unternahm Anne zwei Reisen. Die eine führte sie nach Prag zum Grab von Franz Kafka, und die andere nach Schloss Goseck in Thüringen. Dort wollte sie ein letztes Mal mit Freunden zusammen sein. Sie wollten wandern, trinken, lachen. Seit Jahren schon nahm sie Abschied in einer qualvoll langsamen, bedrückenden Entwicklung, ohne sich mitteilen zu können. Der Abschied in Goseck sollte anders sein, Kraft spenden. Jetzt ist das Schloss Goseck saniert, eine denkmalgerechte Toilettenanlage wurde eingebaut, es gibt einen Tango-Frühling, archäologische Ausgrabungen und Konzerte. Aber damals in den 1980er Jahren der DDR war das Burgschloss halb verrottet und der nagenden Zeit überlassen. Der größte Teil des Schlosses war verschlossen und verstaubt und lag da wie im Dornröschenschlaf. Eine kleine Jugendherberge gab es in einem Seitenflügel, dort wohnte Anne mit ihren Freunden. Die Ausstattung dieser Herberge ist Anne als trostlos in Erinnerung. Teppichbelag, Leichtmöbel und abwischbare Plaste-Oberflächen, ohne jedes Schlossgefühl. Einmal machte die Gruppe heimlich eine Runde durch den abgesperrten Teil. Die meisten Zimmer waren verschlossen, aber mit einem Dietrich und etwas Gefummel bekamen sie die Türen auf. Anne machte sich ein Spiel daraus. Bevor sie eine Tür öffnete, beschrieb sie das Zimmer dahinter. Vor der verschlossenen Tür stehend zählte sie auf: Links der Kamin, das Eisen liegt auf dem Sims und der Knauf ist angeschlagen, das Fenster ist grün, in der Mitte steht eine Säule. Oder: Ein dunkler langer Raum, am Ende rechts ein winziges Fenster, ein großer Tisch in der Mitte, ein gusseiserner Kerzenleuchter hängt tief darüber. Und jedes Mal bestätigten sich Annes Beschreibungen. Als kenne sie diese toten Zimmer mit den zerschlissenen Vorhängen und schmutzigen Türbeschlägen, mit den fauligen Möbeln und eingetrübten Tapeten ganz genau. Einmal fanden sie auf ihren Streifzügen eine Flasche Rotwein ohne Etikett in einer Schutthalde. Die Flasche war mit dickem Staub belegt und ihr Glas und Korken war von so besonderer Beschaffenheit, als käme sie aus uralter Zeit. Vielleicht sechzig, vielleicht hundert Jahre konnte die Flasche alt sein. Die Freunde öffneten die Flasche, aber keiner traute sich den Wein zu kosten. Schließlich probierte Anne. Der Wein schmeckte ihr so gut, dass sie die ganze Flasche austrank. Dann legte sie sich in der Jugendherberge ins Bett. In dieser Nacht träumte sie, durch Schloss Goseck zu gehen. Sie solle, so lautete der Befehl, zur Kapelle von Schloss Goseck kommen. Auf dem Weg dorthin konnte sie Wände durchschreiten. Körperteile durch dicke Mauern stecken, den Kopf, einen Arm, ein Bein. Das machte Spaß. Plötzlich kam sie nicht weiter. Der Traum endete. Am nächsten Tag erfuhr Anne, dass in der Nacht auf Schloss Goseck eine alte Frau gestorben war, die ein lebenslanges Wohnrecht gehabt hatte. Die schrullige Alte, so erzählte man es, sei eine Adelige gewesen, eine Gräfin, deren Familie diese Burg lange Zeiten bewohnt hatte. Diese Geschichte aber vollendete sich erst ein halbes Jahr später, im Mai 1989. Anne saß in einer Zelle im Gefängnis Hohenschönhausen, denn die Flucht war ihr ja misslungen. In dieser Zelle ging der Traum plötzlich weiter. Sie stand wieder an der Stelle im Schloss, wo es zur Kapelle ging, wo sie damals nicht weiterkam. Nun sieht sie auch die Landschaft, dazu einen Bernhardinerhund und sich selbst in einem weißen Kleid mit einem kleinen Jungen an ihrer Seite, der etwa fünf Jahre alt ist. Sie weiß plötzlich, dass diese Frau und dieses Kind getötet wurden, vom eigenen Ehemann. Er war jahrelang auf Kreuzzug gewesen und sie war nicht keusch geblieben. Das Kind wird wegen der Schande getötet und vor dem Altar begraben, die Frau wird lebendig eingemauert. Aber was hat das mit der alten Gräfin zu tun?, fragt sie im Traum, und sie bekommt sogar eine Antwort: »Die alte Frau auf Schloss Goseck war die Letzte ihres Blutes und konnte erst sterben, als du kamst.« – Das war ich selbst, dachte Anne, als sie wieder in ihrer Zelle in Hohenschönhausen aufwachte. Das war mein früheres Leben. Das hat mit mir heute überhaupt nichts mehr zu tun.

Als sie aus dem Knast rauskam und die DDR aufhörte ein verschlossenes Land zu sein, fuhr sie ans Mittelmeer und brachte von dort einen Stein mit. Damit fuhr sie zum zweiten Mal in ihrem Leben zum Grab von Franz Kafka, nach Prag. Sie legte den Stein auf das Grab und entschuldigte sich ausgiebig bei ihm dafür, im Jahr vorher einen kleinen Stein dort entwendet zu haben. Sie erklärte ihm, wieso sie das getan hatte. Sie wollte den Stein, der damals ganz oben auf dem Grabstein lag, als Glücksbringer mitnehmen, für ihre Flucht und für alles, was an Gefahren auf sie zukam. Sie sagte, sie habe einen Teil von ihm besitzen wollen, sie verehrte ihn doch so sehr, aber sie habe nicht bedacht, dass jemand anderes den Stein ihm dargebracht hatte. Sie hätte seither auch nur Pech erlebt, ein ganzes Jahr nur Strafe und Unglück. Und wenn die DDR nicht zusammengebrochen wäre, würde sie immer noch schmoren. Deshalb, sagte sie ihm, bringe sie ihm den Stein zurück. Es sei zwar nicht der Stein von damals, den habe sie in den Wirren des Jahres verloren, aber es sei ein schöner Stein vom Mittelmeer, und er möge so lieb sein, ihn anzunehmen, die Entschuldigung zu akzeptieren und ihr vergeben.

Anne zog nach Berlin, studierte Kunstgeschichte, jobbte als Briefsortiererin und war eine Weile lang so was wie die Ehrenvorsitzende am Tresen der Kneipe Kommandantur. Einmal hörte sie noch von Schloss Goseck. Zwei Jahre nach dem Traum, also 1991, lernte sie einen jungen Mann kennen, der kam aus Weißenfels, einem Nachbarort von Goseck. Annes Freunde erzählten ihm von den gruseligen Vorgängen auf dem Schloss und von Annes Traum, in dem ihr eine Frau und ein Kind erschienen waren, in der Nacht, als die alte Gräfin starb. Und dass Anne seither felsenfest behauptet, dass ein Kind vor dem Altar der Schlosskapelle Goseck beerdigt worden sei. Der junge Mann wurde kreideweiß und erzählte, dass man in der Schlosskapelle eine weiße Marmorplatte gefunden habe, unter der ein Kinderskelett lag.

»Das war mein Kind«, sagte Anne, »zur Zeit der Kreuzzüge. Dieses Kind habe ich geführt.«

In Berlin hörte das mit dem Gläserrücken und den Geisterwahrnehmungen fast auf, was natürlich sonderbar ist, denn Berlin ist voller Gespenster, und diese haben keinen Grund, Anne auszuweichen. Hin und wieder stellte sich ihr noch ein Geist zur Seite, aber sie merkte das manchmal gar nicht. Einmal hielt sie ein Gespenst für den dunkel gekleideten Mitbewohner. Er kam leise herein und schaute ihr über die Schulter und las den Text, den sie am Schreibtisch verfasste, interessiert mit. Sie unterhielt sich mit ihm. Eine sehr einseitige Unterhaltung, er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, war da niemand. Als wäre der Mann nie da gewesen.

Ende der 1990er Jahre lebte Anne für einige Jahre in einer heruntergekommenen Wohnung in der Invalidenstraße 104, schräg gegenüber vom Naturhistorischen Museum. Später gab ihr der Eigentümer des Hauses viel Geld, damit sie auszog und das Haus saniert werden konnte. Es war Teil einer hufeisenförmigen Wohnanlage, gebaut zur Gründerzeit, in unmittelbarer Nähe zur Charité und diversen Militäreinrichtungen. Theodor Fontanes Novelle Stine spielt zu jener Zeit – um 1890 – genau in diesem Abschnitt der insgesamt drei Kilometer langen Invalidenstraße. Dass Fontane für seine Stine gerade die Invalidenstraße auswählte, war kein Zufall. An dieser Straße mit ihren unterschiedlichsten Gebäuden und Institutionen bildete sich die Gründerzeit besonders eifrig ab, die Invalidenstraße war Blut, Schweiß, Dreck und Geschwindigkeit: Drei Fernbahnhöfe (Lehrter, Stettiner und Hamburger Bahnhof), Maschinenbaufabriken, Exerzierplätze, Kasernen, das Invalidenhaus, ferner ein Gefängnis und die Charité; dazu kamen etliche Wohnhäuser und Kirchhöfe. Fontane schilderte das sozial heikle Leben der Schwestern Ernestine Rehbein und Pauline Pittelkow in der Invalidenstraße 98 e zwischen Liebeständel und Eheversprechen, zwischen Hoffnungen auf einen sozialen Aufstieg und Liebesglück zugleich. Die kleinmütige Ständegesellschaft lässt alle Träume misslingen, und nur der Tod triumphiert.

Stine sah die Schwester an.

»Ja, du siehst mich an, Kind. Du denkst wunder, wie du mich beruhigst, wenn du sagst: ›Es is keine Liebschaft.‹ Ach, meine liebe Stine, damit beruhigst du mich gar nich; konträr im Gegenteil. Liebschaft, Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nicht das schlimmste. Heut’ is sie noch, un morgen is sie nich mehr, un er geht dahin, und sie geht dahin, un den dritten Tag singen sie wieder alle beide: ›Geh du nur hin, ich hab’ mein Teil.‹ Ach, Stine, Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner, un auch nich mal, wenn’s schlimm geht. Nein, nein, Stine, Liebschaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber wenn’s hier sitzt (und sie wies aufs Herz), dann wird es was, dann wird es eklig.«

In jenem Haus 104 fing Anne wieder mit dem Gläserrücken an. Es war spätnachts und sie waren zu fünft und es war alles vorher geplant. Ein Freund brachte einen ganz großen Wein mit, den ungewöhnlichsten und delikatesten Tropfen, den Anne je getrunken, später schrieb sie eine Kurzgeschichte über ihn, den Wein. Die Sitzung begann wie immer: »Großer Geist, wir rufen dich.« Im Glas erschien eine junge Frau, die mit nur dreiundzwanzig Jahren an Tuberkulose gestorben war. Sie antwortete auf die Fragen »Wo bist du?« und »Woher kommst du?«: »Ich bin auf dem Hof« und »Ich bin auf dem Hof begraben«. Dass hinter dem Hufeisen-Haus einst der Armenfriedhof der Charité war, wo man ohne viel Aufwand die verstorbenen Patienten, Seuchen- und Hepatitis-C-Opfer beerdigte, hatte Anne von Nachbarn gerüchteweise gehört. In diesen Gerüchten und Gesprächen ging es vor allem um die Ratten, die vom alten Charité-Campus herkamen und die es sich nicht nehmen ließen, den Keller zu erobern und die Tonnen zu durchwühlen. Nach ihren Raubzügen zogen sie sich durch ihre Tunnel wieder in den Krankenhauspark zurück. Da also war der Geist hergekommen? Auf die Frage »Was hast du?« antwortete der Geist der jungen Frau »Hass« und »Wut«. Bei den nächsten Fragen kam das Wort »Oficier«, genau so geschrieben, mit einem f und einem c. Im Laufe der Sitzung setzte sich die Geschichte zusammen: Der Geist im Glas war das Dienstmädchen eines »Oficiers«, der mit seiner Gattin einst in Annes Wohnung gelebt hatte. Das Mädchen schlief in der winzigen Kammer zum Hof. Sie war auch die Geliebte des Offiziers und richtig verknallt. Doch als sie an Tuberkulose erkrankte, scherte das den Mann wenig. Sie wurde auf dem Armenfriedhof der Charité begraben, nicht weit vom Wohnhaus entfernt. Der Mann aber führte ungetrübt sein Leben fort, nur sie allein war um alles Schöne betrogen. Deshalb die Wut. Nachdem die Freunde dies gehört hatten, beschlossen sie, etwas zu unternehmen. Die junge Frau tat ihnen natürlich wahnsinnig leid, eine aus der Runde heulte vor Ergriffenheit. Anne aber wollte vor allem die unbändige Wut aus der Wohnung kriegen. Sie öffnete eine weitere Flasche des außerordentlichen Rotweins und hielt eine Rede auf die junge Frau. Sie sprach über das kurze Leben, das der Armen nur vergönnt war, und über die denkwürdig schlechten Erfahrungen, die sie mit dem gefühllosen Mann gemacht hatte. Mit einer Schweigeminute gedachten sie ihres herben Schicksals und wünschten der Herzwunden nichts weniger, als ewigen Frieden zu finden. Dann war Ruhe im Glas. – Ja, auch dies ist ein ergreifendes Frauenschicksal aus der Invalidenstraße, zwar nicht von Fontane, aber immerhin aus dem Reich der Geister. Die Gespenster-Reporterin kann es natürlich nicht dabei belassen und schaut in den alten Stadtplänen der Jahrhundertwende nach. Hier findet sich tatsächlich der Alte Charité Friedhof, der genau hinter dem Haus 104 verlief. Er führte entlang der Hessischen Straße bis zum Waschhaus des Krankenhauses. Es gibt kaum noch Informationen über diesen kleinen Friedhof, nicht einmal die auf solche Fragen spezialisierte Mitarbeiterin der Charité, Frau Beer, die historische Geländeführungen anbietet, weiß etwas darüber. »Ich müsste sehr tief tauchen«, sagt sie. »Ich müsste sehr tief tauchen.« Den Friedhof gab es ab 1726. Heute steht auf seinem Platz die neue gläserne Mensa Nord und das Seminar für ländliche Entwicklung. Den urigen Mauern, wilden Efeubeeten mit ihren dunklen Hundertmeter-Ranken wäre zuzutrauen, dass sie Überbleibsel des Friedhofes sind. Aber vor Ort will nichts an die Begräbnisstätte für Arme und Kranke erinnern, nur alte Karten, Geisterdienstmädchen und Gerüchte unter den von Ratten geplagten Anwohnern tun es noch. Und was den »Oficier« angeht: In Haus 104 lebte tatsächlich ein Militärangehöriger, das geht aus den Berliner Adressbüchern hervor, speziell aus dem »Verzeichniß sämmtlicher Häuser Berlins mit Angabe derer Eigenthümer und Miether«. Ab 1893 lebte ein gewisser Müller dort, der in allen Adressbüchern der Folgejahre abwechselnd als Feldwebel und Lieutenant verzeichnet ist, und ab 1904 als »Lieutenant a. D.«; danach taucht er gar nicht mehr auf. Im Heer des Deutschen Kaiserreichs galten die »Feldwebellieutenants« als Offiziere bzw. Subalternoffiziere und konnten entsprechende Rangabzeichen und Begriffe in Anspruch nehmen. Ob dieser Feldwebel Müller nun der besagte Liebesschurke war, und ob er fesch war und ob die Geschichte mit dem lungenkranken Dienstmädchen überhaupt stimmen mag, das kann das Berliner Adressbuch nicht verraten. Diese Episode darf unheimlich bleiben.

Bevor wir es dabei bewenden lassen, noch eine allgemeine Überlegung hinsichtlich der besonderen Begabung, die Annes Leben begleitet: In ihrer Jugend in der DDR gab es viel mehr Geister, die sich ihr offenbarten. Sie brachte Kraft und Interesse für deren Geschichten auf. Dieses Interesse nahm mit zunehmendem Alter ab. Denn auch mit dem Rotwein und den eigenen Kräften muss man irgendwann haushalten. Besonders, wenn ein Kind zu versorgen, ein Mann zu lieben, ein Arbeitsleben zu führen ist. Der Weg der Weisheit, wenn er über den Wein führt, ist ein zu harter. Anne war in Berlin nicht mehr das Medium, das sie in Magdeburg einst war. Der Schrecken der Stasi, die Bezwingerin der Abhörwanzen über Zeit und Raum, das war sie jetzt nicht mehr. Was aber in Berlin geschah: Sie bemerkte, dass Geister und Gespenster von vielen Leuten versorgt werden. Anne trifft ständig Menschen, die von Geisterbegegnungen erzählen können. Wie ihr Nachbar, der Maler. Sie besuchte ihn und ihr war so, als wäre noch jemand in seiner Wohnung, vielleicht waren es Geräusche. Sie sah sich um.

»Ach, jetzt haste auch was gehört?«, sagte der Maler. »Ich habe eine Untermieterin, aber wer weiß, vielleicht ist es nur ein Traum.«

»Erzähl doch mal!«, forderte Anne.

Der Maler war skeptisch. »Es war wohl nur ein Traum.« Dann erzählte er: »Ich lag auf dem Sofa und schlief ein. Eine Frau erschien, sie trug ein Kleid mit Schürze, lange Zöpfe. Wir blickten uns verwundert an. Mir war unwohl, ich wusste nicht, was ich ihr sagen könnte. Dann dachte ich plötzlich: Ich schlafe doch! Ich schloss die Augen und wachte wieder auf.«

Er zeigte Anne ein Bild, das er unmittelbar nach dem Aufwachen gezeichnet hatte. Die Frau trug Schnürstiefel mit Absätzen, sie wirkte klein und ernst und überarbeitet. Eine Frau wie vor hundert Jahren. Seine Untermieterin.


*This story is taken from: Die Gespenster von Berlin – Wahre Geschichten by Sarah Khan. © Suhrkamp Verlag Berlin 2013.

Als Markus Kellmer von der Arbeit nach Hause kam, fand er auf dem Teppich seines Wohnzimmers eine nackte Frau. Ihr zerzaustes Haar erinnerte ihn an die Art, wie er als Kind Krähennester oder Baumwipfel gezeichnet hatte, ihre Haut glänzte, als wäre sie glasiert, und als Markus sie vorsichtig auf den Rücken drehte, um sie anzusprechen und so vielleicht herauszufinden, wer sie war und was sie in seiner Wohnung suchte, stellte er fest, dass sie tot war.

Sofort ging er zum Fenster und zog die Vorhänge zu. Eigentlich war es dafür viel zu früh, draußen war es noch hell. Der Frühling hatte gerade erst vor ein paar Tagen begonnen, und die Sonne würde erst in einer Stunde, so gegen sechs Uhr, untergehen. Vor wenigen Wochen war sie immer schon gegen vier Uhr verschwunden, doch jetzt hatten die Tage dazugelernt, hielten ihre Leuchtkraft immer länger aufrecht, und bald würden sie von der sommerlichen Glut abgelöst werden, die sie bereits jetzt in sich trugen.

In diesen milden Frühlingstagen waren die Strahlen der Nachmittagssonne immer die ersten, die ihn begrüßten, wenn Markus über die Schwelle seiner Wohnungstür trat. Sie nun auszusperren bereitete ihm Kopfschmerzen, ein Gefühl, als hätte der Raum Migräne. Aber er konnte wohl nicht anders, immerhin lag eine tote Frau in seiner Wohnung auf dem Boden. Die Haut rund um ihren Mund und ihre Nasenlöcher sah aus, als hätte sie jemand als Reibefläche für Streichhölzer verwendet. Markus hob die Leiche auf und setzte sie auf einen Sessel. Sofort fiel sie wieder herunter, ihre Gelenke waren wie Gelee, ihr Körper wie ein mit Flüssigkeit gefüllter Ballon. Er versuchte es noch einmal, aber sie blieb wieder nicht sitzen, sondern kippte vornüber, wie jemand, der sich plötzlich übergeben muss, und knallte mit dem Kopf voran auf den Parkettboden. Der laute Knall brachte Markus in die Realität zurück: Er ging unverzüglich zu seiner Stereoanlage und schaltete sie ein. Musik half ihm beim Nachdenken.

Er konnte die Leiche nicht einfach auf dem Boden liegen lassen, denn Leichen veränderten sich, ihre Oberfläche war nicht so stabil wie die lebender Menschen. Sie waren im Grunde nur mehr an einer einzigen Sache interessiert: an ihrer eigenen Auflösung. Um möglichst vollständig zu verschwinden, brauchten sie einen austauschfreudigen Untergrund, einen Waldboden etwa oder einen Sumpf. Etwas, mit dem sie langsam verschmelzen konnten. Hier allerdings gab es so etwas nicht, also musste er sich etwas einfallen lassen. Er nahm die Fernbedienung und schaltete die Musik lauter.

Ihm fiel ein, dass er vor kurzem ein großes Modellflugzeug aus Holz hinter seinem Heizkörper versteckt hatte. Das war letzte Woche gewesen, als ihn seine Eltern besuchten und er vermeiden wollte, dass sie das Modell zu Gesicht bekamen. Hinter dem Heizkörper war viel Platz, aber würde auch der Körper einer erwachsenen Frau in den Zwischenraum passen? Markus holte ein Maßband und vermaß die Leiche. Nun, es kam auf einen Versuch an.

Er mühte sich über eine halbe Stunde ab, aber am Ede schauten immer noch der Kopf und der halbe Oberkörper hervor. Trotzdem: ein Teilerfolg. Eine Weile saß Markus einfach nur da, lehnte sich gegen den Türrahmen und blickte ins Leere. Woran war die Frau wohl gestorben? Er hatte keine Würgemale oder Blutergüsse entdeckt. Was immer es gewesen war, ihr Körper schien dabei nicht verletzt worden zu sein. Vielleicht vergiftet. Oder eine natürliche Ursache. Aber sie war noch recht jung, Markus schätzte ihr Alter auf fünfundzwanzig bis dreißig.

Er stand auf, streckte sich. Nein, das sah furchtbar aus. Das Modellflugzeug war hinter dem Heizkörper sicher gewesen, aber die Leiche würde wirklich jeder sehen, der ins Zimmer kam. Er musste sich ein anderes Versteck überlegen.

Während er im Geist die verschiedenen Winkel seiner Wohnung durchging, zerrte er die Leiche hinter dem Heizkörper hervor. Da sie nackt war, beschädigte er sie durch sein ungeduldiges Ziehen und Zerren an manchen Stellen. Die Rillen des Heizkörpers durchschnitten die bleiche Haut, als wäre sie Butter. Doch es floss nur wenig Blut, denn das Herz schlug ja nicht mehr, die Blutgefäße standen nicht mehr unter Druck. Trotzdem blieben ein paar hässliche Flecken auf dem Boden und am Heizkörper selbst zurück. Markus ging ins Bad und holte einen nassen Lappen, mit dem er die Rillen reinigte. Es war jetzt Frühling, und wenn er die Körperflüssigkeit heute eintrocknen ließ, würde der Heizkörper im nächsten Winter, wenn er ihn wieder in Betrieb nahm, furchtbar zu stinken anfangen.

Er packte die Leiche an den Armen und schleifte sie zurück ins Vorzimmer. Wieder blieben dabei einige Spuren zurück, diesmal lange, rötliche Schleifspuren. Kopfschüttelnd ging er ins Bad, holte einen zweiten Lappen und machte sich ans Schrubben. Er war manchmal wirklich langsam im Kopf, geradezu träge. Damit so etwas nicht noch einmal passierte, wickelte er die Leiche in große Badetücher, von Kopf bis Fuß. So war es auch viel einfacher, sie über den Parkettboden zu ziehen.

Die Musik aus der Stereoanlage verstummte, und ein Sprecher erklärte, wie der Bass, das Schlagzeug und die Querflöte mit bürgerlichem Namen hießen.

Die Nacht über ließ Markus die eingewickelte Leiche in der Badewanne liegen. Am nächsten Tag verschlief er beinahe, weil er das Klingeln des Weckers im Traum für das traurige Abschiedsquaken eines Frosches hielt, der in einer kleinen Rakete in eine geostationäre Umlaufbahn um die Erde geschossen wurde. Ihm blieb gerade noch Zeit für ein leichtes Frühstück, dann nahm er den Bus zur Arbeit. Am späten Nachmittag kam er nach Hause zurück.

Schon beim Eintreten bemerkte er den Geruch. Er war nicht sehr stark, aber er war da. Er ging ins Badezimmer. Die Leiche lag da wie gestern Abend, nur auf dem Tuch, das ihr Gesicht bedeckte, hatte sich ein Fleck gebildet, der in seiner Form ein wenig an ein Ahornblatt erinnerte.

Der Tag im Büro war anstrengend gewesen, und normalerweise hätte Markus liebend gerne ein Bad genommen, sich im warmen Wasser ausgestreckt, mit den Zehen gewackelt und alle Sorgen, die in seinem Kopf herumschwirrten, im knisternden Schaumgebirge langsam untergehen lassen. Heute hielt er es ja vielleicht noch aus, auf dieses tägliche Reinigungsritual zu verzichten, aber als Dauerlösung war dieser Zustand sicher nicht zu ertragen. Im Grunde wurde er schon jetzt nervös. Er zerrte die Leiche aus der Badewanne, rollte sie ins Nebenzimmer und spülte die Wanne mit der Brause sauber. Er verbrauchte fast die ganze Flasche Fliesenreiniger, bis er endlich das Gefühl hatte, ohne größere Ekelgefühle nackt in die Wanne steigen zu können.

Doch bevor er ein Bad nahm, machte er sich daran, die Leiche in den teilweise leeren Kleiderschrank zu stellen, der in seinem Arbeitszimmer stand. Merkwürdig, dass er daran nicht schon früher gedacht hatte. Immerhin hatte er in dem Kleiderschrank schon einmal eine ganze Garnitur aufgerollter Rollos untergebracht (wie Dynamitstangen hatten sie ausgesehen, mit der weißen Schnur, die am oberen Ende herausragte). Die Leiche passte gut in den Schrank, aber wenn Markus versuchte, die Tür zu schließen, kippte sie jedes Mal vornüber heraus, und er musste sie auffangen. Wie bei einer Wiederbegegnung nach sehr langer Zeit fiel sie ihm um den Hals. Schließlich fixierte er ihre Handgelenke mit Klebestreifen innen an der Schrankwand und überklebte auch den Lüftungsschlitz im Boden mehrfach, bis er das Gefühl hatte, so könnte das Ganze zumindest für ein paar Tage gehen.

Er war gerade mal drei Minuten im Badezimmer und spielte mit dem Duschkopf, als er den Aufschlag hörte. Er stellte das Wasser ab und lauschte. Alles ruhig, aber es half nichts, er ahnte schon, was passiert war. Halb nackt ging er aus dem Bad zurück in sein Arbeitszimmer.

Der Anblick der Frau, die in furchtbarer Verrenkung halb noch im Schrank, halb davor lag, war so lächerlich, dass Markus eine Art brüllendes Niesen von sich gab, verursacht nicht durch eine Überreizung seiner Nasenschleimhäute, sondern seines Vorstellungsvermögens.

Bevor er sie hochheben konnte, musste er sie erst einmal auseinanderfalten, ja, tatsächlich auseinanderfalten, denn sie hatte – mein Gott, nicht einmal ein Schlangenmensch hätte für eine solche Körperhaltung etwas übrig gehabt. Aber es war eine Leiche, sagte er sich, nichts Lebendiges. Da durfte man nicht dieselben Maßstäbe anlegen.

Vielleicht war es ja besser, wenn er die Leiche so ließ, wie sie war, ein zusammengeballtes Durcheinander von Armen und Beinen und einem an mehreren Stellen bereits aus den Nähten platzenden Rumpf. Der Transport war auf alle Fälle leichter, aber natürlich nahm sie so mehr Platz weg als im auseinandergefalteten Zustand.

Der Teppich in Markus’ Wohnzimmer war einer der altehrwürdigen Sorte. Er hatte schon viele Generationen getragen, das Getrappel von Kinderfüßen war auf ihm zu den schweren Tritten des Alters und der Verantwortung herangewachsen, er hatte Brautpaare und Trauergäste in Empfang genommen, sein Muster hatte den geometrischen Sinn von rund zwanzig Menschen oder vielleicht sogar mehr beschäftigt, er hatte Weltkriege überstanden und Zeiten der Euphorie und des inspirierten Chaos, kurz – es war ein Teppich, unter den man nicht einfach so eine Leiche schob.

Markus wusste das. Er wusste das alles und trotzdem – es fiel ihm keine andere Lösung ein. Alles hatte er versucht, den Kleiderschrank, den Heizkörper, die Badewanne. Außer die Leiche zu packen und Beine über Hals über Kopf aus dem Fenster zu werfen, blieb ihm nicht mehr viel übrig. Außerdem drängte die Zeit.

Mit beiden Händen hob er den schweren Teppich hoch und schob und trat mit seinen Füßen die Leiche auf den Bereich der etwas blasseren Bodenbretter. Diese von Licht und Menschen unberührt gebliebenen Bretter waren mit Sicherheit der verletzlichste, intimste Teil der Wohnung. Es dauerte eine Weile, aber schließlich hatte er die Leiche an die richtige Stelle geschoben und breitete den Teppich über sie aus. Das Gefühl, als das schwere, dichte, nach Vergangenheit und Schuhleder riechende Gewebe sich ganz um den Fremdkörper legte und ihn quasi wegzauberte, war eines großer Erleichterung. Fast hätte Markus laut in die Hände geklatscht.

Der neue Teppichhügel sah ein wenig aus wie das dreidimensionale Modell einer topografischen Karte. Die Erhöhungen, die der Körper der Leiche verursachte, korrespondierten durch Zufall genau mit dem konzentrischen Muster des Teppichs. So lagen die dunkelsten Bereiche auf dem geografisch höchsten Punkt (der Schulter, die immer ein wenig nach oben ragte, wenn die Leiche auf dem Rücken lag). Das Ganze wirkte fast, als wäre es absichtlich so arrangiert worden, zum Zweck der leichteren Orientierung.

Diese Lösung war zweifellos die beste bisher. Das einzige Problem war, über die Leiche hinwegzusteigen, denn ständig kam man auf dem aufgebäumten Teppich ins Straucheln. Also rückte Markus seinen großen Schreibtisch, der sowieso nie für etwas Sinnvolles genutzt wurde, aus dem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer, bis er genau über dem Teppichgebirge stand. So würde er wenigstens nicht mehr stolpern. Und der Tisch stand hier, mitten im Raum, zwar nicht sehr vorteilhaft, aber vielleicht würde er sich jetzt öfter an ihn setzen und an seinen kleinen dichterischen Versuchen weiterarbeiten, die ihm ebenso leicht von der Hand gingen, wie sie ihm Kummer bereiteten angesichts ihrer offensichtlichen Zwecklosigkeit.

Es sah gar nicht übel aus. Ein kleiner Hügel mitten im Raum – und darüber ein Tisch. Wenn er den Tisch nicht mit beschriebenen Blättern überfluten konnte, würde er einfach irgendwann ein langes Tuch darüberbreiten, eines, das bis zum Boden reichte.

Erledigt, dachte Markus und ging in die Küche. Auf die erfolgreich überstandenen Strapazen der letzten beiden Tage musste er unbedingt anstoßen. Nach einigem gedankenverlorenen Etikettenlesen entschied er sich für einen Cabernet Sauvignon, eine Flasche mit dunkelrotem Inhalt.

Erst als er schon zurück im Wohnzimmer war, wo der Tisch nun eine unübersehbar zentrale Position einnahm und dem Zimmer einen neuen emotionalen Schwerpunkt verlieh, bemerkte er, dass er zwei Weingläser mitgenommen hatte. Bei jedem Schritt klirrten sie leise aneinander im sanften Griff seiner Finger, mit dem er ihre dünnen, gläsernen Hälse umfasste.


*This story is taken from: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes by Clemens J. Setz. © Suhrkamp Verlag Berlin 2011.

*Image: Fábio Magalhães.

 

»Ich will nichts mehr wissen «, sagte der Mann, der nichts mehr wissen wollte.

Der Mann, der nichts mehr wissen wollte, sagte: »Ich will nichts mehr wissen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Und schon läutete das Telefon.

Und anstatt das Kabel aus der Wand zu reißen, was er hätte tun sollen, weil er nichts mehr wissen wollte, nahm er den Hörer ab und sagte seinen Namen.

»Guten Tag«, sagte der andere.

Und der Mann sagte auch: »Guten Tag.«

»Es ist schönes Wetter heute«, sagte der andere.

Und der Mann sagte nicht: »Ich will das nicht wissen«, er sagte sogar: »Ja sicher, es ist sehr schönes Wetter heute.«

Und dann sagte der andere noch etwas.

Und dann sagte der Mann noch etwas. Und dann legte er den Hörer auf die Gabel, und er ärgerte sich sehr, weil er jetzt wußte, daß es schönes Wetter ist.

Und jetzt riß er doch das Kabel aus der Wand und rief: »Ich will auch das nicht wissen, und ich will es vergessen.«

Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.

Denn durch das Fenster schien die Sonne, und wenn die Sonne durch das Fenster scheint, weiß man, daß schönes Wetter ist. Der Mann schloß die Läden, aber nun schien die Sonne durch die Ritzen.

Der Mann holte Papier und verklebte die Fensterscheiben und saß im Dunkeln.

Und so saß er lange Zeit, und seine Frau kam und sah die verklebten Fenster und erschrak. Sie fragte: »Was soll das?«

»Das soll die Sonne abhalten«, sagte der Mann.

»Dann hast du kein Licht«, sagte die Frau.

»Das ist ein Nachteil«, sagte der Mann, »aber es ist besser so, denn wenn ich keine Sonne habe, habe ich zwar kein Licht, aber ich weiß dann wenigstens nicht, daß schönes Wetter ist.«

»Was hast du gegen das schöne Wetter?« sagte die Frau, »schönes Wetter macht froh.«

»Ich habe«, sagte der Mann, »nichts gegen das schöne Wetter, ich habe überhaupt nichts gegen das Wetter. Ich will nur nicht wissen, wie es ist.«

»Dann dreh wenigstens das Licht an«, sagte die Frau, und sie wollte es andrehen, aber der Mann riß die Lampe von der Decke und sagte: »Ich will auch das nicht mehr wissen, ich will auch nicht mehr  wissen,  daß man das Licht  andrehen kann.«

Da weinte seine Frau.

Und der Mann sagte: »Ich will nämlich gar nichts mehr wissen. «

Und weil das die Frau nicht begreifen konnte, weinte sie nicht mehr und ließ ihren Mann im Dunkeln.

Und da blieb er sehr lange Zeit.

Und die Leute, die zu Besuch kamen, fragten die Frau nach ihrem Mann, und die Frau erklärte ihnen: »Das ist nämlich so, er sitzt nämlich im Dunkeln und will nämlich nichts mehr wissen. «

»Was will er nicht mehr wissen? « fragten die Leute, und die Frau sagte:

»Nichts, gar nichts mehr will er wissen.

Er will nicht mehr wissen, was er sieht – nämlich wie das Wetter ist.

Er will nicht mehr wissen, was er hört – nämlich was die Leute sagen.

Und er will nicht mehr wissen, was er weiß – nämlich wie man das Licht andreht.

So ist das nämlich«, sagte die Frau.

»Ah, so ist das«, sagten die Leute, und sie kamen nicht mehr zu Besuch.

Und der Mann saß im Dunkeln.

Und seine Frau brachte ihm das Essen.

Und sie fragte: »Was   weißt du nicht mehr?«

Und er sagte: »Ich weiß noch alles«, und er war sehr traurig, weil er noch alles wußte.

Da versuchte ihn seine Frau zu trösten und sagte: »Aber du weißt doch nicht, wie das Wetter ist.«

»Wie es ist, weiß ich nicht«, sagte der Mann, »aber ich weiß es immer noch, wie es sein kann. Ich erinnere mich noch an Regentage, und ich erinnere mich an sonnige Tage. «

»Du wirst es vergessen«, sagte die Frau.

Und der Mann sagte:

»Das ist schnell gesagt.

Das ist schnell gesagt.«

Und er blieb im Dunkeln, und seine Frau brachte ihm täglich das Essen, und der Mann schaute auf den Teller und sagte:

»Ich weiß, daß das Kartoffeln sind, ich weiß, daß das Fleisch ist, und ich kenne den Blumenkohl; und es nützt alles nichts, ich werde immer alles wissen. Und jedes Wort, das ich sage, weiß ich.«

Und als seine Frau ihn das nächste Mal fragte: »Was weißt du noch?« da sagte er:

»Ich weiß viel mehr als vorher, ich weiß nicht nur, wie schönes Wetter und wie schlechtes Wetter ist, ich weiß jetzt auch, wie das ist, wenn kein Wetter ist. Und ich weiß, daß, wenn es ganz dunkel ist, daß es dann immer noch nicht dunkel genug ist.«

»Es gibt aber Dinge, die du nicht weißt«, sagte seine Frau und wollte gehen, und als er sie zurückhielt, sagte sie: »Du weißt nämlich nicht, wie ›schönes Wetter‹ auf chinesisch heißt«, und sie ging und schloß die Tür hinter sich.

Da begann der Mann, der nichts mehr wissen wollte, nachzudenken. Er konnte wirklich kein Chinesisch, und es nützt ihm nichts, zu sagen: »Ich will auch das nicht mehr wissen«, weil er es ja noch gar nicht wußte.

»Ich muß zuerst wissen, was ich nicht wissen will«, rief der Mann und riß das Fenster auf und öffnete die Laden, und vor dem Fenster regnete es, und er schaute in den Regen.

Dann ging er in die Stadt, um sich Bücher zu kaufen über das Chinesische, und er kam zurück und saß wochenlang hinter diesen Büchern und malte chinesische Schriftzeichen  aufs Papier.

Und wenn Leute zu Besuch kamen und die Frau nach ihrem Mann fragten, sagte sie: »Das ist  nämlich so, er  lernt jetzt Chinesisch, so ist das nämlich. «

Und die Leute kamen nicht mehr zu Besuch.

Es dauert aber Monate und Jahre, bis man das Chinesische kann, und als er es endlich konnte, sagte er:

»Ich weiß aber immer noch nicht genug.

Ich muß alles wissen. Dann erst kann ich sagen, daß ich das alles nicht mehr wissen will.

Ich muß wissen, wie der Wein schmeckt, wie der schlechte schmeckt und wie der gute.

Und wenn ich Kartoffeln esse, muß ich wissen, wie man sie anpflanzt.

Ich muß wissen, wie der Mond aussieht, denn wenn ich ihn sehe, weiß ich noch lange nicht, wie er aussieht, und ich muß wissen, wie man ihn erreicht.

Und die Namen der Tiere muß ich wissen und wie sie aussehen und was sie tun und wo sie leben. «

Und er kaufte sich ein Buch über die Kaninchen und ein Buch über die Hühner und ein Buch über die Tiere im Wald und eines über die  Insekten.

Und dann kaufte er sich ein Buch über das Panzernashorn.

Und das Panzernashorn fand er schön.

Er ging in den Zoo und fand es da, und es stand in einem großen Gehege und bewegte sich nicht.

Und der Mann sah genau, wie das Panzernashorn versuchte zu denken und versuchte, etwas zu wissen, und er sah, wie sehr ihm das Mühe machte.

Und jedesmal, wenn dem Panzernashorn etwas einfiel, rannte es los vor Freude, drehte zwei, drei Runden im Gehege und vergaß dabei, was ihm eingefallen war, und blieb dann lange stehen – eine Stunde, zwei Stunden ­ und rannte, wenn es ihm einfiel, wieder los.

Und weil es  immer ein kleines bißchen zu früh losrannte, fiel ihm eigentlich gar nichts ein.

»Ein Panzernashorn möchte ich sein«, sagte der Mann, »aber dazu ist es jetzt wohl zu spät.

Dann ging er nach Hause  und dachte an sein Nashorn.

Und er sprach von nichts anderem mehr.

»Mein Panzernashorn«, sagte er, »denkt zu langsam und rennt zu früh los, und das ist recht so«, und er vergaß dabei, was er alles wissen wollte, um es nicht mehr wissen zu wollen.

Und er führte sein Leben weiter wie vorher.

Nur, daß er jetzt noch Chinesisch konnte.


*This story is taken from: Kindergeschichten by Peter Bichsel. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1997.

*Bild: Joana Keler

Bei mir, in meiner Wohnung, in diesen drei aufgeräumten und hübsch hergerichteten Zimmern, die mein und ausschließlich mein Eigentum sind, wohnt ein kleines Kind und quält mich. Ich bekomme es nicht los, zu sehr sind wir inzwischen verbunden. Doch würde ich es gerne packen, dieses kleine, viel zu leichte, fast verschwindende Kind – ich würde es gerne packen und vor die Tür setzen oder noch lieber mit ganzer Kraft gegen meine weiße Wand schmeißen, um zu sehen, um auch ganz sicher zu sein, dass und wie es daran zerschmettert.

Doch bringe ich es nicht übers Herz. Seit das Kind bei mir wohnt, aus meinen Tassen trinkt, sich in die hinterste Ecke meines Bettes wühlt oder milchschlürfend auf meinem Fenstersims in der Küche sitzt, dabei mit den Beinen baumelnd auf mich guckt und nur guckt und nichts, kein Wort zur Aufklärung des Umstands von sich gibt und ich es dann – zu oft, es kam leider zu oft vor, vier oder fünf mal mögen es gewesen sein – ich es also dann aus lauter Verzweiflung heraus anschreie, zu ihm vordringen will, indem ich brülle „geh, verschwinde, lass‘ mich endlich in Ruhe!“, es ruhig sitzen bleibt und kaum eine Miene verzieht, allenfalls leise in sich hinein lacht – seither quäle ich mich und bringe es nicht übers Herz dieses schreckliche Kind aus meiner Wohnung zu verbannen. Dafür gibt es Gründe.

Das Kind war eines Tages plötzlich da und hockte im Wohnzimmer hinter der Tür. Es zwirbelte unaufhörlich in seinem zotteligen, schwarzen Haar, das große Teile der durchscheinenden Gesichtshaut verbarg. Sofort sah ich, dass es Hilfe brauchte und wollte uns nicht mit unnötigen Fragen aufhalten.  Es zitterte am ganzen Leib und trug verschlissene Kleidung. Ich hob es hoch und sofort packten mich die Hände dieses unterernährten Körpers und griffen nach meinen Schultern, die Kraft, die es mit seinen ausgezehrten Gliedmaßen zu entfalten in der Lage war, verblüffte mich. Dabei ließen die großen schwarzen Augen keine Sekunde von mir ab, sie starrten mich an, einen kurzen Augenblick fühlte ich mich, als wolle das Kind in mich hinein klettern, doch war keine Zeit für weitere Überlegungen oder Befragungen, denn das Kind musste schließlich versorgt werden!

Wirklich, ich befürchtete, es könne sonst jede Minute vor meinen Augen in sich zusammen fallen. Der kleine Körper war ausgekühlt, das Hemd an den Schultern durchgescheuert, darunter sah ich wunde Haut, die rot und offen vor mir lag. Ich trug es also in mein Badezimmer, wobei es mich, unablässig und ohne ein Wort zu sagen, ansah und mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand an dem losen Faden eines Knopfes an der Brusttasche meines Hemdes riss.

Ich setzte es auf einem Hocker ab und ließ die Wanne volllaufen. Es dampfte und die Kacheln beschlugen. Das Kind hatte die Knie angezogen, den Kopf hielt es geduckt und sah meinen Vorbereitungen nach. Ein Bad war aber notwendig. Um die wunden Stellen, die schrecklich gebrannt haben müssen, tat es mir leid, es tat mir wirklich leid, fast möchte ich sagen, dass es mir weh tat — der Blick des Kindes war kaum auszuhalten. Ich vermied deswegen, es anzusehen und beeilte mich die Wunden danach mit einer Salbe zu versorgen und verband sie auch. Das Kind sollte nun schlafen.

Ich richtete ihm ein Bett, ein wirklich komfortables und wärmendes Bett im Wohnzimmer her. Während ich das Laken spannte, beschloss ich, dass wir am nächsten morgen Gelegenheit haben würden, alle wichtigen Fragen zu besprechen. Das Kind stand die ganze Zeit über hinter mir, leicht schräg guckte es hinter meinem Bein hervor, an dem es sich fast festhielt. Ich nahm das Kind und deckte es zu. Bevor ich das Zimmer verließ, vergewisserte ich mich, ob nicht von irgendwoher ein kalter Luftzug kommen könnte, ich lief deswegen mehrmals durch den Raum. Es hatte durchaus etwas schönes, nun in Gesellschaft zu sein, dachte ich bei mir und erkundigte mich, ob es noch weitere Decken, vielleicht sogar eine Wärmflasche benötigte. Doch das Kind saß nur da, aufrecht und an die kalte Wand gedrängt. „Was hast du? Brauchst du noch irgendetwas? Möchtest du vielleicht doch noch mal zur Toilette? Du musst nur Bescheid sagen, ich werde versuchen, dir in allen Angelegenheiten behilflich zu sein. Aber bitte, sag mir doch, was du hast! Warum guckst du so, worum geht es denn?“

Das Kind saß weiter still da. Um seine Mundwinkel herum bildete sich ein kleines Lächeln. Es folgte mir mit den Augen, es schlug die Lider mit den Sekunden nieder und es vergingen so Minuten. Ich begann zu verstehen.

Ich verstand, dass dieses Kind ganz offensichtlich auf meine Bemühungen herunter sah. Dieses kleine Bündel, das sich mir ungefragt überantwortet hatte, dass wirklich die Stirn hatte, mich, meine Zeit und meine Wohnung einzunehmen — oder besser: zu besetzen, eben weil es ein so scheinbar hilfloses Bündel war — es sah es auf mich herunter und lachte mich aus. Es lachte nicht ganz mit dem Gesicht, dort lächelte es nur. Innerlich aber lachte es über mich, daran war überhaupt kein Zweifel. Das Kind lachte mit der ganzen Verachtung, die ein Mensch nur aufbringen kann, wenn er damit seit jeher geschlagen wurde.  Ich lief so schnell ich konnte aus dem Zimmer und wünschte eine gute Nacht. Doch das Kind schlief nicht.

Das Kind schläft niemals. Es guckt nur.

Ich legte mich also in mein Bett, löschte das Licht und wollte, wie ich es für gewöhnlich am Ende eines jeden Tages tue, die Augen schließen und schlafen. Aber ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, ich schwitze und schlug die Decken zur Seite. In meinen Beinen drehte sich das Blut. Ich legte mich dann auf den Bauch, was sonst nicht vorkommt. Ich schlug die Augen auf und sah an die Decke. Dann blickte ich zur Seite und da war das Kind.

Es stand neben meinem Bett und sah auf mich herunter. Ich richtete mich auf.

„Was ist denn nun schon wieder? Du kannst also nicht schlafen. Aber ich brauche meinen Schlaf! Wenigstens in der Nacht musst du mich in Ruhe lassen! Du wirst doch wohl einsehen, dass es für mich unmöglich ist, auch nur ein Auge zu zu tun, wenn du neben mir stehst und auf mich herunter siehst! Was bezweckst du damit? Sag — was gibt es da zu lachen? Du lachst wohl über meine Gewohnheit, so zeitig ins Bett zu gehen und nur auf dem rücken zu schlafen – liege ich da richtig? Dazu kann und will ich dir sagen, dass es mir ganz egal ist, was du darüber denkst! Ich bin nun mal mit einem verantwortungsvollen Posten beauftragt, für den ich ausgeruht sein muss, damit mir keine Fehler unterlaufen. Nie! Nie, hörst du, ist mir in meiner bisherigen Laufbahn, in diesen 15 Jahren, die ich nun für die Firma im Dienst bin, auch nur ein größerer Fehler unterlaufen und das führe ich sehr wohl auf meine gesunde Lebensführung zurück! Deswegen: ich muss jetzt wirklich schlafen“

Ich hatte mich inzwischen im Bett aufgestellt, um dem Kind, die Hände in die Hüften gestützt, meinen Standpunkt ein für alle mal klar zu machen. Vor dem Fenster fuhr ein Auto vorbei, das Scheinwerferlicht brach sich an den Jalousien, fiel streifenweise in mein Schlafzimmer und beleuchtete für einen kurzen Moment das Kind. In diesem Licht sah ich, wie es wie ich ebenfalls die Hände in die Hüften stützte, den Bauch nach vorne schob und damit auf lächerliche Weise wippte, um mich, und was das angeht bin ich mir sicher, auf gemeine und hinterlistige Weise nach zu machen.

„Das findest du jetzt wohl besonders komisch, richtig? Du scheinst zu glauben, dass du mich damit verunsichern kannst, doch das tust du nicht! Ich habe mir in keiner Hinsicht etwas vorzuwerfen und ich habe auch nicht im entferntesten einen Grund, anzunehmen, dass du dazu das Recht haben könntest! Es ist nämlich überhaupt nicht so, wie du denkst. Ich bin ganz anders, als du es mir unterstellst. Warte nur! Du wirst nun schleunigst in dein Bett im Wohnzimmer gehen, derweil ich mir noch einen tee zubereiten werde, um dann endlich zu schlafen. Los ins Bett!“

Ich stieg vom Bett herunter und ging mit großen schritten zur Küche. Das Kind sprang mir hinterher und krallte sich in die Hose meines Schlafanzugs, den ich deswegen beim gehen fast verloren hätte. Als ich mich das nächste Mal umblickte, sah ich das Kind schon auf dem Fenstersims sitzen.

In jener Nacht ließ mich das Kind überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Wir verbrachten sie gemeinsam in der Küche und rührten in Tassen, wir gingen auf dem schmalen Flur auf und ab, wir machten alles gleich bis es hell wurde und darüber hinaus. Das Kind wich nicht von meiner Seite.

In den Folgetagen lernte ich es dann in seiner ganzen Abscheulichkeit und Schlechtheit kennen. An Besuch war nicht zu denken, denn das hätte das Kind nicht ausgehalten. Diesem Kind, so dachte ich, so sprach es aus jedem seiner Blicke, fehlt etwas in seinen Augen, die tief in seinem Kopf, diesem mageren Schädel, lagen und immer noch liegen. Der Mund stand fast immer offen, denn das Kind hatte immer Hunger. Es verschlang alles, was es zwischen seine knochigen Finger bekam. Das Kind wurde nie satt und es nahm auch nicht an Gewicht zu, obwohl das  am dringendsten gewesen wäre. Mir blieb nichts anderes übrig, als es reichlich mit essen zu versorgen und ich gab mir damit die allergrößte mühe. Ich bereitete ihm jedes Essen zu, von dem ich dachte, dass es ihm schmecken und vor allem seinen Hunger stillen könnte. Das Kind nahm alles hastig in sich auf. Es saugte den Knochen die Reste weg, es leckte die Teller aus und es blieb nie etwas über und es war niemals genug. Wenn ich nicht hinsah, wenn ich nur einen Augenblick unachtsam war, wollte es mir gleich ganz die Schränke leer räumen. Einmal kam ich in die Küche und da saß es auf, fast in dem Brotkasten. Es lauerte und ich sah in seinen Augen, diesen Löchern voll schwarz, dass es mich am liebsten anspringen wollte. Wie ein kleiner Affe wollte es an meinen Kopf springen und mich dort umklammert halten.

 

Seit das Kind bei mir wohnte und einfach nicht weg ging, fragte ich mich nun immer wieder, was mit diesem Kind nur passiert sein musste, dass es so ausgehungert war. Ich fragte mich, was es nur seien könne, das diesem Kind fehlte.

Warum bist du nur so ausgehungert, fragte ich also ganz ohne bösen Willen. Das Kind antwortete nicht. Es lächelte nur spöttisch, kauerte sich noch mehr in sich hinein und schlug die Augen auf und zu. Immer wieder fragte ich es und immer mehr wurde mir, als trage ich – über den es sich zweifelsohne von Beginn an unverschämt lustig machte – mir wurde so, als trage ich die ganze schuld für das Ausgehungertsein des Kindes und als wäre es deswegen meine oberste Pflicht, noch mehr meine Schuld, dieses Kind zu versorgen.

„Bitte, ich bin nur in Sorge um dich und habe schließlich ein recht darauf zu erfahren, wo die Ursache liegt. Es ist sogar deine Pflicht mich in diesen Dingen zu informieren. Was gibt es denn da nun wieder zu lachen?“, fragte ich es.

Das Kind stellte sich auf die Fensterbank und imitierte in gemeiner, für mich absolut beschämender weise meine Gesten. Ich fasste mir an die Stirn, es tat es mir nach. Ich schnaufte, das Kind schnaufte. Nun musste ich prüfen, ob es mich wirklich absichtlich nachmachte und stellte mich probehalber auf das linke Bein. Vorsichtig, die buschigen Brauen gekräuselt und überhaupt die ganze Kraft, die in diesem stöckchenhaften Körper steckte, zusammennehmend, hob das Kind sein linkes Bein, bis es allein darauf stand. Dann lachte es, sah mich voller Stolz an und verlieh seiner Freude, ja, seinem Triumph, durch einen kleinen, hohen schrei Ausdruck.

Ich schrie.

„Lass das. Hör auf damit!“

Das Kind aber hielt mit rotem Kopf für einige Minuten die Stellung. Es ballte die Fäuste und schien seine ganze Energie darauf zu verwenden, um so wie ich zuvor, auf einem Bein stehen zu bleiben. Ich schüttelte den Kopf. Schließlich setzte es, ebenfalls kopfschüttelnd, ab und sah mich böse an. Es guckte so böse, dass ich einen Schritt zurück treten musste, denn aus seinem Blick stach der ganze Mangel, der in diesem Kind war, heraus und auf mich ein und mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich zu entfernen, denn ich ahnte in diesem Augenblick, dass das Kind mit diesem entsetzlichen, bösen Mangel im Körper, gar nicht anders konnte, als in mich hinein zu klettern und dort das zu suchen, was es brauchte, um wenigstens überleben zu können. Ich musste mich schützen, musste aber auch das Kind beschützen. Wirklich, es wäre sonst gleich gestorben.

Nachdem ich mich für kurze Zeit entfernt hatte, indem ich mich im Badezimmer eingeschlossen hatte, verweigerte das Kind mir am Abend erstmalig das Essen, das ich ihm gemacht hatte. Das war aber nur ein Trick von ihm. Spät in der Nacht erwischte ich es nämlich in einer Nische zwischen Tür und Küchenschrankwand. Es saß da gebückt und aß ein rohes stück Fleisch, das es aus meinem Kühlschrank genommen hatte. Als es mich bemerkte blickte es aus seinen dunklen Augen auf, immer noch hungrig, es sah zu mir hoch, als bedrohe ich sein Leben und als wolle es dafür meines haben. Wieder dachte ich, dass es durch meine Augen in mich hinein kommen wolle. Ich dachte, dass dieses Kind mein Leben sein wollte, um endlich in Sicherheit zu sein. Ich rannte ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Die Anwesenheit dieses Kindes wurde mir immer unerträglicher. Nicht nur, dass es mir ständig folgte, jederzeit meine Aufmerksamkeit verlangte und gleich wieder neben meinem Bett stand, um auf mich herunter zu starren, nein, dieses Kind — es gelang ihm schließlich sogar, dass es nur noch schlief, wenn ich über es wachte, ich also nur noch wachte.

An jenem Abend nämlich, an dem ich mir aus Ratlosigkeit die Decke über den Kopf gezogen hatte, um endlich für mich zu sein, rüttelte es an meinem Kopf und schlug die Decke zur Seite. Ich brüllte es an und ich will auch nicht leugnen, dass ich in diesem Moment die Geduld verlor.

„Verschwinde endlich! Los! Ich muss schlafen, sonst kann ich meine Aufgaben nicht mehr genau ausführen. Verschwinde umgehend aus meinem Schlafzimmer!“

Ich brüllte mein Anliegen, bis ich heiser war. Das Kind sah mir zu. Es guckte still aus sich heraus, während ich mich brüllend erleichterte. Ich brüllte mit geschlossenen Augen, aus Wut, aber auch, um den Blicken des Kindes zu entkommen. Als ich, noch immer brüllend, meine Augen wieder öffnete, sah ich, dass das Kind auf dem Boden lag und eingeschlafen war. Sofort verstummte ich. Eine weile guckte ich es mir an. Dann, leise, um es nur nicht zu wecken, nahm ich es auf meine Arme und trug es in sein Bett. Ich legte es zwischen die Decken und streichelte ihm die kleine weiße Stirn. Es schlief. Unendlich erleichtert und in Vorfreude auf meinen Schlaf, drehte mich um und ging in mein Schlafzimmer. Nach dem ersten Schritt, hörte ich das Kind mir hinterher atmen, es stand mit nackten Füßen auf dem Boden. Ich brachte es zurück in sein Bett, deckte es zu und saß am Matratzenrand, bis es eingeschlafen war. Ich weiß nicht, wie oft ich es in dieser Nacht zurück in sein Bett brachte, es zudeckte und am Matratzenrand saß, bis es eingeschlafen war. Ich habe nicht mitgezählt, denn es war nicht zu zählen. Ich bin wohl die ganze nacht zwischen den Zimmern umhergelaufen, denn sobald ich aufstand, um mich von dem schlafenden Kind zu entfernen und in mein Bett zu schleichen, war es wieder hinter mir.

Es stellte sich in dieser Nacht also heraus, dass es nur schlafen konnte, wenn ich, neben ihm, den Blick immer auf ihm, über es wachte und dass es, seit es bei mir wohnte, tatsächlich kein einziges mal wirklich geschlafen hatte. Was blieb mir anderes übrig, als über das Kind zu wachen?

Wirklich, es wäre sonst längst gestorben.

Ich zog meine Schlüsse. Das Kind nahm nicht an Gewicht zu und es schlief nur durch mich. Ich entschied deswegen, verschiedene Ärzte um Hilfe zu fragen. Weil sich das Kind weigerte, mit mir zu gehen (lieber bewachte es die Küche und die Vorräte) ging ich alleine und beschrieb den Ärzten das Problem. Übernächtigt, schattig und weiß im Gesicht, saß ich auf Stühlen vor Schreibtischen und sagte die Worte, die ich mir zurecht gelegt hatte, wissend, dass dieser Fall kein einfacher war und immer die Möglichkeit bestand, dass die Ärzte mich nicht verstanden.

Ich sagte: „Ich komme zu ihnen, weil bei mir ein Kind wohnt, das mir große Sorgen macht. Offenbar hat dieses Kind irgendeinen ganz grundlegenden und dringenden Mangel. Es hat Schwierigkeiten mit dem Schlaf und so viel es auch isst, es nimmt nicht zu. Sie können mir glauben, dass ich alles probiert und keine Mühen gescheut habe. Ich befürchte deswegen, dass es sterben könnte. Ich mache mir große sorgen und erhoffe mir von ihnen Hilfe.“

Weil ich erschöpft war, flüsterte ich jedes Wort einzeln aus mir heraus und beugte mich über den Schreibtisch zu den Ärzten herüber, aus Angst, sonst könne ein Wort verloren gehen. Die Ärzte nickten und stellten fragen. Sie machten sich einige Notizen und während sie schrieben sahen sie immer wieder zu mir auf. Sie erkundigten sich nach meinen Ess- und Schlafgewohnheiten. Erst dachte ich, es handele sich um Routinefragen, doch erkundigten sie sich immer weiter unnötig nach meinen Gewohnheiten. In meinen Augen beachteten sie viel zu wenig das Kind, wegen dem ich ja gekommen war.  Ich konnte deswegen nicht anders, als anzunehmen, dass sie wohl meine Fähigkeit es angemessen zu versorgen, in Frage stellten. Ein Arzt, ein sehr schmuddelig aussehender Arzt dazu, der sich mindestens drei Tage nicht rasiert hatte, dessen Kittel schlampig und ungestärkt an ihm herunter hing und am kragen eindeutig graue schmutzränder aufwies, dieser Arzt  wollte mir sogar eine Kur verordnen! Vor entsetzen und auch, weil ich keinen Ausweg sah, schlug ich meinen Kopf auf die Tischplatte, fuhr hoch und rief ihm zu:

„Was stellen sie sich eigentlich vor? Wer soll denn das Kind versorgen, wenn ich einen Kuraufenthalt mache und deswegen nicht bei ihm sein kann? Bitte, sie scheinen mich nicht zu verstehen! Ich bin nicht meinetwegen hier, sondern aus Sorge um das Kind!“

Der Arzt nickte und empfahl mir, mich zu beruhigen. Aber meine Wut über sein Unvermögen, mir einen kompetenten Ratschlag zu geben war groß, ja, ich fragte mich wirklich, wie dieser Arzt mir in einem derart ungepflegten Zustand gegenübertreten konnte. Ich verließ also kurzerhand das Sprechzimmer und hastete voller Ärger über diese insgesamt völlig ergebnislosen Arztbesuche durch den Abendverkehr nachhause zu meinem Kind.

Schon kurz nachdem ich die Wohnung betreten hatte, eigentlich schon, während ich sie aufschloss, wusste ich, dass etwas vor sich gegangen war. Im Flur stolperte ich nach dem ersten Schritt über eine leere Konservendose, eine Pilzkonservendose, wie ich verärgert feststellte. Wäre es nur bei dieser Dose geblieben, ich hätte sicher kein Aufheben gemacht. Aber der gesamte Flur war mit Verpackungen, leeren Lebensmittelverpackungen, übersät, dazwischen standen Teller, Besteck lag in den Ecken und je weiter ich mich vortastete, immer ungläubig, desto mehr wurde es. Das Schlafzimmer wollte ich nicht betreten, so hoch war das Hindernis der aufgetürmten Verpackungsreste. Mein Herz schlug, es schlug mich, darunter krampfte der Magen und ich musste – ich eilte, ich stolperte ins Bad. Ich sah, das auch hier alles voller Müll war, stützte mich über die Toilette und übergab mich. Aus dem Augenwinkel sah ich das Kind auf dem Hocker sitzen. Die Augen aufgerissen, die Beine vor dem Bauch verschränkt, den es sich kurz zuvor mit Sicherheit vollgeschlagen hatte, dachte ich, während mein Körper mich schüttelte. Nachdem ich mich, keuchend auf dem Badewannenrand sitzend, etwas erholt hatte, ging ich ohne ein Wort zu sagen an dem Kind vorbei und stieg über die Unordnung hinweg in die Küche. Erst da wurde das volle Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Die Schränke standen offen, die Verpackungsreste türmten sich bis zu den Knien auf. Das Kind hatte alle Schränke geleert, es hatte sie bis auf den letzten Vorrat geleert und gegessen. Jetzt war es genug. Das Kind verhielt sich in meiner eigenen Wohnung wie ein Räuber und vernichtete ungefragt meine Essensvorräte, noch dazu hinterließ es eine Unordnung, die es noch nie gegeben hatte und auch niemals gegeben hätte, hätte sich nicht dieses entsetzliche, böse Kind zwischen meine Wänden gedrängt. Ich lief fluchend umher und überlegte sogar, gleich ganz auszuziehen. Das Kind folgte mir stumm, ohne dass ich es beachtete. Ich sah nicht mal hin und begann mit der Aufräumarbeit, denn es war schon spät. Nach Stunden, in denen ich mich Zimmer für Zimmer durch den Müll gearbeitet und auch die letzten Ecken gesäubert hatte, war es mir endlich gelungen die Ordnung wieder herzustellen. Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Das Kind stellte sich daneben und zwirbelte sich auf dem schwarzen Kopf herum. Es sollte heute zur Strafe kein Essen bekommen. Das Kind sollte von mir überhaupt nichts mehr bekommen. Ich wünschte nicht mal mehr gute Nacht, sondern deckte mich ganz für mich alleine zu und schloss fest die Augen. Ich hielt es tatsächlich für möglich schlafen zu können.

Es war ein tropfen, ich hörte es eindeutig tropfen. Ich richtete mich auch und sah mich um. Das Kind stand noch immer unbewegt an der gleichen Stelle neben dem Kopfende meines Bettes. Auch wenn ich es mir befahl, konnte ich nicht aufhören es anzusehen. Ich wollte auch wissen, woher das Tropfen kam, das schneller auf dem Boden aufschlug, als mein herz in mir. Ich sah dann, dass es aus den Augen des Kindes kam. Das Kind stand regungslos da und weinte große Tränen, die auf den Boden tropften. Schnell drehte ich mich zur Seite weg und versuchte zu schlafen.

Im Morgengrauen hörte ich ein neues Geräusch. Es kam von der Wohungstür. Ich sprang auf, lief über den Flur und sah wie sich das Kind nach der Türklinke streckte. Das Kind wollte gehen. Unter dem arm hielt es sein Kissen und das Laken, das ich ihm auf sein Bett gespannt hatte. Aus seinen Augen tropfte es noch immer. Ich eilte zu ihm und nahm es in meine Arme. So hielt ich es und halte es noch immer. Denn dieses Kind wird ewig mein Kind bleiben. Wo es auch hingehen wird, um seinen Mangel auszugleichen und endlich satt zu werden, es wird niemals das finden, was es sucht. Es bleibt hier. Es wird mich nicht mehr schlafen lassen und ewig von meinen Vorräten essen.

Herbst 2009

Datum: Mon, 19. August 20:41:42-0700 (PDT)

Von: Henning

An: Kundendienst

Betreff: ihre Mikrowelle

To whom it may concern,

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe in einer Angelegenheit, die trivial wirken mag, auf den ersten Blick glänzt sie geradezu vor Belanglosigkeit, zumal ich der letzte wäre, der wegen eines tiefgefrorenen Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Kokos-Vanillefüllung auf sich aufmerksam machen will, jenem Universalfood Donut also, den ich am 6. Juni gegen 18:34 Uhr in ihrer Mikrowelle (Modell: MagicWant single) gemäß meiner Gewohnheit in nur fünfunddreißig Sekunden zu meiner vollen Zufriedenheit aufgetaut habe. Was ich damit vorab sagen will: Ich bin mir bewusst, dass sie vor Aufgaben stehen, die nicht nur für Außenstehende dringlicher erscheinen, sondern dies unter Einbezug sämtlicher Faktoren auch tatsächlich sind. Lassen Sie mich also vorab jedes Missverständnis ausräumen: Ich melde hiermit keine Funktionsstörung o.g. Mikrowelle oder einer ihrer zahlreichen Apparate oder Applikationen in meiner Wohneinheit, die ihren Dienst allesamt einwandfrei verrichten, zumindest gehe ich davon aus (?). Läge eine technische Panne vor, die Sache wäre eindeutig und ließe sich leicht benennen (und wären Sie nicht sowieso von dem Defekt längst unterrichtet, ich meine, man ließ mich wissen, dass die Geräte Funktionsstörungen selbstständig an Sie senden, und Sie den Schaden womöglich sogar aus der Ferne beheben können, ohne eigenes einen Spezialisten oder Monteur (?) vor Ort schicken zu müssen?). Ich sehe mich daher gezwungen, auszuholen, ich werde mich möglichst knapp fassen, mir ist bewusst (oder zumindest nehme ich an, ohne dabei den hohen Automationsgrad ihrer Apparate infrage stellen zu wollen), dass die Zeit, die Sie einzelnen Nutzern widmen können, begrenzt ist (und wem sage ich, dass die Zeit eine kostbare Ressource ist, schließlich schreiben Sie dies gleich zu Beginn ihres mission statements, und zwar als Unternehmen mit mehrjährigen Erfahrungen, alternativ sprechen Sie von Daten, um ihren Kunden neben zahllosen Erleichterungen vor allem Zeitersparnisse zu garantieren, die im Einzelnen vielleicht gering, in der Summe aber beachtlich – und verwenden Sie in diesem Zusammenhang nicht sogar das Wort »Revolution« und, vermutlich wollen Sie mit dem ebenfalls verwendeten Kompositum auf den friedlichen Charakter des Ganzen verweisen (?): »Heimrevolution« – ausfallen). (Würden Sie mich direkt darauf ansprechen, und nach meinen Assoziationen fragen – ich gehe jedoch davon aus, dass Sie in dieser Sache bereits hinreichende Einblicke in die Gewohnheiten und Präferenzen ihrer Nutzer haben, zumindest deute ich eine jüngere Werbung ihres Unternehmens in dieser Richtung –, denke ich hierbei in erster Linie an ihr biometrisches Schließsystem, den intelligenten Kühlschrank YourMaid mit seiner exklusiven Bestellapplikationen für Universalfoodprodukte, den Staubsaugerroboter DustDeath II inklusive seiner Zwillingsschwester, dem Fenstersaubsauger AlwaysOntheBrightSide, und insbesondere den intelligenten Fernsehsessel Belaqua, die Liste ließe sich leicht fortsetzen, ihren Toaster e-Sunbeam, der wahlweise den tagesaktuellen DAX 30 Kurs oder die persönlichen systolischen und diastolischen Blutwerte auf den Toast brennt (oder beides miteinander überlagert), ist zweifelsfrei eine Spielerei, die ans Kindische grenzt, bereitet mir morgens aber dennoch immer wieder ein stilles Vergnügen).

Lassen Sie mich also zu dem Vorfall kommen, oder sagen wir lieber: den Umstand schildern, Vorfall wäre in diesem Kontext ein zu großer Begriff, der falsche Erwartungen wecken könnte, ebenso wie Ereignis, selbst Begebenheit, vielleicht kann man einfach von Hergängen sprechen oder Abläufen (in die mehrere Faktoren hineinspielen, deren präzise Funktion und Funktionsweise für mich oftmals im Dunkeln bleibt, wobei natürlich auch ich als Person und Handelnder zwangsläufig einen dieser Faktoren verkörpere), ohne dass ich zwischen Ursachen und Wirkungen in der jeweils gebotenen Schärfe zu unterscheiden wüsste, als ich an besagtem Abend am 6. Juni wie gewöhnlich zwischen sechs und halbsieben von der Arbeit nach Hause in meine Einheit zurückkehrte. Die Wohneinheit habe ich vor genau einem Jahr, am 1. August, bezogen, sie können dies ihrem über mich angelegten Profil vermutlich entnehmen (falls es keine große Mühe bereitet, würde ich bei Gelegenheit gerne einen Blick darauf werfen, ich sage dies frei von Hintergedanken, es wäre reine Neugier, sie betrifft allein das Format des besagten Profils (läge es eher in der Form eines Protokolls, einer Akte oder eines Dossiers vor und muss ich es mir eher chronologisch, typologisch oder synoptisch als Nutzerhistorie oder Biografie aufbereitet vorstellen, ich meine sogar, kürzlich einen Beitrag gelesen zu haben, dessen Autor behauptete, dass der Umgang mit großen Datenbergen die Nutzer zu regelrechten Romanfiguren à la Oliver Twist machen würde, nur das es nun für die Leser oder Ausleser dieser Daten gar nicht mehr so leicht sei, zwischen fiktionalem und realem Protagonisten zu unterscheiden?), vielleicht spielen auch Gründe der Eitelkeit mit in diese Anfrage nach dem Profil hinein, ich will dies keineswegs ausschließen, aber vielleicht finden sich darin ja auch für mich aufschlussreiche Einsichten, ich erwähne dies aber nur, und komme überhaupt erst in diesem Moment auf den Gedanken, da ich mich mit diesem Schreiben sowieso an Sie wende), in großer Erwartung und bisher zu meiner vollständigen Zufriedenheit. Wie Sie vermutlich wissen, betrete ich meine Wohnung an mindestens zwei Tagen in der Woche mit einer gewissen Ungeduld (leicht erhöhter Puls, flacher Atem etc.) (und es ist wirklich eine enorme Erleichterung, dass ich keinen Schlüsselbund mehr aus der Tasche klauben muss. Ich war einer jener Menschen, die ihren Schlüssel jedes Mal in unzähligen verfügbaren Taschen suchen musste, nicht selten wurde ich bei dem Gedanken eines Verlusts von einer plötzlichen Panik ergriffen, die Panik führte zu einer gesteigerten Schweißproduktion, zuerst im unteren Rückenbereich, dann im Nacken hinter den Ohren (der Schweiß rührte also weniger aus einer physischen Verausgabung, sondern – zumindest in Teilen – aus der Vorstellung, dass mich meine hinter ihrem Rollo stehenden Nachbarn schon wieder in dieser beschämenden, weil letztlich hilflosen, und in dieser Hilflosigkeit unwillkürlich kindlichen Geste ausgesetzt vor der eigenen Tür stehen sehen könnten), obwohl ich den Schlüssel in mittlerweile dreiundfünfzig Jahren niemals verloren und im letzten Moment zu meiner großen Erleichterung, ohne dass ich mir das hätte anmerken lassen, jedes Mal doch noch gefunden habe). Wenn ich meine Einheit dieser Tage nach wie vor in einem Zustand der inneren Anspannung betrete (manchmal frage ich mich, ob Außenstehende bei meinem Anblick auf einen diffusen Leidensdruck schließen?) (wobei es mir unangenehm wäre, dass ich der Vermutung Vorschub leisten könnte, an einer Blasenschwäche zu leiden, es mag harmlos sein und ist trotz allem verhext, aber ich werde diese Projektion trotz verschiedener meditativer Gegenmaßnahmen nicht los), liegen die Dinge anders als in Zeiten des Metallschlüsselbunds. Jetzt steht hinter der Ungeduld nichts weiter als das ebenso einfache wie instinktive Bedürfnis, möglichst schnell die Tür zu meiner Einheit hinter mir zu verriegeln (was natürlich automatisch geschieht, nur beim Entriegelungsvorgang führt meine Hast manchmal zu einem Abbruch des Verifikationsprozesses, sodass ich erneut einen Schritt zurück- und wieder vortreten muss, beim Zurücktreten zähle ich bis fünf, da ein zu rasches wieder Vortreten zu noch größeren Verzögerungen führt), um die Welt, der ich mit dem Eintritt in meine Einheit den Rücken kehre, auszuschließen, sodass ich nach einem langen Tag endlich in eine zu diesem Zeitpunkt heftig ersehnte Ruhe einkehren kann. Meine neue Einheit hat mir gerade auch in dieser Stimmungslage von Anfang an ein erhebliches Glücksgefühl bereitet, es mag aus der Geste rühren, beim Eintritt in die Einheit meine Hand um den biometrischen Türknauf zu legen, den Kopf leicht in den Nacken geknickt, um in das kleine Auge der Kamera zu blicken (die für meinen Geschmack eine Idee zu hoch angebracht ist, aber ist es in den Zukunftsfilmen, die ich in meiner Jugend mit großer Hingabe angeschaut habe, nicht ebenso, dass die Protagonisten mit einer leichten Links- oder Rechtswendung ihrer Köpfe aufschauen müssen? Manchmal drängt sich mir aber auch das Bild einer alten Frau auf, die, ihre Hände gefaltet und den Kopf wie eine Filmschauspielerin erhoben, zu einer Heiligenfigur in einer der katholischen Kirchen aufblickt, wie ich sie als Kind auf Familienurlauben gemeinsam mit meinen Eltern beobachtet habe; von den von meiner Mutter initiierten Kirchenbesuchen ist mir anders als die Himmelsdarstellung allein das Bild der kleinwüchsigen Frau erinnerlich, obwohl wir mit Sicherheit bedeutsame Deckengemälde gesehen haben (Michelangelo etc.)). Letztlich ist es aber wohl die Summe und Konstellation der zahlreichen kleinen Gesten und Sinneseindrücke, die eine simple Dopaminausschüttung bewirkt, und mich in die alberne, aber darin  glückliche Vorstellung versetzt, soeben in ein Raumschiff zu steigen (und was könnte ein größeres Freiheitsversprechen tragen, als die Fantasie, am Ende des Tags, nach getaner Arbeit, ein Raumschiff zu betreten, um hinaus, in die stillen Weiten des Alls zu gleiten und all den kleinlichen Sorgen des Alltags sanft enthoben zu werden?) (Wenn ich richtig informiert bin, ist Ihr Unternehmen als Investor an einem Unternehmen beteiligt, das den privaten Mond- und Marsflug mit visionären Eifer zeitnah auf die Beine zu stellen sucht?) (Dokumentarfilme, aber auch Romane – ich weiß nicht, ob Sie auch hier über meine Vorlieben unterrichtet sind, falls ja, so muss ich dies nicht eigenes erwähnen –, die sich mit dem Thema des Mars- und anderer Planetenflüge in allen ihren Facetten befassen, gehören noch immer zu meinen großen Leidenschaften). Kurz gesagt betrete ich meine Einheit gerne und mit hohen Erwartungen, zudem spüre ich deutlich ihr Potenzial sowie das Befreiende, das in einer Konzentration auf Wesentliches gründet (wie es von ihren Produkten heißt), die mir das Leben (und muss es anderen Menschen nicht ähnlich gehen?) mit der neuen Wohneinheit erschließt. Wenn ich die Wohneinheit nach wie vor in einem Zustand innerer Anspannung betrete, dann liegt das nicht an ihren selbsttätigen Apparaten, im Gegenteil, ich trage die Last und Erregung aus der Außenwelt in meine Einheit hinein, kurzum: Ich spreche von meinem Heißhunger (er beschränkt sich auf Süßspeisen, vielleicht sollte man also besser von Appetit statt Hunger sprechen, auch ein sogenannter Fressanfall (FA), wie er u.a. im DSM und ICD-10 gelistet ist, ginge an dieser Stelle entschieden zu weit, es liegt hier also, um es mit aller Deutlichkeit zu sagen, kein klinischer Fall vor), der möglicherweise in einer untergründigen Beziehung zu dem o.g. Isolationsbedürfnis steht, auch wenn ich über den Zusammenhang beider Sensationen, hier Appetit, dort Abschottung, kein fachliches Wissen besitze (bisher ist mir diesbezüglich keine einschlägige Studie bekannt, die sich diesem Phänomen widmet, und die einzigen Details, die mir in dieser Hinsicht einfallen, und zu einem tieferen Verständnis beitragen könnten, beträfen meine Schulzeit. Denn bereits dort habe ich zu jenen gehört, die nach Schulende als erstes das Schulgebäude verließen, und auf dem direkten Weg nach Hause zurückeilten, tatsächlich war es eher ein Stürmen, um sich nach der unentrinnbaren Eingliederung in ein soziales Gefüge wieder in die eigenen vier Wände zurückzuziehen, anstatt etwa auf den Treppenstufen mit Klassenkameraden länger zu verweilen, gemeinsam in Kiosken Klebebilder oder klebrige Süßigkeiten aus großen Sammeltöpfen zu beziehen oder gar gemeinsam durch die Stadt zu stromern).

Tatsache ist also, dass ich an jenen durchschnittlich zwei, manchmal drei, und nur sehr selten (ja, dies sind durchweg Wochen, in denen mich soziale Situationen auf diffuse Art und Weise mehr als sonst und über die Maßen strapazieren und sich auf meine Stimmungen niederschlagen) an vier Tagen in der Woche, mit dem Betreten meiner Einheit direkt zur Kocheinheit stürze, obwohl es meiner Gewohnheit, aber mehr noch meinem Hygieneempfinden widerspricht, mit Straßenschuhen, die Jacke am Leib, meine Wohnung, und im Besonderen die Kochnische, zu betreten. Ohne Zögern öffne ich das Gefrierfach (oft erweckt es den Eindruck eines Reißens, das aber nur durch die Gummilippen der Gefrierfachtür hervorgerufen wird, die sich nur widerwillig vom Leichtmetall des Kühlschrankgehäuses lösen und so einer angemessenen Kraftanstrengung bedürfen), dem Gefrierfache entnehme ich einen Gefrierbeutel, dem Beutel zwei Donuts, einen der beiden lege ich zum Auftauen sofort in ihre Mikrowelle. In den fünfunddreißig Sekunden, in denen ihre Mikrowelle meinen Donut auftaut (und leicht anwärmt, es ist nur ein Hauch, der aber perfekt ist, die Simulation, dass es sich um einen ofenfrischen Donut handeln könnte, würde mir in diesem Moment bitter aufstoßen) (hat nicht schon meine Mutter die Donuts in meiner Kindheit in der Mikrowelle aufgetaut, nicht im Ofen erwärmt, ohne dass ich mich der Mikrowelle während des Betriebs jedoch nähern oder gar meine Stirn oder Nase gegen deren durchsichtige Tür pressen durfte?), schenke ich mir ein Glas Kuhmilch ein (1,5 % Fett mit Vitamin D Zusatz, 225 ml), um daraufhin  den Donut aus der Mikrowelle zu nehmen (erst beiße ich vom Donut ab, dann trinke ich einen Schluck Milch, mit der ich nur den letzten Rest des Donuts hinunterspüle). Donut und Milch nehme ich stets stehend in der Kochnische ein, ich erwähne dies, um den hohen Stellenwert und den Schwellencharakter zu betonen, den dieser erste Donut im Eintritt in meine Einheit für mich einnimmt, von der innerlichen, und auch physischen, letztlich handelt es sich wohl um eine psychosomatische Unruhe, hin zu einer Entspannung, die sich von Biss zu Biss in meinem Körper verbreitet (vergleichbar vielleicht mit dem wässrigen Nebel, der sich am Morgen beim Duschen aus dem intelligenten Duschkopf ihrer Konkurrenz (Modell e3250 X) langsam um den Körper schließt, um erst allmählich Tropfen und kleine Wasserbäche zu bilden, die, nun selbsttätig mit einem knapp bemessenen Spritzer Seife versetzt, den Oberkörper (das leichte Kitzeln um die Hüften), dann die Beine hinunterkullern, bis sie in kleinen Schaummuränen meine Knöchel und Füße erreichen). Folglich atme ich erst danach tief durch, fahre mir mit beiden Händen durch die Haare. Anschließend öffne ich den Reißverschluss meiner Jacke und streife die Schuhe ab. Ich dehne mich. Daraufhin schlüpfe ich in meine empfindsamen Hauspuschen, die die Innenraumtemperatur in Rückkopplung mit meinem Pulsschlag und Blutdruck perfekt regulieren. Erst jetzt lege ich den zweiten Donut in die Mikrowelle, diesen werde ich auf meinem Sessel in der Komfortzone sitzend, vor mir der wandfüllende Bildschirm, genießen. Alles in allem mag es ein bescheidenes, äußerst anfälliges und auch befristetes Glücksgefühl handeln, mit dem ich jetzt die wohltemperierte Komfortzone betrete, den Nachgeschmack des ersten Donuts und der Milch noch frisch im Gaumen (ein Nachgeschmack, der zugleich die Vorfreude auf den zweiten Donut befeuert), manchmal trage ich ihn in einer Serviette eingehüllt, manchmal auf einem Unterteller. Im Hintergrund spielt meine Lieblingsmusik, die automatisch startet, sobald sich die Wohnungstür nach meinem Eintritt in die Einheit selbsttätig schließt, gleichzeitig schaltet sich die indirekte LED-Beleuchtung sowie das Akzentlicht im Wohnbereich an, die Rollläden sind halb geschlossen, wie ich es am liebsten habe, vielleicht huscht soeben noch der Fensterstaubsaugroboter über das Glas, nicht selten, stelle ich mir vor, entdeckt er auf der Scheibe ein Schatten, der erst im Schein der tief stehenden Sonnenstrahlen sichtbar wird, so wie einem nachträglichen Blick, der zufällig aus einem unerwarteten Winkel auf die Chromverkleidung der Küchenablage fällt, die man erst vor wenigen Minuten akribisch gewischt hat, plötzlich eine weitere, zuvor übersehene Schliere ins Auge springt (obwohl mir natürlich bewusst ist, dass der BrightSight die Schatten und Schlieren nicht sieht, wie ich sie sehe, dass er überhaupt nichts sieht, sondern auf unergründliche Weise vorausberechneten Bahnen folgt, die sich dann aber dennoch niemals genau gleichen, für mein Geschmack ein wahres Mysterium). Alles ist maximal friedlich, maximal ruhig. Wie gesagt bin ich mir im Klaren darüber, dass das Equilibrium, das ich in diesem Moment in meiner Einheit erlebe, fragil sein mag, schließlich leben wir, wie nahezu täglich zu lesen und zu hören ist, in unsicheren Zeiten. Wenn ich in der Komfortzone stehe (soeben im Begriff, mich in dem intelligenten Fernsehsessel Belaqua niederzulassen – die Pobacken haben die Sitzfläche noch nicht berührt, schon blendet die Musik aus den Boxen aus, das Licht dimmt hinunter, und auf der Wand gegenüber des Sessels, die sich an der entsprechenden Stelle als Monitor erweist, erscheint ein Videobild, ich komme darauf zurück, es handelt sich um Aufnahmen aus dem All, aufgenommen von einer Sonde, manchmal ist es sogar ein Raumschiff, die in Realtime, also Lichtgeschwindigkeit, gesendet werden), erfasst mich ein Schwindel, bei dem Gedanken, dass es möglicherweise nur wenig bedarf, nur ein Glied, das in dieser fein aufeinander abgestimmten Kette ausschert, um ein ganzes Gefüge durcheinander zu bringen oder eine Mission zu vereiteln. (Haben Sie jüngst den Bericht über wachsenden Müllmassen im Weltraum zur Kenntnis genommen? Anlass des Artikels war eine Besatzung, die ihr Raumschiff wegen heranfliegender Schrottteile evakuieren musste, ich weiß nicht, ob Sie eine klare Position in Sachen Weltraumschrott beziehen? Oder gar darüber nachdenken, selbst Maßnahmen zu ergreifen oder zu veranlassen, dass Maßnahmen von Dritten ergriffen werden?)

Aber ich will endlich auf besagte Hergänge oder Abläufe (sofern es sich um welche handelt und schlussendlich nicht nichts?) zu sprechen kommen. Nachdem ich nach meinem Einzug o.g. Mikrowelle in Betrieb genommen habe, wurde ich mit der Zeit auf Zusammenhänge kommunikativer, und wie ich meine, kausaler Art aufmerksam, zumindest festigte sich die Vermutung, dass ein diskretes Verhältnis, das letztlich durch meine Person oder mein Verhalten getragen sein musste, zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Universalfood Donuts und o.g. Bildern des Weltraumkanals besteht. Über Textnachrichten, die auf diversen Endgeräten eintrafen und mich etwa über vorteilhafte oder weniger vorteilhafte Nährwerte unterrichteten, an die Nährwerttabellen schlossen sich wiederum weitere Ermutigungen oder Angebote an, oftmals erreichten mich auch e-Coupons für eben jene Donuts mit einer Haselnuss-Vanillecremefüllung, die ich am liebsten verzehre, und die beispielsweise in Aussicht stellten, beim Kauf des nächsten XL-Gefrierbeutels die aus den Donutlöchern gewonnen Teigbällchen der Bestellung gratis beizulegen, machte ich mir anfangs keine weiteren Gedanken. Ich wäre sogar verlegen zu sagen, wann der Weltraumkanal anstatt der Weltraumbilder erstmals jene Spots zeigte, die dann zur Gewohnheit wurden, anfangs handelte es sich wenn ich mich richtig erinnere um eine One-apple-a-day Kampagne: eine Formation grüner Äpfel flog gleich Amseln durch einen üppigen Garten, schwang sich kurz darauf in einen blauen Himmel auf, geriet außer Sichtweite, nur um unmittelbar darauf auf eine planetarische Umlaufbahn einzuschwenken. Die Bilder, so der Anschein, waren aus der Perspektive der Kamera meines Weltraumkanals aufgenommen, der Übergang zum Stream des Weltraumkanals vollzog sich gekonnt und war für das ungeübte Auge kaum auszumachen, zumal mich die entsprechende Ermunterung, der One-Apple-a-day-Bewegung beizutreten sowie die Erläuterungen der damit verbundenen Vergünstigungen nicht über den Bildschirm, sondern textbasiert erreichten, ohne den Fluss der Bilder zu stören. Wenige Tage später folgten Bilder von Donuts, die in der Anordnung ganzer Galaxien durchs All schwebten; dieser Eindruck stellte sich freilich erst ein, als ein einzelner Planet sich aus der Nahsicht plötzlich als ein in einen weißen Zuckerguss gehüllten Donut classic entpuppte, der sich in der Formation weiterer Teigwaren in der darauffolgenden Fernsicht schließlich wieder in ein zwar kleines, aber eigenständiges Sonnensystem zurückverwandelte. Wie dem auch sei: Dass die Botschaften und Bilder in einer Verbindung mit ihrer Mikrowelle stehen, erhärtete sich, als ich eines Abends auf dem Weltraumkanal von einem Arzt empfangen wurde, der meinem Hausarzt zum Verwechseln ähnlich sah (oder sollte er es tatsächlich gewesen sein?). Er betonte die Notwendigkeit einer bestimmten Anzahl von Schritten, die jeder Einzelne früher aufgrund zahlreicher Botengänge etwa zum Supermarkt oder zur Post täglich automatisch absolviert hatte, heute konnte und musste dieses Pensum dagegen aktiv gestaltet werden (die Informationen über die Geräte, die Sie diesbezüglich im Angebot haben, und die es einem ersparen, zur körperlichen Ertüchtigung seine Wohneinheit verlassen zu müssen, habe ich mehrfach erhalten) (wobei ich an dieser Stelle vielleicht die Nachfrage nach einer Applikation äußern kann, denn bisher konnte ich nur Applikationen finden, die Gewichtsabnahmen, jedoch gezielt keine langfristigen Gewichtszunahmen aufzeichnen?). Als die Ansprache meines Hausarztes sich ihrem Ende neigte, zoomte die Kamera von seinem Gesicht weg, und der Hometrainer kam ins Bild, auf dem er während seiner Ansprache gesessen hatte. In einer weiteren Einstellung stellte sich heraus, dass der Hometrainer in einer Raumschiffkapsel stand, der Arzt lächelte ein letztes Mal (mehr als einmal meinte ich tatsächlich, dieses Aufblitzen in seinen Augen wahrzunehmen, das eine Wiedererkennung signalisiert), zustimmend reckte er einen Daumen in die Höhe, bevor die Kamera seitlich zu einem runden Kajütenfenster und hinaus ins All schwenke, und zu den Bilder des Weltraumkanals überblendete, die mir so gut vertraut waren. Ab und zu erschien an seiner Stelle seine Arzthelferin oder eine Beraterin meiner Krankenkasse oder der Manager einer mit Universalfood konkurrierenden Supermarktkette, Mal waren sie in einem Raumkapsel untergebracht, Mal erreichte mich ihre Nachricht vom staubig verwehten, ins rötlich changierenden Grund des Planeten Mars.

Raubten die Bilder mir meine ersehnte Ruhe oder erregten sie meinen Missmut?

Nein, keineswegs.

An jenen Tagen, an denen ich die Mikrowelle nicht bediente, blieben die Botschaften und Bilder gewöhnlich aus und auch dies entsprach meiner Stimmung, weil ich mir an diesen Abenden, frei von der inneren Anspannung, selbst genug war. Manchmal verzehrte ich an diesen Tagen sogar einen Apfel, und auch diese Vorstellung bereitete mir mitunter ein geradezu diebisches Vergnügen, weil ich mit dieser Wahl, die den Mitgliedern der One-Apple-a-Day Bewegung oder meinem Hausarzt doch so sehr hätte zusagen müssen, alleine war (es mag eine egoistische Freude sein, die ihrem unternehmerischen Gemeinschaftsgeist widerspricht, aber ich schildere hier nur, was ich empfand). Denn bereits am Folgetag registrierte ich, dass ich mir schon während der erste Donut in der Mikrowelle kreiste, der zweite ruhte tiefgefroren auf der Ablage, Gedanken machte, wer mich wohl heute von welchen Ort auf dem Weltraumkanal empfangen würde und mit welcher Botschaft. Ich war mir vollkommen gewiss oder vielmehr meinte ich zu wissen, dass mich die Bilder und Botschaften notwendig erreichten, sobald ich einen Donut in der Mikrowelle platzierte, weil beide in jenem erwähnten Beziehungsgefüge eingebettet waren, und ich sage es frei heraus: Dieses Wissen, mit meinem Verhalten die Bilder und Botschaften nicht kontrollieren, nein, sie aber vielleicht doch in einer gewissen Richtung zu steuern oder auch nur zu beeinflussen, oder sagen wir sie anzustupsen, bereitete mir eine bescheidene Genugtuung. In der Retrospektive kommt es mir sogar so vor, dass diese Bilder und Botschaften aus dem All, die ihren Ursprung natürlich in einem jeweils eigenen Interesse ihrer Sender hatten, dennoch ein Interesse spiegelten, das dem meinem kongenial entgegenkam, sich mit diesem kreuzte, und darin eine belebende, aber auch beruhigende Wirkung entfalten konnte. Musste nicht gerade das All groß genug sein, um mir mit meinen Bedürfnissen genügend Raum zu gewähren, und war es nicht so unermesslich groß, dass mir jene Bilder und Botschaften, die sich abends vor dem Bildschirm in meine Vorstellungswelt einschrieben, als Anker und Trost dienen mussten, dass ich dort draußen mit meinem Bedürfnissen nicht vollkommen allein unterwegs war?

An jenem 6. Juni – denn wenn ich mich in der Rekonstruktion der Ereignisse nicht täusche, markiert dieser Tag den Wendepunkt oder Umschwung in den oben geschilderten Abläufen –, kehrte ich nicht anders als sonst von der Arbeit in meine Einheit zurück. Wie gewöhnlich verzehrte ich meinen ersten Donut stehend in der Küche, mit dem zweiten begab ich mich in einer leichten Anspannung, die aber bereits im Abklingen war, in die Komfortzone. Als ich mich niederließ und der Bildschirm ansprang, liefen nun aber lediglich die tonlosen Bilder des Weltraumkanals, die tiefe Schwärze des Alls schien plötzlich mit Händen greifbar zu sein, nur hier und dort war der weite Raum von winzigen Lichtquellen erleuchtet, die ihre Wellen aussendeten, indem sie sich selbst verzehrten und nichts taten, als ihrem eigenen Ende entgegen zu glühen – ein Ende, dass bereits unwiederbringlich eingetreten war, als ihre Nachricht mich erreichte. An jenem Abend machte ich mir keine weiteren Gedanken über den Ausfall jeglicher Bilder oder Botschaften eines Agenten oder Werbeträgers, die Irritation wuchs erst, als dieser Ablauf sich am folgenden Tag wiederholte und in den nachfolgenden Tagen und Wochen zur Norm wurde, ohne dass ich mich entsinnen kann, an jenem Dienstag den 6. etwas anders oder anderes gemacht zu haben als zuvor. Die Botschaften und Bilder blieben seitdem aus, egal, ob ich erregt oder gelassen in meine Einheit zurückkehrte, ob ich die Mikrowelle bediente oder nicht, ob ich einen Donut oder nährreiches Gemüse auf dem Drehteller platzierte. Weder meinen Arzt noch dessen Helferin oder sonst eine Person hat mich seither auf dem Weltraumkanal empfangen. Die Frage, die mich seither umtreibt, lautet daher schlicht, ob jene diskrete Kommunikation zwischen o.g. Mikrowelle, o.g. Donut und o.g. Botschaften jemals vorgelegen hat? Und sollte sie tatsächlich vorgelegen haben, frage ich mich, warum sie inzwischen gekappt ist, oder ob sie sich mittlerweile nur auf eine für mich noch nicht erkennbare Weise verschoben hat? Es liegt mir also fern, den Verdacht zu äußern, dass ihre Mikrowelle möglicherweise gar nicht in der Lage ist, die ihr zugeführten Produkte zu identifizieren. Bedeutet das aber im Umkehrschluss nicht, dass ihre Mikrowelle plötzlich keine Notwendigkeit mehr sieht, diese Informationen an Dritte zu kommunizieren? Oder hat sich möglicherweise nur die Adresse jener Dritten geändert? Natürlich bin ich davon überzeugt, dass sich die Dinge zum Guten fügen werden und vielleicht klären sich die Dinge von alleine – sagt man nicht, dass der Fortgang der Zeit eine heilende Wirkung ausübt? Noch verspüre ich ab und an aber jene Irritation, und ja, Niedergeschlagenheit, ohne dass ich ihren Sitz präzise in meinem Körper lokalisieren könnte – und doch bringe ich diese Stimmungen mit den Hergängen an o.g. Dienstag in Verbindung, kurz: Die Weltraumbilder, die mich zuvor von den täglichen Sorgen befreiten und in jene stille und erhabene Weite des Alls hoben, versetzen mich plötzlich in eine scharfe Unruhe, als wollten mich dieselben Bilder nun in eine ebenso große wie dunkle Leere hinaustragen, und zwar alleine, vollkommen auf mich gestellt. Ist es nicht ein beängstigender Gedanke, dass das All in seinem unermüdlichen Drang, auseinanderzustreben und immer weiter auseinander in dieser Bewegung nichts als neue Räume der vollkommenen Leere erschließt?

Nein, ich weiß nicht, ob ich mich deutlich machen kann, und ob mein Unbehagen tatsächlich in einem Zusammenhang mit ihrer Mikrowelle steht, sofern diese überhaupt jemals in jener von mir vermuteten diskreten Beziehung zu den Dingen und Abläufen in meiner Einheit stand? Dass ein Telefonat der bessere Weg wäre, um mein Unwohlsein Ihnen gegenüber zu artikulieren, will ich hierbei gar nicht bestreiten. Tatsächlich habe ich es mich einiges an Mühe und Zeit kosten lassen (elf Anrufe über drei Tage, während ich Sorge trug, zu jeweils unterschiedlichen Tageszeiten anzurufen, um mögliche Hochphasen zu umgehen und mögliche Flauten zu erwischen, sicher haben sie diesbezüglich verlässliche Zahlen vorliegen, leider war es mir jedoch nicht möglich, die entsprechenden Angaben zu finden), um eine ihrer Kundenberaterinnen zu erreichen (ist es wahr, dass man nach 10 Uhr abends, sofern man durchgestellt wird, zu einem Callcenter in Indien oder Bangladesch vermittelt wird, was allerdings unverständlich wäre, wenn jene anderen Aussage zuträfe, die ich gelesen oder gehört habe, dass der Großteil der Anrufe inzwischen von Sprachsoftwaresystemen verwaltet wird?). Als es beim elften Anruf soweit war (ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr daran geglaubt, dass sich jemand meldet, in Gedanken war ich demnach abgeschweift, auch wenn es mir im Nachhinein unmöglich ist, zu sagen, welche Gedanken mich konkret beschäftigten, ich weiß nicht, ob dies für ihre Recherchen im Dienst verbesserter Dienstleistungen evtl. von Interesse gewesen wäre?), hat mich die helle Frauenstimme in eine momentane Verwirrung gestürzt, selbst nach dem dritten Hallo?, gefolgt von der Nachfrage ihrer Kundenberaterin (die vielleicht auch nur über ein Sub-Unternehmen bei ihnen angestellt ist), ob sich am anderen Ende der Leitung jemand befände, schien es mir plötzlich unmöglich, oder vielmehr verließ mich der Mut, mein Anliegen mündlich zu schildern. Ich will ihrer Telefonisten, die ihre Arbeit unter hohem Leistungsdruck ausführt (ich meine gelesen zu haben, dass Telefonistinnen im Callcenter meistens leistungsbezogenen, sprich: gemäß der Anzahl der Gespräche die sie abwickeln honoriert werden?), keinen Vorwurf machen, aber es mag auch an einer gewissen Ungeduld gelegen haben, die sich von einem Hallo? zum nächsten meinem Gespür nach empfindlich steigerte, der sicher kaum wahrnehmbare Ton einer aufkeimenden Gereiztheit, für die ich vielleicht über die Maßen sensibel bin, und die mein Vorhaben, mein Anliegen lieber telefonisch statt postalisch zu artikulieren von Hallo? zu Hallo? in eine zunehmend weitere und schließlich unerreichbare Ferne rückte. Es schien mir vergeblich, einer möglicherweise ungeduldigen Person erklären zu wollen, was sich wie oben geschildertes nur schwerlich auf dem direkten Weg benennen lässt, und deshalb auf Geduld und ein gewisses Wohlwollen seines Gegenübers angewiesen ist, zumal ich anderen Menschen ungern zur Last falle. Ich habe die Verbindung rasch und wortlos abgebrochen.

Nein, wie sie meinem Schreiben vielleicht entnommen haben, bin ich kein Mensch, der vor Selbstbewusstsein strotzt, in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen, manchmal genügen schon ein oder zwei, fällt es mir schwer, selbst in eine Stille hinein, das Wort zu ergreifen. (Und ja, manchmal stürzt es mich in eine tiefe Verwirrung, um nicht von einer Verzweiflung zu  sprechen, dass der gefühlte Raum, vielleicht kann man auch von einer Art der Präsenz sprechen, die in einer Runde bestehend aus vier oder fünf Menschen mein Körper physisch einnimmt, in einem solchen Gegensatz zu dem Raum steht, den ich meiner Stimme zugestehe.) Aber all das gehört nicht hierher, ich beginne abzuschweifen, sodass ich abschließend nur betonen möchte, dass mein Schreiben nicht unter die Rubrik der gewöhnlichen Kundenbeschwerde fällt (erst kürzlich habe ich zum wiederholten Mal einen weiteren Artikel gelesen, der schilderte, in welchem Ton die Kunden ihre Beschwerden äußern; über den mangelnden Takt, ja, die offene Wut und Gehässigkeit, bin ich vermutlich nicht anders als Sie, in höchstem Maß beunruhigt, sowohl entsetzt als auch betrübt, auch wenn ich darin trotz allem keinen Grund sehe, sich auf kulturpessimistische Abwege zu begeben, ihrem Team, oder dem von ihnen via Sub-Unternehmen engagierten Mitarbeiterstab, zolle ich aber auch deshalb umso größeren Respekt bzw. beglückwünsche ich Sie, falls Sie die Hotlinedienste inzwischen tatsächlich weitgehend automatisiert haben.) Aber natürlich würde es mich in diesem Kontext auch keineswegs erstaunen, beziehungsweise gehe ich mehr oder weniger davon aus (und ich sage dies frei von einem Vorwurf oder einer Enttäuschung), dass Sie dieses Schreiben zuerst maschinell lesen und auswerten (verschlagwortet?, und mit einer Synopse oder einem Dringlichkeitsmarker versehen? – leider sind meine Kenntnisse in diesen Dingen begrenzt) (die Datenbanken und -speicher, auf die Sie zurückgreifen müssen, liegen womöglich nicht einmal voll und ganz in ihren Händen, sondern ausgelagert in anderen Ländern und bevorzugt kalten Regionen (Permafrost)?), sodass einige Zeit vergehen kann, bevor einer ihrer Mitarbeiter die Zeit findet, sich der Sache anzunehmen. Vielleicht wird aber auch niemals eine Mitarbeiterin ihres Unternehmens das Schreiben tatsächlich lesen (oder vielleicht nur zufällig, im Zuge von Stichproben, die möglicherweise regelmäßig durchgeführt werden, ich meine, ähnliches in einem anderen Kontext bezüglich eines vergleichbaren Dienstleisters gehört zu haben, obwohl es in diesem Fall darum ging, dass anstößige Bildinhalte gelöscht werden, eine Arbeit die bislang offenbar noch nicht von Software erledigt werden kann?). Wie dem auch sei, selbstredend kann und werde ich nicht beurteilen, ob eine computergenerierte Rückantwort besser oder schlechter ausfallen würde, als eine von ihren Serviceexperten persönlich verfasste (ist es nicht vorstellbar, dass ihre Maschinen auf ein ganz ähnliches Schreiben, vielleicht sogar bis hin zum Tonfall oder Satzbau, von einem ehemaligen Nutzer finden, von dem ihrer Kundenberaterinnen unmöglich wissen können, und dem man sich bereits damals in einer gebührenden Tiefe widmete?). Zudem wäre es aber vermessen, mich mit meinem Anliegen als Einzelfall zu betrachten, der eine besondere Behandlung verdient, und selbst wenn dem so wäre, wäre es vermessen, diesem Einzelfall, gerade weil er keine allgemeine Relevanz besitzt, eine gesteigerte Aufmerksamkeit ihrerseits abverlangen zu wollen, all dies ist mir bewusst. So bleibt zuletzt also nur dir Nachfrage, ob ich mich bei Ihnen an die richtige Adresse gewendet habe? Gegebenenfalls bitte ich, mein Schreiben zu ignorieren, oder mich davon zu informieren, dass Sie in dieser Sache nicht zuständig sind und das Schreiben deshalb unbeantwortet lassen. Universalfood, aus deren Produktportfolio o.g. Krispy Cream Donut natur mit laktosefreier Haselnuss-Vanillecremefüllung stammt, haben deren Zuständigkeit mit einem eindeutigen Negativbescheid quittiert (was nicht anders zu erwarten war, nur die leicht zugängliche Kundenhotline auf dem Gefrierbeutel, die mich beim ersten Versuch mit einer freundlichen Mitarbeiterin des Unternehmens verbunden hat, hat mich bewogen, es wider besseres Wissen trotzdem zu versuchen, und heißt es darüber hinaus nicht, dass man sich seinem Ziel manchmal am besten über ein Ausschlussverfahren nähert), gleiches gilt für den Generalunternehmer, bei dem ich meine Einheit auf Kredit erworben habe, ohne dass man mir jedoch hinsichtlich des zuständigen Ansprechpartners bisher weiterhelfen konnte.

Mit freundlichen Grüßen,

Henning


*This story is taken from: „Vor Anbruch der Morgenröte“ by Philipp Schönthaler © 2017 Verlag Matthes & Seitz, Berlin/Germany.

Die Bekanntschaft mit Werken des japanischen Dichters Yasushi Inoue danke ich einer jungen Kollegin, mit der ich im vergangenen Winter einen langwierigen und anstrengenden Abend verbrachte. Zu jener Zeit lebte ich seit einigen Monaten von meiner Frau und meinem Sohn getrennt, ich hatte in einem hochgelegenen Ort im Taunus ein Hotelzimmer gemietet. Die Schuld an der Trennung lag allein bei meiner Frau, sie hatte, soweit ich zurückdachte, unentwegt an mir herumgenörgelt. Und meine Geliebte besaß größere Brüste. Sie lebte allerdings einige hundert Kilometer entfernt in Bremen. Ich hatte also genug Zeit und Gründe, über alles mögliche nachzudenken, zum Beispiel auch über Frauen.

An dem besagten Tag war die junge Kollegin, die mich auf Inoue aufmerksam machen sollte, morgens in meinem Büro in der Redaktion erschienen. Wir unterhielten uns über einen Text, den sie für die Zeitung geschrieben hatte. Mit dem ersten Satz hatte sie sich besonders viel Mühe gegeben, er klang großartig, erwies sich bei näherem Hinsehen aber als hohl. Auch sonst war das Manuskript mißglückt, aus Gründen, die sich nicht nur bei Leuten finden lassen, die gerade ihren Universitätsabschluß gemacht haben, bei diesen jedoch besonders häufig. Die Verfasserin wußte nicht recht, was sie eigentlich sagen, aber um so besser, wie sie selbst in ihrem Text erscheinen wollte, und das hatte durchgängig ihre Wortwahl, den Satzbau und den Inhalt ihres Manuskriptes bestimmt. Vielleicht hatte sie sich auch nur keine Blöße geben wollen, aber das lief auf dasselbe hinaus. Meine Aufgabe bezog sich ohnehin nicht auf Ursachen, sondern auf Wirkungen.

Nachdem ich der jungen Kollegin gezeigt hatte, daß der Text nichts verlor, wenn man den offenbar in wochenlanger Arbeit erfundenen Einleitungssatz einfach strich, sie auf weitere Mängel hingewiesen und ihr schließlich geraten hatte, das ganze als mißlungenen Versuch zu betrachten und neu zu beginnen, brach sie in Tränen aus. Etwas Ähnliches war mir vor Jahren schon einmal mit einer Mitarbeiterin passiert, die sich schwer damit tat, daß ich als der Jüngere ihr neuerdings Anweisungen zu geben hatte, und die vermutlich aus diesem Gefühl heraus allen meinen Plänen hinhaltenden Widerstand entgegensetzte. Ihr Weinen hatte mir damals die Sprache verschlagen. Eigentlich war es nur um die zweckmäßige Gestaltung bestimmter Aktenvermerke gegangen, doch angesichts der schmalen, bebenden Schultern der schluchzenden Frau, die mir, wie um ihre Tränen zu verbergen, den Rücken gekehrt hatte, kam ich mir plötzlich hartherzig und roh vor und suchte sie verschreckt zu trösten. Später wurde mir klar, daß sie mit diesem Trick nur ihren Willen durchgesetzt hatte.

Deshalb beeindruckten mich diesmal die Tränen der jungen Kollegin nicht weiter. Ich vermutete, daß sie weinte, um mich zum Abdruck ihres Manuskriptes zu bewegen. Tatsächlich versiegten ihre Tränen sogleich, als ich ihr zusagte, den Text in den Satz zu geben, und auf ihrem Gesicht erschien ein befreites, wenn auch ein wenig verschämtes Lächeln. Zwar ärgerte ich mich über den heimtückischen Angriff auf die Ruhe meines Herzens, aber ich tröstete mich damit, daß die angemessene Strafe mit der Veröffentlichung des belanglosen Textes in einer bedeutenden Zeitung gesichert sei.

So war beiderseits die Zufriedenheit wiederhergestellt, und es entspann sich eine unverfängliche Plauderei, in deren Verlauf ich auf den Gedanken kam, sie am Abend fortzusetzen. In mein Zimmer hinter dem Berg zog es mich nicht zurück, und ebensowenig verlockte mich die Aussicht, wieder einmal zu nächtlicher Stunde im Büro des ausgestorbenen Verlagshauses zu sitzen und mich von wehen Gedanken an mein zugleich so nahes wie unerreichbar fernes Zuhause bedrücken zu lassen, wo ich meine entgeisterte Frau und mein trauerndes Kind wußte.

Also lud ich die junge Kollegin zum Essen ein. Mit einer Frau von fünfundzwanzig Jahren hatte ich mich schon lange nicht mehr unterhalten. Wie ich in diesem Alter gefühlt und gedacht, wie ich mich selbst gesehen hatte, meinte ich zwar noch einigermaßen zu erinnern, aber doch nicht gut genug, um mir vorstellen zu können, was ich nun, mit bald vierzig, in meinem dreizehn Jahre jüngeren anderen Ich auffinden würde, wenn ich ihm nur hätte begegnen können. Die Möglichkeit bestand nicht, doch vielleicht mochte es mir gelingen, statt dessen in diese junge Frau hineinzuschauen und auf diesem Umweg auch ein wenig in meine eigene Vergangenheit.

Diese Absicht erfüllte sich nicht, und in den zähen Stunden am Abend hielt ich mir wiederholt vor, daß ich das eigentlich von Anfang an gewußt hatte. Zum Beispiel war mir sonnenklar, daß ich auch mit fünfundzwanzig nicht so eigensinnig gewesen wäre, den Abdruck eines Manuskriptes, dessen ich nicht sicher sein konnte, gegen den Rat eines Erfahreneren durchsetzen zu wollen − und wenn nicht aus Einsicht, so doch aus Vorsicht. Und selbstverständlich wußte ich, daß ein Mensch, der mir morgens selbstgerecht und herrschsüchtig begegnet, sich am Abend schwerlich als aufmerksam und bescheiden erweisen wird.

Andererseits war sie eine Frau. Obgleich ich das Geheimnis der Frauen zufällig am vergangenen Wochenende gelöst hatte, dachte ich doch, daß es nicht schaden könne, für meine frischen Einsichten weitere Beweise zu sammeln, falls mein anderes Vorhaben − der Rückblick in die Vergangenheit − sich nicht verwirklichen lassen würde.

Übrigens soll, lieber Leser, dieser Text ein Essay sein, und sein Gegenstand ein Thema, das mich seit längerem und Sie seit ungefähr fünf Minuten beschäftigt: die Selbstdarstellung des Autors in seinem Text. Wenn Sie allerdings glauben, ich hätte bei dem Treffen mit der jungen Dame eine weitere Absicht verfolgt, die ich Ihnen verschweige, so möchte ich in aller Deutlichkeit sagen, daß Sie sich in diesem Punkte täuschen! Erstens hatte ich eine feste Geliebte (die mit den riesigen Brüsten), und zweitens schlief ich, wenn ich nicht in Bremen war, so ziemlich jeden Tag mit meiner Frau. Ich fand das alles selbst nicht richtig, aber so war es eben, und, weiß Gott, es genügte mir. Nur zur Sicherheit ließ ich in meinem Hotel Bezüge für die andere Betthälfte auflegen − ich bewohnte dort nämlich ein Doppelzimmer. Aber nein, was sage ich: Ich ließ die andere Betthälfte durchaus nicht beziehen, sondern überlegte nur, ob ich sie sicherheitshalber hätte beziehen lassen sollen, nahm dann jedoch Abstand von dieser unsinnigen Idee! Ja, so war es.

Ich verband also in keiner Beziehung hochgespannte Erwartungen mit dem Treffen. Sein Ort war eine kleine Sushibar mit vier Tischen, die das Nebengelaß eines japanischen Restaurants bildete, in dessen geräumiger Gaststube theatralisch auftretende Köche heißes Essen an denselben Tischen zubereiteten, an welchen die Gäste saßen. Die gesamte japanische Wirtschaft wiederum machte den kleineren Teil eines Komplexes aus, dessen größeren ein Chinarestaurant beanspruchte − obwohl doch ansonsten die Beziehungen zwischen Japanern und Chinesen seit geraumer Zeit insgesamt eher unerfreulich sind. Unmittelbar an die beiden Restaurants grenzte die doppelstöckige Eingangshalle eines Hotels, und all das überwölbte eine kristallene Ladengalerie inmitten der Frankfurter Innenstadt. Wegen dieser verzwickten Verhältnisse wirkte die kleine Bar immer irgendwie abgelegen. Als wir dort eintrafen, fielen draußen schon Schneeflocken, und das Schmelzwasser von den Stiefeln der Leute trübte den Widerschein der elektrischen Lichter auf dem Fliesenboden der Passage.

Es wurde ein Abend mit Überlänge. Insgeheim überlegte ich wieder und wieder, warum zum Teufel ich ihm kein Ende setzte, und ich fand dafür auch verschiedene Gründe, die durchweg weder für mich noch für die Kollegin sonderlich schmeichelhaft waren. Doch sowenig wie die junge Frau am Vormittag vermochte nun ich mich dazu durchzuringen, mißraten sein zu lassen, was mißraten war. Statt dessen führten wir mit abnehmenden Kräften, nachdem das Essen vorüber war, unser fades Gespräch in einer Ecke der Hotellobby bei Weißwein und Salzmandeln fort, während eine gelangweilte Sängerin in rosa Polyesterhosen auf einem Podest zur Keyboard-Begleitung Evergreens ausschied. Der Abend endete wie jene Flüsse, die ohne je das Meer zu erreichen inmitten der Wüste versiegen.

In der Stadt draußen lag inzwischen allerdings dicker Schnee. Ich betrachtete diesen Schnee als einen Schnee, der es mir unmöglich, und wenn nicht schlechterdings unmöglich, so doch unverhältnismäßig schwer gemacht hätte, mit Sommerreifen über den Feldberg zu meinem Hotel zu gelangen. Zwar hatte ich die Richtung schon eingeschlagen, doch nach einigem Bedenken wendete ich den Wagen und steuerte ihn unter rätselhaftem Gewissenszwicken ostwärts durch menschenleere, taube Straßen, zu meinem früheren Zuhause, in meine frühere Garage. Von dort begab ich mich in meine frühere Wohnung in mein früheres Schlafzimmer in mein früheres Bett zu meiner früheren Frau. Aus heutiger Sicht räume ich ein, daß ich am vorläufigen Ende dieses erschöpfenden Abends irgendwie doch am Ziel angelangt war (anders als jene Flüsse, die ohne je das Meer zu erreichen inmitten der Wüste versiegen), auch wenn ich von diesem Ziel sowenig gewußt hatte wie irgendein Fluß vom Meer − oder ebensoviel. Das einzige, was mir sicher zu sein schien, war, daß meine frühere Frau, wenn ich unerwartet nachts um halb zwei mit kalten Füßen unter ihre Decke schlüpfte, nicht nörgeln würde.

Davon abgesehen bezeichnete dieser Abend nicht nur den Beginn meiner Bekanntschaft mit den Werken des Dichters Inoue, sondern auch den späten Einbruch anhaltend winterlicher Witterung in Deutschland. Und als ich am darauffolgenden Sonnabend mit meinem Sohn nach Föhr übersetzte, konnten wir von Glück sagen, daß noch eine Fähre verkehrte. Auf der grauen See trieben unzählige Eisschollen, Schneeflocken eilten unverwandt gegen die Salonfenster, und wo das Schiff sich auf die geschlossene Eisdecke schob, war es, als ob eine Riesenfaust seinen Bug versetzte. Mein Vermieter hatte nicht zuviel versprochen, als er im Sommer gesagt hatte, der Februar sei die beste Zeit auf der Insel.

Tags unternahmen mein Sohn und ich, dick vermummt, lange Spaziergänge. Wenn ich abends vor dem Kamin saß, durch den Telefonapparat mit meiner früheren Frau und der fernen Geliebten stritt oder dem Mond lauschte, lag das Kind nebenan und knirschte im Schlaf mit den Zähnen. Auf einer unserer Strandwanderungen durch Halden von hüfthohen Eisschollen (hüfthoch aus meiner Sicht, scheitelhoch aus der seinen) hatten wir in einer Nische den schon größtenteils verwesten Kadaver einer Ente entdeckt, den der Frost hier in seinen Bann geschlagen hatte. Ein Bein des Tieres war noch in Reste eines grünen Netzes verstrickt, im brüchigen Käfig des Brustkorbs lag wie ein einsamer Kiesel das schwarze, verdorrte Herz.

Mein Junge konnte sich vom Anblick des toten Geschöpfes nicht lösen, und als er sich schließlich doch einmal losgerissen hatte, kehrte er schon nach wenigen Schritten wieder dorthin zurück. So standen wir lange neben dem Leichnam beisammen, umgeben von den zerschründeten, vom Schlick braun verfärbten Schollen, unter einem weiten, offenen Himmel. Mein Sohn fragte mich nach Leben und Tod, als wüßte ich, wie sonst über alles, auch in diesen Dingen Bescheid. Zwei kleine Tränen standen auf seinen Wangen. Mir aber senkte sich das Bild meines bekümmerten Kindes, wie es am eisigen Grab des Vogels grübelte, tief in die Seele.

Ansonsten las ich dem Jungen täglich aus Walbüchern vor, die er sich im Wyker Buchladen ausgesucht hatte. Ich selbst hatte mir einen ganzen Stapel Literatur mitgenommen, darunter auch einen schmalen Band von Inoue: Das Jagdgewehr. Dieses Buch war am Tag, der auf den langen Abend folgte, als unerwartete Gabe der jungen Kollegin in meinem Büro eingetroffen. Auf die erste Seite hatte sie eine Widmung geschrieben, in der sie den zurückliegenden Abend zu meiner Überraschung als »spannend« bezeichnete. Ich zog es vor, mein Urteil dadurch eher bestätigt als in Frage gestellt zu sehen.

Zu der Zeit hatte ich gerade die Lektüre des Romans Musashi von Eiji Yoshikawa beendet. Auch in diesem Buch stand eine Widmung: von der Hand meiner früheren Frau, die es mir vor elf Jahren zum Weihnachtsfest geschenkt hatte. In gewisser Weise hatte der Roman mir, als ich ihn nach so langer Zeit zum zweiten Mal durchwanderte, den erwünschten Rückblick in die Vergangenheit erlaubt. Denn obwohl sich mir beim ersten Lesen viele Einzelheiten der Handlung eingeprägt hatten, las ich das Buch nun wie mit anderen Augen. Im Lauf der Jahre hatte ich offenbar Erkenntnisse gewonnen, die einigen des Verfassers ähnelten; deshalb entdeckte ich nun in dem Roman manches, was mir vorher verborgen oder unerklärlich gewesen war, und zugleich konnte ich mir meine frühere Sicht ins Gedächtnis rufen. Doch ebenso wie vor gut einem Jahrzehnt fühlte ich mich von den Schlußsätzen Yoshikawas angerührt, in denen er Wollen und Meinen der Menschen mit dem Rauschen der Wogen vergleicht:

»… doch wer kennt die Seele des Meeres, hundert Fuß unten? Wer kennt seine Tiefe?«

Für die Tage auf Föhr hatte ich mir den Shogun von James Clavell vorgenommen, denn dieses Buch behandelt dieselbe japanische Epoche und wendet sich, ähnlich wie Yoshikawas Werk und mit dem gleichen Erfolg, an ein breites Publikum, wenn auch an eines mit westlichem Geschmack. Zu dem Vergleich hatten mich unter anderem Bemerkungen eines Japankenners über die − sehr verschiedenen − Liebesgeschichten in beiden Romanen angeregt. Aber gleichzeitig dürstete mich nach mehr japanischer Literatur, und so fügte es sich gut, daß ich in meinem Gepäck das Büchlein von Inoue hatte. Es ist eine Novelle, keine hundert Seiten lang. Sie gibt zum wesentlichen drei Briefe wieder, die an denselben Mann gerichtet sind, die Briefe stammen von seiner Ehefrau, von seiner Geliebten und von deren Tochter. Nach dem Jagdgewehr las ich alle Bücher von Inoue, deren ich habhaft werden konnte, leider ist bisher nur eine Handvoll ins Deutsche übertragen worden.

Ich verspüre die Neigung zu sagen, daß ich in Inoues Schriften Antworten auf viele Fragen fand, die mich damals beschäftigten. Aber in Wahrheit war es wohl so, daß Inoues Texte mir im Umgang mit diesen Fragen halfen, indem sie einen stillen Einfluß auf meine Sicht der Dinge entfalteten, darunter auch bei jenem Thema, das, wie Sie, mein umworbener Leser, bereits wissen, Gegenstand dieses Essays ist: die Selbstdarstellung des Autors in seinem Text. Sie werden einwenden, daß alles, was ich seither dazu geschrieben habe, nicht als Essay gelten kann, sondern allenfalls als irgend etwas anderes. Und ich widerspreche nicht. Denn ehrlich gesagt kann ich überhaupt keine Essays schreiben. Ein einziges Mal habe ich unter Qualen einen verfaßt, er erschien 1989 in der Tiefdruckbeilage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und trug mir, wie ich wohl sagen darf, eine gewisse Anerkennung ein, vielleicht haben Sie ihn gelesen. Damals hat niemand bestritten, daß es sich um einen Essay handele. Aber ich als sein Verfasser muß es besser wissen: Ich hatte mich seinerzeit nur als Essayist ausgegeben, indem ich meinen Text nach besten Kräften einem Essay anverwandelte. Er war aber keiner.

Was Inoue anbetraf, so nahm die Lektüre seiner Bücher allerdings mehr Zeit in Anspruch als die zwölf Tage, die ich mit meinem Sohn auf der eingeschneiten Nordseeinsel verbrachte. Inzwischen war es Frühling geworden, und ich dachte nicht mehr an den langen Abend mit der jungen Kollegin, die ich längst aus den Augen verloren hatte und deren Lebensweg den meinen überhaupt nur an diesem einen Wintertag gekreuzt hatte. Daß sie es war, der ich die Bekanntschaft mit einem Dichter verdankte, der mir so viel bedeutete wie seit Jahren kein zweiter, wäre mir wohl nicht mehr eingefallen. Doch als ich eines Tages Das Jagdgewehr wieder zur Hand nahm, fiel mein Blick auf die Widmung darin.

Ich hatte den Abend in der Sushibar gerade so im Gedächtnis, wie ich es dargestellt habe; nun kam mir das alles überaus sonderbar vor. Wie war es zugegangen, daß ein Mensch, der meine Gedanken weder teilte noch auch nur verstanden zu haben schien, mich ausgerechnet zu einem Dichter geführt hatte, der so viele meiner Sehnsüchte stillte? Ich erinnerte mich noch, daß die Kollegin mich zum Beispiel im Hinblick auf meinen Vater in einer geradezu lächerlichen Weise zu belehren versucht hatte. Auch sonst hatte ich ihre Denkungsart als durch und durch anmaßend empfunden. Nachdem ich Inoue nun kannte, schien mir unerklärlich, was diese Frau einem solchen Autor abgewinnen konnte. Warum hatte sie mir das Buch überhaupt anempfohlen? Gewiß hatten wir uns, was ja nahelag, beim Essen auch über Japan unterhalten, und in diesem Zusammenhang hatte sie vermutlich das Jagdgewehr erwähnt. Dann fiel es mir wieder ein; das Buch hatte ein Beweisstück sein sollen.

Es ging um das Geheimnis der Frauen. Daß ich es bereits gelüftet hatte, hatte ich wohlweislich für mich behalten. Mein unausgesprochener Kerngedanke lautete: Frauen sind anders. Ich gebe zu, daß er, so niedergeschrieben, nicht übermäßig neu klingt. Für Außenstehende mag es sogar den Anschein haben, als hätte ich hier nicht die Lösung benannt, sondern wieder nur das Geheimnis. Doch für mich haftete meiner Erkenntnis etwas Umwälzendes an. Nachdem ich sie einmal bis ins Letzte durchdacht hatte, befand ich mich in jener Gemütsverfassung, in der man anderen seine Einsichten nicht zum Fraß vorwirft, sondern Nahrung für sie sucht. Ich fand sie auch überall, etwa in einem an die dreitausend Jahre alten chinesischen Gedicht, in dem es heißt: »Der kluge Mann erbaut die Mauer / Das kluge Weib zerstört die Mauer.«

Es wäre widersinnig gewesen, die Weisheit, die dieser Vers aus dem Shijing zum Ausdruck bringt, nun ausgerechnet einer Frau vorzutragen − und schon gar der jungen Kollegin, die überzeugt war, der ganze Unterschied zwischen den Geschlechtern beschränke sich darauf, daß Frauen »sensibel« seien und Männer nicht. Nicht zuletzt um diese ihre Theorie hatte sich unser träges Gespräch gewälzt. Zwischendurch hatte die Kollegin meinen Blick auf das Geschehen am Nebentisch gelenkt, wo eine Gruppe von Japanern speiste. Einer von ihnen, ein kleiner Mann von Mitte Sechzig, schien eine wichtige Persönlichkeit zu sein, denn alle Aufmerksamkeit der Jüngeren galt ihm, indes er selbst sich fast ausschließlich mit den Speisen beschäftigte, die nacheinander aufgetragen wurden. Aus den Gesprächen, die um ihn herum geführt wurden, schnappte er offenbar nur ab und zu einen Satz auf, der sein Interesse weckte; dann − und nur dann − drehte er den Kopf leicht in die Richtung, aus der der Satz gekommen war. Doch seine Aufmerksamkeit war nie von langer Dauer, und bald senkte er den Blick wieder auf seinen Teller.

Ich weiß nicht, wie es zuging − ob meine Begleiterin und ich plötzlich japanisch verstanden oder ob, was noch unwahrscheinlicher ist, die Japaner am Nebentisch deutsch sprachen, oder ob schließlich, was mir als das Nächstliegende erscheint, die Situation eine hyperkulturelle Qualität hatte, so daß einfach jeder verstehen mußte, was sich dort abspielte. Während des Essens wurde nämlich der kleine Mann von seiner Frau, die neben ihm saß, mit Ratschlägen überhäuft, wie: »Iß davon nur die Hälfte!« oder »Das ist sauer, willst du nicht lieber darauf verzichten?« − »Du hast recht, ich werde nur die Hälfte essen; ich werde lieber gar nichts davon essen«, murmelte er dann gefügig mit leiser Stimme, wie um sich zur Vernunft zu rufen; dann wieder verkündete er von Zeit zu Zeit wie im Selbstgespräch: »Delikat! Ich eß es doch!«, und schließlich aß er wohl jedesmal alles auf, was er auf dem Teller hatte.

Meine Begleiterin entdeckte im Verhalten des Herrn Tanizaki − denn das war, wie ich später in Erfahrung brachte, sein Name − eine unerhörte Dickfelligkeit, einen typisch männlichen Mangel an »Sensibilität« gegenüber dem liebenden Bemühen seiner Gattin, die nur der Sorge um Herrn Tanizakis Gesundheit lebte. Muß ich wirklich ausführen, daß sich mir dieselbe Sache in ganz anderem Licht zeigte? Nein, denn mir geht es hier allein darum, daß im Laufe eben dieser Auseinandersetzung die junge Kollegin die Novelle von Inoue erwähnt hatte: Dieses Buch behandele exakt unser Thema, es stelle auf das Eindrucksvollste und unwiderleglich dar, wie Frauen an der Unnahbarkeit von Männern zerbrächen.

Natürlich beschreibt die Novelle in Wirklichkeit allenfalls die Wunschvorstellung bestimmter Frauen, an der Unnahbarkeit eines bestimmten Mannes mehr oder weniger zu zerbrechen. Über ihn selbst erfährt man sehr wenig, und das wenige fast ausschließlich aus dem Urteil jener Frauen. Da die drei jedoch in ihren Briefen auch übereinander urteilen und eine jede von ihnen sich dabei dramatisch täuscht, schien es mir unwahrscheinlich, daß die Frauen nun ausgerechnet das Wesen jenes Mannes richtig erfaßt haben sollten. Schon deshalb konnte ich, nachdem mir wieder eingefallen war, daß das Buch zum Beleg einer Annahme dienen sollte, es nicht als einen solchen gelten lassen − ganz davon abgesehen, daß die junge Kollegin den Umstand völlig vernachlässigt hatte, daß der Schöpfer des Buches und somit auch der darin enthaltenen Frauenbriefe ein Mann war. So betrachtet verdankte ich die Bekanntschaft mit der Novelle und ihrem Verfasser letztlich einem belustigenden Mißverständnis. Und dennoch gab ich der jungen Kollegin in einem ganz und gar recht: Es handelte sich um das Werk eines ungemein feinfühligen und, wie ich wohl hinzufügen darf, gütigen Meisters.

Oft habe ich in den Monaten danach versucht, der Persönlichkeit Inoues in seinen Büchern wie einem Schemen nachzuspüren. Und schließlich löste sich mir auch dieses Geheimnis − Sie werden es schon bemerkt haben. In jener Zeit, während die Eisschollen schmolzen, schichtete sich auch mein Leben sonderbar um. Auf unerklärliche Weise war die Gewohnheit des Nörgelns von meiner Frau abgefallen und auf meine ferne Geliebte übergesprungen. Und irgendwann im folgenden Sommer, ich wohnte schon lange wieder zu Hause, hörte dann auch mein Sohn auf, im Schlaf mit den Zähnen zu knirschen. War alles nur ein Traum? Ach, lieber Leser, Sie können es mir gewiß nicht sagen.

© Volker Zastrow, 1998

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam. Ich hatte in diesem Winter angefangen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen, die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbringen sollten. Natürlich kannte ich die meisten dieser Kinder, aber es kamen auch manchmal Fremde, die nicht in unserer Straße wohnten. Und wenn auch die Mehrzahl von ihnen gerade nur so lange Zeit blieb, wie der Umtausch in Anspruch nahm, so gab es doch einige, die sich hinsetzten und gleich auf der Stelle zu lesen begannen. Dann saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete, und die Kinder saßen an dem kleinen Tisch bei der Bücherwand, und ihre Gegenwart war mir angenehm und störte mich nicht. Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jedenfalls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag. Ich hätte vor auszugehen und war im Begriff, einen kleinen Imbiß, den ich mir gerichtet hatte, ins Zimmer zu tragen. Kurz vorher hatte ich einen Besuch gehabt, und dieser mußte wohl vergessen haben, die Eingangstüre zu schließen. So kam es, daß das dicke Kind ganz plötzlich vor mir stand, gerade als ich das Tablett auf den Schreibtisch niedergesetzt hatte und mich umwandte, um noch etwas in der Küche zu holen. Es war ein Mädchen von vielleicht zwölf Jahren, das einen altmodischen Lodenmantel und schwarze, gestrickte Gamaschen anhatte und an einem Riemen ein paar Schlittschuhe trug, und es kam mir bekannt, aber doch nicht richtig bekannt vor, und weil es so leise hereingekommen war, hatte es mich erschreckt. Kenne ich dich? fragte ich überrascht.

Das dicke Kind sagte nichts. Es stand nur da und legte die Hände über seinem runden Bauch zusammen und sah mich mit seinen wasserhellen Augen an.

Möchtest du ein Buch? fragte ich.

Das dicke Kind gab wieder keine Antwort. Aber darüber wunderte ich mich nicht allzu sehr. Ich war es gewohnt, daß die Kinder schüchtern waren und daß man ihnen helfen mußte. Also zog ich ein paar Bücher heraus und legte sie vor das fremde Mädchen hin. Dann machte ich mich daran, eine der Karten auszufüllen, auf welchen die entliehenen Bücher aufgezeichnet wurden.

Wie heißt du denn? fragte ich.

Sie nennen mich die Dicke, sagte das Kind.

Soll ich dich auch so nennen? fragte ich.

Es ist mir egal, sagte das Kind. Es erwiderte mein Lächeln nicht, und ich glaube mich jetzt zu erinnern, daß sein Gesicht sich in diesem Augenblick schmerzlich verzog. Aber ich achtete darauf nicht.

Wann bist du geboren? fragte ich weiter.

Im Wassermann, sagte das Kind ruhig.

Diese Antwort belustigte mich, und ich trug sie auf der Karte ein, spaßeshalber gewissermaßen, und dann wandte ich mich wieder den Büchern zu.

Möchtest du etwas Bestimmtes? fragte ich.

Aber dann sah ich, daß das fremde Kind gar nicht die Bücher ins Auge faßte, sondern seine Blicke auf dem Tablett ruhen ließ, auf dem mein Tee und meine belegten Brote standen.

Vielleicht möchtest du etwas essen, sagte ich schnell.

Das Kind nickte, und in seiner Zustimmung lag etwas wie ein gekränktes Erstaunen darüber, daß ich erst jetzt auf diesen Gedanken kam. Es machte sich daran, die Brote eins nach dem andern zu verzehren, und es tat das auf eine besondere Weise, über die ich mir erst später Rechenschaft gab. Dann saß es wieder da und ließ seine trägen, kalten Blicke im Zimmer herumwandern, und es lag etwas in seinem Wesen, das mich mit Ärger und Abneigung erfüllte. Ja gewiß, ich habe dieses Kind von Anfang an gehaßt. Alles an ihm hat mich äbgestoßen, seine trägen Glieder, sein hübsches, fettes Gesicht, seine Art zu sprechen, die zugleich schläfrig und anmaßend war. Obwohl ich mich entschlossen hatte, ihm zuliebe meinen Spaziergang aufzugeben, behandelte ich es doch keineswegs freundlich, sondern grausam und kalt.

Oder soll man es etwa freundlich nennen, daß ich mich nun an den Schreibtisch setzte und meine Arbeit vornahm und über meine Schulter weg sagte: Lies jetzt, obwohl ich doch ganz genau wußte, daß das fremde Kind gar nicht lesen wollte? Und dann saß ich da und wollte schreiben und brachte nichts zu Stande, weil ich ein sonderbares Gefühl der Peinigung hatte, so, wie wenn man was erraten soll und errät es nich, und ehe man es nicht erraten kann, kann nichts mehr so werden, wie es vorher war. Und eine Weile lang hielt ich das aus, aber nicht sehr lange, und dann wandte ich mich um und begann eine Unterhaltung, und es fielen mir nur die törichtsten Fragen ein.

Hast du noch Geschwister? fragte ich.

Ja, sagte das Kind.

Gehst du gern in die Schule? fragte ich.          

Ja, sagte das Kind.

Was magst du denn am liebsten?        

Wie bitte? fragte das Kind.

Welches Fach? sagte ich verzweifelt.

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Vielleicht Deutsch? fragte ich.            

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Ich drehte meinen Bleistift zwischen den Fingern, und es wuchs etwas in mir auf, ein Grauen, das mit der Erscheinung des Kindes im gar keinem Verhältnis stand.

Hast du Freundinnen? fragte ich zitternd.

O ja, sagte das Mädchen.

Eine hast du doch sicher am liebsten? fragte ich.

Ich weiß nicht, sagte das Kind, und wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum.

Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frißt, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. Denn nun war es schon soweit, daß alles an diesem Kind mich aufzuregen und zu ärgern begann. Was für ein albernes, weißes Kleid, was für ein lächerlicher Stehkragen, dachte ich, als das Kind nach dem Essen seinen Mantel aufknöpfte. Ich setzte mich wieder an meine Arbeit, aber dann hörte ich das Kind hinter mir schmatzen, und dieses Geräusch glich dem trägen Schmatzen eines schwarzen Weihers irgendwo im Walde, es brachte mir alles wässerig Dumpfe, alles Schwere und Trübe der Menschennatur zum Bewußtsein und verstimmte mich sehr. Was willst du von mir? dachte ich, geh fort, geh fort. Und ich hatte Lust, das Kind mit meinen Händen aus dem Zimmer zu stoßen, wie man ein lästiges Tier vertreibt. Aber dann stieß ich es nicht aus dem Zimmer, sondern sprach nur wieder mit ihm, und wieder auf dieselbe grausame Art.

Gehst du jetzt aufs Eis? fragte ich.

Ja, sagte das dicke Kind.

Kannst du gut Schlittschuhlaufen? fragte ich und deutete auf die Schlittschuhe, die das Kind noch immer am Arm hängen hatte.

Meine Schwester kann gut, sagte das Kind, und wieder erschien auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Schmerz und Trauer, und wieder beachtete ich ihn nicht.

Wie sieht deine Schwester aus? fragte ich. Gleicht sie dir?

Ach nein, sagte das dicke Kind. Meine Schwester ist ganz dünn und hat schwarzes, lockiges Haar. Im Sommer, wenn wir auf dem Land sind, steht sie nachts auf, wenn ein Gewitter kommt, und sitzt oben auf der obersten Galerie auf dem Geländer und singt.

Und du? fragte ich.

Ich bleibe im Bett, sagte das Kind. Ich habe Angst.

Deine Schwester hat keine Angst, nicht wahr? sagte ich.

Nein, sagte das Kind. Sie hat niemals Angst. Sie springt auch vom obersten Sprungbrett. Sie macht einen Kopfsprung, und dann schwimmt sie weit hinaus . . .

Was singt deine Schwester denn? fragte ich neugierig.

Sie singt, was sie will, sagte das dicke Kind traurig. Sie macht Gedichte.

Und du? fragte ich.

Ich tue nichts, sagte das Kind. Und dann stand es auf und sagte: Ich muß jetzt gehen. Ich streckte meine Hand aus, und es legte seine dicken Finger hinein, und ich weiß nicht genau, was ich dabei empfand, etwas wie eine Aufforderung, ihm zu folgen, einen unhörbaren, dringlichen Ruf. Komm einmal wieder, sagte ich, aber es war mir nicht ernst damit, und das Kind sagte nichts und sah mich mit seinen kühlen Augen an. Und dann war es fort, und ich hätte eigentlich Erleichterung spüren müssen. Aber kaum, daß ich die Wohnungstür ins Schloß fallen hörte, lief ich auch schon auf den Korridor hinaus und zog meinen Mantel an.

Ich rannte ganz schnell die Treppe hinunter und erreichte die Straße in dem Augenblick, in dem das Kind um die nächste Ecke verschwand.

Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren.

Es war am frühen Nachmittag gewesen, als das dicke Kind zu mir ins Zimmer trat, und jetzt brach die Dämmerung herein. Obwohl ich in dieser Stadt einige Jahre meiner Kindheit verbracht hatte, kannte ich mich doch nicht mehr gut aus, und während ich mich bemühte, dem Kinde zu folgen, wußte ich bald nicht mehr, welchen Weg wir gingen, und die Straßen und Plätze, die vor mir auftauchten, waren mir völlig fremd. Ich bemerkte auch plötzlich eine Veränderung in der Luft. Es war sehr kalt gewesen, aber nun war ohne Zweifel Tauwetter eingetreten, und mit so großer Gewalt, daß der Schnee schon von den Dächern tropfte und am Himmel große Föhnwolken ihres Weges zogen. Wir kamen vor die Stadt hinaus, dorthin, wo die Häuser von großen Gärten umgeben sind, und dann waren gar keine Häuser mehr da, und dann verschwand plötzlich das Kind und tauchte eine Böschung hinab. Und wenn ich erwartet hatte, nun einen Eislaufplatz vor mir zu sehen, helle Buden und Bogenlampen und eine glitzernde Fläche voll Geschrei und Musik, so bot sich mir jetzt ein ganz anderer Anblick. Denn dort unten lag der See, von dem ich geglaubt hatte, daß seine Ufer mittlerweile alle bebaut worden wären: er lag ganz einsam da, von schwarzen Wäldern umgeben, und sah genau wie in meiner Kindheit aus.

Dieses unerwartete Bild erregte mich so sehr, daß ich das fremde Kind beinahe aus den Augen verlor. Aber dann sah ich es wieder, es hockte am Ufer und versuchte, ein Bein über das andere zu legen und mit der einen Hand den Schlittschuh am Fuß festzuhalten, während es mit der andern den Schlüssel herumdrehte. Der Schlüssel fiel ein paarmal herunter, und dann ließ sich das dicke Kind auf alle Viere fallen und rutschte auf dem Eis herum und suchte und sah wie eine seltsame Kröte aus. Überdem wurde es immer dunkler, der Dampfersteg, der nur ein paar Meter von dem Kind entfernt in den See vorstieß, stand tiefschwarz über der weiten Fläche, die silbrig glänzte, aber nicht überall gleich, sondern ein wenig dunkler hier und dort, und in diesen trüben Flecken kündigte sich das Tauwetter an. Mach doch schnell, rief ich ungeduldig, und die Dicke beeilte sich nun wirklich, aber nicht auf mein Drängen hin, sondern weil draußen vor dem Ende des langen Dampfersteges jemand winkte und Komm, Dicke, schrie, jemand, der dort seine Kreise zog, eine leichte, helle Gestalt. Es fiel mir ein, daß dies die Schwester sein müsse, die Tänzerin, die Gewittersängerin, das Kind nach meinem Herzen, und ich war gleich überzeugt, daß nichts anderes mich hierhergelockt hatte als der Wunsch, dieses anmutige Wesen zu sehen. Zugleich aber wurde ich mir auch der Gefahr bewußt, in der die Kinder schwebten. Denn nun begann mit einemmal dieses seltsame Stöhnen, diese tiefen Seufzer, die der See auszustoßen scheint, ehe die Eisdecke bricht. Diese Seufzer liefen in der Tiefe hin wie eine schaurige Klage, und ich hörte sie, und die Kinder hörten sie nicht.

Nein gewiß, sie hörten sie nicht. Denn sonst hätte sich die Dicke, dieses ängstliche Geschöpf, nicht auf den Weg gemacht, sie wäre nicht mit ihren kratzigen, unbeholfenen Stößen immer weiter hinausgestrebt, und die Schwester draußen hätte nicht gewinkt und gelacht und sich wie eine Ballerina auf der Spitze ihres Schlittschuhs gedreht, um dann wieder ihre schönen Achter zu ziehen, und die Dicke hätte die schwarzen Stellen vermieden, vor denen sie jetzt zurückschreckte, um sie dann doch zu überqueren, und die Schwester hätte sich nicht plötzlich hoch aufgerichtet und wäre nicht davon geglitten, fort, fort, einer der kleinen einsamen Buchten zu.

Ich konnte das alles genau sehen, weil ich mich daran gemacht hatte, auf dem Dampfersteg hinauszuwandern, immer weiter, Schritt für Schritt. Trotzdem die Bohlen vereist waren, kam ich doch schneller vorwärts, als das dicke Kind dort unten, und wenn ich mich umwandte, konnte ich sein Gesicht sehen, das einen dumpfen und zugleich sehnsüchtigen Ausdruck hatte. Ich konnte auch die Risse sehen, die jetzt überall aufbrachen und aus denen, wie Schaum vor die Lippen des Rasenden, ein wenig schäumendes Wasser trat. Und dann sah ich natürlich auch, wie unter dem dicken Kinde das Eis zerbrach. Denn das geschah an der Stelle, an der die Schwester vordem getanzt hatte und nur wenige Armlängen vor dem Ende des Stegs.

Ich muß gleich sagen, daß dieses Einbrechen kein lebensgefährliches war. Der See gefriert in ein paar Schichten, und die zweite lag nur einen Meter unter der ersten und war noch ganz fest. Alles, was geschah, war, daß die Dicke einen Meter tief im Wasser stand, im eisigen Wasser freilich und umgeben von bröckelnden Schollen, aber wenn sie nur ein paar Schritte durch das Wasser watete, konnte sie den Steg erreichen und sich dort hinaufziehen, und ich konnte ihr dabei behilflich sein. Aber ich dachte trotzdem gleich, sie wird es nicht schaffen, und es sah auch so aus, als ob sie es nicht schaffen würde, wie sie da stand, zu Tode erschrocken, und nur ein paar Unbeholfene Bewegungen machte; und das Wasser strömte um sie herum, und das Eis unter ihren Händen zerbrach. Der Wassermann, dachte ich, jetzt zieht er sie hinunter, und ich spürte gar nichts dabei, nicht das geringste Erbarmen, und rührte mich nicht.

Aber nun hob die Dicke plötzlich den Kopf, und weil es jetzt vollends Nacht geworden und der Mond hinter den Wolken erschienen war; konnte ich deutlich sehen, daß etwas in ihrem Gesicht sich verändert hatte. Es waren dieselben Züge und doch nicht dieselben, aufgerissen waren sie von Willen und Leidenschaft, als ob sie nun, im Angesicht des Todes, alles Leben tränken, alles glühende Leben der Welt. Ja, das glaubte ich wohl, daß der Tod nahe und dies das letzte sei, und beugte mich über das Geländer und blickte in das weiße Antlitz unter mir, und wie ein Spiegelbild sah es mir entgegen aus der schwarzen Flut. Da aber hatte das dicke Kind den Pfahl erreicht. Es streckte die Hände aus und begann sich heraufzuziehen, ganz geschickt hielt es sich an den Nägeln und Haken, die aus dem Holze ragten. Sein Körper war zu schwer und seine Finger bluteten, und es fiel wieder zurück, aber nur, um wieder von neuem zu beginnen. Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich da zusah, und jetzt hätte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wußte, ich brauchte ihm nicht mehr zu helfen – ich hatte es erkannt.

An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe es nicht. Und daß ich dann die Papiere auf meinem Schreibtisch durcheinandergewühlt fand und irgendwo dazwischen ein altes Bildchen, das mich selbst darstellte, in einem weißen Wollkleid mit Stehkragen, mit hellen, wäßrigen Augen und sehr dick.


*This story is taken from: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in sieben Bänden. Vierter Band. Die Erzählungen. © Insel Verlag Frankfurt am Main 1983.

*Bild: Maria-Rubinke.

Later in the night he saw, strangely, the picture of himself as he had been before she came. 

He thought: ‚She has the power to wake the dead.‘ 

–Tanja Blixen, Tempests.

Flughafen, heute, Nacht

Im Osten ist jeder Tag anders, sagen die alten Bücher. Er besteht aus Inseln, jede Insel ist anders, auf jeder lebt eine Hexe, und ich kannte eine von ihnen.

Sie nannte sich Gabriela Sloane, wir sind alte Diebe und waren uns beim Ausbaldowern eines grandiosen Raubzugs in einem römischen Park begegnet, ohne gleich zu wissen, daß der andere ebenfalls nichts anderes im Sinn hatte, nichts anderes beherrschte, als zu rauben. Einmal war ich bereits auf ihrer östlichen Insel kriminell in Erscheinung getreten, ohne zu ahnen, daß sie dort im Jahr 5502 geboren worden war (unter dem Namen Pesach Slabosky), eine Hexenkindheit dort verbracht hatte. Während sie wie ein Opossum in seinem Keller hockte, ihre Desert Eagle ölte und an einem schimmeligen trockenen Brötchen knabberte, dinierte ich feuchtfröhlich im Penthouse mit Frobart, unserem Opfer. Immer kam sie von unten, grub Tunnel, zwängte sich durch Rohre, nächtigte in Kellern, während ich gleich oben anfing, mit kultivierten Wortkaskaden arbeitete, Schmeicheleien, vorgetäuschter edler Gesinnung. Ich wollte schon immer die Welt erobern, indem ich mich über ihr ergoß wie parfümiertes Badewasser. Sie wollte einfach nur in aller Stille rauben und morden, sich blutig rächen, ich habe bis heute nicht herausgefunden, wofür, unsere Vorgehensweisen waren recht verschieden. Aber manchmal in Sternstunden waren wir gemeinsam jung und verliebt in die Ewigkeit, weil wir wieder und wieder getrennt wurden.

Gabriela Sloane, hier saß sie nun in ihrem grünen Kostüm in der Abfluglounge des Leonardo da Vinci, man sah ihr die Keller nicht an, wenn sie aus ihnen auftauchte, diesmal war sie vielleicht Ende zwanzig, trügerisch jung, trügerisch klein, gespannt wie eine Springfeder, Haar und Augen leuchtend schwarz, und wenn ich noch irgendeinen Zweifel gehegt hatte, ob diese Diebin und Mörderin einer Sternstunde fähig und meine Geliebte, Gehaßte, Verlorene, Wiedergefundene war, ihre unverschämten Augen ließen Zweifel gar nicht erst zu. Jeder ihrer Blicke traf tief, selbst der neben ihr gierig seine Zeitung Aussaugende, den sie mißtrauisch musterte, verlor sofort die Herrschaft über sein trostloses Inneres und empfing ihre mordlustigen Gedanken wie schwarze Tinte, die sich in Wasser ausbreitet. Sah sie in ihm eine Gefahr, einen Verfolger? Niemand kann mir gefolgt sein, mir zu folgen, ist ganz unmöglich, las ich in ihrem traurigen östlichen Lächeln, das so alt ist wie die Bücher. Zwei Leichen, Frobart und Frau, die Piazza Bologna in polizeilichem Aufruhr, sie hatte mit ihrer Schießwut auch mich in große Gefahr gebracht, mein Abendanzug und die Wolke strengen Eau de Toilettes, in die ich gehüllt war, retteten mich gerade so. Killer trugen nicht Terre D’Hermes auf, wenn sie zur Arbeit gingen, schlußfolgerten nach langen Beratungen die Uniformierten.

Alte und gewaltige Gefühle wie schwarze Vorhänge verdunkelten den Duty Free Shop, in den ich ihr gefolgt war. Zwischen Baci di Dama Nocciola und Romantica Seifen standen wir uns endlich gegenüber. Aber sie wandte sich ab, um an den Seifen zu riechen.

‚Hallo, Pesach.‘

‚Kenne ich Sie?‘

Ich verstand. Es machte mehr Spaß, wenn wir es wieder nicht glauben, nicht fassen wollten, wenn wir fremdelten und die Freude leugneten. Wir sind eben nicht nur Diebe, sondern naturgemäß auch Lügner und Phantasten und akzeptieren einander als solche (waren aber, soweit ich zurückfühlen kann, nie -wie bei Lügnern sonst gang und gäbe- verheiratet).

‚Im Park vor Frobarts Haus‘, sagte ich, ‚da haben wir uns gesehen, als Passanten getarnt. Du hattest ein Nachtsichtgerät, ich nicht.‘

Jetzt roch sie nicht mehr an den Seifen, sondern an einer ihrer schwarzen Haarsträhnen, ganz Unschuld und Selbstvergessenheit, als übersteige das Hier und Jetzt im Duty Free eines Flughafens bei Nacht ihre Vorstellungskraft. Sie hatte es schon immer verstanden, ihr sogenanntes ‚Bewußtsein‘ von einem Moment zum anderen in Narkose zu versetzen (oft litt sie unter Alpträumen).

‚Wo bekommt man sowas?‘

‚Was?‘

‚Nachtsichtgeräte. Du weißt, ich bin ein technischer Idiot.‘

Sie lachte ihr weißperliges rotzüngiges Lachen. ‚Wie meinen? Sie sind wohl nicht ganz bei Trost, Sie Lackaffe.‘ Wie charmant die leicht altertümliche Wortwahl, der Hauch der Jahrhunderte, der die Hexe umwehte. Und sie wollte davonstapfen. Ich erwischte ihren kleinen Finger, an dem ich sie, mit meinem kleinen Finger, festhielt.

‚Hab dich vermißt.‘

Sie betrachtete unsere Finger, nahm sich Zeit dafür. Wollte sie sich endlich erinnern? Ohne aufzuschauen sagte sie leise: ‚Wenn Sie mich nicht sofort loslassen, werde ich Sie töten, gleich hier bei der Seife, und niemand wird es merken und für die Menschheit wird es auch kein Verlust sein.‘  Ich glaubte ihr aufs Wort. Ich sagte:

‚Also gut, Gabriela. Kommen wir zum Geschäftlichen.‘

‚Woher kennen Sie meinen Namen?‘

‚Weil ich deinen Paß gestohlen habe.‘

Mit Genugtuung schaute ich zu, wie sie in ihrer gelben Umhängetasche kramte und Identifikationspapiere herauszerrte, deren Existenz sie nie verstanden hatte.

‚Dreimal‘, lächelte ich. ‚Aber immer zurückgegeben.‘

Sie brütete über ihrem Paß, als sei die eigene Fälschung, die eigene Legende ihr fremd, unverständlich, ein Rätsel.

‚Wer sind Sie?‘

Je suis le poinçonneur des Lilas. Je fais des trous, des petits trous, encore des petits trous…‘  Ich fügte hinzu: ‚Und ich habe Frobarts Stein.‘

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie jede Bewegung einiger auffallend häßlicher vielfliegender verwöhnter Kinder, die hereinstürzten und Wassermaschinengewehre aufeinander richteten. Verfolger? Oder echte Kinder? Wie würde sie eine Übermacht von Verfolgern hier abwehren wollen? Hatte sie einen Plan? Eine unsichtbare Waffe? Helfershelfer, die ich bisher übersehen hatte? Hatte sie einen Liebhaber? Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, sie führte irgendetwas im Schilde. Jetzt bohrte sie auch noch ihren Absatz in meinen Lackschuh.

‚Ach, meinen Sie? Ihr Stein ist falsch. Hab ihn ausgetauscht‘.

‚Du gibst also zu, daß wir uns kennen? Es ist lange her, es ist erschütternd, Pesach, ich muß mich kneifen.‘

Sie bohrte ihren Absatz tiefer.

‚Und du bist schöner als jemals zuvor. Ich habe den Stein übrigens zurückgetauscht, deiner ist falsch.‘

‚Hab ich dann aber wieder ausgetauscht.‘

‚Hältst du mich für einen Amateur? Ich natürlich auch.‘

‚Aber ich nochmal wieder.‘

‚Wie jetzt? Meiner ist nicht echt?‘

‚Oder vielleicht meiner. Sie machen mich ganz meshugge.‘

‚Gabriela, sieh mich an, sag die Wahrheit, bist du es?‘

Sie schüttelte stumm ihre schwarzen Locken. Ließ ein paar Stücke Seife in ihrem Kostüm verschwinden, Macht der Gewohnheit. Eines fiel zu Boden. Wir starrten beide darauf, als hätten wir etwas unschätzbar Wertvolles verloren.

Plötzlich Rosheshone

Mein Name ist Simone Frobart. Ich habe mit Pablo zu Abend gegessen, in der Rue Gabrielle, er hat mich skizziert, aber nicht gemalt. Ich plane eine blaue Periode, hat er gesagt, und du bist mir irgendwie nicht blau genug. Also kann ich auch nicht das Bild gestohlen haben, denn es gab kein Bild von mir, verstehen Sie? Außerdem war es der 6te Oktober. Sie verstehen nicht? Ich will mal so sagen: Sie, Monsieur, sehnen sich nach dem neuen Jahrhundert, wir aber nicht, keines hat je gehalten, was es versprach. David und ich haben einen kleinen Sohn, einen Bastard, er will später mal Schaffner werden und Löcher in Billets knipsen, weiter will ich nicht denken, weitere Gespräche über die Zukunft nicht führen, bringt nur Unglück, ich habe immer Angst, ganz alte Angst. David werden Sie nie schnappen, er ist längst in Biarritz oder sonstwo. Die Knallfrösche haben wir selbst entworfen und gebastelt, wir wollten ein kleines Feuerwerk veranstalten, nur für uns, es war ja plötzlich Rosheshone, der Feiertag. Kennen Sie nicht? Gehört nicht zur Sache? Tut mir leid, daß wir das öffentliche Pissoir in die Luft gejagt haben, wirklich. Nein, ich lache nicht, ja, ich bin mir des Ernstes meiner Lage bewußt. David hat gesagt: Wir schauen in den Nachthimmel, in die Dunkelheit, aber die Sterne werden siegen. Solche Sachen sagt er halt. Ich geb’s zu, ich habe ihm das Klauen beigebracht, bei einer höheren Tochter wie mir heißt es übrigens nicht Diebstahl, sondern Kleptomanie, eine in meinen Kreisen anerkannte Gemütserkrankung, möglicherweise libidonösen Ursprungs. David stellte sich ja derart dämlich an beim Klauen, und Mitleid mit den Opfern hatte er auch immer. Es stimmt übrigens nicht, daß Mitleid keine Liebe ist, oft ist es die Liebe selbst. Schon lustig, finden Sie nicht, daß ich hier sitze und ausgerechnet dem David, der blind ist, die Flucht gelang. Sie meinen, er spielt den Blinden nur? Aha, Sie haben Beweise! Sie haben ja für alles Beweise. Dann ist er schlauer, als ich dachte, ich habe in vier Jahren nichts gemerkt. Er tastete sich so dämlich und anmutig durch die Straßen und das Leben, man muß ihn lieben, er hat sich dann in meine Liebe verliebt, sowas kommt vor. Ich glaube Ihnen übrigens kein Wort, Monsieur, Sie wollen uns auseinanderbringen, das hat schon mein Vater versucht, der ein Verräter ist und sich neuerdings jeden Abend in Sacré Coeur bekreuzigt. David schickte mir keine billets doux, er hat ja nie Geld, wir versteckten uns ein Jahr lang in Vaters Kellern, unser Sohn erblickte dort das Licht der Welt, es war eine wilde romantische Zeit, Stück für gräßliches Stück, das gebe ich bereitwillig zu, verscherbelten wir Vaters Hausrat, er dachte, es seien Gespenster am Werk. da wurde er aus Rache katholisch. Non, je ne regrette rien.

Eine Stunde vor ihrem frühen Tod (sie wurde von ihrem Vater erschlagen) schrieb Simone in ihrer steilschrägen unlesbaren wunderschönen Schrift, die sie als Vierjährige unter einer großen, sehr geliebten Sonne in einem anderen Leben im babylonischen Exil erlernt hatte, einen Brief an David.

Liebster, sie haben mich freigelassen. Pablos Bild ist in einem sicheren Versteck, sogar Dir verrate ich nicht, wo. Vater hat mich enterbt, aber eines Tages werden wir das Bild verkaufen, dann muß unser kleiner Claude nicht Schaffner werden. Heute feiert der Rest der Welt tanzend um die Gaslaternen, im Bois de Vincennes ist Feuerwerk, feurige künstliche Sterne schnuppen am Himmel herum, es sind nicht unsere Sterne, aber sie leuchten doch. Alle rufen: Es lebe das Zwanzigste Jahrhundert! und werfen ihre Hüte in die Luft. Auch wenn Du nicht blind bist, ich vermisse Dich. Nous allons changer le monde. Antworte mir.

Inzwischen am Leonardo da Vinci

Gabriela Sloane und ich starren immer noch auf das heruntergefallene Stück Seife. Die Zeit schwankt einen Augenblick, als habe sie sich im Kreis gedreht und sei dabei in Ohnmacht gefallen. Wann hatte das alles angefangen? Ich wußte es nicht. Sie wußte es auch nicht, oder sie verheimlichte es. Wir stoßen mit den Köpfen zusammen, als wir uns gleichzeitig zur Seife bücken. Im Abflugloungecafé, wo alles außer Atmen verboten ist, (wer nie ein Abflugloungecafé, wo alles verboten ist, um zwei Uhr morgens gesehen hat, weiß nicht, welchen Müdigkeiten der Planet sich entgegenbewegt), sind wir höflich. Breaking News auf den Screens, Frobarts Villa, Frobart und Frau als Leichen, in jeder steckt ein Magazin aus Grabrielas Desert Eagle, werden unter Gummiplanen herausgetragen. Stellungnahmen, Frobart war kein Unbekannter gewesen, alte Familie, Vatikanbank (das war mir neu), hatte als Knirps noch dem Duce die Hand geschüttelt. Bravo, sage ich, wir kommen hier nie im Leben weg, warum hat unser Flug wohl Verspätung, sie sind dir schon auf der Spur, sie werden gleich hier sein. Unser Flug? sagt sie mit diesem unverschämten Blick, diesem Blick, wir fliegen zusammen? Ich küsse sie. Sie schmeckt nach Rhabarber. Denkt sie etwa, ich lasse sie noch ein einziges Mal aus den Augen? Sie küßt gedankenverloren an mir vorbei, küßt die Luft.

Im Osten Rhabarber

Die Kunst, das Verbrechen, auch der Diebstahl, gründen sich auf und sind nicht denkbar ohne eine halb absichtliche, halb unabsichtliche Unaufmerksamkeit und Schläfrigkeit, eine Art von ohnmächtigem Zeitempfinden. Jeder Künstler weiß, daß der Grat zwischen dem noch im Halbdunkel schlummernden, ungeformten Werk und dem Moment, da es zu spät ist, irgendetwas zu verbessern, schmal ist. Die meisten Künstler und Verbrecher schwanken hin und her zwischen diesen beiden Stadien, trotz aller guten Vorsätze, nämlich weil sie zu faul sind, zu gleichgültig, zu selbstzufrieden, zu unaufmerksam, zu eitel. Das ist natürlich ein moralisches Problem, denn alle Kunst und jedes Verbrechen sind, in gewisser Hinsicht, ein Ringen um Rechtschaffenheit, ja, ich sage sogar: um Unschuld…

So sprach Pauline, das unscheinbare Fräulein von — (man durfte ihren Namen nicht aussprechen, eigentlich waren ihr Ästhetikvorlesungen nicht erlaubt, nur Strickstunden am Ofen).

Ein Kuß kann aber die Welt verändern, wandte ich keck ein.

Wir wollen nicht wissen, was wir tun, entgegnete sie, bis es zu spät ist, irgendetwas daran zu ändern. Der menschliche Geist, fuhr sie fort, ist ein Lumpensack. Der Körper, die Objekte der Außenwelt, heiße Erinnerungen, warme Phantasien, Schuld, Angst, Zögern, Zweifel, Lügen, kleine Freuden, große Schmerzen und tausend Dinge, die mit Worten kaum zu fassen sind, koexistieren in uns, koexistieren auch in Ihnen, Herr Frobart.

Wir befanden uns auf einer östlichen Insel mit Namen Weimar, wo die Leute ununterbrochen um die Wette dichteten. Die Insel war nicht groß, sie lag in einem eiskalten Meer, das ununterbrochen an der Insel nagte, so daß sie am Ende einfach fortgewaschen sein würde, aufgelöst, und nur ein Eiskristall vielleicht von ihr übrig bliebe. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut als Tagedieb. War ich nicht zu Höherem berufen, steckte in mir nicht ein ganz anderer Nathan Frobart? Manchmal kniete und betete ich und dachte: Die Zeit ist gekommen.

Dann küßte ich Pauline von — unter dem Flieder. Sie schmeckte nach Rhabarber, den sie heimlich einkochte und in großen Mengen nachts im Schlosskeller verschlang. Ich erfuhr, daß auch sie sich fremd in Weimar und in ihrem Leib und auf der Welt fühlte. Wir waren schon einmal hier gewesen, glaubten wir, hatten uns schon einmal unter Flieder geküßt, in einem anderen Zeitalter. Damals waren wir anders (glaubten wir), tauschten Blicke aus mandelförmigen schwarzen Augen, dufteten nach Kardamom und Mhyrre, Orangen. Irgendwie blauer waren wir, sagte Pauline. Irgendwie älter, sagte ich. Dürfen wir so sprechen, Nathan? flüsterte sie, so sprechen Hexen. Nein, so sprechen die Liebenden, antwortete ich.

Ein Kuß verändert die Welt. Mit einem Mal ist der Lumpensack aufgeräumt, alles Innere geordnet, es gibt keine Angst, keine Furcht, es ist nur noch Platz für dich darin.

Wir wurden Dichter, aber wir schrieben nicht selbst. Wir bedienten uns bei anderen, zogen ihnen die Manuskripte unter den Kopfkissen weg, klauten ihre Kladden und Konvolute. Griffen dann zu Scheren und schnitten das Ganze in Streifen wie Pökelfleisch, setzten es neu zusammen und ließen es drucken unter einem nom de plume, den ich vergessen habe. Stets trugen wir eine Münze bei uns, ich in meinem Brustbeutel, sie in ihren Unterkleidern, für den Fährmann. Unsere Sehnsucht, unsere Vorahnung, daß etwas Großes, Weltbewegendes mit uns geschehen würde, Weltruhm möglicherweise, der Sinn für die Richtung, die unser Leben einschlagen würde, erwiesen sich als richtig. Doch der Weg war länger, als wir uns vorgestellt hatten.

Woanders

Dort konnten wir nicht stehlen, weil wir tot waren (erstickt).

Portrait

Heute ist Sonntag. Unser Haus ist nur noch Schutt und Asche, thank you, Mr. Wernher von Braun. Am Muswell Hill Broadway weinen die Waisenkinder. Vater ist tot, Mutter sprach sieben Tage kein Wort, sie sprach mit ihrem Herz, bis es stehenblieb. Wir dachten, wir wären sicher in London, die Frauen rosafarben wie Marzipan, wirkten beruhigend auf unsere Nerven, die Männer aus weichem hellen leicht gekräuselten Leder, lächelten manchmal amüsiert, zogen eine Augenbraue hoch, alles beruhigend, auch die alte Sprache des Barden, die vielleicht das Laute und Scharfe kennt, aber nicht das Bellen. King Lear wird nie bellen, da können sie in Berlin toben, soviel sie wollen. Vaters Laden, der gute alte Frobart’s Bookshop, dem Erdboden gleich. Im traurigen Rest wühle ich und finde ein altes Buch über die Heimat, die verwunschenen Inseln und die wundervollen Hexen auf ihnen. Sie waren eine Möglichkeit, diese Hexen, aber meine Heimat wollte diese Möglichkeit nicht. Das Portrait einer alterslosen kleinen rabenschwarzhaarigen Hexe mit Augen, die viel gesehen haben und Geheimnisse kennen, zieht mich in eine andere Zeit, als die Inseln noch in der warmen Sonne lagen, manchmal stiegen sie aus dem Meer und wanderten über die Erde, um sich woanders niederzulassen. Eine junge Frau wie ich, Jahrhunderte schon tot, ihr Name war Pesach.

Flug 0913 ist bereit

Wieder in den verfluchten Duty Free, Bühne der unterdrückten Gefühle. Gabriela fiel ein, daß sie noch das eine oder andere, zum Beispiel Toblerone, unbedingt benötigte. Kleiner Wettstreit, wer unter den mitschwenkenden Kameras mehr Toblerone wegzaubern konnte.

‚Wir werden immer besser‘, sagte ich.

‚Ach ja? Hören Sie mal, an der Kasse trennen sich unsere Wege. Und Sie bezahlen.‘ Sie griff nach einem Minigemälde, Rom im Regen, und drückte es mir in die Hand.  ‚Das da.‘ 

Ich hielt mir das Gemälde vors Gesicht. ‚Du hättest mich beinahe geküßt…‘

‚…‘

‚Es ist spät, Gabriela Sloane. Sie sind in Gefahr.‘

‚War es nicht immer spät?‘

‚Nicht damals in Babylon‘, sagte ich.

‚…‘

‚Wir könnten nach London gehen und uns zur Ruhe setzen. Ich habe eine Stadtwohnung in Muswell Hill. Oder nach Paris, dort gehört mir ein kleines Hotel in der Rue – ‚

‚In diesem Park‘, unterbrach sie mich, ‚vor Frobarts Haus, als du dich dreist neben mich auf die Bank gesetzt hast, sind dir die Tauben aufgefallen?‘

‚Tauben?‘

‚Siehst du, du schläfst die ganze Zeit, du schlafwandelst durch unser Leben, ich hab die Schnauze voll, ich muß mich befreien von dir, du schadest mir.‘

‚Tauben?‘

‚Ja, Tauben. Sie standen im Halbkreis um uns herum, ziemlich alte Tauben, starrten uns aus ihren harten Augen an. Und der Himmel war so blau und kalt, hast du auch nicht bemerkt, er hat uns nicht verziehen. Und hiermit verkünde ich das unwiderrufliche Ende.‘

Jetzt schließlich berührte sie mich, ihre Finger (die auch mordeten) zogen einen kleinen Kreis auf meiner Hand, und sie ließ ihren schwarzen Schopf auf meiner Schulter ruhen. Es schien, als wollte sie meine Vergebung. Dafür, daß sie jung war und schön und unverdorben und eine Zukunft hatte, während ich alt und häßlich und ein Sünder war und keine hatte.

‚Lufthansa Flight 0913 now boarding…‘ Die körperlose Stimme.              

Ach, Berlin, dachten wir beide. Eine Stadt, die uns das Schicksal gnädig erspart, um die es uns in weiten Kreisen herumgeleitet hatte. Was wollte sie in Berlin? A Diamond as big as the Adlon?

‚War das Gott?‘ sagte ich.

‚Wie meinen?‘

‚Die Stimme.‘

‚Du lernst es einfach nie. Wir. Wir sind es.‘ Sie stand auf. ‚Bitte, folge mir nicht. Flieg irgendwoanders hin, flieg nach Paris, wir waren mal glücklich dort, lebe in unseren Erinnerungen, ich brauche eine Unterbrechung, eine Pause, mindestens ein Jahrhundert, laß mich einfach alleine.‘

‚Alleine..‘ sinnierte ich noch.

Da war sie schon losgerannt. Ich hatte vergessen, wie schnell sie rennen konnte, es sah aus, als sei ein kleiner Kugelblitz in die Abfluglounge gefahren. Der Rest der Welt machte Platz, spritzte auseinander, wie war ich stolz auf sie. Hatte sie recht, brauchten wir eine Pause? Erst mußte ich sie davon überzeugen, das Morden einzustellen, es lag so gar nicht in unserer Natur, Diebstahl als Kunstform war unsere Natur, Worte und Blicke waren unsere Natur.

Während des Fluges unterhielten wir uns über Nachtsichtgeräte. Die sind ganz famos, sagte sie, wenn du zum Beispiel in einem Haus mit vielen Kellern arbeitest, du siehst alles grün, es ist fantastisch, wie ein Traum. Ich liebte sie, wenn sie so fachsimpelte, und sie wußte das, wir waren Meister der Distanz, wir verstanden und ehrten den Abstand zwischen den Sternen in ihren Nachtlagern am Himmel. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände. Diesmal küßte sie nicht vorbei. Ein Kuß kann die Welt verändern, es gibt keine zeitlosen, vereinzelten, eingekapselten, unbemerkten Augenblicke, in denen wir beliebig handeln können, um dann unsere Leben weiterzuführen, als sei nichts geschehen. Es gibt folgenschwere Küsse. Manchmal muß man sie stehlen. Unruhig wandernde Seelen wissen das. Diebe sowieso.

Beim Landeanflug auf die Stadt Berlin begann die Maschine zu kippeln, dann bedrohlich zu schwanken, dann zu trudeln, und die Hölle brach los.

‚Das darf doch nicht wahr sein, Pesach, wir stürzen ab. Mitten in Europa.‘

‚In der Tat‘, sagte sie. Sie streckte mir die Zunge heraus und fischte ihre Münze für den Fährmann aus der gelben Tasche. ‚Halt lieber deine Münze bereit‘, sagte sie.

‚Hast du hier deine Finger im Spiel?‘

‚Vielleicht.‘

‚Pesach, Pesach…‘

‚Ich muß dir was sagen: es gibt auch eine Bombe.‘

‚Wir werden halb Berlin zerstören.‘

‚Mag sein.‘

‚Ist das denn wirklich nötig?‘

Nous allons changer le monde. Hast du Angst?‘

‚Hättest du wohl gerne.‘

‚Wir sind noch nie zusammen gestorben‘, sagte sie.

Ich wollte sagen: doch, o doch. Aber ich schwieg. Immer schweige ich. Ich bin nicht der einzige, denke ich, und der andere denkt es auch, und so schweigen wir alle zusammen.

‚Weißt du zufällig, was aus unserem kleinen Claude geworden ist?‘ fragte sie.

‚Was er sich immer gewünscht hatte, le poinçonneur des Lilas.

Je fais des trous…‘

Des petits trous…‘

Ich seufzte. Es wäre so schön gewesen. Sie nahm meine Hand. ‚Baruch, damals in Babylon, die Sonne auf unseren Köpfen, wie neu wir waren.‘

Dann kippte das Flugzeug mit hundertneunundzwanzig Seelen an Bord in den steilen Sturzflug und explodierte tief in der Stadt und löschte viele Geschichten aus, aber bloß vorübergehend.

Haben wir nur ein Leben? Vermutlich. Können wir aus unseren Träumen, unseren Sehnsüchten irgendeine Wirklichkeit weben wie einst die Parzen, einen verwunschenen ewigen Teppich, der uns durch die Lüfte und Zeiten fliegt? Vorbei, verlernt. Und dennoch, in unseren Sternstunden sind wir Götter. Wir lieben in anderer Form, anderer Gestalt den Menschen, den wir schon immer liebten, nichts geht verloren, wir singen nur ein Lied.

Wir waren Götter. Jetzt bin ich allein in diesem Keller, kein Licht, keine Sterne, kein Nachtsichtgerät, nur die Vergangenheit, die ein fremdes Land ist. Pesach, bist du noch dort? Oder bist du schon hier? Antworte mir.

                                                                                                                                               Für Hanna


*Copyright © Martin Kluger, 2015.

Ich schreibe: An Veras Mantel fehlt ein Knopf – den hat der Hund geholt. Sie schaut über meine Schulter. Eines Tages wird er auch mich holen, sagt Vera, du wirst schon sehen. Ich sage: Sei nicht albern.

Der Hund läuft weit voraus. Wir folgen seiner Spur im feuchten Kies. Nachts hat es geregnet. Der Weg ist zerklüftet von den Hufen der Ziegen. Richtige Straßen gibt es nicht in Ødland. Wir wandern zwischen den Häusern umher, als gäbe es hier etwas zu sehen. Ich schreibe: Nie brennt irgendwo Licht. Ich streiche und schreibe: In den Häusern brennt kein Licht, als wir vorbeigehen. Es kratzt in der Lunge. Die Luft hier sei gut für mich. Bloß jeden Tag einmal das Haus verlassen, dann würde es mir schon besser gehen – so hatten sie es formuliert. Ich hatte es mir noch notiert.

Ich schreibe: An den Gestank gewöhnen wir uns nur langsam. Von den Tieren hat man uns nichts gesagt. Vera hat auch den Hund nicht mitnehmen wollen, aber wohin mit ihm? Ich bürste ihn täglich mit angehaltenem Atem, damit er weniger haart. Neben den Ziegen gibt es hier Gänse, Hühner und einige andere Hunde, die wir nie sehen, nur manchmal in der Ferne hören. Ich hasse die Gänse am meisten, sie laufen frei herum und machen einen Heidenlärm. Vera geht ganz nah heran. Und während Vera mit den Gänsen spricht, sehe ich nach dem Hund. Der steht an der Biegung und wartet. Zum ersten Mal sieht er aus wie ein Tier, groß und glänzend, mit ganz anderen Augen.

Zurück im Zimmer, schreibe ich alles auf. Die Landschaft, die Luft. Ich muss daran denken, wie mein Vater sagte, mit zunehmendem Alter ertrage er immer weniger Schwachsinn. Genau so hat er es gesagt. Hier steht es.

Während ich meine Tabletten sortiere, sortiert Vera ihre Kleidung für die nächsten Tage.

Ich laufe gegen die Steigung des Berges an. Es ist mühsam. Das vertraute Flackern in der Lunge. Ich schreibe auf: Hier und da blüht Mohn am Wegesrand. Auch Vera hat den Mohn bemerkt, sie sagt: Es ist, als weise er den Weg. Aber das stimmt nicht. Der Mohn hat nichts mit uns zu tun, alles wächst hier ganz gleichgültig nebeneinander.

Auf dem Rückweg geraten wir in eine Herde, an uns teilt sich der Strom, wir können bloß warten, bis es vorübergeht. Wir stehen ganz dicht nebeneinander, Veras kühle Hand an meiner linken. Sie streicht über die knochigen Leiber: das Fell sei ja ganz hart und glatt. Ich mache mich ganz schmal. Ich grüße den Hirten, er grüßt nicht zurück, er blökt, wir sollen aus dem Weg gehen. Er wohnt gleich nebenan, wir begegnen ihm auf jedem Spaziergang, aber so ist das hier. Seine Frau verlässt das Haus so gut wie nie. Die Kinder grüßen auch nicht, sie sehen sich so ähnlich, dass wir uns immer verzählen. Dasselbe weißblonde Haar. Vera beobachtet die Kinder im Hof durch das Fenster in unserem Zimmer.

Ich schreibe: Die Fensterläden klopfen sachte an den Sims. Vor unserer Haustür sortiert der Hausherr das Holz. Es ist nicht viel, aber es ist wahr. Ich rufe aus dem Fenster hinunter, ob ich ihm irgendwie zur Hand gehen könne, er sieht nicht herauf, er schüttelt den Kopf. Im Hof gegenüber steht der Sohn des Hirten am Zaun. Er ist einer der älteren Jungen, er steht auf einen Spaten gestützt und schaut herüber. Ich nicke ihm zu, der Junge geht zurück ins Haus. Wir kommen nicht von hier.

Die Nächte sind wie ins Wasser gefallen. Das einzige Geräusch in ganz Ødland kommt nachts aus meiner Lunge. Ich schreibe es auf, ich streiche es durch. Ich schreibe: Einmal hören wir draußen ein Heulen. Das konnte von einem Menschen stammen, aber genauso gut von einem Tier, oder es war der Wind in einem Rohr. Oder, oder! Ich streiche alles durch. Der Hund hebt langsam den Kopf. Seine Konturen verschwimmen in der Dunkelheit des Flures, nur seine Augen leuchten bläulich und stumpf. Ich denke unwillkürlich an das Innere einer Muschel. Vera fragt, ob wir nicht nachsehen sollten, was dort los sei. Aber ich will nicht. Ich will es nicht wissen. Ich will hier einfach nur liegen, mit niemandem sprechen. An nichts denken.

Die Dinge hier laufen so, sagt Vera am nächsten Morgen: Die Männer schlagen ihre Frauen, die Frauen die Kinder, die Kinder die Hunde und die Hunde schnappen nach den Ziegen, wenn der Hirte nicht hinsieht. Und niemand schaut nach, niemand stellt irgendwelche Fragen. Und die Ziegen, frage ich, aber Vera ist schon im Bad verschwunden und hört mich nicht mehr. Ich schreibe: Na und die Ziegen rupfen das Gras mit den Wurzeln aus der Erde, sie fressen die Hänge kahl und zertrampeln die Blumen.

Dort, wo Ødland aufhört, fängt die sogenannte Wildnis an. So steht es auf einem Schild, darunter ist ein Pfeil, der in Richtung Gipfel zeigt. Auf dem Plateau ist ein letzter Gasthof. Wir machen die Leine des Hundes am Schild fest, er will uns nach, ich drücke seine Flanken auf den Boden und sage: Bleib. Drinnen setze ich mich so, dass ich ihn im Auge habe. Der Wirt steht nicht auf, als wir hereinkommen. Sonst ist niemand zu sehen. Er blättert in einer Zeitung. Ich grüße, er grüßt nicht zurück. Ich frage, ob es etwas zu empfehlen gebe, er sagt, dass es nichts zu empfehlen gebe. Ich frage, ob es denn keine Tagessuppe gebe, er antwortet, dass es keine Tagessuppe gebe und auch sonst keine.

Der Hund draußen steht mit dem Rücken zum Gasthof, er scheint in die Ferne zu sehen, als würde er dort jemanden erkennen, den Körper angespannt bis zu den Ohren, der Schwanz in der Bewegung erstarrt. Als wir zu ihm hinausgehen, bellt er Hallo, als sei nichts gewesen, und vermutlich ist auch nichts gewesen.

Ich sitze am Schreibtisch und versuche zu schreiben, aber nichts ergibt Sinn und vielleicht ist es genau so. Ich schiebe den wackligen Tisch von einer Ecke in die andere. Entweder sind die Tischbeine unterschiedlich lang oder der Boden ist uneben. Der Tee schmeckt nach Kalk und ein bisschen salzig. Ich schreibe auf: Nur schreiben, was da ist. Wenn nichts da ist – nicht schreiben. Und dann befällt mich eine große Erschöpfung, als hätte ich weiß Gott was getan. Vera steht hinter mir, ich habe sie nicht kommen hören. Ihre Hände streichen über meinen Nacken. Die Augen des Hundes unter dem Bett. Ich lehne mich vor, sie sagt: Bleib, und drückt meinen Körper zurück gegen die Lehne. Und ich halte still. Ihre Finger sind warm. Vera ist heute streng mit mir. Ich wehre mich nicht, sie zieht an meinem Pullover, sie befiehlt: Zieh das aus. Und ich gehorche.

Auf dem Heimweg begegnen wir der Frau des Hirten, sie trägt in jedem Arm einen Plastikeimer mit Getreide. Sie ist allein. Ich schreibe: Sich von dem Gefühl der Ohnmacht nicht außer Gefecht setzen lassen. Ich frage, ob ich ihr helfen könne. Sie bellt, ich solle kein Idiot sein. Ihre Stimme ist schön. Ich schreibe auf: Ich bin ein Idiot. Später im Zimmer verschwindet Vera für eine lange Zeit im Bad. Ich warte, dann gehe ich ans Fenster, wo es manchmal Empfang gibt, und versuche zweimal nacheinander meinen Vater zu erreichen, aber er hebt nicht ab. Vielleicht ist er spazieren gegangen oder er ist in die Stadt gegangen oder er ist verschwunden vom Antlitz der Erde. Ich schalte das Telefon aus und verstecke es tief in der Reisetasche. Ich setze mich an den Schreibtisch, die Stuhlbeine sind alle im Weg. Ich schreibe es auf, ich streiche alles durch. Vera kommt aus dem Bad und fragt, ob alles in Ordnung sei, aber was soll das für eine Ordnung sein?

Die Nase des Hundes stößt feucht gegen meine Hand, ich schiebe ihn von mir, aber er lässt nicht ab. Vera schläft fast geräuschlos, ein Fuß berührt die Wand, der andere ist unter der Decke vergraben. Mein Brustkorb fühlt sich an wie ein Hohlkörper, eine Lunge wie morsches Holz. Ich weiß nicht einmal, wovor ich mich fürchte. Ich schreibe: Das Herz ist schon gar kein Herz mehr. Es muss angebunden werden, wie ein Boot, sonst treibt es davon. Ich streiche es durch, ich schreibe: Wie ein Hund. Unter anderem: die Angst vor dem Telefon. Die Befürchtung, es könnte jeden Moment klingeln. Ich könnte nichts tun. Dass Vera fragen würde, warum ich nicht rangehe, dass ich nicht wissen würde, warum ich nicht rangehe.

Ich stehe auf und der Hund ist sofort da. Ich drücke seine Flanken zurück auf den Boden, er wehrt sich, ich bin grob. Er solle liegen bleiben. Er murrt, er bleibt liegen. Ich schreibe: Kein Selbstmitleid zulassen. Und: mehr Geduld. Die Treppe ächzt bei jedem Schritt, die untere Etage bewohnt der Hausherr ganz allein, aber er wird nicht wach, zumindest ist nichts zu hören.

Barfuß auf dem kühlen Steinboden. Im Haus gegenüber sitzt jemand auf der Veranda, ich kann nicht erkennen, wer. Für einen Moment denke ich an meinen Vater. Ab und zu glimmt im Dunkeln die Glut einer Zigarette. Ich huste, ich sage: Hallo. Aber niemand antwortet mir.

Ich öffne so geräuschlos wie möglich die Tür, aus dem Zimmer dringt ein verhaltenes Knurren. Mein Hund erkennt mich nicht. Ich zwänge mich durch den schmalen Spalt: Ich bin es, ich bin es doch.

Ich liege im Bett, auf dem Bauch, das Gesicht zur Seite gedreht. Wenn ich es später aufschreibe, schreibe ich: Völlig betäubt. Ich liege da und höre Vera zu, wie sie umherschleicht. Vera denkt, ich schlafe, aber ich höre ihr zu. Wie sie ins Bad geht und sich leise anzieht. Das Geräusch der Bürste in ihrem Haar. Wie sie sich aufs Fensterbrett lümmelt und eine Weile liest, das Geräusch des Umblätterns. Ich bleibe noch liegen. Ich höre, wie sie aufhört zu schleichen, wie sie anfängt, Kaffee zu kochen, das Geschirr zu spülen. Wie viel Geschirr kann da sein, dass das so lange dauert? Ich grabe meine Stirn tief ins Laken.

Vera ist nachlässig gekleidet: Am Hemd hat sie sich verknöpft, das Haar ist im Nacken zusammengeknüllt. Sie sitzt auf dem Fensterbrett und baumelt mit den nackten Beinen. Ich kann es nicht leiden, wenn sie tut, als sei sie fünf. Ich sehe mit Absicht nicht hin. Der Hund hat den schweren Kopf vor sich auf die Pfoten gebettet, die Ohren sind wachsam. Vera hebt ihre Beine aufs Fensterbrett, sie sagt: Er lauert. Ich sage: Er ist ein Hund, er liegt eben herum, was soll er deiner Meinung nach tun?

Ich schreibe: Wir laufen gegen den Berg an. Am Gasthof vorbei. Der Wirt sieht uns nach. Oder anders: Wir laufen den Berg hoch, an dem Gasthof vorbei. Im Fenster steht der Wirt. Oder: Es gibt den Berg, den Wirt und uns. Oder auch: Es gibt den Berg, den Wirt und den Hund. Und Vera. Und mich. Im Zimmer streiche ich alles durch, ich schreibe alles auf, was ich sehe, aber es ist immer noch mehr da. Und alles, was dasteht, steht für immer da. Was nicht da steht, verschwindet. Ich schreibe: Es gibt die Landschaft und die Lüge. Das Nebeneinander der Dinge und den Versuch, eine Ordnung zu schaffen. In einer Welt, die zumindest ich nicht verstehe.

Es ist fast Mittag. Ich liege im Bett und schreibe: Beim Aufwachen schon dieses Gefühl. Ein Wollen unbestimmter Natur. Ein Sich-losreißen-Wollen. Etwas, das das Herz losmacht. Ich versuche, meinen Vater zu erreichen, aber er geht nicht ran. Ich denke daran, wie er einmal gesagt hat, dass ihm nur eine Sache wirklich wichtig sei: Wenn er sterbe, solle das ja niemandem Umstände machen. Wenn es nach ihm ginge, könnten ihn die Hühner fressen und niemand solle es erfahren. Genau so hat er es gesagt. Hier steht es.

Vera ist Milch holen gegangen, im Laden. Ganz selbstverständlich ist sie losgegangen. Ist die Milch alle, wird neue gekauft. Als wäre das nichts. Ich schreibe: Bei mir steht immer alles in Frage, die einfachsten Dinge. Atmen ist ein Problem.

Ich laufe gegen die Steigung des Berges an, der Gasthof ist jetzt schon nicht mehr zu sehen. Der Hund zieht und zieht, als wüsste er, wohin. Mein Blick folgt den krummen Linien möglicher Wege, kahle Stellen im Gras, die zu einem Pfad werden könnten. Alles muss schnell noch aufgeschrieben werden, bevor es verschwindet. Nach einer Weile fühlt sich das Laufen an, als würde ich mich gar nicht bewegen. Als würde die Erde unter meinen Füßen davongleiten, ohne mein Zutun. Ich schreibe: Nicht wissen, wo man ankommt, beim Losgehen. Das Boot losmachen. Ich lasse den Hund laufen und er läuft. Die Luft ist ganz klar.

Ich schreibe: Vielleicht meiden die Kinder der Nachbarn uns nicht gemeinsam. Sondern jedes meidet uns für sich, jedes aus einem anderen Grund. Vielleicht schnappt der Hirte nach den Ziegen, wenn die Hunde nicht hinsehen. Und die Ziegen? Die fressen das Gras. Und das Gras? Das wächst und wächst, als wäre nichts gewesen. Heute und morgen und auch an jedem anderen Tag, ob wir hinsehen oder nicht.


*Copyright © Margarita Iov, 2015. 

*Bild: Maxime Sabourin More.

Als Ferdinand Klingenreiter das Publikum, liebe Freunde, Familie, liebe Kinder, um Ruhe für seine Große Illusion bat, lachten einige, die meisten redeten weiter. Die Mädels vom Stadelmann unterbrachen ihre jauchzende Jagd und wandten sich zur Bühne. Die jüngere – Michaela oder Martina oder sonst ein Name, der für einen Jungen reserviert gewesen war und ein a angehängt bekam – rief schrill und munter durch den Saal: »Mami, wer ist der Opa?«

Klingenreiter winkte ihr zu, so süß wie die aussah, die Zöpfe, das Dirndl, worauf sie erschrocken zur Stadelmännin rannte und deren Arm umarmte. »Das ist doch Freddie, mein Schatz«, erklärte die Mutter, »Freddie … der Famose. Er zaubert uns gleich was.«

Freddie, der Fantastische, wäre korrekt gewesen, aber Klingenreiter machte sich nichts daraus, es war ja sein erster Auftritt überhaupt, wie sollte sich da jemand seinen Bühnennamen schon gemerkt haben?

Insgesamt war es doch etwas leiser geworden im Gemeindesaal, man hörte die Kaffeemaschine glucksen.

Klingenreiter sah zu dem Tisch, an dem Felix saß. Oder vielmehr lag, so tief war der Junge in den Stuhl gesunken, die Hände in den Taschen, der Kopf in der Kapuze, ein Auge unter der Frisur. Was Felix von seinem Körper unsichtbar machen konnte, machte er unsichtbar. Das andere Auge starrte auf die Cola oder auf die Salzstangen im Plastikbecher auf der Plastiktischdecke. Dem Blick des Großonkels begegnete es nicht.

Im Kopf woanders, der Junge. Oder einfach lieber nicht hier.

Ferdinand Klingenreiter machte das nichts aus. Auch in seinem Kopf hatten die Gedanken zeitlebens selten dort Vergnügen gehabt, wo er sie gebraucht hätte, na und? Sind Kirschen und Träume pflücken gegangen, statt Schulaufgaben zu lösen. Merkten sich weder Formeln noch Verse, und sehr schwer nur, wie man die Maschinen richtig bediente. Oder doch, einige Verse schon, welche, die seine Käthe schrieb.

Zaubertricks lernte er dafür mit jener Leichtigkeit, die so groß nur im Nutzlosen stecken konnte.

Im Kopf woanders, im Körper irgendwie auch. Klingenreiter konnte sich immer schon in einer Weise unauffällig verhalten, dass man seine Gegenwart vergaß. Felix hätte ihm dieses Talent neiden können. Diesen Zauber. Brachte aber nicht nur Vorteile. Klingenreiters Eltern hatten in seiner Anwesenheit so heftig gestritten, als wäre er gar nicht da. Das Geschrei ging oft noch weiter, nachdem er sich zu Wort gemeldet hatte. Das waren die einzigen Momente, in denen Klingenreiter sich seinen Bruder nah gewünscht hatte. Wenn Franz da war, ruckelte niemand am Haussegen.

Erst spät, vielleicht überhaupt erst nach Franzens Tod im letzten Jahr, kam es Klingenreiter in den Sinn, dass sein Talent keines zur Unauffälligkeit gewesen war. Es war seinen Eltern, Franz, überhaupt den Leuten schlicht egal, ob er anwesend war oder nicht. Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein.

Vielleicht Käthe nicht. Nein, Käthe gewiss nicht, Käthe war er nicht egal gewesen, sie hatte in seiner Anwesenheit immer fröhlich gezwitschert, und man könnte natürlich jetzt sagen, ob mit oder ohne ihn, die Käthe habe so oder so viel gezwitschert, aber das stimmt nicht, Käthe stellte ihrem Mann gelegentlich auch eine Frage, und obwohl sie das vielleicht nur getan hat, um sicherzugehen, dass er zuhörte – indem sie Klingenreiter eine Frage stellte, nahm sie Klingenreiter wahr. Die Tür sprang auf und in den Saal marschierten Thomas und die Familie, also alle außer Felix. Lisa, die Zwillinge, der kleine Max, ein Fässchen mit Fäustchen im Mund neben dem großen Fass, das sein Vater war.

Einige drehten die Köpfe, ein paar standen auf, um Thomas zu begrüßen, so soll es sein, der Chef trifft ein. Klingenreiter nickte seinem Neffen zu, der eine entschuldigende Geste Richtung Bühne machte und sich zu Felix an den Tisch setzte, was der mit einem Schluck Cola ignorierte.

Der Thomas machte das gut mit dem Sägewerk, das heißt, er war informiert und unnachgiebig. Holte jetzt sogar, am Sonntagnachmittag, einen Stapel Papiere aus seiner Tasche, gewiss für die Arbeit. Klingenreiter wollte fortfahren, da machte sein Neffe eine fragende, kreisende Geste über dem Stapel und zeigte in den Saal, er schien Klingenreiter etwas mitteilen zu wollen, und Klingenreiter zuckte wie zur Erlaubnis mit den Schultern.

Daraufhin ließ Thomas den Stapel herumgehen, »jeder nur eins«, und fast jeder nahm sich ein Blatt oder eine Broschüre, oder was das war, waren ja fast nur Werksarbeiter mit den Familien da. Es raschelte jetzt an jedem Tisch, alle lasen sich das durch. Ganz hinten beim Ausgang saß ein einzelner Mann, der alte Stangl war das, er lehnte den Stapel ab.

Klingenreiter wartete, was sollte er auch tun? Neben ihm seine Kiste. Zwei gelbe Blitze, ein rotes Fragezeichen. Eiche. Der Stangl, der war ja auch ein Streitgrund gewesen für die Eltern. Dieser Name, in großer Lautstärke ausgesprochen, gehörte zu Klingenreiters frühesten Erinnerungen. Zog sich über Jahre hin, bis Vater ihn irgendwann verjagt hat.

Mutter hatte Stangl gemocht, das war Fakt. Sie duzten sich sogar, aber für mehr war doch das Sägewerk zu klein! Wäre etwas vorgefallen zwischen den beiden, ein Absauggebläse hätte es erfahren und ein Spaltkeil verraten.

Der Stangl müsste näher an hundert als an neunzig sein. Ist aus dem Tal extra heraufgekommen. Mit dem Bus. Hat Klingenreiter sofort gesucht, um ihn zu begrüßen. Das reicht doch, damit alles gut ist, zwischenmenschlich, jemanden suchen, um ihn zu begrüßen. Sonst einen Freund hatte der Stangl hier aber nicht.

Thomas holte sich jetzt einen Kaffee. Klingenreiter wollte darüber fast den Kopf schütteln, aber wie sähe das aus, ein kopfschüttelnder Magier?

Der Gang, der Nacken und immer der Ehrgeiz. Thomas war wie Franz. Wegen zu viel Ehrgeiz hatten Vater und Franz überhaupt ihren einzigen großen Streit gehabt.

Das war, als Franz vom Studium zurückgekommen war mit Ideen. Franz wollte erneuern, wollte investieren, den Laden ›entwurmen‹. Gabelstapler, Blockzüge, mechanische Sortieranlagen.

Davon hat Vater nichts wissen wollen. Nicht, weil er nicht einverstanden gewesen wäre. Ihm gefiel nicht, dass Franz Sätze mit »An deiner Stelle würde ich« anfing. Ihm gefiel der Druck nicht. Schöne und gute Ideen sind schön und gut, aber Vater wollte Franz eine Lektion in Ideenwirtschaft erteilen, und Lektion eins hieß: Ideen gut verpacken.

Am Ende hat man modernisiert, ein wenig rationalisiert auch, aber eben erst als Vater selbst sich die Zeit angeschaut und gesagt hat, reif ist die jetzt.

Die einzigen Ideen, die Klingenreiter hatte, betrafen die Kantine und das Programm bei der Weihnachtsfeier. Ferdinand Klingenreiter liebte das Sägewerk, und er liebte die Unterhaltung, und es hat ihm nichts ausgemacht, ein Leben lang beim eigenen Bruder angestellt zu sein, mochten die Leute doch reden.

Zu einer Sache nur hat er sich geäußert, zu der Sache mit den Holzfässern. Klingenreiter war dagegen, die Herstellung von Fässern aufzugeben, wie Franz es vorgeschlagen hatte, vor allem aus nostalgischen Gründen. All das Bier, das in Klingenreiter-Fässern gelagert wurde! Und in Zukunft weiter gelagert werden könnte! Er wurde laut gegen Franz und Vater, als ginge es um wer weiß was Wichtiges.

Nostalgische Gründe waren in der Familie nie gewichtige Gründe gewesen. Die Nostalgie ist eine Komplizin von Spinnern, keine von Gewinnern. Die Fassproduktion wurde eingestellt, keine Minute zu früh. Der Rückgang des Produktionswerts in den folgenden Jahren fiel gigantisch aus, überall gab es nur noch Aluminium und Kunststoff und anderes herzloses Zeug, und immer mehr Leute tranken Bier aus Flaschen und Dosen, furchtbar.

Käthe, und was Käthe zu ihm sagte:

›Du Kindskopf, du.‹

›Wo bist du wieder, Freddie, du, bleib doch mal bei mir.‹

›Mein Freddie, du.‹

Das hatte er sich gut gemerkt. Viel von dem, was seine Käthe gesagt hat. Seine Gedanken mahnten ihn manchmal mit Käthes Stimme, gängelten ihn, nahmen ihm Entscheidungen ab, denn im Entscheiden war er erbärmlich. Es gab auch mal Tacheles von den Gedanken, leider viel zu selten.

Seine Hände zitterten. Er ballte sie zu Fäusten. Ferdinand Klingenreiter hatte nie viel zu sagen gehabt, und jetzt zitterte er auf der Bühne, während die Leute darauf warteten, dass er etwas sagte. Dabei wusste er und spürte er, dass immer noch allen egal war, was das war, was er sagen würde, Hauptsache, er nahm seine Medizin und ging in der Nacht nicht noch mal auf der Landstraße spazieren.

Vielleicht Felix, vielleicht war es Felix nicht egal.

Seine Kiste lauerte unerschütterlich an seiner Seite. Die beiden Blitze wie Augen. Vielleicht war den Leuten Magie nicht egal.

Klingenreiter räusperte sich, um die sogar jetzt, während er auf einer Bühne stand, davonjagenden Gedanken zurückzurufen, die Boxen räusperten sich schrill mit. Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit.

»Meine Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Kinder.« Klingenreiters Lächeln wurde breiter. Gleich würde er aussprechen, was er ein Leben lang vor einem Publikum hatte aussprechen wollen, und alles, was über vierzig Seelen war, konnte freilich Publikum genannt werden, plus der Kirchenchor hinter der Bühne. Zwei Stunden vor Beginn des offiziellen Programms, für eine Zaubereinlage, nicht schlecht, Herr Specht, dachte Klingenreiter.

Wieder suchte er den Blick seines Großneffen, und diesmal erwischte er einen Zipfel blauer Pupille, doch Felix senkte den Kopf. Klingenreiter nahm es ihm nicht übel, er wusste nun, der Junge war dabei, der Junge passte auf, wollte bloß beim Aufpassen nicht erwischt werden.

»Was Sie sogleich zu sehen bekommen, wird Ihre Meinung über die Magie für immer verändern. Damit Sie es aber sehen, brauche ich einen Freiwilligen.« Klingenreiter öffnete einladend die Arme, sein Hemd glitzerte, die Kaffeemaschine piepte. Niemand rührte sich.

Die große Illusionistin Halima hatte am Höhepunkt ihrer Show etwas ganz anderes, etwas Freches gesagt, das traute sich Klingenreiter nicht: »Magie ist nicht das, was ich mache. Magie ist, was ihr nicht seht, dass ich mache.« Halima, mit schwarzer Mähne und langen Armen, die auf und ab schlugen, während sie über die Bühne sprang, tanzte, flog.

Auch hatte Halima dramatische Musik zur Untermalung ihrer Tricks und Illusionen, Klingenreiter hatte bloß die Kaffeemaschine. Der Kirchenchor hätte eigentlich zur Verfügung gestanden, die hatten vor seiner Nummer für den Abend geprobt, hat Klingenreiter ausnehmend gut gefallen, zuerst What if God was One of Us, dann das sehr traurige Wir sind nur Gast auf Erden, und der sehr fröhliche Abgang Always Look on the Bright Side of Life, alles sehr passabel, Fichtner hatte kaum eingreifen müssen. Mit Fichtner hatte Klingenreiter sich aber auf kein Lied zur Begleitung der Illusion einigen können. Klingenreiter hätte gern gehabt, dass der Chor bloß summte, und zwar The Final Countdown, erste Wahl, oder dieses eine, das jeder kennt, aus Carmina Burana, zweite Wahl. Summen kam für den Chorleiter aber nicht in Frage.

»Natürlich nicht, Mann, Freddie.« Auch Felix hatte dazu eine Meinung gehabt.

Die offizielle Ausrede von Fichtner lautete, die Bühne sei zu klein für den Chor und Klingenreiter und Klingenreiters Kiste, die mit Klingenreiters ausgebreiteten Armen noch immer auf ihren Einsatz wartete.

Für Halimas Zaubershow hatte Klingenreiter zwei VIP-Plätze reserviert, für sich und für Felix in der zweiten Reihe. Vor genau einem Monat war das, kurz nach Felix’ vierzehntem Geburtstag, das Ticket Klingenreiters Geschenk an den Jungen, aber auch Klingenreiters Geschenk an Klingenreiter, seine erste große Zauber-Show. Für jemanden, der von Kindesbeinen an für die Magie schwärmte, der Harry Potter mit 65 gelesen hatte und das Haus nie ohne ein Kartenspiel in der Tasche verließ, war es wirklich an der Zeit gewesen.

Auch auf den Besuch der Landeshauptstadt mit Felix hatte Klingenreiter sich gefreut. Er hatte ein türkisches Restaurant für das Abendessen ausgesucht, die Idee dahinter war, dass es zu Hause keinen Türken gab. Dem Jungen schien es egal zu sein, er fragte, ob er Cola bestellen dürfe.

»Du musst doch nicht nach Erlaubnis fragen.« Klingenreiter lachte.

Felix sagte »okay« und bestellte ein Bier.

Klingenreiter riss die Augen übertrieben auf, Felix grinste gelangweilt.

Vierzehn Jahre, das war doch schon einiges, dachte Klingenreiter und bestellte ein Helles und ein extra Glas und goss etwas für Felix ab, und der rührte es nicht an, trank seine Cola, und Klingenreiter trank auch nur die Hälfte wegen der Medizin.

»Was machst du eigentlich sonst gern?« Er konnte sich nichts außer irgendwas am Computer vorstellen.

»Warum ich?«, fragte Felix.

Klingenreiter verstand nicht.

»Warum hast du nicht die Zwillinge mitgenommen? Die hatten auch Geburtstag. Oder Max? Der ist vier, der steht sicher auf so was.«

Klingenreiter lächelte und hasste es, dass er lächelte. Dass er immer aus den Ecken lächeln musste, in die er gedrängt wurde. An der gefliesten Wand hing ein Wandteppich, der Tresen war aus Glas und Metall. Klingenreiter suchte Holz und fand keines. Der Junge wirkte entspannt, wie es Sieger sind. Als wäre er froh, dass ihnen die einfachste Unterhaltung nicht gelang.

Mit Thomas und der Familie waren es achtundvierzig Leute im Gemeindesaal. Inzwischen waren sie alle still, ein Freiwilliger für Klingenreiter war aber immer noch nicht gefunden.

Klingenreiters Arme wogen schwer in der angedeuteten Umarmung. Vielleicht schwiegen die Leute, weil sein eigenes Schweigen zu groß geworden war. Weil es unangenehm ist, wenn einer auf der Bühne steht und nichts sagt. Vielleicht hatte er sich aber auch wieder eingenässt, und das Schweigen war ein betretenes.

Felix leckte das Salz von einer Salzstange.

An der Wand gegenüber hing das ewige Spruchband: »Das Wort ward Fleisch.«

Neben ihm seine Kiste. Die Blitze wie Vorwürfe, das Fragezeichen ein hämisches Grinsen.

Er hatte die Kiste selber entworfen. Fast fünfzig Jahre in einem Sägewerk angestellt, und mit siebenundsiebzig die erste eigene Anfertigung, vom Entwurf bis zur Herstellung.

Gut, Holger Schwarzmann hatte ihm für den Feinschnitt seine nicht zitternden Hände geliehen und Theo Schwarzmann für das Stecksystem die Muskelkraft. Den Zuschnitt hat er aber selbst hinbekommen. Als es um die Maschen und Finessen ging, um das Wesentliche jedes Zauberutensils, musste er den Schwarzmann Junior mehrmals überstimmen, das hat den ganz aus dem Konzept gebracht, dass der alte Klingenreiter ihm widersprach, dabei hatte Klingenreiter sich noch zurückgehalten, weil ihm klar war, dass man von jemandem, der sein Leben lang Kisten für den Transport von Kartoffeln hergestellt hat, nicht erwarten konnte, dass ihm auf Anhieb eine Kiste für eine Große Illusion gelang, eine Kiste für die Kunst.

Die Schnittflächen mussten sauber sein, makellos, und der Schwarzmann ging mit einer Stichsäge ran, direkt aus der Hand in den Freischnitt rein! Es zählte doch jeder Millimeter! Also hat Klingenreiter ihm die kleine Japansäge gegeben, die er Franz vor Jahren geschenkt hatte. Dort, wo der war, ob Himmel oder Hölle, brauchte es keine Sägen mehr.

Hon Dozuki Deluxe hieß die Säge. Rattangriff. Tolles, auch schönes Gerät, das kann man von unseren Sägen nicht behaupten, dass die je schön waren.

Ja, und dann kam Felix vorbei, das war eigentlich das Beste, dass der Junge gefragt hat, was es mit der Kiste auf sich hatte.

»Ist für eine magische Illusion«, antwortete Klingenreiter.

»Wie?«

»Ich übe Verschwinden.«

»Ist es ein Trick?«

»Kommt drauf an, ob man der ist, der verschwindet, oder der, der zusieht.«

Felix spuckte seitlich aus.

»Ich würde die Kiste anmalen.«

»Das hatte ich vor.«

»Nein, ich meine, ich würde sie anmalen. Wenn ich darf.«

Natürlich durfte er. Klingenreiter konnte seine Freude kaum verbergen, und Käthe fragte sich in seinen Gedanken, warum man Freude überhaupt je verbarg.

Noch am selben Abend trafen sie sich in der Fertigungshalle. Klingenreiter hatte Farben besorgt, Pinsel, Licht. Auch Musik und Vesper, das wollte der Junge gar nicht, er wollte seine Ruhe und seine Cola.

Vier Stunden blieben sie in der sonst menschenleeren Halle. Nach vier Stunden riecht man das Holz nicht mehr, nicht das Anti-Schimmel-Mittel.

Dieser Abend wäre Klingenreiters Antwort gewesen auf Felix’ Frage, warum er ausgerechnet ihn mitgenommen hatte. Großonkel und Großneffe bemalen eine Kiste für ein Zauberstück, in der 900 m2 großen Fertigungshalle des Familiensägewerks, umgeben von Holztafeln, Holzrahmen, Holzbalken, Holzmaschinen, umgeben von den zu Spänegeistern und Holzstaub gewordenen toten Klingenreitern, die ehrgeizig, nach Art der Familie, um sie herumspuken.

»Freddie? Darf ich mal kurz …?« Das war Thomas. Er winkte mit den Papieren und machte sich auf den Weg zur Bühne, ohne die Antwort abzuwarten. Klingenreiter fühlte sich inzwischen ganz wohl dort oben. Auch seine Arme wurden leichter, je näher Thomas kam. Mit den Papieren in der Hand und so forsch wie er sich in Richtung Bühne drückte, wollte er bestimmt eine Ansage machen.

Jetzt? Klingenreiter stieg eine Hitze ins Gesicht, aber die Worte kamen freundlich heraus: »Meine Damen und Herren, wir haben unseren Freiwilligen! Bitte um Applaus für Thomas Klingenreiter!«

Thomas verstand nicht, der Applaus übersetzte es ihm.

Sofort streckte er die Arme vor, als schöbe er etwas Schweres von sich, und wich zurück.

»Bist ein Feigling?« Klingenreiter wusste nicht, hatte er das gedacht oder auch gesagt? Es war ihm ganz und gar egal. Er sah zu Felix. Der hatte sich aufgesetzt und sich das Haar aus der Stirn gestrichen.

Anderthalb Stunden lang hatte Halima, die First Lady der Magie, auf der Bühne alles gegeben. Fünfundvierzig Minuten lang gab Felix nicht zu erkennen, wie er das fand. Er war in seinem Sitz versunken, die Hände in den Taschen. Erst vor der Pause wurde der Junge sozusagen sichtbar und setzte sich wie jemand mit einer Wirbelsäule hin.

Halimas Gäste, ein Paar aus der Ukraine, tanzten eine irrwitzige Kleiderwechsel-Nummer, eine Telefonzelle als einzige Requisite. Der Mann betrat gleich zu Beginn die Telefonzelle in einer Unterhose mit Mickymäusen drauf, einen Atemzug später verließ er sie im Anzug. So ging es weiter, minutenlang, tanzen und umziehen.

»Quickchange«, flüsterte Klingenreiter. »Brauchst vor allem einen guten Schneider.«

Felix schien nicht zuzuhören, Felix beugte sich vor.

Die Nummer ging unter großem Applaus zu Ende, der Junge applaudierte mit, Klingenreiter applaudierte dem Jungen.

In der Pause standen sie bei Brezel und Cola im Foyer, und Klingenreiter beobachtete, wie Felix zwei Mädchen in seinem Alter beobachtete.

»Ich zeichne Klamotten«, sagte Felix, den Blick noch immer auf den Mädchen.

»Wie bitte?«

»Das wolltest du doch wissen. Was ich gern mache.«

»Ja! Ja, wollte ich. Das ist gut. Ich finde das gut«, sagte Klingenreiter und kam sich dämlich vor.

»Mir egal, wie du das findest. Muss niemandem gefallen. Mir gefällt es.«

Zum zweiten Akt wurde das Licht gedimmt, die warmen Töne verschwanden, Glockengeläut erklang. Halima betrat die Bühne ganz in Schwarz. Der Saal war stockfinster. Der Geruch von Kirche am Sonntag lag in der Luft.

Halima tanzte auf schwarzen Seilen, ließ die Seile verschwinden, tanzte in der Luft, langsam, wie trauernd. Sie stieg in einen Käfig und verließ den Käfig als Mann und Maus, Mann und Maus kletterten auf ein Bett, das in Flammen aufging, und als die Flammen gelöscht wurden, stieg Halima aus dem Rauch. Sie steckte sich ein Schwert in die Speiseröhre, bettete sich auf Speerspitzen und sagte ein Gedicht von Edgar Allan Poe in Gänze auf.

Wie jeder Mensch, dem etwas ernst ist, verausgabte sie sich, ihre Schminke zeigte Risse. Das Publikum klatschte selten Beifall und war doch in ihrem Bann. Sie wollte nicht überraschen, sie wollte die perfekte Illusion, ihre Miene war kalt, fast verkrampft.

Klingenreiter begriff alles. Warum diese Drehung, warum jene Position. Jeden Aufbau und jedes Finale konnte er sich mechanisch oder visuell oder handwerklich erklären. Er genoss aber nicht die Erklärung, sondern das Unerklärliche – Halima machte keine Fehler, gab sich keine Blöße, so dass jede von seinen Erklärungen letztlich eine Vermutung blieb.

Sie zitierte die großen Magier, deren Illusionen und Legenden Klingenreiter ein Leben lang begleitet hatten. Zu ihnen konnte er sich flüchten, wenn ihm das Büro, das Holz, die Familie zu viel wurden.

Halima zitierte Houdini und ging durch eine Wand, sang dazu zweistimmig in einer fremden Sprache.

Sie zitierte Hofzinser und verwandelte die Bühne in einen Salon, in dem Tee für die Zuschauer serviert wurde und Rabenvögel zwischen ihnen liefen wie livrierte Diener. Die Magierin als Gastgeberin; sie flüsterte ein Wort hier, strich dort über eine Schläfe, jetzt ein Kartenspiel in der Hand, jetzt ein Tuch, dann eine schwarze Taube. Als die Bühne wieder ihr allein gehörte, lagen auf dem Teewagen, auf dem Teppich: Uhren, Schmuck, Geldbeutel, Telefone. Das Publikum johlte.

Vor ihrer letzten, der größten Illusion, einem Befreiungsakt, suchte Halima nach einem Assistenten. Sie sah über Klingenreiter hinweg, deutete hinter ihn, schüttelte den Kopf, und jetzt begegneten sich ihre Blicke, er zeigte auf Felix und fühlte sich doch erkannt, sie hatte ihn ausgesucht aus hunderten.

Schon war er oben, verneigte sich vor der Magierin. Applaus brandete auf, ebbte ab, Halimas Helferinnen umschwirrten ihn wie schwarze Schmetterlinge, eine Klarinette träumte wach.

Schön wäre, dachte der alte Mann, so ein Tod.

Halima erklärte Klingenreiter, was man von ihm erwartete, er hörte nicht zu, er wusste doch, was er zu tun hatte, ihn interessierten ihre Finger, immer in Bewegung, welche Zeichen gab sie wem? Ihm?

Mittig auf der Bühne bleckte eine komplizierte Apparatur die Zähne aus Klingen und Flammen, ein Seil hing darüber. Die Schmetterlinge überreichten Klingenreiter eine Zwangsjacke, er sollte sie auf Funktionstüchtigkeit hin überprüfen, Halima beim Anziehen helfen, die Gurte festzurren, so fest er konnte.

Er griff in den Ärmel und entdeckte sofort die Schnur, mit der sich das Innenfutter lösen ließ, um mehr Platz zu haben.

Auch wusste er: Das brennende Seil, an dem Halima in der Jacke gleich hängen würde, hatte ein Inneres aus Stahl, war also durch Feuer gar nicht zu zerstören, ein Techniker würde es per Fernsteuerung durchtrennen, kurz nachdem Halima sich befreit hätte, sie schwebte in keiner Gefahr.

Was, wenn Klingenreiter sich umsähe und Felix den Trick erklärte? Und Klingenreiter sah sich um, die Zwangsjacke in den Händen, er stand mit dem Gesicht zum Parkett, und Thomas sagte: »Ich müsste mal eine Durchsage für die Jungs von der Frühschicht machen.«

Das mit dem Feigling hatte Klingenreiter sich leider nur vorgestellt gehabt. Und da sah er Felix auf sich zukommen. Er nimmt mir jetzt das Mikro weg, dachte er, er sagt jetzt, dass ich der Feigling bin, weil ich mich nicht wehre, nicht gegen die Unverfrorenheit seines Vaters, nicht gegen dieses Leben, ein Leben lang bestenfalls Clown gewesen.

Ferdinand Klingenreiter hatte mit der Zwangsjacke in den Händen das Sagen. Der Saal war dunkel und wartete auf ihn.

»Die ist echt, das können Sie mir glauben«, ein Schmunzeln, »ich weiß es aus eigener Erfahrung.« Dort und dort lachte jemand. Er übergab die Jacke an die Schmetterlinge, Halima warf ihm eine Kusshand zu, ihre Finger sagten Dank, Klingenreiter trat ab. Am Bühnenaufgang wartete Felix, um ihm hinunterzuhelfen.

»Ich mach’s.« Felix stellte sich neben seinen Großonkel.

Klingenreiter schluckte. »Meine Damen und Herren, noch ein Klingenreiter!« Er zwinkerte in den Gemeindesaal. »Der hier ist aber ein mutiger.«

Die Leute klatschten, Thomas zog sich an seinen Platz zurück, und Felix hauchte einen Mädchennamen ins Mikro, und ein paar Sekunden später quirlten vier Chorsängerinnen hinter dem Vorhang hervor, etwa so alt wie Felix, sie stellten sich auf den Bühnenrand und begannen auf sein Zeichen hin, das eine Stück aus Carmina Burana zu summen.

Freddie, der Fantastische, öffnete seine Kiste und zeigte dem Publikum, dass sie leer war. Er bat seinen Großneffen hinein. Er warf ein schwarzes Tuch über die Kiste und hob die Arme über den Kopf wie ein Dirigent, wie ein großer Illusionist.


 *Copyright © 2016, Luchterhand Literaturverlag, München.

*Bild: Liu Bolin.

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