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Zu einer gewissen Zeit meines Lebens brachten es meine Dienste mit sich, daß ich ziemlich regelmäßig mehrmals in der Woche um eine gewisse Stunde über die kleine Brücke ging (denn der Pont neuf war damals noch nicht erbaut) und dabei meist von einigen Handwerkern oder anderen Leuten aus dem Volk erkannt und gegrüßt wurde, am auffälligsten aber und regelmäßigsten von einer sehr hübschen Krämerin, deren Laden an einem Schild mit zwei Engeln kenntlich war, und die, so oft ich in den fünf oder sechs Monaten vorüber kam, sich tief neigte und mir soweit nachsah, als sie konnte. Ihr Betragen fiel mir auf, ich sah sie gleichfalls an und dankte ihr sorgfältig. Einmal, im Spätwinter, ritt ich von Fontainebleau nach Paris und als ich wieder die kleine Brücke heraufkam, trat sie an ihre Ladentür und sagte zu mir, indem ich vorbeiritt: »Mein Herr, Ihre Dienerin!« Ich erwiderte ihren Gruß und, indem ich mich von Zeit zu Zeit umsah, hatte sie sich weiter vorgelehnt, um mir soweit als möglich nachzusehen. Ich hatte einen Bedienten und einen Postillon hinter mir, die ich noch diesen Abend mit Briefen an gewisse Damen nach Fontainebleau zurückschicken wollte. Auf meinen Befehl stieg der Bediente ab und ging zu der jungen Frau, ihr in meinem Namen zu sagen, daß ich ihre Neigung, mich zu sehen und zu grüßen, bemerkt hätte; ich wollte, wenn sie wünschte, mich näher kennen zu lernen, sie aufsuchen, wo sie verlangte.

Sie antwortete dem Bedienten: Er hätte ihr keine erwünschtere Botschaft bringen können, sie wollte kommen, wohin ich sie bestellte.

Im Weiterreiten fragte ich den Bedienten, ob er nicht etwa einen Ort wüßte, wo ich mit der Frau zusammenkommen könnte? Er antwortete, daß er sie zu einer gewissen Kupplerin führen wollte; da er aber ein sehr besorgter und gewissenhafter Mensch war, dieser Diener Wilhelm aus Courtral, so setzte er gleich hinzu: Da die Pest sich hie und da zeige und nicht nur Leute aus dem niedrigen und schmutzigen Volk, sondern auch ein Doktor und ein Domherr schon daran gestorben seien, so rate er mir, Matratzen, Decken und Leintücher aus meinem Hause mitbringen zu lassen. Ich nahm den Vorschlag an, und er versprach mir ein gutes Bett zu bereiten. Vor dem Absteigen sagte ich noch, er solle auch ein ordentliches Waschbecken dorthin tragen, eine kleine Flasche mit wohlriechender Essenz und etwas Backwerk und Äpfel; auch solle er dafür sorgen, daß das Zimmer tüchtig geheizt werde, denn es war so kalt, daß mir die Füße im Bügel steif gefroren waren, und der Himmel hing voll Schneewolken.

Den Abend ging ich hin und fand eine sehr schöne Frau von ungefähr zwanzig Jahren auf dem Bette sitzen, indes die Kupplerin, ihren Kopf und ihren runden Rücken in ein schwarzes Tuch eingemummt, eifrig in sie hineinredete. Die Tür war angelehnt, im Kamin lohten große frische Scheiter geräuschvoll auf, man hörte mich nicht kommen, und ich blieb einen Augenblick in der Tür stehen. Die Junge sah mit großen Augen ruhig in die Flamme; mit einer Bewegung ihres Kopfes hatte sie sich wie auf Meilen von der widerwärtigen Alten entfernt; dabei war unter einer kleinen Nachthaube, die sie trug, ein Teil ihrer schweren dunklen Haare vorgequollen und fiel, zu ein paar natürlichen Locken sich ringelnd, zwischen Schulter und Brust über das Hemd. Sie trug noch einen kurzen Unterrock von grünwollenem Zeug und Pantoffeln an den Füßen. In diesem Augenblick mußte ich mich durch ein Geräusch verraten haben: Sie warf ihren Kopf herum und bog mir ein Gesicht entgegen, dem die übermäßige Anspannung der Züge fast einen wilden Ausdruck gegeben hätte, ohne die strahlende Hingebung, die aus den weit aufgerissenen Augen strömte und aus dem sprachlosen Mund wie eine unsichtbare Flamme herausschlug. Sie gefiel mir außerordentlich; schneller als es sich denken läßt, war die Alte aus dem Zimmer und ich bei meiner Freundin. Als ich mir in der ersten Trunkenheit des überraschenden Besitzes einige Freiheiten herausnehmen wollte, entzog sie sich mir mit einer unbeschreiblichen lebenden Eindringlichkeit zugleich des Blickes und der dunkeltönenden Stimme. Im nächsten Augenblick aber fühlte ich mich von ihr umschlungen, die noch inniger mit dem fort und fort empordrängenden Blick der unerschöpflichen Augen als mit den Lippen und den Armen an mir haftete; dann wieder war es, als wollte sie sprechen, aber die von Küssen zuckenden Lippen bildeten keine Worte, die bebende Kehle ließ keinen deutlicheren Laut als ein gebrochenes Schluchzen empor.

Nun hatte ich einen großen Teil dieses Tages zu Pferde auf frostigen Landstraßen verbracht, nachher im Vorzimmer des Königs einen sehr ärgerlichen und heftigen Auftritt durchgemacht und darauf, meine schlechte Laune zu betäuben, sowohl getrunken als mit dem Zweihänder stark gefochten, und so überfiel mich mitten unter diesem reizenden und geheimnisvollen Abenteuer, als ich von weichen Armen im Nacken umschlungen und mit duftendem Haar bestreut dalag, eine so plötzliche heftige Müdigkeit und beinahe Betäubung, daß ich mich nicht mehr zu erinnern wußte, wie ich denn gerade in dieses Zimmer gekommen wäre, ja sogar für einen Augenblick die Person, deren Herz so nahe dem meinigen klopfte, mit einer ganz anderen aus früherer Zeit verwechselte und gleich darauf fest einschlief.

Als ich wieder erwachte, war es noch finstere Nacht, aber ich fühlte sogleich, daß meine Freundin nicht mehr bei mir war. Ich hob den Kopf und sah beim schwachen Schein der zusammensinkenden Glut, daß sie am Fenster stand: Sie hatte den einen Laden aufgeschoben und sah durch den Spalt hinaus. Dann drehte sie sich um, merkte, daß ich wach war, und rief (ich sehe noch, wie sie dabei mit dem Ballen der linken Hand an ihrer Wange emporfuhr und das vorgefallene Haar über die Schulter zurückwarf): »Es ist noch lange nicht Tag, noch lange nicht!« Nun sah ich erst recht, wie groß und schön sie war, und konnte den Augenblick kaum erwarten, daß sie mit wenigen der ruhigen großen Schritte ihrer schönen Füße, an denen der rötliche Schein emporglomm, wieder bei mir wäre. Sie trat aber noch vorher an den Kamin, bog sich zur Erde, nahm das letzte schwere Scheit, das draußen lag, in ihre strahlenden nackten Arme und warf es schnell in die Glut. Dann wandte sie sich, ihr Gesicht funkelte von Flammen und Freude, mit der Hand riß sie im Vorbeilaufen einen Apfel vom Tisch und war schon bei mir, ihre Glieder noch vom frischen Anhauch des Feuers umweht und dann gleich aufgelöst und von innen her von stärkeren Flammen durchschüttert, mit der Rechten mich umfassend, mit der Linken zugleich die angebissene kühle Frucht und Wangen, Lippen und Augen meinem Mund darbietend. Das letzte Scheit im Kamin brannte stärker als alle anderen. Aufsprühend sog es die Flamme in sich und ließ sie dann wieder gewaltig emporlohen, daß der Feuerschein über uns hinschlug, wie eine Welle, die an der Wand sich brach und unsere umschlungenen Schatten jäh emporhob und wieder sinken ließ. Immer wieder knisterte das starke Holz und nährte aus seinem Innern immer wieder neue Flammen, die emporzüngelten und das schwere Dunkel mit Güssen und Garben von rötlicher Helle verdrängten. Auf einmal aber sank die Flamme hin, und ein kalter Lufthauch tat leise wie eine Hand den Fensterladen auf und entblößte die fahle widerwärtige Dämmerung.

Wir setzten uns auf und wußten, daß nun der Tag da war. Aber das da draußen glich keinem Tag. Es glich nicht dem Aufwachen der Welt. Was da draußen lag, sah nicht aus wie eine Straße. Nichts einzelnes ließ sich erkennen: es war ein farbloser, wesenloser Wust, in dem sich zeitlose Larven hinbewegen mochten. Von irgendwoher, weither, wie aus der Erinnerung heraus, schlug eine Turmuhr, und eine feuchtkalte Luft, die keiner Stunde angehörte, zog sich immer stärker herein, daß wir uns schaudernd aneinander drückten. Sie bog sich zurück und heftete ihre Augen mit aller Macht auf mein Gesicht; ihre Kehle zuckte, etwas drängte sich in ihr herauf und quoll bis an den Rand der Lippen vor: Es wurde kein Wort daraus, kein Seufzer und kein Kuß, aber etwas, was ungeboren allen dreien glich. Von Augenblick zu Augenblick wurde es heller und der vielfältige Ausdruck ihres zuckenden Gesichts immer redender; auf einmal kamen schlurfende Schritte und Stimmen von draußen so nahe am Fenster vorbei , daß sie sich duckte und ihr Gesicht gegen die Wand kehrte. Es waren zwei Männer, die vorbeigingen: Einen Augenblick fiel der Schein einer kleinen Laterne, die der eine trug, herein; der andere schob einen Karren, dessen Rad knirschte und ächzte. Als sie vorüber waren, stand ich auf, schloß den Laden und zündete ein Licht an. Da lag noch ein halber Apfel: Wir aßen ihn zusammen, und dann fragte ich sie, ob ich sie nicht noch einmal sehen könnte, denn ich verreise erst Sonntag. Dies war aber die Nacht vom Donnerstag auf den Freitag gewesen.

Sie antwortete mir: Daß sie es gewiß sehnlicher verlange als ich; wenn ich aber nicht den ganzen Sonntag bliebe, sei es ihr unmöglich; denn nur in der Nacht vom Sonntag auf den Montag könnte sie mich wiedersehen.

Mir fielen zuerst verschiedene Abhaltungen ein, so daß ich einige Schwierigkeiten machte, die sie mit keinem Worte, aber mit einem überaus schmerzlich fragenden Blick und einem gleichzeitigen fast unheimlichen Hart- und Dunkelwerden ihres Gesichts anhörte. Gleich darauf versprach ich natürlich, den Sonntag zu bleiben, und setzte hinzu, ich wollte also Sonntag Abend mich wieder an dem nämlichen Ort einfinden. Auf dieses Wort sah sie mich fest an und sagte mir mit einem ganz rauhen und gebrochenen Ton in der Stimme: »Ich weiß recht gut, daß ich um deinetwillen in ein schändliches Haus gekommen bin; aber ich habe es freiwillig getan, weil ich mit dir sein wollte, weil ich jede Bedingung eingegangen wäre. Aber jetzt käme ich mir vor, wie die letzte niedrigste Straßendirne, wenn ich ein zweitesmal hierher zurückkommen könnte. Um deinetwillen hab‘ ich’s getan, weil du für mich der bist, der du bist, weil du der Bassompierre bist, weil du der Mensch auf der Welt bist, der mir durch seine Gegenwart dieses Haus da ehrenwert macht!« Sie sagte: »Haus«; einen Augenblick war es, als wäre ein verächtlicheres Wort ihr auf der Zunge; indem sie das Wort aussprach, warf sie auf diese vier Wände, auf dieses Bett, auf die Decke, die herabgeglitten auf dem Boden lag, einen solchen Blick, daß unter der Garbe von Licht, die aus ihren Augen hervorschoß, alle diese häßlichen und gemeinen Dinge aufzuzucken und geduckt vor ihr zurückzuweichen schienen, als wäre der erbärmliche Raum wirklich für einen Augenblick größer geworden.

Dann setzte sie mit einem unbeschreiblich sanften und feierlichen Tone hinzu: »Möge ich eines elenden Todes sterben, wenn ich außer meinem Mann und dir je irgendeinem andern gehört habe und nach irgendeinem anderen auf der Welt verlange!« und schien, mit halboffenen, lebenhauchenden Lippen leicht vorgeneigt, irgendeine Antwort, eine Beteuerung meines Glaubens zu erwarten, von meinem Gesicht aber nicht das zu lesen, was sie verlangte, denn ihr gespannter suchender Blick trübte sich, ihre Wimpern schlugen auf und zu, und auf einmal war sie am Fenster und kehrte mir den Rücken, die Stirn mit aller Kraft an den Laden gedrückt, den ganzen Leib von lautlosem, aber entsetzlich heftigem Weinen so durchschüttert, daß mir das Wort im Munde erstarb und ich nicht wagte, sie zu berühren. Ich erfaßte endlich eine ihrer Hände, die wie leblos herabhingen, und mit den eindringlichsten Worten, die mir der Augenblick eingab, gelang es mir nach langem, sie soweit zu besänftigen, daß sie mir ihr von Tränen überströmtes Gesicht wieder zukehrte, bis plötzlich ein Lächeln, wie ein Licht zugleich aus den Augen und rings um die Lippen hervorbrechend, in einem Moment alle Spuren des Weinens wegzehrte und das ganze Gesicht mit Glanz überschwemmte. Nun war es das reizendste Spiel, wie sie wieder mit mir zu reden anfing, indem sie sich mit dem Satz: »Du willst mich noch einmal sehen? so will ich dich bei meiner Tante einlassen!« endlos herumspielte, die erste Hälfte zehnfach aussprach, bald mit süßer Zudringlichkeit, bald mit kindischem gespielten Mißtrauen, dann die zweite mir als das größte Geheimnis zuerst ins Ohr flüsterte, dann mit Achselzucken und spitzem Mund, wie die selbstverständlichste Verabredung von der Welt, über die Schulter hinwarf und endlich, an mir hängend, mir ins Gesicht lachend und schmeichelnd wiederholte. Sie beschrieb mir das Haus aufs genaueste, wie man einem Kind den Weg beschreibt, wenn es zum erstenmal allein über die Straße zum Bäcker gehen soll. Dann richtete sie sich auf, wurde ernst – und die ganze Gewalt ihrer strahlenden Augen heftete sich auf mich mit einer solchen Stärke, daß es war, als müßten sie auch ein totes Geschöpf an sich zu reißen vermögend sein – und fuhr fort: »Ich will dich von zehn Uhr bis Mitternacht erwarten und auch noch später und immerfort, und die Tür unten wird offen sein. Erst findest du einen kleinen Gang, in dem halte dich nicht auf, denn da geht die Tür meiner Tante heraus. Dann stößt dir eine Treppe entgegen, die führt dich in den ersten Stock, und dort bin ich!« Und indem sie die Augen schloß, als ob ihr schwindelte, warf sie den Kopf zurück, breitete die Arme aus und umfing mich, und war gleich wieder aus meinen Armen und in die Kleider eingehüllt, fremd und ernst, und aus dem Zimmer; denn nun war völlig Tag.

Ich machte meine Einrichtung, schickte einen Teil meiner Leute mit meinen Sachen voraus und empfand schon am Abend des nächsten Tages eine so heftige Ungeduld, daß ich bald nach dem Abendläuten mit meinem Diener Wilhelm, den ich aber kein Licht mitnehmen hieß, über die kleine Brücke ging, um meine Freundin wenigstens in ihrem Laden oder in der daranstoßenden Wohnung zu sehen und ihr allenfalls ein Zeichen meiner Gegenwart zu geben, wenn ich mir auch schon keine Hoffnung auf mehr machte, als etwa einige Worte mit ihr wechseln zu können.

Um nicht aufzufallen, blieb ich an der Brücke stehen und schickte den Diener voraus, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er blieb längere Zeit aus und hatte beim Zurückkommen die niedergeschlagene und grübelnde Miene, die ich an diesem braven Menschen immer kannte, wenn er einen meinigen Befehl nicht hatte erfolgreich ausführen können. »Der Laden ist versperrt«, sagte er, »und scheint auch niemand darinnen. Überhaupt läßt sich in den Zimmern, die nach der Gasse zu liegen, niemand sehen und hören. In den Hof könnte man nur über eine hohe Mauer, zudem knurrt dort ein großer Hund. Von den vorderen Zimmern ist aber eines erleuchtet, und man kann durch einen Spalt im Laden hineinsehen, nur ist es leider leer.«

Mißmutig wollte ich schon umkehren, strich aber doch noch einmal langsam an dem Haus vorbei, und mein Diener in seiner Beflissenheit legte nochmals sein Auge an den Spalt, durch den ein Lichtschimmer drang, und flüsterte mir zu, daß zwar nicht die Frau, wohl aber der Mann nun in dem Zimmer sei. Neugierig, diesen Krämer zu sehen, den ich mich nicht erinnern konnte, auch nur ein einzigesmal in seinem Laden erblickt zu haben, und den ich mir abwechselnd als einen unförmlichen dicken Menschen oder als einen dürren gebrechlichen Alten vorstellte, trat ich ans Fenster und war überaus erstaunt, in dem guteingerichteten vertäfelten Zimmer einen ungewöhnlich großen und sehr gut gebauten Mann umhergehen zu sehen, der mich gewiß um einen Kopf überragte und, als er sich umdrehte, mir ein sehr schönes tiefernstes Gesicht zuwandte, mit einem braunen Bart, darin einige wenige silberne Fäden waren, und mit einer Stirn von fast seltsamer Erhabenheit, so daß die Schläfen eine größere Fläche bildeten, als ich noch je bei einem Menschen gesehen hatte. Obwohl er ganz allein im Zimmer war, so wechselte doch sein Blick, seine Lippen bewegten sich, und indem er unter dem Auf- und Abgehen hie und da stehen blieb, schien er sich in der Einbildung mit einer anderen Person zu unterhalten: einmal bewegte er den Arm, wie um eine Gegenrede mit halb nachsichtiger Überlegenheit wegzuweisen. Jede seiner Gebärden war von großer Lässigkeit und fast verachtungsvollem Stolz, und ich konnte nicht umhin, mich bei seinem einsamen Umhergehen lebhaft des Bildes eines sehr erhabenen Gefangenen zu erinnern, den ich im Dienst des Königs während seiner Haft in einem Turmgemach des Schlosses zu Blois zu bewachen hatte. Diese Ähnlichkeit schien mir noch vollkommener zu werden, als der Mann seine rechte Hand emporhob und auf die emporgekrümmten Finger mit Aufmerksamkeit, ja mit finsterer Strenge hinabsah.

Denn fast mit der gleichen Gebärde hatte ich jenen erhabenen Gefangenen öfter einen Ring betrachten sehen, den er am Zeigefinger der rechten Hand trug und von welchem er sich niemals trennte. Der Mann im Zimmer trat dann an den Tisch, schob die Wasserkugel vor das Wachslicht und brachte seine beiden Hände in den Lichtkreis, mit ausgestreckten Fingern: er schien seine Nägel zu betrachten. Dann blies er das Licht aus und ging aus dem Zimmer und ließ mich nicht ohne eine dumpfe zornige Eifersucht zurück, da das Verlangen nach seiner Frau in mir fortwährend wuchs und wie ein umsichgreifendes Feuer sich von allem nährte, was mir begegnete und so durch diese unerwartete Erscheinung in verworrener Weise gesteigert wurde, wie durch jede Schneeflocke, die ein feuchtkalter Wind jetzt zertrieb und die mir einzeln an Augenbrauen und Wangen hängen blieben und schmolzen.

Den nächsten Tag verbrachte ich in der nutzlosesten Weise, hatte zu keinem Geschäft die richtige Aufmerksamkeit, kaufte ein Pferd, das mir eigentlich nicht gefiel, wartete nach Tisch dem Herzog von Nemours auf und verbrachte dort einige Zeit mit Spiel und mit den albernsten und widerwärtigsten Gesprächen. Es war nämlich von nichts anderem die Rede, als von der in der Stadt immer heftiger umsichgreifenden Pest, und aus allen diesen Edelleuten brachte man kein anderes Wort heraus als dergleichen Erzählungen von dem schnellen Verscharren der Leichen, von dem Strohfeuer, das man in den Totenzimmern brennen müsse, um die giftigen Dünste zu verzehren, und so fort; der Albernste aber erschien mir der Kanonikus von Chandieu, der, obwohl dick und gesund wie immer, sich nicht enthalten konnte, unausgesetzt nach seinen Fingernägeln hinabzuschielen, ob sich an ihnen schon das verdächtige Blauwerden zeige, womit sich die Krankheit anzukündigen pflegt.

Mich widerte das alles an, ich ging früh nach Hause und legte mich zu Bette, fand aber den Schlaf nicht, kleidete mich vor Ungeduld wieder an und wollte, koste es was es wolle, dorthin, meine Freundin zu sehen, und müßte ich mit meinen Leuten gewaltsam eindringen. Ich ging ans Fenster, meine Leute zu wecken, die eisige Nachtluft brachte mich zur Vernunft, und ich sah ein, daß dies der sichere Weg war, alles zu verderben. Angekleidet warf ich mich aufs Bett und schlief endlich ein.

Ähnlich verbrachte ich den Sonntag bis zum Abend, war viel zu früh in der bezeichneten Straße, zwang mich aber, in einer Nebengasse auf- und niederzugehen, bis es zehn Uhr schlug. Dann fand ich sogleich das Haus und die Tür, die sie mir beschrieben hatte, und die Tür auch offen, und dahinter den Gang und die Treppe. Oben aber die zweite Tür, zu der die Treppe führte, war verschlossen, doch ließ sie unten einen feinen Lichtstreif durch. So war sie drinnen und wartete und stand vielleicht horchend drinnen an der Tür, wie ich draußen. Ich kratzte mit dem Nagel an der Tür, da hörte ich drinnen Schritte: es schienen mir zögernd unsichere Schritte eines nackten Fußes. Eine Zeit stand ich ohne Atem und dann fing ich an zu klopfen: aber ich hörte eine Mannesstimme, die mich fragte, wer draußen sei. Ich drückte mich ans Dunkel des Türpfostens und gab keinen Laut von mir: die Tür blieb zu und ich klomm mit der äußersten Stille, Stufe für Stufe, die Stiege hinab, schlich den Gang hinaus ins Freie und ging, mit pochenden Schläfen und zusammengebissenen Zähnen, glühend vor Ungeduld, einige Straßen auf und ab. Endlich zog es mich wieder vor das Haus. ich wollte noch nicht hinein; ich fühlte, ich wußte, sie würde den Mann entfernen, es müßte gelingen, gleich würde ich zu ihr können. Die Gasse war eng; auf der anderen Seite war kein Haus, sondern die Mauer eines Klostergartens: an der drückte ich mich hin und suchte von gegenüber das Fenster zu erraten. Da loderte in einem, das offen stand, im oberen Stockwerk, ein Schein auf und sank wieder ab, wie von einer Flamme. Nun glaubte ich alles vor mir zu sehen: sie hatte ein großes Scheit in den Kamin geworfen wie damals, wie damals stand sie jetzt mitten im Zimmer, die Glieder funkelnd von der Flamme, oder saß auf dem Bette und horchte und wartete. Von der Tür würde ich sie sehen und den Schatten ihres Nackens, ihrer Schultern, den die durchsichtige Stelle an der Wand hob und senkte. Schon war ich im Gang, schon auf der Treppe; nun war auch die Tür nicht mehr verschlossen: angelehnt, ließ sie auch seitwärts den schwankenden Schein durch. Schon streckte ich die Hand nach der Klinke aus, da glaubte ich drinnen Schritte und Stimmen von mehreren zu hören. Ich wollte es aber nicht glauben: ich nahm es für das Arbeiten meines Blutes in den Schläfen, am Halse, und für das Lodern des Feuers drinnen. Auch damals hatte es laut gelodert. Nun hatte ich die Klinke gefaßt, da mußte ich begreifen, daß Menschen drinnen waren, mehrere Menschen. Aber nun war es mir gleich: denn ich fühlte, ich wußte, sie war auch drinnen, und sobald ich die Türe aufstieß, konnte ich sie sehen, sie ergreifen, und, wäre es auch aus den Händen anderer, mit einem Arm sie an mich reißen, müßte ich gleich den Raum für sie und mich mit meinem Degen, mit meinem Dolch aus einem Gewühl schreiender Menschen herausschneiden! Das einzige, was mir ganz unerträglich schien, war, noch länger zu warten.

Ich stieß die Tür auf und sah:

In der Mitte des leeren Zimmers ein paar Leute, welche Bettstroh verbrannten, und bei der Flamme, die das ganze Zimmer erleuchtete, abgekratzte Wände, deren Schutt auf dem Boden lag, und an einer Wand einen Tisch, auf dem zwei nackte Körper ausgestreckt lagen, der eine sehr groß, mit zugedecktem Kopf, der andere kleiner, gerade an der Wand hingestreckt, und daneben der schwarze Schatten feiner Formen, der emporspielte und wieder sank.

Ich taumelte die Stiege hinab und stieß vor dem Haus auf zwei Totengräber: der eine hielt mir seine kleine Laterne ins Gesicht und fragte mich, was ich suche? Der andere schob seinen ächzenden, knirschenden Karren gegen die Haustür. Ich zog den Degen, um sie mir vom Leibe zu halten, und kam nach Hause. Ich trank sogleich drei oder vier große Gläser schweren Weins und trat, nachdem ich mich ausgeruht hatte, den anderen Tag die Reise nach Lothringen an.

Alle Mühe, die ich mir nach meiner Rückkunft gegeben, irgend etwas von dieser Frau zu erfahren, war vergeblich. Ich ging sogar nach dem Laden mit den zwei Engeln; allein die Leute, die ihn jetzt inne hatten, wußten nicht, wer vor ihnen darin gesessen hatte.

M. de Bassompierre, journal de ma vie, Köln 1663. 

Goethe, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.


 

In der Militärschule zu Sankt Severin. Turnsaal. Der Jahrgang steht in den hellen Zwillichblusen, in zwei Reihen geordnet, unter den großen Gaskronen. Der Turnlehrer, ein junger Offizier mit hartem braunen Gesicht und höhnischen Augen, hat Freiübungen kommandiert und verteilt nun die Riegen. »Erste Riege Reck, zweite Riege Barren, dritte Riege Bock, vierte Riege Klettern! Abtreten!« Und rasch, auf den leichten, mit Kolophonium isolierten Schuhen, zerstreuen sich die Knaben. Einige bleiben mitten im Saale stehen, zögernd, gleichsam unwillig. Es ist die vierte Riege, die schlechten Turner, die keine Freude haben an der Bewegung bei den Geräten und schon müde sind von den zwanzig Kniebeugen und ein wenig verwirrt und atemlos.

Nur Einer, der sonst der Allerletzte blieb bei solchen Anlässen, Karl Gruber, steht schon an den Kletterstangen, die in einer etwas dämmerigen Ecke des Saales, hart vor den Nischen, in denen die abgelegten Uniformröcke hängen, angebracht sind. Er hat die nächste Stange erfaßt und zieht sie mit ungewöhnlicher Kraft nach vorn, so daß sie frei an dem zur Übung geeigneten Platze schwankt. Gruber läßt nicht einmal die Hände von ihr, er springt auf und bleibt, ziemlich hoch, die Beine ganz unwillkürlich im Kletterschluß verschränkt, den er sonst niemals begreifen konnte, an der Stange hängen. So erwartet er die Riege und betrachtet – wie es scheint – mit besonderem Vergnügen den erstaunten Ärger des kleinen polnischen Unteroffiziers, der ihm zuruft, abzuspringen, Aber Gruber ist diesmal sogar ungehorsam und Jastersky, der blonde Unteroffizier, schreit endlich: »Also, entweder Sie kommen herunter oder Sie klettern hinauf, Gruber! Sonst melde ich dem Herrn Oberlieutenant …« Und da beginnt Gruber, zu klettern, erst heftig mit Überstürzung, die Beine wenig aufziehend und die Blicke aufwärts gerichtet, mit einer gewissen Angst das unermeßliche Stück Stange abschätzend, das noch bevorsteht. Dann verlangsamt sich seine Bewegung; und als ob er jeden Griff genösse, wie etwas Neues, Angenehmes, zieht er sich höher, als man gewöhnlich zu klettern pflegt. Er beachtet nicht die Aufregung des ohnehin gereizten Unteroffiziers, klettert und klettert, die Blicke immerfort aufwärts gerichtet, als hätte er einen Ausweg in der Decke des Saales entdeckt und strebte danach, ihn zu erreichen. Die ganze Riege folgt ihm mit den Augen. Und auch aus den anderen Riegen richtet man schon da und dort die Aufmerksamkeit auf den Kletterer, der sonst kaum das erste Drittel der Stange keuchend, mit rotem Gesicht und bösen Augen erklomm. »Bravo, Gruber!« ruft jemand aus der ersten Riege herüber. Da wenden viele ihre Blicke aufwärts, und es wird eine Weile still im Saal, – aber gerade in diesem Augenblick, da alle Blicke auf der Gestalt Grubers hängen, macht er hoch oben unter der Decke eine Bewegung, als wollte er sie abschütteln; und da ihm das offenbar nicht gelingt, bindet er alle diese Blicke oben an den nackten eisernen Haken und saust die glatte Stange herunter, so daß alle immer noch hinaufsehen, als er schon längst, schwindelnd und heiß, unten steht und mit seltsam glanzlosen Augen in seine glühenden Handflächen schaut. Da fragt ihn der eine oder der andere der ihm zunächst stehenden Kameraden, was denn heute in ihn gefahren sei. »Willst wohl in die erste Riege kommen?« Gruber lacht und scheint etwas antworten zu wollen, aber er überlegt es sich und senkt schnell die Augen. Und dann, als das Geräusch und Getöse wieder seinen Fortgang hat, zieht er sich leise in die Nische zurück, setzt sich nieder, schaut ängstlich um sich und holt Atem, zweimal rasch, und lacht wieder und will was sagen … aber schon achtet niemand mehr seiner. Nur Jerome, der auch in der vierten Riege ist, sieht, daß er wieder seine Hände betrachtet, ganz darüber gebückt wie einer, der bei wenig Licht einen Brief entziffern will. Und er tritt nach einer Weile zu ihm hin und fragt: »Hast du dir weh getan?« Gruber erschrickt. »Was?« macht er mit seiner gewöhnlichen, in Speichel watenden Stimme. »Zeig mal!« Jerome nimmt die eine Hand Grubers und neigt sie gegen das Licht. Sie ist am Ballen ein wenig abgeschürft. »Weißt du, ich habe etwas dafür,« sagt Jerome, der immer Englisches Pflaster von zu Hause geschickt bekommt, »komm dann nachher zu mir.« Aber es ist, als hätte Gruber nicht gehört; er schaut geradeaus in den Saal hinein, aber so, als sähe er etwas Unbestimmtes, vielleicht nicht im Saal, draußen vielleicht, vor den Fenstern, obwohl es dunkel ist, spät und Herbst.

In diesem Augenblick schreit der Unteroffizier in seiner hochfahrenden Art: »Gruber!« Gruber bleibt unverändert, nur seine Füße, die vor ihm ausgestreckt sind, gleiten, steif und ungeschickt, ein wenig auf dein glatten Parkett vorwärts. »Gruber!« brüllt der Unteroffizier und die Stimme schlägt ihm über. Dann wartet er eine Weile und sagt rasch und heiser, ohne den Gerufenen anzusehen: »Sie melden sich nach der Stunde. Ich werde Ihnen schon …« Und die Stunde geht weiter. »Gruber,« sagt Jerome und neigt sich zu dem Kameraden, der sich immer tiefer in die Nische zurücklehnt, »es war schon wieder an dir, zu klettern, auf dem Strick, geh mal, versuchs, sonst macht dir der Jastersky irgend eine Geschichte, weißt du …« Gruber nickt. Aber statt aufzustehen, schließt er plötzlich die Augen und gleitet unter den Worten Jeromes durch, als ob eine Welle ihn trüge, fort, gleitet langsam und lautlos tiefer, tiefer, gleitet vom Sitz, und Jerome weiß erst, was geschieht, als er hört, wie der Kopf Grubers hart an das Holz des Sitzes prallt und dann vornüberfällt … »Gruber!« ruft er heiser. Erst merkt es niemand. Und Jerome steht ratlos mit hängenden Händen und ruft: »Gruber, Gruber!« Es fällt ihm nicht ein, den anderen aufzurichten. Da erhält er einen Stoß, jemand sagt ihm: »Schaf«, ein anderer schiebt ihn fort, und er sieht, wie sie den Reglosen aufheben. Sie tragen ihn vorbei, irgend wohin, wahrscheinlich in die Kammer nebenan. Der Oberlieutenant springt herzu. Er giebt mit harter, lauter Stimme sehr kurze Befehle. Sein Kommando schneidet das Summen der vielen schwatzenden Knaben scharf ab. Stille. Man sieht nur da und dort noch Bewegungen, ein Ausschwingen am Gerät, einen leisen Absprung, ein verspätetes Lachen von einem, der nicht weiß, um was es sich handelt. Dann hastige Fragen: »Was? Was? Wer? Der Gruber? Wo?« Und immer mehr Fragen. Dann sagt jemand laut: »Ohnmächtig.« Und der Zugführer Jastersky läuft mit rotem Kopf hinter dem Oberlieutenant her und schreit mit seiner. boshaften Stimme, zitternd vor Wut-. »Ein Simulant, Herr Oberlieutenant, ein Simulant!« Der Oberlieutenant beachtet ihn gar nicht. Er sieht geradeaus, nagt an seinem Schnurrbart, wodurch das harte Kinn noch eckiger und energischer vortritt, und giebt von Zeit zu Zeit eine knappe Weisung. Vier Zöglinge, die Gruber tragen, und der Oberlieutenant verschwinden in der Kammer. Gleich darauf kommen die vier Zöglinge zurück. Ein Diener läuft durch den Saal. Die vier werden groß angeschaut und mit Fragen bedrängt: »Wie sieht er aus? Was ist mit ihm? Ist er schon zu sich gekommen?« Keiner von ihnen weiß eigentlich was. Und da ruft auch schon der Oberlieutenant herein, das Turnen möge weitergehen, und übergiebt dem Feldwebel Goldstein das Kommando. Also wird wieder geturnt, beim Barren, beim Reck, und die kleinen dicken Leute der dritten Riege kriechen mit weitgekretschten Beinen über den hohen Bock. Aber doch sind alle Bewegungen anders als vorher; als hätte ein Horchen sich über sie gelegt. Die Schwingungen am Reck brechen so plötzlich ab und am Barren werden nur lauter kleine Übungen gemacht. Die Stimmen sind weniger verworren und ihre Summe summt feiner, als ob alle immer nur ein Wort sagten: »Ess, Ess, Ess …« Der kleine schlaue Krix horcht inzwischen an der Kammertür. Der Unteroffizier der zweiten Riege jagt ihn davon, indem er zu einem Schlage auf seinen Hintern ausholt. Krix springt zurück, katzenhaft, mit hinterlistig blitzenden Augen. Er weiß schon genug. Und nach einer Weile, als ihn niemand betrachtet, giebt er dem Pawlowitsch weiter: »Der Regimentsarzt ist gekommen.« Nun, man kennt ja den Pawlowitsch; mit seiner ganzen Frechheit geht er, als hätte ihm irgendwer einen Befehl gegeben, quer durch den Saal von Riege zu Riege und sagt ziemlich laut: »Der Regimentsarzt ist drin.« Und es scheint, auch die Unteroffiziere interessieren sich für diese Nachricht. Immer häufiger wenden sich die Blicke nach der Tür, immer langsamer werden die Übungen; und ein Kleiner mit schwarzen Augen ist oben auf dem Bock hocken geblieben und starrt mit offenem Mund nach der Kammer. Etwas Lähmendes scheint in der Luft zu liegen. Die Stärksten bei der ersten Riege machen zwar noch einige Anstrengungen, gehen dagegen an, kreisen mit den Beinen; und Pombert, der kräftige Tiroler, biegt seinen Arm und betrachtet seine Muskeln, die sich durch den Zwillich hindurch breit und straff ausprägen. Ja, der kleine, gelenkige Baum schlägt sogar noch einige Armwellen, und plötzlich ist diese heftige Bewegung die einzige im ganzen Saal, ein großer flimmernder Kreis, der etwas Unheimliches hat inmitten der allgemeinen Ruhe. Und mit einem Ruck bringt sich der kleine Mensch zum Stehen, läßt sich einfach unwillig in die Knie fallen und macht ein Gesicht, als ob er alle verachte. Aber auch seine kleinen stumpfen Augen bleiben schließlich an der Kammertür hängen.

Jetzt hört man das Singen der Gasflammen und das Gehen der Wanduhr. Und dann schnarrt die Glocke, die das Stundenzeichen giebt. Fremd und eigentümlich ist heute ihr Ton; sie hört auch ganz unvermittelt auf, unterbricht sich mitten im Wort. Feldwebel Goldstein aber kennt seine Pflicht. Er ruft. »Antreten!« Kein Mensch hört ihn. Keiner kann sich erinnern, welchen Sinn dieses Wort besaß, – vorher. Wann vorher? »Antreten!« krächzt der Feldwebel böse und gleich schreien jetzt die anderen Unteroffiziere ihm nach: »Antreten!« Und auch mancher von den Zöglingen sagt wie zu sich selbst, wie im Schlaf: »Antreten! Antreten!« Aber im Grunde wissen alle, daß sie noch etwas abwarten müssen. Und da geht auch schon die Kammertür auf; eine Weile nichts; dann tritt Oberlieutenant Wehl heraus und seine Augen sind groß und zornig und seine Schritte fest. Er marschiert wie beim Defilieren und sagt heiser: »Antreten!« Mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit findet sich alles in Reihe und Glied. Keiner rührt sich. Als wenn ein Feldzeugmeister da wäre. Und jetzt das Kommando: »Achtung!« Pause und dann, trocken und hart: »Euer Kamerad Gruber ist soeben gestorben. Herzschlag. Abmarsch!« Pause.

Und erst nach einer Weile die Stimme des diensttuenden Zöglings, klein und leise: »Links um! Marschieren: Compagnie, Marsch!“ Ohne Schritt und langsam wendet sich der Jahrgang zur Tür. Jerome als der letzte. Keiner sieht sich um. Die Luft aus dem Gang kommt, kalt und dumpfig, den Knaben entgegen. Einer meint, es rieche nach Karbol. Pombert macht laut einen gemeinen Witz in Bezug auf den Gestank. Niemand lacht. Jerome fühlt sich plötzlich am Arm gefaßt, so angesprungen. Krix hängt daran. Seine Augen glänzen und seine Zähne schimmern, als ob er beißen wollte. »Ich hab ihn gesehen«, flüstert er atemlos und preßt Jeromes Arm und ein Lachen ist innen in ihm und rüttelt ihn hin und her. Er kann kaum weiter: »Ganz nackt ist er und eingefallen und ganz lang. Und an den Fußsohlen ist er versiegelt …«

Und dann kichert er, spitz und kitzlich, kichert und beißt sich in den Ärmel Jeromes hinein.

Die Rue Las Cases lag ruhig da wie im Hochsommer, jedes offene Fenster wurde von einer gelben Markise geschützt. Die schönen Tage waren zurückgekehrt; es war der erste Frühlingssonntag. Lau, ungeduldig, unruhig trieb er die Menschen aus den Häusern, aus den Städten. Der Himmel strahlte in sanftem Glanz. Man hörte den Gesang der Vögel im Square Sainte-Clotilde, ein erstauntes und träges zartes Piepen, und in den stillen, hallenden Straßen das rauhe Krächzen der Autos, die aufs Land fuhren. Keine andere Wolke als eine kleine, fein gerollte weiße Muschel, die einen Augenblick am Himmel schwebte und im Blau zerschmolz. Mit entzücktem, vertrauensvollem Gesichtsausdruck hoben die Passanten den Kopf und atmeten lächelnd den Wind.

Agnès schloß halb die Fensterläden: Die Sonne war warm, die Rosen würden zu rasch aufblühen und absterben. Die kleine Nanette kam hereingerannt, von einem Fuß auf den andern hüpfend.

»Darf ich rausgehen, Mama? Es ist so schönes Wetter.«

Schon ging die Messe zu Ende. Schon liefen die Kinder in hellen Kleidern mit nackten Armen durch die Rue Las Cases, ihre Gebetbücher in den weißbehandschuhten Händen, und umringten eine kleine Kommunikantin mit dicken roten Wangen unter ihren Schleiern. Rosige und gebräunte Waden, flaumig wie Früchte, schimmerten in der Sonne. Aber noch läuteten die Glocken, langsam und melancholisch schienen sie zu sagen: »Geht, gute Leute, wir bedauern, euch nicht länger behalten zu können. Wir haben euch beschützt, so lange wir konnten, aber nun müssen wir euch der Welt und euren Sorgen zurückgeben. Geht jetzt, die Messe ist gelesen.«

Als sie verstummten, war die Straße vom Duft des warmen Brots erfüllt, der stoßweise aus der offenen Bäckerei drang; man sah die frisch gereinigten Fliesen blinken, und die in die Wände eingelassenen schmalen Spiegel glänzten matt im Dunkel. Dann ging ein jeder nach Hause.

Agnès sagte:

»Nanette, sieh nach, ob Papa fertig ist, und sag Nadine Bescheid, daß das Essen auf dem Tisch steht.«

Guillaume trat ein und verbreitete den Geruch nach edlen Zigarren und Lavendelwasser, den sie immer mit Unbehagen einatmete. Er war, noch mehr als sonst, fett, gesund und glücklich.

Sobald sie bei Tisch saßen, verkündete er:

»Ich will Ihnen gleich sagen, daß ich nach dem Essen wegfahre. Wenn man die ganze Woche in Paris erstickt ist, ist es das mindeste … Verlockt Sie das wirklich nicht?«

»Ich möchte die Kleine nicht allein lassen.«

Guillaume zog Nanette, die ihm gegenübersaß, an den Haaren; sie hatte in der letzten Nacht einen Fieberanfall gehabt, der allerdings so leicht gewesen war, daß ihre frische Farbe nicht gelitten hatte.

»Sie ist nicht sehr krank. Sie hat einen wunderbaren Appetit.«

»Oh, sie macht mir keine Sorgen, Gott sei Dank«, sagte Agnès. »Ich werde sie bis vier Uhr hinausgehen lassen. Wo fahren Sie hin?«

Guillaumes Miene verdüsterte sich.

»Ich … Oh, ich weiß noch nicht … Sie haben die Manie, alles im voraus festzulegen… In die Gegend von Fontainebleau oder Chartres, aufs Geratewohl, ins Blaue… Nun? Begleiten Sie mich?«

›Sein Gesicht möchte ich sehen, wenn ich einwilligte‹, dachte Agnès. Das ein wenig verkrampfte Lächeln im Winkel ihrer zusammengepreßten Lippen irritierte Guillaume. Aber sie antwortete wie gewöhnlich:

»Ich habe im Haus zu tun.«

Und sie dachte: ›Wer ist es diesmal?‹

Guillaumes Mätressen. Ihre eifersüchtige Unruhe, ihre schlaflosen Nächte. Wie fern das alles jetzt war. Er war groß und dick, ein wenig kahl, sein ganzer Körper befand sich in behaglichem, sicherem Gleichgewicht, und sein Kopf saß fest auf einem breiten, kräftigen Hals; er war fünfundvierzig, ein Alter, in dem der Mann am stärksten, am schwersten ist, mit beiden Beinen auf der Erde steht und sein dickes Blut kräftig durch die Adern fließt. Wenn er lachte, schob er seinen Unterkiefer vor und entblößte alle seine weißen Zähne, auf denen kaum Gold zu sehen war.

›Wer‹, überlegte Agnès, ›hat gesagt: Du machst eine Grimasse wie ein Wolf, wie ein wildes Tier, wenn du lachst? Bestimmt war er davon unsäglich geschmeichelt. Früher hatte er diese Gewohnheit nicht.‹

Sie erinnerte sich, wie er jedesmal in ihren Armen weinte, wenn ein Liebesabenteuer zu Ende ging, und an das kurze Stöhnen, das seinen Lippen entwich, während er den Mund leicht öffnete, als wollte er seine Tränen schlürfen. Armer Guillaume…

»Ich, ich…«, sagte Nadine.

So begann sie ihre Sätze immer. Ausgeschlossen, in ihren Gedanken oder in ihren Äußerungen ein Wort, einen Geistesblitz zu finden, der sich nicht auf sie selbst bezog, auf ihre Kleider, ihre Freunde, ihre Strumpfmaschen, ihr Taschengeld, ihre Vergnügungen. Sie war… strahlend. Ihre Haut war so weiß wie bestimmte samtweiche Blüten, blaß und leuchtend zugleich, wie der Jasmin, die Kamelie, aber man sah das pochende junge Blut hindurchscheinen, in ihre Wangen steigen, die Lippen schwellen, die wirkten, als werde gleich ein Saft aus ihnen herausspritzen, rosa und feurig wie Wein. Ihre Augen glitzerten.

›Sie ist zwanzig‹, sagte sich Agnès, die sich ein weiteres Mal bemühte, die Augen zu schließen und von dieser allzu strahlenden, allzu gierigen Schönheit, von diesem schallenden Lachen, diesem Egoismus, diesem jungen Feuer, dieser diamantenen Härte nicht verletzt zu werden. ›Sie ist zwanzig, es ist nicht ihre Schuld … Das Leben wird sie abkühlen, besänftigen, zur Vernunft bringen wie alle anderen.‹

»Mama, darf ich Ihren roten Schal nehmen? Ich werde ihn bestimmt nicht verlieren. Und, Mama, darf ich spät heimkommen?«

»Zuerst einmal, wo gehst du hin?«

»Aber das wissen Sie doch, Mama! Nach Saint-Cloud zu Chantal Aumont! Arlette holt mich ab. Mama, darf ich spät heimkommen? Also, nach acht? Sie werden nicht böse sein?

Denn an einem Sonntag um sieben möchten wir die Steigung von Saint-Cloud vermeiden.«

»Sehr vernünftig«, sagte Guillaume.

Das Essen ging zu Ende. Mariette hatte die Speisen rasch aufgetragen. Sonntag … Sobald das Geschirr gespült war, würde auch sie ausgehen.

Sie aßen mit Orangensaft getränkte Crêpes; Agnès hatte Mariette geholfen, den Teig anzurühren.

»Köstlich«, sagte Guillaume mit Feingefühl.

Schon hörte man durch die offenen Fenster die Teller klirren, manche ganz sachte wie in dem dunklen Erdgeschoß, wo zwei alte Jungfern im Dunkel Zuflucht fanden, andere fröhlicher, lebhafter. So auch im Haus gegenüber, wo samt seinen zwölf Gedecken das große glänzende Damasttischtuch mit den harten Falten schimmerte, in dessen Mitte ein Korb mit weißen Rosen zur Erstkommunion prangte.

»Ich gehe schon und mache mich fertig, Mama. Ich möchte keinen Kaffee.«

Guillaume trank wortlos und hastig seine Tasse aus. Mariette begann den Tisch abzudecken.

›Wie eilig sie es haben‹, dachte Agnès, während ihre flinken, mageren Hände mechanisch Nanettes Serviette falteten, ›nur ich …‹

Nur für sie war der herrliche Sonntag ohne Reiz.

›Ich hätte nie geglaubt, daß sie so häuslich, so abgestumpft werden könnte‹, dachte Guillaume. Er sah sie an, atmete tief ein, blähte den Brustkorb, glücklich und stolz, diesen Andrang an Kraft in sich zu spüren, die die schönen Tage seinem Körper zu verleihen schienen. ›Ich bin wunderbar in Form. Ich halte mich erstaunlich gut‹, sagte er sich noch, als er sich an die vielen Krisen und an die Geldsorgen erinnerte… Germaine, die sich an ihn klammerte, der Teufel soll sie holen… die Steuern… alles, was ihn mit Recht hätte deprimieren, traurig stimmen können. Aber nein! ›So bin ich schon immer gewesen! Ein Sonnenstrahl, die Aussicht auf einen Sonntag außerhalb von Paris, in Freiheit, eine gute Flasche, eine hübsche Frau an meiner Seite, und ich bin zwanzig! Ja, ich lebe‹, beglückwünschte er sich, während er seine Frau mit dumpfer Feindseligkeit betrachtete; ihre kalte Schönheit irritierte ihn, ebenso die spöttische, verkrampfte Falte ihrer schmalen Lippen. Laut sagte er:

»Falls ich in Chartres übernachten sollte, werde ich Sie natürlich anrufen. Jedenfalls bin ich morgen früh wieder zurück. Ich komme hier vorbei, bevor ich ins Büro fahre.«

Mit sonderbarer, schmerzhafter Kälte dachte Agnès: ›Eines Tages wird das Auto mit ihm und der Frau, die er liebkost, nach einem zu üppigen Mahl gegen einen Baum fahren. Ein Telefonanruf aus Senlis oder Auxerre. Wirst du leiden?‹ fragte sie neugierig ein unsichtbares, stummes, aufmerksames Bild ihrer selbst im Dunkel. Aber das Bild, schweigsam und gleichgültig, antwortete nicht, und Guillaumes Gestalt schob sich zwischen sie und den Spiegel.

»Bis bald, meine Liebe.«

»Bis bald, mein Freund.« Dann war er weg.

»Soll ich den Teetisch im Salon herrichten, Madame?« fragte Mariette.

»Nein, lassen Sie nur. Ich werde es selbst tun. Sobald die Küche aufgeräumt ist, können Sie gehen.«

»Danke, Madame«, sagte das junge Mädchen, deren Wangen plötzlich heftig erröteten, als hätte sie sie an ein loderndes Feuer gehalten. »Danke, Madame«, wiederholte sie mit einem schmachtenden Blick, bei dem Agnès spöttisch die Achseln zuckte.

Agnès streichelte das glatte, schwarze Köpfchen von Nanette, die sich abwechselnd in den Falten ihres Kleides verbarg, dann lachend das Gesicht vorstreckte.

»Wir beide werden es schön ruhig haben, mein Liebes.« Unterdessen zog sich Nadine in ihrem Zimmer eilig an, puderte ihren Hals, ihre nackten Arme, den Ansatz ihres Busens, dort, wohin Rémi im Dunkel des Wagens seine trockenen, glühenden Lippen gelegt hatte, die Stelle, die er mit raschen, flammendheißen Küssen bedeckt hatte. Halb drei… Arlette war noch nicht da. ›Bei Arlette wird Mama keinen Verdacht schöpfen.‹ Das Stelldichein war für drei Uhr geplant. ›Wenn man bedenkt, daß Mama nichts sieht. Sie war doch auch einmal jung …‹, dachte sie und versuchte vergebens, sich die Jugend, die Verlobung, die ersten Ehejahre ihrer Mutter vorzustellen.

›Sie ist wohl immer so gewesen. Ordnung, Ruhe. Weiße Leinenkragen … Guillaume, zerbrechen Sie meine Rosen nicht… Ich dagegen…‹

Sie erbebte, biß sich sanft auf die Lippen, näherte ihr Gesicht dem Spiegel. Nichts geiel ihr so sehr wie ihr Körper, ihr Blick, ihre Züge, die Form des weißen und reinen jungen Halses, wie eine Säule. ›Es ist wunderbar, zwanzig zu sein‹, dachte sie iebrig. ›Können alle jungen Mädchen es so sehen wie ich, können sie diese Seligkeit auskosten, diese Glut, diese Kraft, dieses heiße Blut? Dies alles ebenso stark und tief fühlen wie ich? Im Jahre 1934 zwanzig sein, das ist für eine Frau … herrlich‹, sagte sie sich und erinnerte sich undeutlich an die Campingnächte, die Rückfahrt im Morgengrauen in Rémis Wagen (während ihre Eltern sie bei einem Ausflug mit Freunden auf der Île Saint-Louis wähnten, um sich unschuldig den Sonnenaufgang über der Seine anzuschauen) und an das Skifahren, das Schwimmen im Freien, das kalte Wasser auf ihrem jungen Körper, an Rémis Hand, der seine Fingernägel in ihren Nacken grub, ihre kurzen Haare sanft nach hinten zog… ›Und diese Eltern, die nichts sehen! Freilich, zu ihrer Zeit… Ich stelle mir meine Mutter in meinem Alter vor, den ersten Ball, die niedergeschlagenen Augen. Rémi… Ich bin verliebt‹, sagte sie zu ihrem lächelnden Spiegelbild. ›Aber man muß auf Rémi aufpassen, so schön, so von sich eingenommen, verwöhnt von den Frauen, den Huldigungen. Bestimmt läßt er einen gerne leiden.‹

»Aber wir werden ja sehen, wer der Stärkere ist«, murmelte sie, ballte nervös die Fäuste, spürte ihre Liebe tief in ihrem Innern pochen wie einen stürmischen Wunsch nach Kampf, nach einem feurigen, grausamen Spiel.

Sie lachte. Und ihr Lachen klang so hell, so frech, so frisch in der Stille, daß sie bezaubert innehielt und die Ohren spitzte, als lauschte sie dem Echo eines seltenen, vollkommenen Musikinstruments.

›Manchmal scheint mir, als wäre ich vor allem in mich selbst verliebt‹, dachte sie, als sie sich ihre grüne Kette um den Hals legte, deren kleine Kugeln schimmerten und die Sonne reflektierten. Ihre reine, feste und glatte Haut hatte jene glossiness der jungen Tiere, der Blumen, der Pflanzen im Mai, ein Glanz, dessen Vergänglichkeit man fühlte, der jedoch zur äußersten Vollkommenheit gelangt war. ›Nie wieder werde ich so schön sein.‹

Sie parfümierte sich, vergeudete absichtlich das Parfüm, verteilte es auf ihrem Gesicht, ihren Schultern: Alles, was auffällig, extravagant war, stand ihr an diesem Tag! ›Ich möchte ein feuerrotes Kleid haben, Zigeunerschmuck.‹ Sie erinnerte sich an die zarte und matte Stimme ihrer Mutter:

»Alles mit Maßen, Nadine!«

»Diese alten Leute«, sagte sie sich verächtlich.

Auf der Straße vor dem Haus hatte Arlettes Wagen angehalten. Nadine nahm ihre Handtasche, die Baskenmütze, die sie sich im Laufen auf den Kopf setzte, rief vorbeifliegend:

»Auf Wiedersehen, Mama!«, und verschwand.

»Ich möchte, daß du dich ein wenig auf dem Sofa ausruhst, Nanette. Du hast heute nacht so schlecht geschlafen. Ich werde neben dir arbeiten!« sagte Agnès. »Danach kannst du mit Mademoiselle rausgehen.«

Die kleine Nanette rollte einen Augenblick ihre rosa Schürze in den Händen, drehte sich hin und her, rieb ihr Gesicht an den Kissen, gähnte, schlief ein. Sie war fünf Jahre alt. Wie Agnès hatte sie die Haut einer Blondine, blaß und frisch, schwarzes Haar und dunkle Augen.

Leise setzte sich Agnès neben sie. Das Haus war still, verschlafen. Draußen hing der Duft des Filterkaffees in der Luft. Das Zimmer war von einem gelben, warmen, sanften Schatten erfüllt. Agnès hörte, wie Mariette behutsam die Küchentür zumachte und durch die Wohnung ging; sie lauschte ihren Schritten, die sich auf der Dienstbotentreppe entfernten. Sie seufzte; es überkam sie ein seltsames, wehmütiges Glücksgefühl, ein köstlicher Friede. Die Stille, die leeren Zimmer, die Gewißheit, daß bis zum Abend niemand sie stören, daß weder ein Schritt noch eine fremde Stimme in dieses Haus, diese Zuflucht dringen würde … Die Straße war ruhig und menschenleer. Nur eine unsichtbare Frau spielte Klavier, im Schutz ihrer heruntergelassenen Jalousien. Dann verstummte alles. Zur selben Zeit preßte Mariette ihre breiten, nackten Hände um ihre sonntägliche Handtasche aus

»Schweinslederimitat«, eilte zur Metrostation Sèvres-Croix-Rouge, wo ihr Liebhaber sie erwartete, und Guillaume sagte im Wald von Compiègne zu einer üppigen Blondine, die neben ihm saß: »Es ist leicht, mich zu tadeln, dabei bin ich kein schlechter Ehemann, aber meine Frau…« Nadine flitzte in Arlettes kleinem grünem Auto am Gitter des Jardin de Luxembourg entlang. Die Kastanienbäume standen in Blüte. Die Kinder tollten in ärmellosen Frühlingsjäckchen herum. Voller Bitterkeit dachte Arlette, daß niemand auf sie wartete; niemand liebte sie. Man duldete sie wegen ihres kostbaren grünen Wagens und ihrer mit Schildpatt umrandeten runden Augen, die den Müttern Vertrauen einflößten. Glückliche Nadine!

Es blies ein kräftiger Wind; die jäh nach links sich neigenden Wasserstrahlen des Springbrunnens besprühten die Passanten mit glitzerndem Staub. Die jungen Bäume im Square Sainte-Clotilde bewegten sich sachte.

›Welch ein Frieden‹, dachte Agnès.

Sie lächelte; weder ihr Mann noch ihre älteste Tochter kannten dieses langsame und seltene vertrauensvolle Lächeln, das ihre Lippen ein wenig öffnete.

Sie stand auf, um leise das Wasser der Rosen zu wechseln; sorgfältig beschnitt sie die Stengel; die Rosen gingen langsam auf, und die Blütenblätter schienen sich wie mit Bedauern zu öffnen, furchtsam und in einer Art göttlicher Schamhaftigkeit.

›Wie wohl man sich hier fühlt‹, dachte Agnès.

Ihr Haus… Die Zuflucht, die verschlossene, warme Muschel, verschlossen gegen den Lärm von draußen. Wenn sie in der Winterdämmerung die Rue Las Cases entlangging und über der Tür die in den Stein gemeißelte lächelnde Frauenigur erkannte, dieses vertraute, mit schmalen Bändern geschmückte sanfte Gesicht, fühlte sie sich auf geheimnisvolle Weise erleichtert, besänftigt, von ruhigem Glück durchströmt. Ihr Haus… Die köstliche Stille, dieses leichte, flüchtige Knacken der Möbel, die zarten Marketerien, die schwach im Dunkel schimmerten, wie sehr sie das alles liebte. Sie setzte sich, ließ sich tief in einen Sessel sinken, sie, die sich sonst immer so gerade hielt, den Rücken nicht beugte und den Kopf nicht senkte.

›Guillaume sagt, daß ich die Dinge mehr liebe als die Menschen… Das ist möglich!‹

Sie umgaben sie mit süßem, stummem Zauber. Die mit Schildpatt und Kupfer verzierte Standuhr schlug langsam und friedlich in der Stille.

Das musikalische, vertraute Klingen einer silbernen Tasse, die im Dunkel glänzte, antwortete auf jede Bewegung, jeden Seufzer, wie ein Freund.

Das Glück? ›Man verfolgt es, man sucht es, man rackert sich ab, und es ist nur hier‹, sagte sie sich, ›es entsteht in dem Augenblick, wo man nichts mehr erwartet, nichts mehr erhofft, nichts mehr befürchtet. Natürlich, die Gesundheit der Kleinen…‹ Mechanisch beugte sie sich herab, berührte Nanettes Stirn mit den Lippen. ›Frisch wie eine Blume, Gott sei Dank. Auf nichts mehr hoffen, welcher Friede. Wie ich mich verändert habe‹, dachte sie, als sie sich an ihre Vergangenheit erinnerte, an ihre unsinnige Liebe zu Guillaume, an diesen kleinen Square irgendwo in Passy, wo sie an Frühlingsabenden auf ihn gewartet hatte. Ihre Familie, ihre abscheuliche Schwiegermutter, der Lärm ihrer Schwestern in dem traurigen, düsteren kleinen Salon. »Ah, nie werde ich der Stille überdrüssig sein.« Sie lächelte, sagte leise, als ob die Agnès von einst mit ihren schwarzen Zöpfen, die ihr blasses junges Gesicht umrahmten, neben ihr säße und ihr ungläubig lauschte:

»Das wundert dich? Habe ich mich verändert?«

Sie schüttelte den Kopf. In ihrer Erinnerung kam es ihr vor, als wäre jeder Tag der Vergangenheit regnerisch und traurig gewesen, jedes Warten vergeblich, jedes Wort grausam oder verlogen.

›Ah, wie nur kann man der Liebe nachweinen? Glücklicherweise ähnelt Nadine mir nicht. Diese Kleinen sind ja so kalt, so gefühllos. Nadine ist noch ein Kind, aber auch später wird sie nie so lieben, so leiden können wie ich. Um so besser im übrigen, um so besser, mein Gott. Nanette wird wahrscheinlich genauso sein wie ihre Schwester.‹

Sie lächelte; es war so seltsam, sich vorzustellen, daß aus diesen dicken und glatten rosigen Wangen, diesen unbestimmten Zügen einmal das Gesicht einer Frau werden würde. Sie streckte die Hand aus, streichelte sanft das feine schwarze Haar. ›Die einzigen Augenblicke, an denen meine Seele sich ausruht‹, dachte sie, und sie erinnerte sich an eine Jugendfreundin, die immer sagte: »Meine Seele ruht sich aus…«, wobei sie halb die Augen schloß und eine Zigarette anzündete. Aber Agnès rauchte nicht. Nicht das Träumen liebte sie, sondern so dazusitzen und irgendeiner ganz bescheidenen, präzisen Beschäftigung nachzugehen, zu nähen, zu stricken, ihr Denken zu zwingen, sich zu beugen, demütig zu werden, ruhig und still zu sein, die Bücher zu ordnen, sorgfältig die Gläser aus böhmischem Kristall zu spülen und abzutrocknen, eines nach dem andern, die altmodischen, goldumrandeten langen Kelche, aus denen man den Champagner zu trinken pflegte. ›Das Glück… Ja, mit zwanzig kam mir das Glück anders, schrecklicher, größer vor, aber die Wünsche werden auf wundersame Weise kleiner und erfüllbarer, je näher man dem Ende aller Wünsche kommt‹, dachte sie, während sie einen Korb auf ihre Knie stellte, der eine begonnene Handarbeit, Nähseide, ihren Fingerhut, ihre goldene Schere enthielt. ›Braucht eine Frau, die die Liebe nicht liebt, denn mehr?‹

»Laß mich bitte hier raus, Arlette«, bat Nadine.

Es war drei Uhr. ›Ich werde ein wenig zu Fuß gehen‹, sagte sie sich. ›Ich will nicht als erste da sein.‹

Arlette gehorchte. Nadine stieg aus.

»Danke, meine Liebe.«

Das Auto fuhr weiter. Nadine ging die Rue de l’Odéon hinauf, wobei sie sich zwang, die Eile und das fröhliche Feuer zu zähmen, das ihren Körper erfaßte. ›Ich mag die Straße‹, dachte sie und schaute sich dankbar um. ›Zu Hause ersticke ich. Sie können nicht verstehen, daß ich jung bin, daß ich zwanzig bin, daß ich nicht umhinkann zu singen, zu tanzen, laut zu sprechen, zu lachen. Ich bin glücklich.‹ Mit Wonne spürte sie durch den dünnen Stoff ihres Kleides den Wind auf ihren Beinen. Leicht, luftig, frei, beflügelt, nichts hielt sie in diesem Augenblick auf der Erde fest, so schien ihr. ›Es gibt Momente, wo man sich mühelos in die Lüfte erheben könnte‹, dachte sie, von Hoffnung getragen. Wie schön die Welt war, wie liebenswert! Die strahlende Flut der Mittagssonne ließ nach, verwandelte sich in ein fahles, ruhiges Licht; an jeder Straßenecke verkauften Frauen Narzissensträuße, boten den Passanten ihre Körbe an. In den Cafés, auf den Terrassen tranken friedlich beisammensitzende Familien Granatapfelsirup, im Kreis um eine kleine Kommunikantin mit glühenden Wangen und glänzenden Augen. Und langsam, die Trottoirs versperrend, flanierten die Soldaten und Frauen in schwarzen Kleidern, Frauen mit roten und nackten großen Händen. »Hübsch«, sagte ein vorbeikommender Junge und schob wie zu einem Kuß die Lippen vor, während er Nadine gierig ansah. Sie lachte.

Mitunter verschwand die Liebe, sogar Rémis Bild. Es blieb nur eine Schwärmerei, ein Fieber, eine stechende, fast unerträgliche Glückseligkeit, die jedoch in ihren geheimsten Tiefen eine sonderbare, süße Angst zu bergen schien.

›Die Liebe? Liebt mich Rémi?‹ fragte sie sich plötzlich auf der Schwelle des kleinen Bistros, wo sie auf ihn warten sollte. ›Und ich? Vor allem sind wir Freunde, oder? Aber Freundschaft, Vertrauen ist etwas für alte Leute! Sogar Zärtlichkeit ist nichts für uns! Liebe ist etwas ganz anderes‹, dachte sie, als sie sich an den schmerzenden Stachel erinnerte, den die Küsse, die zärtlichsten Worte bisweilen im Innern zu bergen schienen. Sie trat ein.

Das Café war leer. Die Sonne schien. Eine Wanduhr schlug. Der kleine Raum, in dem sie sich setzte, war kühl wie ein Keller und roch nach Wein.

Er war nicht da. Sie fühlte, wie ihr Herz sich langsam zusammenkrampfte. ›Schon Viertel nach drei, das stimmt. Aber hat er denn nicht auf mich gewartet?‹

Sie bestellte aufs Geratewohl ein Getränk.

Jedesmal, wenn die Tür aufging, jedesmal, wenn eine männliche Gestalt auf der Schwelle erschien, klopfte dies ungebärdige Herz freudig und überflutete sie stürmisch mit Glückseligkeit, und jedesmal trat ein Unbekannter ein, betrachtete sie zerstreut und setzte sich ins Dunkel. Nervös preßte sie unter dem Tisch die Hände zusammen.

›Aber wo ist er? Warum kommt er nicht?‹

Dann senkte sie den Kopf und begann wieder zu warten.

Unerbittlich schlug die Uhr jede Viertelstunde. Die Augen auf den Zeiger geheftet, wartete sie bewegungslos, als könnte die vollständige Reglosigkeit den Gang der Zeit verlangsamen. Drei Uhr dreißig. Drei Uhr fünfundvierzig. Das war noch nicht viel. Zu beiden Seiten der halben Stunde besteht ja nur ein ganz kleiner Unterschied, desgleichen bei drei Uhr vierzig, aber wenn man sagt, zwanzig vor vier, Viertel vor vier, dann ist alles verloren, verdorben, unwiederbringlich verloren! Er wird nicht kommen, er hat sich über sie lustig gemacht! Mit wem ist er in diesem Augenblick zusammen? Wem sagt er: »Nadine Padouan? Die habe ich ganz schön an der Nase herumgeführt!« Sie spürte, wie herbe, bittere Tränen in ihren Augen brannten. Nein, nein, das nicht! Vier Uhr. Ihre Lippen bebten. Sie öffnete ihre Handtasche, blies auf die Puderquaste. Der auffliegende Puder umgab sie mit einer erstickenden Duftwolke. Sie sah ihre Züge in dem kleinen Spiegel, zitternd und verzerrt wie auf dem Grund des Wassers. ›Nein, ich werde nicht weinen‹, dachte sie, wild die Zähne zusammenbeißend. Mit bebenden Fingern ergriff sie ihren Lippenstift, fuhr sich damit über den Mund, puderte die seidige, bläuliche, glatte Höhlung unter ihren Augen, genau dort, wo sich später die erste Falte bilden würde. ›Warum hat er das getan?‹ Ein Kuß an einem Abend, war das denn alles, was er wollte? Einen Augenblick wurde sie von verzweifelter Erniedrigung ergriffen. Alle bitteren Erinnerungen, die sogar eine glückliche Kindheit enthalten kann, strömten in ihre Seele: jene unverdiente Ohrfeige ihres Vaters, als sie zwölf war; jener ungerechte Lehrer; jene kleinen englischen Mädchen in der Tiefe ihrer Vergangenheit, die lachend sagten: »We won’t play with you. We  don’t play with kids.«

›Ich leide. Ich wußte nicht, daß man so leiden kann.‹

Sie sah nicht mehr auf die Uhr. Reglos blieb sie sitzen. Wohin gehen? Hier fühlte sie sich geschützt, an ihrem Platz. Wie viele Frauen hatten gewartet wie sie, ihre Tränen heruntergeschluckt wie sie, mechanisch diese alte Moleskinbank gestreichelt, die sich warm und weich anfühlte wie das Fell eines Tiers? Doch plötzlich durchströmte sie wieder ein Gefühl stolzer Kraft. Was bedeutete das? ›Ich leide, ich bin unglücklich.‹ Oh, die schönen, völlig neuen Wörter: Liebe, Unglück, Begehren. Sie bildete sie sanft mit den Lippen.

»Ich möchte, daß er mich liebt. Ich bin jung. Ich bin schön. Er wird mich lieben, und wenn nicht er, dann andere«, murmelte sie und preßte nervös ihre Hände mit den glänzenden, wie Krallen spitzen Nägeln zusammen.

Fünf Uhr… Der kleine dunkle Raum erglühte mit einem Mal in goldenem Licht. Die Sonne hatte sich gedreht, erhellte den goldgelben Likör in ihrem Glas, beleuchtete die kleine Telefonkabine ihr gegenüber.

›Ein Anruf?‹ dachte sie iebrig. ›Vielleicht ist er krank?‹

»Ach was«, sagte sie, wütend die Achseln zuckend.

Sie hatte laut gesprochen; sie erschauerte. ›Aber was habe ich denn?‹ Sie stellte sich vor, er läge blutend, tot auf einer Landstraße. Im Auto raste er immer wie ein Verrückter…

»Soll ich anrufen? Nein!« murmelte sie und fühlte zum ersten Mal die Schwäche, die Feigheit ihres Herzens.

Zur selben Zeit schien tief in ihrem Innern eine Stimme geheimnisvoll zu flüstern: ›Schau genau hin. Hör genau zu. Erinnere dich. Niemals wirst du diesen Tag vergessen. Du wirst älter werden. Aber in der Stunde deines Todes wirst du diese offene, in der Sonne schlagende Tür wiedersehen. Du wirst diese Uhr die Viertelstunden schlagen hören, den Lärm wahrnehmen, die Rufe von der Straße.‹

Sie stand auf und ging in die kleine Telefonkabine, die nach Staub und Kreide roch; die Wände waren mit Bleistiftgekritzel bedeckt. Lange starrte sie auf eine in eine Ecke gezeichnete Frauengestalt. Schließlich wählte sie Jasmin 10-32.

»Hallo«, sagte eine Frauenstimme, eine unbekannte Stimme.

»Die Wohnung von Monsieur Rémi Alquier?« fragte sie, und der Klang ihrer Worte überraschte sie: ihre Stimme zitterte.

»Ja, wer ist am Apparat?«

Nadine schwieg. Undeutlich hörte sie ein träges sanftes Lachen, einen Ruf:

»Rémi, ein junges Mädchen fragt nach dir… Was? Monsieur Alquier ist nicht da, Mademoiselle.«

Langsam hängte Nadine den Hörer ein und ging hinaus. Es war sechs Uhr, und der Glanz der Maisonne hatte sich getrübt; eine traurige, leichte Dämmerung war hereingebrochen. Aus dem Jardin de Luxembourg stieg der Geruch nach frisch besprengten Pflanzen und Blumen. Auf gut Glück ging Nadine in eine Straße, dann in eine andere. Beim Gehen piff sie leise. Die ersten Lampen wurden in den Häusern angezündet, die ersten Gaslaternen in den noch hellen Straßen: ihre verzerrten Lichter blinkten durch ihre Tränen hindurch.

In der Rue Las Cases hatte Agnès Nanette zu Bett gebracht. Das Kind schlief schon fast, aber es sprach in seinem Halbschlaf mit zögernder, sanfter, vertrauensvoller Stimme zu sich selbst, zu ihrem Spielzeug, zu der Dunkelheit. Doch sobald sie den Schritt von Agnès hörte, verstummte sie aus Vorsicht.

›Jetzt schon‹, dachte Agnès.

Sie betrat den dunklen Salon, und ohne die Lampen anzumachen, ging sie zum Fenster. Der Himmel wurde dunkel. Sie seufzte. Der Frühlingstag barg eine Art Bitterkeit, die mit dem Abend zu verströmen schien. So wie rosige, duftende Pirsiche einen bitteren Geschmack im Mund hinterlassen. Wo war Guillaume? »Heute nacht wird er bestimmt nicht heimkommen. Um so besser«, sagte sie und dachte an ein frisches, leeres Bett. Mit der Hand berührte sie die kalte Fensterscheibe. Wie oft hatte sie so auf Guillaume gewartet? Abend für Abend, in der Stille auf das Schlagen der Uhr lauschend, auf das Knarren des Fahrstuhls, der langsam aufstieg, an ihrer Tür vorbeiglitt, wieder hinabfuhr. Abend für Abend, zuerst mit Verzweiflung, dann mit Resignation, dann mit schwerer, tödlicher Gleichgültigkeit.

Und jetzt? Traurig zuckte sie die Achseln.

Die Straße war leer, und ein bläulicher Dunst schien über allen Dingen zu schweben, als hätte vom verschleierten Himmel sachte ein feiner Ascheregen zu fallen begonnen. Der goldene Stern einer Straßenlaterne leuchtete im Dunkeln auf, und die Türme von Sainte-Clotilde schienen zurückzuweichen, sich in der Ferne aufzulösen. Ein kleiner Wagen voller Blumen, der vom Land zurückkehrte, fuhr vorbei; es war gerade noch hell genug, um die an den Scheinwerfern befestigten Narzissensträuße zu erkennen. Die Hausmeister, die auf Strohstühlen an ihren Türschwellen saßen, die Hände lässig auf ihre Knie gestützt, schwiegen. An jedem Fenster wurden die Läden geschlossen, und durch die Zwischenräume schimmerte nur schwach eine rosa Lampe.

›Früher‹, erinnerte sich Agnès, ›als ich so alt war wie Nadine, wartete ich schon stundenlang vergeblich auf Guillaume.‹ Sie schloß die Augen, versuchte, ihn wiederzusehen, wie er damals war, oder zumindest so, wie er ihr erschienen war. War er denn so schön? So charmant? Mein Gott, bestimmt magerer als jetzt, das Gesicht sorgenvoller, hagerer. Schöne Lippen. Seine Küsse… Es entwich ihr ein trauriges und bitteres kurzes Lachen.

›Wie sehr ich ihn liebte… ich Närrin… ich unglückliche Närrin. Er sagte mir keine Liebesworte. Er begnügte sich damit, mich zu küssen, mich so lange zu küssen, bis mein Herz vor Sanftmut und Kummer dahinschmolz. Achtzehn Monate lang hat er mir nicht einmal ›Ich liebe dich‹… oder ›Ich will dich heiraten‹ gesagt. Ich mußte immer für ihn da sein, zu meiner Verfügung, wie er sagte. Und ich törichter Unglückswurm, ich fand Gefallen daran. Ich war in dem Alter, in dem sogar die Niederlage berauscht. Und ich dachte: Er wird mich lieben. Ich werde seine Frau sein. Wegen all meiner Hingabe und Liebe wird er mich schließlich lieben.‹ Ungewöhnlich genau erinnerte sie sich an einen lange zurückliegenden Frühlingsabend. Aber er war nicht so schön und lau gewesen wie heute. Es war einer jener regnerischen oder kalten Pariser Frühlinge, in denen schon am frühen Morgen ein eisiger Regen fällt und durch die belaubten Bäume tropft. Die blühenden Kastanien, die langen Tage und die milde Luft wirkten wie grausamer Hohn. Sie wartete auf einer Bank in einem leeren Square. Der regennasse Buchsbaum verströmte einen bitteren Geruch. Die Tropfen ielen ins Wasserbassin und maßen langsam und melancholisch die unwiederbringlich verstreichenden Minuten; kalte Tränen rannen ihr über die Wangen. Er kam nicht. Eine Frau hatte sich neben sie gesetzt, hatte sie wortlos angesehen, unter dem Regen den Rücken krümmend und bitter die Lippen zusammenpressend, als dächte sie: ›Noch eine‹.

Sie neigte ein wenig den Kopf, legte ihn wie früher mechanisch auf ihren Arm. Eine tiefe Traurigkeit stieg in ihr auf.

›Was ist denn los? Dabei bin ich glücklich, so ruhig, so friedlich. Wozu sich erinnern? Das kann in meiner Seele nur Groll und sinnlosen Zorn wecken, mein Gott!‹

Doch dann tauchte in ihrem Gedächtnis das Bild des Taxis auf, das sie durch die schwarzen, nassen Alleen des Bois de Boulogne fuhr, und ihr schien, als fände sie von neuem die Würze und den Geruch dieser reinen, kalten Luft wieder, die durch die offenen Fenster drang, während Guillaumes Hand sanft und grausam ihre nackte Brust preßte wie eine Frucht, aus der man den Saft spritzen ließ. Streitereien, Versöhnungen, bittere Tränen, Lügen, ungeheure Feigheit und jenes jähe, süße Glück, wenn er ihre Hand berührte und lachend sagte: »Verärgert? Ich liebe es, dich ein wenig leiden zu lassen.«

»Das ist vorbei, das wird nicht wiederkehren«, sagte sie plötzlich laut mit unverständlicher Verzweiflung. Jäh fühlte sie eine Flut von Tränen aus ihren Augen schießen und über ihr Gesicht rinnen. »Ich möchte noch immer leiden.«

›Leiden, verzweifeln, auf jemanden warten! Ich warte auf niemanden mehr in der Welt! Ich bin alt. Ich hasse dieses Haus‹, dachte sie plötzlich wie im Fieber. ›Und diesen Frieden, diese Ruhe! Und die Kleinen? Ja, die mütterliche Illusion ist die hartnäckigste und vergeblichste. Ja, ich liebe sie, ich habe nur sie auf der Welt, aber das genügt nicht. Ich möchte die verlorenen Jahre wiederinden, die verlorenen Leiden. Ich möchte zwanzig Jahre alt sein! Glückliche Nadine! Aber sie ist vermutlich in Saint-Cloud beim Golfspielen! Sie kümmert sich nicht um die Liebe! Glückliche Nadine!‹

Sie zuckte zusammen. Sie hatte die Tür nicht gehört, auch nicht Nadines Schritte auf dem Teppich. Hastig sagte sie, heimlich ihre Augen wischend:

»Mach kein Licht.«

Wortlos setzte sich Nadine neben sie. Die Nacht war hereingebrochen, und jede wandte den Blick ab. Sie sahen nichts.

Nach einer Weile fragte Agnès:

»Hast du dich gut amüsiert, Liebes?«

»Ja, Mama«, sagte Nadine.

»Wie spät ist es denn?«

»Bald sieben, glaube ich.«

»Du kommst früher zurück, als du dachtest«, sagte Agnès zerstreut.

Nadine antwortete nicht, ließ sachte die dünnen goldenen Reifen an ihren nackten Armen klirren.

›Wie still sie ist‹, dachte Agnès, ein wenig erstaunt. Laut sagte sie:

»Was ist los, Liebes? Bist du müde?«

»Ein bißchen.«

»Du wirst früh schlafen gehen. Wasch dir jetzt die Hände. In fünf Minuten setzen wir uns zu Tisch. Mach keinen Lärm, wenn du durch den Flur gehst, Nanette schläft.«

Im selben Augenblick läutete das Telefon. Jäh hob Nadine den Kopf. Mariette kam herein.

»Mademoiselle Nadine wird am Telefon verlangt.«

Mit dumpf klopfendem Herzen ging Nadine leise durch den Salon, sich des Blicks ihrer Mutter bewußt. Geräuschlos schloß sie die Türe des kleinen Büros hinter sich, in dem sich das Telefon befand.

»Nadine?… Hier ist Rémi… Oh, wie verärgert wir sind… So verzeihen Sie mir doch… Seien Sie nicht böse… Wo ich doch um Verzeihung bitte! Na, na«, sagte er, als redete er einem störrischen Tier gut zu. »Ein wenig Nachsicht, bitte sehr, kleines Mädchen… Was wollen Sie? Eine alte Liebschaft, ein Almosen … Ach, Nadine, Sie wollen doch nicht, daß ich mich mit den kleinen Nichtigkeiten zufriedengebe, die Sie mir bieten?… He?… He?« wiederholte er, und sie erkannte das Echo dieses wollüstigen, sanften Lachens zwischen seinen zusammengepreßten Lippen wieder. »Sie müssen mir vergeben. Es ist mir nicht unangenehm, Sie zu küssen, wenn Sie wütend sind und Ihre grünen Augen Funken sprühen. Mir ist, als sähe ich sie. Sie blitzen, nicht wahr? Morgen? Wollen Sie morgen, zur selben Zeit?… Ich werde Sie nicht versetzen, ich schwör’s … Was? … Nicht frei? Was für ein Witz! Morgen? Am selben Ort, um die gleiche Zeit. Aber wenn ich es schwöre… Morgen?« wiederholte er.

Nadine sagte:

»Morgen.« Er lachte:

»There’s a good girl. Good little girlie. Bye-bye.«

Nadine rannte in den Salon. Ihre Mutter hatte sich nicht gerührt.

»Was machen Sie denn da, Mama?« rief Nadine aus, und ihre Stimme, ihr schallendes Lachen weckten in Agnès’ Seele ein unklares, bitteres Gefühl, ähnlich dem Neid. »Es ist ja stockdunkel!«

Sie machte alle Lampen an. Ihre noch tränenfeuchten Augen blitzten; eine düstere Flamme war in ihre Wangen gestiegen. Sie näherte sich trällernd dem Spiegel, brachte ihr Haar in Ordnung, betrachtete lächelnd ihr vom Glück erleuchtetes Gesicht, ihre halb geöffneten, zitternden Lippen.

»Wie fröhlich du auf einmal bist«, sagte Agnès.

Sie bemühte sich zu lachen, aber nur ein trauriges Glucksen kam ihr über die Lippen. Sie dachte: ›Ich war blind! Die Kleine ist ja verliebt! Ah, sie hat zu viele Freiheiten, und ich bin zu schwach, das beunruhigt mich.‹ Aber in ihrem Herzen erkannte sie jene Bitterkeit, jenes Leiden wieder; sie begrüßte es wie einen alten Freund. ›Tatsächlich, ich bin eifersüchtig!‹

»Wer hat dich angerufen? Du weißt genau, daß dein Vater diese Telefonate von Unbekannten und diese mysteriösen Rendezvous nicht mag.«

»Ich verstehe nicht, Mama«, sagte Nadine mit unschuldig glänzenden Augen, die fest auf ihre Mutter gerichtet waren, ohne daß man den in ihrer Tiefe verborgenen Gedanken hätte lesen können: die Mutter, die ewige Feindin, das geschwätzige Alter, das nichts begreift, nichts sieht, sich in seinem Schneckenhaus verkriecht und nur danach trachtet, die Jugend am Leben zu hindern! »Ich versichere Ihnen, daß ich Sie nicht verstehe. Das Tennisspiel, das am Samstag nicht stattgefunden hat, ist bloß auf morgen verschoben worden. Das ist alles.«

»Ach, wirklich alles!« sagte Agnès, aber der schroffe, harte Ton ihrer Worte verwunderte sie selbst.

Sie sah Nadine an. ›Ich bin verrückt. Es sind diese alten Erinnerungen. Sie ist noch ein Kind.‹ Einen Augenblick sah sie im Geist das Bild eines jungen Mädchens mit langen schwarzen Zöpfen wieder, das bei Nebel und Regen in einem verlorenen Square saß; traurig betrachtete sie es und vertrieb es für immer aus ihrem Gedächtnis.

Sanft legte sie ihre Hand auf Nadines Arm.

»Na, komm schon«, sagte sie.

Nadine unterdrückte ein ironisches Lachen. ›Werde ich in ihrem Alter genauso… leichtgläubig sein? Glückliche Mama‹, dachte sie mit süßer Verachtung. ›Wie schön ist doch die Unschuld und der Friede des Herzens.‹


*Aus: Irène Némirovsky, Meistererzählungen.

*Die Rechte an der Nutzung der deutschen Übersetzung von Eva Moldenhauer liegen beim Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH.

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