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Was man denken könnte, kurz nachdem man sich von ihm verabschiedet hat und kurz bevor man durch die Tür des Hauses hinaustritt:

1. Was ist das für ein Photo, das hier hängt?

2. Ist das sie auf dem Photo, das hier hängt?

3. Dass sie vor einem nicht sehr hohen Holzlattenzaun steht, der sie von einer kleinen Gänseherde trennt, könnte man denken. Ihr Körper nach oben gereckt, ihr Kopf nach hinten geworfen. Nicht zu sehen ist, wo ihr Blick hingeht.

4. Dass das Photo an einer dieser schmalen Wände hängt, die zwischen Ecken und Türen eingeklemmt sind; das sind Wände, an denen Kalender und kleine Bilder hängen; das sind keine Wände, denen man sich beim Laufen durch die Räume gegenüber sieht; es sind Wände, an denen vorbeigegangen wird.

Wenn man nicht daran vorbeigeht, sieht man ein Photo, das sie sich, als sie noch lebte, niemals an die Wand gehängt hätte: vor ihrem Zaun stehend, vor ihren Gänsen, während diese gemütlich durch die Pfützen gehen, die fast überall untief ihre ausgefächerten Füße umstehen. Die Gänse sehen sie nicht an, sie sehen zueinander oder sich selbst ins Gefieder. Ihr Federfell ist nicht schmutzig, im Gegenteil: es ist sehr weiß. Manche haben den Schnabel nicht in die Federn gesteckt, sie recken den Hals, als versuchten sie, die Pfützen nicht zu durchqueren, sondern sich aus ihnen herauszuziehen. Und auch sie, könnte man denken, sieht aus, als versuchte sie, sich irgendwo herauszuziehen, aus tiefstem Schlamassel in äußerst saubere Luft, dabei so gewollt angestrengt, dass sie kurzzeitig alle über die Jahre sich angeeigneten Auffassungen von Sauberkeit vergessen haben musste.

Was man denken könnte:

Dass sie nicht gemerkt haben konnte, wie sie photographiert, wie ihr Verhalten zu einem Bild wurde. Nie war es zu Ausschweifungen ihres Körpers gekommen; allenfalls ihres Mundes: auffällig viele Personen, die ihr nicht gewogen waren aus bestimmten Gründen – idiotischen, wie sie sagte –, waren gestorben, kurz nachdem sie sie leise verflucht hatte.

Der Weg auf dem Photo würde sie zum Haus führen, ginge sie ihn weiter: am Zaun entlang, über den Rand des Photos hinaus, hierher, wo jetzt auf ihr Photo geblickt wird, auf einen in fast sturer Dauerhaftigkeit in sich zusammengefallenen Körper, der sich sehr plötzlich nach oben aufgerichtet zu haben scheint, senkrecht die Sonne hinauf, hinein in den Wind, der in der Höhe weht, in die sie sich hineingereckt hat. So steht sie da, vor dem Zaun, während auf der anderen Seite Wald- und Wiesengänse gehen, die so konsequent vermeiden, sie direkt anzusehen, als würde dieser Blick seit Jahrhunderten vom Baltischen Meer bis zum Atlantischen Ozean geübt, nachdem Zugvögel ihn aus dem afrikanischsten aller Länder eingeflogen hatten und aus der Luft, wie eine himmlische Fügung, auf die Tiere fallen ließen.

Ihnen zu Füßen, erahnbar: Gänseblümchen, Gänsefingerkraut, Gänsedisteln, Gänsekresse, Gänsefußgewächse. Gänse leben auf einer Erde, die nur nach ihnen benannt ist und sich aus wachsender Dankbarkeit, umgangen zu werden, jeden Morgen bis an ihr absehbares Ende, einen Zaun, produktiv nach oben ausdehnt. Auf der Umgehung steht sie und sieht sich nicht um und merkt nicht, dass sie photographiert wird. Die Arme ausgestreckt neben sich, vor ihr stumpfes Holz, über ihr kreiselnde Luft.

Nie hatte sie sich so verhalten, nicht außerhalb und auch nicht innerhalb dieses Hauses, in das sie, aus der Stadt kommend, gezogen war. Aus Liebe – später sagte sie: aus Idiotie – hatte sie einen Mann geheiratet, der mit 18 Jahren Hitlers Leibgarde beigetreten war; später promovierte er in Ornithologie.

Die Kamera hatte sie in sich hineingeklappt und erst über einem Papierbogen wieder aufgefaltet, in einer freigiebigen Geste – unentscheidbar, ob sie die Abgebildete oder das Abbildende zu verantworten hatte, an dieser schmal an vier Kanten vorbeiziehenden Wand, vor der man jetzt steht: mit ihm. Und zu dem er versucht, Auskunft zu geben, das heißt: hinüber zu seinen Büchern geht, sie aufschlägt und sie zuschlägt und dies auch drei Zimmer weiter tut, während man ihn murmeln hört: Zweitmünder, Zweitmünder. So heißt ornithologisch aller Gänsearten Überstamm, aber wie heißt der Stamm? Irgendwo muss es stehen – und auch, weshalb Erkenntnis entsteht, indem man etwas schlägt, damit es sich öffnet, und schlägt, damit es sich schließt.

Am Rande der winzigen Gänseherde ist ein winziger Bach. Das Bachwasser fließt waagerecht in die Luft hinein, von rechts nach links – gegen die Bewegung der über das Photo kreisenden Gedanken. Möglich, dass entgegen dem sehr eigenen Blickverhalten die Laute der Gänse, wenn auch auf unsichtbaren Bahnen verlaufend, der Person gewidmet waren, die am Zaun stand, vor allem die tieferen und kräftigeren, weiblichen Töne. Möglich, dass die Gänse nicht geschnattert, sondern geschrien haben. Möglich, dass ihnen deshalb der Schnabel so weit offensteht. Möglich, dass sie zurückgeschrien hat, den Kopf nach hinten, senkrecht in die Luft. Ihr Körper beim Schreien sich nach oben geworfen hat, eine Bewegung, die sie sehr lange nicht mehr oder nur heimlich ausgeführt hatte. Dabei jemanden verflucht hat, diesmal sehr laut, weil sie alleine war. Möglich, dass der Photograph deshalb das Photo niemandem außer ihr gezeigt hatte und überlebte, weil er den Beweis ihrer akrobatischen Seele bis zu ihrem Tod vor anderen versteckt hatte. Wobei in diesem Fall zu fragen wäre: mit welcher Absicht der Photograph sie photographieren wollte; ob sie ihm zufällig vor die Linse getreten war; oder ob sie ihn womöglich bereits Tage zuvor hörbar verflucht und er seitdem schweißgetrieben versucht hatte, sie in einer für sie undarstellbaren, unvorstellbar darstellbaren Haltung abzulichten und damit zu erpressen. – Möglich, dass sie angesichts der Gänse, angesichts einer Tierunterform aus dem Überstamm der Zweitmünder, nichts gesagt hatte, dass sich in der schwarz auf weiß erfassten Haltung die Luft wie ein Netz um sie gespannt hatte, mit hartem aber feinem Garn, das an der Brust am weitesten und am Hals am engsten liegt; dass sie festgestellt hatte, wie schön und nutzlos Perspektiven sind, wenn alles so nah an einem dranliegt, auch wenn alles Nahliegende sich gleich wieder entfernt, wie am Abend die Helligkeit, die tagsüber aus einem bis zum Rand mit Licht gefüllten Himmel kommt.

Ob ihm die ornithologisch korrekte Bezeichnung des Stammes einfallen wird, wenn er die Bezeichnung des Überstammes, jetzt auf Latein, vor sich hin skandiert?

Über den weiß gefiederten Köpfen, den hochgereckten, vor denen sie sich hochgereckt hat: die hellen Blätter der Hainbuchen, oder Weißbuchen. Sind auch sie, worauf die Logik bereits aufgeführter Pflanzennamen drängt, benannt nach den darunterweilenden Tieren? Die Blätter der Weißbuchen hängen dicht an ihren Zweigen und die Zweige wachsen nicht weit weg von ihrem Stamm, das ganze Ensemble mehr Strauch als Baum.

Man könnte denken: ihr Scheitel sieht ganz ungezogen aus in der sonst sehr aufgeräumten Landschaft.

Dass die Hainbuchen dort hinten noch immer stehen, könnte man denken, kurz nachdem man sich ein zweites Mal von ihm verabschiedet hat und kurz bevor man durch die Tür des Hauses hinaustritt. Davor noch immer der Zaun. Davor der Weg. Am Zaun entlang werden Spaziergänge gemacht und es wird hinübergeschaut, als man durch die Tür des Hauses hinaustritt. Unter den Spaziergängern ist ein Kind, das versucht stehenzubleiben und durch den Zaun hindurchzusehen, seine Hand wird von der Hand eines Spaziergängers festgehalten. Das Kind ist sehr klein und tapsig und gibt sich Mühe, das zu sehen, was die Zaunlatten abwechselnd verbergen und freigeben:

die Unterfamilie der Gänse.

Familie: Gänsevögel.

Ordnung: Entenvögel.

Klasse: Vögel.

Reihe: Landwirbeltiere.

Überklasse: Kiefermäuler.

Unterstamm: Wirbeltiere.

Überstamm: Zweitmünder.

Unterabteilung: Zweiseitentiere.

Abteilung: Gewebetiere.

Unterreich: Vielzellige Tiere.

Reich: Tiere.

Domäne: Zellkern besitzende Organismen.

Klassifikation: Lebewesen.

Ausgezeichnet war das Wetter an diesem Tag, hört man ihn im Inneren des Hauses rufen, wie auf der Suche nach einem und dann an einem Fenster: Über den Gänsen standen die Wolken, sie bewegten sich kein Stück!

Jetzt könnte man etwas denken, aber:

Man nickt.

Das Kind schafft es nicht stehenzubleiben. Die Zaunlatten, an denen das Kind vorbeigezogen wird, erinnern an Augenlider, die flattern und das Gesehene verschwimmen lassen; wären sie Münder, plapperten sie, ohne etwas von dem zu verraten, was sie sagen. Das Kind versucht trotzdem, wenigstens mit den Augen zu dem Verborgenen hinter dem Zaun durchzudringen. Es sieht nicht so aus, als würde das Kind gleich hochgehoben, um mehr sehen zu können. Jemand zieht an seinem Arm (derselbe, der vorher seine Hand gehalten hat), und zieht an seinem Arm, bis alle Spaziergänger am Zaun vorbeigezogen sind; den Weg weitergehend, senkt sich langsam der Kopf des Kindes, so langsam, dass es anstrengt, dem enttäuschten Zaungast dabei zuzusehen.

Fest steht, es muss gemacht werden und es wird heute gemacht. Anne hat den Termin, sie hat ihn heute und nicht morgen, und sie wird da hingehen und dann saugen sie den Embryo aus ihr raus. Sie wird alleine gehen. »Max«, sagte sie, »ich muss das alleine machen, ich will nicht, dass du mitkommst.«

Ich sagte: »Bist du dir sicher? Soll ich dich auch nicht abholen kommen, überleg es dir bitte noch mal, du willst doch nicht wirklich alleine sein, wenn du aufwachst?« Aber Anne legte den Kopf leicht zur Seite und sah mich streng an, als wolle sie sagen: Das ist mein Körper, und deine Suggestivfrage kannst du dir sonst wohin stecken also bitte akzeptier das jetzt einfach. Und das war’s. Abgeklärte Anne. Bei diesem Blick heißt es Klappe halten, sonst schreien wir uns kurze Zeit später an, so viel weiß ich. Das sind Erfahrungswerte. Wir sind über zwei Jahre zusammen.

Anne macht sich ganz groß zurecht. Sie ist schon eine Dreiviertelstunde im Badezimmer, vorhin konnte ich den Fön hören, davor hat sie noch mal geduscht. Wenn wir ausgehen, braucht sie nicht halb so lang und ruft mindestens zwei Mal durch die ganze Wohnung, dass sie nichts zum Anziehen habe. Dann kommt sie in mein Zimmer, stellt sich vor mich hin, immer etwas schief, ein Bein leicht eingeknickt, ziemlich genervt, schnauft angestrengt und fragt, ob sie so gehen könne. Ich bin jedes Mal ein bisschen verliebt in diese Haltung und in das Schnaufen und sage: »Du siehst gut aus. Du siehst fantastisch aus.« Ich sage das bei jedem Outfit, es ist ein Ritual.

Sie kommt aus dem Bad, geht in Unterwäsche direkt in ihr Zimmer und schließt die Tür, sie sagt kein Wort. Ich weiß überhaupt nichts mit mir anzufangen. Ich sitze auf dem Küchensofa und schaue meine Fingernägel an, ab und zu beiße ich ein Stück Nagelhaut ab. Ich warte, ich warte darauf, dass es einfach vorbei ist. Ich lausche in die Wohnung, um zu hören, was Anne macht. Am liebsten würde ich trinken, schon den ganzen Tag. Anne zieht sich an.

Noch vor drei Monaten hätte das alles eigentlich nicht passieren können. Anne hatte kaum noch Lust auf Sex. Das war frustrierend, für sie und für mich, Woche für Woche, immer ein bisschen mehr. Zuerst nur dann, wenn wir versuchten, miteinander zu schlafen, und es immer öfter nicht klappte und wir Rücken an Rücken im Bett lagen, bis einer den anderen sanft am Arm berührte. Später wies sie mich zurück, bevor es so weit kommen konnte. Ich nehme an, sie tat das, weil sie meine offene Enttäuschung und ihre Wut auf den eigenen Körper vermeiden wollte. Besser wurde es dadurch nicht.

Irgendwann begann unsere ganze Beziehung darunter zu leiden. Unser Umgang miteinander wurde distanzierter, Anne setzte sich viel seltener nach dem Frühstück am Sonntag einfach so auf meinen Schoß. Wir küssten uns nicht mehr, wenn einer von uns nach Hause kam. Und wir reagierten viel öfter gereizt auf den anderen, machten uns Vorwürfe wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Das schlich sich ein, wir bemerkten es erst, als es beinahe zu spät war und wir uns nach einem heftigen Streit fragen mussten, ob wir uns überhaupt noch liebten.

Der Frauenarzt sagte, die Pille könne die Lustminderung verursachen. Anne setzte sie also ab. Es half tatsächlich, wir schliefen wieder öfter miteinander. Unser Sex veränderte sich, er wurde besser in dieser Zeit. Ich glaube, vor allem Anne hatte mehr davon. Nur Kondome, die mochten wir nicht. Wir verhüteten auch sonst nicht. Wir ignorierten die Gefahr einer Schwangerschaft einfach, wir sprachen auch nicht darüber, es war mehr ein Geschehen als ein Tun. Vor zehn Tagen kam ich nach Hause und Anne sagte: »Ich bin schwanger.« Das war das erste und letzte Mal, dass sie dieses Wort aussprach.

Es ist vier Uhr nachmittags, der Termin ist in einer halben Stunde, früher ging es nicht, sie haben Anne dazwischengeschoben. Sie ist seit dem Frühstück nüchtern geblieben.

Sie muss noch durch die ganze Stadt fahren. Aber sie lässt sich Zeit fürs Ankleiden. Ich klopfe an ihre Zimmertür. »Was ist denn?«, sagt sie.

»Darf ich reinkommen?«, frage ich.

»Wenn es sein muss.«

Sie trägt eine weiße Bluse, einen schwarzen Hosenanzug und hohe Schuhe. Sie ist stark geschminkt. Roter Lippenstift, Puder, Make-up, Lidschatten, Wimperntusche, dunkler Kajal, Rouge, das ganze Programm, von allem zu viel. Man sieht kleinere Hautunreinheiten unter dem Make-up und einen Rand am Hals. Die Haare hat sie streng zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Anne sieht überhaupt nicht aus wie Anne. Sie sieht aus wie eine Version von sich, die gleich ein Auto mit gefälschtem Tachostand zu teuer an einen Gebrauchtwagenhändler verkaufen will.

»Jetzt sag wenigstens was«, sagt sie, »sag mir wenigstens, wie ich aussehe.«

»Du siehst gut aus. Du siehst fantastisch aus«, sage ich, »im Wartezimmer werden sich alle in dich verlieben.«

»Das ist ein Frauenarzt, Max. Da werden nur Frauen sitzen. Frauen, die auf einen Arzttermin warten, bei dem ihnen ein Fremder in die Möse guckt.« Sie schaut in den Spiegel. Sie zupft an ihrem Pferdeschwanz, an ihrem Ausschnitt, sie runzelt die Stirn. »Da verliebt sich niemand in niemanden«, sagt sie.

»Was ist denn los?«, sage ich. »Ich wollte doch nur sagen, dass ich finde, dass du gut aussiehst.«

»Ist okay, Max. Ist okay.«

Bisher verlief der Tag eigentlich vollkommen normal. Die üblichen Abläufe am Morgen. Anne ging zuerst ins Bad, ich blieb noch im Bett liegen und sagte ihr, wie schön sie sei, als sie nur in Unterwäsche und mit einem Handtuch auf dem Kopf zurück ins Zimmer kam und wie immer vor dem Kleiderschrank stand. Wir nutzten den Vormittag dafür, mal richtig sauber zu machen. Küchenschränke auswischen, Wasserkocher entkalken, Abflüsse frei machen. Wir redeten kaum. Wenn wir etwas sagten, ging es darum, wie überrascht wir darüber sind, dass geschlossene Schränke von innen so schmutzig werden können.

Einer unserer großen Pasta-Teller ging kaputt, es war der letzte, den wir hatten. Es waren mal vier, alle kaputt. Ich ließ ihn fallen, als Anne ihn mir anreichte. Die Scherben sprangen auf dem Boden in alle Richtungen, Anne fluchte laut und warf mir vor, schrecklich ungeschickt zu sein. Später kochte ich mir Nudeln und aß von einem flachen Teller. Anne sah mir schweigend beim Essen zu, danach ging sie ins Bad.

Sie dreht sich zu mir um. »Das Ding muss aus mir raus. Verstehst du eigentlich, was das mit mir macht?« Sie dreht sich zum Spiegel zurück und streicht sich über die Haare. Sie entfernt den überflüssigen Lippenstift mit einem Taschentuch. Sie nimmt ihre Handtasche und geht an mir vorbei aus dem Zimmer. Ich folge ihr in den Flur und bis an die Wohnungstür.

»Wenn alles problemlos abläuft, wird mich danach übrigens Marie abholen«, sagt sie. »Wir gehen dann noch was essen oder so. Ich rufe an, wenn es vorbei ist. Warte jedenfalls nicht auf mich, ich weiß noch nicht, wann ich wiederkomme.«

»Muss das sein«, sage ich, »muss das jetzt auch noch sein?«

»Mir saugen sie gleich was raus, Max, mir! Aber mach dir keine Sorgen, ich komm damit klar.«

Ich wusste direkt, dass ich es nicht bekommen wollte. Ich reagierte klar, von Anfang an. Ich sagte: »Ich kann mir das grad nicht vorstellen.« Anne weinte. Ich sagte: »Also, generell schon, auch mit dir, aber halt nicht jetzt.« Wir waren erst vor einem halben Jahr zusammengezogen. Anne hatte grade ihre eigene Gruppe im Kindergarten übernommen. Ich musste meine Diplomarbeit schreiben und mich auf die Abschlussprüfungen vorbereiten. Für den Sommer hatten wir eine große USA-Reise geplant. Das war die Situation. Wir saßen auf dem Bett, wir hielten uns und konnten nicht fassen, wie dumm wir gewesen waren. Wir schlugen auf die Matratze und warfen die Kopfkissen vom Bett. Wir waren uns einig darüber, dass eine Schwangerschaft eine frohe Nachricht sein sollte. Wir sprachen nicht aus, was das bedeutete, wir beschlossen nur, unseren Eltern nichts davon zu erzählen. Anne sagte, ihr werde vom Geruch von Kaffee und Zigaretten schon schlecht.

Sie geht, ohne mich vorher noch mal zu küssen oder in den Arm zu nehmen, die Treppe runter. Ich bleibe in der Wohnungstür stehen. »Hast du den Schein dabei?«, rufe ich ihr hinterher. Anne stoppt auf dem Treppenabsatz. Sie hält sich am Geländer fest, schaut über ihre Schulter zurück nach oben. Direkt über ihr hängt eine Deckenlampe, ihr Licht wirft Schatten in Annes Gesicht, sie liegen unter ihren Augen und auf den Wangen. Sie sieht hart aus. Meine liebe kleine Anne, das Mädchen, das nach unserer ersten gemeinsamen Nacht vor dem Kleiderschrank stand und nicht wusste, welche Socken es anziehen soll, dieselbe Anne steht jetzt straff in gebügelter Bluse und auf Absätzen ein halbes Stockwerk unter mir; und ihr Blick ist auch hart und sie sagt: »Ja, ich habe den Schein.«

»Bist du sicher?«, sage ich, »schau noch mal nach. Du brauchst den Schein.«

Aber Anne antwortet mir einfach nicht mehr und geht die Stufen runter. Ihre Absätze lassen ein dumpfes Geräusch durch den Hausflur schallen. Ich stehe an der offenen Wohnungstür und kratze an einer Hautunebenheit an meinem Hals. Dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich konnte mir während der letzten zehn Tagen nie vorstellen, wie Anne hochschwanger ausgesehen hätte.

Das letzte Mal hat Anne auf dem Nachhauseweg vom Frauenarzt geweint. Sie geht seit ihrer ersten Periode dorthin. Wir fuhren durch das Viertel ihrer Jugend, und Anne schaute die ganze Zeit aus dem Fenster und weinte stumm. Wir hatten Gewissheit, die Ärztin hatte auf den Ultraschallmonitor gezeigt und gesagt: »Ja, hier, sehen Sie das, Sie sind schwanger.« Mit viel Fantasie konnte man ein fingergliedgroßes Würmchen erkennen. Sie gab uns eine Broschüre mit Adressen von Stellen, die Schwangerschaftskonfliktberatungen anbieten und wir fuhren nach Hause und Anne weinte.

Ich gehe zurück in die Wohnung und schaue aus dem Fenster auf die Straße. Anne ist nicht mehr zu sehen. In der Küche nehme ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Ich merke, dass meine Hand zittert. Ich lege den Öffner neben die Flasche, stütze mich an der Arbeitsplatte ab und atme tief durch. Dann strecke ich beide Hände vor mir aus. Ich zittere. Ich schaue   auf meine zitternden Hände und erinnere mich daran, wie mein Vater einmal zu mir sagte, dass er seit damals, seit meiner Geburt, die Kontrolle über sein Leben verloren habe: Er würde nur noch reagieren, nicht mehr agieren, es sei ein ständiges Auf-Sicht-Fahren. Er hatte keinen Vorwurf in der Stimme, eher war es Verwunderung über diese Erkenntnis. Wir saßen unter einem blühenden Kirschbaum im Garten meiner Großeltern und tranken kühles Bier. Er stand auf und ging zurück zur Terrasse, auf der drei Generationen beieinandersaßen. Mein Vater war 26, als ich geboren wurde, so alt wie ich jetzt.

Wir erzählten niemandem davon. Wir fuhren übers Wochenende aufs Land, weg von allem, in eine kleine Pension mit Eichenholzeinrichtung im Frühstückszimmer. Wir guckten uns das Dorf an, grillten auf der Terrasse des Gästehauses und gingen auf Feldwegen spazieren.

Abends stellten wir uns vor, was passieren würde, wenn wir es bekämen. Wir besprachen nur Organisatorisches. Geld, Elternzeit, Wohnsituation. Wir bestimmten jeweils einen engen Freund, mit dem wir über die Sache reden wollten. Wir stellten uns nicht ein einziges Mal gemeinsam vor, wie das Baby auf dem Wickeltisch liegt. Wie es uns angrinsen und dabei pupsen würde, wie es zum Stillen an Annes Brust liegen, wie es durch die Wohnung robben oder seine ersten Worte sprechen würde.

Wir sprachen auch nicht über die anstrengenden Seiten der ersten Elternjahre, die schlaflosen Nächte, die generellen Einschränkungen. Über nichts davon. »Wir müssten umziehen«, so redeten wir.

Nur während unserer Spaziergänge oder wenn ich abends noch wach im Bett lag, dachte ich daran, wie es wäre, jetzt einen Kinderwagen zu schieben oder neben Annes noch einen Schlafatem im Zimmer zu hören. Aber ich sprach diese Gedanken nicht aus. Am letzten Abend rauchte und trank Anne wieder. Das Wort Abtreibung war nicht gefallen.

Ich sitze am Küchentisch, vor mir stehen mittlerweile drei leere Bierflaschen. Ich habe die Stirn auf meine Hand gestützt und warte immer noch. Mir fällt auf, dass wir die Tischplatte mal wieder einölen müssten, das Holz ist ganz trocken und ausgebleicht. An einer Stelle kann man eine tiefe und runde Einkerbung sehen. Ein Überbleibsel eines unserer Streite. Ich war so aufgebracht, dass ich ein Glas mit dem Boden auf den Tisch schlug.

Ich nehme mir ein neues Bier aus dem Kühlschrank und setze mich wieder. Das Zittern ist schon etwas besser geworden. Es ist still, unglaublich still. Ich höre nur das Ticken der Wanduhr. Es macht mich nervös, ich nehme sie von der Wand und entferne die Batterie. Sie bleibt auf 18:12 Uhr stehen. Ich lege sie umgedreht auf den Tisch, neben die leeren Flaschen. Ich denke an Anne und daran, wie mehrere Ärzte und Assistenten vor ihren geöffneten Beinen herumlaufen. Wie sie daliegt, mit dem Beatmungsschlauch im Mund. Wie der Narkosearzt neben ihrem Kopf sitzt und das Herz-Diagramm beobachtet, wie er auf den Herzschlag meiner Anne aufpasst, während sie ihr vorne sterile Instrumente reinschieben. Ich beginne zu schwitzen, im Nacken, auf der Stirn und an den Unterarmen. Ich frage mich, ob alles gut gegangen, ob sie schon wieder aufgewacht ist. Ob es erledigt ist. Ich trinke das vierte Bier aus.

Ich glaube, für die pro-familia-Beraterin waren wir ein einfacher Fall. Wir hatten unseren Beschluss bereits gefasst. Wir brauchten den Beratungsschein und wussten, dass jeder einen bekommt, der ein Beratungsgespräch in Anspruch nimmt. Auf einem Zettel sollten wir Gründe für den Schwangerschaftskonflikt angeben. An Stelle eins und zwei standen familiäre, partnerschaftliche Probleme und Kindesvater steht nicht zur Schwangerschaft/zur Frau. Ich machte meine Kreuzchen bei dreizehn, finanzielle/wirtschaftliche Situation und sechzehn, Ausbildungs-/berufliche Situation und schob den Zettel über den Tisch. Anne konnte sehen, was ich angegeben hatte. Dann legte sie ihren Zettel mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch und schob ihn zur Beraterin rüber.

Die Beraterin betrachtete unsere Zettel und fragte dann:

»In Prozenten ausgedrückt, wie sehr wollen Sie dieses Kind nicht bekommen?«

»Zu neunzig Prozent«, sagte ich.

Anne schaute mich von der Seite an, dann sagte sie: »Neunzig Prozent.«

Nach dreißig Minuten war unser Beratungsschein gestempelt. Anne steckte sich noch mehrere Infobroschüren aus einem Aufsteller in die Handtasche. Es war eine Stunde für das Gespräch angesetzt gewesen.

Es ist nach neun. Anne hat immer noch nicht angerufen. Ich trinke Bier, und ich trinke es immer schneller. Mittlerweile bin ich betrunken, ich laufe in der Küche auf und ab, durch den Flur. Ich laufe wie getrieben durch die ganze Wohnung. Ich sorge mich nicht mehr, ich bin wütend, auf Anne, auf uns, auf alles. Ich schwanke leicht und stoße mich an einem Türrahmen. Du solltest dich beruhigen, verdammt noch mal, denke ich. Ich schalte den Fernseher ein, ertrage aber keine einzige Sendung länger als fünf Minuten. Auf jedem Sender löst irgendetwas eine unangenehme Assoziation in mir aus. Ich kann noch nicht einmal eine Kochsendung anschauen. Ich zappe weg, weil das Entkernen einer halbierten Honigmelone gezeigt wird. Ich schalte den Fernseher wieder aus und schließe die Augen, dann klingelt mein Handy.

»Ich wollte anrufen«, sagt Anne.

Ich höre Musik im Hintergrund, Stimmen. »Wie geht es dir?«, sage ich, »ist es vorbei? Wo bist du?«

»Keine Ahnung«, sagt sie, »ich bin irgendwo. Marie ist da. Wir essen hier jetzt was.« Sie klingt erschöpft, sie spricht langsam und mit schwerer Zunge.

»Komm nach Hause«, sage ich, »bitte. Komm nach Hause.«

»Wir essen hier jetzt was, das habe ich dir gesagt. Warte nicht auf mich. Ich muss jetzt Schluss machen.«

»Warte«, sage ich, »verdammt, jetzt warte kurz. Ist alles in Ordnung?«

»Jaja, ich muss zur Toilette«, sagt sie. Dann ist die Leitung tot.

Ich rufe sofort zurück, ein Mal, zwei Mal, beim dritten Mal weist sie den Anruf ab. Als ich das vierte Mal anrufe, geht sofort ihre Mailbox an. Ich werfe mein Handy auf den Boden, der Akku springt raus. Ich schnappe nach Luft und muss mich auf den Boden setzen. Ich weine das erste Mal, seit Anne zu mir sagte, dass sie schwanger sei. Ich weine hysterisch und schreie einmal laut. Dann stehe ich wieder auf, wische mir mit der Hand über das Gesicht und setze mein Handy wieder zusammen. Ich beginne, die Wohnung nach Hinweisen darauf zu durchsuchen, wo Anne mit Marie hingegangen sein könnte. Ich lese die Notizzettel auf ihrem Schreibtisch. Ich fahre ihren Computer hoch und lese ihren Browserverlauf. Ich bin fest entschlossen, herauszufinden, wo sie ist, und dahin zu fahren und sie nach Hause zu holen. Nach einem Restaurant oder einer Bar hat sie in den letzten drei Tagen nicht gesucht. Dafür scheint sich Anne durch alle deutschsprachigen Schwangerschaftsabbruchforen dieser Welt gelesen zu haben. Durch Threads mit den Titeln: Ewige Erinnerung oder Der errechnete Entbindungstermin jährt sich. Mein Blick fällt auf den Stapel Infobroschüren, die Anne bei pro familia mitgenommen hatte. Auf den Deckblättern sind glücklich aussehende Eltern mit Kleinkindern abgebildet: Elterngeld und Elternzeit, Studieren mit Kind, Schwanger in Berlin. Ich lösche den Browserverlauf. Ich packe mir die Infobroschüren, trage sie direkt in den Keller und werfe sie in die Papiertonne. Auf dem Weg zurück in die Wohnung höre ich mein Handy klingeln. Ich sprinte die Treppe hoch.

»Wo bist du?«, frage ich.

»Hier ist Marie«, sagt Marie, »ich soll dir von Anne sagen, dass alles in Ordnung ist. Wir sind in einem Restaurant, ich bringe sie später nach Hause.«

»In welchem Restaurant? Ich hole euch ab«, sage ich.

»Max«, sagt Marie, »Anne möchte nicht, dass du herkommst. Ich bringe sie später nach Hause, mach dir keine Sorgen. Bitte ruf nicht mehr an.«

Sie legt auf.

Ein paar Minuten später rufe ich Anne erneut an, die Mailbox meldet sich. Annes Ansage ist fröhlich, sie kling gut gelaunt und glücklich, man möchte dieser Stimme gerne eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen.

Nach dem Signal sage ich mit stockender Stimme: »Anne, hier ist Max. Wenn ich irgendwas falsch gemacht habe, dann tut es mir leid. Aber bitte komm jetzt nach Hause. Komm nach Hause, ja? Ich halte das nicht mehr aus … Ich liebe dich.«

Ich stehe am Fenster und halte Ausschau. Bei jedem heranfahrenden Auto hoffe ich, dass es ein belegtes Taxi ist, in dem Anne sitzt. Ich trinke jetzt übrig gebliebenen und billigen Schnaps mit Eiswürfeln. Mein Handy liegt neben mir auf der Fensterbank. Im Haus gegenüber sitzt ein Paar Arm in Arm vor dem Fernseher. Ein Schwarm Insekten umschwirrt das Licht einer brennenden Straßenlaterne. Wieder fährt ein Auto langsam heran, aber es hält nicht. Ich frage mich, wann ich Anne verloren habe auf diesem Weg. Ich suche nach einem Moment, irgendeiner Geste, einem Satz, der mir hätte anzeigen müssen, dass bei ihr in den letzten zehn Tagen ein komplett anderer Film ablief als bei mir. Mir wird klar, dass ich nicht weiß, wie es mit uns weitergehen soll.

Ich wache auf, als ich höre, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wird. Der Fernseher flimmert stumm und wirft im Takt der Filmschnitte ein schwaches Licht ins Zimmer. Ich stehe auf und gehe schnell in den Flur. Anne stößt beim Reinkommen gegen die Wand. Ihre Schminke ist verschmiert, ihr Gesicht seltsam verzogen, sie hat geweint. »Anne …«, sage ich und gehe auf sie zu.

Sie macht einen halben Schritt zurück, hält sich die Hände abweisend vor die Brust und schaut an mir vorbei. Sie sieht aus wie ein Stoppschild.

»Anne …«, sage ich noch mal, »es ist doch vorbei jetzt, es ist überstanden.«

Sie antwortet nicht, schiebt sich nur mit erhobenen Händen an mir vorbei und achtet darauf, mich nicht zu berühren. Als sie neben mir ist, versuche ich sie sanft am Kinn zu fassen, damit sie den Kopf hebt, damit sie mich wenigstens ansieht, damit ich weiß, was eigentlich los ist. Sie greift mich am Handgelenk, sieht mich an und führt meine Hand ganz langsam wieder nach unten. Es fühlt sich an wie eine Drohung. Aus ihren Augen schreit mich dabei eine Verachtung an, von der ich Gänsehaut im Nacken bekomme. Dann geht sie in ihr Zimmer.

Ich höre, wie sie etwas unter dem Bett hervorzieht. Ich gehe hinterher und bleibe auf der Türschwelle stehen. Anne packt eine Reisetasche, sie sagt: »Ich schlafe heute bei Marie.«

*This story is taken from: „Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern“ by Dorian Steinhoff © mairisch Verlag 2013.

Am Morgen, als sie wach wurden, saß der Architekt schon vor seinem Computer. Im rechten Flügel des Hauses war sein Büro, im linken Flügel wohnten sie. Im Innenhof war die ganze Nacht das Licht an. Bald würde es ausgehen, und irgendwann würde auch er in seinem Büro das Licht ausmachen. Jetzt im Winter konnte das erst mittags sein. An besonders dunklen Tagen brannte das Licht bei ihm bis zum Abend – bis er Schluß machte und als letzter das Büro verließ und mit dem Fahrstuhl nach oben zu seiner Familie fuhr.

Er winkte ihnen zu und vertiefte sich wieder in seine Arbeit. Er gab ihnen nie das Gefühl, daß er sie beobachtete, aber er kam auch nicht auf die Idee, die Vorhänge in seinem Büro zuzuziehen. Sie zogen ihre Vorhänge auch nie zu. Meist schoben sie nur eine von diesen großen Sichtblenden aus Aluminium, die wie Flugzeugflügel aussahen, von einer Seite der langen Fensterfront zur andern. Manchmal vergaßen sie es und wachten morgens auf und sahen ihn vom Bett aus bei der Arbeit. Einmal hatten sie Sex auf der Couch vor dem Fernseher, mitten am Tag, das konnte ihm nicht entgangen sein. Aber er hob kein einziges Mal den Kopf, und zum Telefonieren ging er nach hinten in den großen Raum, wo seine Leute an langen weißen Tischen saßen und von morgens bis abends auf die Bildschirme ihrer Computer schauten.

Während Naila im Bad war, machte Splash Frühstück. Sie waren in Eile. Sie waren fast nie in Eile, aber Naila mußte bis zehn in der Jakobstraße sein, denn heute lief ihre Frist ab, und er hatte sich mit dem einäugigen Isländer in der Kopenhagener Straße verabredet, um ihm das Atelier zu zeigen. Er haßte die Vorstellung, in seinem Atelier nicht mehr allein arbeiten zu können – aber sie brauchten das Geld. Außerdem war er sowieso nie dort, also war es egal. Er arbeitete seit fast einem Jahr nicht mehr, seit sie zusammenlebten, und manchmal dachte Splash, das habe mit Naila zu tun. Dann dachte er, es läge an diesem Haus. Es war viel zu durchsichtig, überall nur Glas und Aluminium und schwarzer Stein, und alle zwei Minuten ratterte die Straßenbahn über die Rosenthaler Straße und verscheuchte mit ihrem Lärm die wenigen Gedanken, die er noch hatte.

Naila kam nackt aus der Dusche. Sie hatte die Haare ins Handtuch gewickelt, und als Splash in die Richtung des Architekten nickte, sagte sie: »Er guckt sowieso nicht.« Splash zuckte mit den Schultern und ging ins Bad. Als er fertig war, stand Naila – sie hatte eine Unterhose und sein neues blaues T-Shirt an – am Fenster. Der Architekt stand auch am Fenster, und sie machten beide komische Handbewegungen. Splash drehte sich um, ging zurück ins Bad und kam nach zwei Minuten wieder raus. Naila war angezogen, der Architekt saß wieder an seinem Schreibtisch.

Der Architekt hatte dieses Haus selbst entworfen. Es war sein erstes Haus, darum konnte er sich so schwer von ihm trennen. Entweder saß er hier unten in seinem

Büro, oder er war oben bei seiner Familie. Das Haus verließ er nur mit dem Wagen: Er fuhr aus der Garage, und wenn er wiederkam, fuhr er wieder in die Garage zurück, als wäre auch der Wagen ein Stück von diesem Haus, von dem er sich so nie trennen mußte.

Die Kinder und die Frau des Architekten traf Splash meistens im Fahrstuhl oder in der Eingangshalle, deren Wände mit großen, matten Stahlplatten verkleidet waren. Sie war so eng und hoch, daß man sich dort wie im Innern einer Rakete fühlte. Die Frau des Architekten lächelte sehr viel. Sie war klein, fast so klein wie ihre Kinder, und die Kinder lachten auch viel, aber Splash glaubte ihnen ihr Lachen nicht. Er hatte noch nie dem Lachen eines Kindes mißtraut. Wahrscheinlich war er ungerecht und glaubte ihnen nicht, weil das Lachen ihrer Mutter bestimmt falsch war. Vielleicht paßten die Kinder aber nur nicht hierher in ihren bunten, häßlichen Winteranoraks, wie sie jedes Kind hatte, und den dicken Winterstiefeln, die meistens mit Matsch verschmiert waren.

»Gehst du heute ins Atelier, meine Schatz?« sagte Naila.

»Mein Schatz«, sagte Splash ungeduldig. Er hieß früher Jörn, nicht Splash, aber sie hatte ihn bis heute nicht nach seinem richtigen Namen gefragt.

»Gehst du – ja?«

»Ja.«

»Ach wie schön!« sagte sie.

Er sah sie an und wußte nicht, ob ihre Freude ehrlich war. Manchmal hatte Naila einen Ton, mit dem er sich nicht auskannte. Bestimmt kannten sich ihre Freunde und Verwandten bei ihr zu Hause mit diesem Ton aus – er aber nicht. Er wurde wütend, dann legte er seine Hand auf Nailas Hand, die auf dem Tisch lag, einfach so, als gehöre sie nicht zu ihr, und er dachte, er könnte diese Hand mal zeichnen. Die Hand war warm, er streichelte sie, drehte sie herum und öffnete sie, und innen war die Hand kalt. Also legte er seine Handfläche auf ihre, und plötzlich stand er auf, beugte sich zu Naila vor und küßte sie. Sie küßte ihn nicht. Das war oft so in der letzten Zeit. Als er ihre Brüste berühren wollte, wich sie zurück und sagte: »Hör auf, er sieht uns doch!«

»Ich dachte, er guckt nicht.«

»Doch, doch«, sagte sie, und da war er schon wieder, dieser Ton, mit dem er sich nicht auskannte. »Doch, doch«, sagte sie noch einmal, und sie sahen beide zum Architekten herüber.

Der Architekt stand mit dem Rücken zu ihnen und telefonierte. An der Wand hinter ihm hingen Pläne, die er beim Telefonieren betrachtete, aber er drehte immer wieder den Kopf nach hinten und sah über die Schulter zu ihnen herüber. Das hatte er noch nie getan, und irgendwann hatte Splash genug, er nahm Nailas Gesicht fest in beide Hände und küßte sie auf die Lippen, obwohl sie sich wehrte. Sie stieß ihn zurück und rannte ins Bad, und als Splash hochsah, traf sein Blick auf den Blick des Architekten. So schnell, wie das Gefühl von Übelkeit in seinem Magen aufstieg, verschwand es wieder.

»Naila!« rief Splash laut. »Komm schnell her. Das mußt du sehen! Ich glaube, er ist verrückt geworden.«

Der Architekt hatte ruhig weitertelefoniert, aber plötzlich warf er das Telefon auf den Boden, riß die Pläne von den Wänden und fegte seine Papiere, die Computer und Baumodelle vom Schreibtisch. Seine Angestellten kamen, zwei packten ihn bei den Schultern und versuchten, ihn festzuhalten und zu beruhigen, aber er wand sich los, sprang zum Fenster und trommelte mit den Fäusten dagegen. Am Ende rutschte er an der Fensterscheibe erschöpft zu Boden, und sein schmales Gesicht mit den großen grünen Augen und dem wilden, schwarzen Haarschopf darüber sah schöner aus als sonst.

»Das mach ich auch, wenn sie mir heute die Aufenthaltserlaubnis nicht lang machen«, sagte Naila. Sie stand hinter Splash und hatte sich mit den Fingern in den Gürtelschlaufen seiner Jeans eingehakt.

»Wenn sie mir heute die Aufenthaltserlaubnis nicht verlängern«, verbesserte er sie und dachte, warum eigentlich nicht. Dann könnte er wieder anfangen zu arbeiten, und es wäre nicht mehr alles nur Naila, Naila, Naila. Dann müßte er nicht mehr ständig mit ihr über ihr Leben reden, dann wäre es egal, daß ihre Mutter mit dem Großvater eine Affäre hatte, daß der Vater Puppi zu ihr sagte und oft nachts weinend aus Beirut anrief, daß die libanesischen Männer alle Idioten waren und sie deshalb die Männer hier so mochte, zu sehr mochte, wie er fand, und dann müßte er ihretwegen auch nicht mehr in diesem blöden, teuren, eisigen Raketenhaus wohnen. Er könnte wieder ins Atelier in die Kopenhagener Straße ziehen, und er könnte noch heute dem einäugigen Isländer sagen, er solle sich was anderes suchen, er brauche sein Geld nicht mehr, nie mehr.

»Weißt du, was mit ihm los ist?« sagte Naila.

»Ich dachte, du weißt es«, sagte Splash.

»Ich? Warum ich?«

Sie zog ihre hohen, braunen Stiefel an und die rote Alaia-Jacke von ihrem Vater, die er so haßte, und sagte:

»Hast du meine Schlüssel?«

»Warum fragst du mich immer nach deinen Schlüsseln? Ich hatte noch nie deine Schlüssel.«

»Aber du findest sie immer.«

»Heute nicht.«

»Bitte.«

»Nein!«

»Meine Schatz … Meine Sonne, mein Herz!«

Er stand auf und begann, den Tisch abzuräumen. Er ging mindestens zwanzigmal zwischen dem Tisch und der Küche hin und her, und er hatte immer nur einen Teller oder einen Löffel oder nur die verdammte Butterdose in der Hand. Als der Tisch leer war, setzte er sich hin, er steckte sich eine Zigarette an und versuchte, sich zu konzentrieren. Sollte er den Isländer anrufen und ihm sagen, sie würden sich erst am Abend treffen? Bis dahin würde er wissen, ob Naila bleiben konnte oder nicht. Oder sollte er ihm ganz absagen? Er hatte ihm schon zweimal abgesagt, vielleicht würde er deshalb sowieso nicht mehr kommen. Aber vielleicht mußte er ihm auch gar nicht absagen. Ja oder nein? In dem Moment hörte er ganz in der Nähe das laute Kreischen einer Straßenbahn, und er zuckte zusammen. Ein eisiger Windhauch stieg an seinen Beinen hoch, die nächste Straßenbahn donnerte vorbei, er blickte auf und sah, daß Naila eins von den riesigen Fenstern aufgemacht hatte.

»La-lala-lala«, machte sie. Sie ging lachend in dem riesigen Raum spazieren wie in einem Park, sie ging im Kreis und wackelte mit ihrem großen arabischen Hintern. »La-lala-lala.«

»Mach doch das Fenster zu, Naila«, sagte er. »Ich kann bei diesem Lärm nicht nachdenken.«

»La-lala-lala.«

»Naila, bitte.«

»Nur, wenn du mir suchen hilfst.«

Er stand auf und ging zur Garderobe und zog mit einem Griff die Schlüssel aus der kleinen Innentasche ihrer schwarzen Lederjacke.

»Woher wußtest du das?«

»Dort sind sie immer«, sagte er. »Wenn sie nicht in einer anderen Jacke sind. Oder im Bad in der Seifenablage. Oder in der Schublade mit den Keksen. Oder im Bett. Oder unter der Matratze. Oder unter dem Bett.«

»Danke, mein Schatz«, sagte sie und umarmte ihn zaghaft.

»Meine Schatz«, sagte er.

»Was werde ich ohne dich machen«, sagte sie lachend. In ihren Augen waren Tränen, und sie küßte ihn auf die Wangen und auf den Mund. Dann sah sie ihn wieder an, und die Tränen waren verschwunden. Waren sie überhaupt da gewesen, fragte er sich. Oder war das wieder nur eine Nummer aus ihrer libanesischen Große-Gefühle-Show?

»Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Du bekommst heute deine Papiere.«

»Und wenn nicht?«

»Und wenn nicht?«

»Ja – und wenn nicht? Wenn ich muß zurück nach Hause?«

Er sah sie ernst an, sie sah ihn auch ernst an, und weil er das nicht aushielt, schaute er an ihr vorbei durch den Raum. Es war nicht sein eigener Blick, mit dem er das alles hier sah, es war der Blick von jemandem, der er noch nicht war, aber vielleicht bald sein würde. Nachdem er alles gesehen hatte, das Bett, die beiden weißen Pierre-Paulin-Sessel, die silberne Lampe mit dem Marmorfuß, die Fotos von Nailas Familie in den goldenen Rahmen auf dem Fernseher und seine alten Bilder an den hohen Wänden, nachdem er kurz zum leeren und dunklen Büro des Architekten geschaut hatte, sah er wieder in Nailas braune, schrecklich braune Augen und sagte: »Wenn du zurück mußt, mein Engel, gehe ich mit, ist doch klar.«

»Das würdest du tun?« sagte sie überrascht. »Das würdest du also wirklich tun …« Sie schob seine Arme beiseite und löste sich aus der Umarmung. »Komm, ich muß gehen«, sagte sie. Sie preßte die frisch geschminkten, dünnen Lippen zwei-, dreimal aufeinander, und beim Wegdrehen warf sie einen letzten, versteckten Blick auf die andere Seite des Innenhofs.

Vor dem Fahrstuhl standen sie schweigend nebeneinander. Sie standen so, daß sie sich gerade nicht mit den Armen und Schultern berührten, und das war fast schon wieder aufregend. Der Fahrstuhl kam, die Tür öffnete sich, und da stand der Architekt mit seiner Frau, und ihre Kinder waren auch alle da. Splash und Naila stiegen dazu, sie sagten hallo, und der Architekt sagte auch hallo, und seine Frau lächelte, und die Kinder verdrehten die Köpfe nach oben und lächelten auch.

Der Architekt sah wieder normal aus. Splash betrachtete ihn aus den Augenwinkeln, während er die silbern glänzende Fahrstuhlwand zwischen dem Kopf des Architekten und Nailas Kopf anstarrte. Naila schaute er auch ab und zu an, und sie wirkte auch ganz normal. Vielleicht war sie ein wenig nervös, aber das war klar. Er wäre an ihrer Stelle genauso nervös. Er war ja schon nervös, wenn er zum Arzt mußte, oder wenn er für eine Reise bei einem Konsulat ein Visum besorgen sollte. Sie hatte aus Angst die Sache mit dem Ausländeramt bis auf den letzten Tag hinausgeschoben, und das hätte er auch getan, und jetzt war sie eben nervös. Splash starrte weiter die Fahrstuhlwand an, aber trotzdem bemerkte er, wie Naila und der Architekt sich kurz mit den Händen berührten. Sie strich mit den Fingern über seinen Handrücken, er machte eine Faust, danach entfernten sich ihre Hände wieder.

Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoß, und Splash und Naila stiegen aus. Der Architekt und seine Familie fuhren weiter in die Garage. Sie sagten laut auf Wiedersehen, und die Fahrstuhltür schloß sich hinter ihnen wie ein Vorhang. Splash nahm Nailas Hand, und sie gingen raus. Sie gingen Hand in Hand zur Straßenbahnhaltestelle, und als Naila in ihre Straßenbahn einstieg und wegfuhr, sah Splash ihr hinterher. Er wollte sogar winken, ließ es aber sein. Er drehte sich um und ging über die Rosenthaler Straße zur S-Bahn, und weil die Fußgängerampel vor den Hackeschen Höfen ewig brauchte, schaute er hoch zu dem Raketenhaus. Die matte, kobaltgraue Glasfassade sah im diesigen Winterlicht wie tot aus. Auf zwei Etagen brannte Licht – vorne bei den Architekten und beim Verlag im Stockwerk darüber –, und die Menschen in den Büros wirkten in diesem gelbgrünen Neonlicht, als würden sie langsam ertrinken. Splash schüttelte den Kopf und fluchte leise. Dann hatte er keine Lust mehr, an der überfüllten Ampel zu warten, aber was sollte er machen, er wartete trotzdem, bis es grün wurde. Dann wurde es sofort wieder rot, dann wieder grün und dann wieder rot, und er stand immer noch da und wußte nicht, was er tun sollte.


* This story is taken from: „Liebe heute“ by Maxim Biller © 2007, 2012,Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Cologne/Germany.

*Bild: Christophe Demaitre. 

Later in the night he saw, strangely, the picture of himself as he had been before she came. 

He thought: ‚She has the power to wake the dead.‘ 

–Tanja Blixen, Tempests.

Flughafen, heute, Nacht

Im Osten ist jeder Tag anders, sagen die alten Bücher. Er besteht aus Inseln, jede Insel ist anders, auf jeder lebt eine Hexe, und ich kannte eine von ihnen.

Sie nannte sich Gabriela Sloane, wir sind alte Diebe und waren uns beim Ausbaldowern eines grandiosen Raubzugs in einem römischen Park begegnet, ohne gleich zu wissen, daß der andere ebenfalls nichts anderes im Sinn hatte, nichts anderes beherrschte, als zu rauben. Einmal war ich bereits auf ihrer östlichen Insel kriminell in Erscheinung getreten, ohne zu ahnen, daß sie dort im Jahr 5502 geboren worden war (unter dem Namen Pesach Slabosky), eine Hexenkindheit dort verbracht hatte. Während sie wie ein Opossum in seinem Keller hockte, ihre Desert Eagle ölte und an einem schimmeligen trockenen Brötchen knabberte, dinierte ich feuchtfröhlich im Penthouse mit Frobart, unserem Opfer. Immer kam sie von unten, grub Tunnel, zwängte sich durch Rohre, nächtigte in Kellern, während ich gleich oben anfing, mit kultivierten Wortkaskaden arbeitete, Schmeicheleien, vorgetäuschter edler Gesinnung. Ich wollte schon immer die Welt erobern, indem ich mich über ihr ergoß wie parfümiertes Badewasser. Sie wollte einfach nur in aller Stille rauben und morden, sich blutig rächen, ich habe bis heute nicht herausgefunden, wofür, unsere Vorgehensweisen waren recht verschieden. Aber manchmal in Sternstunden waren wir gemeinsam jung und verliebt in die Ewigkeit, weil wir wieder und wieder getrennt wurden.

Gabriela Sloane, hier saß sie nun in ihrem grünen Kostüm in der Abfluglounge des Leonardo da Vinci, man sah ihr die Keller nicht an, wenn sie aus ihnen auftauchte, diesmal war sie vielleicht Ende zwanzig, trügerisch jung, trügerisch klein, gespannt wie eine Springfeder, Haar und Augen leuchtend schwarz, und wenn ich noch irgendeinen Zweifel gehegt hatte, ob diese Diebin und Mörderin einer Sternstunde fähig und meine Geliebte, Gehaßte, Verlorene, Wiedergefundene war, ihre unverschämten Augen ließen Zweifel gar nicht erst zu. Jeder ihrer Blicke traf tief, selbst der neben ihr gierig seine Zeitung Aussaugende, den sie mißtrauisch musterte, verlor sofort die Herrschaft über sein trostloses Inneres und empfing ihre mordlustigen Gedanken wie schwarze Tinte, die sich in Wasser ausbreitet. Sah sie in ihm eine Gefahr, einen Verfolger? Niemand kann mir gefolgt sein, mir zu folgen, ist ganz unmöglich, las ich in ihrem traurigen östlichen Lächeln, das so alt ist wie die Bücher. Zwei Leichen, Frobart und Frau, die Piazza Bologna in polizeilichem Aufruhr, sie hatte mit ihrer Schießwut auch mich in große Gefahr gebracht, mein Abendanzug und die Wolke strengen Eau de Toilettes, in die ich gehüllt war, retteten mich gerade so. Killer trugen nicht Terre D’Hermes auf, wenn sie zur Arbeit gingen, schlußfolgerten nach langen Beratungen die Uniformierten.

Alte und gewaltige Gefühle wie schwarze Vorhänge verdunkelten den Duty Free Shop, in den ich ihr gefolgt war. Zwischen Baci di Dama Nocciola und Romantica Seifen standen wir uns endlich gegenüber. Aber sie wandte sich ab, um an den Seifen zu riechen.

‚Hallo, Pesach.‘

‚Kenne ich Sie?‘

Ich verstand. Es machte mehr Spaß, wenn wir es wieder nicht glauben, nicht fassen wollten, wenn wir fremdelten und die Freude leugneten. Wir sind eben nicht nur Diebe, sondern naturgemäß auch Lügner und Phantasten und akzeptieren einander als solche (waren aber, soweit ich zurückfühlen kann, nie -wie bei Lügnern sonst gang und gäbe- verheiratet).

‚Im Park vor Frobarts Haus‘, sagte ich, ‚da haben wir uns gesehen, als Passanten getarnt. Du hattest ein Nachtsichtgerät, ich nicht.‘

Jetzt roch sie nicht mehr an den Seifen, sondern an einer ihrer schwarzen Haarsträhnen, ganz Unschuld und Selbstvergessenheit, als übersteige das Hier und Jetzt im Duty Free eines Flughafens bei Nacht ihre Vorstellungskraft. Sie hatte es schon immer verstanden, ihr sogenanntes ‚Bewußtsein‘ von einem Moment zum anderen in Narkose zu versetzen (oft litt sie unter Alpträumen).

‚Wo bekommt man sowas?‘

‚Was?‘

‚Nachtsichtgeräte. Du weißt, ich bin ein technischer Idiot.‘

Sie lachte ihr weißperliges rotzüngiges Lachen. ‚Wie meinen? Sie sind wohl nicht ganz bei Trost, Sie Lackaffe.‘ Wie charmant die leicht altertümliche Wortwahl, der Hauch der Jahrhunderte, der die Hexe umwehte. Und sie wollte davonstapfen. Ich erwischte ihren kleinen Finger, an dem ich sie, mit meinem kleinen Finger, festhielt.

‚Hab dich vermißt.‘

Sie betrachtete unsere Finger, nahm sich Zeit dafür. Wollte sie sich endlich erinnern? Ohne aufzuschauen sagte sie leise: ‚Wenn Sie mich nicht sofort loslassen, werde ich Sie töten, gleich hier bei der Seife, und niemand wird es merken und für die Menschheit wird es auch kein Verlust sein.‘  Ich glaubte ihr aufs Wort. Ich sagte:

‚Also gut, Gabriela. Kommen wir zum Geschäftlichen.‘

‚Woher kennen Sie meinen Namen?‘

‚Weil ich deinen Paß gestohlen habe.‘

Mit Genugtuung schaute ich zu, wie sie in ihrer gelben Umhängetasche kramte und Identifikationspapiere herauszerrte, deren Existenz sie nie verstanden hatte.

‚Dreimal‘, lächelte ich. ‚Aber immer zurückgegeben.‘

Sie brütete über ihrem Paß, als sei die eigene Fälschung, die eigene Legende ihr fremd, unverständlich, ein Rätsel.

‚Wer sind Sie?‘

Je suis le poinçonneur des Lilas. Je fais des trous, des petits trous, encore des petits trous…‘  Ich fügte hinzu: ‚Und ich habe Frobarts Stein.‘

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie jede Bewegung einiger auffallend häßlicher vielfliegender verwöhnter Kinder, die hereinstürzten und Wassermaschinengewehre aufeinander richteten. Verfolger? Oder echte Kinder? Wie würde sie eine Übermacht von Verfolgern hier abwehren wollen? Hatte sie einen Plan? Eine unsichtbare Waffe? Helfershelfer, die ich bisher übersehen hatte? Hatte sie einen Liebhaber? Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, sie führte irgendetwas im Schilde. Jetzt bohrte sie auch noch ihren Absatz in meinen Lackschuh.

‚Ach, meinen Sie? Ihr Stein ist falsch. Hab ihn ausgetauscht‘.

‚Du gibst also zu, daß wir uns kennen? Es ist lange her, es ist erschütternd, Pesach, ich muß mich kneifen.‘

Sie bohrte ihren Absatz tiefer.

‚Und du bist schöner als jemals zuvor. Ich habe den Stein übrigens zurückgetauscht, deiner ist falsch.‘

‚Hab ich dann aber wieder ausgetauscht.‘

‚Hältst du mich für einen Amateur? Ich natürlich auch.‘

‚Aber ich nochmal wieder.‘

‚Wie jetzt? Meiner ist nicht echt?‘

‚Oder vielleicht meiner. Sie machen mich ganz meshugge.‘

‚Gabriela, sieh mich an, sag die Wahrheit, bist du es?‘

Sie schüttelte stumm ihre schwarzen Locken. Ließ ein paar Stücke Seife in ihrem Kostüm verschwinden, Macht der Gewohnheit. Eines fiel zu Boden. Wir starrten beide darauf, als hätten wir etwas unschätzbar Wertvolles verloren.

Plötzlich Rosheshone

Mein Name ist Simone Frobart. Ich habe mit Pablo zu Abend gegessen, in der Rue Gabrielle, er hat mich skizziert, aber nicht gemalt. Ich plane eine blaue Periode, hat er gesagt, und du bist mir irgendwie nicht blau genug. Also kann ich auch nicht das Bild gestohlen haben, denn es gab kein Bild von mir, verstehen Sie? Außerdem war es der 6te Oktober. Sie verstehen nicht? Ich will mal so sagen: Sie, Monsieur, sehnen sich nach dem neuen Jahrhundert, wir aber nicht, keines hat je gehalten, was es versprach. David und ich haben einen kleinen Sohn, einen Bastard, er will später mal Schaffner werden und Löcher in Billets knipsen, weiter will ich nicht denken, weitere Gespräche über die Zukunft nicht führen, bringt nur Unglück, ich habe immer Angst, ganz alte Angst. David werden Sie nie schnappen, er ist längst in Biarritz oder sonstwo. Die Knallfrösche haben wir selbst entworfen und gebastelt, wir wollten ein kleines Feuerwerk veranstalten, nur für uns, es war ja plötzlich Rosheshone, der Feiertag. Kennen Sie nicht? Gehört nicht zur Sache? Tut mir leid, daß wir das öffentliche Pissoir in die Luft gejagt haben, wirklich. Nein, ich lache nicht, ja, ich bin mir des Ernstes meiner Lage bewußt. David hat gesagt: Wir schauen in den Nachthimmel, in die Dunkelheit, aber die Sterne werden siegen. Solche Sachen sagt er halt. Ich geb’s zu, ich habe ihm das Klauen beigebracht, bei einer höheren Tochter wie mir heißt es übrigens nicht Diebstahl, sondern Kleptomanie, eine in meinen Kreisen anerkannte Gemütserkrankung, möglicherweise libidonösen Ursprungs. David stellte sich ja derart dämlich an beim Klauen, und Mitleid mit den Opfern hatte er auch immer. Es stimmt übrigens nicht, daß Mitleid keine Liebe ist, oft ist es die Liebe selbst. Schon lustig, finden Sie nicht, daß ich hier sitze und ausgerechnet dem David, der blind ist, die Flucht gelang. Sie meinen, er spielt den Blinden nur? Aha, Sie haben Beweise! Sie haben ja für alles Beweise. Dann ist er schlauer, als ich dachte, ich habe in vier Jahren nichts gemerkt. Er tastete sich so dämlich und anmutig durch die Straßen und das Leben, man muß ihn lieben, er hat sich dann in meine Liebe verliebt, sowas kommt vor. Ich glaube Ihnen übrigens kein Wort, Monsieur, Sie wollen uns auseinanderbringen, das hat schon mein Vater versucht, der ein Verräter ist und sich neuerdings jeden Abend in Sacré Coeur bekreuzigt. David schickte mir keine billets doux, er hat ja nie Geld, wir versteckten uns ein Jahr lang in Vaters Kellern, unser Sohn erblickte dort das Licht der Welt, es war eine wilde romantische Zeit, Stück für gräßliches Stück, das gebe ich bereitwillig zu, verscherbelten wir Vaters Hausrat, er dachte, es seien Gespenster am Werk. da wurde er aus Rache katholisch. Non, je ne regrette rien.

Eine Stunde vor ihrem frühen Tod (sie wurde von ihrem Vater erschlagen) schrieb Simone in ihrer steilschrägen unlesbaren wunderschönen Schrift, die sie als Vierjährige unter einer großen, sehr geliebten Sonne in einem anderen Leben im babylonischen Exil erlernt hatte, einen Brief an David.

Liebster, sie haben mich freigelassen. Pablos Bild ist in einem sicheren Versteck, sogar Dir verrate ich nicht, wo. Vater hat mich enterbt, aber eines Tages werden wir das Bild verkaufen, dann muß unser kleiner Claude nicht Schaffner werden. Heute feiert der Rest der Welt tanzend um die Gaslaternen, im Bois de Vincennes ist Feuerwerk, feurige künstliche Sterne schnuppen am Himmel herum, es sind nicht unsere Sterne, aber sie leuchten doch. Alle rufen: Es lebe das Zwanzigste Jahrhundert! und werfen ihre Hüte in die Luft. Auch wenn Du nicht blind bist, ich vermisse Dich. Nous allons changer le monde. Antworte mir.

Inzwischen am Leonardo da Vinci

Gabriela Sloane und ich starren immer noch auf das heruntergefallene Stück Seife. Die Zeit schwankt einen Augenblick, als habe sie sich im Kreis gedreht und sei dabei in Ohnmacht gefallen. Wann hatte das alles angefangen? Ich wußte es nicht. Sie wußte es auch nicht, oder sie verheimlichte es. Wir stoßen mit den Köpfen zusammen, als wir uns gleichzeitig zur Seife bücken. Im Abflugloungecafé, wo alles außer Atmen verboten ist, (wer nie ein Abflugloungecafé, wo alles verboten ist, um zwei Uhr morgens gesehen hat, weiß nicht, welchen Müdigkeiten der Planet sich entgegenbewegt), sind wir höflich. Breaking News auf den Screens, Frobarts Villa, Frobart und Frau als Leichen, in jeder steckt ein Magazin aus Grabrielas Desert Eagle, werden unter Gummiplanen herausgetragen. Stellungnahmen, Frobart war kein Unbekannter gewesen, alte Familie, Vatikanbank (das war mir neu), hatte als Knirps noch dem Duce die Hand geschüttelt. Bravo, sage ich, wir kommen hier nie im Leben weg, warum hat unser Flug wohl Verspätung, sie sind dir schon auf der Spur, sie werden gleich hier sein. Unser Flug? sagt sie mit diesem unverschämten Blick, diesem Blick, wir fliegen zusammen? Ich küsse sie. Sie schmeckt nach Rhabarber. Denkt sie etwa, ich lasse sie noch ein einziges Mal aus den Augen? Sie küßt gedankenverloren an mir vorbei, küßt die Luft.

Im Osten Rhabarber

Die Kunst, das Verbrechen, auch der Diebstahl, gründen sich auf und sind nicht denkbar ohne eine halb absichtliche, halb unabsichtliche Unaufmerksamkeit und Schläfrigkeit, eine Art von ohnmächtigem Zeitempfinden. Jeder Künstler weiß, daß der Grat zwischen dem noch im Halbdunkel schlummernden, ungeformten Werk und dem Moment, da es zu spät ist, irgendetwas zu verbessern, schmal ist. Die meisten Künstler und Verbrecher schwanken hin und her zwischen diesen beiden Stadien, trotz aller guten Vorsätze, nämlich weil sie zu faul sind, zu gleichgültig, zu selbstzufrieden, zu unaufmerksam, zu eitel. Das ist natürlich ein moralisches Problem, denn alle Kunst und jedes Verbrechen sind, in gewisser Hinsicht, ein Ringen um Rechtschaffenheit, ja, ich sage sogar: um Unschuld…

So sprach Pauline, das unscheinbare Fräulein von — (man durfte ihren Namen nicht aussprechen, eigentlich waren ihr Ästhetikvorlesungen nicht erlaubt, nur Strickstunden am Ofen).

Ein Kuß kann aber die Welt verändern, wandte ich keck ein.

Wir wollen nicht wissen, was wir tun, entgegnete sie, bis es zu spät ist, irgendetwas daran zu ändern. Der menschliche Geist, fuhr sie fort, ist ein Lumpensack. Der Körper, die Objekte der Außenwelt, heiße Erinnerungen, warme Phantasien, Schuld, Angst, Zögern, Zweifel, Lügen, kleine Freuden, große Schmerzen und tausend Dinge, die mit Worten kaum zu fassen sind, koexistieren in uns, koexistieren auch in Ihnen, Herr Frobart.

Wir befanden uns auf einer östlichen Insel mit Namen Weimar, wo die Leute ununterbrochen um die Wette dichteten. Die Insel war nicht groß, sie lag in einem eiskalten Meer, das ununterbrochen an der Insel nagte, so daß sie am Ende einfach fortgewaschen sein würde, aufgelöst, und nur ein Eiskristall vielleicht von ihr übrig bliebe. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut als Tagedieb. War ich nicht zu Höherem berufen, steckte in mir nicht ein ganz anderer Nathan Frobart? Manchmal kniete und betete ich und dachte: Die Zeit ist gekommen.

Dann küßte ich Pauline von — unter dem Flieder. Sie schmeckte nach Rhabarber, den sie heimlich einkochte und in großen Mengen nachts im Schlosskeller verschlang. Ich erfuhr, daß auch sie sich fremd in Weimar und in ihrem Leib und auf der Welt fühlte. Wir waren schon einmal hier gewesen, glaubten wir, hatten uns schon einmal unter Flieder geküßt, in einem anderen Zeitalter. Damals waren wir anders (glaubten wir), tauschten Blicke aus mandelförmigen schwarzen Augen, dufteten nach Kardamom und Mhyrre, Orangen. Irgendwie blauer waren wir, sagte Pauline. Irgendwie älter, sagte ich. Dürfen wir so sprechen, Nathan? flüsterte sie, so sprechen Hexen. Nein, so sprechen die Liebenden, antwortete ich.

Ein Kuß verändert die Welt. Mit einem Mal ist der Lumpensack aufgeräumt, alles Innere geordnet, es gibt keine Angst, keine Furcht, es ist nur noch Platz für dich darin.

Wir wurden Dichter, aber wir schrieben nicht selbst. Wir bedienten uns bei anderen, zogen ihnen die Manuskripte unter den Kopfkissen weg, klauten ihre Kladden und Konvolute. Griffen dann zu Scheren und schnitten das Ganze in Streifen wie Pökelfleisch, setzten es neu zusammen und ließen es drucken unter einem nom de plume, den ich vergessen habe. Stets trugen wir eine Münze bei uns, ich in meinem Brustbeutel, sie in ihren Unterkleidern, für den Fährmann. Unsere Sehnsucht, unsere Vorahnung, daß etwas Großes, Weltbewegendes mit uns geschehen würde, Weltruhm möglicherweise, der Sinn für die Richtung, die unser Leben einschlagen würde, erwiesen sich als richtig. Doch der Weg war länger, als wir uns vorgestellt hatten.

Woanders

Dort konnten wir nicht stehlen, weil wir tot waren (erstickt).

Portrait

Heute ist Sonntag. Unser Haus ist nur noch Schutt und Asche, thank you, Mr. Wernher von Braun. Am Muswell Hill Broadway weinen die Waisenkinder. Vater ist tot, Mutter sprach sieben Tage kein Wort, sie sprach mit ihrem Herz, bis es stehenblieb. Wir dachten, wir wären sicher in London, die Frauen rosafarben wie Marzipan, wirkten beruhigend auf unsere Nerven, die Männer aus weichem hellen leicht gekräuselten Leder, lächelten manchmal amüsiert, zogen eine Augenbraue hoch, alles beruhigend, auch die alte Sprache des Barden, die vielleicht das Laute und Scharfe kennt, aber nicht das Bellen. King Lear wird nie bellen, da können sie in Berlin toben, soviel sie wollen. Vaters Laden, der gute alte Frobart’s Bookshop, dem Erdboden gleich. Im traurigen Rest wühle ich und finde ein altes Buch über die Heimat, die verwunschenen Inseln und die wundervollen Hexen auf ihnen. Sie waren eine Möglichkeit, diese Hexen, aber meine Heimat wollte diese Möglichkeit nicht. Das Portrait einer alterslosen kleinen rabenschwarzhaarigen Hexe mit Augen, die viel gesehen haben und Geheimnisse kennen, zieht mich in eine andere Zeit, als die Inseln noch in der warmen Sonne lagen, manchmal stiegen sie aus dem Meer und wanderten über die Erde, um sich woanders niederzulassen. Eine junge Frau wie ich, Jahrhunderte schon tot, ihr Name war Pesach.

Flug 0913 ist bereit

Wieder in den verfluchten Duty Free, Bühne der unterdrückten Gefühle. Gabriela fiel ein, daß sie noch das eine oder andere, zum Beispiel Toblerone, unbedingt benötigte. Kleiner Wettstreit, wer unter den mitschwenkenden Kameras mehr Toblerone wegzaubern konnte.

‚Wir werden immer besser‘, sagte ich.

‚Ach ja? Hören Sie mal, an der Kasse trennen sich unsere Wege. Und Sie bezahlen.‘ Sie griff nach einem Minigemälde, Rom im Regen, und drückte es mir in die Hand.  ‚Das da.‘ 

Ich hielt mir das Gemälde vors Gesicht. ‚Du hättest mich beinahe geküßt…‘

‚…‘

‚Es ist spät, Gabriela Sloane. Sie sind in Gefahr.‘

‚War es nicht immer spät?‘

‚Nicht damals in Babylon‘, sagte ich.

‚…‘

‚Wir könnten nach London gehen und uns zur Ruhe setzen. Ich habe eine Stadtwohnung in Muswell Hill. Oder nach Paris, dort gehört mir ein kleines Hotel in der Rue – ‚

‚In diesem Park‘, unterbrach sie mich, ‚vor Frobarts Haus, als du dich dreist neben mich auf die Bank gesetzt hast, sind dir die Tauben aufgefallen?‘

‚Tauben?‘

‚Siehst du, du schläfst die ganze Zeit, du schlafwandelst durch unser Leben, ich hab die Schnauze voll, ich muß mich befreien von dir, du schadest mir.‘

‚Tauben?‘

‚Ja, Tauben. Sie standen im Halbkreis um uns herum, ziemlich alte Tauben, starrten uns aus ihren harten Augen an. Und der Himmel war so blau und kalt, hast du auch nicht bemerkt, er hat uns nicht verziehen. Und hiermit verkünde ich das unwiderrufliche Ende.‘

Jetzt schließlich berührte sie mich, ihre Finger (die auch mordeten) zogen einen kleinen Kreis auf meiner Hand, und sie ließ ihren schwarzen Schopf auf meiner Schulter ruhen. Es schien, als wollte sie meine Vergebung. Dafür, daß sie jung war und schön und unverdorben und eine Zukunft hatte, während ich alt und häßlich und ein Sünder war und keine hatte.

‚Lufthansa Flight 0913 now boarding…‘ Die körperlose Stimme.              

Ach, Berlin, dachten wir beide. Eine Stadt, die uns das Schicksal gnädig erspart, um die es uns in weiten Kreisen herumgeleitet hatte. Was wollte sie in Berlin? A Diamond as big as the Adlon?

‚War das Gott?‘ sagte ich.

‚Wie meinen?‘

‚Die Stimme.‘

‚Du lernst es einfach nie. Wir. Wir sind es.‘ Sie stand auf. ‚Bitte, folge mir nicht. Flieg irgendwoanders hin, flieg nach Paris, wir waren mal glücklich dort, lebe in unseren Erinnerungen, ich brauche eine Unterbrechung, eine Pause, mindestens ein Jahrhundert, laß mich einfach alleine.‘

‚Alleine..‘ sinnierte ich noch.

Da war sie schon losgerannt. Ich hatte vergessen, wie schnell sie rennen konnte, es sah aus, als sei ein kleiner Kugelblitz in die Abfluglounge gefahren. Der Rest der Welt machte Platz, spritzte auseinander, wie war ich stolz auf sie. Hatte sie recht, brauchten wir eine Pause? Erst mußte ich sie davon überzeugen, das Morden einzustellen, es lag so gar nicht in unserer Natur, Diebstahl als Kunstform war unsere Natur, Worte und Blicke waren unsere Natur.

Während des Fluges unterhielten wir uns über Nachtsichtgeräte. Die sind ganz famos, sagte sie, wenn du zum Beispiel in einem Haus mit vielen Kellern arbeitest, du siehst alles grün, es ist fantastisch, wie ein Traum. Ich liebte sie, wenn sie so fachsimpelte, und sie wußte das, wir waren Meister der Distanz, wir verstanden und ehrten den Abstand zwischen den Sternen in ihren Nachtlagern am Himmel. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände. Diesmal küßte sie nicht vorbei. Ein Kuß kann die Welt verändern, es gibt keine zeitlosen, vereinzelten, eingekapselten, unbemerkten Augenblicke, in denen wir beliebig handeln können, um dann unsere Leben weiterzuführen, als sei nichts geschehen. Es gibt folgenschwere Küsse. Manchmal muß man sie stehlen. Unruhig wandernde Seelen wissen das. Diebe sowieso.

Beim Landeanflug auf die Stadt Berlin begann die Maschine zu kippeln, dann bedrohlich zu schwanken, dann zu trudeln, und die Hölle brach los.

‚Das darf doch nicht wahr sein, Pesach, wir stürzen ab. Mitten in Europa.‘

‚In der Tat‘, sagte sie. Sie streckte mir die Zunge heraus und fischte ihre Münze für den Fährmann aus der gelben Tasche. ‚Halt lieber deine Münze bereit‘, sagte sie.

‚Hast du hier deine Finger im Spiel?‘

‚Vielleicht.‘

‚Pesach, Pesach…‘

‚Ich muß dir was sagen: es gibt auch eine Bombe.‘

‚Wir werden halb Berlin zerstören.‘

‚Mag sein.‘

‚Ist das denn wirklich nötig?‘

Nous allons changer le monde. Hast du Angst?‘

‚Hättest du wohl gerne.‘

‚Wir sind noch nie zusammen gestorben‘, sagte sie.

Ich wollte sagen: doch, o doch. Aber ich schwieg. Immer schweige ich. Ich bin nicht der einzige, denke ich, und der andere denkt es auch, und so schweigen wir alle zusammen.

‚Weißt du zufällig, was aus unserem kleinen Claude geworden ist?‘ fragte sie.

‚Was er sich immer gewünscht hatte, le poinçonneur des Lilas.

Je fais des trous…‘

Des petits trous…‘

Ich seufzte. Es wäre so schön gewesen. Sie nahm meine Hand. ‚Baruch, damals in Babylon, die Sonne auf unseren Köpfen, wie neu wir waren.‘

Dann kippte das Flugzeug mit hundertneunundzwanzig Seelen an Bord in den steilen Sturzflug und explodierte tief in der Stadt und löschte viele Geschichten aus, aber bloß vorübergehend.

Haben wir nur ein Leben? Vermutlich. Können wir aus unseren Träumen, unseren Sehnsüchten irgendeine Wirklichkeit weben wie einst die Parzen, einen verwunschenen ewigen Teppich, der uns durch die Lüfte und Zeiten fliegt? Vorbei, verlernt. Und dennoch, in unseren Sternstunden sind wir Götter. Wir lieben in anderer Form, anderer Gestalt den Menschen, den wir schon immer liebten, nichts geht verloren, wir singen nur ein Lied.

Wir waren Götter. Jetzt bin ich allein in diesem Keller, kein Licht, keine Sterne, kein Nachtsichtgerät, nur die Vergangenheit, die ein fremdes Land ist. Pesach, bist du noch dort? Oder bist du schon hier? Antworte mir.

                                                                                                                                               Für Hanna


*Copyright © Martin Kluger, 2015.

Zu einer gewissen Zeit meines Lebens brachten es meine Dienste mit sich, daß ich ziemlich regelmäßig mehrmals in der Woche um eine gewisse Stunde über die kleine Brücke ging (denn der Pont neuf war damals noch nicht erbaut) und dabei meist von einigen Handwerkern oder anderen Leuten aus dem Volk erkannt und gegrüßt wurde, am auffälligsten aber und regelmäßigsten von einer sehr hübschen Krämerin, deren Laden an einem Schild mit zwei Engeln kenntlich war, und die, so oft ich in den fünf oder sechs Monaten vorüber kam, sich tief neigte und mir soweit nachsah, als sie konnte. Ihr Betragen fiel mir auf, ich sah sie gleichfalls an und dankte ihr sorgfältig. Einmal, im Spätwinter, ritt ich von Fontainebleau nach Paris und als ich wieder die kleine Brücke heraufkam, trat sie an ihre Ladentür und sagte zu mir, indem ich vorbeiritt: »Mein Herr, Ihre Dienerin!« Ich erwiderte ihren Gruß und, indem ich mich von Zeit zu Zeit umsah, hatte sie sich weiter vorgelehnt, um mir soweit als möglich nachzusehen. Ich hatte einen Bedienten und einen Postillon hinter mir, die ich noch diesen Abend mit Briefen an gewisse Damen nach Fontainebleau zurückschicken wollte. Auf meinen Befehl stieg der Bediente ab und ging zu der jungen Frau, ihr in meinem Namen zu sagen, daß ich ihre Neigung, mich zu sehen und zu grüßen, bemerkt hätte; ich wollte, wenn sie wünschte, mich näher kennen zu lernen, sie aufsuchen, wo sie verlangte.

Sie antwortete dem Bedienten: Er hätte ihr keine erwünschtere Botschaft bringen können, sie wollte kommen, wohin ich sie bestellte.

Im Weiterreiten fragte ich den Bedienten, ob er nicht etwa einen Ort wüßte, wo ich mit der Frau zusammenkommen könnte? Er antwortete, daß er sie zu einer gewissen Kupplerin führen wollte; da er aber ein sehr besorgter und gewissenhafter Mensch war, dieser Diener Wilhelm aus Courtral, so setzte er gleich hinzu: Da die Pest sich hie und da zeige und nicht nur Leute aus dem niedrigen und schmutzigen Volk, sondern auch ein Doktor und ein Domherr schon daran gestorben seien, so rate er mir, Matratzen, Decken und Leintücher aus meinem Hause mitbringen zu lassen. Ich nahm den Vorschlag an, und er versprach mir ein gutes Bett zu bereiten. Vor dem Absteigen sagte ich noch, er solle auch ein ordentliches Waschbecken dorthin tragen, eine kleine Flasche mit wohlriechender Essenz und etwas Backwerk und Äpfel; auch solle er dafür sorgen, daß das Zimmer tüchtig geheizt werde, denn es war so kalt, daß mir die Füße im Bügel steif gefroren waren, und der Himmel hing voll Schneewolken.

Den Abend ging ich hin und fand eine sehr schöne Frau von ungefähr zwanzig Jahren auf dem Bette sitzen, indes die Kupplerin, ihren Kopf und ihren runden Rücken in ein schwarzes Tuch eingemummt, eifrig in sie hineinredete. Die Tür war angelehnt, im Kamin lohten große frische Scheiter geräuschvoll auf, man hörte mich nicht kommen, und ich blieb einen Augenblick in der Tür stehen. Die Junge sah mit großen Augen ruhig in die Flamme; mit einer Bewegung ihres Kopfes hatte sie sich wie auf Meilen von der widerwärtigen Alten entfernt; dabei war unter einer kleinen Nachthaube, die sie trug, ein Teil ihrer schweren dunklen Haare vorgequollen und fiel, zu ein paar natürlichen Locken sich ringelnd, zwischen Schulter und Brust über das Hemd. Sie trug noch einen kurzen Unterrock von grünwollenem Zeug und Pantoffeln an den Füßen. In diesem Augenblick mußte ich mich durch ein Geräusch verraten haben: Sie warf ihren Kopf herum und bog mir ein Gesicht entgegen, dem die übermäßige Anspannung der Züge fast einen wilden Ausdruck gegeben hätte, ohne die strahlende Hingebung, die aus den weit aufgerissenen Augen strömte und aus dem sprachlosen Mund wie eine unsichtbare Flamme herausschlug. Sie gefiel mir außerordentlich; schneller als es sich denken läßt, war die Alte aus dem Zimmer und ich bei meiner Freundin. Als ich mir in der ersten Trunkenheit des überraschenden Besitzes einige Freiheiten herausnehmen wollte, entzog sie sich mir mit einer unbeschreiblichen lebenden Eindringlichkeit zugleich des Blickes und der dunkeltönenden Stimme. Im nächsten Augenblick aber fühlte ich mich von ihr umschlungen, die noch inniger mit dem fort und fort empordrängenden Blick der unerschöpflichen Augen als mit den Lippen und den Armen an mir haftete; dann wieder war es, als wollte sie sprechen, aber die von Küssen zuckenden Lippen bildeten keine Worte, die bebende Kehle ließ keinen deutlicheren Laut als ein gebrochenes Schluchzen empor.

Nun hatte ich einen großen Teil dieses Tages zu Pferde auf frostigen Landstraßen verbracht, nachher im Vorzimmer des Königs einen sehr ärgerlichen und heftigen Auftritt durchgemacht und darauf, meine schlechte Laune zu betäuben, sowohl getrunken als mit dem Zweihänder stark gefochten, und so überfiel mich mitten unter diesem reizenden und geheimnisvollen Abenteuer, als ich von weichen Armen im Nacken umschlungen und mit duftendem Haar bestreut dalag, eine so plötzliche heftige Müdigkeit und beinahe Betäubung, daß ich mich nicht mehr zu erinnern wußte, wie ich denn gerade in dieses Zimmer gekommen wäre, ja sogar für einen Augenblick die Person, deren Herz so nahe dem meinigen klopfte, mit einer ganz anderen aus früherer Zeit verwechselte und gleich darauf fest einschlief.

Als ich wieder erwachte, war es noch finstere Nacht, aber ich fühlte sogleich, daß meine Freundin nicht mehr bei mir war. Ich hob den Kopf und sah beim schwachen Schein der zusammensinkenden Glut, daß sie am Fenster stand: Sie hatte den einen Laden aufgeschoben und sah durch den Spalt hinaus. Dann drehte sie sich um, merkte, daß ich wach war, und rief (ich sehe noch, wie sie dabei mit dem Ballen der linken Hand an ihrer Wange emporfuhr und das vorgefallene Haar über die Schulter zurückwarf): »Es ist noch lange nicht Tag, noch lange nicht!« Nun sah ich erst recht, wie groß und schön sie war, und konnte den Augenblick kaum erwarten, daß sie mit wenigen der ruhigen großen Schritte ihrer schönen Füße, an denen der rötliche Schein emporglomm, wieder bei mir wäre. Sie trat aber noch vorher an den Kamin, bog sich zur Erde, nahm das letzte schwere Scheit, das draußen lag, in ihre strahlenden nackten Arme und warf es schnell in die Glut. Dann wandte sie sich, ihr Gesicht funkelte von Flammen und Freude, mit der Hand riß sie im Vorbeilaufen einen Apfel vom Tisch und war schon bei mir, ihre Glieder noch vom frischen Anhauch des Feuers umweht und dann gleich aufgelöst und von innen her von stärkeren Flammen durchschüttert, mit der Rechten mich umfassend, mit der Linken zugleich die angebissene kühle Frucht und Wangen, Lippen und Augen meinem Mund darbietend. Das letzte Scheit im Kamin brannte stärker als alle anderen. Aufsprühend sog es die Flamme in sich und ließ sie dann wieder gewaltig emporlohen, daß der Feuerschein über uns hinschlug, wie eine Welle, die an der Wand sich brach und unsere umschlungenen Schatten jäh emporhob und wieder sinken ließ. Immer wieder knisterte das starke Holz und nährte aus seinem Innern immer wieder neue Flammen, die emporzüngelten und das schwere Dunkel mit Güssen und Garben von rötlicher Helle verdrängten. Auf einmal aber sank die Flamme hin, und ein kalter Lufthauch tat leise wie eine Hand den Fensterladen auf und entblößte die fahle widerwärtige Dämmerung.

Wir setzten uns auf und wußten, daß nun der Tag da war. Aber das da draußen glich keinem Tag. Es glich nicht dem Aufwachen der Welt. Was da draußen lag, sah nicht aus wie eine Straße. Nichts einzelnes ließ sich erkennen: es war ein farbloser, wesenloser Wust, in dem sich zeitlose Larven hinbewegen mochten. Von irgendwoher, weither, wie aus der Erinnerung heraus, schlug eine Turmuhr, und eine feuchtkalte Luft, die keiner Stunde angehörte, zog sich immer stärker herein, daß wir uns schaudernd aneinander drückten. Sie bog sich zurück und heftete ihre Augen mit aller Macht auf mein Gesicht; ihre Kehle zuckte, etwas drängte sich in ihr herauf und quoll bis an den Rand der Lippen vor: Es wurde kein Wort daraus, kein Seufzer und kein Kuß, aber etwas, was ungeboren allen dreien glich. Von Augenblick zu Augenblick wurde es heller und der vielfältige Ausdruck ihres zuckenden Gesichts immer redender; auf einmal kamen schlurfende Schritte und Stimmen von draußen so nahe am Fenster vorbei , daß sie sich duckte und ihr Gesicht gegen die Wand kehrte. Es waren zwei Männer, die vorbeigingen: Einen Augenblick fiel der Schein einer kleinen Laterne, die der eine trug, herein; der andere schob einen Karren, dessen Rad knirschte und ächzte. Als sie vorüber waren, stand ich auf, schloß den Laden und zündete ein Licht an. Da lag noch ein halber Apfel: Wir aßen ihn zusammen, und dann fragte ich sie, ob ich sie nicht noch einmal sehen könnte, denn ich verreise erst Sonntag. Dies war aber die Nacht vom Donnerstag auf den Freitag gewesen.

Sie antwortete mir: Daß sie es gewiß sehnlicher verlange als ich; wenn ich aber nicht den ganzen Sonntag bliebe, sei es ihr unmöglich; denn nur in der Nacht vom Sonntag auf den Montag könnte sie mich wiedersehen.

Mir fielen zuerst verschiedene Abhaltungen ein, so daß ich einige Schwierigkeiten machte, die sie mit keinem Worte, aber mit einem überaus schmerzlich fragenden Blick und einem gleichzeitigen fast unheimlichen Hart- und Dunkelwerden ihres Gesichts anhörte. Gleich darauf versprach ich natürlich, den Sonntag zu bleiben, und setzte hinzu, ich wollte also Sonntag Abend mich wieder an dem nämlichen Ort einfinden. Auf dieses Wort sah sie mich fest an und sagte mir mit einem ganz rauhen und gebrochenen Ton in der Stimme: »Ich weiß recht gut, daß ich um deinetwillen in ein schändliches Haus gekommen bin; aber ich habe es freiwillig getan, weil ich mit dir sein wollte, weil ich jede Bedingung eingegangen wäre. Aber jetzt käme ich mir vor, wie die letzte niedrigste Straßendirne, wenn ich ein zweitesmal hierher zurückkommen könnte. Um deinetwillen hab‘ ich’s getan, weil du für mich der bist, der du bist, weil du der Bassompierre bist, weil du der Mensch auf der Welt bist, der mir durch seine Gegenwart dieses Haus da ehrenwert macht!« Sie sagte: »Haus«; einen Augenblick war es, als wäre ein verächtlicheres Wort ihr auf der Zunge; indem sie das Wort aussprach, warf sie auf diese vier Wände, auf dieses Bett, auf die Decke, die herabgeglitten auf dem Boden lag, einen solchen Blick, daß unter der Garbe von Licht, die aus ihren Augen hervorschoß, alle diese häßlichen und gemeinen Dinge aufzuzucken und geduckt vor ihr zurückzuweichen schienen, als wäre der erbärmliche Raum wirklich für einen Augenblick größer geworden.

Dann setzte sie mit einem unbeschreiblich sanften und feierlichen Tone hinzu: »Möge ich eines elenden Todes sterben, wenn ich außer meinem Mann und dir je irgendeinem andern gehört habe und nach irgendeinem anderen auf der Welt verlange!« und schien, mit halboffenen, lebenhauchenden Lippen leicht vorgeneigt, irgendeine Antwort, eine Beteuerung meines Glaubens zu erwarten, von meinem Gesicht aber nicht das zu lesen, was sie verlangte, denn ihr gespannter suchender Blick trübte sich, ihre Wimpern schlugen auf und zu, und auf einmal war sie am Fenster und kehrte mir den Rücken, die Stirn mit aller Kraft an den Laden gedrückt, den ganzen Leib von lautlosem, aber entsetzlich heftigem Weinen so durchschüttert, daß mir das Wort im Munde erstarb und ich nicht wagte, sie zu berühren. Ich erfaßte endlich eine ihrer Hände, die wie leblos herabhingen, und mit den eindringlichsten Worten, die mir der Augenblick eingab, gelang es mir nach langem, sie soweit zu besänftigen, daß sie mir ihr von Tränen überströmtes Gesicht wieder zukehrte, bis plötzlich ein Lächeln, wie ein Licht zugleich aus den Augen und rings um die Lippen hervorbrechend, in einem Moment alle Spuren des Weinens wegzehrte und das ganze Gesicht mit Glanz überschwemmte. Nun war es das reizendste Spiel, wie sie wieder mit mir zu reden anfing, indem sie sich mit dem Satz: »Du willst mich noch einmal sehen? so will ich dich bei meiner Tante einlassen!« endlos herumspielte, die erste Hälfte zehnfach aussprach, bald mit süßer Zudringlichkeit, bald mit kindischem gespielten Mißtrauen, dann die zweite mir als das größte Geheimnis zuerst ins Ohr flüsterte, dann mit Achselzucken und spitzem Mund, wie die selbstverständlichste Verabredung von der Welt, über die Schulter hinwarf und endlich, an mir hängend, mir ins Gesicht lachend und schmeichelnd wiederholte. Sie beschrieb mir das Haus aufs genaueste, wie man einem Kind den Weg beschreibt, wenn es zum erstenmal allein über die Straße zum Bäcker gehen soll. Dann richtete sie sich auf, wurde ernst – und die ganze Gewalt ihrer strahlenden Augen heftete sich auf mich mit einer solchen Stärke, daß es war, als müßten sie auch ein totes Geschöpf an sich zu reißen vermögend sein – und fuhr fort: »Ich will dich von zehn Uhr bis Mitternacht erwarten und auch noch später und immerfort, und die Tür unten wird offen sein. Erst findest du einen kleinen Gang, in dem halte dich nicht auf, denn da geht die Tür meiner Tante heraus. Dann stößt dir eine Treppe entgegen, die führt dich in den ersten Stock, und dort bin ich!« Und indem sie die Augen schloß, als ob ihr schwindelte, warf sie den Kopf zurück, breitete die Arme aus und umfing mich, und war gleich wieder aus meinen Armen und in die Kleider eingehüllt, fremd und ernst, und aus dem Zimmer; denn nun war völlig Tag.

Ich machte meine Einrichtung, schickte einen Teil meiner Leute mit meinen Sachen voraus und empfand schon am Abend des nächsten Tages eine so heftige Ungeduld, daß ich bald nach dem Abendläuten mit meinem Diener Wilhelm, den ich aber kein Licht mitnehmen hieß, über die kleine Brücke ging, um meine Freundin wenigstens in ihrem Laden oder in der daranstoßenden Wohnung zu sehen und ihr allenfalls ein Zeichen meiner Gegenwart zu geben, wenn ich mir auch schon keine Hoffnung auf mehr machte, als etwa einige Worte mit ihr wechseln zu können.

Um nicht aufzufallen, blieb ich an der Brücke stehen und schickte den Diener voraus, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er blieb längere Zeit aus und hatte beim Zurückkommen die niedergeschlagene und grübelnde Miene, die ich an diesem braven Menschen immer kannte, wenn er einen meinigen Befehl nicht hatte erfolgreich ausführen können. »Der Laden ist versperrt«, sagte er, »und scheint auch niemand darinnen. Überhaupt läßt sich in den Zimmern, die nach der Gasse zu liegen, niemand sehen und hören. In den Hof könnte man nur über eine hohe Mauer, zudem knurrt dort ein großer Hund. Von den vorderen Zimmern ist aber eines erleuchtet, und man kann durch einen Spalt im Laden hineinsehen, nur ist es leider leer.«

Mißmutig wollte ich schon umkehren, strich aber doch noch einmal langsam an dem Haus vorbei, und mein Diener in seiner Beflissenheit legte nochmals sein Auge an den Spalt, durch den ein Lichtschimmer drang, und flüsterte mir zu, daß zwar nicht die Frau, wohl aber der Mann nun in dem Zimmer sei. Neugierig, diesen Krämer zu sehen, den ich mich nicht erinnern konnte, auch nur ein einzigesmal in seinem Laden erblickt zu haben, und den ich mir abwechselnd als einen unförmlichen dicken Menschen oder als einen dürren gebrechlichen Alten vorstellte, trat ich ans Fenster und war überaus erstaunt, in dem guteingerichteten vertäfelten Zimmer einen ungewöhnlich großen und sehr gut gebauten Mann umhergehen zu sehen, der mich gewiß um einen Kopf überragte und, als er sich umdrehte, mir ein sehr schönes tiefernstes Gesicht zuwandte, mit einem braunen Bart, darin einige wenige silberne Fäden waren, und mit einer Stirn von fast seltsamer Erhabenheit, so daß die Schläfen eine größere Fläche bildeten, als ich noch je bei einem Menschen gesehen hatte. Obwohl er ganz allein im Zimmer war, so wechselte doch sein Blick, seine Lippen bewegten sich, und indem er unter dem Auf- und Abgehen hie und da stehen blieb, schien er sich in der Einbildung mit einer anderen Person zu unterhalten: einmal bewegte er den Arm, wie um eine Gegenrede mit halb nachsichtiger Überlegenheit wegzuweisen. Jede seiner Gebärden war von großer Lässigkeit und fast verachtungsvollem Stolz, und ich konnte nicht umhin, mich bei seinem einsamen Umhergehen lebhaft des Bildes eines sehr erhabenen Gefangenen zu erinnern, den ich im Dienst des Königs während seiner Haft in einem Turmgemach des Schlosses zu Blois zu bewachen hatte. Diese Ähnlichkeit schien mir noch vollkommener zu werden, als der Mann seine rechte Hand emporhob und auf die emporgekrümmten Finger mit Aufmerksamkeit, ja mit finsterer Strenge hinabsah.

Denn fast mit der gleichen Gebärde hatte ich jenen erhabenen Gefangenen öfter einen Ring betrachten sehen, den er am Zeigefinger der rechten Hand trug und von welchem er sich niemals trennte. Der Mann im Zimmer trat dann an den Tisch, schob die Wasserkugel vor das Wachslicht und brachte seine beiden Hände in den Lichtkreis, mit ausgestreckten Fingern: er schien seine Nägel zu betrachten. Dann blies er das Licht aus und ging aus dem Zimmer und ließ mich nicht ohne eine dumpfe zornige Eifersucht zurück, da das Verlangen nach seiner Frau in mir fortwährend wuchs und wie ein umsichgreifendes Feuer sich von allem nährte, was mir begegnete und so durch diese unerwartete Erscheinung in verworrener Weise gesteigert wurde, wie durch jede Schneeflocke, die ein feuchtkalter Wind jetzt zertrieb und die mir einzeln an Augenbrauen und Wangen hängen blieben und schmolzen.

Den nächsten Tag verbrachte ich in der nutzlosesten Weise, hatte zu keinem Geschäft die richtige Aufmerksamkeit, kaufte ein Pferd, das mir eigentlich nicht gefiel, wartete nach Tisch dem Herzog von Nemours auf und verbrachte dort einige Zeit mit Spiel und mit den albernsten und widerwärtigsten Gesprächen. Es war nämlich von nichts anderem die Rede, als von der in der Stadt immer heftiger umsichgreifenden Pest, und aus allen diesen Edelleuten brachte man kein anderes Wort heraus als dergleichen Erzählungen von dem schnellen Verscharren der Leichen, von dem Strohfeuer, das man in den Totenzimmern brennen müsse, um die giftigen Dünste zu verzehren, und so fort; der Albernste aber erschien mir der Kanonikus von Chandieu, der, obwohl dick und gesund wie immer, sich nicht enthalten konnte, unausgesetzt nach seinen Fingernägeln hinabzuschielen, ob sich an ihnen schon das verdächtige Blauwerden zeige, womit sich die Krankheit anzukündigen pflegt.

Mich widerte das alles an, ich ging früh nach Hause und legte mich zu Bette, fand aber den Schlaf nicht, kleidete mich vor Ungeduld wieder an und wollte, koste es was es wolle, dorthin, meine Freundin zu sehen, und müßte ich mit meinen Leuten gewaltsam eindringen. Ich ging ans Fenster, meine Leute zu wecken, die eisige Nachtluft brachte mich zur Vernunft, und ich sah ein, daß dies der sichere Weg war, alles zu verderben. Angekleidet warf ich mich aufs Bett und schlief endlich ein.

Ähnlich verbrachte ich den Sonntag bis zum Abend, war viel zu früh in der bezeichneten Straße, zwang mich aber, in einer Nebengasse auf- und niederzugehen, bis es zehn Uhr schlug. Dann fand ich sogleich das Haus und die Tür, die sie mir beschrieben hatte, und die Tür auch offen, und dahinter den Gang und die Treppe. Oben aber die zweite Tür, zu der die Treppe führte, war verschlossen, doch ließ sie unten einen feinen Lichtstreif durch. So war sie drinnen und wartete und stand vielleicht horchend drinnen an der Tür, wie ich draußen. Ich kratzte mit dem Nagel an der Tür, da hörte ich drinnen Schritte: es schienen mir zögernd unsichere Schritte eines nackten Fußes. Eine Zeit stand ich ohne Atem und dann fing ich an zu klopfen: aber ich hörte eine Mannesstimme, die mich fragte, wer draußen sei. Ich drückte mich ans Dunkel des Türpfostens und gab keinen Laut von mir: die Tür blieb zu und ich klomm mit der äußersten Stille, Stufe für Stufe, die Stiege hinab, schlich den Gang hinaus ins Freie und ging, mit pochenden Schläfen und zusammengebissenen Zähnen, glühend vor Ungeduld, einige Straßen auf und ab. Endlich zog es mich wieder vor das Haus. ich wollte noch nicht hinein; ich fühlte, ich wußte, sie würde den Mann entfernen, es müßte gelingen, gleich würde ich zu ihr können. Die Gasse war eng; auf der anderen Seite war kein Haus, sondern die Mauer eines Klostergartens: an der drückte ich mich hin und suchte von gegenüber das Fenster zu erraten. Da loderte in einem, das offen stand, im oberen Stockwerk, ein Schein auf und sank wieder ab, wie von einer Flamme. Nun glaubte ich alles vor mir zu sehen: sie hatte ein großes Scheit in den Kamin geworfen wie damals, wie damals stand sie jetzt mitten im Zimmer, die Glieder funkelnd von der Flamme, oder saß auf dem Bette und horchte und wartete. Von der Tür würde ich sie sehen und den Schatten ihres Nackens, ihrer Schultern, den die durchsichtige Stelle an der Wand hob und senkte. Schon war ich im Gang, schon auf der Treppe; nun war auch die Tür nicht mehr verschlossen: angelehnt, ließ sie auch seitwärts den schwankenden Schein durch. Schon streckte ich die Hand nach der Klinke aus, da glaubte ich drinnen Schritte und Stimmen von mehreren zu hören. Ich wollte es aber nicht glauben: ich nahm es für das Arbeiten meines Blutes in den Schläfen, am Halse, und für das Lodern des Feuers drinnen. Auch damals hatte es laut gelodert. Nun hatte ich die Klinke gefaßt, da mußte ich begreifen, daß Menschen drinnen waren, mehrere Menschen. Aber nun war es mir gleich: denn ich fühlte, ich wußte, sie war auch drinnen, und sobald ich die Türe aufstieß, konnte ich sie sehen, sie ergreifen, und, wäre es auch aus den Händen anderer, mit einem Arm sie an mich reißen, müßte ich gleich den Raum für sie und mich mit meinem Degen, mit meinem Dolch aus einem Gewühl schreiender Menschen herausschneiden! Das einzige, was mir ganz unerträglich schien, war, noch länger zu warten.

Ich stieß die Tür auf und sah:

In der Mitte des leeren Zimmers ein paar Leute, welche Bettstroh verbrannten, und bei der Flamme, die das ganze Zimmer erleuchtete, abgekratzte Wände, deren Schutt auf dem Boden lag, und an einer Wand einen Tisch, auf dem zwei nackte Körper ausgestreckt lagen, der eine sehr groß, mit zugedecktem Kopf, der andere kleiner, gerade an der Wand hingestreckt, und daneben der schwarze Schatten feiner Formen, der emporspielte und wieder sank.

Ich taumelte die Stiege hinab und stieß vor dem Haus auf zwei Totengräber: der eine hielt mir seine kleine Laterne ins Gesicht und fragte mich, was ich suche? Der andere schob seinen ächzenden, knirschenden Karren gegen die Haustür. Ich zog den Degen, um sie mir vom Leibe zu halten, und kam nach Hause. Ich trank sogleich drei oder vier große Gläser schweren Weins und trat, nachdem ich mich ausgeruht hatte, den anderen Tag die Reise nach Lothringen an.

Alle Mühe, die ich mir nach meiner Rückkunft gegeben, irgend etwas von dieser Frau zu erfahren, war vergeblich. Ich ging sogar nach dem Laden mit den zwei Engeln; allein die Leute, die ihn jetzt inne hatten, wußten nicht, wer vor ihnen darin gesessen hatte.

M. de Bassompierre, journal de ma vie, Köln 1663. 

Goethe, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.


*Bild: Francois Boucher, Hercules and Omfala 1735.

Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad. Aber die kantig verpackte, auf Höfen aus Eutern gesuckte, weiße, ich weiß: von Kühen für Kälber den dauerverdauten, im Wind weh’nden Gräsern entschnaubte, geraubte, verrührte, maschinell Molkerei’n zugeführte, von Lastwag’n in Supermärkte chauffierte Flüssigkeit reichte bei weitem nicht aus, um damit meine Wanne voll zu machen. Ich holte Sahne   und Schmand aus der Küche und schüttete sie auf die neunzehn Liter drauf, die Melchior, der Schrank, noch hergegeben hatte. Wie’s aussah würde ich mehr Milch kaufen geh’n müssen. Nur wo?! Die Geschäfte hatten alle schon zu. Zur Tankstelle also? Im Grunde konnte ich’s mir ja leisten. Hatte ich doch Monate mit dem Weißeln von Wänden verbracht und Geld wie Heu. Ich zog also los.

Bevor ich aufbrach, präparierte ich aber noch ein Stirnband.

Meine Freundin Karen hatte vor vier Monaten mit mir Schluss gemacht und beim Auszug alles mitgenommen: den Sandwichmaker, das Hochbett, den Vorgänger Melchiors … Alles außer einer etwa vierzehn Zentimeter langen Messingschraube, mit der das Hochbett an der Wand befestigt gewesen war und mit der ich nun das Stirnband derart durchbohrte und mit Isolierband umwickelte, dass dort, wo vorher harmlos »Nike« gestanden hatte, nun ein Horn stand. Ich zog es mir auf und den Parka an und hinaus ging’s.

O und draußen, da … blühten die Linden! Nirgends lag mehr Schnee auf den Dächern der Autos, die leer, unanhebbar schwer, lautlos im Licht der Laternen, längs des Bürgersteigs, der mich hinantrug, matt schimmerten – es war Sommer geworden. Auf Armaturen lagen zärtlich per Einriss beschädigte Karten zu Reggaekonzerten, auf Beifahrersitzen Bikinis, Bermudashorts, Schnorchel, Pappteller voller Marmorkuchenkrümel, zerknautschte Zigaretten schachteln, auf Rücksitzen luftleere Luftmatratzen und bierleere Flaschen, gläsern vertrunkene Limo und Apfelsaftschorlen, sommerwiesig, zumzerfieselnstundenzeithabig etikettiert.

Gerührt und traurig, dass das Fest schon verrauscht schien, starrte ich in die sonst so rasenden Reliquienschreine, diese schneewittchenen, gläsernen Särge, in denen ein Mensch gewordener Sommer lag. Wäre ich ein Prinz gewesen, ich hätte ihn wachgeküsst. Ich hätte eine Scheibe eingeschlagen und eines der Autos geklaut. Wäre ich ein Dieb gewesen, wäre ich weggefahren, noch tiefer in den Süden hinein, in den Palmenwald menorcanischer Gefühle, der sich mir inwendig auftat. Ich lauschte der Gischt des Fernverkehrs, sah »den See« über den Dächern, diesen Kristall des Vorschwebens vom Schleifband himmelwärts gewundener Straßen geschliffener werden. Wie traurig, wie schön, wie erinnerlich und verrinnend doch dieser Abend war, und arglos, und wie er sich ganz leise schnaubend nüsternstupsig mitten in der Stadt gebärdete! (Der wippende Haselzweig, den ich meine.)

Die Tankstelle war ein schon von weitem zu spürendes Glimmen von kleinen Stängeln, ein Pulsen des Safts in den Schläuchen, ein Sich-Umdreh’n von Bäuchen, ein Kotzen von Schlangen in Tanks rein, ein in Gesichter geschriebenes Bangen, das Geld möge reichen, Verfluchung von Scheichen, Herumsteh’n an Teichen, in denen kein Fisch schwamm. Ein zarter Wind lag mir mit strotzendem Benzingeruch in der Nase. Ich musste niesen. Schon von weitem sah ich, in Blazern und schreienden Hemden, die hinter ihre beat-wummernden, türenschlagenden Schlitten geduckten, einander mit Zapfcolts bedroh’nden, Stutzen in seitliche, lackfarbumgrellte Löcher rammenden Kerle her- umulkend um die Wette tanken. Vielleicht war es auch nur das Nacheinander rauchend volltankender Spaßpistoleros, aber die Sprache hier, der Erinnerung, ordnet mir alles zu gleißender Gleichzeitigkeit, Assonanz, und ich will sie gewähren lassen, will sie hier, im selben Satz noch, mich, den Spruch »Da geht das letzte Einhorn!« im Rücken, durch eine sanft sich aufschiebende Doppelglastür eintreten lassen lassen, ins Grelle.

Es ist wie immer. Ist wie mit Waren, die aber sehr wohl sind, hart und grell beworfen zu werden. Hart und grell und hagelnd. Eine Steinigung oder Kirschkernkissenschlacht der viel’n gegen einen, der klein ist, nein schlaksig. Der schlaksige Kerl, der hereinkommt, hält sich die Arme vors Gesicht, um sich vor den aus allen Richtungen auf ihn zufliegenden Chipstüten, Zigarettenschachteln, Redbulldosen, Busenbroschüren, Schokoriegeln, Weinflaschen, Sektflaschen, Bierflaschen, Kaugummipackungen, Magazinen, Gummibärchentüten, Blicken, Bierdosen, Boilern, Bachblütenbonbonbehältern zu schützen. Er heißt schlichtweg »Hannes«. Er geht nun auf die Verkäuferin zu. Alles, was er von ihr will, ist ein Lächeln und einen Kuss vielleicht. Und sie, die Schwarzhaarige, Geschminkte, von Beginn an Abwinkende, malt ihm mit einem Kugelschreiber (der kein Lippenstift ist) einen Strichcode auf die Stirn, setzt ihm ihre Infrarotpistole auf diese Brust vor seinem Hirn, das ein Herz ist, drückt ab. Es piepst lakonisch. Hannes erfährt, dass er gerade mal 95 Cent wert ist, und geht vor den Augen der Verkäuferin, die, ein Namensschild verrät es gerade noch, »Carmen« heißt, ein. Unter, der Boden verschluckt ihn.

Da stand ich also, in der Tankstelle, im Attackenbunt, und dachte dunkel an meine Wohnung. Wie verlassen sie jetzt schien. Wie fern und leer und möbliert nur mit Melchior und einem einzigen Stuhl. Und wie sehr auf diesem Stuhl mein Wohnungsschlüssel lag und wie die drei sich ganz tonlos zuraunten, wo ich denn bliebe. Gerührt von diesem Wissen begann ich, mich ein wenig umzutun in dem Shop, der der der Tankstelle war. Ich blätterte zwei, drei der Hefte. Recht reißfest war’n Tüten mit Chips drin. Ich roch am Rund einer Pringlesdose und Dosen von Fett und Hydraten und Inhaltsstoffe studierte ich aufheul’nd. Prüfte Scheibenwischer auf ihre Intaktheit. Probierte einen Hupfball aus – bis der zu den Milky Ways fiel, ins Regal unterm Tresen. Da wusste ich plötzlich wieder, weshalb ich ja hier war. Ich wollte Milch!

O sie hatten Milch! Zwar nicht meine Lieblingsmarke, aber immerhin siebzehn Liter. – Aus dem stark, zu stark!, kühlenden Tankstellenkühlschrank, doch ich sah mich schon, diese Not zu einer Tugend verarbeitend, in der Küche stehen und köchelnde Milch zu herrlichem Badeschaum boxen … Ich bat einen Mann mit Muskeln, der in einer mit Redbulldosen gefüllten, durchsichtigen Halbkugel wühlte, mir, wie ich mich ausdrückte, »mal eben sehr plötzlich einen Gefallen zu tun«. Er sah mir zuerst in die Augen. Dann auf mein Stirnhorn. Dann auf die Schuhe. Dann ins Gesicht. Dann auf dessen Ausdruck und sagte dann »Oh…« und dann »käj…«. Ich führte ihn hin (zum Kühlschrank) und erklärte ihm, was und wie. Ich hielt meine Arme so, dass er in die Kehlen meiner Ellenbogen – wie Holzscheite – die Milchpackungen legen konnte, nahm aber vorher noch meine EC-Karte zwischen die Zähne. Er lud und lud. Sein Goldkettchen rutschte ihm am Stiernacken auf und ab, und er kam richtig ins Schwitzen.

Ab und zu trat ich ihm leicht mit meinen federnden Schuhspitzen gegens Schienbein, um ihn anzutreiben, rammte ihm ein Knie in die Magengegend, um ihn zu animieren, schneller zu stapeln, verpasste ihm, was ich, befrachtet, wie ich schon war, nicht konnte und deshalb unterließ, »a G’nackwoatsch’n«, damit es voranging. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis wir fertig waren. Als er sich, mit mir zugewandtem Gesicht, rückwärtsgehend, von mir entfernte, kam es mir so vor, als kennten wir uns schon seit Stunden. Ich entließ ihn mit einer Art würdevollem Nicken.

Caro, so hieß die Verkäuferin diesmal, hatte uns bei der Arbeit zugeschaut. Wir mussten das Bild zweier Holz zu holen sich bei einer Berghütteneinkehr erbietender Pfadfinder abgegeben haben. So etwas: männliche Sorge um ein Feuer, Holz holen, Holz hacken, Holz gekonnt in den Flammen positionieren, zieht immer gut bei den wollüstig frösteln- den, die Knie bibbernd aneinander pressenden, antörnend unsexy in schlotternde Wollpullover gekleideten Frauen, die sehnsüchtig in die Glut starren und leise, zu scheu zum Singen, zu angetan, um still zu sein, vor sich hin summen. Ich meinte, als ich mich anstellte, auf Caros sich aufhellendem Gesicht den flackernden Widerschein von Flammen und von fernem Sternenlicht erkennen zu können.

Zwei Longpapers-Käufer kamen noch vor mir dran. Dann griff sich Caro eine der Packungen von meinem wackeligen Berg. Sie ließ es piepsen, zählte durch und gab dann den Algorithmus mal siebzehn ein. Als sie mir die Summe, horrend war sie, nannte, hob ich die Brauen, um mich zu beschweren (wobei mir beinah das Stirnband hochgerutscht wäre!), und reckte dann meinen Hals mit dem Kopf, in dessen Mund die Karte steckte, in ihre Richtung.

Caro nahm mir die Karte mit spitzen Fingern ab, was mir die Möglichkeit, »Danke« zu sagen verschaffte, und steckte sie in den Schlitz des Apparats. »Geheimzahl bitte und zweimal bestätigen«, sagte Caro. Ich zog die  Milch fester an mich und beugte mich vor. Mein Horn sauste auf die kleinen, leise aufpiepsenden Tasten nieder. Ein Bon wurde gedruckt. Ihn und die Karte im Mund, verließ ich die Tankstelle.

Mit meiner weißen Fracht galoppierte ich durch die Nacht.


*Aus: “Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe” by Jan Snela © 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart.

1

Du hast mir den Siegelring von deinem Nazigroßvater mit der Bitte in die Hand gedrückt, ihn ins Meer zu werfen. Oder in irgendein Wasser. Weil du es nicht konntest. Da hab ich gesagt: Das mach ich nicht, ist ja nicht mein Arschlochverwandter, ich hab selber Leichen im Keller, der is voll, da passen deine nicht auch noch mit rein.

Hab den Ring in meine Gruselkiste zur Plastikspinne und anderen Schlimmigkeiten gelegt und ihn für dich aufbewahrt. Da liegt er heute noch. Ist ein zweiter dazugekommen.

2

Obwohl wir Namen haben, sogar ganz normale, also keine ultradoofen wie Babsi und Horst oder so, benutzen wir sie miteinander nicht. Wir haben Kosedinger. Du sagst Krassiwaja. Ich Libero. Libero, weil ich dich frei denke. Und nicht an Fußball und irgendwelche Verteidigungen, wie du immer behauptest. Ich denke dich italienisch, obwohl du halber Rumäne bist. Italienisch und frei, als Partisane im Gebirge oder so was. Wir brechen manchmal auf dem Grat ein Brot und Käse, ohne das Messer zu benutzen, und schmeißen uns vor den Wolken in Deckung. Hinter uns explodiert’s. Die kriegen uns nicht. In tausend Jahren nicht.

Krassiwaja, wegen, keine Ahnung warum. Weil ich den Kopf im Weltraum hab und die Füße nur gerade eben noch am Boden. Mein Blick immer schwerelos.

Ich wollte Kosmonautin werden und kenne mich mit Fallschirmen aus, da meine Flügel irgendwann unterwegs mal abgebrochen sind. Ich muss damals so zwischen elf und zwölf gewesen sein.

3

Als wir beim Wandern, vom Regen durchnässt, mitten im Wald eine Höhle fanden, es wurde bald dunkel, uns war kalt und die nächste Herberge war noch 15 Kilometer weit weg, schlug ich vor, in dieser Höhle zu übernachten. Und du sagtest: Nein, weil du Angst hattest, einen schlafenden Bären darin zu finden. Da wünschte ich mir, du wärst mutiger, wie ein Krieger, ein Cowboy, ein Indianer, der meine eigene Angst mit Pfeilen zerschossen hätte. So musste ich voran und mit dem Bären kämpfen, bis du zwischen Stalagmiten und Stalaktiten auf matschigem Höhlengrund eingeschlafen bist.

4

Wir bombardieren mit Boulekugeln jeden Freitag im Sommer zwischen siebzehn und zwanzig Uhr dreißig den Park.

5

Wenn wir mit unseren Herrenrädern an Sugar, der schönsten Nutte vom Straßenstrich, vorbeikommen, halten wir mit quietschenden Bremsen an, und fragen sie nach ihrem Hühnerauge. Das hat sie bekommen von den roten Plateaus und es quält sie seit Wochen. Sugar ist wunderschön. Sie heißt eigentlich Satwan und war einmal ein Mann. Heute hat sie eine designte Klitoris von einem Starchirurgen aus Bangkok und macht den besten Blowjob der Stadt. Behauptet sie. Wir glauben ihr und wollen keine Beweise.

6

Ziegeunerjunge, sagte dein siegelringloser Großvater und meinte dich damit. Wir häkeln die schönsten Heldengirlanden um das Foto von deinem Vater, über den keiner spricht. Wir denken uns aus, dass er zur See fährt, seitdem er deine Mutter verlassen hat. Und sich nicht, wie sie behauptet, im Wald an einen Baum gehängt hat. Ein Grab, ein Grab, was ist schon ein Grab. Ein Name auf einem Stein, mehr nicht. Wir trinken auf sein Wohl und deine Wurzeln und schmeißen Gläser an Wände, bis dein Mitbewohner brüllt, dass wir Arschlöcher sind. Dreckshure, sagte dein Naziopa zu seiner eigenen Tochter. Da hast du ausgeholt, gezielt, getroffen und am nächsten Tag das Dorf verlassen. Dafür habe ich dir im Nachhinein eine Ehrenurkunde gebastelt und einen Freischwimmer auf dein rotes T-Shirt gestickt.

7

Gleich am ersten Tag hatte ich dir gesagt, du sollst dich nicht in mich verlieben. Und als du’s doch getan hast, hab ich dir eine Ohrfeige verpasst.

8

Wir hatten ausgerechnet, dass es mit deiner Vespa 21,3 Tage dauert bis zum Schwarzen Meer. Wenn wir langsam fahren. Wir haben 43 Tage gebraucht und sind Bauchschläfer geworden. In Ungarn gab es den Streit, und ich wäre fast wieder umgekehrt. Aber dann war Vollmond und Donau, und du kamst mit den Musikern an: Mesečina, Mesečina und da konnte ich nicht mehr und bin dir um den Hals.

9

Mixtape

Seite A (Deine Seite)

Francoise Hardy / »Oh, Oh Cheri« Ernst Busch / »Heimlicher Aufmarsch« Bregović / »Mesečina« und »Edelezi« Jacques Brel / »Ne me quitte pas« Danzig / »Mother«

D. A. D. / »Sleeping my day away«

The The / »Love is stronger than Death«

Deine Zickzack-Choreografie machte mich schwindelig.

Seite B (Meine Seite)

Nouvelle Vague / »This is not a Lovesong« Kim Wilde / »Cambodia«

Dead Kennedys / »Holiday in Cambodia«

Lard / »They’re coming to take me away (haha)« Fugazi / »Waiting Room«

Pixies / »Debaser«

The Notwist / »Moron«

Nouvelle Vague / »Too drunk to Fuck«

10

Wann heiratet ihr endlich?

Fragen die einen.

Warum seid ihr eigentlich kein Paar?

Fragen die anderen.

11

Wir tranken eine Flasche Jameson zu zweit und schimpften auf die Welt. Dann setztest du dich ans Schlagzeug, ich griff mir das Mikrofon und sang mit Perücke und Sonnenbrille erst für dich zu deinem Beat und dann in die Videokamera, bis ich mich mit dem Mikrokabel verhedderte und samt Kamera auf dem Boden landete, wo ich aus dem Lachen nicht mehr herausfand. Als ich am nächsten Morgen die Aufnahmen ansah, bemerkte ich, dass wir uns geküsst hatten, bevor ich eingeschlafen war und bevor du auf Stop gedrückt hattest.

12

Telefonat:

Ring. Ring. Ring. Ring. Ring. Ring.

Du, völlig knatschig:

»Ja?«

Ich:

»Ich bins.«

»Mmm.«

»Liegst du noch im Bett?«

5 Sekunden später du wieder:

»Scheiße. Wie spät?«

»Sag nicht, dass du noch im Bett liegst.«

»Warum nicht?«

»Weil es verdammt noch mal halb vier nachmittags ist. Darum.«

»Fuck. Echt?«

»Ja.«

»Oh. Shit.«

Zigarettenanzündgeräusche von dir.

»Termin verpennt?«

»Jep.«

»Was Wichtiges?«

»Jep.«

»Wann bist du denn heut Nacht eigentlich abgehaun?«

»Weiß nich, irgendwann heut Morgen.«

Du rauchst, ich hör dir zu, dann ich:

»Kann ich mir dein Fahrrad leihen? Meins ist geklaut.«

»Komm vorbei.«

»Wir haben uns geküsst gestern.«

»Jep.«

»War es gut? Ich kann mich nämlich nicht erinnern.«

»Du warst spitze, Baby.«

»Arschloch.«

»Bis gleich.«

13

Mein Geburtstag ist immer im Winter. Jedes Jahr. Das find ich nicht gut. Weil ich mir stets ein großes Fest mit allen Freunden im Park wünsche oder an einem See mit Feuer und draußen schlafen und allem. Letztes Jahr im Sommer hast du bei mir geklingelt, mich zum Baden überredet und mich auf die Vespa geschnallt. Vom Parkplatz bis zum Ufer hattest du mich über deiner Schulter und ich sang ein Kinderlied. Als dann da eine Festtafel am See stand, an der unsere Freunde saßen und alle Happy Birthday für mich sagen, wusste ich, dass du verrückt bist, und bin weggerannt. Was für ein Glück, dass du schneller bist als ich.

14

Wir streiten nur an unserer Streitmaschine, einer alten Olympia, und die Regeln gehen so:

Immer nur eine Person zur selben Zeit an der Tastatur. Es darf nur geschrieben und nicht gesprochen werden. Immer nur ein Satz, dann ist wieder der andere dran.

Die Streitprotokolle werden in Ordnern abgeheftet, die mit Jahreszahlen versehen sind.

15

»Hände hoch!«, rief ich, als ich das Café überfallen habe, in dem du hinterm Tresen gearbeitet hast. Meine Agentenwasserpistole streng auf dich gerichtet. Du sahst deinen Chef an, der längst alle Finger in der Luft hatte, dann hast du gegrinst, das Handtuch hingelegt und langsam, verflucht langsam deine Hände in die Höhe gestreckt. »Das ist eine Entführung!«, sagte ich zu deinem Chef und zwinkerte ihm zu, fing deinen wirren Blick, drückte ab, traf deine Stirn und befahl dir, hinterm Tresen vorzukommen. Draußen verband ich dir die Augen, setzte dir einen Walkman auf und drehte dich vorm Café ein paar Mal im Kreis, damit du die Orientierung verlierst. Ich entführte dich im Zickzack zum Bahnhof und mit dem Zug dann ans Meer, wo wir am Abend ankamen.

16

Weihnachten mit deiner Mutter. Dein Opa war schon unter der Erde und deine Mutter einsam, also luden wir sie ein, mit uns zu feiern. Heiligabend bei dir mit Gans und Rotkohl und Knödeln und Tanne und Wein und Singen. Erster Weihnachtstag bei mir auf der Couch mit Resten vom Vortag, Keksen und Der Pate I– III. Am nächsten Tag hab ich euch gelassen und mich alleine einsam gefühlt.

17

Halb erfroren standen wir auf der Brücke über den S-Bahn-Gleisen. Deine alte Anglerausrüstung in den Händen. Jeder eine Angel. Der Himmel war längst wieder abgekühlt vom großen Geballer, da haben wir Raketen in leere Flaschen gesteckt und unsere Anglersehnen an das hölzerne Ende der Flugkörper befestigt. Commencing countdown, engines on. Synchron hielten wir die Feuerzeuge an die Lunten. Rasch die Angeln in die Hände. Drei. Zwei. Eins. Fauchend sausten die Raketen, von Sehnen gebändigt, mühsam in den Himmel und explodierten über unseren Köpfen. Wir haben Raketen geangelt. Das war letztes Silvester.

18

Die Warum-ich-nicht-mit-Dir-zusammen-sein-kann Top 10:

  1. Du besitzt nur ein einziges Buch
  2. Das Buch trägt den Titel »Excel for Dummies«
  3. Du trinkst immer
  4. Du riechst nach meinem Vater
  5. Du hast keine Ziele
  6. Alle deine Socken haben Löcher
  7. Immer lässt du Verschlüsse offen
  8. Du gehst nicht wählen
  9. Deine Küsse schmecken nach Asche
  10. Du wirst mich verlassen

19

Gestern hat deine Mutter angerufen. Aus dem Krankenhaus. Mit deinem Handy. Ich dachte, du seiest es und habe mich mit Wo bleibst du denn, Idiot? gemeldet, woraufhin deine Mutter anfing zu weinen.

Sie sagte, sie habe einen Brief für mich und dass du im Krankenhaus seist mit ausgepumptem Magen, auf der Intensivstation, und dass dein Mitbewohner dich gefunden habe. Da wusste ich, warum du am Morgen nicht zum verabredeten Treffpunkt gekommen warst und bin hin zu dir.

20

Tausend Schläuche in deinem Körper. Monitore. Piepen. Hydraulisches. Du im Koma. Der diensthabende Chefarzt hat mir gesagt, dass du dich mit Tabletten vergiftet habest. Deine Atmung habe ausgesetzt, dein Gehirn sei mehrere Minuten ohne Sauerstoff gewesen, weshalb du jetzt im Koma liegen, künstlich beatmet und künstlich ernährt werden würdest. Ob du je wieder normal werden würdest, sei die Frage. Die Wahrscheinlichkeit gering. Er gab mir folgende Aufgaben:

Das soll bewirken, so der Chefarzt, dass du dich für das Leben entscheidest und vielleicht zurückkehrst, wenn auch nicht so wie früher, aber es könne durchaus sein, dass du nach intensiver Reha, wenn auch mit geistiger Behinderung und im Rollstuhl, doch noch einige schöne Jahre erleben könntest. Ich habe deine Hand und deinen Arm gestreichelt. An den Stellen, wo ich an die Haut rankam, zwischen den Kanülen und Verbänden. Ich habe dir Erinnerungen aufgetischt, mit ruhigem Tonfall, habe dir vorgesungen, dir ein Märchen erfunden und dich dann etwa eine Stunde lang beschimpft. Den ungelesenen Brief habe ich mit nach Hause genommen.

21

Dein Abschiedsbrief:

Krassiwaja, es tut mir leid. Libero

22

Du feiges Arschloch. Es reicht jetzt.

23

Heute ist Freitag.

Wer bombardiert mit mir heute den Park? Und nächste Woche?

Und danach?

Ich kenne mittlerweile die Namen aller Schwestern.

24

Ich weiß jetzt, was das Puppenkopf-Phänomen ist. Und wo ein Stammhirn liegt. Du bist nicht zurückgekehrt. Deine Mutter wollte ein Grab in der Nähe. Ich hab gesagt: Seebestattung, der gehört ins Meer! und ihr wars dann egal. Dein Herz hat man verpflanzt, weil du so einen Ausweis hattest. Den Gedanken ertrag ich kaum: Dass da jetzt einer rumläuft mit einem Liberoherz.

25

Die Seebestattung war fürn Po. Gemeinsam hätten wir uns schlapp gelacht über deine kotzende Mutter und den leiernden Pastor an Bord. Aber ich stand alleine da und dachte, wie banal alles ist. Mir war elend, weil ich meinte, irgendetwas Feierliches müsste geschehen. Plumps machte die Urne und mein Mund wurde schief.

Fühle mich amputiert. Könntest du nicht sein wie Jesus und bald wieder auferstehen? An einem Freitag, ja, ich fänd das nur anständig.

26

Zeit ist ein Kaugummi, aus dem der Geschmack entwichen ist.

27

Ich habe alles verkauft, auch das Schlagzeug, verzeih. Deine Vespa läuft tadellos, die nehme ich mit. Deine Handschuhe liegen noch immer unterm Sitz. Morgen kommt der Umzugs- wagen. Alle fragen: Warum Flensburg? Ich zucke mit den Schultern und schweige.

28

Sie heißt Simone Michalski. Es war nicht einfach, das rauszufinden.

Meine Wohnung ist im selben Viertel. Sie geht regelmäßig in einem Bioladen einkaufen. Schnall dich an: Ab nächsten Ersten fang ich da an, als Verkäuferin. Halbtags.

29

Ich gehe jeden Tag am Meer spazieren. Man kann Dänemark sehen. Manchmal fahre ich mit der Vespa rüber, kaufe salzige Lakritze und esse einen Hot Dog mit einer pinkfarbenen Wurst innen drin. Du würdest Røde Pølser lieben. An deinem Todestag habe ich nachts ein Licht aufs Wasser gesetzt und das Meer angebrüllt.

30

Ich sehe sie an und suche nach einer Spur. Einem Funken. Das Schlimme ist: Du würdest Simone nicht mögen, da bin ich mir sicher. Seit ein paar Monaten treffen wir uns einmal die Woche. Sie ist eine miserable Boulespielerin. Schach kann sie auch nicht. Sie macht seit neuestem Nordic Walking mit Stöcken und allem. Ein Wunder eigentlich, dass es zu keiner Abstoßreaktion kam.

31

Ich sitze an der Streitmaschine und breche alle Regeln.


*Copyright © Carl Hanser Verlag München 2014.

…und fand sie schlafend vor Traurigkeit. Die ersten Worte morgens, der angestrichene Satz in dem Band mit Lesebändchen, einem Geschenk von Marie, und die Sonne geht auf hinter den Kastanien der Fontane-Promenade, wo noch kein Mensch zu sehen ist, kein Hund, nur eine Elster, die über den Sandweg hüpft, ihrem langen Schatten voraus. Die Uhr im Schuh neben dem Bett, der kleine Wecker aus Peru, ist stehengeblieben; dem Licht nach hatte er in einer Stunde geklingelt.

Krähen, riesige Schwarme in wechselnden Formationen, fliegen über das Haus zum Park, jeden Morgen zur Hasenheide. Die Räume hell, das Wasser fast warm, und die Zahncreme, mentholfrei, fällt nach einer kurzen Bewegung mit der Bürste aus dem Mund – ein Moment, in dem man die Augen schließt, durchatmet und noch einmal beginnt mit dem Tag, den man gestern schon überstanden glaubte.

Und fand sie schlafend. Ein Schluck Tee am Küchentisch, das Radio, zwei Minuten Nachrichten, noch heißer soll es werden in diesem Rekordsommer; die Linden an der Blücherstraße sehen staubig aus, der Kunstrasen auf dem Sportplatz wirft Wellen, und was er ausdünstet in der Tagesglut, wer möchte es wissen.

Nie ein Tier darauf, kein Vogel, keine der vielen im Buschwerk sich tummelnden Ratten.

Die Schuhe putzen, den kleinen Rucksack packen, Brieftasche, Schlüssel. Trotz der wenigen Stunden Schlaf keine Benommenheit, kein überflüssiger Handgriff, alles, sogar das Zuknöpfen des blauen, noch von Marie gebügelten Hemdes grundiert von einem Ernst, den er bisher nicht gekannt hat an sich. Er schließt ab, geht über den Flur und öffnet ihre Wohnung, zwei Zimmer, zum Hinterhof hinaus. Sie ist kleiner als seine, aufgeräumter, liegt ganz im Schatten einer Birke, und Raul betritt den Schlafraum und nimmt die Ikone von der Wand, die heilige Anna, kaum größer als eine Kreditkarte. Auch das weiße Taschentuch, in das er sie wickelt, ist gebügelt.

Bis zum Prinzenbad sind es acht Minuten; kaum Verkehr um diese Zeit, wenige Räder an der Mauer, die Kasse noch geschlossen. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen warten vor dem Gitter, das dicke Rentnerpaar ganz vorn. Mit Kühltaschen, Zeitungen und einem kleinen Radio ausgestattet, bleiben die beiden stets bis zur Schließung des Bades um zwanzig Uhr auf der Terrasse der Cafeteria, essen und trinken unentwegt, lösen ein Kreuzworträtsel nach dem anderen und gehen nie, auch bei größter Hitze nicht, ins Wasser. Die anderen sind durchtrainierte, in Terminplanern blätternde Menschen, fast jeden Tag dieselben, die von sieben bis kurz vor acht ihre Bahnen schwimmen und dann auch schon wieder davonsausen auf Fahrrädern und Bikes mit mehr als zwanzig Gängen und elektronischen Schlössern.

Als das Gitter zur Seite schwingt, zücken alle ihre Monatskarten; einige Männer knöpfen sich bereits die Hemden auf, während sie zu den Kabinen gehen, und auch Raul wirft seinen Rucksack voraus in den offenen Schrank, Nummer dreiundfünfzig, wie immer. Badehose, Chlorbrille, Armband mit Schlüssel, und nach einer raschen Dusche, kalt, die erste Enttäuschung. Das Sportbecken ist geschlossen, Reinigungsarbeiten. Die anderen gehen murrend weiter, zu dem zweiten, unter Akazien gelegenen Pool, beheizt und tagsüber brodelnd voll, ein Kreischen, das man weithin hört. Das Wasser dort ist berüchtigt; Haare, Kaugummis, faulendes Laub und Heftpflaster mit trübroten Flecken schaukeln auf der Oberflache. Die Schwimmer nennen es Eintopf.

Er bleibt stehen. Der Arbeiter im grauen Kittel, der das verchromte, mit einer Pumpe verbundene Gerat über den Boden des Sportbeckens zieht, runzelt kurz die Brauen, blickt aber nicht auf. Er geht Kachelreihe für Kachelreihe vor, hat nur noch drei zu reinigen, und Raul setzt sich auf die Kante der Sonnenterrasse, macht Atemübungen und starrt auf die glänzende Fläche, das Bild der Pappeln im zitternden Blau.

Den Tag und alle Möglichkeiten der Zerstörung, die er birgt, mit einem Sprung in diesen Spiegel zu beginnen, zu versöhnen, ist das einzig Richtige jetzt. Dahinter liegt das Ende der Angst: eine Glastür, ein langer Flur, Gezwitscher im Park voller Frauen in neuen Morgenmänteln, jungen Frauen, die kleine, schubbernde Schritte machen in ihren Thrombosestrümpfen und sich den Bauch halten. Es ist genug. Dahinter liegen die letzten Tränen, ein kurzer Schmerz, nach dem alles besser wird, glauben Sie uns, warum sind Sie nicht früher gekommen. Doch Marie, eine dicke Nadel im Arm, Eigenblutspende, Infektionsgefahr, Marie lacht ihr helles, fast zwölf Jahre jüngeres Lachen und zeigt ihm das Geschenk der Nachbarin, die am Vortag entlassen wurde, Totalausräumung, und die noch einmal durch den großen Klinikpark zurückgekommen war und ihr den Klee gebracht hatte, vierblattrig, vorm Tor entdeckt.

Abwehrkräfte, Antikörper, zweitausend Meter jeden Tag. Und wer sind Sie? Ein Begleiter, der immer da ist, bei jeder Untersuchung, jeder Ultraschallaufnahme, der ihr die Kontaktflüssigkeit vom Bauch wischt und sogar den Blutdruck mißt. Die Ärzte werden vorsichtig und weniger salopp, die Schwestern lächeln etwas langer, und der Anästhesist setzt sich noch einmal, als er das Wort Spinalparalyse hört. Sind Sie ein Kollege?

Weiße Wolken vor dem Fenster, ein paar Schmetterlinge, und er legt den Füllhalter auf das Bett und zeigt auf die gepunkteten Linien. Doch Marie will nicht mehr wissen, was sie unterschreibt, Marie ist müde, löffelt ihre Suppe, schluckt die Tablette, betrachtet die Rosen. Bis morgen, mein Herz. Kommst du früh? Die Schwestern in ihrem Glasverschlag winken ihm zu, und er winkt zurück mit den Formularen, nimmt den Aufzug und steckt sie in den Kasten der Verwaltung, auch das, in dem sich die Patientin im Fall des Todes mit der Sektion ihres Körpers einverstanden erklärt. Und das er ihr nicht vorgelegt hat.

Der Mann im Kittel zieht das verchromte Gerat aus dem Becken, macht einen Schritt zur Seite und beginnt die nächste Kachelreihe zu säubern. Kaum je krank, nie im Leben eine Operation, und Raul mit all dem nutzlosen Wissen, dem Rohstoff seiner Angst, er hat Menschen an viel simpleren Eingriffen sterben sehen – eine winzige Anomalie, Gewebeschwache, der Tubus scheuert an der Halsschlagader, und plötzlich Blut, in hohem Bogen, und keiner der vielen Ärzte holt ihn zurück, den durchtrainierten Abiturienten, dem man nur den Blinddarm entfernt hatte und dessen klaffender Kehle nun ein langer letzter, nahezu wütender Laut entfahrt…

Wer sagts dem Chef? Und wie viele Krankenzimmer hat er betreten, die wie dieses waren, hell, freundlich, Noldes Mohn, wie viele Haarhauben hat er den Patienten gereicht: Hallo, nun wollen wir mal, müssen Sie noch zur Toilette? Und dann braucht Marie lange, verzweifelt lange, wie ihm scheint; die Stationsschwester blickt auf die Uhr, die Schülerin gähnt und träumt aus dem Fenster hinaus, flirrendes Laub, und er nimmt das Krankenblatt und liest die Blutdruckwerte, die er längst auswendig kennt. Schließlich kommt sie, zieht die Tür hinter sich zu und betrachtet ihre Hand, die Einstiche auf dem Rücken. Öffnet die Tür noch einmal, langt in den Raum und löscht das Licht. Hab ich dir schon die Rasur gezeigt? Echt Punk. Und die Schülerin lacht und hilft ihr ins Bett.

Raul nimmt der Schwester die Haarhaube ab, auch das macht er selbst, schiebt die roten Locken unter den Gummisaum und löst, ein Tritt, die Rädersperre.

Schick siehst du aus. Doch Marie fühlt, daß er am liebsten losheulen würde, natürlich fühlt sie das und streichelt seinen Arm. Es wird gut, glaub mir, sie haben gestern noch eine Spiegelung gemacht, sogar der Professor war dabei. Alles im grünen Bereich. Wirst du dasein, wenn ich aufwache? Bist du da?

Das Rattern der Rader auf der Schwelle des Lifts, und noch aus dem Stahlschacht heraus ein Winken und Zwinkern ohne jede Angst, wie es scheint, die Wirkung der Tablette. Dann schnellt die Tür zu, und er neigt, wie sie, den Kopf zur Seite, ein letzter Blick. Adieu.

Die Zähne zusammengebissen, die Fäuste geballt, betritt er den Aufenthaltsraum, rempelt ohne Absicht ein paar Zeitschriften vom Tisch und stolpert über die Fußmatte auf den Balkon. Am Haus gegenüber eine Kinderzeichnung, Vögel ohne Schnabel, auf dem Dach ein Helikopter, und er reißt eine Handvoll Blüten aus dem Kasten, Geranien, und schleudert sie über die Brüstung.

Wind, ein warmer Hauch, weht sie zurück. Ich bin da. Ohne zu essen oder zu trinken, das ist ein Vorsatz, den er nicht begründen kann und der doch, das fühlt er, richtig ist. Nichts essen, nichts trinken, sich nirgendwo anlehnen, weder am Stuhl noch am Türrahmen oder an der Balkonbrüstung, solange sie operiert wird. Zwei Stunden, drei. Und noch einmal zwei Stunden, die sie im Aufwachraum bleibt, und die freundliche Schwester, eine Polin, stellt ein Tablett neben den kalten Fernseher, Brote und Tee. Raul bedankt sich und rührt nichts an.

Warten. Und immer wieder das Erschrecken, wenn Lifttüren sich öffnen und eine Patientin, soeben operiert, auf die Station geschoben wird, wach oder schlafend in den tiefen Kissen und oft erst nach dem zweiten Blick zu erkennen; die Schatten der Pflanzen auf der getönten Glaswand, die den Raum vom Korridor trennt, gaukeln ihm Maries Konturen vor, und er schließt einmal kurz die Augen, als die Frau ihn fragt: Und du?  Wie lange willst du hier noch sitzen?

Über zwanzig Jahre. Er war eingenickt in dem Lokal nahe der Uni-Klinik, in dem er sich betrunken hatte nach dem Entschluß, das Stethoskop für immer wegzuhängen. Nicht länger mehr Elend und Tod und die Lügen der Hoffnung, nicht länger dieses Rattenrennen in weißen Kitteln, nichts mehr von Ärzten, die über Leichen gehen, um Chefärzte zu werden . . . Er wollte ausruhen, forschen vielleicht, er wollte leben, reisen – und noch einen Drink von dieser Kellnerin. Es war so dunkel in dem Laden, daß man sein Wechselgeld nicht fand, aber ihr Haar brannte in allen Spiegeln. Sie brachte ihm einen Kaffee.

Du bist es also, flüsterte sie, als sie sich zum ersten Mal küßten, nur einen Tag später, in einer Morgenstunde hinter dem Lokal, und schon damals war ihm ihr Gesicht, der Mund, die Brauenbögen und die Linie der Stirn, wie eine Schrift vorgekommen, eine jäh aufleuchtende heilige, in der die Worte geschrieben waren, die ihn für immer erlösen würden.

Zwanzig Jahre. Ein Wimpernschlag. Er hebt die Absperrung, das rot-weiße Band, setzt sich auf den Startblock, und der Arbeiter droht ihm freundlich mit dem Finger, reinigt die letzte Bahn. Und dann ist es Abend, als die Tür aufgleitet und das Bett aus dem Lift geschoben wird; als ihm das Herz plötzlich in der Kehle schlagt und er nach zwei, drei Schritten am Kopfende steht und die Schwester lächelnd Langsam! flüstert. Marie, die wach ist und ihn ansieht, staunend, um Orientierung bemüht, das ganze Gesicht ein stummes Du? Was war denn? – Marie ist so bleich wie nie, die Lippen sind von der Haut kaum zu unterscheiden, und ihre Hand, nach der er greift und die den Druck nicht erwidert, natürlich nicht, die Hand mit der Kanüle auf dem Rücken ist kalt.

Er hilft den Schwestern, das Bett im Raum zu installieren, hängt die Infusionen an den Ständer, befestigt den Drainageschlauch am Nachthemd und den halbvollen Beutel mit einer Nadel am Matratzenrand. Dann packt er die Flaschen mit der Glukose- und der Kochsalzlösung aus, je zwölf, und korrigiert den Tropfenzähler. Die Schwestern bedanken sich und lassen ihn mit Marie allein.

Sie schlaft. In der Mappe mit dem Krankenblatt und den Befunden kein Operationsbericht, und er tastet nach dem Puls, der zwar rast, doch der Blutdruck ist normal. Vorsichtig hebt er die Decke an, der Bauch ist braun von der Desinfektionslösung, der Schnitt nur mit Gaze bedeckt; er liegt knapp über der rasierten Schamhaargrenze, reicht von einem Beckenkamm zum anderen, und Marie, ohne die Augen zu öffnen, fragt leise: Wie sieht es aus?

Wunderbar, sagt er erschrocken, natürlich sagt er das, du brauchst keinen neuen Badeanzug. Sie haben horizontal geschnitten und nur die unteren Hautschichten genaht; die obere ist geklebt. Keine Einstiche. Die Narbe wird fast unsichtbar sein.

Sie räuspert sich, schluckt; noch darf sie nichts trinken. Die Lippen sind rauh. Und weißt du, haucht sie, was sie mir vor der Spiegelung sagten? Was sie entdeckt haben?

Er schweigt, wartet, doch da ist sie schon wieder eingeschlafen; das Schmerzmittel, von dem noch zwei Ampullen auf dem Tisch liegen. Hellrot tropft die Spülflüssigkeit aus dem Schlauch, der in einem Loch neben der Naht steckt, Wasserstoff und Blut, wenig nur, der Tinteneffekt. Die Werte jedenfalls sind okay, auch wenn er den Zeitpunkt der letzten Entnahme nicht lesen kann, der Stempel ist verwischt, und er setzt sich auf den Stuhl neben dem Bett und greift nach ihrer Hand.

Erste Rosen lassen die Köpfe hangen, und trotz des offenen Fensters ist es still; kaum noch Menschen in dem Park, nur aus der Kinderklinik gegenüber das leise Klappern von Geschirr und Besteck, und eine Katze streift langsam über die Wiese, durch den dicken Klee.

Raul betrachtet die Schlafende, ihre helle Stirn, die Sommersprossen unter dem rotgoldenen Haaransatz. Die Nase ist im oberen Teil leicht gebogen, ein Fahrradunfall in der Kindheit, der Schwung der Lippen kommt ihm seit jeher florentinisch vor, und er denkt an die Zeit, die sich auch in dieses Gesicht eingeschrieben hat, das zwar um einiges jünger ist als er – aber um wieviel Liebe erfahrener. Einer Liebe, deren unbeirrbare Sicherheit und Selbstverständlichkeit ihn immer verblüfft und oft beschämt hat; die fast alles hinnahm, jeden Verzicht, jede seiner Launen, seiner Ungerechtigkeiten und Brutalitäten; einer Liebe, die immer weiser war als sie beide und selbst die schwersten Prüfungen überstand. Als er sie nach einer Trennung von fast acht Monaten, in denen sie weder miteinander gesprochen noch korrespondiert hatten, kleinlaut und nicht ganz nüchtern anrief – er stand in einer Hotelbar in Swansea, Wales, und das Pharma-Unternehmen, für das er den Messeaufbau leiten sollte, hatte ihn gefeuert –, sagte sie nur: Das wurde auch Zeit! Viel langer hätte ichs nicht ertragen.

Und jetzt der Schmerz, das trockene Schlucken, die Züge um den Mund vertiefen sich, und er sägt die Ampulle auf, spritzt das Mittel in den Infusionsschlauch. Irgendwo hinter dem Haus geht die Sonne unter, die Fenster gegenüber spiegeln das Licht, ein Reflex davon liegt auf Maries Wangenknochen, der Halsgrube, und hier und da schimmert etwas Flaum, eine feine Spirale neben dem Ohr. Ruhig der Atem, lautlos fast, und nach einem langen Blick in ihr Gesicht, den sie wie immer spürt, denn die Lider zucken, küßt Raul ihre Stirn, die schon nicht mehr so kalt ist, hangt eine neue Infusion an den Ständer und schließt leise die Tür.

In dem Glasverschlag ist niemand, und er betritt das Büro dahinter und fragt die Schwester, die rauchend in Papieren blättert, nach dem Operationsbericht. Die nickt zwar, sieht aber nicht auf. Sie sind weder Ehemann noch Verwandter, stimmts? Dann darf ich Ihnen leider nicht viel sagen. Alles soweit in Ordnung. Ein recht normal verlaufener Eingriff. Außer vielleicht…

Sie schiebt die Mappe ins Regal, und er macht einen Schritt auf sie zu. Außer was!

Die Zigarette riecht nach Menthol. Nun ja, hellhäutige Rothaarige bluten sehr stark bei Operationen, deswegen die Abnahme davor. Aber bei Ihrer Freundin war das anders. Da gabs kaum was zu tupfen, ehrlich gesagt. Muß wohl an der Mondphase liegen . . . Und den Rest soll sie Ihnen selbst erzählen, fügt sie mit herbem Schmunzeln hinzu, und erst jetzt sieht Raul das Schild am Kittel und daß die Frau, die er mit Schwester angesprochen hat, Stationsärztin ist, der Nachtdienst.

Er fährt mit dem Bus nach Kreuzberg zurück, in die Bergmannstraße, wo er im Milagro etwas ißt und zwei Glaser Rotwein trinkt. Obwohl es die schönere Strecke ist, spaziert er auf dem kurzen Weg nach Hause nicht an den Kirchhöfen vorbei. Er legt sich auf Maries Bett und sieht fern. Doch dann wird er müde, alle Glieder tun ihm weh, und er geht über den Flur in seine Wohnung, putzt sich die Zähne, löscht das Licht. Kühler ist es geworden, die alten Dielen knacken. Matt schimmert der Goldschnitt an dem Buch. Kannst du nicht eine Stunde mit mir wachen?

Und kurz vor Mitternacht dann das Klingeln, der Anruf einer Frau, die er schlafbenommen für Marie halt. Er stößt die Leselampe um, verheddert sich in der Schnur. Marie? Dann erkennt er die Stimme der polnischen Schwester: Ich dachte, ich ruf Sie noch rasch an. Eine Revision. Kein Grund zur Sorge, nicht einmal dringend, aber eine Revision. Gleich um neun, als erste Patientin. Was kann ich ihr sagen? Werden Sie dasein?

Er blickt zur Uhr über dem Kassenhaus und stellt sich auf den Startblock. Wenn er nur tausend Meter krault und anschließend ein Taxi nimmt, ist es zu schaffen. Der Mann im Kittel zieht an dem drahtumwickelten Schlauch, rollt ihn um den Motor, und er setzt sich die Chlorbrille auf. Völlig glatt und unberührt liegt die Wasserfläche da und erscheint in ihrer Reglosigkeit fast konvex, so daß Raul, schon vorgeneigt zum Sprung, momentlang nicht weiß, ob der Himmel mit den plötzlich wieder auftauchenden Vogelschwärmen über oder unter ihm ist. Und kaum sieht er das Sauggerat, das Blitzen der verchromten Haube, stößt er sich ab von dem Block und taucht am Ende seines langen Schattens in das Wasser, das nicht kalt ist und nicht warm, nicht klar und nicht trüb, das überhaupt kein Wasser ist in diesem Moment, sondern irgend etwas Gleißendes, so wie der Schrei auf der anderen Seite nichts als die Stille im Herzinnern ist, sternweiter Raum, in dem eine zarte Stimme verklingt.

Das plötzliche Erkennen einer besonderen Frau. Die helle Formulierung eigener Dunkelheiten und der verblüffende Einklang in Dingen, von denen man geglaubt hatte, lebenslang mit ihnen allein bleiben zu müssen. Die Kraft und die Warme in der Nähe eines immer zuversichtlichen und glücksbereiten Menschen und die schöne Trauer auf dem Grund seines Lächelns . . .

Als Raul gegen halb neun auf die Station kommt, steht die Tür zu Maries Zimmer offen. Das Bett ist leer, und ein Mann in einem Overall putzt das Fenster und nickt ihm zu. Pflasterstreifen kleben am Matratzenrand, ein paar Gummihandschuhe und der Plastikbeutel mit der Spülflüssigkeit liegen im Bad. An der Seife ein einzelnes rotes Haar, auf dem Nachttisch das Krankenblatt und jenes Formular, das er ihr zur Unterschrift nicht vorgelegt hat, ein Fragezeichen hinter der gepunkteten Linie, und einen Moment lang – der Mann kippt das Fenster, Passanten spiegeln sich im Glas – glaubt er ihren Umriß zu erkennen auf dem eingedrückten Kissen, den Hauch einer Kontur.


*Aus: Ralf Rothmann, Rehe am Meer. Erzählungen. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006.

Längst war der Tag angebrochen. Die Berge, ihre Gipfel von finsteren Wolken verhangen, glitzerten in kaltem Blau, als wollten sie ankündigen, dass die Pause, die der seit Tagen fallende Schnee in der Nacht eingelegt hatte, nun zu Ende ging. Ein Strauß schwacher Sonnenstrahlen schickte sich an, die Welt anderswo zu wärmen, hier funkelte er eiskalt auf den Eisenbahnschienen, die wie aus dem Nichts kommend in die Ewigkeit zu führen schienen, vertrieb und zerschlug die der Natur innewohnende Unberührtheit.

Ein, zwei Züge, die nachts über die Strecke gefahren waren, hatten den Schnee plattgedrückt und in Eis verwandelt. Der Widerschein des Lichts auf den Schienen erfüllte die Fenster von Eşbers einsamer, trister Dienstunterkunft unweit der vergessenen Kleinstadt in den Bergen, das Stellwärterhäuschen mit seinem Wellblechdach, nur hundert Schritt vom Haus entfernt, lag schon im Schatten einer schweren, düsteren Wolke, die bald darauf vollständig den Himmel bedecken würde.

Eşber schob einen dicken Eichenscheit in den Ofen, der das trübselige Zimmer nur noch kläglicher machte, und verschloss sorgsam die Klappe. Auf den Ofen setzte er die mit eiskaltem Wasser gefüllte Kanne. Die Glut würde den Scheit zum Glühen bringen, das Wasser in der Kanne würde sich erhitzen und wenn Eşber am Abend in den vom Schnee verwehten Fußspuren heimkehrte, als wären sie noch da, würde er sich mit warmem Wasser Gesicht und Hände waschen, anschließend den Rücken an den Wandteppich mit den trinkenden Hirschen lehnen, die abgebrannten Streichhölzer, den Leim und seine Zigarettenschachtel bereitlegen, in der Nacht auf die Geräusche der Wölfe lauschen und am nächsten Tag einen weiteren Tag beginnen, der dem vorherigen aufs Haar glich.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Schienen, die durch tiefe Täler führten, sich an Wildwassern entlang heranwanden und in völlig andere Leben erstreckten, würde er im unruhigen, engen eigenen Kreis weiterleben, als bestünde die ganze Welt allein aus den Dingen, die sein Leben bestimmten, und aus ungeschliffenen, rohen Gefühlen, als läge nichts hinter den schroffen Bergen, die seinen Horizont umstellten.

Bevor er in die gefütterte Lederjacke schlüpfte, die Mütze aufsetzte und Handschuhe überstreifte, riss er das Kalenderblatt ab, las die Gebetszeiten darauf, einen Ausspruch des Propheten über Zwietracht, Namensvorschläge für an diesem Tag geborene Kinder, die Speise des Tages und die kurze Zusammenfassung der Schlacht von Uhud, ohne sich eine einzige Zeile von all dem zu merken. Das Blatt in seiner Hand war kein gewöhnliches Kalenderblatt, es war ein Dokument, das anzeigte, wie viele Tage es noch bis zum Frühling hin waren, das ihm Kraft zum Durchhalten gab, indem es ihn daran erinnerte, dass die Zeit verging. Der Frühling war kein Traum. Auch wenn das Blatt noch mehr Tage bis zum Frühling auswies, als man auf die Schnelle zählen konnte, es war doch der Beweis dafür, dass er existierte.

Auf dem Kalenderblatt stand geschrieben, dass Winter herrschte, schwer und zu lang, um ihn allein damit herumzubringen, schlafen zu gehen und wieder aufzustehen, Linsensuppe zu kochen, abgebrannte Streichhölzer zu sammeln und daraus Häuser zu basteln, im Stellwärterhäuschen zu hocken und um verspäteter Züge willen zu telefonieren, grüne und rote Fähnchen für Züge zu schwenken, die majestätisch das sich endlos ausdehnende Weiß durchschnitten, mit den Lokführern Grüße auszutauschen, sie um Zeitungen zu bitten, Bestellungen für Salz, Zucker, Streichhölzer aufzugeben, abends vor dem Fernsehapparat mit seinem Bildrauschen einzuschlafen, eine große Schüssel mitten ins Zimmer zu stellen und sich darin zu waschen, nach Spiegel und Rasiermesser zu greifen und sich draußen zu rasieren, wenn unvermutet Sonnenstrahlen die Schneewolken durchdrangen, Tee aufzubrühen und zu schlürfen, im Garten Kartoffeln und Kohl zu ziehen, die Hühner zu füttern, Schnee zu schippen, sonntags ins Städtchen zu wandern, um Käse und Bauernbrot zu besorgen, und nur drei, vier Worte am Tag zu reden. Die zermürbenden Winter über all die Jahre machten sein Leben zu einer schweren Krankheit, zum beständigen Schweben am Rande des Todes.

Er zog die Tür hinter sich zu, verriegeln brauchte er nicht, denn ringsum war kein Mensch. Als er die Spuren der Wölfe erblickte, die er nachts ums Haus hatte schleichen hören, lächelte er. Bei Tagesanbruch hatte erneut Schneefall eingesetzt, gegen Morgen aber wieder aufgehört, bevor er die Spuren der Wölfe bedeckte, die halb wahnsinnig an der Tür gekratzt hatten, als sie die drei Hühner witterten, die er im zweiten, als Speicher benutzten Zimmer hielt.

Zum Glück gab es in seinem Leben die Wölfe. Der Kampf gegen die Wölfe, deren Augen er wild blitzen sah, Blut troff ihnen von den gesunden weißen Zähne, wenn sie jagten, war immer mehr zu einem Lebenszweck geworden, zu einem bizarren Spiel, das zweifellos blutig enden würde. Er tastete nach seiner Flinte und dachte an die Brutalität in ihren Augen.

Der größte Trost in der tödlichen Einsamkeit, die an seiner Seele fraß wie ein bösartiges Geschwür und im Laufe der Zeit sein klares, junges Gesicht in rostiges Gelb verwandelt hatte, das, was sein Leben zu einem Spiel machte, war die Beziehung zu den Wölfen. Die Einsamkeit bereitete ihm unerträgliche Kopfschmerzen. Deshalb nahm er Opium, wenn er welches bekommen konnte, gleich einem über einen Abgrund balancierenden Seiltänzer ließ er dann die Wölfe nah an sich heran. Er genoss es, wenn sie ums Haus strichen, wenn sie sein Leben bedrohten, das er vergeblich mit Sinn zu erfüllen versuchte, seit er seine Tage im Stellwärterhäuschen fristete. Die Hühner kreischten vor Furcht, wenn sie das Heulen hörten, mit dem die vor Hunger irren Wölfe die Nacht zerrissen, während sie aus dem Gebirge herbeischnürten. Das erbarmungswürdige Geschrei der Hühner stachelte die Wölfe nur weiter auf und für Eşber war es eine Lust, das Fenster zu öffnen und einem Wolf, der sich ihm auf eine Pfotenweite näherte, ins funkelnde Auge zu schießen. Nach solchen Nächten fand er morgens blutige Spuren im Schnee. Die Natur bescherte ihm jedes Jahr monatelang nur eine einzige Farbe: weiß. Als wäre man blind. Da waren es die Blutspuren, die ein angeschossener Wolf zurückließ, und ihr die Stille zerreißendes Geheul, die ihn daran erinnerten, dass er lebte. Ohne die Wölfe würde er bezweifeln, im stillen Weiß überhaupt noch zu existieren.

In Gedanken bei ihnen ging er zum Stellwärterhäuschen hinüber, da stach ihm plötzlich das dunkle Blau ins Auge, das schon im Schnee zu verschwinden drohte. Dieses Blau ähnelte weder den Blautönen an Frühlingsmorgen, noch jenen, die an Sommerabenden den Himmel überzogen, wenn die Sonne rot versank. Am ehesten erinnerte es wohl noch an das Blau beim ersten Aufflammen eines angerissenen Streichholzes. Er traute seinen Augen kaum. Ihm war, als wäre dieses Blau, das er in der Ferne zwischen den vergessenen Bergen erblickte, ein Geschenk, wie er nie eines bekommen hatte. Er lief zu dem Blau hin, beinahe schon verwischt vom einsetzenden leichten Schneefall, hob es behutsam auf, als nähme er einen Wellensittich in die Hand, und als er damit nicht ins Stellwärterhäuschen sondern nach Hause stapfte, schlug ihm der dunkelblaue Stoff um die Knie und erfüllte ihn mit unbeschreiblicher Freude.

Dann senkte sich die Nacht herab und schritt voran. Finsternis umfing alles wie ein Spiegel, der den Bewohnern, die in kleinen Städtchen und fernen Dörfern in den Bergen vor sich hin lebten, ihre eigenen verhärmten Gesichter vor Augen hielt. Am Morgen hatte er sie auf seinen Armen in sein Haus getragen, sie mit der Wolldecke zugedeckt und dann an ihrer Seite gewacht, ohne sich um die vorbeirauschenden Züge zu kümmern, vor dem Erfrieren gerettet lag Fidan nun in tiefem, ruhigen Schlaf. In der Ferne heulten die Wölfe. Doch Eşber hörte sie nicht, er wartete nur darauf, dass diese Frau mit dem klaren Gesicht, so schön, wie er nie eines gesehen hatte, erwachte.

Unversehens schlug Fidan die Augen auf. Tödliche Angst huschte ihr übers Gesicht. Dann flackerte ihr Blick in einer Mischung aus Entsetzen und Verwunderung hastig durchs Zimmer. Sie sah den Wandteppich mit den Hirschen, den von der Linsensuppe auf dem Ofen aufsteigenden Dampf, den Fernsehapparat, dessen Flüstertöne ihr ans Ohr drangen, das Modellhäuschen aus abgebrannten Streichhölzern darauf und Eşber, der an ihrem Fußende saß und lächelte.

Nichts lag in diesem Lächeln, vor dem man sich hätte fürchten müssen, das einen Fluchtimpuls ausgelöst hätte. Im Gegenteil, es war unschuldig, zerbrechlich und ziemlich schüchtern. Nichts in diesem Lächeln deutete darauf hin, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war, sie fühlte sich seltsam erleichtert und brach in Tränen aus.

Eşber ahnte nicht, dass sie seit Monaten von Furcht gejagt war, er wartete, bis sich der Weinkrampf der jungen Frau legte, dann wisperte er: „Haben Sie doch keine Angst, Fräulein, von mir haben Sie nichts zu befürchten.“ Die Worte beruhigten Fidan, sie hob die rechte Hand zum Wandteppich und berührte die Hirsche. Unter Tränen dachte sie an den Morgen, das Ende der düsteren Monate, die sie durchgemacht hatte.

Sie hatte sich noch gefürchtet, als sie den Zug bestieg, der sie zu diesem sonderbaren Haus in den Bergen führen würde. Doch die Musik der zunächst bedächtig anfahrenden und dann immer schneller werdenden Eisenbahn hatte sie als Botschaft der Rettung gedeutet. Die Familie, die ihr Abteil mit Körben, Plastiktüten und Bündeln vollgestopft hatte und neben dem Ausdruck von Resignation und Verletzung auch eine innere Ruhe auf den Mienen trug, flößte ihr Vertrauen ein. Sie würde weit fahren, weit fort. Am schneebedeckten anderen Ende dieses weitläufigen Landes, würde das Zuhause eines ihrer Geschwister sie aufnehmen, die Angst, die sie seit Monaten am Kragen gepackt hielt, würde in diesem Haus im Nu dahinschmelzen wie ein Stück Eis, das auf den wärmenden Ofen fiel.

So jung sie war, hatte sie eine schmutzige Vergangenheit angehäuft und am Ende der Sackgasse, in die sie sich verrannt hatte, um im Handumdrehen ein glänzendes, prachtvolles Leben zu ergattern, hatte Todesangst auf sie gelauert. In der Nacht hatte sie im Halbschlaf über all das, was sie erlebt hatte, nachgedacht, war hin und wieder entsetzt hochgeschreckt, hatte mitunter zwischen Schlafen und Wachen auch erkannt, dass sie gerettet war und den Schritt in ein sicheres Leben hinein gesetzt hatte. Im Halbschlaf entging ihr aber, dass die vielköpfige Familie, die das Abteil mit Leben erfüllt hatte, ausstieg. So packte sie Entsetzen, als sie sich am Morgen allein in dem stickigen Abteil wiederfand. Wehrlos war sie und zu Tode erschrocken.

Im Gegensatz zu der endlosen Weiße, durch die der Zug fuhr, waren ihre Verfolger dunkel und wirklich. Sie waren von finsterer Art und wild entschlossen, sie den Preis dafür zahlen zu lassen, dass sie sich zu Dingen aufgeschwungen hatte, die eine Nummer zu groß für sie waren. In der Hoffnung, erneut eine Familie zu finden wie die, die ihr Vertrauen eingeflößt hatte, bei ihr Zuflucht zu nehmen und sich damit zumindest ein wenig in Sicherheit zu fühlen, streifte sie durch den Zug. Doch da war nur ein Menge Männer, die mit fleischigen Fingern ihre Schnauzer zwirbelten und sie lüstern anstierten.

Es waren viele. Als ihr klar wurde, dass sie in diesem Zug, der kühn in die vergessenen Teile des Landes vordrang, die gesuchte Sicherheit nicht finden würde, geriet sie in Panik. Sie beschloss, sich in ein Abteil zu setzen, in dem besonders viele dieser Männer hockten, von denen sie hoffte, sie würden sie durch ihre bloße Anwesenheit schützen, auch wenn sie ihr lüsterne Blicke zuwarfen und noch so einschüchternd und erdrückend wirkten.

Und da geschah es dann.

Sie kannte den Mann nicht, dessen funkelnde Pistole ihr ins Auge fiel, hatte ihn nie zuvor gesehen, doch es dauerte nicht lange, bis sie begriff, dass er von einem ihrer Verfolger geschickt war mit dem Auftrag, sich ihr in den Weg zu stellen. Dieser Mann im Kamelhaarmantel, der sich ihr Schritt für Schritt näherte, auffallend mit der kräftigen langen Linie schwarzer Brauen unter der schmalen, vorspringenden Stirn, war einer von ihnen. Mit seiner Haltung, seinem Auftreten, seinem nassforschen Gang ohne Hast, vor allem aber seinen Augen, die völlig ausdruckslos schienen, aber die Gier nach Brutalität spiegelten, je näher er kam, konnte dieser Mann in diesem Zug nur ihr auf den Fersen sein.

Der Mann drückte ab, im selben Augenblick riss sie die Tür auf und sprang. Sie rollte durch den weichen Schnee und hörte eine weitere Salve sich in die Musik des Zuges mischen. Gleichmütig schloss sie die Augen. Selbst wenn sie sterben sollte, es war nicht mehr wichtig. Sie war ihnen entkommen. Wäre sie in jenem Moment gestorben, wäre ihr Zustand als friedlicher, ruhiger Übergang in den Tod zu beschreiben gewesen.

Jetzt, in diesem sonderbaren Zimmer, wo ihr seit Tagen verkrampfter Körper sich wohlig entspannte, sie sich geradezu erschlaffen fühlte, weinte sie guten Gewissens und konnte kaum glauben, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein. Sie vermochte die Tränen nicht einmal zurückzuhalten, als sie die Suppe löffelte, die Eşber ihr reichte.

„Danke“, sagte sie. „Du hast mir das Leben gerettet.“

Eşber schwieg. Im Gegensatz zu der groben Derbheit, die dieses Haus aus Kohlenziegeln und Stein, aus Holz und Lehm umgab, lächelte er sie sanft und scheu an. In seiner Welt war das Leben ständig zu retten. In jedem Spiel mit den Wölfen rettete er es aufs Neue. Dank dafür lohnte nicht. Fidan aß ihre Suppe, wischte sich die Tränen ab und musterte die weißen Zähne ihres blassen Lebensretters, sie stimmten ihr Gegenüber fröhlich. Endlich fühlte sie sich in Sicherheit. Eşber setzte Tee auf, hockte sich erneut im Schneidersitz auf den Stuhl und blickte ihr ins Gesicht, als wollte er fragen, was sie denn neben den Gleisen zu suchen hatte. Das Städtchen war weit entfernt und lag nicht an der Bahnlinie, selbst wenn, der Zug hätte nicht in dem winzigen Flecken gehalten, der mitten im Gebirge still vor sich hinlebte. Wie kam es, dass die Frau im blauen Mantel sich auf einen Weg gemacht hatte, der sie in sein karges, klägliches Heim führte?

Fidan spürte, dass sie reden musste, etwas erklären, und erfand eine kleine Geschichte. Sie sei Anwältin, die Brüder des Mannes, den sie hinter Gitter gebracht hatte, seien hinter ihr her, sie habe gerade noch aus dem Zug springen können, als sie ihr den Garaus machen wollten.

Eşber glaubte ihr sofort. Soweit er aus dem Fernsehen wusste, dem er meist nur zuhörte, weil das Bild so arg rauschte, gab es da draußen eine große, komplexe Welt. Viele, sehr viele Menschen lebten dort. Ein erbarmungsloser Krieg herrschte dort, ähnlich seinem Kampf mit den Wölfen. Die Spuren der Angst auf dem Gesicht der schlanken, schönen Frau, die sagte, ihr Name sei Fidan, waren der Beweis dafür. Er löcherte sie mit Fragen über die Welt hinter den Bergen, bemüht, eine andere Art von Bestialität zu verstehen. Fidan antwortete mit sanfter Stimme, die Eşbers Seele streichelte, und erzählte alles Mögliche über Städte voller Menschen zur Unterstützung ihrer obskuren Geschichte. Die teuren Zigaretten in Fidans Tasche gingen in dieser Nacht aus, sie rauchte Eşbers billige und gewöhnte sich rasch daran.

Zu später Stunde hörte sie die Wölfe. Besessen vom tödlichen Spiel kamen sie einer nach dem anderen herbei und schlichen ums Haus, die Hühner gackerten vor Angst. Als die Wölfe heulten, verzog Eşber keine Miene und beruhigte Fidan, es gäbe keinen Grund zur Sorge, auf das Spiel, das die Wölfe begierig erwarteten, verzichtete er. Dann ließ er Fidan im gemütlich warmen Zimmer mit dem bollernden Ofen allein und bereitete sich ein Lager in dem Nebenraum, in dem das Federvieh hauste.

Überzeugt, ihm sei ein Geschenk des Himmels zuteil geworden, schlief Eşber in jener Nacht tief und fest. Fidan dagegen grübelte die ganze Nacht. Sie hatte die Männer, die sie verfolgten, angezeigt. Sie könnte so lange in diesem merkwürdigen Haus bleiben, bis die Männer gefasst wären und man sie selbst für tot hielte. Alle Spuren, dass sie überlebt hatte, könnte sie verwischen. Dann überlegte sie, was zu tun wäre, wenn sie später in ihre Stadt zurückkehrte. Sie lag da, richtete den Blick in die Dunkelheit und tastete mit der Hand über den Wandteppich mit den Hirschen. Sie schauderte bei dem Gedanken an die Tage, da sie unablässig von einem Ort zum anderen gehetzt und jeden Augenblick mit dem Tod konfrontiert war. Angesichts des Gefühls von Brutalität, wie sie es in der Stadt empfunden hatte, kam ihr das grässliche Geheul der Wölfe plötzlich wie ein harmloses Lied vor.

Als sie am Morgen erwachte, sah sie Eşber den Ofen befeuern. Längst war der bleiche Mann auf den Beinen, hatte Tee aufgebrüht und wartete mit umsichtigen Bewegungen darauf, dass sein Gast erwachte. Zum Frühstück gab es Landkäse und Bauernbrot. Danach zeigte Eşber ihr durchs Fenster das Stellwärterhäuschen. Dort würde er den Tag über sein. Sie bräuchte sich nicht zu ängstigen. Sie solle nur sagen, wenn sie etwas benötigte. Er könne es bei den Lokführern bestellen.

Vergnügt verbrachte Fidan den Tag. Seit langem fühlte sie sich zum ersten Mal wohl. Sie lag lange auf dem Sofa und schlief, wachte sie auf, konnte sie noch immer kaum glauben, dass sie am Leben war.

In den folgenden Tagen schneite es immer wieder. Die Pausen zwischen dem Schneefall waren nur kurz. Mitunter wirkte Eşber schon nach zwei Schritten wie ein Schneemann, wenn er losging, um sich in das gerade einmal zwei Quadratmeter große Stellwärterhäuschen zu setzen und Fähnchen für die vorbeifahrenden Züge zu schwenken, manchmal strahlte die Sonne und es sah aus, als wären die Berge mit Goldstaub überpudert. Fidan blieb im Haus, legte Scheite in den Ofen, den Eşber jeden Morgen kräftig anheizte, betrachtete die Hirsche auf dem Wandteppich und dachte über die Zukunft nach. Es langweilte sie zwar, untätig herumzusitzen, doch sie machte sich glauben, sie müsse sich verbergen, um zu überleben. Bei solchen Gedanken riss sie eins nach dem anderen Eşbers Streichhölzer an und pustete sie wieder aus.

Die langen Gespräche jeden Abend ließen die gelbe Blässe allmählich aus Eşbers Gesicht verschwinden, ihn erfüllte sonderbare Freude, die Wölfe hatte er vergessen. Er fühlte sich eigenartig lebendig, die Wölfe brauchte er nicht mehr . Nun waren ihm Haus, Leben und Kopf von einer Frau erfüllt, die Abend für Abend redete, lachte und aß. Plötzlich war ihm sein Gehalt wichtig. Er redete länger mit den Lokführern der auf sein Stellwärterhäuschen zustampfenden Züge, bat sie, Zeitungen, Bücher, Obst, guten Tee und Zigaretten mitzubringen. Er hatte sich verändert. Stets war er in tödlicher Einsamkeit nach Hause geschlurft, nun trug ihn Lebenslust heim. Während er auf einen Zug wartete, für den er die Weiche stellen musste, schaute er durchs Fenster zu seinem Haus hinüber, dass eine Frau darin wohnte, war neu, und das Gefühl begeisterte ihn.

Er dachte an Fidans sonnig strahlendes Haar, an ihr Grübchen, das nur auf einer Wange erschien, wenn sie lachte, an ihre schneeweißen Hände, in der Brust spürte er eine Leere, die, so vermeinte er, nur verginge, wenn er ihr duftendes Haar dagegen drückte. Diese Leere war es, die ihn vor Freude überschäumen ließ, was den Lokführern nicht entging, sie war aber auch der Grund dafür, dass er einen tiefen Schmerz empfand, weil er ihren warmen, blonden Kopf nicht drücken durfte.

Mitunter reizte ihn unerklärlich der Gedanke, dass niemand von der Frau in seinem Haus wusste. Diese Tatsache erregte ihn wie ein wunderbares Geheimnis, das die ganze Welt betraf, zugleich bedrückte ihn schwer, die Existenz dieser Frau nicht in die Berge hinausschreien zu können, niemandem von diesem unglaublichen Phänomen erzählen zu dürfen. Manchmal hatte er den Eindruck, die Stimme der fröhlichen Frau, die seine Nächte erfüllte, und ihre weißen schlanken Finger, die seine Haut wie Feuer verbrannten, wenn sie sie zufällig berührten, wären gar nicht real, all dies hätte sein vor lauter blind machendem Weiß dahinsiechender Verstand sich nur ausgedacht. Immer wieder stürmte er aus der Hütte zum Haus hinüber, kam er außer Atem an und Fidan stand vor ihm, im Blick die Frage, warum er gekommen sei, dann verharrte er wie ein aus dem Tiefschlaf erwachter Schlafwandler verwirrt und ohne Antwort in der Tür.

Seine Stimmung änderte sich jeden Tag mehrmals. Er wartete nicht einmal mehr auf den Frühling, der nun bald bevorstand. In diesem Winter war der Frühling auf unerwartete Weise bereits in sein Haus eingezogen. Er wusste nicht, wie er diesen unvermuteten Frühling glücklich machen sollte, er war zu schüchtern, sie zu fragen, was sie wollte, worauf sie Lust hatte, nachts beobachtete er jede ihrer Bewegungen, um herauszufinden, was sie sich wohl wünschen mochte.

Sein Herz, gewohnt zu schweigen, und verschlossen, als wäre es in eine Kiste gesperrt, hatte sich geöffnet, nun sprach es unverwandt. Eşbers Rede folgte keiner Logik, sie sprang von Zweig zu Zweig. Von der Tochter seiner Schwester im Städtchen, die das R nicht rollen konnte, kam er auf das Geräusch, das der Schnee beim Schmelzen machte, eben noch sprach er von den Eigenarten der Lokführer, davon, dass sein Gehalt niedrig sei, es hier aber auch nicht viel Geld brauche, vom Geschmack des Schafkäses im nahen Dorf, da sprang er unvermutet zu Vogelschwärmen, die ins Gebirge einfielen, und erzählte von Geräuschen, die die Stille vertrieben, und von der Seele der Berge. Die Sprünge, die sonderbaren Beschreibungen verstörten Fidan.

Es war nicht dies allein, was Fidan beunruhigte. Sie sah in Eşbers Augen Leidenschaft aufglimmen. Sie sah, dass Eşber ihr nicht zuhörte, wenn sie sprach, dass er vielmehr versunken war in ihre Augen, ihre Hände, ihre Figur, dass er bei jedem Bissen, den sie schluckte, ihn selbst zu schlucken schien, bei jedem Zug an ihrer Zigarette Eşber in einen wunderlichen Zustand geriet, als täte er selbst diesen Zug. Die Furcht, die sie vergessen hatte, bemächtigte sich ihrer in anderer Gestalt von Neuem.

Eines Abends fragte sie, in welcher Richtung die Kleinstadt liege. Eşber machte eine unbestimmte Geste und sagte: „Hinter dem Berg da …“ Aus seinem Tonfall sprach die krankhafte Überlegenheit, auf einen in alle Ewigkeit unerreichbaren Berg zu verweisen. Auf seiner Miene lag ein derart unheimlicher Ausdruck, dass Fidan außerstande war, die in aller Unschuld gestellte, unbeantwortet gebliebene Frage erneut zu stellen, so dass sie nicht herausbekam, hinter welchem Berg das Städtchen nun lag.

Mit Geräuschen und Stimmen, zahlreich, wie dieses trostlose Heim sie nie vernommen hatte, vergingen viele lange Tage und Nächte.

Dann beschloss Fidan, es sei an der Zeit zu gehen. Das eintönige Weiß, das sie mittlerweile quälte, der unablässig fallende Schnee, von dem sie manchmal fürchtete, er würde das Haus verschlingen, die Wölfe, die Nacht für Nacht ums Haus strichen, deren Stimmen auf einmal nach Blut zu rufen schienen, Eşbers Leidenschaft, die ihr immer krankhafter erschien, die immer selben Tage hatten begonnen, ihr mindestens so viel Furcht einzuflößen wie die finsteren Männer, die sie verfolgten. Eşber würde sich nicht ewig darauf beschränken, sie mit verliebten Augen anzuhimmeln, er würde sie zu einem Teil seines Lebens machen wollen, das spürte sie. Das würde bedeuten, ein anderes Leben zu führen, ein Kleid zu tragen, das ihr nicht passte. In der letzten Nacht konnte sie an nichts anderes mehr denken, sie tat kein Auge zu, so wurde sie gewahr, dass die Stimmen der Wölfe noch weitaus bestialischer waren als gedacht.

Als Eşber am nächsten Morgen das Zimmer betrat, um Tee aufzusetzen, fand er Fidan in dem blauen Mantel vor, der ihm um die Knie geschlagen war, als er sie heimtrug, in der Hand die Tasche, die sie damals um die Schulter getragen hatte und die beim Sprung aus dem Zug ein paar Schritte von ihr geschleudert worden war. Er wurde kreidebleich.

„Was ist los?“, fragte er. „Warum stehst du im Mantel da?“

„Ich muss gehen“, gab Fidan zurück, bemüht, ihre Stimme so herzlich wie möglich klingen zu lassen. „Ich bin dir unendlich dankbar für alles. Aber ich war nun lange genug hier. Sicher suchen meine Eltern nach mir. Sie machen sich Sorgen. Könntest du mich bitte in einen Zug setzen?“

„Unmöglich“, sagte Eşber. „Unmöglich, das geht nicht, du kannst nicht fort.“

„Warum nicht?“

Eşber langte nach ihr, entriss ihr die Tasche und schleuderte sie auf das Sofa.

„Du bist doch zu mir gekommen …“ Er schaute, als könnte er nicht fassen, was geschah.

Er konnte es tatsächlich nicht fassen. Fidan war ein ihm gesandter Frühling, sie war etwas, das auf himmlische Weise zu ihm gekommen war, um seine stillen Stunden, seine leeren Tage zu füllen, seine freudlose Einsamkeit zu verscheuchen. Unerträglich, sie jetzt sehenden Auges ziehen zu lassen, unmöglich, sie eigenhändig in den Zug zu setzen. Fassungslos fragte er mit möglichst sanfter Stimme: „Ist es dir hier nicht gutgegangen?“

Sein Gesichtsausdruck war freundlich und unschuldig, wie der Blick eines gutwilligen, sich seines Besitzrechts voll bewussten Herrn auf seinen Sklaven, und ebenso gnadenlos.

Da begriff Fidan, dass es zu einem entsetzlichen Kampf zwischen ihnen kommen würde, der nur mit dem Tod von einem von ihnen enden konnte. Ihre Knie gaben nach, ihr Körper, der von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse gelaufen, jede Nacht unter einem anderen Dach verbracht und in erbarmungslosem Gerenne tagelang zäh standgehalten hatte, als sie vor ihren Verfolgern geflohen war, fiel angesichts dieser sanften, stillen Frage augenblicklich um.

Was sie als erstes tat, war schweigen. Sie spürte, dass sie diesen Mann nicht durch Reden würde überzeugen können, deshalb sagte sie gar nichts. Berge und Schnee hatten seinen Verstand förmlich aufgesogen, dann hatten sie ihn als ein Teil von sich sich selbst überlassen. Sie fürchtete, ein Wort, das ihm wie eine Nadel in den Geist stach, könnte diesen Mann, diesen Irren einer seltsamen Welt, um den Verstand bringen. Sie war ihm in die Hände gefallen, Eşber war der Herrscher über das unendliche Weiß. In jener Nacht, in der Nacht darauf und in den folgenden Nächten schwieg sie. Eşber aber redete. Längst hatte er alles erzählt, was es über ihn zu sagen gab. Seit Fidan den Wunsch zu gehen geäußert hatte, verlor er von Tag zu Tag an Farbe. Nun erzählte er, was ihm von den Kalenderblättern im Gedächtnis geblieben war, was er von den Eisenbahnern, die aus großen Städten voller Menschen kamen, gehört, was er aus dem Fernsehen erfahren hatte, dessen Ton er gelauscht und das seine Träume für ferne Orte geöffnet hatte. Doch was er auch tat, es gelang ihm nicht, Fidan zum Lächeln zu bringen und das Grübchen auf ihrer Wange, das er so gern berührt oder gar geküsst hätte, hervorzulocken, und er grämte sich sehr.

Eines Tages trat Fidan aus dem Haus und stellte sich in den Schnee. Ihr war, als wäre sie in ein weißes Labyrinth gestürzt. Wo war Osten? Wo lag Westen und wie gelangte man in die Kleinstadt? Sie fand keine Antworten darauf, ihr wurde klar, dass sie wahrhaftig eine Gefangene war. Sie gab sich der Natur ganz hin, um mit der Nase im Wind vielleicht doch einen Ausweg zu erschnuppern oder zu erspüren. Unterdessen beobachtete Eşber sie hinter der von seinem Atem beschlagenen Scheibe des Stellwärterhäuschens, ein krankhaftes Lachen verstärkte den jämmerlichen Ausdruck seiner Miene. Der Sinn seines Lebens bestand nun darin, den zur Unzeit zu ihm gekommenen Frühling zu hüten und für alle Zeiten bei sich zu behalten. Er ließ die Tür seines Hauses nicht aus den Augen, trat Fidan heraus, stand er im Nu neben ihr, er bestellte Geschenke und frisches Obst für sie, auch wenn er nichts dafür zurückbekam, war er zufrieden, das Leben auf diese Weise fortzuführen.

Fidan wurde klar, dass die tagsüber passierenden Züge ihr nichts nützen würden, doch ein Nachtzug erregte ihre Aufmerksamkeit. Kurz vor Mitternacht fuhr dieser bescheidene Zug leise vorüber, sein Brummen klang sanft durchs Zimmer, auf den nachts verhängten Fenstern des Hauses spiegelten sich die Lichter der Abteile nur als vorüberhuschende Abbilder. Da nachts kein weiterer Zug durchfuhr, kam Eşber heim, nachdem er diesem die Fahrt freigegeben hatte. Nach einem leichten Anstieg erreichte der Zug die schneebedeckte Ebene und fuhr auf Höhe von Eşbers Haus ausgesprochen langsam. Fidan spürte, dass dieser Zug ihre Rettung sein würde, doch es gelang ihr nicht herauszufinden, wie sie ihn besteigen könnte.

Es war eine Nacht, in der der Winter sich noch einmal in aller Härte zeigte, obwohl der Frühling schon vor der Tür stand. Der Ofen leckte über die Holzscheite und verschlang sie. Eine dünne Eisschicht überzog die Fensterscheiben. Eşber war verstummt. Er schnitt die Schalen der bei den Lokführern bestellten Apfelsinen in schmale Streifen, wie um Fidan zu drohen, weil sie schwieg. In seiner Haltung lag etwas von einem Gebieter, der am Ende seiner Geduld angelangt war. Fidan überfiel Furcht vor ihm.

Sie wartete auf das Geräusch des Zuges, der so still herankam und durch die Berge in sichere Städte mit Lichtern und Menschenmengen fuhr, da hörte sie die Wölfe heulen. Wieder schnürten sie die Berge herab. Kurz dachte Fidan daran, dass sie frei waren. Wenn sie wollten, konnten sie stundenlang einem Zug hinterherlaufen, sie konnten auch sterben, wenn sie es nur wollten. Sie seufzte. Eşber hingegen spürte allmählich Wut über ihr endloses Schweigen in sich aufsteigen. Er stand auf, als er das Heulen der Wölfe vernahm, und riss das Fenster in einer Weise auf, dass Fidan erschrak. Wie von Eissplittern erfüllt drang ein Luftschwall herein. Die Kälte und das bestialische Geheul ließen Fidan erschauern. Eşber nahm das Gewehr von der Wand, das er täglich bei sich trug, wenn er ins Stellwärterhäuschen ging, und wartete, bis die Wölfe das Haus umringten und nah herankamen. Er lehnte sich aus dem Fenster, brüllte zu den Wölfen hinüber, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und machte sich bereit für das Spiel, auf das er verzichtet hatte, seit Fidan da war, nun trieb ihn starke Sehnsucht danach. Die Wölfe versammelten sich unter dem Fenster. Ihre Stimmen waren grässlich. Fidan zitterte am ganzen Körper. Sie ängstigte sich zu Tode und wusste nicht, was sie tun sollte. Eşber hob die Flinte und zielte auf das Auge eines der Wölfe, er wollte abdrücken, da schrie Fidan: „Nicht!“, und warf sich auf ihn. Der Schuss löste sich, es war, als zöge ein winziger Funken eine Spur zum Himmel hinauf. Die Wölfe stoben auseinander.

Der Schrei aus Fidans Mund, der erste Laut, den er seit Tagen von ihr hörte, machte Eşber benommen. Er empfand einen Schmerz, als hätte er ihr wehgetan, warf das Gewehr beiseite und blickte sie kläglich an. Er befand sich in einem eigenartigen Zustand, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Er ging in die Hocke und starrte Fidan unausgesetzt an. Als erwartete er einen Befehl von ihr. Befremdlich sah er aus und jämmerlich.

Fidan schloss die Augen. Zwei Bilder stiegen in ihr auf. Auf einem die Wölfe, mit ihren stählern glitzernden Augen, ihren kräftigen Gebissen und spitzen Krallen, mit ihrem durch Mark und Bein dringenden Geheul, auf dem anderen Eşber. Dieses war entsetzlich, er beobachtete sie unausgesetzt durchs Fenster seines Stellwärterhäuschens, das Zucken über dem rechten Wangenknochen machte sein krankes Lachen noch schlimmer.

In dem leiser werdenden Wolfsgeheul hörte sie den Zug die Steigung heraufkommen. Sie stellte sich vor, wie Reisende in einem Abteil stark riechenden Käse in einen Fladen wickelten und verzehrten, den Blick versonnen auf einen Punkt in der Ferne richteten, vor sich hin rauchten und in den Fensterscheiben ihre eigenen verhärmten Gesichter erblickten. Am Morgen würden sie in einer hellen Stadt voller Menschen aus dem Zug steigen, ihr Gepäck schultern und in die schlammbedeckten Adern der Stadt hinausströmen, sie würden sich unter die Menge mischen, um ihren Platz in den Szenen einzunehmen, die das Leben für sie bereithielt. Selbst wenn es in diesem Leben finstere Männer gab, fand sich doch stets die Hoffnung auf Rettung. Für sie bedeutete das, die Todesgefahr, die auf sie lauerte, frei anzugehen. All das schoss ihr durch den Kopf, sie schlug die Augen auf und sah Eşber an. Wie hypnotisiert saß er da.

DieserAugenblick würde nicht lange dauern, das spürte sie und sprang jäh auf. Sie trug nur einen dünnen Pullover und Strümpfe an den Füßen. Beherzt riss sie die Tür auf und schlüpfte hinaus. Der Schneefall würde sich bald zu einem Schneesturm steigern, langsam, als zierte er sich, stampfte der Zug, der sie ins Leben führen sollte, heran. Sie sauste durch den Schnee, sank immer wieder tief ein. Sie hörte die Stimmen der Wölfe, doch merkwürdigerweise fürchtete sie sich nicht vor ihnen. Ihr war, als beschützte sie ein Wolf, dem sie kurz zuvor das Auge gerettet hatte, vor allen Gefahren.

Sie sah den Zug über die Schienen vor dem Haus fahren. Sie spurtete los, um das wundersame Vehikel, dessen Räder funken sprühten, diesen brummenden Haufen Eisen zu erreichen, doch der Schnee, in den sie bis zu den Knien einsank, hemmte sie. Sie hörte Eşbers Stimme durch die nächtliche Dunkelheit gellen. Es war keine Stimme, es war ein markerschütternder Schrei: „Geh nicht!“ Er rief sie.

Sie schaffte es zur Tür eines Waggons, konnte sie auch öffnen, kam aber nicht hinauf. Sie hetzte neben dem Zug her. Eşber kam näher und näher, schon spürte sie beinah seinen Atem, aus Angst war sie außerstande zurückzuschauen. Dann griff eine Hand nach ihrem Pullover und zerrte an ihr. Es war ein Zerren in den Tod. Fidan wusste, sie würde sterben, wenn sie diesen Zug nicht bestieg. Eşbers kräftige Hände rissen an ihrem Pullover, dennoch gelang es ihr hinaufzuklettern, mit aller Macht ihrer halb erfrorenen Hände klammerte sie sich an den Eisenriegel der Tür. Schnee wirbelte ihr in die Augen, der eisige Fahrtwind übermannte sie.

Sie hörte das Heulen der Wölfe sich ins Wahnsinnige steigern. Gleich darauf war die Kraft, die von hinten an ihr gezogen hatte, verschwunden. Als Fidan sich umdrehte, sah sie, wie die Wölfe Eşber umringten.

Sie mochte nicht darüber nachdenken, wer das Spiel, dessen Zeuge sie zum ersten Mal wurde, gewann.

 

 

25 April 1982, Downing Street: Verkündung der Rückeroberung des zu den Falklandinseln gehörenden South Georgia.

Mrs Thatcher: Der Verteidigungsminister ist gerade gekommen, um mir eine sehr gute Nachricht zu überbringen …

Verteidigungsminister: … die Nachricht, die wir erhalten haben, ist, dass britische Truppen heute Nachmittag kurz nach 16:00 Uhr Londoner Zeit auf South Georgia gelandet sind … Der Kommandant der Operation schickt folgende Nachricht: »Sind erfreut, Ihrer 

Majestät mitteilen zu können, dass unsere Seekriegsflagge neben dem 

Union Jack auf South Georgia flattert. Gott schütze die Königin.«

Mrs Thatcher: Freuen Sie sich über die Neuigkeiten und gratulieren Sie unseren Streitkräften und den Marine-Infanteristen. Gute Nacht.

Mrs Thatcher wendet sich der Tür von Downing Street Nummer 10 zu.

Reporter: Treten wir in einen Krieg mit Argentinien ein, Mrs Thatcher?

Mrs Thatcher (ihre Türschwelle übertretend): Freuen Sie sich.

Die Ermordung Margaret Thatchers: 6. August 1983

Stellen Sie sich zuerst die Straße vor, in der sie ihren letzten Atemzug nahm. Es ist eine ruhige Straße, beschaulich, von alten Bäumen beschattet: eine Straße mit hohen Häusern, die Fassaden wie mit weißem Zuckerguss bestrichen, das Mauerwerk honigfarben. Einige sind georgianisch flach, einige viktorianisch, mit schimmernden Erkern. Die Häuser sind zu groß für moderne Haushalte, und die meisten wurden in Wohnungen unterteilt. Aber das zerstört weder die Eleganz ihrer Proportionen, noch beeinträchtigt es den tiefen Glanz der mit Messing beschlagenen dunkelblauen oder waldgrünen Kassettentüren. Der einzige Nachteil des Viertels ist, dass es mehr Autos als Stellplätze am Straßenrand gibt. Die Anwohner parken Stoßstange an Stoßstange und legen ihre Parkausweise hinter die Scheiben. Wer eine Einfahrt hat, wird oft darin eingeparkt. Aber die Leute sind geduldig. Sie sind stolz auf ihre hübsche Straße und bereit, dafür zu leiden, dass sie hier wohnen. Wer den Blick hebt, sieht ein zerbrechliches georgianisches Oberlicht, einen warmen Bogen Terrakotta-Fliesen oder funkelndes Buntglas. Im Frühling kleiden sich die Kirschbäume in extravagante Blütenrüschen, und wenn der Wind die Blätter abstreift, treiben sie in rosa Wolken durch die Luft und bedecken die Bürgersteige, als hätten Riesen in der Straße Hochzeit gefeiert. Im Sommer weht Musik aus offenen Fenstern: Vivaldi, Mozart, Bach.

Die Straße selbst beschreibt eine sanfte Kurve und vereinigt sich mit der Hauptstraße, die aus der Stadt hinausführt. Die Dreifaltigkeitskirche auf ihrer Insel ist mit Garnisonsflaggen behängt. Aus einem hochgelegenen Fenster über die Stadt sehend (wie ich es am Tag der Ermordung getan habe), spürt man die Nähe von Festung und Burg. Werfen Sie einen Blick nach links, und der runde Turm tritt in den Blick und drückt förmlich gegen die Scheiben. An Tagen mit Nieselregen und treibenden Wolken zieht der Bergfried sich jedoch zurück, der zur Hälfte ausradierten Zeichnung eines Amateurkünstlers gleich. Seine Konturen weichen auf, die Ecken verbleichen, und er versinkt in der vom Fluss aufsteigenden rauen Kälte und scheint eher ein verschleierter Berg als eine Königsburg zu sein.

Die Häuser rechts vom Trinity Place – ich meine, rechts, wenn man aus der Stadt hinaussieht – haben große Gärten, die sich heute jeweils drei oder vier Parteien teilen. In den frühen 1980ern hatte sich England noch nicht dem Brandgeruch ergeben. Der wochenendliche Grillgestank war noch unbekannt, von den am Fluss gelegenen Gin-Palästen Maidenheads und Brays einmal abgesehen. Unsere Gärten, so makellos sie gepflegt waren, wurden kaum betreten. Es gab keine Kinder in der Straße, nur junge Paare, die sich noch nicht fortgepflanzt hatten, sowie ältere Paare, die höchstens einmal die Türen öffneten, um eine abendliche Party auf die Terrasse auszudehnen. An warmen Nachmittagen dörrten die Rasenflächen unbeaufsichtigt vor sich hin, und Katzen rollten sich auf der krümeligen Erde steinerner Pflanzvasen. Im Herbst kompostierte sich das herabfallende Laub selbstständig in den tiefer liegenden Patios der Souterrainwohnungen und wurden von ihren enervierten Eignern weggeschaufelt. Der Winterregen durchnässte die Büsche, ohne dass es jemand gesehen hätte.

Im Sommer 1983 aber fand sich diese vornehme, von Einkaufenden und Touristen missachtete Ecke im Brennpunkt des nationalen Interesses wieder. An die Gärten von Nummer 20 und 21 grenzte das Grundstück eines privaten Krankenhauses, eines anmutigen, hellen, an einer Straßenecke liegenden Gebäudes. Drei Tage vor ihrer Ermordung begab sich die Premierministerin für eine kleine Augenoperation in dieses Krankenhaus, worauf sofort alles kopfstand. Fremde schubsten die Anwohner herum. Zeitungsleute und Fernsehteams blockierten die Straße und parkten ohne Erlaubnis in Einfahrten. Man sah sie den Spinner’s Walk hinauf- und hinunterlaufen und Kabel und Lampen hinter sich herziehen, immer einen Blick auf das zur Clarence Road hinausgehende Eingangstor des Krankenhauses gerichtet, die Hälse mit Kameras behängt. Alle paar Minuten verschmolzen sie zu einer Masse wogender Kampfjacken, als wollten sie sich gegenseitig versichern, dass nichts geschah – aber dass etwas geschehen würde, irgendwann. Sie warteten, und während sie warteten, schlürften sie Orangensaft aus Kartons und Bier aus Flaschen, sie aßen, krümelten sich auf die Bäuche und warfen verschmierte Papiertüten auf die Beete. Der Bäcker am Ende der St Leonard’s Road hatte um zehn Uhr vormittags bereits keine Käsebrötchen mehr, alles andere war mittags verkauft. Leute aus Windsor standen auf dem Trinity Place zusammen, Einkaufstüten drängten sich auf niedrigen Mauern. Wir spekulierten darüber, wie wir zu dieser Ehre kamen und wann sie wohl wieder verschwinden würde.

Windsor ist nicht das, was Sie denken. Es hat seine Intelligenzija. Wenn man sich von der Burg zum Ende der Peascod Street hinunterschlängelt, stößt man nicht mehr nur auf royalistische Speichellecker, und wer über die Abzweigung zur Leonard’s Road wechselt, kann womöglich sogar heimliche Republikaner riechen. Für die örtlichen Sozialisten war das bei den Wahlen jedoch nur ein schwacher Trost, und die Leute murrten, Stimmen für sie seien verschenkte Stimmen. Sie mussten die Stärke ihrer Gefühle durch taktisches Wählen ausdrücken und ihre Einstellung bei extravaganten Veranstaltungen im Arts Centre unter Beweis stellen. Das war erst kürzlich in der alten Feuerwache eingerichtet worden und ein Ort, an dem Dichter im Selbstverlag eine Bühne fanden und saurer weißer Wein aus Kartons ausgeschenkt wurde. Samstagmorgens gab es Selbstbehauptungs-, Yoga- und Bilderrahmkurse.

Aber als Mrs Thatcher zu Besuch kam, gingen die Dissidenten auf die Straße. Sie bildeten Knoten, inspizierten das Pressecorps und wandten dem Krankenhaustor demonstrativ den Rücken zu, wo eine Reihe wertvoller Parkbuchten markiert und mit Schildern versehen waren: DOCTORS ONLY.

Eine Frau sagte: »Ich habe einen Doktortitel und bin oft versucht, dort zu parken.« Es war früh, und ihr Brot war noch warm vom Bäcker. Sie drückte es wie ein Haustier an ihre Brust und sagte: »Hier fliegen einige heftige Meinungen durch die Gegend.«

»Meine ist in Dolch«, erwiderte ich, »und der fliegt geradewegs in ihr Herz.«

»Das«, sagte sie bewundernd, »ist die stärkste Gefühlsäußerung, die ich bisher gehört habe.«

»Ich muss zurück in meine Wohnung«, sagte ich. »Ich warte auf den Handwerker, mein Boiler ist kaputt.«

»Das ist Pech«, sagte sie. »Wen haben Sie? Duggan? Wir haben Duggan. Er erpresst uns alle, aber was soll man machen? Hören Sie, soll ich Ihnen meine Nummer geben?« Sie schrieb sie mir auf den nackten Arm, da wir beide kein Papier dabeihatten. »Rufen Sie mich an. Gehen Sie manchmal ins Arts Centre? Da könnten wir uns auf ein Glas Wein treffen.«

Ich stellte gerade meine Flasche Perrier in den Kühlschrank, als es an der Tür klingelte. Ich dachte, wir wissen es noch nicht, aber wir werden einmal gern an die Zeit zurückdenken, als Mrs Thatcher hier war: Neue Freundschaften bildeten sich auf der Straße, mit Geplauder über Installateure und unsere Erfahrungen mit ihnen. In der Wechselsprechanlage knisterte es wie gewöhnlich, als hätte jemand das Kabel in Brand gesetzt. »Kommen Sie herauf, Mr Duggan«, sagte ich. Es konnte nicht schaden, ihn respektvoll zu behandeln.

Ich wohnte im dritten Stock, die Treppe war steil und Duggan schwergewichtig. Deshalb war ich überrascht, wie schnell er an die Tür klopfte. »Hallo«, sagte ich. »Haben Sie einen Parkplatz für ihren Transporter gefunden?« Auf dem Treppenabsatz stand ein Mann in einer billigen Steppjacke. Mein unschuldiger Gedanke war, das ist Duggans Sohn. »Wegen des Boilers?«, fragte ich.

»Genau«, sagte er.

Er wuchtete sich in die Wohnung, die Installateurstasche in der Hand. In der schuhschachtelgroßen Diele standen wir Nase an Nase. Seine Jacke, mehr als angemessen für den englischen Sommer, füllte den Raum zwischen uns aus. Ich drückte mich nach hinten.

»Was ist denn damit?«, sagte er.

»Er ächzt und knallt. Ich weiß, es ist August, aber …«

»Nein, Sie haben recht, Sie haben ja recht. Dem Wetter ist nicht

zu trauen. Werden die Heizkörper warm?«

»Stellenweise.«

»Sie haben Luft im System«, sagte er. »Ich lasse sie raus, während ich warte. Warum auch nicht. Wenn Sie einen Schlüssel haben.«

Jetzt kam mir ein Verdacht. Während ich warte, hatte er gesagt. Worauf? »Sind Sie Fotograf?«

Er antwortete nicht, befühlte und durchsuchte nur seine Taschen und runzelte die Stirn.

»Ich dachte, Sie sind der Installateur. Sie sollten hier nicht einfach so hereinmarschieren.«

»Sie haben mir aufgemacht.«

»Nicht Ihnen. Im Übrigen weiß ich nicht, warum Sie sich die Mühe machen. Sie können das Eingangstor von dieser Seite aus nicht sehen.  Sie müssen hier raus«, sagte ich eindringlich, »und dann links.«

»Es heißt, sie kommt hinten heraus. Da ist es doch der ideale Platz, um sie zu erwischen.«

Aus meinem Schlafzimmer hatte man einen perfekten Blick auf

den Krankenhausgarten. Jeder, der seitlich ums Haus ging, konnte das sehen.

»Für wen arbeiten Sie?«, sagte ich.

»Das müssen Sie nicht wissen.«

»Vielleicht nicht, aber Sie könnten es mir aus Freundlichkeit sagen.«

Ich wich in die Küche zurück, und er folgte mir. Der Raum war sonnenhell, und ich sah ihn jetzt besser: Er war untersetzt, in seinen Dreißigern, ungepflegt, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und widerspenstiges Haar. Er stellte seine Tasche auf den Tisch und zog die Jacke aus. Plötzlich war er nur noch halb so massig. »Sagen wir, ich bin Freiberufler.«

»Trotzdem«, sagte ich. »Ich sollte etwas dafür bekommen, dass Sie meine Wohnung benutzen. Das wäre nur fair.«

»Das können Sie nicht beziffern«, sagte er.

Seinem Akzent nach zu urteilen, kam er aus Liverpool. Er hörte sich völlig anders an als Duggan oder Duggans Sohn, hatte aber erst etwas gesagt, als er oben vor der Tür stand. Wie hätte ich es also merken sollen? Er hätte der Installateur sein können, sagte ich mir. Ich hatte mich nicht wie eine komplette Idiotin hereinlegen lassen. Einen Moment lang ging es mir nur um meine Selbstachtung. Frage nach einem Ausweis, bevor du einen Fremden hereinlässt, raten einem die Leute. Aber stellen Sie sich den Krawall vor, den Duggan gemacht hätte, hätte ich seinen Jungen auf der Treppe warten lassen, ihn daran gehindert, zum nächsten Boiler auf seiner Liste zu kommen, und damit seine Chancen zum Beutemachen geschmälert.

Aus dem Küchenfenster sah man auf den Trinity Place hinunter, auf dem es von Leuten nur so wimmelte. Wenn ich den Hals reckte, konnte ich links weitere Polizisten ausmachen, die aus Richtung des Privatparks am Clarence Crescent kamen. »Möchten Sie eine?« Mein Besucher hatte seine Zigaretten gefunden.

»Nein. Und es wäre mir lieber, wenn Sie auch nicht rauchten.«

»Verstehe.« Er stopfte die Schachtel zurück in die Tasche und zog ein zusammengeknülltes Taschentuch heraus, trat etwas vom großen Fenster zurück und wischte sich das Gesicht ab, das so grau und zerknittert wie sein Taschentuch war. Dieser Mann war es eindeutig nicht gewohnt, in fremde Wohnungen einzudringen, und ich ärgerte mich mehr über mich als über ihn. Er musste seinen Lebensunterhalt verdienen, und vielleicht konnte man es ihm nicht vorwerfen, in eine fremde Wohnung einzudringen, wenn ihm eine Närrin wie ich die Tür aufhielt. Ich sagte: »Wie lange gedenken Sie zu bleiben?«

»Sie wird in einer Stunde erwartet.«

»Verstehe.« Das erklärte das größer werdende Gedränge und den Tumult unten auf der Straße. »Woher wissen Sie das?«

»Wir haben ein Mädchen drinnen. Eine Schwester.«

Ich gab ihm zwei Stücke Küchenpapier. »Danke.« Er trocknete sich die Stirn. »Sie kommt heraus, und die Ärzte und Schwestern stellen sich in einer Reihe auf, damit sie ihnen ihre Anerkennung zollen kann. Sie wird an ihnen entlanggehen, Danke und Auf Wiedersehen sagen, um die Ecke tappen, in eine Limousine steigen, und schon ist sie weg. So ist es geplant. Eine genaue Zeit habe ich nicht. Deswegen dachte ich, wenn ich frühzeitig hier bin, könnte ich alles aufbauen und mir den besten Platz aussuchen.«

»Wie viel bekommen Sie dafür?«

»Lebenslänglich ohne Bewährung«, sagte er.

Ich lachte. »Es ist kein Verbrechen.«

»Das finde ich auch.«

»Ist es nicht etwas weit?«, sagte ich. »Ich meine, ich weiß, Sie haben besondere Objektive und sind der Einzige hier oben, aber wollen Sie keine Nahaufnahme?«

»Nein«, sagte er. »Solange ich unverstellte Sicht habe, ist das mit der Entfernung ein Kinderspiel.«

Er zerknüllte das Küchenpapier und sah sich nach einem Abfalleimer um. Ich nahm ihm das Papier ab, und er grunzte und machte sich daran, seine Tasche aufzuschnüren. Sie war aus Stoff und hätte, wie ich dachte, auch für Handwerker oder Vertreter getaugt. Und dann holte er nacheinander verschiedene Metallteile heraus, die ganz sicher nicht zu einer Kameraausrüstung gehörten, was selbst ich in meiner Ignoranz erkannte. Er begann sie zusammenzubauen und hatte ganz offenbar handwerkliches Geschick. Er sang bei der Arbeit, kaum hörbar, ein kleines Lied, wie sie es im Fußballstadion singen:

»Du dri-dra-dreckiger Liverpooler

Bist nur glücklich, wenn’s Stütze gibt,

 Dein Vater klaut, deine Mutter dealt,

Lass wenigstens unsere Radkappen dran.«

»Drei Millionen Arbeitslose«, sagte er. »Die meisten davon in unserer Gegend. Hier ist das sicher kein Problem.«

»O nein. Hier gibt’s genug Geschenkartikelläden, um allen einen Job zu geben. Waren Sie drüben in der High Street?«

Ich dachte an die Touristentrauben, die sich gegenseitig von den Bürgersteigen drängten und um Andenkenblech und aufziehbare Beefeater kämpften. Es könnte ein anderes Land sein. Von der Straße unten drangen keine Stimmen herauf. Unser Mann summte selbstvergessen vor sich hin, und ich fragte mich, ob sein Lied noch eine zweite Strophe hatte. Jedes Teil aus seiner Tasche wischte er mit einem Tuch ab, das sauberer als sein Taschentuch war, und behandelte es mit großer Andacht, wie ein Messdiener, der die Kelche fürs Hochamt poliert.

Als das Instrument zusammengesetzt war, hielt er es prüfend vor sich hin. »Ein Klappschaft«, sagte er. »Das ist das Tolle daran. Passt in eine Cornflakes-Schachtel. Sie nennen es einen Witwenmacher. Allerdings nicht in diesem Fall. Der arme, verdammte Dennis, was?  Er wird sich seine Eier von jetzt an selbst kochen müssen.«

Im Nachhinein betrachtet, fühlt es sich an, als hätten wir Stunden im Schlafzimmer zusammengesessen, er auf einem Klappstuhl am Schiebefenster, seinen Becher Tee in beiden Händen, den Witwenmacher zu seinen Füßen. Ich selbst saß auf dem Rand des Betts,

über das ich schnell die Decke gezogen hatte, damit es einigermaßen ordentlich aussah.

Er hatte seine Jacke aus der Küche mitgebracht, vielleicht waren die Taschen voller Attentäter-Requisiten. Als er sie aufs Bett warf, rutschte sie gleich wieder hinunter. Ich versuchte sie festzuhalten, und meine Hand wischte über das Nylon, das sich wie ein Reptil anfühlte. Die Jacke schien ein eigenes Leben zu haben. Ich zog sie aufs Bett neben mich und hielt den Kragen fest, was er mit einem anerkennenden Blick bedachte.

Er sah immer wieder auf die Uhr, obwohl er doch sagte, dass er keine genaue Zeit habe. Einmal rieb er mit dem Handteller darüber, als wäre das Glas vernebelt. Aus dem Augenwinkel versicherte er sich, dass ich noch war, wo ich sein sollte, und behielt auch meine Hände im Blick: wo er sie, wie er mir erklärte, gerne habe. Dann richtete er den Blick wieder auf den Rasen unten und die hinteren Zäune. Wie um seinem Ziel näher zu kommen, wippte er mit dem Stuhl nach vorn.

Ich sagte: »Es ist die falsche Weiblichkeit, die ich nicht ertrage, und die aufgesetzte Stimme. Die Art, wie sie mit ihrem Dad, dem Lebensmittelhändler, und dem, was er ihr alles beigebracht hat, angibt, wobei doch klar ist, dass sie es jetzt noch ändern würde, wenn sie könnte, und lieber das Kind reicher Eltern wäre. Es ist die Art, wie sie die Reichen vergöttert und ihnen huldigt. Ihr Philistertum und ihre Ignoranz und wie sie sich darin suhlt. Es ist ihr fehlendes Mitleid. Warum braucht sie eine Augenoperation? Weil sie nicht weinen kann?«

Als das Telefon klingelte, zuckten wir beide zusammen. Ich verstummte mitten im Satz.

»Gehen Sie ran«, sagte er. »Es wird für mich sein.«

Es war schwer für mich, mir das Netzwerk und all die Vorkehrungen vorzustellen, die hinter den Plänen für diesen Tag steckten. »Moment«, sagte ich, als ich ihn fragte, ob er Tee oder Kaffee wolle, und den Kessel einschaltete. »Sie wissen, dass ich den Installateur erwarte? Ich bin sicher, er kommt jeden Moment.«

»Duggan?«, sagte er. »Nein, nein.«

»Sie kennen Duggan?«

»Ich weiß, dass er nicht kommen wird.«

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Oh, Himmel noch mal.« Er schnaubte. »Warum sollten wir ihm was tun? Das ist nicht nötig. Er hat Bescheid bekommen. Wir haben überall Kumpel.«

Kumpel. Ein angenehmes Wort. Fast schon archaisch. Lieber Gott, dachte ich, Duggan ist ein IRA-Mann. Nicht, dass mein Besucher es ausgesprochen hätte, aber ich sagte es laut in meinem Kopf. Das Wort, die drei Buchstaben, schockierte oder bestürzte mich nicht so, wie es vielleicht bei Ihnen der Fall gewesen wäre. Das sagte ich ihm, während ich die Milch aus dem Kühlschrank holte und darauf wartete, dass das Wasser kochte. Ich sagte, ich würde Sie aufhalten, wenn ich könnte, aber es wäre allein aus Angst um mich selbst und davor, was mit mir geschehen wird, wenn Sie es getan haben. Was übrigens was sein wird? Ich bin kein Freund dieser Frau, allerdings glaube ich nicht (fühlte ich mich gezwungen hinzuzufügen), dass Gewalt irgendetwas löst. Aber ich würde Sie nicht verraten, weil …

»Ja, ja«, sagte er. »Alle haben sie eine irische Oma. Das garantiert gar nichts. Ich bin wegen Ihrer Aussicht hier, und mir ist egal, wem gegenüber Sie eine Affinität haben. Bleiben Sie vom Fenster vorn weg und fassen Sie das Telefon nicht an, oder ich schlage Sie tot. Mich interessieren die Lieder nicht, die ihre verdammten Großonkel samstagabends gesungen haben.«

Ich nickte.  Es waren nur meine eigenen Gedanken gewesen.

Rührseligkeit ohne Substanz.

»Der Bänkelsänger zieht in den Krieg,

In den Reihen des Todes wirst du ihn finden.

Das Schwert des Vaters hat er umgebunden

Und die wilde Harfe auf dem Rücken.«

Meine Großonkel (er hatte recht, was sie betraf) hätten keine wilde Harfe erkannt, selbst wenn eine auf sie losgegangen wäre und sie in den Hintern gebissen hätte. Ihr Patriotismus war nur eine Ausrede dafür, sich den Blick schief zu trinken, so ähnlich nannten sie

es, während ihre Frauen Tee schlürften, Ingwerplätzchen aßen und anschließend hinten in der Küche den Rosenkranz beteten. Die ganze Sache war eine Ausrede. Dafür, dass wir unterdrückt werden. Dass wir hier sitzen und unterdrückt werden, während andere Leute auf ihre unchristliche Weise etwas aus sich machen und sich dreiteilige Anzüge kaufen. Während wir hier sitzen und »La-la-la auld Ireland« singen (weil wir nach all der Zeit den Text vergessen haben), schlichten unsere Nachbarn ihren Streit, lassen ihre Herkunft hinter sich und greifen zu modernen, nicht sektiererischen Formen der Stigmatisierung, die sich in modernen Liedern niederschlagen: »Du dri-dra-dreckiger Liverpooler«. Ich persönlich bin keine Liverpoolerin, aber den Norden scheren im Süden alle über einen Kamm. Und in Berkshire und in der Gegend um London sind alle Gründe, alle Ideen, für die ein Mensch sterben wollen könnte, nichts als Ärgernisse, Verstöße gegen den Frieden, und wahrscheinlich verursachen sie auch noch Verkehrsstaus und Zugverspätungen.

»Sie scheinen ja gut über mich Bescheid zu wissen«, sagte ich und klang verärgert.

»So weit es nötig ist. Ich meine, nicht dass Sie was Besonderes wären. Sie können helfen, wenn Sie wollen, und wenn Sie es nicht wollen, verhalten wir uns entsprechend.«

Er redete, als hätte er Komplizen. Aber er war allein. Ein Mann. Wenn auch ein massiger, selbst ohne Jacke. Nehmen wir an, ich wäre ein überzeugter Tory gewesen oder eine der frommen Seelen, die keiner Fliege was zuleide tun können: Ich hätte dennoch nichts Heikles probiert. Er hielt mich offenbar für fügsam, oder vielleicht traute er mir sogar ein wenig, seinem Spott zum Trotz. Auf jeden Fall ließ er zu, dass ich ihm mit meinem Becher Tee ins Schlafzimmer folgte. Seinen eigenen Tee hielt er in der linken, sein Gewehr in der rechten Hand. Das Klebeband und die Handschellen blieben auf dem Küchentisch zurück, wo er sie beim Auspacken seiner Tasche hingelegt hatte. Und jetzt ließ er mich an das Telefon auf meinem Nachttisch gehen und ihm den Hörer geben. Ich hörte die Stimme einer Frau, jung, zaghaft und weit weg. Man hätte nicht gedacht, dass sie im Krankenhaus gleich nebenan war. »Brendan?«, sagte sie, und ich nahm nicht an, dass das sein richtiger Name war.

Er legte den Hörer so heftig auf, dass es schepperte. »Es gibt eine verdammte Verzögerung. Sie denkt, so um die zwanzig Minuten. Oder dreißig, es könnten sogar dreißig sein.« Er ließ die Luft aus der Lunge fahren, als hätte er, seit er die Treppe heraufgestampft war, den Atem angehalten. »Verdammt, verdammt. Wo ist das Klo?«

Man kann jemanden überraschen, indem man »Affinität« sagt, dachte ich, und dann »Wo ist das Klo?« folgen lassen. Nicht gerade der gute Windsor-Ton. Eine wirkliche Frage war es auch nicht. Die Wohnung war zu klein, als dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte. Er nahm seine Waffe mit. Ich hörte, wie er urinierte. Den Wasserhahn aufdrehte. Ich hörte es plätschern, hörte ihn herauskommen und den Reißverschluss hochziehen. Sein Gesicht war gerötet, wo er es abgetrocknet hatte. Er ließ sich auf den Klappstuhl fallen, dessen zerbrechliches Rohrgeflecht ein Jammern hören ließ. Er sagte: »Sie haben eine Nummer auf Ihrem Arm stehen.«

»Ja.«

»Von wem ist sie?«

»Von einer Frau.« Ich tupfte mit dem Zeigefinger auf die Zunge und fuhr damit über die Zahlen.

»So kriegen Sie das nicht weg. Dazu brauchen Sie Seife und müssen gut rubbeln.«

»Wie nett, dass Sie so Anteil nehmen.«

»Haben Sie sie aufgeschrieben? Die Nummer?«

»Nein.«

»Sie wollen sie nicht?«

Nur, wenn ich eine Zukunft habe, dachte ich und überlegte, wann es angemessen wäre zu fragen.

»Schütten Sie uns noch einen Tee auf, und diesmal mit etwas Zucker.«

»Oh«, sagte ich. Es machte mich verlegen, eine schlechte Gastgeberin gewesen zu sein. »Ich wusste nicht, dass Sie Zucker nehmen. Es kann sein, dass ich gar keinen weißen habe.«

»Die Bourgeoisie, wie?«

Ich war wütend. »Und Sie sind sich nicht zu schade, aus meinem bourgeoisen Schiebefenster zu schießen, oder?«

Er ruckte vor und griff nach dem Gewehr. Nicht, um mich zu erschießen, obwohl mein Herz kurz aussetzte. Er starrte hinunter in den Garten, und sein Körper spannte sich an, als wollte er die Scheibe mit dem Kopf einschlagen. Er ließ ein leises, unbefriedigtes Grunzen hören und setzte sich wieder hin. »Da war eine verdammte Katze auf dem Zaun.«

»Ich habe Demerara«, sagte ich, »und wahrscheinlich schmeckt der genauso, wenn er hineingerührt ist.«

»Sie kommen doch nicht auf den Gedanken, aus dem Küchenfenster zu rufen?«, sagte er. »Oder die Treppe hinunterzurennen?«

»Was? Nach allem, was ich gesagt habe?«

»Sie denken, Sie sind auf meiner Seite?« Er schwitzte wieder. »Sie kennen meine Seite nicht. Glauben Sie mir, Sie haben keine Ahnung.«

Mir kam der Gedanke, dass er kein Provisorischer war, sondern einer der verrückten Splittergruppen angehörte, von denen man lesen konnte. Allerdings war ich kaum in der Situation, Haarspaltereien zu betreiben. Das Endergebnis würde dasselbe sein. Aber ich sagte: »Bourgeoisie, was für ein Polytechnikumsausdruck ist das denn?«

Ich beleidigte ihn, und ich tat es bewusst. Den Jüngeren sollte ich erklären, dass die Polytechnika-Institute höherer Bildung für all die waren, die es nicht in eine Universität geschafft hatten: für die, die aufgeweckt genug waren, von »Affinität« zu sprechen, aber immer noch billige Nylonjacken trugen.

Er runzelte die Stirn. »Schütten Sie den Tee auf.«

»Ich denke, Sie sollten sich nicht über meine Großonkel lustig machen, weil sie, wie Sie denken, nur vorgetäuschte Iren sind, wenn Sie selbst mit Ausdrücken um sich werfen, die Sie in Müllcontainern gefunden haben.«

»Es war eine Art Witz«, sagte er.

»Oh. War es das?« Ich war verblüfft. »Dann sieht es wohl so aus, als hätte ich auch nicht mehr Sinn für Humor als sie.« Ich deutete mit dem Kopf zum Rasen draußen, auf dem in Kürze die Premierministerin sterben sollte.

»Ich werfe ihr nicht vor, dass sie nicht lacht«, sagte er. »Das nicht.«

»Das sollten Sie aber. Deshalb kann sie nicht sehen, wie lächerlich sie ist.«

»Lächerlich würde ich sie nicht nennen.« Er blieb stur. »Grausam, durchtrieben, aber nicht lächerlich. Was gibt es da zu lachen?«

»Menschen lachen«, sagte ich.

Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Jesus hat geweint.«

Er grinste. Ich sah, wie er sich entspannte, da er wusste, dass er wegen der verdammten Verzögerung jetzt noch nicht morden musste. »Wobei«, sagte ich, »sie wahrscheinlich lachen würde, wenn sie uns hier so sähe. Auslachen würde sie uns. Voller Verachtung. Sehen Sie nur Ihren Anorak an. Sie verachtet ihn. Und mein Haar. Sie verachtet mein Haar.«

Er hob den Blick. Er hatte mich bis dahin nicht richtig angesehen. Ich war nur die Teeköchin. »So wie es herunterhängt«, erklärte ich. »Statt in Wellen gelegt zu sein. Ich sollte es waschen und mir eine Dauerwelle machen lassen. Auf abgestufte Rollen sollte ich es wickeln – sie weiß, wie man solches Haar behandelt. Und ich mag auch nicht, wie sie geht. Wie sie ›tappt‹, haben Sie gesagt. Sie wird ›um die Ecke tappen‹. Das haben Sie richtig beobachtet.«

»Was denken Sie, worum es hier geht?«, fragte er.

»Um Irland.«

Er nickte. »Und ich will, dass Sie das verstehen. Ich erschieße sie nicht, weil sie keine Opern mag. Oder weil Ihnen ihre – wie in Dreiteufelsnamen nennen Sie es? – ihre Accessoires nicht gefallen. Es hat nichts mit ihrer Handtasche zu tun. Nichts mit ihrer Frisur. Es geht um Irland. Nur um Irland, okay?«

»Oh, ich weiß nicht«, sagte ich, »Sie haben selbst etwas von einem falschen Iren, denke ich. Sie sind dem alten Land nicht näher als ich. Ihre Großonkel kannten den Text auch nicht. Deswegen wollen Sie vielleicht zusätzliche Gründe. Beigaben.«

»Ich bin traditionell erzogen«, sagte er. »Und das hier ist das Ergebnis.« Er sah sich um, als könnte er es nicht glauben: Die entscheidende Tat seines engagierten Lebens lag nur zehn Minuten entfernt, und er lehnte mit dem Rücken an einem weiß furnierten Pressspanschrank, über sich eine plissierte Papierjalousie. Auf dem ungemachten Bett saß eine fremde Frau, und dem letzten Tee, den er in der Hand hielt, fehlte der Zucker. »Ich denke an die Jungs im Hungerstreik«, sagte er, »der Erste von ihnen starb, fast auf den Tag zwei Jahre nachdem sie das erste Mal gewählt worden war. Wussten Sie das? Bobby brauchte sechsundsechzig Tage, um zu sterben, und kurz darauf folgten neun weitere Jungs. Es heißt, nach fünfundvierzig Tagen wird es besser. Da hörst du auf, Galle zu spucken, und kannst wieder trinken. Aber das ist deine letzte Chance, denn schon fünf Tage später kannst du kaum noch sehen oder hören. Dein Körper verdaut sich selbst. Voller Verzweiflung frisst er sich selbst auf. Und Sie fragen sich, ob sie nicht lachen kann? Ich wüsste nicht, was es zu lachen gäbe.«

»Was soll ich dazu sagen?«, erwiderte ich. »Ich stimme allem zu, was Sie sagen. Gehen Sie und kochen Sie den Tee, ich bleibe hier und passe auf das Gewehr auf.«

Er schien es einen Moment lang in Betracht zu ziehen.

»Sie würden sie verfehlen. Sie sind nicht trainiert.«

»Wie haben Sie trainiert?«

»Mit Zielscheiben.«

»Bei einer lebendigen Person ist es etwas anderes. Sie könnten die Schwestern treffen. Die Ärzte.«

»Vielleicht, ja.«

Ich hörte seinen festsitzenden Raucherhusten. »Oh, richtig, der Tee«, sagte ich. »Aber wissen Sie noch etwas? Die Jungs mögen am Ende ja blind gewesen sein, aber sie haben die Sache offenen Auges angefangen. Sie können einer Regierung wie dieser kein Mitleid abzwingen. Warum sollte sie verhandeln? Wie können Sie das erwarten? Was zählen für diese Leute schon ein Dutzend Iren? Was zählen hundert? Die wollen die Todesstrafe. Sie geben sich modern, aber lass sie frei schalten und walten, und sie stechen ihren Feinden öffentlich die Augen aus.«

»Ist vielleicht gar nicht so schlecht«, sagte er. »Aufgehängt zu werden. Unter gewissen Umständen.«

Ich starrte ihn an. »Um ein irischer Märtyrer zu werden? Okay. Das geht schneller, als sich zu Tode zu hungern.«

»So ist es. Da kann ich nicht widersprechen.«

»Sie wissen, was die Männer im Pub sagen? Sie sagen, nenne mir einen einzigen irischen Märtyrer. Sie sagen, komm schon, komm, du kannst es nicht, oder?«

»Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe nennen«, sagte er. »Die Namen standen in der Zeitung. Sind zwei Jahre eine zu lange Zeit, um sich noch zu erinnern?«

»Nein. Aber vergessen Sie nicht: Die Leute, die das sagen, sind Engländer.«

»Sie haben recht. Es sind Engländer«, sagte er traurig. »Sie können sich verdammt noch mal an gar nichts erinnern.«

Zehn Minuten, dachte ich. Etwa zehn Minuten. Ihm zum Trotz trat ich leise ans Küchenfenster. Die Straße war in ihre gewohnte Alltagsstarre verfallen. Die Leute waren alle an der Ecke. Sie mussten sie bald erwarten. Auf der Arbeitsfläche stand das Telefon, direkt neben meiner Hand, aber wenn ich es abnahm, würde er den Apparat im Schlafzimmer einen leisen Piepser von sich geben hören, würde kommen und mich töten, nicht mit einer Kugel, sondern auf eine weniger auffällige Weise, um die Nachbarn nicht zu alarmieren und sich den Tag nicht zu verderben.

Ich stand neben dem Kessel, während er zum Kochen kam, und fragte mich: War die Augenoperation ein Erfolg? Wird sie, wenn sie herauskommt, normal sehen können? Werden Sie sie führen müssen? Werden ihre Augen verbunden sein?

Mir gefiel das Bild nicht, und ich rief zu ihm hinüber, um die Antwort zu bekommen. Nein, rief er zurück, die alten Augen werden so scharf sein wie je.

Ich dachte, sie hat keine Träne in sich. Nicht für die Mutter im Regen an der Bushaltestelle oder für den Seemann, der auf dem Meer verbrennt. Sie schläft vier Stunden pro Nacht und lebt von Whiskydämpfen und dem Eisen im Blut ihrer Beute.

 

Als ich ihm die zweite Tasse Tee, mit Demerara, hineinbrachte, hatte er seinen weiten Pullover ausgezogen, der unten an den Ärmeln aufribbelte. Er ist für das Grab angezogen, dachte ich, Schicht über Schicht, doch das wird die Kälte nicht vertreiben. Unter der Wolle trug er ein verblichenes Flanellhemd. Der verdrehte Kragen stand in die Höhe. Ich dachte, er sieht aus wie ein Mann, der seine Wäsche selbst wäscht. »Ziehen Sie jemanden mit ins Unglück?«, fragte ich.

»Nein«, sagte er, »ich hab keinen großen Erfolg bei Mädchen.« Er fuhr sich mit der Hand über das Haar, als könnte die Geste etwas an seinem Glück ändern. »Keine Kinder, na ja, wenigstens keine, von denen ich wüsste.«

Ich gab ihm seinen Tee. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Hinterher …«, sagte er.

»Ja?«

»Sie werden gleich sehen, woher der Schuss gekommen ist, dazu müssen sie nicht lange herumknobeln. Wenn ich die Treppe runter bin und aus der Tür komme, haben sie mich gleich da auf der Straße. Ich nehme das Gewehr mit, dann erschießen sie mich, sobald sie mich sehen.« Er hielt inne und setzte dann wie gegen einen Einwand von mir nach: »So ist es das Beste.«

»Ah«, sagte ich. »Ich dachte, Sie hätten einen Plan. Ich meine, einen anderen, als sich töten zu lassen.«

»Was für einen besseren Plan könnte ich haben?« Es lag nur ein Hauch Sarkasmus in seiner Stimme. »Das hier ist ein Gottesgeschenk. Das Krankenhaus. Ihre Dachwohnung. Ihr Fenster. Sie. Es ist billig, sauber, schafft diese Frau aus dem Weg und kostet nur einen Mann.«

Ich hatte gesagt, Gewalt löse keine Probleme. Aber das war reine Frömmigkeit, wie das Gebet vor dem Essen. Die Bedeutung hatte mich nicht gekümmert, als ich es sagte, und als ich jetzt darüber nachdachte, fühlte ich mich wie eine Heuchlerin. Es ist nur das, was die Starken den Schwachen predigen, du hörst es nie andersherum: Die Starken legen ihre Waffen nicht weg. »Was, wenn ich Ihnen etwas Zeit verschaffen könnte?«, sagte ich. »Wenn Sie Ihre Jacke beim Schießen trügen und bereit wären zu verschwinden: den Witwenmacher hier ließen, ihre leere Tasche nähmen und das Haus wie ein Installateur verließen? So, wie Sie hereingekommen sind?«

»Sobald ich dieses Haus verlasse, haben sie mich.«

»Und wenn Sie durchs Nebenhaus gingen?«

»Wie sollte das möglich sein?«, sagte er.

Ich sagte: »Kommen Sie mit.«

Es machte ihn nervös, seinen Posten zu verlassen, aber auf diese Aussicht hin musste er es. Wir haben noch fünf Minuten, sagte ich, und das wissen Sie, also kommen Sie und lassen Sie das Gewehr ordentlich unter dem Stuhl liegen. Er folgte mir dicht auf in den Flur, und ich musste ihm sagen, er solle einen Schritt zurücktreten, damit ich die Tür aufmachen konnte. »Arretieren Sie den Riegel«, riet ich ihm. »Es wäre ein Witz, wenn wir uns aussperrten.«

Die Treppen in diesen Häusern sind ohne Tageslicht. Man kann einen Zeitschalter an der Wand drücken und die Treppenabsätze damit in ein grelles gelbliches Licht tauchen. Aber nach den eingestellten zwei Minuten wird es wieder dunkel. Allerdings nicht so dunkel, wie man erst denkt.

Du stehst, atmest ruhig und gleichmäßig, und die Augen gewöhnen sich. Die Füße machen kein Geräusch auf dem dicken Teppich, und du gehst eine halbe Treppe hinab. Du lauschst: Das Haus ist still. Die Mieter, die sich diese Treppe teilen, sind den ganzen Tag nicht da. Die geschlossenen Türen annullieren und dämpfen die Welt draußen, das Geschnatter der Radionachrichten, den Lärm der Stadt, selbst das apokalyptische Dröhnen der Flugzeuge, die nach Heathrow einschwenken. Die stehende Luft riecht nach Kampfer, als öffneten die Leute, die als Erste in diesem Haus gewohnt haben, die Schränke und holten ihre Trauerkleidung heraus. Halb schon draußen, aber noch im Haus, sichtbar, aber ungesehen, könntest du hier ungestört eine Stunde verbringen, oder gar einen ganzen Tag. Schlafen könntest du, träumen. Unschuldig oder nicht, du könntest dich hier jahrzehntelang versteckt halten, während die Töchter der Ratsherren da draußen alt werden: Hier auf den Stufen könntest auch du alt werden und die Henkersschlinge von deinem Namen nehmen. Eines Tages werden die Häuser einstürzen, in einer Wolke aus Putz und Knochenstaub. Die Zeit wird sich auf null zubewegen, auf einen Punkt: Engel werden suchend durch die Ruinen streifen, Blütenblätter aus den Gossen blasen, die Arme in zerfetzte Flaggen gewickelt.

Auf der Treppe die geflüsterten Worte: »Und werden Sie mich auch töten?« Das ist eine Frage, die sich nur im Dunklen stellen lässt.

»Ich lasse Sie gefesselt und geknebelt zurück«, sagt er. »In der Küche. Sie können Ihnen sagen, dass ich es gleich nach meinem gewaltsamen Eindringen gemacht habe.«

»Aber wann wollen Sie es wirklich tun?« Die Stimme ein Murmeln.

»Kurz vorher. Hinterher ist keine Zeit.«

»Das werden Sie nicht. Ich will es sehen. Das verpasse ich nicht.«

»Dann fessele ich Sie im Schlafzimmer, okay? Ich fessele Sie mit Aussicht.«

»Sie könnten mich auch kurz vorher nach unten gehen lassen. Ich nehme eine Einkaufstasche mit, und wenn mich niemand sieht, sage ich, ich war die ganze Zeit weg. Aber dann müssen Sie meine Tür noch aufbrechen, oder? Damit es nach einem Einbruch aussieht.«

»Ich sehe, dass Sie sich mit meinem Job auskennen.«

»Ich lerne.«

»Ich dachte, Sie wollten zusehen.«

»Ich würde es hören können. Es wird wie das Getöse in einem römischen Amphitheater sein.«

»Nein. So machen wir es nicht.« Eine Berührung, eine Hand streicht über meinen Arm. »Zeigen Sie’s mir schon. Womit ich hier

meine Zeit verschwende.«

Zwischen den Etagen ist eine Tür. Sie sieht aus wie der Zugang zu einem Besenschrank. Aber sie ist schwer. Schwer zu öffnen, und die Hand rutscht vom Messingknauf ab.

»Im Falle eines Feuers …«

Er beugt sich an mir vorbei und zieht die Tür auf.

Fünf Zentimeter dahinter eine weitere Tür.

»Drücken Sie.«

Er drückt. Sie schwingt langsam auf, Dunkel ins Dunkel. Der gleiche abgestandene, gestaute Geruch, der Geruch des Grenzbereichs, in dem die private und die öffentliche Welt aufeinandertreffen: Regennässe auf Industrieteppich, klamme Schirme und feuchtes Schuhleder, der Metallgeruch von Schlüsseln, Salz in der Hand. Aber es ist das Nebenhaus, sieh genau in die Düsternis. Es ist die gleiche und auch wieder nicht. Du kannst von einem Rahmen in den anderen treten. Als Mörder betrittst du Nummer 21, als Installateur verlässt du Nummer 20. Hinter der Feuertür sind andere Haushalte mit anderen Leben. Verschiedene Geschichten liegen nahe beieinander: eingerollt wie Tiere im Winterschlaf, mit flachem Atem, der Puls nicht fühlbar.

Was wir tun müssen, ist klar: Wir müssen uns zusätzlich Zeit verschaffen. Die Gnade ein paar zusätzlicher Momente, um uns von der Situation wegzubringen, die nicht verhandelbar ist. Das Haus hat eine unerwartete Eigenart. Sie bietet nur eine kleine Chance, aber eine andere gibt es nicht. Aus dem Nebenhaus tritt er ein paar Meter näher zum Ende der Straße hin ins Freie: näher zum richtigen Ende, weg von Stadt und Burg, weg von der Tat. Wir müssen annehmen, dass er trotz seines Wagemuts nicht sterben will, wenn er es vermeiden kann: dass irgendwo in den umliegenden Straßen, widerrechtlich auf dem Platz eines Anwohners geparkt oder eine Zufahrt versperrend, ein Auto auf ihn wartet, um ihn außer Reichweite zu bringen, ihn verschwinden zu lassen, als hätte es ihn nie gegeben.

Er zögert, blickt in die Dunkelheit.

»Versuchen Sie es. Schalten Sie das Licht nicht ein. Sagen Sie nichts. Gehen Sie nur hindurch.«

Wer hat die Tür in der Wand nicht gesehen? Es ist der Trost des schwachen Kindes, die letzte Hoffnung des Gefangenen. Es ist der einfache Ausgang für den Sterbenden, der nicht im Todesgriff eines rasselnden Keuchens zugrunde geht, sondern mit einem Seufzer verscheidet, wie eine zu Boden fallende Feder. Es ist eine besondere Tür, die nicht den Gesetzen von Holz und Eisen gehorcht. Kein Schlosser kann sie versperren, kein Gerichtsvollzieher eintreten. Patrouillierende Polizisten gehen an ihr vorbei, denn sie ist nur für das glaubende Auge sichtbar. Bist du einmal durch sie hindurch, kommst du als Licht und Luft zurück, als Funken und Flamme. Dass der Attentäter ein Flimmern auf den Rahmen geworfen hat, weißt du. Hinter der Tür löst er sich auf, deswegen siehst du ihn nie in den Nachrichten. Deswegen lernst du seinen Namen nicht kennen, erfährst nicht, wie er aussieht. Deswegen lebte Mrs Thatcher, wie du sicher weißt, bis zu ihrem natürlichen Tod. Aber beachte die Tür; beachte die Wand; beachte die Macht der Tür in der Wand, die du nie gesehen hast. Und beachte den kalten Wind, der durch sie hindurchbläst, wenn du sie einen Spalt öffnest. Die Geschichte hätte immer auch anders sein können. Denn es gibt die Zeit, den Ort, die schwarze Gelegenheit: den Tag, die Stunde, die Neigung des Lichts, das Läuten des Eiswagens in einer fernen Gasse bei der Umgehungsstraße.

Und als er zurück in Nummer 21 tritt, grunzt der Attentäter vor Lachen.

»Pssst«, sage ich.

»Das ist Ihr toller Vorschlag? Dass sie mich ein Stück weiter die Straße hinunter erschießen? Okay, wir probieren es. Verlassen den Ort auf einer anderen Route. Eine kleine Überraschung.«

Die Zeit ist knapp. Wir kehren ins Schlafzimmer zurück. Er hat nicht gesagt, ob ich es überleben werde oder andere Pläne machen sollte. Er schiebt mich zum Fenster. »Machen Sie es auf und treten Sie dann zurück.«

Er fürchtet, ein plötzliches lautes Geräusch könnte unten jemanden aufschrecken. Aber wenn das Fenster auch schwer ist und mitunter an seinem Rahmen rüttelt, fährt es doch ruhig nach oben. Er muss sich keine Sorgen machen. Die Gärten sind leer, und drüben im Krankenhaus, hinter Zäunen und Büschen, tut sich etwas. Sie kommen heraus: zunächst nicht die höheren Herrschaften, sondern eine Schar Schwestern mit Kitteln und Hauben.

Er nimmt den Witwenmacher und legt ihn sich sanft auf die Knie. Er kippelt mit seinem Stuhl vor, und weil ich sehe, dass seine Hände wieder schweißnass sind, bringe ich ihm ein Handtuch, das er ohne ein Wort nimmt. Er wischt sich die Handflächen trocken. Erneut werde ich an etwas Priesterliches erinnert: ein Opfer. Eine Wespe trödelt auf der Fensterbank herum. Der Geruch der Gärten ist wässrig und grün. Lauer Sonnenschein zieht herein, poliert seine schäbigen Halbschuhe und schiebt sich scheu über die 

Oberfläche des Frisiertischs. Ich will ihn fragen: Wenn das, was geschehen soll, geschieht, wird es laut sein? Hier, wo ich sitze? Wenn ich sitze? Oder stehe? Wo stehe? Neben ihm? Vielleicht sollte ich mich hinknien und beten.

Jetzt sind es nur noch Sekunden. Auf der Terrasse, dem Rasen zwitschert das Krankenhauspersonal. Eine Verabschiedungsreihe hat sich gebildet. Ärzte, Schwestern, Bürohocker. Der Chef kommt dazu, in seinem weißen Aufzug und mit einer Haube, wie ich sie bisher nur in Bilderbüchern gesehen habe. Wider Willen muss ich kichern. Ich bin mir jedes Ein- und Ausatmens des Attentäters bewusst. Stille senkt sich nieder: auf den Garten, auf uns.

Hohe Absätze auf dem vermoosten Pfad. Tippi-tapp. Tappe weiter. Sie müht sich, kommt aber nicht schnell voran. Die Tasche an ihrem Arm, wie ein Schild. Der geschneiderte Anzug genau, wie ich ihn mir vorgestellt habe, die Schleife, die lange Perlenkette und – etwas Neues – eine riesige Brille. Schützt sie, ohne Zweifel, vor den Prüfungen des Nachmittags. Die Hand ausgestreckt, bewegt sie sich an der Reihe entlang. Jetzt, da es endlich so weit ist, haben wir alle Zeit dieser Welt. Der Schütze kniet nieder und nimmt seine Position ein. Er sieht, was ich sehe, den glitzernden Helm ihres Haars. Er sieht ihn wie eine Goldmünze in der Gosse leuchten, groß wie den vollen Mond. Die Wespe schwebt über der Fensterbank, hängt in der ruhigen Luft. Ein leichtes Blinzeln des blinden Auges der Welt.

»Freuen Sie sich«, sagt er. »Scheiße noch mal, freuen Sie sich.«


*Aus: Die Ermordung Margaret Thatchers von Hilary Mantel. © der deutschen Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln, S. 133-158.

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