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Fest steht, es muss gemacht werden und es wird heute gemacht. Anne hat den Termin, sie hat ihn heute und nicht morgen, und sie wird da hingehen und dann saugen sie den Embryo aus ihr raus. Sie wird alleine gehen. »Max«, sagte sie, »ich muss das alleine machen, ich will nicht, dass du mitkommst.«

Ich sagte: »Bist du dir sicher? Soll ich dich auch nicht abholen kommen, überleg es dir bitte noch mal, du willst doch nicht wirklich alleine sein, wenn du aufwachst?« Aber Anne legte den Kopf leicht zur Seite und sah mich streng an, als wolle sie sagen: Das ist mein Körper, und deine Suggestivfrage kannst du dir sonst wohin stecken also bitte akzeptier das jetzt einfach. Und das war’s. Abgeklärte Anne. Bei diesem Blick heißt es Klappe halten, sonst schreien wir uns kurze Zeit später an, so viel weiß ich. Das sind Erfahrungswerte. Wir sind über zwei Jahre zusammen.

Anne macht sich ganz groß zurecht. Sie ist schon eine Dreiviertelstunde im Badezimmer, vorhin konnte ich den Fön hören, davor hat sie noch mal geduscht. Wenn wir ausgehen, braucht sie nicht halb so lang und ruft mindestens zwei Mal durch die ganze Wohnung, dass sie nichts zum Anziehen habe. Dann kommt sie in mein Zimmer, stellt sich vor mich hin, immer etwas schief, ein Bein leicht eingeknickt, ziemlich genervt, schnauft angestrengt und fragt, ob sie so gehen könne. Ich bin jedes Mal ein bisschen verliebt in diese Haltung und in das Schnaufen und sage: »Du siehst gut aus. Du siehst fantastisch aus.« Ich sage das bei jedem Outfit, es ist ein Ritual.

Sie kommt aus dem Bad, geht in Unterwäsche direkt in ihr Zimmer und schließt die Tür, sie sagt kein Wort. Ich weiß überhaupt nichts mit mir anzufangen. Ich sitze auf dem Küchensofa und schaue meine Fingernägel an, ab und zu beiße ich ein Stück Nagelhaut ab. Ich warte, ich warte darauf, dass es einfach vorbei ist. Ich lausche in die Wohnung, um zu hören, was Anne macht. Am liebsten würde ich trinken, schon den ganzen Tag. Anne zieht sich an.

Noch vor drei Monaten hätte das alles eigentlich nicht passieren können. Anne hatte kaum noch Lust auf Sex. Das war frustrierend, für sie und für mich, Woche für Woche, immer ein bisschen mehr. Zuerst nur dann, wenn wir versuchten, miteinander zu schlafen, und es immer öfter nicht klappte und wir Rücken an Rücken im Bett lagen, bis einer den anderen sanft am Arm berührte. Später wies sie mich zurück, bevor es so weit kommen konnte. Ich nehme an, sie tat das, weil sie meine offene Enttäuschung und ihre Wut auf den eigenen Körper vermeiden wollte. Besser wurde es dadurch nicht.

Irgendwann begann unsere ganze Beziehung darunter zu leiden. Unser Umgang miteinander wurde distanzierter, Anne setzte sich viel seltener nach dem Frühstück am Sonntag einfach so auf meinen Schoß. Wir küssten uns nicht mehr, wenn einer von uns nach Hause kam. Und wir reagierten viel öfter gereizt auf den anderen, machten uns Vorwürfe wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Das schlich sich ein, wir bemerkten es erst, als es beinahe zu spät war und wir uns nach einem heftigen Streit fragen mussten, ob wir uns überhaupt noch liebten.

Der Frauenarzt sagte, die Pille könne die Lustminderung verursachen. Anne setzte sie also ab. Es half tatsächlich, wir schliefen wieder öfter miteinander. Unser Sex veränderte sich, er wurde besser in dieser Zeit. Ich glaube, vor allem Anne hatte mehr davon. Nur Kondome, die mochten wir nicht. Wir verhüteten auch sonst nicht. Wir ignorierten die Gefahr einer Schwangerschaft einfach, wir sprachen auch nicht darüber, es war mehr ein Geschehen als ein Tun. Vor zehn Tagen kam ich nach Hause und Anne sagte: »Ich bin schwanger.« Das war das erste und letzte Mal, dass sie dieses Wort aussprach.

Es ist vier Uhr nachmittags, der Termin ist in einer halben Stunde, früher ging es nicht, sie haben Anne dazwischengeschoben. Sie ist seit dem Frühstück nüchtern geblieben.

Sie muss noch durch die ganze Stadt fahren. Aber sie lässt sich Zeit fürs Ankleiden. Ich klopfe an ihre Zimmertür. »Was ist denn?«, sagt sie.

»Darf ich reinkommen?«, frage ich.

»Wenn es sein muss.«

Sie trägt eine weiße Bluse, einen schwarzen Hosenanzug und hohe Schuhe. Sie ist stark geschminkt. Roter Lippenstift, Puder, Make-up, Lidschatten, Wimperntusche, dunkler Kajal, Rouge, das ganze Programm, von allem zu viel. Man sieht kleinere Hautunreinheiten unter dem Make-up und einen Rand am Hals. Die Haare hat sie streng zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Anne sieht überhaupt nicht aus wie Anne. Sie sieht aus wie eine Version von sich, die gleich ein Auto mit gefälschtem Tachostand zu teuer an einen Gebrauchtwagenhändler verkaufen will.

»Jetzt sag wenigstens was«, sagt sie, »sag mir wenigstens, wie ich aussehe.«

»Du siehst gut aus. Du siehst fantastisch aus«, sage ich, »im Wartezimmer werden sich alle in dich verlieben.«

»Das ist ein Frauenarzt, Max. Da werden nur Frauen sitzen. Frauen, die auf einen Arzttermin warten, bei dem ihnen ein Fremder in die Möse guckt.« Sie schaut in den Spiegel. Sie zupft an ihrem Pferdeschwanz, an ihrem Ausschnitt, sie runzelt die Stirn. »Da verliebt sich niemand in niemanden«, sagt sie.

»Was ist denn los?«, sage ich. »Ich wollte doch nur sagen, dass ich finde, dass du gut aussiehst.«

»Ist okay, Max. Ist okay.«

Bisher verlief der Tag eigentlich vollkommen normal. Die üblichen Abläufe am Morgen. Anne ging zuerst ins Bad, ich blieb noch im Bett liegen und sagte ihr, wie schön sie sei, als sie nur in Unterwäsche und mit einem Handtuch auf dem Kopf zurück ins Zimmer kam und wie immer vor dem Kleiderschrank stand. Wir nutzten den Vormittag dafür, mal richtig sauber zu machen. Küchenschränke auswischen, Wasserkocher entkalken, Abflüsse frei machen. Wir redeten kaum. Wenn wir etwas sagten, ging es darum, wie überrascht wir darüber sind, dass geschlossene Schränke von innen so schmutzig werden können.

Einer unserer großen Pasta-Teller ging kaputt, es war der letzte, den wir hatten. Es waren mal vier, alle kaputt. Ich ließ ihn fallen, als Anne ihn mir anreichte. Die Scherben sprangen auf dem Boden in alle Richtungen, Anne fluchte laut und warf mir vor, schrecklich ungeschickt zu sein. Später kochte ich mir Nudeln und aß von einem flachen Teller. Anne sah mir schweigend beim Essen zu, danach ging sie ins Bad.

Sie dreht sich zu mir um. »Das Ding muss aus mir raus. Verstehst du eigentlich, was das mit mir macht?« Sie dreht sich zum Spiegel zurück und streicht sich über die Haare. Sie entfernt den überflüssigen Lippenstift mit einem Taschentuch. Sie nimmt ihre Handtasche und geht an mir vorbei aus dem Zimmer. Ich folge ihr in den Flur und bis an die Wohnungstür.

»Wenn alles problemlos abläuft, wird mich danach übrigens Marie abholen«, sagt sie. »Wir gehen dann noch was essen oder so. Ich rufe an, wenn es vorbei ist. Warte jedenfalls nicht auf mich, ich weiß noch nicht, wann ich wiederkomme.«

»Muss das sein«, sage ich, »muss das jetzt auch noch sein?«

»Mir saugen sie gleich was raus, Max, mir! Aber mach dir keine Sorgen, ich komm damit klar.«

Ich wusste direkt, dass ich es nicht bekommen wollte. Ich reagierte klar, von Anfang an. Ich sagte: »Ich kann mir das grad nicht vorstellen.« Anne weinte. Ich sagte: »Also, generell schon, auch mit dir, aber halt nicht jetzt.« Wir waren erst vor einem halben Jahr zusammengezogen. Anne hatte grade ihre eigene Gruppe im Kindergarten übernommen. Ich musste meine Diplomarbeit schreiben und mich auf die Abschlussprüfungen vorbereiten. Für den Sommer hatten wir eine große USA-Reise geplant. Das war die Situation. Wir saßen auf dem Bett, wir hielten uns und konnten nicht fassen, wie dumm wir gewesen waren. Wir schlugen auf die Matratze und warfen die Kopfkissen vom Bett. Wir waren uns einig darüber, dass eine Schwangerschaft eine frohe Nachricht sein sollte. Wir sprachen nicht aus, was das bedeutete, wir beschlossen nur, unseren Eltern nichts davon zu erzählen. Anne sagte, ihr werde vom Geruch von Kaffee und Zigaretten schon schlecht.

Sie geht, ohne mich vorher noch mal zu küssen oder in den Arm zu nehmen, die Treppe runter. Ich bleibe in der Wohnungstür stehen. »Hast du den Schein dabei?«, rufe ich ihr hinterher. Anne stoppt auf dem Treppenabsatz. Sie hält sich am Geländer fest, schaut über ihre Schulter zurück nach oben. Direkt über ihr hängt eine Deckenlampe, ihr Licht wirft Schatten in Annes Gesicht, sie liegen unter ihren Augen und auf den Wangen. Sie sieht hart aus. Meine liebe kleine Anne, das Mädchen, das nach unserer ersten gemeinsamen Nacht vor dem Kleiderschrank stand und nicht wusste, welche Socken es anziehen soll, dieselbe Anne steht jetzt straff in gebügelter Bluse und auf Absätzen ein halbes Stockwerk unter mir; und ihr Blick ist auch hart und sie sagt: »Ja, ich habe den Schein.«

»Bist du sicher?«, sage ich, »schau noch mal nach. Du brauchst den Schein.«

Aber Anne antwortet mir einfach nicht mehr und geht die Stufen runter. Ihre Absätze lassen ein dumpfes Geräusch durch den Hausflur schallen. Ich stehe an der offenen Wohnungstür und kratze an einer Hautunebenheit an meinem Hals. Dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich konnte mir während der letzten zehn Tagen nie vorstellen, wie Anne hochschwanger ausgesehen hätte.

Das letzte Mal hat Anne auf dem Nachhauseweg vom Frauenarzt geweint. Sie geht seit ihrer ersten Periode dorthin. Wir fuhren durch das Viertel ihrer Jugend, und Anne schaute die ganze Zeit aus dem Fenster und weinte stumm. Wir hatten Gewissheit, die Ärztin hatte auf den Ultraschallmonitor gezeigt und gesagt: »Ja, hier, sehen Sie das, Sie sind schwanger.« Mit viel Fantasie konnte man ein fingergliedgroßes Würmchen erkennen. Sie gab uns eine Broschüre mit Adressen von Stellen, die Schwangerschaftskonfliktberatungen anbieten und wir fuhren nach Hause und Anne weinte.

Ich gehe zurück in die Wohnung und schaue aus dem Fenster auf die Straße. Anne ist nicht mehr zu sehen. In der Küche nehme ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Ich merke, dass meine Hand zittert. Ich lege den Öffner neben die Flasche, stütze mich an der Arbeitsplatte ab und atme tief durch. Dann strecke ich beide Hände vor mir aus. Ich zittere. Ich schaue   auf meine zitternden Hände und erinnere mich daran, wie mein Vater einmal zu mir sagte, dass er seit damals, seit meiner Geburt, die Kontrolle über sein Leben verloren habe: Er würde nur noch reagieren, nicht mehr agieren, es sei ein ständiges Auf-Sicht-Fahren. Er hatte keinen Vorwurf in der Stimme, eher war es Verwunderung über diese Erkenntnis. Wir saßen unter einem blühenden Kirschbaum im Garten meiner Großeltern und tranken kühles Bier. Er stand auf und ging zurück zur Terrasse, auf der drei Generationen beieinandersaßen. Mein Vater war 26, als ich geboren wurde, so alt wie ich jetzt.

Wir erzählten niemandem davon. Wir fuhren übers Wochenende aufs Land, weg von allem, in eine kleine Pension mit Eichenholzeinrichtung im Frühstückszimmer. Wir guckten uns das Dorf an, grillten auf der Terrasse des Gästehauses und gingen auf Feldwegen spazieren.

Abends stellten wir uns vor, was passieren würde, wenn wir es bekämen. Wir besprachen nur Organisatorisches. Geld, Elternzeit, Wohnsituation. Wir bestimmten jeweils einen engen Freund, mit dem wir über die Sache reden wollten. Wir stellten uns nicht ein einziges Mal gemeinsam vor, wie das Baby auf dem Wickeltisch liegt. Wie es uns angrinsen und dabei pupsen würde, wie es zum Stillen an Annes Brust liegen, wie es durch die Wohnung robben oder seine ersten Worte sprechen würde.

Wir sprachen auch nicht über die anstrengenden Seiten der ersten Elternjahre, die schlaflosen Nächte, die generellen Einschränkungen. Über nichts davon. »Wir müssten umziehen«, so redeten wir.

Nur während unserer Spaziergänge oder wenn ich abends noch wach im Bett lag, dachte ich daran, wie es wäre, jetzt einen Kinderwagen zu schieben oder neben Annes noch einen Schlafatem im Zimmer zu hören. Aber ich sprach diese Gedanken nicht aus. Am letzten Abend rauchte und trank Anne wieder. Das Wort Abtreibung war nicht gefallen.

Ich sitze am Küchentisch, vor mir stehen mittlerweile drei leere Bierflaschen. Ich habe die Stirn auf meine Hand gestützt und warte immer noch. Mir fällt auf, dass wir die Tischplatte mal wieder einölen müssten, das Holz ist ganz trocken und ausgebleicht. An einer Stelle kann man eine tiefe und runde Einkerbung sehen. Ein Überbleibsel eines unserer Streite. Ich war so aufgebracht, dass ich ein Glas mit dem Boden auf den Tisch schlug.

Ich nehme mir ein neues Bier aus dem Kühlschrank und setze mich wieder. Das Zittern ist schon etwas besser geworden. Es ist still, unglaublich still. Ich höre nur das Ticken der Wanduhr. Es macht mich nervös, ich nehme sie von der Wand und entferne die Batterie. Sie bleibt auf 18:12 Uhr stehen. Ich lege sie umgedreht auf den Tisch, neben die leeren Flaschen. Ich denke an Anne und daran, wie mehrere Ärzte und Assistenten vor ihren geöffneten Beinen herumlaufen. Wie sie daliegt, mit dem Beatmungsschlauch im Mund. Wie der Narkosearzt neben ihrem Kopf sitzt und das Herz-Diagramm beobachtet, wie er auf den Herzschlag meiner Anne aufpasst, während sie ihr vorne sterile Instrumente reinschieben. Ich beginne zu schwitzen, im Nacken, auf der Stirn und an den Unterarmen. Ich frage mich, ob alles gut gegangen, ob sie schon wieder aufgewacht ist. Ob es erledigt ist. Ich trinke das vierte Bier aus.

Ich glaube, für die pro-familia-Beraterin waren wir ein einfacher Fall. Wir hatten unseren Beschluss bereits gefasst. Wir brauchten den Beratungsschein und wussten, dass jeder einen bekommt, der ein Beratungsgespräch in Anspruch nimmt. Auf einem Zettel sollten wir Gründe für den Schwangerschaftskonflikt angeben. An Stelle eins und zwei standen familiäre, partnerschaftliche Probleme und Kindesvater steht nicht zur Schwangerschaft/zur Frau. Ich machte meine Kreuzchen bei dreizehn, finanzielle/wirtschaftliche Situation und sechzehn, Ausbildungs-/berufliche Situation und schob den Zettel über den Tisch. Anne konnte sehen, was ich angegeben hatte. Dann legte sie ihren Zettel mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch und schob ihn zur Beraterin rüber.

Die Beraterin betrachtete unsere Zettel und fragte dann:

»In Prozenten ausgedrückt, wie sehr wollen Sie dieses Kind nicht bekommen?«

»Zu neunzig Prozent«, sagte ich.

Anne schaute mich von der Seite an, dann sagte sie: »Neunzig Prozent.«

Nach dreißig Minuten war unser Beratungsschein gestempelt. Anne steckte sich noch mehrere Infobroschüren aus einem Aufsteller in die Handtasche. Es war eine Stunde für das Gespräch angesetzt gewesen.

Es ist nach neun. Anne hat immer noch nicht angerufen. Ich trinke Bier, und ich trinke es immer schneller. Mittlerweile bin ich betrunken, ich laufe in der Küche auf und ab, durch den Flur. Ich laufe wie getrieben durch die ganze Wohnung. Ich sorge mich nicht mehr, ich bin wütend, auf Anne, auf uns, auf alles. Ich schwanke leicht und stoße mich an einem Türrahmen. Du solltest dich beruhigen, verdammt noch mal, denke ich. Ich schalte den Fernseher ein, ertrage aber keine einzige Sendung länger als fünf Minuten. Auf jedem Sender löst irgendetwas eine unangenehme Assoziation in mir aus. Ich kann noch nicht einmal eine Kochsendung anschauen. Ich zappe weg, weil das Entkernen einer halbierten Honigmelone gezeigt wird. Ich schalte den Fernseher wieder aus und schließe die Augen, dann klingelt mein Handy.

»Ich wollte anrufen«, sagt Anne.

Ich höre Musik im Hintergrund, Stimmen. »Wie geht es dir?«, sage ich, »ist es vorbei? Wo bist du?«

»Keine Ahnung«, sagt sie, »ich bin irgendwo. Marie ist da. Wir essen hier jetzt was.« Sie klingt erschöpft, sie spricht langsam und mit schwerer Zunge.

»Komm nach Hause«, sage ich, »bitte. Komm nach Hause.«

»Wir essen hier jetzt was, das habe ich dir gesagt. Warte nicht auf mich. Ich muss jetzt Schluss machen.«

»Warte«, sage ich, »verdammt, jetzt warte kurz. Ist alles in Ordnung?«

»Jaja, ich muss zur Toilette«, sagt sie. Dann ist die Leitung tot.

Ich rufe sofort zurück, ein Mal, zwei Mal, beim dritten Mal weist sie den Anruf ab. Als ich das vierte Mal anrufe, geht sofort ihre Mailbox an. Ich werfe mein Handy auf den Boden, der Akku springt raus. Ich schnappe nach Luft und muss mich auf den Boden setzen. Ich weine das erste Mal, seit Anne zu mir sagte, dass sie schwanger sei. Ich weine hysterisch und schreie einmal laut. Dann stehe ich wieder auf, wische mir mit der Hand über das Gesicht und setze mein Handy wieder zusammen. Ich beginne, die Wohnung nach Hinweisen darauf zu durchsuchen, wo Anne mit Marie hingegangen sein könnte. Ich lese die Notizzettel auf ihrem Schreibtisch. Ich fahre ihren Computer hoch und lese ihren Browserverlauf. Ich bin fest entschlossen, herauszufinden, wo sie ist, und dahin zu fahren und sie nach Hause zu holen. Nach einem Restaurant oder einer Bar hat sie in den letzten drei Tagen nicht gesucht. Dafür scheint sich Anne durch alle deutschsprachigen Schwangerschaftsabbruchforen dieser Welt gelesen zu haben. Durch Threads mit den Titeln: Ewige Erinnerung oder Der errechnete Entbindungstermin jährt sich. Mein Blick fällt auf den Stapel Infobroschüren, die Anne bei pro familia mitgenommen hatte. Auf den Deckblättern sind glücklich aussehende Eltern mit Kleinkindern abgebildet: Elterngeld und Elternzeit, Studieren mit Kind, Schwanger in Berlin. Ich lösche den Browserverlauf. Ich packe mir die Infobroschüren, trage sie direkt in den Keller und werfe sie in die Papiertonne. Auf dem Weg zurück in die Wohnung höre ich mein Handy klingeln. Ich sprinte die Treppe hoch.

»Wo bist du?«, frage ich.

»Hier ist Marie«, sagt Marie, »ich soll dir von Anne sagen, dass alles in Ordnung ist. Wir sind in einem Restaurant, ich bringe sie später nach Hause.«

»In welchem Restaurant? Ich hole euch ab«, sage ich.

»Max«, sagt Marie, »Anne möchte nicht, dass du herkommst. Ich bringe sie später nach Hause, mach dir keine Sorgen. Bitte ruf nicht mehr an.«

Sie legt auf.

Ein paar Minuten später rufe ich Anne erneut an, die Mailbox meldet sich. Annes Ansage ist fröhlich, sie kling gut gelaunt und glücklich, man möchte dieser Stimme gerne eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen.

Nach dem Signal sage ich mit stockender Stimme: »Anne, hier ist Max. Wenn ich irgendwas falsch gemacht habe, dann tut es mir leid. Aber bitte komm jetzt nach Hause. Komm nach Hause, ja? Ich halte das nicht mehr aus … Ich liebe dich.«

Ich stehe am Fenster und halte Ausschau. Bei jedem heranfahrenden Auto hoffe ich, dass es ein belegtes Taxi ist, in dem Anne sitzt. Ich trinke jetzt übrig gebliebenen und billigen Schnaps mit Eiswürfeln. Mein Handy liegt neben mir auf der Fensterbank. Im Haus gegenüber sitzt ein Paar Arm in Arm vor dem Fernseher. Ein Schwarm Insekten umschwirrt das Licht einer brennenden Straßenlaterne. Wieder fährt ein Auto langsam heran, aber es hält nicht. Ich frage mich, wann ich Anne verloren habe auf diesem Weg. Ich suche nach einem Moment, irgendeiner Geste, einem Satz, der mir hätte anzeigen müssen, dass bei ihr in den letzten zehn Tagen ein komplett anderer Film ablief als bei mir. Mir wird klar, dass ich nicht weiß, wie es mit uns weitergehen soll.

Ich wache auf, als ich höre, wie die Wohnungstür aufgeschlossen wird. Der Fernseher flimmert stumm und wirft im Takt der Filmschnitte ein schwaches Licht ins Zimmer. Ich stehe auf und gehe schnell in den Flur. Anne stößt beim Reinkommen gegen die Wand. Ihre Schminke ist verschmiert, ihr Gesicht seltsam verzogen, sie hat geweint. »Anne …«, sage ich und gehe auf sie zu.

Sie macht einen halben Schritt zurück, hält sich die Hände abweisend vor die Brust und schaut an mir vorbei. Sie sieht aus wie ein Stoppschild.

»Anne …«, sage ich noch mal, »es ist doch vorbei jetzt, es ist überstanden.«

Sie antwortet nicht, schiebt sich nur mit erhobenen Händen an mir vorbei und achtet darauf, mich nicht zu berühren. Als sie neben mir ist, versuche ich sie sanft am Kinn zu fassen, damit sie den Kopf hebt, damit sie mich wenigstens ansieht, damit ich weiß, was eigentlich los ist. Sie greift mich am Handgelenk, sieht mich an und führt meine Hand ganz langsam wieder nach unten. Es fühlt sich an wie eine Drohung. Aus ihren Augen schreit mich dabei eine Verachtung an, von der ich Gänsehaut im Nacken bekomme. Dann geht sie in ihr Zimmer.

Ich höre, wie sie etwas unter dem Bett hervorzieht. Ich gehe hinterher und bleibe auf der Türschwelle stehen. Anne packt eine Reisetasche, sie sagt: »Ich schlafe heute bei Marie.«

*This story is taken from: „Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern“ by Dorian Steinhoff © mairisch Verlag 2013.

Later in the night he saw, strangely, the picture of himself as he had been before she came. 

He thought: ‚She has the power to wake the dead.‘ 

–Tanja Blixen, Tempests.

Flughafen, heute, Nacht

Im Osten ist jeder Tag anders, sagen die alten Bücher. Er besteht aus Inseln, jede Insel ist anders, auf jeder lebt eine Hexe, und ich kannte eine von ihnen.

Sie nannte sich Gabriela Sloane, wir sind alte Diebe und waren uns beim Ausbaldowern eines grandiosen Raubzugs in einem römischen Park begegnet, ohne gleich zu wissen, daß der andere ebenfalls nichts anderes im Sinn hatte, nichts anderes beherrschte, als zu rauben. Einmal war ich bereits auf ihrer östlichen Insel kriminell in Erscheinung getreten, ohne zu ahnen, daß sie dort im Jahr 5502 geboren worden war (unter dem Namen Pesach Slabosky), eine Hexenkindheit dort verbracht hatte. Während sie wie ein Opossum in seinem Keller hockte, ihre Desert Eagle ölte und an einem schimmeligen trockenen Brötchen knabberte, dinierte ich feuchtfröhlich im Penthouse mit Frobart, unserem Opfer. Immer kam sie von unten, grub Tunnel, zwängte sich durch Rohre, nächtigte in Kellern, während ich gleich oben anfing, mit kultivierten Wortkaskaden arbeitete, Schmeicheleien, vorgetäuschter edler Gesinnung. Ich wollte schon immer die Welt erobern, indem ich mich über ihr ergoß wie parfümiertes Badewasser. Sie wollte einfach nur in aller Stille rauben und morden, sich blutig rächen, ich habe bis heute nicht herausgefunden, wofür, unsere Vorgehensweisen waren recht verschieden. Aber manchmal in Sternstunden waren wir gemeinsam jung und verliebt in die Ewigkeit, weil wir wieder und wieder getrennt wurden.

Gabriela Sloane, hier saß sie nun in ihrem grünen Kostüm in der Abfluglounge des Leonardo da Vinci, man sah ihr die Keller nicht an, wenn sie aus ihnen auftauchte, diesmal war sie vielleicht Ende zwanzig, trügerisch jung, trügerisch klein, gespannt wie eine Springfeder, Haar und Augen leuchtend schwarz, und wenn ich noch irgendeinen Zweifel gehegt hatte, ob diese Diebin und Mörderin einer Sternstunde fähig und meine Geliebte, Gehaßte, Verlorene, Wiedergefundene war, ihre unverschämten Augen ließen Zweifel gar nicht erst zu. Jeder ihrer Blicke traf tief, selbst der neben ihr gierig seine Zeitung Aussaugende, den sie mißtrauisch musterte, verlor sofort die Herrschaft über sein trostloses Inneres und empfing ihre mordlustigen Gedanken wie schwarze Tinte, die sich in Wasser ausbreitet. Sah sie in ihm eine Gefahr, einen Verfolger? Niemand kann mir gefolgt sein, mir zu folgen, ist ganz unmöglich, las ich in ihrem traurigen östlichen Lächeln, das so alt ist wie die Bücher. Zwei Leichen, Frobart und Frau, die Piazza Bologna in polizeilichem Aufruhr, sie hatte mit ihrer Schießwut auch mich in große Gefahr gebracht, mein Abendanzug und die Wolke strengen Eau de Toilettes, in die ich gehüllt war, retteten mich gerade so. Killer trugen nicht Terre D’Hermes auf, wenn sie zur Arbeit gingen, schlußfolgerten nach langen Beratungen die Uniformierten.

Alte und gewaltige Gefühle wie schwarze Vorhänge verdunkelten den Duty Free Shop, in den ich ihr gefolgt war. Zwischen Baci di Dama Nocciola und Romantica Seifen standen wir uns endlich gegenüber. Aber sie wandte sich ab, um an den Seifen zu riechen.

‚Hallo, Pesach.‘

‚Kenne ich Sie?‘

Ich verstand. Es machte mehr Spaß, wenn wir es wieder nicht glauben, nicht fassen wollten, wenn wir fremdelten und die Freude leugneten. Wir sind eben nicht nur Diebe, sondern naturgemäß auch Lügner und Phantasten und akzeptieren einander als solche (waren aber, soweit ich zurückfühlen kann, nie -wie bei Lügnern sonst gang und gäbe- verheiratet).

‚Im Park vor Frobarts Haus‘, sagte ich, ‚da haben wir uns gesehen, als Passanten getarnt. Du hattest ein Nachtsichtgerät, ich nicht.‘

Jetzt roch sie nicht mehr an den Seifen, sondern an einer ihrer schwarzen Haarsträhnen, ganz Unschuld und Selbstvergessenheit, als übersteige das Hier und Jetzt im Duty Free eines Flughafens bei Nacht ihre Vorstellungskraft. Sie hatte es schon immer verstanden, ihr sogenanntes ‚Bewußtsein‘ von einem Moment zum anderen in Narkose zu versetzen (oft litt sie unter Alpträumen).

‚Wo bekommt man sowas?‘

‚Was?‘

‚Nachtsichtgeräte. Du weißt, ich bin ein technischer Idiot.‘

Sie lachte ihr weißperliges rotzüngiges Lachen. ‚Wie meinen? Sie sind wohl nicht ganz bei Trost, Sie Lackaffe.‘ Wie charmant die leicht altertümliche Wortwahl, der Hauch der Jahrhunderte, der die Hexe umwehte. Und sie wollte davonstapfen. Ich erwischte ihren kleinen Finger, an dem ich sie, mit meinem kleinen Finger, festhielt.

‚Hab dich vermißt.‘

Sie betrachtete unsere Finger, nahm sich Zeit dafür. Wollte sie sich endlich erinnern? Ohne aufzuschauen sagte sie leise: ‚Wenn Sie mich nicht sofort loslassen, werde ich Sie töten, gleich hier bei der Seife, und niemand wird es merken und für die Menschheit wird es auch kein Verlust sein.‘  Ich glaubte ihr aufs Wort. Ich sagte:

‚Also gut, Gabriela. Kommen wir zum Geschäftlichen.‘

‚Woher kennen Sie meinen Namen?‘

‚Weil ich deinen Paß gestohlen habe.‘

Mit Genugtuung schaute ich zu, wie sie in ihrer gelben Umhängetasche kramte und Identifikationspapiere herauszerrte, deren Existenz sie nie verstanden hatte.

‚Dreimal‘, lächelte ich. ‚Aber immer zurückgegeben.‘

Sie brütete über ihrem Paß, als sei die eigene Fälschung, die eigene Legende ihr fremd, unverständlich, ein Rätsel.

‚Wer sind Sie?‘

Je suis le poinçonneur des Lilas. Je fais des trous, des petits trous, encore des petits trous…‘  Ich fügte hinzu: ‚Und ich habe Frobarts Stein.‘

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie jede Bewegung einiger auffallend häßlicher vielfliegender verwöhnter Kinder, die hereinstürzten und Wassermaschinengewehre aufeinander richteten. Verfolger? Oder echte Kinder? Wie würde sie eine Übermacht von Verfolgern hier abwehren wollen? Hatte sie einen Plan? Eine unsichtbare Waffe? Helfershelfer, die ich bisher übersehen hatte? Hatte sie einen Liebhaber? Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, sie führte irgendetwas im Schilde. Jetzt bohrte sie auch noch ihren Absatz in meinen Lackschuh.

‚Ach, meinen Sie? Ihr Stein ist falsch. Hab ihn ausgetauscht‘.

‚Du gibst also zu, daß wir uns kennen? Es ist lange her, es ist erschütternd, Pesach, ich muß mich kneifen.‘

Sie bohrte ihren Absatz tiefer.

‚Und du bist schöner als jemals zuvor. Ich habe den Stein übrigens zurückgetauscht, deiner ist falsch.‘

‚Hab ich dann aber wieder ausgetauscht.‘

‚Hältst du mich für einen Amateur? Ich natürlich auch.‘

‚Aber ich nochmal wieder.‘

‚Wie jetzt? Meiner ist nicht echt?‘

‚Oder vielleicht meiner. Sie machen mich ganz meshugge.‘

‚Gabriela, sieh mich an, sag die Wahrheit, bist du es?‘

Sie schüttelte stumm ihre schwarzen Locken. Ließ ein paar Stücke Seife in ihrem Kostüm verschwinden, Macht der Gewohnheit. Eines fiel zu Boden. Wir starrten beide darauf, als hätten wir etwas unschätzbar Wertvolles verloren.

Plötzlich Rosheshone

Mein Name ist Simone Frobart. Ich habe mit Pablo zu Abend gegessen, in der Rue Gabrielle, er hat mich skizziert, aber nicht gemalt. Ich plane eine blaue Periode, hat er gesagt, und du bist mir irgendwie nicht blau genug. Also kann ich auch nicht das Bild gestohlen haben, denn es gab kein Bild von mir, verstehen Sie? Außerdem war es der 6te Oktober. Sie verstehen nicht? Ich will mal so sagen: Sie, Monsieur, sehnen sich nach dem neuen Jahrhundert, wir aber nicht, keines hat je gehalten, was es versprach. David und ich haben einen kleinen Sohn, einen Bastard, er will später mal Schaffner werden und Löcher in Billets knipsen, weiter will ich nicht denken, weitere Gespräche über die Zukunft nicht führen, bringt nur Unglück, ich habe immer Angst, ganz alte Angst. David werden Sie nie schnappen, er ist längst in Biarritz oder sonstwo. Die Knallfrösche haben wir selbst entworfen und gebastelt, wir wollten ein kleines Feuerwerk veranstalten, nur für uns, es war ja plötzlich Rosheshone, der Feiertag. Kennen Sie nicht? Gehört nicht zur Sache? Tut mir leid, daß wir das öffentliche Pissoir in die Luft gejagt haben, wirklich. Nein, ich lache nicht, ja, ich bin mir des Ernstes meiner Lage bewußt. David hat gesagt: Wir schauen in den Nachthimmel, in die Dunkelheit, aber die Sterne werden siegen. Solche Sachen sagt er halt. Ich geb’s zu, ich habe ihm das Klauen beigebracht, bei einer höheren Tochter wie mir heißt es übrigens nicht Diebstahl, sondern Kleptomanie, eine in meinen Kreisen anerkannte Gemütserkrankung, möglicherweise libidonösen Ursprungs. David stellte sich ja derart dämlich an beim Klauen, und Mitleid mit den Opfern hatte er auch immer. Es stimmt übrigens nicht, daß Mitleid keine Liebe ist, oft ist es die Liebe selbst. Schon lustig, finden Sie nicht, daß ich hier sitze und ausgerechnet dem David, der blind ist, die Flucht gelang. Sie meinen, er spielt den Blinden nur? Aha, Sie haben Beweise! Sie haben ja für alles Beweise. Dann ist er schlauer, als ich dachte, ich habe in vier Jahren nichts gemerkt. Er tastete sich so dämlich und anmutig durch die Straßen und das Leben, man muß ihn lieben, er hat sich dann in meine Liebe verliebt, sowas kommt vor. Ich glaube Ihnen übrigens kein Wort, Monsieur, Sie wollen uns auseinanderbringen, das hat schon mein Vater versucht, der ein Verräter ist und sich neuerdings jeden Abend in Sacré Coeur bekreuzigt. David schickte mir keine billets doux, er hat ja nie Geld, wir versteckten uns ein Jahr lang in Vaters Kellern, unser Sohn erblickte dort das Licht der Welt, es war eine wilde romantische Zeit, Stück für gräßliches Stück, das gebe ich bereitwillig zu, verscherbelten wir Vaters Hausrat, er dachte, es seien Gespenster am Werk. da wurde er aus Rache katholisch. Non, je ne regrette rien.

Eine Stunde vor ihrem frühen Tod (sie wurde von ihrem Vater erschlagen) schrieb Simone in ihrer steilschrägen unlesbaren wunderschönen Schrift, die sie als Vierjährige unter einer großen, sehr geliebten Sonne in einem anderen Leben im babylonischen Exil erlernt hatte, einen Brief an David.

Liebster, sie haben mich freigelassen. Pablos Bild ist in einem sicheren Versteck, sogar Dir verrate ich nicht, wo. Vater hat mich enterbt, aber eines Tages werden wir das Bild verkaufen, dann muß unser kleiner Claude nicht Schaffner werden. Heute feiert der Rest der Welt tanzend um die Gaslaternen, im Bois de Vincennes ist Feuerwerk, feurige künstliche Sterne schnuppen am Himmel herum, es sind nicht unsere Sterne, aber sie leuchten doch. Alle rufen: Es lebe das Zwanzigste Jahrhundert! und werfen ihre Hüte in die Luft. Auch wenn Du nicht blind bist, ich vermisse Dich. Nous allons changer le monde. Antworte mir.

Inzwischen am Leonardo da Vinci

Gabriela Sloane und ich starren immer noch auf das heruntergefallene Stück Seife. Die Zeit schwankt einen Augenblick, als habe sie sich im Kreis gedreht und sei dabei in Ohnmacht gefallen. Wann hatte das alles angefangen? Ich wußte es nicht. Sie wußte es auch nicht, oder sie verheimlichte es. Wir stoßen mit den Köpfen zusammen, als wir uns gleichzeitig zur Seife bücken. Im Abflugloungecafé, wo alles außer Atmen verboten ist, (wer nie ein Abflugloungecafé, wo alles verboten ist, um zwei Uhr morgens gesehen hat, weiß nicht, welchen Müdigkeiten der Planet sich entgegenbewegt), sind wir höflich. Breaking News auf den Screens, Frobarts Villa, Frobart und Frau als Leichen, in jeder steckt ein Magazin aus Grabrielas Desert Eagle, werden unter Gummiplanen herausgetragen. Stellungnahmen, Frobart war kein Unbekannter gewesen, alte Familie, Vatikanbank (das war mir neu), hatte als Knirps noch dem Duce die Hand geschüttelt. Bravo, sage ich, wir kommen hier nie im Leben weg, warum hat unser Flug wohl Verspätung, sie sind dir schon auf der Spur, sie werden gleich hier sein. Unser Flug? sagt sie mit diesem unverschämten Blick, diesem Blick, wir fliegen zusammen? Ich küsse sie. Sie schmeckt nach Rhabarber. Denkt sie etwa, ich lasse sie noch ein einziges Mal aus den Augen? Sie küßt gedankenverloren an mir vorbei, küßt die Luft.

Im Osten Rhabarber

Die Kunst, das Verbrechen, auch der Diebstahl, gründen sich auf und sind nicht denkbar ohne eine halb absichtliche, halb unabsichtliche Unaufmerksamkeit und Schläfrigkeit, eine Art von ohnmächtigem Zeitempfinden. Jeder Künstler weiß, daß der Grat zwischen dem noch im Halbdunkel schlummernden, ungeformten Werk und dem Moment, da es zu spät ist, irgendetwas zu verbessern, schmal ist. Die meisten Künstler und Verbrecher schwanken hin und her zwischen diesen beiden Stadien, trotz aller guten Vorsätze, nämlich weil sie zu faul sind, zu gleichgültig, zu selbstzufrieden, zu unaufmerksam, zu eitel. Das ist natürlich ein moralisches Problem, denn alle Kunst und jedes Verbrechen sind, in gewisser Hinsicht, ein Ringen um Rechtschaffenheit, ja, ich sage sogar: um Unschuld…

So sprach Pauline, das unscheinbare Fräulein von — (man durfte ihren Namen nicht aussprechen, eigentlich waren ihr Ästhetikvorlesungen nicht erlaubt, nur Strickstunden am Ofen).

Ein Kuß kann aber die Welt verändern, wandte ich keck ein.

Wir wollen nicht wissen, was wir tun, entgegnete sie, bis es zu spät ist, irgendetwas daran zu ändern. Der menschliche Geist, fuhr sie fort, ist ein Lumpensack. Der Körper, die Objekte der Außenwelt, heiße Erinnerungen, warme Phantasien, Schuld, Angst, Zögern, Zweifel, Lügen, kleine Freuden, große Schmerzen und tausend Dinge, die mit Worten kaum zu fassen sind, koexistieren in uns, koexistieren auch in Ihnen, Herr Frobart.

Wir befanden uns auf einer östlichen Insel mit Namen Weimar, wo die Leute ununterbrochen um die Wette dichteten. Die Insel war nicht groß, sie lag in einem eiskalten Meer, das ununterbrochen an der Insel nagte, so daß sie am Ende einfach fortgewaschen sein würde, aufgelöst, und nur ein Eiskristall vielleicht von ihr übrig bliebe. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut als Tagedieb. War ich nicht zu Höherem berufen, steckte in mir nicht ein ganz anderer Nathan Frobart? Manchmal kniete und betete ich und dachte: Die Zeit ist gekommen.

Dann küßte ich Pauline von — unter dem Flieder. Sie schmeckte nach Rhabarber, den sie heimlich einkochte und in großen Mengen nachts im Schlosskeller verschlang. Ich erfuhr, daß auch sie sich fremd in Weimar und in ihrem Leib und auf der Welt fühlte. Wir waren schon einmal hier gewesen, glaubten wir, hatten uns schon einmal unter Flieder geküßt, in einem anderen Zeitalter. Damals waren wir anders (glaubten wir), tauschten Blicke aus mandelförmigen schwarzen Augen, dufteten nach Kardamom und Mhyrre, Orangen. Irgendwie blauer waren wir, sagte Pauline. Irgendwie älter, sagte ich. Dürfen wir so sprechen, Nathan? flüsterte sie, so sprechen Hexen. Nein, so sprechen die Liebenden, antwortete ich.

Ein Kuß verändert die Welt. Mit einem Mal ist der Lumpensack aufgeräumt, alles Innere geordnet, es gibt keine Angst, keine Furcht, es ist nur noch Platz für dich darin.

Wir wurden Dichter, aber wir schrieben nicht selbst. Wir bedienten uns bei anderen, zogen ihnen die Manuskripte unter den Kopfkissen weg, klauten ihre Kladden und Konvolute. Griffen dann zu Scheren und schnitten das Ganze in Streifen wie Pökelfleisch, setzten es neu zusammen und ließen es drucken unter einem nom de plume, den ich vergessen habe. Stets trugen wir eine Münze bei uns, ich in meinem Brustbeutel, sie in ihren Unterkleidern, für den Fährmann. Unsere Sehnsucht, unsere Vorahnung, daß etwas Großes, Weltbewegendes mit uns geschehen würde, Weltruhm möglicherweise, der Sinn für die Richtung, die unser Leben einschlagen würde, erwiesen sich als richtig. Doch der Weg war länger, als wir uns vorgestellt hatten.

Woanders

Dort konnten wir nicht stehlen, weil wir tot waren (erstickt).

Portrait

Heute ist Sonntag. Unser Haus ist nur noch Schutt und Asche, thank you, Mr. Wernher von Braun. Am Muswell Hill Broadway weinen die Waisenkinder. Vater ist tot, Mutter sprach sieben Tage kein Wort, sie sprach mit ihrem Herz, bis es stehenblieb. Wir dachten, wir wären sicher in London, die Frauen rosafarben wie Marzipan, wirkten beruhigend auf unsere Nerven, die Männer aus weichem hellen leicht gekräuselten Leder, lächelten manchmal amüsiert, zogen eine Augenbraue hoch, alles beruhigend, auch die alte Sprache des Barden, die vielleicht das Laute und Scharfe kennt, aber nicht das Bellen. King Lear wird nie bellen, da können sie in Berlin toben, soviel sie wollen. Vaters Laden, der gute alte Frobart’s Bookshop, dem Erdboden gleich. Im traurigen Rest wühle ich und finde ein altes Buch über die Heimat, die verwunschenen Inseln und die wundervollen Hexen auf ihnen. Sie waren eine Möglichkeit, diese Hexen, aber meine Heimat wollte diese Möglichkeit nicht. Das Portrait einer alterslosen kleinen rabenschwarzhaarigen Hexe mit Augen, die viel gesehen haben und Geheimnisse kennen, zieht mich in eine andere Zeit, als die Inseln noch in der warmen Sonne lagen, manchmal stiegen sie aus dem Meer und wanderten über die Erde, um sich woanders niederzulassen. Eine junge Frau wie ich, Jahrhunderte schon tot, ihr Name war Pesach.

Flug 0913 ist bereit

Wieder in den verfluchten Duty Free, Bühne der unterdrückten Gefühle. Gabriela fiel ein, daß sie noch das eine oder andere, zum Beispiel Toblerone, unbedingt benötigte. Kleiner Wettstreit, wer unter den mitschwenkenden Kameras mehr Toblerone wegzaubern konnte.

‚Wir werden immer besser‘, sagte ich.

‚Ach ja? Hören Sie mal, an der Kasse trennen sich unsere Wege. Und Sie bezahlen.‘ Sie griff nach einem Minigemälde, Rom im Regen, und drückte es mir in die Hand.  ‚Das da.‘ 

Ich hielt mir das Gemälde vors Gesicht. ‚Du hättest mich beinahe geküßt…‘

‚…‘

‚Es ist spät, Gabriela Sloane. Sie sind in Gefahr.‘

‚War es nicht immer spät?‘

‚Nicht damals in Babylon‘, sagte ich.

‚…‘

‚Wir könnten nach London gehen und uns zur Ruhe setzen. Ich habe eine Stadtwohnung in Muswell Hill. Oder nach Paris, dort gehört mir ein kleines Hotel in der Rue – ‚

‚In diesem Park‘, unterbrach sie mich, ‚vor Frobarts Haus, als du dich dreist neben mich auf die Bank gesetzt hast, sind dir die Tauben aufgefallen?‘

‚Tauben?‘

‚Siehst du, du schläfst die ganze Zeit, du schlafwandelst durch unser Leben, ich hab die Schnauze voll, ich muß mich befreien von dir, du schadest mir.‘

‚Tauben?‘

‚Ja, Tauben. Sie standen im Halbkreis um uns herum, ziemlich alte Tauben, starrten uns aus ihren harten Augen an. Und der Himmel war so blau und kalt, hast du auch nicht bemerkt, er hat uns nicht verziehen. Und hiermit verkünde ich das unwiderrufliche Ende.‘

Jetzt schließlich berührte sie mich, ihre Finger (die auch mordeten) zogen einen kleinen Kreis auf meiner Hand, und sie ließ ihren schwarzen Schopf auf meiner Schulter ruhen. Es schien, als wollte sie meine Vergebung. Dafür, daß sie jung war und schön und unverdorben und eine Zukunft hatte, während ich alt und häßlich und ein Sünder war und keine hatte.

‚Lufthansa Flight 0913 now boarding…‘ Die körperlose Stimme.              

Ach, Berlin, dachten wir beide. Eine Stadt, die uns das Schicksal gnädig erspart, um die es uns in weiten Kreisen herumgeleitet hatte. Was wollte sie in Berlin? A Diamond as big as the Adlon?

‚War das Gott?‘ sagte ich.

‚Wie meinen?‘

‚Die Stimme.‘

‚Du lernst es einfach nie. Wir. Wir sind es.‘ Sie stand auf. ‚Bitte, folge mir nicht. Flieg irgendwoanders hin, flieg nach Paris, wir waren mal glücklich dort, lebe in unseren Erinnerungen, ich brauche eine Unterbrechung, eine Pause, mindestens ein Jahrhundert, laß mich einfach alleine.‘

‚Alleine..‘ sinnierte ich noch.

Da war sie schon losgerannt. Ich hatte vergessen, wie schnell sie rennen konnte, es sah aus, als sei ein kleiner Kugelblitz in die Abfluglounge gefahren. Der Rest der Welt machte Platz, spritzte auseinander, wie war ich stolz auf sie. Hatte sie recht, brauchten wir eine Pause? Erst mußte ich sie davon überzeugen, das Morden einzustellen, es lag so gar nicht in unserer Natur, Diebstahl als Kunstform war unsere Natur, Worte und Blicke waren unsere Natur.

Während des Fluges unterhielten wir uns über Nachtsichtgeräte. Die sind ganz famos, sagte sie, wenn du zum Beispiel in einem Haus mit vielen Kellern arbeitest, du siehst alles grün, es ist fantastisch, wie ein Traum. Ich liebte sie, wenn sie so fachsimpelte, und sie wußte das, wir waren Meister der Distanz, wir verstanden und ehrten den Abstand zwischen den Sternen in ihren Nachtlagern am Himmel. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände. Diesmal küßte sie nicht vorbei. Ein Kuß kann die Welt verändern, es gibt keine zeitlosen, vereinzelten, eingekapselten, unbemerkten Augenblicke, in denen wir beliebig handeln können, um dann unsere Leben weiterzuführen, als sei nichts geschehen. Es gibt folgenschwere Küsse. Manchmal muß man sie stehlen. Unruhig wandernde Seelen wissen das. Diebe sowieso.

Beim Landeanflug auf die Stadt Berlin begann die Maschine zu kippeln, dann bedrohlich zu schwanken, dann zu trudeln, und die Hölle brach los.

‚Das darf doch nicht wahr sein, Pesach, wir stürzen ab. Mitten in Europa.‘

‚In der Tat‘, sagte sie. Sie streckte mir die Zunge heraus und fischte ihre Münze für den Fährmann aus der gelben Tasche. ‚Halt lieber deine Münze bereit‘, sagte sie.

‚Hast du hier deine Finger im Spiel?‘

‚Vielleicht.‘

‚Pesach, Pesach…‘

‚Ich muß dir was sagen: es gibt auch eine Bombe.‘

‚Wir werden halb Berlin zerstören.‘

‚Mag sein.‘

‚Ist das denn wirklich nötig?‘

Nous allons changer le monde. Hast du Angst?‘

‚Hättest du wohl gerne.‘

‚Wir sind noch nie zusammen gestorben‘, sagte sie.

Ich wollte sagen: doch, o doch. Aber ich schwieg. Immer schweige ich. Ich bin nicht der einzige, denke ich, und der andere denkt es auch, und so schweigen wir alle zusammen.

‚Weißt du zufällig, was aus unserem kleinen Claude geworden ist?‘ fragte sie.

‚Was er sich immer gewünscht hatte, le poinçonneur des Lilas.

Je fais des trous…‘

Des petits trous…‘

Ich seufzte. Es wäre so schön gewesen. Sie nahm meine Hand. ‚Baruch, damals in Babylon, die Sonne auf unseren Köpfen, wie neu wir waren.‘

Dann kippte das Flugzeug mit hundertneunundzwanzig Seelen an Bord in den steilen Sturzflug und explodierte tief in der Stadt und löschte viele Geschichten aus, aber bloß vorübergehend.

Haben wir nur ein Leben? Vermutlich. Können wir aus unseren Träumen, unseren Sehnsüchten irgendeine Wirklichkeit weben wie einst die Parzen, einen verwunschenen ewigen Teppich, der uns durch die Lüfte und Zeiten fliegt? Vorbei, verlernt. Und dennoch, in unseren Sternstunden sind wir Götter. Wir lieben in anderer Form, anderer Gestalt den Menschen, den wir schon immer liebten, nichts geht verloren, wir singen nur ein Lied.

Wir waren Götter. Jetzt bin ich allein in diesem Keller, kein Licht, keine Sterne, kein Nachtsichtgerät, nur die Vergangenheit, die ein fremdes Land ist. Pesach, bist du noch dort? Oder bist du schon hier? Antworte mir.

                                                                                                                                               Für Hanna


*Copyright © Martin Kluger, 2015.

Als Ferdinand Klingenreiter das Publikum, liebe Freunde, Familie, liebe Kinder, um Ruhe für seine Große Illusion bat, lachten einige, die meisten redeten weiter. Die Mädels vom Stadelmann unterbrachen ihre jauchzende Jagd und wandten sich zur Bühne. Die jüngere – Michaela oder Martina oder sonst ein Name, der für einen Jungen reserviert gewesen war und ein a angehängt bekam – rief schrill und munter durch den Saal: »Mami, wer ist der Opa?«

Klingenreiter winkte ihr zu, so süß wie die aussah, die Zöpfe, das Dirndl, worauf sie erschrocken zur Stadelmännin rannte und deren Arm umarmte. »Das ist doch Freddie, mein Schatz«, erklärte die Mutter, »Freddie … der Famose. Er zaubert uns gleich was.«

Freddie, der Fantastische, wäre korrekt gewesen, aber Klingenreiter machte sich nichts daraus, es war ja sein erster Auftritt überhaupt, wie sollte sich da jemand seinen Bühnennamen schon gemerkt haben?

Insgesamt war es doch etwas leiser geworden im Gemeindesaal, man hörte die Kaffeemaschine glucksen.

Klingenreiter sah zu dem Tisch, an dem Felix saß. Oder vielmehr lag, so tief war der Junge in den Stuhl gesunken, die Hände in den Taschen, der Kopf in der Kapuze, ein Auge unter der Frisur. Was Felix von seinem Körper unsichtbar machen konnte, machte er unsichtbar. Das andere Auge starrte auf die Cola oder auf die Salzstangen im Plastikbecher auf der Plastiktischdecke. Dem Blick des Großonkels begegnete es nicht.

Im Kopf woanders, der Junge. Oder einfach lieber nicht hier.

Ferdinand Klingenreiter machte das nichts aus. Auch in seinem Kopf hatten die Gedanken zeitlebens selten dort Vergnügen gehabt, wo er sie gebraucht hätte, na und? Sind Kirschen und Träume pflücken gegangen, statt Schulaufgaben zu lösen. Merkten sich weder Formeln noch Verse, und sehr schwer nur, wie man die Maschinen richtig bediente. Oder doch, einige Verse schon, welche, die seine Käthe schrieb.

Zaubertricks lernte er dafür mit jener Leichtigkeit, die so groß nur im Nutzlosen stecken konnte.

Im Kopf woanders, im Körper irgendwie auch. Klingenreiter konnte sich immer schon in einer Weise unauffällig verhalten, dass man seine Gegenwart vergaß. Felix hätte ihm dieses Talent neiden können. Diesen Zauber. Brachte aber nicht nur Vorteile. Klingenreiters Eltern hatten in seiner Anwesenheit so heftig gestritten, als wäre er gar nicht da. Das Geschrei ging oft noch weiter, nachdem er sich zu Wort gemeldet hatte. Das waren die einzigen Momente, in denen Klingenreiter sich seinen Bruder nah gewünscht hatte. Wenn Franz da war, ruckelte niemand am Haussegen.

Erst spät, vielleicht überhaupt erst nach Franzens Tod im letzten Jahr, kam es Klingenreiter in den Sinn, dass sein Talent keines zur Unauffälligkeit gewesen war. Es war seinen Eltern, Franz, überhaupt den Leuten schlicht egal, ob er anwesend war oder nicht. Womöglich ist aber auch das ein Talent, Leuten egal sein.

Vielleicht Käthe nicht. Nein, Käthe gewiss nicht, Käthe war er nicht egal gewesen, sie hatte in seiner Anwesenheit immer fröhlich gezwitschert, und man könnte natürlich jetzt sagen, ob mit oder ohne ihn, die Käthe habe so oder so viel gezwitschert, aber das stimmt nicht, Käthe stellte ihrem Mann gelegentlich auch eine Frage, und obwohl sie das vielleicht nur getan hat, um sicherzugehen, dass er zuhörte – indem sie Klingenreiter eine Frage stellte, nahm sie Klingenreiter wahr. Die Tür sprang auf und in den Saal marschierten Thomas und die Familie, also alle außer Felix. Lisa, die Zwillinge, der kleine Max, ein Fässchen mit Fäustchen im Mund neben dem großen Fass, das sein Vater war.

Einige drehten die Köpfe, ein paar standen auf, um Thomas zu begrüßen, so soll es sein, der Chef trifft ein. Klingenreiter nickte seinem Neffen zu, der eine entschuldigende Geste Richtung Bühne machte und sich zu Felix an den Tisch setzte, was der mit einem Schluck Cola ignorierte.

Der Thomas machte das gut mit dem Sägewerk, das heißt, er war informiert und unnachgiebig. Holte jetzt sogar, am Sonntagnachmittag, einen Stapel Papiere aus seiner Tasche, gewiss für die Arbeit. Klingenreiter wollte fortfahren, da machte sein Neffe eine fragende, kreisende Geste über dem Stapel und zeigte in den Saal, er schien Klingenreiter etwas mitteilen zu wollen, und Klingenreiter zuckte wie zur Erlaubnis mit den Schultern.

Daraufhin ließ Thomas den Stapel herumgehen, »jeder nur eins«, und fast jeder nahm sich ein Blatt oder eine Broschüre, oder was das war, waren ja fast nur Werksarbeiter mit den Familien da. Es raschelte jetzt an jedem Tisch, alle lasen sich das durch. Ganz hinten beim Ausgang saß ein einzelner Mann, der alte Stangl war das, er lehnte den Stapel ab.

Klingenreiter wartete, was sollte er auch tun? Neben ihm seine Kiste. Zwei gelbe Blitze, ein rotes Fragezeichen. Eiche. Der Stangl, der war ja auch ein Streitgrund gewesen für die Eltern. Dieser Name, in großer Lautstärke ausgesprochen, gehörte zu Klingenreiters frühesten Erinnerungen. Zog sich über Jahre hin, bis Vater ihn irgendwann verjagt hat.

Mutter hatte Stangl gemocht, das war Fakt. Sie duzten sich sogar, aber für mehr war doch das Sägewerk zu klein! Wäre etwas vorgefallen zwischen den beiden, ein Absauggebläse hätte es erfahren und ein Spaltkeil verraten.

Der Stangl müsste näher an hundert als an neunzig sein. Ist aus dem Tal extra heraufgekommen. Mit dem Bus. Hat Klingenreiter sofort gesucht, um ihn zu begrüßen. Das reicht doch, damit alles gut ist, zwischenmenschlich, jemanden suchen, um ihn zu begrüßen. Sonst einen Freund hatte der Stangl hier aber nicht.

Thomas holte sich jetzt einen Kaffee. Klingenreiter wollte darüber fast den Kopf schütteln, aber wie sähe das aus, ein kopfschüttelnder Magier?

Der Gang, der Nacken und immer der Ehrgeiz. Thomas war wie Franz. Wegen zu viel Ehrgeiz hatten Vater und Franz überhaupt ihren einzigen großen Streit gehabt.

Das war, als Franz vom Studium zurückgekommen war mit Ideen. Franz wollte erneuern, wollte investieren, den Laden ›entwurmen‹. Gabelstapler, Blockzüge, mechanische Sortieranlagen.

Davon hat Vater nichts wissen wollen. Nicht, weil er nicht einverstanden gewesen wäre. Ihm gefiel nicht, dass Franz Sätze mit »An deiner Stelle würde ich« anfing. Ihm gefiel der Druck nicht. Schöne und gute Ideen sind schön und gut, aber Vater wollte Franz eine Lektion in Ideenwirtschaft erteilen, und Lektion eins hieß: Ideen gut verpacken.

Am Ende hat man modernisiert, ein wenig rationalisiert auch, aber eben erst als Vater selbst sich die Zeit angeschaut und gesagt hat, reif ist die jetzt.

Die einzigen Ideen, die Klingenreiter hatte, betrafen die Kantine und das Programm bei der Weihnachtsfeier. Ferdinand Klingenreiter liebte das Sägewerk, und er liebte die Unterhaltung, und es hat ihm nichts ausgemacht, ein Leben lang beim eigenen Bruder angestellt zu sein, mochten die Leute doch reden.

Zu einer Sache nur hat er sich geäußert, zu der Sache mit den Holzfässern. Klingenreiter war dagegen, die Herstellung von Fässern aufzugeben, wie Franz es vorgeschlagen hatte, vor allem aus nostalgischen Gründen. All das Bier, das in Klingenreiter-Fässern gelagert wurde! Und in Zukunft weiter gelagert werden könnte! Er wurde laut gegen Franz und Vater, als ginge es um wer weiß was Wichtiges.

Nostalgische Gründe waren in der Familie nie gewichtige Gründe gewesen. Die Nostalgie ist eine Komplizin von Spinnern, keine von Gewinnern. Die Fassproduktion wurde eingestellt, keine Minute zu früh. Der Rückgang des Produktionswerts in den folgenden Jahren fiel gigantisch aus, überall gab es nur noch Aluminium und Kunststoff und anderes herzloses Zeug, und immer mehr Leute tranken Bier aus Flaschen und Dosen, furchtbar.

Käthe, und was Käthe zu ihm sagte:

›Du Kindskopf, du.‹

›Wo bist du wieder, Freddie, du, bleib doch mal bei mir.‹

›Mein Freddie, du.‹

Das hatte er sich gut gemerkt. Viel von dem, was seine Käthe gesagt hat. Seine Gedanken mahnten ihn manchmal mit Käthes Stimme, gängelten ihn, nahmen ihm Entscheidungen ab, denn im Entscheiden war er erbärmlich. Es gab auch mal Tacheles von den Gedanken, leider viel zu selten.

Seine Hände zitterten. Er ballte sie zu Fäusten. Ferdinand Klingenreiter hatte nie viel zu sagen gehabt, und jetzt zitterte er auf der Bühne, während die Leute darauf warteten, dass er etwas sagte. Dabei wusste er und spürte er, dass immer noch allen egal war, was das war, was er sagen würde, Hauptsache, er nahm seine Medizin und ging in der Nacht nicht noch mal auf der Landstraße spazieren.

Vielleicht Felix, vielleicht war es Felix nicht egal.

Seine Kiste lauerte unerschütterlich an seiner Seite. Die beiden Blitze wie Augen. Vielleicht war den Leuten Magie nicht egal.

Klingenreiter räusperte sich, um die sogar jetzt, während er auf einer Bühne stand, davonjagenden Gedanken zurückzurufen, die Boxen räusperten sich schrill mit. Jetzt hatte er ihre Aufmerksamkeit.

»Meine Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Kinder.« Klingenreiters Lächeln wurde breiter. Gleich würde er aussprechen, was er ein Leben lang vor einem Publikum hatte aussprechen wollen, und alles, was über vierzig Seelen war, konnte freilich Publikum genannt werden, plus der Kirchenchor hinter der Bühne. Zwei Stunden vor Beginn des offiziellen Programms, für eine Zaubereinlage, nicht schlecht, Herr Specht, dachte Klingenreiter.

Wieder suchte er den Blick seines Großneffen, und diesmal erwischte er einen Zipfel blauer Pupille, doch Felix senkte den Kopf. Klingenreiter nahm es ihm nicht übel, er wusste nun, der Junge war dabei, der Junge passte auf, wollte bloß beim Aufpassen nicht erwischt werden.

»Was Sie sogleich zu sehen bekommen, wird Ihre Meinung über die Magie für immer verändern. Damit Sie es aber sehen, brauche ich einen Freiwilligen.« Klingenreiter öffnete einladend die Arme, sein Hemd glitzerte, die Kaffeemaschine piepte. Niemand rührte sich.

Die große Illusionistin Halima hatte am Höhepunkt ihrer Show etwas ganz anderes, etwas Freches gesagt, das traute sich Klingenreiter nicht: »Magie ist nicht das, was ich mache. Magie ist, was ihr nicht seht, dass ich mache.« Halima, mit schwarzer Mähne und langen Armen, die auf und ab schlugen, während sie über die Bühne sprang, tanzte, flog.

Auch hatte Halima dramatische Musik zur Untermalung ihrer Tricks und Illusionen, Klingenreiter hatte bloß die Kaffeemaschine. Der Kirchenchor hätte eigentlich zur Verfügung gestanden, die hatten vor seiner Nummer für den Abend geprobt, hat Klingenreiter ausnehmend gut gefallen, zuerst What if God was One of Us, dann das sehr traurige Wir sind nur Gast auf Erden, und der sehr fröhliche Abgang Always Look on the Bright Side of Life, alles sehr passabel, Fichtner hatte kaum eingreifen müssen. Mit Fichtner hatte Klingenreiter sich aber auf kein Lied zur Begleitung der Illusion einigen können. Klingenreiter hätte gern gehabt, dass der Chor bloß summte, und zwar The Final Countdown, erste Wahl, oder dieses eine, das jeder kennt, aus Carmina Burana, zweite Wahl. Summen kam für den Chorleiter aber nicht in Frage.

»Natürlich nicht, Mann, Freddie.« Auch Felix hatte dazu eine Meinung gehabt.

Die offizielle Ausrede von Fichtner lautete, die Bühne sei zu klein für den Chor und Klingenreiter und Klingenreiters Kiste, die mit Klingenreiters ausgebreiteten Armen noch immer auf ihren Einsatz wartete.

Für Halimas Zaubershow hatte Klingenreiter zwei VIP-Plätze reserviert, für sich und für Felix in der zweiten Reihe. Vor genau einem Monat war das, kurz nach Felix’ vierzehntem Geburtstag, das Ticket Klingenreiters Geschenk an den Jungen, aber auch Klingenreiters Geschenk an Klingenreiter, seine erste große Zauber-Show. Für jemanden, der von Kindesbeinen an für die Magie schwärmte, der Harry Potter mit 65 gelesen hatte und das Haus nie ohne ein Kartenspiel in der Tasche verließ, war es wirklich an der Zeit gewesen.

Auch auf den Besuch der Landeshauptstadt mit Felix hatte Klingenreiter sich gefreut. Er hatte ein türkisches Restaurant für das Abendessen ausgesucht, die Idee dahinter war, dass es zu Hause keinen Türken gab. Dem Jungen schien es egal zu sein, er fragte, ob er Cola bestellen dürfe.

»Du musst doch nicht nach Erlaubnis fragen.« Klingenreiter lachte.

Felix sagte »okay« und bestellte ein Bier.

Klingenreiter riss die Augen übertrieben auf, Felix grinste gelangweilt.

Vierzehn Jahre, das war doch schon einiges, dachte Klingenreiter und bestellte ein Helles und ein extra Glas und goss etwas für Felix ab, und der rührte es nicht an, trank seine Cola, und Klingenreiter trank auch nur die Hälfte wegen der Medizin.

»Was machst du eigentlich sonst gern?« Er konnte sich nichts außer irgendwas am Computer vorstellen.

»Warum ich?«, fragte Felix.

Klingenreiter verstand nicht.

»Warum hast du nicht die Zwillinge mitgenommen? Die hatten auch Geburtstag. Oder Max? Der ist vier, der steht sicher auf so was.«

Klingenreiter lächelte und hasste es, dass er lächelte. Dass er immer aus den Ecken lächeln musste, in die er gedrängt wurde. An der gefliesten Wand hing ein Wandteppich, der Tresen war aus Glas und Metall. Klingenreiter suchte Holz und fand keines. Der Junge wirkte entspannt, wie es Sieger sind. Als wäre er froh, dass ihnen die einfachste Unterhaltung nicht gelang.

Mit Thomas und der Familie waren es achtundvierzig Leute im Gemeindesaal. Inzwischen waren sie alle still, ein Freiwilliger für Klingenreiter war aber immer noch nicht gefunden.

Klingenreiters Arme wogen schwer in der angedeuteten Umarmung. Vielleicht schwiegen die Leute, weil sein eigenes Schweigen zu groß geworden war. Weil es unangenehm ist, wenn einer auf der Bühne steht und nichts sagt. Vielleicht hatte er sich aber auch wieder eingenässt, und das Schweigen war ein betretenes.

Felix leckte das Salz von einer Salzstange.

An der Wand gegenüber hing das ewige Spruchband: »Das Wort ward Fleisch.«

Neben ihm seine Kiste. Die Blitze wie Vorwürfe, das Fragezeichen ein hämisches Grinsen.

Er hatte die Kiste selber entworfen. Fast fünfzig Jahre in einem Sägewerk angestellt, und mit siebenundsiebzig die erste eigene Anfertigung, vom Entwurf bis zur Herstellung.

Gut, Holger Schwarzmann hatte ihm für den Feinschnitt seine nicht zitternden Hände geliehen und Theo Schwarzmann für das Stecksystem die Muskelkraft. Den Zuschnitt hat er aber selbst hinbekommen. Als es um die Maschen und Finessen ging, um das Wesentliche jedes Zauberutensils, musste er den Schwarzmann Junior mehrmals überstimmen, das hat den ganz aus dem Konzept gebracht, dass der alte Klingenreiter ihm widersprach, dabei hatte Klingenreiter sich noch zurückgehalten, weil ihm klar war, dass man von jemandem, der sein Leben lang Kisten für den Transport von Kartoffeln hergestellt hat, nicht erwarten konnte, dass ihm auf Anhieb eine Kiste für eine Große Illusion gelang, eine Kiste für die Kunst.

Die Schnittflächen mussten sauber sein, makellos, und der Schwarzmann ging mit einer Stichsäge ran, direkt aus der Hand in den Freischnitt rein! Es zählte doch jeder Millimeter! Also hat Klingenreiter ihm die kleine Japansäge gegeben, die er Franz vor Jahren geschenkt hatte. Dort, wo der war, ob Himmel oder Hölle, brauchte es keine Sägen mehr.

Hon Dozuki Deluxe hieß die Säge. Rattangriff. Tolles, auch schönes Gerät, das kann man von unseren Sägen nicht behaupten, dass die je schön waren.

Ja, und dann kam Felix vorbei, das war eigentlich das Beste, dass der Junge gefragt hat, was es mit der Kiste auf sich hatte.

»Ist für eine magische Illusion«, antwortete Klingenreiter.

»Wie?«

»Ich übe Verschwinden.«

»Ist es ein Trick?«

»Kommt drauf an, ob man der ist, der verschwindet, oder der, der zusieht.«

Felix spuckte seitlich aus.

»Ich würde die Kiste anmalen.«

»Das hatte ich vor.«

»Nein, ich meine, ich würde sie anmalen. Wenn ich darf.«

Natürlich durfte er. Klingenreiter konnte seine Freude kaum verbergen, und Käthe fragte sich in seinen Gedanken, warum man Freude überhaupt je verbarg.

Noch am selben Abend trafen sie sich in der Fertigungshalle. Klingenreiter hatte Farben besorgt, Pinsel, Licht. Auch Musik und Vesper, das wollte der Junge gar nicht, er wollte seine Ruhe und seine Cola.

Vier Stunden blieben sie in der sonst menschenleeren Halle. Nach vier Stunden riecht man das Holz nicht mehr, nicht das Anti-Schimmel-Mittel.

Dieser Abend wäre Klingenreiters Antwort gewesen auf Felix’ Frage, warum er ausgerechnet ihn mitgenommen hatte. Großonkel und Großneffe bemalen eine Kiste für ein Zauberstück, in der 900 m2 großen Fertigungshalle des Familiensägewerks, umgeben von Holztafeln, Holzrahmen, Holzbalken, Holzmaschinen, umgeben von den zu Spänegeistern und Holzstaub gewordenen toten Klingenreitern, die ehrgeizig, nach Art der Familie, um sie herumspuken.

»Freddie? Darf ich mal kurz …?« Das war Thomas. Er winkte mit den Papieren und machte sich auf den Weg zur Bühne, ohne die Antwort abzuwarten. Klingenreiter fühlte sich inzwischen ganz wohl dort oben. Auch seine Arme wurden leichter, je näher Thomas kam. Mit den Papieren in der Hand und so forsch wie er sich in Richtung Bühne drückte, wollte er bestimmt eine Ansage machen.

Jetzt? Klingenreiter stieg eine Hitze ins Gesicht, aber die Worte kamen freundlich heraus: »Meine Damen und Herren, wir haben unseren Freiwilligen! Bitte um Applaus für Thomas Klingenreiter!«

Thomas verstand nicht, der Applaus übersetzte es ihm.

Sofort streckte er die Arme vor, als schöbe er etwas Schweres von sich, und wich zurück.

»Bist ein Feigling?« Klingenreiter wusste nicht, hatte er das gedacht oder auch gesagt? Es war ihm ganz und gar egal. Er sah zu Felix. Der hatte sich aufgesetzt und sich das Haar aus der Stirn gestrichen.

Anderthalb Stunden lang hatte Halima, die First Lady der Magie, auf der Bühne alles gegeben. Fünfundvierzig Minuten lang gab Felix nicht zu erkennen, wie er das fand. Er war in seinem Sitz versunken, die Hände in den Taschen. Erst vor der Pause wurde der Junge sozusagen sichtbar und setzte sich wie jemand mit einer Wirbelsäule hin.

Halimas Gäste, ein Paar aus der Ukraine, tanzten eine irrwitzige Kleiderwechsel-Nummer, eine Telefonzelle als einzige Requisite. Der Mann betrat gleich zu Beginn die Telefonzelle in einer Unterhose mit Mickymäusen drauf, einen Atemzug später verließ er sie im Anzug. So ging es weiter, minutenlang, tanzen und umziehen.

»Quickchange«, flüsterte Klingenreiter. »Brauchst vor allem einen guten Schneider.«

Felix schien nicht zuzuhören, Felix beugte sich vor.

Die Nummer ging unter großem Applaus zu Ende, der Junge applaudierte mit, Klingenreiter applaudierte dem Jungen.

In der Pause standen sie bei Brezel und Cola im Foyer, und Klingenreiter beobachtete, wie Felix zwei Mädchen in seinem Alter beobachtete.

»Ich zeichne Klamotten«, sagte Felix, den Blick noch immer auf den Mädchen.

»Wie bitte?«

»Das wolltest du doch wissen. Was ich gern mache.«

»Ja! Ja, wollte ich. Das ist gut. Ich finde das gut«, sagte Klingenreiter und kam sich dämlich vor.

»Mir egal, wie du das findest. Muss niemandem gefallen. Mir gefällt es.«

Zum zweiten Akt wurde das Licht gedimmt, die warmen Töne verschwanden, Glockengeläut erklang. Halima betrat die Bühne ganz in Schwarz. Der Saal war stockfinster. Der Geruch von Kirche am Sonntag lag in der Luft.

Halima tanzte auf schwarzen Seilen, ließ die Seile verschwinden, tanzte in der Luft, langsam, wie trauernd. Sie stieg in einen Käfig und verließ den Käfig als Mann und Maus, Mann und Maus kletterten auf ein Bett, das in Flammen aufging, und als die Flammen gelöscht wurden, stieg Halima aus dem Rauch. Sie steckte sich ein Schwert in die Speiseröhre, bettete sich auf Speerspitzen und sagte ein Gedicht von Edgar Allan Poe in Gänze auf.

Wie jeder Mensch, dem etwas ernst ist, verausgabte sie sich, ihre Schminke zeigte Risse. Das Publikum klatschte selten Beifall und war doch in ihrem Bann. Sie wollte nicht überraschen, sie wollte die perfekte Illusion, ihre Miene war kalt, fast verkrampft.

Klingenreiter begriff alles. Warum diese Drehung, warum jene Position. Jeden Aufbau und jedes Finale konnte er sich mechanisch oder visuell oder handwerklich erklären. Er genoss aber nicht die Erklärung, sondern das Unerklärliche – Halima machte keine Fehler, gab sich keine Blöße, so dass jede von seinen Erklärungen letztlich eine Vermutung blieb.

Sie zitierte die großen Magier, deren Illusionen und Legenden Klingenreiter ein Leben lang begleitet hatten. Zu ihnen konnte er sich flüchten, wenn ihm das Büro, das Holz, die Familie zu viel wurden.

Halima zitierte Houdini und ging durch eine Wand, sang dazu zweistimmig in einer fremden Sprache.

Sie zitierte Hofzinser und verwandelte die Bühne in einen Salon, in dem Tee für die Zuschauer serviert wurde und Rabenvögel zwischen ihnen liefen wie livrierte Diener. Die Magierin als Gastgeberin; sie flüsterte ein Wort hier, strich dort über eine Schläfe, jetzt ein Kartenspiel in der Hand, jetzt ein Tuch, dann eine schwarze Taube. Als die Bühne wieder ihr allein gehörte, lagen auf dem Teewagen, auf dem Teppich: Uhren, Schmuck, Geldbeutel, Telefone. Das Publikum johlte.

Vor ihrer letzten, der größten Illusion, einem Befreiungsakt, suchte Halima nach einem Assistenten. Sie sah über Klingenreiter hinweg, deutete hinter ihn, schüttelte den Kopf, und jetzt begegneten sich ihre Blicke, er zeigte auf Felix und fühlte sich doch erkannt, sie hatte ihn ausgesucht aus hunderten.

Schon war er oben, verneigte sich vor der Magierin. Applaus brandete auf, ebbte ab, Halimas Helferinnen umschwirrten ihn wie schwarze Schmetterlinge, eine Klarinette träumte wach.

Schön wäre, dachte der alte Mann, so ein Tod.

Halima erklärte Klingenreiter, was man von ihm erwartete, er hörte nicht zu, er wusste doch, was er zu tun hatte, ihn interessierten ihre Finger, immer in Bewegung, welche Zeichen gab sie wem? Ihm?

Mittig auf der Bühne bleckte eine komplizierte Apparatur die Zähne aus Klingen und Flammen, ein Seil hing darüber. Die Schmetterlinge überreichten Klingenreiter eine Zwangsjacke, er sollte sie auf Funktionstüchtigkeit hin überprüfen, Halima beim Anziehen helfen, die Gurte festzurren, so fest er konnte.

Er griff in den Ärmel und entdeckte sofort die Schnur, mit der sich das Innenfutter lösen ließ, um mehr Platz zu haben.

Auch wusste er: Das brennende Seil, an dem Halima in der Jacke gleich hängen würde, hatte ein Inneres aus Stahl, war also durch Feuer gar nicht zu zerstören, ein Techniker würde es per Fernsteuerung durchtrennen, kurz nachdem Halima sich befreit hätte, sie schwebte in keiner Gefahr.

Was, wenn Klingenreiter sich umsähe und Felix den Trick erklärte? Und Klingenreiter sah sich um, die Zwangsjacke in den Händen, er stand mit dem Gesicht zum Parkett, und Thomas sagte: »Ich müsste mal eine Durchsage für die Jungs von der Frühschicht machen.«

Das mit dem Feigling hatte Klingenreiter sich leider nur vorgestellt gehabt. Und da sah er Felix auf sich zukommen. Er nimmt mir jetzt das Mikro weg, dachte er, er sagt jetzt, dass ich der Feigling bin, weil ich mich nicht wehre, nicht gegen die Unverfrorenheit seines Vaters, nicht gegen dieses Leben, ein Leben lang bestenfalls Clown gewesen.

Ferdinand Klingenreiter hatte mit der Zwangsjacke in den Händen das Sagen. Der Saal war dunkel und wartete auf ihn.

»Die ist echt, das können Sie mir glauben«, ein Schmunzeln, »ich weiß es aus eigener Erfahrung.« Dort und dort lachte jemand. Er übergab die Jacke an die Schmetterlinge, Halima warf ihm eine Kusshand zu, ihre Finger sagten Dank, Klingenreiter trat ab. Am Bühnenaufgang wartete Felix, um ihm hinunterzuhelfen.

»Ich mach’s.« Felix stellte sich neben seinen Großonkel.

Klingenreiter schluckte. »Meine Damen und Herren, noch ein Klingenreiter!« Er zwinkerte in den Gemeindesaal. »Der hier ist aber ein mutiger.«

Die Leute klatschten, Thomas zog sich an seinen Platz zurück, und Felix hauchte einen Mädchennamen ins Mikro, und ein paar Sekunden später quirlten vier Chorsängerinnen hinter dem Vorhang hervor, etwa so alt wie Felix, sie stellten sich auf den Bühnenrand und begannen auf sein Zeichen hin, das eine Stück aus Carmina Burana zu summen.

Freddie, der Fantastische, öffnete seine Kiste und zeigte dem Publikum, dass sie leer war. Er bat seinen Großneffen hinein. Er warf ein schwarzes Tuch über die Kiste und hob die Arme über den Kopf wie ein Dirigent, wie ein großer Illusionist.


 *Copyright © 2016, Luchterhand Literaturverlag, München.

*Bild: Liu Bolin.

Die psychiatrische Tagesklinik Sankt Johannesweide umfasst ein weitläufiges Gelände. Die Patienten werden in diesem niederbayerischen Juwel der Heilungsanstalten fünf Tage die Woche von sieben Uhr früh bis sechs Uhr abends aufgenommen. Seit drei Wochen ist diese Klinik mein Leben. Drei Wochen. Da kann noch kein Antidepressivum wirken, da kann es noch niemandem grundlegend besser gehen. Das bekomme ich oft zu hören, und ich stimme dem im Grunde auch zu. Ich bleibe geduldig und stelle lediglich fest, dass die Antidepressiva bislang keine Wirkung auf meine Psyche zeigen, sehr wohl aber auf mein Erektionsvermögen.

Jeden Tag mache ich ausgedehnte Spaziergänge über das Klinikgelände. Nicht aufgrund von Selbstdisziplin oder Genesungswillen, sondern weil ich nicht weiß, was nach sechs Uhr noch zu tun wäre. Stundenlang spaziere ich über die Hügel, an den Bäumen entlang und dem Teich mit Fröschen vorbei. Ich fahre erst dann heim, wenn es dunkel geworden ist. Aber da der Sommer unaufhaltsam voranschreitet, zögert sich dieser Augenblick von Tag zu Tag weiter hinaus. Zu Hause schlafe ich wie ein Ermordeter, mache nach dem Aufstehen eine minimale Morgentoilette, rühre keinen Bissen an, trinke nicht einmal Kaffee und fahre wieder zur Klinik.

Die Wochenenden verschlafe ich, leider nicht durchgehend, sondern mit Unterbrechungen, unruhig und traumlos. Beim Aufwachen bin ich schließlich genauso ausgelaugt wie beim Einschlafen. In den wachen Stunden schalte ich den Fernseher ein. Irgendwann denke ich daran, etwas zu essen. Dafür gehe ich zum Türken nebenan, es ist der einzige Türke in Waldesreuth, er bietet Döner an. Sobald ich den Laden betrete, fängt er schweigend mit der Zusammenstellung meines Essens an, ich nehme immer dasselbe, Salatauswahl und ein Glas Schwarztee. In einer Ecke des Ladens hängt ein Fernseher, der auf einen Nachrichtenkanal eingestellt ist. Die Nachrichten sehe ich mir unbeteiligt an, denn ich warte nur. Ich warte auf Montag, sieben Uhr früh.

Im Teich wachsen langsam die Kaulquappen heran. Die stärksten und fettesten unter ihnen können nur überleben, indem sie zu Kannibalen werden. Von der Bevölkerung des Teichs mit Kaulquappen und Fröschen weiß ich, weil ich das Gemenge im Wasser beim Spazierengehen selbst entdeckt habe. Die Ärzte hatten eher nebenbei erwähnt, dass es auf dem Gelände durchaus vieles zu entdecken gebe.

Auch nach einem Monat kann ich mir meinen Wochenplan in der Klinik nicht merken, deshalb hängt er über meinem Bett, notiert auf einem karierten Zettel. Am Montag zum Beispiel ist als Erstes die gemeinsame Frühstücksvorbereitung dran, danach die Gruppensitzung, danach die Bewegungstherapie und so weiter. Ich kann mir meinen Wochenplan nicht merken, weil ich an depressionsbedingtem Gedächtnisschwund leide. Das soll sich laut den Ärzten mit den Medikamenten, den Gesprächen und den anderen Angeboten in der Klinik bessern.

Um mich von der Frage abzulenken, ob ich verrückt werde, achte ich auf die Besonderheiten der Natur, während ich das Klinikgelände durchstreife: ein vertrockneter Regenwurm; sich paarende, aneinanderhängende Käfer; Wind; Sonne; Pappelflusen, die im Gras hängen bleiben. Erscheinen mir meine Beobachtungen lächerlich? Vielleicht. Ich hätte sie nie gemacht, wenn ich gesund geblieben wäre, aber die Ärzte hatten mir die Aufgabe gegeben, achtsam zu sein, mir meiner Umwelt bewusst zu werden. Ich hatte also keine Wahl.

In letzter Zeit habe ich viel über mein Bild aus der Kunsttherapie diskutieren müssen. Unbeholfen habe ich ein galoppierendes Pferd gemalt, von dem ein Mann stürzt, aber statt auf den harten Boden fällt er auf eine Blumenwiese. Ich musste darüber reden, als ob ich wüsste, was das Bild zu bedeuten hat oder weshalb ich es gemalt habe.

Unterdessen sind die Nächte so kurz geworden, dass ich meine Wohnung für nur vier, fünf Stunden Schlaf aufsuche. Ständig vergesse ich, die verschwitzte Bettwäsche zu wechseln. Wenn ich dann das Fenster öffne, versammeln sich die Mücken verschwörerisch an meinem Bett. Dann stechen sie mich. Mein Körper ist übersät von den Zeugnissen ihrer Geheimversammlungen.

Am Teich wird das Quaken lauter. Die Kaulquappen, die überleben konnten, sind erwachsen geworden und suchen nach Geschlechtspartnern. Der Zyklus ihres Lebens ist festgelegt, sie wissen immer, was zu tun ist.

Offensichtlich vergeht also Zeit. Diese angeblich vergehende Zeit spüre ich aber nicht. Ich weiß nie genau, was ich die Woche zuvor gemacht habe. Irgendwann werden Monate und Jahre vergangen sein.

Vor Kurzem ist in der Klinik eine Grillfeier angekündigt worden. Es wird alkoholfreie Bowle geben, und für das Essen muss jeder seinen Teil beisteuern, darum geht es schließlich, um Stressbewältigung im Alltag. In meiner Therapiegruppe hängt eine Liste aus, in die man eintragen soll, was man zur Grillfeier mitbringen will. Ich werde einfach eine Riesenportion Salat vom Türken holen. Einigen anderen Patienten bereitet das Grillfest mehr Sorgen als mir: Was soll ich für das Essen beisteuern? Wie soll ich es schaffen, das ausgewählte Gericht zuzubereiten? Woher soll ich die Kraft nehmen, diesem Druck standzuhalten? Ich dagegen lege mich schlafen – die Mücken kreisen um mein Bett, und ich weiß, dass es morgen so weit ist –, denke aber an nichts.

Zum Sonnenaufgang erwache ich von dem Geräusch des aufziehbaren Spielzeuggebisses, das ich so oft den Kindern in meiner Praxis vorgeführt habe. Es befindet sich schon lange nicht mehr in meiner Wohnung, was bedeutet, dass ich es mit einem Phantomgeräusch zu tun habe. Der Tag der Grillfeier, ein Freitag, verläuft wie jeder Freitag in der Klinik. Erst nach dem Mittagessen merkt man, dass etwas anders ist. Patienten sind in Gruppen über das Klinikgelände verstreut. Am Teich stehen zwei Männer, die sich in der Bewegungstherapie angefreundet haben, zu der ich auch gehe. Für das Grillfest haben sie sich etwas feiner angezogen. Ich trage mein gelbes Polohemd, das ich auch zur Arbeit oft anhatte. Die zwei Männer haben ihre Blicke auf den Teich geheftet und besprechen etwas miteinander. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es um die Frösche geht. Um wie viel einfacher alles wäre, wenn man als einer von ihnen geboren worden wäre. Da gibt es zum Beispiel eine Froschart, den nordamerikanischen Waldfrosch, der eine unvorstellbare Fähigkeit besitzt: Im Winter gefrieren diese Tiere. Alle Vitalfunktionen werden eingestellt, und ein körpereigenes Frostschutzmittel wird gebildet, das die inneren Organe schützt. Im Frühling tauen sie dann von innen nach außen auf, und ihre Herzen beginnen langsam wieder zu schlagen. Sie haben das Glück, den harten Winter überleben zu können, ohne ihn erleben zu müssen. Die zwei Männer lachen, und ich drehe mich um und schlendere weiter.

Am Klinikgebäude herrscht Trubel. Tische werden aufgestellt und mit den mitgebrachten Gerichten gedeckt, unter anderem auch mit meinem Salat vom Türken. Viele Patienten haben sich verkleidet und sehen nun wie glückliche Partygäste aus. In der von den Betreuern versprochenen alkoholfreien Bowle, die in einer Glasschale mit zwei Glaskellen serviert wird, schwimmen durchweichte Früchte. Ich erkenne Weintrauben, Schattenmorellen, Ananas, alles aus der Dose, und jedes Mal, wenn man eine der Kellen zum Einschenken in die Schalte tunkt, werden die Früchte darin aufgewirbelt.

Während ich mir etwas von der Bowle eingieße, versuche ich angestrengt, keinen Tropfen danebengehen zu lassen. Vorsichtig trinke ich einen Schluck nach dem anderen. Im Gegensatz zu den Männern am Froschteich habe ich mich hier mit niemandem angefreundet. Die meiste Zeit bemerke ich die anderen kaum. Sie sind lediglich Konturen im Nebel. Während meines Gangs durchs Foyer und über die Terrasse begrüße ich trotzdem einige von ihnen, wir besuchen dieselben Sitzungen, oder sie spielen Tischtennis, während ich zusehe.

Schon bald wird durch das ernste, zügige Auflegen des Grillguts signalisiert, dass das Buffet eröffnet ist. Ich habe keinen Appetit, esse aber, um beschäftigt zu sein. Da kommt ein Junge auf mich zu. Er ist etwa fünfzehn und trägt ein schwarzes T-Shirt mit einem weißen Dreieck darauf.

»Sind Sie nicht der Zahnarzt?«


»Ich bin erst zweiundvierzig Jahre alt.«

»Und?«

»Das heißt, du musst mich nicht siezen.«

»Bist du richtiger Zahnarzt?«

»Ich habe elf Semester Zahnheilkunde studiert. Danach habe ich dreizehn Jahre lang praktiziert. Reicht das?«

»Ich habe da ein Problem.«

»Wieso gehst du damit nicht zu deinem Hauszahnarzt?«

Als wäre das schon eine Antwort, zieht mich der Junge beiseite und macht seinen Mund auf. Oben rechts am Elfer ist ein längliches, gar nicht mal so kleines Stück weggebrochen.

»Wie ist das denn passiert?«

»Ausgehen. Tanzen. Ich feiere eben hart.«

Der Junge streicht immer wieder mit seiner Zunge über die gezackte Stelle und fragt lispelnd, ob man das wieder richten könne. Als ich wissen will, warum man das richten lassen sollte, sagt er, weil es hässlich aussehe und weil er nicht mehr an diesen beschädigten Zahn erinnert werden wolle. Knapp erkläre ich die in seinem Fall möglichen Vorgehensweisen: Erstens, man poliert den Rand der Abbruchstelle glatt und versiegelt sie. Zweitens, man setzt eine Art Teilkrone über den schadhaften Zahn, was aufwendiger ist als die erste Methode. Es ist zwar unwahrscheinlich, aber ich frage den Jungen trotzdem, ob er das abgebrochene Stück Zahn aufgehoben hat. Der Junge verneint, daraufhin habe ich auch nichts zu erwidern. Wir sehen uns etwas verlegen um. Kurz bevor ich erwarte, dass der Junge wieder geht, reicht er mir seine Hand und nennt seinen Namen, Kristan. Ich sage meinen Namen, Jost Uhlich.

Danach bleiben wir beieinander stehen. In unseren Händen halten wir die zierlichen Bowlegläser, als wären sie etwas Wertvolles, aber vielleicht kommt uns das nur so vor, weil in der Klinik schöne Dinge selten sind.

»Willst du was Richtiges zum Trinken?«, fragt Kristan.

»Das geht doch nicht mit den Antidepressiva.«

»Aber willst du?««

Nachdem ich bejaht habe, geht alles recht schnell. Kristan versetzt unsere Bowle mit billigem Wodka aus einer kleinen Flasche, die er zwischen seinen blau-weiß karierten Boxershorts und seiner Hose gelagert hatte. Ich nehme den ersten Schluck und schmelze.

»Gott, vermisse ich das.«

Kristan lächelt, er hält mich sicherlich für zu alt zum Trinken, zum Feiern, und er hat recht.

»Vor der ganzen Sache habe ich Cocktails gemixt. Und war sogar ziemlich gut darin.«

»War das dein Hobby?«

»Ja. Hobby.«

Wir sehen uns um. Ununterbrochen wird gegrillt, jemand bedient die Musikanlage, aus der seit Stunden Jazzvariationen dringen, und die Leute schlingen ihr Essen runter. Ob jemand ahnt, was wir trinken? Ob jemand schon längst auf dieselbe Idee gekommen ist?

»Meine damalige Freundin hat mir ein Barkeeper-Set zum Geburtstag geschenkt«, sage ich. »Da war alles dabei für den heimischen Barkeeper. Zwei Boston Shaker, Sieb, Zitronenpresse, Eispickel und anderes.«

»Woher kanntest du die Rezepte?«

»Ich hatte mehrere Bücher zu Hause.«

»Was war dein Lieblingscocktail?«

Das hat mich seit meiner Klinikzeit niemand mehr gefragt, nein, es ist sogar noch länger her. Ich betrachte ziemlich lange die künstliche rötliche Bowle in meinem Glas, schmecke ausführlich ihre übertriebene Süße. Dann antworte ich.

»Der Hemingway Daiquiri.«

Kristan nickt anerkennend, während er erneut die Flasche herausholt.

»Ich mag seine Einstellung«, sagt er.

»Und ich seinen Cocktail. Weißer Rum, Limettensaft, Grapefruitsaft, beide frisch gepresst, und Maraschinolikör. Alle Zutaten sind für sich genommen schon gut, aber zusammen ergeben sie etwas noch viel Besseres.«

Kristan nickt unaufhörlich und gießt mir nach.

»Hast du dir das oft gemixt?«

»Immer mal wieder, nach langen, nach harten Tagen.«

»Zuerst in den Zähnen von Leuten bohren und dann Cocktails mixen.«

»Was hast du gemacht?«

Kristan trinkt hastig mehrere Schlucke.

»Im Gymnasium war ich in allen Fächern mittelmäßig, beim Fußball aber war ich einer der Besten.«

»Mit Fußball konnte ich nie was anfangen.«

»Na ja, du schwitzt dich nass. Du läufst bis zum Umfallen einem, in der normalen Welt, unwichtigen Ding hinterher. Es geht um Leben und Tod. Sozusagen.«

»Und wann wirst du wieder spielen?«

»Das letzte Mal hab ich mich ziemlich verletzt.« Kristan macht eine Pause, um sein Glas zu leeren. »Und es war nicht die Schuld der anderen.«

Während er spricht, passiert etwas: Ich habe eine Idee. Und ich merke, dass ich schon gar nicht mehr gewusst habe, wie es sich anfühlt, eine Idee zu haben.

Kurze Zeit später schleichen wir uns aus dem Foyer und laufen die Hintertreppe hinauf in den ersten Stock. Wir wollen zu dem Abstellraum, in dem die Werke aus der Kunsttherapie aufbewahrt werden. Kristan fragt, ob ich mir sicher bin, dass hier mein Bild lagert, und ich bin mir sicher, denn die Möglichkeit, es mit nach Hause zu nehmen, habe ich abgelehnt. Und so bleibt es hier, bei der Kunst der anderen Melancholiker.

Nachdem wir mehrere Minuten umsonst an der Türklinke gerüttelt haben, wird uns klar, dass wir einen weiteren Einfall benötigen, um reinzukommen. Kristan holt aufgeregt seine Bankkarte hervor.

»Wetten, ich schaffe das?«

Senkrecht schiebt er die Karte zwischen Tür und Rahmen, direkt über das Schloss. Ich stehe daneben und sehe ihm zu.

»Je weniger es dich kümmert, ob die Karte dabei kaputtgeht, desto eher kriegst du die Tür auf.«

Diese Behauptung illustriert Kristan mit dem starken Biegen der Karte nach links zur Klinke hin. Als die Tür kurz danach aufgeht, blicken wir in den schmalen Raum. Die Wände sind gesäumt von Aluminiumregalen, und auf jedem Regalboden stehen Kartons, die mit einem Datum beschriftet sind. Darin lagern auf Pappe geklebte Leinwände und Zeichenblockseiten. Schnell finde ich mein Bild. Ich hole es heraus und zeige es Kristan.

»Das ist es?«

»Ich sagte doch, ich weiß nicht, wieso ich ständig darüber reden muss.«

»Was soll das für ein Tier sein? Ein Dinosaurier?«

»Nein, ein Pferd natürlich.«

»Du meinst ein Pferd, das sich als Dinosaurier verkleidet hat?«

Ich muss lachen, Kristan auch, wir lachen viel zu laut. Unser Aufenthalt in der Klinik, das Grillen, die Bilder der Kranken, unsere scheußlich schmeckende Bowle, dass wir kein Leben mehr haben, das alles ist lustig.

Endlich spüre ich den Alkohol. Ich kann gerade noch den schwankenden Kristan erkennen, der mein Bild betrachtet und sagt:

»Morgen wird es uns übel gehen. Der Kater ist schlimmer mit den Tabletten.«

»Wie viel muss man von beidem nehmen, um nicht mehr aufzuwachen?«

»Weiß ich nicht, das musst du selber rausfinden.«

Wir sehen uns mein Bild genauer an, und Kristan legt seine Hand auf meine Schulter.

»Wie ein Pferd sieht das wirklich nicht aus.«

Es fällt mir schwer, die einzelnen Wörter zu einem Satz zusammenzufügen, aber schließlich gelingt es.

»Kann sein, aber die Blumenwiese ist gut geworden. Und nur darum ging es mir.«


*This story is taken from: „Elefanten treffen“ by Kristina Schilke © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016.

1

Du hast mir den Siegelring von deinem Nazigroßvater mit der Bitte in die Hand gedrückt, ihn ins Meer zu werfen. Oder in irgendein Wasser. Weil du es nicht konntest. Da hab ich gesagt: Das mach ich nicht, ist ja nicht mein Arschlochverwandter, ich hab selber Leichen im Keller, der is voll, da passen deine nicht auch noch mit rein.

Hab den Ring in meine Gruselkiste zur Plastikspinne und anderen Schlimmigkeiten gelegt und ihn für dich aufbewahrt. Da liegt er heute noch. Ist ein zweiter dazugekommen.

2

Obwohl wir Namen haben, sogar ganz normale, also keine ultradoofen wie Babsi und Horst oder so, benutzen wir sie miteinander nicht. Wir haben Kosedinger. Du sagst Krassiwaja. Ich Libero. Libero, weil ich dich frei denke. Und nicht an Fußball und irgendwelche Verteidigungen, wie du immer behauptest. Ich denke dich italienisch, obwohl du halber Rumäne bist. Italienisch und frei, als Partisane im Gebirge oder so was. Wir brechen manchmal auf dem Grat ein Brot und Käse, ohne das Messer zu benutzen, und schmeißen uns vor den Wolken in Deckung. Hinter uns explodiert’s. Die kriegen uns nicht. In tausend Jahren nicht.

Krassiwaja, wegen, keine Ahnung warum. Weil ich den Kopf im Weltraum hab und die Füße nur gerade eben noch am Boden. Mein Blick immer schwerelos.

Ich wollte Kosmonautin werden und kenne mich mit Fallschirmen aus, da meine Flügel irgendwann unterwegs mal abgebrochen sind. Ich muss damals so zwischen elf und zwölf gewesen sein.

3

Als wir beim Wandern, vom Regen durchnässt, mitten im Wald eine Höhle fanden, es wurde bald dunkel, uns war kalt und die nächste Herberge war noch 15 Kilometer weit weg, schlug ich vor, in dieser Höhle zu übernachten. Und du sagtest: Nein, weil du Angst hattest, einen schlafenden Bären darin zu finden. Da wünschte ich mir, du wärst mutiger, wie ein Krieger, ein Cowboy, ein Indianer, der meine eigene Angst mit Pfeilen zerschossen hätte. So musste ich voran und mit dem Bären kämpfen, bis du zwischen Stalagmiten und Stalaktiten auf matschigem Höhlengrund eingeschlafen bist.

4

Wir bombardieren mit Boulekugeln jeden Freitag im Sommer zwischen siebzehn und zwanzig Uhr dreißig den Park.

5

Wenn wir mit unseren Herrenrädern an Sugar, der schönsten Nutte vom Straßenstrich, vorbeikommen, halten wir mit quietschenden Bremsen an, und fragen sie nach ihrem Hühnerauge. Das hat sie bekommen von den roten Plateaus und es quält sie seit Wochen. Sugar ist wunderschön. Sie heißt eigentlich Satwan und war einmal ein Mann. Heute hat sie eine designte Klitoris von einem Starchirurgen aus Bangkok und macht den besten Blowjob der Stadt. Behauptet sie. Wir glauben ihr und wollen keine Beweise.

6

Ziegeunerjunge, sagte dein siegelringloser Großvater und meinte dich damit. Wir häkeln die schönsten Heldengirlanden um das Foto von deinem Vater, über den keiner spricht. Wir denken uns aus, dass er zur See fährt, seitdem er deine Mutter verlassen hat. Und sich nicht, wie sie behauptet, im Wald an einen Baum gehängt hat. Ein Grab, ein Grab, was ist schon ein Grab. Ein Name auf einem Stein, mehr nicht. Wir trinken auf sein Wohl und deine Wurzeln und schmeißen Gläser an Wände, bis dein Mitbewohner brüllt, dass wir Arschlöcher sind. Dreckshure, sagte dein Naziopa zu seiner eigenen Tochter. Da hast du ausgeholt, gezielt, getroffen und am nächsten Tag das Dorf verlassen. Dafür habe ich dir im Nachhinein eine Ehrenurkunde gebastelt und einen Freischwimmer auf dein rotes T-Shirt gestickt.

7

Gleich am ersten Tag hatte ich dir gesagt, du sollst dich nicht in mich verlieben. Und als du’s doch getan hast, hab ich dir eine Ohrfeige verpasst.

8

Wir hatten ausgerechnet, dass es mit deiner Vespa 21,3 Tage dauert bis zum Schwarzen Meer. Wenn wir langsam fahren. Wir haben 43 Tage gebraucht und sind Bauchschläfer geworden. In Ungarn gab es den Streit, und ich wäre fast wieder umgekehrt. Aber dann war Vollmond und Donau, und du kamst mit den Musikern an: Mesečina, Mesečina und da konnte ich nicht mehr und bin dir um den Hals.

9

Mixtape

Seite A (Deine Seite)

Francoise Hardy / »Oh, Oh Cheri« Ernst Busch / »Heimlicher Aufmarsch« Bregović / »Mesečina« und »Edelezi« Jacques Brel / »Ne me quitte pas« Danzig / »Mother«

D. A. D. / »Sleeping my day away«

The The / »Love is stronger than Death«

Deine Zickzack-Choreografie machte mich schwindelig.

Seite B (Meine Seite)

Nouvelle Vague / »This is not a Lovesong« Kim Wilde / »Cambodia«

Dead Kennedys / »Holiday in Cambodia«

Lard / »They’re coming to take me away (haha)« Fugazi / »Waiting Room«

Pixies / »Debaser«

The Notwist / »Moron«

Nouvelle Vague / »Too drunk to Fuck«

10

Wann heiratet ihr endlich?

Fragen die einen.

Warum seid ihr eigentlich kein Paar?

Fragen die anderen.

11

Wir tranken eine Flasche Jameson zu zweit und schimpften auf die Welt. Dann setztest du dich ans Schlagzeug, ich griff mir das Mikrofon und sang mit Perücke und Sonnenbrille erst für dich zu deinem Beat und dann in die Videokamera, bis ich mich mit dem Mikrokabel verhedderte und samt Kamera auf dem Boden landete, wo ich aus dem Lachen nicht mehr herausfand. Als ich am nächsten Morgen die Aufnahmen ansah, bemerkte ich, dass wir uns geküsst hatten, bevor ich eingeschlafen war und bevor du auf Stop gedrückt hattest.

12

Telefonat:

Ring. Ring. Ring. Ring. Ring. Ring.

Du, völlig knatschig:

»Ja?«

Ich:

»Ich bins.«

»Mmm.«

»Liegst du noch im Bett?«

5 Sekunden später du wieder:

»Scheiße. Wie spät?«

»Sag nicht, dass du noch im Bett liegst.«

»Warum nicht?«

»Weil es verdammt noch mal halb vier nachmittags ist. Darum.«

»Fuck. Echt?«

»Ja.«

»Oh. Shit.«

Zigarettenanzündgeräusche von dir.

»Termin verpennt?«

»Jep.«

»Was Wichtiges?«

»Jep.«

»Wann bist du denn heut Nacht eigentlich abgehaun?«

»Weiß nich, irgendwann heut Morgen.«

Du rauchst, ich hör dir zu, dann ich:

»Kann ich mir dein Fahrrad leihen? Meins ist geklaut.«

»Komm vorbei.«

»Wir haben uns geküsst gestern.«

»Jep.«

»War es gut? Ich kann mich nämlich nicht erinnern.«

»Du warst spitze, Baby.«

»Arschloch.«

»Bis gleich.«

13

Mein Geburtstag ist immer im Winter. Jedes Jahr. Das find ich nicht gut. Weil ich mir stets ein großes Fest mit allen Freunden im Park wünsche oder an einem See mit Feuer und draußen schlafen und allem. Letztes Jahr im Sommer hast du bei mir geklingelt, mich zum Baden überredet und mich auf die Vespa geschnallt. Vom Parkplatz bis zum Ufer hattest du mich über deiner Schulter und ich sang ein Kinderlied. Als dann da eine Festtafel am See stand, an der unsere Freunde saßen und alle Happy Birthday für mich sagen, wusste ich, dass du verrückt bist, und bin weggerannt. Was für ein Glück, dass du schneller bist als ich.

14

Wir streiten nur an unserer Streitmaschine, einer alten Olympia, und die Regeln gehen so:

Immer nur eine Person zur selben Zeit an der Tastatur. Es darf nur geschrieben und nicht gesprochen werden. Immer nur ein Satz, dann ist wieder der andere dran.

Die Streitprotokolle werden in Ordnern abgeheftet, die mit Jahreszahlen versehen sind.

15

»Hände hoch!«, rief ich, als ich das Café überfallen habe, in dem du hinterm Tresen gearbeitet hast. Meine Agentenwasserpistole streng auf dich gerichtet. Du sahst deinen Chef an, der längst alle Finger in der Luft hatte, dann hast du gegrinst, das Handtuch hingelegt und langsam, verflucht langsam deine Hände in die Höhe gestreckt. »Das ist eine Entführung!«, sagte ich zu deinem Chef und zwinkerte ihm zu, fing deinen wirren Blick, drückte ab, traf deine Stirn und befahl dir, hinterm Tresen vorzukommen. Draußen verband ich dir die Augen, setzte dir einen Walkman auf und drehte dich vorm Café ein paar Mal im Kreis, damit du die Orientierung verlierst. Ich entführte dich im Zickzack zum Bahnhof und mit dem Zug dann ans Meer, wo wir am Abend ankamen.

16

Weihnachten mit deiner Mutter. Dein Opa war schon unter der Erde und deine Mutter einsam, also luden wir sie ein, mit uns zu feiern. Heiligabend bei dir mit Gans und Rotkohl und Knödeln und Tanne und Wein und Singen. Erster Weihnachtstag bei mir auf der Couch mit Resten vom Vortag, Keksen und Der Pate I– III. Am nächsten Tag hab ich euch gelassen und mich alleine einsam gefühlt.

17

Halb erfroren standen wir auf der Brücke über den S-Bahn-Gleisen. Deine alte Anglerausrüstung in den Händen. Jeder eine Angel. Der Himmel war längst wieder abgekühlt vom großen Geballer, da haben wir Raketen in leere Flaschen gesteckt und unsere Anglersehnen an das hölzerne Ende der Flugkörper befestigt. Commencing countdown, engines on. Synchron hielten wir die Feuerzeuge an die Lunten. Rasch die Angeln in die Hände. Drei. Zwei. Eins. Fauchend sausten die Raketen, von Sehnen gebändigt, mühsam in den Himmel und explodierten über unseren Köpfen. Wir haben Raketen geangelt. Das war letztes Silvester.

18

Die Warum-ich-nicht-mit-Dir-zusammen-sein-kann Top 10:

  1. Du besitzt nur ein einziges Buch
  2. Das Buch trägt den Titel »Excel for Dummies«
  3. Du trinkst immer
  4. Du riechst nach meinem Vater
  5. Du hast keine Ziele
  6. Alle deine Socken haben Löcher
  7. Immer lässt du Verschlüsse offen
  8. Du gehst nicht wählen
  9. Deine Küsse schmecken nach Asche
  10. Du wirst mich verlassen

19

Gestern hat deine Mutter angerufen. Aus dem Krankenhaus. Mit deinem Handy. Ich dachte, du seiest es und habe mich mit Wo bleibst du denn, Idiot? gemeldet, woraufhin deine Mutter anfing zu weinen.

Sie sagte, sie habe einen Brief für mich und dass du im Krankenhaus seist mit ausgepumptem Magen, auf der Intensivstation, und dass dein Mitbewohner dich gefunden habe. Da wusste ich, warum du am Morgen nicht zum verabredeten Treffpunkt gekommen warst und bin hin zu dir.

20

Tausend Schläuche in deinem Körper. Monitore. Piepen. Hydraulisches. Du im Koma. Der diensthabende Chefarzt hat mir gesagt, dass du dich mit Tabletten vergiftet habest. Deine Atmung habe ausgesetzt, dein Gehirn sei mehrere Minuten ohne Sauerstoff gewesen, weshalb du jetzt im Koma liegen, künstlich beatmet und künstlich ernährt werden würdest. Ob du je wieder normal werden würdest, sei die Frage. Die Wahrscheinlichkeit gering. Er gab mir folgende Aufgaben:

Das soll bewirken, so der Chefarzt, dass du dich für das Leben entscheidest und vielleicht zurückkehrst, wenn auch nicht so wie früher, aber es könne durchaus sein, dass du nach intensiver Reha, wenn auch mit geistiger Behinderung und im Rollstuhl, doch noch einige schöne Jahre erleben könntest. Ich habe deine Hand und deinen Arm gestreichelt. An den Stellen, wo ich an die Haut rankam, zwischen den Kanülen und Verbänden. Ich habe dir Erinnerungen aufgetischt, mit ruhigem Tonfall, habe dir vorgesungen, dir ein Märchen erfunden und dich dann etwa eine Stunde lang beschimpft. Den ungelesenen Brief habe ich mit nach Hause genommen.

21

Dein Abschiedsbrief:

Krassiwaja, es tut mir leid. Libero

22

Du feiges Arschloch. Es reicht jetzt.

23

Heute ist Freitag.

Wer bombardiert mit mir heute den Park? Und nächste Woche?

Und danach?

Ich kenne mittlerweile die Namen aller Schwestern.

24

Ich weiß jetzt, was das Puppenkopf-Phänomen ist. Und wo ein Stammhirn liegt. Du bist nicht zurückgekehrt. Deine Mutter wollte ein Grab in der Nähe. Ich hab gesagt: Seebestattung, der gehört ins Meer! und ihr wars dann egal. Dein Herz hat man verpflanzt, weil du so einen Ausweis hattest. Den Gedanken ertrag ich kaum: Dass da jetzt einer rumläuft mit einem Liberoherz.

25

Die Seebestattung war fürn Po. Gemeinsam hätten wir uns schlapp gelacht über deine kotzende Mutter und den leiernden Pastor an Bord. Aber ich stand alleine da und dachte, wie banal alles ist. Mir war elend, weil ich meinte, irgendetwas Feierliches müsste geschehen. Plumps machte die Urne und mein Mund wurde schief.

Fühle mich amputiert. Könntest du nicht sein wie Jesus und bald wieder auferstehen? An einem Freitag, ja, ich fänd das nur anständig.

26

Zeit ist ein Kaugummi, aus dem der Geschmack entwichen ist.

27

Ich habe alles verkauft, auch das Schlagzeug, verzeih. Deine Vespa läuft tadellos, die nehme ich mit. Deine Handschuhe liegen noch immer unterm Sitz. Morgen kommt der Umzugs- wagen. Alle fragen: Warum Flensburg? Ich zucke mit den Schultern und schweige.

28

Sie heißt Simone Michalski. Es war nicht einfach, das rauszufinden.

Meine Wohnung ist im selben Viertel. Sie geht regelmäßig in einem Bioladen einkaufen. Schnall dich an: Ab nächsten Ersten fang ich da an, als Verkäuferin. Halbtags.

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Ich gehe jeden Tag am Meer spazieren. Man kann Dänemark sehen. Manchmal fahre ich mit der Vespa rüber, kaufe salzige Lakritze und esse einen Hot Dog mit einer pinkfarbenen Wurst innen drin. Du würdest Røde Pølser lieben. An deinem Todestag habe ich nachts ein Licht aufs Wasser gesetzt und das Meer angebrüllt.

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Ich sehe sie an und suche nach einer Spur. Einem Funken. Das Schlimme ist: Du würdest Simone nicht mögen, da bin ich mir sicher. Seit ein paar Monaten treffen wir uns einmal die Woche. Sie ist eine miserable Boulespielerin. Schach kann sie auch nicht. Sie macht seit neuestem Nordic Walking mit Stöcken und allem. Ein Wunder eigentlich, dass es zu keiner Abstoßreaktion kam.

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Ich sitze an der Streitmaschine und breche alle Regeln.


*Copyright © Carl Hanser Verlag München 2014.

…und fand sie schlafend vor Traurigkeit. Die ersten Worte morgens, der angestrichene Satz in dem Band mit Lesebändchen, einem Geschenk von Marie, und die Sonne geht auf hinter den Kastanien der Fontane-Promenade, wo noch kein Mensch zu sehen ist, kein Hund, nur eine Elster, die über den Sandweg hüpft, ihrem langen Schatten voraus. Die Uhr im Schuh neben dem Bett, der kleine Wecker aus Peru, ist stehengeblieben; dem Licht nach hatte er in einer Stunde geklingelt.

Krähen, riesige Schwarme in wechselnden Formationen, fliegen über das Haus zum Park, jeden Morgen zur Hasenheide. Die Räume hell, das Wasser fast warm, und die Zahncreme, mentholfrei, fällt nach einer kurzen Bewegung mit der Bürste aus dem Mund – ein Moment, in dem man die Augen schließt, durchatmet und noch einmal beginnt mit dem Tag, den man gestern schon überstanden glaubte.

Und fand sie schlafend. Ein Schluck Tee am Küchentisch, das Radio, zwei Minuten Nachrichten, noch heißer soll es werden in diesem Rekordsommer; die Linden an der Blücherstraße sehen staubig aus, der Kunstrasen auf dem Sportplatz wirft Wellen, und was er ausdünstet in der Tagesglut, wer möchte es wissen.

Nie ein Tier darauf, kein Vogel, keine der vielen im Buschwerk sich tummelnden Ratten.

Die Schuhe putzen, den kleinen Rucksack packen, Brieftasche, Schlüssel. Trotz der wenigen Stunden Schlaf keine Benommenheit, kein überflüssiger Handgriff, alles, sogar das Zuknöpfen des blauen, noch von Marie gebügelten Hemdes grundiert von einem Ernst, den er bisher nicht gekannt hat an sich. Er schließt ab, geht über den Flur und öffnet ihre Wohnung, zwei Zimmer, zum Hinterhof hinaus. Sie ist kleiner als seine, aufgeräumter, liegt ganz im Schatten einer Birke, und Raul betritt den Schlafraum und nimmt die Ikone von der Wand, die heilige Anna, kaum größer als eine Kreditkarte. Auch das weiße Taschentuch, in das er sie wickelt, ist gebügelt.

Bis zum Prinzenbad sind es acht Minuten; kaum Verkehr um diese Zeit, wenige Räder an der Mauer, die Kasse noch geschlossen. Etwa ein Dutzend Männer und Frauen warten vor dem Gitter, das dicke Rentnerpaar ganz vorn. Mit Kühltaschen, Zeitungen und einem kleinen Radio ausgestattet, bleiben die beiden stets bis zur Schließung des Bades um zwanzig Uhr auf der Terrasse der Cafeteria, essen und trinken unentwegt, lösen ein Kreuzworträtsel nach dem anderen und gehen nie, auch bei größter Hitze nicht, ins Wasser. Die anderen sind durchtrainierte, in Terminplanern blätternde Menschen, fast jeden Tag dieselben, die von sieben bis kurz vor acht ihre Bahnen schwimmen und dann auch schon wieder davonsausen auf Fahrrädern und Bikes mit mehr als zwanzig Gängen und elektronischen Schlössern.

Als das Gitter zur Seite schwingt, zücken alle ihre Monatskarten; einige Männer knöpfen sich bereits die Hemden auf, während sie zu den Kabinen gehen, und auch Raul wirft seinen Rucksack voraus in den offenen Schrank, Nummer dreiundfünfzig, wie immer. Badehose, Chlorbrille, Armband mit Schlüssel, und nach einer raschen Dusche, kalt, die erste Enttäuschung. Das Sportbecken ist geschlossen, Reinigungsarbeiten. Die anderen gehen murrend weiter, zu dem zweiten, unter Akazien gelegenen Pool, beheizt und tagsüber brodelnd voll, ein Kreischen, das man weithin hört. Das Wasser dort ist berüchtigt; Haare, Kaugummis, faulendes Laub und Heftpflaster mit trübroten Flecken schaukeln auf der Oberflache. Die Schwimmer nennen es Eintopf.

Er bleibt stehen. Der Arbeiter im grauen Kittel, der das verchromte, mit einer Pumpe verbundene Gerat über den Boden des Sportbeckens zieht, runzelt kurz die Brauen, blickt aber nicht auf. Er geht Kachelreihe für Kachelreihe vor, hat nur noch drei zu reinigen, und Raul setzt sich auf die Kante der Sonnenterrasse, macht Atemübungen und starrt auf die glänzende Fläche, das Bild der Pappeln im zitternden Blau.

Den Tag und alle Möglichkeiten der Zerstörung, die er birgt, mit einem Sprung in diesen Spiegel zu beginnen, zu versöhnen, ist das einzig Richtige jetzt. Dahinter liegt das Ende der Angst: eine Glastür, ein langer Flur, Gezwitscher im Park voller Frauen in neuen Morgenmänteln, jungen Frauen, die kleine, schubbernde Schritte machen in ihren Thrombosestrümpfen und sich den Bauch halten. Es ist genug. Dahinter liegen die letzten Tränen, ein kurzer Schmerz, nach dem alles besser wird, glauben Sie uns, warum sind Sie nicht früher gekommen. Doch Marie, eine dicke Nadel im Arm, Eigenblutspende, Infektionsgefahr, Marie lacht ihr helles, fast zwölf Jahre jüngeres Lachen und zeigt ihm das Geschenk der Nachbarin, die am Vortag entlassen wurde, Totalausräumung, und die noch einmal durch den großen Klinikpark zurückgekommen war und ihr den Klee gebracht hatte, vierblattrig, vorm Tor entdeckt.

Abwehrkräfte, Antikörper, zweitausend Meter jeden Tag. Und wer sind Sie? Ein Begleiter, der immer da ist, bei jeder Untersuchung, jeder Ultraschallaufnahme, der ihr die Kontaktflüssigkeit vom Bauch wischt und sogar den Blutdruck mißt. Die Ärzte werden vorsichtig und weniger salopp, die Schwestern lächeln etwas langer, und der Anästhesist setzt sich noch einmal, als er das Wort Spinalparalyse hört. Sind Sie ein Kollege?

Weiße Wolken vor dem Fenster, ein paar Schmetterlinge, und er legt den Füllhalter auf das Bett und zeigt auf die gepunkteten Linien. Doch Marie will nicht mehr wissen, was sie unterschreibt, Marie ist müde, löffelt ihre Suppe, schluckt die Tablette, betrachtet die Rosen. Bis morgen, mein Herz. Kommst du früh? Die Schwestern in ihrem Glasverschlag winken ihm zu, und er winkt zurück mit den Formularen, nimmt den Aufzug und steckt sie in den Kasten der Verwaltung, auch das, in dem sich die Patientin im Fall des Todes mit der Sektion ihres Körpers einverstanden erklärt. Und das er ihr nicht vorgelegt hat.

Der Mann im Kittel zieht das verchromte Gerat aus dem Becken, macht einen Schritt zur Seite und beginnt die nächste Kachelreihe zu säubern. Kaum je krank, nie im Leben eine Operation, und Raul mit all dem nutzlosen Wissen, dem Rohstoff seiner Angst, er hat Menschen an viel simpleren Eingriffen sterben sehen – eine winzige Anomalie, Gewebeschwache, der Tubus scheuert an der Halsschlagader, und plötzlich Blut, in hohem Bogen, und keiner der vielen Ärzte holt ihn zurück, den durchtrainierten Abiturienten, dem man nur den Blinddarm entfernt hatte und dessen klaffender Kehle nun ein langer letzter, nahezu wütender Laut entfahrt…

Wer sagts dem Chef? Und wie viele Krankenzimmer hat er betreten, die wie dieses waren, hell, freundlich, Noldes Mohn, wie viele Haarhauben hat er den Patienten gereicht: Hallo, nun wollen wir mal, müssen Sie noch zur Toilette? Und dann braucht Marie lange, verzweifelt lange, wie ihm scheint; die Stationsschwester blickt auf die Uhr, die Schülerin gähnt und träumt aus dem Fenster hinaus, flirrendes Laub, und er nimmt das Krankenblatt und liest die Blutdruckwerte, die er längst auswendig kennt. Schließlich kommt sie, zieht die Tür hinter sich zu und betrachtet ihre Hand, die Einstiche auf dem Rücken. Öffnet die Tür noch einmal, langt in den Raum und löscht das Licht. Hab ich dir schon die Rasur gezeigt? Echt Punk. Und die Schülerin lacht und hilft ihr ins Bett.

Raul nimmt der Schwester die Haarhaube ab, auch das macht er selbst, schiebt die roten Locken unter den Gummisaum und löst, ein Tritt, die Rädersperre.

Schick siehst du aus. Doch Marie fühlt, daß er am liebsten losheulen würde, natürlich fühlt sie das und streichelt seinen Arm. Es wird gut, glaub mir, sie haben gestern noch eine Spiegelung gemacht, sogar der Professor war dabei. Alles im grünen Bereich. Wirst du dasein, wenn ich aufwache? Bist du da?

Das Rattern der Rader auf der Schwelle des Lifts, und noch aus dem Stahlschacht heraus ein Winken und Zwinkern ohne jede Angst, wie es scheint, die Wirkung der Tablette. Dann schnellt die Tür zu, und er neigt, wie sie, den Kopf zur Seite, ein letzter Blick. Adieu.

Die Zähne zusammengebissen, die Fäuste geballt, betritt er den Aufenthaltsraum, rempelt ohne Absicht ein paar Zeitschriften vom Tisch und stolpert über die Fußmatte auf den Balkon. Am Haus gegenüber eine Kinderzeichnung, Vögel ohne Schnabel, auf dem Dach ein Helikopter, und er reißt eine Handvoll Blüten aus dem Kasten, Geranien, und schleudert sie über die Brüstung.

Wind, ein warmer Hauch, weht sie zurück. Ich bin da. Ohne zu essen oder zu trinken, das ist ein Vorsatz, den er nicht begründen kann und der doch, das fühlt er, richtig ist. Nichts essen, nichts trinken, sich nirgendwo anlehnen, weder am Stuhl noch am Türrahmen oder an der Balkonbrüstung, solange sie operiert wird. Zwei Stunden, drei. Und noch einmal zwei Stunden, die sie im Aufwachraum bleibt, und die freundliche Schwester, eine Polin, stellt ein Tablett neben den kalten Fernseher, Brote und Tee. Raul bedankt sich und rührt nichts an.

Warten. Und immer wieder das Erschrecken, wenn Lifttüren sich öffnen und eine Patientin, soeben operiert, auf die Station geschoben wird, wach oder schlafend in den tiefen Kissen und oft erst nach dem zweiten Blick zu erkennen; die Schatten der Pflanzen auf der getönten Glaswand, die den Raum vom Korridor trennt, gaukeln ihm Maries Konturen vor, und er schließt einmal kurz die Augen, als die Frau ihn fragt: Und du?  Wie lange willst du hier noch sitzen?

Über zwanzig Jahre. Er war eingenickt in dem Lokal nahe der Uni-Klinik, in dem er sich betrunken hatte nach dem Entschluß, das Stethoskop für immer wegzuhängen. Nicht länger mehr Elend und Tod und die Lügen der Hoffnung, nicht länger dieses Rattenrennen in weißen Kitteln, nichts mehr von Ärzten, die über Leichen gehen, um Chefärzte zu werden . . . Er wollte ausruhen, forschen vielleicht, er wollte leben, reisen – und noch einen Drink von dieser Kellnerin. Es war so dunkel in dem Laden, daß man sein Wechselgeld nicht fand, aber ihr Haar brannte in allen Spiegeln. Sie brachte ihm einen Kaffee.

Du bist es also, flüsterte sie, als sie sich zum ersten Mal küßten, nur einen Tag später, in einer Morgenstunde hinter dem Lokal, und schon damals war ihm ihr Gesicht, der Mund, die Brauenbögen und die Linie der Stirn, wie eine Schrift vorgekommen, eine jäh aufleuchtende heilige, in der die Worte geschrieben waren, die ihn für immer erlösen würden.

Zwanzig Jahre. Ein Wimpernschlag. Er hebt die Absperrung, das rot-weiße Band, setzt sich auf den Startblock, und der Arbeiter droht ihm freundlich mit dem Finger, reinigt die letzte Bahn. Und dann ist es Abend, als die Tür aufgleitet und das Bett aus dem Lift geschoben wird; als ihm das Herz plötzlich in der Kehle schlagt und er nach zwei, drei Schritten am Kopfende steht und die Schwester lächelnd Langsam! flüstert. Marie, die wach ist und ihn ansieht, staunend, um Orientierung bemüht, das ganze Gesicht ein stummes Du? Was war denn? – Marie ist so bleich wie nie, die Lippen sind von der Haut kaum zu unterscheiden, und ihre Hand, nach der er greift und die den Druck nicht erwidert, natürlich nicht, die Hand mit der Kanüle auf dem Rücken ist kalt.

Er hilft den Schwestern, das Bett im Raum zu installieren, hängt die Infusionen an den Ständer, befestigt den Drainageschlauch am Nachthemd und den halbvollen Beutel mit einer Nadel am Matratzenrand. Dann packt er die Flaschen mit der Glukose- und der Kochsalzlösung aus, je zwölf, und korrigiert den Tropfenzähler. Die Schwestern bedanken sich und lassen ihn mit Marie allein.

Sie schlaft. In der Mappe mit dem Krankenblatt und den Befunden kein Operationsbericht, und er tastet nach dem Puls, der zwar rast, doch der Blutdruck ist normal. Vorsichtig hebt er die Decke an, der Bauch ist braun von der Desinfektionslösung, der Schnitt nur mit Gaze bedeckt; er liegt knapp über der rasierten Schamhaargrenze, reicht von einem Beckenkamm zum anderen, und Marie, ohne die Augen zu öffnen, fragt leise: Wie sieht es aus?

Wunderbar, sagt er erschrocken, natürlich sagt er das, du brauchst keinen neuen Badeanzug. Sie haben horizontal geschnitten und nur die unteren Hautschichten genaht; die obere ist geklebt. Keine Einstiche. Die Narbe wird fast unsichtbar sein.

Sie räuspert sich, schluckt; noch darf sie nichts trinken. Die Lippen sind rauh. Und weißt du, haucht sie, was sie mir vor der Spiegelung sagten? Was sie entdeckt haben?

Er schweigt, wartet, doch da ist sie schon wieder eingeschlafen; das Schmerzmittel, von dem noch zwei Ampullen auf dem Tisch liegen. Hellrot tropft die Spülflüssigkeit aus dem Schlauch, der in einem Loch neben der Naht steckt, Wasserstoff und Blut, wenig nur, der Tinteneffekt. Die Werte jedenfalls sind okay, auch wenn er den Zeitpunkt der letzten Entnahme nicht lesen kann, der Stempel ist verwischt, und er setzt sich auf den Stuhl neben dem Bett und greift nach ihrer Hand.

Erste Rosen lassen die Köpfe hangen, und trotz des offenen Fensters ist es still; kaum noch Menschen in dem Park, nur aus der Kinderklinik gegenüber das leise Klappern von Geschirr und Besteck, und eine Katze streift langsam über die Wiese, durch den dicken Klee.

Raul betrachtet die Schlafende, ihre helle Stirn, die Sommersprossen unter dem rotgoldenen Haaransatz. Die Nase ist im oberen Teil leicht gebogen, ein Fahrradunfall in der Kindheit, der Schwung der Lippen kommt ihm seit jeher florentinisch vor, und er denkt an die Zeit, die sich auch in dieses Gesicht eingeschrieben hat, das zwar um einiges jünger ist als er – aber um wieviel Liebe erfahrener. Einer Liebe, deren unbeirrbare Sicherheit und Selbstverständlichkeit ihn immer verblüfft und oft beschämt hat; die fast alles hinnahm, jeden Verzicht, jede seiner Launen, seiner Ungerechtigkeiten und Brutalitäten; einer Liebe, die immer weiser war als sie beide und selbst die schwersten Prüfungen überstand. Als er sie nach einer Trennung von fast acht Monaten, in denen sie weder miteinander gesprochen noch korrespondiert hatten, kleinlaut und nicht ganz nüchtern anrief – er stand in einer Hotelbar in Swansea, Wales, und das Pharma-Unternehmen, für das er den Messeaufbau leiten sollte, hatte ihn gefeuert –, sagte sie nur: Das wurde auch Zeit! Viel langer hätte ichs nicht ertragen.

Und jetzt der Schmerz, das trockene Schlucken, die Züge um den Mund vertiefen sich, und er sägt die Ampulle auf, spritzt das Mittel in den Infusionsschlauch. Irgendwo hinter dem Haus geht die Sonne unter, die Fenster gegenüber spiegeln das Licht, ein Reflex davon liegt auf Maries Wangenknochen, der Halsgrube, und hier und da schimmert etwas Flaum, eine feine Spirale neben dem Ohr. Ruhig der Atem, lautlos fast, und nach einem langen Blick in ihr Gesicht, den sie wie immer spürt, denn die Lider zucken, küßt Raul ihre Stirn, die schon nicht mehr so kalt ist, hangt eine neue Infusion an den Ständer und schließt leise die Tür.

In dem Glasverschlag ist niemand, und er betritt das Büro dahinter und fragt die Schwester, die rauchend in Papieren blättert, nach dem Operationsbericht. Die nickt zwar, sieht aber nicht auf. Sie sind weder Ehemann noch Verwandter, stimmts? Dann darf ich Ihnen leider nicht viel sagen. Alles soweit in Ordnung. Ein recht normal verlaufener Eingriff. Außer vielleicht…

Sie schiebt die Mappe ins Regal, und er macht einen Schritt auf sie zu. Außer was!

Die Zigarette riecht nach Menthol. Nun ja, hellhäutige Rothaarige bluten sehr stark bei Operationen, deswegen die Abnahme davor. Aber bei Ihrer Freundin war das anders. Da gabs kaum was zu tupfen, ehrlich gesagt. Muß wohl an der Mondphase liegen . . . Und den Rest soll sie Ihnen selbst erzählen, fügt sie mit herbem Schmunzeln hinzu, und erst jetzt sieht Raul das Schild am Kittel und daß die Frau, die er mit Schwester angesprochen hat, Stationsärztin ist, der Nachtdienst.

Er fährt mit dem Bus nach Kreuzberg zurück, in die Bergmannstraße, wo er im Milagro etwas ißt und zwei Glaser Rotwein trinkt. Obwohl es die schönere Strecke ist, spaziert er auf dem kurzen Weg nach Hause nicht an den Kirchhöfen vorbei. Er legt sich auf Maries Bett und sieht fern. Doch dann wird er müde, alle Glieder tun ihm weh, und er geht über den Flur in seine Wohnung, putzt sich die Zähne, löscht das Licht. Kühler ist es geworden, die alten Dielen knacken. Matt schimmert der Goldschnitt an dem Buch. Kannst du nicht eine Stunde mit mir wachen?

Und kurz vor Mitternacht dann das Klingeln, der Anruf einer Frau, die er schlafbenommen für Marie halt. Er stößt die Leselampe um, verheddert sich in der Schnur. Marie? Dann erkennt er die Stimme der polnischen Schwester: Ich dachte, ich ruf Sie noch rasch an. Eine Revision. Kein Grund zur Sorge, nicht einmal dringend, aber eine Revision. Gleich um neun, als erste Patientin. Was kann ich ihr sagen? Werden Sie dasein?

Er blickt zur Uhr über dem Kassenhaus und stellt sich auf den Startblock. Wenn er nur tausend Meter krault und anschließend ein Taxi nimmt, ist es zu schaffen. Der Mann im Kittel zieht an dem drahtumwickelten Schlauch, rollt ihn um den Motor, und er setzt sich die Chlorbrille auf. Völlig glatt und unberührt liegt die Wasserfläche da und erscheint in ihrer Reglosigkeit fast konvex, so daß Raul, schon vorgeneigt zum Sprung, momentlang nicht weiß, ob der Himmel mit den plötzlich wieder auftauchenden Vogelschwärmen über oder unter ihm ist. Und kaum sieht er das Sauggerat, das Blitzen der verchromten Haube, stößt er sich ab von dem Block und taucht am Ende seines langen Schattens in das Wasser, das nicht kalt ist und nicht warm, nicht klar und nicht trüb, das überhaupt kein Wasser ist in diesem Moment, sondern irgend etwas Gleißendes, so wie der Schrei auf der anderen Seite nichts als die Stille im Herzinnern ist, sternweiter Raum, in dem eine zarte Stimme verklingt.

Das plötzliche Erkennen einer besonderen Frau. Die helle Formulierung eigener Dunkelheiten und der verblüffende Einklang in Dingen, von denen man geglaubt hatte, lebenslang mit ihnen allein bleiben zu müssen. Die Kraft und die Warme in der Nähe eines immer zuversichtlichen und glücksbereiten Menschen und die schöne Trauer auf dem Grund seines Lächelns . . .

Als Raul gegen halb neun auf die Station kommt, steht die Tür zu Maries Zimmer offen. Das Bett ist leer, und ein Mann in einem Overall putzt das Fenster und nickt ihm zu. Pflasterstreifen kleben am Matratzenrand, ein paar Gummihandschuhe und der Plastikbeutel mit der Spülflüssigkeit liegen im Bad. An der Seife ein einzelnes rotes Haar, auf dem Nachttisch das Krankenblatt und jenes Formular, das er ihr zur Unterschrift nicht vorgelegt hat, ein Fragezeichen hinter der gepunkteten Linie, und einen Moment lang – der Mann kippt das Fenster, Passanten spiegeln sich im Glas – glaubt er ihren Umriß zu erkennen auf dem eingedrückten Kissen, den Hauch einer Kontur.


*Aus: Ralf Rothmann, Rehe am Meer. Erzählungen. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006.

Mutter verschwand am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten. Am einundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen acht uhr und dreißig minutenrief Vater an und teilte es mir mit: »Mutter ist gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten diese nacht gestorben.« Ich ging ins bett zurück und setzte die am abend zuvor unterbrochene lektüre des entencomics fort. Mit dem verschwinden Mutters ist seit langem gerechnet worden. Mitte April des jahres neunzehnhundertsiebenundneunzig rief Vater an und sagte, es könnten jetzt jederzeit die organe aussetzen. Am neunzehnten August neunzehnhundertachtundneunzig ist Mutter dann ein letztes mal ins wachkoma gefallen, nachdem sie tage zuvor bereits nichts mehr gegessen hatte und nicht mehr das heißt endgültig nicht mehr umhergelaufen war. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Meine fensterlose Mutter! Nachdem sie wochen und tage meinen Vater beschimpft hatte, er komme nie pünktlich nach hause und die kinder seien nicht artig am tisch, sagte sie plötzlich nur dann und wann noch, »ach, da bist du ja« oder einfach nur »Vater«, oder »Vater« auch fragend, wenn Vater ins krankenhauszimmer trat und mit dem eintritt ins zimmer sie besuchte. Sie war jetzt abgemagert und bettversunken. Sie hatte jetzt flecken überall. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies.

Am achtundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr morgens wurde Mutter beerdigt. Ich warf eine gelbe rose in den schacht. Die rose lag vorbereitet in so etwas wie einer schachtel. Man greift in die schachtel hinein und nimmt eine rose heraus. Dann wirft man die rose in den vorbereiteten schacht hinein. Es ist aber nicht so, dass man an ein hineingestoßenes leben denkt, man wirft die rose in den schacht und weint. Ich behalte Mutter mit freundlichen augen zurück. Sie sitzt aufrecht im bett mit einer weißen strickjacke gegen das frieren an. Sie fragt mich, ob es mir gut gehe, und ich bejahe dies. Sie sagt, sie komme wohl nicht mehr heim. Sie ist jetzt insgesamt überraschend klar. Sie ist von einer überraschenden klarheit. Sie ist plötzlich eine alte frau geworden, die sie niemals war. Sie altert jetzt täglich. Sie erinnert sich, dass ich längst nicht mehr zu hause wohne. Auch sie wohne nicht mehr zu hause, sagt sie, sie wisse aber nicht genau, wo sie jetzt eigentlich wohne, und ob sie überhaupt eine wohnung habe noch. Sie wohne halt hier und da.

Als Mutter verschwand, und Vater anrief, Mutter sei diese nacht gestorben, ging ich ins bett zurück und zur lektüre zurück und den mäusen den enten dem geizigen Dagobert. Onkel Dagobert ist gerade wieder einmal dabei, seinen reichtum ins unermessliche zu steigern. Die von ihm dafür aufgebrachte logistik ist die erbärmlichste. Zu dieser logistik gehören auch die neffen. Die es immer wieder im entscheidenden moment rausreißen. Immer hat es Donald jetzt endgültig satt, wenn Dagobert ihn unentgeltlich schuften lässt. So ist das. Ist Donald das leben und Dagobert der tod?

Jetzt kannst du nicht mehr anrufen und nach Mutter fragen, stellte ich fest. Und du bist nie mit Mutter ins kino gegangen und nie mit Mutter ins theater gegangen, stellte ich fest. Überhaupt bist du mit ihr immer nirgendwo hingegangen. Es gibt so viele letzte blicke, dass ich gar nicht mehr weiß, wann genau ich sie zuletzt gesehen habe. Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Ich winke noch einmal zurück, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff gleitet langsam ins sichere schloss. Auf dieser station liegt der gebrochene fuß neben dem tod. Hinaus geht alles den flur entlang. Mutter hat schwierigkeiten mit der zunge, ihre stimme aber ist unmitgenommen. Sie schluckt schlecht und muss künstlichen speichel trinken.

Das erste mal nach ihrer erstmals freiwilligen und zugleich letzten einlieferung besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Sie ist in einem so erbärmlichen zustand, dass ich außerstande bin, anderes zu tun als stundenlang nur wortlos neben ihr zu sitzen. Selbst anschauen ist unmöglich. Auch die hand verstohlen auf die blaue wolldecke legen ist unmöglich. Barbara ist tränendurchschossen direkt aus dem zimmer wieder hinaus, kaum dass sie Mutter so daliegen und so erbärmlich sein und so fast verschwunden eingefallen vertrocknet und knochenschädelig so hat daliegen sehen, sofort wieder aus dem zimmer raus. Was hätte ich Mutter sagen sollen? Dauernd zeigt sie mit dem fliehenden finger auf merkwürdige gestalten da an der wand oder hier auf dem tisch. Sie richtet dabei ihren kopf so gut es geht ein wenig auf und schaut angestrengt mit kleinen augen mitten hinein in ihr geisterreich. Hatte es sinn, ihr zu sagen, da sei nichts als eine blume, ein seifenspender ein fleischfarbenes getier aus holz, das immer bei ihr war? Sie mochte es nicht glauben. Sie nämlich sieht fliegende vögel und gesichter. Als Barbara wieder ins zimmer tritt, hat Mutter gerade etwas tee aus der schnabeltasse getrunken und erbrechen müssen. Barbara wischt das braune zeug, den gallentee, von ihrem mund und ihrem weißen jäckchen. Das sei ja ungehörig, schämt Mutter sich. Sie könne das nicht leiden, sie sei ihr ganzes leben ja immer so etepetete gewesen. Das weiße jäckchen sei jetzt wohl unbrauchbar, überhaupt könne sie das ganze hier nicht mehr leiden, und abends würden über ihr ausgelassene parties gefeiert mit sexueller belästigung und so. Still bewundert sie meinen silbernen ring, den sie gern für sich behalten würde. Ihr finger sei aber sicher zu dünn dafür. Zwischen den sätzen bekommt sie so momentane abwesenheiten, gesichtsstarre, durchblick. Pfingsten war Mutter so erbärmlich, dass mein ganzer körper wie ausgegossen neben ihr saß mit so etwas wie gefühlstaubheit. Mutter schien keine angst zu haben.

Ich werde wohl langsam alt, sagte sie plötzlich vor jahren. Oder sie sagte, ich werde alt, bis sie eines tages sagte, wir sind alt geworden. Sie sitzt zu hause auf dem sofa. Irgend etwas fällt ihr nicht ein. Sie erinnert sich genau, dass ihr ein name nicht einfällt. Doch, sagt sie, ich spüre genau, dass ich alt geworden bin. Es fällt ihr nicht ein. Pfingsten berichtete Mutter von nächtlichen begegnungen mit ihrem vater, von nächtlichen erkundungen und bedenken, ob das hier alles mit rechten dingen zugehe, erblickte dann und wann eine sonderbare gestalt im zimmer, an der decke oder dicht neben ihr am bett, wollte dann und wann ihre sündhaft teure wie sie sagte lieblingscreme gereicht bekommen, um sich die immer trockener werdenden hände einzureiben, die sie ja im gegensatz zu ihren beinen noch passabel bewegen könne, immerhin. Und was ihr keine ruhe ließ, war der verlust ihres silbernen und sündhaft teuren wie sie sagte diamantringes, der ihr spurlos abhanden gekommen sei. Das könne nur an ihren fingern liegen, die sind ja alle so dünn geworden, da falle ja alles ab, was jahrelang nicht draufgepasst habe, schließlich fällt es ab. Jetzt endlich lege ich drucklos meine hand auf die decke, darunter ihre vollkommen abgemagerten beine stecken. Beine erahnen. Sie ist so mager, dass die sehnen des halses wie trockene äste aus ihrem körper wachsen so mager. Ihr kehlkopf ragt hervor, als wolle er für sich sein. Die arme drohen plötzlich wegzuknicken, ihr ganzer körper ist eine regierungslose marionette, deren fäden jemand verworren hat. Sie zeigt mir ihre zeitschriften, die sie immer noch mitgebracht bekommen wolle, die sie aber nicht mehr lesen könne, nur bilder schauen. Das sei jetzt die kommende mode, und ob mir das gefalle. Ihr nicht, sagt sie. Ihre füße jucken, dagegen könne sie aber nichts machen, sie könne nämlich die beine nicht mehr heben und habe das auch schon lange nicht mehr versucht. Nach einigen minuten nur dasitzen daliegen wegdenken überkommt sie die vermutung, scheißen und kotzen gleichzeitig zu müssen, was sie so nicht sagt. Mir ist auf einmal undefinierbar schlecht, schießt es aus ihr raus. Die schwester wird geholt, wir staksen den flur auf und ab, bis es Mutter wieder besser geht. Ihr mattes haar liegt jetzt noch abgebrochener neben dem kopf, fällt mir auf. Macht euch keine sorgen, hatte Mutter gesagt, als ich sie nach ihrer ersten operation wiedersah. Jetzt sagt sie nichts dergleichen. Es ist ihr alles peinlich. Ohne fremde hilfe kann sie nicht aufs klo. Jedes mal werde sie auf einen stuhl gehockt. Früher sei das ja ganz anders gewesen. Sie wisse, dass sie völlig unwillig sei. Das hätte sie sich aber ihr leben nicht gedacht, dass es mal so kommen werde. Sie wünscht uns alles gute. Ob wir die balkontür ein wenig öffnen könnten, die luft sei unerträglich schlecht. Ob wir das nachempfinden könnten. Für kurze zeit fällt sie in schlaf oder dämmerung. Sie hat ihre große brille auf, durch die man unter ihrem linken auge einen fleck sehen kann. Deutlich zu sehen ist ein dunkelroter fleck. Ich habe sie nie gefragt, warum der fleck da unter ihrem auge ist. Fragt man sie geradeaus, wie es gehe, sagt sie stets, es gehe ihr gut. Sie sagt allen, es gehe ihr gut. Es geht mir gut, sagt sie allen, die sie fragen. Ich habe sie nie gefragt, ob sie bald zu sterben denke.

Als die krankheit in der leber war, gab’s wohl keine hoffnung mehr. Zu niemandem hat sie gesagt, dass es das dann wohl gewesen sein werde. Keine mitteilung über den tod. Kein wort. Manchmal brach sie in tränen aus und tat dann so als habe sie sich verschluckt oder einen trockenen mund oder etwas merkwürdiges in der kehle. Vater sagt, sie habe nie über den tod gesprochen. Sie freute sich, wenn man sie besuchen kam. Sie klagte nicht, wenn man gehen musste. Nur über Vater hat sie geklagt, ununterbrochen hat sie ihm und allen vorgehalten, er sei nicht für sie da, er komme und gehe wann und wohin er wolle, er lasse sie hier im stich, er sei immer unpünktlich, das habe es früher nicht gegeben, er halte die abmachungen nicht ein, er bleibe die meiste zeit einfach weg. Vater ertrug diese beschimpfungen stets mit ausgeharrter sanftmut. Sein aufgeräumt kariertes jackett, und sie in ihrer nachthemdhülle. Karriere karies. Gangart des pferdes, schneller galopp. Zerstörung der knochenteile. In voller karriere daherkommen. Morschheit fäulnis. So wie er früher aufs amt gegangen ist, zur arbeit gegangen ist, so wie sie spürbar verschwindet. Ein drittes ist ausgeschlossen. Früher hatte sie öffentlich geweint. Öffentlich war zu hause. Ich schätze das so ein, dass es ein weinen aus verbitterung war. Auch hatte sie da selten grippe oder ›herzgeschichten‹, wie dieses ammenmärchen hieß, lag sie tagsüber und nächtelang über tage im bett bei zugezogenen oder aufgerissenen vorhängen und war unansprechlich auf gnädige art und weise aber so etwas wie empfänglich mal guten tag sagen von Vater vorgeschickt und lag da im nachthemd im bett tagelang mit diesem unwort, das es damals nicht gab, mit depressionen. Mutter, bettliegend, damals schon in zeitschriften geblättert, geheim wie geheimnisvoll. War aber nichts drin außer verweigerung. Modeabschöpfung. Und ging hinaus. Und kam anderswo wieder herein. Nämlich ins krankenzimmer. In die verwesungskammer. Auf den friedhof. In die zerstreuung entfernung. Wurde aus unserer mitte entfernt. Wo das liegen könnte. Notate. Ködersprache. Von Mutter als etwas unediertem zu sprechen. Fragment, randglosse. Bahnung, riss und zug. Form und bruch, schneise und strich.

Eine  krankheit  ist  ja  immer  auch  eine  krankheit  des bewusstseins. Das, auf was alles zusteuert. Zusammenfassung des lebens als mitteilung da ist krebs im darm. Dass da bereits eine fortschreitung ist, wird Mutter aber ganz und gar nicht direkt bekannt gemacht. Bis zu ihrem tod hat sie nur einen inneren bescheid, was sie so fürchterlich ahnte, als sie wochenlang nicht mehr scheißen konnte. Hatte unsägliche schmerzen, die sie genau lokalisierte, nämlich darmwärts. Eines tages geht sie zum arzt und sagt, da ist was. Das spüre sie seit monaten. Der arzt fertigt bilder an. Er tritt vor meine Mutter hin und sagt, da ist was. Kann es so etwas geben wie ein bewusstsein dafür, dass da etwas ist, fragt meine Mutter den arzt. Es ist absolut nicht unmöglich, dass Sie vorher wussten, was ich Ihnen jetzt bejahe. Und ob es schlimm sei. Dass es wirklich schlimm sei. Danach immer zusammenfassung zusammenfassung zusammenfassung. Ein vor augen stellen. Eine tägliche portion abschied.

Am abend des zehnten Januar neunzehnhundertvierundneunzig bin ich zum essen eingeladen. Ente acht kostbarkeiten. Auf den kerzenlichtbestrahlten tisch hat die gastgeberin sich selber aufgedeckt. Sofort will ich ihr mit der zunge zwischen die schenkel langen. Telefon. Hier ist Vater. Mutter ist schwer erkrankt. Sendeschluss. Das war neunzehnhundertvierundneunzig. Da war das essen zu ende. Schwer erkrankt klingt ja auch heute noch nach lebensende. Um nicht zu sagen liegt bereits im sterben. Acht kalte kostbarkeiten. Kein essen mehr. Seit neunzehnhundertvierundneunzig habe ich nicht mehr gegessen. »Ja mehr denn gantz verheeret!« Das sympathetische wissen selbst ist ein krebsgeschwür und hat aller schweiß und fleiß und vorrat aufgezehret. Was ist das was einer denkt? Wohin gehn all diese gedanken, nachdem das betriebssystem erloschen ist? Kreist das dauernd in sich selbst? Sind unsere gedanken wirklich, sind unsere gedanken wirklich fensterlos? Weiß halm nun eine lösung, der jetzt bereits mahl nun ist und lahm nun? Fragen, die Mutter nicht berühren. Mutter nicht berühren! Die Mutter, das fremde denken. Nie reichst du heran! Möglicherweise ist es ja so, dass alles denken gleich – und gleich verloschen ist.

Es hat schöne gespräche gegeben in unserem leben. Aber wovon handelten die schon. Es sind wichtige dinge, vom wetter und vom essen zu reden. Mutter sprach gern vom wetter und vom essen. Setzt euch hin und redet nicht so viel über dinge die man nicht essen kann. Hätte von ihr sein können. Wetter war aber etwas, das in ihr drin war, das konnte sie spüren, das machte sie fertig oder froh. Mutter war nicht von dieser gesellschaft. Ich glaube, sie war aus dem krieg, und sie hat alles mit dem von aus dem krieg verglichen. Und da war wohl wenig deckungsgleich. Sie hat ihre kinder nicht auf der höhe der gesellschaft erzogen, ich meine, diese gesellschaft war ihr beim erziehen immer im weg, ich meine, diese gesellschaft war ihr immer im weg, will heißen, da gab es so voreingenommenheiten, so gegenseitig tote winkel, unlebbare versprochenheiten, sie ist ihren beschwerlichen fahrradweg zur schule gefahren, sie hat pharmazeutische dinge gelernt, danach, und dann kamen so umbrechungen, eine plötzlich so jäh hereinbrechende gegenwart, eine hinübergereichte indieweltstellung, sie ist eigentlich immer mit ihrem fahrradweg zur schule gefahren. Ich würde gerne mal wissen, ob sie einen gedankenhaushalt hatte, wie sie einen haushalthaushalt hatte, in dem alles protokolliert und aufgeschrieben war, aber sie hat wohl nichts weiter aufgeschrieben als den haushalt, die gläser obst, die rezepte, die wenigen briefe mit ihrer schönen blauen schrift, mit ihrer heimat. Ihre haushaltsehe, die schönste denkbare schrift. Grazil geführter fluss. Sie hat schließlich nicht mehr selber telefonieren können, wohl aber gesprochen, wenn jemand in der leitung war. Ihre stimme ihre schrift. Sie hat schließlich das alphabet der zahlen nicht mehr verstanden, ihr ist alles abhanden gekommen, was eine verbindung herstellt nach draußen, wo sie fließend in den köpfen ist.

In ihrem nun verlassenen zimmer öffne ich den schrank sperrangelweit und fische einen letzten zettel mit ihrer verzitterten verknitterten schrift. Da ist sie wieder diese handsame warme führung dieses endlich verlernte alphabet mit spuren nach kindsein im vertrauten gehege als da ein lesen noch auflesen war. Jemand sagte ihr einen namen eine straße ein noch zu erledigendes etwas oder ihr fiel etwas ein und sie schrieb es auf. Eine boje ein standort eine flüchtig ergriffene gelegenheit. Was bleibt ist eine schrift. Sie versucht, den zettel zu entziffern. Sie kann keine landschaft mehr lesen. Was sie immer und immer wiederholt, soll und kann nicht anders als nicht mehr als genug sein. Eine socke, fällt ihr wochen vor ihrem tod ein, hat sie seit jahren vergessen zu stopfen. Sie will jetzt da sie in ihrem sessel sitzt bequem oder verhältnismäßig bequem diese vergessene socke stopfen. Auch die fließende nadel ist ungehörig. Das führt zu nichts. Da sie merkt, dies führt zu nichts als zeit und nichts als verjubelter zeit, sitzt sie plötzlich nur noch da und käme einer mit dem lichtbart dieser unpünktlich zeitlosen patriarchen, sie schämte sich gleich für ihn mit. Hast du denn nichts besseres zu tun? Aderlass. Jetzt wo sie tot ist, ist sie fremd. Wie kommt das, wenn einer tot ist, dass er fremd ist. Jetzt, wo einer tot ist, ist er fremd. Wo denn das wo ist. Ist ihr leben eine erinnerung, die fremd ist, fragt sich jetzt das überbleibsel. Alles sprießt. Es ist eine große verwunderung in der welt, dass jetzt dennoch alles sprießt, wo sie tot ist. Die vom krieg gelockerte Mutter, die unterwegs verloren ging. Wo ein gedanke hingeht wenn er gedacht ist. Ob da nicht ein direktes museum ist, wenn einer seine schränke und türen, seine treppen und verliese zurücklässt, seine verschlusssache. Sie öffnet die lade ihres sekretärs und nichts als schlüssel und fotopapier. Sie hat da immer so hineingekramt. Fundgrube und verschlossene schatztruhe zugleich. Da ist ein zeitmoment ein kindergesicht. Da gibt es schon längst kein schloss mehr für. Wer in aller welt soll das denn noch zusammendenken/-leben? Ein zettel voller namen ein unbeschriebenes namenpaket. Rezepte fotos rezepte. Und das foto mit opa im arztkittel und kleine unverbrauchte dinge die niemand mehr braucht. Aufgesparte gummiringe nie benutzte griffel. Eine welt eine unfertigungshalle. Ein pass. Ein wort. Ein nicht mehr zurückkommen. Ein hinunterfallen. Fotos von Vater in allen jahren. Ordnungssysteme registraturen. Denn was du nie verlierst das musst du stets beweinen. Das hätte von ihr sein können. Sie hat nichts verloren. Sie hat alles abgelegt. Sie hat nicht mal sagen können, meine ordnung sieht immer so unordentlich aus. Ihre ordnung sah aus wie alle ordnung. Ein aufzählen bloß. Ein dahinlegen. Schlüsselsysteme. Schlösser unauffindlich. Metallstangen, mit denen der dachstuhl des sekretärs zu öffnen ist. Mutter machte das mal vor und beeindruckte mich. Fingerfertigkeiten, das mittelgeschoss zu öffnen. Offenbarung, offenbar. Seit jahren gelingt mir das nicht. Seit jahren vermute ich hinter den dingen und in den dingen truhen schachteln kammern einen schatz eine vertrautheit eine fotografische vollnarkose, die mich ins land meiner Mutter entführt, die mich für einen weggeatmeten augenblick mal tapfer in ihrer landschaft stehen lässt Düsseldorf Bitburg Nonnenwerth und Neuerburg da ist sie mal gewesen mit uns, da hat sie mal hingezeigt aus dem vorbeifahrenden auto raus in dem wir saßen dass sie da mal gewesen ist ganz selbst. Den ihrer zungenschläge aber mochte ich am liebsten, der schon lietzeburgisch war. Dem hörte ich stundenlang zu, ohne ein wort zu verstehen. Das konnte sie singen, wenn wir in Geichlingen an der luxemburgischen grenze zu besuch bei Grete waren, der haushälterin von oma und opa. Eines tages hatte Grete ihren bauernhof frisch tünchen lassen. Ich glaubte ihr einen gefallen zu tun die fliegen in hundertschaften mit fliegenpatsche an die frischgetünchte außenmauer zu heften. Sah aus wie von masern befallen diese frischgetünchte fassade. Danach fliege gemacht. Wir sind jung und das war schön, sagte mal jemand.

Auf ihrem letzten foto hat Mutter das kleid schon an, in dem sie später beerdigt wird. Das hat ihr immer gut gestanden, und weil das ihr letztes foto ist, sagt Vater. Vom tod gezeichnet, wie das so landläufig heißt, so schaut Mutter eineindeutig neun monate vor ihrem tod. Als müsse sie in unvorbereitet kürzester zeit stellung beziehen, wo ihr doch schon die bloße anwesenheit die ärgste anstrengung war. Alles gerinnt zu einem sogenannten. Sie steht täglich vor mir. Träume ich, ist sie nicht tot. Ich weiß das in- und auswendig. Ich gelange da nicht hin. Eben nicht zu vergessen Bas Jan Ader, der am neunten Juli neunzehnhundertfünfundsiebzig von Cape Cod mit einem kleinen segelboot in see stach, um den Atlantik in richtung England zu durchqueren. Nix da! Eine halb verfaulte nussschale. Das wars. Kieloben treibend. So westlich von Irland. Er selbst verschwunden. Aderlass. »Mein Körper, das Ertrinken praktizierend«, hat er mal notiert. Und dann »I’m too sad to tell you«, jener wunderbare sechzehn-millimeter-film hemmungslosen weinens. Das ist es. Ein weltraum des weinens. Und ob es danach einen moment der ruhe gibt. Ob nach diesem weltraum alles raus ist. Manchmal ist das mit dem eigenen weinen ja so, dass man es selber nicht von einem filmweinen unterscheiden kann. Man lernt und weint ein leben lang.

Öl. Ein flüssiger kerzenschein eine fünftagesration ewiges licht. Und wiederkommen. Und wiederdenken. Das gedächtnis ist ein baum. Ein blumenstrauß. Angeflogenes, sofort wieder unterbrochenes beten. Ein todestag als gedächtnisring. Eine sprießende frühjahrsblüte mit wurzel. Eine schale. Und wiederkommen. Erde wenden. Und winter werden. Und danebenstehen. Immer mal da so hinkommen bis jemand zu dir kommt. Auf grasnarbenfühlung auf touristenkurs. Vielleicht auch mit diesem unsagbaren bild auf den lippen mit dieser verstarrung oder nicht mehr unternehmbaren kopfbewegung. Da wie sie daliegt. Wie sie nur noch wenig machen kann. So rumdrehen zum beispiel eine unmöglichkeit. Verabschiedung unmöglich. Kurzsichtig ohne wiedergruß. Kurzsichtig und voller raum im gesicht. Betreten. Auf der einen seite stehen. Auf der anderen. Das leben ist eine abgewöhnung. Und ein tod hilft ja auch dabei wie dieser. Liegt mutterseelenallein auf der sterbepritsche. Vater fallen schon die augen zu. Der ihr seit stunden erwartete tod der ihr aber seit tagen schon ausbleibt. Komatös mit nach hinten gestrecktem kopf. Hat ein leibchen an. Keine letzten überlieferten worte. Dagewesen weggegangen. Bloßheit. Und wohin das führt. Vater fallen die augen zu. Er geht jetzt mal nach hause. Ein mutterseelenmenschenleerer raum darin Mutter verschwindet. Sie sagt ja nicht, geh mal eben nach hause, ich muss jetzt sterben. Hinübergehen. Abkratzen. Platte machen. Platz machen. Sich ein leben lang verhört haben. Sich ein leben lang fragen, habe ich das richtig verstanden. Und mal etwas klarstellen wollen. Das betriebssystem Mutter überprüfte sozusagen lebenslänglich seine schnittstellen. Waren vielleicht ja gar keine da. Ein selbst verglühender herd. Was aber schön ist, selig scheint es in sich selbst. Was da so trocken im laken verglüht. So unpolitisch am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig. Wie wir da ins zimmer treten und denken uns trifft der schlag. Wie da plötzlich alles stillsteht. Wie wir im gehörten das hören hören. Vielleicht ist das ja etwas das nie aufhört, dieses STERBEN das nie aufhört. Dieses dünne ärmchen, das aus dem laken schießt. Diese unberingte hand, die nach einem ring sich sehnt. Dieser komplett untergeschossige körper, der es selbst nicht fassen mag. War doch gestern noch kompletter, sagt sich dieser körper abermals und gern. Was ist das denn plötzlich ernsthaft, dass das so nicht mehr geht.

Wiederholt verbucht sie so manches falsch. So zum beispiel das vehemente verneinen auch nur irgendeinen sohn gehabt zu haben. »Wieso mein sohn hat mich besucht!« Bis zuletzt gab’s von Vatter für Mutter ausgesuchtes und zwar eine woche vorher ausgesuchtes mittagessen, nämlich diesmal irgend so was mit dampfsuppe fleisch und tirili. Diäthalber sterbenslangweilig verdaubar und abgangswürdig. Aber was willste machen. Alles auf der welt findet irgendwo in der welt ein katastrophales verständnis. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies. Ich hätte gern einmal verständnis dafür entwickelt, was da organisch so abgeht, was da so abfällt und aussetzt organisch. Es ist halt so dass ich mit dieser tastatur sehr gerne mal in die eingeweide vorgedrungen wäre, aber es war nicht so, dass mir dies zu lebzeiten auch nur ausgesprochen gelungen gewesen wäre. Die deutsche grammatik versprüht immer so einen ausgestochenen verwesungsgestank. Diese permanent papstgesegnete deutsche sprache. Diese sparsprache. Diese philosophensprache. Diese pfandwertflasche. Dieses sterbekristentum. Dieses abtransportiertwesen. Dieser stolz: »Der wird mir unrecht thun / der meinen tod beweinet.« Ihr tod. Ein tod eine echtzeit und drum herum so etwas wie hermeneutik oder karlsruher karneval. »Es wird der bleiche todt mit seiner kalten hand« habe ich zwar gelesen, erschrickt mich aber nicht.

Besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Selbst anschauen war unmöglich. DAS jagte einen hinaus als wäre kein platz! Hatte sich aber noch kurz vor ihrem tod in einem unterwäschegeschäft unterwäsche gekauft in rauen mengen und wollte immer einkaufen gehen. Einkaufen war für Mutter stets ein staatsakt. Der oberstadtdirektorvater, und Mutter geht jetzt für die oberstadtdirektorfamilie einkaufen. In diesem verschissenen Düren einkaufen gehen. In diesem geistig total vor den hund gekommenen Düren einkaufen gehen. Mit ausnahme des museums ist diese stadt bitte dringend zu schließen! Eine stadt, die im krieg zu achtundneunzig prozent zerstört wurde, hätte besser nicht mehr aufgebaut werden sollen. Man hätte alles so stehen und liegen und verrotten lassen sollen. Dann hätte man noch fünfzig jahre nach dem krieg menschen und frauen aus aller herren länder da mal hinführen können mit dem satz: DAS ist der krieg. Bitte alle Düren schließen. Eine möchtegernstadt wie ein schweizer käse. Wenig gestalt um viel nichts. Das nichts scheint durch. Immer diese vorstellung des weniger werdens. Und hochschrecken nachts, weil im traum sitzt Mutter noch da, und es ist die rede von einem wunder. Dass sie jetzt wohl über den berg sei. Dass da nicht mehr viel passieren könne. Und da sitzt Mutter also und lässt es sich gut gehen. Nicht totzukriegen. Sitzt da vor sich hin. Besuch aus einer anderen welt. Redet plötzlich ganz anders als im leibhaftigen sinne.

Abermals hochschrecken, weil die finte bemerkt wird. Sofort klar machen, dass Mutter hinüber ist. Beruhigend zu wissen, sozusagen. Alles beim alten. Auch sie hatte vor den nächten angst. Sie wollte eigentlich die nächte gar nicht mehr haben. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Dort im krankenhauspark steht eine skulptur. Einmal hat meine Mutter aus dem fenster in den park hinausgeschaut und da hat sie genau dieses ding da gesehen. Das ihr gut gefallen hat. Nachdem Mutter am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten verschwunden ist, erteilt Vater dem skulpturenmacher den auftrag, eine schicke stele fürs grab zu machen. Ein sehr erdenfestes, ums zentrum verzwirbeltes oder verdrehtes gerät aus grauem stein ist es geworden. Hat mittlerweile schon moos angesetzt. Nein, meine Mutter hat mich nicht persönlich angerufen, mir zu sagen, »ich habe krebs«. Ich bekam einige wochen nach Vaters meldung, Mutter sei schwer erkrankt, von ebensolchem Vater eine telefonnummer, mit der ich die bereits operierte und noch krankenhausbettlägrige Mutter besuchen konnte. Niemand von uns hatte eine gute gesprächseinstellung parat. Ihre stimme war eine starke schwäche. Nur kurz telefonieren, hatte Vater gesagt. Ein leben ist immer ja ein wunsch voneinander. Nein, das sind so verbrauchte sätze. Das ist kein ausgang. Den stil verbessern, heißt, die gedanken verbessern, sagte mal jemand. Man wählt diese nummer ja nicht nur einmal nicht ganz so durch, sondern immer nur bis zum anschlag, immer nur bis zur vorletzten nummer, immer nur bis höchstens zur letzten nummer, die aber schon nicht mehr ganz durchgeht, vielmehr längstens ein wenig angeläutet wird, dann schnell den hörer auf die schüssel. Man scheut die erste liebe wie den ersten tod. Es ist alles vermittelt und numerös. Hörer wieder abnehmen, weil es doch die eine einzige stimme ist, die zählt.

Einen einzigen brief gibt es von ihr. Sie kündigt darin an, meine hose aufzubewahren, die ich vergessen habe beim letzten besuch nach dem umzug und die sie mir schicken könne, vorerst. Das ist jahre her. Die mittlerweile längst aus der sogenannten mode gekommene hose hat sie mir höflich in einem karton geschickt. Ich habe ihr nämlich einen brief geschrieben, bitte schicke mir besagte hose, weil es wird kalt, und die hose fehlt mir. Hose ist mittlerweile verrottet, karton habe ich aufbewahrt. Und zwar liegt da so allerhand unzurechnungsfähiges zeug drin rum. Karton also aufbewahrt, aber nicht mehr reingeguckt. Die hose ist von anfang an schon zu kurz gewesen, ich steckte trotzdem mittendrin und nannte diese hose stets ›beinkleider‹. Zwischen dem verrecken einer nahe liegenden person und dem verrecken einer fast identischen person liegt nur das anziehen einer hose. Oder das alphabet. Du ziehst eine hose an und Franz Papaver spricht von identität, die nur variierte wiederholung ist.

Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Mutter hatte gerade gefrühstückt, was ihr diesmal anders als die tage zuvor freude zu machen schien, sagte Vater. Ich war mir völlig im klaren darüber, sie das letzte mal gesehen zu haben. Mit einem nochmaligen betreten des zimmers hätte dieses bewusstsein ein anderes werden können. Es hat aber ganz und gar keinen vorwand keinen deckmantel gegeben, den raum erneut zu betreten. Ich muss jetzt gehen, rief ich ihr zu, einmal noch winkend, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff glitt langsam ins sichere schloss. Wohin aber gehen? Das zimmer verlassen, die station verlassen, das gebäude verlassen. Einmal noch notiz nehmen  von  dieser  abgelegenheit. Von  dieser  reparatur-, heilungs-  und  beendigungsstätte. Felsenfest  sagen, hier möchtest du bis an dein lebensende nicht mehr rein. So tun,     als sei nichts gewesen. Auf andere gedanken kommen, sozusagen.  Aber  wohin  denn?  Vorbei  am  alten  abgerissenen schwimmbad, an all diesen wie aus dem hut gezauberten überanstrengungen vorbei, die Düren heißen. An diesem gesamten ensemble der notdurft vorbei. An der mittelstadt vorbei. Vorbei an dir selbst in jenen heruntergekommenen etablissements der innenstadt einen kaffee trinken. Das ist eine durch und durch vergessenswürdige kleinstadt. Sitzt plötzlich aufrecht im bett, nachdem sie bereits stunden zuvor keinen laut mehr von sich gegeben hat. Ob sie wohl wieder einem phantom nachjagt. Fragen, die sie stellt. Ob ich das gehört habe, was opa sagt. Es verwundere sie zutiefst, dass opa hier etwas vor allen leuten sage. Opa sage nämlich nur ihr allein immer was und zwar morgens im bad. Ich solle doch bitte die leute rausschmeißen. Dass es nicht stimme, was ich sage. Dass ich hier nicht allein mir ihr in diesem zimmer sei. Dass diese anderen leute böses im schilde führen. Dass sie manchmal nicht ganz aufmerksam sei. Sie habe wie sie sagt in ihren lichten momenten das gefühl zwar schon seit längerem regelrecht vor sich hin zu altern aber dieses ganze hier das habe doch mit gottes erlaubnis nichts mehr mit altern zu tun, das sei doch was ganz anderes, und ob ich ihr da mal entgegenkommen könne mit einem hinweis was das denn genau nun sei, sie jedenfalls habe zwar vielleicht mal was davon gehört, es mittlerweile aber vergessen, jedenfalls habe sie anderes zu tun. Außerdem, das aber sei nicht dringlich, falle ihr dieses eine wort nicht ein. Das so etwas endgültiges sei. Fällt wieder ins bett zurück wie tot. So also sieht sie aus wenn sie tot ist vielleicht. Jetzt ist sie bereits zehn minuten tot. Ihre haut auf den wangen. Ihre glänzende stirn, die sie mehr und mehr mit einer sagen wir hochprozentigen salbe einreibt. Was ist aus uns geworden. Diese alltagsfrage dieser gesalbte schmerz. Die adern ihrer schläfen die wie ein rinnsal das gebirge hinunterdrängen. Ihr schlaf, der ein gebirge ist. Und aus dem gebirge schaut sie plötzlich auf mit einem fast schon versöhnlichen lächeln, das alles zu überblicken scheint. Sind wir da denn hier noch beizeiten? Ist das denn noch alles rechtzeitig?

Am achtzehnten August zweitausend teilt mir Vater mit, er habe Mutters liebesbriefe wiedergefunden. Sie hätten in einer keksdose gelegen. Jedenfalls in einer blechdose. Mutter und er hätten damals die vernichtung ihrer liebesbriefe beschlossen. Sie hätte SEINE liebesbriefe tadellos verbrannt. Jetzt finde er wie zufällig in einem braunen karton, und sei es auch nur eine unbedeutende alte schachtel, diese IHRE liebesbriefe, die er dann wohl nicht wie es abgemacht gewesen sei vernichtet habe. Er wundere sich wie von selbst. In einer dose hier in diesem braunen karton sind sie dringelegen. Mutter habe alle seine liebesbriefe verbrannt, sagt Vater. Dies zeige sich, sagt Vater. Er habe also aus dem schrank diese kiste hier rausgenommen und anstatt des vermuteten christbaumschmucks seien also diese briefe hier dringelegen. Während all der jahre muss er also und zwar zuletzt an diesem ort ihre an ihn adressierten liebesbriefe aufgehoben haben, während sie wie abgemacht seine liebesbriefe ordnungsgemäß verbrannt habe, mutmaßt er. Finde er also in dieser keksdose Mutters liebesbriefe entferne er sogleich sämtliche noch übriggebliebenen briefumschläge mit all den wechselnden anschriften und adressen und schmeiße sie sofort in den mülleimer, sagt Vater. Er zeigt mir einen aktenordner mit sauber eingelochten handbeschriebenen papierseiten. Mutters liebesbriefe. Das darf doch wohl nicht wahr sein, entgegne ich. Auf die frage, warum er denn die briefe eingelocht und die umschläge weggeschmissen habe anstatt sie unversehrt in der dose im karton aufzubewahren, erwidert Vater, er sei nur an den briefen interessiert. Diese hätten jetzt zwar je zwei löcher, er habe jedoch peinlich darauf geachtet, dass keine textstelle berührt worden sei.


* Michael Lentz, Muttersterben. Prosa. pp. 139 – 157. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2002.

Längst war der Tag angebrochen. Die Berge, ihre Gipfel von finsteren Wolken verhangen, glitzerten in kaltem Blau, als wollten sie ankündigen, dass die Pause, die der seit Tagen fallende Schnee in der Nacht eingelegt hatte, nun zu Ende ging. Ein Strauß schwacher Sonnenstrahlen schickte sich an, die Welt anderswo zu wärmen, hier funkelte er eiskalt auf den Eisenbahnschienen, die wie aus dem Nichts kommend in die Ewigkeit zu führen schienen, vertrieb und zerschlug die der Natur innewohnende Unberührtheit.

Ein, zwei Züge, die nachts über die Strecke gefahren waren, hatten den Schnee plattgedrückt und in Eis verwandelt. Der Widerschein des Lichts auf den Schienen erfüllte die Fenster von Eşbers einsamer, trister Dienstunterkunft unweit der vergessenen Kleinstadt in den Bergen, das Stellwärterhäuschen mit seinem Wellblechdach, nur hundert Schritt vom Haus entfernt, lag schon im Schatten einer schweren, düsteren Wolke, die bald darauf vollständig den Himmel bedecken würde.

Eşber schob einen dicken Eichenscheit in den Ofen, der das trübselige Zimmer nur noch kläglicher machte, und verschloss sorgsam die Klappe. Auf den Ofen setzte er die mit eiskaltem Wasser gefüllte Kanne. Die Glut würde den Scheit zum Glühen bringen, das Wasser in der Kanne würde sich erhitzen und wenn Eşber am Abend in den vom Schnee verwehten Fußspuren heimkehrte, als wären sie noch da, würde er sich mit warmem Wasser Gesicht und Hände waschen, anschließend den Rücken an den Wandteppich mit den trinkenden Hirschen lehnen, die abgebrannten Streichhölzer, den Leim und seine Zigarettenschachtel bereitlegen, in der Nacht auf die Geräusche der Wölfe lauschen und am nächsten Tag einen weiteren Tag beginnen, der dem vorherigen aufs Haar glich.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Schienen, die durch tiefe Täler führten, sich an Wildwassern entlang heranwanden und in völlig andere Leben erstreckten, würde er im unruhigen, engen eigenen Kreis weiterleben, als bestünde die ganze Welt allein aus den Dingen, die sein Leben bestimmten, und aus ungeschliffenen, rohen Gefühlen, als läge nichts hinter den schroffen Bergen, die seinen Horizont umstellten.

Bevor er in die gefütterte Lederjacke schlüpfte, die Mütze aufsetzte und Handschuhe überstreifte, riss er das Kalenderblatt ab, las die Gebetszeiten darauf, einen Ausspruch des Propheten über Zwietracht, Namensvorschläge für an diesem Tag geborene Kinder, die Speise des Tages und die kurze Zusammenfassung der Schlacht von Uhud, ohne sich eine einzige Zeile von all dem zu merken. Das Blatt in seiner Hand war kein gewöhnliches Kalenderblatt, es war ein Dokument, das anzeigte, wie viele Tage es noch bis zum Frühling hin waren, das ihm Kraft zum Durchhalten gab, indem es ihn daran erinnerte, dass die Zeit verging. Der Frühling war kein Traum. Auch wenn das Blatt noch mehr Tage bis zum Frühling auswies, als man auf die Schnelle zählen konnte, es war doch der Beweis dafür, dass er existierte.

Auf dem Kalenderblatt stand geschrieben, dass Winter herrschte, schwer und zu lang, um ihn allein damit herumzubringen, schlafen zu gehen und wieder aufzustehen, Linsensuppe zu kochen, abgebrannte Streichhölzer zu sammeln und daraus Häuser zu basteln, im Stellwärterhäuschen zu hocken und um verspäteter Züge willen zu telefonieren, grüne und rote Fähnchen für Züge zu schwenken, die majestätisch das sich endlos ausdehnende Weiß durchschnitten, mit den Lokführern Grüße auszutauschen, sie um Zeitungen zu bitten, Bestellungen für Salz, Zucker, Streichhölzer aufzugeben, abends vor dem Fernsehapparat mit seinem Bildrauschen einzuschlafen, eine große Schüssel mitten ins Zimmer zu stellen und sich darin zu waschen, nach Spiegel und Rasiermesser zu greifen und sich draußen zu rasieren, wenn unvermutet Sonnenstrahlen die Schneewolken durchdrangen, Tee aufzubrühen und zu schlürfen, im Garten Kartoffeln und Kohl zu ziehen, die Hühner zu füttern, Schnee zu schippen, sonntags ins Städtchen zu wandern, um Käse und Bauernbrot zu besorgen, und nur drei, vier Worte am Tag zu reden. Die zermürbenden Winter über all die Jahre machten sein Leben zu einer schweren Krankheit, zum beständigen Schweben am Rande des Todes.

Er zog die Tür hinter sich zu, verriegeln brauchte er nicht, denn ringsum war kein Mensch. Als er die Spuren der Wölfe erblickte, die er nachts ums Haus hatte schleichen hören, lächelte er. Bei Tagesanbruch hatte erneut Schneefall eingesetzt, gegen Morgen aber wieder aufgehört, bevor er die Spuren der Wölfe bedeckte, die halb wahnsinnig an der Tür gekratzt hatten, als sie die drei Hühner witterten, die er im zweiten, als Speicher benutzten Zimmer hielt.

Zum Glück gab es in seinem Leben die Wölfe. Der Kampf gegen die Wölfe, deren Augen er wild blitzen sah, Blut troff ihnen von den gesunden weißen Zähne, wenn sie jagten, war immer mehr zu einem Lebenszweck geworden, zu einem bizarren Spiel, das zweifellos blutig enden würde. Er tastete nach seiner Flinte und dachte an die Brutalität in ihren Augen.

Der größte Trost in der tödlichen Einsamkeit, die an seiner Seele fraß wie ein bösartiges Geschwür und im Laufe der Zeit sein klares, junges Gesicht in rostiges Gelb verwandelt hatte, das, was sein Leben zu einem Spiel machte, war die Beziehung zu den Wölfen. Die Einsamkeit bereitete ihm unerträgliche Kopfschmerzen. Deshalb nahm er Opium, wenn er welches bekommen konnte, gleich einem über einen Abgrund balancierenden Seiltänzer ließ er dann die Wölfe nah an sich heran. Er genoss es, wenn sie ums Haus strichen, wenn sie sein Leben bedrohten, das er vergeblich mit Sinn zu erfüllen versuchte, seit er seine Tage im Stellwärterhäuschen fristete. Die Hühner kreischten vor Furcht, wenn sie das Heulen hörten, mit dem die vor Hunger irren Wölfe die Nacht zerrissen, während sie aus dem Gebirge herbeischnürten. Das erbarmungswürdige Geschrei der Hühner stachelte die Wölfe nur weiter auf und für Eşber war es eine Lust, das Fenster zu öffnen und einem Wolf, der sich ihm auf eine Pfotenweite näherte, ins funkelnde Auge zu schießen. Nach solchen Nächten fand er morgens blutige Spuren im Schnee. Die Natur bescherte ihm jedes Jahr monatelang nur eine einzige Farbe: weiß. Als wäre man blind. Da waren es die Blutspuren, die ein angeschossener Wolf zurückließ, und ihr die Stille zerreißendes Geheul, die ihn daran erinnerten, dass er lebte. Ohne die Wölfe würde er bezweifeln, im stillen Weiß überhaupt noch zu existieren.

In Gedanken bei ihnen ging er zum Stellwärterhäuschen hinüber, da stach ihm plötzlich das dunkle Blau ins Auge, das schon im Schnee zu verschwinden drohte. Dieses Blau ähnelte weder den Blautönen an Frühlingsmorgen, noch jenen, die an Sommerabenden den Himmel überzogen, wenn die Sonne rot versank. Am ehesten erinnerte es wohl noch an das Blau beim ersten Aufflammen eines angerissenen Streichholzes. Er traute seinen Augen kaum. Ihm war, als wäre dieses Blau, das er in der Ferne zwischen den vergessenen Bergen erblickte, ein Geschenk, wie er nie eines bekommen hatte. Er lief zu dem Blau hin, beinahe schon verwischt vom einsetzenden leichten Schneefall, hob es behutsam auf, als nähme er einen Wellensittich in die Hand, und als er damit nicht ins Stellwärterhäuschen sondern nach Hause stapfte, schlug ihm der dunkelblaue Stoff um die Knie und erfüllte ihn mit unbeschreiblicher Freude.

Dann senkte sich die Nacht herab und schritt voran. Finsternis umfing alles wie ein Spiegel, der den Bewohnern, die in kleinen Städtchen und fernen Dörfern in den Bergen vor sich hin lebten, ihre eigenen verhärmten Gesichter vor Augen hielt. Am Morgen hatte er sie auf seinen Armen in sein Haus getragen, sie mit der Wolldecke zugedeckt und dann an ihrer Seite gewacht, ohne sich um die vorbeirauschenden Züge zu kümmern, vor dem Erfrieren gerettet lag Fidan nun in tiefem, ruhigen Schlaf. In der Ferne heulten die Wölfe. Doch Eşber hörte sie nicht, er wartete nur darauf, dass diese Frau mit dem klaren Gesicht, so schön, wie er nie eines gesehen hatte, erwachte.

Unversehens schlug Fidan die Augen auf. Tödliche Angst huschte ihr übers Gesicht. Dann flackerte ihr Blick in einer Mischung aus Entsetzen und Verwunderung hastig durchs Zimmer. Sie sah den Wandteppich mit den Hirschen, den von der Linsensuppe auf dem Ofen aufsteigenden Dampf, den Fernsehapparat, dessen Flüstertöne ihr ans Ohr drangen, das Modellhäuschen aus abgebrannten Streichhölzern darauf und Eşber, der an ihrem Fußende saß und lächelte.

Nichts lag in diesem Lächeln, vor dem man sich hätte fürchten müssen, das einen Fluchtimpuls ausgelöst hätte. Im Gegenteil, es war unschuldig, zerbrechlich und ziemlich schüchtern. Nichts in diesem Lächeln deutete darauf hin, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war, sie fühlte sich seltsam erleichtert und brach in Tränen aus.

Eşber ahnte nicht, dass sie seit Monaten von Furcht gejagt war, er wartete, bis sich der Weinkrampf der jungen Frau legte, dann wisperte er: „Haben Sie doch keine Angst, Fräulein, von mir haben Sie nichts zu befürchten.“ Die Worte beruhigten Fidan, sie hob die rechte Hand zum Wandteppich und berührte die Hirsche. Unter Tränen dachte sie an den Morgen, das Ende der düsteren Monate, die sie durchgemacht hatte.

Sie hatte sich noch gefürchtet, als sie den Zug bestieg, der sie zu diesem sonderbaren Haus in den Bergen führen würde. Doch die Musik der zunächst bedächtig anfahrenden und dann immer schneller werdenden Eisenbahn hatte sie als Botschaft der Rettung gedeutet. Die Familie, die ihr Abteil mit Körben, Plastiktüten und Bündeln vollgestopft hatte und neben dem Ausdruck von Resignation und Verletzung auch eine innere Ruhe auf den Mienen trug, flößte ihr Vertrauen ein. Sie würde weit fahren, weit fort. Am schneebedeckten anderen Ende dieses weitläufigen Landes, würde das Zuhause eines ihrer Geschwister sie aufnehmen, die Angst, die sie seit Monaten am Kragen gepackt hielt, würde in diesem Haus im Nu dahinschmelzen wie ein Stück Eis, das auf den wärmenden Ofen fiel.

So jung sie war, hatte sie eine schmutzige Vergangenheit angehäuft und am Ende der Sackgasse, in die sie sich verrannt hatte, um im Handumdrehen ein glänzendes, prachtvolles Leben zu ergattern, hatte Todesangst auf sie gelauert. In der Nacht hatte sie im Halbschlaf über all das, was sie erlebt hatte, nachgedacht, war hin und wieder entsetzt hochgeschreckt, hatte mitunter zwischen Schlafen und Wachen auch erkannt, dass sie gerettet war und den Schritt in ein sicheres Leben hinein gesetzt hatte. Im Halbschlaf entging ihr aber, dass die vielköpfige Familie, die das Abteil mit Leben erfüllt hatte, ausstieg. So packte sie Entsetzen, als sie sich am Morgen allein in dem stickigen Abteil wiederfand. Wehrlos war sie und zu Tode erschrocken.

Im Gegensatz zu der endlosen Weiße, durch die der Zug fuhr, waren ihre Verfolger dunkel und wirklich. Sie waren von finsterer Art und wild entschlossen, sie den Preis dafür zahlen zu lassen, dass sie sich zu Dingen aufgeschwungen hatte, die eine Nummer zu groß für sie waren. In der Hoffnung, erneut eine Familie zu finden wie die, die ihr Vertrauen eingeflößt hatte, bei ihr Zuflucht zu nehmen und sich damit zumindest ein wenig in Sicherheit zu fühlen, streifte sie durch den Zug. Doch da war nur ein Menge Männer, die mit fleischigen Fingern ihre Schnauzer zwirbelten und sie lüstern anstierten.

Es waren viele. Als ihr klar wurde, dass sie in diesem Zug, der kühn in die vergessenen Teile des Landes vordrang, die gesuchte Sicherheit nicht finden würde, geriet sie in Panik. Sie beschloss, sich in ein Abteil zu setzen, in dem besonders viele dieser Männer hockten, von denen sie hoffte, sie würden sie durch ihre bloße Anwesenheit schützen, auch wenn sie ihr lüsterne Blicke zuwarfen und noch so einschüchternd und erdrückend wirkten.

Und da geschah es dann.

Sie kannte den Mann nicht, dessen funkelnde Pistole ihr ins Auge fiel, hatte ihn nie zuvor gesehen, doch es dauerte nicht lange, bis sie begriff, dass er von einem ihrer Verfolger geschickt war mit dem Auftrag, sich ihr in den Weg zu stellen. Dieser Mann im Kamelhaarmantel, der sich ihr Schritt für Schritt näherte, auffallend mit der kräftigen langen Linie schwarzer Brauen unter der schmalen, vorspringenden Stirn, war einer von ihnen. Mit seiner Haltung, seinem Auftreten, seinem nassforschen Gang ohne Hast, vor allem aber seinen Augen, die völlig ausdruckslos schienen, aber die Gier nach Brutalität spiegelten, je näher er kam, konnte dieser Mann in diesem Zug nur ihr auf den Fersen sein.

Der Mann drückte ab, im selben Augenblick riss sie die Tür auf und sprang. Sie rollte durch den weichen Schnee und hörte eine weitere Salve sich in die Musik des Zuges mischen. Gleichmütig schloss sie die Augen. Selbst wenn sie sterben sollte, es war nicht mehr wichtig. Sie war ihnen entkommen. Wäre sie in jenem Moment gestorben, wäre ihr Zustand als friedlicher, ruhiger Übergang in den Tod zu beschreiben gewesen.

Jetzt, in diesem sonderbaren Zimmer, wo ihr seit Tagen verkrampfter Körper sich wohlig entspannte, sie sich geradezu erschlaffen fühlte, weinte sie guten Gewissens und konnte kaum glauben, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein. Sie vermochte die Tränen nicht einmal zurückzuhalten, als sie die Suppe löffelte, die Eşber ihr reichte.

„Danke“, sagte sie. „Du hast mir das Leben gerettet.“

Eşber schwieg. Im Gegensatz zu der groben Derbheit, die dieses Haus aus Kohlenziegeln und Stein, aus Holz und Lehm umgab, lächelte er sie sanft und scheu an. In seiner Welt war das Leben ständig zu retten. In jedem Spiel mit den Wölfen rettete er es aufs Neue. Dank dafür lohnte nicht. Fidan aß ihre Suppe, wischte sich die Tränen ab und musterte die weißen Zähne ihres blassen Lebensretters, sie stimmten ihr Gegenüber fröhlich. Endlich fühlte sie sich in Sicherheit. Eşber setzte Tee auf, hockte sich erneut im Schneidersitz auf den Stuhl und blickte ihr ins Gesicht, als wollte er fragen, was sie denn neben den Gleisen zu suchen hatte. Das Städtchen war weit entfernt und lag nicht an der Bahnlinie, selbst wenn, der Zug hätte nicht in dem winzigen Flecken gehalten, der mitten im Gebirge still vor sich hinlebte. Wie kam es, dass die Frau im blauen Mantel sich auf einen Weg gemacht hatte, der sie in sein karges, klägliches Heim führte?

Fidan spürte, dass sie reden musste, etwas erklären, und erfand eine kleine Geschichte. Sie sei Anwältin, die Brüder des Mannes, den sie hinter Gitter gebracht hatte, seien hinter ihr her, sie habe gerade noch aus dem Zug springen können, als sie ihr den Garaus machen wollten.

Eşber glaubte ihr sofort. Soweit er aus dem Fernsehen wusste, dem er meist nur zuhörte, weil das Bild so arg rauschte, gab es da draußen eine große, komplexe Welt. Viele, sehr viele Menschen lebten dort. Ein erbarmungsloser Krieg herrschte dort, ähnlich seinem Kampf mit den Wölfen. Die Spuren der Angst auf dem Gesicht der schlanken, schönen Frau, die sagte, ihr Name sei Fidan, waren der Beweis dafür. Er löcherte sie mit Fragen über die Welt hinter den Bergen, bemüht, eine andere Art von Bestialität zu verstehen. Fidan antwortete mit sanfter Stimme, die Eşbers Seele streichelte, und erzählte alles Mögliche über Städte voller Menschen zur Unterstützung ihrer obskuren Geschichte. Die teuren Zigaretten in Fidans Tasche gingen in dieser Nacht aus, sie rauchte Eşbers billige und gewöhnte sich rasch daran.

Zu später Stunde hörte sie die Wölfe. Besessen vom tödlichen Spiel kamen sie einer nach dem anderen herbei und schlichen ums Haus, die Hühner gackerten vor Angst. Als die Wölfe heulten, verzog Eşber keine Miene und beruhigte Fidan, es gäbe keinen Grund zur Sorge, auf das Spiel, das die Wölfe begierig erwarteten, verzichtete er. Dann ließ er Fidan im gemütlich warmen Zimmer mit dem bollernden Ofen allein und bereitete sich ein Lager in dem Nebenraum, in dem das Federvieh hauste.

Überzeugt, ihm sei ein Geschenk des Himmels zuteil geworden, schlief Eşber in jener Nacht tief und fest. Fidan dagegen grübelte die ganze Nacht. Sie hatte die Männer, die sie verfolgten, angezeigt. Sie könnte so lange in diesem merkwürdigen Haus bleiben, bis die Männer gefasst wären und man sie selbst für tot hielte. Alle Spuren, dass sie überlebt hatte, könnte sie verwischen. Dann überlegte sie, was zu tun wäre, wenn sie später in ihre Stadt zurückkehrte. Sie lag da, richtete den Blick in die Dunkelheit und tastete mit der Hand über den Wandteppich mit den Hirschen. Sie schauderte bei dem Gedanken an die Tage, da sie unablässig von einem Ort zum anderen gehetzt und jeden Augenblick mit dem Tod konfrontiert war. Angesichts des Gefühls von Brutalität, wie sie es in der Stadt empfunden hatte, kam ihr das grässliche Geheul der Wölfe plötzlich wie ein harmloses Lied vor.

Als sie am Morgen erwachte, sah sie Eşber den Ofen befeuern. Längst war der bleiche Mann auf den Beinen, hatte Tee aufgebrüht und wartete mit umsichtigen Bewegungen darauf, dass sein Gast erwachte. Zum Frühstück gab es Landkäse und Bauernbrot. Danach zeigte Eşber ihr durchs Fenster das Stellwärterhäuschen. Dort würde er den Tag über sein. Sie bräuchte sich nicht zu ängstigen. Sie solle nur sagen, wenn sie etwas benötigte. Er könne es bei den Lokführern bestellen.

Vergnügt verbrachte Fidan den Tag. Seit langem fühlte sie sich zum ersten Mal wohl. Sie lag lange auf dem Sofa und schlief, wachte sie auf, konnte sie noch immer kaum glauben, dass sie am Leben war.

In den folgenden Tagen schneite es immer wieder. Die Pausen zwischen dem Schneefall waren nur kurz. Mitunter wirkte Eşber schon nach zwei Schritten wie ein Schneemann, wenn er losging, um sich in das gerade einmal zwei Quadratmeter große Stellwärterhäuschen zu setzen und Fähnchen für die vorbeifahrenden Züge zu schwenken, manchmal strahlte die Sonne und es sah aus, als wären die Berge mit Goldstaub überpudert. Fidan blieb im Haus, legte Scheite in den Ofen, den Eşber jeden Morgen kräftig anheizte, betrachtete die Hirsche auf dem Wandteppich und dachte über die Zukunft nach. Es langweilte sie zwar, untätig herumzusitzen, doch sie machte sich glauben, sie müsse sich verbergen, um zu überleben. Bei solchen Gedanken riss sie eins nach dem anderen Eşbers Streichhölzer an und pustete sie wieder aus.

Die langen Gespräche jeden Abend ließen die gelbe Blässe allmählich aus Eşbers Gesicht verschwinden, ihn erfüllte sonderbare Freude, die Wölfe hatte er vergessen. Er fühlte sich eigenartig lebendig, die Wölfe brauchte er nicht mehr . Nun waren ihm Haus, Leben und Kopf von einer Frau erfüllt, die Abend für Abend redete, lachte und aß. Plötzlich war ihm sein Gehalt wichtig. Er redete länger mit den Lokführern der auf sein Stellwärterhäuschen zustampfenden Züge, bat sie, Zeitungen, Bücher, Obst, guten Tee und Zigaretten mitzubringen. Er hatte sich verändert. Stets war er in tödlicher Einsamkeit nach Hause geschlurft, nun trug ihn Lebenslust heim. Während er auf einen Zug wartete, für den er die Weiche stellen musste, schaute er durchs Fenster zu seinem Haus hinüber, dass eine Frau darin wohnte, war neu, und das Gefühl begeisterte ihn.

Er dachte an Fidans sonnig strahlendes Haar, an ihr Grübchen, das nur auf einer Wange erschien, wenn sie lachte, an ihre schneeweißen Hände, in der Brust spürte er eine Leere, die, so vermeinte er, nur verginge, wenn er ihr duftendes Haar dagegen drückte. Diese Leere war es, die ihn vor Freude überschäumen ließ, was den Lokführern nicht entging, sie war aber auch der Grund dafür, dass er einen tiefen Schmerz empfand, weil er ihren warmen, blonden Kopf nicht drücken durfte.

Mitunter reizte ihn unerklärlich der Gedanke, dass niemand von der Frau in seinem Haus wusste. Diese Tatsache erregte ihn wie ein wunderbares Geheimnis, das die ganze Welt betraf, zugleich bedrückte ihn schwer, die Existenz dieser Frau nicht in die Berge hinausschreien zu können, niemandem von diesem unglaublichen Phänomen erzählen zu dürfen. Manchmal hatte er den Eindruck, die Stimme der fröhlichen Frau, die seine Nächte erfüllte, und ihre weißen schlanken Finger, die seine Haut wie Feuer verbrannten, wenn sie sie zufällig berührten, wären gar nicht real, all dies hätte sein vor lauter blind machendem Weiß dahinsiechender Verstand sich nur ausgedacht. Immer wieder stürmte er aus der Hütte zum Haus hinüber, kam er außer Atem an und Fidan stand vor ihm, im Blick die Frage, warum er gekommen sei, dann verharrte er wie ein aus dem Tiefschlaf erwachter Schlafwandler verwirrt und ohne Antwort in der Tür.

Seine Stimmung änderte sich jeden Tag mehrmals. Er wartete nicht einmal mehr auf den Frühling, der nun bald bevorstand. In diesem Winter war der Frühling auf unerwartete Weise bereits in sein Haus eingezogen. Er wusste nicht, wie er diesen unvermuteten Frühling glücklich machen sollte, er war zu schüchtern, sie zu fragen, was sie wollte, worauf sie Lust hatte, nachts beobachtete er jede ihrer Bewegungen, um herauszufinden, was sie sich wohl wünschen mochte.

Sein Herz, gewohnt zu schweigen, und verschlossen, als wäre es in eine Kiste gesperrt, hatte sich geöffnet, nun sprach es unverwandt. Eşbers Rede folgte keiner Logik, sie sprang von Zweig zu Zweig. Von der Tochter seiner Schwester im Städtchen, die das R nicht rollen konnte, kam er auf das Geräusch, das der Schnee beim Schmelzen machte, eben noch sprach er von den Eigenarten der Lokführer, davon, dass sein Gehalt niedrig sei, es hier aber auch nicht viel Geld brauche, vom Geschmack des Schafkäses im nahen Dorf, da sprang er unvermutet zu Vogelschwärmen, die ins Gebirge einfielen, und erzählte von Geräuschen, die die Stille vertrieben, und von der Seele der Berge. Die Sprünge, die sonderbaren Beschreibungen verstörten Fidan.

Es war nicht dies allein, was Fidan beunruhigte. Sie sah in Eşbers Augen Leidenschaft aufglimmen. Sie sah, dass Eşber ihr nicht zuhörte, wenn sie sprach, dass er vielmehr versunken war in ihre Augen, ihre Hände, ihre Figur, dass er bei jedem Bissen, den sie schluckte, ihn selbst zu schlucken schien, bei jedem Zug an ihrer Zigarette Eşber in einen wunderlichen Zustand geriet, als täte er selbst diesen Zug. Die Furcht, die sie vergessen hatte, bemächtigte sich ihrer in anderer Gestalt von Neuem.

Eines Abends fragte sie, in welcher Richtung die Kleinstadt liege. Eşber machte eine unbestimmte Geste und sagte: „Hinter dem Berg da …“ Aus seinem Tonfall sprach die krankhafte Überlegenheit, auf einen in alle Ewigkeit unerreichbaren Berg zu verweisen. Auf seiner Miene lag ein derart unheimlicher Ausdruck, dass Fidan außerstande war, die in aller Unschuld gestellte, unbeantwortet gebliebene Frage erneut zu stellen, so dass sie nicht herausbekam, hinter welchem Berg das Städtchen nun lag.

Mit Geräuschen und Stimmen, zahlreich, wie dieses trostlose Heim sie nie vernommen hatte, vergingen viele lange Tage und Nächte.

Dann beschloss Fidan, es sei an der Zeit zu gehen. Das eintönige Weiß, das sie mittlerweile quälte, der unablässig fallende Schnee, von dem sie manchmal fürchtete, er würde das Haus verschlingen, die Wölfe, die Nacht für Nacht ums Haus strichen, deren Stimmen auf einmal nach Blut zu rufen schienen, Eşbers Leidenschaft, die ihr immer krankhafter erschien, die immer selben Tage hatten begonnen, ihr mindestens so viel Furcht einzuflößen wie die finsteren Männer, die sie verfolgten. Eşber würde sich nicht ewig darauf beschränken, sie mit verliebten Augen anzuhimmeln, er würde sie zu einem Teil seines Lebens machen wollen, das spürte sie. Das würde bedeuten, ein anderes Leben zu führen, ein Kleid zu tragen, das ihr nicht passte. In der letzten Nacht konnte sie an nichts anderes mehr denken, sie tat kein Auge zu, so wurde sie gewahr, dass die Stimmen der Wölfe noch weitaus bestialischer waren als gedacht.

Als Eşber am nächsten Morgen das Zimmer betrat, um Tee aufzusetzen, fand er Fidan in dem blauen Mantel vor, der ihm um die Knie geschlagen war, als er sie heimtrug, in der Hand die Tasche, die sie damals um die Schulter getragen hatte und die beim Sprung aus dem Zug ein paar Schritte von ihr geschleudert worden war. Er wurde kreidebleich.

„Was ist los?“, fragte er. „Warum stehst du im Mantel da?“

„Ich muss gehen“, gab Fidan zurück, bemüht, ihre Stimme so herzlich wie möglich klingen zu lassen. „Ich bin dir unendlich dankbar für alles. Aber ich war nun lange genug hier. Sicher suchen meine Eltern nach mir. Sie machen sich Sorgen. Könntest du mich bitte in einen Zug setzen?“

„Unmöglich“, sagte Eşber. „Unmöglich, das geht nicht, du kannst nicht fort.“

„Warum nicht?“

Eşber langte nach ihr, entriss ihr die Tasche und schleuderte sie auf das Sofa.

„Du bist doch zu mir gekommen …“ Er schaute, als könnte er nicht fassen, was geschah.

Er konnte es tatsächlich nicht fassen. Fidan war ein ihm gesandter Frühling, sie war etwas, das auf himmlische Weise zu ihm gekommen war, um seine stillen Stunden, seine leeren Tage zu füllen, seine freudlose Einsamkeit zu verscheuchen. Unerträglich, sie jetzt sehenden Auges ziehen zu lassen, unmöglich, sie eigenhändig in den Zug zu setzen. Fassungslos fragte er mit möglichst sanfter Stimme: „Ist es dir hier nicht gutgegangen?“

Sein Gesichtsausdruck war freundlich und unschuldig, wie der Blick eines gutwilligen, sich seines Besitzrechts voll bewussten Herrn auf seinen Sklaven, und ebenso gnadenlos.

Da begriff Fidan, dass es zu einem entsetzlichen Kampf zwischen ihnen kommen würde, der nur mit dem Tod von einem von ihnen enden konnte. Ihre Knie gaben nach, ihr Körper, der von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse gelaufen, jede Nacht unter einem anderen Dach verbracht und in erbarmungslosem Gerenne tagelang zäh standgehalten hatte, als sie vor ihren Verfolgern geflohen war, fiel angesichts dieser sanften, stillen Frage augenblicklich um.

Was sie als erstes tat, war schweigen. Sie spürte, dass sie diesen Mann nicht durch Reden würde überzeugen können, deshalb sagte sie gar nichts. Berge und Schnee hatten seinen Verstand förmlich aufgesogen, dann hatten sie ihn als ein Teil von sich sich selbst überlassen. Sie fürchtete, ein Wort, das ihm wie eine Nadel in den Geist stach, könnte diesen Mann, diesen Irren einer seltsamen Welt, um den Verstand bringen. Sie war ihm in die Hände gefallen, Eşber war der Herrscher über das unendliche Weiß. In jener Nacht, in der Nacht darauf und in den folgenden Nächten schwieg sie. Eşber aber redete. Längst hatte er alles erzählt, was es über ihn zu sagen gab. Seit Fidan den Wunsch zu gehen geäußert hatte, verlor er von Tag zu Tag an Farbe. Nun erzählte er, was ihm von den Kalenderblättern im Gedächtnis geblieben war, was er von den Eisenbahnern, die aus großen Städten voller Menschen kamen, gehört, was er aus dem Fernsehen erfahren hatte, dessen Ton er gelauscht und das seine Träume für ferne Orte geöffnet hatte. Doch was er auch tat, es gelang ihm nicht, Fidan zum Lächeln zu bringen und das Grübchen auf ihrer Wange, das er so gern berührt oder gar geküsst hätte, hervorzulocken, und er grämte sich sehr.

Eines Tages trat Fidan aus dem Haus und stellte sich in den Schnee. Ihr war, als wäre sie in ein weißes Labyrinth gestürzt. Wo war Osten? Wo lag Westen und wie gelangte man in die Kleinstadt? Sie fand keine Antworten darauf, ihr wurde klar, dass sie wahrhaftig eine Gefangene war. Sie gab sich der Natur ganz hin, um mit der Nase im Wind vielleicht doch einen Ausweg zu erschnuppern oder zu erspüren. Unterdessen beobachtete Eşber sie hinter der von seinem Atem beschlagenen Scheibe des Stellwärterhäuschens, ein krankhaftes Lachen verstärkte den jämmerlichen Ausdruck seiner Miene. Der Sinn seines Lebens bestand nun darin, den zur Unzeit zu ihm gekommenen Frühling zu hüten und für alle Zeiten bei sich zu behalten. Er ließ die Tür seines Hauses nicht aus den Augen, trat Fidan heraus, stand er im Nu neben ihr, er bestellte Geschenke und frisches Obst für sie, auch wenn er nichts dafür zurückbekam, war er zufrieden, das Leben auf diese Weise fortzuführen.

Fidan wurde klar, dass die tagsüber passierenden Züge ihr nichts nützen würden, doch ein Nachtzug erregte ihre Aufmerksamkeit. Kurz vor Mitternacht fuhr dieser bescheidene Zug leise vorüber, sein Brummen klang sanft durchs Zimmer, auf den nachts verhängten Fenstern des Hauses spiegelten sich die Lichter der Abteile nur als vorüberhuschende Abbilder. Da nachts kein weiterer Zug durchfuhr, kam Eşber heim, nachdem er diesem die Fahrt freigegeben hatte. Nach einem leichten Anstieg erreichte der Zug die schneebedeckte Ebene und fuhr auf Höhe von Eşbers Haus ausgesprochen langsam. Fidan spürte, dass dieser Zug ihre Rettung sein würde, doch es gelang ihr nicht herauszufinden, wie sie ihn besteigen könnte.

Es war eine Nacht, in der der Winter sich noch einmal in aller Härte zeigte, obwohl der Frühling schon vor der Tür stand. Der Ofen leckte über die Holzscheite und verschlang sie. Eine dünne Eisschicht überzog die Fensterscheiben. Eşber war verstummt. Er schnitt die Schalen der bei den Lokführern bestellten Apfelsinen in schmale Streifen, wie um Fidan zu drohen, weil sie schwieg. In seiner Haltung lag etwas von einem Gebieter, der am Ende seiner Geduld angelangt war. Fidan überfiel Furcht vor ihm.

Sie wartete auf das Geräusch des Zuges, der so still herankam und durch die Berge in sichere Städte mit Lichtern und Menschenmengen fuhr, da hörte sie die Wölfe heulen. Wieder schnürten sie die Berge herab. Kurz dachte Fidan daran, dass sie frei waren. Wenn sie wollten, konnten sie stundenlang einem Zug hinterherlaufen, sie konnten auch sterben, wenn sie es nur wollten. Sie seufzte. Eşber hingegen spürte allmählich Wut über ihr endloses Schweigen in sich aufsteigen. Er stand auf, als er das Heulen der Wölfe vernahm, und riss das Fenster in einer Weise auf, dass Fidan erschrak. Wie von Eissplittern erfüllt drang ein Luftschwall herein. Die Kälte und das bestialische Geheul ließen Fidan erschauern. Eşber nahm das Gewehr von der Wand, das er täglich bei sich trug, wenn er ins Stellwärterhäuschen ging, und wartete, bis die Wölfe das Haus umringten und nah herankamen. Er lehnte sich aus dem Fenster, brüllte zu den Wölfen hinüber, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und machte sich bereit für das Spiel, auf das er verzichtet hatte, seit Fidan da war, nun trieb ihn starke Sehnsucht danach. Die Wölfe versammelten sich unter dem Fenster. Ihre Stimmen waren grässlich. Fidan zitterte am ganzen Körper. Sie ängstigte sich zu Tode und wusste nicht, was sie tun sollte. Eşber hob die Flinte und zielte auf das Auge eines der Wölfe, er wollte abdrücken, da schrie Fidan: „Nicht!“, und warf sich auf ihn. Der Schuss löste sich, es war, als zöge ein winziger Funken eine Spur zum Himmel hinauf. Die Wölfe stoben auseinander.

Der Schrei aus Fidans Mund, der erste Laut, den er seit Tagen von ihr hörte, machte Eşber benommen. Er empfand einen Schmerz, als hätte er ihr wehgetan, warf das Gewehr beiseite und blickte sie kläglich an. Er befand sich in einem eigenartigen Zustand, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Er ging in die Hocke und starrte Fidan unausgesetzt an. Als erwartete er einen Befehl von ihr. Befremdlich sah er aus und jämmerlich.

Fidan schloss die Augen. Zwei Bilder stiegen in ihr auf. Auf einem die Wölfe, mit ihren stählern glitzernden Augen, ihren kräftigen Gebissen und spitzen Krallen, mit ihrem durch Mark und Bein dringenden Geheul, auf dem anderen Eşber. Dieses war entsetzlich, er beobachtete sie unausgesetzt durchs Fenster seines Stellwärterhäuschens, das Zucken über dem rechten Wangenknochen machte sein krankes Lachen noch schlimmer.

In dem leiser werdenden Wolfsgeheul hörte sie den Zug die Steigung heraufkommen. Sie stellte sich vor, wie Reisende in einem Abteil stark riechenden Käse in einen Fladen wickelten und verzehrten, den Blick versonnen auf einen Punkt in der Ferne richteten, vor sich hin rauchten und in den Fensterscheiben ihre eigenen verhärmten Gesichter erblickten. Am Morgen würden sie in einer hellen Stadt voller Menschen aus dem Zug steigen, ihr Gepäck schultern und in die schlammbedeckten Adern der Stadt hinausströmen, sie würden sich unter die Menge mischen, um ihren Platz in den Szenen einzunehmen, die das Leben für sie bereithielt. Selbst wenn es in diesem Leben finstere Männer gab, fand sich doch stets die Hoffnung auf Rettung. Für sie bedeutete das, die Todesgefahr, die auf sie lauerte, frei anzugehen. All das schoss ihr durch den Kopf, sie schlug die Augen auf und sah Eşber an. Wie hypnotisiert saß er da.

DieserAugenblick würde nicht lange dauern, das spürte sie und sprang jäh auf. Sie trug nur einen dünnen Pullover und Strümpfe an den Füßen. Beherzt riss sie die Tür auf und schlüpfte hinaus. Der Schneefall würde sich bald zu einem Schneesturm steigern, langsam, als zierte er sich, stampfte der Zug, der sie ins Leben führen sollte, heran. Sie sauste durch den Schnee, sank immer wieder tief ein. Sie hörte die Stimmen der Wölfe, doch merkwürdigerweise fürchtete sie sich nicht vor ihnen. Ihr war, als beschützte sie ein Wolf, dem sie kurz zuvor das Auge gerettet hatte, vor allen Gefahren.

Sie sah den Zug über die Schienen vor dem Haus fahren. Sie spurtete los, um das wundersame Vehikel, dessen Räder funken sprühten, diesen brummenden Haufen Eisen zu erreichen, doch der Schnee, in den sie bis zu den Knien einsank, hemmte sie. Sie hörte Eşbers Stimme durch die nächtliche Dunkelheit gellen. Es war keine Stimme, es war ein markerschütternder Schrei: „Geh nicht!“ Er rief sie.

Sie schaffte es zur Tür eines Waggons, konnte sie auch öffnen, kam aber nicht hinauf. Sie hetzte neben dem Zug her. Eşber kam näher und näher, schon spürte sie beinah seinen Atem, aus Angst war sie außerstande zurückzuschauen. Dann griff eine Hand nach ihrem Pullover und zerrte an ihr. Es war ein Zerren in den Tod. Fidan wusste, sie würde sterben, wenn sie diesen Zug nicht bestieg. Eşbers kräftige Hände rissen an ihrem Pullover, dennoch gelang es ihr hinaufzuklettern, mit aller Macht ihrer halb erfrorenen Hände klammerte sie sich an den Eisenriegel der Tür. Schnee wirbelte ihr in die Augen, der eisige Fahrtwind übermannte sie.

Sie hörte das Heulen der Wölfe sich ins Wahnsinnige steigern. Gleich darauf war die Kraft, die von hinten an ihr gezogen hatte, verschwunden. Als Fidan sich umdrehte, sah sie, wie die Wölfe Eşber umringten.

Sie mochte nicht darüber nachdenken, wer das Spiel, dessen Zeuge sie zum ersten Mal wurde, gewann.

 

 

I

Ich gehe mit dem Hund raus auf den Hof. Kurz nach zwei Uhr nachts, und die Nacht ist sehr warm, der Sommer ist noch mal zurückgekommen in diesem August, nachdem es lange kühl und regnerisch gewesen ist. Der wärmste Tag des Jahres war in dieser Woche. Tat meinem Hund nicht gut, die Wärme. Tat auch mir nicht gut, dass die Nächte sich nicht abkühlten, wenn ich schrieb. Ich nehme mir immer vor, am Tag zu schreiben, aber dann fange ich doch erst an, wenn alles still wird. Ich wohne im Erdgeschoss, Hochparterre, ein Wort, das kaum noch benutzt wird. Als Kind wusste ich lange nicht, was das heißt, wenn ich es in Büchern las. Dachte an ein Geheimnis. Eine seltsame Zwischenebene in den Häusern.

Mein Hund tut sich schwer, die paar Stufen nach unten zu kommen. Langsam setzt er eine Vorderpfote auf die erste Stufe, greift mit der anderen sehr zögernd zu weit nach unten und findet die Stufe nicht, dass ich ihn festhalten muss; oft stürzt er, wenn ich nicht aufpasse, und rutscht, sich manchmal überschlagend dabei, auf die Fliesen vor der Hoftür. Die Fliesen sind glatt, und seine Hinterläufe rutschen weg, es reißt sie förmlich auseinander, als wollte er einen Spagat machen. Der Körper hält kaum noch zusammen. Ich stehe auf der Türschwelle und sehe, wie er ein paar Meter auf den Hof geht und auf die Stelle des Steinbodens pinkelt, auf die er immer pinkelt. Die Steine sind fast weiß dort inzwischen. Ich trage ihn die Treppe hoch, er hat deutlich Gewicht verloren in den letzten Wochen. Seine Pisse riecht stark nach Schwefel, bis ins Treppenhaus. Die Wohnungstür ist zu. Ich kann mich nicht erinnern, sie zugemacht zu haben. Ich suche in meinen Hosentaschen nach meinem Schlüsselbund. Nichts. Wie komme ich jetzt in die Wohnung? Meine Mutter hat einen Ersatzschlüssel, ich könnte rüber zur Telefonzelle gehen und sie anrufen. Aber sie ist in Afrika, noch bis Ende des Monats, glaube ich.

Meine Wohnungstür ist eine Flügeltür, wenn ich den rechten Flügel, an dem die Klinke und das Schloss sitzen, nach innen drücke, so weit es geht, komme ich mit der Hand durch den Spalt an die beiden Sperrvorrichtungen, die den anderen Flügel mit Hilfe zweier Metallstifte geschlossen halten, der untere senkt sich in den Fußboden, der obere befindet sich in einer schmalen Öffnung im Türrahmen. Wenn es mir gelingt, an die Hebel zu kommen, die die Stifte bewegen, kann ich die Flügel nach innen drücken, das Schnappschloss gibt dann nach. Ein komplizierter Vorgang. Zumal ich einen Korken in die obere Sperrvorrichtung integriert habe, um das Herunterdrücken des dortigen Hebels und das damit verbundene Aufdrücken der Tür zu verhindern. Es reicht nämlich, diesen oberen Stift aus seiner Verankerung im Holz des Rahmens zu ziehen, der untere Stift springt dann von alleine heraus, wenn man seinen Körper heftig genug gegen die beiden Flügel wirft, am besten mittig. Es ist schwierig, Vorgänge technischer oder mechanischer Art exakt zu beschreiben.

Machen wir es ganz simpel an einem Beispiel deutlich: Also, ich hab da schon was vorbereitet, Mach’s mit, Mach’s nach, Mach’s besser, Meyers Training für angewandte Mechanik. Wir haben hier zwei große Bretter. Ein Brett bzw. mein Brett ist im Prinzip nichts anderes als ein dreidimensionales Rechteck. Also da stell ich’s mal hin, hochkant, dann sieht’s nämlich schon mal aus wie eine Tür bzw. wie ein Flügel meiner Tür. Vorne eine große Fläche, auf der Rückseite eine große Fläche. Und dann haben wir zwei lange Innenkanten zwischen diesen beiden Flächen und zwei kurze, oben und unten. Wenn wir jetzt unsere beiden rechteckigen Bretter hochkant nebeneinander stellen, so dass sie sich in der Mitte berühren, treffen die langen schmalen Innenseiten direkt aufeinander, ein winziger Spalt ist nur noch sichtbar zwischen diesen beiden Flügeln. Und dort fährt, vom rechten Flügel in den linken Flügel, die Metallzunge des Türschlosses, wenn man schließt. Und genau in dieser langen schmalen Fläche des dreidimensionalen Rechtecks sitzen die Sperrvorrichtungen. Und jetzt zieh ich die Bretter wieder auseinander, das Heimwerkern ist des Zimmermannsburschen Lust, das Hei-heim-wer-kern!, drehe das Brett, das den linken Flügel meiner Tür darstellen soll, so, dass es mit der langen schmalen Seite Richtung Kamera steht. Gar nicht mehr so kompliziert das Ganze, gelle!, und dort, ins Holz dieser schmalen Seite sind zwei Öffnungen eingelassen, oben und unten, darin sitzen die Stahlstifte mit den beweglichen Hebeln bzw. Schiebern, rein-raus, rein-raus, Flügeltür fest – Flügel beweglich, comprende?

Und in die obere Öffnung habe ich einen Korken gezwängt, der passte da eigentlich gar nicht rein, mit einem Hammer habe ich den Korken in die kleine Öffnung gezwungen, der hält jetzt den Hebel und den Stift schön fest, damit niemand, wenn er an der Tür rumdrückt, in den Spalt greifen kann und einfach den Stift aus seiner Verankerung im Türrahmen ziehen, und dann Tür offen, wenn ich außer Haus, und Wohnung leergeräumt, und ich nix versichert.

Mein Hund steht vor der Tür, tippt ein paar Mal mit der Schnauze gegen das Holz und guckt mich etwas dümmlich an. Er ist sehr alt und steht nicht gerne für längere Zeit, geht schon leicht in die Hocke mit den Hinterbeinen, will in seine Ecke für den Rest der Nacht. Aber was tun? Mutter ist in Afrika, mein Ersatzschlüssel in ihrer Wohnung, ich könnte zu meiner Schwester gehen, die ca. zwanzig Minuten entfernt wohnt, die hat einen Schlüssel für die Wohnung meiner Mutter, die ca. zehn Minuten entfernt wohnt. Aber was soll ich mit dem Hund machen? Der Weg ist viel zu weit für ihn, seit ein paar Wochen schafft er es nicht mal mehr auf die andere Straßenseite, wo der kleine Wald liegt, in den ich seit fast zehn Jahren, so lange wie ich in dieser Wohnung wohne, mit ihm gehe. Vorher lebte ich auch ganz in der Nähe; wenn ich mich richtig erinnere, gehe ich seit 1999 mit dem Hund auf dieses Areal, auf dem bis 1994 eine riesige Fabrik stand, VEB Polygraph, der Patenbetrieb meiner Schule, Druckmaschinen stellten die her, einige Male, zwischen 1986 und 1989 muss das gewesen sein, war ich dort mit meiner Klasse zu Besuch. Wir wurden durch die großen Hallen geführt, überall Maschinen, Straßen zwischen den Hallen und Gebäuden, wie in einer kleinen Stadt, sogar einen Eisenbahnanschluss gab es. Die Schienen kann man heute noch sehen. Quer über die Straße laufen sie und enden vor dem Zaun, hinter dem der kleine Wald seit fünfzehn Jahren wächst. 1999 waren die Bäume und Büsche noch nicht so hoch und dicht. Manchmal blieben die Leute auf den Fußwegen stehen, wenn sie mich und meinen großen schwarzen Hund durch dieses Buschland streifen sahen. Da gab es große Senken, wo die Keller der Fabrik gewesen waren, in einer Senke sammelte sich um 2000 so viel Wasser, Schnee und Regen, dass eine Entenfamilie über ein Jahr dort lebte. Ich konnte ihn immer gerade so zurückrufen, wenn er ihnen an den Kragen wollte, aber eigentlich war er ja nur neugierig und wollte spielen, aber das sagen wohl alle Hundebesitzer, »Ach, der will ja nur spielen«, aber bei meinem Hund stimmte das tatsächlich, er war sehr gutmütig, aber etwas ungestüm, ich habe selten jemanden getroffen, der ähnlich gutmütig war.

Im Lauf der Jahre wurde das Grün gegenüber meinem Haus so dicht, dass ich mich dort im Sommer über Stunden verstecken konnte, mit dem Hund in einer der halb zugewachsenen Senken saß und las oder die Handlungsbögen großer Werke notierte. Und nun scheißt er nur noch auf den Hof, zum Glück ist dort eine kleine, verwilderte Wiese um einen alten Kirschbaum herum, die gehört eigentlich schon zum Nachbargrundstück, aber das Haus haben sie vor zwei oder drei Jahren weggerissen, so dass ich jetzt freien Blick auf einen kleinen Flachbau habe, direkt unterhalb des Bahndamms, der hinterm Haus verläuft, dort werkelt irgendeine Schreinerei, manchmal bis spät in die Nacht, und manchmal stößt die giftig riechende Dämpfe aus einem kleinen Blechschornstein, dass ich die Fenster schließen muss. Gegenüber der Schreinerei verläuft der geschwungene Häuserbogen einer Seitenstraße, die von der großen Hauptstraße, an der mein Haus sehr vereinzelt steht, abgeht. Schöne sanierte Häuser sind das, aber viele Wohnungen stehen leer. Ein paar Russen haben sich dort in einem der Häuser breitgemacht. Die kann ich in den Nächten manchmal hören. Brüllen und Grölen, ab und zu schreit eine Frau. Das scheint aber ihr normaler Alltag zu sein, Feiern und Streiten. Nur einmal, da saß ich abends auf meinem Klappstuhl und sah dem Hund zu, gar nicht so lange her kann das sein, denn da kippte er manchmal auch schon um beim Kacken, weil die Hinterläufe nicht mehr stabil blieben in seiner Hockstellung, da schoss einer der Russen mit einer Knarre aus dem Fenster. Wahrscheinlich nur eine Schreckschusspistole, aber wer weiß das schon. Ich weiß, dass das einer der Russen war, weil er laut fluchte dazu. Als wenn es nicht reichen würde, nachts rumzuballern, da müssen auch noch ein paar deftige Flüche gebrüllt werden. Und die Bullen gerufen hat natürlich keiner, ich mach so was aus Prinzip nicht, da muss schon einer Amok laufen, und zwar richtig.

Und nun steh ich mit dem alten, müden Hund vor meiner Tür und weiß nicht, wie reinkommen, 2 Uhr 15 inzwischen. Ich ziehe den Abtreter von der Türschwelle weg an die Wand gegenüber und sage dem Hund, er soll sich dort drauflegen. Er dreht und wendet sich, bevor er sich niederlegt, steht dann wieder auf und platziert sein Hinterteil erst da und dann wieder am anderen Ende meines großen Fußabtreters, wenigstens muss er nicht auf den blanken Fliesen liegen, wie jeder Alte will er es weich und warm für seine morschen Knochen. Er liegt direkt unter dem Kasten mit den Stromzählern. Wie oft hat da einer von den Stadtwerken gestanden und mir oder jemand anderem im Haus den Saft abgedreht. Wenn ich jetzt zu spät bezahle, weil ich auf Reisen bin oder mich über Wochen der Außenwelt verweigere und schreibe oder auf dem Bett liege und die Geschichten in mir arbeiten lasse, sind sie sehr freundlich, wenn sie kommen, »Ja, Herr Meyer, selbstverständlich kann ich nachher noch mal kommen, wenn Sie auf der Bank waren, welche Zeit wäre Ihnen denn recht?«; vor vier, fünf, sechs Jahren haben sie ohne Kommentar den Schalter umgelegt und verplombt, wenn ich nicht flüssig war, um sie auszuzahlen. Und wenn ich dann, weil jeder Mensch ja Strom braucht, auch wenn er pleite ist, diese Plombe mit Hilfe von etwas Schmieröl vom Schalter flutschen ließ, kamen sie noch mal und bauten eine Sicherung aus dem Innenleben dieses Zählerkastens, die konnt’ ich nicht so einfach überbrücken, da ging’s um zu viel Volt. Einmal wachte ich auf, hatte wohl das Klingeln nicht gehört, stand da tatsächlich so ein Strompolizist meiner Wohnungstür direkt gegenüber und steckte seinen Kopf in den Kasten und war am Fummeln und Schrauben, und als ich meine Tür aufmache, um zu fragen, was das verdammt nochmal soll, drückt sich der Hund an mir vorbei und springt dem Strompolizisten direkt ins Kreuz, dass der hoch und schrill aufschreit vor Angst.

Aber ich sagte ja schon, dass er nur neugierig war und ihn begrüßen wollte auf seine Art.

Ich drücke den rechten Türflügel, so weit es geht, mit der Schulter nach innen Richtung Flur. In dem entstehenden Spalt wird der kleine Hebel sichtbar, unter dem der Korken sitzt. Ich drücke stärker und versuche, den Spalt zu verbreitern. Dann versuche ich, mit der Hand hineinzufahren und irgendwie den Korken zu greifen. Aber sobald ich meinen Körper, und damit den Druck, etwas verlagere, wird der Spalt zu klein für meine Finger.

Also muss eine Art Keil her. Ich gehe wieder auf den Hof. Ich finde ein paar Äste vom Kirschbaum, der auch alt wird. Kirschen trägt er noch im Sommer, aber es werden weniger von Jahr zu Jahr. Im letzten Sommer lagen Hunderte Kirschen auf der Wiese und um den Baum, der Hund aß täglich die vergorenen Früchte, wurde alkoholsüchtig, stand schwankend in der Sonne und glotzte mich dümmlich an mit leerem Blick und suchte noch im Herbst, als alle Früchte längst verschwunden waren, verzweifelt den Boden nach Nachschub ab. Ich breche mir ein paar Holz-stücke zurecht, muss dabei aufpassen, nicht in einen der Scheißhaufen auf der Wiese und zwischen den kleinen Büschen zu treten. Die werden noch den Boden düngen, wenn der Hund längst verschwunden ist. Ich gehe rein. Wieder den Körper gegen die Tür und das stärkste Aststück in den Spalt gerammt. Da steckt es dann also, und ich kann den kleinen Hebel und den Korken darunter sehen. Der Spalt ist aber noch nicht groß genug, um mit der ganzen Hand reingreifen zu können, und ich brauche eine ganze Weile, um ein zweites Stück Holz zwischen die beiden Flügel zu schieben, und weil das immer noch nicht reicht, ein drittes. Ich schwitze schon ziemlich und ziehe das Hemd aus, arbeite im Unterhemd weiter. Jetzt komme ich an den Korken, der Spalt ist vielleicht zwei Finger breit, und mit diesen zwei Fingern versuche ich, den Korken zu greifen. Und dann schreie ich wie ein Vieh. Weil doch tatsächlich einer meiner provisorischen Keile nachgibt und sich nicht im Spalt hält, und die anderen beiden schließen sich an, bevor ich meine Finger rauskriege. Der Hund schaut mich etwas dümmlich, aber doch mehr verwundert mit geneigtem Kopf und dunklen Augen an, wie ich da so schreie und meine Finger aus der hölzernen Umklammerung reiße. Ich renne wieder auf den Hof, kein Ast zu finden, der stark genug ist, ich gehe wieder rein, renne schweißüberströmt in den Keller, der zum Glück offen ist, finde zwischen den Besen und Schaufeln des Hausmeistern einen abgebrochen Holzstiel, von einer Schaufel oder einem Spaten. Wieder hoch zur Tür, ich hebele erst unten und ziehe dort den Metallstift aus seiner Verankerung, aber das Sperrsystem oben hält die Flügel zusammen, sooft ich mich auch gegen sie werfe, jetzt weiß ich, dass ich ein spitzes Werkzeug brauche, einen Schraubenzieher oder eine Ahle, um den Korken aus der Öffnung unter dem Hebel förmlich herauszustechen, denn fest steckt er und blockiert.

Ich renne noch mal in den Keller runter, finde aber weder einen Schraubenzieher noch ein ähnlich geeignetes Werkzeug. Der Schweiß läuft mir in die Augen. Es ist jetzt fast 3 Uhr. Ich überlege, wen ich rausklingeln kann im Haus. Einen Schraubenzieher hat doch eigentlich jeder. Viele Möglichkeiten habe ich nicht. Die beiden ganz oben? Links der lange dünne, fast zahnlose Mann, rechts die dicke Frau. Vielleicht sind sie auch gerade zusammen in einer Wohnung, Genaueres weiß ich nicht über ihr Verhältnis, anfangs dachte ich noch, sie sind Bruder und Schwester, will’s eigentlich gar nicht wissen und beschließe, sie schlafen zu lassen. Sind nette Leute, komme gut mit ihnen aus, auch wenn er Lok-Fan ist. Er hat einen Lok-Aufkleber auf seinem Briefkasten, der Chemie-Aufkleber auf meinem Briefkasten ist mindestens doppelt so groß. Wenn bei mir jemand um 3 Uhr nachts klingelt, ich würde nicht öffnen, bzw. so tun, als wäre ich nicht da. Das Blöde am Erdgeschoss, Hochparterre, ist, dass man das Licht sieht. Eine Zeitlang klingelte Trinker-Thilo regelmäßig, wenn er mein Licht in der Nacht sah. Ein paar Meter die Straße runter ist eine Tankstelle. Das war sein Nachschubweg, viele Jahre lang. Und er war nicht der Einzige. Vor allem in den Sommernächten ziehen endlose Trinkerkolonnen an meinen Fenstern vorbei. Deswegen liebe ich die langen und kalten Winter, die es kaum noch gibt.

Ich könnte bei Ali klingeln. Der ist ein sehr gastfreundlicher Mann, würde mir sicher einen Schraubenzieher leihen. Bis vor zwei, drei Jahren war ich oft bei ihm zu Besuch. In meine Wohnung kam er nicht gern, wegen des Hundes. Hunde sind unreine Tiere, sagte er mir. Wir haben uns trotzdem ganz gut verstanden. Wir haben Wasserpfeife geraucht, Tee getrunken und über den Islam und Gott und die Frauen geredet. Ali ist strenggläubig, ich würde das zumindest so nennen. In seinem Wohnzimmer hängen große Wandteppiche mit den Gesichtern verschiedener Heiliger, Imam Ali, Ajatollah Chomeini und ein paar andere, deren Namen ich vergessen habe. Einige Male, aber das ist jetzt auch schon fünf, sechs Jahre her, bin ich mit ihm in die Moschee gegangen. Nicht, weil er mich bekehrt hat zum wahren Glauben, sondern weil ich noch nie in einer Moschee war und dachte, in den Zeiten des islamistischen Terrors, der Islamphobien und der Islamisierung Europas, Afrikas und der Welt muss man einmal in so einem Raum gewesen sein, um das Geheimnis dieser Gottesportale und der dortigen Gruppentranszendenz zu ergründen. Aber ich war ein wenig enttäuscht von der Leipziger Moschee, nur eine große Wohnung in einem runtergekommenen Mietshaus, aus der die Wände so herausgebrochen waren, dass ein paar kleine Säulen entstanden. Teppiche auf dem Boden, Teppiche an den Wänden, arabische Schriftzeichen, viel Gold, viel Kitsch, viel Tand, Hauptsache, Gott fühlt sich wohl, in der Nachbarwohnung lag die Moschee für die Frauen und Mädchen, wie in den getrennten Umkleidekabinen des Freibads ist das, ein Gott für die Männer und einer für die Mädels, bzw. zeigt er da seine weibliche Seite. Alis deutsche Freundin, die er damals hatte, ging immer in die Frauenmoschee, er hat sie zum wahren Glauben bekehrt, sie ging nur noch verschleiert auf die Straße und durfte mir nicht die Hand geben und erklärte mir das so, dass Gott es nicht gern hat, weil ich ja nicht ihr Mann bin. War gar nicht mein Typ diese Frau, aber sehr nett. Als Ali einmal für längere Zeit nach Kuweit zu seiner Familie fuhr, ging es heiß her zwischen den Heiligenbildern in seinem Wohnzimmer, ständig traf ich junge Leute im Treppenhaus, dröhnte Musik, waren die Aschentonnen voller leerer Flaschen … auch wenn wir uns in den letzten Jahren kaum noch sahen, habe ich selten so einen freundlichen Menschen getroffen, und auch in der Moschee war ich als Christ immer willkommen und wurde nach den Predigten (von denen ich kein Wort verstand natürlich, da auf Arabisch gehalten, der Sprache Gottes, manchmal meinst du dann Sachen zu hören wie »Bin Laden!« oder »DschihadkommtnachEuropa!«, aber ich glaube, diese schiitische Gemeinde war kein Schlupfloch für Hardliner, die Schiiten haben mit dem wahabitischen Bin Laden & Co. sowieso wenig am Hut, mit dem Imam habe ich ein paar Mal gesprochen und starke arabische Zigaretten geraucht, die waren nicht rund, sonder oval) zum Essen eingeladen, auf dem Fußboden, auf einer großen Plastikplane aßen wir, und die größte Freundlichkeit war es, seinem Nebenmann ungefragt etwas Fleisch und Reis auf den Teller zu schieben, das wurde mit einer angedeuteten Verbeugung und gefalteten Händen lächelnd bedankt. Und deshalb klingele ich auch nicht bei ihm, um nach einem Schraubenzieher zu fragen, ich weiß, dass er früh aus dem Haus muss, um zu arbeiten.

Und das war’s auch schon an Möglichkeiten, die ich habe. Die Wohnung über mir ist leer, die Wohnung neben Ali ist auch unbewohnt zur Zeit, der Typ ist im Knast, weiß nicht, wie lange noch. Ist eine Art Unglückswohnung, würde ich sagen, denn der Typ, der da vorher drin wohnte, ist auch im Knast. Es muss vor zwei, drei Jahren gewesen sein, als ihn die Bullen abholten. Ein Türke, der eine ältere Dame in Leipzig geheiratet hat wegen der Aufenthaltsgenehmigung, Geld hat’s wohl auch gekostet. Ich habe die Briefe vom Gericht und vom Scheidungsanwalt mit großem Interesse gelesen, als sein Briefkasten überquoll, nach dem er eingefahren war. Ich weiß nicht genau, wegen was sie ihn drankriegten. Vielleicht was mit Drogen, ich habe ihn ein paar Mal auf der Eisenbahnstraße flanieren sehen, verdächtig langsam, das ist seit vielen Jahren schon ein Umschlagplatz. Er hat auch viel getrunken, obwohl er mir, als ich mal auf einen Tee in seiner Wohnung war, sagte, dass er die übermäßige Trinkerei der Deutschen nicht verstehe, »Ab und an ein kleines Bier, o.k., aber Schnaps, so viel Schnaps, da werden die Leute böse.« Ein paar Wochen später nur dröhnte der Streit, den er mit seiner Freundin hatte, durchs ganze Haus. Wurde immer lauter und schlimmer, die Frau kreischte und schrie wie am Spieß, er fluchte, schimpfte, ab und an krachte was, jetzt geht das gute Geschirr zu Bruch, dachte ich, dachte auch daran, hochzugehen und zu schlichten, hatte aber genug eigenen Kram zu tun. Bis dann, auf dem Höhepunkt des Lärms, ein Schatten an meinem Hochparterre-Fenster zur Straße vorbeiflog, von oben kommend, nicht genau zu erkennen, und mit einem dumpfen Knall irgendwo neben dem Haus aufschlug. Das war’s, dachte ich, er oder sie. Und traute mich kaum, auf die Straße zu gehen, in Erwartung eines zertrümmerten Körpers. War aber nur ein Tisch bzw. die Reste eines Tisches. Ein Couchtisch mit Fliesenoberfläche, die Fliesenteile lagen wie Granatsplitter mehrere Meter im Umkreis der Detonation. Ein Mann auf der anderen Straßenseite schaute mit offenem Mund zu mir rüber, volle Punktzahl, der Kandidat hat den richtigen Fuß-weg gewählt!

Bin ich dann doch hochgegangen. Ein aufgeklapptes Messer hinter meinem Rücken. Wer weiß, mit was der öffnet … Er trug nur eine Unterhose und stank übel nach Schnaps, und als ich ihm sagte »Dir ist da eben was aus dem Fenster gefallen«, versprach er mir schwankend und lallend, sofort alles wegzumachen. Die Frau war nicht zu sehen.

Ich arbeite schwitzend an meiner Tür. Der Hund schläft auf dem Abtreter unterm Sicherungskasten. Mit einer Hand stemme ich den Schaufelstiel zwischen die Flügel und hebele sie auseinander, so weit es geht, mit der anderen Hand treibe ich mein neues spitzes Werkzeug in den Korken. Lack splittert vom Holz, kleine Stücke brechen bereits aus dem Korken raus. Ich habe einen lockeren Halterungshaken von der Regenrinne im Hof gezogen, mein Unterhemd ist schmutzig und mit Rost verschmiert, aber der Korken bröselt, die Blockade bricht, 3 Uhr 17, die Tür öffnet sich polternd, der Hund wacht auf.

II

Draußen vor der Tür, auf meinem Hof, direkt neben dem alten Kirschbaum, ist ein kleines Grabmal aus roten Ziegelsteinen. Dort liegt mein Hund Piet. Ich habe ihn verbrennen lassen und die Urne dort begraben. Er ist über vierzehn Jahre alt geworden. Am 19. Oktober in den Abendstunden hielt der Arzt sein Herz an. Die Tage zuvor hatte er nur noch wenig gegessen, und auch seine letzte Mahlzeit beroch er nur, und aß dann ein paar kleine Happen, als würde er etwas ahnen.

Der Arzt spritzte ihm erst ein Narkosemittel, nicht zu stark, damit er ganz langsam anfängt wegzudämmern. Und dann saß ich noch eine Weile neben ihm, die Hunde-decken hatte ich frisch gewaschen, damit er sauber und weich stirbt, der Arzt fragte, und ich bejahte, und dann nahm er eine andere Spritze, mit langer, dünner Nadel, befühlte seine Rippen, suchte das Herz, und injizierte direkt dort hinein. Ich lege meine Hand auf seine Schnauze, damit er mich riechen kann. Kurz bäumt er sich auf, öffnet den Mund, ich lege mein Hand hinein, will, dass er mich wittert in seinen letzten Sekunden. Und er wird ruhig, ich kann den Moment spüren, seine Zähne berühren meine Haut. Er ist weg.


*Aus: Clemens Meyer, „Draußen vor der Tür“ from: Clemens Meyer, Gewalten. Ein Tagebuch.pp. 201-223. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010.

Der 42er nach Piedmont. Bummelbus zum Jack London •Square. Hausangestellte und alte Frauen. Ich saß neben einer alten Blinden, die Braille las, ihr Finger glitt über die Seite, langsam und still, Zeile für Zeile. Es war beruhigend, ihr zuzuschauen, über ihre Schulter mitzulesen. Die Frau stieg in der 29th Street aus, wo aus dem Schild AMERIKANISCHE PRODUKTE VON BLINDEN alle Buchstaben herausgefallen waren, außer BLINDE.

Die 29th Street ist auch meine Haltestelle, aber ich muss die ganze Strecke bis ins Zentrum fahren, um Mrs. Jessels Scheck einzulösen. Wenn sie mich noch einmal mit einem Scheck bezahlt, kündige ich. Außerdem hat sie nie Kleingeld für den Bus. Letzte Woche bin ich auf eigene Kosten für einen Vierteldollar den ganzen Weg zur Bank gefahren, und sie hatte vergessen, den Scheck zu unterschreiben.

Sie vergisst alles, sogar ihre Leiden. Wenn ich Staub wische, sammle ich sie ein und lege sie auf ihren Schreibtisch. 10 Uhr Morgens ÜBELKEIT (sic!) auf einem Zettel auf dem Kamin. DIARRHÖHE neben der Spüle. SCHWINDEL SCHLECHTES GEDÄCHTNIS auf dem Herd. Meistens erinnert sie sich nicht daran, ob sie ihr Phenobarbital genommen hat oder nicht oder dass sie mich deswegen schon zwei Mal zu Hause angerufen hat, oder wo ihr Rubinring ist usw.

Sie folgt mir von Zimmer zu Zimmer und sagt immer wieder dasselbe. Ich werde noch genauso gaga wie sie. Ich sage dauernd, dass ich kündige, aber dann tut sie mir leid. Ich bin die Einzige, die sie zum Reden hat. Ihr Mann ist Anwalt, spielt Golf und hat eine Geliebte. Ich glaube nicht, dass Mrs. Jessel das weiß oder sich daran erinnert. Putzfrauen wissen alles.

Putzfrauen stehlen tatsächlich. Nicht die Sachen, um die sich die Leute, für die wir arbeiten, Sorgen machen. Es ist der Überfluss, der einen schließlich dazu bringt. Das Kleingeld im Aschenbecher wollen wir nicht.

Auf irgendeiner Bridge-Party hat eine Dame das Gerücht in die Welt gesetzt, man könne die Ehrlichkeit einer Putzfrau testen, indem man hier oder da kleine Aschenbecher mit ein paar Münzen darin herumstehen lässt. Ich lege immer ein paar Pennys dazu, auch ein Zehncentstück.

Bevor ich mit der Arbeit beginne, sehe ich zuerst nach, wo die Armbanduhren sind, die Ringe, die Handtaschen aus Goldlamé. Wenn sie später rotgesichtig und verschwollen hereingestürmt kommen, sage ich nur kühl »unter dem Kissen« oder »hinter der avocadofarbenen Kloschüssel«. Das Einzige, was ich tatsächlich stehle, sind Schlaftabletten, falls einer dieser dunklen Tage kommt. Heute habe ich ein Glas Spice-Islands-Sesamkerne gestohlen. Mrs. Jessen kocht selten, aber wenn, dann Sesam-Hühnchen. Das Rezept klebt im Gewürzschrank. Eine Kopie davon befindet sich in der Schublade mit den Briefmarken und Bindfäden und eine zweite in ihrem Adressbuch. Wenn sie Hühnchen, Sojasoße und Sherry bestellt, bestellt sie auch immer ein neues Glas Sesamkerne. Sie hat fünfzehn Gläser davon. Jetzt nur noch vierzehn.

An der Bushaltestelle setzte ich mich auf den Bordstein. Drei andere Dienstmädchen, dunkelhäutig in weißer Uniform, standen hinter mir. Sie waren alte Freundinnen, arbeiteten schon seit Jahren an der Country Club Road. Zuerst waren wir alle wütend … der Bus war zwei Minuten zu früh gekommen, wir hatten ihn verpasst. Verdammt. Der Fahrer weiß, dass die Hausangestellten immer hier stehen und der 42er nach Piedmont nur einmal in der Stunde fährt.

Ich rauchte, während sie ihre Beute verglichen. Sachen, die sie hatten mitgehen lassen  … Nagellack, Parfüm, Toilettenpapier. Sachen, die sie bekommen hatten … einzelne Ohrringe, ein 20er-Pack Kleiderbügel, zerrissene Büstenhalter.

(Ratschlag für Putzfrauen: Nimm alles an, was deine Arbeitgeberin dir schenkt, und sag Danke. Du kannst es im Bus lassen, im Spalt zwischen den Sitzen.)

Um ins Gespräch zu kommen, zeigte ich ihnen mein Glas Sesamkerne. Sie kreischten vor Lachen. »Ach Kindchen, Sesamkerne?« Sie fragten mich, wieso ich schon so lange für Mrs. Jessel arbeitete. Die meisten Putzfrauen ertragen sie nicht öfter als dreimal. Sie fragten, ob das stimmt mit den hundertvierzig Paar Schuhen. Ja, aber das Schlimme ist, es sind fast alle die Gleichen.

Die Stunde verging sehr angenehm. Wir redeten über die Damen, für die wir alle arbeiten. Wir lachten, nicht ohne Bitterkeit.

Normalerweise akzeptieren mich altgediente Putzfrauen nicht so ohne Weiteres. Ich kriege auch nur schwer Putzjobs, weil ich »gebildet« bin. Aber etwas anderes lässt sich im Moment einfach nicht finden. Habe gelernt, den Kundinnen gleich am Anfang zu erzählen, dass mein alkoholkranker Ehemann kürzlich gestorben ist und mich mit vier Kindern zurückgelassen hat. Dass ich noch nie arbeiten gegangen bin, weil ich ja die Kinder großziehen muss und so.

Der 43er von Shattuck nach Berkeley. Die Bänke, auf denen WERBEFLÄCHE steht, sind jeden Morgen klitschnass. Ich bat einen Mann um ein Streichholz, und er gab mir die ganze Schachtel. SUIZIDPRÄVENTION. Es war die blöde Sorte mit der Streichfläche auf der Rückseite. Aber besser die als keine.

Drüben auf der anderen Straßenseite fegte die Frau von der REINIGUNG FLECKENLOS ihren Gehweg. Rechts und links von ihrem Laden flogen Abfall und Blätter herum. Es ist Herbst in Oakland.

Später am Nachmittag, als ich vom Putzen bei den Horwitzens zurückkam, war auch der Gehweg vor FLECKENLOS wieder von Blättern und Müll bedeckt. Ich warf mein Umsteigticket dazu. Ich habe immer ein Umsteigticket. Manchmal gebe ich es weiter, normalerweise behalte ich es einfach.

Ter zog mich immer damit auf, dass ich Dinge behielt. »Hör zu, Maggie May, ’s gibt nichts auf der Welt, was du festhalten kannst. Außer mich vielleicht.«

Eines Nachts wachte ich in der Telegraph Street davon auf, dass er mir den Verschluss einer Coors-Bierflasche in die Hand drückte. Er lächelte auf mich herab. Terry war ein junger Cowboy aus Nebraska. Er mochte keine ausländischen Filme. Gerade erst ist mir klar geworden, warum: Er konnte nicht schnell genug lesen.

Wenn Ter ein Buch las, selten, riss er jede gelesene Seite heraus und warf sie weg. Ich kam nach Hause, wo die Fenster immer offen standen oder kaputt waren, und durch das ganze Zimmer wirbelten Blätter wie die Tauben über den Parkplatz vorm Safeway-Supermarkt.

Der 33er-Schnellbus nach Berkeley. Der 33er hat sich verfahren! Vor dem SEARS-Kaufhaus hat der Fahrer den Abzweig zur Autobahn verpasst. Alle drückten auf die Klingel, als er, mit rotem Kopf, auf der 27th Street nach links abbog. Wir blieben in einer Sackgasse stecken. Menschen kamen ans Fenster, um sich den Bus anzusehen. Vier Männer stiegen aus und halfen dem Fahrer, aus der schmalen Straße rückwärts zwischen den geparkten Autos herauszurangieren. Wieder auf der Autobahn, fuhr er gute achtzig. Es war beängstigend. Wir unterhielten uns alle, erfreut über die Abwechslung.

Heute bei Linda.

(Putzfrauen: Grundsätzlich nie für Freunde arbeiten. Früher oder später nehmen sie es dir übel, weil du so viel über sie weißt. Oder weil du es weißt, kannst du sie nicht mehr leiden.)

Linda und Bob sind gute alte Freunde. Ich spüre ihre Wärme, obwohl sie nicht da sind. Sperma und Blaubeermarmelade auf den Laken. Programme von Pferderennen und Zigarettenkippen im Bad. Notizen von Bob an Linda: »Bring Kippen mit und nimm das Auto … dumm-dido dumm-dido.« Zeichnungen von Andrea mit Liebe für Mama. Pizzaränder. Ihren Koks-Spiegel mache ich mit Windex sauber.

Es ist die einzige Wohnung, in der ich arbeite, die nicht schon von Anfang an total sauber ist. Genau genommen ist sie versifft. Jeden Mittwoch steige ich wie Sisyphos die Treppe zu ihrem Wohnzimmer hoch, wo es immer aussieht, als würden sie gerade umziehen.

Ich verdiene nicht viel an ihnen, weil ich nicht stundenweise abrechne, kein Fahrgeld nehme. Ganz sicher keine Mittagspause. Ich arbeite wirklich schwer. Aber ich sitze auch viel herum und bleibe bis spät. Ich rauche und lese die New York Times, Pornos oder Wie baue ich ein Verandadach. Meistens sehe ich nur aus dem Fenster auf das Haus gegenüber, wo wir früher gewohnt haben. Russell Street 2129 ½. Ich schaue auf den Baum mit den Wildbirnen, auf die Ter immer geschossen hat. Der Holzzaun glänzt von der Farbe der Gotcha-Bälle. Das Schild der Umzugsfirma BEKINS, das nachts unser Bett beleuchtete. Ich vermisse Ter und rauche. Tagsüber hört man die Züge nicht.

Der 40er zur Telegraph Avenue. MILLHAVEN GENESUNGSHEIM. Vier alte Frauen in Rollstühlen starren mit verschleiertem Blick auf die Straße. Hinter ihnen auf der Schwesternstation tanzt ein wunderschönes schwarzes Mädchen zu »I Shot the Sheriff«. Die Musik ist laut, sogar für mich, aber die alten Frauen können sie gar nicht hören. Unterhalb von ihnen auf dem Gehweg hängt ein geschmackloses Schild: »TUMOR-EINRICHTUNG 1 : 30«.

Der Bus hat Verspätung. Autos fahren vorbei. Reiche Leute in Autos sehen nie Leute auf der Straße an. Arme immer … es scheint sogar, als würden sie nur herumfahren und sich Leute auf der Straße ansehen. Ich habe das gemacht. Arme warten oft. Auf Sozialhilfe, in Schlangen vor dem Arbeitsamt, Waschsalons, Telefonzellen, Notaufnahmen, Gefängnisse usw.

Während alle auf den 40er-Bus warteten, schauten wir ins Fenster von MILLS UND ADDIES WASCHSALON. Mill wurde in einer Mühle in Georgia geboren. Er hatte sich quer über fünf Waschmaschinen gelegt und brachte einen riesigen Fernseher an der Wand an. Addie machte alberne Pantomimen, die uns zeigen sollten, dass der Fernseher nie halten würde. Passanten blieben stehen, um Mill gemeinsam mit uns zuzuschauen. Wir alle spiegelten uns im Fernseher, wie eine »Man on the Street«-Show.

Am Ende der Straße bei Fouché findet eine große schwarze Beerdigung statt. Ich dachte immer, dass auf dem Neonschild »Touché« steht, und stellte mir den Tod maskiert vor, die Spitze des Degens auf meinem Herzen.

Ich habe inzwischen dreißig Tabletten, von Jessel, Burns, Mcintyre, Horwitz und Blum. Die Leute, für die ich arbeite, haben jeder genug Aufputsch- und Beruhigungsmittel, um einen Hells Angel für zwanzig Jahre auszuschalten.

Der 18er zum Montclair-Park. Das Stadtzentrum von Oakland. Ein betrunkener Indianer, kennt mich mittlerweile, sagt jedes Mal: »So ist das Leben, Süße.«

In der Park Avenue steht ein blauer Bus mit vergitterten Fenstern vom Büro des Bezirkssheriffs. Drinnen sind etwa zwanzig Gefangene auf dem Weg zum Haftrichter. Die Männer, aneinandergekettet, bewegen sich wie eine Sportmannschaft in ihrer orangefarbenen Häftlingskleidung. Mit derselben Kameraderie, im Grunde. Es ist dunkel im Bus. In den Fenstern spiegelt sich das Licht der Ampeln. Gelb WARTEN WARTEN. Rot STOPP STOPP.

Eine lange, schläfrige Stunde hoch in die wohlhabenden, nebligen Montclair-Hügel. Nur Hausangestellte im Bus. Unterhalb der lutheranischen Zionskirche hängt ein großes schwarz-weißes Schild, auf dem ACHTUNG STEINSCHLAG steht. Wenn ich es sehe, muss ich jedes Mal laut lachen. Die Hausangestellten und der Fahrer drehen sich um und gucken mich groß an. Das ist schon ein Ritual. Es gab Zeiten, da bekreuzigte ich mich automatisch, sobald ich an einer katholischen Kirche vorbeikam. Vielleicht habe ich damit aufgehört, weil die Leute im Bus sich immer umdrehten und mich groß anguckten. Ich spreche immer noch automatisch ein Ave-Maria, wenn ich eine Sirene höre, aber lautlos. Das ist lästig, weil ich am Pill Hill in Oakland wohne, neben drei Krankenhäusern.

Am Fuße des Montclair-Hügels warten Frauen in Toyotas darauf, dass ihre Putzfrauen aus dem Bus steigen. Ich werde immer die Snake Road hinauf mitgenommen, von Mamie und ihrer Arbeitgeberin, die sagt: »Mensch, Mamie, was sehen wir doch schick aus mit dieser eisgrauen Perücke und ich in meinen schäbigen Malerklamotten.« Mamie und ich rauchen.

Die Stimmen von Frauen sind immer zwei Oktaven höher, wenn sie mit Putzfrauen oder Katzen sprechen.

(Putzfrauen: Apropos Katzen … freunde dich nie mit Katzen an, lass sie nicht mit dem Wischmopp oder mit den Lappen spielen. Das macht die Damen eifersüchtig. Verscheuche aber niemals eine Katze von einem Stuhl. Freunde dich andererseits immer mit Hunden an, verbringe fünf oder zehn Minuten damit, Cherokee oder Smiley zu kraulen, wenn du das erste Mal dort bist. Vergiss nicht, die Toilettendeckel zuzuklappen. Fellige, tropfende Hängebacken.)

Die Blums. Das ist die seltsamste Wohnung, in der ich arbeite, das einzige schöne Haus. Beide sind Psychiater, Eheberater, mit zwei adoptierten »Vorschulkindern«.

(Arbeite nie in einem Haus, in dem es »Vorschulkinder« gibt. Babys sind großartig. Du kannst Stunden damit verbringen, sie anzuschauen, zu halten. Aber die Älteren … da gibt es Gekreische, herumfliegende Cheerios, kleine Unglücke, die schon eingetrocknet sind und von einem Snoopy-Pyjama-Fuß breit getreten wurden.)

(Arbeite auch nie für Psychiater. Du wirst verrückt. Ich könnte denen so die eine oder andere Sache beibringen … ich meine, Schuhe, die einen größer machen?)

Dr. Blum, der männliche Part, leidet schon wieder an Heimweh. Er hat Asthma, verdammt noch mal! Er steht in seinem Bademantel herum und kratzt sich mit seinem Pantoffel das haarige Bein.

Oh ho ho ho, Mrs. Robinson. Er hat eine Stereoanlage, die mehr als zweitausend Dollar wert ist, und bloß fünf Schallplatten. Simon and Garfunkel, Joni Mitchell und dreimal die Beatles.

Er steht in der Tür zur Küche und kratzt sich jetzt das andere Bein. Ich wische mich in sinnlichen Mr.-Clean-Wischmopp-Wirbeln von ihm weg in die Frühstücksecke, als er mich fragt, warum ich dieses spezielle Arbeitsgebiet gewählt habe.

»Ich schätze, entweder aus Schuldgefühl oder Wut«, sage ich gedehnt.

»Darf ich mir eine Tasse Tee machen, wenn der Boden getrocknet ist?«

»Ach, kommen Sie, setzen Sie sich einfach hin. Ich bringe Ihnen den Tee. Zucker oder Honig dazu?«

»Honig. Wenn es nicht zu viel Arbeit macht. Und Zitrone, wenn es …«

»Jetzt setzen Sie sich schon hin.« Ich bringe ihm Tee.

Einmal habe ich Natasha, die vier Jahre alt ist, eine schwarze Paillettenbluse mitgebracht. Zum Schickmachen. Frau Dr. Blum wurde wütend und schrie, das sei sexistisch. Einen Moment lang hatte ich den Verdacht, sie würde mich beschuldigen, Natasha verführen zu wollen. Sie warf die Bluse in den Müll. Ich holte sie später wieder heraus und trage sie jetzt manchmal, wenn ich schick sein will.

(Putzfrauen: Ihr werdet einer Menge emanzipierter Frauen begegnen. Das erste Stadium ist eine Selbsterfahrungsgruppe, das zweite Stadium eine Putzfrau, das dritte die Scheidung.)

Die Blums haben jede Menge Tabletten, eine Fülle von Tabletten. Sie hat Aufputschmittel, er Beruhigungsmittel. Herr Dr. Blum hat auch Belladonna-Tabletten. Ich weiß nicht, wogegen sie wirken, würde aber gern so heißen.

Eines Morgens hörte ich ihn zu ihr in der Küchenecke sagen: »Lass uns heute mal was Spontanes machen, mit den Kindern Drachensteigen gehen!«

Mein Herz flog ihm zu. Ein Teil von mir wollte hineinstürmen wie die Haushälterin auf der Rückseite der Saturday Evening Post. Ich kann tolle Drachen bauen, ich weiß, wo es in Tilden guten Wind gibt. In Montclair gibt es keinen Wind. Der andere Teil von mir stellte den Staubsauger an, um ihre Antwort nicht hören zu müssen. Draußen regnete es in Strömen.

Das Spielzimmer war ein Chaos. Ich fragte Natasha, ob sie und Todd eigentlich mit all diesen Spielsachen spielten. Sie sagte mir, dass sie und Todd montags aufstanden und alles auskippten, weil ich kam. »Hol deinen Bruder«, sagte ich.

Ich ließ sie das Zimmer aufräumen, als Frau Dr. Blum hereinkam. Sie hielt mir einen Vortrag über Einmischung und wie sehr sie es ablehnte, in ihren Kindern »irgendwelche Schuld- oder Pflichtgefühle zu wecken«. Ich hörte missmutig zu. Im Nachsatz trug sie mir auf, den Kühlschrank abzutauen und mit Ammoniak und Vanille sauber zu machen.

Ammoniak und Vanille? Sofort hörte ich auf, sie zu hassen. So was Simples. Ich begriff, dass sie wirklich ein heimeliges Heim haben und in ihren Kindern keine Schuld- oder Pflichtgefühle wecken wollte. Später an diesem Tag trank ich ein Glas Milch, und sie schmeckte nach Ammoniak und Vanille.

Der 40er von der Telegraph nach Berkeley. MILLS UND ADDIES WASCHSALON. Addie ist allein im Laden und putzt das riesige Spiegelglasfenster. Auf einer Waschmaschine hinter ihr liegt ein enormer Fischkopf in einer Plastiktüte. Träge blinde Augen. Ein Freund, Mr. Walker, bringt ihnen immer Fischköpfe für die Suppe mit. Addie macht große Kreise aus flockigem Weiß auf dem Glas. Gegenüber im Saint-Lukes-Kindergarten denkt ein Kind, sie würde ihm zuwinken. Es winkt zurück, macht dieselben wirbelnden Kreise. Addie hält inne, lächelt, winkt diesmal wirklich. Mein Bus kommt. Die Telegraph Street hoch nach Berkeley. Im Fenster vom ZAUBERSTAB SCHÖNHEITSSALON ist ein Stern aus Aluminiumfolie an einer Fliegenklatsche befestigt. Nebenan gibt es ein Orthopädie-Geschäft mit zwei flehenden Händen und einem Bein.

Ter weigerte sich, Bus zu fahren. Die Leute, die drin saßen, deprimierten ihn. Aber er mochte die Greyhound-Busbahnhöfe. Wir gingen oft zu denen in San Francisco und Oakland. Meistens in Oakland, an der San Pablo Avenue. Einmal sagte er mir, er würde mich lieben, weil ich wie die San Pablo Avenue sei.

Er war wie die Müllhalde von Berkeley. Ich wünschte, es gäbe einen Bus zur Halde. Wir fuhren dorthin, wenn wir Heimweh nach New Mexico hatten. Es ist kahl und windig, und Möwen segeln darüber hin wie Nachtfalken in der Wüste. Rings um dich her und über dir ist Himmel. Müllfahrzeuge donnern über von Staubschwaden durchzogene Straßen. Graue Dinosaurier.

Ich komme nicht klar damit, dass du tot bist, Ter. Aber das weißt du ja.

Es ist wie damals am Flughafen, als du schon fast auf der Rampe für die Raupenfahrzeuge nach Albuquerque warst.

»Scheiße. Ich kann nicht weg. Du wirst das Auto nie finden.«

»Was wirst du nur ohne mich machen, Maggie?«, hast du mich wieder und wieder gefragt, damals, als du nach London wolltest.

»Makramee, du Rüpel.«

»Was wirst du nur ohne mich machen, Maggie?«

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dich so sehr brauche?«

»Doch«, hast du gesagt. Eine schlichte Feststellung nach Nebraska-Art.

Meine Freunde sagen, ich ertrinke in Selbstmitleid und Reue. Sagten, ich würde überhaupt niemanden mehr treffen. Wenn ich lächele, lege ich unwillkürlich die Hand vor den Mund.

Ich sammle Schlaftabletten. Einst haben wir einen Pakt geschlossen … wenn bis 1976 nicht alles in Ordnung sei, würden wir hinten im Yachthafen eine Schießerei veranstalten. Du hast mir nicht getraut, hast gesagt, ich würde dich zuerst erschießen und dann weglaufen oder mich zuerst erschießen, wie auch immer. Ich habe genug von der Abmachung, Ter.

Der 58er vom College nach Alameda. Alte Damen aus Oakland gehen ins Hinks-Kaufhaus in Berkeley. Alte Damen aus Berkeley gehen ins Capwell-Kaufhaus in Oakland. In diesem Bus sind alle jung und schwarz oder alt und weiß, inklusive Fahrer. Die alten weißen Fahrer sind fies und nervös, besonders in der Gegend um die Technical High School in Oakland. Jedes Mal bremsen sie den Bus an der Haltestelle abrupt ab, regen sich übers Rauchen und die Radios auf. Sie lassen den Bus schlingern und halten mit einem Ruck, der die alten weißen Damen gegen die Haltestangen wirft. Die Arme der alten Damen bekommen sofort blaue Flecke.

Die jungen schwarzen Fahrer fahren schnell, rauschen auf der Pleasant Valley Road über gelbe Ampeln. Ihre Busse sind laut und verraucht, aber sie schlingern nicht.

Mrs. Burkes Haus heute. Ihr muss ich auch kündigen. Nichts ändert sich. Nichts ist je schmutzig. Ich verstehe nicht, wozu ich überhaupt da bin. Heute ging es mir besser. Wenigstens habe ich das mit den dreißig Flaschen Lancers Roséwein verstanden. Vorher waren es einunddreißig. Offenbar war gestern ihr Hochzeitstag. In seinem Aschenbecher lagen zwei Zigarettenstummel (nicht nur seiner), ein Weinglas stand auf dem Tisch (sie trinkt nicht) und meine neue Flasche Rosé. Die Bowling-Trophäen waren verschoben worden, ein bisschen. Unser gemeinsames Leben.

Sie hat mir viel über Hauswirtschaft beigebracht. Leg das Toilettenpapier so ein, dass es sich von unten her abrollen lässt. Öffne den Deckel des Scheuermittels nur drei Löcher weit, nicht sechs. Spare in der Zeit, so hast du in der Not. Einmal riss ich in einem rebellischen Anfall den Deckel vollständig ab und verschüttete aus Versehen Scheuerpulver im gesamten Herd. Eine Sauerei.

(Putzfrauen: Zeige ihnen, dass du sorgfältig arbeitest. Stelle am ersten Tag alle Möbel falsch zurück … fünf bis zehn Zentimeter weiter oder so, dass sie in die falsche Richtung zeigen. Drehe beim Staubwischen die siamesischen Katzenfiguren um, stelle das Milchkännchen links neben den Zucker. Bringe die Zahnbürsten durcheinander.)

Mein Meisterwerk auf diesem Gebiet vollbrachte ich, als ich die Oberseite des Kühlschranks bei Mrs. Burke sauber machte. Sie bemerkt alles, aber wenn ich die Taschenlampe nicht angelassen hätte, hätte sie übersehen, dass ich das Waffeleisen gescheuert und neu geölt, das Geisha-Mädchen repariert und auch die Taschenlampe gereinigt hatte.

Indem du alles falsch machst, beweist du ihnen nicht nur, dass du sorgfältig bist; es gibt ihnen auch die Möglichkeit, entschlossen und als »Chef« aufzutreten. Den meisten Amerikanerinnen ist es sehr unangenehm, Hausangestellte zu haben. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, während du dort bist. Mrs. Burke beispielsweise fängt an, ihre Liste mit Leuten durchzugehen, die von ihr Weihnachtskarten erhalten, und sie bügelt das Geschenkpapier vom letzten Jahr. Im August.

Versuche, für Juden oder Schwarze zu arbeiten. Da bekommst du ein Mittagessen. Aber vor allem haben jüdische und schwarze Frauen Achtung vor der Arbeit, vor deiner Arbeit, und schämen sich überhaupt nicht dafür, dass sie den ganzen Tag absolut nichts tun. Schließlich bezahlen sie ja dich, nicht wahr?

Leute von den Freimaurern des Christlichen Ordens der Eastern Stars sind ein anderes Kaliber. Damit sie keine Schuldkomplexe kriegen, muss man immer etwas machen, was sie nie machen würden. Stell dich auf den Herd, um hochgespritzte Coca-Cola von der Decke zu wischen. Sperr dich in die Glasdusche ein. Schieb alle Möbel, inklusive Klavier, gegen die Tür. Das würden sie nie machen, außerdem kommen sie nicht mehr rein.

Gott sei Dank gibt es immer wenigstens eine Fernsehshow, nach der sie süchtig sind. Ich schalte für eine halbe Stunde den Staubsauger an (ein beruhigendes Geräusch), lege mich unter das Klavier, einen Staublappen fest in der Hand, nur für den Notfall. Ich liege einfach da, summe vor mich hin und denke nach. Ich habe mich geweigert, deinen Körper zu identifizieren, Ter, was eine Menge Ärger machte. Ich hatte Angst, dass ich dich schlagen würde für das, was du getan hast. Dass du gestorben bist.

Das Klavier ist das Letzte, was ich bei den Burkes sauber mache, bevor ich gehe. Das einzig Dumme daran ist, dass darauf keine anderen Noten stehen als die Hymne des Marine-Korps. Jedes Mal marschiere ich zu den Klängen von »From the Halls of Mon-te-zu-u-ma« zur Bushaltestelle.

Im 58er-Bus vom College nach Berkeley. Ein bösartiger alter weißer Fahrer. Es regnet, es ist spät, voll und kalt. Weihnachten ist eine schlechte Zeit zum Busfahren. Ein bekifftes Hippie-Mädchen schrie: »Lasst mich aus diesem Scheißbus raus!« – »An der nächsten Haltestelle!«, schrie der Fahrer zurück. Eine dicke Frau – eine Putzfrau – hatte sich über den Vordersitz erbrochen, auf die Gummischuhe der Mitfahrer und auf meinen Stiefel. Es roch widerlich, und mehrere Leute stiegen an der nächsten Haltestelle aus, wo auch sie ausstieg. Der Fahrer hielt an der Arco-Haltestelle vor Alcatraz, holte einen Schlauch, um sauber zu machen, aber natürlich lief das ganze Zeug nur nach hinten, und im Bus wurde es noch nasser. Er war wütend und rot im Gesicht, überfuhr die nächste rote Ampel, bringt uns alle in Gefahr, sagte der Mann neben mir.

An der Technical High School von Oakland warteten etwa zwanzig Schüler mit Radios hinter einem schwer gelähmten Mann. Das Amt für Sozialhilfe ist direkt neben der High School. Als der Mann mühevoll einstieg, sagte der Fahrer: Verdammt noch mal!, und der Mann sah überrascht aus.

Wieder bei den Burkes. Keine Veränderungen. Sie haben zehn Digitaluhren, und alle zeigen dieselbe korrekte Uhrzeit an. Wenn ich kündige, werde ich alle Stecker rausziehen.

Mrs. Jessel habe ich schließlich wirklich gekündigt. Sie bezahlte mich weiterhin mit einem Scheck, und einmal rief sie mich in einer Nacht vier Mal an. Ich telefonierte mit ihrem Mann und sagte ihm, ich hätte Pfeiffer’sches Drüsenfieber. Sie hat schon wieder vergessen, dass ich gekündigt habe, und rief mich letzte Nacht an, um zu fragen, ob sie auf mich ein bisschen blasser gewirkt hätte. Ich vermisse sie.

Heute eine neue Kundin. Eine echte Dame.

(Ich sehe mich nie als Putzfrau, auch wenn sie einen so nennen, ihre Hausangestellte oder ihr Dienstmädchen.)

Mrs. Johansen. Sie ist Schwedin und spricht Englisch mit ziemlich starkem Akzent, wie jemand von den Philippinen. Das Erste, was sie heute zu mir sagte, als sie die Tür öffnete, war: »Heiliger Moses!«

»Oh. Bin ich zu früh?«

»Ganz und gar nicht, meine Liebe.«

Sie betrat die Bühne. Eine achtzigjährige Glenda Jackson. Ich war hin und weg. (Sehen Sie, ich fange schon an, so zu reden wie sie.) Hin und weg im Foyer.

Im Foyer, bevor ich überhaupt meinen Mantel ausgezogen hatte, Ters Mantel, setzte sie mich über das Ereignis ihres Lebens in Kenntnis.

John, ihr Mann, war vor sechs Monaten gestorben. Es war schwer für sie gewesen, besonders das Schlafen. Sie hatte angefangen, Bilderpuzzle zusammenzusetzen. (Sie zeigte auf den Kartentisch im Wohnzimmer, wo Jeffersons Landgut Monticello beinahe fertig war, bis auf ein klaffendes Urtierchen-Loch oben rechts.)

Eines Nachts war sie so in ihr Puzzle vertieft gewesen, dass sie gar nicht erst schlafen ging. Sie hatte es vergessen, sie hatte wirklich vergessen, ins Bett zu gehen! Und zu essen, das auch. Um acht Uhr morgens aß sie Abendbrot. Sie legte sich hin, wachte um zwei Uhr auf, frühstückte nachmittags um zwei und ging los, um ein neues Puzzle zu kaufen.

Als John noch lebte, gab es morgens um sechs Frühstück, Mittagessen um zwölf, Abendbrot um sechs. Ich werde dieser lächerlichen Welt sagen, dass die Zeiten sich geändert haben.

»Nein, meine Liebe, Sie sind nicht zu früh«, sagte sie. »Es könnte allerdings sein, dass ich jeden Moment ins Bett verschwinde.« Ich stand immer noch da, schwitzte, blickte in die glänzenden, müden Augen meiner neuen Arbeitgeberin und wartete darauf, dass Tacheles geredet wurde.

Ich sollte nichts weiter tun, als die Fenster zu putzen und den Teppich zu saugen. Aber bevor ich den Teppich saugte, sollte ich ein Puzzleteil suchen, Himmel mit ein bisschen Ahorn. Ich weiß schon, dass es fehlt.

Es war schön auf dem Balkon beim Fensterputzen. Kalt, aber die Sonne schien mir auf den Rücken. Drinnen saß sie über ihrem Puzzle. Entrückt, aber doch in einer Pose. Sie muss früher wunderschön gewesen sein.

Nach den Fenstern folgte die Aufgabe, das Puzzleteil zu suchen. Zentimeter für Zentimeter im quietschgrünen Teppich, Crackerkrümel, Gummibänder vom Chronicle. Ich freute mich, das war der beste Job, den ich je gehabt hatte. Sie scherte sich »einen feuchten Kehricht« darum, ob ich rauchte oder nicht, also kroch ich über den Teppich, rauchte und schob den Aschenbecher vor mir her.

Ich fand das Puzzleteil auf der anderen Seite des Zimmers, weit weg vom Tisch mit dem Puzzle. Es war Himmel mit ein bisschen Ahorn.

»Ich hab’s!«, rief sie. »Ich wusste doch, dass es fehlt!«

»Ich hab’s!«, rief ich.

Dann konnte ich Staub saugen, womit ich noch beschäftigt war, als sie das Puzzle mit einem Seufzer beendete. Beim Gehen fragte ich sie, wann sie glaube, dass sie mich wieder brauchen würde.

»Wer weiß?«, sagte sie.

»Na ja … möglich ist alles«, sagte ich, und wir lachten beide. Ter, eigentlich möchte ich überhaupt nicht sterben.

Der 40er zur Telegraph. Haltestelle vor dem Waschsalon. MILLS AND ADDIES ist voll mit Leuten, die darauf warten, dass ihre Waschmaschine fertig wird, aber so feierlich, als warteten sie auf einen Tisch im Restaurant. Sie stehen am Fenster, schwatzen, trinken Sprite aus grünen Dosen. Mill und Addie mischen sich unter sie wie gesellige Gastgeber und wechseln Geld. Im Fernsehen spielt die Ohio State Band die Nationalhymne. Schneegestöber in Michigan.

Es ist ein kalter, klarer Januartag. Vier rasante Radfahrer reihen sich an der Ecke der 29th Street wie an einer Drachenschnur auf. Eine Harley tuckert im Leerlauf an der Haltestelle, und ein paar Kinder winken dem böse blickenden Biker von der Ladefläche eines 1950er-Dodge-Lasters zu. Endlich weine ich.

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