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Warum nicht bei Mike, Robert oder Knosi einkaufen? Aber die Jungs sagen, Mike, Robert und Knosi hätten heute keine Zeit und es gäbe keine andere Möglichkeit, wir müssen also wieder hoch, wir müssen wieder in Watans Muffbude im zehnten Stock, wo es nach Hund riecht, obwohl er ja gar keinen hat, und wo immer die Rollläden runtergezogen sind, angenehm ist das nicht. Er sitzt am Tisch und wiegt das Gras mit seiner komischen Handwaage, und dann tut er etwas dazu und wiegt noch mal, und man kann nur hoffen, dass er jetzt nicht wieder anfängt, persische Gedichte zu rezitieren, andererseits ist es egal, denn er redet sowieso. Und wir wissen auch schon genau, was kommt, nämlich die Sache mit den Holzsplittern, die seinem Onkel unter die Fingernägel getrieben wurden, und die Sache mit dem heißen Ei, das seinem Onkel hinten reingesteckt wurde. Und dann nickt er plötzlich, als käme jetzt ein Witz, aber er erzählt uns nur, dass sein Vater ein ganz Mutiger war, genauso wie er selbst, Watan, ein ganz Mutiger ist, wie er hier wiegt und wiegt und uns von den Flugblättern erzählt, die er in der Schule verteilen musste, aber das hat er auch schon tausendmal getan. Er hat uns schon tausendmal das Symbol mit dem Stacheldraht und der Nelke aufgezeichnet, und jetzt fragt er uns, ob er uns vielleicht mal das Symbol der kommunistischen Partei aufzeichnen soll. Wir fragen zurück, ob er sich an die Zeichnung von Gestern erinnert, aber er hört uns gar nicht erst zu. Er beschreibt jetzt den Kinofilm, den er gesehen hat, als sein Vater angeschossen wurde, und das kennen wir im Detail, wir kennen auch das plötzliche Gefühl, das ihn aus dem Kino trieb, wir wissen, dass sein Vater dann verblutet ist, und dass er ein mutiger Mann war, das hat er zuletzt vor zwei Minuten erwähnt. Wir sagen: Wir wollen jetzt auf eine Fete, Watan, wir haben nicht soviel Zeit.

Er fragt, ob wir einen Tee trinken wollen.

Und er kocht uns einen Tee und redet über Frauen, und man könnte fast denken: Jetzt wird es besser, aber wir merken schon, wohin das führt, nämlich in Richtung seiner Tanten vom Kaspischen Meer, bei denen er samt seinem toten Vater untergekommen ist, das waren wirklich mal Frauen, das wissen wir schon, zehn dicke Weiber, die sich alle auf den Kopf klopften vor Trauer.

Und Watan lacht.

Watan lacht alleine vor sich hin, während er den Tee bringt und schon wieder beschreibt, wie sein Vater gewaschen und geschminkt im Keller lag, und wie man ihn dann im Garten vergrub, da können wir ein Lied von singen. Wir sagen: Watan, du hast deinen Vater begraben, und dann hast du dich am Kaspischen Meer rumgetrieben, wo die Frauen verhüllt ins Wasser stiegen, und du hast die kleine Asfael kennengelernt, die ganz anders war mit ihren kurzen Haaren. Du bist ihr durch die Felder gefolgt, vorbei an Granatapfelbäumen und Sperrmüllkühlschränken, und sie war fast wie ein Junge und hat sich auf Mauern gesetzt, und wenn sie küsste, dann war das ein Beißen. Aber wollen wir das alles noch mal hören, Watan? Wollen wir noch mal hören, wie sie dann plötzlich weg war und wie die Polizisten kamen und dir in den Magen traten, weil sie euch gesehen hatten? Und wie du dachtest, dass man dich auf dem Schrottplatz an einem Kran aufhängen wird, und wie die Polizisten dann wieder gingen und dich doch nicht an einem Kran aufhängten, und wie Asfael aus einem Kühlschrank kam und lachte, als hätte sie keine Angst gehabt? Eher nicht, Watan, wir wollen das eher nicht noch mal hören, zumindest nicht zum tausendsten Mal, und warum bringst du jetzt gefüllte Weinblätter und machst schon wieder den alten Witz und nennst die Weinblätter Evas Unterhosen. Wieg doch lieber das Gras, Watan, wieg doch das Gras.

Und Watan wiegt und schweigt und dann sagt er: Der Krieg, und wir sagen: Nein, Watan, weniger der Krieg, vielmehr jetzt das Gras, denn was wissen wir denn nicht? Wissen wir denn nicht, dass du einberufen wurdest und abgehauen bist und drei Tage lang in einer Höhle auf die Schleuser warten musstest? Wissen wir nicht, dass Asfael kam und auch fliehen wollte, obwohl die Schleuser dagegen waren, und dass die Schleuser dann doch einverstanden waren, weil sie Geld aus der Tasche zog? Und dass sich die Schleuser alle als „Ali“ vorstellten, wissen wir das nicht? Wissen wir nicht, dass es auf Pferden durch das Schneegebirge ging und dass du gar nichts mehr sehen konntest vor lauter Schnee? Wir sagen: Doch, Watan, dass wissen wir wohl, wir sind schon tausendmal mit dir durch das Gebirge geritten, und wir haben uns tausendmal mit dir gefragt, ob das Pferd vorwärts oder rückwärts läuft, und ob wir vielleicht schon im Jenseits sind. Wir haben den bläulichen Schnee und die Kräne und den Stacheldraht gesehen, die aber gar nicht wirklich waren, und wir wissen, dass dich der stärkste von den Alis geschlagen hat, Watan, weil du so kraftlos warst. Wir haben die Hubschrauber über den Bergdörfern gesehen, und wie ihr euch zwischen den Ziegen verstecken musstet, und wie du die Grenzsäule zur Türkei dreimal angefasst hast, um dich zu überzeugen, dass es sie wirklich gibt. Wir können es im Schlaf aufsagen, Watan: Ihr wart zwanzig Iraner und ihr kamt in einem LKW unter, hinter Teppichen versteckt, und dein Mädchen blutete am Daumen und du solltest den Daumen küssen, und sie wollte immer hören, wie sehr du sie liebst, aber du hattest keine Kraft mehr dafür. Und jemand schmiss den Kanister um, in den ihr reingepisst hattet, das war der Gewichtheber aus Zahedan und den konntest du überhaupt kaum ertragen, denn der zeigte immer den Zeitungsartikel mit dem Foto von sich und redete sehr laut von seinen Preisen, auch wenn ihr an Raststätten hieltet, wo man auf keinen Fall reden durfte, wusstest du das schon? Lass es dir sagen, Watan, denn wir wissen es genau! Asfael hat sich an dich gedrückt, dass dir die Luft wegblieb, und dann gab es ein Loch in der Plane und du sahst zum ersten Mal wieder Häuser, Watan, wir sehen sie selbst.

Aahh, sagt Watan, schon gut, schon gut, ich verstehe, aber wollt ihr vielleicht ein heißes Ei? Wollt ihr vielleicht ein heißes Ei hinten reingeschoben kriegen, wie sie es bei meinem Onkel gemacht haben? Und er steht auf und tut, als wolle er ein Ei kochen gehen, aber dann hebt er eine Augenbraue, und es ist wohl witzig gemeint, und wir lächeln jetzt alle zusammen, ja, wir lächeln jetzt fast ein bisschen, aber eigentlich lächeln wir doch nicht, wir sagen: Watan, wieg doch bitte das Gras. Und er wiegt das Gras, aber das Reden läuft aus ihm raus, es kommt aus seiner Unterlippe. Eines hätte er uns ja noch nicht erzählt, wie er die Krätze gekriegt hat nämlich, so dass er sich mit einer Gabel die Brust blutig kratzen musste, da waren sie schon in Istanbul, Asfael und er, den ganzen Winter über in dem winzigen Zimmer, wo sie auf die Pässe warten mussten. Und er musste sich einen Bart wachsen lassen, der erst zum Fototermin abkommen sollte, weil die Haut darunter dann sehr hell und glatt ist und er jünger gemacht werden sollte, aber er hatte die Krätze auch im Bart, und es war alles ein einziges Jucken. Und dazu Asfael, die den Schrank verheizte, obwohl der Ali gesagt hatte, dass man den Schrank nicht verheizen solle, und wie sie sich stritten und wie er mit ihr schlafen wollte, und wie sie nur mit ihm schlafen wollte, wenn er sie liebte, und wie er nicht sagen konnte, dass er sie liebte. Und das sollen wir ihm mal sagen, wie man jemanden so richtig lieben soll, wenn die Rollläden immer geschlossen sind und der Ali mit dem Brot nur unregelmäßig kommt, und wenn die einzige Ablenkung das türkische Fernsehen ist, das aber nur von Sechs bis Neun sendet und zwar hauptsächlich Liebesfilme, bei denen man gar nichts versteht, nur rababababab, was wahrscheinlich ich liebe dich bedeutet. Aber wie soll man da jemanden lieben, das sollen wir ihm mal sagen. Wenn dann der Oberali mit dem Fotografen und zwei Weibern erscheint und sich als König aufführt in seinem Pelzmantel, wenn er Asfael an die kaum vorhandenen Brüste fasst und wenn Asfael trotzdem freundlich lächelt, weil sie Brennholz haben will. Und wenn der Oberali dann sagt, dass sie nicht genug Spiritus benutzen würden, und dass Iraner nicht mit Feuer umgehen könnten, und wenn er dann vorführen will, wie man den Ofen bedient. Und das sei ja eigentlich witzig, sagt Watan, ob wir das nicht witzig fänden? Wie der Oberali dann den Spiritus in den Ofen spritzte und ein Streichholz reinwarf, dass es knallte und eine riesige Rußwolke den ganzen Raum schwarz färbte. Wobei es nicht so witzig gewesen sei, dass der Oberali dann wieder verschwunden ist, als Strafe für seine eigene Dummheit, um erst sechs Wochen später mit den Pässen zu kommen, aber das wolle er uns gar nicht erzählen, er wolle ja nicht nerven. Er wolle auch nicht erzählen, wie der Oberali ihn dann weiter verarschte und sagte, dass er am Flughafen sagen solle, dass er einen Gehirnschaden habe, und dass er sich in Deutschland operieren lassen wolle. Und dass er das am Flughafen wirklich sagte, und dass er als Türke nach Deutschland flog und jetzt Amir Huschang Rahbarsare hieß, wobei das ja witzig sei. Aber er wolle es uns nicht erzählen, auch nicht, dass der Beamte am Schalter über Asfaels Foto rieb und feststellte, dass es ausgetauscht war, und dass er, Watan, ihr nicht helfen konnte und nur auf den Daumen des Beamten starrte und dann irgendetwas über das Wetter zu erzählen versuchte, aber da war sie schon abgehauen und für immer verschwunden. Und das wolle er uns auch nicht erzählen, dass er sie dann plötzlich doch so richtig liebte, es sei denn, wir würden es hören wollen. Und wir sagen: Im Grunde genommen, ehrlich gesagt nicht, vor allem nicht, weil wir schon davon träumen, Watan, du wiegst jetzt das Gras! Und er wiegt das Gras und sagt: Ach die Waage spinnt, ich geb es euch so! Und das ist mal ein Wort, da bedanken wir uns. Wir stehen auf und machen uns endlich auf den Weg zur Fete, und Watan fragt natürlich noch, ob er mitkommen kann. Aber wir sagen: Das geht leider nicht, Watan, weil es eine Privatparty ist, das tut uns leid, aber du verstehst es sicher? Und er sagt, dass er das versteht, und dann kommt er trotzdem noch mit, weil er zum Kiosk will, das ist die gleiche Richtung, aber nachdem wir uns am Kiosk verabschiedet haben, merken wir, dass er uns weiterhin folgt. Immer wenn wir uns umdrehen, bewegt er sich irgendwo im Schatten, und wir haben ein ganz komisches Gefühl, als wir schließlich die Party erreichen. Vor der Haustür warten die Mädchen, denen wir Gras mitbringen sollen, sie sehen uns an, scheinen sich aber gar nicht für uns zu interessieren, eigentlich recken sie nur die Köpfe und fragen: Was kommt euch denn da hinterher? Und wir sagen: Das ist Watan, wir kaufen sein Gras.


*© Andreas Stichmann, 2013.

Was willst du hier? Das sagen Augen, strenge Augen. Der Mund sagt nur: „Das Zimmer Nummer zwölf ist oben.“ Dann muss sie weg, die strenge Angestellte des Hotels. Nur Einsamkeit schläft heute hier. Kein anderer Gast. Es ist der leere Osten Deutschlands. Ein Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Sein Marktplatz schaut hinter den Fenstern in dieses Zimmer Nummer zwölf hinein. Die Straßen leer und finster. Kein Licht. In keinem Haus. Wo sind die Menschen? Schlafen sie? Weil sie vielleicht erkältet sind, wie diese Pension vielleicht erkältet ist? Denn alles – Türen, Wände, Boden – macht seufzende Geräusche, als ob es hustet, dieses Haus.

Und um halb eins hustet es dann so laut, dass eine Wand am Fieber wohl zerbrochen ist. Oder sind das doch Menschen? Ich schaue nach im Flur. Im Flur ist niemand, nur Christa Wolf und Fallada. Ein Büchertisch. Die Hand greift nach dem Wolf-Roman. In Grau steht da auf den vergilbten Seiten, dass das Vergangene nicht tot sei, es sei nicht mal vergangen. Das ist von Faulkner. Und ja, deswegen bin ich hier: Die alten Nazis sind die neuen Nazis. Und neue Nazis will ich suchen. Morgen, sage ich zu Wolf und schlafe.

Der Morgen sieht aus wie ein Abend. Das Blau des Himmels fressen graue Wolken auf. Ein Regenschauer peitscht auf die schmalen Straßen nieder. Ein Fahrrad, ausgeliehen, ist Alibi, ist Tarnung, denn in der Gegend sind immer Fahrradfahrer unterwegs. „Die schönsten Fahrradstrecken Mecklenburgs“, so sagt es das Internet. Es lügt. Es gibt gar keine Fahrradfahrer. Und die Fußgänger sind immer noch erkältet.

Doch ein paar Dörfer weiter sollen zumindest Neo-Artamanen leben, diese authentischen und echten Ur-Urnazis. Völkische Siedler werden sie genannt, weil sie dort siedeln, wo niemand ist, und an das Blut-und-Boden-Ding sehr glauben, an das auch Heinrich Himmler glaubte, der selbst ein Artamane war.

Die iPhones-Karte sagt: Bis zu den Völkischen sind es noch 18 Kilometer. Doch dieser Regen wird jetzt wütender, die Jacke schwer und nass. Das Häuschen einer traurigen und stillen Haltestelle wird zum Versteck vor diesem Wetter. Der Schauer ist verzogen, doch mit ihm auch das Netz des Telefons. Die Karte ist erloschen. Deshalb steuern Erinnerungen jetzt das Fahrrad. Und deshalb stehe ich dann nicht in dem Dorf, das Klaber heißt, dort sollen die Artamanen siedeln, sondern in Koppelow. Und Koppelow ist auch nicht falsch, denn hier soll ein sehr brauner Biobauer leben – mit NPD-Vergangenheit.

Wieder und selbstverständlich diese Leere. Kein Café und kein Supermarkt, kein Mensch, kein Neonazi auf der Straße. Nur Hühner vor den Ställen. Doch dann kommt aus einem grauen Haus ein Mann. Entschuldigung, ich suche einen Biobauern, der hier lebt, sage ich.

„Hier gibt es keine Bauern mehr, Pleite gemacht haben die alle“, sagt dieser Mann, er trägt um seinen Bauch einen dreckig-grauen Pulli und einen vollen Schnurrbart im Pulli-Farbton unter seiner Nase. „Noch ein paar Tiere hat der eine, aber hat alles überschrieben auf den Sohn.“

„Kennen Sie diesen Bauern und seinen Sohn?“

„Alles Juden, alles Juden!“, sagt der Schnurrbärtige.

„Wie, die sind jüdisch?“

„Nein, das sagt man doch nur so. Halsabschneider sind die, alles Halsabschneider.“

Wenn ein Antisemit einen NPD-Mann auf einmal einen Juden nennt, ist es viel zu verdreht, verkehrt. Deshalb nur Schweigen, Weiterfahren. Nach einer Stunde Auf und Ab – die Hügel Mecklenburgs sind endlos – mache ich vor einem schönen, weißen Haus dann Pause. Ein Blick aufs Telefon: kein Netz. Und keine Ahnung, wo Klaber ist, wo diese Siedlung. Doch vielleicht wissen das die Menschen in dem Haus. Vielleicht sind sie selbst Völkische. Als ich gerade klingeln will, hält vor der Einfahrt ein verstaubter Ford.

„Was wollen Sie da?“, ruft der Ford-Fahrer.

„Fragen, wo ich bin.“

„Das ist das Haus der Alkoholiker, die sind um diese Zeit nie da, die müssen Alkohol beschaffen“, sagt mir der Ford-Besitzer und dann: „Die Volkssolidarität hat die Untherapierbaren der Region da einquartiert.“ Ich frage ihn, wo Klaber ist, Klaber ist aber zu weit weg. Der Ford-Mann erklärt dann, wie ich zurück ins Dorf komme, in meine Pension. Die Nazis morgen dann, denke ich und fahre – mit Hunger, Müdigkeit und leichter Depression. Gegen Hunger, Müdigkeit und leichte Depression helfen nur gute Restaurants. Doch es gibt keine Restaurants. „Nur eine Kneipe, die auch Küche hat“, das sagte mir die strenge Angestellte der kranken, leeren Pension.

Die Kneipe, die auch Küche hat, ist stumm, die Menschen reden nicht, während sie essen, auf das Essen warten, trinken. Ein Smalltalk scheitert. Wie kann man mit den Leuten sprechen? Sind das hier schon die Rechten? Und wollen sie mir das verschweigen? Wenn nicht, wo sind die Rechten? Der Osten ist doch voll von ihnen, das sagen Fernsehen und Zeitungen und Zahlen.

„Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?“, fragt Christa Wolfs Roman am zweiten Abend. Die DDR, die SED-Welt und der verlogene Antifaschismus schwimmen mit Wolfs Worten im Kopf. Was machen die alten Lügen mit den neuen Menschen? Nazis sah man hier damals nicht, so wie ich heute hier noch keine Nazis sah. „Dann morgen?“, sage ich zu Wolf und schlafe.

Der Morgen wieder finster. Diesmal ein anderer Weg, der in die Siedlung der Ur-Urnazis führt. Der Paradiesweg. Denn ein sehr toter Dichter hat über diese Landschaft mal gesagt, dass sie das Paradies auf Erden sei. Das Paradies sieht aus wie eine tiefe Depression. Alles ist grau und ist verwaschen. Zwei Fahrradstunden später endlich Klaber. Nur noch ein Hügel. Ich schiebe jetzt das Rad. „Na, ist es etwa hier zu steil“, ruft dann ein Mann in weichem, langgezogenem Norddeutsch.

„ Hier soll es eine Siedlung geben“, sage ich.

„Hier gibt es nichts. Dort oben leben ein paar Wessis“, sagt er auf einmal mit finsterem Gesicht.

„Wie sind die so?“, sage ich.

„Mit Zugezogenen rede ich nicht“, sagt er, und in seinen Satz platzt eine Frauenstimme. Der Mann muss rein. Ein „Tschüss“, nur ohne T, sehr norddeutsch.

Dann steht es da, das Haus der Siedler. Ein roter Backstein. Ein kleines Holzhäuschen davor, dort hängt ein Schild, auf dem steht: „Echter deutscher Honig“. Ist das jetzt neonazihaft? Eine Brutstelle für den Naziterror bräuchte doch wenigstens zwei kleine SS in der Runenschrift. Nichts. Nirgends.

Wo sind die Siedler? „Hallo“, rufe ich zum roten Haus. Nichts. Vielleicht war es zu leise. Doch lauter geht nicht, etwas steckt in dem Hals. Ja, Angst. Werden die Völkischen bemerken, dass mein Blut falsches ist, kein nordisches? Die Angst erlaubt noch einmal leises Rufen. Und wieder Stille. Und es ist gut, dass sie nicht da sind, denn die Gedanken kreisen noch immer um das Blut. Der Himmel ist jetzt beinah schwarz. Die Angst zwingt zurück auf das Fahrrad. Was jetzt? Ein Poster sagt, dass heute Herbstfest ist. Und ich will unter Menschen, doch vielleicht sind dort diese Siedler? Die Angst kämpft mit der Neugier. Die Angst verliert.

Auf dem Herbstfest ist zuerst nur ein großer Tisch. Auralia liegt da. Schön ist sie, rund und leicht gerötet. Doch sie hat ein Problem: Auralia kommt aus dem Osten Deutschlands. Es fahren zärtlich Finger über sie. Ein Mann, ein älterer, er sagt: „Im Westen hasst man sie deshalb.“

„Warum?“

„Früher dachte man im Westen, dass alles hier gespritzt ist. Doch jetzt? Ich weiß es nicht, ich bin leider nicht westdeutsch.“ Der Mann ist Pomologe. Auralia ist eine Apfelsorte. Sie liegt da mit einhundert anderen. Die große Apfelshow. Der Westen, der im Osten nur Polizistenidioten, manische AfD-Wähler und Neonazis sieht, ist so voller Überheblichkeit, dass es sogar diskriminierte Äpfel gibt, denke ich und dann, dass diese Reise nichts anderes ist als Überheblichkeit.

Der Pomologe spricht immer noch von Äpfeln. Doch Äpfel sind bekannt, die Siedler nicht. Deshalb Nachfragen über Neo-Artamanen. „Nichts haben wir mit denen zu tun“, sagt dieser Apfelfan. Und ein Besucher dann: „Die sind im Osten.“

„Das ist doch Osten“, sage ich.

„Nein, Richtung Usedom, da leben die.“

Ein schlanker Großer mit tiefen schönen Falten stampft showmäßig einen Topf mit Kohl – Sauerkraut soll es werden; er sagt, dass Völkische sehr problematisch für die Bioszene sind. Er ist auch in der Bioszene. „Dass man mit seinem Blut sich um seinen Boden kümmert, das kann ich noch verstehen, dass man aber die Leute abwertet, die nicht deutsch sind, das ist verrückt.“ Und wegen dieser rechten Ökos meidet der schlanke Große mit den Falten die biologischen Vereine Mecklenburgs. „Da sitzen überall die Rechten mit am Tisch.“

Wo aber sind sie jetzt? Der Große kennt sie persönlich nicht. Warum kennt sie hier niemand? Weil Landleben vielleicht Familienleben ist? Im Christa-Wolf-Buch steht es so: „Eine Familie ist eine Zusammenrottung von Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts zur strikten Verbergung gemeinsamer peinlicher Geheimnisse.“ Und vielleicht, denke ich, reden die Menschen nur deshalb nicht über diese anderen, weil es das gleiche Prinzip einer Familie ist.

Das familiäre Fest ist jetzt zu Ende. Deshalb wieder die Kneipe, die auch Küche hat. Diesmal ist sie nicht stumm, ist voll. Zwei Männer zeigen auf ihren freien Stuhl. Sie gehen gleich noch aus, und ich soll mitgehen, sagen sie. Und ja, wir gehen.

Ein Angelclub mit Holzhütte und mit Kamin. Die eine Wand besteht nur aus Pokalen, die anderen Wände waren einmal weiß, die Einrichtung minimalistisch. Der Gastgeber heißt Martin. Dreißig ist er und Koch, doch er macht gerade Reha. „Die Bandscheibe, die Bandscheibe“, sagt er nach dem Hallo. Elf Männer. Und drei Frauen, die „Frauenzeug“ besprechen, so sagen sie. Es geht um Kinder, Männer, Douglas. Die eine redet mit einem stechend-schönen polnischen Akzent, sie ist erst seit zwei Monaten in Deutschland. Eine Reitsportlerin, jedoch verletzt, deshalb jetzt Pferdepflegerin. Vielleicht wird diese Fremde die Fremdenhasser kennen und offen, ehrlich sprechen. Ich frage sie nach Rechten. „Nein, nein! Die Menschen hier machen mir ein sehr warmes Herz“, sagt sie. Das ist zu schön-ausländisch, ist gegen jedes Vorurteil. Ich gehe raus zum Rauchen. Dort Martin. Das Thema, mein Thema, natürlich AfD. Doch Martin sagt, die Rechten und die Wähler dieser AfD seien alle nur im Osten. Schon wieder: Richtung Usedom. „Aber ganz ehrlich, ihr habt mit Flüchtlingen doch ein Problem?“, sage ich so neugierig wie hinterhältig. „Nö, die kennen wir nicht, die gib’s hier nicht. Hier ist es einsam.“ Er steckt sich eine Zigarette an. „Aber es wäre schön, wenn einmal jemand kommt.“

Vielleicht meint Martin Syrer, vielleicht nur seine Freunde, sehr viele sind nach Hamburg, nach Berlin gezogen. Er spricht von dieser Leere auf dem Land, von seiner Einsamkeit. „Aber ich kann mich gut beschäftigen“, sagt er und meint das Angeln, die Männer angeln täglich, zumindest die, die keine Arbeit haben. Es sind die meisten. Wieder die leichte Depression. Aus dem Holzhäuschen schreit Bon Jovi, und es ist Zeit zu gehen.

Der letzte Morgen ist nicht finster wie die anderen. Er ist brutal. Der Kopf zerspringt vom Angler-Korn. Auf einmal brüllt das Telefon. Nur eine Nachricht, Martin. „Kommst du nachher mit zum Angeln?“ Das Angeln ist die Rettung Martins, so hat er es erzählt. Und auf dem Land in diesen Dörfern braucht jeder eine Rettung, um nicht an Einsamkeit, an Leere zu verzweifeln. Die, die nichts haben, ziehen weg. Die anderen suchen. Die Pomologen bestimmen Apfelsorten. Die Trinker trinken in dem weißen Haus. Die Männer aus dem Angelclub gehen angeln. Doch wenn man weder Trinker noch Pomologe oder Angler ist und auch nichts anderes findet, dann bleibt vielleicht nur noch das rechte Denken. Man kann schon sehr gut Nazi werden auf dem Land, das früher einmal DDR war, in der es angeblich Nazis niemals gab, denke ich plötzlich und dann: Wäre man so für andere unsichtbar? Oder: Würde man sich nur gut verstecken? Wie lange würde man sich gut verstecken? Bis man die Mehrheit findet mit demselben Denken?

Ich suche in der Tasche Schmerztabletten und nehme sie und dazu Christa Wolf, wieder das Buch. Und da, ein Gottfried-Benn-Zitat: „Diese östlichen Städte so grau, so staubverhangen – auf diese Weise sind sie nicht zu deuten.“ Und Benn und Wolf, sie haben recht. Ich werde hier nichts finden.

mal sehen, ob die wälder wieder brennen, mal sehen, ob starke hitze uns entgegenschlägt. mal sehen, ob der rauch die tiere aus den büschen treibt, deren namen wir nicht kennen, mal sehen, ob das eine stille nach sich zieht. mal sehen, ob der regen einsetzt, den ein schwarzer wind ins land drückt, mal sehen, ob sich wassermassen gegen brücken stemmen oder dämme längst gebrochen sind. mal sehen, ob gebäudeteile auf uns niederfallen, ja, mal sehen, ob das ganze runterkommt und eine staubwolke uns entgegenschlägt, die alle farben schluckt. mal sehen, ob sich autos überschlagen und sich metall ineinanderschiebt. mal sehen, ob eine stromleitung auf der fahrbahn liegt. mal sehen, ob sie wieder auf der brücke stehen und hinuntersehen, einen steinwurf weg von ereignissen, die sie doch nicht verstehen. mal sehen, ob sie dann zu anderen dingen übergehen, weil ihnen gar zu langweilig wird. mal sehen, ob sich wieder was tut. 

sitzung: das protokoll ist verschwunden, vermutlich ging es im zusammenhang mit den vorkommnissen um paul kirchstätter verloren. 

sitzung: tagungsraum 7 des hotel safitel, pico boulevard, west l.a., montag, 23.9., 16.30 uhr, anwesende: gerd pregler (CEO, geosick gmbh), berit strebitz (abteilungsleiterin entwicklung, murmur-chemie), faisal aslan (architekt), ricarda vierzig (abteilung bausubstanz des BMFIST), marko keglevic (EU-beauftragter der strukturfondsförderung ost), marianne gerhardt (baumuck AG), karl voss (physiker, uni mainz) sowie der protokollführer. nach dem verschwinden von paul kirchstätter (agentur »desastertourism«) übernimmt herr pregler freundlicherweise die gruppenleitung: 

»fahren wir fort und sehen uns den parkplatz an, den parkplatz mit all seinen menschen! ob das schon die panikeinkäufer sind, die panikeinkäufer mit ihren panikeinkäufen? seht euch die wagen an, in denen sie da aufkreuzen! so viel hat platz in ihnen, so viel wird auch in sie hineingeräumt. all die lebensmittel und putzmittel, all das werkzeug und die kleidung, die desinfektionsmittel und das wasser. sind das schon die wasservorräte, die man unbedingt anlegen muss? ja, haben diese menschen denn an die stromversorgung gedacht, an die externe stromversorgung? an die muss man doch jetzt denken, das weiß hier jedes kind. schon kommen die kanister zum einsatz, die dieselkanister, die ölkanister, die benzinkanister, die über parkplätze getragen werden, über autobahnbrücken und gehwege. und wohin werden sie getragen? zu tankstellen hin, von tankstellen weg, das ist doch jetzt die devise. eine menge menschen müsste man gleich mit kanistern über den parkplatz da unten laufen sehen, über diesen parkplatz und alle anschließenden parkplätze, die parkplatzerweiterungen, die man eingerichtet hat, als würde man in dieser stadt immer mit einem ausnahmezustand rechnen, als wäre der immer mit einkal kuliert. aber nein, an die energieversorgung wird wieder einmal nicht gedacht, denn schon sind sie alle auf dem weg zurück zu ihren kraftfahrzeugen, zu ihren geländewagen und minitrucks. wagen, über die man jahrelang nur witze gemacht hat, all die bemerkungen, dass das ja keine stadtautos seien und dass man den eindruck habe, ihre besitzer wollten in eine wildnis hinein, aber trauten sich nicht. diese bemerkungen sind jetzt obsolet geworden, haben sich sozusagen von selbst erledigt, verdünnisiert hat sich jeglicher humoristische gehalt.«

trotzdem, er habe sich die panikeinkäufe ein wenig anders vorgestellt. so wirke es allenfalls unentschieden. er meine, alleine, wenn man sich ansehe, wie die sich in die autos setzten, wie sie sich hinter steuerrädern verschanzten und beifahrersitze eingenommen hätten, als ob sie die nie mehr freigeben wollten. und wie sie dann davonführen, als hätten sie alle zeit der welt. ob es nur ihm so seltsam vorkomme, wie die jetzt von der tankstelle wegführen, von ihren supermarktparkplätzen runter, wie sie ihre shoppingzone ver ließen? also ihm komme das komisch vor, mit welcher ruhe die da in die zufahrtsstraße auf den highway bögen, er meine: »sehen so die menschen aus, die bald von der bild fläche verschwunden sein werden?«

*

»sagen sie jetzt nicht, sie denken nicht an die stromleitung, sagen sie nicht, sie sehen nicht, was gleich passieren wird auf dieser kreuzung, behaupten sie nicht, sie sehen nicht ängstlich dorthin, wo der mast gleich kippen wird und die leitung reißen wird. behaupten sie nicht, da wäre ja noch nicht viel zu sehen!«

er glaube kaum, dass sie das beispielsweise kaltlasse, ja, er spreche seine sitznachbarin, frau strebitz, einmal direkt an, denn wer sei hier die expertin, wer sei hier die, die immer alles rausgekriegt habe? er sei ja eher der, der immer die falschen leute gefragt habe, während sie immer die richtigen leute gefragt habe. die gewusst habe, wenn etwas schieflaufe, was da schieflaufe. und wer habe gesagt: ein unternehmen funktioniere heute strikt nach dem muster einer alarmsituation? ja, sie sei doch die, die bisher immer über das stillhalten in alarmsituationen informiert gewesen sei, da müsse sie doch jetzt nicht so tun, als kratze sie das alles nicht. ob sie sich nicht daran erinnern könne, wie sie bis vor kurzem gesagt habe: »es sind die kleinen dinge, die die großen auslösen, die kleinen kräfteverschiebungen, die die großen nach sich ziehen, eine chemische irritation, ein kurzschluss, eine falsche anweisung, ein umgekippter schalter.«

aber ob wir ihm überhaupt zuhörten? oder ob wir mit den gedanken ganz woanders seien. also er denke schon, man solle ihm zuhören, denn wenn man nicht zuhöre, dann mache es keinen sinn, dass er hier weiterrede. dann könne er gleich wieder aufhören und es seinem vorredner gleichtun, der uns so plötzlich und überstürzt verlassen habe. aber er glaube nicht, dass hier irgendjemand etwas verpassen wolle.

*

na, zum beispiel wolle er die menschen nicht verpassen, die jetzt ein interessantes leben erhielten. »wer kann das sein?« um seinen vorredner zu zitieren: »jemand, der durchkommen wird, jemand, der es einfach schafft.« aber er sehe schon, die hier anwesenden interessiere das im augenblick nicht, man sei gerade mit anderen dingen beschäftigt, und so verpasse man eine ganze menge. z. b. falle wegen der ignoranz von frau strebitz der junge mann flach, den man im auto da unten noch hätte bemerken können und womöglich als regierungskerl entlarven, wegen ihr falle die frau neben dem getränkeautomaten flach, die sich sicher gleich als geophysikerin zu erkennen geben würde, ließe man sie nur. sie solle nicht so gucken: in solchen situa tionen komme doch immer eine geophysikerin an, die einem weiß gott was erkläre, die über weiß gott welche sonderinformation verfüge. aber wegen ihrer und der allgemeinen unaufmerksamkeit hier im raum fielen all diese anschlussmöglich keiten flach. hier gehe es doch darum, eine kommunikation über die kommenden ereignisse zu entwickeln, dazu sei man doch hier angereist, dazu sitze man doch vor dieser fensterfront und blicke hinaus, oder habe er da etwas falsch verstanden?

*

er spreche von den dialogen, die man jetzt miteinander führen könne, beispielsweise, warum gewisse dinge gesendet würden und andere nicht? sicher, selbst für diese fragen habe man normalerweise in den medien seine fachleute, die das diskutierten – »doch diese fachleute lassen heute alle aus, nicht? diese fachleute tauchen überhaupt nicht mehr auf. sie sind aus der öffentlichkeit verschwunden seit einiger zeit, zumindest aus dieser stadt, aus diesem land. sie wurden abgelöst von anderen fachleuten, die jetzt dinge erwägen, die angeblich vordringlicher sind. doch das sind keine aktuellen fachleute, sondern gewesene fachleute, weil die wirklichen fachleute mit wichtigeren dingen beschäftigt sind, als das jetzt ausgerechnet im radio zu diskutieren.«

aber gut, er schalte das radio ab. wichtiger sei zu beobachten, was da unten auf unserem parkplatz passiere. ob der asphalt schon risse bekomme, ob ein zittern die grashalme erfasse, die an seinen rändern wüchsen. ob ein kaum vernehmbares knirschen durch den luftraum gehe, irgendein zeichen des kommenden. schließlich sei der parkplatz unsere gruppenaufgabe, und auch wenn einige das nicht glauben wollten, viel könne man in dieser situation einem parkplatz entnehmen.

man solle ihm jetzt bloß nicht mit abstumpfung kommen, denn im augenblick müsse man alles, was mit abstumpfung zu tun habe, ad acta legen, das haben wir ja von herrn kirchstätter zu beginn unserer reise gehört. das sei ja der sinn der übung. sicher würden sich manche hier im raum fragen, wie das gehen solle, nachdem man in den letzten jahren permanent die aufforderung erhalten habe, den dingen aufmerksamkeit zu schenken, eine zusätzliche aufmerksamkeit den zusatzdingen, die herumstehen könnten in bahnhöfen und schnellrestaurants. sich nicht nur die seltsamen gegenstände genauer anzusehen, sondern auch die seltsamen vorgänge rundherum wahrzunehmen sowie den seltsamen gesprächen zu lauschen, die dazu abliefen: »diese aufforderung hat uns wohl alle etwas überfordert, sicher, sie hat zuerst ihre früchte getragen, die aber bald faulig wurden und sich als observationsmatsch am boden ausgebreitet haben, auf den natürlich keiner treten mochte. und doch bewegen wir uns voran, immer an den ereignissen vorbei, immer um die seltsamkeiten herum.«

*

spreche er etwa nicht laut genug, liege es daran? er habe den eindruck, als gebe es hier einige, die überhaupt nicht reagierten. aber gut, vielleicht wolle man das hier auch ignorieren. vielleicht wolle frau strebitz das ignorieren, dass wir hier tatsächlich einen vorfall hätten, ja sie, die jetzt so tue, als wäre nichts, vielleicht wolle der herr neben ihm, der vorhin seine hypothetischen bemerkungen über warnlücken und organisationslücken verbreitet habe, alles ausblenden. ja, sicher, man sitze in keinem zug, der jeden moment entgleisen werde, man sitze nicht einmal in einem bus, der auf einen abgrund zurase. nein, wir säßen immer noch auf sicherem posten in unserem seminarraum mit phantastischem blick auf einen parkplatz und sollten jetzt kopfschüttelnd sagen: man habe nichts gelernt aus den ereignissen in san francisco, man habe nichts gelernt aus den ereignissen in new orleans, man habe nichts gelernt aus den ereignissen in denver.

*

ja, man habe tatsächlich nichts gelernt aus den ereignissen in new orleans, in denver und houston, denn jetzt tue sich was – »leute, es kommt bewegung ins bild!« endlich tue sich was, und hernach könne keiner sagen, es wäre nichts zu sehen gewesen.

es könne keiner sagen, es wäre nichts zu sehen gewesen?

richtig, herr aslan, es könne keiner sagen, es hätte sich nichts getan. denn jetzt komme bewegung ins bild, d. h., einige dinge seien verschwunden, da habe man nur einen kurzen augenblick nicht hingesehen, und weg seien sie, also er könne schwören, da sei gerade noch eine familie gewesen, und jetzt sei sie weg. im umkreis von einem kilometer sehe es jetzt ganz nach verschwundener familie aus, »ja, wo sind sie hin, der mann und die frau? wo sind sie hin, die beiden kinder, die man eben noch aus der shop-ping-mall kommen sah? etwas von ihnen ist mit sicherheit noch da, etwas müssen sie ja zurückgelassen haben.« er meine, das wolle uns ja etwas sagen, also das verschwinden von menschen wolle uns im allgemeinen immer etwas sagen! das passiere nicht einfach so, das passiere nur uns einfach so, weil wir nicht mitarbeiteten, dabei kenne hier im raum jeder die spielregeln: wer hier nicht mitarbeite, müsse uns leider verlassen.

*

was jetzt geschehe? die antwort liege doch auf der hand: »in verschiedenen häusern findet verschiedenes statt, so lautet ein sprichwort, das jetzt aber ausnahmsweise mal nicht zutrifft, denn in allen häusern findet das gleiche statt.

— das gleiche? das gleiche, herr keglevic. aber davon werden die passagiere der boeing 747 keine ahnung haben, deren maschine gerade dabei ist abzuheben, nachdem sie auf 300 km/h beschleunigt hat. mit einem kaum wahrnehmbaren ruck verlässt sie die rollbahn und wird gleich über marina del rey an höhe gewinnen. man wird sie durch die unterschiedlichen schichten des frühabendlichen nebels hindurch sehen können. schon jetzt ist klar, es wird ein phantastischer sonnenuntergang zu sehen sein, schaute jemand hin. doch niemand schaut hin. sie alle starren in eine völlig andere richtung.«

3. sitzung: selber ort, selber tag, 18.45 uhr, anwesende: gerd pregler, berit strebitz, faisal aslan, ricarda vierzig, marko keglevic sowie der protokollführer. gerd pregler übernimmt weiterhin die gruppenleitung, da herr kirchstätter nicht mehr zurückkehrt. 

ach, jetzt habe man nicht aufgepasst, jetzt habe man einen augenblick nicht aufgepasst, und schon sei es geschehen!

d. h., er habe nicht aufgepasst, das gebe er zu, er habe sich tatsächlich ablenken lassen. und so könne er nur fragen: »wo sind sie alle hin? ja, wo sind sie alle hin, die fliehenden menschen, die uns versprochen wurden, wo sind sie hin, die rutschenden hügel, die herunterkollernden felsstücke, die wildgewordenen bienenschwärme, die uns so plastisch vor augen geführt worden sind, wo sind sie, die hereinstürzenden fluten, die unter dem druck des sturmes einfach zusammenbrechen. wo sind sie, die staubwolken, die sturzbäche und die tiere, die in solchen fällen immer aus den gebüschen schießen. all die feldmäuse und nager? wo sind sie hin, diese plötzlichen rehe und hirsche, die koyoten und kriechtiere, die schlangen und vogelschwärme, aus deren formationen man alles mögliche herauslesen kann, lange, bevor menschen zu sehen sind. und wo sind sie, die menschen, die sich gegenseitig umrennen, die stolpern und wieder aufstehen, wo sind sie, die weiterlaufen, die es schaffen werden, sie müssten doch langsam in unserem blickfeld auftauchen? bzw. wie sollten sie vor den supermarkt gelangen, wenn sie noch nicht einmal die hauptstraße erreicht haben?«

vierzig: also auch sie könne menschen einfach nicht ausstehen, die in ihrer fluchtbewegung erstarrten, habe sie das schon gesagt? sie wisse nicht, wie es den anderen hier im raum gehe, aber sie könne das einfach nicht aushalten, sie rege das furchtbar auf. sie müsse sich dann augen und ohren zuhalten, wenn sie sehe, wie die in die falsche richtung guckten. pregler: nun, er könne ebenfalls menschen prinzipiell nicht brauchen, die in ihrer fluchtbewegung erstarrten, denn wo komme man da hin? aber er könne sich so ein verhalten, wie sie das an den tag lege, gar nicht leisten, in seiner position sei ein zurückhaltender ausdruck angebracht, in seiner position reiße man sich eben zusammen. da sei mitgefühl in dieser größenordnung fehl am platz. vierzig: ja, also wie gesagt, sie könne menschen nicht gebrauchen, die in eine art leichenstarre verfielen und in dieser verharrten, auch wenn sie kein vorstandsmitglied sei.

pregler: nicht, dass man ihn falsch verstehe: menschen, die noch nie etwas von reaktionsgeschwindigkeit gehört hätten, sollten jetzt wirklich nicht zu zahlreich sein. auch für uns wäre es beispielsweise empfehlenswert, nicht zu diesen menschen zu gehören, die schon mal ihre leichenstarre durchexerzierten, wenn die situation noch offen sei, aber deswegen brauche man doch nicht so laut zu werden. vierzig: sie fiebere eben mit, sie sei eben nicht völlig gleichgültig dem geschehen gegenüber. pregler: noch einmal: eine solche form von hysterie helfe jetzt nichts. vierzig: welche hysterie? pregler: sie werde es doch nicht leugnen. sie müsse immer gleich auf leichenbergen sitzen, sie müsse ihre leichenberge immer weiter ausbauen. das sei ihre depressive grundausstattung, die sie mitbringe und die uns in situationen wie dieser keinen zentimeter weiterbrächte.

gut, er werde dieser diskussion mal etwas die spitze nehmen, schließlich gehöre er ja auch nicht zu denen, die nachher sagten, man hätte nicht mitzufiebern brauchen mit denen, nur weil die am ende abgekratzt seien. nein, so einer sei er nicht. er fiebere immer mit, auch wenn es vielleicht anders scheine. aber, er sage das frei heraus, er sähe jetzt lieber ein team, das sich auf lösungssuche begebe als diese ansammlung von desorientierten. auch er habe sich ein anderes bild erwartet als einen verlassenen supermarktparkplatz, eine verrammelte supermarktfront und eine verwaiste tankstelle, aber deswegen müsse man seine sitznachbarn ja noch lange nicht in ihrer konzentration stören.

*

also er müsse zugeben, er habe mit allem möglichen gerechnet, er habe mit heckenschützen gerechnet, mit militärkonvois und hubschraubereinsätzen. mit flugzeugträgern vor der küste, der nationalgarde mindestens. eben, dass sie schnell auftauchten, dass sie die stadt sofort einteilen würden in unterschiedliche zonen, in unterschiedliche betretbarkeiten und unbetretbarkeiten, aber es scheine gar keine unterschiedlichen betretbarkeitsgrade zu geben, als hätte sich überall die gleiche unbetretbarkeit herausgestellt! ja, er müsse sogar so weit gehen und sagen: selbst das versagen der sicherheitskräfte habe er sich anders vorgestellt. denn auch das versagen müsse irgendwie in erscheinung treten. er meine, wie gerne würde er jetzt sagen: »unsinn, man mag dem gouverneur nicht viel zutrauen, aber im moment ist er der mann, der die entscheidungen zu treffen hat.« aber das gehe nicht, denn ein gouverneur sei bisher nicht in erscheinung getreten.

»da haben wir noch einmal glück gehabt«, habe immerhin jemand verlautbaren lassen, das sei diese stimme aus dem radio gewesen, die schon wieder verrauscht sei, allerlei technischer lärm habe sich über sie gelegt, und jetzt sei nichts mehr von ihr zu hören . . .

gut beobachtet, herr keglevic! bitte, herr aslan!

also er habe absolut keine ahnung von den übergeordneteten maßnahmen, den evakuierungsplänen, den befehlsketten, den sammelstellen. es müsse ja sammelstellen für familienmitglieder geben oder solche, die als familienmitglieder gerade noch durchgingen.

»ja, halten wir fest!« man habe keinen kontakt zu den nachbarn, keinen kontakt zu den wichtigen stellen, keinen kontakt zu familienangehörigen. keine informationen kämen aus den geräten. noch nicht einmal wir hier wüssten, was mit dem leitungswasser los sei. und mit dem leitungswasser könne unheimlich viel los sein, wenn man daran denke, was da alles hineingeraten könne. er meine, niemand im raum werde ernsthaft daran glauben, dass da noch jemand am anderen ende der leitung sitze und darauf achtgebe.

nein, dieser platz sei leer.

richtig, frau strebitz.

*

wie? die hochrechnungen im fernsehen hätten auch nichts beruhigendes? und doch, wer sitze jetzt nicht in erwartung der genauen zahlen vor dem bildschirm? er meine, wen könne man nicht fluchen hören, dass nichts reinkomme. man müsse sich bloß die ärzte vorstellen, die ärzte, die in den fluren der spitäler herumstünden und auf den großen patientenschwung warteten, obwohl ein jeder wisse, dass bei einem vorfall in dieser größenordnung kein patientenschwung zu erwarten sei. ja, am besten stelle man sich die ärzte vor. am besten warte man den emergencylärm ab. aber tue das irgendjemand hier? nein, er habe den verdacht, wir dächten an ganz andere dinge. wir starrten nur auf unseren parkplatz und auf die menschenleeren straßen und fragten uns, was wir hier noch verloren hätten. dabei vergäßen wir ganz das ausgangsmotto: »keine negativgedanken! nur bloß keine negativgedanken!« er meine, wieso auch? es gebe so viel positives im augenblick.

*

na, z. b., dass mit plünderungen nicht zu rechnen sei, weil die bei geschehnissen in der größenordnung nicht einträten, heiße es. er gebe zu, auch er habe in den letzten minuten nichts als plünderungen im kopf gehabt, weil die doch immer an dieser stelle dran seien. und doch ahne er, so ganz umsonst werde er sich nicht gedanken darüber gemacht haben, so ganz umsonst habe er sich nicht innerlich munitioniert, wie andere sich äußerlich munitioniert hätten, ladenbesitzer oder solche, die sich für ladenbesitzer hielten.

auch das solle man nicht unterschlagen, es sei jetzt mit nachbarschaftshilfe zu rechnen, jeden augenblick treffe nachbarschaftshilfe ein. selbst in dieser gegend, die sich mehr durch bürohäuser auszeichne, gebe es nachbarschaftshilfe.

richtig, herr aslan! die menschen kämen eben wieder beieinander an und suchten gemeinsam nach problemlösungen. daran könne man sich ein beispiel nehmen! was noch?

teambildung!

sehr schön, frau vierzig! ja, langsam könne mal die teambildung einsetzen.

ach, kristallisiere sich langsam ein team heraus? (strebitz)

nein, müsse er antworten, noch sei da draußen niemand zu sehen, der ein team sein wolle. dabei heiße es doch immer wieder: in solchen situationen komme stets ein team zustande. doch hier reagiere niemand mehr richtig. dabei würde es so einfach sein: zum beispiel könne jemand mal endlich ans telefon gehen.

welches telefon? (strebitz) — ob sie das telefon vor dem supermarkt nicht gesehen habe? (keglevic)

aber wer würde dort jetzt abheben können? da sei doch niemand. (strebitz)

nein, anscheinend könne niemand ans telefon gehen. (keglevic)

— könne niemand dieses telefon abschalten? (vierzig)

nein, das glaube er jetzt nicht, dass ausgerechnet in dem moment, wo wir zusammenarbeit brauchten, tatsächlich kompetenzstreitigkeiten ausbrächen! ja, steuerten wir wirklich auf sie zu? ihn nerve nämlich nichts mehr als die streitigkeiten, die konkurrenzkämpfe, das kompetenzgerangel im unpassendsten augenblick, genauso wie der berühmte ehekrach in letzter sekunde. also er könne nicht hinsehen, er werde davon jedes mal ganz aggressiv und müsse dann immer rufen: »hey leute, wisst ihr nicht, worum es hier eigentlich geht?« aber keine sorge, diesmal wisse er sich zu beherrschen. er wolle nur sagen, er könne es prinzipiell nicht verstehen, warum die konkurrenzkämpfe immer dann ausbrächen, wenn sie überhaupt nicht gebraucht würden. er hasse es einfach, wenn er ständig das gefühl habe, er müsse die leute korrigieren, er müsse die leute unterbrechen und sagen: »ja, was macht ihr denn da?«

4. sitzung: selber ort, dienstag, 24.9., 8.45 uhr, anwesende: gerd pregler, marko keglevic sowie der protokollführer. 

»so reden sie nicht«, habe frau strebitz gesagt, »so reden keine sonderermittler, keine sonderbeauftragten und auch kein sondereinsatzkommando«, habe sie gleich fachmännisch festgestellt. nein, so redeten sie nicht, habe sie wiederholt, sie fingen ihre sätze anders an, sie nutzten andere vokabeln, außerdem erklärten sie nicht so schrecklich viel. diese hier schleppten ihre kontexte wie umständliche schwänze durch ihre äußerungen, sie erklärten ihrem gegenüber, was ohnehin schon bekannt sein dürfte. sie habe das gleich erkannt, sie kenne sich eben mit diesen dingen aus. »was soll’s«, habe er ihr geantwortet, »uns bleiben nur diese hier.« doch sie habe nur die luft eingesogen und gesagt: »du verstehst nicht, was ich meine.« dann habe sie einen augenblick geschwiegen, einen augenblick, in dem er tatsächlich nicht gewusst habe, was sie meine, »trotzdem«, habe er es noch mal versucht. und jetzt wisse er, was sie habe andeuten wollen.

in dem augenblick sei er einfach nur wütend gewesen. da habe man sich endlich rausbegeben, da habe man sich runter auf die straße begeben und sei auch glatt auf sowas wie ein team gestoßen, und sie haue einfach ab. er meine, wie lange habe man die sache von oben betrachtet, wie lange habe man auf den parkplatz gestarrt, und es sei einfach nichts passiert. er gebe zu, er habe von diesen leuten auch ein wenig mehr erwartet. aber wir sollten uns nur einmal selbst ansehen: wir redeten auch nicht wie ein sondereinsatzkommando, obwohl wir das langsam einmal tun sollten, finde er.

— »wieso? da ist er doch wieder, der bombenentschärfungston!«

— »richtig, herr keglevic!«, das habe er ihr auch nachgerufen, da seien sie doch wieder, die gepressten stimmen der leute, die unter druck arbeiteten! es habe sie aber nicht zurückgebracht. und jetzt komme er ohne sie zurück.

*

wie? einfach gegangen?, habe auch er sich gefragt, wie das möglich sein könne. anscheinend glaube sie, dass so etwas eine option sei. die meisten unserer seminarteilnehmer wollten ja doch eher hier drinnen bleiben, die meisten seien ja nicht erfreut gewesen, uns verlassen zu müssen. aber sie? er habe das nicht in den kopf gekriegt. er meine, man wolle doch wissen, wer der mann sei, der den trigger gedrückt habe. man wolle doch wissen, ob dies am ende alles bloß ein test gewesen sei, ja, eine art manöver, das aus dem ruder gelaufen sei. ein test auf die reaktionsfähigkeit einer ganzen bevölkerung, von einer regierung verordnet, die sich um dieselbige sorge. sowas höre man doch immer wieder!

*

man müsse es doch mal so sehen: da draußen gebe es ja immer noch menschen, die wüssten nicht, was flüssigsprengstoff sei. die dächten, es wäre nicht notwendig, sich über gewisse bakterien zu informieren. oder viren! ja, viren! warum habe er nicht gleich daran gedacht? viren müssten es gewesen sein. viren tauchten doch immer als letzte möglichkeit auf, wenn alles andere scheitere. aber es sei hier ja überhaupt eine menge schiefgelaufen, und er frage sich natürlich, was da schiefgelaufen sei, hier mit uns. er meine, man müsse sich das auch einmal kritisch vor augen führen, dass das teamwork so ins stocken geraten sei, z. b., sage er, es stimme, er habe den einen oder anderen nicht wirklich zu wort kommen lassen, so viel selbstkritik müsse sein, »herr keglevic, auch, wenn sie mich so skeptisch ansehen«. er solle sich ruhig wieder setzen, er müsse nicht gehen. gut!

*

doch, doch, er könne durchaus kritisch betrachten, was er selbst vermasselt habe. er brauche sich ja nur diese runde hier anzusehen. niemand mehr da, den man als ansprechpartner, geschweige denn als teampartner bezeichnen könne. die gruppe habe sich ja beträchtlich verkleinert, das sei ja nicht der ursprungsplan gewesen, im gegenteil, alle habe man durchbringen wollen. und jetzt müsse der verbleibende rest dem geschehen mit höchster wachsamkeit begegnen und sich nicht etwa zurücklehnen und hoffen, dass man die sache irgendwie überstehe.

*

»herr keglevic, so bleiben sie doch – herr keglevic!«

*

also er warte ja jetzt ohnehin nur noch auf sätze wie: »wölfe tun so etwas nicht und auch keine koyoten! und berglöwen hat man in dieser gegend auch schon eine ewigkeit nicht mehr gesehen. nein, das waren keine tiere, die das angerichtet haben.« oder: »bricht die zeit der selbsternannten sherriffs aus? ist das schon das neue mittelalter, das unweigerlich eintritt?« sowas sei ja zu erwarten. dazu brauche es aber jemanden, der diese sätze ausspreche, habe er recht? aber er ahne, er bleibe gleich alleine zurück, alleine in dieser landschaft »mit ihrer wahnsinnigen geographie«, um seinen vorredner zu zitieren. wie er darauf komme? wir beide sollten doch nur einmal hinhören: alleine, wie die möwen schrien, alleine, wie der wind das gras bewege. man nehme ja nur noch die last wagen in der ferne wahr, wie sie vorüberzögen, dabei könne es gar keine lastwagen mehr geben, die vorüberzögen. es sei ja niemand mehr da. da sei nur das rauschen des windes.

jedenfalls: man könne nun wirklich keine großartigen lebenszeichen erwarten, aber deswegen dürfe man doch nicht gleich aufgeben. nein, das dürfe man nicht. jemand müsse doch davongekommen sein. jemand müsse diese geschichte hier überlebt haben, das sei doch so üblich, oder?

*

niemand? gut – nur so viel müsse er abschließend sagen: von mir zumindest habe er sich anderes erwartet. er habe sich mitarbeit erwartet, er habe sich erwachende ingenieursgefühle erwartet, eine ingenieursvisage, die langsam auf meinem gesicht wachse und dann plötzlich feststehe. ob ich nicht bei den lebenszeichen mitmachen könne, die am ende auftauchen müssten und allen zeigten, dass es doch irgendwie weitergehe? man könne ja schlecht von ihm erwarten, dass er alleine lebenszeichen von sich gebe, nachdem unser EU-beauftragter nun auch verschwunden sei. dass er alleine mit dieser menschenleere zurechtkomme. normalerweise finde sich zu diesem zeitpunkt doch immer ein grüppchen versprengter zusammen, das sich durch diese landschaft mit ihrer wahnsinnigen geographie bewege und irgendwo eine neue zivilisation gründe, um seinen vorredner noch einmal zu zitieren. doch hier tue sich nichts diesbezüglich. im gegenteil, es werde einfach nur sozusagen schwarz. ja, schwarz! es sei aber ein schwarz ohne abspann, ohne musik, ohne musiktitelliste. ein schwarz ohne alles.

*

also wenn dies jetzt das ende gewesen sein solle, dann könne er für nichts mehr garantieren. also er wisse nicht, wie er gleich reagieren werde, wenn dies das ende gewesen sein solle, dann fühle er sich nun wirklich verarscht. also jetzt werde er gleich wirklich sauer, wenn nicht gleich etwas passiere, dann wisse er nicht, dann sei das off the record, sage er mal. weil, dann werde er wirklich – also er werde jetzt richtig sauer!

*

anmerkung in eigener sache: nach der niederschrift der sitzungsprotokolle werde ich, der protokollant, das zimmer verlassen, um hilfe zu holen, auch wenn das gegen sämtliche abkommen der desastertourism-agentur verstößt.


*Aus: Kathrin Roggla, die alarmbereiten. pp.7-28. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010.

25 April 1982, Downing Street: Verkündung der Rückeroberung des zu den Falklandinseln gehörenden South Georgia.

Mrs Thatcher: Der Verteidigungsminister ist gerade gekommen, um mir eine sehr gute Nachricht zu überbringen …

Verteidigungsminister: … die Nachricht, die wir erhalten haben, ist, dass britische Truppen heute Nachmittag kurz nach 16:00 Uhr Londoner Zeit auf South Georgia gelandet sind … Der Kommandant der Operation schickt folgende Nachricht: »Sind erfreut, Ihrer 

Majestät mitteilen zu können, dass unsere Seekriegsflagge neben dem 

Union Jack auf South Georgia flattert. Gott schütze die Königin.«

Mrs Thatcher: Freuen Sie sich über die Neuigkeiten und gratulieren Sie unseren Streitkräften und den Marine-Infanteristen. Gute Nacht.

Mrs Thatcher wendet sich der Tür von Downing Street Nummer 10 zu.

Reporter: Treten wir in einen Krieg mit Argentinien ein, Mrs Thatcher?

Mrs Thatcher (ihre Türschwelle übertretend): Freuen Sie sich.

Die Ermordung Margaret Thatchers: 6. August 1983

Stellen Sie sich zuerst die Straße vor, in der sie ihren letzten Atemzug nahm. Es ist eine ruhige Straße, beschaulich, von alten Bäumen beschattet: eine Straße mit hohen Häusern, die Fassaden wie mit weißem Zuckerguss bestrichen, das Mauerwerk honigfarben. Einige sind georgianisch flach, einige viktorianisch, mit schimmernden Erkern. Die Häuser sind zu groß für moderne Haushalte, und die meisten wurden in Wohnungen unterteilt. Aber das zerstört weder die Eleganz ihrer Proportionen, noch beeinträchtigt es den tiefen Glanz der mit Messing beschlagenen dunkelblauen oder waldgrünen Kassettentüren. Der einzige Nachteil des Viertels ist, dass es mehr Autos als Stellplätze am Straßenrand gibt. Die Anwohner parken Stoßstange an Stoßstange und legen ihre Parkausweise hinter die Scheiben. Wer eine Einfahrt hat, wird oft darin eingeparkt. Aber die Leute sind geduldig. Sie sind stolz auf ihre hübsche Straße und bereit, dafür zu leiden, dass sie hier wohnen. Wer den Blick hebt, sieht ein zerbrechliches georgianisches Oberlicht, einen warmen Bogen Terrakotta-Fliesen oder funkelndes Buntglas. Im Frühling kleiden sich die Kirschbäume in extravagante Blütenrüschen, und wenn der Wind die Blätter abstreift, treiben sie in rosa Wolken durch die Luft und bedecken die Bürgersteige, als hätten Riesen in der Straße Hochzeit gefeiert. Im Sommer weht Musik aus offenen Fenstern: Vivaldi, Mozart, Bach.

Die Straße selbst beschreibt eine sanfte Kurve und vereinigt sich mit der Hauptstraße, die aus der Stadt hinausführt. Die Dreifaltigkeitskirche auf ihrer Insel ist mit Garnisonsflaggen behängt. Aus einem hochgelegenen Fenster über die Stadt sehend (wie ich es am Tag der Ermordung getan habe), spürt man die Nähe von Festung und Burg. Werfen Sie einen Blick nach links, und der runde Turm tritt in den Blick und drückt förmlich gegen die Scheiben. An Tagen mit Nieselregen und treibenden Wolken zieht der Bergfried sich jedoch zurück, der zur Hälfte ausradierten Zeichnung eines Amateurkünstlers gleich. Seine Konturen weichen auf, die Ecken verbleichen, und er versinkt in der vom Fluss aufsteigenden rauen Kälte und scheint eher ein verschleierter Berg als eine Königsburg zu sein.

Die Häuser rechts vom Trinity Place – ich meine, rechts, wenn man aus der Stadt hinaussieht – haben große Gärten, die sich heute jeweils drei oder vier Parteien teilen. In den frühen 1980ern hatte sich England noch nicht dem Brandgeruch ergeben. Der wochenendliche Grillgestank war noch unbekannt, von den am Fluss gelegenen Gin-Palästen Maidenheads und Brays einmal abgesehen. Unsere Gärten, so makellos sie gepflegt waren, wurden kaum betreten. Es gab keine Kinder in der Straße, nur junge Paare, die sich noch nicht fortgepflanzt hatten, sowie ältere Paare, die höchstens einmal die Türen öffneten, um eine abendliche Party auf die Terrasse auszudehnen. An warmen Nachmittagen dörrten die Rasenflächen unbeaufsichtigt vor sich hin, und Katzen rollten sich auf der krümeligen Erde steinerner Pflanzvasen. Im Herbst kompostierte sich das herabfallende Laub selbstständig in den tiefer liegenden Patios der Souterrainwohnungen und wurden von ihren enervierten Eignern weggeschaufelt. Der Winterregen durchnässte die Büsche, ohne dass es jemand gesehen hätte.

Im Sommer 1983 aber fand sich diese vornehme, von Einkaufenden und Touristen missachtete Ecke im Brennpunkt des nationalen Interesses wieder. An die Gärten von Nummer 20 und 21 grenzte das Grundstück eines privaten Krankenhauses, eines anmutigen, hellen, an einer Straßenecke liegenden Gebäudes. Drei Tage vor ihrer Ermordung begab sich die Premierministerin für eine kleine Augenoperation in dieses Krankenhaus, worauf sofort alles kopfstand. Fremde schubsten die Anwohner herum. Zeitungsleute und Fernsehteams blockierten die Straße und parkten ohne Erlaubnis in Einfahrten. Man sah sie den Spinner’s Walk hinauf- und hinunterlaufen und Kabel und Lampen hinter sich herziehen, immer einen Blick auf das zur Clarence Road hinausgehende Eingangstor des Krankenhauses gerichtet, die Hälse mit Kameras behängt. Alle paar Minuten verschmolzen sie zu einer Masse wogender Kampfjacken, als wollten sie sich gegenseitig versichern, dass nichts geschah – aber dass etwas geschehen würde, irgendwann. Sie warteten, und während sie warteten, schlürften sie Orangensaft aus Kartons und Bier aus Flaschen, sie aßen, krümelten sich auf die Bäuche und warfen verschmierte Papiertüten auf die Beete. Der Bäcker am Ende der St Leonard’s Road hatte um zehn Uhr vormittags bereits keine Käsebrötchen mehr, alles andere war mittags verkauft. Leute aus Windsor standen auf dem Trinity Place zusammen, Einkaufstüten drängten sich auf niedrigen Mauern. Wir spekulierten darüber, wie wir zu dieser Ehre kamen und wann sie wohl wieder verschwinden würde.

Windsor ist nicht das, was Sie denken. Es hat seine Intelligenzija. Wenn man sich von der Burg zum Ende der Peascod Street hinunterschlängelt, stößt man nicht mehr nur auf royalistische Speichellecker, und wer über die Abzweigung zur Leonard’s Road wechselt, kann womöglich sogar heimliche Republikaner riechen. Für die örtlichen Sozialisten war das bei den Wahlen jedoch nur ein schwacher Trost, und die Leute murrten, Stimmen für sie seien verschenkte Stimmen. Sie mussten die Stärke ihrer Gefühle durch taktisches Wählen ausdrücken und ihre Einstellung bei extravaganten Veranstaltungen im Arts Centre unter Beweis stellen. Das war erst kürzlich in der alten Feuerwache eingerichtet worden und ein Ort, an dem Dichter im Selbstverlag eine Bühne fanden und saurer weißer Wein aus Kartons ausgeschenkt wurde. Samstagmorgens gab es Selbstbehauptungs-, Yoga- und Bilderrahmkurse.

Aber als Mrs Thatcher zu Besuch kam, gingen die Dissidenten auf die Straße. Sie bildeten Knoten, inspizierten das Pressecorps und wandten dem Krankenhaustor demonstrativ den Rücken zu, wo eine Reihe wertvoller Parkbuchten markiert und mit Schildern versehen waren: DOCTORS ONLY.

Eine Frau sagte: »Ich habe einen Doktortitel und bin oft versucht, dort zu parken.« Es war früh, und ihr Brot war noch warm vom Bäcker. Sie drückte es wie ein Haustier an ihre Brust und sagte: »Hier fliegen einige heftige Meinungen durch die Gegend.«

»Meine ist in Dolch«, erwiderte ich, »und der fliegt geradewegs in ihr Herz.«

»Das«, sagte sie bewundernd, »ist die stärkste Gefühlsäußerung, die ich bisher gehört habe.«

»Ich muss zurück in meine Wohnung«, sagte ich. »Ich warte auf den Handwerker, mein Boiler ist kaputt.«

»Das ist Pech«, sagte sie. »Wen haben Sie? Duggan? Wir haben Duggan. Er erpresst uns alle, aber was soll man machen? Hören Sie, soll ich Ihnen meine Nummer geben?« Sie schrieb sie mir auf den nackten Arm, da wir beide kein Papier dabeihatten. »Rufen Sie mich an. Gehen Sie manchmal ins Arts Centre? Da könnten wir uns auf ein Glas Wein treffen.«

Ich stellte gerade meine Flasche Perrier in den Kühlschrank, als es an der Tür klingelte. Ich dachte, wir wissen es noch nicht, aber wir werden einmal gern an die Zeit zurückdenken, als Mrs Thatcher hier war: Neue Freundschaften bildeten sich auf der Straße, mit Geplauder über Installateure und unsere Erfahrungen mit ihnen. In der Wechselsprechanlage knisterte es wie gewöhnlich, als hätte jemand das Kabel in Brand gesetzt. »Kommen Sie herauf, Mr Duggan«, sagte ich. Es konnte nicht schaden, ihn respektvoll zu behandeln.

Ich wohnte im dritten Stock, die Treppe war steil und Duggan schwergewichtig. Deshalb war ich überrascht, wie schnell er an die Tür klopfte. »Hallo«, sagte ich. »Haben Sie einen Parkplatz für ihren Transporter gefunden?« Auf dem Treppenabsatz stand ein Mann in einer billigen Steppjacke. Mein unschuldiger Gedanke war, das ist Duggans Sohn. »Wegen des Boilers?«, fragte ich.

»Genau«, sagte er.

Er wuchtete sich in die Wohnung, die Installateurstasche in der Hand. In der schuhschachtelgroßen Diele standen wir Nase an Nase. Seine Jacke, mehr als angemessen für den englischen Sommer, füllte den Raum zwischen uns aus. Ich drückte mich nach hinten.

»Was ist denn damit?«, sagte er.

»Er ächzt und knallt. Ich weiß, es ist August, aber …«

»Nein, Sie haben recht, Sie haben ja recht. Dem Wetter ist nicht

zu trauen. Werden die Heizkörper warm?«

»Stellenweise.«

»Sie haben Luft im System«, sagte er. »Ich lasse sie raus, während ich warte. Warum auch nicht. Wenn Sie einen Schlüssel haben.«

Jetzt kam mir ein Verdacht. Während ich warte, hatte er gesagt. Worauf? »Sind Sie Fotograf?«

Er antwortete nicht, befühlte und durchsuchte nur seine Taschen und runzelte die Stirn.

»Ich dachte, Sie sind der Installateur. Sie sollten hier nicht einfach so hereinmarschieren.«

»Sie haben mir aufgemacht.«

»Nicht Ihnen. Im Übrigen weiß ich nicht, warum Sie sich die Mühe machen. Sie können das Eingangstor von dieser Seite aus nicht sehen.  Sie müssen hier raus«, sagte ich eindringlich, »und dann links.«

»Es heißt, sie kommt hinten heraus. Da ist es doch der ideale Platz, um sie zu erwischen.«

Aus meinem Schlafzimmer hatte man einen perfekten Blick auf

den Krankenhausgarten. Jeder, der seitlich ums Haus ging, konnte das sehen.

»Für wen arbeiten Sie?«, sagte ich.

»Das müssen Sie nicht wissen.«

»Vielleicht nicht, aber Sie könnten es mir aus Freundlichkeit sagen.«

Ich wich in die Küche zurück, und er folgte mir. Der Raum war sonnenhell, und ich sah ihn jetzt besser: Er war untersetzt, in seinen Dreißigern, ungepflegt, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und widerspenstiges Haar. Er stellte seine Tasche auf den Tisch und zog die Jacke aus. Plötzlich war er nur noch halb so massig. »Sagen wir, ich bin Freiberufler.«

»Trotzdem«, sagte ich. »Ich sollte etwas dafür bekommen, dass Sie meine Wohnung benutzen. Das wäre nur fair.«

»Das können Sie nicht beziffern«, sagte er.

Seinem Akzent nach zu urteilen, kam er aus Liverpool. Er hörte sich völlig anders an als Duggan oder Duggans Sohn, hatte aber erst etwas gesagt, als er oben vor der Tür stand. Wie hätte ich es also merken sollen? Er hätte der Installateur sein können, sagte ich mir. Ich hatte mich nicht wie eine komplette Idiotin hereinlegen lassen. Einen Moment lang ging es mir nur um meine Selbstachtung. Frage nach einem Ausweis, bevor du einen Fremden hereinlässt, raten einem die Leute. Aber stellen Sie sich den Krawall vor, den Duggan gemacht hätte, hätte ich seinen Jungen auf der Treppe warten lassen, ihn daran gehindert, zum nächsten Boiler auf seiner Liste zu kommen, und damit seine Chancen zum Beutemachen geschmälert.

Aus dem Küchenfenster sah man auf den Trinity Place hinunter, auf dem es von Leuten nur so wimmelte. Wenn ich den Hals reckte, konnte ich links weitere Polizisten ausmachen, die aus Richtung des Privatparks am Clarence Crescent kamen. »Möchten Sie eine?« Mein Besucher hatte seine Zigaretten gefunden.

»Nein. Und es wäre mir lieber, wenn Sie auch nicht rauchten.«

»Verstehe.« Er stopfte die Schachtel zurück in die Tasche und zog ein zusammengeknülltes Taschentuch heraus, trat etwas vom großen Fenster zurück und wischte sich das Gesicht ab, das so grau und zerknittert wie sein Taschentuch war. Dieser Mann war es eindeutig nicht gewohnt, in fremde Wohnungen einzudringen, und ich ärgerte mich mehr über mich als über ihn. Er musste seinen Lebensunterhalt verdienen, und vielleicht konnte man es ihm nicht vorwerfen, in eine fremde Wohnung einzudringen, wenn ihm eine Närrin wie ich die Tür aufhielt. Ich sagte: »Wie lange gedenken Sie zu bleiben?«

»Sie wird in einer Stunde erwartet.«

»Verstehe.« Das erklärte das größer werdende Gedränge und den Tumult unten auf der Straße. »Woher wissen Sie das?«

»Wir haben ein Mädchen drinnen. Eine Schwester.«

Ich gab ihm zwei Stücke Küchenpapier. »Danke.« Er trocknete sich die Stirn. »Sie kommt heraus, und die Ärzte und Schwestern stellen sich in einer Reihe auf, damit sie ihnen ihre Anerkennung zollen kann. Sie wird an ihnen entlanggehen, Danke und Auf Wiedersehen sagen, um die Ecke tappen, in eine Limousine steigen, und schon ist sie weg. So ist es geplant. Eine genaue Zeit habe ich nicht. Deswegen dachte ich, wenn ich frühzeitig hier bin, könnte ich alles aufbauen und mir den besten Platz aussuchen.«

»Wie viel bekommen Sie dafür?«

»Lebenslänglich ohne Bewährung«, sagte er.

Ich lachte. »Es ist kein Verbrechen.«

»Das finde ich auch.«

»Ist es nicht etwas weit?«, sagte ich. »Ich meine, ich weiß, Sie haben besondere Objektive und sind der Einzige hier oben, aber wollen Sie keine Nahaufnahme?«

»Nein«, sagte er. »Solange ich unverstellte Sicht habe, ist das mit der Entfernung ein Kinderspiel.«

Er zerknüllte das Küchenpapier und sah sich nach einem Abfalleimer um. Ich nahm ihm das Papier ab, und er grunzte und machte sich daran, seine Tasche aufzuschnüren. Sie war aus Stoff und hätte, wie ich dachte, auch für Handwerker oder Vertreter getaugt. Und dann holte er nacheinander verschiedene Metallteile heraus, die ganz sicher nicht zu einer Kameraausrüstung gehörten, was selbst ich in meiner Ignoranz erkannte. Er begann sie zusammenzubauen und hatte ganz offenbar handwerkliches Geschick. Er sang bei der Arbeit, kaum hörbar, ein kleines Lied, wie sie es im Fußballstadion singen:

»Du dri-dra-dreckiger Liverpooler

Bist nur glücklich, wenn’s Stütze gibt,

 Dein Vater klaut, deine Mutter dealt,

Lass wenigstens unsere Radkappen dran.«

»Drei Millionen Arbeitslose«, sagte er. »Die meisten davon in unserer Gegend. Hier ist das sicher kein Problem.«

»O nein. Hier gibt’s genug Geschenkartikelläden, um allen einen Job zu geben. Waren Sie drüben in der High Street?«

Ich dachte an die Touristentrauben, die sich gegenseitig von den Bürgersteigen drängten und um Andenkenblech und aufziehbare Beefeater kämpften. Es könnte ein anderes Land sein. Von der Straße unten drangen keine Stimmen herauf. Unser Mann summte selbstvergessen vor sich hin, und ich fragte mich, ob sein Lied noch eine zweite Strophe hatte. Jedes Teil aus seiner Tasche wischte er mit einem Tuch ab, das sauberer als sein Taschentuch war, und behandelte es mit großer Andacht, wie ein Messdiener, der die Kelche fürs Hochamt poliert.

Als das Instrument zusammengesetzt war, hielt er es prüfend vor sich hin. »Ein Klappschaft«, sagte er. »Das ist das Tolle daran. Passt in eine Cornflakes-Schachtel. Sie nennen es einen Witwenmacher. Allerdings nicht in diesem Fall. Der arme, verdammte Dennis, was?  Er wird sich seine Eier von jetzt an selbst kochen müssen.«

Im Nachhinein betrachtet, fühlt es sich an, als hätten wir Stunden im Schlafzimmer zusammengesessen, er auf einem Klappstuhl am Schiebefenster, seinen Becher Tee in beiden Händen, den Witwenmacher zu seinen Füßen. Ich selbst saß auf dem Rand des Betts,

über das ich schnell die Decke gezogen hatte, damit es einigermaßen ordentlich aussah.

Er hatte seine Jacke aus der Küche mitgebracht, vielleicht waren die Taschen voller Attentäter-Requisiten. Als er sie aufs Bett warf, rutschte sie gleich wieder hinunter. Ich versuchte sie festzuhalten, und meine Hand wischte über das Nylon, das sich wie ein Reptil anfühlte. Die Jacke schien ein eigenes Leben zu haben. Ich zog sie aufs Bett neben mich und hielt den Kragen fest, was er mit einem anerkennenden Blick bedachte.

Er sah immer wieder auf die Uhr, obwohl er doch sagte, dass er keine genaue Zeit habe. Einmal rieb er mit dem Handteller darüber, als wäre das Glas vernebelt. Aus dem Augenwinkel versicherte er sich, dass ich noch war, wo ich sein sollte, und behielt auch meine Hände im Blick: wo er sie, wie er mir erklärte, gerne habe. Dann richtete er den Blick wieder auf den Rasen unten und die hinteren Zäune. Wie um seinem Ziel näher zu kommen, wippte er mit dem Stuhl nach vorn.

Ich sagte: »Es ist die falsche Weiblichkeit, die ich nicht ertrage, und die aufgesetzte Stimme. Die Art, wie sie mit ihrem Dad, dem Lebensmittelhändler, und dem, was er ihr alles beigebracht hat, angibt, wobei doch klar ist, dass sie es jetzt noch ändern würde, wenn sie könnte, und lieber das Kind reicher Eltern wäre. Es ist die Art, wie sie die Reichen vergöttert und ihnen huldigt. Ihr Philistertum und ihre Ignoranz und wie sie sich darin suhlt. Es ist ihr fehlendes Mitleid. Warum braucht sie eine Augenoperation? Weil sie nicht weinen kann?«

Als das Telefon klingelte, zuckten wir beide zusammen. Ich verstummte mitten im Satz.

»Gehen Sie ran«, sagte er. »Es wird für mich sein.«

Es war schwer für mich, mir das Netzwerk und all die Vorkehrungen vorzustellen, die hinter den Plänen für diesen Tag steckten. »Moment«, sagte ich, als ich ihn fragte, ob er Tee oder Kaffee wolle, und den Kessel einschaltete. »Sie wissen, dass ich den Installateur erwarte? Ich bin sicher, er kommt jeden Moment.«

»Duggan?«, sagte er. »Nein, nein.«

»Sie kennen Duggan?«

»Ich weiß, dass er nicht kommen wird.«

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Oh, Himmel noch mal.« Er schnaubte. »Warum sollten wir ihm was tun? Das ist nicht nötig. Er hat Bescheid bekommen. Wir haben überall Kumpel.«

Kumpel. Ein angenehmes Wort. Fast schon archaisch. Lieber Gott, dachte ich, Duggan ist ein IRA-Mann. Nicht, dass mein Besucher es ausgesprochen hätte, aber ich sagte es laut in meinem Kopf. Das Wort, die drei Buchstaben, schockierte oder bestürzte mich nicht so, wie es vielleicht bei Ihnen der Fall gewesen wäre. Das sagte ich ihm, während ich die Milch aus dem Kühlschrank holte und darauf wartete, dass das Wasser kochte. Ich sagte, ich würde Sie aufhalten, wenn ich könnte, aber es wäre allein aus Angst um mich selbst und davor, was mit mir geschehen wird, wenn Sie es getan haben. Was übrigens was sein wird? Ich bin kein Freund dieser Frau, allerdings glaube ich nicht (fühlte ich mich gezwungen hinzuzufügen), dass Gewalt irgendetwas löst. Aber ich würde Sie nicht verraten, weil …

»Ja, ja«, sagte er. »Alle haben sie eine irische Oma. Das garantiert gar nichts. Ich bin wegen Ihrer Aussicht hier, und mir ist egal, wem gegenüber Sie eine Affinität haben. Bleiben Sie vom Fenster vorn weg und fassen Sie das Telefon nicht an, oder ich schlage Sie tot. Mich interessieren die Lieder nicht, die ihre verdammten Großonkel samstagabends gesungen haben.«

Ich nickte.  Es waren nur meine eigenen Gedanken gewesen.

Rührseligkeit ohne Substanz.

»Der Bänkelsänger zieht in den Krieg,

In den Reihen des Todes wirst du ihn finden.

Das Schwert des Vaters hat er umgebunden

Und die wilde Harfe auf dem Rücken.«

Meine Großonkel (er hatte recht, was sie betraf) hätten keine wilde Harfe erkannt, selbst wenn eine auf sie losgegangen wäre und sie in den Hintern gebissen hätte. Ihr Patriotismus war nur eine Ausrede dafür, sich den Blick schief zu trinken, so ähnlich nannten sie

es, während ihre Frauen Tee schlürften, Ingwerplätzchen aßen und anschließend hinten in der Küche den Rosenkranz beteten. Die ganze Sache war eine Ausrede. Dafür, dass wir unterdrückt werden. Dass wir hier sitzen und unterdrückt werden, während andere Leute auf ihre unchristliche Weise etwas aus sich machen und sich dreiteilige Anzüge kaufen. Während wir hier sitzen und »La-la-la auld Ireland« singen (weil wir nach all der Zeit den Text vergessen haben), schlichten unsere Nachbarn ihren Streit, lassen ihre Herkunft hinter sich und greifen zu modernen, nicht sektiererischen Formen der Stigmatisierung, die sich in modernen Liedern niederschlagen: »Du dri-dra-dreckiger Liverpooler«. Ich persönlich bin keine Liverpoolerin, aber den Norden scheren im Süden alle über einen Kamm. Und in Berkshire und in der Gegend um London sind alle Gründe, alle Ideen, für die ein Mensch sterben wollen könnte, nichts als Ärgernisse, Verstöße gegen den Frieden, und wahrscheinlich verursachen sie auch noch Verkehrsstaus und Zugverspätungen.

»Sie scheinen ja gut über mich Bescheid zu wissen«, sagte ich und klang verärgert.

»So weit es nötig ist. Ich meine, nicht dass Sie was Besonderes wären. Sie können helfen, wenn Sie wollen, und wenn Sie es nicht wollen, verhalten wir uns entsprechend.«

Er redete, als hätte er Komplizen. Aber er war allein. Ein Mann. Wenn auch ein massiger, selbst ohne Jacke. Nehmen wir an, ich wäre ein überzeugter Tory gewesen oder eine der frommen Seelen, die keiner Fliege was zuleide tun können: Ich hätte dennoch nichts Heikles probiert. Er hielt mich offenbar für fügsam, oder vielleicht traute er mir sogar ein wenig, seinem Spott zum Trotz. Auf jeden Fall ließ er zu, dass ich ihm mit meinem Becher Tee ins Schlafzimmer folgte. Seinen eigenen Tee hielt er in der linken, sein Gewehr in der rechten Hand. Das Klebeband und die Handschellen blieben auf dem Küchentisch zurück, wo er sie beim Auspacken seiner Tasche hingelegt hatte. Und jetzt ließ er mich an das Telefon auf meinem Nachttisch gehen und ihm den Hörer geben. Ich hörte die Stimme einer Frau, jung, zaghaft und weit weg. Man hätte nicht gedacht, dass sie im Krankenhaus gleich nebenan war. »Brendan?«, sagte sie, und ich nahm nicht an, dass das sein richtiger Name war.

Er legte den Hörer so heftig auf, dass es schepperte. »Es gibt eine verdammte Verzögerung. Sie denkt, so um die zwanzig Minuten. Oder dreißig, es könnten sogar dreißig sein.« Er ließ die Luft aus der Lunge fahren, als hätte er, seit er die Treppe heraufgestampft war, den Atem angehalten. »Verdammt, verdammt. Wo ist das Klo?«

Man kann jemanden überraschen, indem man »Affinität« sagt, dachte ich, und dann »Wo ist das Klo?« folgen lassen. Nicht gerade der gute Windsor-Ton. Eine wirkliche Frage war es auch nicht. Die Wohnung war zu klein, als dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte. Er nahm seine Waffe mit. Ich hörte, wie er urinierte. Den Wasserhahn aufdrehte. Ich hörte es plätschern, hörte ihn herauskommen und den Reißverschluss hochziehen. Sein Gesicht war gerötet, wo er es abgetrocknet hatte. Er ließ sich auf den Klappstuhl fallen, dessen zerbrechliches Rohrgeflecht ein Jammern hören ließ. Er sagte: »Sie haben eine Nummer auf Ihrem Arm stehen.«

»Ja.«

»Von wem ist sie?«

»Von einer Frau.« Ich tupfte mit dem Zeigefinger auf die Zunge und fuhr damit über die Zahlen.

»So kriegen Sie das nicht weg. Dazu brauchen Sie Seife und müssen gut rubbeln.«

»Wie nett, dass Sie so Anteil nehmen.«

»Haben Sie sie aufgeschrieben? Die Nummer?«

»Nein.«

»Sie wollen sie nicht?«

Nur, wenn ich eine Zukunft habe, dachte ich und überlegte, wann es angemessen wäre zu fragen.

»Schütten Sie uns noch einen Tee auf, und diesmal mit etwas Zucker.«

»Oh«, sagte ich. Es machte mich verlegen, eine schlechte Gastgeberin gewesen zu sein. »Ich wusste nicht, dass Sie Zucker nehmen. Es kann sein, dass ich gar keinen weißen habe.«

»Die Bourgeoisie, wie?«

Ich war wütend. »Und Sie sind sich nicht zu schade, aus meinem bourgeoisen Schiebefenster zu schießen, oder?«

Er ruckte vor und griff nach dem Gewehr. Nicht, um mich zu erschießen, obwohl mein Herz kurz aussetzte. Er starrte hinunter in den Garten, und sein Körper spannte sich an, als wollte er die Scheibe mit dem Kopf einschlagen. Er ließ ein leises, unbefriedigtes Grunzen hören und setzte sich wieder hin. »Da war eine verdammte Katze auf dem Zaun.«

»Ich habe Demerara«, sagte ich, »und wahrscheinlich schmeckt der genauso, wenn er hineingerührt ist.«

»Sie kommen doch nicht auf den Gedanken, aus dem Küchenfenster zu rufen?«, sagte er. »Oder die Treppe hinunterzurennen?«

»Was? Nach allem, was ich gesagt habe?«

»Sie denken, Sie sind auf meiner Seite?« Er schwitzte wieder. »Sie kennen meine Seite nicht. Glauben Sie mir, Sie haben keine Ahnung.«

Mir kam der Gedanke, dass er kein Provisorischer war, sondern einer der verrückten Splittergruppen angehörte, von denen man lesen konnte. Allerdings war ich kaum in der Situation, Haarspaltereien zu betreiben. Das Endergebnis würde dasselbe sein. Aber ich sagte: »Bourgeoisie, was für ein Polytechnikumsausdruck ist das denn?«

Ich beleidigte ihn, und ich tat es bewusst. Den Jüngeren sollte ich erklären, dass die Polytechnika-Institute höherer Bildung für all die waren, die es nicht in eine Universität geschafft hatten: für die, die aufgeweckt genug waren, von »Affinität« zu sprechen, aber immer noch billige Nylonjacken trugen.

Er runzelte die Stirn. »Schütten Sie den Tee auf.«

»Ich denke, Sie sollten sich nicht über meine Großonkel lustig machen, weil sie, wie Sie denken, nur vorgetäuschte Iren sind, wenn Sie selbst mit Ausdrücken um sich werfen, die Sie in Müllcontainern gefunden haben.«

»Es war eine Art Witz«, sagte er.

»Oh. War es das?« Ich war verblüfft. »Dann sieht es wohl so aus, als hätte ich auch nicht mehr Sinn für Humor als sie.« Ich deutete mit dem Kopf zum Rasen draußen, auf dem in Kürze die Premierministerin sterben sollte.

»Ich werfe ihr nicht vor, dass sie nicht lacht«, sagte er. »Das nicht.«

»Das sollten Sie aber. Deshalb kann sie nicht sehen, wie lächerlich sie ist.«

»Lächerlich würde ich sie nicht nennen.« Er blieb stur. »Grausam, durchtrieben, aber nicht lächerlich. Was gibt es da zu lachen?«

»Menschen lachen«, sagte ich.

Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Jesus hat geweint.«

Er grinste. Ich sah, wie er sich entspannte, da er wusste, dass er wegen der verdammten Verzögerung jetzt noch nicht morden musste. »Wobei«, sagte ich, »sie wahrscheinlich lachen würde, wenn sie uns hier so sähe. Auslachen würde sie uns. Voller Verachtung. Sehen Sie nur Ihren Anorak an. Sie verachtet ihn. Und mein Haar. Sie verachtet mein Haar.«

Er hob den Blick. Er hatte mich bis dahin nicht richtig angesehen. Ich war nur die Teeköchin. »So wie es herunterhängt«, erklärte ich. »Statt in Wellen gelegt zu sein. Ich sollte es waschen und mir eine Dauerwelle machen lassen. Auf abgestufte Rollen sollte ich es wickeln – sie weiß, wie man solches Haar behandelt. Und ich mag auch nicht, wie sie geht. Wie sie ›tappt‹, haben Sie gesagt. Sie wird ›um die Ecke tappen‹. Das haben Sie richtig beobachtet.«

»Was denken Sie, worum es hier geht?«, fragte er.

»Um Irland.«

Er nickte. »Und ich will, dass Sie das verstehen. Ich erschieße sie nicht, weil sie keine Opern mag. Oder weil Ihnen ihre – wie in Dreiteufelsnamen nennen Sie es? – ihre Accessoires nicht gefallen. Es hat nichts mit ihrer Handtasche zu tun. Nichts mit ihrer Frisur. Es geht um Irland. Nur um Irland, okay?«

»Oh, ich weiß nicht«, sagte ich, »Sie haben selbst etwas von einem falschen Iren, denke ich. Sie sind dem alten Land nicht näher als ich. Ihre Großonkel kannten den Text auch nicht. Deswegen wollen Sie vielleicht zusätzliche Gründe. Beigaben.«

»Ich bin traditionell erzogen«, sagte er. »Und das hier ist das Ergebnis.« Er sah sich um, als könnte er es nicht glauben: Die entscheidende Tat seines engagierten Lebens lag nur zehn Minuten entfernt, und er lehnte mit dem Rücken an einem weiß furnierten Pressspanschrank, über sich eine plissierte Papierjalousie. Auf dem ungemachten Bett saß eine fremde Frau, und dem letzten Tee, den er in der Hand hielt, fehlte der Zucker. »Ich denke an die Jungs im Hungerstreik«, sagte er, »der Erste von ihnen starb, fast auf den Tag zwei Jahre nachdem sie das erste Mal gewählt worden war. Wussten Sie das? Bobby brauchte sechsundsechzig Tage, um zu sterben, und kurz darauf folgten neun weitere Jungs. Es heißt, nach fünfundvierzig Tagen wird es besser. Da hörst du auf, Galle zu spucken, und kannst wieder trinken. Aber das ist deine letzte Chance, denn schon fünf Tage später kannst du kaum noch sehen oder hören. Dein Körper verdaut sich selbst. Voller Verzweiflung frisst er sich selbst auf. Und Sie fragen sich, ob sie nicht lachen kann? Ich wüsste nicht, was es zu lachen gäbe.«

»Was soll ich dazu sagen?«, erwiderte ich. »Ich stimme allem zu, was Sie sagen. Gehen Sie und kochen Sie den Tee, ich bleibe hier und passe auf das Gewehr auf.«

Er schien es einen Moment lang in Betracht zu ziehen.

»Sie würden sie verfehlen. Sie sind nicht trainiert.«

»Wie haben Sie trainiert?«

»Mit Zielscheiben.«

»Bei einer lebendigen Person ist es etwas anderes. Sie könnten die Schwestern treffen. Die Ärzte.«

»Vielleicht, ja.«

Ich hörte seinen festsitzenden Raucherhusten. »Oh, richtig, der Tee«, sagte ich. »Aber wissen Sie noch etwas? Die Jungs mögen am Ende ja blind gewesen sein, aber sie haben die Sache offenen Auges angefangen. Sie können einer Regierung wie dieser kein Mitleid abzwingen. Warum sollte sie verhandeln? Wie können Sie das erwarten? Was zählen für diese Leute schon ein Dutzend Iren? Was zählen hundert? Die wollen die Todesstrafe. Sie geben sich modern, aber lass sie frei schalten und walten, und sie stechen ihren Feinden öffentlich die Augen aus.«

»Ist vielleicht gar nicht so schlecht«, sagte er. »Aufgehängt zu werden. Unter gewissen Umständen.«

Ich starrte ihn an. »Um ein irischer Märtyrer zu werden? Okay. Das geht schneller, als sich zu Tode zu hungern.«

»So ist es. Da kann ich nicht widersprechen.«

»Sie wissen, was die Männer im Pub sagen? Sie sagen, nenne mir einen einzigen irischen Märtyrer. Sie sagen, komm schon, komm, du kannst es nicht, oder?«

»Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe nennen«, sagte er. »Die Namen standen in der Zeitung. Sind zwei Jahre eine zu lange Zeit, um sich noch zu erinnern?«

»Nein. Aber vergessen Sie nicht: Die Leute, die das sagen, sind Engländer.«

»Sie haben recht. Es sind Engländer«, sagte er traurig. »Sie können sich verdammt noch mal an gar nichts erinnern.«

Zehn Minuten, dachte ich. Etwa zehn Minuten. Ihm zum Trotz trat ich leise ans Küchenfenster. Die Straße war in ihre gewohnte Alltagsstarre verfallen. Die Leute waren alle an der Ecke. Sie mussten sie bald erwarten. Auf der Arbeitsfläche stand das Telefon, direkt neben meiner Hand, aber wenn ich es abnahm, würde er den Apparat im Schlafzimmer einen leisen Piepser von sich geben hören, würde kommen und mich töten, nicht mit einer Kugel, sondern auf eine weniger auffällige Weise, um die Nachbarn nicht zu alarmieren und sich den Tag nicht zu verderben.

Ich stand neben dem Kessel, während er zum Kochen kam, und fragte mich: War die Augenoperation ein Erfolg? Wird sie, wenn sie herauskommt, normal sehen können? Werden Sie sie führen müssen? Werden ihre Augen verbunden sein?

Mir gefiel das Bild nicht, und ich rief zu ihm hinüber, um die Antwort zu bekommen. Nein, rief er zurück, die alten Augen werden so scharf sein wie je.

Ich dachte, sie hat keine Träne in sich. Nicht für die Mutter im Regen an der Bushaltestelle oder für den Seemann, der auf dem Meer verbrennt. Sie schläft vier Stunden pro Nacht und lebt von Whiskydämpfen und dem Eisen im Blut ihrer Beute.

 

Als ich ihm die zweite Tasse Tee, mit Demerara, hineinbrachte, hatte er seinen weiten Pullover ausgezogen, der unten an den Ärmeln aufribbelte. Er ist für das Grab angezogen, dachte ich, Schicht über Schicht, doch das wird die Kälte nicht vertreiben. Unter der Wolle trug er ein verblichenes Flanellhemd. Der verdrehte Kragen stand in die Höhe. Ich dachte, er sieht aus wie ein Mann, der seine Wäsche selbst wäscht. »Ziehen Sie jemanden mit ins Unglück?«, fragte ich.

»Nein«, sagte er, »ich hab keinen großen Erfolg bei Mädchen.« Er fuhr sich mit der Hand über das Haar, als könnte die Geste etwas an seinem Glück ändern. »Keine Kinder, na ja, wenigstens keine, von denen ich wüsste.«

Ich gab ihm seinen Tee. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Hinterher …«, sagte er.

»Ja?«

»Sie werden gleich sehen, woher der Schuss gekommen ist, dazu müssen sie nicht lange herumknobeln. Wenn ich die Treppe runter bin und aus der Tür komme, haben sie mich gleich da auf der Straße. Ich nehme das Gewehr mit, dann erschießen sie mich, sobald sie mich sehen.« Er hielt inne und setzte dann wie gegen einen Einwand von mir nach: »So ist es das Beste.«

»Ah«, sagte ich. »Ich dachte, Sie hätten einen Plan. Ich meine, einen anderen, als sich töten zu lassen.«

»Was für einen besseren Plan könnte ich haben?« Es lag nur ein Hauch Sarkasmus in seiner Stimme. »Das hier ist ein Gottesgeschenk. Das Krankenhaus. Ihre Dachwohnung. Ihr Fenster. Sie. Es ist billig, sauber, schafft diese Frau aus dem Weg und kostet nur einen Mann.«

Ich hatte gesagt, Gewalt löse keine Probleme. Aber das war reine Frömmigkeit, wie das Gebet vor dem Essen. Die Bedeutung hatte mich nicht gekümmert, als ich es sagte, und als ich jetzt darüber nachdachte, fühlte ich mich wie eine Heuchlerin. Es ist nur das, was die Starken den Schwachen predigen, du hörst es nie andersherum: Die Starken legen ihre Waffen nicht weg. »Was, wenn ich Ihnen etwas Zeit verschaffen könnte?«, sagte ich. »Wenn Sie Ihre Jacke beim Schießen trügen und bereit wären zu verschwinden: den Witwenmacher hier ließen, ihre leere Tasche nähmen und das Haus wie ein Installateur verließen? So, wie Sie hereingekommen sind?«

»Sobald ich dieses Haus verlasse, haben sie mich.«

»Und wenn Sie durchs Nebenhaus gingen?«

»Wie sollte das möglich sein?«, sagte er.

Ich sagte: »Kommen Sie mit.«

Es machte ihn nervös, seinen Posten zu verlassen, aber auf diese Aussicht hin musste er es. Wir haben noch fünf Minuten, sagte ich, und das wissen Sie, also kommen Sie und lassen Sie das Gewehr ordentlich unter dem Stuhl liegen. Er folgte mir dicht auf in den Flur, und ich musste ihm sagen, er solle einen Schritt zurücktreten, damit ich die Tür aufmachen konnte. »Arretieren Sie den Riegel«, riet ich ihm. »Es wäre ein Witz, wenn wir uns aussperrten.«

Die Treppen in diesen Häusern sind ohne Tageslicht. Man kann einen Zeitschalter an der Wand drücken und die Treppenabsätze damit in ein grelles gelbliches Licht tauchen. Aber nach den eingestellten zwei Minuten wird es wieder dunkel. Allerdings nicht so dunkel, wie man erst denkt.

Du stehst, atmest ruhig und gleichmäßig, und die Augen gewöhnen sich. Die Füße machen kein Geräusch auf dem dicken Teppich, und du gehst eine halbe Treppe hinab. Du lauschst: Das Haus ist still. Die Mieter, die sich diese Treppe teilen, sind den ganzen Tag nicht da. Die geschlossenen Türen annullieren und dämpfen die Welt draußen, das Geschnatter der Radionachrichten, den Lärm der Stadt, selbst das apokalyptische Dröhnen der Flugzeuge, die nach Heathrow einschwenken. Die stehende Luft riecht nach Kampfer, als öffneten die Leute, die als Erste in diesem Haus gewohnt haben, die Schränke und holten ihre Trauerkleidung heraus. Halb schon draußen, aber noch im Haus, sichtbar, aber ungesehen, könntest du hier ungestört eine Stunde verbringen, oder gar einen ganzen Tag. Schlafen könntest du, träumen. Unschuldig oder nicht, du könntest dich hier jahrzehntelang versteckt halten, während die Töchter der Ratsherren da draußen alt werden: Hier auf den Stufen könntest auch du alt werden und die Henkersschlinge von deinem Namen nehmen. Eines Tages werden die Häuser einstürzen, in einer Wolke aus Putz und Knochenstaub. Die Zeit wird sich auf null zubewegen, auf einen Punkt: Engel werden suchend durch die Ruinen streifen, Blütenblätter aus den Gossen blasen, die Arme in zerfetzte Flaggen gewickelt.

Auf der Treppe die geflüsterten Worte: »Und werden Sie mich auch töten?« Das ist eine Frage, die sich nur im Dunklen stellen lässt.

»Ich lasse Sie gefesselt und geknebelt zurück«, sagt er. »In der Küche. Sie können Ihnen sagen, dass ich es gleich nach meinem gewaltsamen Eindringen gemacht habe.«

»Aber wann wollen Sie es wirklich tun?« Die Stimme ein Murmeln.

»Kurz vorher. Hinterher ist keine Zeit.«

»Das werden Sie nicht. Ich will es sehen. Das verpasse ich nicht.«

»Dann fessele ich Sie im Schlafzimmer, okay? Ich fessele Sie mit Aussicht.«

»Sie könnten mich auch kurz vorher nach unten gehen lassen. Ich nehme eine Einkaufstasche mit, und wenn mich niemand sieht, sage ich, ich war die ganze Zeit weg. Aber dann müssen Sie meine Tür noch aufbrechen, oder? Damit es nach einem Einbruch aussieht.«

»Ich sehe, dass Sie sich mit meinem Job auskennen.«

»Ich lerne.«

»Ich dachte, Sie wollten zusehen.«

»Ich würde es hören können. Es wird wie das Getöse in einem römischen Amphitheater sein.«

»Nein. So machen wir es nicht.« Eine Berührung, eine Hand streicht über meinen Arm. »Zeigen Sie’s mir schon. Womit ich hier

meine Zeit verschwende.«

Zwischen den Etagen ist eine Tür. Sie sieht aus wie der Zugang zu einem Besenschrank. Aber sie ist schwer. Schwer zu öffnen, und die Hand rutscht vom Messingknauf ab.

»Im Falle eines Feuers …«

Er beugt sich an mir vorbei und zieht die Tür auf.

Fünf Zentimeter dahinter eine weitere Tür.

»Drücken Sie.«

Er drückt. Sie schwingt langsam auf, Dunkel ins Dunkel. Der gleiche abgestandene, gestaute Geruch, der Geruch des Grenzbereichs, in dem die private und die öffentliche Welt aufeinandertreffen: Regennässe auf Industrieteppich, klamme Schirme und feuchtes Schuhleder, der Metallgeruch von Schlüsseln, Salz in der Hand. Aber es ist das Nebenhaus, sieh genau in die Düsternis. Es ist die gleiche und auch wieder nicht. Du kannst von einem Rahmen in den anderen treten. Als Mörder betrittst du Nummer 21, als Installateur verlässt du Nummer 20. Hinter der Feuertür sind andere Haushalte mit anderen Leben. Verschiedene Geschichten liegen nahe beieinander: eingerollt wie Tiere im Winterschlaf, mit flachem Atem, der Puls nicht fühlbar.

Was wir tun müssen, ist klar: Wir müssen uns zusätzlich Zeit verschaffen. Die Gnade ein paar zusätzlicher Momente, um uns von der Situation wegzubringen, die nicht verhandelbar ist. Das Haus hat eine unerwartete Eigenart. Sie bietet nur eine kleine Chance, aber eine andere gibt es nicht. Aus dem Nebenhaus tritt er ein paar Meter näher zum Ende der Straße hin ins Freie: näher zum richtigen Ende, weg von Stadt und Burg, weg von der Tat. Wir müssen annehmen, dass er trotz seines Wagemuts nicht sterben will, wenn er es vermeiden kann: dass irgendwo in den umliegenden Straßen, widerrechtlich auf dem Platz eines Anwohners geparkt oder eine Zufahrt versperrend, ein Auto auf ihn wartet, um ihn außer Reichweite zu bringen, ihn verschwinden zu lassen, als hätte es ihn nie gegeben.

Er zögert, blickt in die Dunkelheit.

»Versuchen Sie es. Schalten Sie das Licht nicht ein. Sagen Sie nichts. Gehen Sie nur hindurch.«

Wer hat die Tür in der Wand nicht gesehen? Es ist der Trost des schwachen Kindes, die letzte Hoffnung des Gefangenen. Es ist der einfache Ausgang für den Sterbenden, der nicht im Todesgriff eines rasselnden Keuchens zugrunde geht, sondern mit einem Seufzer verscheidet, wie eine zu Boden fallende Feder. Es ist eine besondere Tür, die nicht den Gesetzen von Holz und Eisen gehorcht. Kein Schlosser kann sie versperren, kein Gerichtsvollzieher eintreten. Patrouillierende Polizisten gehen an ihr vorbei, denn sie ist nur für das glaubende Auge sichtbar. Bist du einmal durch sie hindurch, kommst du als Licht und Luft zurück, als Funken und Flamme. Dass der Attentäter ein Flimmern auf den Rahmen geworfen hat, weißt du. Hinter der Tür löst er sich auf, deswegen siehst du ihn nie in den Nachrichten. Deswegen lernst du seinen Namen nicht kennen, erfährst nicht, wie er aussieht. Deswegen lebte Mrs Thatcher, wie du sicher weißt, bis zu ihrem natürlichen Tod. Aber beachte die Tür; beachte die Wand; beachte die Macht der Tür in der Wand, die du nie gesehen hast. Und beachte den kalten Wind, der durch sie hindurchbläst, wenn du sie einen Spalt öffnest. Die Geschichte hätte immer auch anders sein können. Denn es gibt die Zeit, den Ort, die schwarze Gelegenheit: den Tag, die Stunde, die Neigung des Lichts, das Läuten des Eiswagens in einer fernen Gasse bei der Umgehungsstraße.

Und als er zurück in Nummer 21 tritt, grunzt der Attentäter vor Lachen.

»Pssst«, sage ich.

»Das ist Ihr toller Vorschlag? Dass sie mich ein Stück weiter die Straße hinunter erschießen? Okay, wir probieren es. Verlassen den Ort auf einer anderen Route. Eine kleine Überraschung.«

Die Zeit ist knapp. Wir kehren ins Schlafzimmer zurück. Er hat nicht gesagt, ob ich es überleben werde oder andere Pläne machen sollte. Er schiebt mich zum Fenster. »Machen Sie es auf und treten Sie dann zurück.«

Er fürchtet, ein plötzliches lautes Geräusch könnte unten jemanden aufschrecken. Aber wenn das Fenster auch schwer ist und mitunter an seinem Rahmen rüttelt, fährt es doch ruhig nach oben. Er muss sich keine Sorgen machen. Die Gärten sind leer, und drüben im Krankenhaus, hinter Zäunen und Büschen, tut sich etwas. Sie kommen heraus: zunächst nicht die höheren Herrschaften, sondern eine Schar Schwestern mit Kitteln und Hauben.

Er nimmt den Witwenmacher und legt ihn sich sanft auf die Knie. Er kippelt mit seinem Stuhl vor, und weil ich sehe, dass seine Hände wieder schweißnass sind, bringe ich ihm ein Handtuch, das er ohne ein Wort nimmt. Er wischt sich die Handflächen trocken. Erneut werde ich an etwas Priesterliches erinnert: ein Opfer. Eine Wespe trödelt auf der Fensterbank herum. Der Geruch der Gärten ist wässrig und grün. Lauer Sonnenschein zieht herein, poliert seine schäbigen Halbschuhe und schiebt sich scheu über die 

Oberfläche des Frisiertischs. Ich will ihn fragen: Wenn das, was geschehen soll, geschieht, wird es laut sein? Hier, wo ich sitze? Wenn ich sitze? Oder stehe? Wo stehe? Neben ihm? Vielleicht sollte ich mich hinknien und beten.

Jetzt sind es nur noch Sekunden. Auf der Terrasse, dem Rasen zwitschert das Krankenhauspersonal. Eine Verabschiedungsreihe hat sich gebildet. Ärzte, Schwestern, Bürohocker. Der Chef kommt dazu, in seinem weißen Aufzug und mit einer Haube, wie ich sie bisher nur in Bilderbüchern gesehen habe. Wider Willen muss ich kichern. Ich bin mir jedes Ein- und Ausatmens des Attentäters bewusst. Stille senkt sich nieder: auf den Garten, auf uns.

Hohe Absätze auf dem vermoosten Pfad. Tippi-tapp. Tappe weiter. Sie müht sich, kommt aber nicht schnell voran. Die Tasche an ihrem Arm, wie ein Schild. Der geschneiderte Anzug genau, wie ich ihn mir vorgestellt habe, die Schleife, die lange Perlenkette und – etwas Neues – eine riesige Brille. Schützt sie, ohne Zweifel, vor den Prüfungen des Nachmittags. Die Hand ausgestreckt, bewegt sie sich an der Reihe entlang. Jetzt, da es endlich so weit ist, haben wir alle Zeit dieser Welt. Der Schütze kniet nieder und nimmt seine Position ein. Er sieht, was ich sehe, den glitzernden Helm ihres Haars. Er sieht ihn wie eine Goldmünze in der Gosse leuchten, groß wie den vollen Mond. Die Wespe schwebt über der Fensterbank, hängt in der ruhigen Luft. Ein leichtes Blinzeln des blinden Auges der Welt.

»Freuen Sie sich«, sagt er. »Scheiße noch mal, freuen Sie sich.«


*Aus: Die Ermordung Margaret Thatchers von Hilary Mantel. © der deutschen Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln, S. 133-158.

Als ich an jenem 11. September mit Pflastersteinen auf Polizisten warf, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich einmal selbst Polizist werde.

Es war der 11. September 1973. Ich weiß nicht mehr, wie ich vom Putsch in Chile und der Ermordung Präsident Allendes erfahren hatte. Ist es nicht seltsam? Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, wie es in einer Zeit ohne Internet und Handy überhaupt möglich war, dass sich Informationen wie ein Lauffeuer verbreiteten. Aber ich hatte irgendwie davon erfahren, auch von der Erklärung Henry Kissingers, der bereits wenige Stunden nach Allendes Tod gutgelaunt einräumte, dass die USA immer bereitstünden, befreundeten Völkern zu helfen.

Ich nahm sofort ein Taxi. Es gab keine Absprachen. Ich kann mich nicht erinnern, dass herumtelefoniert worden wäre, um eine spontane Kundgebung zu organisieren. Es war einfach klar: Ich musste sofort zur Botschaft der USA. Ich war damals Anfang zwanzig, ein verträumter, zur Schwermut neigender Philosophiestudent. Ich hatte wenig Geld. Ich glaube, ich war der einzige Wiener Student, der damals mit dem Taxi zu einer Demo fuhr. Aber es hätte mir an diesem Tag mit der Straßenbahn zu lange gedauert.

Das war die Wut.

Vielleicht brauchten wir damals keine Handys, weil wir auch ohne technische Geräte mitbekamen, was in der Luft lag. Die Wut.

Als ich in der Boltzmanngasse ankam, hatten sich bereits einige Hundert Menschen vor der Botschaft versammelt. Es wurden minütlich mehr. Ich sah mich plötzlich da stehen, die geballte Faust rhythmisch hochstoßen und mit den anderen schreien: »Allende, Allende, dein Tod ist nicht das Ende!«

In Wahrheit war es nicht die geballte Faust. Ich hatte ein Buch dabei, ein Exemplar der »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer/Adorno, das ich schon den ganzen Tag mit mir trug. Also stieß ich dieses Buch in die Luft, als wir »Allende, Allende …« zu rufen begannen. Am nächsten Tag war ein Foto im Wiener KURIER, auf dem ich zu sehen war, wie ich das Buch in die Höhe streckte und schrie. Darunter stand: »Studenten demonstrierten mit Mao-Bibel vor der US-Botschaft«.

An der Ecke Boltzmanngasse/Strudlhofgasse befand sich eine Baustelle. Ich glaube, dass wir die Steine von dort holten. Zugleich fuhren immer mehr Polizeiautos vor. Da sah ich Werner, einen Freund aus dem Philosophie-Seminar. Dass ich nicht verhaftet oder verletzt wurde, habe ich ihm zu verdanken. Er hatte Angst. Ich hatte den Eindruck, dass er hyperventilierte. Er keuchte, mehr noch: Er hechelte. Er zog an meiner Jacke, zerrte mich weg. Ich dachte, dass ich mich um ihn kümmern müsse.

Werner litt, wie ich wusste, an einer Herzinsuffizienz. Er war überzeugt davon, dass es der Kapitalismus sei, der ihn krank machte, weshalb er jegliche Behandlung durch die bürgerliche Schulmedizin verweigerte. Einen marxistischen Herzspezialisten, mit dem er eine Therapie hätte diskutieren können, die vom Kapitalismus als Krankheitsursache ausging, gab es in Wien nicht. Keine zwei Wochen nach der Kundgebung vor der amerikanischen Botschaft wäre Werner, übrigens während eines Wilhelm-Reich-Arbeitskreises zur »Funktion des Orgasmus«, beinahe an seiner Krankheit gestorben.

Ich selbst erfreute mich damals bester Gesundheit. Nur ein einziges Mal – ich hatte mir beim Fußballspiel Trotzkisten gegen Spontis das Bein gebrochen – war ich in die Verlegenheit gekommen, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich erwähne das deshalb, weil mir Werners Standpunkt nicht nur verrückt, sondern insgeheim auch plausibel erschienen war. Hätte ich Werners Krankheit gehabt – gut möglich, dass ich damals gestorben und ein unbekanntes Opfer der Auseinandersetzung der Weltsysteme geworden wäre.

So herrisch sich die westliche Welt in Chile gezeigt hatte, so hilflos war sie damals gegenüber den arabischen Ländern. 1973 gab es nicht nur den heute vergessenen 11. September, es war auch das Jahr der sogenannten »Energiekrise«. Die Scheichs, so stand es in den Zeitungen, »drehten den Ölhahn zu«. Das war es, worüber sich die ganze Republik empörte: Primitive Wüstenhäuptlinge, die zufällig auf den größten Erdölreserven der Welt saßen, zwangen die demokratischen Hochkulturen zu Verzichtleistungen. Der österreichische Kanzler empfahl allen Männern, sich nicht mehr elektrisch, sondern nass zu rasieren, um Energie zu sparen. Es wurde ein »autofreier Tag« eingeführt, um den Benzinverbrauch zu drosseln, und in den Schulen die »Energieferien«, um Heizkosten zu sparen.

Damals, als in den Zeitungen ständig von der »Energiekrise« die Rede war, hatte ich eine ungeheizte Wohnung und litt kraftlos an einer Sinnkrise. Beides hatte allerdings nichts mit der Energiekrise zu tun. Mein Vater hatte seine monatlichen Zahlungen eingestellt. Er hielt mein Philosophiestudium für blanken Müßiggang – hart an der Grenze zur Kriminalität. ,

Er legte den KURIER auf den Tisch.

Mein Sohn, ein randalierender Maoist!

Ich bin kein Maoist.

Bist du das? Auf diesem Foto?

Ja.

Er nickte.

Ich bekam einen Fieberschub von Hass und Verachtung. Dieses Nicken meines Vaters erschien mir als der Inbegriff von Idiotie, Selbstgerechtigkeit und emotionaler Verrottung. Er wusste nicht, was Maoismus war. Er konnte nicht wissen, ob ich tatsächlich dem Maoismus anhing. Er konnte also auch nicht wissen, dass ich diese Fraktion ablehnte und nichts mit ihr zu tun hatte. Aber die Art, wie er nur durch ein Nicken klarmachte, dass er es gar nicht wissen wollte, dass er nicht bereit und nicht im Geringsten interessiert war, darüber zu reden und etwas von mir zu erfahren, die Härte, mit der er in jedem Fall sein Urteil sprach, ohne sich um Aufklärung bemüht zu haben, machte mich sprachlos. Wie er lieber seinen Sohn verurteilte, als einen Satz aus einer Boulevard-Zeitung zu hinterfragen!

Diese Karikatur einer archaischen Schicksalstragödie, wie er mit steinernem Gesicht seinen Sohn verstieß! Ich wollte ihm so viel sagen, dass ich kein Wort herausbrachte. Den vom CIA organisierten Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten eines souveränen Staates nahm er als »Weltpolitik« hin, aber dass sein Sohn an einer Kundgebung gegen diesen Putsch teilgenommen hatte, zur Verteidigung der Demokratie, in einem Land mit Demonstrationsfreiheit, entsetzte diesen braven Staatsbürger, der nun meinte, gebieterisch einschreiten zu müssen.

Ich sagte kein Wort. Er sagte noch einige Sätze, im Grunde aber nur dies: Kein Geld mehr, bis ich »vernünftig« geworden sei.

Ich stand auf und ging. Ich wünschte ihm den Tod. Heute bin ich sehr froh, dass ich auch diesen Satz nicht ausgesprochen habe.

Er hatte damals schon Krebs, aber das wusste ich noch nicht.

Ich saß also in einer ungeheizten Wohnung und hatte die Sinnkrise. Ich fragte mich, ob mir mein Studium so viel bedeutete, dass ich auch bereit war, es durch Jobs selbst zu finanzieren. Philosophie! Und was dann? Ich war von den Bedenken meines Vaters nun selbst schon angekränkelt.

Ich ging in Vorlesungen und fragte mich danach bei Durchsicht meiner Mitschriften, ob ich beim Mitschreiben oder der Professor beim Vortragen deliriert hatte. Ich machte noch zwei oder drei Prüfungen, die lediglich Triumphorgien der Professoren waren, die, nur wenige Jahre zuvor mit Tomaten beworfen, sich nun bei der nächsten Studentengeneration ungestraft dafür rächen konnten: »Brav gelernt, Herr Kollege, aber ich kann Ihnen nur ein >genügend< geben, weil: Sehr gut ist der liebe Gott, gut bin ich, und dann kommt lange nichts.«

Im März 1974 starb Werner. Nein, es war nicht das Herz. Er hatte einen Autounfall. Ich ging zum Begräbnis und traf dort ein kleines Fähnlein von Ehemaligen: ehemalige Studentenführer, Kommunegründer, Revolutionsdichter, Parteiengründer – fast jeder, mit einer halbvollendeteten philosophischen Doktorarbeit im fünfzehnten bis zwanzigsten Semester, ein Veteran des Übergangs von der Theorie zur Praxis. In der Aufbahrungshalle hielt Werners Doktorvater, Professor Benedikt, eine Rede, die mein Leben – nicht veränderte, aber immerhin meinen stummen Lebensfilm zu diesem Zeitpunkt vernünftig untertitelte. »Man kann«, sagte er, »ein Leben, zumal ein so kurzes, nicht phänomenologisch analysieren. Es ist eine Erscheinung, ohne dass ein Sinn feststellbar wäre in seinen Zusammenhängen mit anderen Erscheinungen und am Ende dem Tod!«

Es kam zu Unruhe. Manche riefen: »Lauter!« Die Akustik in der Aufbahrungshalle war sehr schlecht. Und Professor Benedikt senkte den Kopf ganz nahe an das Mikrophon und sagte — in übersteuerter Überlautstärke, als spräche ein Gott mit Donnergewalt; »Im Einzelnen waltet der Zufall, im Ganzen allein der Sinn …« — Er machte eine Pause und fügte hinzu: »… oder, wie in bestimmten historischen Epochen, auch hier die Sinnlosigkeit!«

Ich ging. Der Kiesweg des Zentralfriedhofs. Die Alleen der Steine. Ich wusste, dass eine Epoche zu Ende war: die der weltgeschichtsgesättigten Psychosomatiker. Damit war auch mein Philosophiestudium beendet.

Was tun? In Deutschland waren einige Achtundsechziger zu Kaufhausbrandstiftern geworden – und ich begann in Wien in einem Kaufhaus zu arbeiten! Auch das war eine Folge von 1968: der Anstieg der Ladendiebstähle in solchem Ausmaß, dass Kaufhausdetektive angestellt werden mussten. Ich hatte keine Qualifikationen außer einem abgebrochenen Philosophiestudium mit einer unvollendeten Seminararbeit über die »Dialektik der Aufklärung«, und Kaufhausdetektiv war unter den Jobs, die man mir anbot, der einzige, den ich mir körperlich zumuten wollte. Ich weiß nicht, was ich bald als trostloser empfand: die Auseinandersetzungen mit den kleinen Ladendieben, die ich ertappen und abliefern musste, um meinen Job zu behalten, oder die Gespräche mit den Verkäuferinnen, wenn ich aus Mitleid wieder wegschauen wollte. Elend und Borniertheit hielten sich dabei in einer so perfekten Weise die Waage, dass ich den Eindruck hatte, dass es doch eine geheime Weltordnung geben müsse.

Als ich kündigte, hatte ich erstmals eine Qualifikation: ein Jahr Berufserfahrung als Detektiv. Das genügte damals, um eine Anstellung bei der Polizei zu bekommen, im Innendienst, Falschgelddezernat, wo ich mit einer Automatik, der ich mich lethargisch ergab, durch regelmäßige Vorrückungen eine erstaunliche Karriere machte – die mir übrigens in meinem sozialen Leben überraschenderweise nicht schaden sollte: Als ich Polizist wurde, war ich sicher, nun von meinen alten Freunden verachtet und gemieden zu werden. Tatsächlich aber wurde ich von den Helden der Studentenkämpfe bereits beim zehnjährigen Jubiläum von 1968 als Beispiel dafür gefeiert, dass der Marsch durch die Institutionen in Österreich besonders geglückt sei.

Das ging beim fünfzehn- und zwanzigjährigen Jubiläum so weiter, die Geschichte wurde fast schon zu einem Heldenepos. Was sie alle nicht wissen konnten, war, dass ich mich bewusst um einen Dienstposten im Falschgelddezernat beworben hatte, weil ich einen Arbeitsplatz wollte, der mich möglichst nicht mehr behelligte. Bekanntlich gab es in Österreich kein Falschgeld. Wer die Mittel und Möglichkeiten hatte, gut gemachte Blüten herzustellen, verschwendete seine Zeit nicht mit Schilling, sondern produzierte gleich D-Mark.

Ausschlaggebend dafür, dass ich an einen Schreibtisch im Staatsdienst wechselte, war also keineswegs die Illusion, dass ich von dort aus irgendetwas verändern könnte: die Welt, die Gesellschaft oder gar mich selbst. Es war einfach ein bezahlter Rückzug.

Aufklärung war der große Anspruch der Zeit, in der ich erwachsen wurde. Als ich studierte, ging es um nichts anderes: Man musste der Mann sein, der in jedem Fall am Ende Bescheid wusste. Ich sammelte und ordnete Fakten, untersuchte Zusammenhänge, hinterfragte Motive, ging allen Informationen nach, entwickelte Theorien, suchte nach Schuldigen, glaubte, dass ich etwas zu verstehen begann, kam zu einer Lösung. Das nannte man damals Bildung. Die Bildung eines Weltbilds. Wer die Welt von links betrachtete, sah bald nur noch Täter und Opfer, Zeugen und gesetzlose Rebellen. Aber nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Polizist werden würde. Hätte ich die Erfahrung gemacht, dass man Fälle wirklich aufklären kann – ich wäre mit Leidenschaft Detektiv geworden, oder zumindest Philosophie-Professor.

Ich wollte das nicht, aber ich wurde es: abgebrüht. Manchmal, ganz selten, erlebte ich noch Momente der Leidenschaft, in bestimmten Situationen nippte ich daran wie an einem Glas Champagner, wissend, dass das nicht der Alltag war.

Ich wurde auf Empfehlung meines Vorgesetzten Mitglied in seinem Tennis-Club, lernte brav das Spiel und war auch hier ohne jeden Ehrgeiz einigermaßen • erfolgreich: Ich bekam den Spitznamen »Die Wand«. Ich machte keine Punkte, ich lebte von den Fehlern der Gegner. Ich gewann immer wieder ein Match, bis ein anderer stärker war als ich, einer, der wirklich Punkte machen konnte. Ich lernte im Club eine Frau kennen, die mich dazu verführte, die Leidenschaft neu zu lernen. Ich lernte das Spiel. Ich war »Die Wand«. Doch dann konnte ein anderer bei ihr wirklich punkten. Was von dieser Affäre blieb, war ein Kind. Ein Sohn.

Ich konnte ihm nicht widersprechen, als er mit achtzehn zu mir sagte, er finde Bullen scheiße. Ich war selbst schuld. Als ich nach seiner Geburt mit seiner Mutter darüber diskutierte, wie er heißen sollte, wollte ich unbedingt, dass er den Namen eines Revolutionärs und Freiheitskämpfers bekam. Da fiel es mir erst auf: dass alle Revolutionäre völlig unattraktive Namen hatten: Karl, Friedrich, Ferdinand, Leo – niemand hätte da an einen Freiheitskämpfer gedacht. Oder Vladimir, Fidel, Che – diese Namen hätten dem Kind nur Gespött eingebracht. Bei einer Tochter hätten wir es einfacher gehabt; Rosa oder Olga. Oder Alice. Aber es war leider ein Sohn.

Schließlich machte ich mit verzweifelter Ironie einen allerletzten Vorschlag; Zorro.

Wie kommst du auf Zorro?

Der letzte Freiheitskämpfer, der mir noch einfällt.

Freiheitskämpfer? Sagte sie. Im Grunde war Zorro ein Robin Hood.

Also Robin?

Robin.

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass ich meine Stelle bei der Polizei aufgab, um Robins Liebe zurückzugewinnen.

Es war Mitte Dezember 2001, unmittelbar vor der Einführung des Euro. Ich traf Robin zu einem Abendessen.

Wie geht es dir?

Geht so.

Und deiner Mutter?

Geht so.

Ich hasse es, wenn jemand so beharrlich wortkarg ist, dass ich mich dazu gezwungen fühle, ununterbrochen zu reden, nur damit jene Peinlichkeit nicht aufkommt – die ich dann durch mein Reden erst recht produziere. Wie er aussah! Eigentlich hätte ich ihn wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot festnehmen müssen.

Kannst du bitte wenigstens im Restaurant diese Kapuze runternehmen?

Wen stört’s?

Mich.

Er nickte.

Du bist kein Amt, sagte ich. Ich habe keine Eingabe gemacht, die du jetzt lange prüfen musst.

Ist ja gut, sagte er und strich die Kapuze zurück. Er saß mit gesenktem Kopf da und sah mich an, als würde er noch immer unter seiner Kapuze hervorschauen. So trotzig von unten herauf hatte auch ich meinen Vater angeschaut, damals, als er mir bei einem Abendessen eröffnete, dass er mein Studium nicht länger finanzieren werde. Da war ich älter gewesen als Robin heute. Aber ich hatte auch nichts zu sagen gewusst.

Ich sah Robin an, versuchte ein verständnisvolles, komplizenhaftes Lächeln. Wie er schaute! Es machte mich aggressiv. Ich ertrug es nicht. Sein muffiger Blick. Er war kein Rebell. Er war ein blöder Pubertierender, aber aus dem Alter sollte er eigentlich heraus sein.

Mein Sohn war die Wand, von der mein Missvergnügen zu mir zurückprallte.

Weißt du, sagte ich, nur um irgendetwas zu sagen: Es gibt Dinge, die kann man nicht machen, wenn man ihre Bedeutung kennt. Ein freier Mann darf zum Beispiel keinen Zopf tragen. Es gibt junge Menschen, die tragen ein Zöpfchen und halten sich für Rebellen. Aber der Zopf war das Symbol für den Adel. Deshalb nennt man ja alles Rückständige »verzopft«. Es war eine der großen Leistungen der bürgerlichen Gesellschaft, dass sie die alten Zöpfe abgeschnitten hat, buchstäblich und metaphorisch, und wer also heute einen Zopf –

Ich habe keinen Zopf, sagte er.

Ja. Ich sage nur. Oder Nasenringe. Das geht einfach nicht. Junge Menschen halten das für ein Symbol der Aufsässigkeit, aber es ist ein Symbol der Unterwerfung, es zeigt; Ich bin bereit, mich an der Nase herumführen zu lassen.

Siehst du bei mir ein Piercing? sagte Robin. Nicht in der Nase, und auch nicht –

Er streckte die Zunge heraus.

Ist ja gut, sagte ich. Du verstehst, was ich meine. Wer also kein Bär ist, sollte keinen Nasenring tragen. Was ich sagen wollte –

Der Kellner brachte die Speisekarten.

Was ich sagen wollte, ist: Wer nicht beim Ku-Klux- Klan ist, trägt keine Kapuze.

Wir öffneten die Speisekarten. Ich hatte mich nach einer halben Minute entschieden, aber Robin erweckte den Eindruck, als wollte er die Speisekarte auswendig lernen, inklusive der Jahrgänge der Flaschenweine.

Nach zehn Minuten fragte ich ihn; Weißt du schon?

Was?

Was du willst.

Weißt du, was du willst?

Ja, sagte ich.

Und bekommst du, was du willst?

Ich schaute ihn an. Da kam der Kellner. Ich bestellte. Robin sagte, er nehme das Gleiche.

Und zu trinken, fragte ich. Apfelsaft?

Du hast doch eine Flasche Wein bestellt.

Ja.

Ist gut.

Dazu eine große Flasche Wasser, sagte ich zum Kellner.

Ich nahm mir immer vor, in Restaurants vor dem Essen kein Brot zu essen, und konnte doch nie widerstehen. Robin versuchte, oder tat so, als versuchte er es, mit der Gabel eine Olive aufzuspießen, aber ständig sprang sie weg und rollte über den Teller, er stach zu, und die Olive sprang weg, ich mampfte Brot, das ich in Olivenöl tunkte, und sah mit wachsender Irritation zu, wie Robin immer wieder mit der Gabel auf die Olive einstach, die jedesmal unter der Gabel wegrollte.

Was machst du da? fragte ich.

Ich mache sie müde.

Lass den Unsinn, sagte ich. Wir müssen reden.

Worüber? Über das Taschengeld?

Er öffnete die Speisekarte und studierte sie wieder.

Ich habe dir etwas mitgebracht, sagte ich. Hier! Das Startpaket.

Ich legte es vor ihn hin. Eine in Plastik eingeschweißte Sammlung aller Euro- und Cent-Münzen, im Gegenwert von loo Schilling, in Summe also sieben Euro. Diese »Startpakete« wurden damals von den Banken ausgegeben, damit man sich schon vor dem 1. Januar mit diesen Münzen vertraut machen konnte.

Danke, sagte Robin. Weißt du, was Oma gesagt hat?

Nein. Was hat sie gesagt?

Dass du jetzt deinen Job verlieren wirst.

Warum?

Es steht ja jeden Tag in der Zeitung. Noch nie in der Geschichte gab es so fälschungssicheres Geld wie den Euro. Es wird jetzt lange kein Falschgeld mehr geben.

Warum? Es ist für Geldfälscher einfach eine neue Herausforderung.

Aber wozu soll man sich die Mühe machen, Geld zu fälschen, wenn es genügt, das Geld falsch umzurechnen?

Es gibt ein Gesetz, das das verbietet.

Und bist du dafür zuständig? Man wird Leute wie dich nicht mehr brauchen. Oma hat gesagt, man wird uns ganz offiziell betrügen, wir werden nicht auf Falschgeld, sondern auf das neue Geld hereinfallen. Wie bei der Währungsreform 1947.

Was weißt du von der Währungsreform 1947?

Was Oma erzählt hat.

Ich kannte mich jetzt überhaupt nicht mehr aus. Robin rebellierte gegen mich — aber mit Geschichten meiner Mutter!

Der Kellner brachte die Vorspeisensalate und wollte die Speisekarten mitnehmen.

Robin hielt die seine fest und sagte: Die brauche ich noch!

Was macht das Studium? fragte ich.

Geht so.

Das heißt?

Es war seltsam. Mein Sohn studierte Philosophie. Ich hätte das verstehen sollen. Oder gar Genugtuung empfinden. Aber ich verstand es nicht. Wir aßen den Salat.

Der Kellner servierte die Teller ab. Wieder wollte er die Speisekarte mitnehmen, aber Robin legte die Hand darauf; Nein, die brauche ich noch.

Also, sagte ich. Dein Studium! Welche Vorlesungen besuchst du?

Einführung in die Philosophie Eins. Einführung in Religionsphilosophie.

Religionsphilosophie? Ist das Pflicht?

Ja. Und Einführung in die Logik. Dann noch Politische Utopien, aber –

Politische Utopien?

Ja. Aber findet nicht statt.

Was heißt, findet nicht statt?

Was ich sage: war angekündigt, ich habe mich eingeschrieben, aber es findet nicht statt. Und dann noch Klimawandel.

Bitte was?

Klimawandel. Aus ethischer und wissenschaftsphilosophischer Sicht.

Was ist das?

Hauptvorlesung. Pflicht im ersten oder zweiten Semester.

Ich schüttelte den Kopf. Robin nahm die Speisekarte und steckte sie in seinen Rucksack. Der Kellner brachte die Pasta.

Ich bestellte immer etwas Vegetarisches, wenn ich Robin zum Essen traf. Er aß kein Fleisch. Und ich legte bei Tisch Wert auf Symmetrie. Mit jemandem zu essen sollte in jeder Hinsicht etwas Gemeinsames sein. Ich beobachtete ihn, wie er den Wein trank. Er hatte nicht viel Erfahrung mit Alkohol. Er trank den Wein wie einen Saft, hielt dann erschrocken inne und trank sehr viel Wasser nach. Die Pasta war grauenhaft. Dieses Gemüsesugo war viel zu fett. Ich nippte an meinem Wein, sah Robin an. Er aß mit Appetit. In seinem Alter hatte man noch einen guten Magen. Ich schob meinen Teller weg, wollte nicht aufessen.

Hat es geschmeckt?, fragte der Kellner, als er abservierte.

Ja, sagte ich. Ausgezeichnet.

Robin sah mich an und lachte.

Ich weiß genau, was du denkst, sagte ich.

Ist okay, sagte er.

Als Dessert hatten wir Zitronensorbet. Mit einem Schuss Champagner? Ich hatte erwartet, dass Robin ablehnen würde, aber er sagte: Ja, gerne.

Endlich schaute er mich an. Dass er mich so geradeheraus ansah, war mir jetzt genauso unangenehm wie sein gesenkter Blick am Anfang.

Weißt du, worauf ich jetzt Lust hätte?, fragte er.

Ich sah ihn an.

Auf einen Bummel.

Auf einen Bummel?

Ja. Hast du Lust? Wir gehen durch ein paar Lokale und –

Er trank den geschmolzenen Rest seines Sorbets.

Und nehmen überall die Karten mit.

Die Karten?

Ja. Die Speisekarten, die Getränkekarten. Und in einem Jahr wiederholen wir diese Runde und vergleichen die Preise.

Ich musste lachen. Er verarschte mich. Aber ich fand es witzig. Und es wurde witzig. Wir waren wie zwei Detektive, die Beweismaterial zusammentrugen. Gutbürgerliche Lokale bekamen die Aura suspekter Orte. Je später es wurde, desto zwielichtiger wurde das Feld, das wir durchkämmten. Wir sprachen nicht viel. Wir verstanden einander.

Ein dreiviertel Jahr später nahm ich das Angebot der Polizeidirektion an, mit großzügiger Abfindung und Sozialplan aus dem Polizeidienst auszuscheiden. Bald darauf, im Frühjahr 2003, fand ich eine Stelle bei einer privaten Detektiv-Agentur. Beim fünfunddreißigjährigen Jubiläum von 1968, einer riesigen Party im Wiener Rathaus mit dem Bürgermeister, dem Kulturstadtrat und dem Wissenschaftsminister, wurde ich als Held gefeiert: Ich bediente perfekt die romantischen Gefühle der Alt-Achtundsechziger, die in mir nun eine Art Philip Marlowe sahen, einen Aufklärer im doppelten Wortsinn.

Bei dieser Feier traf ich die frühere Freundin von Werner. Sie trug eine große rote Brille, durch die Augen voller Melancholie hervorschauten.

Ich glaube, Werner hätte die Welt heute nicht gefallen, sagte sie.

Ich weiß nicht, sagte ich. Ich glaube, dass jedem, der lebt, die Welt besser gefällt als einem Toten.

Robin gründete eine Facebook-Gruppe gegen den Euro-Umrechnungsbetrug, brach bald darauf sein Studium ab und fand eine Anstellung bei der Arbeiterkammer in der Abteilung für Konsumentenschutz.

Im Grunde ist er eine Art Polizist geworden. Konsumentenschützer. Ich werde das nie verstehen. Ich habe sein Philosophiestudium unterstützt. Aber er ist eine Art Polizist geworden.

Ich sitze an einem Schreibtisch in der behördlich konzessionierten Detektivagentur Fränzl. Es ist ein grauer Tag, dem Kalender nach ein Frühlingstag, ein Tag im Mai, aber einer von der Sorte, wie es sie in Wien auch im Herbst und Winter gibt. Einer jener Tage, die nicht einmal Liebende euphorisch machen, an denen kein Dichter Eindrücke ausdrückt, an denen diejenigen, die rasch mal Zigaretten holen gehen, wieder träge nach Hause zurückkehren, ein Tag, an dem die grauen Anzüge der Kleinbürger in der grauen Atmosphäre wie Tarnanzüge wirken. Ich tippe den Endbericht eines schon abgeschlossenen Falles, lästige Papierarbeit, die so grau ist wie das Licht hinter dem Fenster.

Noch sechs Jahre bis zur Rente.

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