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Warum nicht bei Mike, Robert oder Knosi einkaufen? Aber die Jungs sagen, Mike, Robert und Knosi hätten heute keine Zeit und es gäbe keine andere Möglichkeit, wir müssen also wieder hoch, wir müssen wieder in Watans Muffbude im zehnten Stock, wo es nach Hund riecht, obwohl er ja gar keinen hat, und wo immer die Rollläden runtergezogen sind, angenehm ist das nicht. Er sitzt am Tisch und wiegt das Gras mit seiner komischen Handwaage, und dann tut er etwas dazu und wiegt noch mal, und man kann nur hoffen, dass er jetzt nicht wieder anfängt, persische Gedichte zu rezitieren, andererseits ist es egal, denn er redet sowieso. Und wir wissen auch schon genau, was kommt, nämlich die Sache mit den Holzsplittern, die seinem Onkel unter die Fingernägel getrieben wurden, und die Sache mit dem heißen Ei, das seinem Onkel hinten reingesteckt wurde. Und dann nickt er plötzlich, als käme jetzt ein Witz, aber er erzählt uns nur, dass sein Vater ein ganz Mutiger war, genauso wie er selbst, Watan, ein ganz Mutiger ist, wie er hier wiegt und wiegt und uns von den Flugblättern erzählt, die er in der Schule verteilen musste, aber das hat er auch schon tausendmal getan. Er hat uns schon tausendmal das Symbol mit dem Stacheldraht und der Nelke aufgezeichnet, und jetzt fragt er uns, ob er uns vielleicht mal das Symbol der kommunistischen Partei aufzeichnen soll. Wir fragen zurück, ob er sich an die Zeichnung von Gestern erinnert, aber er hört uns gar nicht erst zu. Er beschreibt jetzt den Kinofilm, den er gesehen hat, als sein Vater angeschossen wurde, und das kennen wir im Detail, wir kennen auch das plötzliche Gefühl, das ihn aus dem Kino trieb, wir wissen, dass sein Vater dann verblutet ist, und dass er ein mutiger Mann war, das hat er zuletzt vor zwei Minuten erwähnt. Wir sagen: Wir wollen jetzt auf eine Fete, Watan, wir haben nicht soviel Zeit.

Er fragt, ob wir einen Tee trinken wollen.

Und er kocht uns einen Tee und redet über Frauen, und man könnte fast denken: Jetzt wird es besser, aber wir merken schon, wohin das führt, nämlich in Richtung seiner Tanten vom Kaspischen Meer, bei denen er samt seinem toten Vater untergekommen ist, das waren wirklich mal Frauen, das wissen wir schon, zehn dicke Weiber, die sich alle auf den Kopf klopften vor Trauer.

Und Watan lacht.

Watan lacht alleine vor sich hin, während er den Tee bringt und schon wieder beschreibt, wie sein Vater gewaschen und geschminkt im Keller lag, und wie man ihn dann im Garten vergrub, da können wir ein Lied von singen. Wir sagen: Watan, du hast deinen Vater begraben, und dann hast du dich am Kaspischen Meer rumgetrieben, wo die Frauen verhüllt ins Wasser stiegen, und du hast die kleine Asfael kennengelernt, die ganz anders war mit ihren kurzen Haaren. Du bist ihr durch die Felder gefolgt, vorbei an Granatapfelbäumen und Sperrmüllkühlschränken, und sie war fast wie ein Junge und hat sich auf Mauern gesetzt, und wenn sie küsste, dann war das ein Beißen. Aber wollen wir das alles noch mal hören, Watan? Wollen wir noch mal hören, wie sie dann plötzlich weg war und wie die Polizisten kamen und dir in den Magen traten, weil sie euch gesehen hatten? Und wie du dachtest, dass man dich auf dem Schrottplatz an einem Kran aufhängen wird, und wie die Polizisten dann wieder gingen und dich doch nicht an einem Kran aufhängten, und wie Asfael aus einem Kühlschrank kam und lachte, als hätte sie keine Angst gehabt? Eher nicht, Watan, wir wollen das eher nicht noch mal hören, zumindest nicht zum tausendsten Mal, und warum bringst du jetzt gefüllte Weinblätter und machst schon wieder den alten Witz und nennst die Weinblätter Evas Unterhosen. Wieg doch lieber das Gras, Watan, wieg doch das Gras.

Und Watan wiegt und schweigt und dann sagt er: Der Krieg, und wir sagen: Nein, Watan, weniger der Krieg, vielmehr jetzt das Gras, denn was wissen wir denn nicht? Wissen wir denn nicht, dass du einberufen wurdest und abgehauen bist und drei Tage lang in einer Höhle auf die Schleuser warten musstest? Wissen wir nicht, dass Asfael kam und auch fliehen wollte, obwohl die Schleuser dagegen waren, und dass die Schleuser dann doch einverstanden waren, weil sie Geld aus der Tasche zog? Und dass sich die Schleuser alle als „Ali“ vorstellten, wissen wir das nicht? Wissen wir nicht, dass es auf Pferden durch das Schneegebirge ging und dass du gar nichts mehr sehen konntest vor lauter Schnee? Wir sagen: Doch, Watan, dass wissen wir wohl, wir sind schon tausendmal mit dir durch das Gebirge geritten, und wir haben uns tausendmal mit dir gefragt, ob das Pferd vorwärts oder rückwärts läuft, und ob wir vielleicht schon im Jenseits sind. Wir haben den bläulichen Schnee und die Kräne und den Stacheldraht gesehen, die aber gar nicht wirklich waren, und wir wissen, dass dich der stärkste von den Alis geschlagen hat, Watan, weil du so kraftlos warst. Wir haben die Hubschrauber über den Bergdörfern gesehen, und wie ihr euch zwischen den Ziegen verstecken musstet, und wie du die Grenzsäule zur Türkei dreimal angefasst hast, um dich zu überzeugen, dass es sie wirklich gibt. Wir können es im Schlaf aufsagen, Watan: Ihr wart zwanzig Iraner und ihr kamt in einem LKW unter, hinter Teppichen versteckt, und dein Mädchen blutete am Daumen und du solltest den Daumen küssen, und sie wollte immer hören, wie sehr du sie liebst, aber du hattest keine Kraft mehr dafür. Und jemand schmiss den Kanister um, in den ihr reingepisst hattet, das war der Gewichtheber aus Zahedan und den konntest du überhaupt kaum ertragen, denn der zeigte immer den Zeitungsartikel mit dem Foto von sich und redete sehr laut von seinen Preisen, auch wenn ihr an Raststätten hieltet, wo man auf keinen Fall reden durfte, wusstest du das schon? Lass es dir sagen, Watan, denn wir wissen es genau! Asfael hat sich an dich gedrückt, dass dir die Luft wegblieb, und dann gab es ein Loch in der Plane und du sahst zum ersten Mal wieder Häuser, Watan, wir sehen sie selbst.

Aahh, sagt Watan, schon gut, schon gut, ich verstehe, aber wollt ihr vielleicht ein heißes Ei? Wollt ihr vielleicht ein heißes Ei hinten reingeschoben kriegen, wie sie es bei meinem Onkel gemacht haben? Und er steht auf und tut, als wolle er ein Ei kochen gehen, aber dann hebt er eine Augenbraue, und es ist wohl witzig gemeint, und wir lächeln jetzt alle zusammen, ja, wir lächeln jetzt fast ein bisschen, aber eigentlich lächeln wir doch nicht, wir sagen: Watan, wieg doch bitte das Gras. Und er wiegt das Gras, aber das Reden läuft aus ihm raus, es kommt aus seiner Unterlippe. Eines hätte er uns ja noch nicht erzählt, wie er die Krätze gekriegt hat nämlich, so dass er sich mit einer Gabel die Brust blutig kratzen musste, da waren sie schon in Istanbul, Asfael und er, den ganzen Winter über in dem winzigen Zimmer, wo sie auf die Pässe warten mussten. Und er musste sich einen Bart wachsen lassen, der erst zum Fototermin abkommen sollte, weil die Haut darunter dann sehr hell und glatt ist und er jünger gemacht werden sollte, aber er hatte die Krätze auch im Bart, und es war alles ein einziges Jucken. Und dazu Asfael, die den Schrank verheizte, obwohl der Ali gesagt hatte, dass man den Schrank nicht verheizen solle, und wie sie sich stritten und wie er mit ihr schlafen wollte, und wie sie nur mit ihm schlafen wollte, wenn er sie liebte, und wie er nicht sagen konnte, dass er sie liebte. Und das sollen wir ihm mal sagen, wie man jemanden so richtig lieben soll, wenn die Rollläden immer geschlossen sind und der Ali mit dem Brot nur unregelmäßig kommt, und wenn die einzige Ablenkung das türkische Fernsehen ist, das aber nur von Sechs bis Neun sendet und zwar hauptsächlich Liebesfilme, bei denen man gar nichts versteht, nur rababababab, was wahrscheinlich ich liebe dich bedeutet. Aber wie soll man da jemanden lieben, das sollen wir ihm mal sagen. Wenn dann der Oberali mit dem Fotografen und zwei Weibern erscheint und sich als König aufführt in seinem Pelzmantel, wenn er Asfael an die kaum vorhandenen Brüste fasst und wenn Asfael trotzdem freundlich lächelt, weil sie Brennholz haben will. Und wenn der Oberali dann sagt, dass sie nicht genug Spiritus benutzen würden, und dass Iraner nicht mit Feuer umgehen könnten, und wenn er dann vorführen will, wie man den Ofen bedient. Und das sei ja eigentlich witzig, sagt Watan, ob wir das nicht witzig fänden? Wie der Oberali dann den Spiritus in den Ofen spritzte und ein Streichholz reinwarf, dass es knallte und eine riesige Rußwolke den ganzen Raum schwarz färbte. Wobei es nicht so witzig gewesen sei, dass der Oberali dann wieder verschwunden ist, als Strafe für seine eigene Dummheit, um erst sechs Wochen später mit den Pässen zu kommen, aber das wolle er uns gar nicht erzählen, er wolle ja nicht nerven. Er wolle auch nicht erzählen, wie der Oberali ihn dann weiter verarschte und sagte, dass er am Flughafen sagen solle, dass er einen Gehirnschaden habe, und dass er sich in Deutschland operieren lassen wolle. Und dass er das am Flughafen wirklich sagte, und dass er als Türke nach Deutschland flog und jetzt Amir Huschang Rahbarsare hieß, wobei das ja witzig sei. Aber er wolle es uns nicht erzählen, auch nicht, dass der Beamte am Schalter über Asfaels Foto rieb und feststellte, dass es ausgetauscht war, und dass er, Watan, ihr nicht helfen konnte und nur auf den Daumen des Beamten starrte und dann irgendetwas über das Wetter zu erzählen versuchte, aber da war sie schon abgehauen und für immer verschwunden. Und das wolle er uns auch nicht erzählen, dass er sie dann plötzlich doch so richtig liebte, es sei denn, wir würden es hören wollen. Und wir sagen: Im Grunde genommen, ehrlich gesagt nicht, vor allem nicht, weil wir schon davon träumen, Watan, du wiegst jetzt das Gras! Und er wiegt das Gras und sagt: Ach die Waage spinnt, ich geb es euch so! Und das ist mal ein Wort, da bedanken wir uns. Wir stehen auf und machen uns endlich auf den Weg zur Fete, und Watan fragt natürlich noch, ob er mitkommen kann. Aber wir sagen: Das geht leider nicht, Watan, weil es eine Privatparty ist, das tut uns leid, aber du verstehst es sicher? Und er sagt, dass er das versteht, und dann kommt er trotzdem noch mit, weil er zum Kiosk will, das ist die gleiche Richtung, aber nachdem wir uns am Kiosk verabschiedet haben, merken wir, dass er uns weiterhin folgt. Immer wenn wir uns umdrehen, bewegt er sich irgendwo im Schatten, und wir haben ein ganz komisches Gefühl, als wir schließlich die Party erreichen. Vor der Haustür warten die Mädchen, denen wir Gras mitbringen sollen, sie sehen uns an, scheinen sich aber gar nicht für uns zu interessieren, eigentlich recken sie nur die Köpfe und fragen: Was kommt euch denn da hinterher? Und wir sagen: Das ist Watan, wir kaufen sein Gras.


*© Andreas Stichmann, 2013.

Mutter verschwand am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten. Am einundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen acht uhr und dreißig minutenrief Vater an und teilte es mir mit: »Mutter ist gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten diese nacht gestorben.« Ich ging ins bett zurück und setzte die am abend zuvor unterbrochene lektüre des entencomics fort. Mit dem verschwinden Mutters ist seit langem gerechnet worden. Mitte April des jahres neunzehnhundertsiebenundneunzig rief Vater an und sagte, es könnten jetzt jederzeit die organe aussetzen. Am neunzehnten August neunzehnhundertachtundneunzig ist Mutter dann ein letztes mal ins wachkoma gefallen, nachdem sie tage zuvor bereits nichts mehr gegessen hatte und nicht mehr das heißt endgültig nicht mehr umhergelaufen war. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Meine fensterlose Mutter! Nachdem sie wochen und tage meinen Vater beschimpft hatte, er komme nie pünktlich nach hause und die kinder seien nicht artig am tisch, sagte sie plötzlich nur dann und wann noch, »ach, da bist du ja« oder einfach nur »Vater«, oder »Vater« auch fragend, wenn Vater ins krankenhauszimmer trat und mit dem eintritt ins zimmer sie besuchte. Sie war jetzt abgemagert und bettversunken. Sie hatte jetzt flecken überall. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies.

Am achtundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr morgens wurde Mutter beerdigt. Ich warf eine gelbe rose in den schacht. Die rose lag vorbereitet in so etwas wie einer schachtel. Man greift in die schachtel hinein und nimmt eine rose heraus. Dann wirft man die rose in den vorbereiteten schacht hinein. Es ist aber nicht so, dass man an ein hineingestoßenes leben denkt, man wirft die rose in den schacht und weint. Ich behalte Mutter mit freundlichen augen zurück. Sie sitzt aufrecht im bett mit einer weißen strickjacke gegen das frieren an. Sie fragt mich, ob es mir gut gehe, und ich bejahe dies. Sie sagt, sie komme wohl nicht mehr heim. Sie ist jetzt insgesamt überraschend klar. Sie ist von einer überraschenden klarheit. Sie ist plötzlich eine alte frau geworden, die sie niemals war. Sie altert jetzt täglich. Sie erinnert sich, dass ich längst nicht mehr zu hause wohne. Auch sie wohne nicht mehr zu hause, sagt sie, sie wisse aber nicht genau, wo sie jetzt eigentlich wohne, und ob sie überhaupt eine wohnung habe noch. Sie wohne halt hier und da.

Als Mutter verschwand, und Vater anrief, Mutter sei diese nacht gestorben, ging ich ins bett zurück und zur lektüre zurück und den mäusen den enten dem geizigen Dagobert. Onkel Dagobert ist gerade wieder einmal dabei, seinen reichtum ins unermessliche zu steigern. Die von ihm dafür aufgebrachte logistik ist die erbärmlichste. Zu dieser logistik gehören auch die neffen. Die es immer wieder im entscheidenden moment rausreißen. Immer hat es Donald jetzt endgültig satt, wenn Dagobert ihn unentgeltlich schuften lässt. So ist das. Ist Donald das leben und Dagobert der tod?

Jetzt kannst du nicht mehr anrufen und nach Mutter fragen, stellte ich fest. Und du bist nie mit Mutter ins kino gegangen und nie mit Mutter ins theater gegangen, stellte ich fest. Überhaupt bist du mit ihr immer nirgendwo hingegangen. Es gibt so viele letzte blicke, dass ich gar nicht mehr weiß, wann genau ich sie zuletzt gesehen habe. Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Ich winke noch einmal zurück, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff gleitet langsam ins sichere schloss. Auf dieser station liegt der gebrochene fuß neben dem tod. Hinaus geht alles den flur entlang. Mutter hat schwierigkeiten mit der zunge, ihre stimme aber ist unmitgenommen. Sie schluckt schlecht und muss künstlichen speichel trinken.

Das erste mal nach ihrer erstmals freiwilligen und zugleich letzten einlieferung besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Sie ist in einem so erbärmlichen zustand, dass ich außerstande bin, anderes zu tun als stundenlang nur wortlos neben ihr zu sitzen. Selbst anschauen ist unmöglich. Auch die hand verstohlen auf die blaue wolldecke legen ist unmöglich. Barbara ist tränendurchschossen direkt aus dem zimmer wieder hinaus, kaum dass sie Mutter so daliegen und so erbärmlich sein und so fast verschwunden eingefallen vertrocknet und knochenschädelig so hat daliegen sehen, sofort wieder aus dem zimmer raus. Was hätte ich Mutter sagen sollen? Dauernd zeigt sie mit dem fliehenden finger auf merkwürdige gestalten da an der wand oder hier auf dem tisch. Sie richtet dabei ihren kopf so gut es geht ein wenig auf und schaut angestrengt mit kleinen augen mitten hinein in ihr geisterreich. Hatte es sinn, ihr zu sagen, da sei nichts als eine blume, ein seifenspender ein fleischfarbenes getier aus holz, das immer bei ihr war? Sie mochte es nicht glauben. Sie nämlich sieht fliegende vögel und gesichter. Als Barbara wieder ins zimmer tritt, hat Mutter gerade etwas tee aus der schnabeltasse getrunken und erbrechen müssen. Barbara wischt das braune zeug, den gallentee, von ihrem mund und ihrem weißen jäckchen. Das sei ja ungehörig, schämt Mutter sich. Sie könne das nicht leiden, sie sei ihr ganzes leben ja immer so etepetete gewesen. Das weiße jäckchen sei jetzt wohl unbrauchbar, überhaupt könne sie das ganze hier nicht mehr leiden, und abends würden über ihr ausgelassene parties gefeiert mit sexueller belästigung und so. Still bewundert sie meinen silbernen ring, den sie gern für sich behalten würde. Ihr finger sei aber sicher zu dünn dafür. Zwischen den sätzen bekommt sie so momentane abwesenheiten, gesichtsstarre, durchblick. Pfingsten war Mutter so erbärmlich, dass mein ganzer körper wie ausgegossen neben ihr saß mit so etwas wie gefühlstaubheit. Mutter schien keine angst zu haben.

Ich werde wohl langsam alt, sagte sie plötzlich vor jahren. Oder sie sagte, ich werde alt, bis sie eines tages sagte, wir sind alt geworden. Sie sitzt zu hause auf dem sofa. Irgend etwas fällt ihr nicht ein. Sie erinnert sich genau, dass ihr ein name nicht einfällt. Doch, sagt sie, ich spüre genau, dass ich alt geworden bin. Es fällt ihr nicht ein. Pfingsten berichtete Mutter von nächtlichen begegnungen mit ihrem vater, von nächtlichen erkundungen und bedenken, ob das hier alles mit rechten dingen zugehe, erblickte dann und wann eine sonderbare gestalt im zimmer, an der decke oder dicht neben ihr am bett, wollte dann und wann ihre sündhaft teure wie sie sagte lieblingscreme gereicht bekommen, um sich die immer trockener werdenden hände einzureiben, die sie ja im gegensatz zu ihren beinen noch passabel bewegen könne, immerhin. Und was ihr keine ruhe ließ, war der verlust ihres silbernen und sündhaft teuren wie sie sagte diamantringes, der ihr spurlos abhanden gekommen sei. Das könne nur an ihren fingern liegen, die sind ja alle so dünn geworden, da falle ja alles ab, was jahrelang nicht draufgepasst habe, schließlich fällt es ab. Jetzt endlich lege ich drucklos meine hand auf die decke, darunter ihre vollkommen abgemagerten beine stecken. Beine erahnen. Sie ist so mager, dass die sehnen des halses wie trockene äste aus ihrem körper wachsen so mager. Ihr kehlkopf ragt hervor, als wolle er für sich sein. Die arme drohen plötzlich wegzuknicken, ihr ganzer körper ist eine regierungslose marionette, deren fäden jemand verworren hat. Sie zeigt mir ihre zeitschriften, die sie immer noch mitgebracht bekommen wolle, die sie aber nicht mehr lesen könne, nur bilder schauen. Das sei jetzt die kommende mode, und ob mir das gefalle. Ihr nicht, sagt sie. Ihre füße jucken, dagegen könne sie aber nichts machen, sie könne nämlich die beine nicht mehr heben und habe das auch schon lange nicht mehr versucht. Nach einigen minuten nur dasitzen daliegen wegdenken überkommt sie die vermutung, scheißen und kotzen gleichzeitig zu müssen, was sie so nicht sagt. Mir ist auf einmal undefinierbar schlecht, schießt es aus ihr raus. Die schwester wird geholt, wir staksen den flur auf und ab, bis es Mutter wieder besser geht. Ihr mattes haar liegt jetzt noch abgebrochener neben dem kopf, fällt mir auf. Macht euch keine sorgen, hatte Mutter gesagt, als ich sie nach ihrer ersten operation wiedersah. Jetzt sagt sie nichts dergleichen. Es ist ihr alles peinlich. Ohne fremde hilfe kann sie nicht aufs klo. Jedes mal werde sie auf einen stuhl gehockt. Früher sei das ja ganz anders gewesen. Sie wisse, dass sie völlig unwillig sei. Das hätte sie sich aber ihr leben nicht gedacht, dass es mal so kommen werde. Sie wünscht uns alles gute. Ob wir die balkontür ein wenig öffnen könnten, die luft sei unerträglich schlecht. Ob wir das nachempfinden könnten. Für kurze zeit fällt sie in schlaf oder dämmerung. Sie hat ihre große brille auf, durch die man unter ihrem linken auge einen fleck sehen kann. Deutlich zu sehen ist ein dunkelroter fleck. Ich habe sie nie gefragt, warum der fleck da unter ihrem auge ist. Fragt man sie geradeaus, wie es gehe, sagt sie stets, es gehe ihr gut. Sie sagt allen, es gehe ihr gut. Es geht mir gut, sagt sie allen, die sie fragen. Ich habe sie nie gefragt, ob sie bald zu sterben denke.

Als die krankheit in der leber war, gab’s wohl keine hoffnung mehr. Zu niemandem hat sie gesagt, dass es das dann wohl gewesen sein werde. Keine mitteilung über den tod. Kein wort. Manchmal brach sie in tränen aus und tat dann so als habe sie sich verschluckt oder einen trockenen mund oder etwas merkwürdiges in der kehle. Vater sagt, sie habe nie über den tod gesprochen. Sie freute sich, wenn man sie besuchen kam. Sie klagte nicht, wenn man gehen musste. Nur über Vater hat sie geklagt, ununterbrochen hat sie ihm und allen vorgehalten, er sei nicht für sie da, er komme und gehe wann und wohin er wolle, er lasse sie hier im stich, er sei immer unpünktlich, das habe es früher nicht gegeben, er halte die abmachungen nicht ein, er bleibe die meiste zeit einfach weg. Vater ertrug diese beschimpfungen stets mit ausgeharrter sanftmut. Sein aufgeräumt kariertes jackett, und sie in ihrer nachthemdhülle. Karriere karies. Gangart des pferdes, schneller galopp. Zerstörung der knochenteile. In voller karriere daherkommen. Morschheit fäulnis. So wie er früher aufs amt gegangen ist, zur arbeit gegangen ist, so wie sie spürbar verschwindet. Ein drittes ist ausgeschlossen. Früher hatte sie öffentlich geweint. Öffentlich war zu hause. Ich schätze das so ein, dass es ein weinen aus verbitterung war. Auch hatte sie da selten grippe oder ›herzgeschichten‹, wie dieses ammenmärchen hieß, lag sie tagsüber und nächtelang über tage im bett bei zugezogenen oder aufgerissenen vorhängen und war unansprechlich auf gnädige art und weise aber so etwas wie empfänglich mal guten tag sagen von Vater vorgeschickt und lag da im nachthemd im bett tagelang mit diesem unwort, das es damals nicht gab, mit depressionen. Mutter, bettliegend, damals schon in zeitschriften geblättert, geheim wie geheimnisvoll. War aber nichts drin außer verweigerung. Modeabschöpfung. Und ging hinaus. Und kam anderswo wieder herein. Nämlich ins krankenzimmer. In die verwesungskammer. Auf den friedhof. In die zerstreuung entfernung. Wurde aus unserer mitte entfernt. Wo das liegen könnte. Notate. Ködersprache. Von Mutter als etwas unediertem zu sprechen. Fragment, randglosse. Bahnung, riss und zug. Form und bruch, schneise und strich.

Eine  krankheit  ist  ja  immer  auch  eine  krankheit  des bewusstseins. Das, auf was alles zusteuert. Zusammenfassung des lebens als mitteilung da ist krebs im darm. Dass da bereits eine fortschreitung ist, wird Mutter aber ganz und gar nicht direkt bekannt gemacht. Bis zu ihrem tod hat sie nur einen inneren bescheid, was sie so fürchterlich ahnte, als sie wochenlang nicht mehr scheißen konnte. Hatte unsägliche schmerzen, die sie genau lokalisierte, nämlich darmwärts. Eines tages geht sie zum arzt und sagt, da ist was. Das spüre sie seit monaten. Der arzt fertigt bilder an. Er tritt vor meine Mutter hin und sagt, da ist was. Kann es so etwas geben wie ein bewusstsein dafür, dass da etwas ist, fragt meine Mutter den arzt. Es ist absolut nicht unmöglich, dass Sie vorher wussten, was ich Ihnen jetzt bejahe. Und ob es schlimm sei. Dass es wirklich schlimm sei. Danach immer zusammenfassung zusammenfassung zusammenfassung. Ein vor augen stellen. Eine tägliche portion abschied.

Am abend des zehnten Januar neunzehnhundertvierundneunzig bin ich zum essen eingeladen. Ente acht kostbarkeiten. Auf den kerzenlichtbestrahlten tisch hat die gastgeberin sich selber aufgedeckt. Sofort will ich ihr mit der zunge zwischen die schenkel langen. Telefon. Hier ist Vater. Mutter ist schwer erkrankt. Sendeschluss. Das war neunzehnhundertvierundneunzig. Da war das essen zu ende. Schwer erkrankt klingt ja auch heute noch nach lebensende. Um nicht zu sagen liegt bereits im sterben. Acht kalte kostbarkeiten. Kein essen mehr. Seit neunzehnhundertvierundneunzig habe ich nicht mehr gegessen. »Ja mehr denn gantz verheeret!« Das sympathetische wissen selbst ist ein krebsgeschwür und hat aller schweiß und fleiß und vorrat aufgezehret. Was ist das was einer denkt? Wohin gehn all diese gedanken, nachdem das betriebssystem erloschen ist? Kreist das dauernd in sich selbst? Sind unsere gedanken wirklich, sind unsere gedanken wirklich fensterlos? Weiß halm nun eine lösung, der jetzt bereits mahl nun ist und lahm nun? Fragen, die Mutter nicht berühren. Mutter nicht berühren! Die Mutter, das fremde denken. Nie reichst du heran! Möglicherweise ist es ja so, dass alles denken gleich – und gleich verloschen ist.

Es hat schöne gespräche gegeben in unserem leben. Aber wovon handelten die schon. Es sind wichtige dinge, vom wetter und vom essen zu reden. Mutter sprach gern vom wetter und vom essen. Setzt euch hin und redet nicht so viel über dinge die man nicht essen kann. Hätte von ihr sein können. Wetter war aber etwas, das in ihr drin war, das konnte sie spüren, das machte sie fertig oder froh. Mutter war nicht von dieser gesellschaft. Ich glaube, sie war aus dem krieg, und sie hat alles mit dem von aus dem krieg verglichen. Und da war wohl wenig deckungsgleich. Sie hat ihre kinder nicht auf der höhe der gesellschaft erzogen, ich meine, diese gesellschaft war ihr beim erziehen immer im weg, ich meine, diese gesellschaft war ihr immer im weg, will heißen, da gab es so voreingenommenheiten, so gegenseitig tote winkel, unlebbare versprochenheiten, sie ist ihren beschwerlichen fahrradweg zur schule gefahren, sie hat pharmazeutische dinge gelernt, danach, und dann kamen so umbrechungen, eine plötzlich so jäh hereinbrechende gegenwart, eine hinübergereichte indieweltstellung, sie ist eigentlich immer mit ihrem fahrradweg zur schule gefahren. Ich würde gerne mal wissen, ob sie einen gedankenhaushalt hatte, wie sie einen haushalthaushalt hatte, in dem alles protokolliert und aufgeschrieben war, aber sie hat wohl nichts weiter aufgeschrieben als den haushalt, die gläser obst, die rezepte, die wenigen briefe mit ihrer schönen blauen schrift, mit ihrer heimat. Ihre haushaltsehe, die schönste denkbare schrift. Grazil geführter fluss. Sie hat schließlich nicht mehr selber telefonieren können, wohl aber gesprochen, wenn jemand in der leitung war. Ihre stimme ihre schrift. Sie hat schließlich das alphabet der zahlen nicht mehr verstanden, ihr ist alles abhanden gekommen, was eine verbindung herstellt nach draußen, wo sie fließend in den köpfen ist.

In ihrem nun verlassenen zimmer öffne ich den schrank sperrangelweit und fische einen letzten zettel mit ihrer verzitterten verknitterten schrift. Da ist sie wieder diese handsame warme führung dieses endlich verlernte alphabet mit spuren nach kindsein im vertrauten gehege als da ein lesen noch auflesen war. Jemand sagte ihr einen namen eine straße ein noch zu erledigendes etwas oder ihr fiel etwas ein und sie schrieb es auf. Eine boje ein standort eine flüchtig ergriffene gelegenheit. Was bleibt ist eine schrift. Sie versucht, den zettel zu entziffern. Sie kann keine landschaft mehr lesen. Was sie immer und immer wiederholt, soll und kann nicht anders als nicht mehr als genug sein. Eine socke, fällt ihr wochen vor ihrem tod ein, hat sie seit jahren vergessen zu stopfen. Sie will jetzt da sie in ihrem sessel sitzt bequem oder verhältnismäßig bequem diese vergessene socke stopfen. Auch die fließende nadel ist ungehörig. Das führt zu nichts. Da sie merkt, dies führt zu nichts als zeit und nichts als verjubelter zeit, sitzt sie plötzlich nur noch da und käme einer mit dem lichtbart dieser unpünktlich zeitlosen patriarchen, sie schämte sich gleich für ihn mit. Hast du denn nichts besseres zu tun? Aderlass. Jetzt wo sie tot ist, ist sie fremd. Wie kommt das, wenn einer tot ist, dass er fremd ist. Jetzt, wo einer tot ist, ist er fremd. Wo denn das wo ist. Ist ihr leben eine erinnerung, die fremd ist, fragt sich jetzt das überbleibsel. Alles sprießt. Es ist eine große verwunderung in der welt, dass jetzt dennoch alles sprießt, wo sie tot ist. Die vom krieg gelockerte Mutter, die unterwegs verloren ging. Wo ein gedanke hingeht wenn er gedacht ist. Ob da nicht ein direktes museum ist, wenn einer seine schränke und türen, seine treppen und verliese zurücklässt, seine verschlusssache. Sie öffnet die lade ihres sekretärs und nichts als schlüssel und fotopapier. Sie hat da immer so hineingekramt. Fundgrube und verschlossene schatztruhe zugleich. Da ist ein zeitmoment ein kindergesicht. Da gibt es schon längst kein schloss mehr für. Wer in aller welt soll das denn noch zusammendenken/-leben? Ein zettel voller namen ein unbeschriebenes namenpaket. Rezepte fotos rezepte. Und das foto mit opa im arztkittel und kleine unverbrauchte dinge die niemand mehr braucht. Aufgesparte gummiringe nie benutzte griffel. Eine welt eine unfertigungshalle. Ein pass. Ein wort. Ein nicht mehr zurückkommen. Ein hinunterfallen. Fotos von Vater in allen jahren. Ordnungssysteme registraturen. Denn was du nie verlierst das musst du stets beweinen. Das hätte von ihr sein können. Sie hat nichts verloren. Sie hat alles abgelegt. Sie hat nicht mal sagen können, meine ordnung sieht immer so unordentlich aus. Ihre ordnung sah aus wie alle ordnung. Ein aufzählen bloß. Ein dahinlegen. Schlüsselsysteme. Schlösser unauffindlich. Metallstangen, mit denen der dachstuhl des sekretärs zu öffnen ist. Mutter machte das mal vor und beeindruckte mich. Fingerfertigkeiten, das mittelgeschoss zu öffnen. Offenbarung, offenbar. Seit jahren gelingt mir das nicht. Seit jahren vermute ich hinter den dingen und in den dingen truhen schachteln kammern einen schatz eine vertrautheit eine fotografische vollnarkose, die mich ins land meiner Mutter entführt, die mich für einen weggeatmeten augenblick mal tapfer in ihrer landschaft stehen lässt Düsseldorf Bitburg Nonnenwerth und Neuerburg da ist sie mal gewesen mit uns, da hat sie mal hingezeigt aus dem vorbeifahrenden auto raus in dem wir saßen dass sie da mal gewesen ist ganz selbst. Den ihrer zungenschläge aber mochte ich am liebsten, der schon lietzeburgisch war. Dem hörte ich stundenlang zu, ohne ein wort zu verstehen. Das konnte sie singen, wenn wir in Geichlingen an der luxemburgischen grenze zu besuch bei Grete waren, der haushälterin von oma und opa. Eines tages hatte Grete ihren bauernhof frisch tünchen lassen. Ich glaubte ihr einen gefallen zu tun die fliegen in hundertschaften mit fliegenpatsche an die frischgetünchte außenmauer zu heften. Sah aus wie von masern befallen diese frischgetünchte fassade. Danach fliege gemacht. Wir sind jung und das war schön, sagte mal jemand.

Auf ihrem letzten foto hat Mutter das kleid schon an, in dem sie später beerdigt wird. Das hat ihr immer gut gestanden, und weil das ihr letztes foto ist, sagt Vater. Vom tod gezeichnet, wie das so landläufig heißt, so schaut Mutter eineindeutig neun monate vor ihrem tod. Als müsse sie in unvorbereitet kürzester zeit stellung beziehen, wo ihr doch schon die bloße anwesenheit die ärgste anstrengung war. Alles gerinnt zu einem sogenannten. Sie steht täglich vor mir. Träume ich, ist sie nicht tot. Ich weiß das in- und auswendig. Ich gelange da nicht hin. Eben nicht zu vergessen Bas Jan Ader, der am neunten Juli neunzehnhundertfünfundsiebzig von Cape Cod mit einem kleinen segelboot in see stach, um den Atlantik in richtung England zu durchqueren. Nix da! Eine halb verfaulte nussschale. Das wars. Kieloben treibend. So westlich von Irland. Er selbst verschwunden. Aderlass. »Mein Körper, das Ertrinken praktizierend«, hat er mal notiert. Und dann »I’m too sad to tell you«, jener wunderbare sechzehn-millimeter-film hemmungslosen weinens. Das ist es. Ein weltraum des weinens. Und ob es danach einen moment der ruhe gibt. Ob nach diesem weltraum alles raus ist. Manchmal ist das mit dem eigenen weinen ja so, dass man es selber nicht von einem filmweinen unterscheiden kann. Man lernt und weint ein leben lang.

Öl. Ein flüssiger kerzenschein eine fünftagesration ewiges licht. Und wiederkommen. Und wiederdenken. Das gedächtnis ist ein baum. Ein blumenstrauß. Angeflogenes, sofort wieder unterbrochenes beten. Ein todestag als gedächtnisring. Eine sprießende frühjahrsblüte mit wurzel. Eine schale. Und wiederkommen. Erde wenden. Und winter werden. Und danebenstehen. Immer mal da so hinkommen bis jemand zu dir kommt. Auf grasnarbenfühlung auf touristenkurs. Vielleicht auch mit diesem unsagbaren bild auf den lippen mit dieser verstarrung oder nicht mehr unternehmbaren kopfbewegung. Da wie sie daliegt. Wie sie nur noch wenig machen kann. So rumdrehen zum beispiel eine unmöglichkeit. Verabschiedung unmöglich. Kurzsichtig ohne wiedergruß. Kurzsichtig und voller raum im gesicht. Betreten. Auf der einen seite stehen. Auf der anderen. Das leben ist eine abgewöhnung. Und ein tod hilft ja auch dabei wie dieser. Liegt mutterseelenallein auf der sterbepritsche. Vater fallen schon die augen zu. Der ihr seit stunden erwartete tod der ihr aber seit tagen schon ausbleibt. Komatös mit nach hinten gestrecktem kopf. Hat ein leibchen an. Keine letzten überlieferten worte. Dagewesen weggegangen. Bloßheit. Und wohin das führt. Vater fallen die augen zu. Er geht jetzt mal nach hause. Ein mutterseelenmenschenleerer raum darin Mutter verschwindet. Sie sagt ja nicht, geh mal eben nach hause, ich muss jetzt sterben. Hinübergehen. Abkratzen. Platte machen. Platz machen. Sich ein leben lang verhört haben. Sich ein leben lang fragen, habe ich das richtig verstanden. Und mal etwas klarstellen wollen. Das betriebssystem Mutter überprüfte sozusagen lebenslänglich seine schnittstellen. Waren vielleicht ja gar keine da. Ein selbst verglühender herd. Was aber schön ist, selig scheint es in sich selbst. Was da so trocken im laken verglüht. So unpolitisch am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig. Wie wir da ins zimmer treten und denken uns trifft der schlag. Wie da plötzlich alles stillsteht. Wie wir im gehörten das hören hören. Vielleicht ist das ja etwas das nie aufhört, dieses STERBEN das nie aufhört. Dieses dünne ärmchen, das aus dem laken schießt. Diese unberingte hand, die nach einem ring sich sehnt. Dieser komplett untergeschossige körper, der es selbst nicht fassen mag. War doch gestern noch kompletter, sagt sich dieser körper abermals und gern. Was ist das denn plötzlich ernsthaft, dass das so nicht mehr geht.

Wiederholt verbucht sie so manches falsch. So zum beispiel das vehemente verneinen auch nur irgendeinen sohn gehabt zu haben. »Wieso mein sohn hat mich besucht!« Bis zuletzt gab’s von Vatter für Mutter ausgesuchtes und zwar eine woche vorher ausgesuchtes mittagessen, nämlich diesmal irgend so was mit dampfsuppe fleisch und tirili. Diäthalber sterbenslangweilig verdaubar und abgangswürdig. Aber was willste machen. Alles auf der welt findet irgendwo in der welt ein katastrophales verständnis. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies. Ich hätte gern einmal verständnis dafür entwickelt, was da organisch so abgeht, was da so abfällt und aussetzt organisch. Es ist halt so dass ich mit dieser tastatur sehr gerne mal in die eingeweide vorgedrungen wäre, aber es war nicht so, dass mir dies zu lebzeiten auch nur ausgesprochen gelungen gewesen wäre. Die deutsche grammatik versprüht immer so einen ausgestochenen verwesungsgestank. Diese permanent papstgesegnete deutsche sprache. Diese sparsprache. Diese philosophensprache. Diese pfandwertflasche. Dieses sterbekristentum. Dieses abtransportiertwesen. Dieser stolz: »Der wird mir unrecht thun / der meinen tod beweinet.« Ihr tod. Ein tod eine echtzeit und drum herum so etwas wie hermeneutik oder karlsruher karneval. »Es wird der bleiche todt mit seiner kalten hand« habe ich zwar gelesen, erschrickt mich aber nicht.

Besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Selbst anschauen war unmöglich. DAS jagte einen hinaus als wäre kein platz! Hatte sich aber noch kurz vor ihrem tod in einem unterwäschegeschäft unterwäsche gekauft in rauen mengen und wollte immer einkaufen gehen. Einkaufen war für Mutter stets ein staatsakt. Der oberstadtdirektorvater, und Mutter geht jetzt für die oberstadtdirektorfamilie einkaufen. In diesem verschissenen Düren einkaufen gehen. In diesem geistig total vor den hund gekommenen Düren einkaufen gehen. Mit ausnahme des museums ist diese stadt bitte dringend zu schließen! Eine stadt, die im krieg zu achtundneunzig prozent zerstört wurde, hätte besser nicht mehr aufgebaut werden sollen. Man hätte alles so stehen und liegen und verrotten lassen sollen. Dann hätte man noch fünfzig jahre nach dem krieg menschen und frauen aus aller herren länder da mal hinführen können mit dem satz: DAS ist der krieg. Bitte alle Düren schließen. Eine möchtegernstadt wie ein schweizer käse. Wenig gestalt um viel nichts. Das nichts scheint durch. Immer diese vorstellung des weniger werdens. Und hochschrecken nachts, weil im traum sitzt Mutter noch da, und es ist die rede von einem wunder. Dass sie jetzt wohl über den berg sei. Dass da nicht mehr viel passieren könne. Und da sitzt Mutter also und lässt es sich gut gehen. Nicht totzukriegen. Sitzt da vor sich hin. Besuch aus einer anderen welt. Redet plötzlich ganz anders als im leibhaftigen sinne.

Abermals hochschrecken, weil die finte bemerkt wird. Sofort klar machen, dass Mutter hinüber ist. Beruhigend zu wissen, sozusagen. Alles beim alten. Auch sie hatte vor den nächten angst. Sie wollte eigentlich die nächte gar nicht mehr haben. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Dort im krankenhauspark steht eine skulptur. Einmal hat meine Mutter aus dem fenster in den park hinausgeschaut und da hat sie genau dieses ding da gesehen. Das ihr gut gefallen hat. Nachdem Mutter am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten verschwunden ist, erteilt Vater dem skulpturenmacher den auftrag, eine schicke stele fürs grab zu machen. Ein sehr erdenfestes, ums zentrum verzwirbeltes oder verdrehtes gerät aus grauem stein ist es geworden. Hat mittlerweile schon moos angesetzt. Nein, meine Mutter hat mich nicht persönlich angerufen, mir zu sagen, »ich habe krebs«. Ich bekam einige wochen nach Vaters meldung, Mutter sei schwer erkrankt, von ebensolchem Vater eine telefonnummer, mit der ich die bereits operierte und noch krankenhausbettlägrige Mutter besuchen konnte. Niemand von uns hatte eine gute gesprächseinstellung parat. Ihre stimme war eine starke schwäche. Nur kurz telefonieren, hatte Vater gesagt. Ein leben ist immer ja ein wunsch voneinander. Nein, das sind so verbrauchte sätze. Das ist kein ausgang. Den stil verbessern, heißt, die gedanken verbessern, sagte mal jemand. Man wählt diese nummer ja nicht nur einmal nicht ganz so durch, sondern immer nur bis zum anschlag, immer nur bis zur vorletzten nummer, immer nur bis höchstens zur letzten nummer, die aber schon nicht mehr ganz durchgeht, vielmehr längstens ein wenig angeläutet wird, dann schnell den hörer auf die schüssel. Man scheut die erste liebe wie den ersten tod. Es ist alles vermittelt und numerös. Hörer wieder abnehmen, weil es doch die eine einzige stimme ist, die zählt.

Einen einzigen brief gibt es von ihr. Sie kündigt darin an, meine hose aufzubewahren, die ich vergessen habe beim letzten besuch nach dem umzug und die sie mir schicken könne, vorerst. Das ist jahre her. Die mittlerweile längst aus der sogenannten mode gekommene hose hat sie mir höflich in einem karton geschickt. Ich habe ihr nämlich einen brief geschrieben, bitte schicke mir besagte hose, weil es wird kalt, und die hose fehlt mir. Hose ist mittlerweile verrottet, karton habe ich aufbewahrt. Und zwar liegt da so allerhand unzurechnungsfähiges zeug drin rum. Karton also aufbewahrt, aber nicht mehr reingeguckt. Die hose ist von anfang an schon zu kurz gewesen, ich steckte trotzdem mittendrin und nannte diese hose stets ›beinkleider‹. Zwischen dem verrecken einer nahe liegenden person und dem verrecken einer fast identischen person liegt nur das anziehen einer hose. Oder das alphabet. Du ziehst eine hose an und Franz Papaver spricht von identität, die nur variierte wiederholung ist.

Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Mutter hatte gerade gefrühstückt, was ihr diesmal anders als die tage zuvor freude zu machen schien, sagte Vater. Ich war mir völlig im klaren darüber, sie das letzte mal gesehen zu haben. Mit einem nochmaligen betreten des zimmers hätte dieses bewusstsein ein anderes werden können. Es hat aber ganz und gar keinen vorwand keinen deckmantel gegeben, den raum erneut zu betreten. Ich muss jetzt gehen, rief ich ihr zu, einmal noch winkend, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff glitt langsam ins sichere schloss. Wohin aber gehen? Das zimmer verlassen, die station verlassen, das gebäude verlassen. Einmal noch notiz nehmen  von  dieser  abgelegenheit. Von  dieser  reparatur-, heilungs-  und  beendigungsstätte. Felsenfest  sagen, hier möchtest du bis an dein lebensende nicht mehr rein. So tun,     als sei nichts gewesen. Auf andere gedanken kommen, sozusagen.  Aber  wohin  denn?  Vorbei  am  alten  abgerissenen schwimmbad, an all diesen wie aus dem hut gezauberten überanstrengungen vorbei, die Düren heißen. An diesem gesamten ensemble der notdurft vorbei. An der mittelstadt vorbei. Vorbei an dir selbst in jenen heruntergekommenen etablissements der innenstadt einen kaffee trinken. Das ist eine durch und durch vergessenswürdige kleinstadt. Sitzt plötzlich aufrecht im bett, nachdem sie bereits stunden zuvor keinen laut mehr von sich gegeben hat. Ob sie wohl wieder einem phantom nachjagt. Fragen, die sie stellt. Ob ich das gehört habe, was opa sagt. Es verwundere sie zutiefst, dass opa hier etwas vor allen leuten sage. Opa sage nämlich nur ihr allein immer was und zwar morgens im bad. Ich solle doch bitte die leute rausschmeißen. Dass es nicht stimme, was ich sage. Dass ich hier nicht allein mir ihr in diesem zimmer sei. Dass diese anderen leute böses im schilde führen. Dass sie manchmal nicht ganz aufmerksam sei. Sie habe wie sie sagt in ihren lichten momenten das gefühl zwar schon seit längerem regelrecht vor sich hin zu altern aber dieses ganze hier das habe doch mit gottes erlaubnis nichts mehr mit altern zu tun, das sei doch was ganz anderes, und ob ich ihr da mal entgegenkommen könne mit einem hinweis was das denn genau nun sei, sie jedenfalls habe zwar vielleicht mal was davon gehört, es mittlerweile aber vergessen, jedenfalls habe sie anderes zu tun. Außerdem, das aber sei nicht dringlich, falle ihr dieses eine wort nicht ein. Das so etwas endgültiges sei. Fällt wieder ins bett zurück wie tot. So also sieht sie aus wenn sie tot ist vielleicht. Jetzt ist sie bereits zehn minuten tot. Ihre haut auf den wangen. Ihre glänzende stirn, die sie mehr und mehr mit einer sagen wir hochprozentigen salbe einreibt. Was ist aus uns geworden. Diese alltagsfrage dieser gesalbte schmerz. Die adern ihrer schläfen die wie ein rinnsal das gebirge hinunterdrängen. Ihr schlaf, der ein gebirge ist. Und aus dem gebirge schaut sie plötzlich auf mit einem fast schon versöhnlichen lächeln, das alles zu überblicken scheint. Sind wir da denn hier noch beizeiten? Ist das denn noch alles rechtzeitig?

Am achtzehnten August zweitausend teilt mir Vater mit, er habe Mutters liebesbriefe wiedergefunden. Sie hätten in einer keksdose gelegen. Jedenfalls in einer blechdose. Mutter und er hätten damals die vernichtung ihrer liebesbriefe beschlossen. Sie hätte SEINE liebesbriefe tadellos verbrannt. Jetzt finde er wie zufällig in einem braunen karton, und sei es auch nur eine unbedeutende alte schachtel, diese IHRE liebesbriefe, die er dann wohl nicht wie es abgemacht gewesen sei vernichtet habe. Er wundere sich wie von selbst. In einer dose hier in diesem braunen karton sind sie dringelegen. Mutter habe alle seine liebesbriefe verbrannt, sagt Vater. Dies zeige sich, sagt Vater. Er habe also aus dem schrank diese kiste hier rausgenommen und anstatt des vermuteten christbaumschmucks seien also diese briefe hier dringelegen. Während all der jahre muss er also und zwar zuletzt an diesem ort ihre an ihn adressierten liebesbriefe aufgehoben haben, während sie wie abgemacht seine liebesbriefe ordnungsgemäß verbrannt habe, mutmaßt er. Finde er also in dieser keksdose Mutters liebesbriefe entferne er sogleich sämtliche noch übriggebliebenen briefumschläge mit all den wechselnden anschriften und adressen und schmeiße sie sofort in den mülleimer, sagt Vater. Er zeigt mir einen aktenordner mit sauber eingelochten handbeschriebenen papierseiten. Mutters liebesbriefe. Das darf doch wohl nicht wahr sein, entgegne ich. Auf die frage, warum er denn die briefe eingelocht und die umschläge weggeschmissen habe anstatt sie unversehrt in der dose im karton aufzubewahren, erwidert Vater, er sei nur an den briefen interessiert. Diese hätten jetzt zwar je zwei löcher, er habe jedoch peinlich darauf geachtet, dass keine textstelle berührt worden sei.


* Michael Lentz, Muttersterben. Prosa. pp. 139 – 157. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2002.

Wir standen mit Gerschom Scholem am Grab seiner Eltern und seiner Brüder auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Es war kalt, es war Dezember. Gerschom Scholem und Fania, seine Frau, hatten leichte Mäntel an, sie waren gerade aus Jerusalemgekommen. Scholem hätte eigentlich wissen müssen, wie kalt es im Dezember in Berlin ist, er hat ja langegenug hier gelebt, war hier geboren und aufgewachsen. Aber wahrscheinlich war das schon zu lange her. Es war 1923, als er wegging, weil er glaubte, daß er nichts mehr verloren habe in Deutschland.

Wir räumten das Grab frei von altem Laub und den Zweigen, Ästen und halben Bäumen und von dem maßlosen Efeu, das über alle Gräber klettert, von einem zum anderen, von Grab zu Baum und von Baum wieder zu Grab, und sich alles nimmt und allesverschlingt, bis die ganze steinerne Ordnung wieder zu einem Wald verwächst und nicht nur der Körper der Toten, sondern auch dieses ganze Werk der Erinnerung an ihn wieder zu Erde wird. «Da braucht man eine Axt, wenn man das Grab eines Vorfahren besuchen will, um sich einen Weg durch die angewachsene Zeit zu schlagen», sagte Scholem.

Auf dem Grabstein stand:

ARTHUR SCHOLEM

geb. 1863 in Berlin              gest. 1925 in Berlin

BETTY SCHOLEM, geb. Hirsch

geb. 1866 in Berlin              gest. 1946 in Sydney

WERNER SCHOLEM

geb. 1895 in Berlin

erschossen 1942 in Buchenwald

ERICH SCHOLEM

geb. 1893 in Berlin              gest. 1965 in Sydney

 

Scholem erzählte von seinem Vater, von seiner Mutter, von seinen beiden Brüdern, dem, der Kommunist geworden und in Buchenwald umgebracht worden war, und Erich, der nach Australien ausgewandert war. Er stellte sie uns alle vor, einen nach dem anderen. Und dann blieben wir eine kleine Weile stumm für die Zeit vielleicht, in der man hätte «Guten Tag» sagen und sich die Hand geben können. Scholem sprach ein kurzes Gebet. Er sprach es ganzleise, er flüsterte bloß.

Nahe dem Eingang, auf dem Wege zu dem Grab, gab es eine Baustelle, man konnte zwar nicht erkennen, was gebaut wurde, und alles sah aus wie immer, trotzdem war ein großes Stück des Weges abgesperrt mit einem Seil, daran ein Fähnchen, darauf die Aufschrift: «Achtung Baustelle». Fania Scholem nahm das Seil samt Fähnchen ab, ganz einfach, nur so, wie man die Klinke der Tür drückt, durch die man geht, und lief quer über die markierte Baustelle, und Gerschom Scholem rief ihr nach: «Siehst du nicht, daß der Weg gesperrt ist?» Aber Fania antwortete: «Ich lasse mich doch nicht von einem Strick abhalten, meinen Weg zu gehen! Siehst du nicht, daß da gar nichts zu sehen ist?» Scholem schüttelte den Kopf, aber folgte ihr doch auf dem verbotenen Weg über die unsichtbare Baustelle, nicht ohne am Ende das Seil hinter sich wieder einzuhängen.

Vor dem Tor des Friedhofs wartete ein schwarzer Mercedes mit Chauffeur auf Gerschom Scholem und Fania, der war ihnen nämlich von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, die Scholem eingeladen hatte, also von Bölling, oder vielleicht war es auch noch Gaus, für diesen Tag zur Verfügung gestellt worden.

Wir fuhren zur Schönhauser Allee. Scholem wollte sich eine schweinslederne Aktentasche kaufen, so eine, wie er sie früher in Berlin immer gehabt hatte. In Jerusalem gibt es so etwas nicht, und er hatte diese Aktentasche damals so geliebt und sich später immer wieder eine gewünscht, aber nie mehr bekommen. Deshalb wollte er sich jetzt in Berlin eine kaufen. Scholem und Fania, seine Frau, betraten den Ladenschon durch die falsche Tür und wurden wiederzurückgeschickt, um noch einmal durch die richtige Tür, auf der »Eingang» geschrieben steht, hereinzukommen. Dann versäumten sie in dem Selbstbedienungsladen an der bestimmten Stelle einen Einkaufskorb zu nehmen, und wurden wieder gerügt. Siebemerkten es aber gar nicht, weil sie sich laut unterhielten, und darüber ärgerten sich die Verkäuferinnen wohl auch und zeigten nur widerwillig einige Taschen vor. Fania wurde wütend über die Unfreundlichkeit und ständige Zurechtweisung, aber Scholem bat sie, sich zurückzuhalten. Zum guten Schluß kauften sie eine Aktentasche und waren sehr froh, weil es ein so alter Wunsch gewesen war und jetzt, nach so langer Zeit, endlich erfüllt.

Fania Scholem sprach deutsch. Aber woher konnte sie es? Ihre Muttersprache ist Hebräisch, später sprach sie polnisch, jiddisch, russisch, und dann als Fremdsprachen Englisch und Französisch, aber kein Deutsch. Also woher konnte sie es jetzt? «Sie hat es im Zusammenleben mit mir irgendwie eingeatmet», sagte Scholem.

Dann saß Scholem bei uns zu Hause im Schaukelstuhl. Er hatte bei der Tante Eva in Jerusalem schon alle unsere Briefe gelesen, und er sagte, ich solle in die Küche gehen und keinen Kaffee kochen, weil man dann nur kostbare Zeit des Gespräches verlieren würde. Er fragte und erzählte, und wir fragten und erzählten.

Was hat er nicht alles erzählt, tausend Begebenheiten aus deutscher und jüdischer und deutschjüdischer, alter, neuer und altneuer Geschichte. Von den Frankkisten, der jüdischmessianischen Sekte in Polen, deren Anhänger später alle zum Katholizismus übergetreten sind; über die hatte er gerade gearbeitet. Und von Walter Benjamins Freund Noeggerath aus Berlin, über den er jetzt hier noch etwas herauszufinden hoffte. Dann schimpfte er auf den Lubawitscher Rebben, dem habe er die Fälschung eines angeblich historischen Briefes nachgewiesen, und so etwas rege ihn als Historiker maßlos auf. Und vom Gesamtarchiv der Juden erzählte er noch, das sich heute im Staatsarchiv der DDR in Merseburg befindet, und wie er zum ersten mal dort war und es mit eigenen Augen gesehen hat, und von der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in Berlin, der ehemals riesigen Bibliothek in der Oranienburger Straße 68. Und wir sagten, da ist sie heute wieder, nur ist sie nicht mehrriesig, sondern winzig klein, aber in derselben Straße, in demselben Haus. Dort habe er die ersten Bücher jüdischen Wissens ausgeliehen, sagte Scholem, und wir sagten: wir auch. Und damit habeeigentlich alles angefangen, und wir sagten: bei uns auch.

Und dann erzählte uns Scholem vom Schicksal dieser Bibliothek. Nach dem Krieg nämlich war er im Auftrag des israelischen Staates nach Berlin gekommen, um dieser Bibliothek nachzuforschen und sie, wenn möglich, herüberzubringen. Jüdische Büchersind von den Nazis nicht vernichtet worden, im Gegenteil, sie wurden gesammelt und katalogisiert von zehn eigens dafür angestellten jüdischen Gelehrten (von ihnen haben nur die beiden, die mit deutschen Frauen verheiratet waren, überlebt) . Später wurde die ganze Sammlung nach Prag ausgelagert, weil die Nazis davon ausgingen, daß diese Stadt nichtbombardiert werden würde, und nach dem Krieg, also nach dem Sieg, sollten die zusammengetragenen Bücher wohl den Triumph über die Juden demonstrieren, so wie einst die Tempelschätze des zerstörten Jerusalem in Rom. Die Regierung der Tschechoslowakei, die nach dem Krieg die Sammlung in Pragvorfand, hat sie als ihr Eigentum betrachtet und in aller Welt zum Verkauf angeboten. So sind die Bücher überallhin verstreut worden, kein Menschweiß wohin, hier und da kann man eines oder ein anderes in einer Bibliothek oder einem Antiquariatin irgendeiner Stadt der Welt wiederfinden. Ein paar von ihnen hat Scholem auf seinen Reisen in allen möglichen Städten und Ländern wiedergefunden und wiedergekauft, die stehen jetzt bei ihm zu Hause. Es sollen auch 500 sehr wertvolle hebräische Handschriften darunter gewesen sein, von denen Scholem zwei in Warschau wiederentdeckt hat. «Es ist den Büchern nicht besser ergangen als den Menschen», sagte Scholem. Über seine Nachforschungen hat er einen Bericht verfaßt, den er aber nie veröffentlicht hat.

Später saßen wir im Hotel »Berolina», dort wollten wir Scholem und Fania, seine Frau, zum Esseneinladen, und nachdem er noch erzählt hatte, wie die Franckisten nach ihrem Übertritt zum Katholizismus in den polnischen Adel eingeheiratet und den also vollkommen »verjudet» haben, und darüber gelachthatte, sagte Scholem zu mir und Peter, meinem Mann: «Es heißt: Wandere aus in ein Land der Thorakenntnis (. . . und sprich nicht, daß sie zu dir komme, denn nur, wenn du Gefährten hast, wird siesich dir erhalten. Sprüche der Väter 4, 18). Jerusalemwäre gut, New York wäre gut, London wäre gut, sonstwo wäre gut, aber Deutschland ist nicht mehr gut für Juden. Hier kann man nichts mehr lernen, also hat es keinen Sinn zu bleiben, es ist viel zu schwer. Wie das gehen soll, daß ihr dahin kommt, weiß ich nicht, aber ich werde es mir überlegen.»

Sie lehnten es beide ab, Fleisch zu essen, sie lebten zwar nicht strikt koscher zu Hause, sagten sie, aber hier in Berlin wollten sie doch lieber kein Fleischnehmen. Fisch gab es aber nicht in dem Interhotel, und da konnten wir sie nur zu einem Eiersalateinladen, der auch schon halb vertrocknet war. Scholem und Fania redeten laut und lachten laut, und ichspürte die mißbilligenden Blicke von allen Seiten auf dieses ungenierte alte Paar.

Vor dem Hotel wartete der Chauffeur von der Ständigen Vertretung, und da stiegen sie dann schließlich ein, und wir standen noch eine kleine Weile vor den offenen Wagentüren und sagten, wases für ein schöner Tag gewesen sei, und Scholem zeigte nochmal auf die schweinslederne Aktentasche und sagte, das sei ein großer Erfolg für ihn gewesen, und dann: «Auf Wiedersehen. Na, ob wir uns wiedersehen … »

Am nächsten Tag rannten wir in die Bibliothek in der Oranienburger Straße und holten uns alle Bücher von Scholem nach Hause. Sie standen auch dort tatsächlich, worüber er sich schon vorher bei uns be-schwert hatte, neben denen vom »deutschnationalen» Schoeps, dem er sich doch so fern fühlte.

Bald bekamen wir auch Post von Scholem, er schickte uns sein Buch über die Franckisten, das nun geradeerschienen war, und bat uns, es der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in seinem Namen zu schenken, wenn wir es gelesen hätten, und das haben wir auch getan.

Wenige Wochen später rief mich meine Freundin an und sagte, sie habe «was Blödes» im Radio gehört. Ich verstand nicht, was sie mir mitteilen wollte, aberda sagte sie schon, daß Gerschom Scholem heute in Jerusalem gestorben sei und morgen sei das Begräbnis. Das war am 21. Februar 1982.

Er war 84 Jahre alt, als er starb. Aber für mich war er gerade auf die Welt gekommen. Jahre und Jahre war Gerschom Scholem nur Schrift gewesen. Schrift seines Namens auf Titeln von Büchern und über Zeitschriftenartikeln, Schrift in der Folge eines kleinen Sternchens im Text, beim Nachschlagen hinten im Buch, einer Anmerkung. Oder manchmal, wenn er von dem oder jenem erwähnt wurde, der Klangseines Namens, dieses seltsamen Namens.

Dieser Name war nun als Mensch erschienen, als wahre Wirklichkeit, laut redend, berlinernd, ein langer Lulatsch mit abstehenden Ohren, die ganze Mystik in unserem Schaukelstuhl. Er hatte die Reiseseines Lebens noch einmal zurückgelegt, noch ein-mal Berlin — Jerusalem retour, und er hatte einen zu leichten Mantel angehabt.

Es ist kalt, es ist Dezember, drei Jahre später. Ich sitze im «Petit Café» auf der Avenue du Général de Gaulle. Es ist also nicht New York und nicht London, aber Frankreich, da sitze ich und denke an Scholem in Berlin. Das Café ist leer, nur am Nebentisch sitzen die drei Araber, die immer da sitzen und die ich schonganz gut kenne, weil wir uns ein paarmal unterhalten haben, und die sehr freundlich sind, obwohl ich ihnen

gleich erklärt habe, daß ich »israélite» bin. Sie haben nur nicht verstanden, warum ich dann kein Hebräisch spreche (es ist doch auch dem Arabischen so ähnlich), so habe ich noch erklären müssen, daß meine Muttersprache Deutsch ist und daß ich aus Deutschland komme und nun hier lebe, weil es in Deutschland so gut wie keine «isradlites» mehr gibt, und da fragten sie: Warum denn nicht?

Nach Scholems Tod, bald danach, bin ich noch einmal auf den Friedhof nach Weißensee gegangen, an das Grab seiner Eltern und seiner Brüder. Ich wollte irgendeine Handlung der Erinnerung vollziehen, und ich nahm denselben Weg, den wir gegangen waren, hängte das Seil mit dem «Achtung Baustelle» Fähnchen ab und lief quer über den abgesperrten Weg, sowie wir es damals getan hatten. Dann stand ichwieder vor dem Grab, und da sah ich, unter all den Namen seiner Familie steht nun auch der seine. Da steht:

GERHARD G. SCHOLEM

geb. 1897 in Berlin              gest. 1982 in Jerusalem

Die meisten Menschen haben nur ein Grab. Gerschom Scholem hat zwei. Eines in Jerusalem und eines in Berlin. Er hatte wohl auch zeit seines Lebens in beiden Städten gelebt. Deshalb hat er ein doppeltes Grab. So ein Leben war das eben.


*Aus: Barbara Honigmann, Roman von einem Kinde. © 2001 dtv Verlagsgesellschaft, München.

Längst war der Tag angebrochen. Die Berge, ihre Gipfel von finsteren Wolken verhangen, glitzerten in kaltem Blau, als wollten sie ankündigen, dass die Pause, die der seit Tagen fallende Schnee in der Nacht eingelegt hatte, nun zu Ende ging. Ein Strauß schwacher Sonnenstrahlen schickte sich an, die Welt anderswo zu wärmen, hier funkelte er eiskalt auf den Eisenbahnschienen, die wie aus dem Nichts kommend in die Ewigkeit zu führen schienen, vertrieb und zerschlug die der Natur innewohnende Unberührtheit.

Ein, zwei Züge, die nachts über die Strecke gefahren waren, hatten den Schnee plattgedrückt und in Eis verwandelt. Der Widerschein des Lichts auf den Schienen erfüllte die Fenster von Eşbers einsamer, trister Dienstunterkunft unweit der vergessenen Kleinstadt in den Bergen, das Stellwärterhäuschen mit seinem Wellblechdach, nur hundert Schritt vom Haus entfernt, lag schon im Schatten einer schweren, düsteren Wolke, die bald darauf vollständig den Himmel bedecken würde.

Eşber schob einen dicken Eichenscheit in den Ofen, der das trübselige Zimmer nur noch kläglicher machte, und verschloss sorgsam die Klappe. Auf den Ofen setzte er die mit eiskaltem Wasser gefüllte Kanne. Die Glut würde den Scheit zum Glühen bringen, das Wasser in der Kanne würde sich erhitzen und wenn Eşber am Abend in den vom Schnee verwehten Fußspuren heimkehrte, als wären sie noch da, würde er sich mit warmem Wasser Gesicht und Hände waschen, anschließend den Rücken an den Wandteppich mit den trinkenden Hirschen lehnen, die abgebrannten Streichhölzer, den Leim und seine Zigarettenschachtel bereitlegen, in der Nacht auf die Geräusche der Wölfe lauschen und am nächsten Tag einen weiteren Tag beginnen, der dem vorherigen aufs Haar glich.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Schienen, die durch tiefe Täler führten, sich an Wildwassern entlang heranwanden und in völlig andere Leben erstreckten, würde er im unruhigen, engen eigenen Kreis weiterleben, als bestünde die ganze Welt allein aus den Dingen, die sein Leben bestimmten, und aus ungeschliffenen, rohen Gefühlen, als läge nichts hinter den schroffen Bergen, die seinen Horizont umstellten.

Bevor er in die gefütterte Lederjacke schlüpfte, die Mütze aufsetzte und Handschuhe überstreifte, riss er das Kalenderblatt ab, las die Gebetszeiten darauf, einen Ausspruch des Propheten über Zwietracht, Namensvorschläge für an diesem Tag geborene Kinder, die Speise des Tages und die kurze Zusammenfassung der Schlacht von Uhud, ohne sich eine einzige Zeile von all dem zu merken. Das Blatt in seiner Hand war kein gewöhnliches Kalenderblatt, es war ein Dokument, das anzeigte, wie viele Tage es noch bis zum Frühling hin waren, das ihm Kraft zum Durchhalten gab, indem es ihn daran erinnerte, dass die Zeit verging. Der Frühling war kein Traum. Auch wenn das Blatt noch mehr Tage bis zum Frühling auswies, als man auf die Schnelle zählen konnte, es war doch der Beweis dafür, dass er existierte.

Auf dem Kalenderblatt stand geschrieben, dass Winter herrschte, schwer und zu lang, um ihn allein damit herumzubringen, schlafen zu gehen und wieder aufzustehen, Linsensuppe zu kochen, abgebrannte Streichhölzer zu sammeln und daraus Häuser zu basteln, im Stellwärterhäuschen zu hocken und um verspäteter Züge willen zu telefonieren, grüne und rote Fähnchen für Züge zu schwenken, die majestätisch das sich endlos ausdehnende Weiß durchschnitten, mit den Lokführern Grüße auszutauschen, sie um Zeitungen zu bitten, Bestellungen für Salz, Zucker, Streichhölzer aufzugeben, abends vor dem Fernsehapparat mit seinem Bildrauschen einzuschlafen, eine große Schüssel mitten ins Zimmer zu stellen und sich darin zu waschen, nach Spiegel und Rasiermesser zu greifen und sich draußen zu rasieren, wenn unvermutet Sonnenstrahlen die Schneewolken durchdrangen, Tee aufzubrühen und zu schlürfen, im Garten Kartoffeln und Kohl zu ziehen, die Hühner zu füttern, Schnee zu schippen, sonntags ins Städtchen zu wandern, um Käse und Bauernbrot zu besorgen, und nur drei, vier Worte am Tag zu reden. Die zermürbenden Winter über all die Jahre machten sein Leben zu einer schweren Krankheit, zum beständigen Schweben am Rande des Todes.

Er zog die Tür hinter sich zu, verriegeln brauchte er nicht, denn ringsum war kein Mensch. Als er die Spuren der Wölfe erblickte, die er nachts ums Haus hatte schleichen hören, lächelte er. Bei Tagesanbruch hatte erneut Schneefall eingesetzt, gegen Morgen aber wieder aufgehört, bevor er die Spuren der Wölfe bedeckte, die halb wahnsinnig an der Tür gekratzt hatten, als sie die drei Hühner witterten, die er im zweiten, als Speicher benutzten Zimmer hielt.

Zum Glück gab es in seinem Leben die Wölfe. Der Kampf gegen die Wölfe, deren Augen er wild blitzen sah, Blut troff ihnen von den gesunden weißen Zähne, wenn sie jagten, war immer mehr zu einem Lebenszweck geworden, zu einem bizarren Spiel, das zweifellos blutig enden würde. Er tastete nach seiner Flinte und dachte an die Brutalität in ihren Augen.

Der größte Trost in der tödlichen Einsamkeit, die an seiner Seele fraß wie ein bösartiges Geschwür und im Laufe der Zeit sein klares, junges Gesicht in rostiges Gelb verwandelt hatte, das, was sein Leben zu einem Spiel machte, war die Beziehung zu den Wölfen. Die Einsamkeit bereitete ihm unerträgliche Kopfschmerzen. Deshalb nahm er Opium, wenn er welches bekommen konnte, gleich einem über einen Abgrund balancierenden Seiltänzer ließ er dann die Wölfe nah an sich heran. Er genoss es, wenn sie ums Haus strichen, wenn sie sein Leben bedrohten, das er vergeblich mit Sinn zu erfüllen versuchte, seit er seine Tage im Stellwärterhäuschen fristete. Die Hühner kreischten vor Furcht, wenn sie das Heulen hörten, mit dem die vor Hunger irren Wölfe die Nacht zerrissen, während sie aus dem Gebirge herbeischnürten. Das erbarmungswürdige Geschrei der Hühner stachelte die Wölfe nur weiter auf und für Eşber war es eine Lust, das Fenster zu öffnen und einem Wolf, der sich ihm auf eine Pfotenweite näherte, ins funkelnde Auge zu schießen. Nach solchen Nächten fand er morgens blutige Spuren im Schnee. Die Natur bescherte ihm jedes Jahr monatelang nur eine einzige Farbe: weiß. Als wäre man blind. Da waren es die Blutspuren, die ein angeschossener Wolf zurückließ, und ihr die Stille zerreißendes Geheul, die ihn daran erinnerten, dass er lebte. Ohne die Wölfe würde er bezweifeln, im stillen Weiß überhaupt noch zu existieren.

In Gedanken bei ihnen ging er zum Stellwärterhäuschen hinüber, da stach ihm plötzlich das dunkle Blau ins Auge, das schon im Schnee zu verschwinden drohte. Dieses Blau ähnelte weder den Blautönen an Frühlingsmorgen, noch jenen, die an Sommerabenden den Himmel überzogen, wenn die Sonne rot versank. Am ehesten erinnerte es wohl noch an das Blau beim ersten Aufflammen eines angerissenen Streichholzes. Er traute seinen Augen kaum. Ihm war, als wäre dieses Blau, das er in der Ferne zwischen den vergessenen Bergen erblickte, ein Geschenk, wie er nie eines bekommen hatte. Er lief zu dem Blau hin, beinahe schon verwischt vom einsetzenden leichten Schneefall, hob es behutsam auf, als nähme er einen Wellensittich in die Hand, und als er damit nicht ins Stellwärterhäuschen sondern nach Hause stapfte, schlug ihm der dunkelblaue Stoff um die Knie und erfüllte ihn mit unbeschreiblicher Freude.

Dann senkte sich die Nacht herab und schritt voran. Finsternis umfing alles wie ein Spiegel, der den Bewohnern, die in kleinen Städtchen und fernen Dörfern in den Bergen vor sich hin lebten, ihre eigenen verhärmten Gesichter vor Augen hielt. Am Morgen hatte er sie auf seinen Armen in sein Haus getragen, sie mit der Wolldecke zugedeckt und dann an ihrer Seite gewacht, ohne sich um die vorbeirauschenden Züge zu kümmern, vor dem Erfrieren gerettet lag Fidan nun in tiefem, ruhigen Schlaf. In der Ferne heulten die Wölfe. Doch Eşber hörte sie nicht, er wartete nur darauf, dass diese Frau mit dem klaren Gesicht, so schön, wie er nie eines gesehen hatte, erwachte.

Unversehens schlug Fidan die Augen auf. Tödliche Angst huschte ihr übers Gesicht. Dann flackerte ihr Blick in einer Mischung aus Entsetzen und Verwunderung hastig durchs Zimmer. Sie sah den Wandteppich mit den Hirschen, den von der Linsensuppe auf dem Ofen aufsteigenden Dampf, den Fernsehapparat, dessen Flüstertöne ihr ans Ohr drangen, das Modellhäuschen aus abgebrannten Streichhölzern darauf und Eşber, der an ihrem Fußende saß und lächelte.

Nichts lag in diesem Lächeln, vor dem man sich hätte fürchten müssen, das einen Fluchtimpuls ausgelöst hätte. Im Gegenteil, es war unschuldig, zerbrechlich und ziemlich schüchtern. Nichts in diesem Lächeln deutete darauf hin, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war, sie fühlte sich seltsam erleichtert und brach in Tränen aus.

Eşber ahnte nicht, dass sie seit Monaten von Furcht gejagt war, er wartete, bis sich der Weinkrampf der jungen Frau legte, dann wisperte er: „Haben Sie doch keine Angst, Fräulein, von mir haben Sie nichts zu befürchten.“ Die Worte beruhigten Fidan, sie hob die rechte Hand zum Wandteppich und berührte die Hirsche. Unter Tränen dachte sie an den Morgen, das Ende der düsteren Monate, die sie durchgemacht hatte.

Sie hatte sich noch gefürchtet, als sie den Zug bestieg, der sie zu diesem sonderbaren Haus in den Bergen führen würde. Doch die Musik der zunächst bedächtig anfahrenden und dann immer schneller werdenden Eisenbahn hatte sie als Botschaft der Rettung gedeutet. Die Familie, die ihr Abteil mit Körben, Plastiktüten und Bündeln vollgestopft hatte und neben dem Ausdruck von Resignation und Verletzung auch eine innere Ruhe auf den Mienen trug, flößte ihr Vertrauen ein. Sie würde weit fahren, weit fort. Am schneebedeckten anderen Ende dieses weitläufigen Landes, würde das Zuhause eines ihrer Geschwister sie aufnehmen, die Angst, die sie seit Monaten am Kragen gepackt hielt, würde in diesem Haus im Nu dahinschmelzen wie ein Stück Eis, das auf den wärmenden Ofen fiel.

So jung sie war, hatte sie eine schmutzige Vergangenheit angehäuft und am Ende der Sackgasse, in die sie sich verrannt hatte, um im Handumdrehen ein glänzendes, prachtvolles Leben zu ergattern, hatte Todesangst auf sie gelauert. In der Nacht hatte sie im Halbschlaf über all das, was sie erlebt hatte, nachgedacht, war hin und wieder entsetzt hochgeschreckt, hatte mitunter zwischen Schlafen und Wachen auch erkannt, dass sie gerettet war und den Schritt in ein sicheres Leben hinein gesetzt hatte. Im Halbschlaf entging ihr aber, dass die vielköpfige Familie, die das Abteil mit Leben erfüllt hatte, ausstieg. So packte sie Entsetzen, als sie sich am Morgen allein in dem stickigen Abteil wiederfand. Wehrlos war sie und zu Tode erschrocken.

Im Gegensatz zu der endlosen Weiße, durch die der Zug fuhr, waren ihre Verfolger dunkel und wirklich. Sie waren von finsterer Art und wild entschlossen, sie den Preis dafür zahlen zu lassen, dass sie sich zu Dingen aufgeschwungen hatte, die eine Nummer zu groß für sie waren. In der Hoffnung, erneut eine Familie zu finden wie die, die ihr Vertrauen eingeflößt hatte, bei ihr Zuflucht zu nehmen und sich damit zumindest ein wenig in Sicherheit zu fühlen, streifte sie durch den Zug. Doch da war nur ein Menge Männer, die mit fleischigen Fingern ihre Schnauzer zwirbelten und sie lüstern anstierten.

Es waren viele. Als ihr klar wurde, dass sie in diesem Zug, der kühn in die vergessenen Teile des Landes vordrang, die gesuchte Sicherheit nicht finden würde, geriet sie in Panik. Sie beschloss, sich in ein Abteil zu setzen, in dem besonders viele dieser Männer hockten, von denen sie hoffte, sie würden sie durch ihre bloße Anwesenheit schützen, auch wenn sie ihr lüsterne Blicke zuwarfen und noch so einschüchternd und erdrückend wirkten.

Und da geschah es dann.

Sie kannte den Mann nicht, dessen funkelnde Pistole ihr ins Auge fiel, hatte ihn nie zuvor gesehen, doch es dauerte nicht lange, bis sie begriff, dass er von einem ihrer Verfolger geschickt war mit dem Auftrag, sich ihr in den Weg zu stellen. Dieser Mann im Kamelhaarmantel, der sich ihr Schritt für Schritt näherte, auffallend mit der kräftigen langen Linie schwarzer Brauen unter der schmalen, vorspringenden Stirn, war einer von ihnen. Mit seiner Haltung, seinem Auftreten, seinem nassforschen Gang ohne Hast, vor allem aber seinen Augen, die völlig ausdruckslos schienen, aber die Gier nach Brutalität spiegelten, je näher er kam, konnte dieser Mann in diesem Zug nur ihr auf den Fersen sein.

Der Mann drückte ab, im selben Augenblick riss sie die Tür auf und sprang. Sie rollte durch den weichen Schnee und hörte eine weitere Salve sich in die Musik des Zuges mischen. Gleichmütig schloss sie die Augen. Selbst wenn sie sterben sollte, es war nicht mehr wichtig. Sie war ihnen entkommen. Wäre sie in jenem Moment gestorben, wäre ihr Zustand als friedlicher, ruhiger Übergang in den Tod zu beschreiben gewesen.

Jetzt, in diesem sonderbaren Zimmer, wo ihr seit Tagen verkrampfter Körper sich wohlig entspannte, sie sich geradezu erschlaffen fühlte, weinte sie guten Gewissens und konnte kaum glauben, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein. Sie vermochte die Tränen nicht einmal zurückzuhalten, als sie die Suppe löffelte, die Eşber ihr reichte.

„Danke“, sagte sie. „Du hast mir das Leben gerettet.“

Eşber schwieg. Im Gegensatz zu der groben Derbheit, die dieses Haus aus Kohlenziegeln und Stein, aus Holz und Lehm umgab, lächelte er sie sanft und scheu an. In seiner Welt war das Leben ständig zu retten. In jedem Spiel mit den Wölfen rettete er es aufs Neue. Dank dafür lohnte nicht. Fidan aß ihre Suppe, wischte sich die Tränen ab und musterte die weißen Zähne ihres blassen Lebensretters, sie stimmten ihr Gegenüber fröhlich. Endlich fühlte sie sich in Sicherheit. Eşber setzte Tee auf, hockte sich erneut im Schneidersitz auf den Stuhl und blickte ihr ins Gesicht, als wollte er fragen, was sie denn neben den Gleisen zu suchen hatte. Das Städtchen war weit entfernt und lag nicht an der Bahnlinie, selbst wenn, der Zug hätte nicht in dem winzigen Flecken gehalten, der mitten im Gebirge still vor sich hinlebte. Wie kam es, dass die Frau im blauen Mantel sich auf einen Weg gemacht hatte, der sie in sein karges, klägliches Heim führte?

Fidan spürte, dass sie reden musste, etwas erklären, und erfand eine kleine Geschichte. Sie sei Anwältin, die Brüder des Mannes, den sie hinter Gitter gebracht hatte, seien hinter ihr her, sie habe gerade noch aus dem Zug springen können, als sie ihr den Garaus machen wollten.

Eşber glaubte ihr sofort. Soweit er aus dem Fernsehen wusste, dem er meist nur zuhörte, weil das Bild so arg rauschte, gab es da draußen eine große, komplexe Welt. Viele, sehr viele Menschen lebten dort. Ein erbarmungsloser Krieg herrschte dort, ähnlich seinem Kampf mit den Wölfen. Die Spuren der Angst auf dem Gesicht der schlanken, schönen Frau, die sagte, ihr Name sei Fidan, waren der Beweis dafür. Er löcherte sie mit Fragen über die Welt hinter den Bergen, bemüht, eine andere Art von Bestialität zu verstehen. Fidan antwortete mit sanfter Stimme, die Eşbers Seele streichelte, und erzählte alles Mögliche über Städte voller Menschen zur Unterstützung ihrer obskuren Geschichte. Die teuren Zigaretten in Fidans Tasche gingen in dieser Nacht aus, sie rauchte Eşbers billige und gewöhnte sich rasch daran.

Zu später Stunde hörte sie die Wölfe. Besessen vom tödlichen Spiel kamen sie einer nach dem anderen herbei und schlichen ums Haus, die Hühner gackerten vor Angst. Als die Wölfe heulten, verzog Eşber keine Miene und beruhigte Fidan, es gäbe keinen Grund zur Sorge, auf das Spiel, das die Wölfe begierig erwarteten, verzichtete er. Dann ließ er Fidan im gemütlich warmen Zimmer mit dem bollernden Ofen allein und bereitete sich ein Lager in dem Nebenraum, in dem das Federvieh hauste.

Überzeugt, ihm sei ein Geschenk des Himmels zuteil geworden, schlief Eşber in jener Nacht tief und fest. Fidan dagegen grübelte die ganze Nacht. Sie hatte die Männer, die sie verfolgten, angezeigt. Sie könnte so lange in diesem merkwürdigen Haus bleiben, bis die Männer gefasst wären und man sie selbst für tot hielte. Alle Spuren, dass sie überlebt hatte, könnte sie verwischen. Dann überlegte sie, was zu tun wäre, wenn sie später in ihre Stadt zurückkehrte. Sie lag da, richtete den Blick in die Dunkelheit und tastete mit der Hand über den Wandteppich mit den Hirschen. Sie schauderte bei dem Gedanken an die Tage, da sie unablässig von einem Ort zum anderen gehetzt und jeden Augenblick mit dem Tod konfrontiert war. Angesichts des Gefühls von Brutalität, wie sie es in der Stadt empfunden hatte, kam ihr das grässliche Geheul der Wölfe plötzlich wie ein harmloses Lied vor.

Als sie am Morgen erwachte, sah sie Eşber den Ofen befeuern. Längst war der bleiche Mann auf den Beinen, hatte Tee aufgebrüht und wartete mit umsichtigen Bewegungen darauf, dass sein Gast erwachte. Zum Frühstück gab es Landkäse und Bauernbrot. Danach zeigte Eşber ihr durchs Fenster das Stellwärterhäuschen. Dort würde er den Tag über sein. Sie bräuchte sich nicht zu ängstigen. Sie solle nur sagen, wenn sie etwas benötigte. Er könne es bei den Lokführern bestellen.

Vergnügt verbrachte Fidan den Tag. Seit langem fühlte sie sich zum ersten Mal wohl. Sie lag lange auf dem Sofa und schlief, wachte sie auf, konnte sie noch immer kaum glauben, dass sie am Leben war.

In den folgenden Tagen schneite es immer wieder. Die Pausen zwischen dem Schneefall waren nur kurz. Mitunter wirkte Eşber schon nach zwei Schritten wie ein Schneemann, wenn er losging, um sich in das gerade einmal zwei Quadratmeter große Stellwärterhäuschen zu setzen und Fähnchen für die vorbeifahrenden Züge zu schwenken, manchmal strahlte die Sonne und es sah aus, als wären die Berge mit Goldstaub überpudert. Fidan blieb im Haus, legte Scheite in den Ofen, den Eşber jeden Morgen kräftig anheizte, betrachtete die Hirsche auf dem Wandteppich und dachte über die Zukunft nach. Es langweilte sie zwar, untätig herumzusitzen, doch sie machte sich glauben, sie müsse sich verbergen, um zu überleben. Bei solchen Gedanken riss sie eins nach dem anderen Eşbers Streichhölzer an und pustete sie wieder aus.

Die langen Gespräche jeden Abend ließen die gelbe Blässe allmählich aus Eşbers Gesicht verschwinden, ihn erfüllte sonderbare Freude, die Wölfe hatte er vergessen. Er fühlte sich eigenartig lebendig, die Wölfe brauchte er nicht mehr . Nun waren ihm Haus, Leben und Kopf von einer Frau erfüllt, die Abend für Abend redete, lachte und aß. Plötzlich war ihm sein Gehalt wichtig. Er redete länger mit den Lokführern der auf sein Stellwärterhäuschen zustampfenden Züge, bat sie, Zeitungen, Bücher, Obst, guten Tee und Zigaretten mitzubringen. Er hatte sich verändert. Stets war er in tödlicher Einsamkeit nach Hause geschlurft, nun trug ihn Lebenslust heim. Während er auf einen Zug wartete, für den er die Weiche stellen musste, schaute er durchs Fenster zu seinem Haus hinüber, dass eine Frau darin wohnte, war neu, und das Gefühl begeisterte ihn.

Er dachte an Fidans sonnig strahlendes Haar, an ihr Grübchen, das nur auf einer Wange erschien, wenn sie lachte, an ihre schneeweißen Hände, in der Brust spürte er eine Leere, die, so vermeinte er, nur verginge, wenn er ihr duftendes Haar dagegen drückte. Diese Leere war es, die ihn vor Freude überschäumen ließ, was den Lokführern nicht entging, sie war aber auch der Grund dafür, dass er einen tiefen Schmerz empfand, weil er ihren warmen, blonden Kopf nicht drücken durfte.

Mitunter reizte ihn unerklärlich der Gedanke, dass niemand von der Frau in seinem Haus wusste. Diese Tatsache erregte ihn wie ein wunderbares Geheimnis, das die ganze Welt betraf, zugleich bedrückte ihn schwer, die Existenz dieser Frau nicht in die Berge hinausschreien zu können, niemandem von diesem unglaublichen Phänomen erzählen zu dürfen. Manchmal hatte er den Eindruck, die Stimme der fröhlichen Frau, die seine Nächte erfüllte, und ihre weißen schlanken Finger, die seine Haut wie Feuer verbrannten, wenn sie sie zufällig berührten, wären gar nicht real, all dies hätte sein vor lauter blind machendem Weiß dahinsiechender Verstand sich nur ausgedacht. Immer wieder stürmte er aus der Hütte zum Haus hinüber, kam er außer Atem an und Fidan stand vor ihm, im Blick die Frage, warum er gekommen sei, dann verharrte er wie ein aus dem Tiefschlaf erwachter Schlafwandler verwirrt und ohne Antwort in der Tür.

Seine Stimmung änderte sich jeden Tag mehrmals. Er wartete nicht einmal mehr auf den Frühling, der nun bald bevorstand. In diesem Winter war der Frühling auf unerwartete Weise bereits in sein Haus eingezogen. Er wusste nicht, wie er diesen unvermuteten Frühling glücklich machen sollte, er war zu schüchtern, sie zu fragen, was sie wollte, worauf sie Lust hatte, nachts beobachtete er jede ihrer Bewegungen, um herauszufinden, was sie sich wohl wünschen mochte.

Sein Herz, gewohnt zu schweigen, und verschlossen, als wäre es in eine Kiste gesperrt, hatte sich geöffnet, nun sprach es unverwandt. Eşbers Rede folgte keiner Logik, sie sprang von Zweig zu Zweig. Von der Tochter seiner Schwester im Städtchen, die das R nicht rollen konnte, kam er auf das Geräusch, das der Schnee beim Schmelzen machte, eben noch sprach er von den Eigenarten der Lokführer, davon, dass sein Gehalt niedrig sei, es hier aber auch nicht viel Geld brauche, vom Geschmack des Schafkäses im nahen Dorf, da sprang er unvermutet zu Vogelschwärmen, die ins Gebirge einfielen, und erzählte von Geräuschen, die die Stille vertrieben, und von der Seele der Berge. Die Sprünge, die sonderbaren Beschreibungen verstörten Fidan.

Es war nicht dies allein, was Fidan beunruhigte. Sie sah in Eşbers Augen Leidenschaft aufglimmen. Sie sah, dass Eşber ihr nicht zuhörte, wenn sie sprach, dass er vielmehr versunken war in ihre Augen, ihre Hände, ihre Figur, dass er bei jedem Bissen, den sie schluckte, ihn selbst zu schlucken schien, bei jedem Zug an ihrer Zigarette Eşber in einen wunderlichen Zustand geriet, als täte er selbst diesen Zug. Die Furcht, die sie vergessen hatte, bemächtigte sich ihrer in anderer Gestalt von Neuem.

Eines Abends fragte sie, in welcher Richtung die Kleinstadt liege. Eşber machte eine unbestimmte Geste und sagte: „Hinter dem Berg da …“ Aus seinem Tonfall sprach die krankhafte Überlegenheit, auf einen in alle Ewigkeit unerreichbaren Berg zu verweisen. Auf seiner Miene lag ein derart unheimlicher Ausdruck, dass Fidan außerstande war, die in aller Unschuld gestellte, unbeantwortet gebliebene Frage erneut zu stellen, so dass sie nicht herausbekam, hinter welchem Berg das Städtchen nun lag.

Mit Geräuschen und Stimmen, zahlreich, wie dieses trostlose Heim sie nie vernommen hatte, vergingen viele lange Tage und Nächte.

Dann beschloss Fidan, es sei an der Zeit zu gehen. Das eintönige Weiß, das sie mittlerweile quälte, der unablässig fallende Schnee, von dem sie manchmal fürchtete, er würde das Haus verschlingen, die Wölfe, die Nacht für Nacht ums Haus strichen, deren Stimmen auf einmal nach Blut zu rufen schienen, Eşbers Leidenschaft, die ihr immer krankhafter erschien, die immer selben Tage hatten begonnen, ihr mindestens so viel Furcht einzuflößen wie die finsteren Männer, die sie verfolgten. Eşber würde sich nicht ewig darauf beschränken, sie mit verliebten Augen anzuhimmeln, er würde sie zu einem Teil seines Lebens machen wollen, das spürte sie. Das würde bedeuten, ein anderes Leben zu führen, ein Kleid zu tragen, das ihr nicht passte. In der letzten Nacht konnte sie an nichts anderes mehr denken, sie tat kein Auge zu, so wurde sie gewahr, dass die Stimmen der Wölfe noch weitaus bestialischer waren als gedacht.

Als Eşber am nächsten Morgen das Zimmer betrat, um Tee aufzusetzen, fand er Fidan in dem blauen Mantel vor, der ihm um die Knie geschlagen war, als er sie heimtrug, in der Hand die Tasche, die sie damals um die Schulter getragen hatte und die beim Sprung aus dem Zug ein paar Schritte von ihr geschleudert worden war. Er wurde kreidebleich.

„Was ist los?“, fragte er. „Warum stehst du im Mantel da?“

„Ich muss gehen“, gab Fidan zurück, bemüht, ihre Stimme so herzlich wie möglich klingen zu lassen. „Ich bin dir unendlich dankbar für alles. Aber ich war nun lange genug hier. Sicher suchen meine Eltern nach mir. Sie machen sich Sorgen. Könntest du mich bitte in einen Zug setzen?“

„Unmöglich“, sagte Eşber. „Unmöglich, das geht nicht, du kannst nicht fort.“

„Warum nicht?“

Eşber langte nach ihr, entriss ihr die Tasche und schleuderte sie auf das Sofa.

„Du bist doch zu mir gekommen …“ Er schaute, als könnte er nicht fassen, was geschah.

Er konnte es tatsächlich nicht fassen. Fidan war ein ihm gesandter Frühling, sie war etwas, das auf himmlische Weise zu ihm gekommen war, um seine stillen Stunden, seine leeren Tage zu füllen, seine freudlose Einsamkeit zu verscheuchen. Unerträglich, sie jetzt sehenden Auges ziehen zu lassen, unmöglich, sie eigenhändig in den Zug zu setzen. Fassungslos fragte er mit möglichst sanfter Stimme: „Ist es dir hier nicht gutgegangen?“

Sein Gesichtsausdruck war freundlich und unschuldig, wie der Blick eines gutwilligen, sich seines Besitzrechts voll bewussten Herrn auf seinen Sklaven, und ebenso gnadenlos.

Da begriff Fidan, dass es zu einem entsetzlichen Kampf zwischen ihnen kommen würde, der nur mit dem Tod von einem von ihnen enden konnte. Ihre Knie gaben nach, ihr Körper, der von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse gelaufen, jede Nacht unter einem anderen Dach verbracht und in erbarmungslosem Gerenne tagelang zäh standgehalten hatte, als sie vor ihren Verfolgern geflohen war, fiel angesichts dieser sanften, stillen Frage augenblicklich um.

Was sie als erstes tat, war schweigen. Sie spürte, dass sie diesen Mann nicht durch Reden würde überzeugen können, deshalb sagte sie gar nichts. Berge und Schnee hatten seinen Verstand förmlich aufgesogen, dann hatten sie ihn als ein Teil von sich sich selbst überlassen. Sie fürchtete, ein Wort, das ihm wie eine Nadel in den Geist stach, könnte diesen Mann, diesen Irren einer seltsamen Welt, um den Verstand bringen. Sie war ihm in die Hände gefallen, Eşber war der Herrscher über das unendliche Weiß. In jener Nacht, in der Nacht darauf und in den folgenden Nächten schwieg sie. Eşber aber redete. Längst hatte er alles erzählt, was es über ihn zu sagen gab. Seit Fidan den Wunsch zu gehen geäußert hatte, verlor er von Tag zu Tag an Farbe. Nun erzählte er, was ihm von den Kalenderblättern im Gedächtnis geblieben war, was er von den Eisenbahnern, die aus großen Städten voller Menschen kamen, gehört, was er aus dem Fernsehen erfahren hatte, dessen Ton er gelauscht und das seine Träume für ferne Orte geöffnet hatte. Doch was er auch tat, es gelang ihm nicht, Fidan zum Lächeln zu bringen und das Grübchen auf ihrer Wange, das er so gern berührt oder gar geküsst hätte, hervorzulocken, und er grämte sich sehr.

Eines Tages trat Fidan aus dem Haus und stellte sich in den Schnee. Ihr war, als wäre sie in ein weißes Labyrinth gestürzt. Wo war Osten? Wo lag Westen und wie gelangte man in die Kleinstadt? Sie fand keine Antworten darauf, ihr wurde klar, dass sie wahrhaftig eine Gefangene war. Sie gab sich der Natur ganz hin, um mit der Nase im Wind vielleicht doch einen Ausweg zu erschnuppern oder zu erspüren. Unterdessen beobachtete Eşber sie hinter der von seinem Atem beschlagenen Scheibe des Stellwärterhäuschens, ein krankhaftes Lachen verstärkte den jämmerlichen Ausdruck seiner Miene. Der Sinn seines Lebens bestand nun darin, den zur Unzeit zu ihm gekommenen Frühling zu hüten und für alle Zeiten bei sich zu behalten. Er ließ die Tür seines Hauses nicht aus den Augen, trat Fidan heraus, stand er im Nu neben ihr, er bestellte Geschenke und frisches Obst für sie, auch wenn er nichts dafür zurückbekam, war er zufrieden, das Leben auf diese Weise fortzuführen.

Fidan wurde klar, dass die tagsüber passierenden Züge ihr nichts nützen würden, doch ein Nachtzug erregte ihre Aufmerksamkeit. Kurz vor Mitternacht fuhr dieser bescheidene Zug leise vorüber, sein Brummen klang sanft durchs Zimmer, auf den nachts verhängten Fenstern des Hauses spiegelten sich die Lichter der Abteile nur als vorüberhuschende Abbilder. Da nachts kein weiterer Zug durchfuhr, kam Eşber heim, nachdem er diesem die Fahrt freigegeben hatte. Nach einem leichten Anstieg erreichte der Zug die schneebedeckte Ebene und fuhr auf Höhe von Eşbers Haus ausgesprochen langsam. Fidan spürte, dass dieser Zug ihre Rettung sein würde, doch es gelang ihr nicht herauszufinden, wie sie ihn besteigen könnte.

Es war eine Nacht, in der der Winter sich noch einmal in aller Härte zeigte, obwohl der Frühling schon vor der Tür stand. Der Ofen leckte über die Holzscheite und verschlang sie. Eine dünne Eisschicht überzog die Fensterscheiben. Eşber war verstummt. Er schnitt die Schalen der bei den Lokführern bestellten Apfelsinen in schmale Streifen, wie um Fidan zu drohen, weil sie schwieg. In seiner Haltung lag etwas von einem Gebieter, der am Ende seiner Geduld angelangt war. Fidan überfiel Furcht vor ihm.

Sie wartete auf das Geräusch des Zuges, der so still herankam und durch die Berge in sichere Städte mit Lichtern und Menschenmengen fuhr, da hörte sie die Wölfe heulen. Wieder schnürten sie die Berge herab. Kurz dachte Fidan daran, dass sie frei waren. Wenn sie wollten, konnten sie stundenlang einem Zug hinterherlaufen, sie konnten auch sterben, wenn sie es nur wollten. Sie seufzte. Eşber hingegen spürte allmählich Wut über ihr endloses Schweigen in sich aufsteigen. Er stand auf, als er das Heulen der Wölfe vernahm, und riss das Fenster in einer Weise auf, dass Fidan erschrak. Wie von Eissplittern erfüllt drang ein Luftschwall herein. Die Kälte und das bestialische Geheul ließen Fidan erschauern. Eşber nahm das Gewehr von der Wand, das er täglich bei sich trug, wenn er ins Stellwärterhäuschen ging, und wartete, bis die Wölfe das Haus umringten und nah herankamen. Er lehnte sich aus dem Fenster, brüllte zu den Wölfen hinüber, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und machte sich bereit für das Spiel, auf das er verzichtet hatte, seit Fidan da war, nun trieb ihn starke Sehnsucht danach. Die Wölfe versammelten sich unter dem Fenster. Ihre Stimmen waren grässlich. Fidan zitterte am ganzen Körper. Sie ängstigte sich zu Tode und wusste nicht, was sie tun sollte. Eşber hob die Flinte und zielte auf das Auge eines der Wölfe, er wollte abdrücken, da schrie Fidan: „Nicht!“, und warf sich auf ihn. Der Schuss löste sich, es war, als zöge ein winziger Funken eine Spur zum Himmel hinauf. Die Wölfe stoben auseinander.

Der Schrei aus Fidans Mund, der erste Laut, den er seit Tagen von ihr hörte, machte Eşber benommen. Er empfand einen Schmerz, als hätte er ihr wehgetan, warf das Gewehr beiseite und blickte sie kläglich an. Er befand sich in einem eigenartigen Zustand, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Er ging in die Hocke und starrte Fidan unausgesetzt an. Als erwartete er einen Befehl von ihr. Befremdlich sah er aus und jämmerlich.

Fidan schloss die Augen. Zwei Bilder stiegen in ihr auf. Auf einem die Wölfe, mit ihren stählern glitzernden Augen, ihren kräftigen Gebissen und spitzen Krallen, mit ihrem durch Mark und Bein dringenden Geheul, auf dem anderen Eşber. Dieses war entsetzlich, er beobachtete sie unausgesetzt durchs Fenster seines Stellwärterhäuschens, das Zucken über dem rechten Wangenknochen machte sein krankes Lachen noch schlimmer.

In dem leiser werdenden Wolfsgeheul hörte sie den Zug die Steigung heraufkommen. Sie stellte sich vor, wie Reisende in einem Abteil stark riechenden Käse in einen Fladen wickelten und verzehrten, den Blick versonnen auf einen Punkt in der Ferne richteten, vor sich hin rauchten und in den Fensterscheiben ihre eigenen verhärmten Gesichter erblickten. Am Morgen würden sie in einer hellen Stadt voller Menschen aus dem Zug steigen, ihr Gepäck schultern und in die schlammbedeckten Adern der Stadt hinausströmen, sie würden sich unter die Menge mischen, um ihren Platz in den Szenen einzunehmen, die das Leben für sie bereithielt. Selbst wenn es in diesem Leben finstere Männer gab, fand sich doch stets die Hoffnung auf Rettung. Für sie bedeutete das, die Todesgefahr, die auf sie lauerte, frei anzugehen. All das schoss ihr durch den Kopf, sie schlug die Augen auf und sah Eşber an. Wie hypnotisiert saß er da.

DieserAugenblick würde nicht lange dauern, das spürte sie und sprang jäh auf. Sie trug nur einen dünnen Pullover und Strümpfe an den Füßen. Beherzt riss sie die Tür auf und schlüpfte hinaus. Der Schneefall würde sich bald zu einem Schneesturm steigern, langsam, als zierte er sich, stampfte der Zug, der sie ins Leben führen sollte, heran. Sie sauste durch den Schnee, sank immer wieder tief ein. Sie hörte die Stimmen der Wölfe, doch merkwürdigerweise fürchtete sie sich nicht vor ihnen. Ihr war, als beschützte sie ein Wolf, dem sie kurz zuvor das Auge gerettet hatte, vor allen Gefahren.

Sie sah den Zug über die Schienen vor dem Haus fahren. Sie spurtete los, um das wundersame Vehikel, dessen Räder funken sprühten, diesen brummenden Haufen Eisen zu erreichen, doch der Schnee, in den sie bis zu den Knien einsank, hemmte sie. Sie hörte Eşbers Stimme durch die nächtliche Dunkelheit gellen. Es war keine Stimme, es war ein markerschütternder Schrei: „Geh nicht!“ Er rief sie.

Sie schaffte es zur Tür eines Waggons, konnte sie auch öffnen, kam aber nicht hinauf. Sie hetzte neben dem Zug her. Eşber kam näher und näher, schon spürte sie beinah seinen Atem, aus Angst war sie außerstande zurückzuschauen. Dann griff eine Hand nach ihrem Pullover und zerrte an ihr. Es war ein Zerren in den Tod. Fidan wusste, sie würde sterben, wenn sie diesen Zug nicht bestieg. Eşbers kräftige Hände rissen an ihrem Pullover, dennoch gelang es ihr hinaufzuklettern, mit aller Macht ihrer halb erfrorenen Hände klammerte sie sich an den Eisenriegel der Tür. Schnee wirbelte ihr in die Augen, der eisige Fahrtwind übermannte sie.

Sie hörte das Heulen der Wölfe sich ins Wahnsinnige steigern. Gleich darauf war die Kraft, die von hinten an ihr gezogen hatte, verschwunden. Als Fidan sich umdrehte, sah sie, wie die Wölfe Eşber umringten.

Sie mochte nicht darüber nachdenken, wer das Spiel, dessen Zeuge sie zum ersten Mal wurde, gewann.

 

 

I

Ich gehe mit dem Hund raus auf den Hof. Kurz nach zwei Uhr nachts, und die Nacht ist sehr warm, der Sommer ist noch mal zurückgekommen in diesem August, nachdem es lange kühl und regnerisch gewesen ist. Der wärmste Tag des Jahres war in dieser Woche. Tat meinem Hund nicht gut, die Wärme. Tat auch mir nicht gut, dass die Nächte sich nicht abkühlten, wenn ich schrieb. Ich nehme mir immer vor, am Tag zu schreiben, aber dann fange ich doch erst an, wenn alles still wird. Ich wohne im Erdgeschoss, Hochparterre, ein Wort, das kaum noch benutzt wird. Als Kind wusste ich lange nicht, was das heißt, wenn ich es in Büchern las. Dachte an ein Geheimnis. Eine seltsame Zwischenebene in den Häusern.

Mein Hund tut sich schwer, die paar Stufen nach unten zu kommen. Langsam setzt er eine Vorderpfote auf die erste Stufe, greift mit der anderen sehr zögernd zu weit nach unten und findet die Stufe nicht, dass ich ihn festhalten muss; oft stürzt er, wenn ich nicht aufpasse, und rutscht, sich manchmal überschlagend dabei, auf die Fliesen vor der Hoftür. Die Fliesen sind glatt, und seine Hinterläufe rutschen weg, es reißt sie förmlich auseinander, als wollte er einen Spagat machen. Der Körper hält kaum noch zusammen. Ich stehe auf der Türschwelle und sehe, wie er ein paar Meter auf den Hof geht und auf die Stelle des Steinbodens pinkelt, auf die er immer pinkelt. Die Steine sind fast weiß dort inzwischen. Ich trage ihn die Treppe hoch, er hat deutlich Gewicht verloren in den letzten Wochen. Seine Pisse riecht stark nach Schwefel, bis ins Treppenhaus. Die Wohnungstür ist zu. Ich kann mich nicht erinnern, sie zugemacht zu haben. Ich suche in meinen Hosentaschen nach meinem Schlüsselbund. Nichts. Wie komme ich jetzt in die Wohnung? Meine Mutter hat einen Ersatzschlüssel, ich könnte rüber zur Telefonzelle gehen und sie anrufen. Aber sie ist in Afrika, noch bis Ende des Monats, glaube ich.

Meine Wohnungstür ist eine Flügeltür, wenn ich den rechten Flügel, an dem die Klinke und das Schloss sitzen, nach innen drücke, so weit es geht, komme ich mit der Hand durch den Spalt an die beiden Sperrvorrichtungen, die den anderen Flügel mit Hilfe zweier Metallstifte geschlossen halten, der untere senkt sich in den Fußboden, der obere befindet sich in einer schmalen Öffnung im Türrahmen. Wenn es mir gelingt, an die Hebel zu kommen, die die Stifte bewegen, kann ich die Flügel nach innen drücken, das Schnappschloss gibt dann nach. Ein komplizierter Vorgang. Zumal ich einen Korken in die obere Sperrvorrichtung integriert habe, um das Herunterdrücken des dortigen Hebels und das damit verbundene Aufdrücken der Tür zu verhindern. Es reicht nämlich, diesen oberen Stift aus seiner Verankerung im Holz des Rahmens zu ziehen, der untere Stift springt dann von alleine heraus, wenn man seinen Körper heftig genug gegen die beiden Flügel wirft, am besten mittig. Es ist schwierig, Vorgänge technischer oder mechanischer Art exakt zu beschreiben.

Machen wir es ganz simpel an einem Beispiel deutlich: Also, ich hab da schon was vorbereitet, Mach’s mit, Mach’s nach, Mach’s besser, Meyers Training für angewandte Mechanik. Wir haben hier zwei große Bretter. Ein Brett bzw. mein Brett ist im Prinzip nichts anderes als ein dreidimensionales Rechteck. Also da stell ich’s mal hin, hochkant, dann sieht’s nämlich schon mal aus wie eine Tür bzw. wie ein Flügel meiner Tür. Vorne eine große Fläche, auf der Rückseite eine große Fläche. Und dann haben wir zwei lange Innenkanten zwischen diesen beiden Flächen und zwei kurze, oben und unten. Wenn wir jetzt unsere beiden rechteckigen Bretter hochkant nebeneinander stellen, so dass sie sich in der Mitte berühren, treffen die langen schmalen Innenseiten direkt aufeinander, ein winziger Spalt ist nur noch sichtbar zwischen diesen beiden Flügeln. Und dort fährt, vom rechten Flügel in den linken Flügel, die Metallzunge des Türschlosses, wenn man schließt. Und genau in dieser langen schmalen Fläche des dreidimensionalen Rechtecks sitzen die Sperrvorrichtungen. Und jetzt zieh ich die Bretter wieder auseinander, das Heimwerkern ist des Zimmermannsburschen Lust, das Hei-heim-wer-kern!, drehe das Brett, das den linken Flügel meiner Tür darstellen soll, so, dass es mit der langen schmalen Seite Richtung Kamera steht. Gar nicht mehr so kompliziert das Ganze, gelle!, und dort, ins Holz dieser schmalen Seite sind zwei Öffnungen eingelassen, oben und unten, darin sitzen die Stahlstifte mit den beweglichen Hebeln bzw. Schiebern, rein-raus, rein-raus, Flügeltür fest – Flügel beweglich, comprende?

Und in die obere Öffnung habe ich einen Korken gezwängt, der passte da eigentlich gar nicht rein, mit einem Hammer habe ich den Korken in die kleine Öffnung gezwungen, der hält jetzt den Hebel und den Stift schön fest, damit niemand, wenn er an der Tür rumdrückt, in den Spalt greifen kann und einfach den Stift aus seiner Verankerung im Türrahmen ziehen, und dann Tür offen, wenn ich außer Haus, und Wohnung leergeräumt, und ich nix versichert.

Mein Hund steht vor der Tür, tippt ein paar Mal mit der Schnauze gegen das Holz und guckt mich etwas dümmlich an. Er ist sehr alt und steht nicht gerne für längere Zeit, geht schon leicht in die Hocke mit den Hinterbeinen, will in seine Ecke für den Rest der Nacht. Aber was tun? Mutter ist in Afrika, mein Ersatzschlüssel in ihrer Wohnung, ich könnte zu meiner Schwester gehen, die ca. zwanzig Minuten entfernt wohnt, die hat einen Schlüssel für die Wohnung meiner Mutter, die ca. zehn Minuten entfernt wohnt. Aber was soll ich mit dem Hund machen? Der Weg ist viel zu weit für ihn, seit ein paar Wochen schafft er es nicht mal mehr auf die andere Straßenseite, wo der kleine Wald liegt, in den ich seit fast zehn Jahren, so lange wie ich in dieser Wohnung wohne, mit ihm gehe. Vorher lebte ich auch ganz in der Nähe; wenn ich mich richtig erinnere, gehe ich seit 1999 mit dem Hund auf dieses Areal, auf dem bis 1994 eine riesige Fabrik stand, VEB Polygraph, der Patenbetrieb meiner Schule, Druckmaschinen stellten die her, einige Male, zwischen 1986 und 1989 muss das gewesen sein, war ich dort mit meiner Klasse zu Besuch. Wir wurden durch die großen Hallen geführt, überall Maschinen, Straßen zwischen den Hallen und Gebäuden, wie in einer kleinen Stadt, sogar einen Eisenbahnanschluss gab es. Die Schienen kann man heute noch sehen. Quer über die Straße laufen sie und enden vor dem Zaun, hinter dem der kleine Wald seit fünfzehn Jahren wächst. 1999 waren die Bäume und Büsche noch nicht so hoch und dicht. Manchmal blieben die Leute auf den Fußwegen stehen, wenn sie mich und meinen großen schwarzen Hund durch dieses Buschland streifen sahen. Da gab es große Senken, wo die Keller der Fabrik gewesen waren, in einer Senke sammelte sich um 2000 so viel Wasser, Schnee und Regen, dass eine Entenfamilie über ein Jahr dort lebte. Ich konnte ihn immer gerade so zurückrufen, wenn er ihnen an den Kragen wollte, aber eigentlich war er ja nur neugierig und wollte spielen, aber das sagen wohl alle Hundebesitzer, »Ach, der will ja nur spielen«, aber bei meinem Hund stimmte das tatsächlich, er war sehr gutmütig, aber etwas ungestüm, ich habe selten jemanden getroffen, der ähnlich gutmütig war.

Im Lauf der Jahre wurde das Grün gegenüber meinem Haus so dicht, dass ich mich dort im Sommer über Stunden verstecken konnte, mit dem Hund in einer der halb zugewachsenen Senken saß und las oder die Handlungsbögen großer Werke notierte. Und nun scheißt er nur noch auf den Hof, zum Glück ist dort eine kleine, verwilderte Wiese um einen alten Kirschbaum herum, die gehört eigentlich schon zum Nachbargrundstück, aber das Haus haben sie vor zwei oder drei Jahren weggerissen, so dass ich jetzt freien Blick auf einen kleinen Flachbau habe, direkt unterhalb des Bahndamms, der hinterm Haus verläuft, dort werkelt irgendeine Schreinerei, manchmal bis spät in die Nacht, und manchmal stößt die giftig riechende Dämpfe aus einem kleinen Blechschornstein, dass ich die Fenster schließen muss. Gegenüber der Schreinerei verläuft der geschwungene Häuserbogen einer Seitenstraße, die von der großen Hauptstraße, an der mein Haus sehr vereinzelt steht, abgeht. Schöne sanierte Häuser sind das, aber viele Wohnungen stehen leer. Ein paar Russen haben sich dort in einem der Häuser breitgemacht. Die kann ich in den Nächten manchmal hören. Brüllen und Grölen, ab und zu schreit eine Frau. Das scheint aber ihr normaler Alltag zu sein, Feiern und Streiten. Nur einmal, da saß ich abends auf meinem Klappstuhl und sah dem Hund zu, gar nicht so lange her kann das sein, denn da kippte er manchmal auch schon um beim Kacken, weil die Hinterläufe nicht mehr stabil blieben in seiner Hockstellung, da schoss einer der Russen mit einer Knarre aus dem Fenster. Wahrscheinlich nur eine Schreckschusspistole, aber wer weiß das schon. Ich weiß, dass das einer der Russen war, weil er laut fluchte dazu. Als wenn es nicht reichen würde, nachts rumzuballern, da müssen auch noch ein paar deftige Flüche gebrüllt werden. Und die Bullen gerufen hat natürlich keiner, ich mach so was aus Prinzip nicht, da muss schon einer Amok laufen, und zwar richtig.

Und nun steh ich mit dem alten, müden Hund vor meiner Tür und weiß nicht, wie reinkommen, 2 Uhr 15 inzwischen. Ich ziehe den Abtreter von der Türschwelle weg an die Wand gegenüber und sage dem Hund, er soll sich dort drauflegen. Er dreht und wendet sich, bevor er sich niederlegt, steht dann wieder auf und platziert sein Hinterteil erst da und dann wieder am anderen Ende meines großen Fußabtreters, wenigstens muss er nicht auf den blanken Fliesen liegen, wie jeder Alte will er es weich und warm für seine morschen Knochen. Er liegt direkt unter dem Kasten mit den Stromzählern. Wie oft hat da einer von den Stadtwerken gestanden und mir oder jemand anderem im Haus den Saft abgedreht. Wenn ich jetzt zu spät bezahle, weil ich auf Reisen bin oder mich über Wochen der Außenwelt verweigere und schreibe oder auf dem Bett liege und die Geschichten in mir arbeiten lasse, sind sie sehr freundlich, wenn sie kommen, »Ja, Herr Meyer, selbstverständlich kann ich nachher noch mal kommen, wenn Sie auf der Bank waren, welche Zeit wäre Ihnen denn recht?«; vor vier, fünf, sechs Jahren haben sie ohne Kommentar den Schalter umgelegt und verplombt, wenn ich nicht flüssig war, um sie auszuzahlen. Und wenn ich dann, weil jeder Mensch ja Strom braucht, auch wenn er pleite ist, diese Plombe mit Hilfe von etwas Schmieröl vom Schalter flutschen ließ, kamen sie noch mal und bauten eine Sicherung aus dem Innenleben dieses Zählerkastens, die konnt’ ich nicht so einfach überbrücken, da ging’s um zu viel Volt. Einmal wachte ich auf, hatte wohl das Klingeln nicht gehört, stand da tatsächlich so ein Strompolizist meiner Wohnungstür direkt gegenüber und steckte seinen Kopf in den Kasten und war am Fummeln und Schrauben, und als ich meine Tür aufmache, um zu fragen, was das verdammt nochmal soll, drückt sich der Hund an mir vorbei und springt dem Strompolizisten direkt ins Kreuz, dass der hoch und schrill aufschreit vor Angst.

Aber ich sagte ja schon, dass er nur neugierig war und ihn begrüßen wollte auf seine Art.

Ich drücke den rechten Türflügel, so weit es geht, mit der Schulter nach innen Richtung Flur. In dem entstehenden Spalt wird der kleine Hebel sichtbar, unter dem der Korken sitzt. Ich drücke stärker und versuche, den Spalt zu verbreitern. Dann versuche ich, mit der Hand hineinzufahren und irgendwie den Korken zu greifen. Aber sobald ich meinen Körper, und damit den Druck, etwas verlagere, wird der Spalt zu klein für meine Finger.

Also muss eine Art Keil her. Ich gehe wieder auf den Hof. Ich finde ein paar Äste vom Kirschbaum, der auch alt wird. Kirschen trägt er noch im Sommer, aber es werden weniger von Jahr zu Jahr. Im letzten Sommer lagen Hunderte Kirschen auf der Wiese und um den Baum, der Hund aß täglich die vergorenen Früchte, wurde alkoholsüchtig, stand schwankend in der Sonne und glotzte mich dümmlich an mit leerem Blick und suchte noch im Herbst, als alle Früchte längst verschwunden waren, verzweifelt den Boden nach Nachschub ab. Ich breche mir ein paar Holz-stücke zurecht, muss dabei aufpassen, nicht in einen der Scheißhaufen auf der Wiese und zwischen den kleinen Büschen zu treten. Die werden noch den Boden düngen, wenn der Hund längst verschwunden ist. Ich gehe rein. Wieder den Körper gegen die Tür und das stärkste Aststück in den Spalt gerammt. Da steckt es dann also, und ich kann den kleinen Hebel und den Korken darunter sehen. Der Spalt ist aber noch nicht groß genug, um mit der ganzen Hand reingreifen zu können, und ich brauche eine ganze Weile, um ein zweites Stück Holz zwischen die beiden Flügel zu schieben, und weil das immer noch nicht reicht, ein drittes. Ich schwitze schon ziemlich und ziehe das Hemd aus, arbeite im Unterhemd weiter. Jetzt komme ich an den Korken, der Spalt ist vielleicht zwei Finger breit, und mit diesen zwei Fingern versuche ich, den Korken zu greifen. Und dann schreie ich wie ein Vieh. Weil doch tatsächlich einer meiner provisorischen Keile nachgibt und sich nicht im Spalt hält, und die anderen beiden schließen sich an, bevor ich meine Finger rauskriege. Der Hund schaut mich etwas dümmlich, aber doch mehr verwundert mit geneigtem Kopf und dunklen Augen an, wie ich da so schreie und meine Finger aus der hölzernen Umklammerung reiße. Ich renne wieder auf den Hof, kein Ast zu finden, der stark genug ist, ich gehe wieder rein, renne schweißüberströmt in den Keller, der zum Glück offen ist, finde zwischen den Besen und Schaufeln des Hausmeistern einen abgebrochen Holzstiel, von einer Schaufel oder einem Spaten. Wieder hoch zur Tür, ich hebele erst unten und ziehe dort den Metallstift aus seiner Verankerung, aber das Sperrsystem oben hält die Flügel zusammen, sooft ich mich auch gegen sie werfe, jetzt weiß ich, dass ich ein spitzes Werkzeug brauche, einen Schraubenzieher oder eine Ahle, um den Korken aus der Öffnung unter dem Hebel förmlich herauszustechen, denn fest steckt er und blockiert.

Ich renne noch mal in den Keller runter, finde aber weder einen Schraubenzieher noch ein ähnlich geeignetes Werkzeug. Der Schweiß läuft mir in die Augen. Es ist jetzt fast 3 Uhr. Ich überlege, wen ich rausklingeln kann im Haus. Einen Schraubenzieher hat doch eigentlich jeder. Viele Möglichkeiten habe ich nicht. Die beiden ganz oben? Links der lange dünne, fast zahnlose Mann, rechts die dicke Frau. Vielleicht sind sie auch gerade zusammen in einer Wohnung, Genaueres weiß ich nicht über ihr Verhältnis, anfangs dachte ich noch, sie sind Bruder und Schwester, will’s eigentlich gar nicht wissen und beschließe, sie schlafen zu lassen. Sind nette Leute, komme gut mit ihnen aus, auch wenn er Lok-Fan ist. Er hat einen Lok-Aufkleber auf seinem Briefkasten, der Chemie-Aufkleber auf meinem Briefkasten ist mindestens doppelt so groß. Wenn bei mir jemand um 3 Uhr nachts klingelt, ich würde nicht öffnen, bzw. so tun, als wäre ich nicht da. Das Blöde am Erdgeschoss, Hochparterre, ist, dass man das Licht sieht. Eine Zeitlang klingelte Trinker-Thilo regelmäßig, wenn er mein Licht in der Nacht sah. Ein paar Meter die Straße runter ist eine Tankstelle. Das war sein Nachschubweg, viele Jahre lang. Und er war nicht der Einzige. Vor allem in den Sommernächten ziehen endlose Trinkerkolonnen an meinen Fenstern vorbei. Deswegen liebe ich die langen und kalten Winter, die es kaum noch gibt.

Ich könnte bei Ali klingeln. Der ist ein sehr gastfreundlicher Mann, würde mir sicher einen Schraubenzieher leihen. Bis vor zwei, drei Jahren war ich oft bei ihm zu Besuch. In meine Wohnung kam er nicht gern, wegen des Hundes. Hunde sind unreine Tiere, sagte er mir. Wir haben uns trotzdem ganz gut verstanden. Wir haben Wasserpfeife geraucht, Tee getrunken und über den Islam und Gott und die Frauen geredet. Ali ist strenggläubig, ich würde das zumindest so nennen. In seinem Wohnzimmer hängen große Wandteppiche mit den Gesichtern verschiedener Heiliger, Imam Ali, Ajatollah Chomeini und ein paar andere, deren Namen ich vergessen habe. Einige Male, aber das ist jetzt auch schon fünf, sechs Jahre her, bin ich mit ihm in die Moschee gegangen. Nicht, weil er mich bekehrt hat zum wahren Glauben, sondern weil ich noch nie in einer Moschee war und dachte, in den Zeiten des islamistischen Terrors, der Islamphobien und der Islamisierung Europas, Afrikas und der Welt muss man einmal in so einem Raum gewesen sein, um das Geheimnis dieser Gottesportale und der dortigen Gruppentranszendenz zu ergründen. Aber ich war ein wenig enttäuscht von der Leipziger Moschee, nur eine große Wohnung in einem runtergekommenen Mietshaus, aus der die Wände so herausgebrochen waren, dass ein paar kleine Säulen entstanden. Teppiche auf dem Boden, Teppiche an den Wänden, arabische Schriftzeichen, viel Gold, viel Kitsch, viel Tand, Hauptsache, Gott fühlt sich wohl, in der Nachbarwohnung lag die Moschee für die Frauen und Mädchen, wie in den getrennten Umkleidekabinen des Freibads ist das, ein Gott für die Männer und einer für die Mädels, bzw. zeigt er da seine weibliche Seite. Alis deutsche Freundin, die er damals hatte, ging immer in die Frauenmoschee, er hat sie zum wahren Glauben bekehrt, sie ging nur noch verschleiert auf die Straße und durfte mir nicht die Hand geben und erklärte mir das so, dass Gott es nicht gern hat, weil ich ja nicht ihr Mann bin. War gar nicht mein Typ diese Frau, aber sehr nett. Als Ali einmal für längere Zeit nach Kuweit zu seiner Familie fuhr, ging es heiß her zwischen den Heiligenbildern in seinem Wohnzimmer, ständig traf ich junge Leute im Treppenhaus, dröhnte Musik, waren die Aschentonnen voller leerer Flaschen … auch wenn wir uns in den letzten Jahren kaum noch sahen, habe ich selten so einen freundlichen Menschen getroffen, und auch in der Moschee war ich als Christ immer willkommen und wurde nach den Predigten (von denen ich kein Wort verstand natürlich, da auf Arabisch gehalten, der Sprache Gottes, manchmal meinst du dann Sachen zu hören wie »Bin Laden!« oder »DschihadkommtnachEuropa!«, aber ich glaube, diese schiitische Gemeinde war kein Schlupfloch für Hardliner, die Schiiten haben mit dem wahabitischen Bin Laden & Co. sowieso wenig am Hut, mit dem Imam habe ich ein paar Mal gesprochen und starke arabische Zigaretten geraucht, die waren nicht rund, sonder oval) zum Essen eingeladen, auf dem Fußboden, auf einer großen Plastikplane aßen wir, und die größte Freundlichkeit war es, seinem Nebenmann ungefragt etwas Fleisch und Reis auf den Teller zu schieben, das wurde mit einer angedeuteten Verbeugung und gefalteten Händen lächelnd bedankt. Und deshalb klingele ich auch nicht bei ihm, um nach einem Schraubenzieher zu fragen, ich weiß, dass er früh aus dem Haus muss, um zu arbeiten.

Und das war’s auch schon an Möglichkeiten, die ich habe. Die Wohnung über mir ist leer, die Wohnung neben Ali ist auch unbewohnt zur Zeit, der Typ ist im Knast, weiß nicht, wie lange noch. Ist eine Art Unglückswohnung, würde ich sagen, denn der Typ, der da vorher drin wohnte, ist auch im Knast. Es muss vor zwei, drei Jahren gewesen sein, als ihn die Bullen abholten. Ein Türke, der eine ältere Dame in Leipzig geheiratet hat wegen der Aufenthaltsgenehmigung, Geld hat’s wohl auch gekostet. Ich habe die Briefe vom Gericht und vom Scheidungsanwalt mit großem Interesse gelesen, als sein Briefkasten überquoll, nach dem er eingefahren war. Ich weiß nicht genau, wegen was sie ihn drankriegten. Vielleicht was mit Drogen, ich habe ihn ein paar Mal auf der Eisenbahnstraße flanieren sehen, verdächtig langsam, das ist seit vielen Jahren schon ein Umschlagplatz. Er hat auch viel getrunken, obwohl er mir, als ich mal auf einen Tee in seiner Wohnung war, sagte, dass er die übermäßige Trinkerei der Deutschen nicht verstehe, »Ab und an ein kleines Bier, o.k., aber Schnaps, so viel Schnaps, da werden die Leute böse.« Ein paar Wochen später nur dröhnte der Streit, den er mit seiner Freundin hatte, durchs ganze Haus. Wurde immer lauter und schlimmer, die Frau kreischte und schrie wie am Spieß, er fluchte, schimpfte, ab und an krachte was, jetzt geht das gute Geschirr zu Bruch, dachte ich, dachte auch daran, hochzugehen und zu schlichten, hatte aber genug eigenen Kram zu tun. Bis dann, auf dem Höhepunkt des Lärms, ein Schatten an meinem Hochparterre-Fenster zur Straße vorbeiflog, von oben kommend, nicht genau zu erkennen, und mit einem dumpfen Knall irgendwo neben dem Haus aufschlug. Das war’s, dachte ich, er oder sie. Und traute mich kaum, auf die Straße zu gehen, in Erwartung eines zertrümmerten Körpers. War aber nur ein Tisch bzw. die Reste eines Tisches. Ein Couchtisch mit Fliesenoberfläche, die Fliesenteile lagen wie Granatsplitter mehrere Meter im Umkreis der Detonation. Ein Mann auf der anderen Straßenseite schaute mit offenem Mund zu mir rüber, volle Punktzahl, der Kandidat hat den richtigen Fuß-weg gewählt!

Bin ich dann doch hochgegangen. Ein aufgeklapptes Messer hinter meinem Rücken. Wer weiß, mit was der öffnet … Er trug nur eine Unterhose und stank übel nach Schnaps, und als ich ihm sagte »Dir ist da eben was aus dem Fenster gefallen«, versprach er mir schwankend und lallend, sofort alles wegzumachen. Die Frau war nicht zu sehen.

Ich arbeite schwitzend an meiner Tür. Der Hund schläft auf dem Abtreter unterm Sicherungskasten. Mit einer Hand stemme ich den Schaufelstiel zwischen die Flügel und hebele sie auseinander, so weit es geht, mit der anderen Hand treibe ich mein neues spitzes Werkzeug in den Korken. Lack splittert vom Holz, kleine Stücke brechen bereits aus dem Korken raus. Ich habe einen lockeren Halterungshaken von der Regenrinne im Hof gezogen, mein Unterhemd ist schmutzig und mit Rost verschmiert, aber der Korken bröselt, die Blockade bricht, 3 Uhr 17, die Tür öffnet sich polternd, der Hund wacht auf.

II

Draußen vor der Tür, auf meinem Hof, direkt neben dem alten Kirschbaum, ist ein kleines Grabmal aus roten Ziegelsteinen. Dort liegt mein Hund Piet. Ich habe ihn verbrennen lassen und die Urne dort begraben. Er ist über vierzehn Jahre alt geworden. Am 19. Oktober in den Abendstunden hielt der Arzt sein Herz an. Die Tage zuvor hatte er nur noch wenig gegessen, und auch seine letzte Mahlzeit beroch er nur, und aß dann ein paar kleine Happen, als würde er etwas ahnen.

Der Arzt spritzte ihm erst ein Narkosemittel, nicht zu stark, damit er ganz langsam anfängt wegzudämmern. Und dann saß ich noch eine Weile neben ihm, die Hunde-decken hatte ich frisch gewaschen, damit er sauber und weich stirbt, der Arzt fragte, und ich bejahte, und dann nahm er eine andere Spritze, mit langer, dünner Nadel, befühlte seine Rippen, suchte das Herz, und injizierte direkt dort hinein. Ich lege meine Hand auf seine Schnauze, damit er mich riechen kann. Kurz bäumt er sich auf, öffnet den Mund, ich lege mein Hand hinein, will, dass er mich wittert in seinen letzten Sekunden. Und er wird ruhig, ich kann den Moment spüren, seine Zähne berühren meine Haut. Er ist weg.


*Aus: Clemens Meyer, „Draußen vor der Tür“ from: Clemens Meyer, Gewalten. Ein Tagebuch.pp. 201-223. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010.

Der 42er nach Piedmont. Bummelbus zum Jack London •Square. Hausangestellte und alte Frauen. Ich saß neben einer alten Blinden, die Braille las, ihr Finger glitt über die Seite, langsam und still, Zeile für Zeile. Es war beruhigend, ihr zuzuschauen, über ihre Schulter mitzulesen. Die Frau stieg in der 29th Street aus, wo aus dem Schild AMERIKANISCHE PRODUKTE VON BLINDEN alle Buchstaben herausgefallen waren, außer BLINDE.

Die 29th Street ist auch meine Haltestelle, aber ich muss die ganze Strecke bis ins Zentrum fahren, um Mrs. Jessels Scheck einzulösen. Wenn sie mich noch einmal mit einem Scheck bezahlt, kündige ich. Außerdem hat sie nie Kleingeld für den Bus. Letzte Woche bin ich auf eigene Kosten für einen Vierteldollar den ganzen Weg zur Bank gefahren, und sie hatte vergessen, den Scheck zu unterschreiben.

Sie vergisst alles, sogar ihre Leiden. Wenn ich Staub wische, sammle ich sie ein und lege sie auf ihren Schreibtisch. 10 Uhr Morgens ÜBELKEIT (sic!) auf einem Zettel auf dem Kamin. DIARRHÖHE neben der Spüle. SCHWINDEL SCHLECHTES GEDÄCHTNIS auf dem Herd. Meistens erinnert sie sich nicht daran, ob sie ihr Phenobarbital genommen hat oder nicht oder dass sie mich deswegen schon zwei Mal zu Hause angerufen hat, oder wo ihr Rubinring ist usw.

Sie folgt mir von Zimmer zu Zimmer und sagt immer wieder dasselbe. Ich werde noch genauso gaga wie sie. Ich sage dauernd, dass ich kündige, aber dann tut sie mir leid. Ich bin die Einzige, die sie zum Reden hat. Ihr Mann ist Anwalt, spielt Golf und hat eine Geliebte. Ich glaube nicht, dass Mrs. Jessel das weiß oder sich daran erinnert. Putzfrauen wissen alles.

Putzfrauen stehlen tatsächlich. Nicht die Sachen, um die sich die Leute, für die wir arbeiten, Sorgen machen. Es ist der Überfluss, der einen schließlich dazu bringt. Das Kleingeld im Aschenbecher wollen wir nicht.

Auf irgendeiner Bridge-Party hat eine Dame das Gerücht in die Welt gesetzt, man könne die Ehrlichkeit einer Putzfrau testen, indem man hier oder da kleine Aschenbecher mit ein paar Münzen darin herumstehen lässt. Ich lege immer ein paar Pennys dazu, auch ein Zehncentstück.

Bevor ich mit der Arbeit beginne, sehe ich zuerst nach, wo die Armbanduhren sind, die Ringe, die Handtaschen aus Goldlamé. Wenn sie später rotgesichtig und verschwollen hereingestürmt kommen, sage ich nur kühl »unter dem Kissen« oder »hinter der avocadofarbenen Kloschüssel«. Das Einzige, was ich tatsächlich stehle, sind Schlaftabletten, falls einer dieser dunklen Tage kommt. Heute habe ich ein Glas Spice-Islands-Sesamkerne gestohlen. Mrs. Jessen kocht selten, aber wenn, dann Sesam-Hühnchen. Das Rezept klebt im Gewürzschrank. Eine Kopie davon befindet sich in der Schublade mit den Briefmarken und Bindfäden und eine zweite in ihrem Adressbuch. Wenn sie Hühnchen, Sojasoße und Sherry bestellt, bestellt sie auch immer ein neues Glas Sesamkerne. Sie hat fünfzehn Gläser davon. Jetzt nur noch vierzehn.

An der Bushaltestelle setzte ich mich auf den Bordstein. Drei andere Dienstmädchen, dunkelhäutig in weißer Uniform, standen hinter mir. Sie waren alte Freundinnen, arbeiteten schon seit Jahren an der Country Club Road. Zuerst waren wir alle wütend … der Bus war zwei Minuten zu früh gekommen, wir hatten ihn verpasst. Verdammt. Der Fahrer weiß, dass die Hausangestellten immer hier stehen und der 42er nach Piedmont nur einmal in der Stunde fährt.

Ich rauchte, während sie ihre Beute verglichen. Sachen, die sie hatten mitgehen lassen  … Nagellack, Parfüm, Toilettenpapier. Sachen, die sie bekommen hatten … einzelne Ohrringe, ein 20er-Pack Kleiderbügel, zerrissene Büstenhalter.

(Ratschlag für Putzfrauen: Nimm alles an, was deine Arbeitgeberin dir schenkt, und sag Danke. Du kannst es im Bus lassen, im Spalt zwischen den Sitzen.)

Um ins Gespräch zu kommen, zeigte ich ihnen mein Glas Sesamkerne. Sie kreischten vor Lachen. »Ach Kindchen, Sesamkerne?« Sie fragten mich, wieso ich schon so lange für Mrs. Jessel arbeitete. Die meisten Putzfrauen ertragen sie nicht öfter als dreimal. Sie fragten, ob das stimmt mit den hundertvierzig Paar Schuhen. Ja, aber das Schlimme ist, es sind fast alle die Gleichen.

Die Stunde verging sehr angenehm. Wir redeten über die Damen, für die wir alle arbeiten. Wir lachten, nicht ohne Bitterkeit.

Normalerweise akzeptieren mich altgediente Putzfrauen nicht so ohne Weiteres. Ich kriege auch nur schwer Putzjobs, weil ich »gebildet« bin. Aber etwas anderes lässt sich im Moment einfach nicht finden. Habe gelernt, den Kundinnen gleich am Anfang zu erzählen, dass mein alkoholkranker Ehemann kürzlich gestorben ist und mich mit vier Kindern zurückgelassen hat. Dass ich noch nie arbeiten gegangen bin, weil ich ja die Kinder großziehen muss und so.

Der 43er von Shattuck nach Berkeley. Die Bänke, auf denen WERBEFLÄCHE steht, sind jeden Morgen klitschnass. Ich bat einen Mann um ein Streichholz, und er gab mir die ganze Schachtel. SUIZIDPRÄVENTION. Es war die blöde Sorte mit der Streichfläche auf der Rückseite. Aber besser die als keine.

Drüben auf der anderen Straßenseite fegte die Frau von der REINIGUNG FLECKENLOS ihren Gehweg. Rechts und links von ihrem Laden flogen Abfall und Blätter herum. Es ist Herbst in Oakland.

Später am Nachmittag, als ich vom Putzen bei den Horwitzens zurückkam, war auch der Gehweg vor FLECKENLOS wieder von Blättern und Müll bedeckt. Ich warf mein Umsteigticket dazu. Ich habe immer ein Umsteigticket. Manchmal gebe ich es weiter, normalerweise behalte ich es einfach.

Ter zog mich immer damit auf, dass ich Dinge behielt. »Hör zu, Maggie May, ’s gibt nichts auf der Welt, was du festhalten kannst. Außer mich vielleicht.«

Eines Nachts wachte ich in der Telegraph Street davon auf, dass er mir den Verschluss einer Coors-Bierflasche in die Hand drückte. Er lächelte auf mich herab. Terry war ein junger Cowboy aus Nebraska. Er mochte keine ausländischen Filme. Gerade erst ist mir klar geworden, warum: Er konnte nicht schnell genug lesen.

Wenn Ter ein Buch las, selten, riss er jede gelesene Seite heraus und warf sie weg. Ich kam nach Hause, wo die Fenster immer offen standen oder kaputt waren, und durch das ganze Zimmer wirbelten Blätter wie die Tauben über den Parkplatz vorm Safeway-Supermarkt.

Der 33er-Schnellbus nach Berkeley. Der 33er hat sich verfahren! Vor dem SEARS-Kaufhaus hat der Fahrer den Abzweig zur Autobahn verpasst. Alle drückten auf die Klingel, als er, mit rotem Kopf, auf der 27th Street nach links abbog. Wir blieben in einer Sackgasse stecken. Menschen kamen ans Fenster, um sich den Bus anzusehen. Vier Männer stiegen aus und halfen dem Fahrer, aus der schmalen Straße rückwärts zwischen den geparkten Autos herauszurangieren. Wieder auf der Autobahn, fuhr er gute achtzig. Es war beängstigend. Wir unterhielten uns alle, erfreut über die Abwechslung.

Heute bei Linda.

(Putzfrauen: Grundsätzlich nie für Freunde arbeiten. Früher oder später nehmen sie es dir übel, weil du so viel über sie weißt. Oder weil du es weißt, kannst du sie nicht mehr leiden.)

Linda und Bob sind gute alte Freunde. Ich spüre ihre Wärme, obwohl sie nicht da sind. Sperma und Blaubeermarmelade auf den Laken. Programme von Pferderennen und Zigarettenkippen im Bad. Notizen von Bob an Linda: »Bring Kippen mit und nimm das Auto … dumm-dido dumm-dido.« Zeichnungen von Andrea mit Liebe für Mama. Pizzaränder. Ihren Koks-Spiegel mache ich mit Windex sauber.

Es ist die einzige Wohnung, in der ich arbeite, die nicht schon von Anfang an total sauber ist. Genau genommen ist sie versifft. Jeden Mittwoch steige ich wie Sisyphos die Treppe zu ihrem Wohnzimmer hoch, wo es immer aussieht, als würden sie gerade umziehen.

Ich verdiene nicht viel an ihnen, weil ich nicht stundenweise abrechne, kein Fahrgeld nehme. Ganz sicher keine Mittagspause. Ich arbeite wirklich schwer. Aber ich sitze auch viel herum und bleibe bis spät. Ich rauche und lese die New York Times, Pornos oder Wie baue ich ein Verandadach. Meistens sehe ich nur aus dem Fenster auf das Haus gegenüber, wo wir früher gewohnt haben. Russell Street 2129 ½. Ich schaue auf den Baum mit den Wildbirnen, auf die Ter immer geschossen hat. Der Holzzaun glänzt von der Farbe der Gotcha-Bälle. Das Schild der Umzugsfirma BEKINS, das nachts unser Bett beleuchtete. Ich vermisse Ter und rauche. Tagsüber hört man die Züge nicht.

Der 40er zur Telegraph Avenue. MILLHAVEN GENESUNGSHEIM. Vier alte Frauen in Rollstühlen starren mit verschleiertem Blick auf die Straße. Hinter ihnen auf der Schwesternstation tanzt ein wunderschönes schwarzes Mädchen zu »I Shot the Sheriff«. Die Musik ist laut, sogar für mich, aber die alten Frauen können sie gar nicht hören. Unterhalb von ihnen auf dem Gehweg hängt ein geschmackloses Schild: »TUMOR-EINRICHTUNG 1 : 30«.

Der Bus hat Verspätung. Autos fahren vorbei. Reiche Leute in Autos sehen nie Leute auf der Straße an. Arme immer … es scheint sogar, als würden sie nur herumfahren und sich Leute auf der Straße ansehen. Ich habe das gemacht. Arme warten oft. Auf Sozialhilfe, in Schlangen vor dem Arbeitsamt, Waschsalons, Telefonzellen, Notaufnahmen, Gefängnisse usw.

Während alle auf den 40er-Bus warteten, schauten wir ins Fenster von MILLS UND ADDIES WASCHSALON. Mill wurde in einer Mühle in Georgia geboren. Er hatte sich quer über fünf Waschmaschinen gelegt und brachte einen riesigen Fernseher an der Wand an. Addie machte alberne Pantomimen, die uns zeigen sollten, dass der Fernseher nie halten würde. Passanten blieben stehen, um Mill gemeinsam mit uns zuzuschauen. Wir alle spiegelten uns im Fernseher, wie eine »Man on the Street«-Show.

Am Ende der Straße bei Fouché findet eine große schwarze Beerdigung statt. Ich dachte immer, dass auf dem Neonschild »Touché« steht, und stellte mir den Tod maskiert vor, die Spitze des Degens auf meinem Herzen.

Ich habe inzwischen dreißig Tabletten, von Jessel, Burns, Mcintyre, Horwitz und Blum. Die Leute, für die ich arbeite, haben jeder genug Aufputsch- und Beruhigungsmittel, um einen Hells Angel für zwanzig Jahre auszuschalten.

Der 18er zum Montclair-Park. Das Stadtzentrum von Oakland. Ein betrunkener Indianer, kennt mich mittlerweile, sagt jedes Mal: »So ist das Leben, Süße.«

In der Park Avenue steht ein blauer Bus mit vergitterten Fenstern vom Büro des Bezirkssheriffs. Drinnen sind etwa zwanzig Gefangene auf dem Weg zum Haftrichter. Die Männer, aneinandergekettet, bewegen sich wie eine Sportmannschaft in ihrer orangefarbenen Häftlingskleidung. Mit derselben Kameraderie, im Grunde. Es ist dunkel im Bus. In den Fenstern spiegelt sich das Licht der Ampeln. Gelb WARTEN WARTEN. Rot STOPP STOPP.

Eine lange, schläfrige Stunde hoch in die wohlhabenden, nebligen Montclair-Hügel. Nur Hausangestellte im Bus. Unterhalb der lutheranischen Zionskirche hängt ein großes schwarz-weißes Schild, auf dem ACHTUNG STEINSCHLAG steht. Wenn ich es sehe, muss ich jedes Mal laut lachen. Die Hausangestellten und der Fahrer drehen sich um und gucken mich groß an. Das ist schon ein Ritual. Es gab Zeiten, da bekreuzigte ich mich automatisch, sobald ich an einer katholischen Kirche vorbeikam. Vielleicht habe ich damit aufgehört, weil die Leute im Bus sich immer umdrehten und mich groß anguckten. Ich spreche immer noch automatisch ein Ave-Maria, wenn ich eine Sirene höre, aber lautlos. Das ist lästig, weil ich am Pill Hill in Oakland wohne, neben drei Krankenhäusern.

Am Fuße des Montclair-Hügels warten Frauen in Toyotas darauf, dass ihre Putzfrauen aus dem Bus steigen. Ich werde immer die Snake Road hinauf mitgenommen, von Mamie und ihrer Arbeitgeberin, die sagt: »Mensch, Mamie, was sehen wir doch schick aus mit dieser eisgrauen Perücke und ich in meinen schäbigen Malerklamotten.« Mamie und ich rauchen.

Die Stimmen von Frauen sind immer zwei Oktaven höher, wenn sie mit Putzfrauen oder Katzen sprechen.

(Putzfrauen: Apropos Katzen … freunde dich nie mit Katzen an, lass sie nicht mit dem Wischmopp oder mit den Lappen spielen. Das macht die Damen eifersüchtig. Verscheuche aber niemals eine Katze von einem Stuhl. Freunde dich andererseits immer mit Hunden an, verbringe fünf oder zehn Minuten damit, Cherokee oder Smiley zu kraulen, wenn du das erste Mal dort bist. Vergiss nicht, die Toilettendeckel zuzuklappen. Fellige, tropfende Hängebacken.)

Die Blums. Das ist die seltsamste Wohnung, in der ich arbeite, das einzige schöne Haus. Beide sind Psychiater, Eheberater, mit zwei adoptierten »Vorschulkindern«.

(Arbeite nie in einem Haus, in dem es »Vorschulkinder« gibt. Babys sind großartig. Du kannst Stunden damit verbringen, sie anzuschauen, zu halten. Aber die Älteren … da gibt es Gekreische, herumfliegende Cheerios, kleine Unglücke, die schon eingetrocknet sind und von einem Snoopy-Pyjama-Fuß breit getreten wurden.)

(Arbeite auch nie für Psychiater. Du wirst verrückt. Ich könnte denen so die eine oder andere Sache beibringen … ich meine, Schuhe, die einen größer machen?)

Dr. Blum, der männliche Part, leidet schon wieder an Heimweh. Er hat Asthma, verdammt noch mal! Er steht in seinem Bademantel herum und kratzt sich mit seinem Pantoffel das haarige Bein.

Oh ho ho ho, Mrs. Robinson. Er hat eine Stereoanlage, die mehr als zweitausend Dollar wert ist, und bloß fünf Schallplatten. Simon and Garfunkel, Joni Mitchell und dreimal die Beatles.

Er steht in der Tür zur Küche und kratzt sich jetzt das andere Bein. Ich wische mich in sinnlichen Mr.-Clean-Wischmopp-Wirbeln von ihm weg in die Frühstücksecke, als er mich fragt, warum ich dieses spezielle Arbeitsgebiet gewählt habe.

»Ich schätze, entweder aus Schuldgefühl oder Wut«, sage ich gedehnt.

»Darf ich mir eine Tasse Tee machen, wenn der Boden getrocknet ist?«

»Ach, kommen Sie, setzen Sie sich einfach hin. Ich bringe Ihnen den Tee. Zucker oder Honig dazu?«

»Honig. Wenn es nicht zu viel Arbeit macht. Und Zitrone, wenn es …«

»Jetzt setzen Sie sich schon hin.« Ich bringe ihm Tee.

Einmal habe ich Natasha, die vier Jahre alt ist, eine schwarze Paillettenbluse mitgebracht. Zum Schickmachen. Frau Dr. Blum wurde wütend und schrie, das sei sexistisch. Einen Moment lang hatte ich den Verdacht, sie würde mich beschuldigen, Natasha verführen zu wollen. Sie warf die Bluse in den Müll. Ich holte sie später wieder heraus und trage sie jetzt manchmal, wenn ich schick sein will.

(Putzfrauen: Ihr werdet einer Menge emanzipierter Frauen begegnen. Das erste Stadium ist eine Selbsterfahrungsgruppe, das zweite Stadium eine Putzfrau, das dritte die Scheidung.)

Die Blums haben jede Menge Tabletten, eine Fülle von Tabletten. Sie hat Aufputschmittel, er Beruhigungsmittel. Herr Dr. Blum hat auch Belladonna-Tabletten. Ich weiß nicht, wogegen sie wirken, würde aber gern so heißen.

Eines Morgens hörte ich ihn zu ihr in der Küchenecke sagen: »Lass uns heute mal was Spontanes machen, mit den Kindern Drachensteigen gehen!«

Mein Herz flog ihm zu. Ein Teil von mir wollte hineinstürmen wie die Haushälterin auf der Rückseite der Saturday Evening Post. Ich kann tolle Drachen bauen, ich weiß, wo es in Tilden guten Wind gibt. In Montclair gibt es keinen Wind. Der andere Teil von mir stellte den Staubsauger an, um ihre Antwort nicht hören zu müssen. Draußen regnete es in Strömen.

Das Spielzimmer war ein Chaos. Ich fragte Natasha, ob sie und Todd eigentlich mit all diesen Spielsachen spielten. Sie sagte mir, dass sie und Todd montags aufstanden und alles auskippten, weil ich kam. »Hol deinen Bruder«, sagte ich.

Ich ließ sie das Zimmer aufräumen, als Frau Dr. Blum hereinkam. Sie hielt mir einen Vortrag über Einmischung und wie sehr sie es ablehnte, in ihren Kindern »irgendwelche Schuld- oder Pflichtgefühle zu wecken«. Ich hörte missmutig zu. Im Nachsatz trug sie mir auf, den Kühlschrank abzutauen und mit Ammoniak und Vanille sauber zu machen.

Ammoniak und Vanille? Sofort hörte ich auf, sie zu hassen. So was Simples. Ich begriff, dass sie wirklich ein heimeliges Heim haben und in ihren Kindern keine Schuld- oder Pflichtgefühle wecken wollte. Später an diesem Tag trank ich ein Glas Milch, und sie schmeckte nach Ammoniak und Vanille.

Der 40er von der Telegraph nach Berkeley. MILLS UND ADDIES WASCHSALON. Addie ist allein im Laden und putzt das riesige Spiegelglasfenster. Auf einer Waschmaschine hinter ihr liegt ein enormer Fischkopf in einer Plastiktüte. Träge blinde Augen. Ein Freund, Mr. Walker, bringt ihnen immer Fischköpfe für die Suppe mit. Addie macht große Kreise aus flockigem Weiß auf dem Glas. Gegenüber im Saint-Lukes-Kindergarten denkt ein Kind, sie würde ihm zuwinken. Es winkt zurück, macht dieselben wirbelnden Kreise. Addie hält inne, lächelt, winkt diesmal wirklich. Mein Bus kommt. Die Telegraph Street hoch nach Berkeley. Im Fenster vom ZAUBERSTAB SCHÖNHEITSSALON ist ein Stern aus Aluminiumfolie an einer Fliegenklatsche befestigt. Nebenan gibt es ein Orthopädie-Geschäft mit zwei flehenden Händen und einem Bein.

Ter weigerte sich, Bus zu fahren. Die Leute, die drin saßen, deprimierten ihn. Aber er mochte die Greyhound-Busbahnhöfe. Wir gingen oft zu denen in San Francisco und Oakland. Meistens in Oakland, an der San Pablo Avenue. Einmal sagte er mir, er würde mich lieben, weil ich wie die San Pablo Avenue sei.

Er war wie die Müllhalde von Berkeley. Ich wünschte, es gäbe einen Bus zur Halde. Wir fuhren dorthin, wenn wir Heimweh nach New Mexico hatten. Es ist kahl und windig, und Möwen segeln darüber hin wie Nachtfalken in der Wüste. Rings um dich her und über dir ist Himmel. Müllfahrzeuge donnern über von Staubschwaden durchzogene Straßen. Graue Dinosaurier.

Ich komme nicht klar damit, dass du tot bist, Ter. Aber das weißt du ja.

Es ist wie damals am Flughafen, als du schon fast auf der Rampe für die Raupenfahrzeuge nach Albuquerque warst.

»Scheiße. Ich kann nicht weg. Du wirst das Auto nie finden.«

»Was wirst du nur ohne mich machen, Maggie?«, hast du mich wieder und wieder gefragt, damals, als du nach London wolltest.

»Makramee, du Rüpel.«

»Was wirst du nur ohne mich machen, Maggie?«

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dich so sehr brauche?«

»Doch«, hast du gesagt. Eine schlichte Feststellung nach Nebraska-Art.

Meine Freunde sagen, ich ertrinke in Selbstmitleid und Reue. Sagten, ich würde überhaupt niemanden mehr treffen. Wenn ich lächele, lege ich unwillkürlich die Hand vor den Mund.

Ich sammle Schlaftabletten. Einst haben wir einen Pakt geschlossen … wenn bis 1976 nicht alles in Ordnung sei, würden wir hinten im Yachthafen eine Schießerei veranstalten. Du hast mir nicht getraut, hast gesagt, ich würde dich zuerst erschießen und dann weglaufen oder mich zuerst erschießen, wie auch immer. Ich habe genug von der Abmachung, Ter.

Der 58er vom College nach Alameda. Alte Damen aus Oakland gehen ins Hinks-Kaufhaus in Berkeley. Alte Damen aus Berkeley gehen ins Capwell-Kaufhaus in Oakland. In diesem Bus sind alle jung und schwarz oder alt und weiß, inklusive Fahrer. Die alten weißen Fahrer sind fies und nervös, besonders in der Gegend um die Technical High School in Oakland. Jedes Mal bremsen sie den Bus an der Haltestelle abrupt ab, regen sich übers Rauchen und die Radios auf. Sie lassen den Bus schlingern und halten mit einem Ruck, der die alten weißen Damen gegen die Haltestangen wirft. Die Arme der alten Damen bekommen sofort blaue Flecke.

Die jungen schwarzen Fahrer fahren schnell, rauschen auf der Pleasant Valley Road über gelbe Ampeln. Ihre Busse sind laut und verraucht, aber sie schlingern nicht.

Mrs. Burkes Haus heute. Ihr muss ich auch kündigen. Nichts ändert sich. Nichts ist je schmutzig. Ich verstehe nicht, wozu ich überhaupt da bin. Heute ging es mir besser. Wenigstens habe ich das mit den dreißig Flaschen Lancers Roséwein verstanden. Vorher waren es einunddreißig. Offenbar war gestern ihr Hochzeitstag. In seinem Aschenbecher lagen zwei Zigarettenstummel (nicht nur seiner), ein Weinglas stand auf dem Tisch (sie trinkt nicht) und meine neue Flasche Rosé. Die Bowling-Trophäen waren verschoben worden, ein bisschen. Unser gemeinsames Leben.

Sie hat mir viel über Hauswirtschaft beigebracht. Leg das Toilettenpapier so ein, dass es sich von unten her abrollen lässt. Öffne den Deckel des Scheuermittels nur drei Löcher weit, nicht sechs. Spare in der Zeit, so hast du in der Not. Einmal riss ich in einem rebellischen Anfall den Deckel vollständig ab und verschüttete aus Versehen Scheuerpulver im gesamten Herd. Eine Sauerei.

(Putzfrauen: Zeige ihnen, dass du sorgfältig arbeitest. Stelle am ersten Tag alle Möbel falsch zurück … fünf bis zehn Zentimeter weiter oder so, dass sie in die falsche Richtung zeigen. Drehe beim Staubwischen die siamesischen Katzenfiguren um, stelle das Milchkännchen links neben den Zucker. Bringe die Zahnbürsten durcheinander.)

Mein Meisterwerk auf diesem Gebiet vollbrachte ich, als ich die Oberseite des Kühlschranks bei Mrs. Burke sauber machte. Sie bemerkt alles, aber wenn ich die Taschenlampe nicht angelassen hätte, hätte sie übersehen, dass ich das Waffeleisen gescheuert und neu geölt, das Geisha-Mädchen repariert und auch die Taschenlampe gereinigt hatte.

Indem du alles falsch machst, beweist du ihnen nicht nur, dass du sorgfältig bist; es gibt ihnen auch die Möglichkeit, entschlossen und als »Chef« aufzutreten. Den meisten Amerikanerinnen ist es sehr unangenehm, Hausangestellte zu haben. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, während du dort bist. Mrs. Burke beispielsweise fängt an, ihre Liste mit Leuten durchzugehen, die von ihr Weihnachtskarten erhalten, und sie bügelt das Geschenkpapier vom letzten Jahr. Im August.

Versuche, für Juden oder Schwarze zu arbeiten. Da bekommst du ein Mittagessen. Aber vor allem haben jüdische und schwarze Frauen Achtung vor der Arbeit, vor deiner Arbeit, und schämen sich überhaupt nicht dafür, dass sie den ganzen Tag absolut nichts tun. Schließlich bezahlen sie ja dich, nicht wahr?

Leute von den Freimaurern des Christlichen Ordens der Eastern Stars sind ein anderes Kaliber. Damit sie keine Schuldkomplexe kriegen, muss man immer etwas machen, was sie nie machen würden. Stell dich auf den Herd, um hochgespritzte Coca-Cola von der Decke zu wischen. Sperr dich in die Glasdusche ein. Schieb alle Möbel, inklusive Klavier, gegen die Tür. Das würden sie nie machen, außerdem kommen sie nicht mehr rein.

Gott sei Dank gibt es immer wenigstens eine Fernsehshow, nach der sie süchtig sind. Ich schalte für eine halbe Stunde den Staubsauger an (ein beruhigendes Geräusch), lege mich unter das Klavier, einen Staublappen fest in der Hand, nur für den Notfall. Ich liege einfach da, summe vor mich hin und denke nach. Ich habe mich geweigert, deinen Körper zu identifizieren, Ter, was eine Menge Ärger machte. Ich hatte Angst, dass ich dich schlagen würde für das, was du getan hast. Dass du gestorben bist.

Das Klavier ist das Letzte, was ich bei den Burkes sauber mache, bevor ich gehe. Das einzig Dumme daran ist, dass darauf keine anderen Noten stehen als die Hymne des Marine-Korps. Jedes Mal marschiere ich zu den Klängen von »From the Halls of Mon-te-zu-u-ma« zur Bushaltestelle.

Im 58er-Bus vom College nach Berkeley. Ein bösartiger alter weißer Fahrer. Es regnet, es ist spät, voll und kalt. Weihnachten ist eine schlechte Zeit zum Busfahren. Ein bekifftes Hippie-Mädchen schrie: »Lasst mich aus diesem Scheißbus raus!« – »An der nächsten Haltestelle!«, schrie der Fahrer zurück. Eine dicke Frau – eine Putzfrau – hatte sich über den Vordersitz erbrochen, auf die Gummischuhe der Mitfahrer und auf meinen Stiefel. Es roch widerlich, und mehrere Leute stiegen an der nächsten Haltestelle aus, wo auch sie ausstieg. Der Fahrer hielt an der Arco-Haltestelle vor Alcatraz, holte einen Schlauch, um sauber zu machen, aber natürlich lief das ganze Zeug nur nach hinten, und im Bus wurde es noch nasser. Er war wütend und rot im Gesicht, überfuhr die nächste rote Ampel, bringt uns alle in Gefahr, sagte der Mann neben mir.

An der Technical High School von Oakland warteten etwa zwanzig Schüler mit Radios hinter einem schwer gelähmten Mann. Das Amt für Sozialhilfe ist direkt neben der High School. Als der Mann mühevoll einstieg, sagte der Fahrer: Verdammt noch mal!, und der Mann sah überrascht aus.

Wieder bei den Burkes. Keine Veränderungen. Sie haben zehn Digitaluhren, und alle zeigen dieselbe korrekte Uhrzeit an. Wenn ich kündige, werde ich alle Stecker rausziehen.

Mrs. Jessel habe ich schließlich wirklich gekündigt. Sie bezahlte mich weiterhin mit einem Scheck, und einmal rief sie mich in einer Nacht vier Mal an. Ich telefonierte mit ihrem Mann und sagte ihm, ich hätte Pfeiffer’sches Drüsenfieber. Sie hat schon wieder vergessen, dass ich gekündigt habe, und rief mich letzte Nacht an, um zu fragen, ob sie auf mich ein bisschen blasser gewirkt hätte. Ich vermisse sie.

Heute eine neue Kundin. Eine echte Dame.

(Ich sehe mich nie als Putzfrau, auch wenn sie einen so nennen, ihre Hausangestellte oder ihr Dienstmädchen.)

Mrs. Johansen. Sie ist Schwedin und spricht Englisch mit ziemlich starkem Akzent, wie jemand von den Philippinen. Das Erste, was sie heute zu mir sagte, als sie die Tür öffnete, war: »Heiliger Moses!«

»Oh. Bin ich zu früh?«

»Ganz und gar nicht, meine Liebe.«

Sie betrat die Bühne. Eine achtzigjährige Glenda Jackson. Ich war hin und weg. (Sehen Sie, ich fange schon an, so zu reden wie sie.) Hin und weg im Foyer.

Im Foyer, bevor ich überhaupt meinen Mantel ausgezogen hatte, Ters Mantel, setzte sie mich über das Ereignis ihres Lebens in Kenntnis.

John, ihr Mann, war vor sechs Monaten gestorben. Es war schwer für sie gewesen, besonders das Schlafen. Sie hatte angefangen, Bilderpuzzle zusammenzusetzen. (Sie zeigte auf den Kartentisch im Wohnzimmer, wo Jeffersons Landgut Monticello beinahe fertig war, bis auf ein klaffendes Urtierchen-Loch oben rechts.)

Eines Nachts war sie so in ihr Puzzle vertieft gewesen, dass sie gar nicht erst schlafen ging. Sie hatte es vergessen, sie hatte wirklich vergessen, ins Bett zu gehen! Und zu essen, das auch. Um acht Uhr morgens aß sie Abendbrot. Sie legte sich hin, wachte um zwei Uhr auf, frühstückte nachmittags um zwei und ging los, um ein neues Puzzle zu kaufen.

Als John noch lebte, gab es morgens um sechs Frühstück, Mittagessen um zwölf, Abendbrot um sechs. Ich werde dieser lächerlichen Welt sagen, dass die Zeiten sich geändert haben.

»Nein, meine Liebe, Sie sind nicht zu früh«, sagte sie. »Es könnte allerdings sein, dass ich jeden Moment ins Bett verschwinde.« Ich stand immer noch da, schwitzte, blickte in die glänzenden, müden Augen meiner neuen Arbeitgeberin und wartete darauf, dass Tacheles geredet wurde.

Ich sollte nichts weiter tun, als die Fenster zu putzen und den Teppich zu saugen. Aber bevor ich den Teppich saugte, sollte ich ein Puzzleteil suchen, Himmel mit ein bisschen Ahorn. Ich weiß schon, dass es fehlt.

Es war schön auf dem Balkon beim Fensterputzen. Kalt, aber die Sonne schien mir auf den Rücken. Drinnen saß sie über ihrem Puzzle. Entrückt, aber doch in einer Pose. Sie muss früher wunderschön gewesen sein.

Nach den Fenstern folgte die Aufgabe, das Puzzleteil zu suchen. Zentimeter für Zentimeter im quietschgrünen Teppich, Crackerkrümel, Gummibänder vom Chronicle. Ich freute mich, das war der beste Job, den ich je gehabt hatte. Sie scherte sich »einen feuchten Kehricht« darum, ob ich rauchte oder nicht, also kroch ich über den Teppich, rauchte und schob den Aschenbecher vor mir her.

Ich fand das Puzzleteil auf der anderen Seite des Zimmers, weit weg vom Tisch mit dem Puzzle. Es war Himmel mit ein bisschen Ahorn.

»Ich hab’s!«, rief sie. »Ich wusste doch, dass es fehlt!«

»Ich hab’s!«, rief ich.

Dann konnte ich Staub saugen, womit ich noch beschäftigt war, als sie das Puzzle mit einem Seufzer beendete. Beim Gehen fragte ich sie, wann sie glaube, dass sie mich wieder brauchen würde.

»Wer weiß?«, sagte sie.

»Na ja … möglich ist alles«, sagte ich, und wir lachten beide. Ter, eigentlich möchte ich überhaupt nicht sterben.

Der 40er zur Telegraph. Haltestelle vor dem Waschsalon. MILLS AND ADDIES ist voll mit Leuten, die darauf warten, dass ihre Waschmaschine fertig wird, aber so feierlich, als warteten sie auf einen Tisch im Restaurant. Sie stehen am Fenster, schwatzen, trinken Sprite aus grünen Dosen. Mill und Addie mischen sich unter sie wie gesellige Gastgeber und wechseln Geld. Im Fernsehen spielt die Ohio State Band die Nationalhymne. Schneegestöber in Michigan.

Es ist ein kalter, klarer Januartag. Vier rasante Radfahrer reihen sich an der Ecke der 29th Street wie an einer Drachenschnur auf. Eine Harley tuckert im Leerlauf an der Haltestelle, und ein paar Kinder winken dem böse blickenden Biker von der Ladefläche eines 1950er-Dodge-Lasters zu. Endlich weine ich.

Diese Nacht, kurz nach eins, ist mir an meiner Straßenecke wieder der Fuchs begegnet. Und wie beim letzten Mal blieb er stehen, drehte seinen Kopf in meine Richtung, und wir schauten uns einen Augenblick lang in die Augen. Die letzen beiden Lebewesen in dieser Stadt. Noch nicht einmal von der nahegelegenen Greifswalder Straße war ein Geräusch zu hören. Der Augenblick kam mir endlos vor. Es war so etwas wie ein stilles Einverständnis zwischen uns. Dann verschwand der Fuchs hinter den geparkten Autos.

Ich weiß nicht, wann mir aufgefallen ist, dass hier nach Mitternacht außer mir niemand mehr auf der Straße ist. Der Prozess muss schleichend abgelaufen sein. Erst verschwanden die Eckkneipen, dann die Bars mit Cocktails für glückliche Stunden, dann wurden die Clubs weggeklagt, die Restaurants verschoben den Küchenschluss auf eine Zeit weit vor Mitternacht, die Spätverkaufsstellen machten zu und die Cafés stellten auf Tagesbetrieb um. Irgendwann gingen auch die Hundebesitzer nicht mehr auf ihre letzte Tagesrunde, weil es nur noch wenige Hundebesitzer gab. Sie fehlten mir, obwohl ich freilaufende Hunde nie mochte.

Anfang des Jahres hat auch meine Stammkneipe zugemacht, der Zufluchtsort der letzten Eingeborenen des Viertels, die sich hier zum Trinken, Rauchen, Reden und Spielen trafen, und um über die Zugezogenen zu lästern, über die Männer, die im fortgeschrittenen Alter noch eine Familie gründeten, mit Frauen, die alle zehn Jahre jünger, aber auch nicht mehr jung waren und die alle irgendwas mit Medien machten.

Am Anfang dachten wir, dass wir mit ihnen schon klarkommen würden, wir hatten hier viele kommen und gehen sehen. Die aber waren anders, unerbittlicher, ohne dass wir genau formulieren konnten, was sie so unerbittlich machte, denn nach außen hin waren sie freundlich, manchmal sogar höflich, aber im nächsten Moment hatte man die Kündigung der Wohnung im Briefkasten und fand einfach keine neue mehr, in den letzten Hundehäufchen steckten kleine Fähnchen mit der Aufforderung, die Straßen sauber zu halten und in den Zeitungen wurden wir, die wir an unserer Gegend wie an einer Heimat hingen, mit Häme bedacht. Wir hatten die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Wir sollten uns endlich mal bewegen. Wir seien lange genug hier gewesen. Es gäbe kein Menschenrecht auf eine Wohnung mit Stuck und Dielen. Schlimmer als die Häme war, dass um mich herum einer nach dem anderen verschwand, bis wir nur noch wenige waren, die den doppelten Preis fürs Bier bezahlten, damit der Wirt noch leben und die Miete für die Kneipenräume bezahlen konnte. Wir renovierten sie, nachdem ein anonymer Anrufer eine Anzeige bei der Hygiene gemacht hatte, und wir rauchten vor der Tür so leise wie Katzen auf der Hofmauer herumschlichen. Aber es nützte nichts.

Der Wirt verlor die Nerven, als er sich eines Nachts mit dem Wohnungsbesitzer in der Beletage prügelte, der wegen ruhestörenden Lärms jeden Abend die Polizei holte. Der Wirt verlor den Prozess und seine Lizenz, und wir waren unser Wohnzimmer los. Von unverkäuflicher Kunst, Humbug oder Bierverkauf ließ sich hier schon lange nicht mehr leben. Am letzten Abend brachte ich eine Postkarte mit, die seit Jahren in meinem Flur hing, Macchiavelli für Kids:  „Wenn Du eine Gegend eroberst, töte jeden, der gegen Dich ist, basta. Danach sei ganz nett zu allen, die übrig geblieben sind.“ Vielleicht war genau das das Unerbittliche: Niemand von uns sollte übrig bleiben. Einer von uns hatte mal die Frage in die Runde geworfen, ob der Zustand unseres Viertels nicht mit den Auswirkungen einer Neutronenbombe vergleichbar wäre, mit der sie uns als Kind soviel Angst gemacht hatten. Davor, dass der Feind sie über unserem Viertel abwerfen könnte und jegliches Leben auslöschte, die Häuser aber unversehrt stehen blieben. Dann kämen die Eroberer und machten es sich in unseren Wohnungen gemütlich. Na gut, sagten wir, aber es ist ja niemand gestorben. Aber wo, fragte er, sind denn alle hin? Wir klebten die Macchiavelli-Karte mit Sekundenkleber an die Schaufensterscheibe. Hat aber auch nichts genützt. Das Schaufenster wurde ausgewechselt. Der Wirt ist ins Brandenburgische gezogen, und in den Räumen, wo wir uns früher nachts aneinanderkuschelten, ist seit kurzem ein Kindercafé mit Hüpfburg, in dem Väter stundenlang ihren Kindern beim Spielen zusehen, aus Angst, sie könnten sich stoßen oder von anderen, bösen Männern entführt werden.

Dieser Zustand der absoluten mitternächtlichen Stille im Zentrum einer Metropole, ein Oxymoron, wenn man mich fragt, ließ sich leicht mit einem Ausnahmezustand verwechseln, aber tatsächlich hatte es den letzten hier in der Woche nach dem Aufstand am 17. Juni 1953 gegeben. Nicht mal nach dem 7. Oktober 1989, als es auf den Straßen um die Gethsemanekirche knapp einen Kilometer entfernt zu Rangeleien zwischen Sicherheitskräften und uns zornigen Jugendlichen gekommen war, in deren Folge viele von uns verhaftet wurden, bis die Straßen leer waren, war es nachts so still gewesen. Gut, vielleicht in der Nähe der Mauer, aber auch da war immer wenigstens ein Volkspolizist aus dem Dunkel eines verrotteten Hauseinganges gekommen und hatte auf sächsisch um den Personalausweis gebeten, ja die Herausgabe geradezu befohlen. Es war damals Mode, ihren seltsamen Singsang nachzumachen. „Nuu, Genosse, da wersch ma nachguggen, obsch das Personaldoggumend ooch am Moann hobbe“, was die Polizisten, je nach Temperament, mit Langmut oder verstärkter Kontrollwut, manchmal auch mit Zuführung beantworteten. Dann verbrachte man die Nacht im Revier.

Vorletzten Winter, als der Schnee meterhoch auf den Bürgersteigen und in Grünanlagen lag und viele Tage die Lautstärke der Schritte dämpfte, selbst auf den Straßen war er liegengeblieben, war ein Mann mir nachts sehr dicht gefolgt, so lautlos, dass erst der Geruch seines Atems mich darauf aufmerksam machte, dass da jemand hinter mir war. Er sagte keinen Ton, folgte mir nur wie ein Schatten. Es war eine Stunde vor Mitternacht und niemand war auf der Straße, selbst die Fenster der Vorderhäuser waren allesamt dunkel. Wenn ich schneller ging, beschleunigte auch er seine Schritte. Lief ich langsam, drosselte er sein Tempo, blieb ich stehen, um meine Schnürsenkel zu binden, tat er dasselbe. Ich erwartete jeden Moment einen Schlag auf den Kopf, das Entreißen meiner Tasche oder eine Pistolenmündung im Rücken. Nach dreihundert Metern bekam ich Panik. Ich checkte die Türen der Vorderhäuser, ob eine vielleicht nur angelehnt war, aber alle Tore und Türen waren verrammelt. Da entdeckte ich ein Licht, das auf den Schnee des Gehwegs fiel. Hinter dem Fenster befand sich eine Bar, die mir noch nie aufgefallen war. Ich flutschte hinein und warf die Tür hinter mir zu. Der Schatten folgte mir nicht.

In der Bar war es voll. In meiner Erinnerung war sie verraucht, was aber nicht stimmen kann, denn das Rauchen war schon verboten, als ich sie das erste Mal betrat. Aber alle sahen so aus, als würden sie vor einem Aschenbecher sitzen und in Gedanken versunken die Asche ihrer Zigaretten abstreifen. Es waren fast ausschließlich Männer.

Was dann kam, war eigentlich Zufall. Einer sprach mich an. Er kam mir bekannt vor, aber irgendwie sehen sich die Neuen ja alle ähnlich, die gleiche Kleidung, die gleichen Brillen, die gleiche Sorte Herrenparfüm, Dreitagebart und Smartphone. Ich hatte plötzlich Lust zu erfahren, ob sie auch nackt nicht zu unterscheiden waren. Ich mag Sex mit Fremden wie ich Currywürste mag. Manchmal esse ich ein Jahr keine, aber dann steigt mir der Geruch in die Nase und ich muss zur erstbesten Currywurstbude und drei auf einmal runterschlingen, bis der Anfall wieder vorbei ist. Ich zeigte Interesse an einer gemeinsamen Nacht.

Bald stellte sich heraus, dass es einer dieser Heliummänner war. In unserer Kneipe war das ein Running Gag, Männer, die mit Babystimmen sprechen, nannten wir so. Auch Heliumfrauen gab es zur Genüge.

Wenn nachmittags auf dem Weg in den Park wieder mal zehn oder elf dieser piepsenden Leute an mir vorbeigegangen sind, werde ich unruhig  und fange an, laut vor mich hin zu sprechen, weil ich wider besseres Wissen denke, dass es ansteckend ist. Aber nein, meine Stimme ist noch so tief und rau, dass sich die Familien manchmal erschrocken umdrehen, wenn ich auf der Straße hinter ihnen auflache, unter Garantie sagt eine der Heliumstimmen dann zu seinem Kind: „Keine Angst Leon/ Leonie, das ist nur eine Frau“, und ich lache dann gleich noch mal und noch lauter, dass sie verschreckt zur Seite treten, was sie ja sonst nie machen, weil ihnen die Welt gehört. Ich lache gern. Früher war ich lieber traurig und geheimnisvoll, aber wenn man über 40 ist, wirkt man ernst schnell depressiv.

Er gefiel mir eigentlich gar nicht, zu klein, zu jung, ein Langweiler, aber es ritt mich, auf seine Avancen einzugehen, ihn noch ein bisschen zappeln zu lassen und ihn dann aufzufressen. Ich nahm ihn mit zu mir. Aber er hatte so eine Angst vor seiner Frau, dass wir über Petting nicht hinauskamen. Er konnte sich noch nicht einmal verabschieden, kam einfach nicht zum nächsten verabredeten Termin. Aber ich war trotzdem auf den Geschmack gekommen. Ich ging noch einmal zu der Bar, die eigentlich auch nur eine schlecht getarnte Abschleppkneipe war, wie früher der Franzklub ein paar hundert Meter weiter, nur dass hier eben die späten Väter saßen, mit Ringen unter und Gier in den Augen. Frauen schienen viel kürzer zu verweilen. Eigentlich holten sie die Männer nur ab. Auch mir reichten zwei Bier für die Entscheidung, und da sie sich alle ähnlich sahen, fiel mir die Wahl viel weniger schwer als vor dem Joghurtregal der Kaufhalle ein paar Schritte weiter, bei deren Richtfest ich noch mit meiner Volkstanzgruppe aufgetreten war und die nun natürlich Supermarkt hieß. Nach dem zweiten Heliummann, der mir auf den Leim gegangen war, begann ich mit einer von mir so genannten Phänomenologie dieser Spezies. Am ähnlichsten sind sie sich in ihrem Besitzerstolz. Ein Wischen über das Smartphone und schon erscheint ihre aktuelle Familie, die Frau, die sich an zwei Kleinkinder schmiegt, meist Zwillinge. Nachdem ich einen vor dem Koitus in die Flucht getrieben habe, als ich angesichts der Zwillinge „Reagenzglas?“ gefragt habe, bin ich vorsichtiger. Die Frauen scheinen alle die gleiche Konfektionsgröße zu haben, alle die gleiche Frisur und alle tragen im Winter diese gesteppten Mäntel in schwarz oder dunkelblau mit den übergroßen Logos teurer Outdoormarken. Meistens komme ich aber gar nicht dazu, mir die Ehefrauen genauer anzusehen, denn die Männer müssen schnell noch eine Statusmeldung abgeben, eine SMS beantworten oder die Mails checken. Manchmal entschuldigen sie sich auch, um zu telefonieren und dann wichtig mit dem Smartphone am Ohr auf der Straße hin und herzulaufen und mir Zeichen zu machen, dass ich nicht weggehen soll.

Ich mag keine blumigen Vorspiele. Am besten gefällt mir Sex nachts im Park, der Kitzel ist größer, die Angst vorm Entdecktwerden dehnt die Dauer des Aktes nicht ins Unendliche. Allerdings habe ich bemerkt, dass diese Männer für solcherart Experimente nicht die richtigen sind. Die handfesten Jungs der Vergangenheit hatten nichts gegen Natur, den zartbesaiteteren Neubewohnern piekts dann doch zu doll und sie haben Angst, ein Zweig zwischen den Beinen könnte sie verraten. Sie brauchen ein Dach über dem Kopf, wenn sie die Hosen herunterlassen. Meistens gehen wir zu mir. Ich vermeide, das Licht anzumachen. Es geht um Sex, nicht darum, wie ich lebe. Ich habe eine Mittelwohnung in einem Vorderhaus, die ich erfolgreich gegen jede Sanierung verteidigen konnte. Dusche in der Küche und die Toilette eine halbe Treppe tiefer. Das hat den einen oder anderen schon abgeschreckt, zumal das Wasser in der Dusche erst angeheizt werden muss. Was ich arbeite, geht sie nichts an. Dem ersten habe ich es noch erzählt, das ging nicht gut aus. Jetzt sage ich, was mit Computern, und es ist noch niemandem aufgefallen, dass es überhaupt keinen Computer gibt in der Wohnung, nur Bücher bis unter die Decke.

Überhaupt wollen sie selten etwas über mich wissen. Sie sind da nicht neugierig. Ich bin auch nicht besonders scharf darauf, ich würde ihnen sowieso nicht die Wahrheit sagen. Ich wohne seit meiner Geburt in dem Viertel. Wenn ich das erzähle, ernte ich mitleidige Blicke, als ob ich noch nie irgendwo hingereist wäre. Ich finde Reisen überbewertet. Hier gab es im letzten Vierteljahrhundert so viele Veränderungen, das hätte ich mit keiner Weltreise und mit keinem Umzug hinbekommen, auch wenn es seit zehn Jahren, seit sie sich angeschickt haben, mit ihren geländegängigen Autos und gesunden Mohrrüben die ostdeutsche Wüste urbar zu machen, immer langweiliger wird. Das würden sie natürlich bestreiten. Wenn ich sie wäre, würde ich das auch tun. Meine Nachbarin Frau Korte, eine 75-jährige, die seit ihrer Geburt in derselben Wohnung lebt, hat neulich auf dem Treppenabsatz zu mir gesagt: „Ich bin mir sicher, dass ich noch erleben werde, dass die alle wieder weg sind.“ In ihrem Optimismus erinnert sie mich an meine alte Tante Trude. Sie und ihr Mann waren Anfang der Neunziger die einzigen in einem völlig leeren Haus, das kurz darauf in einer Nacht- und Nebelaktion von einer Gruppe junger Leuter besetzt wurde, die rund um die Uhr Remmidemmi machten. Trude, die eigentlich nichts aus der Ruhe brachte, sie hatte die Bombennächte und die Eroberung durch die Rote Armee in diesem Haus erlebt, fragte, als sie nachts um drei wegen der wummernden Bässe nicht schlafen konnte, ob es nicht besser sei umzuziehen, aber ihr Mann war der Meinung: „Warts mal ab, Trude, die werden noch so spießig, dass sie sich über uns beschweren werden.“ Und so kam es dann auch.

Ich stelle den Männern viele Fragen. Meist nach dem Sex, zum Runterkommen, wenn wir noch einen Schluck trinken. Ich bin so gut darin, dass sie nicht misstrauisch werden. Wir arbeiten ihr Leben ab, das von Falk oder Florian, David oder Daniel, Lukas oder Johannes, von Station zu Station, die Karriereleiter hoch, natürlich nie runter. Vom Praktikanten zum Senior Consultator. So eine wie ich, denken sie, der kann man was erzählen, die ist fremd, die kennt sich nicht aus. Ich sehe natürlich, dass sie sich belügen, aber wer macht das nicht. Ich bin besonders gut darin. Ich weiß längst, dass meine Zeit hier abgelaufen ist. Dass das Argument, dass ich hier geboren bin, nicht mehr zählt. Dass das jetzt eine Vorstadt ist und abends gefälligst Ruhe zu herrschen hat. Und dass ich hier nicht mehr herpasse, dass ich zusehen muss, dass ich hier rechtzeitig erhobenen Hauptes wegkomme. Aber ich zögere noch, denn es ist mein Zuhause. Bis vor kurzem hatte ich eine komfortable Position. Ich saß auf meinem Balkon und vor mir änderte sich die Welt im Zeitraffer, eben noch grau und bevölkert von, meine neuen Nachbarn würden sagen: Unterschicht, und Untergrund und nun alles pastell, wie die Auslagen im Eisladen, und voller glücklicher Familien.

Ich verleugne nie, dass ich schon hier war, als sie noch in Reihenhaussiedlungen westdeutscher Vororte wohnten und von einer Zukunft im Reihenendhaus träumten.  Obwohl ich mir eine westdeutsche Kindheit spielend erfinden könnte, wegen des Dialektes vielleicht eher in Niedersachsen als in Baden-Württemberg. Ich habe alle ihre Popallüren studiert, ihre Serien gesehen, ihre Musik gehört, ich kenne die Schlagersänger ihrer Kindheit, die ihre Mütter mochten, weil meine Mutter sie auch gerne hörte. Ich weiß, wie die Mittelklasseautos heißen, auf deren Rücksitzen sie als Kinder saßen oder den ersten Sex hatten. Ich kenne die Namen der Autobahnkreuze, die Wasserstände und Tauchtiefen ihrer Flüsse zu jeder Jahreszeit und die Titel ihrer Kinderbücher. Ich kann ihre drei Fragezeichen zu Ausrufezeichen biegen und kenne alle Sammelbildchen. Ich weiß, wie ihre Schulmappen hießen und kann sämtliche Sorten von Erfrischungsgetränken und Eis der Jahre 65 bis 90 fehlerlos aufsagen. Aber ich habe keine Lust, mich zu verstellen.

Es ist auch nicht nötig, ich muss nicht gut wegkommen. Denn mein Herz spricht nicht. Es sagt keinen einzigen Ton. Früher, als ich noch ein Mädchen war, konnte ich mir nicht vorstellen, nicht ein bisschen verliebt zu sein, wenn ich mit einem Jungen ins Bett ging. Damals war die Welt noch so: Die Jungs brachen das Herz und die Mädchen ließen es sich brechen, nur so zum Spaß. Was hatten wir für Herzensbrecher in unserem Viertel! Das hat sich gründlich geändert, seit ich erwachsen wurde. Hier musste man damals sehr früh erwachsen werden. Heute rasieren die Frauen ihre Scham, als würde man ihnen dann kein Leid antun, weil sie unten wie kleine Mädchen aussehen.

Eigentlich bin ich die ideale Liebhaberin. Ich will kein Eheversprechen, kein Kind und keine Geschenke. Aber irgendwie passt den Heliummännern das auch wieder nicht. So eine Beziehung ist ganz schnell vorbei, wenn ich sage, ich liebe dich nicht. Ich will  nur ficken und du willst es auch, also lassen wir es dabei. Wir können das in die Zukunft verlängern, ich werde schweigen wie ein Grab, ich lauf dir nicht hinterher, verfolge deine Familie nicht, setze mich nicht auf den Spielplatz und beobachte deine Kinder. Aber die Heliummänner möchten über die Beziehung entscheiden. Sie möchten sagen, es tut mir leid, wir hatten eine gute Zeit, jetzt ist es vorbei. Sie wollen Schwüre und Sichverzehren, sie mögen Tränen, Liebes-SMS und Entfreundungen auf Facebook. Sie wollen hören, dass ich ihnen sage, dass ich will, dass es für ewig ist. Damit sie dann sagen können: „Es war nur Sex, Baby, oder hattest du ernsthaft gedacht, dass ich wegen dir meine Familie verlasse.“ Oder die Mitleidigeren mich stumm trösten und dann ihre verstreuten Anziehsachen zusammensammeln. Einer wollte mir sogar Geld geben. Der hatte da was ganz falsch verstanden. Ich habe seine Sachen aus dem Fenster geworfen. Manchmal nehme ich schon in der Bar Abstand. Einer lud mich mal zu teuren Schnäpsen ein und als er genug intus hatte, erzählte er mir von querulantischen Altmietern, die zu beseitigen seine Aufgabe sei und von Milieuausrottung. Und als er den Satz sagte:  „Die Einfachen ziehen weg, die Guten kommen“, überlegte ich kurz, ihn mitzunehmen und ihn nach dem Sex in meiner Außentoilette einzusperren, nackt in seiner postcoitalen Schläfrigkeit. Es war Winter, ich hätte ihn erpressen können, schließlich hatte er Frau und Kinder. Aber ich wollte nicht, dass er in meine Wohnung kam. Er hätte sie wahrscheinlich gleich gekauft und mich vor die Tür gesetzt. Das ist es nicht wert.

Die Männer lieben es, mir ihre großen Wohnungen mit den riesigen teuren Küchen zu zeigen, in denen selten gekocht wird. Das rieche ich. Sie streichen mit der Fingerkuppe über die Messer, um verrucht auszusehen, aber am Ende suchen wir im Badezimmer den Erste-Hilfe-Kasten und ich werde gezwungen, den Beruf auszuüben, den ich als erstes gelernt habe, bevor ich mein Studium anfing. Das sind sie also, ihre Traumwohnungen mit Stuck und Parkett, mit Kamin und Gästebad, mit Küchen vom Designer und Kinderwagen, die soviel wie mein gebrauchtes Auto gekostet haben. An den Wänden großformatige Bilder in Öl oder Schwarzweißfotos, abstrakt oder mit mit irgendwelchen Pflanzen oder Gegenständen darauf, manchmal auch Siebdrucke mit der Familie, als hätte Warhol sie zum Porträt gebeten. Sie zeigen überhaupt gerne, was sie haben, meist ist es verschwindend wenig, eigentlich nur Gegenstände, die teuer waren. Und dann werfen sie sich auf mich und ich bin froh, wenn wir es auf dem Teppich machen und nicht in ihren Schlafzimmern.

Ich will nichts über ihre Frauen wissen, die wahrscheinlich gerade fremdgehen, während ich auf den Schößen ihrer Männer sitze. Ich weiß, dass ich wenigstens jenseits des Sexes solidarisch sein sollte, aber ich mag ihren Ego-Feminismus nicht. Schon der Ton, mit dem sie ihre Putzfrauen abkanzeln, die montags mit ihren Schrubbern Sturm an den Vorderhaus- und Maisonette-Wohnungen klingeln, gefällt mir nicht. Ich bin immer in der Rolle der Putzfrau und mir fällt dann nicht mehr Hélène Cixous, sondern nur noch Clara Zetkin ein, und dass die Frauenfrage durchaus auch eine Klassenfrage ist, was ich vor zwanzig Jahren noch erbost abgelehnt hätte. Einer meiner Sexpartner hat mal angegeben, mit welchem Prominenten er sich die Putzfrau teilt. Die angeblichen Prominenten sind mir alle unbekannt. Die meisten arbeiten bei Film oder Fernsehen, als Moderator, Kritiker oder Diskurspopmusiker, keine Ahnung. Ich kenn mich da nicht aus, ich habe aufgehört, mich dafür zu interessieren.

In den lauen Sommernächten, wo es erst kurz vor Mitternacht dunkel wird und alle im Urlaub sind, gehe ich gerne durch die Straßen und betrachte die Zeitschichten an den Dingen, die sie vergessen haben zu beseitigen, Wasserpumpen, Papierkörbe, Gullydeckel oder Lampen, ab und an auch noch eine unrenovierte Fassade. Ich gehe durch die Nacht und an jeder Straßenecke ist eine andere Erinnerung, die illegalen Klubs, die Haschischkneipen, die Filme auf dem Hinterhof, die Abenteuerspielplätze der Kinder, ihre Kindergärten, Schulen, die seltsamen Leute mit den Ticks. Manchmal komme ich mir schon vor wie Frau Gladow, meine Nachbarin aus dem Nebenhaus, die sich vergiftet hat, als sie aus ihrer Wohnung ausziehen sollte. Die sah immer noch die Hasen, die nach dem Krieg vor Weihnachten aus allen Fenstern hingen und dort ausbluteten und schön gekühlt waren, bevor man ihnen das Fell abzog. Ich weiß, dass alle Sicherheit hier immer trügerisch sein wird, auch für die Neuen, da können sie noch soviele unsichtbare und sichtbare Zäune um sich herumbauen. Im Erdreich lauern immer noch genügend Blindgänger, die niemand je versucht hat zu finden.

Manchmal gehe ich auf den Friedhof und rede mit meinen Freunden, die gestorben sind. Ich weiß nicht, wann ihre Liegezeit abläuft und ob nicht auch ihre Gräber bedroht sind, die Kirche braucht ja auch immer Geld und man kann diese Friedhöfe gut bebauen oder wenigstens zu Spielplätzen umfunktionieren. Und dann kommt so ein Kind mit einer Knochenhand, um sie der Mama oder dem Papa zu zeigen oder vielleicht sogar der alten Großmutter, die aus München angereist ist und sich sowieso schon die ganze Zeit über den Schmutz dieser Stadt Gedanken gemacht hat. Und vielleicht ist es ja die Hand des genialsten Underground-Gitarristen der frühen Achtziger, dem Jimi Hendrix des Prenzlauer Berg, der dafür sogar eineinhalb Jahre im Gefängnis gesessen hat. Aber ich träume. Es sind Urnengräber.

Einmal schlenderte ich mit einem der Männer durch eine der ausgestorbenen Straßen hinter dem Kollwitzplatz, etwas verlegen wegen der Stille, und schon als er die Haustür öffnete, fing mir das Herz an zu klopfen und als er dann auf den ersten Hof ging, hatte ich plötzlich den Geruch in der Nase, den Geruch des Jahres 1984, Orwell und der Kohlenhof nebenan, und immer brannte eine Mülltonne und oft drückte der Wind in die Schornsteine. Auf dem letzten Hof hatte ich den Vater meiner Tochter kennengelernt, als mal wieder der Strom ausgefallen und die Liebchen von Würger-Horst schreiend die dunkle Treppe runtergerannt waren, wo sich Erika in der Leine ihres Hundes verfangen hatte und eine ganze Treppe runtergestürzt war, weswegen ihr Schreien nun endlich einen Grund hatte, denn sie konnte danach nicht mehr auftreten und ihr Hund leckte ihren Knöchel, während ich ins Vorderhaus zu Frau Schneider lief, die das einzige Telefon im Haus hatte, um sie zu bitten die Schnelle Medizinische Hilfe zu holen. Aber Frau Schneider weigerte sich, für die Schnapstante sei ihr das Telefon zu schade, solle sie doch sterben, mache eh nur Krach, die Schlampe. Ich verfluchte Frau Schneider (und wirklich, sie stürzte schon ein halbes Jahr später und brach sich den Oberschenkelhals, und weil sie alleine lebte, konnte sie sich nicht bis zum Telefon schleppen). Erika wurde von mir versorgt. Ihre Tochter musste die Kerze halten und ich bastelte aus einem langen Holzscheit und einer Elastikbinde eine Schiene. Gerade als ich fertig war, kam ein großer dunkelhaariger Kerl die Treppe herunter, der mir noch nie aufgefallen war und fragte, was los sei, und zufällig wurde er der Vater meiner ersten Tochter. Er lebt schon lange nicht mehr hier, auch meine Kinder haben sich aufregendere Viertel zum Leben gesucht.

Der Mann, mit dem ich jetzt meinen Hausflur betrat, hatte einen Schlüssel zum Fahrstuhl. Solange wir auf ihn warteten, versuchte er mich zu küssen. Ich war in einem anderen Film. Ich dachte daran, wie ich damals alles in den vierten Stock schleppen musste und vor der Entscheidung stand, was zuerst nach oben kam, Kind, Einkauf oder Kohlen. Der Mann drückte die 4 und als wir oben ankamen, schloss er meine Wohnung auf. Ich hatte seit fünf Minuten nichts anderes erwartet. Nur dass er noch das Dachgeschoss dazu gekauft hatte. Ich erzählte ihm nichts von den Sommernächten auf den Dächern und nichts von den Nägeln, mit denen die Dachpappe auf dem Notdach befestigt war, die beim Sex immer ins Fleisch piekten. Dort, wo jetzt der Stacheldraht die Häuser abgrenzt, damit keine Einbrecher übers Dach kommen.

Am Ende rauchen wir immer noch eine zusammen zum Abschied, nachdem sie sich ein paar Sätze lang geziert haben. Mehr als zweimal habe ich eigentlich mit keinem geschlafen.

Seit gestern ist die Bar zu. Ich weiß nicht, wo die Männer jetzt hin sind. Mein Bedarf ist im Moment gedeckt. Obwohl ich immer noch der Meinung bin, man sollte sie nicht alleine lassen mit sich. Sonst fangen sie noch an, sich gegenseitig umzubringen.

Der Fuchs streicht noch eine Weile um die Autos und zerknackt ein paar Zweige. Seine Familie, habe ich in einem der Zeitungen unseres Viertels gelesen, soll ihren Bau im Archiv des Bezirksamtes haben. Die Tierschützer haben abgeraten, sie von dort zu verscheuchen. Manchmal möchte ich ein Tier sein, ein Fuchs oder eine Hufeisennase, aber naja.

Die ersten Wölfe sollen schon in den Außenbezirken gesichtet worden sein. Eines Nachts werden sie in mein Viertel einfallen und niemanden finden außer mir. 


*Aus: Zuerst erschienen in: Berlin bei Nacht. Neue Geschichten, hrsg. von Susanne Gretter, Suhrkamp 2013

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