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Einmal besuchte mich ein türkischer Philosoph aus Istanbul in Berlin. Er war nur für ein paar Tage dort. Er schaute sich die Straße an und sagte leise: »Ich glaube, ich könnte hier nicht leben.«

Nicht die Sommerflugzeuge, aber die Winterflugzeuge brachten viele Menschen, die weinten, von Europa nach Istanbul, weil ihnen in der Türkei Vater oder Mutter gestorben waren. Ich saß vor drei Jahren in einem Winterflugzeug. Plötzlich stand vorne eine Frau von ihrem Platz auf, warf sich auf den Flugzeugboden und fing an zu schreien. Alle Leute erhoben sich.

»Was ist los ?«

Zwei Kinder dieser Frau waren in Istanbul bei einem Autounfall gestorben, und sie mußte zur Beerdigung. Die Stewardessen setzten sie wieder auf ihren Platz, hielten ihre Hand. Die Frau schrie: »Öffnet die Tür. Werft mich raus. Ich will sie im Himmel suchen.« Sie schaute ständig aus dem Fenster, als könnte sie ihre Toten im Himmel sehen.

»Macht die Tür auf.«

Dann blickte sie die anderen Passagiere hinter sich an, als sollten sie alle mit ihr in den Himmel laufen, um ihre Toten zu suchen. Das Flugzeug sollte sich wie ein Auto nach links, nach rechts, nach hinten, nach vorne bewegen und die Toten suchen. Das Flugzeug aber flog geradeaus, als ob es an einer Stange durch den Himmel gezogen würde.

Als ich noch in Istanbul lebte, vor fünfundzwanzig Jahren, saß ich in einer Sommernacht auf einem Schiff, das mich von der europäischen Seite zur asiatischen Seite fuhr. Die Teeverkäufer trugen Tee zu den Leuten, in ihren Taschen klapperte das Kleingeld. Der Mond war so groß, als wohnte er nur im Istanbuler Himmel, liebte nur Istanbul und polierte sich jeden Tag nur für diese Stadt. Wohin er schaute, würden sich sofort alle Türen öffnen, um ihn hineinwachsen zu lassen. Wohin man faßte, faßte man den Mond mit an. Jeder hatte ein bißchen Mond in seinen Händen. Jetzt beleuchtete der Mond zwei Gesichter auf dem Schiff neben mir. Ein Junge, ein Mädchen. Er sagte: »Du hast also auch dem Mustafa deinen Schlüssel gegeben. Ich gehe. Auf Wiedersehen.« Er sprang vom Schiffsdeck ins Meer und tauchte ins Mondlicht. Das Schiff befand sich genau in der Mitte zwischen Asien und Europa. Ohne etwas zu sagen, blieb das Mädchen im Mondschein auf ihrem Platz sitzen. Alle anderen Menschen eilten zur Reling, das Schiff neigte sich mit der Menschenmenge, auch die Teegläser rutschten mit ihren Untertassen in Richtung Reling. Der Teeverkäufer schrie: »Teegeld. Teegeld.« Ich fragte das Mädchen: »Kann er gut schwimmen?« Sie nickte. Die Schiffsbesatzung warf dem Jungen zwei Rettungsringe hinterher, aber er wollte keinen Rettungsring. Das Schiff drehte und fuhr hinter dem Jungen her, ein Rettungsboot holte ihn aus dem Meer. Der Mond verfolgte alles; was passierte, und als der Junge mit nassen Kleidern und nassen Haaren zum Kapitän mußte, beleuchtete ihn der Mond wie einen Clown im Zirkus mit rundem Licht. Das Schiff drehte wieder in Richtung asiatischer Teil, die Teeverkäufer fanden ihre Kunden und sammelten das Kleingeld ein. Der Mond schien auf die leeren Teegläser, doch plötzlich drehte das Schiff wieder in Richtung europäische Seite, weil es die Rettungsringe im Meer vergessen hatte. Und der Mond war immer da über Europa und Asien.

Im Istanbuler Flughafen warteten die Menschen, ein langer Korridor aus Menschen, einige weinten.

Wie viele Türen gab es jetzt in Istanbul? Zwölf Millionen Menschen, wie viele Türen machten sie auf? Und kann der Mondschein unter all den Türen hineinwachsen? Kann der Mond das schaffen?

Als ich ein Kind war, lebten in Istanbul vierhunderttausend Menschen.

Unsere Nachbarin Madame Atina (»Athena«), eine Istanbuler Griechin, zog damals ihre älter gewordenen Wangen bis hinter ihre Ohren und klebte sie mit einem Klebeband fest. Ich sollte ihr dabei helfen. Sie sagte zu mir: »Ich bin eine Byzantinerin wie die Kirche Hagia Sophia, die in der Zeit des byzantinischen Kaisers Konstantin dem Großen, 326 nach Christus, als eine Basilika mit Steinmauern und Holzdach gebaut wurde. In der Hagia Sophia glaubten die Byzantiner mehr als irgendwo sonst, Gott nahe zu sein, und auch ich glaube, in Konstantinopel dem Mond näher zu sein als irgendwo sonst auf der Welt.« Mit dem Klebeband hinter den Ohren ging Madame Atina zum Obstladen. Ich ging mit ihr, sie sah mit ihren nach hinten gezogenen Wangen jung aus, deswegen lief ich schnell. Sie wollte so schnell laufen wie ich und fiel dabei manchmal auf die Straße. Der Obstladenbesitzer war ein Moslem und scherzte mit Madame Atina: »Madame, ein Moslemengel ist gekommen, er hat seine Finger in das Loch einer Säule gesteckt und die Kirche Hagia Sophia in Richtung Mekka gedreht.« Ich liebte die Hagia Sophia, ihr Boden war uneben, und an den Mauern sah man Christusfresken ohne Kreuz, aus dem Minarett sang ein Muezzin den Ezan, und in der Nacht schien der Mond auf Christus‘ Gesicht und auf das Gesicht des Muezzins.

Einmal fuhr Madame Atina mit mir auf dem Schiff Richtung asiatischer Teil. Ich war sieben Jahre alt. Meine Mutter sagte: »Schau, die Griechen aus Istanbul sind das Salz und der Zucker der Stadt.« Und Madame Atina zeigte mir ihr eigenes Konstantinopel. »Schau dieser kleine Turm am Meer. Der byzantinische Kaiser, dem man wahrgesagt hatte, daß seine Tochter von einer Schlange gebissen und getötet würde, ließ vor Üsküdar diesen Leanderturm (Mädchenturm) bauen und versteckte hier seine Tochter. Als sich das Mädchen einmal nach Feigen sehnte und man ihr aus der Stadt einen Korb Feigen brachte, wurde sie von der Schlange, die sich im Korb versteckt hatte, gebissen und starb.« Madame Atina nahm mein Gesicht in die Hände, sagte: »Mädchen, mit diesen schönen Augen wirst du vielen Männern die Herzen verbrennen.« Die Sonne beleuchtete ihre rotgefärbten Fingernägel, hinter denen ich den Mädchenturm am Meer sah.

Dann lief Madame Atina mit mir über die Brücke vom Goldenen Horn. Als ich damals über die niedrige Brücke, die sich mit den Wellen bewegte, lief, wußte ich noch nicht, daß Leonardo da Vinci – die Ottomanen nannten ihn Lecardo – einmal, am 3. Juli 1503, einen Brief an den Sultan geschrieben hatte. Der Sultan hatte am Goldenen Horn von ihm eine Brücke bauen lassen wollen, und Leonardo machte in seinem Brief an den Sultan seine Vorschläge. Ein anderer Vorschlag kam 1504 von Michelangelo. Aber Michelangelo hatte eine Frage: »Wenn ich diese Brücke bauen sollte würde der Sultan verlangen, daß ich den muslimischen Glauben annehme ?« Der Franziskanerabt, der den Vorschlag des Sultans mit Michelangelo diskutierte, sagte: »Nein, mein Sohn, ich kenne Istanbul so gut wie Rom. Ich weiß nicht, in welcher dieser Städte mehr Sündige leben. Der ottomanische Sultan wird nie so etwas von dir verlangen.« Michelangelo konnte die Brücke dann aber doch nicht bauen, weil der Papst dem Künstler damit drohte, ihn zu exkommunizieren. Jahrhundertelang bauten die Ottomanen keine Brücke zwischen den beiden europäischen Teilen Istanbuls, weil im einen Teil Moslems und im anderen Juden, Griechen und Armenier lebten. Nur Fischerboote fuhren die Menschen hin und her. Der Sultan Mahmut II. (1808-1836) wollte endlich Moslems und Nicht-Moslems in Istanbul zusammenbringen und ließ die berühmte Brücke bauen. Als sie fertiggestellt war, schlugen die Fischer mit Stöcken gegen die Brücke, weil sie ihnen die Arbeit weggenommen hatte. Die Brücke wurde wie eine Bühne: Juden, Türken, Griechen, Araber, Albaner, Armenier, Europäer, Perser, Tscherkessen, Frauen, Männer, Pferde, Esel, Kühe, Hühner, Kamele, alle liefen über diese Brücke. Irgendwann gab es zwei Verrückte, eine Frau, ein Mann, beide waren nackt. Der Mann stand am einen Ende der Brücke, die Frau am anderen. Sie schrie: »Ab hier ist Istanbul mein.« Er schrie: »Ab hier ist Konstantinopel mein,«

Am Flughafen nahm ich ein Taxi. Seitdem Istanbul eine Zwölf-Millionen-Stadt geworden war, fanden die Taxifahrer die Adressen nicht mehr und regten sich auf. »Meine Dame, wenn du nicht weißt, wohin du fahren willst, warum bist du dann in mein Auto eingestiegen?« Ich wollte zu einer Freundin, ich hatte keinen Vater, keine Mutter mehr, zu denen ich als erstes hätte fahren können.

Vor Jahren war ich schon einmal mit einem Winterflugzeug nach Istanbul gekommen, um meine Eltern, die innerhalb von drei Tagen gestorben waren, zu begraben. Erst war meine Mutter gegangen. Mein Vater hatte in seinem Sessel gesessen, der Sessel gegenüber war leer. Er holte ein Gebiß herbei, an dem noch Schafskäse klebte, und sagte: »Hier, das Gebiß eurer Mutter.« Nach zwei Tagen starb auch er, und im Moscheehof stand sein Sarg auf einem hohen Totenstein. Auf den anderen Steinen standen noch zwei weitere Särge, und die Moscheeverwaltung hatte die Särge durcheinandergebracht. Sie wußte nicht, welcher Tote zu welcher Familie gehörte. Auf dem Friedhof holten die Totengräber deswegen die Leichen, die in Tücher gewickelt waren, aus den Särgen, und aus jeder Familie sollte ein Mann — die Frauen durften nicht in der Nähe des Grabs stehen — schauen, welcher Tote zu ihnen gehörte. Mein Bruder schaute auf die Gesichter der drei Toten und sagte: »Das ist unser Vater.«

Mit dem Taxi fuhr ich jetzt an dem Friedhof, auf dem meine Eltern begraben waren, vorbei. Ich wußte nicht mehr, in welchem Grab mein Vater liegt. Ich wußte nur, daß man von seinem Grab aus das Meer sah. Seitdem Istanbul eine Zwölf-Millionen-Stadt geworden ist, verlangte die Friedhofsverwaltung von den Hinterbliebenen, das Grab zu kaufen, sonst würden neue Tote über die Toten gelegt. Mein Bruder rief mich damals in Deutschland an: »Was sollen wir machen? Das Grab kaufen oder ihn zwischen anderen Toten verlorengehen lassen?« »Was denkst du?« »Wir können ihn mit anderen Toten zusammenlegen lassen, das paßt besser zu ihm.« Da man in Istanbul keine Friedhofsbesuche macht, war es uns egal, wo die Toten liegen. Die Friedhöfe sind leer, es sind die einzigen ruhigen Orte in der Stadt. Als junges Mädchen war ich manchmal mit einem Dichter zu den Friedhöfen gegangen. Er hatte aufgeschrieben, was auf den Grabsteinen stand. Er sagte: »Das sind die letzten Sätze der Menschen. Da gibt es keine Lügen.« Er wollte diese Sätze in seinen Gedichten benutzen.

Zwar gibt es in Istanbul keine Friedhofsbesucher, aber jeder Friedhof hat seinen Verrückten. Sie laufen dort zwischen den Grabsteinen herum, und Katzen laufen hinter ihnen her, weil sie den Katzen Käse und Brot geben. Auf dem Friedhof meiner Eltern lebten jahrelang zwei Verrückte. Der eine gab dem anderen immer ein Lira. Eines Tages gab er ihm statt eines Lira drei Lira. Der andere wurde böse und sagte: »Wieso gibst du mir drei Lira, ich möchte nur ein Lira.« »Mein Sohn, hast du nicht von der Inflation gehört? Jetzt sind drei Lira ein Lira.«

Der andere fing an zu weinen, sein Freund gab ihm ein Taschentuch.

Der Taxifahrer fand die Adresse meiner Freundin nicht und schwitzte. Ich gab ihm ein Papiertaschentuch und sagte: »Fahren Sie mich zum Stadtzentrum.« Vor dreißig Jahren hatte es in Istanbul einen Filmproduzenten gegeben, der nur traurige Geschichten verfilmte, und weil er sicher war, daß alle Zuschauer weinen würden, ließ er Taschentücher aus feiner Baumwolle herstellen. Er stand selbst vor dem Kino und verteilte die Taschentücher an die Besucher. Dabei lachte er. Zu dieser Zeit gab es in Istanbul einen berühmten Kino-Wahnsinnigen, der einen bestimmten türkischen Filmschauspieler besonders verehrte. Weil dieser Schauspieler in einer Rolle getötet wurde, kam der Verrückte eines Abends mit einer Pistole ins Kino und versuchte, den Mörder, bevor er schoß, selbst zu erschießen — und gab sechs Schüsse auf die Leinwand ab. Istanbul liebt die Verrückten. Die Stadt gibt ihnen ihre Brust und stillt sie. Sie hat sich von mehreren verrückten Sultans regieren lassen. Wenn ein Verrückter kommt, gibt Istanbul ihm einen Platz.

Genau vor dem Kino, in dem der Verrückte auf die Leinwand geschossen hatte, stieg ich aus dem Taxi. Bevor ich vor zweiundzwanzig Jahren nach Berlin gegangen war, hatte ich oft vor diesem Kino gestanden und auf meine Freunde gewartet.

Jetzt stehe ich wieder hier und schaue die Gesichter der Menschen an, die an mir vorbeilaufen. Es sah aus, als liefen Filme aus ganz verschiedenen Ländern dieser Welt übereinander. Humphrey Bogart spricht mit einer arabischen Frau, fragt sie nach der Uhrzeit. Eine russische Hure spricht mit einem Mann, der sich wie Woody Allen bewegt.

In den Gesichtern der Menschen suche ich meine Freunde von damals, aber ich suche sie in den jungen Gesichtern von heute, als wären meine Freunde in den zweiundzwanzig Jahren nicht älter geworden, als hätten sie mit ihren damaligen Gesichtern auf mich gewartet. Als wäre Istanbul in dem Moment, in dem ich nach Europa gegangen war, zu einem Photo erstarrt, um auf mich zu warten — mit all seinen Bädern, Kirchen, Moscheen, Sultanspalästen, Brunnen, Türmen, byzantinischen Mauern, Bazaren, Holzhäusern, steilen Gassen, Brücken, Feigenbäumen, Slumhäusern, Straßenkatzen, Straßenhunden, Läusen, Eseln, Wind, Meer, sieben Hügeln, Schiffen, Verrückten, Toten, Lebendigen, Huren, Dichtern, Lastträgern. Als hätte Istanbul auf mich gewartet mit seinen Millionen von Schuhen, die in den Häusern auf den Morgen warten, mit seinen Millionen von Haarkämmen, die vor den mit Rasierseife befleckten Spiegeln liegen.

Ich bin da, jetzt werden sich alle Fenster öffnen. Die Frauen werden von Fenster zu Fenster zu ihren Freundinnen herüberrufen. Die Basilikumpflanzen in den Blumentöpfen werden duften. Die Kinder der Armen werden sich in ihren langen Baumwollunterhosen ins Marmarameer werfen, um sich zu waschen. Alle Schiffe zwischen Asien und Europa werden hupen. Die Katzen werden auf den Dächern nach Liebe schreien. Die sieben Istanbuler Hügel werden aufwachen. Die Zigeunerinnen werden dort Blumen pflücken, um sie später im Stadtzentrum zu verkaufen. Die Kinder werden auf die Feigenbäume klettern. Die Vögel werden an den Feigen picken.

»Mutter, macht man von männlichen oder weiblichen Feigenbäumen Feigenmarmelade?« »Aus den männlichen. Schau, deren Feigen sind klein und hart.«

In den Tulpengärten des Sultanspalasts werden die Schildkröten mit den brennenden Kerzen auf dem Rücken herumlaufen, die Tulpen werden mit dem Wind ihre Köpfe zum Meer neigen, die Kerzenlichter der Schildkröten werden in die gleiche Richtung flackern, Der Wind wird die Schiffe heute schieben und schneller fahren lassen, die Passagiere werden früher in ihren Häusern ankommen. Wenn die Männer zu Hause sind, werden auf den sieben Hügeln die Lichter angehen. Die Väter werden ihre Hände waschen. Wassergeräusche. »Meine Tochter, gibst du mir ein Handtuch?« »Ja, Vater.«

Dem Kino gegenüber lagen ein paar Läden, manche der Ladenbesitzer erkannten mich wieder und begrüßten mich, alle hatten weiße Haare und weiße Augenbrauen.

Neben dem Kino stand ein armer Mann, vielleicht ein Bauer, der versuchte, mit einer Polaroid-Kamera die vorbeikommenden Leute zu photographieren. »Photo-Erinnerung an Istanbul, Photo-Erinnerung an Istanbul.«

Ich ließ mich von ihm photographieren, das Bild war unscharf. »Machen Sie noch ein Bild.«

»Ich habe keinen Film mehr.«

Eine Bettlerin nahm mir das Photo aus der Hand und sagte zum Photographen:

»Du bist doch der Künstler, warum hast du die Dame nicht vor dem McDonald’s photographiert?«

Sie schaute das Photo genau an und rief: »Oh, wie schön ist mein Schatz, wie schön.«

Ich dachte, sie meinte mich, aber auf dem Photo saß auf der Mauer hinter mir eine Katze. Ich war unscharf, aber die Katze war scharf.

Dann rief ich den türkischen Philosophen, der nicht in Berlin leben wollte, an.

»Wo bist du?«

»In Istanbul.«

Mit dem Schiff fuhr ich zu ihm herüber zum asiatischen Teil von Istanbul. Neben dem Schiff fuhr ein Fischerboot, das zwei Pferde transportierte. Der Mond schien auf die Gesichter der Pferde, die ganz ruhig waren. Ich tauchte meine Hände ins Meer, um etwas Mondschein anzufassen, der Mond sah plötzlich aus wie in meiner Kindheit – als wohnte er immer nur hier im Istanbuler Himmel, als liebte er nur Istanbul und polierte sich jeden Tag nur für diese Stadt.


*Aus: Der Hof im Spiegel by Emine Sevgi Özdamar. © Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Cologne/Germany.

Later in the night he saw, strangely, the picture of himself as he had been before she came. 

He thought: ‚She has the power to wake the dead.‘ 

–Tanja Blixen, Tempests.

Flughafen, heute, Nacht

Im Osten ist jeder Tag anders, sagen die alten Bücher. Er besteht aus Inseln, jede Insel ist anders, auf jeder lebt eine Hexe, und ich kannte eine von ihnen.

Sie nannte sich Gabriela Sloane, wir sind alte Diebe und waren uns beim Ausbaldowern eines grandiosen Raubzugs in einem römischen Park begegnet, ohne gleich zu wissen, daß der andere ebenfalls nichts anderes im Sinn hatte, nichts anderes beherrschte, als zu rauben. Einmal war ich bereits auf ihrer östlichen Insel kriminell in Erscheinung getreten, ohne zu ahnen, daß sie dort im Jahr 5502 geboren worden war (unter dem Namen Pesach Slabosky), eine Hexenkindheit dort verbracht hatte. Während sie wie ein Opossum in seinem Keller hockte, ihre Desert Eagle ölte und an einem schimmeligen trockenen Brötchen knabberte, dinierte ich feuchtfröhlich im Penthouse mit Frobart, unserem Opfer. Immer kam sie von unten, grub Tunnel, zwängte sich durch Rohre, nächtigte in Kellern, während ich gleich oben anfing, mit kultivierten Wortkaskaden arbeitete, Schmeicheleien, vorgetäuschter edler Gesinnung. Ich wollte schon immer die Welt erobern, indem ich mich über ihr ergoß wie parfümiertes Badewasser. Sie wollte einfach nur in aller Stille rauben und morden, sich blutig rächen, ich habe bis heute nicht herausgefunden, wofür, unsere Vorgehensweisen waren recht verschieden. Aber manchmal in Sternstunden waren wir gemeinsam jung und verliebt in die Ewigkeit, weil wir wieder und wieder getrennt wurden.

Gabriela Sloane, hier saß sie nun in ihrem grünen Kostüm in der Abfluglounge des Leonardo da Vinci, man sah ihr die Keller nicht an, wenn sie aus ihnen auftauchte, diesmal war sie vielleicht Ende zwanzig, trügerisch jung, trügerisch klein, gespannt wie eine Springfeder, Haar und Augen leuchtend schwarz, und wenn ich noch irgendeinen Zweifel gehegt hatte, ob diese Diebin und Mörderin einer Sternstunde fähig und meine Geliebte, Gehaßte, Verlorene, Wiedergefundene war, ihre unverschämten Augen ließen Zweifel gar nicht erst zu. Jeder ihrer Blicke traf tief, selbst der neben ihr gierig seine Zeitung Aussaugende, den sie mißtrauisch musterte, verlor sofort die Herrschaft über sein trostloses Inneres und empfing ihre mordlustigen Gedanken wie schwarze Tinte, die sich in Wasser ausbreitet. Sah sie in ihm eine Gefahr, einen Verfolger? Niemand kann mir gefolgt sein, mir zu folgen, ist ganz unmöglich, las ich in ihrem traurigen östlichen Lächeln, das so alt ist wie die Bücher. Zwei Leichen, Frobart und Frau, die Piazza Bologna in polizeilichem Aufruhr, sie hatte mit ihrer Schießwut auch mich in große Gefahr gebracht, mein Abendanzug und die Wolke strengen Eau de Toilettes, in die ich gehüllt war, retteten mich gerade so. Killer trugen nicht Terre D’Hermes auf, wenn sie zur Arbeit gingen, schlußfolgerten nach langen Beratungen die Uniformierten.

Alte und gewaltige Gefühle wie schwarze Vorhänge verdunkelten den Duty Free Shop, in den ich ihr gefolgt war. Zwischen Baci di Dama Nocciola und Romantica Seifen standen wir uns endlich gegenüber. Aber sie wandte sich ab, um an den Seifen zu riechen.

‚Hallo, Pesach.‘

‚Kenne ich Sie?‘

Ich verstand. Es machte mehr Spaß, wenn wir es wieder nicht glauben, nicht fassen wollten, wenn wir fremdelten und die Freude leugneten. Wir sind eben nicht nur Diebe, sondern naturgemäß auch Lügner und Phantasten und akzeptieren einander als solche (waren aber, soweit ich zurückfühlen kann, nie -wie bei Lügnern sonst gang und gäbe- verheiratet).

‚Im Park vor Frobarts Haus‘, sagte ich, ‚da haben wir uns gesehen, als Passanten getarnt. Du hattest ein Nachtsichtgerät, ich nicht.‘

Jetzt roch sie nicht mehr an den Seifen, sondern an einer ihrer schwarzen Haarsträhnen, ganz Unschuld und Selbstvergessenheit, als übersteige das Hier und Jetzt im Duty Free eines Flughafens bei Nacht ihre Vorstellungskraft. Sie hatte es schon immer verstanden, ihr sogenanntes ‚Bewußtsein‘ von einem Moment zum anderen in Narkose zu versetzen (oft litt sie unter Alpträumen).

‚Wo bekommt man sowas?‘

‚Was?‘

‚Nachtsichtgeräte. Du weißt, ich bin ein technischer Idiot.‘

Sie lachte ihr weißperliges rotzüngiges Lachen. ‚Wie meinen? Sie sind wohl nicht ganz bei Trost, Sie Lackaffe.‘ Wie charmant die leicht altertümliche Wortwahl, der Hauch der Jahrhunderte, der die Hexe umwehte. Und sie wollte davonstapfen. Ich erwischte ihren kleinen Finger, an dem ich sie, mit meinem kleinen Finger, festhielt.

‚Hab dich vermißt.‘

Sie betrachtete unsere Finger, nahm sich Zeit dafür. Wollte sie sich endlich erinnern? Ohne aufzuschauen sagte sie leise: ‚Wenn Sie mich nicht sofort loslassen, werde ich Sie töten, gleich hier bei der Seife, und niemand wird es merken und für die Menschheit wird es auch kein Verlust sein.‘  Ich glaubte ihr aufs Wort. Ich sagte:

‚Also gut, Gabriela. Kommen wir zum Geschäftlichen.‘

‚Woher kennen Sie meinen Namen?‘

‚Weil ich deinen Paß gestohlen habe.‘

Mit Genugtuung schaute ich zu, wie sie in ihrer gelben Umhängetasche kramte und Identifikationspapiere herauszerrte, deren Existenz sie nie verstanden hatte.

‚Dreimal‘, lächelte ich. ‚Aber immer zurückgegeben.‘

Sie brütete über ihrem Paß, als sei die eigene Fälschung, die eigene Legende ihr fremd, unverständlich, ein Rätsel.

‚Wer sind Sie?‘

Je suis le poinçonneur des Lilas. Je fais des trous, des petits trous, encore des petits trous…‘  Ich fügte hinzu: ‚Und ich habe Frobarts Stein.‘

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie jede Bewegung einiger auffallend häßlicher vielfliegender verwöhnter Kinder, die hereinstürzten und Wassermaschinengewehre aufeinander richteten. Verfolger? Oder echte Kinder? Wie würde sie eine Übermacht von Verfolgern hier abwehren wollen? Hatte sie einen Plan? Eine unsichtbare Waffe? Helfershelfer, die ich bisher übersehen hatte? Hatte sie einen Liebhaber? Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, sie führte irgendetwas im Schilde. Jetzt bohrte sie auch noch ihren Absatz in meinen Lackschuh.

‚Ach, meinen Sie? Ihr Stein ist falsch. Hab ihn ausgetauscht‘.

‚Du gibst also zu, daß wir uns kennen? Es ist lange her, es ist erschütternd, Pesach, ich muß mich kneifen.‘

Sie bohrte ihren Absatz tiefer.

‚Und du bist schöner als jemals zuvor. Ich habe den Stein übrigens zurückgetauscht, deiner ist falsch.‘

‚Hab ich dann aber wieder ausgetauscht.‘

‚Hältst du mich für einen Amateur? Ich natürlich auch.‘

‚Aber ich nochmal wieder.‘

‚Wie jetzt? Meiner ist nicht echt?‘

‚Oder vielleicht meiner. Sie machen mich ganz meshugge.‘

‚Gabriela, sieh mich an, sag die Wahrheit, bist du es?‘

Sie schüttelte stumm ihre schwarzen Locken. Ließ ein paar Stücke Seife in ihrem Kostüm verschwinden, Macht der Gewohnheit. Eines fiel zu Boden. Wir starrten beide darauf, als hätten wir etwas unschätzbar Wertvolles verloren.

Plötzlich Rosheshone

Mein Name ist Simone Frobart. Ich habe mit Pablo zu Abend gegessen, in der Rue Gabrielle, er hat mich skizziert, aber nicht gemalt. Ich plane eine blaue Periode, hat er gesagt, und du bist mir irgendwie nicht blau genug. Also kann ich auch nicht das Bild gestohlen haben, denn es gab kein Bild von mir, verstehen Sie? Außerdem war es der 6te Oktober. Sie verstehen nicht? Ich will mal so sagen: Sie, Monsieur, sehnen sich nach dem neuen Jahrhundert, wir aber nicht, keines hat je gehalten, was es versprach. David und ich haben einen kleinen Sohn, einen Bastard, er will später mal Schaffner werden und Löcher in Billets knipsen, weiter will ich nicht denken, weitere Gespräche über die Zukunft nicht führen, bringt nur Unglück, ich habe immer Angst, ganz alte Angst. David werden Sie nie schnappen, er ist längst in Biarritz oder sonstwo. Die Knallfrösche haben wir selbst entworfen und gebastelt, wir wollten ein kleines Feuerwerk veranstalten, nur für uns, es war ja plötzlich Rosheshone, der Feiertag. Kennen Sie nicht? Gehört nicht zur Sache? Tut mir leid, daß wir das öffentliche Pissoir in die Luft gejagt haben, wirklich. Nein, ich lache nicht, ja, ich bin mir des Ernstes meiner Lage bewußt. David hat gesagt: Wir schauen in den Nachthimmel, in die Dunkelheit, aber die Sterne werden siegen. Solche Sachen sagt er halt. Ich geb’s zu, ich habe ihm das Klauen beigebracht, bei einer höheren Tochter wie mir heißt es übrigens nicht Diebstahl, sondern Kleptomanie, eine in meinen Kreisen anerkannte Gemütserkrankung, möglicherweise libidonösen Ursprungs. David stellte sich ja derart dämlich an beim Klauen, und Mitleid mit den Opfern hatte er auch immer. Es stimmt übrigens nicht, daß Mitleid keine Liebe ist, oft ist es die Liebe selbst. Schon lustig, finden Sie nicht, daß ich hier sitze und ausgerechnet dem David, der blind ist, die Flucht gelang. Sie meinen, er spielt den Blinden nur? Aha, Sie haben Beweise! Sie haben ja für alles Beweise. Dann ist er schlauer, als ich dachte, ich habe in vier Jahren nichts gemerkt. Er tastete sich so dämlich und anmutig durch die Straßen und das Leben, man muß ihn lieben, er hat sich dann in meine Liebe verliebt, sowas kommt vor. Ich glaube Ihnen übrigens kein Wort, Monsieur, Sie wollen uns auseinanderbringen, das hat schon mein Vater versucht, der ein Verräter ist und sich neuerdings jeden Abend in Sacré Coeur bekreuzigt. David schickte mir keine billets doux, er hat ja nie Geld, wir versteckten uns ein Jahr lang in Vaters Kellern, unser Sohn erblickte dort das Licht der Welt, es war eine wilde romantische Zeit, Stück für gräßliches Stück, das gebe ich bereitwillig zu, verscherbelten wir Vaters Hausrat, er dachte, es seien Gespenster am Werk. da wurde er aus Rache katholisch. Non, je ne regrette rien.

Eine Stunde vor ihrem frühen Tod (sie wurde von ihrem Vater erschlagen) schrieb Simone in ihrer steilschrägen unlesbaren wunderschönen Schrift, die sie als Vierjährige unter einer großen, sehr geliebten Sonne in einem anderen Leben im babylonischen Exil erlernt hatte, einen Brief an David.

Liebster, sie haben mich freigelassen. Pablos Bild ist in einem sicheren Versteck, sogar Dir verrate ich nicht, wo. Vater hat mich enterbt, aber eines Tages werden wir das Bild verkaufen, dann muß unser kleiner Claude nicht Schaffner werden. Heute feiert der Rest der Welt tanzend um die Gaslaternen, im Bois de Vincennes ist Feuerwerk, feurige künstliche Sterne schnuppen am Himmel herum, es sind nicht unsere Sterne, aber sie leuchten doch. Alle rufen: Es lebe das Zwanzigste Jahrhundert! und werfen ihre Hüte in die Luft. Auch wenn Du nicht blind bist, ich vermisse Dich. Nous allons changer le monde. Antworte mir.

Inzwischen am Leonardo da Vinci

Gabriela Sloane und ich starren immer noch auf das heruntergefallene Stück Seife. Die Zeit schwankt einen Augenblick, als habe sie sich im Kreis gedreht und sei dabei in Ohnmacht gefallen. Wann hatte das alles angefangen? Ich wußte es nicht. Sie wußte es auch nicht, oder sie verheimlichte es. Wir stoßen mit den Köpfen zusammen, als wir uns gleichzeitig zur Seife bücken. Im Abflugloungecafé, wo alles außer Atmen verboten ist, (wer nie ein Abflugloungecafé, wo alles verboten ist, um zwei Uhr morgens gesehen hat, weiß nicht, welchen Müdigkeiten der Planet sich entgegenbewegt), sind wir höflich. Breaking News auf den Screens, Frobarts Villa, Frobart und Frau als Leichen, in jeder steckt ein Magazin aus Grabrielas Desert Eagle, werden unter Gummiplanen herausgetragen. Stellungnahmen, Frobart war kein Unbekannter gewesen, alte Familie, Vatikanbank (das war mir neu), hatte als Knirps noch dem Duce die Hand geschüttelt. Bravo, sage ich, wir kommen hier nie im Leben weg, warum hat unser Flug wohl Verspätung, sie sind dir schon auf der Spur, sie werden gleich hier sein. Unser Flug? sagt sie mit diesem unverschämten Blick, diesem Blick, wir fliegen zusammen? Ich küsse sie. Sie schmeckt nach Rhabarber. Denkt sie etwa, ich lasse sie noch ein einziges Mal aus den Augen? Sie küßt gedankenverloren an mir vorbei, küßt die Luft.

Im Osten Rhabarber

Die Kunst, das Verbrechen, auch der Diebstahl, gründen sich auf und sind nicht denkbar ohne eine halb absichtliche, halb unabsichtliche Unaufmerksamkeit und Schläfrigkeit, eine Art von ohnmächtigem Zeitempfinden. Jeder Künstler weiß, daß der Grat zwischen dem noch im Halbdunkel schlummernden, ungeformten Werk und dem Moment, da es zu spät ist, irgendetwas zu verbessern, schmal ist. Die meisten Künstler und Verbrecher schwanken hin und her zwischen diesen beiden Stadien, trotz aller guten Vorsätze, nämlich weil sie zu faul sind, zu gleichgültig, zu selbstzufrieden, zu unaufmerksam, zu eitel. Das ist natürlich ein moralisches Problem, denn alle Kunst und jedes Verbrechen sind, in gewisser Hinsicht, ein Ringen um Rechtschaffenheit, ja, ich sage sogar: um Unschuld…

So sprach Pauline, das unscheinbare Fräulein von — (man durfte ihren Namen nicht aussprechen, eigentlich waren ihr Ästhetikvorlesungen nicht erlaubt, nur Strickstunden am Ofen).

Ein Kuß kann aber die Welt verändern, wandte ich keck ein.

Wir wollen nicht wissen, was wir tun, entgegnete sie, bis es zu spät ist, irgendetwas daran zu ändern. Der menschliche Geist, fuhr sie fort, ist ein Lumpensack. Der Körper, die Objekte der Außenwelt, heiße Erinnerungen, warme Phantasien, Schuld, Angst, Zögern, Zweifel, Lügen, kleine Freuden, große Schmerzen und tausend Dinge, die mit Worten kaum zu fassen sind, koexistieren in uns, koexistieren auch in Ihnen, Herr Frobart.

Wir befanden uns auf einer östlichen Insel mit Namen Weimar, wo die Leute ununterbrochen um die Wette dichteten. Die Insel war nicht groß, sie lag in einem eiskalten Meer, das ununterbrochen an der Insel nagte, so daß sie am Ende einfach fortgewaschen sein würde, aufgelöst, und nur ein Eiskristall vielleicht von ihr übrig bliebe. Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut als Tagedieb. War ich nicht zu Höherem berufen, steckte in mir nicht ein ganz anderer Nathan Frobart? Manchmal kniete und betete ich und dachte: Die Zeit ist gekommen.

Dann küßte ich Pauline von — unter dem Flieder. Sie schmeckte nach Rhabarber, den sie heimlich einkochte und in großen Mengen nachts im Schlosskeller verschlang. Ich erfuhr, daß auch sie sich fremd in Weimar und in ihrem Leib und auf der Welt fühlte. Wir waren schon einmal hier gewesen, glaubten wir, hatten uns schon einmal unter Flieder geküßt, in einem anderen Zeitalter. Damals waren wir anders (glaubten wir), tauschten Blicke aus mandelförmigen schwarzen Augen, dufteten nach Kardamom und Mhyrre, Orangen. Irgendwie blauer waren wir, sagte Pauline. Irgendwie älter, sagte ich. Dürfen wir so sprechen, Nathan? flüsterte sie, so sprechen Hexen. Nein, so sprechen die Liebenden, antwortete ich.

Ein Kuß verändert die Welt. Mit einem Mal ist der Lumpensack aufgeräumt, alles Innere geordnet, es gibt keine Angst, keine Furcht, es ist nur noch Platz für dich darin.

Wir wurden Dichter, aber wir schrieben nicht selbst. Wir bedienten uns bei anderen, zogen ihnen die Manuskripte unter den Kopfkissen weg, klauten ihre Kladden und Konvolute. Griffen dann zu Scheren und schnitten das Ganze in Streifen wie Pökelfleisch, setzten es neu zusammen und ließen es drucken unter einem nom de plume, den ich vergessen habe. Stets trugen wir eine Münze bei uns, ich in meinem Brustbeutel, sie in ihren Unterkleidern, für den Fährmann. Unsere Sehnsucht, unsere Vorahnung, daß etwas Großes, Weltbewegendes mit uns geschehen würde, Weltruhm möglicherweise, der Sinn für die Richtung, die unser Leben einschlagen würde, erwiesen sich als richtig. Doch der Weg war länger, als wir uns vorgestellt hatten.

Woanders

Dort konnten wir nicht stehlen, weil wir tot waren (erstickt).

Portrait

Heute ist Sonntag. Unser Haus ist nur noch Schutt und Asche, thank you, Mr. Wernher von Braun. Am Muswell Hill Broadway weinen die Waisenkinder. Vater ist tot, Mutter sprach sieben Tage kein Wort, sie sprach mit ihrem Herz, bis es stehenblieb. Wir dachten, wir wären sicher in London, die Frauen rosafarben wie Marzipan, wirkten beruhigend auf unsere Nerven, die Männer aus weichem hellen leicht gekräuselten Leder, lächelten manchmal amüsiert, zogen eine Augenbraue hoch, alles beruhigend, auch die alte Sprache des Barden, die vielleicht das Laute und Scharfe kennt, aber nicht das Bellen. King Lear wird nie bellen, da können sie in Berlin toben, soviel sie wollen. Vaters Laden, der gute alte Frobart’s Bookshop, dem Erdboden gleich. Im traurigen Rest wühle ich und finde ein altes Buch über die Heimat, die verwunschenen Inseln und die wundervollen Hexen auf ihnen. Sie waren eine Möglichkeit, diese Hexen, aber meine Heimat wollte diese Möglichkeit nicht. Das Portrait einer alterslosen kleinen rabenschwarzhaarigen Hexe mit Augen, die viel gesehen haben und Geheimnisse kennen, zieht mich in eine andere Zeit, als die Inseln noch in der warmen Sonne lagen, manchmal stiegen sie aus dem Meer und wanderten über die Erde, um sich woanders niederzulassen. Eine junge Frau wie ich, Jahrhunderte schon tot, ihr Name war Pesach.

Flug 0913 ist bereit

Wieder in den verfluchten Duty Free, Bühne der unterdrückten Gefühle. Gabriela fiel ein, daß sie noch das eine oder andere, zum Beispiel Toblerone, unbedingt benötigte. Kleiner Wettstreit, wer unter den mitschwenkenden Kameras mehr Toblerone wegzaubern konnte.

‚Wir werden immer besser‘, sagte ich.

‚Ach ja? Hören Sie mal, an der Kasse trennen sich unsere Wege. Und Sie bezahlen.‘ Sie griff nach einem Minigemälde, Rom im Regen, und drückte es mir in die Hand.  ‚Das da.‘ 

Ich hielt mir das Gemälde vors Gesicht. ‚Du hättest mich beinahe geküßt…‘

‚…‘

‚Es ist spät, Gabriela Sloane. Sie sind in Gefahr.‘

‚War es nicht immer spät?‘

‚Nicht damals in Babylon‘, sagte ich.

‚…‘

‚Wir könnten nach London gehen und uns zur Ruhe setzen. Ich habe eine Stadtwohnung in Muswell Hill. Oder nach Paris, dort gehört mir ein kleines Hotel in der Rue – ‚

‚In diesem Park‘, unterbrach sie mich, ‚vor Frobarts Haus, als du dich dreist neben mich auf die Bank gesetzt hast, sind dir die Tauben aufgefallen?‘

‚Tauben?‘

‚Siehst du, du schläfst die ganze Zeit, du schlafwandelst durch unser Leben, ich hab die Schnauze voll, ich muß mich befreien von dir, du schadest mir.‘

‚Tauben?‘

‚Ja, Tauben. Sie standen im Halbkreis um uns herum, ziemlich alte Tauben, starrten uns aus ihren harten Augen an. Und der Himmel war so blau und kalt, hast du auch nicht bemerkt, er hat uns nicht verziehen. Und hiermit verkünde ich das unwiderrufliche Ende.‘

Jetzt schließlich berührte sie mich, ihre Finger (die auch mordeten) zogen einen kleinen Kreis auf meiner Hand, und sie ließ ihren schwarzen Schopf auf meiner Schulter ruhen. Es schien, als wollte sie meine Vergebung. Dafür, daß sie jung war und schön und unverdorben und eine Zukunft hatte, während ich alt und häßlich und ein Sünder war und keine hatte.

‚Lufthansa Flight 0913 now boarding…‘ Die körperlose Stimme.              

Ach, Berlin, dachten wir beide. Eine Stadt, die uns das Schicksal gnädig erspart, um die es uns in weiten Kreisen herumgeleitet hatte. Was wollte sie in Berlin? A Diamond as big as the Adlon?

‚War das Gott?‘ sagte ich.

‚Wie meinen?‘

‚Die Stimme.‘

‚Du lernst es einfach nie. Wir. Wir sind es.‘ Sie stand auf. ‚Bitte, folge mir nicht. Flieg irgendwoanders hin, flieg nach Paris, wir waren mal glücklich dort, lebe in unseren Erinnerungen, ich brauche eine Unterbrechung, eine Pause, mindestens ein Jahrhundert, laß mich einfach alleine.‘

‚Alleine..‘ sinnierte ich noch.

Da war sie schon losgerannt. Ich hatte vergessen, wie schnell sie rennen konnte, es sah aus, als sei ein kleiner Kugelblitz in die Abfluglounge gefahren. Der Rest der Welt machte Platz, spritzte auseinander, wie war ich stolz auf sie. Hatte sie recht, brauchten wir eine Pause? Erst mußte ich sie davon überzeugen, das Morden einzustellen, es lag so gar nicht in unserer Natur, Diebstahl als Kunstform war unsere Natur, Worte und Blicke waren unsere Natur.

Während des Fluges unterhielten wir uns über Nachtsichtgeräte. Die sind ganz famos, sagte sie, wenn du zum Beispiel in einem Haus mit vielen Kellern arbeitest, du siehst alles grün, es ist fantastisch, wie ein Traum. Ich liebte sie, wenn sie so fachsimpelte, und sie wußte das, wir waren Meister der Distanz, wir verstanden und ehrten den Abstand zwischen den Sternen in ihren Nachtlagern am Himmel. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände. Diesmal küßte sie nicht vorbei. Ein Kuß kann die Welt verändern, es gibt keine zeitlosen, vereinzelten, eingekapselten, unbemerkten Augenblicke, in denen wir beliebig handeln können, um dann unsere Leben weiterzuführen, als sei nichts geschehen. Es gibt folgenschwere Küsse. Manchmal muß man sie stehlen. Unruhig wandernde Seelen wissen das. Diebe sowieso.

Beim Landeanflug auf die Stadt Berlin begann die Maschine zu kippeln, dann bedrohlich zu schwanken, dann zu trudeln, und die Hölle brach los.

‚Das darf doch nicht wahr sein, Pesach, wir stürzen ab. Mitten in Europa.‘

‚In der Tat‘, sagte sie. Sie streckte mir die Zunge heraus und fischte ihre Münze für den Fährmann aus der gelben Tasche. ‚Halt lieber deine Münze bereit‘, sagte sie.

‚Hast du hier deine Finger im Spiel?‘

‚Vielleicht.‘

‚Pesach, Pesach…‘

‚Ich muß dir was sagen: es gibt auch eine Bombe.‘

‚Wir werden halb Berlin zerstören.‘

‚Mag sein.‘

‚Ist das denn wirklich nötig?‘

Nous allons changer le monde. Hast du Angst?‘

‚Hättest du wohl gerne.‘

‚Wir sind noch nie zusammen gestorben‘, sagte sie.

Ich wollte sagen: doch, o doch. Aber ich schwieg. Immer schweige ich. Ich bin nicht der einzige, denke ich, und der andere denkt es auch, und so schweigen wir alle zusammen.

‚Weißt du zufällig, was aus unserem kleinen Claude geworden ist?‘ fragte sie.

‚Was er sich immer gewünscht hatte, le poinçonneur des Lilas.

Je fais des trous…‘

Des petits trous…‘

Ich seufzte. Es wäre so schön gewesen. Sie nahm meine Hand. ‚Baruch, damals in Babylon, die Sonne auf unseren Köpfen, wie neu wir waren.‘

Dann kippte das Flugzeug mit hundertneunundzwanzig Seelen an Bord in den steilen Sturzflug und explodierte tief in der Stadt und löschte viele Geschichten aus, aber bloß vorübergehend.

Haben wir nur ein Leben? Vermutlich. Können wir aus unseren Träumen, unseren Sehnsüchten irgendeine Wirklichkeit weben wie einst die Parzen, einen verwunschenen ewigen Teppich, der uns durch die Lüfte und Zeiten fliegt? Vorbei, verlernt. Und dennoch, in unseren Sternstunden sind wir Götter. Wir lieben in anderer Form, anderer Gestalt den Menschen, den wir schon immer liebten, nichts geht verloren, wir singen nur ein Lied.

Wir waren Götter. Jetzt bin ich allein in diesem Keller, kein Licht, keine Sterne, kein Nachtsichtgerät, nur die Vergangenheit, die ein fremdes Land ist. Pesach, bist du noch dort? Oder bist du schon hier? Antworte mir.

                                                                                                                                               Für Hanna


*Copyright © Martin Kluger, 2015.

Wir standen mit Gerschom Scholem am Grab seiner Eltern und seiner Brüder auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Es war kalt, es war Dezember. Gerschom Scholem und Fania, seine Frau, hatten leichte Mäntel an, sie waren gerade aus Jerusalemgekommen. Scholem hätte eigentlich wissen müssen, wie kalt es im Dezember in Berlin ist, er hat ja langegenug hier gelebt, war hier geboren und aufgewachsen. Aber wahrscheinlich war das schon zu lange her. Es war 1923, als er wegging, weil er glaubte, daß er nichts mehr verloren habe in Deutschland.

Wir räumten das Grab frei von altem Laub und den Zweigen, Ästen und halben Bäumen und von dem maßlosen Efeu, das über alle Gräber klettert, von einem zum anderen, von Grab zu Baum und von Baum wieder zu Grab, und sich alles nimmt und allesverschlingt, bis die ganze steinerne Ordnung wieder zu einem Wald verwächst und nicht nur der Körper der Toten, sondern auch dieses ganze Werk der Erinnerung an ihn wieder zu Erde wird. «Da braucht man eine Axt, wenn man das Grab eines Vorfahren besuchen will, um sich einen Weg durch die angewachsene Zeit zu schlagen», sagte Scholem.

Auf dem Grabstein stand:

ARTHUR SCHOLEM

geb. 1863 in Berlin              gest. 1925 in Berlin

BETTY SCHOLEM, geb. Hirsch

geb. 1866 in Berlin              gest. 1946 in Sydney

WERNER SCHOLEM

geb. 1895 in Berlin

erschossen 1942 in Buchenwald

ERICH SCHOLEM

geb. 1893 in Berlin              gest. 1965 in Sydney

 

Scholem erzählte von seinem Vater, von seiner Mutter, von seinen beiden Brüdern, dem, der Kommunist geworden und in Buchenwald umgebracht worden war, und Erich, der nach Australien ausgewandert war. Er stellte sie uns alle vor, einen nach dem anderen. Und dann blieben wir eine kleine Weile stumm für die Zeit vielleicht, in der man hätte «Guten Tag» sagen und sich die Hand geben können. Scholem sprach ein kurzes Gebet. Er sprach es ganzleise, er flüsterte bloß.

Nahe dem Eingang, auf dem Wege zu dem Grab, gab es eine Baustelle, man konnte zwar nicht erkennen, was gebaut wurde, und alles sah aus wie immer, trotzdem war ein großes Stück des Weges abgesperrt mit einem Seil, daran ein Fähnchen, darauf die Aufschrift: «Achtung Baustelle». Fania Scholem nahm das Seil samt Fähnchen ab, ganz einfach, nur so, wie man die Klinke der Tür drückt, durch die man geht, und lief quer über die markierte Baustelle, und Gerschom Scholem rief ihr nach: «Siehst du nicht, daß der Weg gesperrt ist?» Aber Fania antwortete: «Ich lasse mich doch nicht von einem Strick abhalten, meinen Weg zu gehen! Siehst du nicht, daß da gar nichts zu sehen ist?» Scholem schüttelte den Kopf, aber folgte ihr doch auf dem verbotenen Weg über die unsichtbare Baustelle, nicht ohne am Ende das Seil hinter sich wieder einzuhängen.

Vor dem Tor des Friedhofs wartete ein schwarzer Mercedes mit Chauffeur auf Gerschom Scholem und Fania, der war ihnen nämlich von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, die Scholem eingeladen hatte, also von Bölling, oder vielleicht war es auch noch Gaus, für diesen Tag zur Verfügung gestellt worden.

Wir fuhren zur Schönhauser Allee. Scholem wollte sich eine schweinslederne Aktentasche kaufen, so eine, wie er sie früher in Berlin immer gehabt hatte. In Jerusalem gibt es so etwas nicht, und er hatte diese Aktentasche damals so geliebt und sich später immer wieder eine gewünscht, aber nie mehr bekommen. Deshalb wollte er sich jetzt in Berlin eine kaufen. Scholem und Fania, seine Frau, betraten den Ladenschon durch die falsche Tür und wurden wiederzurückgeschickt, um noch einmal durch die richtige Tür, auf der »Eingang» geschrieben steht, hereinzukommen. Dann versäumten sie in dem Selbstbedienungsladen an der bestimmten Stelle einen Einkaufskorb zu nehmen, und wurden wieder gerügt. Siebemerkten es aber gar nicht, weil sie sich laut unterhielten, und darüber ärgerten sich die Verkäuferinnen wohl auch und zeigten nur widerwillig einige Taschen vor. Fania wurde wütend über die Unfreundlichkeit und ständige Zurechtweisung, aber Scholem bat sie, sich zurückzuhalten. Zum guten Schluß kauften sie eine Aktentasche und waren sehr froh, weil es ein so alter Wunsch gewesen war und jetzt, nach so langer Zeit, endlich erfüllt.

Fania Scholem sprach deutsch. Aber woher konnte sie es? Ihre Muttersprache ist Hebräisch, später sprach sie polnisch, jiddisch, russisch, und dann als Fremdsprachen Englisch und Französisch, aber kein Deutsch. Also woher konnte sie es jetzt? «Sie hat es im Zusammenleben mit mir irgendwie eingeatmet», sagte Scholem.

Dann saß Scholem bei uns zu Hause im Schaukelstuhl. Er hatte bei der Tante Eva in Jerusalem schon alle unsere Briefe gelesen, und er sagte, ich solle in die Küche gehen und keinen Kaffee kochen, weil man dann nur kostbare Zeit des Gespräches verlieren würde. Er fragte und erzählte, und wir fragten und erzählten.

Was hat er nicht alles erzählt, tausend Begebenheiten aus deutscher und jüdischer und deutschjüdischer, alter, neuer und altneuer Geschichte. Von den Frankkisten, der jüdischmessianischen Sekte in Polen, deren Anhänger später alle zum Katholizismus übergetreten sind; über die hatte er gerade gearbeitet. Und von Walter Benjamins Freund Noeggerath aus Berlin, über den er jetzt hier noch etwas herauszufinden hoffte. Dann schimpfte er auf den Lubawitscher Rebben, dem habe er die Fälschung eines angeblich historischen Briefes nachgewiesen, und so etwas rege ihn als Historiker maßlos auf. Und vom Gesamtarchiv der Juden erzählte er noch, das sich heute im Staatsarchiv der DDR in Merseburg befindet, und wie er zum ersten mal dort war und es mit eigenen Augen gesehen hat, und von der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in Berlin, der ehemals riesigen Bibliothek in der Oranienburger Straße 68. Und wir sagten, da ist sie heute wieder, nur ist sie nicht mehrriesig, sondern winzig klein, aber in derselben Straße, in demselben Haus. Dort habe er die ersten Bücher jüdischen Wissens ausgeliehen, sagte Scholem, und wir sagten: wir auch. Und damit habeeigentlich alles angefangen, und wir sagten: bei uns auch.

Und dann erzählte uns Scholem vom Schicksal dieser Bibliothek. Nach dem Krieg nämlich war er im Auftrag des israelischen Staates nach Berlin gekommen, um dieser Bibliothek nachzuforschen und sie, wenn möglich, herüberzubringen. Jüdische Büchersind von den Nazis nicht vernichtet worden, im Gegenteil, sie wurden gesammelt und katalogisiert von zehn eigens dafür angestellten jüdischen Gelehrten (von ihnen haben nur die beiden, die mit deutschen Frauen verheiratet waren, überlebt) . Später wurde die ganze Sammlung nach Prag ausgelagert, weil die Nazis davon ausgingen, daß diese Stadt nichtbombardiert werden würde, und nach dem Krieg, also nach dem Sieg, sollten die zusammengetragenen Bücher wohl den Triumph über die Juden demonstrieren, so wie einst die Tempelschätze des zerstörten Jerusalem in Rom. Die Regierung der Tschechoslowakei, die nach dem Krieg die Sammlung in Pragvorfand, hat sie als ihr Eigentum betrachtet und in aller Welt zum Verkauf angeboten. So sind die Bücher überallhin verstreut worden, kein Menschweiß wohin, hier und da kann man eines oder ein anderes in einer Bibliothek oder einem Antiquariatin irgendeiner Stadt der Welt wiederfinden. Ein paar von ihnen hat Scholem auf seinen Reisen in allen möglichen Städten und Ländern wiedergefunden und wiedergekauft, die stehen jetzt bei ihm zu Hause. Es sollen auch 500 sehr wertvolle hebräische Handschriften darunter gewesen sein, von denen Scholem zwei in Warschau wiederentdeckt hat. «Es ist den Büchern nicht besser ergangen als den Menschen», sagte Scholem. Über seine Nachforschungen hat er einen Bericht verfaßt, den er aber nie veröffentlicht hat.

Später saßen wir im Hotel »Berolina», dort wollten wir Scholem und Fania, seine Frau, zum Esseneinladen, und nachdem er noch erzählt hatte, wie die Franckisten nach ihrem Übertritt zum Katholizismus in den polnischen Adel eingeheiratet und den also vollkommen »verjudet» haben, und darüber gelachthatte, sagte Scholem zu mir und Peter, meinem Mann: «Es heißt: Wandere aus in ein Land der Thorakenntnis (. . . und sprich nicht, daß sie zu dir komme, denn nur, wenn du Gefährten hast, wird siesich dir erhalten. Sprüche der Väter 4, 18). Jerusalemwäre gut, New York wäre gut, London wäre gut, sonstwo wäre gut, aber Deutschland ist nicht mehr gut für Juden. Hier kann man nichts mehr lernen, also hat es keinen Sinn zu bleiben, es ist viel zu schwer. Wie das gehen soll, daß ihr dahin kommt, weiß ich nicht, aber ich werde es mir überlegen.»

Sie lehnten es beide ab, Fleisch zu essen, sie lebten zwar nicht strikt koscher zu Hause, sagten sie, aber hier in Berlin wollten sie doch lieber kein Fleischnehmen. Fisch gab es aber nicht in dem Interhotel, und da konnten wir sie nur zu einem Eiersalateinladen, der auch schon halb vertrocknet war. Scholem und Fania redeten laut und lachten laut, und ichspürte die mißbilligenden Blicke von allen Seiten auf dieses ungenierte alte Paar.

Vor dem Hotel wartete der Chauffeur von der Ständigen Vertretung, und da stiegen sie dann schließlich ein, und wir standen noch eine kleine Weile vor den offenen Wagentüren und sagten, wases für ein schöner Tag gewesen sei, und Scholem zeigte nochmal auf die schweinslederne Aktentasche und sagte, das sei ein großer Erfolg für ihn gewesen, und dann: «Auf Wiedersehen. Na, ob wir uns wiedersehen … »

Am nächsten Tag rannten wir in die Bibliothek in der Oranienburger Straße und holten uns alle Bücher von Scholem nach Hause. Sie standen auch dort tatsächlich, worüber er sich schon vorher bei uns be-schwert hatte, neben denen vom »deutschnationalen» Schoeps, dem er sich doch so fern fühlte.

Bald bekamen wir auch Post von Scholem, er schickte uns sein Buch über die Franckisten, das nun geradeerschienen war, und bat uns, es der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in seinem Namen zu schenken, wenn wir es gelesen hätten, und das haben wir auch getan.

Wenige Wochen später rief mich meine Freundin an und sagte, sie habe «was Blödes» im Radio gehört. Ich verstand nicht, was sie mir mitteilen wollte, aberda sagte sie schon, daß Gerschom Scholem heute in Jerusalem gestorben sei und morgen sei das Begräbnis. Das war am 21. Februar 1982.

Er war 84 Jahre alt, als er starb. Aber für mich war er gerade auf die Welt gekommen. Jahre und Jahre war Gerschom Scholem nur Schrift gewesen. Schrift seines Namens auf Titeln von Büchern und über Zeitschriftenartikeln, Schrift in der Folge eines kleinen Sternchens im Text, beim Nachschlagen hinten im Buch, einer Anmerkung. Oder manchmal, wenn er von dem oder jenem erwähnt wurde, der Klangseines Namens, dieses seltsamen Namens.

Dieser Name war nun als Mensch erschienen, als wahre Wirklichkeit, laut redend, berlinernd, ein langer Lulatsch mit abstehenden Ohren, die ganze Mystik in unserem Schaukelstuhl. Er hatte die Reiseseines Lebens noch einmal zurückgelegt, noch ein-mal Berlin — Jerusalem retour, und er hatte einen zu leichten Mantel angehabt.

Es ist kalt, es ist Dezember, drei Jahre später. Ich sitze im «Petit Café» auf der Avenue du Général de Gaulle. Es ist also nicht New York und nicht London, aber Frankreich, da sitze ich und denke an Scholem in Berlin. Das Café ist leer, nur am Nebentisch sitzen die drei Araber, die immer da sitzen und die ich schonganz gut kenne, weil wir uns ein paarmal unterhalten haben, und die sehr freundlich sind, obwohl ich ihnen

gleich erklärt habe, daß ich »israélite» bin. Sie haben nur nicht verstanden, warum ich dann kein Hebräisch spreche (es ist doch auch dem Arabischen so ähnlich), so habe ich noch erklären müssen, daß meine Muttersprache Deutsch ist und daß ich aus Deutschland komme und nun hier lebe, weil es in Deutschland so gut wie keine «isradlites» mehr gibt, und da fragten sie: Warum denn nicht?

Nach Scholems Tod, bald danach, bin ich noch einmal auf den Friedhof nach Weißensee gegangen, an das Grab seiner Eltern und seiner Brüder. Ich wollte irgendeine Handlung der Erinnerung vollziehen, und ich nahm denselben Weg, den wir gegangen waren, hängte das Seil mit dem «Achtung Baustelle» Fähnchen ab und lief quer über den abgesperrten Weg, sowie wir es damals getan hatten. Dann stand ichwieder vor dem Grab, und da sah ich, unter all den Namen seiner Familie steht nun auch der seine. Da steht:

GERHARD G. SCHOLEM

geb. 1897 in Berlin              gest. 1982 in Jerusalem

Die meisten Menschen haben nur ein Grab. Gerschom Scholem hat zwei. Eines in Jerusalem und eines in Berlin. Er hatte wohl auch zeit seines Lebens in beiden Städten gelebt. Deshalb hat er ein doppeltes Grab. So ein Leben war das eben.


*Aus: Barbara Honigmann, Roman von einem Kinde. © 2001 dtv Verlagsgesellschaft, München.

Längst war der Tag angebrochen. Die Berge, ihre Gipfel von finsteren Wolken verhangen, glitzerten in kaltem Blau, als wollten sie ankündigen, dass die Pause, die der seit Tagen fallende Schnee in der Nacht eingelegt hatte, nun zu Ende ging. Ein Strauß schwacher Sonnenstrahlen schickte sich an, die Welt anderswo zu wärmen, hier funkelte er eiskalt auf den Eisenbahnschienen, die wie aus dem Nichts kommend in die Ewigkeit zu führen schienen, vertrieb und zerschlug die der Natur innewohnende Unberührtheit.

Ein, zwei Züge, die nachts über die Strecke gefahren waren, hatten den Schnee plattgedrückt und in Eis verwandelt. Der Widerschein des Lichts auf den Schienen erfüllte die Fenster von Eşbers einsamer, trister Dienstunterkunft unweit der vergessenen Kleinstadt in den Bergen, das Stellwärterhäuschen mit seinem Wellblechdach, nur hundert Schritt vom Haus entfernt, lag schon im Schatten einer schweren, düsteren Wolke, die bald darauf vollständig den Himmel bedecken würde.

Eşber schob einen dicken Eichenscheit in den Ofen, der das trübselige Zimmer nur noch kläglicher machte, und verschloss sorgsam die Klappe. Auf den Ofen setzte er die mit eiskaltem Wasser gefüllte Kanne. Die Glut würde den Scheit zum Glühen bringen, das Wasser in der Kanne würde sich erhitzen und wenn Eşber am Abend in den vom Schnee verwehten Fußspuren heimkehrte, als wären sie noch da, würde er sich mit warmem Wasser Gesicht und Hände waschen, anschließend den Rücken an den Wandteppich mit den trinkenden Hirschen lehnen, die abgebrannten Streichhölzer, den Leim und seine Zigarettenschachtel bereitlegen, in der Nacht auf die Geräusche der Wölfe lauschen und am nächsten Tag einen weiteren Tag beginnen, der dem vorherigen aufs Haar glich.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Schienen, die durch tiefe Täler führten, sich an Wildwassern entlang heranwanden und in völlig andere Leben erstreckten, würde er im unruhigen, engen eigenen Kreis weiterleben, als bestünde die ganze Welt allein aus den Dingen, die sein Leben bestimmten, und aus ungeschliffenen, rohen Gefühlen, als läge nichts hinter den schroffen Bergen, die seinen Horizont umstellten.

Bevor er in die gefütterte Lederjacke schlüpfte, die Mütze aufsetzte und Handschuhe überstreifte, riss er das Kalenderblatt ab, las die Gebetszeiten darauf, einen Ausspruch des Propheten über Zwietracht, Namensvorschläge für an diesem Tag geborene Kinder, die Speise des Tages und die kurze Zusammenfassung der Schlacht von Uhud, ohne sich eine einzige Zeile von all dem zu merken. Das Blatt in seiner Hand war kein gewöhnliches Kalenderblatt, es war ein Dokument, das anzeigte, wie viele Tage es noch bis zum Frühling hin waren, das ihm Kraft zum Durchhalten gab, indem es ihn daran erinnerte, dass die Zeit verging. Der Frühling war kein Traum. Auch wenn das Blatt noch mehr Tage bis zum Frühling auswies, als man auf die Schnelle zählen konnte, es war doch der Beweis dafür, dass er existierte.

Auf dem Kalenderblatt stand geschrieben, dass Winter herrschte, schwer und zu lang, um ihn allein damit herumzubringen, schlafen zu gehen und wieder aufzustehen, Linsensuppe zu kochen, abgebrannte Streichhölzer zu sammeln und daraus Häuser zu basteln, im Stellwärterhäuschen zu hocken und um verspäteter Züge willen zu telefonieren, grüne und rote Fähnchen für Züge zu schwenken, die majestätisch das sich endlos ausdehnende Weiß durchschnitten, mit den Lokführern Grüße auszutauschen, sie um Zeitungen zu bitten, Bestellungen für Salz, Zucker, Streichhölzer aufzugeben, abends vor dem Fernsehapparat mit seinem Bildrauschen einzuschlafen, eine große Schüssel mitten ins Zimmer zu stellen und sich darin zu waschen, nach Spiegel und Rasiermesser zu greifen und sich draußen zu rasieren, wenn unvermutet Sonnenstrahlen die Schneewolken durchdrangen, Tee aufzubrühen und zu schlürfen, im Garten Kartoffeln und Kohl zu ziehen, die Hühner zu füttern, Schnee zu schippen, sonntags ins Städtchen zu wandern, um Käse und Bauernbrot zu besorgen, und nur drei, vier Worte am Tag zu reden. Die zermürbenden Winter über all die Jahre machten sein Leben zu einer schweren Krankheit, zum beständigen Schweben am Rande des Todes.

Er zog die Tür hinter sich zu, verriegeln brauchte er nicht, denn ringsum war kein Mensch. Als er die Spuren der Wölfe erblickte, die er nachts ums Haus hatte schleichen hören, lächelte er. Bei Tagesanbruch hatte erneut Schneefall eingesetzt, gegen Morgen aber wieder aufgehört, bevor er die Spuren der Wölfe bedeckte, die halb wahnsinnig an der Tür gekratzt hatten, als sie die drei Hühner witterten, die er im zweiten, als Speicher benutzten Zimmer hielt.

Zum Glück gab es in seinem Leben die Wölfe. Der Kampf gegen die Wölfe, deren Augen er wild blitzen sah, Blut troff ihnen von den gesunden weißen Zähne, wenn sie jagten, war immer mehr zu einem Lebenszweck geworden, zu einem bizarren Spiel, das zweifellos blutig enden würde. Er tastete nach seiner Flinte und dachte an die Brutalität in ihren Augen.

Der größte Trost in der tödlichen Einsamkeit, die an seiner Seele fraß wie ein bösartiges Geschwür und im Laufe der Zeit sein klares, junges Gesicht in rostiges Gelb verwandelt hatte, das, was sein Leben zu einem Spiel machte, war die Beziehung zu den Wölfen. Die Einsamkeit bereitete ihm unerträgliche Kopfschmerzen. Deshalb nahm er Opium, wenn er welches bekommen konnte, gleich einem über einen Abgrund balancierenden Seiltänzer ließ er dann die Wölfe nah an sich heran. Er genoss es, wenn sie ums Haus strichen, wenn sie sein Leben bedrohten, das er vergeblich mit Sinn zu erfüllen versuchte, seit er seine Tage im Stellwärterhäuschen fristete. Die Hühner kreischten vor Furcht, wenn sie das Heulen hörten, mit dem die vor Hunger irren Wölfe die Nacht zerrissen, während sie aus dem Gebirge herbeischnürten. Das erbarmungswürdige Geschrei der Hühner stachelte die Wölfe nur weiter auf und für Eşber war es eine Lust, das Fenster zu öffnen und einem Wolf, der sich ihm auf eine Pfotenweite näherte, ins funkelnde Auge zu schießen. Nach solchen Nächten fand er morgens blutige Spuren im Schnee. Die Natur bescherte ihm jedes Jahr monatelang nur eine einzige Farbe: weiß. Als wäre man blind. Da waren es die Blutspuren, die ein angeschossener Wolf zurückließ, und ihr die Stille zerreißendes Geheul, die ihn daran erinnerten, dass er lebte. Ohne die Wölfe würde er bezweifeln, im stillen Weiß überhaupt noch zu existieren.

In Gedanken bei ihnen ging er zum Stellwärterhäuschen hinüber, da stach ihm plötzlich das dunkle Blau ins Auge, das schon im Schnee zu verschwinden drohte. Dieses Blau ähnelte weder den Blautönen an Frühlingsmorgen, noch jenen, die an Sommerabenden den Himmel überzogen, wenn die Sonne rot versank. Am ehesten erinnerte es wohl noch an das Blau beim ersten Aufflammen eines angerissenen Streichholzes. Er traute seinen Augen kaum. Ihm war, als wäre dieses Blau, das er in der Ferne zwischen den vergessenen Bergen erblickte, ein Geschenk, wie er nie eines bekommen hatte. Er lief zu dem Blau hin, beinahe schon verwischt vom einsetzenden leichten Schneefall, hob es behutsam auf, als nähme er einen Wellensittich in die Hand, und als er damit nicht ins Stellwärterhäuschen sondern nach Hause stapfte, schlug ihm der dunkelblaue Stoff um die Knie und erfüllte ihn mit unbeschreiblicher Freude.

Dann senkte sich die Nacht herab und schritt voran. Finsternis umfing alles wie ein Spiegel, der den Bewohnern, die in kleinen Städtchen und fernen Dörfern in den Bergen vor sich hin lebten, ihre eigenen verhärmten Gesichter vor Augen hielt. Am Morgen hatte er sie auf seinen Armen in sein Haus getragen, sie mit der Wolldecke zugedeckt und dann an ihrer Seite gewacht, ohne sich um die vorbeirauschenden Züge zu kümmern, vor dem Erfrieren gerettet lag Fidan nun in tiefem, ruhigen Schlaf. In der Ferne heulten die Wölfe. Doch Eşber hörte sie nicht, er wartete nur darauf, dass diese Frau mit dem klaren Gesicht, so schön, wie er nie eines gesehen hatte, erwachte.

Unversehens schlug Fidan die Augen auf. Tödliche Angst huschte ihr übers Gesicht. Dann flackerte ihr Blick in einer Mischung aus Entsetzen und Verwunderung hastig durchs Zimmer. Sie sah den Wandteppich mit den Hirschen, den von der Linsensuppe auf dem Ofen aufsteigenden Dampf, den Fernsehapparat, dessen Flüstertöne ihr ans Ohr drangen, das Modellhäuschen aus abgebrannten Streichhölzern darauf und Eşber, der an ihrem Fußende saß und lächelte.

Nichts lag in diesem Lächeln, vor dem man sich hätte fürchten müssen, das einen Fluchtimpuls ausgelöst hätte. Im Gegenteil, es war unschuldig, zerbrechlich und ziemlich schüchtern. Nichts in diesem Lächeln deutete darauf hin, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war, sie fühlte sich seltsam erleichtert und brach in Tränen aus.

Eşber ahnte nicht, dass sie seit Monaten von Furcht gejagt war, er wartete, bis sich der Weinkrampf der jungen Frau legte, dann wisperte er: „Haben Sie doch keine Angst, Fräulein, von mir haben Sie nichts zu befürchten.“ Die Worte beruhigten Fidan, sie hob die rechte Hand zum Wandteppich und berührte die Hirsche. Unter Tränen dachte sie an den Morgen, das Ende der düsteren Monate, die sie durchgemacht hatte.

Sie hatte sich noch gefürchtet, als sie den Zug bestieg, der sie zu diesem sonderbaren Haus in den Bergen führen würde. Doch die Musik der zunächst bedächtig anfahrenden und dann immer schneller werdenden Eisenbahn hatte sie als Botschaft der Rettung gedeutet. Die Familie, die ihr Abteil mit Körben, Plastiktüten und Bündeln vollgestopft hatte und neben dem Ausdruck von Resignation und Verletzung auch eine innere Ruhe auf den Mienen trug, flößte ihr Vertrauen ein. Sie würde weit fahren, weit fort. Am schneebedeckten anderen Ende dieses weitläufigen Landes, würde das Zuhause eines ihrer Geschwister sie aufnehmen, die Angst, die sie seit Monaten am Kragen gepackt hielt, würde in diesem Haus im Nu dahinschmelzen wie ein Stück Eis, das auf den wärmenden Ofen fiel.

So jung sie war, hatte sie eine schmutzige Vergangenheit angehäuft und am Ende der Sackgasse, in die sie sich verrannt hatte, um im Handumdrehen ein glänzendes, prachtvolles Leben zu ergattern, hatte Todesangst auf sie gelauert. In der Nacht hatte sie im Halbschlaf über all das, was sie erlebt hatte, nachgedacht, war hin und wieder entsetzt hochgeschreckt, hatte mitunter zwischen Schlafen und Wachen auch erkannt, dass sie gerettet war und den Schritt in ein sicheres Leben hinein gesetzt hatte. Im Halbschlaf entging ihr aber, dass die vielköpfige Familie, die das Abteil mit Leben erfüllt hatte, ausstieg. So packte sie Entsetzen, als sie sich am Morgen allein in dem stickigen Abteil wiederfand. Wehrlos war sie und zu Tode erschrocken.

Im Gegensatz zu der endlosen Weiße, durch die der Zug fuhr, waren ihre Verfolger dunkel und wirklich. Sie waren von finsterer Art und wild entschlossen, sie den Preis dafür zahlen zu lassen, dass sie sich zu Dingen aufgeschwungen hatte, die eine Nummer zu groß für sie waren. In der Hoffnung, erneut eine Familie zu finden wie die, die ihr Vertrauen eingeflößt hatte, bei ihr Zuflucht zu nehmen und sich damit zumindest ein wenig in Sicherheit zu fühlen, streifte sie durch den Zug. Doch da war nur ein Menge Männer, die mit fleischigen Fingern ihre Schnauzer zwirbelten und sie lüstern anstierten.

Es waren viele. Als ihr klar wurde, dass sie in diesem Zug, der kühn in die vergessenen Teile des Landes vordrang, die gesuchte Sicherheit nicht finden würde, geriet sie in Panik. Sie beschloss, sich in ein Abteil zu setzen, in dem besonders viele dieser Männer hockten, von denen sie hoffte, sie würden sie durch ihre bloße Anwesenheit schützen, auch wenn sie ihr lüsterne Blicke zuwarfen und noch so einschüchternd und erdrückend wirkten.

Und da geschah es dann.

Sie kannte den Mann nicht, dessen funkelnde Pistole ihr ins Auge fiel, hatte ihn nie zuvor gesehen, doch es dauerte nicht lange, bis sie begriff, dass er von einem ihrer Verfolger geschickt war mit dem Auftrag, sich ihr in den Weg zu stellen. Dieser Mann im Kamelhaarmantel, der sich ihr Schritt für Schritt näherte, auffallend mit der kräftigen langen Linie schwarzer Brauen unter der schmalen, vorspringenden Stirn, war einer von ihnen. Mit seiner Haltung, seinem Auftreten, seinem nassforschen Gang ohne Hast, vor allem aber seinen Augen, die völlig ausdruckslos schienen, aber die Gier nach Brutalität spiegelten, je näher er kam, konnte dieser Mann in diesem Zug nur ihr auf den Fersen sein.

Der Mann drückte ab, im selben Augenblick riss sie die Tür auf und sprang. Sie rollte durch den weichen Schnee und hörte eine weitere Salve sich in die Musik des Zuges mischen. Gleichmütig schloss sie die Augen. Selbst wenn sie sterben sollte, es war nicht mehr wichtig. Sie war ihnen entkommen. Wäre sie in jenem Moment gestorben, wäre ihr Zustand als friedlicher, ruhiger Übergang in den Tod zu beschreiben gewesen.

Jetzt, in diesem sonderbaren Zimmer, wo ihr seit Tagen verkrampfter Körper sich wohlig entspannte, sie sich geradezu erschlaffen fühlte, weinte sie guten Gewissens und konnte kaum glauben, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein. Sie vermochte die Tränen nicht einmal zurückzuhalten, als sie die Suppe löffelte, die Eşber ihr reichte.

„Danke“, sagte sie. „Du hast mir das Leben gerettet.“

Eşber schwieg. Im Gegensatz zu der groben Derbheit, die dieses Haus aus Kohlenziegeln und Stein, aus Holz und Lehm umgab, lächelte er sie sanft und scheu an. In seiner Welt war das Leben ständig zu retten. In jedem Spiel mit den Wölfen rettete er es aufs Neue. Dank dafür lohnte nicht. Fidan aß ihre Suppe, wischte sich die Tränen ab und musterte die weißen Zähne ihres blassen Lebensretters, sie stimmten ihr Gegenüber fröhlich. Endlich fühlte sie sich in Sicherheit. Eşber setzte Tee auf, hockte sich erneut im Schneidersitz auf den Stuhl und blickte ihr ins Gesicht, als wollte er fragen, was sie denn neben den Gleisen zu suchen hatte. Das Städtchen war weit entfernt und lag nicht an der Bahnlinie, selbst wenn, der Zug hätte nicht in dem winzigen Flecken gehalten, der mitten im Gebirge still vor sich hinlebte. Wie kam es, dass die Frau im blauen Mantel sich auf einen Weg gemacht hatte, der sie in sein karges, klägliches Heim führte?

Fidan spürte, dass sie reden musste, etwas erklären, und erfand eine kleine Geschichte. Sie sei Anwältin, die Brüder des Mannes, den sie hinter Gitter gebracht hatte, seien hinter ihr her, sie habe gerade noch aus dem Zug springen können, als sie ihr den Garaus machen wollten.

Eşber glaubte ihr sofort. Soweit er aus dem Fernsehen wusste, dem er meist nur zuhörte, weil das Bild so arg rauschte, gab es da draußen eine große, komplexe Welt. Viele, sehr viele Menschen lebten dort. Ein erbarmungsloser Krieg herrschte dort, ähnlich seinem Kampf mit den Wölfen. Die Spuren der Angst auf dem Gesicht der schlanken, schönen Frau, die sagte, ihr Name sei Fidan, waren der Beweis dafür. Er löcherte sie mit Fragen über die Welt hinter den Bergen, bemüht, eine andere Art von Bestialität zu verstehen. Fidan antwortete mit sanfter Stimme, die Eşbers Seele streichelte, und erzählte alles Mögliche über Städte voller Menschen zur Unterstützung ihrer obskuren Geschichte. Die teuren Zigaretten in Fidans Tasche gingen in dieser Nacht aus, sie rauchte Eşbers billige und gewöhnte sich rasch daran.

Zu später Stunde hörte sie die Wölfe. Besessen vom tödlichen Spiel kamen sie einer nach dem anderen herbei und schlichen ums Haus, die Hühner gackerten vor Angst. Als die Wölfe heulten, verzog Eşber keine Miene und beruhigte Fidan, es gäbe keinen Grund zur Sorge, auf das Spiel, das die Wölfe begierig erwarteten, verzichtete er. Dann ließ er Fidan im gemütlich warmen Zimmer mit dem bollernden Ofen allein und bereitete sich ein Lager in dem Nebenraum, in dem das Federvieh hauste.

Überzeugt, ihm sei ein Geschenk des Himmels zuteil geworden, schlief Eşber in jener Nacht tief und fest. Fidan dagegen grübelte die ganze Nacht. Sie hatte die Männer, die sie verfolgten, angezeigt. Sie könnte so lange in diesem merkwürdigen Haus bleiben, bis die Männer gefasst wären und man sie selbst für tot hielte. Alle Spuren, dass sie überlebt hatte, könnte sie verwischen. Dann überlegte sie, was zu tun wäre, wenn sie später in ihre Stadt zurückkehrte. Sie lag da, richtete den Blick in die Dunkelheit und tastete mit der Hand über den Wandteppich mit den Hirschen. Sie schauderte bei dem Gedanken an die Tage, da sie unablässig von einem Ort zum anderen gehetzt und jeden Augenblick mit dem Tod konfrontiert war. Angesichts des Gefühls von Brutalität, wie sie es in der Stadt empfunden hatte, kam ihr das grässliche Geheul der Wölfe plötzlich wie ein harmloses Lied vor.

Als sie am Morgen erwachte, sah sie Eşber den Ofen befeuern. Längst war der bleiche Mann auf den Beinen, hatte Tee aufgebrüht und wartete mit umsichtigen Bewegungen darauf, dass sein Gast erwachte. Zum Frühstück gab es Landkäse und Bauernbrot. Danach zeigte Eşber ihr durchs Fenster das Stellwärterhäuschen. Dort würde er den Tag über sein. Sie bräuchte sich nicht zu ängstigen. Sie solle nur sagen, wenn sie etwas benötigte. Er könne es bei den Lokführern bestellen.

Vergnügt verbrachte Fidan den Tag. Seit langem fühlte sie sich zum ersten Mal wohl. Sie lag lange auf dem Sofa und schlief, wachte sie auf, konnte sie noch immer kaum glauben, dass sie am Leben war.

In den folgenden Tagen schneite es immer wieder. Die Pausen zwischen dem Schneefall waren nur kurz. Mitunter wirkte Eşber schon nach zwei Schritten wie ein Schneemann, wenn er losging, um sich in das gerade einmal zwei Quadratmeter große Stellwärterhäuschen zu setzen und Fähnchen für die vorbeifahrenden Züge zu schwenken, manchmal strahlte die Sonne und es sah aus, als wären die Berge mit Goldstaub überpudert. Fidan blieb im Haus, legte Scheite in den Ofen, den Eşber jeden Morgen kräftig anheizte, betrachtete die Hirsche auf dem Wandteppich und dachte über die Zukunft nach. Es langweilte sie zwar, untätig herumzusitzen, doch sie machte sich glauben, sie müsse sich verbergen, um zu überleben. Bei solchen Gedanken riss sie eins nach dem anderen Eşbers Streichhölzer an und pustete sie wieder aus.

Die langen Gespräche jeden Abend ließen die gelbe Blässe allmählich aus Eşbers Gesicht verschwinden, ihn erfüllte sonderbare Freude, die Wölfe hatte er vergessen. Er fühlte sich eigenartig lebendig, die Wölfe brauchte er nicht mehr . Nun waren ihm Haus, Leben und Kopf von einer Frau erfüllt, die Abend für Abend redete, lachte und aß. Plötzlich war ihm sein Gehalt wichtig. Er redete länger mit den Lokführern der auf sein Stellwärterhäuschen zustampfenden Züge, bat sie, Zeitungen, Bücher, Obst, guten Tee und Zigaretten mitzubringen. Er hatte sich verändert. Stets war er in tödlicher Einsamkeit nach Hause geschlurft, nun trug ihn Lebenslust heim. Während er auf einen Zug wartete, für den er die Weiche stellen musste, schaute er durchs Fenster zu seinem Haus hinüber, dass eine Frau darin wohnte, war neu, und das Gefühl begeisterte ihn.

Er dachte an Fidans sonnig strahlendes Haar, an ihr Grübchen, das nur auf einer Wange erschien, wenn sie lachte, an ihre schneeweißen Hände, in der Brust spürte er eine Leere, die, so vermeinte er, nur verginge, wenn er ihr duftendes Haar dagegen drückte. Diese Leere war es, die ihn vor Freude überschäumen ließ, was den Lokführern nicht entging, sie war aber auch der Grund dafür, dass er einen tiefen Schmerz empfand, weil er ihren warmen, blonden Kopf nicht drücken durfte.

Mitunter reizte ihn unerklärlich der Gedanke, dass niemand von der Frau in seinem Haus wusste. Diese Tatsache erregte ihn wie ein wunderbares Geheimnis, das die ganze Welt betraf, zugleich bedrückte ihn schwer, die Existenz dieser Frau nicht in die Berge hinausschreien zu können, niemandem von diesem unglaublichen Phänomen erzählen zu dürfen. Manchmal hatte er den Eindruck, die Stimme der fröhlichen Frau, die seine Nächte erfüllte, und ihre weißen schlanken Finger, die seine Haut wie Feuer verbrannten, wenn sie sie zufällig berührten, wären gar nicht real, all dies hätte sein vor lauter blind machendem Weiß dahinsiechender Verstand sich nur ausgedacht. Immer wieder stürmte er aus der Hütte zum Haus hinüber, kam er außer Atem an und Fidan stand vor ihm, im Blick die Frage, warum er gekommen sei, dann verharrte er wie ein aus dem Tiefschlaf erwachter Schlafwandler verwirrt und ohne Antwort in der Tür.

Seine Stimmung änderte sich jeden Tag mehrmals. Er wartete nicht einmal mehr auf den Frühling, der nun bald bevorstand. In diesem Winter war der Frühling auf unerwartete Weise bereits in sein Haus eingezogen. Er wusste nicht, wie er diesen unvermuteten Frühling glücklich machen sollte, er war zu schüchtern, sie zu fragen, was sie wollte, worauf sie Lust hatte, nachts beobachtete er jede ihrer Bewegungen, um herauszufinden, was sie sich wohl wünschen mochte.

Sein Herz, gewohnt zu schweigen, und verschlossen, als wäre es in eine Kiste gesperrt, hatte sich geöffnet, nun sprach es unverwandt. Eşbers Rede folgte keiner Logik, sie sprang von Zweig zu Zweig. Von der Tochter seiner Schwester im Städtchen, die das R nicht rollen konnte, kam er auf das Geräusch, das der Schnee beim Schmelzen machte, eben noch sprach er von den Eigenarten der Lokführer, davon, dass sein Gehalt niedrig sei, es hier aber auch nicht viel Geld brauche, vom Geschmack des Schafkäses im nahen Dorf, da sprang er unvermutet zu Vogelschwärmen, die ins Gebirge einfielen, und erzählte von Geräuschen, die die Stille vertrieben, und von der Seele der Berge. Die Sprünge, die sonderbaren Beschreibungen verstörten Fidan.

Es war nicht dies allein, was Fidan beunruhigte. Sie sah in Eşbers Augen Leidenschaft aufglimmen. Sie sah, dass Eşber ihr nicht zuhörte, wenn sie sprach, dass er vielmehr versunken war in ihre Augen, ihre Hände, ihre Figur, dass er bei jedem Bissen, den sie schluckte, ihn selbst zu schlucken schien, bei jedem Zug an ihrer Zigarette Eşber in einen wunderlichen Zustand geriet, als täte er selbst diesen Zug. Die Furcht, die sie vergessen hatte, bemächtigte sich ihrer in anderer Gestalt von Neuem.

Eines Abends fragte sie, in welcher Richtung die Kleinstadt liege. Eşber machte eine unbestimmte Geste und sagte: „Hinter dem Berg da …“ Aus seinem Tonfall sprach die krankhafte Überlegenheit, auf einen in alle Ewigkeit unerreichbaren Berg zu verweisen. Auf seiner Miene lag ein derart unheimlicher Ausdruck, dass Fidan außerstande war, die in aller Unschuld gestellte, unbeantwortet gebliebene Frage erneut zu stellen, so dass sie nicht herausbekam, hinter welchem Berg das Städtchen nun lag.

Mit Geräuschen und Stimmen, zahlreich, wie dieses trostlose Heim sie nie vernommen hatte, vergingen viele lange Tage und Nächte.

Dann beschloss Fidan, es sei an der Zeit zu gehen. Das eintönige Weiß, das sie mittlerweile quälte, der unablässig fallende Schnee, von dem sie manchmal fürchtete, er würde das Haus verschlingen, die Wölfe, die Nacht für Nacht ums Haus strichen, deren Stimmen auf einmal nach Blut zu rufen schienen, Eşbers Leidenschaft, die ihr immer krankhafter erschien, die immer selben Tage hatten begonnen, ihr mindestens so viel Furcht einzuflößen wie die finsteren Männer, die sie verfolgten. Eşber würde sich nicht ewig darauf beschränken, sie mit verliebten Augen anzuhimmeln, er würde sie zu einem Teil seines Lebens machen wollen, das spürte sie. Das würde bedeuten, ein anderes Leben zu führen, ein Kleid zu tragen, das ihr nicht passte. In der letzten Nacht konnte sie an nichts anderes mehr denken, sie tat kein Auge zu, so wurde sie gewahr, dass die Stimmen der Wölfe noch weitaus bestialischer waren als gedacht.

Als Eşber am nächsten Morgen das Zimmer betrat, um Tee aufzusetzen, fand er Fidan in dem blauen Mantel vor, der ihm um die Knie geschlagen war, als er sie heimtrug, in der Hand die Tasche, die sie damals um die Schulter getragen hatte und die beim Sprung aus dem Zug ein paar Schritte von ihr geschleudert worden war. Er wurde kreidebleich.

„Was ist los?“, fragte er. „Warum stehst du im Mantel da?“

„Ich muss gehen“, gab Fidan zurück, bemüht, ihre Stimme so herzlich wie möglich klingen zu lassen. „Ich bin dir unendlich dankbar für alles. Aber ich war nun lange genug hier. Sicher suchen meine Eltern nach mir. Sie machen sich Sorgen. Könntest du mich bitte in einen Zug setzen?“

„Unmöglich“, sagte Eşber. „Unmöglich, das geht nicht, du kannst nicht fort.“

„Warum nicht?“

Eşber langte nach ihr, entriss ihr die Tasche und schleuderte sie auf das Sofa.

„Du bist doch zu mir gekommen …“ Er schaute, als könnte er nicht fassen, was geschah.

Er konnte es tatsächlich nicht fassen. Fidan war ein ihm gesandter Frühling, sie war etwas, das auf himmlische Weise zu ihm gekommen war, um seine stillen Stunden, seine leeren Tage zu füllen, seine freudlose Einsamkeit zu verscheuchen. Unerträglich, sie jetzt sehenden Auges ziehen zu lassen, unmöglich, sie eigenhändig in den Zug zu setzen. Fassungslos fragte er mit möglichst sanfter Stimme: „Ist es dir hier nicht gutgegangen?“

Sein Gesichtsausdruck war freundlich und unschuldig, wie der Blick eines gutwilligen, sich seines Besitzrechts voll bewussten Herrn auf seinen Sklaven, und ebenso gnadenlos.

Da begriff Fidan, dass es zu einem entsetzlichen Kampf zwischen ihnen kommen würde, der nur mit dem Tod von einem von ihnen enden konnte. Ihre Knie gaben nach, ihr Körper, der von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse gelaufen, jede Nacht unter einem anderen Dach verbracht und in erbarmungslosem Gerenne tagelang zäh standgehalten hatte, als sie vor ihren Verfolgern geflohen war, fiel angesichts dieser sanften, stillen Frage augenblicklich um.

Was sie als erstes tat, war schweigen. Sie spürte, dass sie diesen Mann nicht durch Reden würde überzeugen können, deshalb sagte sie gar nichts. Berge und Schnee hatten seinen Verstand förmlich aufgesogen, dann hatten sie ihn als ein Teil von sich sich selbst überlassen. Sie fürchtete, ein Wort, das ihm wie eine Nadel in den Geist stach, könnte diesen Mann, diesen Irren einer seltsamen Welt, um den Verstand bringen. Sie war ihm in die Hände gefallen, Eşber war der Herrscher über das unendliche Weiß. In jener Nacht, in der Nacht darauf und in den folgenden Nächten schwieg sie. Eşber aber redete. Längst hatte er alles erzählt, was es über ihn zu sagen gab. Seit Fidan den Wunsch zu gehen geäußert hatte, verlor er von Tag zu Tag an Farbe. Nun erzählte er, was ihm von den Kalenderblättern im Gedächtnis geblieben war, was er von den Eisenbahnern, die aus großen Städten voller Menschen kamen, gehört, was er aus dem Fernsehen erfahren hatte, dessen Ton er gelauscht und das seine Träume für ferne Orte geöffnet hatte. Doch was er auch tat, es gelang ihm nicht, Fidan zum Lächeln zu bringen und das Grübchen auf ihrer Wange, das er so gern berührt oder gar geküsst hätte, hervorzulocken, und er grämte sich sehr.

Eines Tages trat Fidan aus dem Haus und stellte sich in den Schnee. Ihr war, als wäre sie in ein weißes Labyrinth gestürzt. Wo war Osten? Wo lag Westen und wie gelangte man in die Kleinstadt? Sie fand keine Antworten darauf, ihr wurde klar, dass sie wahrhaftig eine Gefangene war. Sie gab sich der Natur ganz hin, um mit der Nase im Wind vielleicht doch einen Ausweg zu erschnuppern oder zu erspüren. Unterdessen beobachtete Eşber sie hinter der von seinem Atem beschlagenen Scheibe des Stellwärterhäuschens, ein krankhaftes Lachen verstärkte den jämmerlichen Ausdruck seiner Miene. Der Sinn seines Lebens bestand nun darin, den zur Unzeit zu ihm gekommenen Frühling zu hüten und für alle Zeiten bei sich zu behalten. Er ließ die Tür seines Hauses nicht aus den Augen, trat Fidan heraus, stand er im Nu neben ihr, er bestellte Geschenke und frisches Obst für sie, auch wenn er nichts dafür zurückbekam, war er zufrieden, das Leben auf diese Weise fortzuführen.

Fidan wurde klar, dass die tagsüber passierenden Züge ihr nichts nützen würden, doch ein Nachtzug erregte ihre Aufmerksamkeit. Kurz vor Mitternacht fuhr dieser bescheidene Zug leise vorüber, sein Brummen klang sanft durchs Zimmer, auf den nachts verhängten Fenstern des Hauses spiegelten sich die Lichter der Abteile nur als vorüberhuschende Abbilder. Da nachts kein weiterer Zug durchfuhr, kam Eşber heim, nachdem er diesem die Fahrt freigegeben hatte. Nach einem leichten Anstieg erreichte der Zug die schneebedeckte Ebene und fuhr auf Höhe von Eşbers Haus ausgesprochen langsam. Fidan spürte, dass dieser Zug ihre Rettung sein würde, doch es gelang ihr nicht herauszufinden, wie sie ihn besteigen könnte.

Es war eine Nacht, in der der Winter sich noch einmal in aller Härte zeigte, obwohl der Frühling schon vor der Tür stand. Der Ofen leckte über die Holzscheite und verschlang sie. Eine dünne Eisschicht überzog die Fensterscheiben. Eşber war verstummt. Er schnitt die Schalen der bei den Lokführern bestellten Apfelsinen in schmale Streifen, wie um Fidan zu drohen, weil sie schwieg. In seiner Haltung lag etwas von einem Gebieter, der am Ende seiner Geduld angelangt war. Fidan überfiel Furcht vor ihm.

Sie wartete auf das Geräusch des Zuges, der so still herankam und durch die Berge in sichere Städte mit Lichtern und Menschenmengen fuhr, da hörte sie die Wölfe heulen. Wieder schnürten sie die Berge herab. Kurz dachte Fidan daran, dass sie frei waren. Wenn sie wollten, konnten sie stundenlang einem Zug hinterherlaufen, sie konnten auch sterben, wenn sie es nur wollten. Sie seufzte. Eşber hingegen spürte allmählich Wut über ihr endloses Schweigen in sich aufsteigen. Er stand auf, als er das Heulen der Wölfe vernahm, und riss das Fenster in einer Weise auf, dass Fidan erschrak. Wie von Eissplittern erfüllt drang ein Luftschwall herein. Die Kälte und das bestialische Geheul ließen Fidan erschauern. Eşber nahm das Gewehr von der Wand, das er täglich bei sich trug, wenn er ins Stellwärterhäuschen ging, und wartete, bis die Wölfe das Haus umringten und nah herankamen. Er lehnte sich aus dem Fenster, brüllte zu den Wölfen hinüber, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und machte sich bereit für das Spiel, auf das er verzichtet hatte, seit Fidan da war, nun trieb ihn starke Sehnsucht danach. Die Wölfe versammelten sich unter dem Fenster. Ihre Stimmen waren grässlich. Fidan zitterte am ganzen Körper. Sie ängstigte sich zu Tode und wusste nicht, was sie tun sollte. Eşber hob die Flinte und zielte auf das Auge eines der Wölfe, er wollte abdrücken, da schrie Fidan: „Nicht!“, und warf sich auf ihn. Der Schuss löste sich, es war, als zöge ein winziger Funken eine Spur zum Himmel hinauf. Die Wölfe stoben auseinander.

Der Schrei aus Fidans Mund, der erste Laut, den er seit Tagen von ihr hörte, machte Eşber benommen. Er empfand einen Schmerz, als hätte er ihr wehgetan, warf das Gewehr beiseite und blickte sie kläglich an. Er befand sich in einem eigenartigen Zustand, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Er ging in die Hocke und starrte Fidan unausgesetzt an. Als erwartete er einen Befehl von ihr. Befremdlich sah er aus und jämmerlich.

Fidan schloss die Augen. Zwei Bilder stiegen in ihr auf. Auf einem die Wölfe, mit ihren stählern glitzernden Augen, ihren kräftigen Gebissen und spitzen Krallen, mit ihrem durch Mark und Bein dringenden Geheul, auf dem anderen Eşber. Dieses war entsetzlich, er beobachtete sie unausgesetzt durchs Fenster seines Stellwärterhäuschens, das Zucken über dem rechten Wangenknochen machte sein krankes Lachen noch schlimmer.

In dem leiser werdenden Wolfsgeheul hörte sie den Zug die Steigung heraufkommen. Sie stellte sich vor, wie Reisende in einem Abteil stark riechenden Käse in einen Fladen wickelten und verzehrten, den Blick versonnen auf einen Punkt in der Ferne richteten, vor sich hin rauchten und in den Fensterscheiben ihre eigenen verhärmten Gesichter erblickten. Am Morgen würden sie in einer hellen Stadt voller Menschen aus dem Zug steigen, ihr Gepäck schultern und in die schlammbedeckten Adern der Stadt hinausströmen, sie würden sich unter die Menge mischen, um ihren Platz in den Szenen einzunehmen, die das Leben für sie bereithielt. Selbst wenn es in diesem Leben finstere Männer gab, fand sich doch stets die Hoffnung auf Rettung. Für sie bedeutete das, die Todesgefahr, die auf sie lauerte, frei anzugehen. All das schoss ihr durch den Kopf, sie schlug die Augen auf und sah Eşber an. Wie hypnotisiert saß er da.

DieserAugenblick würde nicht lange dauern, das spürte sie und sprang jäh auf. Sie trug nur einen dünnen Pullover und Strümpfe an den Füßen. Beherzt riss sie die Tür auf und schlüpfte hinaus. Der Schneefall würde sich bald zu einem Schneesturm steigern, langsam, als zierte er sich, stampfte der Zug, der sie ins Leben führen sollte, heran. Sie sauste durch den Schnee, sank immer wieder tief ein. Sie hörte die Stimmen der Wölfe, doch merkwürdigerweise fürchtete sie sich nicht vor ihnen. Ihr war, als beschützte sie ein Wolf, dem sie kurz zuvor das Auge gerettet hatte, vor allen Gefahren.

Sie sah den Zug über die Schienen vor dem Haus fahren. Sie spurtete los, um das wundersame Vehikel, dessen Räder funken sprühten, diesen brummenden Haufen Eisen zu erreichen, doch der Schnee, in den sie bis zu den Knien einsank, hemmte sie. Sie hörte Eşbers Stimme durch die nächtliche Dunkelheit gellen. Es war keine Stimme, es war ein markerschütternder Schrei: „Geh nicht!“ Er rief sie.

Sie schaffte es zur Tür eines Waggons, konnte sie auch öffnen, kam aber nicht hinauf. Sie hetzte neben dem Zug her. Eşber kam näher und näher, schon spürte sie beinah seinen Atem, aus Angst war sie außerstande zurückzuschauen. Dann griff eine Hand nach ihrem Pullover und zerrte an ihr. Es war ein Zerren in den Tod. Fidan wusste, sie würde sterben, wenn sie diesen Zug nicht bestieg. Eşbers kräftige Hände rissen an ihrem Pullover, dennoch gelang es ihr hinaufzuklettern, mit aller Macht ihrer halb erfrorenen Hände klammerte sie sich an den Eisenriegel der Tür. Schnee wirbelte ihr in die Augen, der eisige Fahrtwind übermannte sie.

Sie hörte das Heulen der Wölfe sich ins Wahnsinnige steigern. Gleich darauf war die Kraft, die von hinten an ihr gezogen hatte, verschwunden. Als Fidan sich umdrehte, sah sie, wie die Wölfe Eşber umringten.

Sie mochte nicht darüber nachdenken, wer das Spiel, dessen Zeuge sie zum ersten Mal wurde, gewann.

 

 

Für Narziss, Beschützer der Schiffbrüche

Die Kinder wollten auf dem Weg zum Strand unbedingt eine Luftmatratze kaufen. Sie suchten sich die größte aus, einen gelben Kreis mit ein paar Felsen und einem hervorstehenden Krebs. In der Mitte eine ebenfalls aufblasbare Palme, zwei Meter Stamm mit langen Plastikblättern. Am Strand angelangt brauchten wir, da wir keine Pumpe hatten, fast zwei Stunden, um sie komplett aufzublasen. Ich hätte gern einfach weiter gelesen, aber Alberto kann nicht schwimmen, und Laura ist noch zu klein, um auf ihn aufzupassen. Als wir die Insel aufs Wasser setzten und die Kinder sie treiben sahen, waren sie so begeistert, dass wir unbedingt sofort aufsteigen mussten.

Die Plastikoberfläche war noch so neu, dass ihr Geruch den Geruch nach Menschen und Sonnencreme überdeckte. Zufrieden stellte ich fest, dass die Palme Schatten gab, denn außer den Plastikblättern hatte sie auch noch andere aus Stoff, die eine Art Sonnenschirm bildeten. Ich lehnte mich zurück, und während die Kinder sich abrackerten und mit den Füßen aufs Wasser traten, um voranzukommen, begann ich zu lesen.

Ich weiß nicht, ob plötzlich Wind aufkam oder ob ich so abgelenkt war, dass ich die Anstrengung der Kinder, uns vom Ufer wegzubringen, nicht bemerkte – als ich die Augen vom Buch hob, war die Entfernung, die uns vom Ufer trennte, jedenfalls so groß, dass das Menschengewirr der Strandgänger nicht mehr zu erkennen war. Laura und Alberto plapperten weiter in dem Tonfall, den ich als Hintergrund meiner Lektüre hingenommen hatte, um sicher zu sein, dass es ihnen gut ging. Vor der Angst empfand ich einen Augenblick lang Genuss, als ich erkannte, dass ihre Stimmen das einzige menschliche Attribut rund um mich herum waren. Das nächste Menschliche, was ich hörte, war mein Luftholen, ein besorgtes Keuchen, als ich mich fragte, wie wir zurückkehren sollten.

Ich prüfte die Windrichtung. Die Insel trug uns weiter vom Land fort, angetrieben von den Blättern der Palme, die wie Segel wirkten. Ich packte den Stamm und knickte ihn in der Mitte um, band ihn mit einem von Lauras Haargummis fest. Das bremste unsere Fahrt ein wenig, doch das Meer trug uns weiter vom Strand fort. Ich dachte an verschiedene Möglichkeiten. Da ich ein hervorragender Schwimmer bin, hatte ich noch Chancen, das Land schwimmend zu erreichen, wenn ich der Strömung diagonal folgte. Aber das müsste ich allein tun, und ich bezweifelte, dass Laura und Alberto meiner Anweisung gehorchen würden, auf der Insel zu bleiben, bis ich mit Hilfe zurückkam. Laura konnte ich vielleicht vertrauen, aber Alberto hörte nie. Wenn ich sicher gewusst hätte, dass niemand uns rechtzeitig finden würde, hätte ich sie dort zurückgelassen. Ich wäre ins Meer gesprungen, um zu versuchen, wenigstens einen der drei Schiffbrüchigen zu retten. Schließlich entschied ich mich zu warten, und angesichts der Möglichkeit, dass niemand uns aufspüren würde, fühlte ich die Lächerlichkeit eines Vaters, der beschließt, mit seinen Kindern zu sterben.

Als ich den Motor hörte, wusste ich, dass ich kein Märtyrer werden würde. Die Seerettung nahte auf einem Jetski mit einer Transportbahre hintendran. Einige Minuten später rückte die Küste allmählich näher. Zuerst die bunten Sonnenschirme, dann die bunten Leute, anschließend das Geschrei, die Bäuche, die Kühltaschen und die belegten Brote mit Wurst. Wieder an Land checkte ein Sanitäter uns durch und meine Frau kam und ließ mich gerade noch einmal mit dem Leben davonkommen, aus Freude, uns alle lebendig wiederzusehen.

Eva hatte schon alle Urlaubstage aufgebraucht, und während sie arbeitete, musste ich weiter an den Strand gehen. Es fühlte sich an wie eine Pflicht, dachte ich am nächsten Tag, als ich wieder mit den Kindern den Strandweg entlanglief, beladen mit Handtüchern, Eimern und Harken. Als wir an dem Laden vorbeikamen, wo wir am Vortag die Luftmatratze gekauft hatten, berührte es mich freudig, dass sie noch immer dieselbe Insel verkauften. Da lag sie, einen Teil des Weges einnehmend, die Palme gleich einer Sonnenuhr, die Schatten auf das Gelb ihres Sandes warf. Während ich sie betrachtete, hatte ich das Gefühl, mich vom Strand zu entfernen, eine frische Brise wehte über ihr Plastik und meine Beine, ein Hauch Freiheit umschmeichelte mich. Ich drehte wieder um, trat in den Laden und kaufte sie, diesmal schon aufgepumpt. Die Kinder, die die Schwere des Vorfalls vom Tag zuvor nicht ganz verstanden hatten, halfen mir, sie zu tragen, damit sie auf dem Weg zum Strand nicht über den Boden schleifte.

Ich kämpfte um einen freien Fleck Sand und legte die Insel ab. Ich rieb die kleinen Körper von Laura und Alberto mit Sonnenschutz ein. Die weiße Creme machte sie den anderen Kindern gleich, die am Ufer spielten. Den Kopf an die Insel gelehnt, nahm ich das Buch und las weiter, aber der Gedanke, wieder auf der Insel fortzutreiben, lenkte mich ab. Ich sah ein Ehepaar mittleren Alters, stand auf und bat sie, auf meine Kinder aufzupassen, während ich ein Bad nahm. Ich zog die Schwimmflossen an, packte die Aufblasinsel und schob sie die ersten Meter kräftig an, bevor ich hinaufsprang und zuschaute, wie mich die Wellen davontrugen. Am Strand wurde die gelbe Fahne, die Vorsicht bedeutete, langsam immer kleiner. Meine Kinder auch. Meine Kinder, so schön wie allmählich unsichtbar.

Seit langem hatte ich mich nicht mehr so gut gefühlt wie auf meiner Insel. Ab einer gewissen Distanz begann die Quallenplage, die in dem Menschengetümmel zu sprießen schien, sich zu zerstreuen, und ich ließ mich rücklings treiben, die Füße im Wasser und den Blick von Tropfen verschleiert. Ich brauchte nichts weiter als eine Flasche Wasser. Wenn Alexander der Große gekommen wäre und mir was auch immer geboten hätte, ich hätte ihn nur um eines gebeten: wieder abzuhauen. Ich fühlte mich wie ein Diogenes in der radikalen Gegenwärtigkeit einer Welle, die schäumend bricht.

Zurück am Strand war das Ehepaar besorgt, meine Kinder weinten. Eine Masseurin ging von einem Rücken zum anderen, ohne sich die Hände zu waschen. Öl und Geld. Rülpser vom aufgewärmten Bier. Ich entschuldigte mich, beruhigte die Kinder und ließ die Luft aus der Schwimminsel, damit Eva sie nicht sah, wenn wir nach Hause kamen.

Am nächsten Tag suchte ich einen anderen Strand. Ich hatte eine automatische Pumpe gekauft und in zehn Minuten würde die Insel sich erheben. Dieses Mal vertraute ich Laura und Alberto einer Oma an. Es war der dritte Tag, an dem ich mit der Luftmatratze hinausfuhr, und der, an dem ich zum ersten Mal die Silhouette sah, die mich völlig gefangen nehmen sollte.

Ich trieb schon etwa eine halbe Stunde dahin, als ich in ungefähr siebzig Meter Entfernung eine Insel erblickte, genau wie meine. Dieselbe Palme mit den wehenden Stoffblättern, dieselbe Form, dieselbe Größe, und darauf – die Silhouette einer Frau. Ich versuchte, ihr Alter zu schätzen, aber aus der Distanz konnte ich nur zwei rote Tupfer erkennen, ihren Bikini. Ich war neugierig, wollte sie aber nicht stören und entfernte mich.

In der Nacht wuchs die Neugierde. Ich schlief und erwachte mit dem Gedanken, der anderen Insel wieder zu begegnen. Ich erinnerte mich an die Landmarken, wo ich sie gesichtet hatte, und obwohl ich dachte, dass mir das nichts nützen würden, fand ich sie an derselben Stelle wieder. Ich vermutete, dass sie sich vielleicht zwischen den zwei Bojen beidseits von ihr festgefahren hatte. Wieder war der Respekt stärker als die Neugier, und ich schrie ihr nur zu, ob sie irgendetwas brauche. Da ich keine Antwort bekam, dachte ich, dass auch sie, wie ich, nichts brauchte. Eine neue Empfindung durchspülte mich: von dem Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein, war ich zu dem Gefühl übergegangen, gemeinsam einsam zu sein.

Die folgenden drei Tage verliefen ähnlich. Sie immer am selben Ort. Ich begriff, dass sie die Insel absichtlich festgemacht hatte. Es war ein guter Platz, von dort sahen die zwanzigstöckigen Hochhäuser wie weiße Bauklötze aus. Jedes Mal traute ich mich ein Stückchen näher, aber da ich sie nicht belästigen wollte, war ich immer noch zu weit weg. Ich konnte die beiden roten Tupfer ihres Bikinis etwas besser sehen, aber nichts weiter; es gelang mir nicht, ihre Haarfarbe genau zu erkennen, nicht einmal ihre Körperhaltung, obwohl sie gewöhnlich am Stamm der Palme zu lehnen schien. Nur die Farbe ihrer Haut konnte ich erahnen; im Kontrast zum hellen Sand der Insel war sie ein klein wenig dunkler, ein bisschen mehr orange. Aber trotz der spärlichen Daten reichte allein der Umstand, dass sie ihre Stunden auf einer Insel wie meiner verbrachte, um eine enorme Anziehungskraft auf mich auszuüben, die weit über ihr Alter oder ihr Aussehen hinausging.

An einem der nächsten Tage bestanden Laura und Alberto so unbedingt darauf mitzukommen, dass ich nicht anders konnte als sie mitzunehmen. Von nun an würde ich ihnen Schwimmringe anziehen. Mit ihnen konnte ich mich der Insel unmöglich nähern, wie ich es die letzten Male getan hatte, und in den nächsten Tagen stellte ich fest, dass es, wenn die Kinder mich begleiteten, immer irgendeinen Faktor gab, der mein Näherkommen verunmöglichte, sei es eine widrige Meeresströmung, ein unerwarteter Wetterumschwung oder unerträglicher Durst, der mich eines Morgens zwang, die Wasserflasche in einem Zug zu leeren und gleich wieder umkehren zu müssen. War ich hingegen allein, schien meine Insel den Kurs von selbst zu kennen und segelte wie von einem freundlichen Wind getragen dahin.

Mein Wagemut war noch nicht groß genug, um ganz heranzurücken, und ich konnte meine Gefährtin nicht beschreiben. Denn als solche betrachtete ich sie, als meine Gefährtin, angesichts unserer Umstände. Und auf jeder Fahrt verstärkte ein neues Detail die Anziehung. Ein verstreutes Glitzern auf dem, was ihr Körper sein musste, verriet die Wassertropfen. Sicher hatte sie gerade ein Bad genommen, dort, so weit draußen, wo das Meer nicht mehr der Whirlpool wie am Ufer ist, wo die einzigen Augen, die uns sehen, den Unterwasserwesen gehören, die, wie wir, die Küste meiden. Zweifellos war sie eine großartige Schwimmerin, wie ich. Auf einer der letzten Fahrten warf ich das Buch ins Wasser. Es nützte mir nichts mehr, ich konnte mich nicht konzentrieren. Ich überlegte, ein Fernglas mitzunehmen, um die Distanz zu wahren und sie doch sehen zu können, aber das kam mir vor, als würde ich ihr Gewalt antun, und ich verwarf die Idee. Wenn ich sie sehen wollte, musste ich näher heran, ich musste ihr die Freiheit geben, dass sie, wenn sie mich sah, davonfuhr oder mich empfing.

Laura und Alberto bereiteten mir eine unerträgliche Woche. Sie weigerten sich, noch einmal in der Obhut irgendeines Fremden am Strand zu bleiben, und ich musste sie wieder mitnehmen. Der Vorteil war, dass wir sehr viel länger auf der Insel sein konnten, wir aßen jetzt auch dort. Obwohl die Kinder nach dem Essen ruhiger waren, plapperten sie doch weiter miteinander. Ich verlor all die Meter, die ich bei meinen Alleinfahrten gewonnen hatte. Aus irgendeinem Grund schien nun auch meine vorherige, diskrete Annäherung unmöglich. Der Anblick der fernen Insel begann mich zu verzweifeln, wie die Fata Morgana einer Oase. Und im Hintergrund das Murmeln der Kinder, das ich besser nicht unterband, denn letztlich erlaubte dieser Klang mir, sie nicht anschauen zu müssen, um zu wissen, dass es ihnen gut ging. Ich wollte meinen Blick für meine Nachbarinsel aufsparen, die wie ein Spiegelbild meiner eigenen war, ein treibender Schatten meines Begehrens, das sich nach so vielen Stunden in meine Netzhaut brannte und auf dem Rückweg in kurzen Momenten aufflackerte; auf Lauras Gesicht, auf der Bergspitze, im Feuer des Leuchtturms am Hafen.

Ich rührte Eva nicht mehr an. Frühmorgens steckte ich die Füße aus dem Bett und stellte mir vor, wie der nächste Tag sein würde. Zwischen den Laken konnte ich die Frische des Wassers spüren, die Wellenbewegung unter der Luftmatratze, den Ruf der Insel, die auf mich wartete. Alle Zeit, die ich an Land verbrachte, verwendete ich darauf, die Empfindungen heraufzubeschwören, die ich beim Dahintreiben hatte, und eines Nachts beschloss ich, dass ich beim nächsten Mal die Insel erreichen würde. Nach vielen schlaflosen Nächten fiel ich in einen ruhigen Schlaf und wachte mit salzverkrusteter Zunge auf.

Am nächsten Tag, bereit, jede Beschränkung auszuräumen, die mein Heranrücken behindern könnte, fuhren wir wieder los, doch an einem bestimmten Punkt hielt meine Insel, wie schon üblich, an. Die Anziehung war so unwiderstehlich, dass ich an Sirenengesang denken musste, und Hand in Hand mit diesem Gedanken kam ein anderer, der mir den Grund verriet, warum der Kurs sich nicht fortsetzen ließ: der wahre Sirenengesang ist keine Melodie, er ist keine Stimme und auch kein Chor. Der wahre Sirenengesang ist die Stille. Ich versuchte, das Wort von mir wegzuschieben. Alles, was Wort war, würde die Vereinigung unserer Inseln stören. Immer stärker magnetisiert, sagte ich den Kindern, sie sollten still sein. Tatsächlich kam ich in jeder Stille eine Armlänge voran. Aber Laura oder Alberto fingen irgendwann immer wieder mit dem Geplapper an, und wir blieben erneut stehen. Ich konnte es nicht mehr länger aushalten und warf sie ins Wasser. In ihren Schwimmringen begannen sie davonzutreiben, und als ihre Stimmen verklangen, kam ich wieder voran, schweigend, still. Ich hatte die Augen geschlossen. Ich wollte die Erscheinung in ihrer Gesamtheit entdecken. Ich ließ mich treiben, stellte mir im Kopf den weichen Zusammenprall der beiden Inseln als Geburt eines neuen Kontinents vor. Als ich den Aufprall spürte, machte ich die Augen auf und sah das Plastikland vor mir. Es war haargenau wie meines, abgesehen von einem Detail, das mich einen verzweifelten Schrei ausstoßen ließ, einen Hilferuf, die Klage eines Vaters. Das Fleisch seiner Bewohnerin war nicht aus demselben Material wie meines – es war aus demselben Plastik wie die Palme, der Sand, der Krebs. Meine Verzweiflung war so groß, dass ich mich wunderte, dass die aufblasbare Frau mich nicht umarmte, als sie mich die Namen meiner Kinder schreien hörte.


*Diese Erzählung wurde 2013 in dem Erzählband „Leche“ bei Los Libros de Lince veröffentlicht.

Während er an einer der vielen Tankstellen auf der Via Cassia am Ausgang von Florenz auf seine Tankfüllung wartete, beobachtete der Anwalt Adami das junge Mädchen im blauen Kurzarmshirt und Bluejeans, das etwas weiter vorn am Straßenrand stand. Sie war eher lang und dünn, ihr offenes Haar von einem verblichenen Blond, und vor ihren Füßen stand ein großer Rucksack. Sicher eine Ausländerin, vielleicht eine dieser Nordeuropäerinnen, die per Anhalter durch Europa reisen. Allerdings war sie wohl eher schüchtern oder aber unglaublich faul, denn sie ließ die Autos an sich vorbeiziehen, ohne mit der üblichen Geste um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Auch dem Anwalt Adami gab sie kein Zeichen, doch angetrieben von einer Art barmherziger Fürsorge hielt er trotzdem an, öffnete ihr die Beifahrertür und fragte:

»Rom?«

Vielleicht war das junge Mädchen weder schüchtern noch faul, sondern bloß vorsichtig: Sie sah ihn aus ihren wasserhellen Augen an, die Farbe glich der des Meeres an windstillen Tagen, und musterte ihn äußerst ernsthaft, bevor sie sich dazu entschloss, seine Frage mit einem Nicken zu beantworten. Dann kauerte sie sich auf dem Sitz zusammen, so weit von ihm entfernt wie möglich, und wirkte noch kleiner, mit ihren schmächtigen, von der Sonne geröteten Ärmchen und diesem zierlichen und ehrlich gesagt auch wenig ausdrucksstarken Gesicht, wie es bei den Nordeuropäerinnen häufiger vorkommt.

Adami war kein Don Giovanni, kein Verführer ohne viele Skrupel, weil er aber überzeugt war, dies in seiner Jugend gewesen zu sein, blieb ihm nichtsdestotrotz die selbstverständliche Gewissheit, dass es ihm zur Eroberung einer Frau bei Bedarf nicht am nötigen Charme, geschweige denn an Erfahrung fehlen würde. Natürlich kam es ihm nicht im Entferntesten in den Sinn, seinen Charme und seine Erfahrung dem jungen Mädchen gegenüber einzusetzen, das er gerade mitgenommen hatte, und wahrlich dachte er ganz keusch vor allem an seine Tochter und wie die sein würde, wenn sie größer wäre. Das Mädchen hier war vermutlich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, und es war hübsch und freundlich. Nun, es würde ihm tatsächlich nicht missfallen, wenn seine Tochter in etwa zehn Jahren so wäre wie sie, das heißt genauso hübsch und freundlich, allerdings würde er sie bestimmt nicht allein um die Welt ziehen lassen, wo sie noch irgendeinem zwielichtigen Typen irgendeinem Schurken in die Hände fallen könnte. Nicht ohne innere Genugtuung, die sich selbstverständlich auf seine Tugendhaftigkeit bezog, dachte er, dass er selbst zu einem zwielichtigen Typen werden könnte, wenn er ihr gegenüber, die doch so jung und offensichtlich so rein war, nicht von einem sagen wir ruhig väterlichen Verantwortungsgefühl zurückgehalten würde.

Der Anwalt war mit seinem Gewissen also ganz und gar im Reinen, aber gerade weil er so anständig und wohlgesinnt war, hätte er sich gewünscht, dass sich das junge Mädchen etwas vertrauensvoller zeigen und beispielsweise mit einem Lächeln antworten würde, wenn er sich ihr lächelnd zuwandte, stattdessen blieb sie weiterhin zurückhaltend und abgeschieden in ihrer Ecke und schien zu keinerlei Vertraulichkeit geneigt, was auf die Dauer auch beleidigend werden konnte, in dem Sinne, dass man es als Ausdruck von Zweifel und Argwohn deuten konnte, die er letztlich, und sei es auch nur zufällig, nicht verdient hatte.

In San Casciano, bei dem Café genau am obersten Punkt der Steigung, hielt er kurz an, um ihr etwas Süßes zu kaufen. Manchmal kann man Kinder mit solchen Kleinigkeiten für sich gewinnen, und wirklich lächelte sie ihn, als er ihr die Süßigkeiten in die Hand drückte, endlich an, doch gleich darauf zog sie sich wieder in sich zurück, mit dem Unterschied, dass sie nun vor sich hin kaute. Die Straße führte die Hügel von San Casciano hinunter, eine Kurve nach der anderen, auf den Bäumen sangen in der sonnenerhitzten Luft die Zikaden, und das Tal vor ihnen war weit, unendlich viele Gelb- und Grüntöne und auf den Hügeln verstreute Gehöfte, jedes mit seinem eigenen Federbusch aus Zypressen, und der Anwalt, der aufgrund einer vorübergehenden Geistesverfassung von so viel Schönheit nahezu gerührt war, bedauerte, dass das junge Mädchen aus dem Norden es allem Anschein nach gar nicht bemerkte. »Do you speak English?«, fragte er.

»Yes«, antwortete sie mit großer Ruhe.

Der Anwalt deutete vage auf das Tal. »Beautiful Italy«, sagte er.

Das junge Mädchen bediente sich eines Kopfnickens, um zu verstehen zu geben, dass sie grundsätzlich zustimmte, und das war als Ermunterung zum Gespräch zwar nicht viel, aber der Anwalt dachte, dass es nun angelaufen sei, und erklärte ihr, dass er in Rom lebe und eine vierjährige Tochter namens Gisella habe, und er fing auch an, ihr zu erklären, dass es ihm tatsächlich nicht missfallen würde, wenn seine Tochter, wenn sie groß sei, so wäre wie sie, aber das war ein zu schwieriger Gedanke für sein Englisch, weshalb er recht bald ins Stocken geriet, also fragte er sie, auf Französisch, ob sie Französisch spreche, und sie antwortete Ja, natürlich. Also setzte er dazu an, ihr auf Französisch zu erklären, dass er in Rom lebe, eine Tochter namens Gisella habe und dass es ihm tatsächlich nicht missfallen würde und so weiter und so fort, aber auch auf Französisch kam dieser schwierige, um nicht zu sagen abstruse Gedanke nicht heraus, und als sie ihn mit den Fremdsprachen ringen sah, war ihr Gesicht nicht mehr fade, sondern frech und amüsiert, und schließlich sagte sie, in einem gerade einen Hauch weicheren Italienisch als unseres, dass er, wenn ihm das lieber sei, auch auf Italienisch reden könne, da sie ein Internat in Florenz besuche und deshalb sehr gut Italienisch spreche.

Der Anwalt hatte, nicht ohne Grund, den Eindruck, dass sich das junge Mädchen bei der Sache mit den Fremdsprachen ein wenig auf seine Kosten amüsiert hatte, und in ihm stieg eine Art Groll auf, selbstverständlich nicht sonderlich viel, aber doch genug, dass er sich zu der Vorstellung ermutigt fühlte, sie weniger rücksichtsvoll zu behandeln, als er es bisher getan hatte. Tatsächlich hatte er, als er sich der Ortschaft Poggibonsi näherte, folgenden Gedanken, der nur vom versteckten Groll angestachelt sein konnte: Wenn diese kleine Kokette ein paar Jahre älter wäre, würde er jetzt, statt weiter Richtung Rom zu fahren, nach rechts abbiegen und sie nach San Gimignano bringen, einem Ort, der den Ausländerinnen gefällt, und es könnte sich mit Sicherheit etwas ergeben. Wie viel älter? Also, ehrlich gesagt, war die Sache mit dem Alter ein heikler Punkt. Ihm gefielen junge Mädchen, man könnte sogar sagen blutjunge Mädchen, doch angesichts seines Kanzleiberufs war er sicher nicht der Typ, der sich durch eine Fünfzehnjährige kompromittierte, obwohl diese hier bei genauerem Hinsehen gut sechzehn oder sogar siebzehn sein konnte. Heiliger Himmel, und wenn sie siebzehn wäre? Bei den Nordeuropäerinnen weiß man nie: Sie entwickeln sich spät und bewahren, auch wenn sie ihre Jungfräulichkeit schon seit einer Weile verloren haben, noch eine jungfräuliche Miene. Wenn sie siebzehn wäre, würde das die Lage ändern, um nicht zu sagen auf den Kopf stellen. Doch so alt konnte sie nicht sein. Mit siebzehn benimmt sich ein Mädchen neben einem Mann, dem es, wenn er auch schon etwas über vierzig ist, sicher nicht an Anziehungskraft mangelt, doch nicht so, soll heißen nicht mit dieser distanzierten, zurückhaltenden Ernsthaftigkeit, die das junge Mädchen selbst mit Süßigkeiten im Mund noch an den Tag legte. Der Anwalt kam zu dem Schluss, dass seine Versuchung, nach rechts zu einem amouröse Abenteuer begünstigenden Ort wie San Gimignano abzubiegen, nichts als ein Hirngespinst war, es war nicht angebracht, auf solchen im Widerspruch zum Strafgesetzbuch stehenden Wünschen zu beharren, und so blieb er, als sie Poggibonsi erreicht hatten, brav auf der Via Cassia, und als sie die Ortschaft verlassen hatten, schlängelte sich die Straße wieder mit vielen Kurven zwischen Weinbergen und Olivenbäumen entlang. Nun war der Anwalt mit sich zufrieden, wie jemand, der etwas vollbracht hat, was man gemeinhin eine gute Tat nennt, doch unglücklicherweise gehörte er nicht zu den Typen, denen das Ausüben der Tugend vollkommene Befriedigung verschafft, weshalb er im Grunde seines Herzens San Gimignano auch ein wenig nachtrauerte, wegen dieser besonderen, aus der Zeit gefallenen Atmosphäre, die in der Lage ist, uns von den Vorurteilen unserer Epoche zu befreien. Dass es sich um Vorurteile und alberne moralistische Macken handelte, daran hegte der Anwalt keine Zweifel. Wer wäre etwa zu Zeiten Boccaccios oder Aretinos – und das waren, wie wir heute wissen, äußerst zivilisierte Zeiten – wer also wäre damals vor einem Abenteuer, wie es sich ihm gerade darbot, zurückgeschreckt? Zur damaligen Zeit passierten Sachen, die um einiges schlimmer waren, ohne dass sich jemand darüber wunderte oder deswegen gleich das Strafgesetzbuch bemühte.

»Um wie viel Uhr kommen wir in Rom an?«, fragte das junge Mädchen unerwartet.

Das war eine beliebige Frage, vielleicht die natürlichste, die man unter diesen Umständen stellen konnte, aber sie fiel zu einem Zeitpunkt, als der Anwalt, gepackt von der Nostalgie, was er alles hätte anstellen können, wenn er in einer beliebigen Epoche vor der Gegenreform geboren worden wäre, eher argwöhnisch war. »Warum?«, fragte er zurück. »Gibt es dort jemanden, der auf dich wartet?«

Sie sah ihn mit einem beinahe aggressiven Ausdruck an, der in ihrem feinen Gesicht ulkig wirkte, und antwortete wieder mit einer Gegenfrage. »Und Sie? Haben Sie niemanden?« Der Anwalt musste lachen. »Meine Tochter«, antwortete er.

»Wenn es eine Tochter gibt, hat die bestimmt eine Mutter«, bemerkte das junge Mädchen verständig. »Scheiden lassen kann man sich in Italien ja nicht.«

Was juckte es sie denn, ob es die Scheidung gab oder nicht? Und was wollte sie von ihm, wollte sie ihn etwa provozieren? Was sie anging, könnte er genauso gut getrennt lebend sein, oder Bigamist, oder auch Witwer. Für einen Moment bekam er Lust, sie glauben zu lassen, dass er wirklich Witwer wäre, aber dann zog er es vor, sich wie ein Ehrenmann zu verhalten. »Ja, ich habe auch eine Frau«, antwortete er mit Würde. Und dann fügte er, ohne Würde, hinzu: »Leider.«

Das junge Mädchen stürzte sich sofort auf das letzte Wort: »Warum leider? Das sagen alle Italiener.«

Diesmal ärgerte sich der Anwalt wirklich. »Ich schere mich nicht um die anderen Italiener«, erwiderte er trocken. »Ich bin Anarchist, Individualist, ich sage leider und meine das auch so. Mit meiner Frau verstehe ich mich schon seit Jahren nicht mehr, und wenn es ein Zurück gäbe …« Er unterbrach sich, weil er sich allzu armselig fühlte. Ein verheirateter Mann kann nur so lügen, und tut es in der Regel auch, wenn er einen konkreten Vorteil im Blick hat, das heißt, wenn es darum geht, auf Argumente emotionalen Charakters zurückzugreifen, um die letzten Bedenken einer Frau aus dem Weg zu räumen, die kurz davor ist zu fallen. Aber hier, bei diesem verblichenen jungen Mädchen, das nur aus Haut und Knochen bestand und vor allem unterhalb des gesetzlichen Alters war, was sollte da für ein Vorteil in Sicht sein? So war er ihr gegenüber voller Missgunst, als ob sie die Schuld für sein kleines Schlittern in eine unfruchtbare Heuchelei trüge, und in gewissem Sinn tat sie das ja auch, war es wirklich ihre Schuld, schließlich hatte sie niemand autorisiert, so indiskret und geradezu provokativ zu sein, und das Wenigste, was man über sie denken konnte, war, dass sie schlecht erzogen war, trotz Internat.

Aber er konnte nicht lange wütend bleiben, denn mochten ihre Fragen und scheinbar unverschämten Bemerkungen nicht auch der Beweis eines wachsenden Interesses an ihm sein? Mädchen in der Frühpubertät sind besonders empfänglich für den Reiz von Männern um die vierzig, das wusste er sowohl theoretisch als auch praktisch, schließlich errötete ihm gegenüber auch die Pförtnerstochter seines Wohnhauses, eine Fünfzehnjährige eben, aber im Unterschied zu dieser hier eher zu gut gebaut, sie verhaspelte sich und zog tausend Grimassen, zeigte also auf verschiedene Weisen, dass sie heimlich in ihn verliebt war. Gewiss, die hier war nicht die Pförtnerstochter, trotzdem, an sich sprach nichts dagegen, dass sie Gefallen an ihm finden könnte, und das wäre wunderbar, auch wenn er das natürlich in keiner Weise ausnutzen würde, nicht einmal, um ihren Hals zu streicheln oder ihr mit geschlossenem Mund einen Kuss zu geben. Er würde sie in jedem Fall respektieren, selbst wenn sie sich ihm zum Beispiel auf einmal spontan anbieten würde, was jedoch äußerst unwahrscheinlich war, da sich das junge Mädchen, nachdem ihr Interesse an seinem Familienstatus so indiskret ausgebrochen war, wieder in ihre Ecke verkrochen hatte, wo sie gerade mit einer abstrakten, melancholischen Schwere ein Bonbon fertiglutschte. Ob sie vielleicht Hunger hatte? Dem Anwalt gefiel der Gedanke, weil er ihn zumindest ein wenig von den schuldigen und ziemlich krankhaften Fantasien ablenkte, die auf den letzten Kilometern seine Gedanken beherrscht hatten, und da sie gerade Siena erreicht hatten, beschloss er, ihr einen Cappuccino und Gebäck zu spendieren.

Er fuhr das Auto zur Piazza und hielt an der Bar gegenüber des Palazzo della Signoria. Die Sonne brannte, und nur im Schatten hielten sich Leute auf, bis auf die Touristen, die auch an diesen Hundstagen mit ihren Fotoapparaten und den frisch erworbenen Strohhüten umherliefen und die Sehenswürdigkeiten bewunderten. Sie setzten sich unter das Zeltdach der Bar, wo es sich etwas weniger heiß anfühlte, und obwohl er eigentlich jetzt schon seinem Zeitplan hinterherhinkte, war der Anwalt froh, sie hierher gebracht zu haben, auf diese wunderschöne Piazza, und er machte eine Miene, als hätte er sie ganz allein gebaut. Als der Kellner kam, bestellte sie ein Flasche deutsches Bier. »Meinst du nicht, das ist noch nichts für dich?«, fragte er sie.

»Nichts für mich?«, antwortete sie schulterzuckend, dann bat sie anmutig um Entschuldigung, stand auf und ging in die Bar. Sie war noch nicht zurück, als der Kellner mit dem Bier und dem Espresso kam, den der Anwalt bestellt hatte. Er wartete kurz, beschloss dann aber, den Espresso zu trinken, bevor er ganz kalt würde, und sie war immer noch nicht zurück. Genervt dachte der Anwalt, dass er nicht rechtzeitig zum Mittagessen in Rom sein würde, wie er es seiner Frau versprochen hatte, und er dachte auch, dass er, wenn da nicht noch ihr Rucksack in seinem Auto wäre, das junge Mädchen in Siena sitzenließe, wie sie es verdient hätte. Im Grunde war es bloß eine Unvorsichtigkeit gewesen, sie mitzunehmen, bei der nichts Gutes herauskommen konnte, und es war wirklich nicht übertrieben zu sagen, dass er es schon bereute, wie immer bei guten Taten, die man ohne Aussicht auf Gegenleistungen tut. Aber als sie dann endlich wieder auftauchte, waren all diese Gedanken auf einen Schlag ausgelöscht, um etwas Platz zu machen, das man Verzauberung nennen könnte: Sie hatte sich die Lippen rot gemalt, ihre Haare oben auf dem Kopf zu einem Knoten zusammengebunden und stellte mit dem in die Hosen gesteckten Hemd nun ihre schmale Taille, ihre hageren Hüften und zudem ganz zart auch das Bisschen Oberweite, das sie hatte, zur Schau. »Sag mir die Wahrheit«, fragte er, als er überhaupt wieder etwas herausbrachte. »Wie alt bist du?«

Sie nahm erst einen großen Schluck Bier, dann drehte sie sich mit schelmisch funkelnden Augen zu ihm um. »Fast zwanzig«, antwortete sie.

Hinter Siena verläuft die Via Cassia ein Weilchen etwas ziellos durch die kreidige Landschaft, runter in die Täler und auf der anderen Seite gleich wieder rauf auf die Hügel, scheinbar ohne große Not, ähnlich wie die engen und häufig schwierigen Kurven, in denen der Anwalt sich schon befand, bevor er sie überhaupt bemerkt hatte, weil er ziemlichnervös fuhr. Die Sache war die, dass das Abenteuer mit der jungen Frau, das nun plötzlich möglich, ja sogar wahrscheinlich geworden war, ihn noch unvorbereitet traf und ihn aus vielerlei Gründen in gewissem Sinne sogar erschreckte. Die schwerwiegendste Frage, gestand er sich, war folgende: Lohnte es sich, seine Frau, die Mutter seiner Tochter, mit einer jungen Frau zu betrügen, die ihm zufällig über den Weg gelaufen war und für die er im Grunde noch keine wahren, tiefgründigen Gefühle hegen konnte? Nun gut, ehrlich gesagt, musste er diese Frage mit Ja beantworten, es lohnte sich, und das weniger aufgrund eines einfachen Vergleichs zwischen dem Mädchen und seiner Frau, der in höchstem Maße engherzig und nicht einmal wirklich gerechtfertigt wäre, sondern aufgrund der allgemeineren Überlegung, dass es einem Mann um die Vierzig, selbst wenn er über überdurchschnittliche Reize verfügt, nicht jeden Tag passiert, über ein zwanzigjähriges Geschöpf verfügen zu können, das so schön und frisch, mit einem gerademal angedeuteten, aber durchaus bewegenden Busen ausgestattet und so außergewöhnlich blond ist. Wenn ihm etwas Ähnliches in die Finger fällt, lässt ein Mann sich das normalerweise nicht entgehen, und tatsächlich hatte der Anwalt nicht die Absicht, sich das entgehen zu lassen, doch in irgendeiner geheimen Windung seines Gewissens überlebte noch ein unbestimmtes Unwohlsein ob der bevorstehenden ehelichen Untreue, und vor allem diesem Unwohlsein schrieb er den Umstand zu, dass er, obwohl die Eroberung überaus leicht erschien, praktisch gesehen nicht wusste, wo er ansetzen sollte. Natürlich ging er ganz sicher nicht von einem sozusagen technischen Defizit bei sich aus, es war vielmehr so, dass ihn nun die Vorstellung irgendeiner Berührung mit der jungen Frau, und sei es auch einer ganz leichten, verwirrte und er sich wahrscheinlich noch gehemmter fühlte als zuvor, als er sie noch bloß für ein Mädchen gehalten hatte. Es war als stünde er einer Frau gegenüber, die er schon als Kind gekannt hatte, und die er nun plötzlich als Erwachsene wiedertraf, aber nicht verändert genug, als dass man vergessen könnte, wie sie als Kind gewesen war, und schlussendlich gelang es ihm nicht, sich von der Ehrfurcht und dem Respekt zu befreien, die kindlicher Unschuld gebühren, und er bedauerte fast, dass sie groß geworden war, daher war er voller Skrupel, aber auch voller Wut über diese Skrupel, die ihn im ungünstigsten Moment überkamen. Diese Gefühlslage führte dazu, dass er die Kurven so schlecht nahm.

Die junge Frau ließ ihn einige Kilometer fahren, wie er wollte, als die Straße bergauf nach Radicofani aber gefährlich wurde, fragte sie: »Warum fahren Sie so schnell? Haben Sie es eilig, in Rom anzukommen?«

»Nein. Und du?«, fragte der Anwalt zurück, wobei es ihm schwer fiel, sie zu duzen.

»Mir genügt es, wenn ich vor Mitternacht da bin.«

»Wieso vor Mitternacht?«

»Um elf Uhr fünfzig fährt der Zug nach Kalabrien.«

»Und du fährst nach Kalabrien?«

»Ja.«

»Allein?«

»Nein, mit einem jungen Mann.«

»Einem aus deinem Land?«

»Nein, einem aus Neapel. Letztes Jahr sind wir nach Sizilien gefahren. Dieses Jahr fahren wir nach Kalabrien. Da soll es noch schöner sein.«

Der Anwalt litt unter dieser Antwort mehr, als vorherzusehen war, doch, wie er fast richtig erkannte, als er seinen Gemütszustand analysierte, handelte es sich nicht um Eifersucht, oder jedenfalls nicht um Eifersucht, wie man sie gemeinhin versteht, sondern um das Bedauern, nicht selbst an Stelle des jungen Neapolitaners zu sein, der mit ihr nach Kalabrien fahren würde, nicht einmal in seiner Fantasie konnte er sich an seine Stelle setzen, weil er inzwischen verheiratet war und auf der anderen Seite auch seine Jugend dahin war, das Leben hatte ihm eine erdrückende Last an Verantwortung und Sorgen aufgeladen und keinen Raum mehr für Amouren gelassen, die über die Grenzen eines flüchtigen und abgeschlossenen Abenteuers hinausgingen. Im Grunde bestand darin der Niedergang eines Mannes, mehr als im Gewicht der vielen Jahre.

In einem derartigen Klima entflammten Selbstmitleids kam der Anwalt Adami, weil er sich gewissermaßen berechtigt fühlte, in seinem Garten alle Blumen zu pflücken, die es dort noch zu pflücken gab, zu dem Schluss, das jegliches weitere Schwanken seinerseits fehl am Platz war und dass er mit anderen Worten ein Esel wäre, wenn er sich dieses Mädchen entgehen ließe, das ihm da in den Schoß gefallen war.

In Acquapendente hielt er, obwohl das nicht wirklich nötig war, zum Tanken an und rief währenddessen aus einem nahegelegenen Hotel seine Frau an, um ihr zu sagen, dass einer seiner Kunden aus Florenz ihn damit beauftragt habe, einen Grundstückskauf zu verhandeln, weshalb er es nicht zum Mittagessen schaffen werde, und vielleicht nicht einmal zum Abendessen, sie solle sich aber keine Sorgen machen, spätestens um Mitternacht sei er zurück.

Als er sich so von den größten psychologischen Hindernissen befreit hatte, die sich dem Abenteuer entgegenstellten, fand sich der Anwalt Adami dem gegenüber, was Stierkampfkenner die Stunde der Wahrheit nennen, wenn der Torero dem Stier von Angesicht zu Angesicht entgegentritt, da er aber über das Missverhältnis der Kräfte zwischen ihm und seinem Opfer keine Zweifel hegte, fühlte er sich ganz ruhig, und tatsächlich fuhr er nun nicht mehr waghalsig, sondern spritzig, optimistisch, irgendwie elegant. Die Straße führte von den Höhen Acquapendentes in eine Art Trichter hinab, an dessen unterem Ende der Bolsenasee lag, es war etwa ein Uhr mittags, und die Sommersonne machte alles erschöpft, abgesehen von den Zikaden, die mit unvergleichlichem Eifer schrill auf jedem Baum zirpten. Die junge Frau blieb, vielleicht wegen der Hitze, geduckt in ihrer Ecke, wo sie mehr Wind aus dem Autofenster abbekam, insgesamt wirkte sie zerstreut, nicht misstrauisch also, oder zumindest schien es sie nicht zu kümmern, was ihr vor dem Abend noch passieren würde. Die Nordeuropäerinnen, das wusste der Anwalt nicht weniger als andere, sind eben so: gelassen, verschlossen, vielleicht etwas kühl, aber im richtigen Moment geben sie sich mit großer Leichtigkeit hin, als sei es das Natürlichste der Welt, und es ist ja nicht gesagt, dass es das nicht auch wäre.

Der Anwalt hatte also keinen Grund sich wegen der scheinbaren Zurückhaltung der jungen Frau Sorgen zu machen, vielmehr dachte er über die sagen wir logistischen Schwierigkeiten der Angelegenheit nach, die nicht zu unterschätzen waren, auch weil die Kleine unter einundzwanzig war, und das machte die Sache in jedem Fall nicht leicht. Wenn ein anständiges Hotel also ausgeschlossen war, wo sollte es stattfinden: auf dem Land hinter einer Hecke, in einem Wald, im Zimmer einer dubiosen Pension oder am Strand? Zum jetzigen Zeitpunkt war alles möglich, sogar am Meer, wirklich fehlten bis Rom ja kaum mehr als hundert Kilometer, das heißt, er würde gegen drei Uhr dort ankommen, und in einer weiteren Stunde konnte er in Tor San Lorenzo sein, wo ein befreundeter Maler eine Art Hütte am Strand besaß, die genau für solche Zwecke da war. Der einzige Nachteil wäre, wenn sie den Maler nicht zuhause anträfen, wegen der Schlüssel, trotzdem, davon abgesehen stellte sich das Meer nicht nur als die umsichtigste, sondern insgesamt als die beste Lösung dar, und die junge Frau sähe in Badesachen bestimmt wunderbar aus, mit ihrem langen, jugendlichen Körper, so straff und maßvoll. »Hast du Badesachen dabei?«, fragte er.

Aus ihrer Zerstreuung gerissen, lächelte die junge Frau über die Frage. »Klar. In Kalabrien will ich ganz oft ins Meer. Auch in Sizilien war ich immer baden.«

Etwas gereizt wegen dieser vielleicht unbeabsichtigten Anspielung auf eine Vergangenheit und eine Zukunft, in der er keinerlei Rolle spielte, sagte der Anwalt mit Nachdruck: »Auch ich werde dich ans Meer bringen.« Und da sie ihn überrascht und leicht fragend ansah, erklärte er: »Erst fahren wir nach Rom, dann weiter ans Meer. Hast du etwas dagegen?«

»Das wäre wunderschön«, sie lächelte mit ihrer gewohnten Natürlichkeit.

Jetzt hatte der Anwalt das Abenteuer in all seiner Pracht vor Augen, und es kostete ihn beim Anblick der jungen Frau keine Mühe, sie sich in Badesachen vorzustellen, oder sogar ohne, auch weil der Wind durchs Fenster gegen ihr Hemd wehte und ihre Brüste hervorhob, deren Maße allemal akzeptabel erschienen, in jedem Fall weckten sie Zärtlichkeit und andere Gefühle. Und weil nichts über das Fantasieren über die Liebe geht, das ungeduldig macht, es zu vollbringen, oder zumindest begierig danach, sich einen ordentlichen Vorschuss zu genehmigen, hielt der Anwalt nun nach einem geeigneten Ort für eine Rast Ausschau.

Als das Auto in einer Ausbuchtung zum Stehen gekommen war, von der aus man zwischen den Eichen ein pittoreskes Stück See erspähen konnte, senkte die junge Frau, statt sich das Panorama anzuschauen, den Kopf, als wüsste sie schon, was kommt, und ließ zu, dass er ihr den Arm um die Hüften legte, sie an sich zog und den von ihren hochgesteckten Haaren entblößten Hals küsste, auch als er dann ihr Gesicht anhob und sie auf den Mund zu küssen begann, leistete sie keinen Widerstand, verriet aber auch keinerlei Anteilnahme, sodass er am Ende dieses langen Kusses eher unbefriedigt dastand, um nicht zu sagen verbittert. Sie durfte sich ihrerseits auch nicht besser fühlen, hatte sie ihren Kopf doch sofort wieder gesenkt, ohne etwas zu tun oder zu sagen.

»Hat es dir nicht gefallen«, fragte er sie.

Und sie fragte: »Warum hast du das getan? Weil du mich liebst?«

Die Frage kam, selbst wenn man die wahrscheinliche Unerfahrenheit der jungen Frau berücksichtigen wollte, unzeitig, und eigentlich wissen doch alle, dass man für einen Kuss keine verpflichtenden und endgültigen Gefühle wie die Liebe ins Spiel bringen muss. Nun, der Anwalt wollte nicht glauben, sie bloß zum Vergnügen oder aus Eroberungslust geküsst zu haben, und tatsächlich hätte derzeit niemand, nicht einmal er selbst, behaupten können, dass er sie etwa nicht liebte, wenigstens ein bisschen, aber schon von Liebe zu sprechen, bevor man überhaupt richtig angefangen hatte, war doch etwas zu riskant. Jedenfalls, wenn der Fortgang des Abenteuers notgedrungen von einer kleinen Lüge abhängen sollte, war der Anwalt mehr als gewillt, sie auszusprechen. »Ich liebe dich«, behauptete er mit größtmöglicher Aufrichtigkeit.

»Das sagen alle Italiener«, entgegnete die junge Frau, ohne den Kopf zu heben.

In seiner Aufrichtigkeitsanstrengung gekränkt, wollte der Anwalt schon unfreundlich antworten, als er bemerkte, dass einige Tropfen auf ihre Hosen fielen und dass dies, in Anbetracht ihrer Position und anderer Umstände, nur Tränen sein konnten. »Weinst du?«, fragte er sie unsinnigerweise. »Was gibt es da zu weinen?«

»Du bist wie die anderen«, antwortete sie, die Nase hochziehend. »Aber deshalb weine ich nicht. Ich weine, weil ich bin wie die anderen, die Ausländerinnen, die nach Italien kommen, um mit den Italienern Liebe zu machen.« Sie weinte heftiger. »Ich bin aber nicht wie die anderen«, sagte sie.

Er zog sie an sich und ließ sie an seiner Schulter weinen, dabei strich er ihr sanft übers Haar und sagte: »Du musst nicht weinen, wir beide sind anders«, aber wie sehr er sich auch anstrengte, fiel ihm kein Argument ein, um seine Behauptung zu stützen. Dennoch fühlte er nun langsam, und nicht nur aus befriedigter Eitelkeit, dass sie beide wirklich anders waren als die anderen, es schien ihm geradezu, als schleiche sich etwas Unsagbares in sein Gemüt ein, und wenn es nicht wirklich Liebe war, dann doch etwas Ähnliches, aber das machte die Angelegenheit letztlich deutlich schwieriger, sei es, weil er nicht vergessen konnte, dass er eine Frau hatte, sei es, weil er nur zu gut wusste, dass der Weg über die Gefühle nicht der kürzeste ist, um zu gewissen Ergebnissen zu gelangen, und hier gab es mit Sicherheit keine Zeit zu verlieren. Vielleicht reichten ein paar Gläser Wein, Orvieto oder Montefiascone, um das Abenteuer wieder in die leichten und unbeschwerten Gleise zu lenken, die ihm gebührten. »Hast du Hunger?«, fragte er die junge Frau, die immer noch weinte.

Sie antwortete wie ein Kind mühelos mit Ja.

»Dann lass uns weiterfahren. Wir halten an der ersten Trattoria.«

»Nein, ich möchte lieber erst in Rom halten«, antwortete sie.

Eine gute Stunde später saßen sie sehr dicht beieinander unter der Weinlaube einer dieser Trattorien entlang der Via Cassia am äußersten Stadtrand von Rom, und der Anwalt konnte feststellen, wie zutreffend seine Vorhersage gewesen war, dass ein wenig Wein reichen würde, jegliche Schwermut zu vertreiben. Er fühlte sich körperlich wie psychisch in bester Verfassung, und was die junge Frau anging, so war sie kaum wiederzuerkennen. Sie wickelte mit amüsanter Unerfahrenheit die Fettuccine al Sugo um ihre Gabel und lachte, ununterbrochen fragte sie lachend: »Liebst du mich? Sag mir, dass du mich liebst«, aber ohne irgendeine Ernsthaftigkeit in seiner Antwort zu verlangen, vielmehr wie in einem Spiel.

Und er schwor ihr, dass er sie liebe, und schüttete ihr Wein nach, und sie bat ihn, er möge sie nicht zu viel trinken lassen, weil sie ihn liebe und sich deshalb nicht betrinken wolle, und sie schmiegte sich an ihn, mit ihrem ganzen warmen und hageren kleinen Körper, und sie küssten sich, was sie tun konnten, weil um diese Uhrzeit keine anderen Gäste unter der Laube saßen und der Kellner sich nicht um sie kümmerte, abgestumpft von der Hitze und der Hoffnung auf ein gutes Trinkgeld. »Was machen wir danach?«, fragte sie.

»Ich bringe dich ans Meer, an einen Ort namens Tor San Lorenzo. Dort gibt es eine Hütte …«

»Für zwei Verliebte ist Raum in der kleinsten Hütte«, unterbrach sie ihn wunderbar, weil sie schon etwas zu viel getrunken hatte.

»Von außen ist es eine Hütte«, erklärte er. »Aber innen ist sie gut in Schuss. Es gibt eine Dusche, eine kleine Küche mit Kühlschrank und ein großes Bett mit einer Blümchendecke …«

»Ein großes Bett«, wiederholte sie verblüffend schelmisch, und er wurde ganz in Aufruhr versetzt, und sie küssten sich wieder. Dann fragte sie mit feuchtem, vom Kuss benommenem Mund: »Und der Schlüssel, hast du den Schlüssel?«

»Nein, aber ich werde meinen Freund anrufen.«

»Hast du ihn noch nicht angerufen?«

»Doch, aber er hat noch geschlafen. Er wacht um halb fünf auf. Um halb fünf rufe ich nochmal an.«

»Um halb fünf«, wiederholte sie, plötzlich schwermütig, als ob das Warten auf ihr lastete, oder aus welchem anderen Grund auch immer. »Wie spät ist es?«

»Fast vier Uhr.«

»Fast vier«, sagte sie und wurde noch schwermütiger, bis sie plötzlich unvorhersehbar wieder zu lachen anfing und fragte: »Liebst du mich? Sag mir, dass du mich liebst.«

Und obwohl er verstand, dass das alles doch kein großzügiges Spiel war, antwortete er, dass er sie liebe, mein Gott, wie er sie liebte, und während er das sagte, verstand er schon nicht mehr, ob er vielleicht schon die Grenzen des Spiels überschritten hatte, denn tatsächlich war es, als liebte er sie wirklich, alles an ihr verzauberte ihn, ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Frische, und vor allem ihre wunderbare Fähigkeit, die grundverschiedensten Dinge zusammenzubringen, Pollo alla Diavola und Küsse, Tränen und Freude, die Schamlosigkeit, mit der sie ihn ansah, wenn sie davon sprachen, was sie in der Hütte am Meer alles tun würden, und die kindliche Unschuld, die in ihr aufblühte, sobald sie abschweifte und wieder etwas für sich tat, eine Katze beobachtete, die auf der Suche nach Essen angelaufen kam, oder mit den Brotkrümeln auf der Tischdecke spielte. »Wie spät ist es?«, fragte sie.

»Viertel nach vier.«

Noch weitere sechs oder sieben Male fragte sie nach der Uhrzeit, bevor es halb fünf war, und sie lachte immer weniger, als würde die Freude nach und nach von der Ungeduld, ans Meer zu gelangen, erstickt, aber dann, als es endlich halb fünf war, wollte sie nicht mehr, dass er telefonieren ging. »Warte noch etwas«, sagte sie. »Noch ein paar Minuten.«

»Aber wenn ich warte, kann es sein, dass er das Haus verlässt, und dann kriegen wir den Schlüssel nicht.«

»Bitte, noch ein paar Minuten«, wiederholte sie mit schmerzlicher Traurigkeit, und es konnte ja sein, dass sie sich in einem Moment so brennender Liebe befand, dass sie lieber das ganze restliche Abenteuer ins Wasser fallen ließ, um sich bloß nicht ausgerechnet jetzt von ihm zu trennen, und das war zweifellos ein schönes und anrührendes Gefühl, aber der Anwalt vergaß nicht, dass es das restliche Abenteuer war, das umso mehr zählte, außerdem war sie es gewesen, die ihn mit ihren ständigen Fragen, was sie in der Hütte alles machen würden, angestachelt hatte, sodass unverständlich war, warum sie ihn jetzt zurückhalten wollte, auf die Gefahr hin, das Beste zu verpassen, und kurz und gut, obwohl er weiterhin dachte, dass diese junge Frau die außergewöhnlichste und wunderbarste war, die ihm je über den Weg gelaufen war, und zwar gerade wegen ihrer unvorhersehbaren Stimm- und Stimmungsschwankungen, so fragte er sich mittlerweile doch auch langsam, ob es nicht vorteilhafter gewesen wäre, wenn ihm eine etwas weniger komplizierte über den Weg gelaufen wäre.

Als es Viertel vor Fünf war, bat sie ihn zwar weiterhin, noch etwas zu warten, er hörte aber nicht mehr auf sie, sondern betrat die Trattoria, wo das Telefon war.

Der befreundete Maler schlief immer noch, aber der Anwalt beharrte der Hausangestellten gegenüber darauf, dass sie ihn wecken solle, und sie weckte ihn tatsächlich, sodass der Maler, weil er mitten an einem schwülen Nachmittag geweckt worden war, ganz schlecht gelaunt und starrsinnig an den Apparat ging. Er fing mit der Forderung an, haargenau über die Identität der jungen Frau informiert zu werden, und der Anwalt konnte ihm nichts weiter sagen, als dass sie Inge heiße und Schwedin sei, ja, nicht aus Stockholm, aus Lulea, einer Stadt Richtung Nordpol, wie es schien, also fragte ihn der Maler, wo er sie denn aufgegabelt habe, und dann wollte er noch, dass er sie ihm beschriebe, und obwohl ihn der Zeitverlust gereizt machte, beschrieb der Anwalt sie ihm, wobei er sich von berechtigter Selbstgefälligkeit packen ließ, denn im Grunde stand er gut da, und er sagte, dass sie nicht einmal zwanzig und göttlich sei, schlank, aber nicht zu sehr, unvorstellbar blond, und ja, auch ihre Beine waren vollkommen, und ihr Busen so lala, er stand ihr aber gut, sie hätte keinen anderen Busen haben können. Nachdem er sie sich nach allen Regeln der Kunst hatte beschreiben lassen, mit der nötigen Fülle an Details, rückte der Maler damit heraus, dass er auch nach Tor San Lorenzo kommen wolle, und der Anwalt musste sich ziemlich viel Mühe geben, um ihm verständlich zu machen, dass das nicht in Frage komme, es handele sich schließlich um ein allgemein als anständig angesehenes Mädchen, eine Internatsschülerin, und wenn man nicht mit äußerster Diskretion vorginge, liefe man Gefahr, alles zu ruinieren, und, wie sehr es ihn auch anwidere, sich auf Vergangenes zu beziehen, dürfe der Maler doch nicht vergessen, dass er ihm schon einen Haufen Gefallen getan, ihn sogar ein paar Mal vor Gericht verteidigt habe, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen, und wenn er ihm jetzt nicht den Schlüssel gebe, sei er kein richtiger Freund, und der andere widersprach, dass gerade er sich nicht als Freund verhalte, denn wahre Freunde teilen alles, insbesondere ihre Mädchen, aber schließlich ließ er sich überzeugen, ihm den Schlüssel auszuhändigen, er wollte aber, dass er ihm diese vielgerühmte Schwedin wenigsten zeige, wenn er vorbeikäme, um den Schlüssel abzuholen.

Der Anwalt ging wieder raus und fand die junge Frau nicht mehr an ihrem Platz, vielleicht war sie zur Toilette gegangen, um sich nach dem Essen die Lippen nachzuziehen, er bestellte einstweilen die Rechnung, und während er wartete, setzte er sich und fantasierte natürlich weiter rund um die junge Frau und das Meer und die Hütte, und sicher würde es das schönste Abenteuer seines Lebens, aber die junge Frau ließ sich nicht blicken, es konnte auch sein, dass ihr auf der Toilette übel geworden war, denn sie hatte wirklich etwas zu viel getrunken, und das wäre allerdings äußerst ärgerlich. »Haben Sie die junge Dame gesehen, die mit mir hier war?«, fragte er den Kellner, der mit der Rechnung kam.

Mit unbeirrbarer Ruhe, die in diesem Moment sogar unverschämt sein konnte, deutete der zur Straße. »Sie ist gegangen«, sagte er.

Der Anwalt spürte einen ersten Stich im Herzen. Gegangen? Wohin denn? Und vor allem, warum? Da der Kellner nicht in der Lage sein würde, auf diese stürmischen Fragen zu antworten, eilte der Anwalt impulsiv und schwungvoll Richtung Straße, oder in Richtung seines Autos, das im Hof geparkt war, das wusste er selbst nicht so genau, aber der Kellner hielt ihn respektvoll an einem Arm zurück. »Die Rechnung, mein Herr.«

Mehr als recht. Aber ausgerechnet wegen dieser banalen Forderung verspürte der Anwalt einen zweiten, nicht weniger schweren Stich im Herzen, denn er fand sein Portemonnaie weder in der hinteren Hosentasche, wo er es normalerweise hinsteckte, noch in irgendeiner anderen Tasche seines Anzugs. Allem Anschein nach beschränkte sich sein wunderbares, einzigartiges Abenteuer, das er so lange ersehnt und vorbereitet hatte, nun auf eine Dieberei, auf einen Taschendiebstahl, das war schmerzlich und lächerlich zugleich, aber da er momentan nicht in der Lage war, die lächerliche Seite daran zu erfassen, fühlte sich der Anwalt von heiliger Wut gepackt.

Während er Hals über Kopf über jenen letzten, ziemlich schwierigen Teil der Via Cassia Vecchia raste, der zum Piazzale di Ponte Milvio, der Milvischen Brücke am Eingang Roms führt, war der Anwalt Adami vollkommen beherrscht von der Lust, die junge Frau zu erwürgen, und nicht bloß wegen der mehr als siebzigtausend Lire, die sein Portemonnaie enthielt, sondern für die Tat an sich, die von unerhörter Grausamkeit war. Sein maßlos überhöhter Impuls war mehr als natürlich, um nicht zu sagen berechtigt, doch er erkannte selbst, dass er, um ihn in die Tat umzusetzen, zunächst wieder in den Besitz der jungen Frau gelangen musste. Nun, es gab zwei wahrscheinliche Szenarien: Entweder hatte sie ein vorbeifahrendes Auto angehalten, das sie wer weiß wo in der Stadt abgesetzt hatte, oder sie war in den Bus 201 gestiegen, der durch die Via Cassia Vecchia fährt und dessen Endstation die Milvische Brücke ist. Wenn der Anwalt Adami so Hals über Kopf durch eine gefährliche Straße mit lauter Schildern voller Geschwindigkeitsbegrenzungen raste, war das also weniger, um seiner übermäßigen Erregung freien Lauf zu lassen, als vielmehr, um einen dieser Busse einzuholen und zu überholen. Das gelang ihm tatsächlich, und er platzierte sich an der Endstation, bereit, die junge Frau anzufallen, sobald sie auftauchen würde, nur dass sie nicht aus diesem Bus stieg und auch nicht aus dem nächsten, wodurch die Wut des Anwalts, statt sich zu legen, nur immer größer wurde und damit zugleich, wenn auch gänzlich unvernünftiger Weise, seine Hartnäckigkeit wuchs, sie wiederzufinden. Er würde sie in ganz Rom suchen und in jedem Fall würde er sie um zehn Minuten vor Mitternacht vor dem Zug nach Kalabrien schnappen, obwohl auch die Geschichte mit Kalabrien, wenn er genauer darüber nachdachte, eines der unendlichen Märchen sein konnte, die die junge Frau ihm aufgetischt hatte, eigentlich war es nahezu absurd, dass eine Verbrecherin dieses Kalibers, für die Geschicklichkeitsdiebstahl ein echter Beruf sein musste, ihm die Schlinge in die Hand gegeben haben sollte, mit der er sie wieder einfangen konnte. Nein, es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie in ganz Rom zu suchen, und mit diesem festen Vorsatz setzte der Anwalt sein Auto wieder in Bewegung und drang in die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt ein, die so heiß war wie ein Ofen am Ende eines Sommertages.

Die Aufgabe war, nach Denkart des Anwalts, nicht leicht, aber auch nicht so sinnlos schwierig, wie sie anderen, weniger fachkundigen als ihm, hätte erscheinen können, denn eigentlich konnte die Suche, wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzte, auf jene gut zehn Orte beschränkt werden, die Ausländer in Rom am liebsten aufsuchen. Wenn diese Verbrecherin denn Ausländerin war, dachte der Anwalt bitter, schließlich konnte sie alles sein, auch Mailänderin oder Venezianerin, aber nein, Italien bringt weder so blondes Haar noch so helle Augen hervor, folglich war er bestimmt der erste italienische Staatsbürger, der in seinem Heimatland von einer Schwedin bestohlen worden war. Allein schon wegen des nationalen Ansehens musste er sie unbedingt schnappen.

Einem organischen Plan folgend, erkundete der Anwalt zuerst die Umgebung der Engelsburg und des Petersdoms, fuhr dann auf den Gianicolo-Hügel, von dort wieder runter zum Kolosseum und zu den römischen Kaiserforen und anschließend wieder auf den nächsten Hügel, das Kapitol, wobei er überall anhielt und mit halluzinierendem Blick nach einer dünnen, blonden jungen Frau in Bluejeans mit dem trügerischen Anschein eines anständigen Mädchens Ausschau hielt. Vom Kapitol fuhr er runter zur Piazza Venezia und gurkte dann zunehmend entmutigt über viele Sträßchen und Plätze der Altstadt, die nun voller Autos und voller Leute waren, die das Bisschen Frische genießen wollten, das der Abend brachte. Er kam auch an der Hauptpost vorbei, zwar kein schönes Gebäude, aber einer der von Ausländern meistbesuchten Orte, dann nahm er die im eigentlichen Sinne touristische Route wieder auf, besuchte die Piazza di Spagna und Piazza del Popolo, bis ihm, da inzwischen die Sonne unterging, einfiel, dass die kleine Diebin auf der Terrasse des Pincio sein könnte, wo man den Blick auf berühmte Sonnenuntergänge genießt und wo ein Taschendieb immer Arbeit findet.

Der Pincio wirkte wie ein Jahrmarkt, so viele Menschen und insbesondere junge Frauen waren dort, aber keine trug Bluejeans, und vor allem war keine dünn und blond mit lieblichem Gesicht von einer Art kindlicher Unschuld, so lieblich in der Erinnerung, dass der Anwalt sich gegen seinen Willen von einer stechenden Sehnsucht nach ihr ergreifen ließ, wie schwarz sie in ihrer Seele auch sein mochte, und sich nur fragte, warum Gott eine so harte Mischung aus Schönheit der Form und moralischer Verdorbenheit überhaupt zuließ, und indem er sich auf Gott berief, wusch er sie auf gewisse Weise zumindest teilweise von ihrer Schuld rein und würde sie nun, wenn sie ihm in die Finger fiele, wohl weder erwürgen noch aufs nächste Polizeirevier schleifen, sondern sich damit begnügen, herauszufinden, warum sie so niederträchtig war, und sobald er das verstanden hätte, würde er sie laufen lassen, womöglich gar mit den über siebzigtausend Lire. Und schon war für ihn alles bitter geworden, an diesem Abend, der sich doch so mild auf die Stadt senkte, und nicht allein ihretwegen, denn sie war im Grunde nichts weiter als ein Symbol viel zu vieler Dinge, die in der Welt falsch sind, und man versteht nicht einmal so richtig, warum sie falsch sind.

Vollkommen erfüllt von dieser trübseligen Auffassung des Lebens und des Universums, stieg der Anwalt wieder ins Auto, irrte eher ziellos über die Wege der Villa Borghese, spürte den beißenden Duft der Linden in seiner Nase wie metaphysische Galle, sah tödlichen Verfall selbst in den Kindern, die mit den Hunden auf den Wiesen spielten, und schlug schließlich, vor allem, um sich den Enttäuschungen zu entziehen, die auch die Natur ihm zu bieten schien, den Weg Richtung Porta Pinciana ein, wo er in die Via Veneto fuhr, die um diese Uhrzeit von Lichtern und Leuchtschildern erstrahlte, von Autos verstopft und voller Leute war, die wie in einer Prozession auf den von Cafétischchen verstellten Bürgersteigen entlangliefen. Und ausgerechnet dort, mitten im Gedränge zwischen den zwei Zeitungskiosken, als er an sie schon nicht mehr wie an ein natürliches Wesen dachte, sah er sie, oder besser gesagt erspähte er einen blonden Haarschopf, und durch den Aufruhr widerstreitender Gefühle, der ihn plötzlich ergriff, war er sich sofort sicher, dass sie es wäre, sodass er, ohne groß nachzudenken, aus dem Auto sprang, sich schubsend einen Weg durch die Menge bahnte und wie ein Tobsüchtiger vorankam, bis er, noch bevor er sie erreicht hatte, bemerkte, dass der Blondschopf nicht ihrer war, nicht einmal im Entferntesten ähnelte dieses Blond ihrem Blond, aber unterdessen hatte er schon ein ganz schönes Chaos angerichtet, denn die halbe Via Veneto bestand nur noch aus Gehupe, und ein Polizist, der sich darüber empörte, dass ein gewissenloser Mensch sein Auto zur Stoßzeit mitten auf der Straße hatte stehen lassen, blies in seine Trillerpfeife wie der Gott Aiolus, wenn er Stürme auslösen will.

Der Anwalt befolgte die Aufforderung, sein Auto in eine Seitenstraße zu fahren, und obwohl er sich zornig der Gefahr bewusst war, wegen Beleidigung eines Amtsträgers im Gefängnis zu landen, schickte er sich dort an, einen störrischen Streit mit dem Polizisten anzufangen, weniger, weil er etwa dachte, er wäre auch nur einen Hauch im Recht, sondern vielmehr, weil dieser Vorfall, der ihm als Krönung eines außerordentlichen Pechtags widerfuhr, die tägliche Menge an Unglück überschritt, die ein Mensch vernünftig ertragen kann. Deshalb ging er, als der Polizist mit der Frage ansetzte, ob er vielleicht verrückt sei, gleich an die Decke und brüllte, dass er, ein hoch angesehener Mann ehrbaren Berufs, niemandem erlaube, sein geistiges Gleichgewicht in Zweifel zu ziehen, und dass der Polizist lernen müsse, steuerzahlende Bürger zu respektieren, er solle ruhig seine Pflicht tun, wenn er Wert darauf lege, aber ohne langes Hin und Her, denn er habe keine Zeit zu verlieren. Da bereitete sich der Polizist mit jenem Überlegenheitslächeln, das nur den Mächtigen eigen ist, darauf vor, ihn so viel Zeit wie möglich verlieren zu lassen, und begann mit der Aufforderung, er möge seine Papiere zeigen: Fahrzeugbrief und Führerschein.

Der Anwalt, der aus beruflichen Gründen selbst einen recht wachen Sinn für das Gesetz hatte, begriff, dass er sich eine schöne Suppe eingebrockt hatte, denn ihm fiel plötzlich wieder ein, dass sein Führerschein im Portemonnaie war und er sein Portemonnaie nicht mehr hatte. Er konnte aber auch nicht sagen, dass es ihm zwischen drei und vier Uhr nachmittags gestohlen worden war, denn, abgesehen von den Unannehmlichkeiten, die ihm seine Frau bereiten konnte, wenn sie gewisse Details der Angelegenheit erführe, wäre es seine Pflicht gewesen, den Diebstahl unverzüglich und aus eigenem Antrieb zu melden.

Nachdem er die Lage blitzschnell im Geiste geprüft hatte, stellte der Anwalt fest, dass er, um sich bestmöglich aus der Affäre zu ziehen, eine Komödie spielen musste. Deshalb führte er mit sicherer Geste seine Rechte zur hinteren Hosentasche, um sein Portemonnaie herauszuziehen, und setzte sofort eine verärgerte, vor allem aber verwunderte Miene auf, als wäre er erstaunt, es nicht dort zu finden. Dann gab er seinem Gesichtsausdruck gekonnt eine leicht verwirrte Färbung und sagte dabei zu sich selbst, aber laut genug, dass der Polizist ihn hörte: »Seltsam, ich finde mein Portemonnaie nicht, eben hatte ich es doch noch. Das verstehe ich wirklich nicht, ich werde es doch nicht etwa verloren haben, da war mein Führerschein drin…«

Der Polizist grinste triumphierend, und es war nicht einmal unwahrscheinlich, dass er dachte, er hätte es statt mit einem Anwalt mit einem Autodieb zu tun. »Suchen Sie nochmal gründlicher«, sagte er, ohne auch nur den Versuch, seine grobe Ironie zu verschleiern. »Vielleicht finden Sie es ja doch noch.«

Nun war der Anwalt in einem absurden Kreislauf gefangen, den er selbst verursacht hatte. Theatralisch, mit steigender Erregung, wühlte er in allen seinen Taschen, seufzte, schüttelte den Kopf und lächelte sogar dem Polizisten zu, ein verzweifelter Versuch, dessen Missgunst zu dämpfen, doch der sagte mit immer unfreundlicherem Gesichtsausdruck erneut: »Suchen Sie, suchen Sie gründlicher.«

Da stieg der Anwalt, der sich dabei wie ein Clown und schlimmer als ein Wurm fühlte, aus dem Auto, zog seine Jacke aus und zeigte quasi die Hoffnung, dass das Portemonnaie wie durch ein Wunder irgendwo aus ihm herauskäme, und da der Polizist noch immer nicht zufrieden schien, fing er an, auch im Auto herumzukramen, zwischen Sitz und Rückenlehne und dann sogar unter dem Sitz, und dort, nicht einmal ganz außer Sicht, fand er sein Portemonnaie wieder, offenbar war es ihm heruntergefallen, nachdem er in Acquapendente das Benzin bezahlt hatte, und alles war noch da, sein Führerschein und die über siebzigtausend Lire.

Versteckt hinter einem der Pfeiler, die die Bahnsteigüberdachung von Gleis 7 am Bahnhof Termini stützen, sah der Anwalt sie eine Viertelstunde vor Mitternacht ankommen, das dünne blonde Mädchen, der ein Gepäckträger mit ihrem großen Rucksack voranlief. Sie stieg in den Schlafwagen nach Reggio Calabria und trat beinahe sofort ans Fenster, wo sie die gesamten fünf Minuten blieb, bevor der Zug abfuhr. Schwermütig und vielleicht auch ein wenig unruhig schaute sie sich um, als warte sie, allerdings ohne große Hoffnung, darauf, dass jemand käme, um sich von ihr zu verabschieden.

Der Anwalt wartete hinter dem Pfeiler, bis der Zug abgefahren war, dann verließ er den Bahnhof, stieg in sein Auto und fuhr nach Hause, also zu seiner Frau und seiner Tochter und seinem festgelegten Schicksal, und auch er war schwermütig, aber mit jener rechten Last an Schwermut, die zu tragen sich kein menschliches Wesen weigern kann. Jetzt wusste er, dass die junge Frau wirklich so wunderbar war, wie er es sich gedacht hatte, und sie hatte sich auf diese seltsame Art aus dem Staub gemacht, weil für sie, auch für sie, das fast im Scherz begonnene Abenteuer die Grenzen eines Abenteuers überschritten hatte, und es wäre nicht gut, es zu vollenden, musste es doch in der Reihe der Dinge bleiben, die nicht geschehen und die gerade deshalb von dieser absoluten Vollkommenheit sind, die geschehene Dinge nicht besitzen können.

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