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Sie ist die Frau aus der Nachbarschaft, man trifft sie im Supermarkt, in der Schlange der Postfiliale. Sie ist wie Montag, wenn sie das Kind bringt, wie Dienstag, wenn sie in der Schwimmhalle ihre Bahnen zieht, wie Mittwoch, wenn sie das Kind holt, wie Donnerstag, wenn sie einkauft, und wie Freitag, wenn sie mit einem Kuchenpaket vom Konditor kommt. Wie von Schnüren gezogen kreuzen Stadtteil-Nachbarinnen ihre Stadtteil-Nachbarinnen, bis in alle Ewigkeit hätte es so bleiben können, bis es anders kommt und die Malerin Uta Päffgen bei der Vernissage von Cindy Sherman in der Galerie Sprüth Magers Berlin sagt: Gespenster suchst du? Dann frag Anne, die Frau kann Gespenster rufen, die hat einen unglaublichen Draht mit ihrer Methode. Und so verabredet man sich mit einer unbekannten Anne, sie öffnet und man steht vor niemand anderem als besagter Stadtteil-Nachbarin. Diese langen dunkelroten Haare, der brutal amüsierte Blick, das große Herz auf weiter Brust und der Duft der Kaffeetafel hinter ihrem Rücken aufsteigend. Diese Geschichte ist ein Geschenk der Schriftstellerin Anne Hahn, der Rotweinhexe von Mitte, der Burgfrau von Goseck, dem Magdeburger Medium. Danke.

Eine übersinnlich veranlagte Frau bemerkt ihre Fähigkeiten schon früh in der Jugend und spielt damit herum. Eines Tages ist es dann so weit, sie bekommt eine höllische Angst und beschließt, den Unfug für immer sein zu lassen. Und doch ruft sie die Geister immer wieder, denn sie kann es nicht lassen. Anne wurde 1966 in Magdeburg geboren. Als Anne zweiundzwanzig Jahre alt war und von allem tödlich gelangweilt, beschloss sie aus dem Land zu fliehen. Sie wusste ja nicht, dass die Tage der DDR gezählt waren, denn sie hatte die Geister fast nie nach ihrer eigenen Zukunft befragt. Das war zu heikel. Sie war auch nicht die Einzige in ihrem Freundeskreis, die sich mit Fluchtgedanken beschäftigte. Andere hatten Ausreiseanträge laufen und Angst vor schlechten Nachrichten. Auch musste immer mit Spitzeln gerechnet werden. Stell dir vor, der Geist sagt beim Gläserrücken in großer Runde, die Anne H. wird nächste Woche einen erfolgreichen Fluchtversuch hinlegen. Deshalb ging das nicht, den Blick in die eigene Zukunft zu wagen. Anne und ihre Freunde aber waren von den ausgefeilten, wundersamen Geschichten der Geister fasziniert. Einmal war ein Geist da, der Bertolt Brecht gekannt hatte, und ein andermal ein Kind, das immer auf dem rechten Knie vom lieben Gott saß. Das war unterhaltsam und lustig. Während die Realität und die nahe Zukunft für die jungen DDR-Bürger beides nicht war, weder unterhaltsam noch lustig. So also kam es, dass Anne die Geister nicht nach ihrem eigenen Schicksal befragte, sonst hätte sie sich die Flucht, die Festnahme und den DDR-Knast vielleicht erspart.

Anne hatte damals in Magdeburg keinen Job, aber sie hatte Freunde. Die Freunde hatten Rotwein und der Rotwein hatte eine Kerze und die Kerze hatte ein Glas. Sie bildeten eine Runde, drehten das Glas um und stellten es in ihre Mitte auf einen Tisch. Dann legten sie ganz viele Zettel um das Glas: die Worte »ja« und »nein« und alle Buchstaben des Alphabets und die Zahlen eins bis hundert, jeweils in Zehnerschritten angeordnet. Jeder legte sachte einen Finger auf das Glas, dann begannen sie. Und wie toll es kribbelte, zuckelte und ruckelte, sobald Anne die Geister rief. Dann tanzte das Glas.

Einmal hatten sie sofort jemanden drin, der sagte: SOS, SOS, SOS.

»Wer braucht SOS?«

Sie bekommen eine Zahl, noch eine Zahl, immer wieder die gleichen Zahlen. Jemand holt einen Atlas, überprüft die Zahlen an den Längen- und Breitengraden. Es war ein Punkt im Südatlantik. Die Rotwein trinkende Gläserrücker-Clique aus der Endphase der DDR in Magdeburg hörte am nächsten Tag in den Nachrichten, dass vor der Küste der Falklandinseln ein Schiff sank und die ganze Besatzung ertrank.

Einmal riefen sie einen Geist und nichts geschah. Dann klopfte es an der Tür. Einer stand auf und öffnete, es war niemand zu sehen und doch trat jemand ein. Alle saßen kreisförmig im Schneidersitz auf hauchdünnen, alten, schiefen Dielen, und sie merkten, wie sich die Dielen unter dem Tritt des unsichtbaren, aber gewichtigen Gastes hoben und senkten, und sie hörten das Holz knarzen. Der Gast umrundete die Magdeburger mehrmals, jagte ihnen einen Höllenschrecken ein, dann ging er wieder. Alle wussten, dass es Anne war, die diese Kraft hatte, einen so dreisten Geist zu provozieren. Ohne Anne klappte es nie, und mit Anne war es immer wunderbar und schrecklich. Aber nach dieser Erfahrung schwor Anne, damit aufzuhören. Geisterbesuch in der eigenen Wohnung sei viel zu heftig, und man solle überhaupt keine Geister mehr rufen, denn man wisse ja nie, wer da komme und was er mitbringe. Sie habe endgültig verstanden, sie könne zwar anlocken, aber nicht kontrollieren. Also abgemachte Sache, nie wieder Geisterbeschwörung. Aber dann passierte die Geschichte mit der komischen Frau, die wie Anne auf dem Flohmarkt Klamotten verkaufte und sich an sie ranschmiss. So überfreundlich, so künstlich, so außerordentlich verdächtig lud sie Anne und ihre Clique zu sich nach Hause ein. Da konnte Anne nicht anders, wollte unbedingt ihre Muskeln zeigen, nahm ihre Freunde und eine Flasche Wein und schlug bei der Komischen auf. Die Komische wollte sich über den überraschenden Besuch freuen, da unterbrach man ihren Redefluss und sagte: Räum mal deinen Tisch ab, den brauchen wir jetzt. Das Glas kam umgedreht in die Mitte, das Alphabet und die Zahlen drum herum, sie hatten alles mitgebracht. Jeder legte sachte einen Finger auf das Glas. Die Komische wollte nicht mitmachen, sie bekam furchtbar Gruselschiss, aber man sagte ihr, sie solle nicht so langweilig sein. Anne rief die Geister. Und schon hatte sie einen Geist im Glas. Zunächst fragten sie ihn der Reihe nach belangloses Zeug.

»Großer Geist, willst du mit uns reden?«

»Ja.«

»Bist du ein guter Geist?«

»Ja.«

»Ist es schön da, wo du bist?«

»Kalt.«

»Wie heißt du?«

»Ludwig Brenndecker.«

»Seit wann bist du tot?«

»1952.«

»Wie alt warst du, als du starbst?«

»57.«

»Was warst du von Beruf?«

»Krüppel.«

Kaum fängt die Komische zu kichern an, kommt Anne auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen.

»Ist hier jemand im Raum, der für die Stasi arbeitet?«

»Ja.«

»Ist der Raum verwanzt?«

»Ja.«

»Kannst du mir zeigen, wo?«

»Ja.«

»Wenn ich in die Ecke gehe, wo die Wanze ist, sag ja.« Anne steht auf und schreitet den Raum ab. Als sie in der Ecke mit der Vitrine steht, meldet sich der Geist wieder:

»Ja!«

Auf der Vitrine steht ein Radio. Anne fasst nach dem Radio und schüttelt es.

»Hier drin?«

»Ja.«

Anne setzt sich wieder an den Tisch. Die Komische ist leichenblass. »Raus aus meiner Wohnung!«, schreit sie. »Aber sofort!«

Aber sie gehen nicht, machen weiter.

»Weißt du die Telefonnummer der Leute, die uns gerade belauschen?«

»Ja.«

»Kannst du mir die geben?«

Die Nummer, die der Geist ihnen gibt, ist fünfstellig und beginnt mit einer Drei. Die Dreier-Nummern waren die Stasi-Nummern in Magdeburg. Welch ein Triumph für Anne. Sie hatte Fähigkeiten, auf die die DDR nicht vorbereitet war. Welch ein Jubel. So glaubte sie, obwohl der Tod ein Gedanke blieb, die Flucht würde ihr gelingen. Ein anderes Leben wartete auf sie, eines ohne Gitter. Sie musste nur aufbrechen.

Vor der Flucht unternahm Anne zwei Reisen. Die eine führte sie nach Prag zum Grab von Franz Kafka, und die andere nach Schloss Goseck in Thüringen. Dort wollte sie ein letztes Mal mit Freunden zusammen sein. Sie wollten wandern, trinken, lachen. Seit Jahren schon nahm sie Abschied in einer qualvoll langsamen, bedrückenden Entwicklung, ohne sich mitteilen zu können. Der Abschied in Goseck sollte anders sein, Kraft spenden. Jetzt ist das Schloss Goseck saniert, eine denkmalgerechte Toilettenanlage wurde eingebaut, es gibt einen Tango-Frühling, archäologische Ausgrabungen und Konzerte. Aber damals in den 1980er Jahren der DDR war das Burgschloss halb verrottet und der nagenden Zeit überlassen. Der größte Teil des Schlosses war verschlossen und verstaubt und lag da wie im Dornröschenschlaf. Eine kleine Jugendherberge gab es in einem Seitenflügel, dort wohnte Anne mit ihren Freunden. Die Ausstattung dieser Herberge ist Anne als trostlos in Erinnerung. Teppichbelag, Leichtmöbel und abwischbare Plaste-Oberflächen, ohne jedes Schlossgefühl. Einmal machte die Gruppe heimlich eine Runde durch den abgesperrten Teil. Die meisten Zimmer waren verschlossen, aber mit einem Dietrich und etwas Gefummel bekamen sie die Türen auf. Anne machte sich ein Spiel daraus. Bevor sie eine Tür öffnete, beschrieb sie das Zimmer dahinter. Vor der verschlossenen Tür stehend zählte sie auf: Links der Kamin, das Eisen liegt auf dem Sims und der Knauf ist angeschlagen, das Fenster ist grün, in der Mitte steht eine Säule. Oder: Ein dunkler langer Raum, am Ende rechts ein winziges Fenster, ein großer Tisch in der Mitte, ein gusseiserner Kerzenleuchter hängt tief darüber. Und jedes Mal bestätigten sich Annes Beschreibungen. Als kenne sie diese toten Zimmer mit den zerschlissenen Vorhängen und schmutzigen Türbeschlägen, mit den fauligen Möbeln und eingetrübten Tapeten ganz genau. Einmal fanden sie auf ihren Streifzügen eine Flasche Rotwein ohne Etikett in einer Schutthalde. Die Flasche war mit dickem Staub belegt und ihr Glas und Korken war von so besonderer Beschaffenheit, als käme sie aus uralter Zeit. Vielleicht sechzig, vielleicht hundert Jahre konnte die Flasche alt sein. Die Freunde öffneten die Flasche, aber keiner traute sich den Wein zu kosten. Schließlich probierte Anne. Der Wein schmeckte ihr so gut, dass sie die ganze Flasche austrank. Dann legte sie sich in der Jugendherberge ins Bett. In dieser Nacht träumte sie, durch Schloss Goseck zu gehen. Sie solle, so lautete der Befehl, zur Kapelle von Schloss Goseck kommen. Auf dem Weg dorthin konnte sie Wände durchschreiten. Körperteile durch dicke Mauern stecken, den Kopf, einen Arm, ein Bein. Das machte Spaß. Plötzlich kam sie nicht weiter. Der Traum endete. Am nächsten Tag erfuhr Anne, dass in der Nacht auf Schloss Goseck eine alte Frau gestorben war, die ein lebenslanges Wohnrecht gehabt hatte. Die schrullige Alte, so erzählte man es, sei eine Adelige gewesen, eine Gräfin, deren Familie diese Burg lange Zeiten bewohnt hatte. Diese Geschichte aber vollendete sich erst ein halbes Jahr später, im Mai 1989. Anne saß in einer Zelle im Gefängnis Hohenschönhausen, denn die Flucht war ihr ja misslungen. In dieser Zelle ging der Traum plötzlich weiter. Sie stand wieder an der Stelle im Schloss, wo es zur Kapelle ging, wo sie damals nicht weiterkam. Nun sieht sie auch die Landschaft, dazu einen Bernhardinerhund und sich selbst in einem weißen Kleid mit einem kleinen Jungen an ihrer Seite, der etwa fünf Jahre alt ist. Sie weiß plötzlich, dass diese Frau und dieses Kind getötet wurden, vom eigenen Ehemann. Er war jahrelang auf Kreuzzug gewesen und sie war nicht keusch geblieben. Das Kind wird wegen der Schande getötet und vor dem Altar begraben, die Frau wird lebendig eingemauert. Aber was hat das mit der alten Gräfin zu tun?, fragt sie im Traum, und sie bekommt sogar eine Antwort: »Die alte Frau auf Schloss Goseck war die Letzte ihres Blutes und konnte erst sterben, als du kamst.« – Das war ich selbst, dachte Anne, als sie wieder in ihrer Zelle in Hohenschönhausen aufwachte. Das war mein früheres Leben. Das hat mit mir heute überhaupt nichts mehr zu tun.

Als sie aus dem Knast rauskam und die DDR aufhörte ein verschlossenes Land zu sein, fuhr sie ans Mittelmeer und brachte von dort einen Stein mit. Damit fuhr sie zum zweiten Mal in ihrem Leben zum Grab von Franz Kafka, nach Prag. Sie legte den Stein auf das Grab und entschuldigte sich ausgiebig bei ihm dafür, im Jahr vorher einen kleinen Stein dort entwendet zu haben. Sie erklärte ihm, wieso sie das getan hatte. Sie wollte den Stein, der damals ganz oben auf dem Grabstein lag, als Glücksbringer mitnehmen, für ihre Flucht und für alles, was an Gefahren auf sie zukam. Sie sagte, sie habe einen Teil von ihm besitzen wollen, sie verehrte ihn doch so sehr, aber sie habe nicht bedacht, dass jemand anderes den Stein ihm dargebracht hatte. Sie hätte seither auch nur Pech erlebt, ein ganzes Jahr nur Strafe und Unglück. Und wenn die DDR nicht zusammengebrochen wäre, würde sie immer noch schmoren. Deshalb, sagte sie ihm, bringe sie ihm den Stein zurück. Es sei zwar nicht der Stein von damals, den habe sie in den Wirren des Jahres verloren, aber es sei ein schöner Stein vom Mittelmeer, und er möge so lieb sein, ihn anzunehmen, die Entschuldigung zu akzeptieren und ihr vergeben.

Anne zog nach Berlin, studierte Kunstgeschichte, jobbte als Briefsortiererin und war eine Weile lang so was wie die Ehrenvorsitzende am Tresen der Kneipe Kommandantur. Einmal hörte sie noch von Schloss Goseck. Zwei Jahre nach dem Traum, also 1991, lernte sie einen jungen Mann kennen, der kam aus Weißenfels, einem Nachbarort von Goseck. Annes Freunde erzählten ihm von den gruseligen Vorgängen auf dem Schloss und von Annes Traum, in dem ihr eine Frau und ein Kind erschienen waren, in der Nacht, als die alte Gräfin starb. Und dass Anne seither felsenfest behauptet, dass ein Kind vor dem Altar der Schlosskapelle Goseck beerdigt worden sei. Der junge Mann wurde kreideweiß und erzählte, dass man in der Schlosskapelle eine weiße Marmorplatte gefunden habe, unter der ein Kinderskelett lag.

»Das war mein Kind«, sagte Anne, »zur Zeit der Kreuzzüge. Dieses Kind habe ich geführt.«

In Berlin hörte das mit dem Gläserrücken und den Geisterwahrnehmungen fast auf, was natürlich sonderbar ist, denn Berlin ist voller Gespenster, und diese haben keinen Grund, Anne auszuweichen. Hin und wieder stellte sich ihr noch ein Geist zur Seite, aber sie merkte das manchmal gar nicht. Einmal hielt sie ein Gespenst für den dunkel gekleideten Mitbewohner. Er kam leise herein und schaute ihr über die Schulter und las den Text, den sie am Schreibtisch verfasste, interessiert mit. Sie unterhielt sich mit ihm. Eine sehr einseitige Unterhaltung, er antwortete nicht. Als sie sich umdrehte, war da niemand. Als wäre der Mann nie da gewesen.

Ende der 1990er Jahre lebte Anne für einige Jahre in einer heruntergekommenen Wohnung in der Invalidenstraße 104, schräg gegenüber vom Naturhistorischen Museum. Später gab ihr der Eigentümer des Hauses viel Geld, damit sie auszog und das Haus saniert werden konnte. Es war Teil einer hufeisenförmigen Wohnanlage, gebaut zur Gründerzeit, in unmittelbarer Nähe zur Charité und diversen Militäreinrichtungen. Theodor Fontanes Novelle Stine spielt zu jener Zeit – um 1890 – genau in diesem Abschnitt der insgesamt drei Kilometer langen Invalidenstraße. Dass Fontane für seine Stine gerade die Invalidenstraße auswählte, war kein Zufall. An dieser Straße mit ihren unterschiedlichsten Gebäuden und Institutionen bildete sich die Gründerzeit besonders eifrig ab, die Invalidenstraße war Blut, Schweiß, Dreck und Geschwindigkeit: Drei Fernbahnhöfe (Lehrter, Stettiner und Hamburger Bahnhof), Maschinenbaufabriken, Exerzierplätze, Kasernen, das Invalidenhaus, ferner ein Gefängnis und die Charité; dazu kamen etliche Wohnhäuser und Kirchhöfe. Fontane schilderte das sozial heikle Leben der Schwestern Ernestine Rehbein und Pauline Pittelkow in der Invalidenstraße 98 e zwischen Liebeständel und Eheversprechen, zwischen Hoffnungen auf einen sozialen Aufstieg und Liebesglück zugleich. Die kleinmütige Ständegesellschaft lässt alle Träume misslingen, und nur der Tod triumphiert.

Stine sah die Schwester an.

»Ja, du siehst mich an, Kind. Du denkst wunder, wie du mich beruhigst, wenn du sagst: ›Es is keine Liebschaft.‹ Ach, meine liebe Stine, damit beruhigst du mich gar nich; konträr im Gegenteil. Liebschaft, Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nicht das schlimmste. Heut’ is sie noch, un morgen is sie nich mehr, un er geht dahin, und sie geht dahin, un den dritten Tag singen sie wieder alle beide: ›Geh du nur hin, ich hab’ mein Teil.‹ Ach, Stine, Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner, un auch nich mal, wenn’s schlimm geht. Nein, nein, Stine, Liebschaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber wenn’s hier sitzt (und sie wies aufs Herz), dann wird es was, dann wird es eklig.«

In jenem Haus 104 fing Anne wieder mit dem Gläserrücken an. Es war spätnachts und sie waren zu fünft und es war alles vorher geplant. Ein Freund brachte einen ganz großen Wein mit, den ungewöhnlichsten und delikatesten Tropfen, den Anne je getrunken, später schrieb sie eine Kurzgeschichte über ihn, den Wein. Die Sitzung begann wie immer: »Großer Geist, wir rufen dich.« Im Glas erschien eine junge Frau, die mit nur dreiundzwanzig Jahren an Tuberkulose gestorben war. Sie antwortete auf die Fragen »Wo bist du?« und »Woher kommst du?«: »Ich bin auf dem Hof« und »Ich bin auf dem Hof begraben«. Dass hinter dem Hufeisen-Haus einst der Armenfriedhof der Charité war, wo man ohne viel Aufwand die verstorbenen Patienten, Seuchen- und Hepatitis-C-Opfer beerdigte, hatte Anne von Nachbarn gerüchteweise gehört. In diesen Gerüchten und Gesprächen ging es vor allem um die Ratten, die vom alten Charité-Campus herkamen und die es sich nicht nehmen ließen, den Keller zu erobern und die Tonnen zu durchwühlen. Nach ihren Raubzügen zogen sie sich durch ihre Tunnel wieder in den Krankenhauspark zurück. Da also war der Geist hergekommen? Auf die Frage »Was hast du?« antwortete der Geist der jungen Frau »Hass« und »Wut«. Bei den nächsten Fragen kam das Wort »Oficier«, genau so geschrieben, mit einem f und einem c. Im Laufe der Sitzung setzte sich die Geschichte zusammen: Der Geist im Glas war das Dienstmädchen eines »Oficiers«, der mit seiner Gattin einst in Annes Wohnung gelebt hatte. Das Mädchen schlief in der winzigen Kammer zum Hof. Sie war auch die Geliebte des Offiziers und richtig verknallt. Doch als sie an Tuberkulose erkrankte, scherte das den Mann wenig. Sie wurde auf dem Armenfriedhof der Charité begraben, nicht weit vom Wohnhaus entfernt. Der Mann aber führte ungetrübt sein Leben fort, nur sie allein war um alles Schöne betrogen. Deshalb die Wut. Nachdem die Freunde dies gehört hatten, beschlossen sie, etwas zu unternehmen. Die junge Frau tat ihnen natürlich wahnsinnig leid, eine aus der Runde heulte vor Ergriffenheit. Anne aber wollte vor allem die unbändige Wut aus der Wohnung kriegen. Sie öffnete eine weitere Flasche des außerordentlichen Rotweins und hielt eine Rede auf die junge Frau. Sie sprach über das kurze Leben, das der Armen nur vergönnt war, und über die denkwürdig schlechten Erfahrungen, die sie mit dem gefühllosen Mann gemacht hatte. Mit einer Schweigeminute gedachten sie ihres herben Schicksals und wünschten der Herzwunden nichts weniger, als ewigen Frieden zu finden. Dann war Ruhe im Glas. – Ja, auch dies ist ein ergreifendes Frauenschicksal aus der Invalidenstraße, zwar nicht von Fontane, aber immerhin aus dem Reich der Geister. Die Gespenster-Reporterin kann es natürlich nicht dabei belassen und schaut in den alten Stadtplänen der Jahrhundertwende nach. Hier findet sich tatsächlich der Alte Charité Friedhof, der genau hinter dem Haus 104 verlief. Er führte entlang der Hessischen Straße bis zum Waschhaus des Krankenhauses. Es gibt kaum noch Informationen über diesen kleinen Friedhof, nicht einmal die auf solche Fragen spezialisierte Mitarbeiterin der Charité, Frau Beer, die historische Geländeführungen anbietet, weiß etwas darüber. »Ich müsste sehr tief tauchen«, sagt sie. »Ich müsste sehr tief tauchen.« Den Friedhof gab es ab 1726. Heute steht auf seinem Platz die neue gläserne Mensa Nord und das Seminar für ländliche Entwicklung. Den urigen Mauern, wilden Efeubeeten mit ihren dunklen Hundertmeter-Ranken wäre zuzutrauen, dass sie Überbleibsel des Friedhofes sind. Aber vor Ort will nichts an die Begräbnisstätte für Arme und Kranke erinnern, nur alte Karten, Geisterdienstmädchen und Gerüchte unter den von Ratten geplagten Anwohnern tun es noch. Und was den »Oficier« angeht: In Haus 104 lebte tatsächlich ein Militärangehöriger, das geht aus den Berliner Adressbüchern hervor, speziell aus dem »Verzeichniß sämmtlicher Häuser Berlins mit Angabe derer Eigenthümer und Miether«. Ab 1893 lebte ein gewisser Müller dort, der in allen Adressbüchern der Folgejahre abwechselnd als Feldwebel und Lieutenant verzeichnet ist, und ab 1904 als »Lieutenant a. D.«; danach taucht er gar nicht mehr auf. Im Heer des Deutschen Kaiserreichs galten die »Feldwebellieutenants« als Offiziere bzw. Subalternoffiziere und konnten entsprechende Rangabzeichen und Begriffe in Anspruch nehmen. Ob dieser Feldwebel Müller nun der besagte Liebesschurke war, und ob er fesch war und ob die Geschichte mit dem lungenkranken Dienstmädchen überhaupt stimmen mag, das kann das Berliner Adressbuch nicht verraten. Diese Episode darf unheimlich bleiben.

Bevor wir es dabei bewenden lassen, noch eine allgemeine Überlegung hinsichtlich der besonderen Begabung, die Annes Leben begleitet: In ihrer Jugend in der DDR gab es viel mehr Geister, die sich ihr offenbarten. Sie brachte Kraft und Interesse für deren Geschichten auf. Dieses Interesse nahm mit zunehmendem Alter ab. Denn auch mit dem Rotwein und den eigenen Kräften muss man irgendwann haushalten. Besonders, wenn ein Kind zu versorgen, ein Mann zu lieben, ein Arbeitsleben zu führen ist. Der Weg der Weisheit, wenn er über den Wein führt, ist ein zu harter. Anne war in Berlin nicht mehr das Medium, das sie in Magdeburg einst war. Der Schrecken der Stasi, die Bezwingerin der Abhörwanzen über Zeit und Raum, das war sie jetzt nicht mehr. Was aber in Berlin geschah: Sie bemerkte, dass Geister und Gespenster von vielen Leuten versorgt werden. Anne trifft ständig Menschen, die von Geisterbegegnungen erzählen können. Wie ihr Nachbar, der Maler. Sie besuchte ihn und ihr war so, als wäre noch jemand in seiner Wohnung, vielleicht waren es Geräusche. Sie sah sich um.

»Ach, jetzt haste auch was gehört?«, sagte der Maler. »Ich habe eine Untermieterin, aber wer weiß, vielleicht ist es nur ein Traum.«

»Erzähl doch mal!«, forderte Anne.

Der Maler war skeptisch. »Es war wohl nur ein Traum.« Dann erzählte er: »Ich lag auf dem Sofa und schlief ein. Eine Frau erschien, sie trug ein Kleid mit Schürze, lange Zöpfe. Wir blickten uns verwundert an. Mir war unwohl, ich wusste nicht, was ich ihr sagen könnte. Dann dachte ich plötzlich: Ich schlafe doch! Ich schloss die Augen und wachte wieder auf.«

Er zeigte Anne ein Bild, das er unmittelbar nach dem Aufwachen gezeichnet hatte. Die Frau trug Schnürstiefel mit Absätzen, sie wirkte klein und ernst und überarbeitet. Eine Frau wie vor hundert Jahren. Seine Untermieterin.


*This story is taken from: Die Gespenster von Berlin – Wahre Geschichten by Sarah Khan. © Suhrkamp Verlag Berlin 2013.

Franz Liszt starb am 31. Juli des Jahres 1886, an die näheren Umstände hierzu konnte er sich nicht erinnern. Er fand sich allerdings im Vollbesitz seiner Sinne und geistigen Gaben auf einer Straße wieder und ging zielstrebig – wohin, dies bedeutete ihm eine Einladung, die er in der Tasche hielt, eine Einladung mit der lapidaren Bemerkung: »Frau Magda G. bittet um Ihren Besuch im Bunker der Reichskanzlei, und zwar für den 1. Mai 1945.«

In der Reichskanzlei, offenbar waren dies Räumlichkeiten unter der Erde, fand er sich auf einem Stuhl sitzend wieder, ohne zu wissen, wie er so rasch und ohne alle Umstände hierhergekommen war. Er musterte den Raum, der hin und wieder, in unregelmäßigen Abständen, von Detonationen erschüttert wurde. Er sah einen langen Eichentisch, darum herum Stühle mit hohen, gepolsterten Lehnen, dann eine Büste, einen männlichen Kopf darstellend, von eben der Farbe, wie sie der Kalk hatte, der aus Rissen von den Wänden rieselte. Dieser Kopf zog ihn unwiderstehlich an. Aber nun sah er schon in einer äußersten Ecke, ihm schräg gegenüber, ein Pianoforte, dessen schwarzer Lack von staubigem Mörtel und von Stücken Mauerwerk dicht übersät war.

Dahinter, auf einem Hocker, ganz in ängstlicher Haltung, ganz in sich zusammengesunken, aber den Blick doch mit fragender, fast flehender Aufmerksamkeit auf den Neuankömmling gerichtet, saß eine Frau mittleren Alters. Sie hatte ihr blondes Haar im Nacken zu einem Knoten gebunden, sie hielt ihr Gesicht etwas zu sehr erhoben, hier und da zeigten sich rötliche Flecken.

»Ich freue mich, dass Sie gekommen sind«, sagte sie kaum hörbar. »Nicht wahr, Gräfin d’Agoult war die Mutter Ihrer Kinder.«

Liszt war verwirrt, da er so unerwartet, auf direkte Weise und von einer Frau, die er nicht kannte, von der er aber annehmen musste, dass sie litt, an frühere Umstände erinnert wurde. Dann, nach Augenblicken der Unentschlossenheit, die zu der Würde seines Alters einen merkwürdigen Kontrast bildeten, erhob er sich und ging auf das Pianoforte zu.

»Warum weinen Sie, Madame?«, fragte er. »Um Gottes willen, warum weinen Sie?«

Und als er die Arme ausstreckte und fast schon versucht war, da sie nun aufschluchzte, ihre Hände zu ergreifen, erstarrte er in seiner bemühten, freundlichen Bewegung, denn nun stand in der Tür, die mit einem unangenehmen, metallenen Klirrton geöffnet und wieder geschlossen worden war, ein schmächtig wirkender Mann, der ihnen mehrmals und mit heiterer Selbstverständlichkeit zunickte.

»Reden Sie mit ihm«, rief die Frau und umklammerte Liszts rechte Hand. »Er will, dass ich meine Kinder umbringe.«

Aber gleichzeitig schämte sie sich, ihren Mann, der in der Tür stand und um Haltung bemüht war, vor einem Fremden, auch wenn dieser Franz Liszt hieß, zu desavouieren.

»Ich behaupte nicht«, fügte sie hinzu, und ihr Gesicht war tränenüberströmt, »ich behaupte nicht, dass dies nicht auch mein Wunsch wäre. Aber Sie verstehen, ich wünsche etwas, das ich unmöglich ausführen kann.«

»Es bleibt keine Zeit, der Arzt wartet«, sagte Josef G. und lächelte. »Ich bin sicher, der unsterbliche Franz Liszt wird dir genügend Kraft geben, das Unvermeidliche zu tun.«

Damit ging er auf seine Frau zu, umfasste sanft ihren Ellbogen und führte sie, die kaum widerstrebte, zur Tür, und Liszt bemerkte, dass ihn eine Missbildung, ein zu kurzes Bein, beim Gehen hinderte.

»Sie wollen Ihre Kinder töten?«, fragte er, und das Ehepaar wandte sich um und sah die erschreckte Güte im Gesicht des Ehrwürdigen und dass dieser wie ein Priester gekleidet war.

Es folgte eine Detonation, derart heftig, dass man fürchten musste, sie würde sich bis ins Innere der Erde fortsetzen. Das Licht verlosch, und als die Glühbirne, die an der Decke des Zimmers angebracht war, wieder aufflammte, war Liszt allein. Er wusste nicht, ob er dem Ehepaar, das offenbar hinter der Tür verschwunden war, folgen sollte, und versuchte, die Umstände, in denen er sich befand, zu begreifen.

›Aber wie denn‹, dachte er, ›es ist unmöglich, dass man mich in dieses Haus bittet, damit ich Zeuge eines Verbrechens werde. Ich muss mich verhört haben!‹

Und die Zurückhaltung, die er ein Leben lang eingeübt hatte, das Unverbindliche im Betrachten der Welt, wie sie sich auf Konzertreisen darstellte, die Unmöglichkeit, als vielgefragter Virtuose die Gewohnheiten seiner Gastgeber zu durchschauen oder auch nur wahrzunehmen, dies alles hinderte ihn auch diesmal daran, sich um sein Erstaunen gründlicher zu kümmern.

Er beschloss, den Lauf der Dinge abzuwarten. Er setzte sich, nachdem er die Tastatur, den Mörtel nicht achtend, freigelegt hatte, hinter das Pianoforte und spielte die ersten Takte der Waldsteinsonate bis zu jenem Triller, der den düsteren, melancholischen Auftakt ins Heitere zu wenden versucht. Dies tat er wieder und noch einmal, als würde er zögern, die Kostbarkeit, die er so oft durch seine Hände hatte entstehen lassen, preiszugeben. Aber er spielte, sowie sich seine Selbstvergessenheit festigte, weiter, und zuletzt herrschte jene Magie, eine Ununterschiedenheit zwischen Künstler und Instrument, die nur der Virtuose geltend machen kann.

Wieder öffnete sich die Eisentür, sanfter als beim ersten Mal, und Frau G. kehrte in den Raum zurück. Liszt war es, als hörte er hinter dem Korridor, den die Tür verdeckte, Kinderstimmen und wie diese, offenbar im Spiel miteinander, lachten, aber es war vage und unbestimmt und so fern, dass er nicht wusste, ob er sich getäuscht hatte.

»Wie wunderbar Sie spielen«, sagte Frau G. und setzte sich auf einen der Stühle, die um den Eichentisch gruppiert waren.

»Ich danke Ihnen, Madame«, antwortete der Pianist, unterbrach sein Spiel und verbeugte sich gegen sie.

Die Stille, die nun folgte, dauerte etwas zu lange. Frau G. blickte zu Boden und sagte leise, wie zu sich selbst und wie um das entstandene Schweigen zu entschuldigen:

»Denken Sie nicht schlecht von meinem Mann. Er liebt die Kinder ebenso wie ich. Aber auch er möchte ihnen das Leben ersparen.«

»Madame, wovon reden Sie?«, sagte Liszt und sah auf jene bis zur Erschöpfung einsam wirkende Frau, die man weder alt noch jung, weder schön noch hässlich, weder anziehend noch abstoßend, aber in ihrer endgültigen Traurigkeit anrührend nennen musste und die nun seinen Blick erwiderte. Dabei hielt sie den Kopf hoch erhoben, sie presste ihre Hände gegeneinander, um Halt zu finden, aber es waren die Augen, diese geweiteten, in äußerster Erregung hilflos wirkenden Augen, die verrieten, dass hier jemand Anstrengungen unternahm, obwohl er wusste, dass er jeden Anlass hierzu längst hinter sich gelassen hatte.

»Ich möchte Sie bitten, sich meiner Kinder anzunehmen«, sagte sie. »Ich mache mir Sorgen, was aus ihnen werden wird, wenn sie gestorben sind. Sie sind ja noch so jung. Ich weiß«, fügte sie hinzu, »wie gütig Sie sind, und ich hoffe sehr, dass Sie die Kinder nicht unbeachtet lassen.«

Liszt starrte auf ihr Haar und bemerkte, dass sich eine Strähne, die mit einer Klammer befestigt war, gelöst hatte und nun über ihre Schläfe fiel und wie sie diese Nachlässigkeit unbeachtet ließ. Er konnte nicht umhin, die Anmut, die trotz aller Verzweiflung für einen Augenblick entstanden war, zu bewundern.

»Aber Ihre Kinder leben«, sagte er. »Und sie haben eine Mutter, die unmöglich wünschen kann, dass es anders wäre.«

Sie antwortete nicht.

Er wollte sie bitten, ihre, wie ihm schien, unverständlichen Worte zu erklären, aber nun stand Josef G. in der Tür, offenbar in der Absicht, seine Frau, deren Zustand er misstraute, nicht aus den Augen zu lassen.

»Wer sein Haus nicht mehr retten kann, für den wird es zum Scheiterhaufen. Wer sich und seine Kinder opfert, adelt den Untergang«, sagte er. Dabei ging er zum Eichentisch, setzte sich, suchte die Nähe seiner Frau, und zwar so sehr, dass sie einander mit den Schultern berührten.

Wie lange sie so dasaßen, wusste Liszt nicht zu sagen. Er sah immer nur auf das seltsame Paar, hörte auf die Detonationen, die näher und näher kamen, und sah, wie Josef G., der solche Umstände seit langem gewohnt war und mit Verachtung auf alle äußere Gefährdung zu reagieren pflegte, zusammenzuckte, aber es war ein Reflex seiner Nerven, den er unbeachtet ließ.

Nur einmal, als die Tür, wie aus den Angeln gerissen, ohne dass jemand sie berührt hatte, aufsprang, versicherte er, dass die Einschläge, die von der Artillerie herrührten, die Gesichertheit dieser Räume, man befände sich mehrere Meter unter der Erde, keineswegs gefährden könnten und dass der deutsche Soldat, obwohl erschöpft, obwohl aus unzähligen Wunden blutend, durchaus noch willens und in der Lage sei, den Feind bis zum Abend aufzuhalten.

Ordonnanzen kamen und brachten Nachrichten, die dieser Zuversicht widersprachen. Niemand, versicherten sie, sei imstande, die umkämpften Straßen, jenes schmale Gebiet zwischen Tiergarten und Voßstraße, das den Mächtigen des dritten reiches noch verblieben war, länger als ein, zwei Stunden zu verteidigen.

»Es ist gut so«, sagte Josef G. »Wir haben die Welt, da sie in ihrer Schläfrigkeit zu ersticken drohte, mit eisernen Fäusten durchgerüttelt, und wir haben diesen Kampf nicht auf uns genommen, um zu siegen. Was ist schon der Sieg? Er ist billig zu haben, wenn man nicht das ganze Verhängnis herausfordern, das Fatum selbst gegen sich herbeizwingen will.«

Und wieder war es Liszt, als würde er Kinderstimmen hören, deutlicher als beim ersten Mal, ja er glaubte sogar, Unterschiede ihres Alters wahrnehmen zu können. Er erhob sich.

›Die Wahnsinnigen‹, dachte er. ›Sie führen einen Krieg, sie wünschen ihren Untergang. Aber ich muss sie daran hindern, dass ihre Kinder dafür büßen müssen.‹

Er bedankte sich für die Einladung, bedauerte, dass er an der verzweifelten Lage seiner Gastgeber nichts, aber auch gar nichts ändern könne, dass er jedoch bereit sei, auf dem Pianoforte zu spielen, falls man dies wünsche, und dass er nichts dagegen hätte, wenn auch die Kinder … Ja, er würde sich über ihre Anwesenheit geradezu freuen, denn, versicherte er mehrmals und immer drängender, es gäbe für ihn kein größeres Vergnügen, als vor Kindern zu spielen.

»Ja, spielen Sie, spielen Sie!«, rief Magda G. Doch schon hatte Josef G. ihre Hand genommen, hielt sie sanft, aber unmissverständlich fest, lächelte, und Liszt schien es, als würde auch sie für einen Augenblick triumphieren, als seien ihre Augen auf diesen Mann wie auf einen Magier gerichtet, der imstande war, inmitten einer brennenden Festung, den eigenen und den Untergang der Kinder wie einen Sieg erscheinen zu lassen.

Dies beunruhigte Liszt.

»Aber«, sagte er, »Sie werden nicht so unhöflich sein, den Raum zu verlassen, solange ich auf dem Pianoforte spiele. Dies wäre mir in meinem Leben nie begegnet«, fügte er hinzu und: ›Wenn dieser Krieg in wenigen Stunden beendet sein soll‹, dachte er, ›muss die Musik sie bezaubern. Beethoven! Beethoven wird die Kinder retten. Er ist mächtiger als alles andere‹, dachte er, und: ›Der müsste erst geboren werden, der der Waldsteinsonate widerstehen kann.‹

Er begann zu spielen. Aber bevor er dies tat, musterte er noch einmal, seine Hände lagen auf der Tastatur, die Zuhörer, so wie er es gewohnt war. Es war dies ein Augenblick äußerster Konzentration. Und als er die ersten Takte anschlug, sah er, wie Magda G. von ihrem Mann abrückte, unmerklich, indem sie mit dem geringsten Aufwand an Bewegung ein Taschentuch aus dem Gürtel ihres Kleides zog und es gegen die Lippen führte, und wie Josef G. von dieser Bewegung keinerlei Notiz nahm. Aber er, Franz Liszt, sah dies sehr wohl und nahm es als Beweis, wie rasch der Zauber seiner Virtuosität zu wirken begann.  Das machte ihm Mut.

›Weiter, immer weiter‹, dachte er. ›Die Sonate bewältige ich in dreiundzwanzig Minuten, aber man wird sich wundern, wenn diese kurze Ewigkeit bis zum Abend dauert.‹

Er wiederholte den Anfang, setzte die Akkorde besonders weich, in der Absicht, die düstere Entschlossenheit der beiden zu mildern. Dann unterbrach er, bevor er mit den Variationen begann, sein Spiel, sah aber nicht auf, um niemanden zum Beifall zu nötigen. Minuten später fühlte er sich bestätigt. Josef G. saß da wie jemand, dem der Zustand der Welt, der ja doch nur sein eigener Zustand war, durch die Musik auf wunderbare Weise wieder zurechtgerückt wurde. Er sah immer nur auf Liszt, auf dessen Hände und sah nicht, wie sehr Magda G., um ihr Gemüt einigermaßen zu bändigen, ununterbrochen mit dem Taschentuch beschäftigt war. Sie litt unter der Vorstellung, die Kinder könnten sich diesem Raum nähern, obwohl man es ihnen verboten hatte, und sie würden nun, angezogen von der Musik, ach von dieser wunderbaren Musik, die Nähe ihrer Eltern suchen, jene Nähe, in der sie sich so selbstverständlich sicher fühlen durften und die man ihnen nie verweigert hatte. Sie ertrug den Gedanken nicht, dass sie diese Nähe, bevor es Abend werden konnte, dazu missbrauchen musste, die Kinder zu hintergehen. Aber auch ihr wurde der Schmerz durch den Wechsel der Akkorde, das Auf und Ab einander widersprechender und sich wieder versöhnender Klangflächen, die den Raum ins Unbegrenzte ausweiteten, auch ihr wurde die Gewissheit des Todes, der so hastig, so unwürdig vollzogen werden sollte, durch die Musik auf wunderbare Weise wünschenswert gemacht.

Liszt konnte ihre Stimmung nicht bessern, aber seine Kunst bannte sie fest in dem Verlangen, es möge sich an ihrem Unglück nichts ändern, ja, sie wünschte geradezu, in der Verzweiflung, die ihr jetzt ebenso unentbehrlich schien wie das Pianoforte, eine Ewigkeit zu verweilen.

»Wie wunderbar Sie spielen!«, rief Magda G.

»Ich danke Ihnen«, antwortete Liszt, verbeugte sich aber nicht gegen sie, spielte weiter und war nun fest davon überzeugt, dass auch die Kinder ihn hören mussten, obwohl man sie so gründlich vor ihm versteckt hielt.

Wieder bewegte sich die Eisentür, und ein Mann mittleren Alters betrat den Raum. Er trug eine schwarze Uniform, hatte die Ärmel seiner Jacke bis zum Ellbogen aufgekrempelt, der Kragen war weit geöffnet, die kurzgeschnittenen Haare waren nicht frisiert, in der linken Hand hielt er einen kleinen Koffer. Er schien das Klavierspiel nicht zu bemerken, richtete seine Aufmerksamkeit noch dem Korridor zu, aus dem er gekommen war, antwortete einer Stimme, als wollte er sich irgendeiner Sache vergewissern, dann sah er mit äußerster Ungeduld auf Josef G. Es war der Arzt. Und Liszt spürte, dass nun jemand anwesend war, den er zu fürchten hatte.

›Der gleiche Kopf, den ich dort als Büste stehen sehe‹, dachte er. ›Er ist blass wie Marmor, ohne Güte, ganz und gar unerreichbar. Er hört die Musik nicht.‹

Dabei sah er auf den Kragenspiegel der Uniform, der mit einem Totenkopf geschmückt war, und konnte nicht umhin, die Ununterschiedenheit zwischen Gesicht, Uniform und den Insignien des Todes zu bewundern. Er, der so lange Jahre von der Schönheit der Güte fasziniert gewesen war, hatte nun die Schönheit des Bösen vor Augen, und er fühlte, wie das Spiel seiner Hände, das bisher ohne Anstrengung, fast wie von selbst, vor sich gegangen war, stockte, und wie er sich dagegen wehrte, indem er die Bässe und die äußersten Höhen über Oktaven hinweg mehrmals gegeneinander anschlug.

Aber der Arzt blieb unbeeindruckt, und Josef G. erhob sich langsam, ging, die Schritte behutsam auf den harten Beton setzend, zur Tür, wobei er immer noch auf Liszt und in Richtung Pianoforte zurücksah, dann, an der Tür angekommen, hob er, wie zum Gruß, seinen rechten Arm mit einer Miene des Bedauerns

»Ich spiele noch!«, rief der Pianist. »Die Regel des Anstands gebietet, dass zuerst der Künstler den Raum verlässt. Madame«, rief er und wandte sich nun an Magda G., »gibt es einen Grund, meinen Vortrag derart zu missachten?«

Aber sie sah schon zur Tür, sah, wie Josef G. und der Arzt sich entfernten, und ließ nun, indem sie versuchte, sich ebenfalls zu erheben, das Taschentuch fallen, das sie so lange umklammert hatte. Sie wollte den beiden nach, aber ihre Knie ertrugen die rasche Bewegung, der sie folgen sollten, nicht, und so fiel sie, kaum dass sie sich erhoben hatte, wieder auf den Stuhl zurück, wobei sie mit dem rechten Ellbogen hart gegen den Tisch aufschlug.

»Helfen Sie mir. Er geht zu den Kindern. Rasch, geben Sie mir Ihren Arm.«

»Nein«, antwortete Liszt und spielte weiter, immer nur weiter. »Nein«, antwortete er und versuchte seiner Stimme Schärfe zu geben, »solange Sie mir zuhören, kann den Kindern nichts geschehen.«

»Sie irren sich. Wenn ich mich ihrer nicht erbarme, tötet sie der Arzt. Wir sind schuldig. Wir dürfen nicht in die Hände unserer Feinde fallen«, sagte sie, erschrak aber gleichzeitig über ihr Geständnis und wollte es ungeschehen machen. »Nein«, fügte sie hinzu und erhob sich. »Nein«, wiederholte sie fast flehend und ging auf Liszt zu, »wir sind nicht schuldig.«

Dabei kam sie ihm so nahe, dass er sich genötigt sah, sein Spiel zu unterbrechen, und als sie nochmals und nun mit aller Eindringlichkeit von ihm wissen wollte, ob auch er glaube, dass sie nicht schuldig seien, sagte er:

»Madame, ich weiß es nicht. Aber da Sie es sagen, will ich es glauben.«

»Ich danke Ihnen«, antwortete sie und schwieg. Liszt spürte, wie die Lampe über ihren Köpfen, die Möbel ringsherum, ja der ganze Raum zu schwingen begann, und wunderte sich, dass dies in vollkommener Stille vor sich ging. Und da Magda G. immer noch schwieg und in merkwürdiger Unentschlossenheit einfach so dastand und er nicht wusste, wie er dies deuten sollte und ob es angemessen wäre, jetzt weiter auf dem Pianoforte zu spielen, begann er leise und eindringlich zu reden:

»Madame«, sagte er, »Sie sollten mit dem Leben nicht ungerecht sein, und vor allem: Man muss nicht immer und um jeden Preis etwas wollen. Ich hatte zwei Kinder aus erster Ehe, Cosima und Blandine, das heißt, sie waren eigentlich unehelich, ich habe mich aber trotzdem um sie gekümmert. Blandine starb leider sehr früh, aber Cosima war, wie Sie wissen, von Bülows, dann Richard Wagners Frau und starb erst im Jahre 1930. Was für ein langes, ereignisreiches Leben! Natürlich: Auch ich hatte Gründe, unzufrieden zu sein, und ich habe Cosimas Untreue gegenüber von Bülow und ihre Zuneigung zu Wagner nie goutiert, und ich kann auch nicht behaupten, dass die Sorgen, die ich mir um Cosima machen musste, erheblich waren. Sie, Madame, sind verzweifelt, aber: Keine Verzweiflung, auch jene nicht, die den Tod sehnsüchtig herbeiwünscht, darf uns dazu verführen, alles nur mit eigenen Augen zu sehen. Nichts übersteigt das eigene Unglück, aber: Madame, man muss auch der Welt, und dazu gehören die eigenen Kinder, ihren Lauf lassen.«

Sie hörte ihm zu, bemerkte jetzt erst, wie alt dieser Mann war, ja dass er sich an der Grenze seiner Hinfälligkeit befand, und die bedächtige, fast betulich wirkende Art zu sprechen tat ihr wohl, und dass er das Gewand eines Priesters trug, war ihr nun selbstverständlich. Ob sie seine Worte billigte, konnte er nicht sagen. Sie schien in Gedanken weit, weit weg zu sein, und auch als eine Stimme zaghaft nach der Mutter rief, schien sie dies nicht zu bemerken.

»Wie viel Kinder haben Sie?«, fragte Liszt.

Sie konnte nicht antworten. Sie schämte sich. Es schien ihr unmöglich zu erklären, dass sie sieben Kinder hatte, aber nur eines vor ihrer Fürsorge in Sicherheit war. Auch schien es ihr unvorstellbar, dass man sechs Kinder so verschiedenen Alters und in so kurzer Zeit töten konnte. Die Kleinsten, ja, was wäre daran entsetzlich, wenn man sie nahe bei sich, wie sie es gewohnt waren, einschlafen ließe, dies eine Mal für immer. Aber die Älteren, die schon verständig waren, die voller Misstrauen nur noch unter neuen, immer neuen Versicherungen, dass ihnen nichts geschehen könne, seit Tagen tapfer in ihrem Zimmer aushielten, wie sollte man ihnen das Äußerste antun, nachdem man versprochen hatte, sie davor zu bewahren.

Sie wunderte sich, dass diese Gedanken, die ihr unerträglich waren, sie nicht niederdrückten und wie so oft dazu zwangen, sich hinzulegen, um wenigstens ihr Herz einigermaßen zu beruhigen. Es wurde ihr alles leicht, der Boden unter ihren Füßen bewegte sich wie ein Schatten, und sie erinnerte sich plötzlich an frühe, sehr frühe Umstände, in denen sie vor Glück und gehobener Stimmung hätte vergehen können, und sie musste rasch, aber doch so, dass Liszt es nicht bemerkte, mit den Händen das Pianoforte fassen, um nicht zu fallen. Und weil sie dabei lächelte, dies aber nicht billigen konnte und fürchten musste, die Gewalt über ihre Empfindungen zu verlieren, sagte sie:

»Ich danke Ihnen. Ich muss zu meinen Kindern. Sie hören ja selbst, sie rufen nach mir.«

Liszt wollte ihr behilflich sein. Er hatte sehr wohl bemerkt, dass sie wankte und Mühe hatte, vom Pianoforte loszukommen, aber als er die zwei, drei Schritte ging, die nötig waren, um sie zu erreichen, verfing er sich mit den Schuhen im Saum seiner Soutane, konnte gerade noch verhindern, dass er stolperte, und als er nach dieser Ungeschicklichkeit mit einem Wort der Entschuldigung endlich seinen Arm anbieten wollte, war sie verschwunden. Er starrte auf den Korridor, dessen eiserne Tür weit geöffnet war, wie auf einen Abgrund, der aus der Welt führte, und nun fiel ihm ein, dass er es versäumt hatte zu spielen.

»Warten Sie«, wollte er rufen. »Entschuldigen Sie meine Nachlässigkeit! Lassen Sie die Kinder, es geht weiter! Wir sind mit der Sonate noch nicht am Ende!«

Aber er ahnte, wie nutzlos dies alles war, brachte nur hastig und halblaut etwas Unverständliches über die Lippen und stand da, wie jemand, der zusehen musste, wie ein Unglück, dessen Entstehen er hatte verhindern wollen, gerade durch ihn und, wie er glaubte, durch seine Geschwätzigkeit möglich geworden war. Er fühlte seinen Rücken kalt werden und wie ihm die Hände, diese kostbaren, zur äußersten Disziplin erzogenen Hände, zu zittern begannen und wie er dem panischen Verlangen nicht folgen konnte, sofort, unwiderruflich, zum Pianoforte zurückzugehen, um das Versäumte nachzuholen. Aber dann erreichte er doch, wobei er den Eindruck hatte, er würde sich über Arme und Beine hinweg zu dieser Anstrengung zwingen, die Tastatur und begann zu spielen.

›Gott sei Dank‹, dachte er, ›dies Instrument bringt, wenn man nur darauf zaubert, alles zum Schwingen.‹

Und wirklich: Das schlechte Gewissen, das ihn trieb, die verzweifelte Hoffnung, er könnte, wenn er nur überall zu hören wäre, alles Lebendige unter dieser Erde wieder zurück in seine Nähe zwingen, aber auch die Vorstellung, die Kinder könnten, wenn er nicht spielte, in ihrer Not vor Entsetzen aufschreien und er wäre dazu verdammt, es zu hören, dies alles brachte ihn dazu, mit dem Adagio derart erregt und hoch auftürmend einzusetzen, dass es schien, als würden der allzu enge Raum, die eiserne Tür, aber auch der Korridor wie durch die Wucht einer Posaune auseinandergesprengt. Aber dabei ließ er es nicht bewenden.

»Wagen Sie es nicht!«, rief er, »wagen Sie nicht, den Kindern etwas anzutun! Es sind Geschöpfe Gottes!« Und: »Ich maße mir nicht an, über die Welt zu urteilen, ich bin ebenso gering wie Sie, aber: Wer seine Kinder mordet, der soll in Ewigkeit weder leben noch sterben, weder Vater noch Mutter genannt werden!«, rief er.

Und je mehr er die Stimme hob, je vorbehaltloser seine Drohungen wurden, je unbedingter er wünschte, das Unglück der Kinder, koste es, was es wolle, zu verhindern, desto deutlicher spürte er, dass seine Kraft für so viel Zorn nicht mehr ausreichte. Eine Weile schien er sich zu behaupten, bis ein Husten, den er nicht unterdrücken konnte, ihm so sehr den Atem nahm, dass er sich vom Pianoforte abwenden musste, wobei er mit der rechten Hand, die linke lag schon kraftlos auf der Tastatur, den Fortlauf der Sonate aufrechterhielt.

Er keuchte, rang nach Luft, konnte die Schwäche, die ihn überfallen hatte, nicht wieder loswerden. Er hoffte, dass sich jemand zeigen würde und dass, wenn dies zu viel verlangt war, wenigstens eine Stimme, die ja nicht ihm gelten musste, sich hören ließe. Aber es blieb alles still.

Er klappte das Notenpult zurück, schloss das Pianoforte.

›Gut‹, dachte er, ›gut. Dann habe ich meine Schuldigkeit getan, und nun sind alle Himmel verschlossen.‹

Er saß da, zusammengesunken, den Kopf gebeugt, die Hände ruhten auf den Knien, und während sein Atem langsam ruhiger wurde, überkam ihn ein Gefühl von Gleichgültigkeit. Er dachte an die Gräfin d’Agoult und dass er zu ihrem Begräbnis nicht gekommen war.

Daran dachte er jetzt. Und auch, dass er der Waldsteinsonate zu viel, ja das Unmögliche, zugemutet hatte.

Über der Erde, dort, wo man dem Himmel sieben, acht Meter näher war, begann der Frühling. Die Kastanien blühten. Sie hatten Mühe, sich gegen den Geruch, der über der brennenden Stadt lag, zu behaupten.


* Aus: Die Waldsteinsonate by Hartmut Lange, Copyright © 1984, 2017 Diogenes Verlag AG Zurich, Switzerland, all rights reserved.

Zu einer gewissen Zeit meines Lebens brachten es meine Dienste mit sich, daß ich ziemlich regelmäßig mehrmals in der Woche um eine gewisse Stunde über die kleine Brücke ging (denn der Pont neuf war damals noch nicht erbaut) und dabei meist von einigen Handwerkern oder anderen Leuten aus dem Volk erkannt und gegrüßt wurde, am auffälligsten aber und regelmäßigsten von einer sehr hübschen Krämerin, deren Laden an einem Schild mit zwei Engeln kenntlich war, und die, so oft ich in den fünf oder sechs Monaten vorüber kam, sich tief neigte und mir soweit nachsah, als sie konnte. Ihr Betragen fiel mir auf, ich sah sie gleichfalls an und dankte ihr sorgfältig. Einmal, im Spätwinter, ritt ich von Fontainebleau nach Paris und als ich wieder die kleine Brücke heraufkam, trat sie an ihre Ladentür und sagte zu mir, indem ich vorbeiritt: »Mein Herr, Ihre Dienerin!« Ich erwiderte ihren Gruß und, indem ich mich von Zeit zu Zeit umsah, hatte sie sich weiter vorgelehnt, um mir soweit als möglich nachzusehen. Ich hatte einen Bedienten und einen Postillon hinter mir, die ich noch diesen Abend mit Briefen an gewisse Damen nach Fontainebleau zurückschicken wollte. Auf meinen Befehl stieg der Bediente ab und ging zu der jungen Frau, ihr in meinem Namen zu sagen, daß ich ihre Neigung, mich zu sehen und zu grüßen, bemerkt hätte; ich wollte, wenn sie wünschte, mich näher kennen zu lernen, sie aufsuchen, wo sie verlangte.

Sie antwortete dem Bedienten: Er hätte ihr keine erwünschtere Botschaft bringen können, sie wollte kommen, wohin ich sie bestellte.

Im Weiterreiten fragte ich den Bedienten, ob er nicht etwa einen Ort wüßte, wo ich mit der Frau zusammenkommen könnte? Er antwortete, daß er sie zu einer gewissen Kupplerin führen wollte; da er aber ein sehr besorgter und gewissenhafter Mensch war, dieser Diener Wilhelm aus Courtral, so setzte er gleich hinzu: Da die Pest sich hie und da zeige und nicht nur Leute aus dem niedrigen und schmutzigen Volk, sondern auch ein Doktor und ein Domherr schon daran gestorben seien, so rate er mir, Matratzen, Decken und Leintücher aus meinem Hause mitbringen zu lassen. Ich nahm den Vorschlag an, und er versprach mir ein gutes Bett zu bereiten. Vor dem Absteigen sagte ich noch, er solle auch ein ordentliches Waschbecken dorthin tragen, eine kleine Flasche mit wohlriechender Essenz und etwas Backwerk und Äpfel; auch solle er dafür sorgen, daß das Zimmer tüchtig geheizt werde, denn es war so kalt, daß mir die Füße im Bügel steif gefroren waren, und der Himmel hing voll Schneewolken.

Den Abend ging ich hin und fand eine sehr schöne Frau von ungefähr zwanzig Jahren auf dem Bette sitzen, indes die Kupplerin, ihren Kopf und ihren runden Rücken in ein schwarzes Tuch eingemummt, eifrig in sie hineinredete. Die Tür war angelehnt, im Kamin lohten große frische Scheiter geräuschvoll auf, man hörte mich nicht kommen, und ich blieb einen Augenblick in der Tür stehen. Die Junge sah mit großen Augen ruhig in die Flamme; mit einer Bewegung ihres Kopfes hatte sie sich wie auf Meilen von der widerwärtigen Alten entfernt; dabei war unter einer kleinen Nachthaube, die sie trug, ein Teil ihrer schweren dunklen Haare vorgequollen und fiel, zu ein paar natürlichen Locken sich ringelnd, zwischen Schulter und Brust über das Hemd. Sie trug noch einen kurzen Unterrock von grünwollenem Zeug und Pantoffeln an den Füßen. In diesem Augenblick mußte ich mich durch ein Geräusch verraten haben: Sie warf ihren Kopf herum und bog mir ein Gesicht entgegen, dem die übermäßige Anspannung der Züge fast einen wilden Ausdruck gegeben hätte, ohne die strahlende Hingebung, die aus den weit aufgerissenen Augen strömte und aus dem sprachlosen Mund wie eine unsichtbare Flamme herausschlug. Sie gefiel mir außerordentlich; schneller als es sich denken läßt, war die Alte aus dem Zimmer und ich bei meiner Freundin. Als ich mir in der ersten Trunkenheit des überraschenden Besitzes einige Freiheiten herausnehmen wollte, entzog sie sich mir mit einer unbeschreiblichen lebenden Eindringlichkeit zugleich des Blickes und der dunkeltönenden Stimme. Im nächsten Augenblick aber fühlte ich mich von ihr umschlungen, die noch inniger mit dem fort und fort empordrängenden Blick der unerschöpflichen Augen als mit den Lippen und den Armen an mir haftete; dann wieder war es, als wollte sie sprechen, aber die von Küssen zuckenden Lippen bildeten keine Worte, die bebende Kehle ließ keinen deutlicheren Laut als ein gebrochenes Schluchzen empor.

Nun hatte ich einen großen Teil dieses Tages zu Pferde auf frostigen Landstraßen verbracht, nachher im Vorzimmer des Königs einen sehr ärgerlichen und heftigen Auftritt durchgemacht und darauf, meine schlechte Laune zu betäuben, sowohl getrunken als mit dem Zweihänder stark gefochten, und so überfiel mich mitten unter diesem reizenden und geheimnisvollen Abenteuer, als ich von weichen Armen im Nacken umschlungen und mit duftendem Haar bestreut dalag, eine so plötzliche heftige Müdigkeit und beinahe Betäubung, daß ich mich nicht mehr zu erinnern wußte, wie ich denn gerade in dieses Zimmer gekommen wäre, ja sogar für einen Augenblick die Person, deren Herz so nahe dem meinigen klopfte, mit einer ganz anderen aus früherer Zeit verwechselte und gleich darauf fest einschlief.

Als ich wieder erwachte, war es noch finstere Nacht, aber ich fühlte sogleich, daß meine Freundin nicht mehr bei mir war. Ich hob den Kopf und sah beim schwachen Schein der zusammensinkenden Glut, daß sie am Fenster stand: Sie hatte den einen Laden aufgeschoben und sah durch den Spalt hinaus. Dann drehte sie sich um, merkte, daß ich wach war, und rief (ich sehe noch, wie sie dabei mit dem Ballen der linken Hand an ihrer Wange emporfuhr und das vorgefallene Haar über die Schulter zurückwarf): »Es ist noch lange nicht Tag, noch lange nicht!« Nun sah ich erst recht, wie groß und schön sie war, und konnte den Augenblick kaum erwarten, daß sie mit wenigen der ruhigen großen Schritte ihrer schönen Füße, an denen der rötliche Schein emporglomm, wieder bei mir wäre. Sie trat aber noch vorher an den Kamin, bog sich zur Erde, nahm das letzte schwere Scheit, das draußen lag, in ihre strahlenden nackten Arme und warf es schnell in die Glut. Dann wandte sie sich, ihr Gesicht funkelte von Flammen und Freude, mit der Hand riß sie im Vorbeilaufen einen Apfel vom Tisch und war schon bei mir, ihre Glieder noch vom frischen Anhauch des Feuers umweht und dann gleich aufgelöst und von innen her von stärkeren Flammen durchschüttert, mit der Rechten mich umfassend, mit der Linken zugleich die angebissene kühle Frucht und Wangen, Lippen und Augen meinem Mund darbietend. Das letzte Scheit im Kamin brannte stärker als alle anderen. Aufsprühend sog es die Flamme in sich und ließ sie dann wieder gewaltig emporlohen, daß der Feuerschein über uns hinschlug, wie eine Welle, die an der Wand sich brach und unsere umschlungenen Schatten jäh emporhob und wieder sinken ließ. Immer wieder knisterte das starke Holz und nährte aus seinem Innern immer wieder neue Flammen, die emporzüngelten und das schwere Dunkel mit Güssen und Garben von rötlicher Helle verdrängten. Auf einmal aber sank die Flamme hin, und ein kalter Lufthauch tat leise wie eine Hand den Fensterladen auf und entblößte die fahle widerwärtige Dämmerung.

Wir setzten uns auf und wußten, daß nun der Tag da war. Aber das da draußen glich keinem Tag. Es glich nicht dem Aufwachen der Welt. Was da draußen lag, sah nicht aus wie eine Straße. Nichts einzelnes ließ sich erkennen: es war ein farbloser, wesenloser Wust, in dem sich zeitlose Larven hinbewegen mochten. Von irgendwoher, weither, wie aus der Erinnerung heraus, schlug eine Turmuhr, und eine feuchtkalte Luft, die keiner Stunde angehörte, zog sich immer stärker herein, daß wir uns schaudernd aneinander drückten. Sie bog sich zurück und heftete ihre Augen mit aller Macht auf mein Gesicht; ihre Kehle zuckte, etwas drängte sich in ihr herauf und quoll bis an den Rand der Lippen vor: Es wurde kein Wort daraus, kein Seufzer und kein Kuß, aber etwas, was ungeboren allen dreien glich. Von Augenblick zu Augenblick wurde es heller und der vielfältige Ausdruck ihres zuckenden Gesichts immer redender; auf einmal kamen schlurfende Schritte und Stimmen von draußen so nahe am Fenster vorbei , daß sie sich duckte und ihr Gesicht gegen die Wand kehrte. Es waren zwei Männer, die vorbeigingen: Einen Augenblick fiel der Schein einer kleinen Laterne, die der eine trug, herein; der andere schob einen Karren, dessen Rad knirschte und ächzte. Als sie vorüber waren, stand ich auf, schloß den Laden und zündete ein Licht an. Da lag noch ein halber Apfel: Wir aßen ihn zusammen, und dann fragte ich sie, ob ich sie nicht noch einmal sehen könnte, denn ich verreise erst Sonntag. Dies war aber die Nacht vom Donnerstag auf den Freitag gewesen.

Sie antwortete mir: Daß sie es gewiß sehnlicher verlange als ich; wenn ich aber nicht den ganzen Sonntag bliebe, sei es ihr unmöglich; denn nur in der Nacht vom Sonntag auf den Montag könnte sie mich wiedersehen.

Mir fielen zuerst verschiedene Abhaltungen ein, so daß ich einige Schwierigkeiten machte, die sie mit keinem Worte, aber mit einem überaus schmerzlich fragenden Blick und einem gleichzeitigen fast unheimlichen Hart- und Dunkelwerden ihres Gesichts anhörte. Gleich darauf versprach ich natürlich, den Sonntag zu bleiben, und setzte hinzu, ich wollte also Sonntag Abend mich wieder an dem nämlichen Ort einfinden. Auf dieses Wort sah sie mich fest an und sagte mir mit einem ganz rauhen und gebrochenen Ton in der Stimme: »Ich weiß recht gut, daß ich um deinetwillen in ein schändliches Haus gekommen bin; aber ich habe es freiwillig getan, weil ich mit dir sein wollte, weil ich jede Bedingung eingegangen wäre. Aber jetzt käme ich mir vor, wie die letzte niedrigste Straßendirne, wenn ich ein zweitesmal hierher zurückkommen könnte. Um deinetwillen hab‘ ich’s getan, weil du für mich der bist, der du bist, weil du der Bassompierre bist, weil du der Mensch auf der Welt bist, der mir durch seine Gegenwart dieses Haus da ehrenwert macht!« Sie sagte: »Haus«; einen Augenblick war es, als wäre ein verächtlicheres Wort ihr auf der Zunge; indem sie das Wort aussprach, warf sie auf diese vier Wände, auf dieses Bett, auf die Decke, die herabgeglitten auf dem Boden lag, einen solchen Blick, daß unter der Garbe von Licht, die aus ihren Augen hervorschoß, alle diese häßlichen und gemeinen Dinge aufzuzucken und geduckt vor ihr zurückzuweichen schienen, als wäre der erbärmliche Raum wirklich für einen Augenblick größer geworden.

Dann setzte sie mit einem unbeschreiblich sanften und feierlichen Tone hinzu: »Möge ich eines elenden Todes sterben, wenn ich außer meinem Mann und dir je irgendeinem andern gehört habe und nach irgendeinem anderen auf der Welt verlange!« und schien, mit halboffenen, lebenhauchenden Lippen leicht vorgeneigt, irgendeine Antwort, eine Beteuerung meines Glaubens zu erwarten, von meinem Gesicht aber nicht das zu lesen, was sie verlangte, denn ihr gespannter suchender Blick trübte sich, ihre Wimpern schlugen auf und zu, und auf einmal war sie am Fenster und kehrte mir den Rücken, die Stirn mit aller Kraft an den Laden gedrückt, den ganzen Leib von lautlosem, aber entsetzlich heftigem Weinen so durchschüttert, daß mir das Wort im Munde erstarb und ich nicht wagte, sie zu berühren. Ich erfaßte endlich eine ihrer Hände, die wie leblos herabhingen, und mit den eindringlichsten Worten, die mir der Augenblick eingab, gelang es mir nach langem, sie soweit zu besänftigen, daß sie mir ihr von Tränen überströmtes Gesicht wieder zukehrte, bis plötzlich ein Lächeln, wie ein Licht zugleich aus den Augen und rings um die Lippen hervorbrechend, in einem Moment alle Spuren des Weinens wegzehrte und das ganze Gesicht mit Glanz überschwemmte. Nun war es das reizendste Spiel, wie sie wieder mit mir zu reden anfing, indem sie sich mit dem Satz: »Du willst mich noch einmal sehen? so will ich dich bei meiner Tante einlassen!« endlos herumspielte, die erste Hälfte zehnfach aussprach, bald mit süßer Zudringlichkeit, bald mit kindischem gespielten Mißtrauen, dann die zweite mir als das größte Geheimnis zuerst ins Ohr flüsterte, dann mit Achselzucken und spitzem Mund, wie die selbstverständlichste Verabredung von der Welt, über die Schulter hinwarf und endlich, an mir hängend, mir ins Gesicht lachend und schmeichelnd wiederholte. Sie beschrieb mir das Haus aufs genaueste, wie man einem Kind den Weg beschreibt, wenn es zum erstenmal allein über die Straße zum Bäcker gehen soll. Dann richtete sie sich auf, wurde ernst – und die ganze Gewalt ihrer strahlenden Augen heftete sich auf mich mit einer solchen Stärke, daß es war, als müßten sie auch ein totes Geschöpf an sich zu reißen vermögend sein – und fuhr fort: »Ich will dich von zehn Uhr bis Mitternacht erwarten und auch noch später und immerfort, und die Tür unten wird offen sein. Erst findest du einen kleinen Gang, in dem halte dich nicht auf, denn da geht die Tür meiner Tante heraus. Dann stößt dir eine Treppe entgegen, die führt dich in den ersten Stock, und dort bin ich!« Und indem sie die Augen schloß, als ob ihr schwindelte, warf sie den Kopf zurück, breitete die Arme aus und umfing mich, und war gleich wieder aus meinen Armen und in die Kleider eingehüllt, fremd und ernst, und aus dem Zimmer; denn nun war völlig Tag.

Ich machte meine Einrichtung, schickte einen Teil meiner Leute mit meinen Sachen voraus und empfand schon am Abend des nächsten Tages eine so heftige Ungeduld, daß ich bald nach dem Abendläuten mit meinem Diener Wilhelm, den ich aber kein Licht mitnehmen hieß, über die kleine Brücke ging, um meine Freundin wenigstens in ihrem Laden oder in der daranstoßenden Wohnung zu sehen und ihr allenfalls ein Zeichen meiner Gegenwart zu geben, wenn ich mir auch schon keine Hoffnung auf mehr machte, als etwa einige Worte mit ihr wechseln zu können.

Um nicht aufzufallen, blieb ich an der Brücke stehen und schickte den Diener voraus, um die Gelegenheit auszukundschaften. Er blieb längere Zeit aus und hatte beim Zurückkommen die niedergeschlagene und grübelnde Miene, die ich an diesem braven Menschen immer kannte, wenn er einen meinigen Befehl nicht hatte erfolgreich ausführen können. »Der Laden ist versperrt«, sagte er, »und scheint auch niemand darinnen. Überhaupt läßt sich in den Zimmern, die nach der Gasse zu liegen, niemand sehen und hören. In den Hof könnte man nur über eine hohe Mauer, zudem knurrt dort ein großer Hund. Von den vorderen Zimmern ist aber eines erleuchtet, und man kann durch einen Spalt im Laden hineinsehen, nur ist es leider leer.«

Mißmutig wollte ich schon umkehren, strich aber doch noch einmal langsam an dem Haus vorbei, und mein Diener in seiner Beflissenheit legte nochmals sein Auge an den Spalt, durch den ein Lichtschimmer drang, und flüsterte mir zu, daß zwar nicht die Frau, wohl aber der Mann nun in dem Zimmer sei. Neugierig, diesen Krämer zu sehen, den ich mich nicht erinnern konnte, auch nur ein einzigesmal in seinem Laden erblickt zu haben, und den ich mir abwechselnd als einen unförmlichen dicken Menschen oder als einen dürren gebrechlichen Alten vorstellte, trat ich ans Fenster und war überaus erstaunt, in dem guteingerichteten vertäfelten Zimmer einen ungewöhnlich großen und sehr gut gebauten Mann umhergehen zu sehen, der mich gewiß um einen Kopf überragte und, als er sich umdrehte, mir ein sehr schönes tiefernstes Gesicht zuwandte, mit einem braunen Bart, darin einige wenige silberne Fäden waren, und mit einer Stirn von fast seltsamer Erhabenheit, so daß die Schläfen eine größere Fläche bildeten, als ich noch je bei einem Menschen gesehen hatte. Obwohl er ganz allein im Zimmer war, so wechselte doch sein Blick, seine Lippen bewegten sich, und indem er unter dem Auf- und Abgehen hie und da stehen blieb, schien er sich in der Einbildung mit einer anderen Person zu unterhalten: einmal bewegte er den Arm, wie um eine Gegenrede mit halb nachsichtiger Überlegenheit wegzuweisen. Jede seiner Gebärden war von großer Lässigkeit und fast verachtungsvollem Stolz, und ich konnte nicht umhin, mich bei seinem einsamen Umhergehen lebhaft des Bildes eines sehr erhabenen Gefangenen zu erinnern, den ich im Dienst des Königs während seiner Haft in einem Turmgemach des Schlosses zu Blois zu bewachen hatte. Diese Ähnlichkeit schien mir noch vollkommener zu werden, als der Mann seine rechte Hand emporhob und auf die emporgekrümmten Finger mit Aufmerksamkeit, ja mit finsterer Strenge hinabsah.

Denn fast mit der gleichen Gebärde hatte ich jenen erhabenen Gefangenen öfter einen Ring betrachten sehen, den er am Zeigefinger der rechten Hand trug und von welchem er sich niemals trennte. Der Mann im Zimmer trat dann an den Tisch, schob die Wasserkugel vor das Wachslicht und brachte seine beiden Hände in den Lichtkreis, mit ausgestreckten Fingern: er schien seine Nägel zu betrachten. Dann blies er das Licht aus und ging aus dem Zimmer und ließ mich nicht ohne eine dumpfe zornige Eifersucht zurück, da das Verlangen nach seiner Frau in mir fortwährend wuchs und wie ein umsichgreifendes Feuer sich von allem nährte, was mir begegnete und so durch diese unerwartete Erscheinung in verworrener Weise gesteigert wurde, wie durch jede Schneeflocke, die ein feuchtkalter Wind jetzt zertrieb und die mir einzeln an Augenbrauen und Wangen hängen blieben und schmolzen.

Den nächsten Tag verbrachte ich in der nutzlosesten Weise, hatte zu keinem Geschäft die richtige Aufmerksamkeit, kaufte ein Pferd, das mir eigentlich nicht gefiel, wartete nach Tisch dem Herzog von Nemours auf und verbrachte dort einige Zeit mit Spiel und mit den albernsten und widerwärtigsten Gesprächen. Es war nämlich von nichts anderem die Rede, als von der in der Stadt immer heftiger umsichgreifenden Pest, und aus allen diesen Edelleuten brachte man kein anderes Wort heraus als dergleichen Erzählungen von dem schnellen Verscharren der Leichen, von dem Strohfeuer, das man in den Totenzimmern brennen müsse, um die giftigen Dünste zu verzehren, und so fort; der Albernste aber erschien mir der Kanonikus von Chandieu, der, obwohl dick und gesund wie immer, sich nicht enthalten konnte, unausgesetzt nach seinen Fingernägeln hinabzuschielen, ob sich an ihnen schon das verdächtige Blauwerden zeige, womit sich die Krankheit anzukündigen pflegt.

Mich widerte das alles an, ich ging früh nach Hause und legte mich zu Bette, fand aber den Schlaf nicht, kleidete mich vor Ungeduld wieder an und wollte, koste es was es wolle, dorthin, meine Freundin zu sehen, und müßte ich mit meinen Leuten gewaltsam eindringen. Ich ging ans Fenster, meine Leute zu wecken, die eisige Nachtluft brachte mich zur Vernunft, und ich sah ein, daß dies der sichere Weg war, alles zu verderben. Angekleidet warf ich mich aufs Bett und schlief endlich ein.

Ähnlich verbrachte ich den Sonntag bis zum Abend, war viel zu früh in der bezeichneten Straße, zwang mich aber, in einer Nebengasse auf- und niederzugehen, bis es zehn Uhr schlug. Dann fand ich sogleich das Haus und die Tür, die sie mir beschrieben hatte, und die Tür auch offen, und dahinter den Gang und die Treppe. Oben aber die zweite Tür, zu der die Treppe führte, war verschlossen, doch ließ sie unten einen feinen Lichtstreif durch. So war sie drinnen und wartete und stand vielleicht horchend drinnen an der Tür, wie ich draußen. Ich kratzte mit dem Nagel an der Tür, da hörte ich drinnen Schritte: es schienen mir zögernd unsichere Schritte eines nackten Fußes. Eine Zeit stand ich ohne Atem und dann fing ich an zu klopfen: aber ich hörte eine Mannesstimme, die mich fragte, wer draußen sei. Ich drückte mich ans Dunkel des Türpfostens und gab keinen Laut von mir: die Tür blieb zu und ich klomm mit der äußersten Stille, Stufe für Stufe, die Stiege hinab, schlich den Gang hinaus ins Freie und ging, mit pochenden Schläfen und zusammengebissenen Zähnen, glühend vor Ungeduld, einige Straßen auf und ab. Endlich zog es mich wieder vor das Haus. ich wollte noch nicht hinein; ich fühlte, ich wußte, sie würde den Mann entfernen, es müßte gelingen, gleich würde ich zu ihr können. Die Gasse war eng; auf der anderen Seite war kein Haus, sondern die Mauer eines Klostergartens: an der drückte ich mich hin und suchte von gegenüber das Fenster zu erraten. Da loderte in einem, das offen stand, im oberen Stockwerk, ein Schein auf und sank wieder ab, wie von einer Flamme. Nun glaubte ich alles vor mir zu sehen: sie hatte ein großes Scheit in den Kamin geworfen wie damals, wie damals stand sie jetzt mitten im Zimmer, die Glieder funkelnd von der Flamme, oder saß auf dem Bette und horchte und wartete. Von der Tür würde ich sie sehen und den Schatten ihres Nackens, ihrer Schultern, den die durchsichtige Stelle an der Wand hob und senkte. Schon war ich im Gang, schon auf der Treppe; nun war auch die Tür nicht mehr verschlossen: angelehnt, ließ sie auch seitwärts den schwankenden Schein durch. Schon streckte ich die Hand nach der Klinke aus, da glaubte ich drinnen Schritte und Stimmen von mehreren zu hören. Ich wollte es aber nicht glauben: ich nahm es für das Arbeiten meines Blutes in den Schläfen, am Halse, und für das Lodern des Feuers drinnen. Auch damals hatte es laut gelodert. Nun hatte ich die Klinke gefaßt, da mußte ich begreifen, daß Menschen drinnen waren, mehrere Menschen. Aber nun war es mir gleich: denn ich fühlte, ich wußte, sie war auch drinnen, und sobald ich die Türe aufstieß, konnte ich sie sehen, sie ergreifen, und, wäre es auch aus den Händen anderer, mit einem Arm sie an mich reißen, müßte ich gleich den Raum für sie und mich mit meinem Degen, mit meinem Dolch aus einem Gewühl schreiender Menschen herausschneiden! Das einzige, was mir ganz unerträglich schien, war, noch länger zu warten.

Ich stieß die Tür auf und sah:

In der Mitte des leeren Zimmers ein paar Leute, welche Bettstroh verbrannten, und bei der Flamme, die das ganze Zimmer erleuchtete, abgekratzte Wände, deren Schutt auf dem Boden lag, und an einer Wand einen Tisch, auf dem zwei nackte Körper ausgestreckt lagen, der eine sehr groß, mit zugedecktem Kopf, der andere kleiner, gerade an der Wand hingestreckt, und daneben der schwarze Schatten feiner Formen, der emporspielte und wieder sank.

Ich taumelte die Stiege hinab und stieß vor dem Haus auf zwei Totengräber: der eine hielt mir seine kleine Laterne ins Gesicht und fragte mich, was ich suche? Der andere schob seinen ächzenden, knirschenden Karren gegen die Haustür. Ich zog den Degen, um sie mir vom Leibe zu halten, und kam nach Hause. Ich trank sogleich drei oder vier große Gläser schweren Weins und trat, nachdem ich mich ausgeruht hatte, den anderen Tag die Reise nach Lothringen an.

Alle Mühe, die ich mir nach meiner Rückkunft gegeben, irgend etwas von dieser Frau zu erfahren, war vergeblich. Ich ging sogar nach dem Laden mit den zwei Engeln; allein die Leute, die ihn jetzt inne hatten, wußten nicht, wer vor ihnen darin gesessen hatte.

M. de Bassompierre, journal de ma vie, Köln 1663. 

Goethe, Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten.


 

Alles dreht sich um eine Säule aus einer Art Polyesterharz, zehn Fuß hoch, vier Fuß im Durchmesser. Das Material glänzt so stark, man kann die eigene Reflektion darin sehen, wenn das Licht von hinten kommt. Gleichzeitig erweist es sich auch als durchsichtig genug, um, sofern sich jemand auf der anderen Seite der Skulptur befindet, einen verschwommenen Umriss der Person erkennen zu lassen. Drei Furchen ziehen sich durch die Oberfläche, sie winden sich kurz, bevor sie im Schwung der Säule aufgehen. Sie ist ein Werk des Künstlers Conroy Glasser mit dem Titel Feretory aus dem Jahr 1969 und Teil der Dauerausstellung im vierten Stock des Museum of Modern Art in New York. Direkt gegenüber befinden sich Zeichnungen von Agnes Martin, die einige Jahre früher, im selben Jahrzehnt wie die Skulptur, entstanden sind. Kurz nach Mitternacht, in der Nacht zum Weihnachtsmorgen, ertappte mich ein Nachtwächter bei Glassers Werk, eine Brandaxt bereits über meinen Kopf geschwungen. Ich bin, oder war, einer der leitenden Kuratoren des MoMa, mein Spezialgebiet ist die Light and Space Bewegung der 60er Jahre. So forderte man natürlich eine Erklärung von mir, warum ich den Wunsch gehabt hätte, ausgerechnet ein so wichtiges Werk zu zerstören. Die einzige Antwort, die mir dazu einfällt ist die, dass ich nichts weniger gewollt hatte, als es zu zerstören. Selbst nach allem, was geschehen ist, ist Feretory in meinen Augen noch immer ein Meisterwerk. Seine Zerstörung wäre nichts weiter gewesen, als die unvermeidliche Konsequenz dessen, was ich mit der Axt in dieser Nacht tatsächlich hatte erreichen wollen.

Um die visuellen Effekte der Skulpturen seiner späteren Schaffensperiode zu erzielen, legte Glasser großen Wert darauf, dass sie keine sichtbaren Verbindungstellen oder Nähte aufwiesen. Dafür brauchte er ein durchscheinendes Polyesterharz, das langsam genug abkühlte, damit er jede Form in einem einzigen Marathonguss – acht Barrel innerhalb von acht Stunden – befüllen konnte, ohne dass Risse oder Eintrübungen entstanden. Da ein solches Material damals nicht zur Verfügung stand, tat Glasser sich mit Leslie Ketban, einem engagierten Verkäufer von Hudson Plastics, zusammen, um sein eigenes Polyesterharz zu entwickeln. Nach vielen Monaten der Tüftelei, stieß Glasser auf das Katalysator-Verhältnis, das Feretory, Seventeen Sections und einige weitere, kleinere Arbeiten aus derselben Zeit ermöglichen würde. Das neue Material fand sich damals sogar im Hudson Plastics Katalog des Folgejahres. Es wurde besonders für Tresen-Oberflächen und Raumtrenner empfohlen und unter dem Namen Hudson-Glasser 11 vertrieben. Nur eine kleine Anerkennung könnte man sagen und doch eine, die in der Welt der Kunst des 20ten Jahrhunderts ihresgleichen sucht.

Es blieben fünf Monate bis zur Eröffnung der Gruppenausstellung Before Downtown, im Rahmen derer vier New Yorker Künstler der späten 60er Jahre gezeigt werden sollten, als Andrea Wooney in mein Büro kam. Es war eine dieser unvergleichlichen Wochen Ende September, die einen Londoner einfach verzaubern müssen. New York, der großzügigste aller Gastgeber lädt den Sommer zum Verweilen ein, länger, immer länger und bald würdigt man jeden Tropfen, der einem aus einer Klimaanlage über der Tür zu irgendeiner Bodega in den Kragen tropft, denn man weiß, dass auch dieser Tropfen noch mindestens eine weitere Woche abendlichen Biertrinkens auf dem Dach verspricht. Wooney hingegen hatte sich in einen Parka gemummelt, der aussah wie Lastwagenplane und sie hatte jenen wüsten, gehetzten Blick, den ich mittlerweile jeden Morgen im Badezimmerspiegel an mir selbst beobachten kann. Ihr Erscheinen erfüllte mich sogleich mit Wiederwillen, ich bereute es, diesem Gespräch zugestimmt zu haben. Für einen begrenzten Zeitraum in den frühen 2000ern hatten Wooneys Arbeiten hohe Preise erzielt und viele Rezensionen anlässlich der Whitney Biennale im Jahr 2002 hatten ihre Arbeiten mit jenen Conroy Glassers verglichen. Ich erinnerte mich daran, dass sie diesen Vergleich gern hingenommen, ja, erklärt hatte, dass sie sich in einem „erbitterten Dialog“ mit den Künstlern der Light and Space Bewegung befunden habe, bei denen es sich ausschließlich um Männer gehandelt hatte. Seitdem war sie von der Bildfläche verschwunden. „Sie müssen diese Ausstellung abblasen. Sie müssen das, was sie da tun, sofort beenden“, hatte sie ohne sich auch nur zu setzen oder sich vorzustellen, ja, ohne jede Form von Einleitung gesagt.

Ich möchte keiner dieser Typen sein, die Dinge wie „eine klassische feministische Argumentationslinie“ sagen, nur um diese Argumentationslinie sogleich verwerfen zu können. Doch im Zusammenhang mit Conroy Glasser gibt es tatsächlich eine klassische feministische Argumentationslinie (KFA): Sie lautet, dass jede öffentliche Einrichtung, die seine Werke zeigt, sich zum Komplizen häuslicher Gewalt macht, weil sie von ihr besudelte Arbeiten zeigt – und zwar basierend auf der unausgesprochenen Annahme, dass ein Mann nur Genie genug sein muss, um sein Verhalten Frauen gegenüber entschuldbar zu machen. Glassers Arbeiten entzogen sich der Wucht der KFA aus meiner damaligen Sicht gleich auf zweierlei Art. Zum einen wusste niemand so genau, ob Glasser tatsächlich für das Verschwinden seiner Frau verantwortlich gewesen war und so musste für ihn, wie auch für jeden anderen, die Unschuldsvermutung gelten. Zweitens – selbst wenn Glasser, wie durch die Verfechterinnen der KFA immer wieder propagiert, tatsächlich ein Mörder war – hatten doch die Skulpturen selbst niemandem je ein Leid angetan. Jedes Kunstwerk war vom Moment seiner Erschaffung an unabhängig von seinem Schöpfer. Möglicherweise war Feretory eng mit dem Verschwinden von Jillian Glasser verbunden, doch handelte es sich nicht um die Ergebnisse medizinischer Studien der Nazis oder die Spende eines Mafiapatens. Seine Werke waren autonome, unabhängige Wesen. Denn entschieden wir uns dafür, Glassers Arbeiten in das tiefe Verließ der Schande zu verbannen, wo würden wir dann aufhören? Würden wir uns von Caravaggios Madonnen abwenden, weil der einmal in Rom einen Mann ermordet hatte? Und so weiter und so weiter. Stundenlang konnte ich das so weiterspinnen. Das war die Argumentationslinie, der ich in meiner damaligen Naivität anhing.

Wer nichts über Glasser weiß – und das trifft noch immer auf viele Menschen zu – würde ganz automatisch annehmen, dass Feretory in Kalifornien entstanden sei. Doch einer der Gründe, warum diese Arbeit so wichtig ist, besteht darin, dass die Kunst der Light and Space Bewegung, so oft auf eine recht banale Art und Weise im Kontext der ästhetischen Umstände ihrer Entstehung betrachtet wird. Das vehemente Licht des pazifischen Himmels und der kleine Fetzen dieses Himmels, der sich auf der glänzenden Kühlerhaube deiner frisierten Karre spiegelt: das alles taugt einem Seminar in Wahrnehmung für Fortgeschrittene, taugt zum Lehrstück, nicht bloß im Hinblick darauf, was gesehen wird – weil es in diesem wolkenlosen Blau schließlich gar nichts zu sehen gibt – sondern zu einem Lehrstück über den Akt des Sehens an sich. Dennoch wäre es absurd zu behaupten, dass New York nicht in der Lage wäre seine eigenen Kenner der Phänomenologie hervorzubringen, solche, die ihren Schatten gleich zwei Mal auf dem Gehweg liegen sehen, wenn die Sonne einen gläsernen Turm in Midtown im gerade richtigen Winkel berührt. Vielleicht spähen sie auch nachts in einen Tunnel der G-Linie der U-Bahn, so erfüllt von der eigenen Hoffnung auf die Ankunft des 3:30h Zuges, dass es ihnen beinahe gelingt, sich Glauben zu machen, dass sie den Wiederschein seiner Frontscheinwerfer bereits erahnen können, bevor er sich überhaupt zeigt. Für mich ist Feretory durch und durch eine New Yorker Arbeit. Dann wiederum ist es natürlich eine Arbeit, die sich nirgendwo verorten lässt, eine Art apriorische Arbeit. Im Grunde hätte dieses Werk überall dort entstehen können, wo Menschen mit ihren Augen die Welt betasten.

Andrea Wooney kam mir nicht mit dem KFA, als sie mich aufforderte, Glassers Polyesterharz-Skulpturen nicht zu zeigen. Tatsächlich brachte sie gar kein für mich nachvollziehbares Argument. „Ich habe die Geschichte in der New York Times gelesen“, sagte sie. „Darüber, dass sie diese neuen Werke in China gießen lassen wollen. Sie müssen das absagen, wenn es denn noch nicht zu spät dafür ist. Sie glauben, dass Sie die Einzigen sind, die sich im Besitz der Formel befinden, aber das sind Sie nicht. Auch ich hatte sie einmal, deshalb weiß ich, was passieren wird. Ich sage Ihnen das nur zu Ihrem Besten. Ich hätte nicht herkommen müssen. Wie weit entfernt von Feretory befinden wir uns gerade? Ein paar hundert Fuß? Zu nah. Zu nah. Nie mehr wieder wollte ich ihm so nahe kommen. Ich hätte wirklich nicht herkommen müssen und sobald ich dieses Büro verlasse, ist es nicht mehr mein Problem. Ich werde sehr weit weg sein. Ich werde es Ihnen nur dieses eine Mal sagen. Ich selbst hatte die Formel, ich weiß Bescheid.“

Bei der Überschwemmung, die es im Zusammenhang mit Glassers Selbstmord in seinem Atelier gegeben hatte, waren alle seine Notizhefte verloren gegangen. Denn selbstverständlich ist Lower Manhatten problemlos dazu in der Lage, fünf Pappkartons einfach zu verschlingen wie ein bisschen Plankton. Die Zahl fünf stammt aus dem Polizeibericht. (Andererseits fragte ich stets: wenn Glasser seine Frau tatsächlich getötet hätte, wie wäre er ihre Leiche losgeworden? Er hatte kein Auto. Er hatte keine Freunde, die Autos besaßen. Er hätte sie wohl kaum in einem Taxi runter zum East River karren können). Die Hauptgeschäftsstelle von Hudson Plastics war ungefähr zur selben Zeit, als das Unternehmen im Jahr 1970 Konkurs anmelden musste, durch einen mutmaßlichen Brandanschlag zerstört worden. Soweit also festzustellen war, gab es zu Hudson-Glasser 11 ebenso wenige Spuren in den von beißenden Dämpfen umgebenen Chroniken der organischen Chemie wie vom griechischen Feuer. Und dann hatte ich eines Tages, im März 2011, einen Anruf von einem Mann erhalten, der sich als Bob Ketban vorgestellt hatte, Enkel des Polymer-Verkäufers Leslie Ketban. Statt mich in meinem Büro im MoMa zu besuchen, bestand er darauf, dass wir uns in einer zwielichtigen Sportkneipe auf der 48ten Straße trafen und obwohl es erst sechs Uhr war, hatte er sich bereits in einen Zustand weinerlichen Suffs getrunken. Immer wieder presste er seinen Finger gegen meine Brust, packte meinen Unterarm und rüttelte an meiner Schulter wie ein Mann, der versuchte auf halber Höhe an einer Klippe Halt zu finden, wobei er wiederholt ein grundloses, brüchiges Kichern von sich gab.

„Mein Vater hat viele Besitztümer seines Vaters an mich weiter vererbt“, sagte er an diesem Abend. „Allem voran das Familienunternehmen. Nicht das Plastikgeschäft, das gehörte nur meinem Großvater. Nein, ich will sagen, das Unglück. Das Unglück ist das Geschäft meiner Familie. Die Kalamitäten GmbH. So heißt unser Laden! Andernfalls säße ich hier und würde versuchen, Ihnen eine Kiste … Egal, das ist noch nicht alles. Auch ne ganze Menge Weisheit hab ich vermacht gekriegt. Eines Tages hat Vater mich beiseite genommen und mir den wichtigsten Rat überhaupt gegeben. Er selbst hatte ihn von seinem Vater und er lautete: ‚Wenn du genau hinsiehst, vielleicht ein bisschen genauer, als du solltest, wenn du wirklich schaust, bis dir die Augen aus dem Kopf fallen, dann siehst du …“

Wieder verlor Bob Ketban den Faden. „Naja, damit muss man sich jetzt auch nicht mehr befassen. Kein Grund, sich einen schönen Abend zu vermiesen. Und ich glaube eh nicht dran. Meinem Großvater kann man keine Schuld geben. Glasser bekam ohnehin die meiste Anerkennung für Hudson-Glasser 11, weil die kriegt schließlich immer das berühmte ‚Genie’. Die Menschen wissen nicht, wie viel mein Großvater mit eingebracht hat. Damals hatte Hudson Plastics zig Verträge mit der Regierung. Er wurde ständig in Laboratorien eingeladen, lernte Wissenschaftler kennen. Und die mussten schließlich mit irgendjemandem reden, über das, was sie da taten. Nicht einmal ihren Frauen durften die sonst erzählen, woran sie arbeiteten. Ich weiß das alles von meinem Vater. Der arme Hund. Hören Sie zu, ich will zehn Riesen dafür. Dieses Zeug ist unbezahlbar und es ist alles da. Ich will bloß zehn Riesen.“

Ich investierte fünftausend Dollar meines eigenen Geldes, um einen Faltordner voller Wasserflecken zu erwerben, der neben einer Reihe anderer Papiere von Leslie Ketban, auch die vollständige Formel für Hudson-Glasser 11 enthielt. Danach begann ich, die Präsentation vorzubereiten, mithilfe derer ich meine Abteilung am MoMa für das Herstellungs-Projekt gewinnen wollte. Viele Jahre zuvor, im Jahr 1998, hatte das Museum anlässlich des Todes des Bankiers Stephen Zduriencik, eine dem MoMa zu bereits zu seinen Lebzeiten zugesicherte Zuwendung erhalten: seine gesamte Sammlung von Kunst des 20. Jahrhunderts, alles von einem bahnbrechenden Rauschenberg bis hin zu einem zerknitterten Samaras Polaroid. Fast wie nebenbei waren dem Museum dabei auch drei sogenannte „Geisterarbeiten“ zugekommen. Zduriencik war in den späten 1960ern ein Förderer Glassers gewesen und als dem das Geld ausging, während er noch an Hudson-Glasser 11 arbeitete, erklärte der Bankier sich bereit, drei Arbeiten für den Garten seines Sommerhauses im Norden New Yorks, im Voraus zu bezahlen. Doch Glasser erhängte sich, nachdem er die Formen für die drei Skulpturen zwar bereits hergestellt, die Skulpturen selbst aber noch nicht gegossen hatte. So blieben Zduriencik nichts als die Pläne, die Glasser gezeichnet, die Gestaltungshinweise, die er dem Landschaftsgärtner geschickt hatte, und jene jungfräulichen Formen. Lange Zeit versauerte dieser Zuwachs in der Studiensammlung des MoMa – die Formen abstrakt, beinahe wertlos. Räume ohne Türen, bis zu ihrer Wiedervereinigung mit Hudson-Glasser 11 viele Jahre später.

Unter anderen Umständen hätten wir im Zusammenhang mit dem Nachlass die Erlaubnis der Erben eingeholt, doch in Glassers Fall gab es niemanden, der als Erbe hätte fungieren können. Als ich mit einem Reporter der New York Times über das Herstellungs-Projekt sprach, räsonierte ich, dass es nicht weniger kühn sei, die Skulpturen zu gießen, als die Entscheidung des französischen Chambre des Députés von ihrem Recht Gebrauch zu machen, basierend auf alten Gipsabdrücken Rodins, neue Bronzeformen anzufertigen, siehe auch Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, siehe auch Krauss’ die Originalität der Avant-Garde und andere Mythen der Moderne. Und das wiederum brachte mich auch wieder zurück zur KFA, die gewissermaßen einen Ausdruck heidnischen Glaubens an die Aura des Kunstwerkes darstellte. Nun, konnte es denn einen besseren Weg geben, dem Werk diese Aura, sofern man denn an sie glaubte, auszutreiben, denn jenen, solche Werke auszustellen, die der Künstler selbst nie berührt hatte? Als Andrea Wooney mich besuchte, waren die Versuchsreihen, der Guss und der Prozess des Polierens schon längst in einer Fabrik in Shenzhen in Gang gebracht worden, nachdem wir die Formen dorthin verschickt hatten (keine Firma in Europa oder den USA war in der Lage, diese Arbeit zu einem angemessenen Preis durchzuführen). Hin und wieder erhielt ich E-Mails, die soweit ich in der Lage war, sie zu entschlüsseln, enthusiastisch klangen, manchmal war es auch Megan, eine ehrgeizige Praktikantin, deren Familie aus China kam, die besonders früh aufstand, um via Skype mit einem der dortigen Manager zu sprechen.

„Sie fragen sich sicher, wie ich mir die Formel verschaffen konnte“, sagte Andrea Wooney. „Sie fragen sich, wer sie mir gegeben hat. Aber sie wurde mir nicht gegeben. Ich selbst musste sie neu entdecken. Die Polymere von damals werden kaum noch verwendet, genau wie die alten Katalysatoren also ist das ganze Wissen verlorengegangen – Gott sei Dank. Drei Jahre Arbeit hat mich das gekostet und alles, was ich je an Geld verdient hatte. Eine Zeit lang kam ich jeden Tag hierher, um mir Feretory anzusehen. Ich versuchte zu verstehen, was ich noch immer falsch machte. Keine Person kann so viel Zeit damit verbringen, Feretory zu betrachten, ohne sich darüber klar zu werden, dass sie machen sollte, dass sie wegkommt, dass sie es einfach vergessen sollte. Wenn Ihnen das noch nicht klargeworden ist, dann haben sie noch nicht genau genug hingesehen. Das tun Kuratoren nie. Aber auch ich machte trotzdem weiter. Die Dämpfe waren giftig, also trug ich bei der Arbeit zunächst eine Maske, aber als ich der Zusammensetzung immer näherkam, begann ich die Maske abzusetzen, um den Geruch bei der Entwicklung miteinbeziehen zu können. Manchmal, wenn ich genug eingeatmet hatte, sah ich unaussprechliche Dinge. Ich hatte drei Assistenten in meinem Atelier – Cleo, Nick und Paddy. Bald schnüffelten wir es alle. Danach standen wir würgend im Bad, ohne dass etwas herausgekommen wäre, manchmal husteten wir Blut, doch ich kam der Formel immer näher und wir alle näherten uns einer Art von Wahrheit. Damals schlief ich mit Paddy. Eines Tages, ohne jeden erdenklichen Grund, platze ein Gießtrichter und bevor wir irgendetwas unternehmen konnten, stand Paddy bis zu den Schienbeinen in geschmolzenem Polyesterharz. An diesem Tag wusste ich, dass ich die Formel hatte. Er verlor beide Füße. Aber auch nicht mehr als das. Unter uns Vieren, war er der Glückspilz.“ Sie nahm eine Karteikarte aus der Tasche ihres Parkas und legte sie auf den Schreibtisch. „Wenn Sie mir nicht glauben, sprechen sie mit Marlon Rayle.“ Während sie bereits hastig mein Büro verließ, nahm ich die Karte zur Hand. Nicht die Kontaktdaten von Marlon Rayle standen darauf, sondern die Adresse einer psychiatrischen Klinik in Philadelphia.

Conroy Glasser mag ein abscheulicher Ehemann gewesen sein, doch niemand hätte Jillian Glasser jemals für einen Engel gehalten. Selbst ihre Verteidiger würden zustimmen, dass das Paar sich sehr ähnelte: beide waren rachsüchtig, hinterhältig und stets erfüllt von Wodka, Sex und Zorn. Damals witzelte man, dass New York, diese großartige Stadt, sie in den heiligen Stand der Ehe geführt hatte, ganz so, wie die CIA versucht hatte, die Cosa Nostra auf Fidel Castro anzusetzen, oder wie man das Gift einer Qualle mit frischer Pisse zu neutralisieren sucht. Und doch glaube ich nicht, dass Conroy und Jillian wirklich in der gleichen Liga spielten. Als die Nachricht über Conroy Glassers Selbstmord sich verbreitete, ja, als deutlich wurde, dass er sich nur zwei Wochen, nachdem er die New Yorker Polizeidienststelle darüber informiert hatte, dass seine Frau vom Zigarettenholen nicht zurückgekehrt war, erhängt hatte, begannen die Gerüchte. Conroy sei nicht der erste Liebhaber Jillians, der sich das Leben genommen habe. Damals an der Vassar Universität, hatte sie mitbekommen, dass ihr damaliger Freund, der Quarterback des Footballteams auf einer Party beim Knutschen mit einer anderen beobachtet worden war. Daraufhin hatte sie beschlossen ihn zu zerstören, allerdings ohne die Beziehung zu beenden. Einen Monat später, während Jillian in einer Vorlesung saß, ging er zur Casperkill Schlucht. Nicht einmal einen Zettel hinterließ er. Tja, so war sie, diese gertenschlanke Violinistin von der Upper East Side.

„Der Typ hat seine Frau ermordet“, würden viele Leute sagen, „und Sie tun so, als sei er das Opfer in der Beziehung gewesen.“ Darauf kann ich nur entgegnen, dass die Tatsache, dass jemand in der Lage ist, einen Mord zu begehen, noch lange keinen echten Charaktertest darstellt. Es gibt viele persönliche Eigenschaften, die nicht wirklich messbar sind. Einige davon haben Glasser gewiss gefehlt, oder sie kamen höchstens in seiner Kunst jemals zum Ausdruck. Jillian Glasser verfügte über eine regelrecht gottlose Zielstrebigkeit und ein kühles, freudloses Gemüt – unerschütterlich und stets mit beiden Händen packte sie die Welt bei der Gurgel. Die wenigen Freunde Conroys, diejenigen, die nicht glaubten, dass er sie getötet und sich anschließend aus Reue das Leben genommen hatte, behaupteten, dass er sich, ganz im Gegenteil, nach ihrem Verschwinden aus lauter Schmerz erhängt hatte. Ich glaube, dass wir alle hoffen, oder auch befürchten, dass romantische Liebe eine dermaßen omnipotente und vernunftlose Macht ist, dass es tatsächlich jemanden geben könnte, der echte selbstmörderische Verzweiflung empfindet, nachdem eine Frau wie Jillian Glasser sein Leben verlässt.

Ich war Marlon Rayle, jenem Mann, mit dem ich mich laut Andrea Wooney unterhalten sollte, noch nie begegnet, aber sein Name kam mir bekannt vor. In meinem Büro gab es ein Archiv mit Artikeln zur Light and Space Bewegung, das ich mit an Besessenheit grenzender Gründlichkeit führte. Darin fanden sich mehrere von Rayle verfasste Rezensionen über entsprechende Ausstellungen für das Magazin Artforum, sowie über Ausstellungen, die Rayle selbst, vor allem im Raum Philadelphia, kuratiert hatte. Nach dem Jahr 1998 gab es keine Ausschnitte mehr. Mir war klar, dass es das Klügste wäre, die Karteikarte einfach wegzuwerfen. Andrea Wooney war eine psychisch gestörte Frau, die mir etwas Unzusammenhängendes erzählt hatte, was man nicht einmal als eine Geschichte bezeichnen konnte. Wenn ich nun erklären sollte, warum ich dennoch zum Telefon griff und die psychiatrische Klinik anrief, dann kann ich nur vermuten, dass ihre Warnungen irgendwo im Unterschallbereich etwas in mir zum Schwingen brachten, so wie das entfernte Geräusch der U-Bahn-Line, die von der Avenue A bis zum Schlund der Hölle rumpelt, einen manchmal mit Unruhe erfüllt. Aus denselben Untiefen musste die Erkenntnis dessen, worüber Andrea Wooney sprach in mein Bewusstsein gedrungen sein. Als es mir gelang, eine Assistenzärztin in der Klinik zu erreichen, erfuhr ich, dass Mr. Rayle das Privileg telefonieren zu dürfen eingebüßt habe, dass ich ihn aber persönlich besuchen könne, sofern ich denn Willens sei, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben. Vor mir selbst redete ich mich damit heraus, dass ich ohnehin die Ausstellung von Jason Rhoades im dortigen Institut für zeitgenössische Kunst hatte besuchen wollen. Also gab ich der Frau meine Telefonnummer, damit sie die Vereinbarung des Treffens bestätigen konnte, sofern Rayle sich darauf einließe. Danach schrieb ich eine E-Mail an die Fabrik in Shenzhen, nur um sicherzustellen, dass alles seinen Gang ging, obwohl ich es beinahe verstohlen tat, weil ich mir dabei albern vorkam.

„Am Anfang fand ich es hier gar nicht so schlimm“, sagte Rayle zu mir. „Die Patienten organisieren jedes Jahr eine Kunstausstellung. Früher haben sie mir erlaubt, die zu kuratieren, aber das darf ich jetzt auch nicht mehr. Ein oder zwei Mal im Jahr habe ich mich vergessen und jetzt darf ich im Grunde mit niemandem Kontakt haben. Deshalb weiß ich Ihr Kommen sehr zu schätzen.“ Um zum Besucherraum zu gelangen, war ich von einem Wärter, der jetzt in einer Ecke stand und sich an einem Fleck Schuppenflechte auf seinem Hals kratzte, durch eine Reihe verschlossener Türen geführt worden. Darüber hinaus hatte ich ihm mein Telefon, mein Portemonnaie, meine Schlüssel und sogar mein Händedesinfektionsgel aushändigen müssen. Rayle war so höflich, ein Mann der weichen Töne und dabei so akribisch gepflegt – was für ein Patient trug schon eine Ansteckblume? – dass ich mich immer wieder an die Warnungen erinnern musste, die der Arzt mir gegenüber ausgesprochen hatte.

„Ich weiß nicht, wieviel Andrea Ihnen erzählt hat, also fange ich einfach am Anfang an“, sagte er. „Damals, 1998, plante ich eine Ausstellung mit Glassers späteren Arbeiten – kleinere Arbeiten aus der Feretory Periode. Glasser war damals immer noch nicht wieder angesagt, aber ich dachte, ich könne das ändern. Ich habe ein paar Anfragen rausgeschickt und bei ein paar privaten Sammlungen hatte ich Glück. Es gelang mir sogar, Zduriencik davon zu überzeugen, mir eines seiner Werke zu leihen – und Zduriencik verlieh niemals irgendetwas außerhalb New Yorks, egal wer fragte. Es sollte eine großartige Ausstellung werden. Aber dann gab es dieses seltsame Phänomen mit den Praktikanten. Sie kündigten. Schickte ich sie in den Keller, wo die ganzen Glassers lagerten, für kurz oder für länger machte keinen Unterschied: am nächsten Tag riefen sie an, um zu sagen, dass sie nicht mehr wiederkämen, manche taten nicht mal das. Ich verschliss so viele Praktikanten, dass ich in der Stadt schon bald einen Ruf weghatte – alle dachten ich sei ein Tyrann oder irgendwie pervers. Irgendwann fand ich dann eine, die länger als eine Woche blieb. Doch dann ging sie eines Tages runter in den Lagerraum und als ich sie einige Stunden später vermisste, ging ich runter und fand sie – also zunächst konnte ich gar nicht feststellen, ob es tatsächlich meine Praktikantin war, aber ein DNA-Test brachte dann Gewissheit. Auf dem Flur gab es eine Überwachungskamera und niemand außer ihr und mir war an diesem Tag in den Keller gegangen. Ganz logisch, dass sie mir die Schuld gaben. Und es stimmt ja auch, natürlich war es meine Schuld. Selbst nachdem ich verstanden hatte, was ich da im Polyesterharz erkannt hatte, schickte ich diese Kids allein in den Keller. Zduriencik starb ein paar Monate später. Und wissen Sie warum? Weil die Galerie, nachdem wir die Ausstellung abgeblasen hatten, alle Werke zurück an die Sammler geschickt hatte, die sie uns geliehen hatten. Ich schätze Zduriencik hatte die Skulptur eigentlich schon fast vergessen, bis er sah, wie sie angeliefert und ausgepackt wurde. Sie gefiel ihm so gut, dass er sie in sein Schlafzimmer stellte.“

Nachdem ich Marlon Rayle besucht hatte, wählte ich die Nummer von Ketban, die ich noch in meiner Kontaktdatenbank hatte, aber der Anschluss war nicht mehr vergeben. Damals, als ich die Papiere seines Großvaters gekauft hatte, hatte ich kaum einen Blick auf den Vertrag verschwendet, den er angefertigt hatte. Ich hatte ihn direkt an die Rechtsabteilung des MoMa weitergegeben. Ich grub in meinem Aktenschrank und als ich das Dokument fand, bemerkte ich, dass er seine private Adresse angegeben hatte. Zu meinem Erstaunen kannte ich diese Adresse. Das neoromanische Gebäude auf der Great Jones Street, in dem sich einmal Conroy Glassers Atelier befunden hatte, beherbergt heute vier Büroetagen und ein hawaiianisches Restaurant im Erdgeschoss, was ganz besonders im Modebetrieb sehr beliebt ist. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich nicht, ebenso wie alle anderen, die an Glassers Unschuld glaubten, ein wenig erleichtert war, als das Restaurant eröffnete. Die reibungslose Eröffnung sprach dafür, dass die sterblichen Überreste Jillian Glassers bei der Entkernung des Gebäudes nicht zutage gekommen waren, weder eingemauert in eine Wand, noch versenkt in einem Abwassertank. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich eines der letzten Hotels in New York, das noch komplett diese Billig-Einzelzimmer vermietet. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse hatten es vor der Sanierung bewahrt und hielten es in einer Art Schwebezustand. Ketbans Adresse auf dem Vertrag war die des Hotels. Ausgerechnet Bob Ketban, so verzagt angesichts der „Kalamitäten GmbH“, hatte das Hotel unmittelbar gegenüber der Wirkungsstätte des früheren Mitarbeiters seines Großvaters als seinen Wohnort gewählt. Auf dem Weg nach draußen warf ich einen letzten Blick in meinen E-Mail-Posteingang. Noch immer nichts Neues aus Shenzhen. Seit mehr als einer Woche, hatten ich von dort nichts mehr gehört.

Aus Gründen, die niemand außer Anwälten nachvollziehen kann, war es wichtig, dass die Familie, die das Hotel auf der Great Jones Street sechzig Jahre lang geführt hatte, auch fortfuhr das zu tun. Nur so konnten sie ihre rechtlichen Ansprüche aufrechterhalten. Aus diesem Grund war keiner der betagten Mieter, die noch dort lebten, herausgeschmissen worden, aber die Familie hatten sich auch nie die Mühe gemacht, die Leerstände zu füllen, oder die Zimmer zu pflegen. So war das Hotel mittlerweile vollkommen verpekt, ein totales Wrack. Das alles erklärte mir der Leiter des Hotels, als ich hinging, um nach Bob Ketban zu fragen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, dass der eines Tages im Mai 2011 tot in seinem Zimmer gefunden worden war. Mit anderen Worten: Ketban war nicht mehr als ein paar Monate, nachdem wir uns zum ersten Mal begegnet waren, gestorben. Der Hoteldirektor nahm sofort eine Pappschachtel mit Ketbans persönlichen Sachen vom obersten Regal in seinem Büro. Vermutlich hoffte er, dass ich gekommen war, um die Gegenstände zu reklamieren, sodass der Platz im Regal wieder frei würde.

Ich vermute, dass niemand, beim Blick in diesen Karton, nicht an den eigenen Tod gedacht hätte. Er ähnelte jenem Faltordner, in dem Leslie Ketbans Papiere eingesperrt gewesen waren und tatsächlich war das erste, was ich herausnahm, nicht wirklich eines von Bob Ketbans Besitztümern, sondern hatte seinem Großvater gehört. Es handelte sich um eine Art rechteckigen Pokal, darauf eine Plakette. Folgende Worte waren darauf graviert: „Leslie Ketban, Hudson Plastics Verkäufer des Jahres 1969.“ Ganz offensichtlich war auch der Pokal aus Hudson-Glasser 11 hergestellt worden. Ich war überrascht von der leicht fettigen, beinahe amphibienartigen Textur der Oberfläche und realisierte, dass ich Feretory in all den Jahren als Kurator, in all den Jahren, die ich in seiner Nähe verbracht hatte, niemals berührt, ja, überhaupt nichts, was aus diesem Material gemacht worden war, je angefasst hatte. Und während ich noch diese Feststellung machte, rutschte das Teil mir aus der Hand und zerbrach am Boden. Ich sollte dazu sagen, dass der Pokal ebenso durchscheinend war, wie die Säule im MoMa, jedoch um einiges dünner. Man konnte geradewegs hindurchschauen. Und doch bemerkte ich, als ich mich beschämt nach den zwei Hälften bückte, dass der Pokal genau an jener Stelle geborsten war, wo etwas im Harz eingeschlossen, aber bis zu diesem Augenblick unsichtbar gewesen war. Es war eine Baby-Ratte. Perfekt konserviert.

‚Hören Sie, Sie denken das ganz falsch“, sagte Marlon Rayle, als ich ihn ein zweites Mal besuchte. „Sie betrachten es wie einen Fleck auf einer Bodenleiste, oder ein Bakterium, was bei einem Handschlag übertragen wird. Bloß weil Jillian Glasser in dem Gebäude auf der Great Jones Street getötet wurde, meinen Sie, die Models müssten Abend für Abend schreiend aus dem Restaurant rennen. Sie fragen sich warum das nicht der Fall ist? Nun, so funktioniert das nicht. Andrea Wooneys Atelier befand sich drüben in Williamsburg und sie hatte nie direkt mit Conroy Glasser zu tun. Aber sollten Sie bald erfahren, dass die Menschen in ihrer Fabrik in Shenzhen alle miteinander der Tod oder Schlimmeres ereilt hat, obwohl die sich auf der anderen Seite der Erde befinden und nie in ihrem Leben auch nur einen einzigen Blick auf Feretory geworfen haben, dann hoffe ich, dass Sie endlich alles begreifen werden. Warum glauben sie ist Hudson Plastics im Jahr 1970 pleitegegangen? Es geht um die Formel. Es geht um Hudson-Glasser 11. Darin lebt sie. Sie lebt in diesem Harz, ganz egal, wer es anrührt.“

Ich betrachtete den Wärter in der Ecke, dessen Schuppenflechte sich bis zu seinem linken Ohrläppchen ausgebreitet hatte. „Ok, nun denken Sie sicher ans MoMa. Feretory steht dort seit Jahrzehnten. Warum liegt es nicht auch schon längst in Schutt und Asche? Warum sind Sie alle dort noch immer am Leben?“

Rayle beugte sich vor. „Schauen Sie sich an, wie die Ausstellungsfläche im vierten Stock organisiert ist. Da sind die drei Zeichnungen von Agnes Martin, genau gegenüber von Feretory. Ich glaube, dass es einzig und allein diese Bilder sind, die Sie im MoMa all die Jahre vor ihr geschützt haben. Was hat Boethius nochmal gesagt? ‚Der Teufel hasst Grenzen und Schranken, also fürchte nicht die dunklen Ecken. Der Wahnsinn verbirgt sich in Licht und Raum.’“

Das für mich mittlerweile plausibelste Szenario ist folgendes: Leslie Ketban ließ sich mit Conroy Glassers Frau ein, aber statt, dass es die Freunde entzweit hätte, verbündeten sie sich gegen die gemeinsame Feindin. In jenen Jahren gab es in Manhattan viele streunende Katzen und Hunde und ganz sicher, machten die Männer sich diesen Umstand zu Nutze, um die Formel im Kleinen zu testen. Das Harz sollte das Licht so brechen, dass man direkt hindurchsehen konnte, ohne dass man den Kadaver bemerkte, der darin, wie die sprichwörtliche Mücke im Bernstein, eingeschlossen war. Doch als sie, inspiriert von dem, was Leslie Ketban im Zusammenhang mit den Aufträgen für die Regierung gelernt hatte, einige Weiterentwicklungen des Stoffes vornahmen, brachten sie, ohne sich darüber im Klaren zu sein, unkalkulierbare Potenzialitäten ins Spiel.

Dennoch, selbst nach meiner „Suspendierung auf unbestimmte Zeit“ und nach den erstaunlichen Entdeckungen in Shenzhen, wird das MoMa, Before Downtown in leicht abgewandelter Form auf die Beine stellen, was bedeutet, dass Feretory in eine andere Gallery gebracht wird. So wird es sich dann nicht nur außer Reichweite der göttlichen Gnade von Agnes Martins Rasterbildern befinden, nein, mutmaßlich wird die Präsenz der kleineren Werke, die Marlon Rayle damals in Philadelphia hatte zeigen wollen, seine Macht noch vervielfachen. Die KFA war näher an der Wahrheit gewesen, als irgendeine ihrer Verfechterinnen es je für möglich gehalten hätte: Schau nur tief genug in die Skulptur hinein, so lange „bis die Augen dir aus dem Kopf fallen“, dann wirst du sehen, dass Conroy Glassers Verbrechen, noch immer in ihr wohnt.

Als ich am Weihnachtsmorgen mit der Brandaxt in der Hand auf Feretory zu schlich, sagte ich mir, dass ich gekommen war, um die Kaiserin im Harz zu zerstören. Doch Hudson-Glasser 11 ist stärker als ein so schwacher Wille wie meiner einer ist. Denn als Conroy Glasser im Jahr 1969 eine Schlinge von einem Rohr an der Decke baumeln ließ, folgte er Befehlen, denen er sich nicht wiedersetzen konnte, genauso wenig wie Marlon Rayle viele Jahre später und auch Andrea Wooney, Bob Ketban und vielleicht sogar Steven Zduriencik – sie alle sind heute nicht mehr am Leben, bis auf Rayle. Welchen Teil meiner Arbeit an Before Downtown hatte ich aus eigenem Antrieb getan? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich viele Minuten wie paralysiert dastand, die Axt bereits erhoben, bis der Nachtwächter mich fand. Ja, in diesem Moment wollte ich Jillian Glasser zerstören, aber noch viel dringender wollte ich sie befreien.


*© Ned Beauman 2013, First published in The Guardian in 2013.

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