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Paul Espeseth, der das Antidepressivum Celexa abgesetzt hatte, machte sich in SeaWorld auf das Schlimmste gefasst. Er fragte sich bloß, welche Form die Katastrophe annehmen würde. Indem er einen Enthüllungsbericht über den Ozean-Themenpark aus dem Kabelfernsehen paraphrasierte, den aber weder er noch sie gesehen hatte, hatte Esepeth versucht, sein Veto gegen den Ausflug einzulegen. Doch seine Frau hatte das Argument gleich auf die Matte geschickt: »Die Mädchen sollten die Dinge sehen, die sie lieben, bevor sie ganz von der Welt verschwinden.«

Nun war er also hier. Bei der ersten Etappe ging es offenbar um Flamingos. Nachdem er seine vierjährigen Zwillinge durch das Drehkreuz und an den Andenkenläden vorbeibugsiert hatte, mit den Stoffversionen jener Spezies, denen sie in Fleisch und Blut gegenüber stehen würden, folgte seine Familie dem Leitsystem des Parks und wurde von den Vögeln in Empfang genommen. Ihre rotschwarzen Ziffernköpfe tanzten auf rosafarbenen, dicht mit Federn bedeckten Stängeln, schwebten über den Köpfen einer Gruppe von Neuankömmlingen.

»Wartet, bis ihr dran seid, Mädchen«, sagte seine Frau. Angesichts dessen aber, dass es keine wirkliche Reihenfolge gab, nahm Espeseth Chloe und Deidre bei der Hand und gemeinsam drängelten sie sich in den Pulk hinein, um einen Blick auf die Vögel zu erhaschen. Seine Frau blieb zurück und passte auf den Zwillingsbuggy mit ihrem Krempel auf. Aus der Nähe sah Espeseth, dass die Vögel auf einer Insel gefangen waren, einem akkurat gemähten Grashügel, umgeben von einem niedrigen Zaun und Schildern, auf denen »Bitte nicht füttern« stand.

»Könnt ihr sie sehen?«, flüsterte er hinab zu den Mädchen, so als handele es sich bei dem Haufen exotischer Vögel um etwas Wildes, gesichtet in der Ferne, einen Schwarm, der aufgeschreckt werden und verschwinden könnte. Tatsächlich aber hatte man ihnen die entscheidenden Flügel gestutzt und sie flugunfähig gemacht, was das Gleiche war, als wenn man einem Gegner die Archillessehne durchtrennte und ihn so zum Krüppel machte. Die Vögel hatten keine Möglichkeit sich dem Sperrfeuer kreischender Familien zu entziehen, die ihre Jüngsten nah genug heranschoben, um ein Handyfoto machen zu können.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Sie haben auch Angst«, erklärte er ihr. So wie ich. Die Flamingos gehörten zu den Dingen, auf die ihn nichts hätte vorbereiten können. Indem er im Vorfeld mit den Mädchen an die hundert YouTube-Videos über Orcas geschaut, Bilder von Orcas aus Zeitschriften ausgeschnitten und seine Kinder zur Schlafenszeit in Betten voll ausgestopfter Orcas geknuddelt hatte, hatte Paul Espeseth seine Seele hart gemacht und in Orca-Bereitschaft versetzt – ihre muskulöse Eindringlichkeit, ihr stummes Drama, die Möglichkeit, dass sie vor aller Augen und von inspirativer Musik begleitet, einem ihrer Neoprenanzug tragenden Trainer Ellbogen oder Hals amputieren könnten. Aber die Designer des Parks hatten ihn gelinkt, hatten ihn mit Flamingos besänftigt, wie mit einer lockeren Runde Zigarettenausdrücken auf dem Brustkorb, bevor man zum Waterboarding überging.

Die Mädchen fassten sich ein Herz und drängelten sich ganz nach vorn, gaben dann aber wieder kleinbei und wurden von anderen ungeduldigen, sozial benachteiligten Kindern verdrängt. Den Vögeln musste es so vorkommen, als ebbe die Flutwelle blühend psychotischer Gesichter niemals ab.

Im Kontext ihrer Spezies hatten diese Flamingos etwas von Weltraumfahrern, die mit Geschichten zurückkehren würden, für die es keine Worte gab. Bloß, dass sie niemals zurückkehren würden. Man hätte die Vögel genauso gut in Tiefseetaucherkugeln stecken und sie den Orcas vorstellen können, oder aber ihre Nahrung mit LSD versetzen.

      »Gehen wir«, sagte er und zog die Zwillinge fort. Ihre Patschehändchen hatten zu schwitzen begonnen, oder er war es, der begonnen hatte sie vollzuschwitzen. »Es gibt noch eine Menge … anderes«.

»Die Killerwal-Show!«, kreischten die Mädchen. Dafür waren sie hergekommen.

»Die Show beginnt um elf«, erklärte er. »Wir haben noch etwas Zeit. Und auf dem Weg dorthin gibt´s noch andere Sachen. Haie.« Er hatte den Hintersinn des Geländeplans auf den ersten Blick durchschaut: von dort, wo man abgeworfen wurde, gelangte man nicht zum Shamu Stadium, ohne zunächst andere Attraktionen passieren zu müssen. Er schlug den Weg in Richtung der Haie und Riesenschildkröten ein, wenn auch nur als Schachzug, um die Sesame Street of Play und eine Achterbahn namens Manta zu umgehen. Er hatte Prinzipien. SeaWord sollte dem gerecht werden, was der Name versprach: unheimliche Begegnungen mit der Unterwasserfauna bieten, nicht mit Vögeln, Elmo, genauswenig wie mit Prinzessin Leia oder Cap’n Crunch. Aber während sie so die Pfade entlangliefen, hatte er hier trotzdem nicht das Gefühl, das Kommando darüber zu haben, wohin seine Familie steuerte. Sondern fühlte sich in Muster fachmännisch prognostizierter Reaktionen und Verhaltensweisen gepresst, auch was die fälligen Aufwendungen in Form von Schweiß, guter Laune und anderer Währungen betraf, sowohl aus seiner Brieftasche, als auch seiner Seele. Er war hilflos wie eine Flipperkugel, die in einem dieser Tischgeräte herumflog. Nicht einem dieser einfachen, langsam verfallenden Apparate, die er aus den Spielhallen im Minneapolis der Siebziger kannte, sondern einem dieser wütenden, pulsierenden Neunziger-Jahre-Flipper, deren halbes Dutzend Neonhebel auf sein Gehirn eindroschen.

Auf ein weiteres Legoland-Wunder zu hoffen, erschien ihm nicht realistisch. Zwei Monate zuvor hatten sich Espeseth, seine Frau und die Zwillingstöchter nach Süden aufgemacht und Legoland besucht. Legoland war erträglich gewesen. Es war abwechslungsreich und gut strukturiert gewesen und hatte Nervenkitzel geboten. Es gab auch dort ein paar schlimme Bereiche, einschließlich, ganz vorneweg, der fingierten Hauptstadt namens Fun Town, aber andere waren in Ordnung, mehr als in Ordnung, etwa der Pulk von Restaurants auf dem Castle Hill. Dort war es ihm gelungen, während die Zwillinge sich mit der Königin fotografieren liessen und in Sätteln von ritterlichen Lego-Turnierpferden saßen, die auf Bahnschienen montiert waren, sich davonzustehlen und bei Castle Ice Cream einen doppelten Espresso zu ergattern. Das war etwas gewesen. Mit seinem Espresso in einer schattigen Ecke des Burginnenhofs verborgen, hatte er seinen Töchtern schweigend zugeprostet, während sie hintereinanderher den Parcours abfuhren. Legoland trug also die Schuld, nahm er an: Seine Erträglichkeit hatte dazu geführt, dass er bei SeaWorld zu schnell eingewilligt hatte, was selbst mit Celexa, wie ihn nun klar war, eine völlig andere Angelegenheit gewesen wäre.

Sein Psychiater, Irving Renker, hatte ihn vor den Auswirkungen auf sein Gehirn gewarnt, wenn er das Celexa ausschlich. Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte Espeseth das Mittel erst seit zwei Tagen nicht mehr genommen. Er hörte unter Renkers Anleitung damit auf, ganz nach Vorschrift. »Machen Sie sich darauf gefasst«, erklärte ihm Renker. »Sie werden möglicherweise Penner und Taschendiebe sehen.«

»Sehen, im Sinne von halluzinieren?«

»Nein«, sagte Renker. »Halluzinieren werden Sie nicht. Ich meine sehen im Sinne von bemerken. Sie werden womöglich im überdurchschnittlichen Maße Penner und Taschendiebe bemerken. Irgendwelche fiesen Typen. Perverslinge. Sogar Amputierte.«

Irving Renker war ein New Yorker Jude, der seinem Archetyp entfleucht war wie ein Hummer seiner Schale, also noch immer in die unerbittliche Form dieser Schale hineinpasste, gleichzeitig jedoch wie frisch geschlüpft, roh und staunend in der Weltgeschichte herumlief. Renker legte großen Wert auf Sport und man traf ihn in den Hügeln von Santa Barbara an, wo er mit seinem Fahrrad herumkurvte, mit Helm, Sonnenbrille und einem bürotauglichen Pullover, blauer Hose und lederbesohlten Schuhe. Weiter unten in der Stadt hatte Espeseth ihn noch nie gesehen, geschweige denn in Strandnähe. Er vermutete, dass Renkers Frau alle Einkäufe erledigte. Renkers Büro befand sich in einer Einliegerwohnung, eingebettet in die mit Buschwerk bewachsenen Hügel hinter seinem Haus, das aufgrund des abschüssigen Geländes auf Stelzen stand. Die Vorhänge vor Renkers Fenster waren stets zugezogen, um neugierige Blicke abzuwehren. Verbarg sich hier eine geheime Klause jüdischer Intellektueller mit vollgestellten Bücherregalen, sigmundschen Fetischmasken und flippigen, nicht mehr enträucherbaren Perserteppichen? Unmöglich zu bestimmen. Das Gesprächszimmer war nichtssagend: gerahmte, abstrakte Aquarelle, beige Sitzmöbel und eine Uhr aus Messing.

Im Gespräch verwendete Renker neben den Wendungen »Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?« und »Nicht den Kopf zerbrechen!«, zudem häufig Begriffe wie »die Schwarzen«, »Orientale«, »behumpsen« und »Penner«. Einmal, als Espeseth ausgiebig in Erinnerungen geschwelgt hatte, wie er während eines Angelausflugs mit seinen drei Brüdern gemeinsam auf dem Vordersitz des väterlichen Pick-ups gesessen hatte, hatte Renker gemurmelt: »Ja, ja, nennt man für gewöhnlich ›Tortilla-Kutsche‹«.

Aber Espeseth konfrontierte oder verbesserte seinen Psychiater nie. Stattdessen bot er höflich Beispiele für angemessene Wortwahl an, in diesem Fall, indem er entgegnete: »Bedeutet das, dass das Celexa mich, was, gegenüber wohnungslosen Menschen blind gemacht hat? Oder die Wahrscheinlichkeit erhöht hat, ausgeraubt zu werden?«

»Es ist eine Frage des Augenmerks«, sagte Renker. »Sie werden womöglich eher dazu neigen, die Arschgeigen zu bemerken, statt derjenigen, die rechts und links davon stehen. Und ohne suggerieren zu wollen, sie würden paranoid werden, so kann es dennoch sein, dass sie Arschgeigentum auch auf normale Menschen projizieren.« Dass sein Psychiater an »normale Menschen« glaubte, war, je länger Espeseth darüber nachdachte, ein schlechtes Zeichen. Er selbst versuchte, das nicht zu tun. Was er aber nicht abzuschütteln vermochte, war das, was Renker als Nächstes sagte: »Den Celaxa-Entzug haben einige Patienten so beschrieben, dass sich an den Rändern des Alltags kriechend eine Atmosphäre der Fäulnis oder Verwesung oder Bedrohung bemerkbar mache, etwas, was aber nur sie so benennen können. Einer meiner Kollegen hat das als ›Made-im-Fleisch-Syndrom‹ klassifiziert. Besser man ist drauf gefasst, als dass es einen einfach überkommt.«

Made-im-Fleisch-Syndrom?

Niemand, Psychiater Renker nicht, Espeseths Frau nicht und ganz sicher nicht die Zwillinge, kein menschlicher Zuhörer außerhalb des Containment-Bereichs seines Schädels, wusste, dass Paul Espeseth sich selbst in Veganer in der Schwebe umbenannt hatte. Der Geheimname war ein Symptom, sollte man ihn denn als ein solches erachten, das sich bereits Monate bevor er die Einnahme des Celexa einstellte, bemerkbar gemacht hatte. Konnte man ihn als Nebenwirkung bezeichnen? Er hatte gehofft, er würde verschwinden, wenn er das Medikament absetzte. Schön wär´s gewesen. Aber Veganer in der Schwebe empfand nicht ausschließlich Bedauern. Der neue Name war eine Kränkung, ja, gleichzeitig aber hing er auch daran, lag darin doch auch das Versprechen eines erhabeneren Lebens, das knapp außer Reichweite lag.

Wie hatte das mit seinen Nachforschungen begonnen? Espeseth hatte sich, als das noch sein einziger Name gewesen war, in der öffentlichen Bibliothek von Santa Barbara eine populärwissenschaftliche Abhandlung entliehen über den irreparablen Kollaps der Erde unter der Last der eigenen Bevölkerung. Danach hatte er verschiedene bekannte Polemiken gegen die Tierquälerei auf Farmen und in Schlachthöfen gelesen. Dann ein Buch mit dem Titel »Fear of the Animal Planet«, in dem detailliert viehische Racheakte an der menschlichen Zivilisation beschrieben wurden. Das war der Zeitpunkt gewesen, als Espeseth gespürt hatte, wie er zu Veganer in der Schwebe wurde. Ein Bewusstsein war in ihm geweckt worden, dessen Entfaltung lediglich untätiges Verharren, Scham und Anpassung verlangsamen konnten. Glücklicherweise oder unglücklicherweise besaß Veganer in der Schwebe große Affinität zu diesen Verzögerung bewirkenden Maßnahmen.

Das große Problem würde ohnehin sein, seinen Töchtern die Entscheidung zu erklären. Veganer in der Schwebe bewunderte Chloes und Deidres Gabe, zwischen ihrer angeborenen Tierliebe und den Wonnen des Fleischverzehrs vermitteln zu können. Für ihn war es eher eine hart erkämpfte Differenziertheit, die F. Scott Fitzgeralds Fähigkeit glich, gleichzeitig zwei gegensätzliche Ideen bedenken zu können. Die frühen Rites des Passages der Mädchen schienen überhaupt hauptsächlich aus Anstrengungen zu bestehen, solcherlei Paradoxien aufzulösen. Wie jene etwa, dass Mommy und Daddy sich stritten und einander doch liebhatten. Dass menschliche Wesen wunderbar waren und man die eigene Schüchternheit überwinden sollte, sie aber gleichzeitig dem allzu eifrigen Fremden misstrauen und ihn für ein potentielles Monster halten sollten. Dass eine Stunde Fernsehen oder iPad-Nutzung als vergiftende Überdosis gelten sollte, während die Eltern sich doch bei jeder Gelegenheit Bildschirmexzessen hingaben. Veganer in der Schwebe selbst verbrachte routinemäßig drei Stunden auf dem Sofa und verfolgte im Fernsehen, wie sein Footballteam verlor. Die Vikings, Talisman seiner Ahnen. Doch anders als bei den Redskins und den Chiefs, waren Namen oder Logo nie als rassistisch kritisiert worden. Niemand hatte Mitleid mit Weißen, was seine Faszination für Juden erklären mochte, die beidem ausgesetzt zu sein schienen. Hätte Irving Renker den Gedanken von Veganer in der Schwebe lauschen können, hätte er gekichert. Nicht abschweifen.

Bei der Zivilisierung von Kindern ging es im Wesentlichen doch ohnehin bloß darum, kognitive Dissonanz herzustellen. Das Vermögen seiner Töchter, das Verlangen sowohl Säugetiere zu knuddeln als auch zu verspeisen miteinander vereinbaren zu können, ermöglichte es ihnen nämlich erst, sich in das menschliche Historienspiel einzureihen. Wenn Veganer in der Schwebe ihnen gegenüber nun zugab, dass er es für falsch hielt Tiere zu essen – auch wenn er noch immer nach dem intensiven Geschmack rauchiger Steaks und salzig-fettigen Specks gierte – würde er sich, in ihren Augen, mit diesem kindlich-moralischen Absolutismus selbst herabsetzen. Oder vielleicht sogar in den eigenen Augen? Seit sechs Monaten hing er nun in der Schwebe. Irgendein jenseitiger Inquisitor, eine Wache vor der Himmelspforte mit dem Kopf eines Ferkels oder Kalbs höchstwahrscheinlich, würde ihn dereinst für diese Verzögerung zur Rechenschaft ziehen, die durchaus mit der Phase vergleichbar war, als die Alliierten zwar bereits von der Existenz der Todeslager erfahren hatten, ihre moralische Empörung aber noch mit militärtaktischen Erwägungen abglichen. Seine Essgewohnheiten oder andere Verhaltensweisen betreffend, hatte sich nämlich rein gar nichts verändert. Er hatte weder Pamphlete verteilt noch sich einen Aufkleber für die Stoßstange besorgt. Nichts hatte sich verändert, außer dass er sich einen Geheimnamen gegeben hatte.

Glühend vor Scham dirigierte er seine Familie in die Welt der Haie, schleppte sich hinter anderen Familien mit ihren Buggys auf einen Fahrsteig. Die Passage, ein weiteres Beispiel der Zwangsarchitektur, lief als Tunnel unter den Haifischbecken hindurch, illuminierte die Kreaturen von unten, um ihre weißen Bäuche und Kürbiskopfgrimassen besser zu Geltung zu bringen. Es kam ihm plötzlich der Gedanke, dass die Bauweise des Parks etwas von einem Verdauungssystem hatte. Man wurde verschlungen, verdaut und wieder ausgeschissen.

»Ich habe Angst«, sagte Deidre.

»Aber ich nicht«, sagte Chloe.

Für die Haie zu sprechen, maßte sich Veganer in der Schwebe nicht an. Stattdessen deutete er auf das Schimmern vor ihnen, während der Fahrsteig sie wieder aus der Dunkelheit herausdrückte.

»Daddy?«, sagte Chloe.

»Ja?«

»Waren Delfine und Killerwale echt mal Haustiere bei den Menschen, bevor sie zurück ins Meer gegangen sind?«

»Keine Haustiere«, sagte Veganer in der Schwebe. »Wilde Tiere. Wie Schweine.« Er erbebte angesichts der wachsenden Verwirrung: für die Kinder waren Schweine ja Tiere von der Farm. Just an diesem Morgen hatte er heimlich in einem Blog namens Der Ruf der Ungezähmten gelesen. Die Grade der Unterjochung wurden dort folgendermaßen unterschieden: Haustier, domestiziert, ungezähmt, wild …

»Wieso dürfen wir kein Haustier haben?«, fragte Chloe.

Seine Frau wandte sich Veganer in der Schwebe zu. Er wich ihrem Blick aus, spürte ihn aber dennoch.

»Euer Vater mag Haustiere nicht«, sagte sie.

»Nicht mehr lange bis zur Elf-Uhr-Show!«, sagte er, dringend bemüht das Thema zu wechseln. Und damit glitten sie aus dem schlundartigen Gang hinaus ins Tageslicht.

Ganz SeaWorld wand und krümmte sich.

Made-im-Fleisch-Syndrom, die wenig hilfreiche Vorstellung, die Renker ihm eingepflanzt hatte, war selbst eine Made, die sich nun im Fleisch seines Gehirns wand und krümmte.

Sie hatten einen Jack-Russell-Terrier gehabt, einen kastrierten zweijährigen Rüden namens Maurice, den sie aus dem Tierheim geholt hatten, einen völlig durchgeknallten Derwisch, in den seine Frau aber völlig vernarrt gewesen war und er – na ja, Veganer in der Schwebe war ebenfalls in ihn vernarrt gewesen, auch wenn es für ihn eher so gewesen war, wie mit einem Rätsel zu leben, hinter das man nicht kam. Maurice bewegte sich mit verblüffender Geschwindigkeit, ging senkrecht in die Luft wie ein illegaler Feuerwerkskörper, war ungemein fordernd und drang in ihre privatesten Lebensbereiche ein. Dann aber – und hier lag der Grund, warum es ihn demütigte, wenn eines der Mädchen das Thema Haustiere überhaupt nur erwähnte, genauso wie der, warum der Blick seiner Frau ihm das Blut gefrieren ließ –, nachdem Veganer in der Schwebe beobachtet hatte, wie der Hund sich gegenüber seiner schwangeren Frau verhielt, hatte er Maurice aus ihrer aller Leben verbannt. Der Hund war einfach übertrieben fürsorglich gewesen, geradezu besessen von ihrer Schwangerschaft, hatte sich etwa Nachts um ihren Bauch gekringelt, so als wollte er die Zwillinge mittels seiner eigenen Körperhitze ausbrüten. Er hatte sogar begonnen nach Veganer in der Schwebe zu schnappen, wenn der sich dem eigenen Ehebett näherte. Im Verlaufe des dritten Trimesters hatte er den Hund also zurück ins Tierheim gebracht, und auch wenn das kaum entschuldbar war, womöglich überhaupt nicht entschuldbar, so wurde Maurice nach der Geburt der Babies doch nie wieder erwähnt.

Die Mädchen würden niemals erfahren, dass Maurice sie noch in der Gebärmutter geknuddelt hatte, sollte ihre Mutter ihnen nicht eines Tages davon erzählen. Stattdessen stillten Chloe und Deidre nun ihre Sehnsucht nach anderen Säugern mit Pixar-Figuren. Auf der Hinfahrt hatten sie an den Bildschirmen geklebt, die in die Kopfstützen der Vordersitze eingelassen waren. Das hatte ihnen die Eintönigkeit der Interstate 5 erspart, die immergleichen Ausfahrten in immer neue Vororte, Lärmschutzwälle und öde vergilbte Hügel. Nahe San Diego zeigte ein Schild die Silhouette einer fliehenden mexikanischen Familie, wie man sie sonst von Elchen oder Rehen kannte, damit man sie auf ihrer illegalen Flucht über die fünf Spuren des Freeways nicht anfuhr. Veganer in der Schwebe empfand es als Segen, keine Erklärung liefern zu müssen.

Familienleben, ein Kataklysmus der Einsamkeiten.

Als kleiner Junge hatte er Reisen auf dem Rücksitz ohne die Hilfe von Filmen überstanden. Stattdessen hatte er während zigtausender Kilometer den Chippewa National Forest hindurch, entlang der Union Pacific Railroad und durch die östlichen Teile Ontarios und Manitobas aus den Fenstern des Familienkombis geschaut. Im Alter von zehn, während seiner Öko-Phase, hatte er sich zum Zeitvertreib ein Spiel ausgedacht, das, wie den neuen Namen, allein er kannte. In seiner Fantasie verfügte das Auto seiner Eltern über ein langes unsichtbares Messer, dem Flügel eines Flugzeugs ähnlich, welches mittels mentaler Instruktionen aus der Seite des Kombis heraus- und wieder hereingefahren werden konnte. Er und seine Eltern gaben bloß vor Nobodys zu sein, die einzige protestantische Familie aus einer Kleinstadt, die scherzhaft St. Jewish Park genannt wurde. In Wahrheit aber waren sie Sendboten aus einer anderen Welt, geschickt, um die Natur von den Eingriffen der menschlichen Spezies zu befreien. Nur er selbst konnte die Klinge steuern, die herausschoss, um alle Hochspannungsmasten und Straßenschilder abzurasieren, aber immer wieder eingefahren wurde, um so viele Bäume wie möglich zu verschonen. Häuser und andere Autos hingehen durchtrennte sie erbarmungslos. Die Fantasie umfasste sogar ein Alibi stiftendes Element der Verzögerung, was zum einen dafür sorgte, dass er die gloriose Zerstörung, die er anrichtete, selbst nicht zu Gesicht bekam, zum anderen verhinderte, dass keine menschliche Instanz im Stande war, die mysteriöse Kraft zu lokalisieren und zu neutralisieren, die sich durch die Umgebung fraß: Die gekappten Objekte fielen erst fünf Minuten nachdem der Wagen der Familie sie passiert hatte auseinander. Durch diese Methode würde die Welt wieder der Flora und Fauna zurückgegeben.

In letzter Zeit war Veganer in der Schwebe das Bild der unsichtbaren Klinge wieder in den Sinn gekommen. Es stellte sich angesichts irgendeiner architektonischen Abscheulichkeit ein, oder einem mit Werbeschildern verschandelten Straßenrand. SeaWorld hingegegen war der Fantasie gegenüber immun. Dieses Labyrinth der Disharmonie in Scheiben zu schneiden, würde ja bedeuten, die darin gefangenen Kreaturen zu meucheln. Der Logik seiner Kindheitsfantasie zufolge, würde die Klinge zwar die Schildkröten, Haie und Delfine aus ihren Becken befreien, die ausströmen würden, nur um dann in der Sonne nach Luft schnappend auf den betonierten Pfaden zu verenden.

Im Shamu Stadion angekommen, bemerkte Veganer in der Schwebe, entgegen Renkers Ankündigung, weder Penner noch Taschendiebe. Sondern Soldaten auf Heimaturlaub. Armeeangehörige zwischen zwei Einsätzen, die mit ihren Familien einen Tagesausflug machten, den unvertrauten kleinen Kindern und stoisch ignorierten Frauen, um sich Killerwale anzuschauen. Zu erkennen waren sie an ihren Kurzhaarschnitten, den Bizepstattoos und dem wachsamen Hin- und Her ihrer verdickten Nacken. In ihrer strammen Unerschütterlichkeit erweckten sie den Eindruck, als seien unterschiedlichste Zivilisten-Körper in dieselbe unerbittliche Form gegossen worden. Ethnische Merkmale, bei den Soldaten nunmehr zu Spuren reduziert, waren bei den Frauen und Kindern wesentlich greifbarer – in Renkerschen Termini hauptsächlich Schwarze, Mexikaner und Orientale. Vielleicht gar ein paar Zigeuner hier und dort? Schwer zu sagen. Immer schön vereinfachen.

Vielleicht waren es ja die Soldaten, die für das Unglück sorgen würden, vor das Nervensystem von Veganer in der Schwebe so gellend warnte. Vor dem inneren Auge sah er aus Hubschraubern aufgenommene Szenen, gelbes Absperrband, zwischen untröstlichen Familien umherschwirrende Sondereinsatzkommandos. Das Stadion war ein Maya-Tempel und man wartete darauf, dass im blauen Bassin unten irgendein Opfer dargebracht wurde. Und doch, obgleich zusammen mit fünftausend anderen eingesperrt, fühlte sich Veganer in der Schwebe für den Moment ruhig. Sollte seine Reise durch die Röhren und Tunnel von SeaWorld tatsächlich etwas Peristaltisches haben, so hatte er nun den gekammerten Magen erreicht.

Und dann, nach der abgeschmackt-triumphierenden Ouvertüre aus Musik, Videobildern und Hopserei in androgynem Spandex, als die Orcas schließlich in die Arena kamen und begannen ihre Runden zu drehen, wurde SeaWorld durch ihre absolute und umwerfende Präsenz vollständig überschrieben. Durch ihr Kunststück, zwei Sphären miteinander zu vernähen, Himmel und Wasser, bloß um ein Stadion voller Kinder zu entzücken – Kinder, die in Reaktion darauf ihrerseits Sätze vollführten, auf ihren Sitzen vibrierten und unzusammenhängende Glucksgeräusche machten, gleichsam in Zungen sprachen. Andere Kinder, älter und weniger ängstlich als seine, rasten hinab zur Kunststoffeinfassung, um sich nassspritzen zu lassen und ruderten wild mit den Armen. Die Killerwale mit ihren Emmett-Kelly-Augen waren die glorreichen Todesclowns Gottes. Ihre üppigen muskulösen Körper waren das Unverfrorenste, was Veganer in der Schwebe je gesehen hatte. Sie wirkten wie von Albert Speer modifizierte Pandabären. Immer diese Holocaust-Anspielungen, hatte Renker einmal gesagt. Warum überlassen Sie das nicht uns?

Die Zwillinge saßen zwischen ihm und seiner Frau, hielten einander bei den Händen, die Augen weit aufgerissen, überwältigt von ihrem unbestechlichen Sehnen.

»Deidre hat Angst«, sagte Chloe.

»Hab ich gar nicht«, sagte Deidre. Sie sprach wie im Traum, ohne den Blick vom Becken abzuwenden. Veganer in der Schwebe verlangte es schmerzlich danach, die Mädchen in einer Art schützendem Anbau in Sicherheit zu bringen, der von seiner beschädigten Seele abging. Aber die Mädchen ließen sich nicht in Sicherheit bringen, so wie das Stadion sich nicht in Sicherheit bringen ließ, genauso wenig wie die Welt. Das alles lag ungeschützt unter dem Himmel, egal welchen Strahlen auch immer gegenüber, die durch die geschundene Atmosphäre sickerten. Die Mädchen waren Himmel und Killerwalen ausgeliefert, die durch ihre wehrlosen Herzen sprangen. Außerdem verfügte Veganer in der Schwebe auch gar nicht über einen schützenden Anbau, der von seiner Seele abging. Das war reine Fantasie, genau wie die ein- und ausfahrbare Klinge am Kombi seiner Eltern.

Was würden die Mädchen über Killerwale denken, wenn sie irgendwann einmal die ganze Wahrheit erfuhren? Die Verheerungen der Welt stapelten sich überall und warteten geduldig darauf, von seinen Töchtern beachtet zu werden. Eines Tages würden sie ganz von selbst all die Dokumentarfilme und Webseiten entdecken. Sie werden womöglich dazu neigen, ihre Kinder zu bemerken, hätte Renker ihn warnen sollen.

Gleichzeitig, auf der anderen Seite der Zwillinge, ein Mysterium: seine Frau. Die, mit der er einmal so gut wie eins gewesen war. Dann, so als habe er sie angerempelt und zwei Teile herausgebrochen, waren die Zwillinge aufgetaucht. Im letzten Jahr hatte sie etwas Opakes bekommen, so als habe sie ihn freiwillig schonen wollen. Ihre menschliche Silhouette füllte nun etwas aus, das Veganer in der Schwebe im Gespräch mit Renker als »Wolke des Unbekannten« beschrieben hatte. Sie hatte ihn an die Celexa-Odyssey herangeführt und sie mit ihm durchgestanden, was aber kam jetzt? Würde sie nun ihr lange vertagtes Urteil fällen?

Als er aus dem Shamu Stadium heraustrat, hatte Veganer in der Schwebe das Gefühl, dem Urteil seiner Frau standhalten zu können, genauso wie er SeaWorld standhalten konnte und SeaWorld sich selbst. Weder die Veteranen, noch die Orcas, noch er selbst waren ausgerastet und hatten jemanden zerkaut oder bajonettiert. Wenn die Orca-Show der Höhepunkt gewesen war, der Härtetest, konnten sie dann jetzt nicht gehen? Er sehnte sich nach den trivialen Tröstungen, die das Motel, die Familie auf zwei Doppelzimmer verteilt, bereithielt: Zimmerservice, Club-Sandwichs und noch mehr Pay-per-View-Disney.

»Also«, sagte er und klatschte in die Hände. »Sollen wir den Parkplatz suchen?«

»Das sind Tagestickets«, sagte seine Frau. »Rebeccas Mutter meinte, wir sollten auf keinen Fall die Kleintier-Show verpassen.«

»Ich habe Hunger«, sagte er.

»Kleintier-Show, Kleintier-Show!«, skandierten die Mädchen.

»Zu essen gibt es auch hier«, sagte seine Frau spitz. »Und wir sind extra hergefahren und haben für den ganzen Tag bezahlt. Die Mädchen haben Monate gewartet.« Dieses Mal sah sie ihm in die Augen, bevor er den Blick abwenden konnte und er wurde umhüllt von der Wolke des Unbekannten.

Die nächste Kleintier-Show begann um eins, also parkten sie den Buggy an einem schattigen Platz und Veganer in der Schwebe machte sich auf die Suche nach etwas Essbarem. Er fand eine Pizzeria, aber man musste exorbitant lang auf einen Tisch warten, und sich ins dunkele Innere zu drängeln, auch um nur etwas zum Mitnehmen zu bestellen, konnte er sich ebenfalls nicht vorstellen. An einem Stand vor dem Restaurant grillte ein Mann Truthahnkeulen. Die Schlegel sahen seltsam urzeitlich aus – man war doch hier nicht im Mittelalter! – aber der Geruch des versengten Fleisches brachte Veganer  in der Schwebe zum Geifern.

Essen sehen, Essen essen.

Sea World, Eat World.

Er bereute den Kauf bereits in dem Moment, als er ihn tätigte. Die Schlegel waren Fleischabfall, von irgendeiner industriellen Farm zu Gunsten des Brust-Produkts entsorgt worden. SeaWorld konnte da genauso gut Pferdehufe oder eingelegte Kuhaugen verkaufen. Dennoch trug er es zurück zum Buggy und kam sich dabei wie Fred Flintstone vor. Von seiner Frau ungläubig angestarrt, riss er Fetzen von dem riesigen knorpeligen Schlegel, um seine Mädchen damit zu füttern, wie eine Vogelmutter ihre Neulinge im Nest. Die knusprige Haut löste sich als Ganze und war, einmal abgetrennt, einfach zu widerlich, um sie nicht direkt wegzuwerfen. Die Mädchen spülten das Fleisch mit Orangensaft herunter. Papierservietten klebten ihnen in Fetzen an Gesicht und Fingern.

Da noch eine Viertelstunde Zeit war, machten sie noch einen Abstecher zu den Fledermausrochen, die man in ihrem Bassin anfassen konnte. Wie bei den Flamingos, musste Veganer in der Schwebe die Zwillinge ganz nach vorn drängeln, damit sie die Chance hatten, ihre Hände in das flache, bloß hüfthohe Becken zu tauchen und die glatten, gummiartigen Rochen darunterhergleiten zu lassen. Den Mädchen stockte der Atem. So mochte es sich anfühlen, wenn man einen Killerwal berührte. Hier fand sie womöglich endlich statt, die tatsächliche Begegnung, die Sache, wofür sie eigentlich hergekommen waren, und einen Moment lang verschwanden für Veganer in der Schwebe alle Barrieren, waren die Truthahnaugen vergessen, bekam die Hintergrundmusik etwas Erhabenes, so als komme sie aus weit entfernten Sphären.

Das Bassin mit den geschmeidigen Rochen beherbergte aus irgendeinem Grund ebenfalls einen verhornten Stör mit knotigem Gesicht. Ein Schild warnte jene, die die Rochen berührten, nicht zu versuchen, auch den Stör anzufassen. Veganer in der Schwebe hingegen, in seiner Verzückung, versuchte es. In Reaktion darauf, sperrte der Stör das Maul auf und schnappte hinauf zu ihm, wo er inmitten so vieler vergnügter Kinder stand, seinen eigenen und anderen. Voller Angst zuckte Veganer in der Schwebe zurück. Der Stör nahm seinen Kurs wieder auf, Made im Fleisch des Rochenbassins.

»Habt ihr das gesehen?«, fragte er seine Töchter und jeden anderen, der vielleicht Zeuge gewesen war.

»Was gesehen?«, sagte Chloe.

»Den Stör! Der hat mich praktisch angekläfft!«

»Daddy«, sagte Chloe zärtlich.

Die Kleintier-Show verfügte über ein eigenes Stadion, eine kleinere Arena, ein paar Tribünen im Wesentlichen, die vor einer Bühne aufgestellt waren, ausgerüstet mit Leitern, Fenstern, Hindernisparcours und gigantischen Plastikskulpturen einer Milchflasche und eines hellroten Turnschuhs. Anders als im Shamu Stadion, waren die Sitze hier spärlich besetzt und Veganer in der Schwebe und seine Frau und Kinder fanden in der dritten Reihe Platz. Nur einen Augenblick später begann die Vorführung. Zu den Klängen von »Who Let the Dogs Out?«, ergossen sich, wie in einer Sequenz kurz vorm Abspann, eine Flut von Hunden und Hauskatzen aus verschiedenen Geheimtüren über die Kunstrasenbühne, gefolgt von einem Schwein, einem Vogel Strauß und einer Reihe Enten. Die Hunde sprangen auf eine Wippe und katapultieren Miniburger aus Plastik in Richtung einer Herdattrappe. Die Katzen kletterten ein Seil hoch. Die Zwillinge waren außer sich. Einer der Hunde zog an einem Hebel und löste ein aufgerolltes Banner, auf dem in Fingernägel-auf-Schultafel-Schrift der Titel der Show stand: »Hier haben wir Tiere das Sagen!«

»Das ist ja wohl ein klassisches Beispiel für Hitlers Technik der großen Lüge, meinst du nicht auch?«, sagte Veganer in der Schwebe.

»Was?«, sagte seine Frau.

»›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ Haben sie nicht. Sie machen bloß … es stimmt einfach nicht. Ich find´s furchtbar hier.«

»Pst.«

»Wir machen uns mitschuldig an einem weithin bekannten Albtraum«.

»Ich habe noch nie etwas Kritisches über die Kleintier-Show gelesen.«

Weil alle damit beschäftigt sind, diese ästhetisch-moralische Kalamität aus ihren Köpfen zu tilgen, wollte er sagen. Gibt es Erlaß für diese Art Erkennen?1 Stattdessen sagte er: »Der Stör hat mir da vorhin fast den Finger abgebissen.«

»Jetzt ist es zu spät, glaub ich.«

»Wofür, für den Fisch, meinen Finger zu fressen?«

»Nein, für dich und den Fisch, um bei ›60 Minutes‹ aufzutreten, weil der Ort hier ja durchaus schon vorher mal in den Medien war.«

Ein Showmaster im Baseballtrikot und mit Headset-Mikrofon erschien und begann die Kleintier-Show anzumoderieren. Irgendein gescheiterter Schauspieler, vermutete Veganer in der Schwebe. Seit sein Bewerbungsfoto in der Personalabteilung von SeaWorld gelandet war, war der Junge dazu verdammt, fünfmal täglich diesen unsäglichen Sermon abzuspulen. Er erläuterte die Kleintier-Olympiade, bei der die dressierten Hunde gegeneinander antreten würden, rief dann die Stars der Show namentlich auf und ermunterte die Kinder im Publikum, bei jedem noch so dämlichen Mätzchen zu klatschen und zu kreischen. »Unsere Freunde sind allesamt Rettungshunde«, erklärte er. »Bis zu ihrem ersten Auftritt bei ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹ trainieren sie beinahe drei Jahre lang und ihr habt großes Glück, denn wir haben einen ›Hier haben wir Tiere das Sagen!‹-Neuling, der heute zum ersten Mal dabei ist, einen süßen kleinen Kerl namens Bingo. Ich möchte, dass ihr ihm, wenn ich ihn auf die Bühne rufe, dafür Respekt zollt, dass er zum ersten Mal vor ein Publikum tritt, und hoffe, dass ihr Bingo doll liebhabt und ihn nun ganz herzlich begrüßt …«

Bingo war ein Jack-Russell-Terrier. Er schien, so der erste Eindruck, durchaus reif für die Hauptsendezeit zu sein, überschlug sich zweimal, rückte dann mit einer hellroten Zange einem überdimensionierten Hydranten zuleibe, was darin resultierte, dass eine Wasserfontäne ein unbeteiligtes Ferkel traf und den Zuschauern in der ersten Reihe ins Gesicht spritze, die vor Freude jauchzten. Er stand auf den Hinterbeinen, grinste breit und schlang dann die diskrete Belohnung von der Handfläche des Showmasters. Dann aber sprang der neue Hund von der Bühne, krabbelte über die beiden ersten Reihen hinweg und in die  Arme von Veganer in der Schwebe. Dort fing Bingo an, wie besessen an dessen Kinn und Lippen zu lecken und zu knabbern, wobei das wirbelnde Gelecke immer wieder von winzigen scharfen Bissen unterbrochen wurde.

»Bingo!«, rief der Showmaster von der Bühne aus. Das nasse Ferkel ging zögernd ab, aus den Boxen kam allerdings noch immer gackernde Musik, was dem Ganzen einen Anstrich der Übermütigkeit gab. Der Hund wandte sich nun blindwütig seinen Nasenlöchern zu. Veganer in der Schwebe war unentschieden, ob all dies Teil der Show war oder nicht. Chloe und Deidre reagierten mit Entzücken, streckten die Hände aus, um den Hund zu streicheln, der ihren Vater in den Sitz presste. Auch seine Frau tätschelte den Hund und Veganer in der Schwebe spürte, wie ihr Arm leicht seinen Bauch berührte, das erste Mal seit Monaten. Andere in ihrer Reihe wichen zurück.

Es war ihr einstiger Hund, erst gerettet und dann verlassen, ein zweites Mal gerettet und nun dressiert worden, der ihnen jetzt zurückgegeben wurde. Bingo, begriff Veganer in der Schwebe, war Maurice. Genau wie er hatte auch das Tier zwei Namen. Und das hatte ihn gleich erkannt und war von der Bühne gesprungen, um sich dafür zu entschuldigen, die Familie im Stich gelassen zu haben, den Mann und die Frau und die Zwillingsmädchen, die nun außerhalb des Körpers der Ehefrau waren, statt darin, der Maurice zuletzt bekannte Ort. Der Hund war gekommen, um dem Alphatier seines ehemaligen Rudels seine Referenz zu erweisen. Mit seiner animalischen Schläue erkannte Maurice, dass Veganer in der Schwebe das Medikament nun nicht mehr nahm. Oder war der Gedanke geisteskrank? Er war geisteskrank. Der Vogel Strauß war inzwischen aus seinem Versteck hinter dem Vorhang hervorgekommen und lief in Gänseschritten bis vor zur Bühnenkante, offenbar nicht auf irgendein Stichwort hin. Die Kleintier-Show zerfiel in ihre Bestandteile. Ein Vogel Strauß ist kein Kleintier. Die Untaten von Veganer in der Schwebe waren Legion, selbst wenn der Hund ihm, auf seine automatische Weise, Absolution erteilen würde, gerade wo seine Hände mit Truthahnsoße verschmiert waren. Seine Untaten schrien zu einem unermesslichen Himmel. Nicht alles gleich global sehen, sagte Irving Renker in seinem Kopf, während die rasende Zunge des Terriers sich in die Schwimmhaut zwischen seinen Fingern bohrte.

I

Ich gehe mit dem Hund raus auf den Hof. Kurz nach zwei Uhr nachts, und die Nacht ist sehr warm, der Sommer ist noch mal zurückgekommen in diesem August, nachdem es lange kühl und regnerisch gewesen ist. Der wärmste Tag des Jahres war in dieser Woche. Tat meinem Hund nicht gut, die Wärme. Tat auch mir nicht gut, dass die Nächte sich nicht abkühlten, wenn ich schrieb. Ich nehme mir immer vor, am Tag zu schreiben, aber dann fange ich doch erst an, wenn alles still wird. Ich wohne im Erdgeschoss, Hochparterre, ein Wort, das kaum noch benutzt wird. Als Kind wusste ich lange nicht, was das heißt, wenn ich es in Büchern las. Dachte an ein Geheimnis. Eine seltsame Zwischenebene in den Häusern.

Mein Hund tut sich schwer, die paar Stufen nach unten zu kommen. Langsam setzt er eine Vorderpfote auf die erste Stufe, greift mit der anderen sehr zögernd zu weit nach unten und findet die Stufe nicht, dass ich ihn festhalten muss; oft stürzt er, wenn ich nicht aufpasse, und rutscht, sich manchmal überschlagend dabei, auf die Fliesen vor der Hoftür. Die Fliesen sind glatt, und seine Hinterläufe rutschen weg, es reißt sie förmlich auseinander, als wollte er einen Spagat machen. Der Körper hält kaum noch zusammen. Ich stehe auf der Türschwelle und sehe, wie er ein paar Meter auf den Hof geht und auf die Stelle des Steinbodens pinkelt, auf die er immer pinkelt. Die Steine sind fast weiß dort inzwischen. Ich trage ihn die Treppe hoch, er hat deutlich Gewicht verloren in den letzten Wochen. Seine Pisse riecht stark nach Schwefel, bis ins Treppenhaus. Die Wohnungstür ist zu. Ich kann mich nicht erinnern, sie zugemacht zu haben. Ich suche in meinen Hosentaschen nach meinem Schlüsselbund. Nichts. Wie komme ich jetzt in die Wohnung? Meine Mutter hat einen Ersatzschlüssel, ich könnte rüber zur Telefonzelle gehen und sie anrufen. Aber sie ist in Afrika, noch bis Ende des Monats, glaube ich.

Meine Wohnungstür ist eine Flügeltür, wenn ich den rechten Flügel, an dem die Klinke und das Schloss sitzen, nach innen drücke, so weit es geht, komme ich mit der Hand durch den Spalt an die beiden Sperrvorrichtungen, die den anderen Flügel mit Hilfe zweier Metallstifte geschlossen halten, der untere senkt sich in den Fußboden, der obere befindet sich in einer schmalen Öffnung im Türrahmen. Wenn es mir gelingt, an die Hebel zu kommen, die die Stifte bewegen, kann ich die Flügel nach innen drücken, das Schnappschloss gibt dann nach. Ein komplizierter Vorgang. Zumal ich einen Korken in die obere Sperrvorrichtung integriert habe, um das Herunterdrücken des dortigen Hebels und das damit verbundene Aufdrücken der Tür zu verhindern. Es reicht nämlich, diesen oberen Stift aus seiner Verankerung im Holz des Rahmens zu ziehen, der untere Stift springt dann von alleine heraus, wenn man seinen Körper heftig genug gegen die beiden Flügel wirft, am besten mittig. Es ist schwierig, Vorgänge technischer oder mechanischer Art exakt zu beschreiben.

Machen wir es ganz simpel an einem Beispiel deutlich: Also, ich hab da schon was vorbereitet, Mach’s mit, Mach’s nach, Mach’s besser, Meyers Training für angewandte Mechanik. Wir haben hier zwei große Bretter. Ein Brett bzw. mein Brett ist im Prinzip nichts anderes als ein dreidimensionales Rechteck. Also da stell ich’s mal hin, hochkant, dann sieht’s nämlich schon mal aus wie eine Tür bzw. wie ein Flügel meiner Tür. Vorne eine große Fläche, auf der Rückseite eine große Fläche. Und dann haben wir zwei lange Innenkanten zwischen diesen beiden Flächen und zwei kurze, oben und unten. Wenn wir jetzt unsere beiden rechteckigen Bretter hochkant nebeneinander stellen, so dass sie sich in der Mitte berühren, treffen die langen schmalen Innenseiten direkt aufeinander, ein winziger Spalt ist nur noch sichtbar zwischen diesen beiden Flügeln. Und dort fährt, vom rechten Flügel in den linken Flügel, die Metallzunge des Türschlosses, wenn man schließt. Und genau in dieser langen schmalen Fläche des dreidimensionalen Rechtecks sitzen die Sperrvorrichtungen. Und jetzt zieh ich die Bretter wieder auseinander, das Heimwerkern ist des Zimmermannsburschen Lust, das Hei-heim-wer-kern!, drehe das Brett, das den linken Flügel meiner Tür darstellen soll, so, dass es mit der langen schmalen Seite Richtung Kamera steht. Gar nicht mehr so kompliziert das Ganze, gelle!, und dort, ins Holz dieser schmalen Seite sind zwei Öffnungen eingelassen, oben und unten, darin sitzen die Stahlstifte mit den beweglichen Hebeln bzw. Schiebern, rein-raus, rein-raus, Flügeltür fest – Flügel beweglich, comprende?

Und in die obere Öffnung habe ich einen Korken gezwängt, der passte da eigentlich gar nicht rein, mit einem Hammer habe ich den Korken in die kleine Öffnung gezwungen, der hält jetzt den Hebel und den Stift schön fest, damit niemand, wenn er an der Tür rumdrückt, in den Spalt greifen kann und einfach den Stift aus seiner Verankerung im Türrahmen ziehen, und dann Tür offen, wenn ich außer Haus, und Wohnung leergeräumt, und ich nix versichert.

Mein Hund steht vor der Tür, tippt ein paar Mal mit der Schnauze gegen das Holz und guckt mich etwas dümmlich an. Er ist sehr alt und steht nicht gerne für längere Zeit, geht schon leicht in die Hocke mit den Hinterbeinen, will in seine Ecke für den Rest der Nacht. Aber was tun? Mutter ist in Afrika, mein Ersatzschlüssel in ihrer Wohnung, ich könnte zu meiner Schwester gehen, die ca. zwanzig Minuten entfernt wohnt, die hat einen Schlüssel für die Wohnung meiner Mutter, die ca. zehn Minuten entfernt wohnt. Aber was soll ich mit dem Hund machen? Der Weg ist viel zu weit für ihn, seit ein paar Wochen schafft er es nicht mal mehr auf die andere Straßenseite, wo der kleine Wald liegt, in den ich seit fast zehn Jahren, so lange wie ich in dieser Wohnung wohne, mit ihm gehe. Vorher lebte ich auch ganz in der Nähe; wenn ich mich richtig erinnere, gehe ich seit 1999 mit dem Hund auf dieses Areal, auf dem bis 1994 eine riesige Fabrik stand, VEB Polygraph, der Patenbetrieb meiner Schule, Druckmaschinen stellten die her, einige Male, zwischen 1986 und 1989 muss das gewesen sein, war ich dort mit meiner Klasse zu Besuch. Wir wurden durch die großen Hallen geführt, überall Maschinen, Straßen zwischen den Hallen und Gebäuden, wie in einer kleinen Stadt, sogar einen Eisenbahnanschluss gab es. Die Schienen kann man heute noch sehen. Quer über die Straße laufen sie und enden vor dem Zaun, hinter dem der kleine Wald seit fünfzehn Jahren wächst. 1999 waren die Bäume und Büsche noch nicht so hoch und dicht. Manchmal blieben die Leute auf den Fußwegen stehen, wenn sie mich und meinen großen schwarzen Hund durch dieses Buschland streifen sahen. Da gab es große Senken, wo die Keller der Fabrik gewesen waren, in einer Senke sammelte sich um 2000 so viel Wasser, Schnee und Regen, dass eine Entenfamilie über ein Jahr dort lebte. Ich konnte ihn immer gerade so zurückrufen, wenn er ihnen an den Kragen wollte, aber eigentlich war er ja nur neugierig und wollte spielen, aber das sagen wohl alle Hundebesitzer, »Ach, der will ja nur spielen«, aber bei meinem Hund stimmte das tatsächlich, er war sehr gutmütig, aber etwas ungestüm, ich habe selten jemanden getroffen, der ähnlich gutmütig war.

Im Lauf der Jahre wurde das Grün gegenüber meinem Haus so dicht, dass ich mich dort im Sommer über Stunden verstecken konnte, mit dem Hund in einer der halb zugewachsenen Senken saß und las oder die Handlungsbögen großer Werke notierte. Und nun scheißt er nur noch auf den Hof, zum Glück ist dort eine kleine, verwilderte Wiese um einen alten Kirschbaum herum, die gehört eigentlich schon zum Nachbargrundstück, aber das Haus haben sie vor zwei oder drei Jahren weggerissen, so dass ich jetzt freien Blick auf einen kleinen Flachbau habe, direkt unterhalb des Bahndamms, der hinterm Haus verläuft, dort werkelt irgendeine Schreinerei, manchmal bis spät in die Nacht, und manchmal stößt die giftig riechende Dämpfe aus einem kleinen Blechschornstein, dass ich die Fenster schließen muss. Gegenüber der Schreinerei verläuft der geschwungene Häuserbogen einer Seitenstraße, die von der großen Hauptstraße, an der mein Haus sehr vereinzelt steht, abgeht. Schöne sanierte Häuser sind das, aber viele Wohnungen stehen leer. Ein paar Russen haben sich dort in einem der Häuser breitgemacht. Die kann ich in den Nächten manchmal hören. Brüllen und Grölen, ab und zu schreit eine Frau. Das scheint aber ihr normaler Alltag zu sein, Feiern und Streiten. Nur einmal, da saß ich abends auf meinem Klappstuhl und sah dem Hund zu, gar nicht so lange her kann das sein, denn da kippte er manchmal auch schon um beim Kacken, weil die Hinterläufe nicht mehr stabil blieben in seiner Hockstellung, da schoss einer der Russen mit einer Knarre aus dem Fenster. Wahrscheinlich nur eine Schreckschusspistole, aber wer weiß das schon. Ich weiß, dass das einer der Russen war, weil er laut fluchte dazu. Als wenn es nicht reichen würde, nachts rumzuballern, da müssen auch noch ein paar deftige Flüche gebrüllt werden. Und die Bullen gerufen hat natürlich keiner, ich mach so was aus Prinzip nicht, da muss schon einer Amok laufen, und zwar richtig.

Und nun steh ich mit dem alten, müden Hund vor meiner Tür und weiß nicht, wie reinkommen, 2 Uhr 15 inzwischen. Ich ziehe den Abtreter von der Türschwelle weg an die Wand gegenüber und sage dem Hund, er soll sich dort drauflegen. Er dreht und wendet sich, bevor er sich niederlegt, steht dann wieder auf und platziert sein Hinterteil erst da und dann wieder am anderen Ende meines großen Fußabtreters, wenigstens muss er nicht auf den blanken Fliesen liegen, wie jeder Alte will er es weich und warm für seine morschen Knochen. Er liegt direkt unter dem Kasten mit den Stromzählern. Wie oft hat da einer von den Stadtwerken gestanden und mir oder jemand anderem im Haus den Saft abgedreht. Wenn ich jetzt zu spät bezahle, weil ich auf Reisen bin oder mich über Wochen der Außenwelt verweigere und schreibe oder auf dem Bett liege und die Geschichten in mir arbeiten lasse, sind sie sehr freundlich, wenn sie kommen, »Ja, Herr Meyer, selbstverständlich kann ich nachher noch mal kommen, wenn Sie auf der Bank waren, welche Zeit wäre Ihnen denn recht?«; vor vier, fünf, sechs Jahren haben sie ohne Kommentar den Schalter umgelegt und verplombt, wenn ich nicht flüssig war, um sie auszuzahlen. Und wenn ich dann, weil jeder Mensch ja Strom braucht, auch wenn er pleite ist, diese Plombe mit Hilfe von etwas Schmieröl vom Schalter flutschen ließ, kamen sie noch mal und bauten eine Sicherung aus dem Innenleben dieses Zählerkastens, die konnt’ ich nicht so einfach überbrücken, da ging’s um zu viel Volt. Einmal wachte ich auf, hatte wohl das Klingeln nicht gehört, stand da tatsächlich so ein Strompolizist meiner Wohnungstür direkt gegenüber und steckte seinen Kopf in den Kasten und war am Fummeln und Schrauben, und als ich meine Tür aufmache, um zu fragen, was das verdammt nochmal soll, drückt sich der Hund an mir vorbei und springt dem Strompolizisten direkt ins Kreuz, dass der hoch und schrill aufschreit vor Angst.

Aber ich sagte ja schon, dass er nur neugierig war und ihn begrüßen wollte auf seine Art.

Ich drücke den rechten Türflügel, so weit es geht, mit der Schulter nach innen Richtung Flur. In dem entstehenden Spalt wird der kleine Hebel sichtbar, unter dem der Korken sitzt. Ich drücke stärker und versuche, den Spalt zu verbreitern. Dann versuche ich, mit der Hand hineinzufahren und irgendwie den Korken zu greifen. Aber sobald ich meinen Körper, und damit den Druck, etwas verlagere, wird der Spalt zu klein für meine Finger.

Also muss eine Art Keil her. Ich gehe wieder auf den Hof. Ich finde ein paar Äste vom Kirschbaum, der auch alt wird. Kirschen trägt er noch im Sommer, aber es werden weniger von Jahr zu Jahr. Im letzten Sommer lagen Hunderte Kirschen auf der Wiese und um den Baum, der Hund aß täglich die vergorenen Früchte, wurde alkoholsüchtig, stand schwankend in der Sonne und glotzte mich dümmlich an mit leerem Blick und suchte noch im Herbst, als alle Früchte längst verschwunden waren, verzweifelt den Boden nach Nachschub ab. Ich breche mir ein paar Holz-stücke zurecht, muss dabei aufpassen, nicht in einen der Scheißhaufen auf der Wiese und zwischen den kleinen Büschen zu treten. Die werden noch den Boden düngen, wenn der Hund längst verschwunden ist. Ich gehe rein. Wieder den Körper gegen die Tür und das stärkste Aststück in den Spalt gerammt. Da steckt es dann also, und ich kann den kleinen Hebel und den Korken darunter sehen. Der Spalt ist aber noch nicht groß genug, um mit der ganzen Hand reingreifen zu können, und ich brauche eine ganze Weile, um ein zweites Stück Holz zwischen die beiden Flügel zu schieben, und weil das immer noch nicht reicht, ein drittes. Ich schwitze schon ziemlich und ziehe das Hemd aus, arbeite im Unterhemd weiter. Jetzt komme ich an den Korken, der Spalt ist vielleicht zwei Finger breit, und mit diesen zwei Fingern versuche ich, den Korken zu greifen. Und dann schreie ich wie ein Vieh. Weil doch tatsächlich einer meiner provisorischen Keile nachgibt und sich nicht im Spalt hält, und die anderen beiden schließen sich an, bevor ich meine Finger rauskriege. Der Hund schaut mich etwas dümmlich, aber doch mehr verwundert mit geneigtem Kopf und dunklen Augen an, wie ich da so schreie und meine Finger aus der hölzernen Umklammerung reiße. Ich renne wieder auf den Hof, kein Ast zu finden, der stark genug ist, ich gehe wieder rein, renne schweißüberströmt in den Keller, der zum Glück offen ist, finde zwischen den Besen und Schaufeln des Hausmeistern einen abgebrochen Holzstiel, von einer Schaufel oder einem Spaten. Wieder hoch zur Tür, ich hebele erst unten und ziehe dort den Metallstift aus seiner Verankerung, aber das Sperrsystem oben hält die Flügel zusammen, sooft ich mich auch gegen sie werfe, jetzt weiß ich, dass ich ein spitzes Werkzeug brauche, einen Schraubenzieher oder eine Ahle, um den Korken aus der Öffnung unter dem Hebel förmlich herauszustechen, denn fest steckt er und blockiert.

Ich renne noch mal in den Keller runter, finde aber weder einen Schraubenzieher noch ein ähnlich geeignetes Werkzeug. Der Schweiß läuft mir in die Augen. Es ist jetzt fast 3 Uhr. Ich überlege, wen ich rausklingeln kann im Haus. Einen Schraubenzieher hat doch eigentlich jeder. Viele Möglichkeiten habe ich nicht. Die beiden ganz oben? Links der lange dünne, fast zahnlose Mann, rechts die dicke Frau. Vielleicht sind sie auch gerade zusammen in einer Wohnung, Genaueres weiß ich nicht über ihr Verhältnis, anfangs dachte ich noch, sie sind Bruder und Schwester, will’s eigentlich gar nicht wissen und beschließe, sie schlafen zu lassen. Sind nette Leute, komme gut mit ihnen aus, auch wenn er Lok-Fan ist. Er hat einen Lok-Aufkleber auf seinem Briefkasten, der Chemie-Aufkleber auf meinem Briefkasten ist mindestens doppelt so groß. Wenn bei mir jemand um 3 Uhr nachts klingelt, ich würde nicht öffnen, bzw. so tun, als wäre ich nicht da. Das Blöde am Erdgeschoss, Hochparterre, ist, dass man das Licht sieht. Eine Zeitlang klingelte Trinker-Thilo regelmäßig, wenn er mein Licht in der Nacht sah. Ein paar Meter die Straße runter ist eine Tankstelle. Das war sein Nachschubweg, viele Jahre lang. Und er war nicht der Einzige. Vor allem in den Sommernächten ziehen endlose Trinkerkolonnen an meinen Fenstern vorbei. Deswegen liebe ich die langen und kalten Winter, die es kaum noch gibt.

Ich könnte bei Ali klingeln. Der ist ein sehr gastfreundlicher Mann, würde mir sicher einen Schraubenzieher leihen. Bis vor zwei, drei Jahren war ich oft bei ihm zu Besuch. In meine Wohnung kam er nicht gern, wegen des Hundes. Hunde sind unreine Tiere, sagte er mir. Wir haben uns trotzdem ganz gut verstanden. Wir haben Wasserpfeife geraucht, Tee getrunken und über den Islam und Gott und die Frauen geredet. Ali ist strenggläubig, ich würde das zumindest so nennen. In seinem Wohnzimmer hängen große Wandteppiche mit den Gesichtern verschiedener Heiliger, Imam Ali, Ajatollah Chomeini und ein paar andere, deren Namen ich vergessen habe. Einige Male, aber das ist jetzt auch schon fünf, sechs Jahre her, bin ich mit ihm in die Moschee gegangen. Nicht, weil er mich bekehrt hat zum wahren Glauben, sondern weil ich noch nie in einer Moschee war und dachte, in den Zeiten des islamistischen Terrors, der Islamphobien und der Islamisierung Europas, Afrikas und der Welt muss man einmal in so einem Raum gewesen sein, um das Geheimnis dieser Gottesportale und der dortigen Gruppentranszendenz zu ergründen. Aber ich war ein wenig enttäuscht von der Leipziger Moschee, nur eine große Wohnung in einem runtergekommenen Mietshaus, aus der die Wände so herausgebrochen waren, dass ein paar kleine Säulen entstanden. Teppiche auf dem Boden, Teppiche an den Wänden, arabische Schriftzeichen, viel Gold, viel Kitsch, viel Tand, Hauptsache, Gott fühlt sich wohl, in der Nachbarwohnung lag die Moschee für die Frauen und Mädchen, wie in den getrennten Umkleidekabinen des Freibads ist das, ein Gott für die Männer und einer für die Mädels, bzw. zeigt er da seine weibliche Seite. Alis deutsche Freundin, die er damals hatte, ging immer in die Frauenmoschee, er hat sie zum wahren Glauben bekehrt, sie ging nur noch verschleiert auf die Straße und durfte mir nicht die Hand geben und erklärte mir das so, dass Gott es nicht gern hat, weil ich ja nicht ihr Mann bin. War gar nicht mein Typ diese Frau, aber sehr nett. Als Ali einmal für längere Zeit nach Kuweit zu seiner Familie fuhr, ging es heiß her zwischen den Heiligenbildern in seinem Wohnzimmer, ständig traf ich junge Leute im Treppenhaus, dröhnte Musik, waren die Aschentonnen voller leerer Flaschen … auch wenn wir uns in den letzten Jahren kaum noch sahen, habe ich selten so einen freundlichen Menschen getroffen, und auch in der Moschee war ich als Christ immer willkommen und wurde nach den Predigten (von denen ich kein Wort verstand natürlich, da auf Arabisch gehalten, der Sprache Gottes, manchmal meinst du dann Sachen zu hören wie »Bin Laden!« oder »DschihadkommtnachEuropa!«, aber ich glaube, diese schiitische Gemeinde war kein Schlupfloch für Hardliner, die Schiiten haben mit dem wahabitischen Bin Laden & Co. sowieso wenig am Hut, mit dem Imam habe ich ein paar Mal gesprochen und starke arabische Zigaretten geraucht, die waren nicht rund, sonder oval) zum Essen eingeladen, auf dem Fußboden, auf einer großen Plastikplane aßen wir, und die größte Freundlichkeit war es, seinem Nebenmann ungefragt etwas Fleisch und Reis auf den Teller zu schieben, das wurde mit einer angedeuteten Verbeugung und gefalteten Händen lächelnd bedankt. Und deshalb klingele ich auch nicht bei ihm, um nach einem Schraubenzieher zu fragen, ich weiß, dass er früh aus dem Haus muss, um zu arbeiten.

Und das war’s auch schon an Möglichkeiten, die ich habe. Die Wohnung über mir ist leer, die Wohnung neben Ali ist auch unbewohnt zur Zeit, der Typ ist im Knast, weiß nicht, wie lange noch. Ist eine Art Unglückswohnung, würde ich sagen, denn der Typ, der da vorher drin wohnte, ist auch im Knast. Es muss vor zwei, drei Jahren gewesen sein, als ihn die Bullen abholten. Ein Türke, der eine ältere Dame in Leipzig geheiratet hat wegen der Aufenthaltsgenehmigung, Geld hat’s wohl auch gekostet. Ich habe die Briefe vom Gericht und vom Scheidungsanwalt mit großem Interesse gelesen, als sein Briefkasten überquoll, nach dem er eingefahren war. Ich weiß nicht genau, wegen was sie ihn drankriegten. Vielleicht was mit Drogen, ich habe ihn ein paar Mal auf der Eisenbahnstraße flanieren sehen, verdächtig langsam, das ist seit vielen Jahren schon ein Umschlagplatz. Er hat auch viel getrunken, obwohl er mir, als ich mal auf einen Tee in seiner Wohnung war, sagte, dass er die übermäßige Trinkerei der Deutschen nicht verstehe, »Ab und an ein kleines Bier, o.k., aber Schnaps, so viel Schnaps, da werden die Leute böse.« Ein paar Wochen später nur dröhnte der Streit, den er mit seiner Freundin hatte, durchs ganze Haus. Wurde immer lauter und schlimmer, die Frau kreischte und schrie wie am Spieß, er fluchte, schimpfte, ab und an krachte was, jetzt geht das gute Geschirr zu Bruch, dachte ich, dachte auch daran, hochzugehen und zu schlichten, hatte aber genug eigenen Kram zu tun. Bis dann, auf dem Höhepunkt des Lärms, ein Schatten an meinem Hochparterre-Fenster zur Straße vorbeiflog, von oben kommend, nicht genau zu erkennen, und mit einem dumpfen Knall irgendwo neben dem Haus aufschlug. Das war’s, dachte ich, er oder sie. Und traute mich kaum, auf die Straße zu gehen, in Erwartung eines zertrümmerten Körpers. War aber nur ein Tisch bzw. die Reste eines Tisches. Ein Couchtisch mit Fliesenoberfläche, die Fliesenteile lagen wie Granatsplitter mehrere Meter im Umkreis der Detonation. Ein Mann auf der anderen Straßenseite schaute mit offenem Mund zu mir rüber, volle Punktzahl, der Kandidat hat den richtigen Fuß-weg gewählt!

Bin ich dann doch hochgegangen. Ein aufgeklapptes Messer hinter meinem Rücken. Wer weiß, mit was der öffnet … Er trug nur eine Unterhose und stank übel nach Schnaps, und als ich ihm sagte »Dir ist da eben was aus dem Fenster gefallen«, versprach er mir schwankend und lallend, sofort alles wegzumachen. Die Frau war nicht zu sehen.

Ich arbeite schwitzend an meiner Tür. Der Hund schläft auf dem Abtreter unterm Sicherungskasten. Mit einer Hand stemme ich den Schaufelstiel zwischen die Flügel und hebele sie auseinander, so weit es geht, mit der anderen Hand treibe ich mein neues spitzes Werkzeug in den Korken. Lack splittert vom Holz, kleine Stücke brechen bereits aus dem Korken raus. Ich habe einen lockeren Halterungshaken von der Regenrinne im Hof gezogen, mein Unterhemd ist schmutzig und mit Rost verschmiert, aber der Korken bröselt, die Blockade bricht, 3 Uhr 17, die Tür öffnet sich polternd, der Hund wacht auf.

II

Draußen vor der Tür, auf meinem Hof, direkt neben dem alten Kirschbaum, ist ein kleines Grabmal aus roten Ziegelsteinen. Dort liegt mein Hund Piet. Ich habe ihn verbrennen lassen und die Urne dort begraben. Er ist über vierzehn Jahre alt geworden. Am 19. Oktober in den Abendstunden hielt der Arzt sein Herz an. Die Tage zuvor hatte er nur noch wenig gegessen, und auch seine letzte Mahlzeit beroch er nur, und aß dann ein paar kleine Happen, als würde er etwas ahnen.

Der Arzt spritzte ihm erst ein Narkosemittel, nicht zu stark, damit er ganz langsam anfängt wegzudämmern. Und dann saß ich noch eine Weile neben ihm, die Hunde-decken hatte ich frisch gewaschen, damit er sauber und weich stirbt, der Arzt fragte, und ich bejahte, und dann nahm er eine andere Spritze, mit langer, dünner Nadel, befühlte seine Rippen, suchte das Herz, und injizierte direkt dort hinein. Ich lege meine Hand auf seine Schnauze, damit er mich riechen kann. Kurz bäumt er sich auf, öffnet den Mund, ich lege mein Hand hinein, will, dass er mich wittert in seinen letzten Sekunden. Und er wird ruhig, ich kann den Moment spüren, seine Zähne berühren meine Haut. Er ist weg.


*Aus: Clemens Meyer, „Draußen vor der Tür“ from: Clemens Meyer, Gewalten. Ein Tagebuch.pp. 201-223. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010.

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