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Früher war ich oft zu zweit. Ich war zu dritt. Wir waren vier, fünf oder sechs. Ich hatte Brüder, Schwestern, eine Vogelspinne. Eltern: Ja, auch.

Außerdem war da noch mein Onkel Nikolai und der Typ aus der Nachbarschaft mit den Bommelhandschuhen. Wir haben gelacht, manchmal geweint, die Tauben im Stadtpark sind an unseren Kekskrümeln erstickt. Dann wurde es Winter, dann wieder Sommer und meine Cousine Sonja hat mir allerhand Formen im Playgirl gezeigt. Später, es muss Herbst oder Frühling gewesen sein, fuhr ich mit meinem Cousin Arseny im Riesenrad und wir haben durch den Playboy geblättert, das war auch schön.

Mein Bruder Jewgeni hat das letzte Stück Käsepizza gegessen. Mein Bruder Jewgeni hat mit Lippenstift Idiot auf meine Stirn geschrieben. Jewgeni fährt mit meinen brandneuen Rollschuhen die Straße entlang. Ich schließe die Augen und sehe Jewgeni, wie er auf einen riesigen Abgrund zurollt oder wenigstens ein Atommüllendlager. Vielleicht wäre es auch gut, wenn wirklich alle tot wären. Oder wenigstens weg.

Dann fängt wieder die Schule an und ich bin gut in Mathe. Ich denke an andere Dinge und trinke manchmal Schnaps aus einem Trichter. Später berühre ich ein Mädchen zufällig am Ellbogen und wir fahren zusammen zum Spring Break nach Miami. Ich sage Nein zu Heroin, ich sage Nein zu Heroin, Heroin würde ich wirklich nie ausprobieren.

Dann ist es Oktober, später auch ein anderes Jahr, die Blätter fallen und Halloween habe ich wirklich nie verstanden. Ich verkleide mich als der Velociraptor aus Jurassic Park und küsse ein Mädchen. Ich küsse einen Jungen. Ich küsse meinen Mathelehrer. Ich schlafe mit meinem Mathelehrer. Ich küsse öfter ein Mädchen, das sich als Alf aus der Fernsehserie Alf verkleidet hat. Gemeinsam schauen wir Hör mal wer da hämmert und sind eine sehr kurze Zeit sehr glücklich.

Später gehe ich auf die Uni und lerne einen gutaussehenden Wirtschaftgeologen kennen. Wir unternehmen Wochenendtrips in folgende Städte: Atlanta, Baltimore, Jacksonville. Ich halte Referate und lege LSD-Blättchen auf meine Zunge. Obwohl wir das nicht vorhaben, verlieben wir uns ineinander, aber als ich ihm erzähle, dass es schon immer mein Wunsch war durch Europa zu reisen, lacht er mich aus und bezeichnet mich als konservativ, was mich ziemlich ärgert und ich glaube in diesem Moment ist etwas zerbrochen zwischen uns. Schade, dabei hätten wir so glücklich werden können.

Der Flug nach Montreal ist wirklich unverschämt billig und als ich am Flughafen ankomme, beschließe ich mit dem Rauchen aufzuhören, mir einen Fahrradhelm zu kaufen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Die ersten Tage verbringe ich damit im Internet zu surfen und vermeide es vor die Tür zu gehen, aber als ich merke, dass ich gerade auf theguardian.com denselben Artikel gelesen habe, den ich schon gestern auf theguardian.com gelesen habe, reicht es mir mit dem Internet und ich nehme mir fest vor, eine kanadische Indie-Rock-Band zu gründen, die IntercityExperimental oder Monsieur Braunbär heißt. Kanada: Dieses Land kommt mir unglaublich liberal vor.

Noch bevor es Herbst wird, beende ich meinen Bachelor an der NYU und gönne mir zur Belohnung einen Roadtrip nach Venezuela. In Caracas gibt es zwar weder ein funktionierendes Gesundheitssystem, noch Polizisten, die mit den Begriffen Recht und Ordnung vertraut sind, doch dafür gute Partys und eine große sinnliche Naivität, die ich überaus charmant und inspirierend finde. Ich kaufe mir ein Keyboard und gründe mit Juan und dem verdammt niedlichen Ignacio ein Electro-Jazz-Trio. Doch Juan stellt sich schnell als absurd schlechter Bassist heraus und Ignacios Cousins klauen uns irgendwann all unsere Instrumente, unser Geld und meinen Pass, was ich aber ganz okay finde. Immerhin wurde ich noch nie in einem Dritte-Welt-Land überfallen und diese Erfahrung macht mich erwachsener und spirituell reifer, da besteht überhaupt kein Zweifel.

Spontan beschließe ich noch einen Philosophie-Master in Göttingen dranzuhängen und kaufe mir in einem Online-Antiquariat eine kommentierte Gesamtausgabe des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Den ersten Band verschlinge ich wie nichts, doch dann springt mir auf dem letzten Absatz ein grober Denkfehler ins Auge und ich wende mich enttäuscht von der Fichte-Lektüre ab. Später entwickele ich echte Gefühle für meine Mitbewohnerin Susanne, doch ihr Modeljob und das viele Umherreisen machen eine echte Romanze unmöglich, jedenfalls für mich, und als ich das Susanne sage, unternimmt sie einen ziemlich ernst gemeinten Selbstmordversuch, der natürlich trotzdem scheitert, aber das war mir schon vorher klar.

Ich besuche den Karneval in Köln und verkleide mich als der Triceratops aus Vergessene Welt: Jurassic Park 2. Ich küsse einen Ministranten, ich küsse eine Pastorin, ich küsse einen Pfarrer. Köln: Diese Stadt kommt mir unglaublich liberal vor. Als ich endlich auf einer Ausziehcouch in Düsseldorf erwache, merke ich, dass mein ganzes Geld samt Pass weg ist. Und irgendwie finde ich es geil, nichts mehr zu besitzen. Die Wohnung, in der ich bin, gehört der blutjungen Regiestudentin Annika und ist wahnsinnig minimalistisch eingerichtet. Sie sagt, sie hätte das nicht mit Absicht gemacht, aber ich glaube ihr nicht.

Ich bitte meinen Vater, mir Geld zu schicken und fliege in folgende Städte: Prag, Tokio, Barcelona und Venedig. Irgendwie stehe ich auf Städtetrips. Als ich einige Tage später mit der Fähre von Hongkong nach Macao fahre, sehe ich einen Mann, der ins Wasser springt und immerzu schreit: Ciao, ciao! Macht’s gut! Ich liebe euch! Ciao! Und auf einmal werde ich ganz still und furchtbar glücklich und ich glaube, es geht allen so die neben mir stehen, alle werden auf einmal still und furchtbar glücklich und sind irgendwie Eins.

Und dann beschließe ich – wahrscheinlich aus einem ganz spontanen Gefühl heraus – das Geburtshaus von Bruce Willis in Idar-Oberstein zu besuchen. Aber es ist dann natürlich kein richtiges Geburtshaus, sondern ein stinknormales Krankenhaus, was auch sonst, und während meiner Zeit in Idar-Oberstein schlafe ich mit folgenden Personen: Malte und Doktor Inga Jansen. Das war’s auch, so lange war ich schließlich nicht da.

In Tibet mache ich einen kurzen Entzug und mein Vater ist sauer, weil ich mein Philosophie-Studium hingeschmissen habe. In Shenyang, was eine chinesische Millionenstadt ist, die niemand kennt, laufe ich über einen Marktplatz und merke, dass Gott vielleicht wirklich tot ist. Ich wühle mich durch die Menschenmassen in Delhi. Die Fußgängerzone in Braunschweig. Der Karneval in Rio. Ich habe mich als der Flugdinosaurier aus Jurassic Park 3 verkleidet. Manchmal wünsche ich mir, dass alle tot sind. Oder wenigstens weg.

Ich mache eine Kur, ich spanne aus, ich fahre aufs Land. Dann schlafe ich mit der Landwirtin. Daran anschließend wieder Städtetrips, Drogentrips, herkömmliche Reisen. Ich stelle mir vor, dem Vorstandsvorsitzenden von Google Maps aus kurzer Distanz ins Gesicht zu schießen, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder, weil mir die Chance, sofort verhaftet zu werden doch recht groß erscheint. Ich mache einen kurzen Entzug zuhause in Key West und bin sehr kurze Zeit sehr glücklich, während ich Wer ist hier der Boss auf dem kleinen Anstaltsfernseher gucke. Dann breche ich aus, klaue den Diplomatenpass meines Vaters und komme drei Wochen später auf der Fastnacht in Mainz zu mir. Seltsamerweise habe ich mich als Chris Pratt aus Jurassic World verkleidet.

Manchmal könnte ich dich wirklich erwürgen, sagt meine Mutter am Telefon, manchmal möchte ich einfach deinen kleinen weichen Kopf gegen das Spülbecken schlagen. Und wahrscheinlich hat sie da Recht, wahrscheinlich könnte sie mich wirklich erwürgen, ich will das überhaupt nicht ausschließen. Denn vielleicht stimmt es ja, vielleicht bin ich ja wirklich ein absurd schlimmer Mensch, der solche Dinge verdient, aber vielleicht stimmt es eben auch nicht und meine Mutter ist an allem Schuld.

Kurzerhand beschließen mein neuer Mitbewohner Sven und ich ein Manifest zu schreiben und das geht so: Unsere Feinde sind Optiker und Eltern, Männer und Frauen, unsere Feinde sind Kohlenhydrate und Nationalstaaten, Uhrzeiten und das Internet und Bahnhofstoiletten für die man bezahlen muss, unsere Feinde sind die Schweine von Google Maps und Bahncard-25 Besitzer, unsere Feinde sind Rechtshänderscheren und deutsche Außenminister, unsere Feinde sind –

Aber leider kommen wir dann nicht weiter, weil wir mit dem Schreiben aufhören müssen, um heftig rumzuknutschen und dann heftig rumzumachen und dann heftig rumzuvögeln und das dauert alles so lange, dass wir danach gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich schreiben wollten.

Also beschließe ich Urzeitkrebse zu züchten und überhaupt ein guter Mensch zu werden. Doch egal, was ich mache, diese verdammten Urzeitkrebse sterben mir nach ein paar Tagen immer weg. Manchmal wünsche ich mir auch, dass alle Menschen einfach wegsterben. Ich reiße das Fenster auf und brülle: Sterbt doch einfach weg! Es wäre so schön, wenn ihr weg wärt. Oder wenigstens tot. Dann wird es Oktober und ich erwache auf einer Ausziehcouch in Wiesbaden. Mein ganzes Geld samt Pass ist verschwunden und mein Mitbewohner Sven ebenso. Schade, wir hätten so glücklich werden können.

Als es Abend wird und ich am Rhein spazieren gehe, überfällt mich eine große Sehnsucht oder Traurigkeit und ich wünsche mir insgeheim, mein Geld in der koreanischen Star Craft Liga zu verdienen oder geröstete Kastanien in der Rue Royale in Brüssel zu verkaufen oder wegen Mordes gesucht zu werden oder wegen Flugzeugentführung gesucht zu werden oder wenigstens wegen irgendwas gesucht zu werden, aber dann entschließe ich mich doch dafür, endlich vernünftig zu werden und gründe mit meinem Bruder Jewgeni ein isländisches Modelabel.

Die Steuergesetze in Rejkavik sind wirklich unglaublich liberal und durch ein bisschen Glück und geschicktes Taktieren verkaufen wir das Label nach nur sechs Monaten wieder, werden so in kurzer Zeit mittelmäßig reich und verbringen unsere Zeit damit Popsongs zu produzieren, sowie einige Diversity-Projekte in Kinshasa zu finanzieren. Und ohne es überhaupt zu merken geht unser gesamtes Erspartes für Kokain und Langstreckenflüge drauf.

Völlig abgebrannt komme ich in Saarbrücken an und wünsche mir insgeheim Privatdetektiv zu werden, warum auch immer, ich kann das wirklich nicht erklären. Aber ich erkenne schnell, dass dieser Wunsch auf völlig falschen Erwartungen basiert, und zum anderen damit zusammenhängt, dass mein Vater nie für mich da war, wenn ich ihn mal gebraucht habe. Während meiner kurzen Zeit in Saarbrücken denke ich also viel über Zusammenhänge nach und kaufe mir ein Softeis und ein Bigpack Marlboro Menthol und finde, dass das auch irgendwie zusammenhängt.

In einem Wettbüro gewinne ich 200 Euro, weil ich drei Spiele der türkischen Liga richtig getippt habe und kaufe mir von dem Geld ein InterCity Ticket nach Zürich. Da ich überhaupt niemanden in Zürich kenne und auch überhaupt keine Ahnung habe, was ich hier soll, werde ich nun wirklich Privatdetektiv, jedenfalls für knappe zwei Wochen, weil die ganze Chose doch ziemlich öde ist und noch dazu unterbezahlt. Dann treffe ich meinen ehemaligen Mitbewohner Sven auf einem Rave in Luzern wieder und er sagt, dass es ihm leid täte, wie das damals alles gelaufen sei, aber er danke mir für meine wunderschönen Augen und meine Verlässlichkeit und meinen wunderschönen Hintern, danke.

Mit einem Motorroller fahre ich nach Südfrankreich und mache zwei Wochen Urlaub in einem Luxushotel in Nizza, um diesen ganzen Abfuck mit Sven zu vergessen und weil es gerade Nebensaison ist, ist es auch unverschämt billig. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich mir gar nicht mehr wünsche, dass alle tot oder wenigstens weg wären und frage mich, ob ich inzwischen ein guter Mensch geworden bin. Ich laufe durch die Steppen Afrikas. Ich laufe durch die Steppen Brandenburgs. Ich frage mich, wie es wohl meinen Eltern geht und was jetzt mein Bruder Jewgeni macht und wo er wieder steckt.

Und als ich genau das denke und einen Zug von meiner elektrischen Zigarette nehme, schaue ich aus dem Fenster meines Hotelzimmers und es brennt, egal wohin ich schaue, es brennt den ganzen Morgen und den ganzen Nachmittag. Auch am nächsten und übernächsten Tag brennt es, es müssen Wochen und Monate sein, in denen die Häuser in Flammen stehen, in denen die Dächer und die Menschen und die Galaxien brennen und es gibt kein Ende und keine Gnade und keine Dunkelheit mehr, denn alles ist nur grell und grob und hell.

Und dann, etwas später, sitze ich im Bus von Cincinetti nach Indianapolis und denke an Masculin Things, ich denke an Baumärkte, Rasierapparate, Herzinfarkte. Und dann etwas später, es muss Frühling oder Herbst sein, sitze ich im Zug von Memphis nach Phoenix und denke an Feminin Things, ich denke an Hermeline, Roboter und Ohrläppchen. Und dann, noch etwas später, sitze ich in San Francisco in der Straßenbahn und ich spüre auf einmal dieses große Gefühl in mir, ein  Gefühl der Reinheit, das Gefühl mit einem Maschinengewehr in eine Menge Menschen zu schießen, und den Mond zu fressen und jemand zu sein, der sich auskennt, der für andere da ist, der sich traut, Gefühle zuzulassen und nicht jemand zu sein wie mein Vater, sondern jemand der Bescheid weiß, der zum Beispiel weiß, dass Liebe wichtiger ist als Europa, so jemand würde ich gerne sein, das fühle ich und das ist die Wahrheit.

Einmal besuchte mich ein türkischer Philosoph aus Istanbul in Berlin. Er war nur für ein paar Tage dort. Er schaute sich die Straße an und sagte leise: »Ich glaube, ich könnte hier nicht leben.«

Nicht die Sommerflugzeuge, aber die Winterflugzeuge brachten viele Menschen, die weinten, von Europa nach Istanbul, weil ihnen in der Türkei Vater oder Mutter gestorben waren. Ich saß vor drei Jahren in einem Winterflugzeug. Plötzlich stand vorne eine Frau von ihrem Platz auf, warf sich auf den Flugzeugboden und fing an zu schreien. Alle Leute erhoben sich.

»Was ist los ?«

Zwei Kinder dieser Frau waren in Istanbul bei einem Autounfall gestorben, und sie mußte zur Beerdigung. Die Stewardessen setzten sie wieder auf ihren Platz, hielten ihre Hand. Die Frau schrie: »Öffnet die Tür. Werft mich raus. Ich will sie im Himmel suchen.« Sie schaute ständig aus dem Fenster, als könnte sie ihre Toten im Himmel sehen.

»Macht die Tür auf.«

Dann blickte sie die anderen Passagiere hinter sich an, als sollten sie alle mit ihr in den Himmel laufen, um ihre Toten zu suchen. Das Flugzeug sollte sich wie ein Auto nach links, nach rechts, nach hinten, nach vorne bewegen und die Toten suchen. Das Flugzeug aber flog geradeaus, als ob es an einer Stange durch den Himmel gezogen würde.

Als ich noch in Istanbul lebte, vor fünfundzwanzig Jahren, saß ich in einer Sommernacht auf einem Schiff, das mich von der europäischen Seite zur asiatischen Seite fuhr. Die Teeverkäufer trugen Tee zu den Leuten, in ihren Taschen klapperte das Kleingeld. Der Mond war so groß, als wohnte er nur im Istanbuler Himmel, liebte nur Istanbul und polierte sich jeden Tag nur für diese Stadt. Wohin er schaute, würden sich sofort alle Türen öffnen, um ihn hineinwachsen zu lassen. Wohin man faßte, faßte man den Mond mit an. Jeder hatte ein bißchen Mond in seinen Händen. Jetzt beleuchtete der Mond zwei Gesichter auf dem Schiff neben mir. Ein Junge, ein Mädchen. Er sagte: »Du hast also auch dem Mustafa deinen Schlüssel gegeben. Ich gehe. Auf Wiedersehen.« Er sprang vom Schiffsdeck ins Meer und tauchte ins Mondlicht. Das Schiff befand sich genau in der Mitte zwischen Asien und Europa. Ohne etwas zu sagen, blieb das Mädchen im Mondschein auf ihrem Platz sitzen. Alle anderen Menschen eilten zur Reling, das Schiff neigte sich mit der Menschenmenge, auch die Teegläser rutschten mit ihren Untertassen in Richtung Reling. Der Teeverkäufer schrie: »Teegeld. Teegeld.« Ich fragte das Mädchen: »Kann er gut schwimmen?« Sie nickte. Die Schiffsbesatzung warf dem Jungen zwei Rettungsringe hinterher, aber er wollte keinen Rettungsring. Das Schiff drehte und fuhr hinter dem Jungen her, ein Rettungsboot holte ihn aus dem Meer. Der Mond verfolgte alles; was passierte, und als der Junge mit nassen Kleidern und nassen Haaren zum Kapitän mußte, beleuchtete ihn der Mond wie einen Clown im Zirkus mit rundem Licht. Das Schiff drehte wieder in Richtung asiatischer Teil, die Teeverkäufer fanden ihre Kunden und sammelten das Kleingeld ein. Der Mond schien auf die leeren Teegläser, doch plötzlich drehte das Schiff wieder in Richtung europäische Seite, weil es die Rettungsringe im Meer vergessen hatte. Und der Mond war immer da über Europa und Asien.

Im Istanbuler Flughafen warteten die Menschen, ein langer Korridor aus Menschen, einige weinten.

Wie viele Türen gab es jetzt in Istanbul? Zwölf Millionen Menschen, wie viele Türen machten sie auf? Und kann der Mondschein unter all den Türen hineinwachsen? Kann der Mond das schaffen?

Als ich ein Kind war, lebten in Istanbul vierhunderttausend Menschen.

Unsere Nachbarin Madame Atina (»Athena«), eine Istanbuler Griechin, zog damals ihre älter gewordenen Wangen bis hinter ihre Ohren und klebte sie mit einem Klebeband fest. Ich sollte ihr dabei helfen. Sie sagte zu mir: »Ich bin eine Byzantinerin wie die Kirche Hagia Sophia, die in der Zeit des byzantinischen Kaisers Konstantin dem Großen, 326 nach Christus, als eine Basilika mit Steinmauern und Holzdach gebaut wurde. In der Hagia Sophia glaubten die Byzantiner mehr als irgendwo sonst, Gott nahe zu sein, und auch ich glaube, in Konstantinopel dem Mond näher zu sein als irgendwo sonst auf der Welt.« Mit dem Klebeband hinter den Ohren ging Madame Atina zum Obstladen. Ich ging mit ihr, sie sah mit ihren nach hinten gezogenen Wangen jung aus, deswegen lief ich schnell. Sie wollte so schnell laufen wie ich und fiel dabei manchmal auf die Straße. Der Obstladenbesitzer war ein Moslem und scherzte mit Madame Atina: »Madame, ein Moslemengel ist gekommen, er hat seine Finger in das Loch einer Säule gesteckt und die Kirche Hagia Sophia in Richtung Mekka gedreht.« Ich liebte die Hagia Sophia, ihr Boden war uneben, und an den Mauern sah man Christusfresken ohne Kreuz, aus dem Minarett sang ein Muezzin den Ezan, und in der Nacht schien der Mond auf Christus‘ Gesicht und auf das Gesicht des Muezzins.

Einmal fuhr Madame Atina mit mir auf dem Schiff Richtung asiatischer Teil. Ich war sieben Jahre alt. Meine Mutter sagte: »Schau, die Griechen aus Istanbul sind das Salz und der Zucker der Stadt.« Und Madame Atina zeigte mir ihr eigenes Konstantinopel. »Schau dieser kleine Turm am Meer. Der byzantinische Kaiser, dem man wahrgesagt hatte, daß seine Tochter von einer Schlange gebissen und getötet würde, ließ vor Üsküdar diesen Leanderturm (Mädchenturm) bauen und versteckte hier seine Tochter. Als sich das Mädchen einmal nach Feigen sehnte und man ihr aus der Stadt einen Korb Feigen brachte, wurde sie von der Schlange, die sich im Korb versteckt hatte, gebissen und starb.« Madame Atina nahm mein Gesicht in die Hände, sagte: »Mädchen, mit diesen schönen Augen wirst du vielen Männern die Herzen verbrennen.« Die Sonne beleuchtete ihre rotgefärbten Fingernägel, hinter denen ich den Mädchenturm am Meer sah.

Dann lief Madame Atina mit mir über die Brücke vom Goldenen Horn. Als ich damals über die niedrige Brücke, die sich mit den Wellen bewegte, lief, wußte ich noch nicht, daß Leonardo da Vinci – die Ottomanen nannten ihn Lecardo – einmal, am 3. Juli 1503, einen Brief an den Sultan geschrieben hatte. Der Sultan hatte am Goldenen Horn von ihm eine Brücke bauen lassen wollen, und Leonardo machte in seinem Brief an den Sultan seine Vorschläge. Ein anderer Vorschlag kam 1504 von Michelangelo. Aber Michelangelo hatte eine Frage: »Wenn ich diese Brücke bauen sollte würde der Sultan verlangen, daß ich den muslimischen Glauben annehme ?« Der Franziskanerabt, der den Vorschlag des Sultans mit Michelangelo diskutierte, sagte: »Nein, mein Sohn, ich kenne Istanbul so gut wie Rom. Ich weiß nicht, in welcher dieser Städte mehr Sündige leben. Der ottomanische Sultan wird nie so etwas von dir verlangen.« Michelangelo konnte die Brücke dann aber doch nicht bauen, weil der Papst dem Künstler damit drohte, ihn zu exkommunizieren. Jahrhundertelang bauten die Ottomanen keine Brücke zwischen den beiden europäischen Teilen Istanbuls, weil im einen Teil Moslems und im anderen Juden, Griechen und Armenier lebten. Nur Fischerboote fuhren die Menschen hin und her. Der Sultan Mahmut II. (1808-1836) wollte endlich Moslems und Nicht-Moslems in Istanbul zusammenbringen und ließ die berühmte Brücke bauen. Als sie fertiggestellt war, schlugen die Fischer mit Stöcken gegen die Brücke, weil sie ihnen die Arbeit weggenommen hatte. Die Brücke wurde wie eine Bühne: Juden, Türken, Griechen, Araber, Albaner, Armenier, Europäer, Perser, Tscherkessen, Frauen, Männer, Pferde, Esel, Kühe, Hühner, Kamele, alle liefen über diese Brücke. Irgendwann gab es zwei Verrückte, eine Frau, ein Mann, beide waren nackt. Der Mann stand am einen Ende der Brücke, die Frau am anderen. Sie schrie: »Ab hier ist Istanbul mein.« Er schrie: »Ab hier ist Konstantinopel mein,«

Am Flughafen nahm ich ein Taxi. Seitdem Istanbul eine Zwölf-Millionen-Stadt geworden war, fanden die Taxifahrer die Adressen nicht mehr und regten sich auf. »Meine Dame, wenn du nicht weißt, wohin du fahren willst, warum bist du dann in mein Auto eingestiegen?« Ich wollte zu einer Freundin, ich hatte keinen Vater, keine Mutter mehr, zu denen ich als erstes hätte fahren können.

Vor Jahren war ich schon einmal mit einem Winterflugzeug nach Istanbul gekommen, um meine Eltern, die innerhalb von drei Tagen gestorben waren, zu begraben. Erst war meine Mutter gegangen. Mein Vater hatte in seinem Sessel gesessen, der Sessel gegenüber war leer. Er holte ein Gebiß herbei, an dem noch Schafskäse klebte, und sagte: »Hier, das Gebiß eurer Mutter.« Nach zwei Tagen starb auch er, und im Moscheehof stand sein Sarg auf einem hohen Totenstein. Auf den anderen Steinen standen noch zwei weitere Särge, und die Moscheeverwaltung hatte die Särge durcheinandergebracht. Sie wußte nicht, welcher Tote zu welcher Familie gehörte. Auf dem Friedhof holten die Totengräber deswegen die Leichen, die in Tücher gewickelt waren, aus den Särgen, und aus jeder Familie sollte ein Mann — die Frauen durften nicht in der Nähe des Grabs stehen — schauen, welcher Tote zu ihnen gehörte. Mein Bruder schaute auf die Gesichter der drei Toten und sagte: »Das ist unser Vater.«

Mit dem Taxi fuhr ich jetzt an dem Friedhof, auf dem meine Eltern begraben waren, vorbei. Ich wußte nicht mehr, in welchem Grab mein Vater liegt. Ich wußte nur, daß man von seinem Grab aus das Meer sah. Seitdem Istanbul eine Zwölf-Millionen-Stadt geworden ist, verlangte die Friedhofsverwaltung von den Hinterbliebenen, das Grab zu kaufen, sonst würden neue Tote über die Toten gelegt. Mein Bruder rief mich damals in Deutschland an: »Was sollen wir machen? Das Grab kaufen oder ihn zwischen anderen Toten verlorengehen lassen?« »Was denkst du?« »Wir können ihn mit anderen Toten zusammenlegen lassen, das paßt besser zu ihm.« Da man in Istanbul keine Friedhofsbesuche macht, war es uns egal, wo die Toten liegen. Die Friedhöfe sind leer, es sind die einzigen ruhigen Orte in der Stadt. Als junges Mädchen war ich manchmal mit einem Dichter zu den Friedhöfen gegangen. Er hatte aufgeschrieben, was auf den Grabsteinen stand. Er sagte: »Das sind die letzten Sätze der Menschen. Da gibt es keine Lügen.« Er wollte diese Sätze in seinen Gedichten benutzen.

Zwar gibt es in Istanbul keine Friedhofsbesucher, aber jeder Friedhof hat seinen Verrückten. Sie laufen dort zwischen den Grabsteinen herum, und Katzen laufen hinter ihnen her, weil sie den Katzen Käse und Brot geben. Auf dem Friedhof meiner Eltern lebten jahrelang zwei Verrückte. Der eine gab dem anderen immer ein Lira. Eines Tages gab er ihm statt eines Lira drei Lira. Der andere wurde böse und sagte: »Wieso gibst du mir drei Lira, ich möchte nur ein Lira.« »Mein Sohn, hast du nicht von der Inflation gehört? Jetzt sind drei Lira ein Lira.«

Der andere fing an zu weinen, sein Freund gab ihm ein Taschentuch.

Der Taxifahrer fand die Adresse meiner Freundin nicht und schwitzte. Ich gab ihm ein Papiertaschentuch und sagte: »Fahren Sie mich zum Stadtzentrum.« Vor dreißig Jahren hatte es in Istanbul einen Filmproduzenten gegeben, der nur traurige Geschichten verfilmte, und weil er sicher war, daß alle Zuschauer weinen würden, ließ er Taschentücher aus feiner Baumwolle herstellen. Er stand selbst vor dem Kino und verteilte die Taschentücher an die Besucher. Dabei lachte er. Zu dieser Zeit gab es in Istanbul einen berühmten Kino-Wahnsinnigen, der einen bestimmten türkischen Filmschauspieler besonders verehrte. Weil dieser Schauspieler in einer Rolle getötet wurde, kam der Verrückte eines Abends mit einer Pistole ins Kino und versuchte, den Mörder, bevor er schoß, selbst zu erschießen — und gab sechs Schüsse auf die Leinwand ab. Istanbul liebt die Verrückten. Die Stadt gibt ihnen ihre Brust und stillt sie. Sie hat sich von mehreren verrückten Sultans regieren lassen. Wenn ein Verrückter kommt, gibt Istanbul ihm einen Platz.

Genau vor dem Kino, in dem der Verrückte auf die Leinwand geschossen hatte, stieg ich aus dem Taxi. Bevor ich vor zweiundzwanzig Jahren nach Berlin gegangen war, hatte ich oft vor diesem Kino gestanden und auf meine Freunde gewartet.

Jetzt stehe ich wieder hier und schaue die Gesichter der Menschen an, die an mir vorbeilaufen. Es sah aus, als liefen Filme aus ganz verschiedenen Ländern dieser Welt übereinander. Humphrey Bogart spricht mit einer arabischen Frau, fragt sie nach der Uhrzeit. Eine russische Hure spricht mit einem Mann, der sich wie Woody Allen bewegt.

In den Gesichtern der Menschen suche ich meine Freunde von damals, aber ich suche sie in den jungen Gesichtern von heute, als wären meine Freunde in den zweiundzwanzig Jahren nicht älter geworden, als hätten sie mit ihren damaligen Gesichtern auf mich gewartet. Als wäre Istanbul in dem Moment, in dem ich nach Europa gegangen war, zu einem Photo erstarrt, um auf mich zu warten — mit all seinen Bädern, Kirchen, Moscheen, Sultanspalästen, Brunnen, Türmen, byzantinischen Mauern, Bazaren, Holzhäusern, steilen Gassen, Brücken, Feigenbäumen, Slumhäusern, Straßenkatzen, Straßenhunden, Läusen, Eseln, Wind, Meer, sieben Hügeln, Schiffen, Verrückten, Toten, Lebendigen, Huren, Dichtern, Lastträgern. Als hätte Istanbul auf mich gewartet mit seinen Millionen von Schuhen, die in den Häusern auf den Morgen warten, mit seinen Millionen von Haarkämmen, die vor den mit Rasierseife befleckten Spiegeln liegen.

Ich bin da, jetzt werden sich alle Fenster öffnen. Die Frauen werden von Fenster zu Fenster zu ihren Freundinnen herüberrufen. Die Basilikumpflanzen in den Blumentöpfen werden duften. Die Kinder der Armen werden sich in ihren langen Baumwollunterhosen ins Marmarameer werfen, um sich zu waschen. Alle Schiffe zwischen Asien und Europa werden hupen. Die Katzen werden auf den Dächern nach Liebe schreien. Die sieben Istanbuler Hügel werden aufwachen. Die Zigeunerinnen werden dort Blumen pflücken, um sie später im Stadtzentrum zu verkaufen. Die Kinder werden auf die Feigenbäume klettern. Die Vögel werden an den Feigen picken.

»Mutter, macht man von männlichen oder weiblichen Feigenbäumen Feigenmarmelade?« »Aus den männlichen. Schau, deren Feigen sind klein und hart.«

In den Tulpengärten des Sultanspalasts werden die Schildkröten mit den brennenden Kerzen auf dem Rücken herumlaufen, die Tulpen werden mit dem Wind ihre Köpfe zum Meer neigen, die Kerzenlichter der Schildkröten werden in die gleiche Richtung flackern, Der Wind wird die Schiffe heute schieben und schneller fahren lassen, die Passagiere werden früher in ihren Häusern ankommen. Wenn die Männer zu Hause sind, werden auf den sieben Hügeln die Lichter angehen. Die Väter werden ihre Hände waschen. Wassergeräusche. »Meine Tochter, gibst du mir ein Handtuch?« »Ja, Vater.«

Dem Kino gegenüber lagen ein paar Läden, manche der Ladenbesitzer erkannten mich wieder und begrüßten mich, alle hatten weiße Haare und weiße Augenbrauen.

Neben dem Kino stand ein armer Mann, vielleicht ein Bauer, der versuchte, mit einer Polaroid-Kamera die vorbeikommenden Leute zu photographieren. »Photo-Erinnerung an Istanbul, Photo-Erinnerung an Istanbul.«

Ich ließ mich von ihm photographieren, das Bild war unscharf. »Machen Sie noch ein Bild.«

»Ich habe keinen Film mehr.«

Eine Bettlerin nahm mir das Photo aus der Hand und sagte zum Photographen:

»Du bist doch der Künstler, warum hast du die Dame nicht vor dem McDonald’s photographiert?«

Sie schaute das Photo genau an und rief: »Oh, wie schön ist mein Schatz, wie schön.«

Ich dachte, sie meinte mich, aber auf dem Photo saß auf der Mauer hinter mir eine Katze. Ich war unscharf, aber die Katze war scharf.

Dann rief ich den türkischen Philosophen, der nicht in Berlin leben wollte, an.

»Wo bist du?«

»In Istanbul.«

Mit dem Schiff fuhr ich zu ihm herüber zum asiatischen Teil von Istanbul. Neben dem Schiff fuhr ein Fischerboot, das zwei Pferde transportierte. Der Mond schien auf die Gesichter der Pferde, die ganz ruhig waren. Ich tauchte meine Hände ins Meer, um etwas Mondschein anzufassen, der Mond sah plötzlich aus wie in meiner Kindheit – als wohnte er immer nur hier im Istanbuler Himmel, als liebte er nur Istanbul und polierte sich jeden Tag nur für diese Stadt.


*Aus: Der Hof im Spiegel by Emine Sevgi Özdamar. © Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KG, Cologne/Germany.

Michael hatte noch nie von der Frau gehört. Die Haushälterin erzählte ihm von ihr: Es gebe keinen Vater, behaupte diese Mandy. Sie wohne im Nachbardorf, in W. Die Haushälterin lachte, Michael seufzte. Als war es nicht genug, dass kaum jemand in die Kirche kam am Sonntag, dass die Alten ihn wegschickten, wenn er sie im Heim besuchte, und die Kinder frech waren in der Unterweisung. Das sei der Kommunismus, sagte er, der wirke immer noch nach. Ach was, sagte die Haushälterin, das war schon vorher so. Ob er das große Rübenfeld kenne an der Straße nach W.? Da sei mittendrin eine Insel. Ein paar Baume stünden in dem Feld, die der Bauer habe stehen lassen. Seit immer, sagte sie. Und dort treffe er sich mit einer Frau. Welche Frau?, fragte Michael. Welcher Bauer? Der da ist, sagte die Haushälterin, und sein Vater auch schon und der Großvater. Alle. Seit immer: Wir sind ja auch nur Menschen, sie und ich. Jeder hat seine Bedürfnisse.

Michael seufzte. Seit dem Frühling betreute er die Gemeinde, aber er war den Menschen nicht nähergekommen: Er stammte aus den Bergen, dort war alles anders, die Menschen, die Landschaft und der Himmel, der hier so unendlich weit war und fern.

Sie sagt, sie hat noch nie mit einem Mann, sagte die Haushälterin, das Kind hat ihr wohl dann der liebe Gott gemacht. Diese Mandy, sagte sie, sei die Tochter des Gregor, der für die Verkehrsbetriebe arbeite. Der Kleine, Fette, der Busfahrer. Der hat es ihr gegeben: Grün und blau war sie. Und jetzt frage sich das ganze Dorf, wer denn der Vater sei. Viele Männer wohnten nicht da, die in Frage kamen. Vielleicht war’s Marco, der Wirt. Oder ein Landstreicher. Schön ist sie ja nicht. Aber man nimmt, was man kriegt. Diese Mandy, sagte die Haushälterin, sei auch nicht gerade sehr helle: Vielleicht hat sie es gar nicht gemerkt. Beim Kirschenpflücken auf der Leiter. Ja ja, sagte Michael.

Mandy kam ins Pfarrhaus, als Michael beim Essen war. Die Haushälterin brachte sie herein, und er ließ sie sich setzen und sagte, sie solle erzählen. Aber sie saß nur da mit niedergeschlagenen Augen und schwieg. Sie roch nach Seife. Michael aß und schaute die junge Frau immer wieder verstohlen an. Sie war nicht schön, aber hässlich war sie auch nicht. Vielleicht würde sie später dick werden. Jetzt war sie üppig. Sie blüht, dachte Michael. Und schaute verstohlen auf ihren Bauch und die großen Brüste, die sich unter dem grellfarbenen Pullover abzeichneten. Ob das die Schwangerschaft war oder das Essen, er wusste es nicht. Dann schaute diese junge Frau ihn an und senkte gleich wieder den Blick, und er schob den noch halbvollen Teller weg und stand auf. Gehen wir in den Garten.

Es war spät im Jahr. Das Laub der Bäume hatte sich verfärbt. Am Morgen war es neblig gewesen, jetzt drückte die Sonne durch. Michael und Mandy gingen nebeneinander im Garten. Ehrwürden, sagte sie, und er, nein, nennen Sie mich Michael, und ich werde Sie Mandy nennen. Und sie wisse also nicht, wer der Vater sei? Es hat keinen Vater gegeben, sagte Mandy, ich habe nie … Sie schwieg. Michael seufzte. Sechzehn, achtzehn, dachte er, alter ist sie nicht. Mein liebes Kind, sagte er, es ist eine Sünde, aber Gott wird dir vergeben. Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Jeder Krug wird mit Wein gefüllt!

Mandy riss ein Blatt von einer alten Linde, unter der sie stehen geblieben waren, und Michael sagte, du weißt, wie der Mann der Frau beiwohnt? Mit dem Johannes, sagte Mandy und wurde rot und schaute zu Boden. Vielleicht war es im Schlaf geschehen, dachte Michael, man hatte solches gehört. Sie hatten das in der Schule gelernt, sagte Mandy leise und sehr schnell, sagte: Erektion und Koitus und Knaus-Ogino. Ja ja, sagte Michael, die Schule. Das hatten sie nun davon, die Kommunisten, die immer noch in den Schulraten saßen.

Bei der heiligen Muttergottes, sagte Mandy, ich habe nie … Ja ja, sagte Michael, und dann, plötzlich heftig werdend, was glaubst du denn, woher das Kind kommt? Glaubst du denn, es kommt vom lieben Gott? Ja, sagte Mandy. Er schickte sie nach Hause.

Am Sonntag sah Michael Mandy unter den wenigen, die zum Gottesdienst gekommen waren. Sie war, wenn er sich recht erinnerte, nie vorher da gewesen. Sie trug ein einfaches, dunkelgrünes Kleid, und jetzt konnte er die Schwangerschaft ganz deutlich sehen. Dass die sich nicht schämt, sagte die Haushälterin.

Mandy wusste nicht wie und was. Michael sah, wie sie sich umschaute. Und gar nicht sang, als alle sangen. Und als sie nach vorne kam, um den Leib zu empfangen, musste er es ihr sagen: Tu den Mund auf.

Michael sprach über die Standhaftigkeit im Leiden. Frau Schmidt, die immer da war, las den Bibeltext mit leiser, aber fester Stimme. Seht zu, dass ihr den Redenden nicht abweist. Sind nämlich jene nicht entkommen, als sie den abwiesen, der auf Erden sich kundgab: Die Gastfreundschaft vergesst nicht; denn durch diese haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.

Michael hatte während der Lesung die Augen geschlossen, und es war ihm, als sehe er den Engel, der bei den Menschen einkehrte, einen Engel, der das Gesicht Mandys hatte und dessen Bauch sich unter dem weißen Gewand wölbte wie jener Mandys unter dem Kleid. Es war aber plötzlich sehr still in der Kirche. Michael öffnete die Augen und sah, dass alle ihn erwartungsvoll anschauten. Da sagte er: So können wir mit Vertrauen sprechen. Der Herr ist mein Helfer; ich fürchte mich nicht.

Nach dem Gottesdienst eilte Michael zum Eingang und verabschiedete die alten Frauen. Als er die Tür hinter der letzten geschlossen hatte, sah er, dass Mandy vor dem Altar kniete. Er ging zu ihr hin und legte ihr die Hand auf den Kopf. Sie schaute ihn an, und er sah, dass Tranen ihr über die Wangen liefen. Komm, sagte er, und er führte sie aus der Kirche und hinaus und über die Straße zum Friedhof. Schau all die Menschen, sagte er, sie alle waren Sünder: Aber Gott hat sie zu sich genommen, und Er wird auch deine Sünden vergeben. Ich bin voller Sünde, sagte Mandy, aber ich habe mit keinem Mann gelegen. Ja ja, sagte Michael und berührte mit der Hand Mandys Schulter.

Als er diese Mandy aber berührte, war es ihm, als fülle sein Herz, sein ganzer Körper sich mit einer Freude, wie er sie noch nie im Leben gefühlt hatte, und er zuckte zurück, als habe ein Feuer seine Hand verbrannt. Und wenn es wahr ist?, dachte er.

Und wenn es wahr ist, dachte er, als er an diesem Nachmittag die Landstraße entlang ins Nachbardorf wanderte. Die Sonne schien, und der Himmel war weit und wolkenlos. Michael war etwas müde vom Mittagessen, aber sein Herz füllte noch immer die Freude, die von Mandys Körper in seinen geflossen war: Und wenn es wahr ist?

Er wanderte oft und immer an den Sonntagnachmittagen in dieses oder ein anderes Dorf, ging mit schnellen Schritten durch die Alleen bei Regen und bei Sonnenschein. Aber an diesem Tag hatte er ein Ziel. Er hatte den Doktor angerufen, der da wohnte und Klaus hieß, und ihn um ein Gespräch gebeten: Nein, er konnte nicht sagen, worum es ging.

Dieser Doktor Klaus war ein Mann aus der Gegend, der Sohn und Enkel von Bauern. Er kannte alle und jeden, und es hieß, dass er, wenn Not war, auch nach den Tieren schaute. Er lebte in einem großen Haus in W., allein, seit seine Frau gestorben war. Er sagte, wenn Michael ihn nur mit seinem Gott in Ruhe lasse, so sei er auch willkommen und solle eintreten. Er sei nämlich Atheist, sagte der Doktor, nein, noch nicht einmal Atheist. Er glaube an überhaupt nichts, auch nicht daran, dass es keinen Gott gebe: Er sei ein Mann des Wissens, nicht des Glaubens. Ein Kommunist, dachte Michael und sagte, ja ja, und unterdrückte ein Gähnen.

Der Doktor tischte Schnaps auf, und weil Michael etwas zu fragen hatte, trank er den Schnaps, er trank ihn in einem Zug und dann gleich noch ein Glas, das der Doktor Klaus ihm eingeschenkt hatte. Mandy, sagte Michael, ob. Und. Er schwitzte. Sie gebe an, dass das Kind nicht durch die Vereinigung mit einem Mann, dass sie nie, nicht, dass kein Mann sie erkannt … mein Gott: Sie wissen, was ich meine. Der Doktor trank seinen Schnaps aus und fragte, ob Michael denn meine, der liebe Gott habe seine Hände im Spiel gehabt oder seinen Johannes. Michael starrte ihn an mit leerem verzweifeltem Blick. Er trank den Schnaps, den der Doktor ihm nachgeschenkt hatte, und stand auf. Das Hymen, sagte er so leise, dass es kaum zu hören war: Das Hymen. Das wäre ja ein Wunder, sagte der Doktor, und das bei uns, ausgerechnet. Er lachte. Michael entschuldigte sich. Ich bin ein Mann des Wissens, sagte der Doktor, Sie sind ein Mann des Glaubens. Wir wollen das nicht vermischen. Ich weiß, was ich weiß: Glauben Sie, was Sie wollen.

Auf dem Rückweg schwitzte Michael noch mehr. Es wurde ihm schwindlig. Der Blutdruck, dachte er. Er setzte sich am Rand des großen Rübenfeldes ins Gras. Die Rüben waren schon ausgetan worden und lagen in langen Haufen entlang der Straße. Das Feld war riesig, weit hinten sah man einen Streifen Wald. Und mitten in dieser Weite lag die kleine Insel, von der die Haushälterin gesprochen hatte: mitten im Acker wuchsen ein paar Baume aus der Dunkelheit dieser Erde.

Michael stand auf und machte einen Schritt in das Feld hinein und dann noch einen. Er ging auf die Insel zu. Die feuchte Erde klebte an seinen Schuhen in großen Klumpen, und er torkelte, er stolperte, das Gehen wurde ihm schwer. Seid guten Mutes, dachte er, wir müssen aber auf eine Insel verschlagen werden. Und ging weiter.

Einmal hörte er auf der Straße ein Auto vorüberfahren. Er schaute sich nicht um. Er ging über das Feld, Schritt um Schritt, und endlich kamen die Bäume näher und plötzlich war er da, und es war wirklich wie eine Insel: Die Ackerfurchen hatten sich geteilt, geöffnet, als sei die Insel aus dem Boden gebrochen und habe die Erde aufgerissen wie einen Vorhang. Diese Insel aber hob sich vielleicht einen halben Meter aus dem Untergrund. Am Rand wuchs etwas Gras, dahinter war Gebüsch. Michael riss einen Zweig von einem der Gebüsche und klaubte damit die Erdschollen von seinen Schuhen. Dann ging er auf dem schmalen Grasstreifen um die Insel herum. An einer Stelle war eine Lücke im Bewuchs, und er trat durch diese Lücke und gelangte auf eine kleine Öffnung mitten zwischen den Bäumen. Das hohe Gras war niedergedrückt, am Rand der Wiese lagen ein paar leere Bierflaschen.

Michael schaute in die Hohe: Zwischen den Baumkronen war der Himmel zu sehen, er schien weniger hoch hier als auf dem weiten Feld. Es war ganz still. Die Luft war warm, obwohl die Sonne schon weit im Westen stand. Michael zog sein Jackett aus und warf es ins Gras. Und dann, ohne dass er recht begriff, was er tat, öffnete er die Knöpfe seines Hemdes und zog das Hemd aus und das Unterhemd, die Schuhe, die Hose, die Unterhose und schließlich die Socken. Er nahm die Uhr ab und warf sie auf den Haufen mit den Kleidern, und so auch die Brille und den Ring, den seine Mutter ihm geschenkt hatte, um ihn zu bewahren. Und stand da, wie und wozu Gott ihn geschaffen hatte: nackt wie ein Zeichen.

Michael schaute in den Himmel, dem er sich verbunden fühlte wie nie zuvor. Er hob die Arme in die Hohe, dann spürte er wieder den Schwindel von vorhin, und er fiel vornüber auf die Knie und kniete da, nackt und mit erhobenen Armen. Er begann zu singen, leise und mit heiserer Stimme, aber es war nicht genug. Und so schrie er, schrie, so laut er konnte, denn er wusste, dass ihn hier nur Gott hören konnte, dass Gott ihn horte und auf ihn herabschaute.

Und wie er wieder über das Feld ging und nach Hause, dachte er an Mandy, und sie war ihm ganz nah, als sei sie in ihm. Also dachte er: Ich habe, ohne es zu wissen, einen Engel beherbergt.

Zurück im Pfarrhaus, holte Michael eine Flasche mit Schnaps aus dem alten Buffet, die ihm ein Bauer nach der Beerdigung seiner Frau gebracht und geschenkt hatte, und goss sich ein kleines Gläschen ein und ein zweites. Dann legte er sich hin und erwachte erst, als die Haushälterin ihn zum Abendessen rief. Er hatte Kopfschmerzen.

Und wenn es wahr ist?, sagte er, als die Haushälterin das Essen brachte. Was wahr? Mandy. Wenn sie das Kind empfangen hat. Von wem? Ist nicht auch dieses Land eine Wüste, sagte Michael. Wer sagt uns denn, dass Er sein Auge nicht gerade hierher richtet, dass gerade dieses Kind Gnade gefunden hat in Seinem Auge, diese Mandy. Die Haushälterin schüttelte unwillig den Kopf: Der ist ein Busfahrer, ihr Vater. Und war Josef nicht Zimmermann? Aber das ist lange her. Glaubt sie denn nicht, dass Gott noch heute lebt? Und dass Jesus wiederkommen wird? Ja, schon. Aber nicht hier. Was ist denn diese Mandy? Sie ist nichts. Sie serviert im Restaurant in W., sie ist eine Aushilfe.

Bei Gott ist kein Ding unmöglich, sagte Michael, und wahrlich, ich sage euch, die Zöllner und Dirnen werden eher in das Reich Gottes kommen. Die Haushälterin schnitt ein Gesicht und verschwand in der Küche. Michael hatte sie nie dazu bewegen können, mit ihm zu essen: Sie hatte immer gesagt, sie wolle nicht, dass geredet werde im Dorf. Geredet worüber? Wir sind ja auch nur Menschen, hatte sie gesagt, jeder hat seine Bedürfnisse.

Nach dem Abendessen ging Michael noch einmal aus dem Haus. Er ging die Straße hinunter, und die Hunde in den Höfen bellten wie verrückt, und Michael dachte, ihr würdet besser auf Gott vertrauen denn auf eure Hunde. Aber das waren die Kommunisten: Er hatte sie lehren sollen, und er hatte es nicht geschafft. Es kamen nicht mehr Leute in die Kirche als im Frühling, und von Unzucht und Trinkgelagen konnte man jeden Tag hören, wenn man nur wollte.

Michael ging ins Heim und fragte nach der Frau Schmidt, die jeden Sonntag den Bibeltext las. Wenn sie noch wach ist, sagte die Schwester, die Ulla, unwillig und verschwand. Eine Kommunistin, dachte Michael, bestimmt. Er sah es ihnen an, den Kommunisten, und was sie dachten, wenn sie ihn sahen. Wenn aber einer starb, riefen sie ihn doch. Damit der ein anständiges Begräbnis bekommt, hatte gerade diese Ulla hier einmal gesagt, als er einen Mann beerdigen sollte, der sein Leben lang in keiner Kirche gewesen war.

Frau Schmidt war noch wach. Sie saß in ihrem Lehnstuhl und schaute Wer wird Millionär? Michael schüttelte ihr die Hand, guten Abend, Frau Schmidt. Er nahm sich einen Stuhl und setzte sich neben sie. Sie habe schön gelesen, sagte er, und er wolle sich einmal dafür bedanken. Frau Schmidt nickte mit dem ganzen Oberkörper. Michael zog seine kleine ledergebundene Bibel aus der Tasche. Heute will ich Ihnen etwas vorlesen, sagte er. Und während der Moderator im Fernsehen fragte, welche Stadt wurde neunundsiebzig nach Christi Geburt von einem Vulkan verschüttet, Troja, Sodom, Pompeji oder Babylon, las Michael laut und lauter werdend. In den letzten Tagen werden Spötter auftreten, die voll Hohn ihren eigenen Lüsten nachgehen, und sagen: Wo ist die Verheißung seiner Wiederkunft? Seitdem die Väter entschliefen, bleibt ja alles so wie seit Anfang der Schöpfung! Dies eine aber entgehe euch nicht, Geliebte: Ein Tag bei dem Herrn ist wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind wie ein Tag.

Und er las, es wird der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb, und an ihm werden die Himmel zusammenkrachend vergehen, die Elemente brennend sich auflösen, und auch die Erde und die Werke auf ihr werden sich darunter finden.

Die ganze Zeit, während Michael las, hatte die alte Frau genickt: ihr Oberkörper schaukelte vor und zurück, als sei ihr ganzer Körper ein großes Ja. Dann endlich sprach sie und sagte: Sodom ist es nicht, Babylon ist es nicht. Ist es Troja?

Der Tag ist vielleicht naher, als wir glauben, sagte Michael. Aber keiner wird es wissen. Ich weiß es nicht, sagte Frau Schmidt. Wie ein Dieb wird er kommen, sagte Michael und stand auf. Troja, sagte Frau Schmidt. Er gab ihr die Hand. Sie sagte nichts mehr und schaute ihm nicht nach, als er das Zimmer verließ. Pompeji, sagte der Moderator. Pompeji, sagte Frau Schmidt.

Niemand wird es wissen, dachte Michael, als er nach Hause ging. Die Hunde der Kommunisten bellten, und einmal hob er einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn gegen eines der Holztore. Da bellte der Hund dahinter noch lauter, und Michael ging schnell weiter, damit niemand ihn sehe. Er ging aber nicht zurück zum Pfarrhaus, sondern aus dem Dorf hinaus.

Eine halbe Stunde war es nach W. Einmal kam ihm ein Auto entgegen. Er sah das Licht der Scheinwerfer schon lange im Voraus und versteckte sich hinter einem der Baume der Allee, bis das Auto vorüber war. Die Insel war nun ein dunkler Fleck im grauen Feld, und sie schien naher zu sein als am Tag. Die Sterne funkelten: Es war kalt geworden.

In W. war kein Mensch auf der Straße. Lichter brannten in den Häusern und eine Straßenlaterne, da wo die eine Straße die andere kreuzte. Michael wusste, wo Mandy wohnte. Am Gartentor blieb er stehen und schaute zum kleinen einstöckigen Haus. In der Küche sah er Schatten, die sich bewegten. Es sah aus, als spüle jemand Geschirr. Es wurde Michael warm ums Herz. Er lehnte sich an das Gartentor. Da hörte er ganz nah ein Atmen und plötzlich ein lautes, jaulendes Bellen. Er machte einen Satz zurück und rannte davon. Er war noch nicht hundert Meter vom Grundstück entfernt, als sich die Tür des Hauses öffnete und ein Lichtstrahl in die Dunkelheit fiel und eine Mannerstimme rief: Halt die Schnauze!

An einem jener Tage ging Michael ins Restaurant in W., da seine Haushälterin ihm gesagt hatte, Mandy arbeite dort. Und so war es auch.

Die Gaststube war ein hoher Raum. Die Wände waren gelb vom Rauch der Zigaretten, die Fenster blind, die Möbel alt, und kein Stück passte zum anderen. Niemand war da, nur Mandy, die hinter der Theke stand, als gehöre sie da hin, die Hände vor sich auf den Schanktisch gelegt. Sie lächelte und senkte den Blick, und es war Michael, als leuchte ihr Gesicht in diesem düsteren Raum. Er setzte sich an einen Tisch beim Eingang, Mandy trat zu ihm, er bestellte Tee, sie verschwand. Wenn nur niemand kommt, dachte er. Dann brachte Mandy den Tee. Michael rührte Zucker hinein. Mandy stand noch immer neben dem Tisch. Ein Engel an meiner Seite, dachte Michael. Er nahm einen schnellen Schluck und verbrannte sich den Mund. Und dann sprach er und sah Mandy nicht an dabei, und sie sah ihn nicht an.

Jenen Tag aber und jene Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel des Himmels, auch nicht der Sohn, nur der Vater allein. Wie die Tage des Noah, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein. Denn wie sie in den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen und nichts bedachten, bis die Sintflut kam und alle hinwegraffte: So wird es auch sein mit der Ankunft des Menschensohnes.

Erst jetzt schaute Michael Mandy an und sah, dass sie weinte. Fürchte dich nicht, sagte er. Dann stand er auf und legte seine eine Hand auf Mandys Kopf und zögerte und dann die andere auf ihren Bauch. Wird es Jesus heißen?, fragte Mandy leise. Michael stutzte. Das hatte er sich noch nie überlegt. Der Wind bläst, wo er will, sagte er, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fahrt.

Dann schenkte er Mandy den kleinen Ratgeber für junge Frauen und werdende Mütter, den die Kirche zur Verfügung stellte und aus dem auch er alles wusste, was er wusste, und sagte, Mandy solle zur Unterweisung kommen und in den Gottesdienst, das sei jetzt das Wichtigste, sie habe vieles nachzuholen.

Die Monate gingen hin. Der Herbst wich dem Winter, der erste Schnee fiel und deckte alles zu, die Dorfer, den Wald und die Felder. Der Winter streckte sich aus auf dem Land, und der saure Geruch der Holzfeuerungen sank in die Straßen.

Michael machte lange Wanderungen über das Land, er ging von Dorf zu Dorf und noch einmal über das große Rübenfeld, das jetzt gefroren war, zur Insel. Und wieder stand er da und hob die Arme empor. Aber die Bäume hatten ihre Blatter verloren, und der Himmel war fern. Michael wartete auf ein Zeichen. Es kam keines: Kein Stern war am Himmel, der nicht schon vorher dagewesen wäre, kein Engel auf dem Feld, um zu ihm zu sprechen, kein König und kein Hirte und kein Schaf. Da schämte er sich und dachte, nicht ich bin auserwählt. Sie, Mandy, wird das Zeichen bekommen, ihr wird der Engel erscheinen.

Mandy kam jetzt jeden Mittwoch mit dem Moped von W. her in die Unterweisung und jeden Sonntag in die Kirche. Ihr Bauch wuchs, aber ihr Gesicht wurde schmaler und blass. Sie blieb nach dem Gottesdienst in der Kirche, bis alle gegangen waren, und dann saß sie neben Michael in einer der Bänke, und sie redeten leise. Das Kind, sagte sie, solle im Februar zur Welt kommen. Ware es Weihnachten, dachte Michael, wäre es Ostern. Aber Weihnachten war schon bald und Ostern erst Ende März: Man würde sehen.

Dann steckte die Haushälterin den Kopf durch die Tür und fragte, ob der Herr Pfarrer vielleicht Mittag zu essen gedenke. Die Mühe, die sie sich mache, und kein Lob, nichts, und dann lasse er die Hälfte stehen. Michael sagte, Mandy solle doch zum Essen bleiben, es sei genug da für zwei. Für drei, sagte er, und sie lächelten beide scheu. Da können wir gleich ein Wirtshaus aufmachen, sagte die Haushälterin, als sie ein zweites Gedeck auflegte. Sie knallte die Schüsseln auf den Tisch und verschwand ohne ein Wort und ohne auch nur Appetit zu wünschen.

Mandy erzählte, ihr Vater plage sie, er wolle wissen, wer der Kindsvater sei, und dass er wütend werde, wenn sie sage: der liebe Gott selbst. Nein, er schlage sie nicht. Nur Ohrfeigen, sagte sie, die Mutter auch. Sie wolle weg von zu Hause. Sie aßen beide schweigend. Michael nicht viel, aber Mandy schöpfte zweimal nach. Schmeckt es?, fragte er. Sie nickte und wurde rot. Da sagte er: also könne sie hier im Pfarrhaus wohnen, Platz sei genug. Mandy schaute ihn ängstlich an.

Das geht nicht, sagte die Haushälterin. Michael schwieg. Vorher ziehe ich aus, sagte die Haushälterin. Michael sagte noch immer nichts. Er verschränkte die Arme. Er dachte an Bethlehem. Diesmal nicht, dachte er. Und der Gedanke machte ihn stark. Ich ziehe aus, sagte die Haushälterin, und Michael nickte langsam. Umso besser, dachte er: Er hatte nämlich schon vermutet, dass diese Haushalterin eine Kommunistin gewesen war und was sonst noch alles. Weil sie immer sagte, sie sei auch nur ein Mensch, und weil sie Karola hieß, ein Heidenname. Er hatte die Geschichten ja gehört über sie und seinen Vorgänger, der verheiratet gewesen war: In der Sakristei, hieß es, das auch noch. Diese Frau musste ihm keine Vorhaltungen machen. Diese zuallerletzt. Und kochen konnte sie auch nicht gut.

Die Haushälterin verschwand in der Küche, und dann verschwand sie aus dem Haus, denn es war nicht gerecht und nicht anständig. Und Mandy zog ein: Sie war die neue Haushälterin, so wurde es mit den Eltern ausgemacht und verabredet. Sie bekam sogar Geld. Aber Mandy war ja schon im fünften Monat schwanger, und ihr Bauch war so groß, dass sie schnaufte wie eine Kuh, wenn sie die Treppe hinaufstieg, und Michael Angst hatte, dem Kind könne etwas passieren, als sie an einem Tag die schweren Teppiche vor das Haus getragen hatte.

Michael kam von einer seiner Wanderungen und sah Mandy vor dem Pfarrhaus die Teppiche ausklopfen. Da sagte er, sie müsse sich schonen und trug die Teppiche eigenhändig wieder ins Haus, auch wenn er es kaum vermochte: Denn stark war sein Körper nicht. Weihnachten muss alles sauber sein, sagte Mandy. Das freute Michael und schien ihm ein gutes Zeichen zu sein. Sonst hatte er in der jungen Frau nämlich nicht viel Glauben gefunden, auch wenn sie bei der heiligen Muttergottes schwor und fest davon überzeugt war, dass ihr Kind ein Jesuskind sei, wie sie sagte. Sie sagte schon, sie sei protestantisch. Aber eben nicht sehr. Michael hatte Zweifel bekommen. Er schämte sich für diese Zweifel, aber sie waren da und vergifteten seine Liebe und seinen Glauben.

Von nun an machte Michael alle Hausarbeit selbst. Mandy kochte aber für ihn, und sie aßen zusammen in der dunklen Stube, ohne viel zu reden. An den Abenden arbeitete Michael lange. Er las in der Bibel, und wenn er hörte, dass Mandy aus dem Badezimmer kam, wartete er fünf Minuten, er konnte gar nicht mehr arbeiten, so sehr freute er sich. Dann klopfte er an die Tür von Mandys Zimmer, und sie rief, herein, herein. Da lag sie schon im Bett und hatte die Decke bis zum Hals hochgezogen. Er setzte sich neben sie und legte die Hand auf ihre Stirn oder auf die Decke, da wo ihr Bauch darunter war.

Einmal fragte er sie nach ihren Träumen: Er wartete ja auf ein Zeichen. Aber Mandy träumte nicht. Sie schlafe tief und fest, sagte sie. Also fragte er sie, ob sie denn wirklich nie einen Freund gehabt habe oder dergleichen, ob sie nie Blut auf der Bettwasche gefunden habe. Nicht während der Regel, sagte er, und ihm wurde ganz seltsam, als er so zu ihr sprach. Wenn dies die neue Muttergottes ist, dachte er, wie stehe ich dann da. Mandy sagte darauf nichts. Sie weinte und fragte, ob er ihr nicht glaube. Er legte die Hand auf die Bettdecke, und die Augen wurden ihm feucht. Kinder Gottes heißen wir und sind es, sagte er, darum erkennt die Welt uns nicht, weil sie Ihn nicht erkannt hat. Wer ihn?, fragte Mandy.

Einmal schob sie die Bettdecke zurück und lag da vor ihm in ihrem dünnen Nachthemd. Michaels Hand hatte wieder auf der Decke gelegen, er hatte sie gehoben, und jetzt schwebte sie über Mandys Bauch in der Luft. Es bewegt sich, sagte Mandy und nahm die Hand mit ihren beiden Händen und zog sie herunter auf ihren Bauch, drückte sie auf den runden Bauch, und Michael konnte die Hand nicht heben, sie lag da, lange und schwer wie eine Sünde.

Weihnachten ging vorbei. Mandy war Heiligabend zu ihren Eltern gegangen, aber am nächsten Tag war sie wieder da. Es waren nicht viele Menschen in der Kirche. Im Dorf wurde geredet über Michael und Mandy, Briefe waren geschickt worden an den Bischof, und Briefe kamen zurück. Es war ein Anruf gekommen, und ein Vertrauter des Bischofs war an einem Sonntag ins Dorf hergereist und war mit Michael gesessen und hatte mit ihm geredet. An diesem Tag hatte Mandy in der Küche gegessen. Sie war sehr aufgeregt, aber als der Besucher wieder ging, sagte Michael, alles sei gut: Der Bischof wisse, dass in dieser Gegend viel böses Blut sei und dass manche alten Kommunisten noch immer gegen die Kirche kämpften und Zwietracht säten.

Wie die Zeit verging, wuchs das Kind, und Mandys Bauch wurde darum immer großer, und wenn Michael langst glaubte, großer könne er nicht werden. Als gehöre er gar nicht mehr zu diesem Körper. Und also legte Michael seine Hand auf das werdende Kind und spürte das Glück.

Das Erschrecken geschah, als Michael an einem Nachmittag wieder auf eine Wanderung ging. Da merkte er, dass er das Buch zu Hause hatte liegenlassen. Er kehrte um und kam nach einer halben Stunde schon ins Pfarrhaus zurück. Leise trat er ein, leise ging er die Treppe hinauf. Mandy schlief jetzt auch oft am Tag, und wenn dies so war, wollte er sie nicht wecken. Als er aber in sein Zimmer trat, stand Mandy nackt darin: Sie stand vor dem großen Spiegel, der in die Tür des Kleiderschranks eingelassen war. Und so schaute sie in den Spiegel, wie sie seitwärts davor stand und also vor Michael, der alles sehen konnte. Mandy hatte ihn aber gehört und sich ihm zugewandt, und sie schauten sich an, wie sie waren.

Was suchst du da in meinem Zimmer, sagte Michael. Und hoffte, dass Mandy mit ihren Händen sich bedecke, aber das tat sie nicht. Denn die Hände hingen an ihrer Seite wie die Blatter eines Baumes und bewegten sich kaum. Sie sagte, bei ihr sei kein Spiegel, und sie habe diesen Bauch betrachten wollen, der ihr da gewachsen sei. Michael trat zu Mandy, um sie nicht mehr anschauen zu müssen. Da berührten seine Hände ihre Hände und er dachte an überhaupt nichts mehr, weil er mit Mandy war und sie mit ihm. Und also war es, dass Michaels Hand da lag, als sei sie eben geboren worden: das Tier selbst aus dieser Wunde.

Dann schlief Michael ein, und als er wieder erwachte, dachte er, mein Gott, was habe ich getan. Als er zusammengekrümmt im Bett lag und mit der Hand seine Sünde bedeckte, die groß war. Mandys Blut war ihr Zeugnis und sein Beweis, und er wunderte sich nur, dass nicht die Elemente brennend sich auflösten oder der Himmel über ihm zusammenkrachte oder sich auftat: um ihn mit einem Blitz oder einem anderen Ereignis zu toten und bestrafen. Aber das geschah nicht.

Auch tat sich der Himmel nicht auf, als Michael durch die Allee eilte, auf der Straße nach W. Er wollte zur Insel auf dem Feld und ging mit schnellem Schritt und stolpernd über die gefrorenen Ackerfurchen. Mandy hatte geschlafen, als er das Haus verließ, diese Mandy, die er aufgenommen hatte.

Er kam zur Insel und setzte sich in den Schnee. Er konnte einfach nicht mehr stehen, so müde war er und so traurig und verloren. Hier würde er bleiben und nicht mehr weggehen. Sollten sie ihn finden, der Bauer und jene Frau, wenn die Unzucht sie im Frühling hierhertrieb.

Es wurde dunkel und es war kalt. Es war Abend. Und Michael saß noch immer auf seiner Insel im Schnee. Die Nässe drang durch seinen Mantel, und er fror und hatte sich abgekühlt. Lasst uns nicht lieben mit Worten, dachte er, noch mit der Zunge. Sondern mit der Tat. So hatte Gott ihn zu Mandy geführt und Mandy zu ihm: dass sie sich liebten. Denn sie war kein Kind, sie war achtzehn oder neunzehn. Und hieß es nicht, kein Mensch werde es wissen? Hieß es nicht, wie ein Dieb werde der Tag kommen? Also dachte Michael: Ich kann es nicht wissen. Und wenn es Gottes Wille war, dass sie Sein Kind empfing, so war es auch Gottes Wille, dass sie ihn empfangen hatte: denn war er nicht Gottes Werk und Geschöpf.

Zwischen den Bäumen sah Michael nur ein paar einzelne Sterne. Als er aber aus der Deckung trat und hinein in das Feld, sah er alle Sterne, die man nur sehen kann in einer kalten Nacht, und zum ersten Mal, seit er hier war, fürchtete er sich nicht vor diesem Himmel. Und er war froh, dass der Himmel so fern war, und dass er selbst so klein war auf diesem unendlichen Acker. Dass selbst Gott zweimal hinschauen müsste, um ihn zu sehen.

Bald war er wieder im Dorf. Die Hunde bellten, und Michael warf mit Steinen nach den Hoftoren und bellte selbst und äffte die Hunde nach, ihr dummes Gekläffe und Gejaule, und lachte, wenn die Hunde ganz außer sich gerieten vor Wut und Eifer: Und war selbst ganz außer sich.

Im Pfarrhaus brannte Licht, und als Michael eintrat, roch er schon das Essen, das Mandy gekocht hatte. Und wie er seine nassen Schuhe auszog und den schweren Mantel, trat sie in die Tür der Küche und schaute ihn ängstlich an. Kalt sei es geworden, sagte er, und sie sagte, das Essen sei fertig. Da trat Michael zu Mandy und küsste sie auf den Mund: wie der lächelte. Beim Nachtessen aber überlegten sie sich einen Namen für das Kind und einen zweiten. Zur guten Nacht gaben sie sich die Hände und gingen jeder auf sein Zimmer.

Wie es im Januar kalt wurde und noch kälter und das alte Pfarrhaus kaum mehr zu heizen war, zog Mandy an einem Abend vom Gästezimmer ins wärmere Zimmer des Hausherrn. Sie trug ihre Decke vor sich her und legte sich neben Michael, als er ohne ein Wort zur Seite rückte. Und in dieser Nacht und in allen folgenden lagen sie im selben Bett und lernten sich so immer besser kennen und lieben: Und Michael sah alles, und Mandy schämte sich nicht.

Aber war es eine Sünde? Denn wer wollte es wissen. Und hatte Mandy nicht mit ihrem Blut bezeugt, dass es ein Kind Gottes war, das da wuchs, ein Kind der Reinheit? Konnte aber das Reine im Unreinen sein?

Und wenn Michael es nicht mehr geglaubt hatte: dass Sein Wort die Menschen und die Kommunisten in diesem Dorf erreichte. So hatte das Wunder sie erreicht, das geschehen war, und man konnte nicht sagen, wie: Es kamen nämlich diese Menschen an die Tür und klopften an. Sie kamen ohne große Worte und brachten, was sie hatten. Einen Kuchen brachte die Nachbarin. Sie habe gebacken, sagte sie, und einer sei so schnell gemacht wie zwei. Und ob Mandy denn zurechtkomme?

An einem anderen Tag kam Marco, der Wirt, und fragte, wie weit es sei. Michael bat ihn in die Stube und rief Mandy und kochte Tee in der Küche. Da saßen sie zu dritt am Tisch und schwiegen, weil sie nicht wussten, was sagen. Marco hatte eine Flasche Cognac mitgebracht und stellte sie vor sich hin. Er wisse wohl, sagte er, dass das nicht das Richtige sei für ein kleines Kind, aber vielleicht, wenn es einmal den Husten habe. Dann wollte er, dass man es ihm erkläre, und als Michael es tat, schaute Marco Mandy ungläubig an und ihren Bauch. Ob es denn sicher sei, fragte er, und Michael sagte, kein Mensch wisse es, keiner könne es wissen. Weil es nämlich doch ziemlich unwahrscheinlich sei, sagte Marco. Er hatte den Cognac wieder in die Hand genommen und schaute die Flasche an. Er schien zu zögern, dann stellte er sie auf den Tisch und sagte, drei Sterne, das ist der Beste, den man hier kriegt. Nicht der für die Gäste. Und war etwas verlegen und stand auf und kratzte sich am Kopf. Im Sommer bist du noch mit mir auf dem Motorrad gefahren, sagte er und lachte, so was. Gebadet hatten sie, die ganze Bande, im See bei F. Wer hatte das gedacht.

Als Marco ging, stand im Garten Frau Schmidt, die brachte, was sie gestrickt hatte für das Kind. Mit ihr war aus dem Altenheim Schwester Ulla, von der Michael doch geglaubt hatte, sie sei eine Kommunistin. Die brachte aber auch etwas, ein Spielzeug, und wollte, dass Mandy sie berühre.

So kam eines nach dem anderen. Der Tisch in der Stube lag voller Geschenke, und im Schrank standen wohl zehn Flaschen Schnaps oder noch mehr. Die Kinder brachten Zeichnungen von Mandy und dem Kind und manchmal war noch Michael darauf und noch ein Esel und ein Ochse.

Bald kamen auch die Leute aus W. und aus anderen Dörfern der Gegend und wollten die werdende Mutter sehen und fragten sie um Rat in ihren kleinen Angelegenheiten. Und Mandy gab Rat und tröstete, und manchmal legte sie den Menschen auch nur die Hand auf den Arm oder auf den Kopf, ohne etwas zu sagen. So war sie still geworden und ernst, dass selbst Michael sie ganz neu sah und anders. Und alles tat, was zu tun war. Im Dorf aber wurde mancher Streit beigelegt in diesen Tagen, und selbst die Hunde schienen jetzt weniger wild, wenn Michael durch die Straßen ging, und bei manchen Häusern hatte man die Strohsterne und Kränze vom Christfest wieder an die Türen und in die Fenster gehängt: denn es war im ganzen Dorf eine Freude, als stünde Weihnachten noch bevor. Alle wussten es, aber niemand sprach es aus.

Einmal kam auch der Doktor Klaus an, um nach dem Rechten zu sehen. Als er aber an die Tür klopfte, tat Michael nicht auf. Er saß mit Mandy im oberen Stock, und sie waren still wie Kinder und schauten aus dem Fenster, bis sie sahen, dass der Doktor wieder ging.

Am nächsten Tag ging Michael nach W. zum Doktor. Der schenkte Schnaps ein und fragte, wie das denn nun sei mit dieser Mandy. Michael trank den Schnaps nicht. Er sagte nur, es sei alles gut, und kein Doktor werde gebraucht. Und diese Geschichten? Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde, sagte Michael. Wie auch immer, sagte der Doktor, das Kind wird auf der Erde geboren und nicht im Himmel. Und wenn ihr Hilfe braucht, so ruft mich, und ich komme. Da gaben sie sich die Hand und sagten nichts mehr. Michael ging aber zurück ins Dorf und zum Altenheim und zur Schwester Ulla. Denn diese hatte selbst vier Kinder geboren und wusste, wie es geht. Und sie versprach ihm, dass sie beistehen werde, wenn es so weit sei.

Als es aber Februar wurde, war es so weit: Und das Kind wurde geboren. Michael stand Mandy bei und Schwester Ulla, die er gerufen hatte. Wie es sich herumsprach, versammelten sich draußen auf der Straße die Leute des Dorfes und warteten still darauf, dass es geschehe. Es war schon dunkel, bis es geschah, dass das Kind geboren war und Schwester Ulla an das Fenster trat und es hochhielt: dass alle draußen es sehen konnten. Es war aber ein Mädchen.

Michael saß an Mandys Bett und hielt ihre Hand und schaute auf das Kind. Schön ist es nicht, sagte Mandy, aber das war eine Frage. Und Schwester Ulla fragte die gewordene Mutter: wohin sie denn nun gehen wolle mit dem Kind, wenn sie dem Pfarrer den Haushalt wohl nicht mehr führen könne für Geld. Da sagte Michael: Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam. Und küsste Mandy so, dass die Schwester es sehen konnte. Und die erzählte es später allen: Dass dieses Versprechen gegeben worden war.

Weil das Kind nun aber nicht Jesus heißen konnte, hießen sie es Sandra. Und wenn die Leute im Dorf glaubten, dass dieses Kind für sie geboren war, so mochte es ebenso gut ein Mädchen sein. Und alle waren zufrieden und freuten sich.

Am nächsten Sonntag war die Kirche voll wie schon lange nicht mehr. In der vordersten Bank saß Mandy mit dem Kind. Die Orgel spielte, und als sie fertig gespielt hatte, trat Michael auf die Kanzel und sprach also: Ob es das Kind ist, auf das der Erdkreis schon so lange wartet, wissen wir nicht und können wir nicht wissen. Denn ihr selbst habt es gehört: der Tag des Herrn, wie ein Dieb in der Nacht, geradeso kommt er. Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid nicht in der Dunkelheit. Die Schlafenden schlafen ja nachts, und die Trunksüchtigen betrinken sich. Wir aber, die wir dem Tag gehören, wollen nüchtern sein.

Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, sagte Michael, und was vom Geist geboren wird, das ist Geist. Wir aber, Geliebte, wollen Kinder Gottes heißen.


*This story is taken from: Wir fliegen by Peter Stamm. © S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2008.

Was man denken könnte, kurz nachdem man sich von ihm verabschiedet hat und kurz bevor man durch die Tür des Hauses hinaustritt:

1. Was ist das für ein Photo, das hier hängt?

2. Ist das sie auf dem Photo, das hier hängt?

3. Dass sie vor einem nicht sehr hohen Holzlattenzaun steht, der sie von einer kleinen Gänseherde trennt, könnte man denken. Ihr Körper nach oben gereckt, ihr Kopf nach hinten geworfen. Nicht zu sehen ist, wo ihr Blick hingeht.

4. Dass das Photo an einer dieser schmalen Wände hängt, die zwischen Ecken und Türen eingeklemmt sind; das sind Wände, an denen Kalender und kleine Bilder hängen; das sind keine Wände, denen man sich beim Laufen durch die Räume gegenüber sieht; es sind Wände, an denen vorbeigegangen wird.

Wenn man nicht daran vorbeigeht, sieht man ein Photo, das sie sich, als sie noch lebte, niemals an die Wand gehängt hätte: vor ihrem Zaun stehend, vor ihren Gänsen, während diese gemütlich durch die Pfützen gehen, die fast überall untief ihre ausgefächerten Füße umstehen. Die Gänse sehen sie nicht an, sie sehen zueinander oder sich selbst ins Gefieder. Ihr Federfell ist nicht schmutzig, im Gegenteil: es ist sehr weiß. Manche haben den Schnabel nicht in die Federn gesteckt, sie recken den Hals, als versuchten sie, die Pfützen nicht zu durchqueren, sondern sich aus ihnen herauszuziehen. Und auch sie, könnte man denken, sieht aus, als versuchte sie, sich irgendwo herauszuziehen, aus tiefstem Schlamassel in äußerst saubere Luft, dabei so gewollt angestrengt, dass sie kurzzeitig alle über die Jahre sich angeeigneten Auffassungen von Sauberkeit vergessen haben musste.

Was man denken könnte:

Dass sie nicht gemerkt haben konnte, wie sie photographiert, wie ihr Verhalten zu einem Bild wurde. Nie war es zu Ausschweifungen ihres Körpers gekommen; allenfalls ihres Mundes: auffällig viele Personen, die ihr nicht gewogen waren aus bestimmten Gründen – idiotischen, wie sie sagte –, waren gestorben, kurz nachdem sie sie leise verflucht hatte.

Der Weg auf dem Photo würde sie zum Haus führen, ginge sie ihn weiter: am Zaun entlang, über den Rand des Photos hinaus, hierher, wo jetzt auf ihr Photo geblickt wird, auf einen in fast sturer Dauerhaftigkeit in sich zusammengefallenen Körper, der sich sehr plötzlich nach oben aufgerichtet zu haben scheint, senkrecht die Sonne hinauf, hinein in den Wind, der in der Höhe weht, in die sie sich hineingereckt hat. So steht sie da, vor dem Zaun, während auf der anderen Seite Wald- und Wiesengänse gehen, die so konsequent vermeiden, sie direkt anzusehen, als würde dieser Blick seit Jahrhunderten vom Baltischen Meer bis zum Atlantischen Ozean geübt, nachdem Zugvögel ihn aus dem afrikanischsten aller Länder eingeflogen hatten und aus der Luft, wie eine himmlische Fügung, auf die Tiere fallen ließen.

Ihnen zu Füßen, erahnbar: Gänseblümchen, Gänsefingerkraut, Gänsedisteln, Gänsekresse, Gänsefußgewächse. Gänse leben auf einer Erde, die nur nach ihnen benannt ist und sich aus wachsender Dankbarkeit, umgangen zu werden, jeden Morgen bis an ihr absehbares Ende, einen Zaun, produktiv nach oben ausdehnt. Auf der Umgehung steht sie und sieht sich nicht um und merkt nicht, dass sie photographiert wird. Die Arme ausgestreckt neben sich, vor ihr stumpfes Holz, über ihr kreiselnde Luft.

Nie hatte sie sich so verhalten, nicht außerhalb und auch nicht innerhalb dieses Hauses, in das sie, aus der Stadt kommend, gezogen war. Aus Liebe – später sagte sie: aus Idiotie – hatte sie einen Mann geheiratet, der mit 18 Jahren Hitlers Leibgarde beigetreten war; später promovierte er in Ornithologie.

Die Kamera hatte sie in sich hineingeklappt und erst über einem Papierbogen wieder aufgefaltet, in einer freigiebigen Geste – unentscheidbar, ob sie die Abgebildete oder das Abbildende zu verantworten hatte, an dieser schmal an vier Kanten vorbeiziehenden Wand, vor der man jetzt steht: mit ihm. Und zu dem er versucht, Auskunft zu geben, das heißt: hinüber zu seinen Büchern geht, sie aufschlägt und sie zuschlägt und dies auch drei Zimmer weiter tut, während man ihn murmeln hört: Zweitmünder, Zweitmünder. So heißt ornithologisch aller Gänsearten Überstamm, aber wie heißt der Stamm? Irgendwo muss es stehen – und auch, weshalb Erkenntnis entsteht, indem man etwas schlägt, damit es sich öffnet, und schlägt, damit es sich schließt.

Am Rande der winzigen Gänseherde ist ein winziger Bach. Das Bachwasser fließt waagerecht in die Luft hinein, von rechts nach links – gegen die Bewegung der über das Photo kreisenden Gedanken. Möglich, dass entgegen dem sehr eigenen Blickverhalten die Laute der Gänse, wenn auch auf unsichtbaren Bahnen verlaufend, der Person gewidmet waren, die am Zaun stand, vor allem die tieferen und kräftigeren, weiblichen Töne. Möglich, dass die Gänse nicht geschnattert, sondern geschrien haben. Möglich, dass ihnen deshalb der Schnabel so weit offensteht. Möglich, dass sie zurückgeschrien hat, den Kopf nach hinten, senkrecht in die Luft. Ihr Körper beim Schreien sich nach oben geworfen hat, eine Bewegung, die sie sehr lange nicht mehr oder nur heimlich ausgeführt hatte. Dabei jemanden verflucht hat, diesmal sehr laut, weil sie alleine war. Möglich, dass der Photograph deshalb das Photo niemandem außer ihr gezeigt hatte und überlebte, weil er den Beweis ihrer akrobatischen Seele bis zu ihrem Tod vor anderen versteckt hatte. Wobei in diesem Fall zu fragen wäre: mit welcher Absicht der Photograph sie photographieren wollte; ob sie ihm zufällig vor die Linse getreten war; oder ob sie ihn womöglich bereits Tage zuvor hörbar verflucht und er seitdem schweißgetrieben versucht hatte, sie in einer für sie undarstellbaren, unvorstellbar darstellbaren Haltung abzulichten und damit zu erpressen. – Möglich, dass sie angesichts der Gänse, angesichts einer Tierunterform aus dem Überstamm der Zweitmünder, nichts gesagt hatte, dass sich in der schwarz auf weiß erfassten Haltung die Luft wie ein Netz um sie gespannt hatte, mit hartem aber feinem Garn, das an der Brust am weitesten und am Hals am engsten liegt; dass sie festgestellt hatte, wie schön und nutzlos Perspektiven sind, wenn alles so nah an einem dranliegt, auch wenn alles Nahliegende sich gleich wieder entfernt, wie am Abend die Helligkeit, die tagsüber aus einem bis zum Rand mit Licht gefüllten Himmel kommt.

Ob ihm die ornithologisch korrekte Bezeichnung des Stammes einfallen wird, wenn er die Bezeichnung des Überstammes, jetzt auf Latein, vor sich hin skandiert?

Über den weiß gefiederten Köpfen, den hochgereckten, vor denen sie sich hochgereckt hat: die hellen Blätter der Hainbuchen, oder Weißbuchen. Sind auch sie, worauf die Logik bereits aufgeführter Pflanzennamen drängt, benannt nach den darunterweilenden Tieren? Die Blätter der Weißbuchen hängen dicht an ihren Zweigen und die Zweige wachsen nicht weit weg von ihrem Stamm, das ganze Ensemble mehr Strauch als Baum.

Man könnte denken: ihr Scheitel sieht ganz ungezogen aus in der sonst sehr aufgeräumten Landschaft.

Dass die Hainbuchen dort hinten noch immer stehen, könnte man denken, kurz nachdem man sich ein zweites Mal von ihm verabschiedet hat und kurz bevor man durch die Tür des Hauses hinaustritt. Davor noch immer der Zaun. Davor der Weg. Am Zaun entlang werden Spaziergänge gemacht und es wird hinübergeschaut, als man durch die Tür des Hauses hinaustritt. Unter den Spaziergängern ist ein Kind, das versucht stehenzubleiben und durch den Zaun hindurchzusehen, seine Hand wird von der Hand eines Spaziergängers festgehalten. Das Kind ist sehr klein und tapsig und gibt sich Mühe, das zu sehen, was die Zaunlatten abwechselnd verbergen und freigeben:

die Unterfamilie der Gänse.

Familie: Gänsevögel.

Ordnung: Entenvögel.

Klasse: Vögel.

Reihe: Landwirbeltiere.

Überklasse: Kiefermäuler.

Unterstamm: Wirbeltiere.

Überstamm: Zweitmünder.

Unterabteilung: Zweiseitentiere.

Abteilung: Gewebetiere.

Unterreich: Vielzellige Tiere.

Reich: Tiere.

Domäne: Zellkern besitzende Organismen.

Klassifikation: Lebewesen.

Ausgezeichnet war das Wetter an diesem Tag, hört man ihn im Inneren des Hauses rufen, wie auf der Suche nach einem und dann an einem Fenster: Über den Gänsen standen die Wolken, sie bewegten sich kein Stück!

Jetzt könnte man etwas denken, aber:

Man nickt.

Das Kind schafft es nicht stehenzubleiben. Die Zaunlatten, an denen das Kind vorbeigezogen wird, erinnern an Augenlider, die flattern und das Gesehene verschwimmen lassen; wären sie Münder, plapperten sie, ohne etwas von dem zu verraten, was sie sagen. Das Kind versucht trotzdem, wenigstens mit den Augen zu dem Verborgenen hinter dem Zaun durchzudringen. Es sieht nicht so aus, als würde das Kind gleich hochgehoben, um mehr sehen zu können. Jemand zieht an seinem Arm (derselbe, der vorher seine Hand gehalten hat), und zieht an seinem Arm, bis alle Spaziergänger am Zaun vorbeigezogen sind; den Weg weitergehend, senkt sich langsam der Kopf des Kindes, so langsam, dass es anstrengt, dem enttäuschten Zaungast dabei zuzusehen.

Warum nicht bei Mike, Robert oder Knosi einkaufen? Aber die Jungs sagen, Mike, Robert und Knosi hätten heute keine Zeit und es gäbe keine andere Möglichkeit, wir müssen also wieder hoch, wir müssen wieder in Watans Muffbude im zehnten Stock, wo es nach Hund riecht, obwohl er ja gar keinen hat, und wo immer die Rollläden runtergezogen sind, angenehm ist das nicht. Er sitzt am Tisch und wiegt das Gras mit seiner komischen Handwaage, und dann tut er etwas dazu und wiegt noch mal, und man kann nur hoffen, dass er jetzt nicht wieder anfängt, persische Gedichte zu rezitieren, andererseits ist es egal, denn er redet sowieso. Und wir wissen auch schon genau, was kommt, nämlich die Sache mit den Holzsplittern, die seinem Onkel unter die Fingernägel getrieben wurden, und die Sache mit dem heißen Ei, das seinem Onkel hinten reingesteckt wurde. Und dann nickt er plötzlich, als käme jetzt ein Witz, aber er erzählt uns nur, dass sein Vater ein ganz Mutiger war, genauso wie er selbst, Watan, ein ganz Mutiger ist, wie er hier wiegt und wiegt und uns von den Flugblättern erzählt, die er in der Schule verteilen musste, aber das hat er auch schon tausendmal getan. Er hat uns schon tausendmal das Symbol mit dem Stacheldraht und der Nelke aufgezeichnet, und jetzt fragt er uns, ob er uns vielleicht mal das Symbol der kommunistischen Partei aufzeichnen soll. Wir fragen zurück, ob er sich an die Zeichnung von Gestern erinnert, aber er hört uns gar nicht erst zu. Er beschreibt jetzt den Kinofilm, den er gesehen hat, als sein Vater angeschossen wurde, und das kennen wir im Detail, wir kennen auch das plötzliche Gefühl, das ihn aus dem Kino trieb, wir wissen, dass sein Vater dann verblutet ist, und dass er ein mutiger Mann war, das hat er zuletzt vor zwei Minuten erwähnt. Wir sagen: Wir wollen jetzt auf eine Fete, Watan, wir haben nicht soviel Zeit.

Er fragt, ob wir einen Tee trinken wollen.

Und er kocht uns einen Tee und redet über Frauen, und man könnte fast denken: Jetzt wird es besser, aber wir merken schon, wohin das führt, nämlich in Richtung seiner Tanten vom Kaspischen Meer, bei denen er samt seinem toten Vater untergekommen ist, das waren wirklich mal Frauen, das wissen wir schon, zehn dicke Weiber, die sich alle auf den Kopf klopften vor Trauer.

Und Watan lacht.

Watan lacht alleine vor sich hin, während er den Tee bringt und schon wieder beschreibt, wie sein Vater gewaschen und geschminkt im Keller lag, und wie man ihn dann im Garten vergrub, da können wir ein Lied von singen. Wir sagen: Watan, du hast deinen Vater begraben, und dann hast du dich am Kaspischen Meer rumgetrieben, wo die Frauen verhüllt ins Wasser stiegen, und du hast die kleine Asfael kennengelernt, die ganz anders war mit ihren kurzen Haaren. Du bist ihr durch die Felder gefolgt, vorbei an Granatapfelbäumen und Sperrmüllkühlschränken, und sie war fast wie ein Junge und hat sich auf Mauern gesetzt, und wenn sie küsste, dann war das ein Beißen. Aber wollen wir das alles noch mal hören, Watan? Wollen wir noch mal hören, wie sie dann plötzlich weg war und wie die Polizisten kamen und dir in den Magen traten, weil sie euch gesehen hatten? Und wie du dachtest, dass man dich auf dem Schrottplatz an einem Kran aufhängen wird, und wie die Polizisten dann wieder gingen und dich doch nicht an einem Kran aufhängten, und wie Asfael aus einem Kühlschrank kam und lachte, als hätte sie keine Angst gehabt? Eher nicht, Watan, wir wollen das eher nicht noch mal hören, zumindest nicht zum tausendsten Mal, und warum bringst du jetzt gefüllte Weinblätter und machst schon wieder den alten Witz und nennst die Weinblätter Evas Unterhosen. Wieg doch lieber das Gras, Watan, wieg doch das Gras.

Und Watan wiegt und schweigt und dann sagt er: Der Krieg, und wir sagen: Nein, Watan, weniger der Krieg, vielmehr jetzt das Gras, denn was wissen wir denn nicht? Wissen wir denn nicht, dass du einberufen wurdest und abgehauen bist und drei Tage lang in einer Höhle auf die Schleuser warten musstest? Wissen wir nicht, dass Asfael kam und auch fliehen wollte, obwohl die Schleuser dagegen waren, und dass die Schleuser dann doch einverstanden waren, weil sie Geld aus der Tasche zog? Und dass sich die Schleuser alle als „Ali“ vorstellten, wissen wir das nicht? Wissen wir nicht, dass es auf Pferden durch das Schneegebirge ging und dass du gar nichts mehr sehen konntest vor lauter Schnee? Wir sagen: Doch, Watan, dass wissen wir wohl, wir sind schon tausendmal mit dir durch das Gebirge geritten, und wir haben uns tausendmal mit dir gefragt, ob das Pferd vorwärts oder rückwärts läuft, und ob wir vielleicht schon im Jenseits sind. Wir haben den bläulichen Schnee und die Kräne und den Stacheldraht gesehen, die aber gar nicht wirklich waren, und wir wissen, dass dich der stärkste von den Alis geschlagen hat, Watan, weil du so kraftlos warst. Wir haben die Hubschrauber über den Bergdörfern gesehen, und wie ihr euch zwischen den Ziegen verstecken musstet, und wie du die Grenzsäule zur Türkei dreimal angefasst hast, um dich zu überzeugen, dass es sie wirklich gibt. Wir können es im Schlaf aufsagen, Watan: Ihr wart zwanzig Iraner und ihr kamt in einem LKW unter, hinter Teppichen versteckt, und dein Mädchen blutete am Daumen und du solltest den Daumen küssen, und sie wollte immer hören, wie sehr du sie liebst, aber du hattest keine Kraft mehr dafür. Und jemand schmiss den Kanister um, in den ihr reingepisst hattet, das war der Gewichtheber aus Zahedan und den konntest du überhaupt kaum ertragen, denn der zeigte immer den Zeitungsartikel mit dem Foto von sich und redete sehr laut von seinen Preisen, auch wenn ihr an Raststätten hieltet, wo man auf keinen Fall reden durfte, wusstest du das schon? Lass es dir sagen, Watan, denn wir wissen es genau! Asfael hat sich an dich gedrückt, dass dir die Luft wegblieb, und dann gab es ein Loch in der Plane und du sahst zum ersten Mal wieder Häuser, Watan, wir sehen sie selbst.

Aahh, sagt Watan, schon gut, schon gut, ich verstehe, aber wollt ihr vielleicht ein heißes Ei? Wollt ihr vielleicht ein heißes Ei hinten reingeschoben kriegen, wie sie es bei meinem Onkel gemacht haben? Und er steht auf und tut, als wolle er ein Ei kochen gehen, aber dann hebt er eine Augenbraue, und es ist wohl witzig gemeint, und wir lächeln jetzt alle zusammen, ja, wir lächeln jetzt fast ein bisschen, aber eigentlich lächeln wir doch nicht, wir sagen: Watan, wieg doch bitte das Gras. Und er wiegt das Gras, aber das Reden läuft aus ihm raus, es kommt aus seiner Unterlippe. Eines hätte er uns ja noch nicht erzählt, wie er die Krätze gekriegt hat nämlich, so dass er sich mit einer Gabel die Brust blutig kratzen musste, da waren sie schon in Istanbul, Asfael und er, den ganzen Winter über in dem winzigen Zimmer, wo sie auf die Pässe warten mussten. Und er musste sich einen Bart wachsen lassen, der erst zum Fototermin abkommen sollte, weil die Haut darunter dann sehr hell und glatt ist und er jünger gemacht werden sollte, aber er hatte die Krätze auch im Bart, und es war alles ein einziges Jucken. Und dazu Asfael, die den Schrank verheizte, obwohl der Ali gesagt hatte, dass man den Schrank nicht verheizen solle, und wie sie sich stritten und wie er mit ihr schlafen wollte, und wie sie nur mit ihm schlafen wollte, wenn er sie liebte, und wie er nicht sagen konnte, dass er sie liebte. Und das sollen wir ihm mal sagen, wie man jemanden so richtig lieben soll, wenn die Rollläden immer geschlossen sind und der Ali mit dem Brot nur unregelmäßig kommt, und wenn die einzige Ablenkung das türkische Fernsehen ist, das aber nur von Sechs bis Neun sendet und zwar hauptsächlich Liebesfilme, bei denen man gar nichts versteht, nur rababababab, was wahrscheinlich ich liebe dich bedeutet. Aber wie soll man da jemanden lieben, das sollen wir ihm mal sagen. Wenn dann der Oberali mit dem Fotografen und zwei Weibern erscheint und sich als König aufführt in seinem Pelzmantel, wenn er Asfael an die kaum vorhandenen Brüste fasst und wenn Asfael trotzdem freundlich lächelt, weil sie Brennholz haben will. Und wenn der Oberali dann sagt, dass sie nicht genug Spiritus benutzen würden, und dass Iraner nicht mit Feuer umgehen könnten, und wenn er dann vorführen will, wie man den Ofen bedient. Und das sei ja eigentlich witzig, sagt Watan, ob wir das nicht witzig fänden? Wie der Oberali dann den Spiritus in den Ofen spritzte und ein Streichholz reinwarf, dass es knallte und eine riesige Rußwolke den ganzen Raum schwarz färbte. Wobei es nicht so witzig gewesen sei, dass der Oberali dann wieder verschwunden ist, als Strafe für seine eigene Dummheit, um erst sechs Wochen später mit den Pässen zu kommen, aber das wolle er uns gar nicht erzählen, er wolle ja nicht nerven. Er wolle auch nicht erzählen, wie der Oberali ihn dann weiter verarschte und sagte, dass er am Flughafen sagen solle, dass er einen Gehirnschaden habe, und dass er sich in Deutschland operieren lassen wolle. Und dass er das am Flughafen wirklich sagte, und dass er als Türke nach Deutschland flog und jetzt Amir Huschang Rahbarsare hieß, wobei das ja witzig sei. Aber er wolle es uns nicht erzählen, auch nicht, dass der Beamte am Schalter über Asfaels Foto rieb und feststellte, dass es ausgetauscht war, und dass er, Watan, ihr nicht helfen konnte und nur auf den Daumen des Beamten starrte und dann irgendetwas über das Wetter zu erzählen versuchte, aber da war sie schon abgehauen und für immer verschwunden. Und das wolle er uns auch nicht erzählen, dass er sie dann plötzlich doch so richtig liebte, es sei denn, wir würden es hören wollen. Und wir sagen: Im Grunde genommen, ehrlich gesagt nicht, vor allem nicht, weil wir schon davon träumen, Watan, du wiegst jetzt das Gras! Und er wiegt das Gras und sagt: Ach die Waage spinnt, ich geb es euch so! Und das ist mal ein Wort, da bedanken wir uns. Wir stehen auf und machen uns endlich auf den Weg zur Fete, und Watan fragt natürlich noch, ob er mitkommen kann. Aber wir sagen: Das geht leider nicht, Watan, weil es eine Privatparty ist, das tut uns leid, aber du verstehst es sicher? Und er sagt, dass er das versteht, und dann kommt er trotzdem noch mit, weil er zum Kiosk will, das ist die gleiche Richtung, aber nachdem wir uns am Kiosk verabschiedet haben, merken wir, dass er uns weiterhin folgt. Immer wenn wir uns umdrehen, bewegt er sich irgendwo im Schatten, und wir haben ein ganz komisches Gefühl, als wir schließlich die Party erreichen. Vor der Haustür warten die Mädchen, denen wir Gras mitbringen sollen, sie sehen uns an, scheinen sich aber gar nicht für uns zu interessieren, eigentlich recken sie nur die Köpfe und fragen: Was kommt euch denn da hinterher? Und wir sagen: Das ist Watan, wir kaufen sein Gras.


*© Andreas Stichmann, 2013.

Es war Ende Januar, bald nach den Weihnachtsferien, als das dicke Kind zu mir kam. Ich hatte in diesem Winter angefangen, an die Kinder aus der Nachbarschaft Bücher auszuleihen, die sie an einem bestimmten Wochentag holen und zurückbringen sollten. Natürlich kannte ich die meisten dieser Kinder, aber es kamen auch manchmal Fremde, die nicht in unserer Straße wohnten. Und wenn auch die Mehrzahl von ihnen gerade nur so lange Zeit blieb, wie der Umtausch in Anspruch nahm, so gab es doch einige, die sich hinsetzten und gleich auf der Stelle zu lesen begannen. Dann saß ich an meinem Schreibtisch und arbeitete, und die Kinder saßen an dem kleinen Tisch bei der Bücherwand, und ihre Gegenwart war mir angenehm und störte mich nicht. Das dicke Kind kam an einem Freitag oder Samstag, jedenfalls nicht an dem zum Ausleihen bestimmten Tag. Ich hätte vor auszugehen und war im Begriff, einen kleinen Imbiß, den ich mir gerichtet hatte, ins Zimmer zu tragen. Kurz vorher hatte ich einen Besuch gehabt, und dieser mußte wohl vergessen haben, die Eingangstüre zu schließen. So kam es, daß das dicke Kind ganz plötzlich vor mir stand, gerade als ich das Tablett auf den Schreibtisch niedergesetzt hatte und mich umwandte, um noch etwas in der Küche zu holen. Es war ein Mädchen von vielleicht zwölf Jahren, das einen altmodischen Lodenmantel und schwarze, gestrickte Gamaschen anhatte und an einem Riemen ein paar Schlittschuhe trug, und es kam mir bekannt, aber doch nicht richtig bekannt vor, und weil es so leise hereingekommen war, hatte es mich erschreckt. Kenne ich dich? fragte ich überrascht.

Das dicke Kind sagte nichts. Es stand nur da und legte die Hände über seinem runden Bauch zusammen und sah mich mit seinen wasserhellen Augen an.

Möchtest du ein Buch? fragte ich.

Das dicke Kind gab wieder keine Antwort. Aber darüber wunderte ich mich nicht allzu sehr. Ich war es gewohnt, daß die Kinder schüchtern waren und daß man ihnen helfen mußte. Also zog ich ein paar Bücher heraus und legte sie vor das fremde Mädchen hin. Dann machte ich mich daran, eine der Karten auszufüllen, auf welchen die entliehenen Bücher aufgezeichnet wurden.

Wie heißt du denn? fragte ich.

Sie nennen mich die Dicke, sagte das Kind.

Soll ich dich auch so nennen? fragte ich.

Es ist mir egal, sagte das Kind. Es erwiderte mein Lächeln nicht, und ich glaube mich jetzt zu erinnern, daß sein Gesicht sich in diesem Augenblick schmerzlich verzog. Aber ich achtete darauf nicht.

Wann bist du geboren? fragte ich weiter.

Im Wassermann, sagte das Kind ruhig.

Diese Antwort belustigte mich, und ich trug sie auf der Karte ein, spaßeshalber gewissermaßen, und dann wandte ich mich wieder den Büchern zu.

Möchtest du etwas Bestimmtes? fragte ich.

Aber dann sah ich, daß das fremde Kind gar nicht die Bücher ins Auge faßte, sondern seine Blicke auf dem Tablett ruhen ließ, auf dem mein Tee und meine belegten Brote standen.

Vielleicht möchtest du etwas essen, sagte ich schnell.

Das Kind nickte, und in seiner Zustimmung lag etwas wie ein gekränktes Erstaunen darüber, daß ich erst jetzt auf diesen Gedanken kam. Es machte sich daran, die Brote eins nach dem andern zu verzehren, und es tat das auf eine besondere Weise, über die ich mir erst später Rechenschaft gab. Dann saß es wieder da und ließ seine trägen, kalten Blicke im Zimmer herumwandern, und es lag etwas in seinem Wesen, das mich mit Ärger und Abneigung erfüllte. Ja gewiß, ich habe dieses Kind von Anfang an gehaßt. Alles an ihm hat mich äbgestoßen, seine trägen Glieder, sein hübsches, fettes Gesicht, seine Art zu sprechen, die zugleich schläfrig und anmaßend war. Obwohl ich mich entschlossen hatte, ihm zuliebe meinen Spaziergang aufzugeben, behandelte ich es doch keineswegs freundlich, sondern grausam und kalt.

Oder soll man es etwa freundlich nennen, daß ich mich nun an den Schreibtisch setzte und meine Arbeit vornahm und über meine Schulter weg sagte: Lies jetzt, obwohl ich doch ganz genau wußte, daß das fremde Kind gar nicht lesen wollte? Und dann saß ich da und wollte schreiben und brachte nichts zu Stande, weil ich ein sonderbares Gefühl der Peinigung hatte, so, wie wenn man was erraten soll und errät es nich, und ehe man es nicht erraten kann, kann nichts mehr so werden, wie es vorher war. Und eine Weile lang hielt ich das aus, aber nicht sehr lange, und dann wandte ich mich um und begann eine Unterhaltung, und es fielen mir nur die törichtsten Fragen ein.

Hast du noch Geschwister? fragte ich.

Ja, sagte das Kind.

Gehst du gern in die Schule? fragte ich.          

Ja, sagte das Kind.

Was magst du denn am liebsten?        

Wie bitte? fragte das Kind.

Welches Fach? sagte ich verzweifelt.

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Vielleicht Deutsch? fragte ich.            

Ich weiß nicht, sagte das Kind.

Ich drehte meinen Bleistift zwischen den Fingern, und es wuchs etwas in mir auf, ein Grauen, das mit der Erscheinung des Kindes im gar keinem Verhältnis stand.

Hast du Freundinnen? fragte ich zitternd.

O ja, sagte das Mädchen.

Eine hast du doch sicher am liebsten? fragte ich.

Ich weiß nicht, sagte das Kind, und wie es dasaß in seinem haarigen Lodenmantel, glich es einer fetten Raupe, und wie eine Raupe hatte es auch gegessen, und wie eine Raupe witterte es jetzt wieder herum.

Jetzt bekommst du nichts mehr, dachte ich, von einer sonderbaren Rachsucht erfüllt. Aber dann ging ich doch hinaus und holte Brot und Wurst, und das Kind starrte darauf mit seinem dumpfen Gesicht, und dann fing es an zu essen, wie eine Raupe frißt, langsam und stetig, wie aus einem inneren Zwang heraus, und ich betrachtete es feindlich und stumm. Denn nun war es schon soweit, daß alles an diesem Kind mich aufzuregen und zu ärgern begann. Was für ein albernes, weißes Kleid, was für ein lächerlicher Stehkragen, dachte ich, als das Kind nach dem Essen seinen Mantel aufknöpfte. Ich setzte mich wieder an meine Arbeit, aber dann hörte ich das Kind hinter mir schmatzen, und dieses Geräusch glich dem trägen Schmatzen eines schwarzen Weihers irgendwo im Walde, es brachte mir alles wässerig Dumpfe, alles Schwere und Trübe der Menschennatur zum Bewußtsein und verstimmte mich sehr. Was willst du von mir? dachte ich, geh fort, geh fort. Und ich hatte Lust, das Kind mit meinen Händen aus dem Zimmer zu stoßen, wie man ein lästiges Tier vertreibt. Aber dann stieß ich es nicht aus dem Zimmer, sondern sprach nur wieder mit ihm, und wieder auf dieselbe grausame Art.

Gehst du jetzt aufs Eis? fragte ich.

Ja, sagte das dicke Kind.

Kannst du gut Schlittschuhlaufen? fragte ich und deutete auf die Schlittschuhe, die das Kind noch immer am Arm hängen hatte.

Meine Schwester kann gut, sagte das Kind, und wieder erschien auf seinem Gesicht ein Ausdruck von Schmerz und Trauer, und wieder beachtete ich ihn nicht.

Wie sieht deine Schwester aus? fragte ich. Gleicht sie dir?

Ach nein, sagte das dicke Kind. Meine Schwester ist ganz dünn und hat schwarzes, lockiges Haar. Im Sommer, wenn wir auf dem Land sind, steht sie nachts auf, wenn ein Gewitter kommt, und sitzt oben auf der obersten Galerie auf dem Geländer und singt.

Und du? fragte ich.

Ich bleibe im Bett, sagte das Kind. Ich habe Angst.

Deine Schwester hat keine Angst, nicht wahr? sagte ich.

Nein, sagte das Kind. Sie hat niemals Angst. Sie springt auch vom obersten Sprungbrett. Sie macht einen Kopfsprung, und dann schwimmt sie weit hinaus . . .

Was singt deine Schwester denn? fragte ich neugierig.

Sie singt, was sie will, sagte das dicke Kind traurig. Sie macht Gedichte.

Und du? fragte ich.

Ich tue nichts, sagte das Kind. Und dann stand es auf und sagte: Ich muß jetzt gehen. Ich streckte meine Hand aus, und es legte seine dicken Finger hinein, und ich weiß nicht genau, was ich dabei empfand, etwas wie eine Aufforderung, ihm zu folgen, einen unhörbaren, dringlichen Ruf. Komm einmal wieder, sagte ich, aber es war mir nicht ernst damit, und das Kind sagte nichts und sah mich mit seinen kühlen Augen an. Und dann war es fort, und ich hätte eigentlich Erleichterung spüren müssen. Aber kaum, daß ich die Wohnungstür ins Schloß fallen hörte, lief ich auch schon auf den Korridor hinaus und zog meinen Mantel an.

Ich rannte ganz schnell die Treppe hinunter und erreichte die Straße in dem Augenblick, in dem das Kind um die nächste Ecke verschwand.

Ich muß doch sehen, wie diese Raupe Schlittschuh läuft, dachte ich. Ich muß doch sehen, wie sich dieser Fettkloß auf dem Eise bewegt. Und ich beschleunigte meine Schritte, um das Kind nicht aus den Augen zu verlieren.

Es war am frühen Nachmittag gewesen, als das dicke Kind zu mir ins Zimmer trat, und jetzt brach die Dämmerung herein. Obwohl ich in dieser Stadt einige Jahre meiner Kindheit verbracht hatte, kannte ich mich doch nicht mehr gut aus, und während ich mich bemühte, dem Kinde zu folgen, wußte ich bald nicht mehr, welchen Weg wir gingen, und die Straßen und Plätze, die vor mir auftauchten, waren mir völlig fremd. Ich bemerkte auch plötzlich eine Veränderung in der Luft. Es war sehr kalt gewesen, aber nun war ohne Zweifel Tauwetter eingetreten, und mit so großer Gewalt, daß der Schnee schon von den Dächern tropfte und am Himmel große Föhnwolken ihres Weges zogen. Wir kamen vor die Stadt hinaus, dorthin, wo die Häuser von großen Gärten umgeben sind, und dann waren gar keine Häuser mehr da, und dann verschwand plötzlich das Kind und tauchte eine Böschung hinab. Und wenn ich erwartet hatte, nun einen Eislaufplatz vor mir zu sehen, helle Buden und Bogenlampen und eine glitzernde Fläche voll Geschrei und Musik, so bot sich mir jetzt ein ganz anderer Anblick. Denn dort unten lag der See, von dem ich geglaubt hatte, daß seine Ufer mittlerweile alle bebaut worden wären: er lag ganz einsam da, von schwarzen Wäldern umgeben, und sah genau wie in meiner Kindheit aus.

Dieses unerwartete Bild erregte mich so sehr, daß ich das fremde Kind beinahe aus den Augen verlor. Aber dann sah ich es wieder, es hockte am Ufer und versuchte, ein Bein über das andere zu legen und mit der einen Hand den Schlittschuh am Fuß festzuhalten, während es mit der andern den Schlüssel herumdrehte. Der Schlüssel fiel ein paarmal herunter, und dann ließ sich das dicke Kind auf alle Viere fallen und rutschte auf dem Eis herum und suchte und sah wie eine seltsame Kröte aus. Überdem wurde es immer dunkler, der Dampfersteg, der nur ein paar Meter von dem Kind entfernt in den See vorstieß, stand tiefschwarz über der weiten Fläche, die silbrig glänzte, aber nicht überall gleich, sondern ein wenig dunkler hier und dort, und in diesen trüben Flecken kündigte sich das Tauwetter an. Mach doch schnell, rief ich ungeduldig, und die Dicke beeilte sich nun wirklich, aber nicht auf mein Drängen hin, sondern weil draußen vor dem Ende des langen Dampfersteges jemand winkte und Komm, Dicke, schrie, jemand, der dort seine Kreise zog, eine leichte, helle Gestalt. Es fiel mir ein, daß dies die Schwester sein müsse, die Tänzerin, die Gewittersängerin, das Kind nach meinem Herzen, und ich war gleich überzeugt, daß nichts anderes mich hierhergelockt hatte als der Wunsch, dieses anmutige Wesen zu sehen. Zugleich aber wurde ich mir auch der Gefahr bewußt, in der die Kinder schwebten. Denn nun begann mit einemmal dieses seltsame Stöhnen, diese tiefen Seufzer, die der See auszustoßen scheint, ehe die Eisdecke bricht. Diese Seufzer liefen in der Tiefe hin wie eine schaurige Klage, und ich hörte sie, und die Kinder hörten sie nicht.

Nein gewiß, sie hörten sie nicht. Denn sonst hätte sich die Dicke, dieses ängstliche Geschöpf, nicht auf den Weg gemacht, sie wäre nicht mit ihren kratzigen, unbeholfenen Stößen immer weiter hinausgestrebt, und die Schwester draußen hätte nicht gewinkt und gelacht und sich wie eine Ballerina auf der Spitze ihres Schlittschuhs gedreht, um dann wieder ihre schönen Achter zu ziehen, und die Dicke hätte die schwarzen Stellen vermieden, vor denen sie jetzt zurückschreckte, um sie dann doch zu überqueren, und die Schwester hätte sich nicht plötzlich hoch aufgerichtet und wäre nicht davon geglitten, fort, fort, einer der kleinen einsamen Buchten zu.

Ich konnte das alles genau sehen, weil ich mich daran gemacht hatte, auf dem Dampfersteg hinauszuwandern, immer weiter, Schritt für Schritt. Trotzdem die Bohlen vereist waren, kam ich doch schneller vorwärts, als das dicke Kind dort unten, und wenn ich mich umwandte, konnte ich sein Gesicht sehen, das einen dumpfen und zugleich sehnsüchtigen Ausdruck hatte. Ich konnte auch die Risse sehen, die jetzt überall aufbrachen und aus denen, wie Schaum vor die Lippen des Rasenden, ein wenig schäumendes Wasser trat. Und dann sah ich natürlich auch, wie unter dem dicken Kinde das Eis zerbrach. Denn das geschah an der Stelle, an der die Schwester vordem getanzt hatte und nur wenige Armlängen vor dem Ende des Stegs.

Ich muß gleich sagen, daß dieses Einbrechen kein lebensgefährliches war. Der See gefriert in ein paar Schichten, und die zweite lag nur einen Meter unter der ersten und war noch ganz fest. Alles, was geschah, war, daß die Dicke einen Meter tief im Wasser stand, im eisigen Wasser freilich und umgeben von bröckelnden Schollen, aber wenn sie nur ein paar Schritte durch das Wasser watete, konnte sie den Steg erreichen und sich dort hinaufziehen, und ich konnte ihr dabei behilflich sein. Aber ich dachte trotzdem gleich, sie wird es nicht schaffen, und es sah auch so aus, als ob sie es nicht schaffen würde, wie sie da stand, zu Tode erschrocken, und nur ein paar Unbeholfene Bewegungen machte; und das Wasser strömte um sie herum, und das Eis unter ihren Händen zerbrach. Der Wassermann, dachte ich, jetzt zieht er sie hinunter, und ich spürte gar nichts dabei, nicht das geringste Erbarmen, und rührte mich nicht.

Aber nun hob die Dicke plötzlich den Kopf, und weil es jetzt vollends Nacht geworden und der Mond hinter den Wolken erschienen war; konnte ich deutlich sehen, daß etwas in ihrem Gesicht sich verändert hatte. Es waren dieselben Züge und doch nicht dieselben, aufgerissen waren sie von Willen und Leidenschaft, als ob sie nun, im Angesicht des Todes, alles Leben tränken, alles glühende Leben der Welt. Ja, das glaubte ich wohl, daß der Tod nahe und dies das letzte sei, und beugte mich über das Geländer und blickte in das weiße Antlitz unter mir, und wie ein Spiegelbild sah es mir entgegen aus der schwarzen Flut. Da aber hatte das dicke Kind den Pfahl erreicht. Es streckte die Hände aus und begann sich heraufzuziehen, ganz geschickt hielt es sich an den Nägeln und Haken, die aus dem Holze ragten. Sein Körper war zu schwer und seine Finger bluteten, und es fiel wieder zurück, aber nur, um wieder von neuem zu beginnen. Und das war ein langer Kampf, ein schreckliches Ringen um Befreiung und Verwandlung, wie das Aufbrechen einer Schale oder eines Gespinstes, dem ich da zusah, und jetzt hätte ich dem Kinde wohl helfen mögen, aber ich wußte, ich brauchte ihm nicht mehr zu helfen – ich hatte es erkannt.

An meinen Heimweg an diesem Abend erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur, daß ich auf unserer Treppe einer Nachbarin erzählte, daß es noch jetzt ein Stück Seeufer gäbe mit Wiesen und schwarzen Wäldern, aber sie erwiderte mir, nein, das gäbe es nicht. Und daß ich dann die Papiere auf meinem Schreibtisch durcheinandergewühlt fand und irgendwo dazwischen ein altes Bildchen, das mich selbst darstellte, in einem weißen Wollkleid mit Stehkragen, mit hellen, wäßrigen Augen und sehr dick.


*This story is taken from: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in sieben Bänden. Vierter Band. Die Erzählungen. © Insel Verlag Frankfurt am Main 1983.

*Bild: Maria-Rubinke.

Es war ein Mittwoch und Zeit für mein Milchbad. Aber die kantig verpackte, auf Höfen aus Eutern gesuckte, weiße, ich weiß: von Kühen für Kälber den dauerverdauten, im Wind weh’nden Gräsern entschnaubte, geraubte, verrührte, maschinell Molkerei’n zugeführte, von Lastwag’n in Supermärkte chauffierte Flüssigkeit reichte bei weitem nicht aus, um damit meine Wanne voll zu machen. Ich holte Sahne   und Schmand aus der Küche und schüttete sie auf die neunzehn Liter drauf, die Melchior, der Schrank, noch hergegeben hatte. Wie’s aussah würde ich mehr Milch kaufen geh’n müssen. Nur wo?! Die Geschäfte hatten alle schon zu. Zur Tankstelle also? Im Grunde konnte ich’s mir ja leisten. Hatte ich doch Monate mit dem Weißeln von Wänden verbracht und Geld wie Heu. Ich zog also los.

Bevor ich aufbrach, präparierte ich aber noch ein Stirnband.

Meine Freundin Karen hatte vor vier Monaten mit mir Schluss gemacht und beim Auszug alles mitgenommen: den Sandwichmaker, das Hochbett, den Vorgänger Melchiors … Alles außer einer etwa vierzehn Zentimeter langen Messingschraube, mit der das Hochbett an der Wand befestigt gewesen war und mit der ich nun das Stirnband derart durchbohrte und mit Isolierband umwickelte, dass dort, wo vorher harmlos »Nike« gestanden hatte, nun ein Horn stand. Ich zog es mir auf und den Parka an und hinaus ging’s.

O und draußen, da … blühten die Linden! Nirgends lag mehr Schnee auf den Dächern der Autos, die leer, unanhebbar schwer, lautlos im Licht der Laternen, längs des Bürgersteigs, der mich hinantrug, matt schimmerten – es war Sommer geworden. Auf Armaturen lagen zärtlich per Einriss beschädigte Karten zu Reggaekonzerten, auf Beifahrersitzen Bikinis, Bermudashorts, Schnorchel, Pappteller voller Marmorkuchenkrümel, zerknautschte Zigaretten schachteln, auf Rücksitzen luftleere Luftmatratzen und bierleere Flaschen, gläsern vertrunkene Limo und Apfelsaftschorlen, sommerwiesig, zumzerfieselnstundenzeithabig etikettiert.

Gerührt und traurig, dass das Fest schon verrauscht schien, starrte ich in die sonst so rasenden Reliquienschreine, diese schneewittchenen, gläsernen Särge, in denen ein Mensch gewordener Sommer lag. Wäre ich ein Prinz gewesen, ich hätte ihn wachgeküsst. Ich hätte eine Scheibe eingeschlagen und eines der Autos geklaut. Wäre ich ein Dieb gewesen, wäre ich weggefahren, noch tiefer in den Süden hinein, in den Palmenwald menorcanischer Gefühle, der sich mir inwendig auftat. Ich lauschte der Gischt des Fernverkehrs, sah »den See« über den Dächern, diesen Kristall des Vorschwebens vom Schleifband himmelwärts gewundener Straßen geschliffener werden. Wie traurig, wie schön, wie erinnerlich und verrinnend doch dieser Abend war, und arglos, und wie er sich ganz leise schnaubend nüsternstupsig mitten in der Stadt gebärdete! (Der wippende Haselzweig, den ich meine.)

Die Tankstelle war ein schon von weitem zu spürendes Glimmen von kleinen Stängeln, ein Pulsen des Safts in den Schläuchen, ein Sich-Umdreh’n von Bäuchen, ein Kotzen von Schlangen in Tanks rein, ein in Gesichter geschriebenes Bangen, das Geld möge reichen, Verfluchung von Scheichen, Herumsteh’n an Teichen, in denen kein Fisch schwamm. Ein zarter Wind lag mir mit strotzendem Benzingeruch in der Nase. Ich musste niesen. Schon von weitem sah ich, in Blazern und schreienden Hemden, die hinter ihre beat-wummernden, türenschlagenden Schlitten geduckten, einander mit Zapfcolts bedroh’nden, Stutzen in seitliche, lackfarbumgrellte Löcher rammenden Kerle her- umulkend um die Wette tanken. Vielleicht war es auch nur das Nacheinander rauchend volltankender Spaßpistoleros, aber die Sprache hier, der Erinnerung, ordnet mir alles zu gleißender Gleichzeitigkeit, Assonanz, und ich will sie gewähren lassen, will sie hier, im selben Satz noch, mich, den Spruch »Da geht das letzte Einhorn!« im Rücken, durch eine sanft sich aufschiebende Doppelglastür eintreten lassen lassen, ins Grelle.

Es ist wie immer. Ist wie mit Waren, die aber sehr wohl sind, hart und grell beworfen zu werden. Hart und grell und hagelnd. Eine Steinigung oder Kirschkernkissenschlacht der viel’n gegen einen, der klein ist, nein schlaksig. Der schlaksige Kerl, der hereinkommt, hält sich die Arme vors Gesicht, um sich vor den aus allen Richtungen auf ihn zufliegenden Chipstüten, Zigarettenschachteln, Redbulldosen, Busenbroschüren, Schokoriegeln, Weinflaschen, Sektflaschen, Bierflaschen, Kaugummipackungen, Magazinen, Gummibärchentüten, Blicken, Bierdosen, Boilern, Bachblütenbonbonbehältern zu schützen. Er heißt schlichtweg »Hannes«. Er geht nun auf die Verkäuferin zu. Alles, was er von ihr will, ist ein Lächeln und einen Kuss vielleicht. Und sie, die Schwarzhaarige, Geschminkte, von Beginn an Abwinkende, malt ihm mit einem Kugelschreiber (der kein Lippenstift ist) einen Strichcode auf die Stirn, setzt ihm ihre Infrarotpistole auf diese Brust vor seinem Hirn, das ein Herz ist, drückt ab. Es piepst lakonisch. Hannes erfährt, dass er gerade mal 95 Cent wert ist, und geht vor den Augen der Verkäuferin, die, ein Namensschild verrät es gerade noch, »Carmen« heißt, ein. Unter, der Boden verschluckt ihn.

Da stand ich also, in der Tankstelle, im Attackenbunt, und dachte dunkel an meine Wohnung. Wie verlassen sie jetzt schien. Wie fern und leer und möbliert nur mit Melchior und einem einzigen Stuhl. Und wie sehr auf diesem Stuhl mein Wohnungsschlüssel lag und wie die drei sich ganz tonlos zuraunten, wo ich denn bliebe. Gerührt von diesem Wissen begann ich, mich ein wenig umzutun in dem Shop, der der der Tankstelle war. Ich blätterte zwei, drei der Hefte. Recht reißfest war’n Tüten mit Chips drin. Ich roch am Rund einer Pringlesdose und Dosen von Fett und Hydraten und Inhaltsstoffe studierte ich aufheul’nd. Prüfte Scheibenwischer auf ihre Intaktheit. Probierte einen Hupfball aus – bis der zu den Milky Ways fiel, ins Regal unterm Tresen. Da wusste ich plötzlich wieder, weshalb ich ja hier war. Ich wollte Milch!

O sie hatten Milch! Zwar nicht meine Lieblingsmarke, aber immerhin siebzehn Liter. – Aus dem stark, zu stark!, kühlenden Tankstellenkühlschrank, doch ich sah mich schon, diese Not zu einer Tugend verarbeitend, in der Küche stehen und köchelnde Milch zu herrlichem Badeschaum boxen … Ich bat einen Mann mit Muskeln, der in einer mit Redbulldosen gefüllten, durchsichtigen Halbkugel wühlte, mir, wie ich mich ausdrückte, »mal eben sehr plötzlich einen Gefallen zu tun«. Er sah mir zuerst in die Augen. Dann auf mein Stirnhorn. Dann auf die Schuhe. Dann ins Gesicht. Dann auf dessen Ausdruck und sagte dann »Oh…« und dann »käj…«. Ich führte ihn hin (zum Kühlschrank) und erklärte ihm, was und wie. Ich hielt meine Arme so, dass er in die Kehlen meiner Ellenbogen – wie Holzscheite – die Milchpackungen legen konnte, nahm aber vorher noch meine EC-Karte zwischen die Zähne. Er lud und lud. Sein Goldkettchen rutschte ihm am Stiernacken auf und ab, und er kam richtig ins Schwitzen.

Ab und zu trat ich ihm leicht mit meinen federnden Schuhspitzen gegens Schienbein, um ihn anzutreiben, rammte ihm ein Knie in die Magengegend, um ihn zu animieren, schneller zu stapeln, verpasste ihm, was ich, befrachtet, wie ich schon war, nicht konnte und deshalb unterließ, »a G’nackwoatsch’n«, damit es voranging. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis wir fertig waren. Als er sich, mit mir zugewandtem Gesicht, rückwärtsgehend, von mir entfernte, kam es mir so vor, als kennten wir uns schon seit Stunden. Ich entließ ihn mit einer Art würdevollem Nicken.

Caro, so hieß die Verkäuferin diesmal, hatte uns bei der Arbeit zugeschaut. Wir mussten das Bild zweier Holz zu holen sich bei einer Berghütteneinkehr erbietender Pfadfinder abgegeben haben. So etwas: männliche Sorge um ein Feuer, Holz holen, Holz hacken, Holz gekonnt in den Flammen positionieren, zieht immer gut bei den wollüstig frösteln- den, die Knie bibbernd aneinander pressenden, antörnend unsexy in schlotternde Wollpullover gekleideten Frauen, die sehnsüchtig in die Glut starren und leise, zu scheu zum Singen, zu angetan, um still zu sein, vor sich hin summen. Ich meinte, als ich mich anstellte, auf Caros sich aufhellendem Gesicht den flackernden Widerschein von Flammen und von fernem Sternenlicht erkennen zu können.

Zwei Longpapers-Käufer kamen noch vor mir dran. Dann griff sich Caro eine der Packungen von meinem wackeligen Berg. Sie ließ es piepsen, zählte durch und gab dann den Algorithmus mal siebzehn ein. Als sie mir die Summe, horrend war sie, nannte, hob ich die Brauen, um mich zu beschweren (wobei mir beinah das Stirnband hochgerutscht wäre!), und reckte dann meinen Hals mit dem Kopf, in dessen Mund die Karte steckte, in ihre Richtung.

Caro nahm mir die Karte mit spitzen Fingern ab, was mir die Möglichkeit, »Danke« zu sagen verschaffte, und steckte sie in den Schlitz des Apparats. »Geheimzahl bitte und zweimal bestätigen«, sagte Caro. Ich zog die  Milch fester an mich und beugte mich vor. Mein Horn sauste auf die kleinen, leise aufpiepsenden Tasten nieder. Ein Bon wurde gedruckt. Ihn und die Karte im Mund, verließ ich die Tankstelle.

Mit meiner weißen Fracht galoppierte ich durch die Nacht.


*Aus: “Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe” by Jan Snela © 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart.

1

Du hast mir den Siegelring von deinem Nazigroßvater mit der Bitte in die Hand gedrückt, ihn ins Meer zu werfen. Oder in irgendein Wasser. Weil du es nicht konntest. Da hab ich gesagt: Das mach ich nicht, ist ja nicht mein Arschlochverwandter, ich hab selber Leichen im Keller, der is voll, da passen deine nicht auch noch mit rein.

Hab den Ring in meine Gruselkiste zur Plastikspinne und anderen Schlimmigkeiten gelegt und ihn für dich aufbewahrt. Da liegt er heute noch. Ist ein zweiter dazugekommen.

2

Obwohl wir Namen haben, sogar ganz normale, also keine ultradoofen wie Babsi und Horst oder so, benutzen wir sie miteinander nicht. Wir haben Kosedinger. Du sagst Krassiwaja. Ich Libero. Libero, weil ich dich frei denke. Und nicht an Fußball und irgendwelche Verteidigungen, wie du immer behauptest. Ich denke dich italienisch, obwohl du halber Rumäne bist. Italienisch und frei, als Partisane im Gebirge oder so was. Wir brechen manchmal auf dem Grat ein Brot und Käse, ohne das Messer zu benutzen, und schmeißen uns vor den Wolken in Deckung. Hinter uns explodiert’s. Die kriegen uns nicht. In tausend Jahren nicht.

Krassiwaja, wegen, keine Ahnung warum. Weil ich den Kopf im Weltraum hab und die Füße nur gerade eben noch am Boden. Mein Blick immer schwerelos.

Ich wollte Kosmonautin werden und kenne mich mit Fallschirmen aus, da meine Flügel irgendwann unterwegs mal abgebrochen sind. Ich muss damals so zwischen elf und zwölf gewesen sein.

3

Als wir beim Wandern, vom Regen durchnässt, mitten im Wald eine Höhle fanden, es wurde bald dunkel, uns war kalt und die nächste Herberge war noch 15 Kilometer weit weg, schlug ich vor, in dieser Höhle zu übernachten. Und du sagtest: Nein, weil du Angst hattest, einen schlafenden Bären darin zu finden. Da wünschte ich mir, du wärst mutiger, wie ein Krieger, ein Cowboy, ein Indianer, der meine eigene Angst mit Pfeilen zerschossen hätte. So musste ich voran und mit dem Bären kämpfen, bis du zwischen Stalagmiten und Stalaktiten auf matschigem Höhlengrund eingeschlafen bist.

4

Wir bombardieren mit Boulekugeln jeden Freitag im Sommer zwischen siebzehn und zwanzig Uhr dreißig den Park.

5

Wenn wir mit unseren Herrenrädern an Sugar, der schönsten Nutte vom Straßenstrich, vorbeikommen, halten wir mit quietschenden Bremsen an, und fragen sie nach ihrem Hühnerauge. Das hat sie bekommen von den roten Plateaus und es quält sie seit Wochen. Sugar ist wunderschön. Sie heißt eigentlich Satwan und war einmal ein Mann. Heute hat sie eine designte Klitoris von einem Starchirurgen aus Bangkok und macht den besten Blowjob der Stadt. Behauptet sie. Wir glauben ihr und wollen keine Beweise.

6

Ziegeunerjunge, sagte dein siegelringloser Großvater und meinte dich damit. Wir häkeln die schönsten Heldengirlanden um das Foto von deinem Vater, über den keiner spricht. Wir denken uns aus, dass er zur See fährt, seitdem er deine Mutter verlassen hat. Und sich nicht, wie sie behauptet, im Wald an einen Baum gehängt hat. Ein Grab, ein Grab, was ist schon ein Grab. Ein Name auf einem Stein, mehr nicht. Wir trinken auf sein Wohl und deine Wurzeln und schmeißen Gläser an Wände, bis dein Mitbewohner brüllt, dass wir Arschlöcher sind. Dreckshure, sagte dein Naziopa zu seiner eigenen Tochter. Da hast du ausgeholt, gezielt, getroffen und am nächsten Tag das Dorf verlassen. Dafür habe ich dir im Nachhinein eine Ehrenurkunde gebastelt und einen Freischwimmer auf dein rotes T-Shirt gestickt.

7

Gleich am ersten Tag hatte ich dir gesagt, du sollst dich nicht in mich verlieben. Und als du’s doch getan hast, hab ich dir eine Ohrfeige verpasst.

8

Wir hatten ausgerechnet, dass es mit deiner Vespa 21,3 Tage dauert bis zum Schwarzen Meer. Wenn wir langsam fahren. Wir haben 43 Tage gebraucht und sind Bauchschläfer geworden. In Ungarn gab es den Streit, und ich wäre fast wieder umgekehrt. Aber dann war Vollmond und Donau, und du kamst mit den Musikern an: Mesečina, Mesečina und da konnte ich nicht mehr und bin dir um den Hals.

9

Mixtape

Seite A (Deine Seite)

Francoise Hardy / »Oh, Oh Cheri« Ernst Busch / »Heimlicher Aufmarsch« Bregović / »Mesečina« und »Edelezi« Jacques Brel / »Ne me quitte pas« Danzig / »Mother«

D. A. D. / »Sleeping my day away«

The The / »Love is stronger than Death«

Deine Zickzack-Choreografie machte mich schwindelig.

Seite B (Meine Seite)

Nouvelle Vague / »This is not a Lovesong« Kim Wilde / »Cambodia«

Dead Kennedys / »Holiday in Cambodia«

Lard / »They’re coming to take me away (haha)« Fugazi / »Waiting Room«

Pixies / »Debaser«

The Notwist / »Moron«

Nouvelle Vague / »Too drunk to Fuck«

10

Wann heiratet ihr endlich?

Fragen die einen.

Warum seid ihr eigentlich kein Paar?

Fragen die anderen.

11

Wir tranken eine Flasche Jameson zu zweit und schimpften auf die Welt. Dann setztest du dich ans Schlagzeug, ich griff mir das Mikrofon und sang mit Perücke und Sonnenbrille erst für dich zu deinem Beat und dann in die Videokamera, bis ich mich mit dem Mikrokabel verhedderte und samt Kamera auf dem Boden landete, wo ich aus dem Lachen nicht mehr herausfand. Als ich am nächsten Morgen die Aufnahmen ansah, bemerkte ich, dass wir uns geküsst hatten, bevor ich eingeschlafen war und bevor du auf Stop gedrückt hattest.

12

Telefonat:

Ring. Ring. Ring. Ring. Ring. Ring.

Du, völlig knatschig:

»Ja?«

Ich:

»Ich bins.«

»Mmm.«

»Liegst du noch im Bett?«

5 Sekunden später du wieder:

»Scheiße. Wie spät?«

»Sag nicht, dass du noch im Bett liegst.«

»Warum nicht?«

»Weil es verdammt noch mal halb vier nachmittags ist. Darum.«

»Fuck. Echt?«

»Ja.«

»Oh. Shit.«

Zigarettenanzündgeräusche von dir.

»Termin verpennt?«

»Jep.«

»Was Wichtiges?«

»Jep.«

»Wann bist du denn heut Nacht eigentlich abgehaun?«

»Weiß nich, irgendwann heut Morgen.«

Du rauchst, ich hör dir zu, dann ich:

»Kann ich mir dein Fahrrad leihen? Meins ist geklaut.«

»Komm vorbei.«

»Wir haben uns geküsst gestern.«

»Jep.«

»War es gut? Ich kann mich nämlich nicht erinnern.«

»Du warst spitze, Baby.«

»Arschloch.«

»Bis gleich.«

13

Mein Geburtstag ist immer im Winter. Jedes Jahr. Das find ich nicht gut. Weil ich mir stets ein großes Fest mit allen Freunden im Park wünsche oder an einem See mit Feuer und draußen schlafen und allem. Letztes Jahr im Sommer hast du bei mir geklingelt, mich zum Baden überredet und mich auf die Vespa geschnallt. Vom Parkplatz bis zum Ufer hattest du mich über deiner Schulter und ich sang ein Kinderlied. Als dann da eine Festtafel am See stand, an der unsere Freunde saßen und alle Happy Birthday für mich sagen, wusste ich, dass du verrückt bist, und bin weggerannt. Was für ein Glück, dass du schneller bist als ich.

14

Wir streiten nur an unserer Streitmaschine, einer alten Olympia, und die Regeln gehen so:

Immer nur eine Person zur selben Zeit an der Tastatur. Es darf nur geschrieben und nicht gesprochen werden. Immer nur ein Satz, dann ist wieder der andere dran.

Die Streitprotokolle werden in Ordnern abgeheftet, die mit Jahreszahlen versehen sind.

15

»Hände hoch!«, rief ich, als ich das Café überfallen habe, in dem du hinterm Tresen gearbeitet hast. Meine Agentenwasserpistole streng auf dich gerichtet. Du sahst deinen Chef an, der längst alle Finger in der Luft hatte, dann hast du gegrinst, das Handtuch hingelegt und langsam, verflucht langsam deine Hände in die Höhe gestreckt. »Das ist eine Entführung!«, sagte ich zu deinem Chef und zwinkerte ihm zu, fing deinen wirren Blick, drückte ab, traf deine Stirn und befahl dir, hinterm Tresen vorzukommen. Draußen verband ich dir die Augen, setzte dir einen Walkman auf und drehte dich vorm Café ein paar Mal im Kreis, damit du die Orientierung verlierst. Ich entführte dich im Zickzack zum Bahnhof und mit dem Zug dann ans Meer, wo wir am Abend ankamen.

16

Weihnachten mit deiner Mutter. Dein Opa war schon unter der Erde und deine Mutter einsam, also luden wir sie ein, mit uns zu feiern. Heiligabend bei dir mit Gans und Rotkohl und Knödeln und Tanne und Wein und Singen. Erster Weihnachtstag bei mir auf der Couch mit Resten vom Vortag, Keksen und Der Pate I– III. Am nächsten Tag hab ich euch gelassen und mich alleine einsam gefühlt.

17

Halb erfroren standen wir auf der Brücke über den S-Bahn-Gleisen. Deine alte Anglerausrüstung in den Händen. Jeder eine Angel. Der Himmel war längst wieder abgekühlt vom großen Geballer, da haben wir Raketen in leere Flaschen gesteckt und unsere Anglersehnen an das hölzerne Ende der Flugkörper befestigt. Commencing countdown, engines on. Synchron hielten wir die Feuerzeuge an die Lunten. Rasch die Angeln in die Hände. Drei. Zwei. Eins. Fauchend sausten die Raketen, von Sehnen gebändigt, mühsam in den Himmel und explodierten über unseren Köpfen. Wir haben Raketen geangelt. Das war letztes Silvester.

18

Die Warum-ich-nicht-mit-Dir-zusammen-sein-kann Top 10:

  1. Du besitzt nur ein einziges Buch
  2. Das Buch trägt den Titel »Excel for Dummies«
  3. Du trinkst immer
  4. Du riechst nach meinem Vater
  5. Du hast keine Ziele
  6. Alle deine Socken haben Löcher
  7. Immer lässt du Verschlüsse offen
  8. Du gehst nicht wählen
  9. Deine Küsse schmecken nach Asche
  10. Du wirst mich verlassen

19

Gestern hat deine Mutter angerufen. Aus dem Krankenhaus. Mit deinem Handy. Ich dachte, du seiest es und habe mich mit Wo bleibst du denn, Idiot? gemeldet, woraufhin deine Mutter anfing zu weinen.

Sie sagte, sie habe einen Brief für mich und dass du im Krankenhaus seist mit ausgepumptem Magen, auf der Intensivstation, und dass dein Mitbewohner dich gefunden habe. Da wusste ich, warum du am Morgen nicht zum verabredeten Treffpunkt gekommen warst und bin hin zu dir.

20

Tausend Schläuche in deinem Körper. Monitore. Piepen. Hydraulisches. Du im Koma. Der diensthabende Chefarzt hat mir gesagt, dass du dich mit Tabletten vergiftet habest. Deine Atmung habe ausgesetzt, dein Gehirn sei mehrere Minuten ohne Sauerstoff gewesen, weshalb du jetzt im Koma liegen, künstlich beatmet und künstlich ernährt werden würdest. Ob du je wieder normal werden würdest, sei die Frage. Die Wahrscheinlichkeit gering. Er gab mir folgende Aufgaben:

Das soll bewirken, so der Chefarzt, dass du dich für das Leben entscheidest und vielleicht zurückkehrst, wenn auch nicht so wie früher, aber es könne durchaus sein, dass du nach intensiver Reha, wenn auch mit geistiger Behinderung und im Rollstuhl, doch noch einige schöne Jahre erleben könntest. Ich habe deine Hand und deinen Arm gestreichelt. An den Stellen, wo ich an die Haut rankam, zwischen den Kanülen und Verbänden. Ich habe dir Erinnerungen aufgetischt, mit ruhigem Tonfall, habe dir vorgesungen, dir ein Märchen erfunden und dich dann etwa eine Stunde lang beschimpft. Den ungelesenen Brief habe ich mit nach Hause genommen.

21

Dein Abschiedsbrief:

Krassiwaja, es tut mir leid. Libero

22

Du feiges Arschloch. Es reicht jetzt.

23

Heute ist Freitag.

Wer bombardiert mit mir heute den Park? Und nächste Woche?

Und danach?

Ich kenne mittlerweile die Namen aller Schwestern.

24

Ich weiß jetzt, was das Puppenkopf-Phänomen ist. Und wo ein Stammhirn liegt. Du bist nicht zurückgekehrt. Deine Mutter wollte ein Grab in der Nähe. Ich hab gesagt: Seebestattung, der gehört ins Meer! und ihr wars dann egal. Dein Herz hat man verpflanzt, weil du so einen Ausweis hattest. Den Gedanken ertrag ich kaum: Dass da jetzt einer rumläuft mit einem Liberoherz.

25

Die Seebestattung war fürn Po. Gemeinsam hätten wir uns schlapp gelacht über deine kotzende Mutter und den leiernden Pastor an Bord. Aber ich stand alleine da und dachte, wie banal alles ist. Mir war elend, weil ich meinte, irgendetwas Feierliches müsste geschehen. Plumps machte die Urne und mein Mund wurde schief.

Fühle mich amputiert. Könntest du nicht sein wie Jesus und bald wieder auferstehen? An einem Freitag, ja, ich fänd das nur anständig.

26

Zeit ist ein Kaugummi, aus dem der Geschmack entwichen ist.

27

Ich habe alles verkauft, auch das Schlagzeug, verzeih. Deine Vespa läuft tadellos, die nehme ich mit. Deine Handschuhe liegen noch immer unterm Sitz. Morgen kommt der Umzugs- wagen. Alle fragen: Warum Flensburg? Ich zucke mit den Schultern und schweige.

28

Sie heißt Simone Michalski. Es war nicht einfach, das rauszufinden.

Meine Wohnung ist im selben Viertel. Sie geht regelmäßig in einem Bioladen einkaufen. Schnall dich an: Ab nächsten Ersten fang ich da an, als Verkäuferin. Halbtags.

29

Ich gehe jeden Tag am Meer spazieren. Man kann Dänemark sehen. Manchmal fahre ich mit der Vespa rüber, kaufe salzige Lakritze und esse einen Hot Dog mit einer pinkfarbenen Wurst innen drin. Du würdest Røde Pølser lieben. An deinem Todestag habe ich nachts ein Licht aufs Wasser gesetzt und das Meer angebrüllt.

30

Ich sehe sie an und suche nach einer Spur. Einem Funken. Das Schlimme ist: Du würdest Simone nicht mögen, da bin ich mir sicher. Seit ein paar Monaten treffen wir uns einmal die Woche. Sie ist eine miserable Boulespielerin. Schach kann sie auch nicht. Sie macht seit neuestem Nordic Walking mit Stöcken und allem. Ein Wunder eigentlich, dass es zu keiner Abstoßreaktion kam.

31

Ich sitze an der Streitmaschine und breche alle Regeln.


*Copyright © Carl Hanser Verlag München 2014.

25 April 1982, Downing Street: Verkündung der Rückeroberung des zu den Falklandinseln gehörenden South Georgia.

Mrs Thatcher: Der Verteidigungsminister ist gerade gekommen, um mir eine sehr gute Nachricht zu überbringen …

Verteidigungsminister: … die Nachricht, die wir erhalten haben, ist, dass britische Truppen heute Nachmittag kurz nach 16:00 Uhr Londoner Zeit auf South Georgia gelandet sind … Der Kommandant der Operation schickt folgende Nachricht: »Sind erfreut, Ihrer 

Majestät mitteilen zu können, dass unsere Seekriegsflagge neben dem 

Union Jack auf South Georgia flattert. Gott schütze die Königin.«

Mrs Thatcher: Freuen Sie sich über die Neuigkeiten und gratulieren Sie unseren Streitkräften und den Marine-Infanteristen. Gute Nacht.

Mrs Thatcher wendet sich der Tür von Downing Street Nummer 10 zu.

Reporter: Treten wir in einen Krieg mit Argentinien ein, Mrs Thatcher?

Mrs Thatcher (ihre Türschwelle übertretend): Freuen Sie sich.

Die Ermordung Margaret Thatchers: 6. August 1983

Stellen Sie sich zuerst die Straße vor, in der sie ihren letzten Atemzug nahm. Es ist eine ruhige Straße, beschaulich, von alten Bäumen beschattet: eine Straße mit hohen Häusern, die Fassaden wie mit weißem Zuckerguss bestrichen, das Mauerwerk honigfarben. Einige sind georgianisch flach, einige viktorianisch, mit schimmernden Erkern. Die Häuser sind zu groß für moderne Haushalte, und die meisten wurden in Wohnungen unterteilt. Aber das zerstört weder die Eleganz ihrer Proportionen, noch beeinträchtigt es den tiefen Glanz der mit Messing beschlagenen dunkelblauen oder waldgrünen Kassettentüren. Der einzige Nachteil des Viertels ist, dass es mehr Autos als Stellplätze am Straßenrand gibt. Die Anwohner parken Stoßstange an Stoßstange und legen ihre Parkausweise hinter die Scheiben. Wer eine Einfahrt hat, wird oft darin eingeparkt. Aber die Leute sind geduldig. Sie sind stolz auf ihre hübsche Straße und bereit, dafür zu leiden, dass sie hier wohnen. Wer den Blick hebt, sieht ein zerbrechliches georgianisches Oberlicht, einen warmen Bogen Terrakotta-Fliesen oder funkelndes Buntglas. Im Frühling kleiden sich die Kirschbäume in extravagante Blütenrüschen, und wenn der Wind die Blätter abstreift, treiben sie in rosa Wolken durch die Luft und bedecken die Bürgersteige, als hätten Riesen in der Straße Hochzeit gefeiert. Im Sommer weht Musik aus offenen Fenstern: Vivaldi, Mozart, Bach.

Die Straße selbst beschreibt eine sanfte Kurve und vereinigt sich mit der Hauptstraße, die aus der Stadt hinausführt. Die Dreifaltigkeitskirche auf ihrer Insel ist mit Garnisonsflaggen behängt. Aus einem hochgelegenen Fenster über die Stadt sehend (wie ich es am Tag der Ermordung getan habe), spürt man die Nähe von Festung und Burg. Werfen Sie einen Blick nach links, und der runde Turm tritt in den Blick und drückt förmlich gegen die Scheiben. An Tagen mit Nieselregen und treibenden Wolken zieht der Bergfried sich jedoch zurück, der zur Hälfte ausradierten Zeichnung eines Amateurkünstlers gleich. Seine Konturen weichen auf, die Ecken verbleichen, und er versinkt in der vom Fluss aufsteigenden rauen Kälte und scheint eher ein verschleierter Berg als eine Königsburg zu sein.

Die Häuser rechts vom Trinity Place – ich meine, rechts, wenn man aus der Stadt hinaussieht – haben große Gärten, die sich heute jeweils drei oder vier Parteien teilen. In den frühen 1980ern hatte sich England noch nicht dem Brandgeruch ergeben. Der wochenendliche Grillgestank war noch unbekannt, von den am Fluss gelegenen Gin-Palästen Maidenheads und Brays einmal abgesehen. Unsere Gärten, so makellos sie gepflegt waren, wurden kaum betreten. Es gab keine Kinder in der Straße, nur junge Paare, die sich noch nicht fortgepflanzt hatten, sowie ältere Paare, die höchstens einmal die Türen öffneten, um eine abendliche Party auf die Terrasse auszudehnen. An warmen Nachmittagen dörrten die Rasenflächen unbeaufsichtigt vor sich hin, und Katzen rollten sich auf der krümeligen Erde steinerner Pflanzvasen. Im Herbst kompostierte sich das herabfallende Laub selbstständig in den tiefer liegenden Patios der Souterrainwohnungen und wurden von ihren enervierten Eignern weggeschaufelt. Der Winterregen durchnässte die Büsche, ohne dass es jemand gesehen hätte.

Im Sommer 1983 aber fand sich diese vornehme, von Einkaufenden und Touristen missachtete Ecke im Brennpunkt des nationalen Interesses wieder. An die Gärten von Nummer 20 und 21 grenzte das Grundstück eines privaten Krankenhauses, eines anmutigen, hellen, an einer Straßenecke liegenden Gebäudes. Drei Tage vor ihrer Ermordung begab sich die Premierministerin für eine kleine Augenoperation in dieses Krankenhaus, worauf sofort alles kopfstand. Fremde schubsten die Anwohner herum. Zeitungsleute und Fernsehteams blockierten die Straße und parkten ohne Erlaubnis in Einfahrten. Man sah sie den Spinner’s Walk hinauf- und hinunterlaufen und Kabel und Lampen hinter sich herziehen, immer einen Blick auf das zur Clarence Road hinausgehende Eingangstor des Krankenhauses gerichtet, die Hälse mit Kameras behängt. Alle paar Minuten verschmolzen sie zu einer Masse wogender Kampfjacken, als wollten sie sich gegenseitig versichern, dass nichts geschah – aber dass etwas geschehen würde, irgendwann. Sie warteten, und während sie warteten, schlürften sie Orangensaft aus Kartons und Bier aus Flaschen, sie aßen, krümelten sich auf die Bäuche und warfen verschmierte Papiertüten auf die Beete. Der Bäcker am Ende der St Leonard’s Road hatte um zehn Uhr vormittags bereits keine Käsebrötchen mehr, alles andere war mittags verkauft. Leute aus Windsor standen auf dem Trinity Place zusammen, Einkaufstüten drängten sich auf niedrigen Mauern. Wir spekulierten darüber, wie wir zu dieser Ehre kamen und wann sie wohl wieder verschwinden würde.

Windsor ist nicht das, was Sie denken. Es hat seine Intelligenzija. Wenn man sich von der Burg zum Ende der Peascod Street hinunterschlängelt, stößt man nicht mehr nur auf royalistische Speichellecker, und wer über die Abzweigung zur Leonard’s Road wechselt, kann womöglich sogar heimliche Republikaner riechen. Für die örtlichen Sozialisten war das bei den Wahlen jedoch nur ein schwacher Trost, und die Leute murrten, Stimmen für sie seien verschenkte Stimmen. Sie mussten die Stärke ihrer Gefühle durch taktisches Wählen ausdrücken und ihre Einstellung bei extravaganten Veranstaltungen im Arts Centre unter Beweis stellen. Das war erst kürzlich in der alten Feuerwache eingerichtet worden und ein Ort, an dem Dichter im Selbstverlag eine Bühne fanden und saurer weißer Wein aus Kartons ausgeschenkt wurde. Samstagmorgens gab es Selbstbehauptungs-, Yoga- und Bilderrahmkurse.

Aber als Mrs Thatcher zu Besuch kam, gingen die Dissidenten auf die Straße. Sie bildeten Knoten, inspizierten das Pressecorps und wandten dem Krankenhaustor demonstrativ den Rücken zu, wo eine Reihe wertvoller Parkbuchten markiert und mit Schildern versehen waren: DOCTORS ONLY.

Eine Frau sagte: »Ich habe einen Doktortitel und bin oft versucht, dort zu parken.« Es war früh, und ihr Brot war noch warm vom Bäcker. Sie drückte es wie ein Haustier an ihre Brust und sagte: »Hier fliegen einige heftige Meinungen durch die Gegend.«

»Meine ist in Dolch«, erwiderte ich, »und der fliegt geradewegs in ihr Herz.«

»Das«, sagte sie bewundernd, »ist die stärkste Gefühlsäußerung, die ich bisher gehört habe.«

»Ich muss zurück in meine Wohnung«, sagte ich. »Ich warte auf den Handwerker, mein Boiler ist kaputt.«

»Das ist Pech«, sagte sie. »Wen haben Sie? Duggan? Wir haben Duggan. Er erpresst uns alle, aber was soll man machen? Hören Sie, soll ich Ihnen meine Nummer geben?« Sie schrieb sie mir auf den nackten Arm, da wir beide kein Papier dabeihatten. »Rufen Sie mich an. Gehen Sie manchmal ins Arts Centre? Da könnten wir uns auf ein Glas Wein treffen.«

Ich stellte gerade meine Flasche Perrier in den Kühlschrank, als es an der Tür klingelte. Ich dachte, wir wissen es noch nicht, aber wir werden einmal gern an die Zeit zurückdenken, als Mrs Thatcher hier war: Neue Freundschaften bildeten sich auf der Straße, mit Geplauder über Installateure und unsere Erfahrungen mit ihnen. In der Wechselsprechanlage knisterte es wie gewöhnlich, als hätte jemand das Kabel in Brand gesetzt. »Kommen Sie herauf, Mr Duggan«, sagte ich. Es konnte nicht schaden, ihn respektvoll zu behandeln.

Ich wohnte im dritten Stock, die Treppe war steil und Duggan schwergewichtig. Deshalb war ich überrascht, wie schnell er an die Tür klopfte. »Hallo«, sagte ich. »Haben Sie einen Parkplatz für ihren Transporter gefunden?« Auf dem Treppenabsatz stand ein Mann in einer billigen Steppjacke. Mein unschuldiger Gedanke war, das ist Duggans Sohn. »Wegen des Boilers?«, fragte ich.

»Genau«, sagte er.

Er wuchtete sich in die Wohnung, die Installateurstasche in der Hand. In der schuhschachtelgroßen Diele standen wir Nase an Nase. Seine Jacke, mehr als angemessen für den englischen Sommer, füllte den Raum zwischen uns aus. Ich drückte mich nach hinten.

»Was ist denn damit?«, sagte er.

»Er ächzt und knallt. Ich weiß, es ist August, aber …«

»Nein, Sie haben recht, Sie haben ja recht. Dem Wetter ist nicht

zu trauen. Werden die Heizkörper warm?«

»Stellenweise.«

»Sie haben Luft im System«, sagte er. »Ich lasse sie raus, während ich warte. Warum auch nicht. Wenn Sie einen Schlüssel haben.«

Jetzt kam mir ein Verdacht. Während ich warte, hatte er gesagt. Worauf? »Sind Sie Fotograf?«

Er antwortete nicht, befühlte und durchsuchte nur seine Taschen und runzelte die Stirn.

»Ich dachte, Sie sind der Installateur. Sie sollten hier nicht einfach so hereinmarschieren.«

»Sie haben mir aufgemacht.«

»Nicht Ihnen. Im Übrigen weiß ich nicht, warum Sie sich die Mühe machen. Sie können das Eingangstor von dieser Seite aus nicht sehen.  Sie müssen hier raus«, sagte ich eindringlich, »und dann links.«

»Es heißt, sie kommt hinten heraus. Da ist es doch der ideale Platz, um sie zu erwischen.«

Aus meinem Schlafzimmer hatte man einen perfekten Blick auf

den Krankenhausgarten. Jeder, der seitlich ums Haus ging, konnte das sehen.

»Für wen arbeiten Sie?«, sagte ich.

»Das müssen Sie nicht wissen.«

»Vielleicht nicht, aber Sie könnten es mir aus Freundlichkeit sagen.«

Ich wich in die Küche zurück, und er folgte mir. Der Raum war sonnenhell, und ich sah ihn jetzt besser: Er war untersetzt, in seinen Dreißigern, ungepflegt, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und widerspenstiges Haar. Er stellte seine Tasche auf den Tisch und zog die Jacke aus. Plötzlich war er nur noch halb so massig. »Sagen wir, ich bin Freiberufler.«

»Trotzdem«, sagte ich. »Ich sollte etwas dafür bekommen, dass Sie meine Wohnung benutzen. Das wäre nur fair.«

»Das können Sie nicht beziffern«, sagte er.

Seinem Akzent nach zu urteilen, kam er aus Liverpool. Er hörte sich völlig anders an als Duggan oder Duggans Sohn, hatte aber erst etwas gesagt, als er oben vor der Tür stand. Wie hätte ich es also merken sollen? Er hätte der Installateur sein können, sagte ich mir. Ich hatte mich nicht wie eine komplette Idiotin hereinlegen lassen. Einen Moment lang ging es mir nur um meine Selbstachtung. Frage nach einem Ausweis, bevor du einen Fremden hereinlässt, raten einem die Leute. Aber stellen Sie sich den Krawall vor, den Duggan gemacht hätte, hätte ich seinen Jungen auf der Treppe warten lassen, ihn daran gehindert, zum nächsten Boiler auf seiner Liste zu kommen, und damit seine Chancen zum Beutemachen geschmälert.

Aus dem Küchenfenster sah man auf den Trinity Place hinunter, auf dem es von Leuten nur so wimmelte. Wenn ich den Hals reckte, konnte ich links weitere Polizisten ausmachen, die aus Richtung des Privatparks am Clarence Crescent kamen. »Möchten Sie eine?« Mein Besucher hatte seine Zigaretten gefunden.

»Nein. Und es wäre mir lieber, wenn Sie auch nicht rauchten.«

»Verstehe.« Er stopfte die Schachtel zurück in die Tasche und zog ein zusammengeknülltes Taschentuch heraus, trat etwas vom großen Fenster zurück und wischte sich das Gesicht ab, das so grau und zerknittert wie sein Taschentuch war. Dieser Mann war es eindeutig nicht gewohnt, in fremde Wohnungen einzudringen, und ich ärgerte mich mehr über mich als über ihn. Er musste seinen Lebensunterhalt verdienen, und vielleicht konnte man es ihm nicht vorwerfen, in eine fremde Wohnung einzudringen, wenn ihm eine Närrin wie ich die Tür aufhielt. Ich sagte: »Wie lange gedenken Sie zu bleiben?«

»Sie wird in einer Stunde erwartet.«

»Verstehe.« Das erklärte das größer werdende Gedränge und den Tumult unten auf der Straße. »Woher wissen Sie das?«

»Wir haben ein Mädchen drinnen. Eine Schwester.«

Ich gab ihm zwei Stücke Küchenpapier. »Danke.« Er trocknete sich die Stirn. »Sie kommt heraus, und die Ärzte und Schwestern stellen sich in einer Reihe auf, damit sie ihnen ihre Anerkennung zollen kann. Sie wird an ihnen entlanggehen, Danke und Auf Wiedersehen sagen, um die Ecke tappen, in eine Limousine steigen, und schon ist sie weg. So ist es geplant. Eine genaue Zeit habe ich nicht. Deswegen dachte ich, wenn ich frühzeitig hier bin, könnte ich alles aufbauen und mir den besten Platz aussuchen.«

»Wie viel bekommen Sie dafür?«

»Lebenslänglich ohne Bewährung«, sagte er.

Ich lachte. »Es ist kein Verbrechen.«

»Das finde ich auch.«

»Ist es nicht etwas weit?«, sagte ich. »Ich meine, ich weiß, Sie haben besondere Objektive und sind der Einzige hier oben, aber wollen Sie keine Nahaufnahme?«

»Nein«, sagte er. »Solange ich unverstellte Sicht habe, ist das mit der Entfernung ein Kinderspiel.«

Er zerknüllte das Küchenpapier und sah sich nach einem Abfalleimer um. Ich nahm ihm das Papier ab, und er grunzte und machte sich daran, seine Tasche aufzuschnüren. Sie war aus Stoff und hätte, wie ich dachte, auch für Handwerker oder Vertreter getaugt. Und dann holte er nacheinander verschiedene Metallteile heraus, die ganz sicher nicht zu einer Kameraausrüstung gehörten, was selbst ich in meiner Ignoranz erkannte. Er begann sie zusammenzubauen und hatte ganz offenbar handwerkliches Geschick. Er sang bei der Arbeit, kaum hörbar, ein kleines Lied, wie sie es im Fußballstadion singen:

»Du dri-dra-dreckiger Liverpooler

Bist nur glücklich, wenn’s Stütze gibt,

 Dein Vater klaut, deine Mutter dealt,

Lass wenigstens unsere Radkappen dran.«

»Drei Millionen Arbeitslose«, sagte er. »Die meisten davon in unserer Gegend. Hier ist das sicher kein Problem.«

»O nein. Hier gibt’s genug Geschenkartikelläden, um allen einen Job zu geben. Waren Sie drüben in der High Street?«

Ich dachte an die Touristentrauben, die sich gegenseitig von den Bürgersteigen drängten und um Andenkenblech und aufziehbare Beefeater kämpften. Es könnte ein anderes Land sein. Von der Straße unten drangen keine Stimmen herauf. Unser Mann summte selbstvergessen vor sich hin, und ich fragte mich, ob sein Lied noch eine zweite Strophe hatte. Jedes Teil aus seiner Tasche wischte er mit einem Tuch ab, das sauberer als sein Taschentuch war, und behandelte es mit großer Andacht, wie ein Messdiener, der die Kelche fürs Hochamt poliert.

Als das Instrument zusammengesetzt war, hielt er es prüfend vor sich hin. »Ein Klappschaft«, sagte er. »Das ist das Tolle daran. Passt in eine Cornflakes-Schachtel. Sie nennen es einen Witwenmacher. Allerdings nicht in diesem Fall. Der arme, verdammte Dennis, was?  Er wird sich seine Eier von jetzt an selbst kochen müssen.«

Im Nachhinein betrachtet, fühlt es sich an, als hätten wir Stunden im Schlafzimmer zusammengesessen, er auf einem Klappstuhl am Schiebefenster, seinen Becher Tee in beiden Händen, den Witwenmacher zu seinen Füßen. Ich selbst saß auf dem Rand des Betts,

über das ich schnell die Decke gezogen hatte, damit es einigermaßen ordentlich aussah.

Er hatte seine Jacke aus der Küche mitgebracht, vielleicht waren die Taschen voller Attentäter-Requisiten. Als er sie aufs Bett warf, rutschte sie gleich wieder hinunter. Ich versuchte sie festzuhalten, und meine Hand wischte über das Nylon, das sich wie ein Reptil anfühlte. Die Jacke schien ein eigenes Leben zu haben. Ich zog sie aufs Bett neben mich und hielt den Kragen fest, was er mit einem anerkennenden Blick bedachte.

Er sah immer wieder auf die Uhr, obwohl er doch sagte, dass er keine genaue Zeit habe. Einmal rieb er mit dem Handteller darüber, als wäre das Glas vernebelt. Aus dem Augenwinkel versicherte er sich, dass ich noch war, wo ich sein sollte, und behielt auch meine Hände im Blick: wo er sie, wie er mir erklärte, gerne habe. Dann richtete er den Blick wieder auf den Rasen unten und die hinteren Zäune. Wie um seinem Ziel näher zu kommen, wippte er mit dem Stuhl nach vorn.

Ich sagte: »Es ist die falsche Weiblichkeit, die ich nicht ertrage, und die aufgesetzte Stimme. Die Art, wie sie mit ihrem Dad, dem Lebensmittelhändler, und dem, was er ihr alles beigebracht hat, angibt, wobei doch klar ist, dass sie es jetzt noch ändern würde, wenn sie könnte, und lieber das Kind reicher Eltern wäre. Es ist die Art, wie sie die Reichen vergöttert und ihnen huldigt. Ihr Philistertum und ihre Ignoranz und wie sie sich darin suhlt. Es ist ihr fehlendes Mitleid. Warum braucht sie eine Augenoperation? Weil sie nicht weinen kann?«

Als das Telefon klingelte, zuckten wir beide zusammen. Ich verstummte mitten im Satz.

»Gehen Sie ran«, sagte er. »Es wird für mich sein.«

Es war schwer für mich, mir das Netzwerk und all die Vorkehrungen vorzustellen, die hinter den Plänen für diesen Tag steckten. »Moment«, sagte ich, als ich ihn fragte, ob er Tee oder Kaffee wolle, und den Kessel einschaltete. »Sie wissen, dass ich den Installateur erwarte? Ich bin sicher, er kommt jeden Moment.«

»Duggan?«, sagte er. »Nein, nein.«

»Sie kennen Duggan?«

»Ich weiß, dass er nicht kommen wird.«

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Oh, Himmel noch mal.« Er schnaubte. »Warum sollten wir ihm was tun? Das ist nicht nötig. Er hat Bescheid bekommen. Wir haben überall Kumpel.«

Kumpel. Ein angenehmes Wort. Fast schon archaisch. Lieber Gott, dachte ich, Duggan ist ein IRA-Mann. Nicht, dass mein Besucher es ausgesprochen hätte, aber ich sagte es laut in meinem Kopf. Das Wort, die drei Buchstaben, schockierte oder bestürzte mich nicht so, wie es vielleicht bei Ihnen der Fall gewesen wäre. Das sagte ich ihm, während ich die Milch aus dem Kühlschrank holte und darauf wartete, dass das Wasser kochte. Ich sagte, ich würde Sie aufhalten, wenn ich könnte, aber es wäre allein aus Angst um mich selbst und davor, was mit mir geschehen wird, wenn Sie es getan haben. Was übrigens was sein wird? Ich bin kein Freund dieser Frau, allerdings glaube ich nicht (fühlte ich mich gezwungen hinzuzufügen), dass Gewalt irgendetwas löst. Aber ich würde Sie nicht verraten, weil …

»Ja, ja«, sagte er. »Alle haben sie eine irische Oma. Das garantiert gar nichts. Ich bin wegen Ihrer Aussicht hier, und mir ist egal, wem gegenüber Sie eine Affinität haben. Bleiben Sie vom Fenster vorn weg und fassen Sie das Telefon nicht an, oder ich schlage Sie tot. Mich interessieren die Lieder nicht, die ihre verdammten Großonkel samstagabends gesungen haben.«

Ich nickte.  Es waren nur meine eigenen Gedanken gewesen.

Rührseligkeit ohne Substanz.

»Der Bänkelsänger zieht in den Krieg,

In den Reihen des Todes wirst du ihn finden.

Das Schwert des Vaters hat er umgebunden

Und die wilde Harfe auf dem Rücken.«

Meine Großonkel (er hatte recht, was sie betraf) hätten keine wilde Harfe erkannt, selbst wenn eine auf sie losgegangen wäre und sie in den Hintern gebissen hätte. Ihr Patriotismus war nur eine Ausrede dafür, sich den Blick schief zu trinken, so ähnlich nannten sie

es, während ihre Frauen Tee schlürften, Ingwerplätzchen aßen und anschließend hinten in der Küche den Rosenkranz beteten. Die ganze Sache war eine Ausrede. Dafür, dass wir unterdrückt werden. Dass wir hier sitzen und unterdrückt werden, während andere Leute auf ihre unchristliche Weise etwas aus sich machen und sich dreiteilige Anzüge kaufen. Während wir hier sitzen und »La-la-la auld Ireland« singen (weil wir nach all der Zeit den Text vergessen haben), schlichten unsere Nachbarn ihren Streit, lassen ihre Herkunft hinter sich und greifen zu modernen, nicht sektiererischen Formen der Stigmatisierung, die sich in modernen Liedern niederschlagen: »Du dri-dra-dreckiger Liverpooler«. Ich persönlich bin keine Liverpoolerin, aber den Norden scheren im Süden alle über einen Kamm. Und in Berkshire und in der Gegend um London sind alle Gründe, alle Ideen, für die ein Mensch sterben wollen könnte, nichts als Ärgernisse, Verstöße gegen den Frieden, und wahrscheinlich verursachen sie auch noch Verkehrsstaus und Zugverspätungen.

»Sie scheinen ja gut über mich Bescheid zu wissen«, sagte ich und klang verärgert.

»So weit es nötig ist. Ich meine, nicht dass Sie was Besonderes wären. Sie können helfen, wenn Sie wollen, und wenn Sie es nicht wollen, verhalten wir uns entsprechend.«

Er redete, als hätte er Komplizen. Aber er war allein. Ein Mann. Wenn auch ein massiger, selbst ohne Jacke. Nehmen wir an, ich wäre ein überzeugter Tory gewesen oder eine der frommen Seelen, die keiner Fliege was zuleide tun können: Ich hätte dennoch nichts Heikles probiert. Er hielt mich offenbar für fügsam, oder vielleicht traute er mir sogar ein wenig, seinem Spott zum Trotz. Auf jeden Fall ließ er zu, dass ich ihm mit meinem Becher Tee ins Schlafzimmer folgte. Seinen eigenen Tee hielt er in der linken, sein Gewehr in der rechten Hand. Das Klebeband und die Handschellen blieben auf dem Küchentisch zurück, wo er sie beim Auspacken seiner Tasche hingelegt hatte. Und jetzt ließ er mich an das Telefon auf meinem Nachttisch gehen und ihm den Hörer geben. Ich hörte die Stimme einer Frau, jung, zaghaft und weit weg. Man hätte nicht gedacht, dass sie im Krankenhaus gleich nebenan war. »Brendan?«, sagte sie, und ich nahm nicht an, dass das sein richtiger Name war.

Er legte den Hörer so heftig auf, dass es schepperte. »Es gibt eine verdammte Verzögerung. Sie denkt, so um die zwanzig Minuten. Oder dreißig, es könnten sogar dreißig sein.« Er ließ die Luft aus der Lunge fahren, als hätte er, seit er die Treppe heraufgestampft war, den Atem angehalten. »Verdammt, verdammt. Wo ist das Klo?«

Man kann jemanden überraschen, indem man »Affinität« sagt, dachte ich, und dann »Wo ist das Klo?« folgen lassen. Nicht gerade der gute Windsor-Ton. Eine wirkliche Frage war es auch nicht. Die Wohnung war zu klein, als dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte. Er nahm seine Waffe mit. Ich hörte, wie er urinierte. Den Wasserhahn aufdrehte. Ich hörte es plätschern, hörte ihn herauskommen und den Reißverschluss hochziehen. Sein Gesicht war gerötet, wo er es abgetrocknet hatte. Er ließ sich auf den Klappstuhl fallen, dessen zerbrechliches Rohrgeflecht ein Jammern hören ließ. Er sagte: »Sie haben eine Nummer auf Ihrem Arm stehen.«

»Ja.«

»Von wem ist sie?«

»Von einer Frau.« Ich tupfte mit dem Zeigefinger auf die Zunge und fuhr damit über die Zahlen.

»So kriegen Sie das nicht weg. Dazu brauchen Sie Seife und müssen gut rubbeln.«

»Wie nett, dass Sie so Anteil nehmen.«

»Haben Sie sie aufgeschrieben? Die Nummer?«

»Nein.«

»Sie wollen sie nicht?«

Nur, wenn ich eine Zukunft habe, dachte ich und überlegte, wann es angemessen wäre zu fragen.

»Schütten Sie uns noch einen Tee auf, und diesmal mit etwas Zucker.«

»Oh«, sagte ich. Es machte mich verlegen, eine schlechte Gastgeberin gewesen zu sein. »Ich wusste nicht, dass Sie Zucker nehmen. Es kann sein, dass ich gar keinen weißen habe.«

»Die Bourgeoisie, wie?«

Ich war wütend. »Und Sie sind sich nicht zu schade, aus meinem bourgeoisen Schiebefenster zu schießen, oder?«

Er ruckte vor und griff nach dem Gewehr. Nicht, um mich zu erschießen, obwohl mein Herz kurz aussetzte. Er starrte hinunter in den Garten, und sein Körper spannte sich an, als wollte er die Scheibe mit dem Kopf einschlagen. Er ließ ein leises, unbefriedigtes Grunzen hören und setzte sich wieder hin. »Da war eine verdammte Katze auf dem Zaun.«

»Ich habe Demerara«, sagte ich, »und wahrscheinlich schmeckt der genauso, wenn er hineingerührt ist.«

»Sie kommen doch nicht auf den Gedanken, aus dem Küchenfenster zu rufen?«, sagte er. »Oder die Treppe hinunterzurennen?«

»Was? Nach allem, was ich gesagt habe?«

»Sie denken, Sie sind auf meiner Seite?« Er schwitzte wieder. »Sie kennen meine Seite nicht. Glauben Sie mir, Sie haben keine Ahnung.«

Mir kam der Gedanke, dass er kein Provisorischer war, sondern einer der verrückten Splittergruppen angehörte, von denen man lesen konnte. Allerdings war ich kaum in der Situation, Haarspaltereien zu betreiben. Das Endergebnis würde dasselbe sein. Aber ich sagte: »Bourgeoisie, was für ein Polytechnikumsausdruck ist das denn?«

Ich beleidigte ihn, und ich tat es bewusst. Den Jüngeren sollte ich erklären, dass die Polytechnika-Institute höherer Bildung für all die waren, die es nicht in eine Universität geschafft hatten: für die, die aufgeweckt genug waren, von »Affinität« zu sprechen, aber immer noch billige Nylonjacken trugen.

Er runzelte die Stirn. »Schütten Sie den Tee auf.«

»Ich denke, Sie sollten sich nicht über meine Großonkel lustig machen, weil sie, wie Sie denken, nur vorgetäuschte Iren sind, wenn Sie selbst mit Ausdrücken um sich werfen, die Sie in Müllcontainern gefunden haben.«

»Es war eine Art Witz«, sagte er.

»Oh. War es das?« Ich war verblüfft. »Dann sieht es wohl so aus, als hätte ich auch nicht mehr Sinn für Humor als sie.« Ich deutete mit dem Kopf zum Rasen draußen, auf dem in Kürze die Premierministerin sterben sollte.

»Ich werfe ihr nicht vor, dass sie nicht lacht«, sagte er. »Das nicht.«

»Das sollten Sie aber. Deshalb kann sie nicht sehen, wie lächerlich sie ist.«

»Lächerlich würde ich sie nicht nennen.« Er blieb stur. »Grausam, durchtrieben, aber nicht lächerlich. Was gibt es da zu lachen?«

»Menschen lachen«, sagte ich.

Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Jesus hat geweint.«

Er grinste. Ich sah, wie er sich entspannte, da er wusste, dass er wegen der verdammten Verzögerung jetzt noch nicht morden musste. »Wobei«, sagte ich, »sie wahrscheinlich lachen würde, wenn sie uns hier so sähe. Auslachen würde sie uns. Voller Verachtung. Sehen Sie nur Ihren Anorak an. Sie verachtet ihn. Und mein Haar. Sie verachtet mein Haar.«

Er hob den Blick. Er hatte mich bis dahin nicht richtig angesehen. Ich war nur die Teeköchin. »So wie es herunterhängt«, erklärte ich. »Statt in Wellen gelegt zu sein. Ich sollte es waschen und mir eine Dauerwelle machen lassen. Auf abgestufte Rollen sollte ich es wickeln – sie weiß, wie man solches Haar behandelt. Und ich mag auch nicht, wie sie geht. Wie sie ›tappt‹, haben Sie gesagt. Sie wird ›um die Ecke tappen‹. Das haben Sie richtig beobachtet.«

»Was denken Sie, worum es hier geht?«, fragte er.

»Um Irland.«

Er nickte. »Und ich will, dass Sie das verstehen. Ich erschieße sie nicht, weil sie keine Opern mag. Oder weil Ihnen ihre – wie in Dreiteufelsnamen nennen Sie es? – ihre Accessoires nicht gefallen. Es hat nichts mit ihrer Handtasche zu tun. Nichts mit ihrer Frisur. Es geht um Irland. Nur um Irland, okay?«

»Oh, ich weiß nicht«, sagte ich, »Sie haben selbst etwas von einem falschen Iren, denke ich. Sie sind dem alten Land nicht näher als ich. Ihre Großonkel kannten den Text auch nicht. Deswegen wollen Sie vielleicht zusätzliche Gründe. Beigaben.«

»Ich bin traditionell erzogen«, sagte er. »Und das hier ist das Ergebnis.« Er sah sich um, als könnte er es nicht glauben: Die entscheidende Tat seines engagierten Lebens lag nur zehn Minuten entfernt, und er lehnte mit dem Rücken an einem weiß furnierten Pressspanschrank, über sich eine plissierte Papierjalousie. Auf dem ungemachten Bett saß eine fremde Frau, und dem letzten Tee, den er in der Hand hielt, fehlte der Zucker. »Ich denke an die Jungs im Hungerstreik«, sagte er, »der Erste von ihnen starb, fast auf den Tag zwei Jahre nachdem sie das erste Mal gewählt worden war. Wussten Sie das? Bobby brauchte sechsundsechzig Tage, um zu sterben, und kurz darauf folgten neun weitere Jungs. Es heißt, nach fünfundvierzig Tagen wird es besser. Da hörst du auf, Galle zu spucken, und kannst wieder trinken. Aber das ist deine letzte Chance, denn schon fünf Tage später kannst du kaum noch sehen oder hören. Dein Körper verdaut sich selbst. Voller Verzweiflung frisst er sich selbst auf. Und Sie fragen sich, ob sie nicht lachen kann? Ich wüsste nicht, was es zu lachen gäbe.«

»Was soll ich dazu sagen?«, erwiderte ich. »Ich stimme allem zu, was Sie sagen. Gehen Sie und kochen Sie den Tee, ich bleibe hier und passe auf das Gewehr auf.«

Er schien es einen Moment lang in Betracht zu ziehen.

»Sie würden sie verfehlen. Sie sind nicht trainiert.«

»Wie haben Sie trainiert?«

»Mit Zielscheiben.«

»Bei einer lebendigen Person ist es etwas anderes. Sie könnten die Schwestern treffen. Die Ärzte.«

»Vielleicht, ja.«

Ich hörte seinen festsitzenden Raucherhusten. »Oh, richtig, der Tee«, sagte ich. »Aber wissen Sie noch etwas? Die Jungs mögen am Ende ja blind gewesen sein, aber sie haben die Sache offenen Auges angefangen. Sie können einer Regierung wie dieser kein Mitleid abzwingen. Warum sollte sie verhandeln? Wie können Sie das erwarten? Was zählen für diese Leute schon ein Dutzend Iren? Was zählen hundert? Die wollen die Todesstrafe. Sie geben sich modern, aber lass sie frei schalten und walten, und sie stechen ihren Feinden öffentlich die Augen aus.«

»Ist vielleicht gar nicht so schlecht«, sagte er. »Aufgehängt zu werden. Unter gewissen Umständen.«

Ich starrte ihn an. »Um ein irischer Märtyrer zu werden? Okay. Das geht schneller, als sich zu Tode zu hungern.«

»So ist es. Da kann ich nicht widersprechen.«

»Sie wissen, was die Männer im Pub sagen? Sie sagen, nenne mir einen einzigen irischen Märtyrer. Sie sagen, komm schon, komm, du kannst es nicht, oder?«

»Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe nennen«, sagte er. »Die Namen standen in der Zeitung. Sind zwei Jahre eine zu lange Zeit, um sich noch zu erinnern?«

»Nein. Aber vergessen Sie nicht: Die Leute, die das sagen, sind Engländer.«

»Sie haben recht. Es sind Engländer«, sagte er traurig. »Sie können sich verdammt noch mal an gar nichts erinnern.«

Zehn Minuten, dachte ich. Etwa zehn Minuten. Ihm zum Trotz trat ich leise ans Küchenfenster. Die Straße war in ihre gewohnte Alltagsstarre verfallen. Die Leute waren alle an der Ecke. Sie mussten sie bald erwarten. Auf der Arbeitsfläche stand das Telefon, direkt neben meiner Hand, aber wenn ich es abnahm, würde er den Apparat im Schlafzimmer einen leisen Piepser von sich geben hören, würde kommen und mich töten, nicht mit einer Kugel, sondern auf eine weniger auffällige Weise, um die Nachbarn nicht zu alarmieren und sich den Tag nicht zu verderben.

Ich stand neben dem Kessel, während er zum Kochen kam, und fragte mich: War die Augenoperation ein Erfolg? Wird sie, wenn sie herauskommt, normal sehen können? Werden Sie sie führen müssen? Werden ihre Augen verbunden sein?

Mir gefiel das Bild nicht, und ich rief zu ihm hinüber, um die Antwort zu bekommen. Nein, rief er zurück, die alten Augen werden so scharf sein wie je.

Ich dachte, sie hat keine Träne in sich. Nicht für die Mutter im Regen an der Bushaltestelle oder für den Seemann, der auf dem Meer verbrennt. Sie schläft vier Stunden pro Nacht und lebt von Whiskydämpfen und dem Eisen im Blut ihrer Beute.

 

Als ich ihm die zweite Tasse Tee, mit Demerara, hineinbrachte, hatte er seinen weiten Pullover ausgezogen, der unten an den Ärmeln aufribbelte. Er ist für das Grab angezogen, dachte ich, Schicht über Schicht, doch das wird die Kälte nicht vertreiben. Unter der Wolle trug er ein verblichenes Flanellhemd. Der verdrehte Kragen stand in die Höhe. Ich dachte, er sieht aus wie ein Mann, der seine Wäsche selbst wäscht. »Ziehen Sie jemanden mit ins Unglück?«, fragte ich.

»Nein«, sagte er, »ich hab keinen großen Erfolg bei Mädchen.« Er fuhr sich mit der Hand über das Haar, als könnte die Geste etwas an seinem Glück ändern. »Keine Kinder, na ja, wenigstens keine, von denen ich wüsste.«

Ich gab ihm seinen Tee. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Hinterher …«, sagte er.

»Ja?«

»Sie werden gleich sehen, woher der Schuss gekommen ist, dazu müssen sie nicht lange herumknobeln. Wenn ich die Treppe runter bin und aus der Tür komme, haben sie mich gleich da auf der Straße. Ich nehme das Gewehr mit, dann erschießen sie mich, sobald sie mich sehen.« Er hielt inne und setzte dann wie gegen einen Einwand von mir nach: »So ist es das Beste.«

»Ah«, sagte ich. »Ich dachte, Sie hätten einen Plan. Ich meine, einen anderen, als sich töten zu lassen.«

»Was für einen besseren Plan könnte ich haben?« Es lag nur ein Hauch Sarkasmus in seiner Stimme. »Das hier ist ein Gottesgeschenk. Das Krankenhaus. Ihre Dachwohnung. Ihr Fenster. Sie. Es ist billig, sauber, schafft diese Frau aus dem Weg und kostet nur einen Mann.«

Ich hatte gesagt, Gewalt löse keine Probleme. Aber das war reine Frömmigkeit, wie das Gebet vor dem Essen. Die Bedeutung hatte mich nicht gekümmert, als ich es sagte, und als ich jetzt darüber nachdachte, fühlte ich mich wie eine Heuchlerin. Es ist nur das, was die Starken den Schwachen predigen, du hörst es nie andersherum: Die Starken legen ihre Waffen nicht weg. »Was, wenn ich Ihnen etwas Zeit verschaffen könnte?«, sagte ich. »Wenn Sie Ihre Jacke beim Schießen trügen und bereit wären zu verschwinden: den Witwenmacher hier ließen, ihre leere Tasche nähmen und das Haus wie ein Installateur verließen? So, wie Sie hereingekommen sind?«

»Sobald ich dieses Haus verlasse, haben sie mich.«

»Und wenn Sie durchs Nebenhaus gingen?«

»Wie sollte das möglich sein?«, sagte er.

Ich sagte: »Kommen Sie mit.«

Es machte ihn nervös, seinen Posten zu verlassen, aber auf diese Aussicht hin musste er es. Wir haben noch fünf Minuten, sagte ich, und das wissen Sie, also kommen Sie und lassen Sie das Gewehr ordentlich unter dem Stuhl liegen. Er folgte mir dicht auf in den Flur, und ich musste ihm sagen, er solle einen Schritt zurücktreten, damit ich die Tür aufmachen konnte. »Arretieren Sie den Riegel«, riet ich ihm. »Es wäre ein Witz, wenn wir uns aussperrten.«

Die Treppen in diesen Häusern sind ohne Tageslicht. Man kann einen Zeitschalter an der Wand drücken und die Treppenabsätze damit in ein grelles gelbliches Licht tauchen. Aber nach den eingestellten zwei Minuten wird es wieder dunkel. Allerdings nicht so dunkel, wie man erst denkt.

Du stehst, atmest ruhig und gleichmäßig, und die Augen gewöhnen sich. Die Füße machen kein Geräusch auf dem dicken Teppich, und du gehst eine halbe Treppe hinab. Du lauschst: Das Haus ist still. Die Mieter, die sich diese Treppe teilen, sind den ganzen Tag nicht da. Die geschlossenen Türen annullieren und dämpfen die Welt draußen, das Geschnatter der Radionachrichten, den Lärm der Stadt, selbst das apokalyptische Dröhnen der Flugzeuge, die nach Heathrow einschwenken. Die stehende Luft riecht nach Kampfer, als öffneten die Leute, die als Erste in diesem Haus gewohnt haben, die Schränke und holten ihre Trauerkleidung heraus. Halb schon draußen, aber noch im Haus, sichtbar, aber ungesehen, könntest du hier ungestört eine Stunde verbringen, oder gar einen ganzen Tag. Schlafen könntest du, träumen. Unschuldig oder nicht, du könntest dich hier jahrzehntelang versteckt halten, während die Töchter der Ratsherren da draußen alt werden: Hier auf den Stufen könntest auch du alt werden und die Henkersschlinge von deinem Namen nehmen. Eines Tages werden die Häuser einstürzen, in einer Wolke aus Putz und Knochenstaub. Die Zeit wird sich auf null zubewegen, auf einen Punkt: Engel werden suchend durch die Ruinen streifen, Blütenblätter aus den Gossen blasen, die Arme in zerfetzte Flaggen gewickelt.

Auf der Treppe die geflüsterten Worte: »Und werden Sie mich auch töten?« Das ist eine Frage, die sich nur im Dunklen stellen lässt.

»Ich lasse Sie gefesselt und geknebelt zurück«, sagt er. »In der Küche. Sie können Ihnen sagen, dass ich es gleich nach meinem gewaltsamen Eindringen gemacht habe.«

»Aber wann wollen Sie es wirklich tun?« Die Stimme ein Murmeln.

»Kurz vorher. Hinterher ist keine Zeit.«

»Das werden Sie nicht. Ich will es sehen. Das verpasse ich nicht.«

»Dann fessele ich Sie im Schlafzimmer, okay? Ich fessele Sie mit Aussicht.«

»Sie könnten mich auch kurz vorher nach unten gehen lassen. Ich nehme eine Einkaufstasche mit, und wenn mich niemand sieht, sage ich, ich war die ganze Zeit weg. Aber dann müssen Sie meine Tür noch aufbrechen, oder? Damit es nach einem Einbruch aussieht.«

»Ich sehe, dass Sie sich mit meinem Job auskennen.«

»Ich lerne.«

»Ich dachte, Sie wollten zusehen.«

»Ich würde es hören können. Es wird wie das Getöse in einem römischen Amphitheater sein.«

»Nein. So machen wir es nicht.« Eine Berührung, eine Hand streicht über meinen Arm. »Zeigen Sie’s mir schon. Womit ich hier

meine Zeit verschwende.«

Zwischen den Etagen ist eine Tür. Sie sieht aus wie der Zugang zu einem Besenschrank. Aber sie ist schwer. Schwer zu öffnen, und die Hand rutscht vom Messingknauf ab.

»Im Falle eines Feuers …«

Er beugt sich an mir vorbei und zieht die Tür auf.

Fünf Zentimeter dahinter eine weitere Tür.

»Drücken Sie.«

Er drückt. Sie schwingt langsam auf, Dunkel ins Dunkel. Der gleiche abgestandene, gestaute Geruch, der Geruch des Grenzbereichs, in dem die private und die öffentliche Welt aufeinandertreffen: Regennässe auf Industrieteppich, klamme Schirme und feuchtes Schuhleder, der Metallgeruch von Schlüsseln, Salz in der Hand. Aber es ist das Nebenhaus, sieh genau in die Düsternis. Es ist die gleiche und auch wieder nicht. Du kannst von einem Rahmen in den anderen treten. Als Mörder betrittst du Nummer 21, als Installateur verlässt du Nummer 20. Hinter der Feuertür sind andere Haushalte mit anderen Leben. Verschiedene Geschichten liegen nahe beieinander: eingerollt wie Tiere im Winterschlaf, mit flachem Atem, der Puls nicht fühlbar.

Was wir tun müssen, ist klar: Wir müssen uns zusätzlich Zeit verschaffen. Die Gnade ein paar zusätzlicher Momente, um uns von der Situation wegzubringen, die nicht verhandelbar ist. Das Haus hat eine unerwartete Eigenart. Sie bietet nur eine kleine Chance, aber eine andere gibt es nicht. Aus dem Nebenhaus tritt er ein paar Meter näher zum Ende der Straße hin ins Freie: näher zum richtigen Ende, weg von Stadt und Burg, weg von der Tat. Wir müssen annehmen, dass er trotz seines Wagemuts nicht sterben will, wenn er es vermeiden kann: dass irgendwo in den umliegenden Straßen, widerrechtlich auf dem Platz eines Anwohners geparkt oder eine Zufahrt versperrend, ein Auto auf ihn wartet, um ihn außer Reichweite zu bringen, ihn verschwinden zu lassen, als hätte es ihn nie gegeben.

Er zögert, blickt in die Dunkelheit.

»Versuchen Sie es. Schalten Sie das Licht nicht ein. Sagen Sie nichts. Gehen Sie nur hindurch.«

Wer hat die Tür in der Wand nicht gesehen? Es ist der Trost des schwachen Kindes, die letzte Hoffnung des Gefangenen. Es ist der einfache Ausgang für den Sterbenden, der nicht im Todesgriff eines rasselnden Keuchens zugrunde geht, sondern mit einem Seufzer verscheidet, wie eine zu Boden fallende Feder. Es ist eine besondere Tür, die nicht den Gesetzen von Holz und Eisen gehorcht. Kein Schlosser kann sie versperren, kein Gerichtsvollzieher eintreten. Patrouillierende Polizisten gehen an ihr vorbei, denn sie ist nur für das glaubende Auge sichtbar. Bist du einmal durch sie hindurch, kommst du als Licht und Luft zurück, als Funken und Flamme. Dass der Attentäter ein Flimmern auf den Rahmen geworfen hat, weißt du. Hinter der Tür löst er sich auf, deswegen siehst du ihn nie in den Nachrichten. Deswegen lernst du seinen Namen nicht kennen, erfährst nicht, wie er aussieht. Deswegen lebte Mrs Thatcher, wie du sicher weißt, bis zu ihrem natürlichen Tod. Aber beachte die Tür; beachte die Wand; beachte die Macht der Tür in der Wand, die du nie gesehen hast. Und beachte den kalten Wind, der durch sie hindurchbläst, wenn du sie einen Spalt öffnest. Die Geschichte hätte immer auch anders sein können. Denn es gibt die Zeit, den Ort, die schwarze Gelegenheit: den Tag, die Stunde, die Neigung des Lichts, das Läuten des Eiswagens in einer fernen Gasse bei der Umgehungsstraße.

Und als er zurück in Nummer 21 tritt, grunzt der Attentäter vor Lachen.

»Pssst«, sage ich.

»Das ist Ihr toller Vorschlag? Dass sie mich ein Stück weiter die Straße hinunter erschießen? Okay, wir probieren es. Verlassen den Ort auf einer anderen Route. Eine kleine Überraschung.«

Die Zeit ist knapp. Wir kehren ins Schlafzimmer zurück. Er hat nicht gesagt, ob ich es überleben werde oder andere Pläne machen sollte. Er schiebt mich zum Fenster. »Machen Sie es auf und treten Sie dann zurück.«

Er fürchtet, ein plötzliches lautes Geräusch könnte unten jemanden aufschrecken. Aber wenn das Fenster auch schwer ist und mitunter an seinem Rahmen rüttelt, fährt es doch ruhig nach oben. Er muss sich keine Sorgen machen. Die Gärten sind leer, und drüben im Krankenhaus, hinter Zäunen und Büschen, tut sich etwas. Sie kommen heraus: zunächst nicht die höheren Herrschaften, sondern eine Schar Schwestern mit Kitteln und Hauben.

Er nimmt den Witwenmacher und legt ihn sich sanft auf die Knie. Er kippelt mit seinem Stuhl vor, und weil ich sehe, dass seine Hände wieder schweißnass sind, bringe ich ihm ein Handtuch, das er ohne ein Wort nimmt. Er wischt sich die Handflächen trocken. Erneut werde ich an etwas Priesterliches erinnert: ein Opfer. Eine Wespe trödelt auf der Fensterbank herum. Der Geruch der Gärten ist wässrig und grün. Lauer Sonnenschein zieht herein, poliert seine schäbigen Halbschuhe und schiebt sich scheu über die 

Oberfläche des Frisiertischs. Ich will ihn fragen: Wenn das, was geschehen soll, geschieht, wird es laut sein? Hier, wo ich sitze? Wenn ich sitze? Oder stehe? Wo stehe? Neben ihm? Vielleicht sollte ich mich hinknien und beten.

Jetzt sind es nur noch Sekunden. Auf der Terrasse, dem Rasen zwitschert das Krankenhauspersonal. Eine Verabschiedungsreihe hat sich gebildet. Ärzte, Schwestern, Bürohocker. Der Chef kommt dazu, in seinem weißen Aufzug und mit einer Haube, wie ich sie bisher nur in Bilderbüchern gesehen habe. Wider Willen muss ich kichern. Ich bin mir jedes Ein- und Ausatmens des Attentäters bewusst. Stille senkt sich nieder: auf den Garten, auf uns.

Hohe Absätze auf dem vermoosten Pfad. Tippi-tapp. Tappe weiter. Sie müht sich, kommt aber nicht schnell voran. Die Tasche an ihrem Arm, wie ein Schild. Der geschneiderte Anzug genau, wie ich ihn mir vorgestellt habe, die Schleife, die lange Perlenkette und – etwas Neues – eine riesige Brille. Schützt sie, ohne Zweifel, vor den Prüfungen des Nachmittags. Die Hand ausgestreckt, bewegt sie sich an der Reihe entlang. Jetzt, da es endlich so weit ist, haben wir alle Zeit dieser Welt. Der Schütze kniet nieder und nimmt seine Position ein. Er sieht, was ich sehe, den glitzernden Helm ihres Haars. Er sieht ihn wie eine Goldmünze in der Gosse leuchten, groß wie den vollen Mond. Die Wespe schwebt über der Fensterbank, hängt in der ruhigen Luft. Ein leichtes Blinzeln des blinden Auges der Welt.

»Freuen Sie sich«, sagt er. »Scheiße noch mal, freuen Sie sich.«


*Aus: Die Ermordung Margaret Thatchers von Hilary Mantel. © der deutschen Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln, S. 133-158.

„Wo sind die Klamotten von deinen Eltern?“, fragt Marga.

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und wartet auf meine Antwort. Sie weiß, dass ich es nicht weiß, und dass sie mir eine weitere Frage stellen muss. Draußen vor dem Panoramafenster rennen meine Eltern nackt durch den hinteren Garten.

„Es ist gleich sechs, Javier“, sagt Marga. „Was ist, wenn Charly mit den Kindern vom Supermarkt kommt und sie sehen, wie ihre Großeltern sich hier durch die Gegend jagen?“

„Wer ist Charly?“, frage ich.

Ich glaube, ich weiß, wer Charlie ist, es ist der großartige neue Typ von meiner Exfrau, aber ich würde es irgendwann gern von ihr selbst erklärt bekommen.

„Sie werden sich in Grund und Boden schämen für ihre Großeltern, das wird sein.“

„Sie sind krank, Marga.“

Marga seufzt. Ich zähle Schäfchen, um mich nicht aufzuregen, ich will geduldig sein, will Marga die Zeit geben, die sie braucht. Ich sage:

„Du wolltest doch, dass die Kinder ihre Großeltern sehen. Du wolltest, dass ich meine Eltern herbringe, weil man hier, dreihundert Kilometer von meinem Zuhause entfernt, deiner Meinung nach gut Urlaub machen kann.“

„Du hast gesagt, es geht ihnen besser.“

Hinter Marga spritzt mein Vater meine Mutter mit dem Gartenschlauch ab. Meine Mutter hält ihre Brüste fest, als er sie abspritzt, meine Mutter hält sich den Po, als er ihn abspritzt.

„Du weißt doch, wie sie reagieren, wenn man sie aus ihrer gewohnten Umgebung reißt“, sage ich, „und die frische Luft…“

Hält meine Mutter wirklich das fest, was mein Vater abspritzt, oder spritzt mein Vater das ab, was meine Mutter festhält?

„Ach so. Ich muss mir also vorher überlegen, wie sehr das deine Eltern aufregt, wenn ich dich einlade, ein paar Tage mit deinen Kindern zu verbringen, die du ja seit drei Monaten nicht gesehen hast.“

Meine Mutter hebt Margas Pudel hoch bis über ihren Kopf und dreht sich dabei im Kreis. Ich versuche, Margas Blick zu halten, damit sie sich auf keinen Fall zu meinen Eltern umsieht.

„Ich will diesen ganzen Irrsinn nicht mehr, Javier.“

<Diesen Irrsinn>, denke ich.

„Auch wenn das bedeutet, dass du die Kinder weniger siehst… Ich kann ihnen das einfach nicht länger zumuten.“

„Sie sind doch nur nackt, Marga.“

Marga geht nach vorn zur Haustür, ich folge ihr. In meinem Rücken wirbelt noch immer der Pudel durch die Luft. Bevor Marga aufmacht, betrachtet sie sich in der Glasscheibe, streicht sich die Haare glatt und zupft ihr Kleid zurecht. Charly ist groß, stark und schwerfällig. Er sieht aus wie der Typ vom Mittagsjournal, nur mit aufgepumpten Körper. Meine vierjährige Tochter und mein sechsjähriger Sohn hängen wie Schwimmreifen über seinen Armen. Charly lässt sie sanft hinab, indem er seinen mächtigen Gorilla-Body nach vorn absenkt. Dadurch wird er frei, um Marga einen Kuss zu geben. Dann kommt er auf mich zu, und einen Augenblick lang fürchte ich, dass es nicht im Guten ist. Doch er reicht mir die Hand und lächelt.

„Javier, darf ich dir Charly vorstellen?“, sagt Marga.

Ich spüre, wie die Kinder gegen meine Beine trommeln und mich umarmen. Kraftvoll drücke ich Charlys Hand, und er schüttelt mich ordentlich durch. Die Kinder machen sich los und rennen davon.

„Wie findest du das Haus, Javi?“, fragt Charly und schaut über mich hinweg, als hätten sie ein wahres Schloss gemietet.

<Javi>, denke ich. <Dieser Irrsinn>, denke ich.

Da taucht der Pudel auf, leise jaulend und mit eingezogenem Schwanz. Marga nimmt ihn hoch, und während der Hund sie ableckt, zieht sie die Nase kraus und sagt: <Mein kleiner Schnuck, mein kleiner Schnuck>. Charly sieht sie mit schräggelegtem Kopf an, vielleicht versucht er einfach nur zu verstehen, was los ist. Da dreht sie sich abrupt zu ihm um und fragt alarmiert:

„Wo sind die Kinder?“

„Sie sind bestimmt hinten im Garten“, sagt Charly.

„Ich will nicht, dass sie ihre Großeltern so sehen.“

Wir drehen uns alle drei nach rechts und nach links, aber die Kinder sind nicht zu sehen.

„Siehst du, Javier, genau so was will ich vermeiden“, sagt Marga und entfernt sich ein paar Schritte. „Kinder!“

Sie läuft am Haus entlang nach hinten in den Garten. Charly und ich folgen ihr.

„Wie war die Fahrt?“, fragt Charly.

Er tut so, als würde er mit der einen Hand lenken und mit der anderen schalten. An jeder seiner Bewegungen merkt man, wie beschränkt und überdreht er ist.

„Ich habe keinen Führerschein.“

Er bückt sich, um ein paar Spielsachen aufzuheben, die auf dem Weg verstreut sind, und legt sie stirnrunzelnd auf einer Seite ab. Ich fürchte, dass wir in den Garten kommen und dort meine Kinder zusammen mit meinen Eltern antreffen. Nein, was ich fürchte, ist, dass Marga sie zusammen antrifft und ihnen eine Riesenszene macht. Doch Marga steht ganz allein im Garten und wartet auf uns, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Wir folgen ihr ins Haus, sind ihre ergebensten Anhänger, und das schafft eine Verbindung zwischen mir und Charly, eine Art Beziehung. Ob ihm die Fahrt wirklich so viel Spaß gemacht hat?

„Kinder!“, ruft Marga auf der Treppe, sie ist wütend, reißt sich aber zusammen, vielleicht weil Charly sie noch nicht so gut kennt. Sie kommt zurück und setzt sich auf einen der Küchenhocker. „Wir brauchen was zu trinken, oder?“

Charly holt eine Flasche Limonade aus dem Kühlschrank und schenkt drei Gläser ein. Marga nimmt ein paar Schlucke und starrt einen Moment lang in den Garten.

„Das gefällt mir gar nicht.“ Sie steht wieder auf. „Das gefällt mir überhaupt nicht. Ihr könntet doch mal was tun.“ Und jetzt sieht sie auch mich an.

„Lass uns nochmal suchen“, sage ich, aber da eilt sie bereits nach hinten in den Garten.

Ein paar Sekunden später ist sie wieder zurück.

„Sie sind weg“, sagt sie, „mein Gott, Javier, sie sind weg.“

„Sie sind nicht weg, Marga, sie müssen doch irgendwo sein.“

Charly geht vorne raus, läuft durch den Garten und folgt den Reifenspuren, die zum Weg führen. Marga läuft nach oben und ruft von da aus nach den Kindern. Ich gehe hinaus und umrunde das Haus. Komme an den offenen Garagen vorbei, die voller Spielzeug, Eimer und Schippen sind. Durch die Bäume hindurch sehe ich den aufblasbaren Delphin der Kinder erhängt von einem Ast baumeln. Als Galgenstrick dienen die Joggingklamotten meiner Eltern. Marga beugt sich aus einem der Fenster, und eine Sekunde lang kreuzen sich unsere Blicke. Ob sie auch meine Eltern sucht oder nur die Kinder? Durch die Küchentür gelange ich wieder ins Haus. Im selben Augenblick kommt Charly durch die Haustür herein und ruft aus dem Wohnzimmer:

„Vorne sind sie nicht.“

Sein Ausdruck ist nun nicht mehr freundlich. Zwei steile Falten zeichnen sich zwischen seinen Augenbrauen ab, und er übertreibt seine Bewegungen, als würde Marga sie kontrollieren: Er agiert hektisch, bückt sich unter den Tisch, verschwindet hinter der Kommode, späht unter die Treppe, als könnte er die Kinder nur finden, wenn er sie überrascht. Ich sehe mich gezwungen, ihm zu folgen, und kann mich nicht auf meine eigene Suche konzentrieren.

„Draußen sind sie nicht“, sagt Marga. „Sind sie vielleicht zurück zum Auto? Das Auto, Charly, das Auto.“

Ich warte, aber an mich folgt keine Anweisung. Charly geht wieder hinaus, und Marga steigt noch einmal die Treppe zu den Schlafzimmern hoch. Ich folge ihr. Sie betritt das Zimmer, das offensichtlich von Simón bewohnt wird, also suche ich in dem von Lina. Dann wechseln wir die Zimmer und suchen ein weiteres Mal. Als ich gerade unter Simóns Bett nachsehe, höre ich sie fluchen.

„Verdammtes Pack“, sagt sie, woraus ich schließe, dass sie nicht die Kinder gefunden hat. Hat sie vielleicht meine Eltern gefunden?

Gemeinsam suchen wir im Badezimmer, auf dem Dachboden und im Elternschlafzimmer. Marga öffnet die Wandschränke, verschiebt ein paar der Kleidungsstücke, die auf Bügeln hängen. Viele sind es nicht, und alles wirkt sehr ordentlich. Es ist ein Ferienhaus, sage ich mir, doch dann denke ich an das eigentliche Haus meiner Frau und meiner Kinder, an das Haus, das auch einmal meines war, und mir wird klar, dass es in dieser Familie immer so war, dass es nie viel gab und alles immer ordentlich wirkte, dass es nie etwas gebracht hat, die Kleiderbügel zu verschieben, wenn man noch etwas anderes finden wollte. Wir hören Charly wieder hereinkommen und stoßen im Wohnzimmer auf ihn.

„Im Auto sind sie auch nicht“, sagt er zu meiner Frau.

„Deine Alten sind schuld“, sagt Marga.

Sie schlägt mir gegen die Schulter und schubst mich weg.

„Du bist schuld. Verdammte Scheiße, wo sind meine Kinder?“, schreit sie und rennt wieder in den Garten.

Sie ruft zu beiden Seiten des Grundstücks nach ihnen.

„Was ist denn hinter den Büschen da?“, frage ich Charly.

Er sieht erst mich an und dann meine Frau, die immer noch schreit.

„Simón! Lina!“

„Gibt es Nachbarn hinter den Büschen?“

„Ich glaube nicht. Keine Ahnung. Da sind Villen. Baugrundstücke. Die Häuser sind sehr groß.“

Selbst wenn Charly das zurecht bezweifelt, kommt er mir gerade vor wie der dümmste Mensch auf der Welt. Marga taucht wieder auf.

„Ich geh nach vorn“, sagt sie und trennt uns, indem sie zwischen uns durchläuft. „Simón!“

„Papa!“, rufe ich und laufe hinter Marga her. „Mama!“

Marga geht einige Meter vor mir, als sie plötzlich stehen bleibt und etwas vom Boden aufhebt. Es ist etwas Blaues, und sie fasst es mit spitzen Fingern an, als wäre es ein totes Tier. Linas Overall. Sie sieht mich an. Sie will etwas sagen, will mich wieder zusammenstauchen, sieht aber, dass ein Stück weiter noch ein Kleidungsstück liegt und geht dorthin. Ich spüre Charlys enormen Schatten in meinem Rücken. Marga hebt Linas pinkes T-Shirt auf und danach einen ihrer Turnschuhe, dann, noch etwas weiter, Simóns T-Shirt.

Es liegt noch mehr auf dem Weg, doch Marga bleibt abrupt stehen und dreht sich zu uns um.

„Ruf die Polizei, Charly. Ruf sofort die Polizei.“

„Bichi, so schlimm ist das doch nicht…“, sagt Charly.

<Bichi>, denke ich.

„Ruf die Polizei, Charly.“

Charly eilt zum Haus. Marga sammelt weitere Kleidungsstücke auf. Ich folge ihr. Sie hebt noch eines auf und bleibt vor dem letzten stehen. Es ist Simóns kleine Turnhose. Sie ist gelb und irgendwie eingerollt. Marga unternimmt nichts. Vielleicht kann sie sich nicht mehr danach bücken, vielleicht hat sie keine Kraft mehr. Sie wendet sich von mir ab, ihr Körper scheint zu zittern. Ich trete vorsichtig näher, versuche, sie nicht zu erschrecken. Es ist eine sehr kleine Turnhose. Sie könnte auf meine Hand passen, vier Finger in ein Bein, der Daumen in das andere.

„Sie sind in einer Minute hier“, sagt Charly, der aus dem Haus wiederkommt. „Sie rufen die Streife vom Kreisverkehr.“

„Ich werde dich und deine Familie noch…“, sagt Marga und tritt auf mich zu.

„Marga…“

Als ich mich nach der Turnhose bücke, stürzt sich Marga auf mich. Ich versuche, mich auf den Beinen zu halten, verliere aber das Gleichgewicht. Sie schlägt auf mich ein, ich halte schützend die Hände vors Gesicht. Charly ist sofort zur Stelle und versucht, uns zu trennen. Die Streife hält vor der Haustür und lässt kurz die Sirene aufheulen. Zwei Polizisten eilen herbei und kommen Charly zu Hilfe.

„Meine Kinder sind weg, meine Kinder sind weg“, sagt Marga und zeigt auf die Turnhose, die von meiner Hand herabhängt.

„Wer ist dieser Mann?“, fragt der Polizist. „Sind Sie der Ehemann?“, fragen sie Charly.

Wir versuchen, uns zu erklären. Wider Erwarten scheinen weder Marga noch Charly mich zu beschuldigen. Es geht ihnen nur um die Kinder.

„Meine Kinder sind verschwunden, zusammen mit zwei Verrückten“, sagt Marga.

Aber die Polizisten wollen nur wissen, warum wir uns geprügelt haben. Charlys Brust schwillt an, und einen Augenblick lang befürchte ich, dass er sich auf die Polizisten stürzt. Resigniert lasse ich die Arme fallen, wie zuvor Marga, doch ich erreiche nur, dass der zweite Polizist nervös auf die Turnhose starrt, die an meinem Arm hin- und herschwingt.

„Was gucken Sie denn so?“, fragt Charly.

„Was?“, fragt der Polizist zurück.

„Warum gucken Sie die ganze Zeit diese Turnhose an? Wollen Sie nicht vielleicht mal jemandem melden, dass zwei Kinder verschwunden sind?“

„Meine Kinder“, bekräftigt Marga. Sie baut sich vor einem der Polizisten auf und wiederholt es ganz oft, sie will, dass die Polizei sich auf das Wesentliche konzentriert, „meine Kinder, meine Kinder, meine Kinder.“

„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“, fragt schließlich der andere.

„Sie sind nicht im Haus“, sagt Marga, „sie haben sie mitgenommen.“

„Wer hat sie mitgenommen, Señora?“

Ich protestiere und versuche, mich einzumischen, aber sie kommen mir zuvor.

„Sprechen Sie von einer Entführung?“

„Sie könnten mit den Großeltern unterwegs sein“, sage ich.

„Sie sind mit zwei nackten Alten unterwegs“, sagt Marga.

„Und wem gehören diese Kleidungsstücke, Señora?“

„Meinen Kindern.“

„Sie wollen mir also sagen, dass es um nackte Kinder geht, die mit nackten Erwachsenen unterwegs sind?“

„Bitte“, fleht Marga mit versagender Stimme.

Zum ersten Mal frage ich mich, was eigentlich so gefährlich daran ist, wenn deine Kinder nackt mit deinen Eltern herumlaufen.

„Sie können sich auch versteckt haben“, sage ich, „das ist noch nicht auszuschließen.“

„Und Sie, wer sind Sie?“, fragt der Polizist, während der andere bereits über Funk die Zentrale verständigt.

„Ich bin ihr Ehemann“, sage ich.

Daraufhin sieht der Polizist Charly an. Marga wendet sich wieder an den Polizisten, und ich fürchte, dass sie mir widersprechen will, doch sie sagt:

„Meine Kinder, meine Kinder. Bitte!“

Der andere Polizist hört auf zu funken und tritt näher:

„Die Eltern ins Auto, dieser Herr“, er deutet auf Charly, „bleibt hier, falls die Kinder zurückkommen.“

Wir sehen ihn an.

„Ins Auto, los, wir müssen schnell handeln.“

„Auf keinen Fall“, sagt Marga.

„Señora, bitte, wir müssen sicherstellen, dass sie nicht an die Fernstraße gelangen.“

Charly schiebt Marga zum Streifenwagen, und ich laufe hinter ihr her. Wir steigen ein, ich schließe die Tür, während das Auto bereits anfährt. Charly steht da und sieht uns nach, und ich frage mich, ob auf diesen dreihundert Kilometern aufregender Autofahrt wohl meine Kinder auf der Rückbank gesessen haben. Der Streifenwagen setzt kurz zurück, und dann geht es ab in Richtung Fernstraße. In diesem Augenblick drehe ich mich zum Haus um. Und da sehe ich sie, die vier: hinter Charly, am Panoramafenster, meine Eltern und meine Kinder, nackt und nass. Meine Mutter reibt ihre Brüste gegen die Scheibe, Lina schaut fasziniert zu und macht es ihr nach. Sie schreien vor Begeisterung, aber das hört man nicht. Simón macht es den beiden mit den Pobacken nach. Jemand reißt mir die Turnhose aus der Hand, und ich höre, wie Marga den Polizisten beschimpft. Das Funkgerät knackt. Während meine Exfrau mit ihren Fäusten den Fahrersitz bearbeitet, übermitteln die Polizisten der Zentrale schreiend zweimal die Wörter <Erwachsene und Minderjährige>, einmal das Wort <Entführung> und dreimal das Wort <nackt>. <Halt bloß die Klappe>, sage ich mir also, <gib keinen Mucks von dir>, denn ich sehe, wie mein Vater in unsere Richtung blickt, sehe seinen alten, von der Sonne vergoldeten Oberkörper, sein schlaffes Geschlecht zwischen den Beinen. Er lächelt triumphierend und scheint mich zu erkennen. Dann umarmt er meine Mutter und meine Kinder, behutsam, liebevoll, ohne sie von der Scheibe zu lösen.


*Aus: Siete casas vacías 

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2018,

© 2015 by Samanta Schweblin

The Short Story Project © | Ilamor LTD 2017

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