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Antonia Baum | aus dem:Deutschen

Das Kind

Bei mir, in meiner Wohnung, in diesen drei aufgeräumten und hübsch hergerichteten Zimmern, die mein und ausschließlich mein Eigentum sind, wohnt ein kleines Kind und quält mich. Ich bekomme es nicht los, zu sehr sind wir inzwischen verbunden. Doch würde ich es gerne packen, dieses kleine, viel zu leichte, fast verschwindende Kind – ich würde es gerne packen und vor die Tür setzen oder noch lieber mit ganzer Kraft gegen meine weiße Wand schmeißen, um zu sehen, um auch ganz sicher zu sein, dass und wie es daran zerschmettert.

Doch bringe ich es nicht übers Herz. Seit das Kind bei mir wohnt, aus meinen Tassen trinkt, sich in die hinterste Ecke meines Bettes wühlt oder milchschlürfend auf meinem Fenstersims in der Küche sitzt, dabei mit den Beinen baumelnd auf mich guckt und nur guckt und nichts, kein Wort zur Aufklärung des Umstands von sich gibt und ich es dann – zu oft, es kam leider zu oft vor, vier oder fünf mal mögen es gewesen sein – ich es also dann aus lauter Verzweiflung heraus anschreie, zu ihm vordringen will, indem ich brülle „geh, verschwinde, lass‘ mich endlich in Ruhe!“, es ruhig sitzen bleibt und kaum eine Miene verzieht, allenfalls leise in sich hinein lacht – seither quäle ich mich und bringe es nicht übers Herz dieses schreckliche Kind aus meiner Wohnung zu verbannen. Dafür gibt es Gründe.

Das Kind war eines Tages plötzlich da und hockte im Wohnzimmer hinter der Tür. Es zwirbelte unaufhörlich in seinem zotteligen, schwarzen Haar, das große Teile der durchscheinenden Gesichtshaut verbarg. Sofort sah ich, dass es Hilfe brauchte und wollte uns nicht mit unnötigen Fragen aufhalten.  Es zitterte am ganzen Leib und trug verschlissene Kleidung. Ich hob es hoch und sofort packten mich die Hände dieses unterernährten Körpers und griffen nach meinen Schultern, die Kraft, die es mit seinen ausgezehrten Gliedmaßen zu entfalten in der Lage war, verblüffte mich. Dabei ließen die großen schwarzen Augen keine Sekunde von mir ab, sie starrten mich an, einen kurzen Augenblick fühlte ich mich, als wolle das Kind in mich hinein klettern, doch war keine Zeit für weitere Überlegungen oder Befragungen, denn das Kind musste schließlich versorgt werden!

Wirklich, ich befürchtete, es könne sonst jede Minute vor meinen Augen in sich zusammen fallen. Der kleine Körper war ausgekühlt, das Hemd an den Schultern durchgescheuert, darunter sah ich wunde Haut, die rot und offen vor mir lag. Ich trug es also in mein Badezimmer, wobei es mich, unablässig und ohne ein Wort zu sagen, ansah und mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand an dem losen Faden eines Knopfes an der Brusttasche meines Hemdes riss.

Ich setzte es auf einem Hocker ab und ließ die Wanne volllaufen. Es dampfte und die Kacheln beschlugen. Das Kind hatte die Knie angezogen, den Kopf hielt es geduckt und sah meinen Vorbereitungen nach. Ein Bad war aber notwendig. Um die wunden Stellen, die schrecklich gebrannt haben müssen, tat es mir leid, es tat mir wirklich leid, fast möchte ich sagen, dass es mir weh tat — der Blick des Kindes war kaum auszuhalten. Ich vermied deswegen, es anzusehen und beeilte mich die Wunden danach mit einer Salbe zu versorgen und verband sie auch. Das Kind sollte nun schlafen.

Ich richtete ihm ein Bett, ein wirklich komfortables und wärmendes Bett im Wohnzimmer her. Während ich das Laken spannte, beschloss ich, dass wir am nächsten morgen Gelegenheit haben würden, alle wichtigen Fragen zu besprechen. Das Kind stand die ganze Zeit über hinter mir, leicht schräg guckte es hinter meinem Bein hervor, an dem es sich fast festhielt. Ich nahm das Kind und deckte es zu. Bevor ich das Zimmer verließ, vergewisserte ich mich, ob nicht von irgendwoher ein kalter Luftzug kommen könnte, ich lief deswegen mehrmals durch den Raum. Es hatte durchaus etwas schönes, nun in Gesellschaft zu sein, dachte ich bei mir und erkundigte mich, ob es noch weitere Decken, vielleicht sogar eine Wärmflasche benötigte. Doch das Kind saß nur da, aufrecht und an die kalte Wand gedrängt. „Was hast du? Brauchst du noch irgendetwas? Möchtest du vielleicht doch noch mal zur Toilette? Du musst nur Bescheid sagen, ich werde versuchen, dir in allen Angelegenheiten behilflich zu sein. Aber bitte, sag mir doch, was du hast! Warum guckst du so, worum geht es denn?“

Das Kind saß weiter still da. Um seine Mundwinkel herum bildete sich ein kleines Lächeln. Es folgte mir mit den Augen, es schlug die Lider mit den Sekunden nieder und es vergingen so Minuten. Ich begann zu verstehen.

Ich verstand, dass dieses Kind ganz offensichtlich auf meine Bemühungen herunter sah. Dieses kleine Bündel, das sich mir ungefragt überantwortet hatte, dass wirklich die Stirn hatte, mich, meine Zeit und meine Wohnung einzunehmen — oder besser: zu besetzen, eben weil es ein so scheinbar hilfloses Bündel war — es sah es auf mich herunter und lachte mich aus. Es lachte nicht ganz mit dem Gesicht, dort lächelte es nur. Innerlich aber lachte es über mich, daran war überhaupt kein Zweifel. Das Kind lachte mit der ganzen Verachtung, die ein Mensch nur aufbringen kann, wenn er damit seit jeher geschlagen wurde.  Ich lief so schnell ich konnte aus dem Zimmer und wünschte eine gute Nacht. Doch das Kind schlief nicht.

Das Kind schläft niemals. Es guckt nur.

Ich legte mich also in mein Bett, löschte das Licht und wollte, wie ich es für gewöhnlich am Ende eines jeden Tages tue, die Augen schließen und schlafen. Aber ich wälzte mich von einer Seite auf die andere, ich schwitze und schlug die Decken zur Seite. In meinen Beinen drehte sich das Blut. Ich legte mich dann auf den Bauch, was sonst nicht vorkommt. Ich schlug die Augen auf und sah an die Decke. Dann blickte ich zur Seite und da war das Kind.

Es stand neben meinem Bett und sah auf mich herunter. Ich richtete mich auf.

„Was ist denn nun schon wieder? Du kannst also nicht schlafen. Aber ich brauche meinen Schlaf! Wenigstens in der Nacht musst du mich in Ruhe lassen! Du wirst doch wohl einsehen, dass es für mich unmöglich ist, auch nur ein Auge zu zu tun, wenn du neben mir stehst und auf mich herunter siehst! Was bezweckst du damit? Sag — was gibt es da zu lachen? Du lachst wohl über meine Gewohnheit, so zeitig ins Bett zu gehen und nur auf dem rücken zu schlafen – liege ich da richtig? Dazu kann und will ich dir sagen, dass es mir ganz egal ist, was du darüber denkst! Ich bin nun mal mit einem verantwortungsvollen Posten beauftragt, für den ich ausgeruht sein muss, damit mir keine Fehler unterlaufen. Nie! Nie, hörst du, ist mir in meiner bisherigen Laufbahn, in diesen 15 Jahren, die ich nun für die Firma im Dienst bin, auch nur ein größerer Fehler unterlaufen und das führe ich sehr wohl auf meine gesunde Lebensführung zurück! Deswegen: ich muss jetzt wirklich schlafen“

Ich hatte mich inzwischen im Bett aufgestellt, um dem Kind, die Hände in die Hüften gestützt, meinen Standpunkt ein für alle mal klar zu machen. Vor dem Fenster fuhr ein Auto vorbei, das Scheinwerferlicht brach sich an den Jalousien, fiel streifenweise in mein Schlafzimmer und beleuchtete für einen kurzen Moment das Kind. In diesem Licht sah ich, wie es wie ich ebenfalls die Hände in die Hüften stützte, den Bauch nach vorne schob und damit auf lächerliche Weise wippte, um mich, und was das angeht bin ich mir sicher, auf gemeine und hinterlistige Weise nach zu machen.

„Das findest du jetzt wohl besonders komisch, richtig? Du scheinst zu glauben, dass du mich damit verunsichern kannst, doch das tust du nicht! Ich habe mir in keiner Hinsicht etwas vorzuwerfen und ich habe auch nicht im entferntesten einen Grund, anzunehmen, dass du dazu das Recht haben könntest! Es ist nämlich überhaupt nicht so, wie du denkst. Ich bin ganz anders, als du es mir unterstellst. Warte nur! Du wirst nun schleunigst in dein Bett im Wohnzimmer gehen, derweil ich mir noch einen tee zubereiten werde, um dann endlich zu schlafen. Los ins Bett!“

Ich stieg vom Bett herunter und ging mit großen schritten zur Küche. Das Kind sprang mir hinterher und krallte sich in die Hose meines Schlafanzugs, den ich deswegen beim gehen fast verloren hätte. Als ich mich das nächste Mal umblickte, sah ich das Kind schon auf dem Fenstersims sitzen.

In jener Nacht ließ mich das Kind überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen. Wir verbrachten sie gemeinsam in der Küche und rührten in Tassen, wir gingen auf dem schmalen Flur auf und ab, wir machten alles gleich bis es hell wurde und darüber hinaus. Das Kind wich nicht von meiner Seite.

In den Folgetagen lernte ich es dann in seiner ganzen Abscheulichkeit und Schlechtheit kennen. An Besuch war nicht zu denken, denn das hätte das Kind nicht ausgehalten. Diesem Kind, so dachte ich, so sprach es aus jedem seiner Blicke, fehlt etwas in seinen Augen, die tief in seinem Kopf, diesem mageren Schädel, lagen und immer noch liegen. Der Mund stand fast immer offen, denn das Kind hatte immer Hunger. Es verschlang alles, was es zwischen seine knochigen Finger bekam. Das Kind wurde nie satt und es nahm auch nicht an Gewicht zu, obwohl das  am dringendsten gewesen wäre. Mir blieb nichts anderes übrig, als es reichlich mit essen zu versorgen und ich gab mir damit die allergrößte mühe. Ich bereitete ihm jedes Essen zu, von dem ich dachte, dass es ihm schmecken und vor allem seinen Hunger stillen könnte. Das Kind nahm alles hastig in sich auf. Es saugte den Knochen die Reste weg, es leckte die Teller aus und es blieb nie etwas über und es war niemals genug. Wenn ich nicht hinsah, wenn ich nur einen Augenblick unachtsam war, wollte es mir gleich ganz die Schränke leer räumen. Einmal kam ich in die Küche und da saß es auf, fast in dem Brotkasten. Es lauerte und ich sah in seinen Augen, diesen Löchern voll schwarz, dass es mich am liebsten anspringen wollte. Wie ein kleiner Affe wollte es an meinen Kopf springen und mich dort umklammert halten.

 

Seit das Kind bei mir wohnte und einfach nicht weg ging, fragte ich mich nun immer wieder, was mit diesem Kind nur passiert sein musste, dass es so ausgehungert war. Ich fragte mich, was es nur seien könne, das diesem Kind fehlte.

Warum bist du nur so ausgehungert, fragte ich also ganz ohne bösen Willen. Das Kind antwortete nicht. Es lächelte nur spöttisch, kauerte sich noch mehr in sich hinein und schlug die Augen auf und zu. Immer wieder fragte ich es und immer mehr wurde mir, als trage ich – über den es sich zweifelsohne von Beginn an unverschämt lustig machte – mir wurde so, als trage ich die ganze schuld für das Ausgehungertsein des Kindes und als wäre es deswegen meine oberste Pflicht, noch mehr meine Schuld, dieses Kind zu versorgen.

„Bitte, ich bin nur in Sorge um dich und habe schließlich ein recht darauf zu erfahren, wo die Ursache liegt. Es ist sogar deine Pflicht mich in diesen Dingen zu informieren. Was gibt es denn da nun wieder zu lachen?“, fragte ich es.

Das Kind stellte sich auf die Fensterbank und imitierte in gemeiner, für mich absolut beschämender weise meine Gesten. Ich fasste mir an die Stirn, es tat es mir nach. Ich schnaufte, das Kind schnaufte. Nun musste ich prüfen, ob es mich wirklich absichtlich nachmachte und stellte mich probehalber auf das linke Bein. Vorsichtig, die buschigen Brauen gekräuselt und überhaupt die ganze Kraft, die in diesem stöckchenhaften Körper steckte, zusammennehmend, hob das Kind sein linkes Bein, bis es allein darauf stand. Dann lachte es, sah mich voller Stolz an und verlieh seiner Freude, ja, seinem Triumph, durch einen kleinen, hohen schrei Ausdruck.

Ich schrie.

„Lass das. Hör auf damit!“

Das Kind aber hielt mit rotem Kopf für einige Minuten die Stellung. Es ballte die Fäuste und schien seine ganze Energie darauf zu verwenden, um so wie ich zuvor, auf einem Bein stehen zu bleiben. Ich schüttelte den Kopf. Schließlich setzte es, ebenfalls kopfschüttelnd, ab und sah mich böse an. Es guckte so böse, dass ich einen Schritt zurück treten musste, denn aus seinem Blick stach der ganze Mangel, der in diesem Kind war, heraus und auf mich ein und mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich zu entfernen, denn ich ahnte in diesem Augenblick, dass das Kind mit diesem entsetzlichen, bösen Mangel im Körper, gar nicht anders konnte, als in mich hinein zu klettern und dort das zu suchen, was es brauchte, um wenigstens überleben zu können. Ich musste mich schützen, musste aber auch das Kind beschützen. Wirklich, es wäre sonst gleich gestorben.

Nachdem ich mich für kurze Zeit entfernt hatte, indem ich mich im Badezimmer eingeschlossen hatte, verweigerte das Kind mir am Abend erstmalig das Essen, das ich ihm gemacht hatte. Das war aber nur ein Trick von ihm. Spät in der Nacht erwischte ich es nämlich in einer Nische zwischen Tür und Küchenschrankwand. Es saß da gebückt und aß ein rohes stück Fleisch, das es aus meinem Kühlschrank genommen hatte. Als es mich bemerkte blickte es aus seinen dunklen Augen auf, immer noch hungrig, es sah zu mir hoch, als bedrohe ich sein Leben und als wolle es dafür meines haben. Wieder dachte ich, dass es durch meine Augen in mich hinein kommen wolle. Ich dachte, dass dieses Kind mein Leben sein wollte, um endlich in Sicherheit zu sein. Ich rannte ins Schlafzimmer, legte mich ins Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Die Anwesenheit dieses Kindes wurde mir immer unerträglicher. Nicht nur, dass es mir ständig folgte, jederzeit meine Aufmerksamkeit verlangte und gleich wieder neben meinem Bett stand, um auf mich herunter zu starren, nein, dieses Kind — es gelang ihm schließlich sogar, dass es nur noch schlief, wenn ich über es wachte, ich also nur noch wachte.

An jenem Abend nämlich, an dem ich mir aus Ratlosigkeit die Decke über den Kopf gezogen hatte, um endlich für mich zu sein, rüttelte es an meinem Kopf und schlug die Decke zur Seite. Ich brüllte es an und ich will auch nicht leugnen, dass ich in diesem Moment die Geduld verlor.

„Verschwinde endlich! Los! Ich muss schlafen, sonst kann ich meine Aufgaben nicht mehr genau ausführen. Verschwinde umgehend aus meinem Schlafzimmer!“

Ich brüllte mein Anliegen, bis ich heiser war. Das Kind sah mir zu. Es guckte still aus sich heraus, während ich mich brüllend erleichterte. Ich brüllte mit geschlossenen Augen, aus Wut, aber auch, um den Blicken des Kindes zu entkommen. Als ich, noch immer brüllend, meine Augen wieder öffnete, sah ich, dass das Kind auf dem Boden lag und eingeschlafen war. Sofort verstummte ich. Eine weile guckte ich es mir an. Dann, leise, um es nur nicht zu wecken, nahm ich es auf meine Arme und trug es in sein Bett. Ich legte es zwischen die Decken und streichelte ihm die kleine weiße Stirn. Es schlief. Unendlich erleichtert und in Vorfreude auf meinen Schlaf, drehte mich um und ging in mein Schlafzimmer. Nach dem ersten Schritt, hörte ich das Kind mir hinterher atmen, es stand mit nackten Füßen auf dem Boden. Ich brachte es zurück in sein Bett, deckte es zu und saß am Matratzenrand, bis es eingeschlafen war. Ich weiß nicht, wie oft ich es in dieser Nacht zurück in sein Bett brachte, es zudeckte und am Matratzenrand saß, bis es eingeschlafen war. Ich habe nicht mitgezählt, denn es war nicht zu zählen. Ich bin wohl die ganze nacht zwischen den Zimmern umhergelaufen, denn sobald ich aufstand, um mich von dem schlafenden Kind zu entfernen und in mein Bett zu schleichen, war es wieder hinter mir.

Es stellte sich in dieser Nacht also heraus, dass es nur schlafen konnte, wenn ich, neben ihm, den Blick immer auf ihm, über es wachte und dass es, seit es bei mir wohnte, tatsächlich kein einziges mal wirklich geschlafen hatte. Was blieb mir anderes übrig, als über das Kind zu wachen?

Wirklich, es wäre sonst längst gestorben.

Ich zog meine Schlüsse. Das Kind nahm nicht an Gewicht zu und es schlief nur durch mich. Ich entschied deswegen, verschiedene Ärzte um Hilfe zu fragen. Weil sich das Kind weigerte, mit mir zu gehen (lieber bewachte es die Küche und die Vorräte) ging ich alleine und beschrieb den Ärzten das Problem. Übernächtigt, schattig und weiß im Gesicht, saß ich auf Stühlen vor Schreibtischen und sagte die Worte, die ich mir zurecht gelegt hatte, wissend, dass dieser Fall kein einfacher war und immer die Möglichkeit bestand, dass die Ärzte mich nicht verstanden.

Ich sagte: „Ich komme zu ihnen, weil bei mir ein Kind wohnt, das mir große Sorgen macht. Offenbar hat dieses Kind irgendeinen ganz grundlegenden und dringenden Mangel. Es hat Schwierigkeiten mit dem Schlaf und so viel es auch isst, es nimmt nicht zu. Sie können mir glauben, dass ich alles probiert und keine Mühen gescheut habe. Ich befürchte deswegen, dass es sterben könnte. Ich mache mir große sorgen und erhoffe mir von ihnen Hilfe.“

Weil ich erschöpft war, flüsterte ich jedes Wort einzeln aus mir heraus und beugte mich über den Schreibtisch zu den Ärzten herüber, aus Angst, sonst könne ein Wort verloren gehen. Die Ärzte nickten und stellten fragen. Sie machten sich einige Notizen und während sie schrieben sahen sie immer wieder zu mir auf. Sie erkundigten sich nach meinen Ess- und Schlafgewohnheiten. Erst dachte ich, es handele sich um Routinefragen, doch erkundigten sie sich immer weiter unnötig nach meinen Gewohnheiten. In meinen Augen beachteten sie viel zu wenig das Kind, wegen dem ich ja gekommen war.  Ich konnte deswegen nicht anders, als anzunehmen, dass sie wohl meine Fähigkeit es angemessen zu versorgen, in Frage stellten. Ein Arzt, ein sehr schmuddelig aussehender Arzt dazu, der sich mindestens drei Tage nicht rasiert hatte, dessen Kittel schlampig und ungestärkt an ihm herunter hing und am kragen eindeutig graue schmutzränder aufwies, dieser Arzt  wollte mir sogar eine Kur verordnen! Vor entsetzen und auch, weil ich keinen Ausweg sah, schlug ich meinen Kopf auf die Tischplatte, fuhr hoch und rief ihm zu:

„Was stellen sie sich eigentlich vor? Wer soll denn das Kind versorgen, wenn ich einen Kuraufenthalt mache und deswegen nicht bei ihm sein kann? Bitte, sie scheinen mich nicht zu verstehen! Ich bin nicht meinetwegen hier, sondern aus Sorge um das Kind!“

Der Arzt nickte und empfahl mir, mich zu beruhigen. Aber meine Wut über sein Unvermögen, mir einen kompetenten Ratschlag zu geben war groß, ja, ich fragte mich wirklich, wie dieser Arzt mir in einem derart ungepflegten Zustand gegenübertreten konnte. Ich verließ also kurzerhand das Sprechzimmer und hastete voller Ärger über diese insgesamt völlig ergebnislosen Arztbesuche durch den Abendverkehr nachhause zu meinem Kind.

Schon kurz nachdem ich die Wohnung betreten hatte, eigentlich schon, während ich sie aufschloss, wusste ich, dass etwas vor sich gegangen war. Im Flur stolperte ich nach dem ersten Schritt über eine leere Konservendose, eine Pilzkonservendose, wie ich verärgert feststellte. Wäre es nur bei dieser Dose geblieben, ich hätte sicher kein Aufheben gemacht. Aber der gesamte Flur war mit Verpackungen, leeren Lebensmittelverpackungen, übersät, dazwischen standen Teller, Besteck lag in den Ecken und je weiter ich mich vortastete, immer ungläubig, desto mehr wurde es. Das Schlafzimmer wollte ich nicht betreten, so hoch war das Hindernis der aufgetürmten Verpackungsreste. Mein Herz schlug, es schlug mich, darunter krampfte der Magen und ich musste – ich eilte, ich stolperte ins Bad. Ich sah, das auch hier alles voller Müll war, stützte mich über die Toilette und übergab mich. Aus dem Augenwinkel sah ich das Kind auf dem Hocker sitzen. Die Augen aufgerissen, die Beine vor dem Bauch verschränkt, den es sich kurz zuvor mit Sicherheit vollgeschlagen hatte, dachte ich, während mein Körper mich schüttelte. Nachdem ich mich, keuchend auf dem Badewannenrand sitzend, etwas erholt hatte, ging ich ohne ein Wort zu sagen an dem Kind vorbei und stieg über die Unordnung hinweg in die Küche. Erst da wurde das volle Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Die Schränke standen offen, die Verpackungsreste türmten sich bis zu den Knien auf. Das Kind hatte alle Schränke geleert, es hatte sie bis auf den letzten Vorrat geleert und gegessen. Jetzt war es genug. Das Kind verhielt sich in meiner eigenen Wohnung wie ein Räuber und vernichtete ungefragt meine Essensvorräte, noch dazu hinterließ es eine Unordnung, die es noch nie gegeben hatte und auch niemals gegeben hätte, hätte sich nicht dieses entsetzliche, böse Kind zwischen meine Wänden gedrängt. Ich lief fluchend umher und überlegte sogar, gleich ganz auszuziehen. Das Kind folgte mir stumm, ohne dass ich es beachtete. Ich sah nicht mal hin und begann mit der Aufräumarbeit, denn es war schon spät. Nach Stunden, in denen ich mich Zimmer für Zimmer durch den Müll gearbeitet und auch die letzten Ecken gesäubert hatte, war es mir endlich gelungen die Ordnung wieder herzustellen. Ich ließ mich auf mein Bett fallen. Das Kind stellte sich daneben und zwirbelte sich auf dem schwarzen Kopf herum. Es sollte heute zur Strafe kein Essen bekommen. Das Kind sollte von mir überhaupt nichts mehr bekommen. Ich wünschte nicht mal mehr gute Nacht, sondern deckte mich ganz für mich alleine zu und schloss fest die Augen. Ich hielt es tatsächlich für möglich schlafen zu können.

Es war ein tropfen, ich hörte es eindeutig tropfen. Ich richtete mich auch und sah mich um. Das Kind stand noch immer unbewegt an der gleichen Stelle neben dem Kopfende meines Bettes. Auch wenn ich es mir befahl, konnte ich nicht aufhören es anzusehen. Ich wollte auch wissen, woher das Tropfen kam, das schneller auf dem Boden aufschlug, als mein herz in mir. Ich sah dann, dass es aus den Augen des Kindes kam. Das Kind stand regungslos da und weinte große Tränen, die auf den Boden tropften. Schnell drehte ich mich zur Seite weg und versuchte zu schlafen.

Im Morgengrauen hörte ich ein neues Geräusch. Es kam von der Wohungstür. Ich sprang auf, lief über den Flur und sah wie sich das Kind nach der Türklinke streckte. Das Kind wollte gehen. Unter dem arm hielt es sein Kissen und das Laken, das ich ihm auf sein Bett gespannt hatte. Aus seinen Augen tropfte es noch immer. Ich eilte zu ihm und nahm es in meine Arme. So hielt ich es und halte es noch immer. Denn dieses Kind wird ewig mein Kind bleiben. Wo es auch hingehen wird, um seinen Mangel auszugleichen und endlich satt zu werden, es wird niemals das finden, was es sucht. Es bleibt hier. Es wird mich nicht mehr schlafen lassen und ewig von meinen Vorräten essen.

Herbst 2009


*Bild: Oleg Doun

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