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Gerade in Lektüre: Das Mädchen fährt nach Kalabrien | Giuseppe Berto
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Giuseppe Berto | aus dem:Italienischen

Das Mädchen fährt nach Kalabrien

Übersetzt von : Mirjam Bitter

Intro von Jonathan Fein

Ein Anwalt nimmt eine schwedische Anhalterin mit, versucht sie zu verführen und erlebt eine merkwürdige Überraschung, die ihn davon abhält, seine Absichten in die Tat umzusetzen. Die komplette Handlung von "Das Mädchen fährt nach Kalabrien" ist damit zusammengefasst. Doch spielt sich das eigentliche Drama gar nicht in der Wirklichkeit, sondern im Kopf des Anwalts ab. Von dem Moment an, als die Anhalterin in sein Auto steigt, werden wir Zeuge seiner Überlegungen und erfahren von jedem Hindernis, das zwischen ihm und der Verwirklichung seines Begehrens steht: feststehende Verhaltensnormen, seine eigene Moral, schließlich logistische Schwierigkeiten. Den Anwalt wiederholt dabei zu beobachten, wie er seine moralischen und emotionalen Verrenkungen vollzieht, um diese nicht enden wollenden Hindernisse zu überwinden, ist faszinierend und voller Humor – ein bissiger, ein etwas verlegener Humor, den Berto in himmlisch eloquente Sprache kleidet. Berto vollbringt damit etwas ganz Wunderbares. Er macht deutlich, wie viel Distanz zwischen unseren ureigenen Entscheidungen und den Wörtern und Argumenten liegt, die wir heraufbeschwören, um sie zu rechtfertigen. Diese bescheidene Erzählung erfüllt eine der wichtigsten Absichten der Literatur: das Denkmuster eines Einzelnen zu durchschauen und währenddessen mehr über das Wesen des Menschen herauszufinden.

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Während er an einer der vielen Tankstellen auf der Via Cassia am Ausgang von Florenz auf seine Tankfüllung wartete, beobachtete der Anwalt Adami das junge Mädchen im blauen Kurzarmshirt und Bluejeans, das etwas weiter vorn am Straßenrand stand. Sie war eher lang und dünn, ihr offenes Haar von einem verblichenen Blond, und vor ihren Füßen stand ein großer Rucksack. Sicher eine Ausländerin, vielleicht eine dieser Nordeuropäerinnen, die per Anhalter durch Europa reisen. Allerdings war sie wohl eher schüchtern oder aber unglaublich faul, denn sie ließ die Autos an sich vorbeiziehen, ohne mit der üblichen Geste um eine Mitfahrgelegenheit zu bitten. Auch dem Anwalt Adami gab sie kein Zeichen, doch angetrieben von einer Art barmherziger Fürsorge hielt er trotzdem an, öffnete ihr die Beifahrertür und fragte:

»Rom?«

Vielleicht war das junge Mädchen weder schüchtern noch faul, sondern bloß vorsichtig: Sie sah ihn aus ihren wasserhellen Augen an, die Farbe glich der des Meeres an windstillen Tagen, und musterte ihn äußerst ernsthaft, bevor sie sich dazu entschloss, seine Frage mit einem Nicken zu beantworten. Dann kauerte sie sich auf dem Sitz zusammen, so weit von ihm entfernt wie möglich, und wirkte noch kleiner, mit ihren schmächtigen, von der Sonne geröteten Ärmchen und diesem zierlichen und ehrlich gesagt auch wenig ausdrucksstarken Gesicht, wie es bei den Nordeuropäerinnen häufiger vorkommt.

Adami war kein Don Giovanni, kein Verführer ohne viele Skrupel, weil er aber überzeugt war, dies in seiner Jugend gewesen zu sein, blieb ihm nichtsdestotrotz die selbstverständliche Gewissheit, dass es ihm zur Eroberung einer Frau bei Bedarf nicht am nötigen Charme, geschweige denn an Erfahrung fehlen würde. Natürlich kam es ihm nicht im Entferntesten in den Sinn, seinen Charme und seine Erfahrung dem jungen Mädchen gegenüber einzusetzen, das er gerade mitgenommen hatte, und wahrlich dachte er ganz keusch vor allem an seine Tochter und wie die sein würde, wenn sie größer wäre. Das Mädchen hier war vermutlich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, und es war hübsch und freundlich. Nun, es würde ihm tatsächlich nicht missfallen, wenn seine Tochter in etwa zehn Jahren so wäre wie sie, das heißt genauso hübsch und freundlich, allerdings würde er sie bestimmt nicht allein um die Welt ziehen lassen, wo sie noch irgendeinem zwielichtigen Typen irgendeinem Schurken in die Hände fallen könnte. Nicht ohne innere Genugtuung, die sich selbstverständlich auf seine Tugendhaftigkeit bezog, dachte er, dass er selbst zu einem zwielichtigen Typen werden könnte, wenn er ihr gegenüber, die doch so jung und offensichtlich so rein war, nicht von einem sagen wir ruhig väterlichen Verantwortungsgefühl zurückgehalten würde.

Der Anwalt war mit seinem Gewissen also ganz und gar im Reinen, aber gerade weil er so anständig und wohlgesinnt war, hätte er sich gewünscht, dass sich das junge Mädchen etwas vertrauensvoller zeigen und beispielsweise mit einem Lächeln antworten würde, wenn er sich ihr lächelnd zuwandte, stattdessen blieb sie weiterhin zurückhaltend und abgeschieden in ihrer Ecke und schien zu keinerlei Vertraulichkeit geneigt, was auf die Dauer auch beleidigend werden konnte, in dem Sinne, dass man es als Ausdruck von Zweifel und Argwohn deuten konnte, die er letztlich, und sei es auch nur zufällig, nicht verdient hatte.

In San Casciano, bei dem Café genau am obersten Punkt der Steigung, hielt er kurz an, um ihr etwas Süßes zu kaufen. Manchmal kann man Kinder mit solchen Kleinigkeiten für sich gewinnen, und wirklich lächelte sie ihn, als er ihr die Süßigkeiten in die Hand drückte, endlich an, doch gleich darauf zog sie sich wieder in sich zurück, mit dem Unterschied, dass sie nun vor sich hin kaute. Die Straße führte die Hügel von San Casciano hinunter, eine Kurve nach der anderen, auf den Bäumen sangen in der sonnenerhitzten Luft die Zikaden, und das Tal vor ihnen war weit, unendlich viele Gelb- und Grüntöne und auf den Hügeln verstreute Gehöfte, jedes mit seinem eigenen Federbusch aus Zypressen, und der Anwalt, der aufgrund einer vorübergehenden Geistesverfassung von so viel Schönheit nahezu gerührt war, bedauerte, dass das junge Mädchen aus dem Norden es allem Anschein nach gar nicht bemerkte. »Do you speak English?«, fragte er.

»Yes«, antwortete sie mit großer Ruhe.

Der Anwalt deutete vage auf das Tal. »Beautiful Italy«, sagte er.

Das junge Mädchen bediente sich eines Kopfnickens, um zu verstehen zu geben, dass sie grundsätzlich zustimmte, und das war als Ermunterung zum Gespräch zwar nicht viel, aber der Anwalt dachte, dass es nun angelaufen sei, und erklärte ihr, dass er in Rom lebe und eine vierjährige Tochter namens Gisella habe, und er fing auch an, ihr zu erklären, dass es ihm tatsächlich nicht missfallen würde, wenn seine Tochter, wenn sie groß sei, so wäre wie sie, aber das war ein zu schwieriger Gedanke für sein Englisch, weshalb er recht bald ins Stocken geriet, also fragte er sie, auf Französisch, ob sie Französisch spreche, und sie antwortete Ja, natürlich. Also setzte er dazu an, ihr auf Französisch zu erklären, dass er in Rom lebe, eine Tochter namens Gisella habe und dass es ihm tatsächlich nicht missfallen würde und so weiter und so fort, aber auch auf Französisch kam dieser schwierige, um nicht zu sagen abstruse Gedanke nicht heraus, und als sie ihn mit den Fremdsprachen ringen sah, war ihr Gesicht nicht mehr fade, sondern frech und amüsiert, und schließlich sagte sie, in einem gerade einen Hauch weicheren Italienisch als unseres, dass er, wenn ihm das lieber sei, auch auf Italienisch reden könne, da sie ein Internat in Florenz besuche und deshalb sehr gut Italienisch spreche.

Der Anwalt hatte, nicht ohne Grund, den Eindruck, dass sich das junge Mädchen bei der Sache mit den Fremdsprachen ein wenig auf seine Kosten amüsiert hatte, und in ihm stieg eine Art Groll auf, selbstverständlich nicht sonderlich viel, aber doch genug, dass er sich zu der Vorstellung ermutigt fühlte, sie weniger rücksichtsvoll zu behandeln, als er es bisher getan hatte. Tatsächlich hatte er, als er sich der Ortschaft Poggibonsi näherte, folgenden Gedanken, der nur vom versteckten Groll angestachelt sein konnte: Wenn diese kleine Kokette ein paar Jahre älter wäre, würde er jetzt, statt weiter Richtung Rom zu fahren, nach rechts abbiegen und sie nach San Gimignano bringen, einem Ort, der den Ausländerinnen gefällt, und es könnte sich mit Sicherheit etwas ergeben. Wie viel älter? Also, ehrlich gesagt, war die Sache mit dem Alter ein heikler Punkt. Ihm gefielen junge Mädchen, man könnte sogar sagen blutjunge Mädchen, doch angesichts seines Kanzleiberufs war er sicher nicht der Typ, der sich durch eine Fünfzehnjährige kompromittierte, obwohl diese hier bei genauerem Hinsehen gut sechzehn oder sogar siebzehn sein konnte. Heiliger Himmel, und wenn sie siebzehn wäre? Bei den Nordeuropäerinnen weiß man nie: Sie entwickeln sich spät und bewahren, auch wenn sie ihre Jungfräulichkeit schon seit einer Weile verloren haben, noch eine jungfräuliche Miene. Wenn sie siebzehn wäre, würde das die Lage ändern, um nicht zu sagen auf den Kopf stellen. Doch so alt konnte sie nicht sein. Mit siebzehn benimmt sich ein Mädchen neben einem Mann, dem es, wenn er auch schon etwas über vierzig ist, sicher nicht an Anziehungskraft mangelt, doch nicht so, soll heißen nicht mit dieser distanzierten, zurückhaltenden Ernsthaftigkeit, die das junge Mädchen selbst mit Süßigkeiten im Mund noch an den Tag legte. Der Anwalt kam zu dem Schluss, dass seine Versuchung, nach rechts zu einem amouröse Abenteuer begünstigenden Ort wie San Gimignano abzubiegen, nichts als ein Hirngespinst war, es war nicht angebracht, auf solchen im Widerspruch zum Strafgesetzbuch stehenden Wünschen zu beharren, und so blieb er, als sie Poggibonsi erreicht hatten, brav auf der Via Cassia, und als sie die Ortschaft verlassen hatten, schlängelte sich die Straße wieder mit vielen Kurven zwischen Weinbergen und Olivenbäumen entlang. Nun war der Anwalt mit sich zufrieden, wie jemand, der etwas vollbracht hat, was man gemeinhin eine gute Tat nennt, doch unglücklicherweise gehörte er nicht zu den Typen, denen das Ausüben der Tugend vollkommene Befriedigung verschafft, weshalb er im Grunde seines Herzens San Gimignano auch ein wenig nachtrauerte, wegen dieser besonderen, aus der Zeit gefallenen Atmosphäre, die in der Lage ist, uns von den Vorurteilen unserer Epoche zu befreien. Dass es sich um Vorurteile und alberne moralistische Macken handelte, daran hegte der Anwalt keine Zweifel. Wer wäre etwa zu Zeiten Boccaccios oder Aretinos – und das waren, wie wir heute wissen, äußerst zivilisierte Zeiten – wer also wäre damals vor einem Abenteuer, wie es sich ihm gerade darbot, zurückgeschreckt? Zur damaligen Zeit passierten Sachen, die um einiges schlimmer waren, ohne dass sich jemand darüber wunderte oder deswegen gleich das Strafgesetzbuch bemühte.

»Um wie viel Uhr kommen wir in Rom an?«, fragte das junge Mädchen unerwartet.

Das war eine beliebige Frage, vielleicht die natürlichste, die man unter diesen Umständen stellen konnte, aber sie fiel zu einem Zeitpunkt, als der Anwalt, gepackt von der Nostalgie, was er alles hätte anstellen können, wenn er in einer beliebigen Epoche vor der Gegenreform geboren worden wäre, eher argwöhnisch war. »Warum?«, fragte er zurück. »Gibt es dort jemanden, der auf dich wartet?«

Sie sah ihn mit einem beinahe aggressiven Ausdruck an, der in ihrem feinen Gesicht ulkig wirkte, und antwortete wieder mit einer Gegenfrage. »Und Sie? Haben Sie niemanden?« Der Anwalt musste lachen. »Meine Tochter«, antwortete er.

»Wenn es eine Tochter gibt, hat die bestimmt eine Mutter«, bemerkte das junge Mädchen verständig. »Scheiden lassen kann man sich in Italien ja nicht.«

Was juckte es sie denn, ob es die Scheidung gab oder nicht? Und was wollte sie von ihm, wollte sie ihn etwa provozieren? Was sie anging, könnte er genauso gut getrennt lebend sein, oder Bigamist, oder auch Witwer. Für einen Moment bekam er Lust, sie glauben zu lassen, dass er wirklich Witwer wäre, aber dann zog er es vor, sich wie ein Ehrenmann zu verhalten. »Ja, ich habe auch eine Frau«, antwortete er mit Würde. Und dann fügte er, ohne Würde, hinzu: »Leider.«

Das junge Mädchen stürzte sich sofort auf das letzte Wort: »Warum leider? Das sagen alle Italiener.«

Diesmal ärgerte sich der Anwalt wirklich. »Ich schere mich nicht um die anderen Italiener«, erwiderte er trocken. »Ich bin Anarchist, Individualist, ich sage leider und meine das auch so. Mit meiner Frau verstehe ich mich schon seit Jahren nicht mehr, und wenn es ein Zurück gäbe …« Er unterbrach sich, weil er sich allzu armselig fühlte. Ein verheirateter Mann kann nur so lügen, und tut es in der Regel auch, wenn er einen konkreten Vorteil im Blick hat, das heißt, wenn es darum geht, auf Argumente emotionalen Charakters zurückzugreifen, um die letzten Bedenken einer Frau aus dem Weg zu räumen, die kurz davor ist zu fallen. Aber hier, bei diesem verblichenen jungen Mädchen, das nur aus Haut und Knochen bestand und vor allem unterhalb des gesetzlichen Alters war, was sollte da für ein Vorteil in Sicht sein? So war er ihr gegenüber voller Missgunst, als ob sie die Schuld für sein kleines Schlittern in eine unfruchtbare Heuchelei trüge, und in gewissem Sinn tat sie das ja auch, war es wirklich ihre Schuld, schließlich hatte sie niemand autorisiert, so indiskret und geradezu provokativ zu sein, und das Wenigste, was man über sie denken konnte, war, dass sie schlecht erzogen war, trotz Internat.

Aber er konnte nicht lange wütend bleiben, denn mochten ihre Fragen und scheinbar unverschämten Bemerkungen nicht auch der Beweis eines wachsenden Interesses an ihm sein? Mädchen in der Frühpubertät sind besonders empfänglich für den Reiz von Männern um die vierzig, das wusste er sowohl theoretisch als auch praktisch, schließlich errötete ihm gegenüber auch die Pförtnerstochter seines Wohnhauses, eine Fünfzehnjährige eben, aber im Unterschied zu dieser hier eher zu gut gebaut, sie verhaspelte sich und zog tausend Grimassen, zeigte also auf verschiedene Weisen, dass sie heimlich in ihn verliebt war. Gewiss, die hier war nicht die Pförtnerstochter, trotzdem, an sich sprach nichts dagegen, dass sie Gefallen an ihm finden könnte, und das wäre wunderbar, auch wenn er das natürlich in keiner Weise ausnutzen würde, nicht einmal, um ihren Hals zu streicheln oder ihr mit geschlossenem Mund einen Kuss zu geben. Er würde sie in jedem Fall respektieren, selbst wenn sie sich ihm zum Beispiel auf einmal spontan anbieten würde, was jedoch äußerst unwahrscheinlich war, da sich das junge Mädchen, nachdem ihr Interesse an seinem Familienstatus so indiskret ausgebrochen war, wieder in ihre Ecke verkrochen hatte, wo sie gerade mit einer abstrakten, melancholischen Schwere ein Bonbon fertiglutschte. Ob sie vielleicht Hunger hatte? Dem Anwalt gefiel der Gedanke, weil er ihn zumindest ein wenig von den schuldigen und ziemlich krankhaften Fantasien ablenkte, die auf den letzten Kilometern seine Gedanken beherrscht hatten, und da sie gerade Siena erreicht hatten, beschloss er, ihr einen Cappuccino und Gebäck zu spendieren.

Er fuhr das Auto zur Piazza und hielt an der Bar gegenüber des Palazzo della Signoria. Die Sonne brannte, und nur im Schatten hielten sich Leute auf, bis auf die Touristen, die auch an diesen Hundstagen mit ihren Fotoapparaten und den frisch erworbenen Strohhüten umherliefen und die Sehenswürdigkeiten bewunderten. Sie setzten sich unter das Zeltdach der Bar, wo es sich etwas weniger heiß anfühlte, und obwohl er eigentlich jetzt schon seinem Zeitplan hinterherhinkte, war der Anwalt froh, sie hierher gebracht zu haben, auf diese wunderschöne Piazza, und er machte eine Miene, als hätte er sie ganz allein gebaut. Als der Kellner kam, bestellte sie ein Flasche deutsches Bier. »Meinst du nicht, das ist noch nichts für dich?«, fragte er sie.

»Nichts für mich?«, antwortete sie schulterzuckend, dann bat sie anmutig um Entschuldigung, stand auf und ging in die Bar. Sie war noch nicht zurück, als der Kellner mit dem Bier und dem Espresso kam, den der Anwalt bestellt hatte. Er wartete kurz, beschloss dann aber, den Espresso zu trinken, bevor er ganz kalt würde, und sie war immer noch nicht zurück. Genervt dachte der Anwalt, dass er nicht rechtzeitig zum Mittagessen in Rom sein würde, wie er es seiner Frau versprochen hatte, und er dachte auch, dass er, wenn da nicht noch ihr Rucksack in seinem Auto wäre, das junge Mädchen in Siena sitzenließe, wie sie es verdient hätte. Im Grunde war es bloß eine Unvorsichtigkeit gewesen, sie mitzunehmen, bei der nichts Gutes herauskommen konnte, und es war wirklich nicht übertrieben zu sagen, dass er es schon bereute, wie immer bei guten Taten, die man ohne Aussicht auf Gegenleistungen tut. Aber als sie dann endlich wieder auftauchte, waren all diese Gedanken auf einen Schlag ausgelöscht, um etwas Platz zu machen, das man Verzauberung nennen könnte: Sie hatte sich die Lippen rot gemalt, ihre Haare oben auf dem Kopf zu einem Knoten zusammengebunden und stellte mit dem in die Hosen gesteckten Hemd nun ihre schmale Taille, ihre hageren Hüften und zudem ganz zart auch das Bisschen Oberweite, das sie hatte, zur Schau. »Sag mir die Wahrheit«, fragte er, als er überhaupt wieder etwas herausbrachte. »Wie alt bist du?«

Sie nahm erst einen großen Schluck Bier, dann drehte sie sich mit schelmisch funkelnden Augen zu ihm um. »Fast zwanzig«, antwortete sie.

Hinter Siena verläuft die Via Cassia ein Weilchen etwas ziellos durch die kreidige Landschaft, runter in die Täler und auf der anderen Seite gleich wieder rauf auf die Hügel, scheinbar ohne große Not, ähnlich wie die engen und häufig schwierigen Kurven, in denen der Anwalt sich schon befand, bevor er sie überhaupt bemerkt hatte, weil er ziemlichnervös fuhr. Die Sache war die, dass das Abenteuer mit der jungen Frau, das nun plötzlich möglich, ja sogar wahrscheinlich geworden war, ihn noch unvorbereitet traf und ihn aus vielerlei Gründen in gewissem Sinne sogar erschreckte. Die schwerwiegendste Frage, gestand er sich, war folgende: Lohnte es sich, seine Frau, die Mutter seiner Tochter, mit einer jungen Frau zu betrügen, die ihm zufällig über den Weg gelaufen war und für die er im Grunde noch keine wahren, tiefgründigen Gefühle hegen konnte? Nun gut, ehrlich gesagt, musste er diese Frage mit Ja beantworten, es lohnte sich, und das weniger aufgrund eines einfachen Vergleichs zwischen dem Mädchen und seiner Frau, der in höchstem Maße engherzig und nicht einmal wirklich gerechtfertigt wäre, sondern aufgrund der allgemeineren Überlegung, dass es einem Mann um die Vierzig, selbst wenn er über überdurchschnittliche Reize verfügt, nicht jeden Tag passiert, über ein zwanzigjähriges Geschöpf verfügen zu können, das so schön und frisch, mit einem gerademal angedeuteten, aber durchaus bewegenden Busen ausgestattet und so außergewöhnlich blond ist. Wenn ihm etwas Ähnliches in die Finger fällt, lässt ein Mann sich das normalerweise nicht entgehen, und tatsächlich hatte der Anwalt nicht die Absicht, sich das entgehen zu lassen, doch in irgendeiner geheimen Windung seines Gewissens überlebte noch ein unbestimmtes Unwohlsein ob der bevorstehenden ehelichen Untreue, und vor allem diesem Unwohlsein schrieb er den Umstand zu, dass er, obwohl die Eroberung überaus leicht erschien, praktisch gesehen nicht wusste, wo er ansetzen sollte. Natürlich ging er ganz sicher nicht von einem sozusagen technischen Defizit bei sich aus, es war vielmehr so, dass ihn nun die Vorstellung irgendeiner Berührung mit der jungen Frau, und sei es auch einer ganz leichten, verwirrte und er sich wahrscheinlich noch gehemmter fühlte als zuvor, als er sie noch bloß für ein Mädchen gehalten hatte. Es war als stünde er einer Frau gegenüber, die er schon als Kind gekannt hatte, und die er nun plötzlich als Erwachsene wiedertraf, aber nicht verändert genug, als dass man vergessen könnte, wie sie als Kind gewesen war, und schlussendlich gelang es ihm nicht, sich von der Ehrfurcht und dem Respekt zu befreien, die kindlicher Unschuld gebühren, und er bedauerte fast, dass sie groß geworden war, daher war er voller Skrupel, aber auch voller Wut über diese Skrupel, die ihn im ungünstigsten Moment überkamen. Diese Gefühlslage führte dazu, dass er die Kurven so schlecht nahm.

Die junge Frau ließ ihn einige Kilometer fahren, wie er wollte, als die Straße bergauf nach Radicofani aber gefährlich wurde, fragte sie: »Warum fahren Sie so schnell? Haben Sie es eilig, in Rom anzukommen?«

»Nein. Und du?«, fragte der Anwalt zurück, wobei es ihm schwer fiel, sie zu duzen.

»Mir genügt es, wenn ich vor Mitternacht da bin.«

»Wieso vor Mitternacht?«

»Um elf Uhr fünfzig fährt der Zug nach Kalabrien.«

»Und du fährst nach Kalabrien?«

»Ja.«

»Allein?«

»Nein, mit einem jungen Mann.«

»Einem aus deinem Land?«

»Nein, einem aus Neapel. Letztes Jahr sind wir nach Sizilien gefahren. Dieses Jahr fahren wir nach Kalabrien. Da soll es noch schöner sein.«

Der Anwalt litt unter dieser Antwort mehr, als vorherzusehen war, doch, wie er fast richtig erkannte, als er seinen Gemütszustand analysierte, handelte es sich nicht um Eifersucht, oder jedenfalls nicht um Eifersucht, wie man sie gemeinhin versteht, sondern um das Bedauern, nicht selbst an Stelle des jungen Neapolitaners zu sein, der mit ihr nach Kalabrien fahren würde, nicht einmal in seiner Fantasie konnte er sich an seine Stelle setzen, weil er inzwischen verheiratet war und auf der anderen Seite auch seine Jugend dahin war, das Leben hatte ihm eine erdrückende Last an Verantwortung und Sorgen aufgeladen und keinen Raum mehr für Amouren gelassen, die über die Grenzen eines flüchtigen und abgeschlossenen Abenteuers hinausgingen. Im Grunde bestand darin der Niedergang eines Mannes, mehr als im Gewicht der vielen Jahre.

In einem derartigen Klima entflammten Selbstmitleids kam der Anwalt Adami, weil er sich gewissermaßen berechtigt fühlte, in seinem Garten alle Blumen zu pflücken, die es dort noch zu pflücken gab, zu dem Schluss, das jegliches weitere Schwanken seinerseits fehl am Platz war und dass er mit anderen Worten ein Esel wäre, wenn er sich dieses Mädchen entgehen ließe, das ihm da in den Schoß gefallen war.

In Acquapendente hielt er, obwohl das nicht wirklich nötig war, zum Tanken an und rief währenddessen aus einem nahegelegenen Hotel seine Frau an, um ihr zu sagen, dass einer seiner Kunden aus Florenz ihn damit beauftragt habe, einen Grundstückskauf zu verhandeln, weshalb er es nicht zum Mittagessen schaffen werde, und vielleicht nicht einmal zum Abendessen, sie solle sich aber keine Sorgen machen, spätestens um Mitternacht sei er zurück.

Als er sich so von den größten psychologischen Hindernissen befreit hatte, die sich dem Abenteuer entgegenstellten, fand sich der Anwalt Adami dem gegenüber, was Stierkampfkenner die Stunde der Wahrheit nennen, wenn der Torero dem Stier von Angesicht zu Angesicht entgegentritt, da er aber über das Missverhältnis der Kräfte zwischen ihm und seinem Opfer keine Zweifel hegte, fühlte er sich ganz ruhig, und tatsächlich fuhr er nun nicht mehr waghalsig, sondern spritzig, optimistisch, irgendwie elegant. Die Straße führte von den Höhen Acquapendentes in eine Art Trichter hinab, an dessen unterem Ende der Bolsenasee lag, es war etwa ein Uhr mittags, und die Sommersonne machte alles erschöpft, abgesehen von den Zikaden, die mit unvergleichlichem Eifer schrill auf jedem Baum zirpten. Die junge Frau blieb, vielleicht wegen der Hitze, geduckt in ihrer Ecke, wo sie mehr Wind aus dem Autofenster abbekam, insgesamt wirkte sie zerstreut, nicht misstrauisch also, oder zumindest schien es sie nicht zu kümmern, was ihr vor dem Abend noch passieren würde. Die Nordeuropäerinnen, das wusste der Anwalt nicht weniger als andere, sind eben so: gelassen, verschlossen, vielleicht etwas kühl, aber im richtigen Moment geben sie sich mit großer Leichtigkeit hin, als sei es das Natürlichste der Welt, und es ist ja nicht gesagt, dass es das nicht auch wäre.

Der Anwalt hatte also keinen Grund sich wegen der scheinbaren Zurückhaltung der jungen Frau Sorgen zu machen, vielmehr dachte er über die sagen wir logistischen Schwierigkeiten der Angelegenheit nach, die nicht zu unterschätzen waren, auch weil die Kleine unter einundzwanzig war, und das machte die Sache in jedem Fall nicht leicht. Wenn ein anständiges Hotel also ausgeschlossen war, wo sollte es stattfinden: auf dem Land hinter einer Hecke, in einem Wald, im Zimmer einer dubiosen Pension oder am Strand? Zum jetzigen Zeitpunkt war alles möglich, sogar am Meer, wirklich fehlten bis Rom ja kaum mehr als hundert Kilometer, das heißt, er würde gegen drei Uhr dort ankommen, und in einer weiteren Stunde konnte er in Tor San Lorenzo sein, wo ein befreundeter Maler eine Art Hütte am Strand besaß, die genau für solche Zwecke da war. Der einzige Nachteil wäre, wenn sie den Maler nicht zuhause anträfen, wegen der Schlüssel, trotzdem, davon abgesehen stellte sich das Meer nicht nur als die umsichtigste, sondern insgesamt als die beste Lösung dar, und die junge Frau sähe in Badesachen bestimmt wunderbar aus, mit ihrem langen, jugendlichen Körper, so straff und maßvoll. »Hast du Badesachen dabei?«, fragte er.

Aus ihrer Zerstreuung gerissen, lächelte die junge Frau über die Frage. »Klar. In Kalabrien will ich ganz oft ins Meer. Auch in Sizilien war ich immer baden.«

Etwas gereizt wegen dieser vielleicht unbeabsichtigten Anspielung auf eine Vergangenheit und eine Zukunft, in der er keinerlei Rolle spielte, sagte der Anwalt mit Nachdruck: »Auch ich werde dich ans Meer bringen.« Und da sie ihn überrascht und leicht fragend ansah, erklärte er: »Erst fahren wir nach Rom, dann weiter ans Meer. Hast du etwas dagegen?«

»Das wäre wunderschön«, sie lächelte mit ihrer gewohnten Natürlichkeit.

Jetzt hatte der Anwalt das Abenteuer in all seiner Pracht vor Augen, und es kostete ihn beim Anblick der jungen Frau keine Mühe, sie sich in Badesachen vorzustellen, oder sogar ohne, auch weil der Wind durchs Fenster gegen ihr Hemd wehte und ihre Brüste hervorhob, deren Maße allemal akzeptabel erschienen, in jedem Fall weckten sie Zärtlichkeit und andere Gefühle. Und weil nichts über das Fantasieren über die Liebe geht, das ungeduldig macht, es zu vollbringen, oder zumindest begierig danach, sich einen ordentlichen Vorschuss zu genehmigen, hielt der Anwalt nun nach einem geeigneten Ort für eine Rast Ausschau.

Als das Auto in einer Ausbuchtung zum Stehen gekommen war, von der aus man zwischen den Eichen ein pittoreskes Stück See erspähen konnte, senkte die junge Frau, statt sich das Panorama anzuschauen, den Kopf, als wüsste sie schon, was kommt, und ließ zu, dass er ihr den Arm um die Hüften legte, sie an sich zog und den von ihren hochgesteckten Haaren entblößten Hals küsste, auch als er dann ihr Gesicht anhob und sie auf den Mund zu küssen begann, leistete sie keinen Widerstand, verriet aber auch keinerlei Anteilnahme, sodass er am Ende dieses langen Kusses eher unbefriedigt dastand, um nicht zu sagen verbittert. Sie durfte sich ihrerseits auch nicht besser fühlen, hatte sie ihren Kopf doch sofort wieder gesenkt, ohne etwas zu tun oder zu sagen.

»Hat es dir nicht gefallen«, fragte er sie.

Und sie fragte: »Warum hast du das getan? Weil du mich liebst?«

Die Frage kam, selbst wenn man die wahrscheinliche Unerfahrenheit der jungen Frau berücksichtigen wollte, unzeitig, und eigentlich wissen doch alle, dass man für einen Kuss keine verpflichtenden und endgültigen Gefühle wie die Liebe ins Spiel bringen muss. Nun, der Anwalt wollte nicht glauben, sie bloß zum Vergnügen oder aus Eroberungslust geküsst zu haben, und tatsächlich hätte derzeit niemand, nicht einmal er selbst, behaupten können, dass er sie etwa nicht liebte, wenigstens ein bisschen, aber schon von Liebe zu sprechen, bevor man überhaupt richtig angefangen hatte, war doch etwas zu riskant. Jedenfalls, wenn der Fortgang des Abenteuers notgedrungen von einer kleinen Lüge abhängen sollte, war der Anwalt mehr als gewillt, sie auszusprechen. »Ich liebe dich«, behauptete er mit größtmöglicher Aufrichtigkeit.

»Das sagen alle Italiener«, entgegnete die junge Frau, ohne den Kopf zu heben.

In seiner Aufrichtigkeitsanstrengung gekränkt, wollte der Anwalt schon unfreundlich antworten, als er bemerkte, dass einige Tropfen auf ihre Hosen fielen und dass dies, in Anbetracht ihrer Position und anderer Umstände, nur Tränen sein konnten. »Weinst du?«, fragte er sie unsinnigerweise. »Was gibt es da zu weinen?«

»Du bist wie die anderen«, antwortete sie, die Nase hochziehend. »Aber deshalb weine ich nicht. Ich weine, weil ich bin wie die anderen, die Ausländerinnen, die nach Italien kommen, um mit den Italienern Liebe zu machen.« Sie weinte heftiger. »Ich bin aber nicht wie die anderen«, sagte sie.

Er zog sie an sich und ließ sie an seiner Schulter weinen, dabei strich er ihr sanft übers Haar und sagte: »Du musst nicht weinen, wir beide sind anders«, aber wie sehr er sich auch anstrengte, fiel ihm kein Argument ein, um seine Behauptung zu stützen. Dennoch fühlte er nun langsam, und nicht nur aus befriedigter Eitelkeit, dass sie beide wirklich anders waren als die anderen, es schien ihm geradezu, als schleiche sich etwas Unsagbares in sein Gemüt ein, und wenn es nicht wirklich Liebe war, dann doch etwas Ähnliches, aber das machte die Angelegenheit letztlich deutlich schwieriger, sei es, weil er nicht vergessen konnte, dass er eine Frau hatte, sei es, weil er nur zu gut wusste, dass der Weg über die Gefühle nicht der kürzeste ist, um zu gewissen Ergebnissen zu gelangen, und hier gab es mit Sicherheit keine Zeit zu verlieren. Vielleicht reichten ein paar Gläser Wein, Orvieto oder Montefiascone, um das Abenteuer wieder in die leichten und unbeschwerten Gleise zu lenken, die ihm gebührten. »Hast du Hunger?«, fragte er die junge Frau, die immer noch weinte.

Sie antwortete wie ein Kind mühelos mit Ja.

»Dann lass uns weiterfahren. Wir halten an der ersten Trattoria.«

»Nein, ich möchte lieber erst in Rom halten«, antwortete sie.

Eine gute Stunde später saßen sie sehr dicht beieinander unter der Weinlaube einer dieser Trattorien entlang der Via Cassia am äußersten Stadtrand von Rom, und der Anwalt konnte feststellen, wie zutreffend seine Vorhersage gewesen war, dass ein wenig Wein reichen würde, jegliche Schwermut zu vertreiben. Er fühlte sich körperlich wie psychisch in bester Verfassung, und was die junge Frau anging, so war sie kaum wiederzuerkennen. Sie wickelte mit amüsanter Unerfahrenheit die Fettuccine al Sugo um ihre Gabel und lachte, ununterbrochen fragte sie lachend: »Liebst du mich? Sag mir, dass du mich liebst«, aber ohne irgendeine Ernsthaftigkeit in seiner Antwort zu verlangen, vielmehr wie in einem Spiel.

Und er schwor ihr, dass er sie liebe, und schüttete ihr Wein nach, und sie bat ihn, er möge sie nicht zu viel trinken lassen, weil sie ihn liebe und sich deshalb nicht betrinken wolle, und sie schmiegte sich an ihn, mit ihrem ganzen warmen und hageren kleinen Körper, und sie küssten sich, was sie tun konnten, weil um diese Uhrzeit keine anderen Gäste unter der Laube saßen und der Kellner sich nicht um sie kümmerte, abgestumpft von der Hitze und der Hoffnung auf ein gutes Trinkgeld. »Was machen wir danach?«, fragte sie.

»Ich bringe dich ans Meer, an einen Ort namens Tor San Lorenzo. Dort gibt es eine Hütte …«

»Für zwei Verliebte ist Raum in der kleinsten Hütte«, unterbrach sie ihn wunderbar, weil sie schon etwas zu viel getrunken hatte.

»Von außen ist es eine Hütte«, erklärte er. »Aber innen ist sie gut in Schuss. Es gibt eine Dusche, eine kleine Küche mit Kühlschrank und ein großes Bett mit einer Blümchendecke …«

»Ein großes Bett«, wiederholte sie verblüffend schelmisch, und er wurde ganz in Aufruhr versetzt, und sie küssten sich wieder. Dann fragte sie mit feuchtem, vom Kuss benommenem Mund: »Und der Schlüssel, hast du den Schlüssel?«

»Nein, aber ich werde meinen Freund anrufen.«

»Hast du ihn noch nicht angerufen?«

»Doch, aber er hat noch geschlafen. Er wacht um halb fünf auf. Um halb fünf rufe ich nochmal an.«

»Um halb fünf«, wiederholte sie, plötzlich schwermütig, als ob das Warten auf ihr lastete, oder aus welchem anderen Grund auch immer. »Wie spät ist es?«

»Fast vier Uhr.«

»Fast vier«, sagte sie und wurde noch schwermütiger, bis sie plötzlich unvorhersehbar wieder zu lachen anfing und fragte: »Liebst du mich? Sag mir, dass du mich liebst.«

Und obwohl er verstand, dass das alles doch kein großzügiges Spiel war, antwortete er, dass er sie liebe, mein Gott, wie er sie liebte, und während er das sagte, verstand er schon nicht mehr, ob er vielleicht schon die Grenzen des Spiels überschritten hatte, denn tatsächlich war es, als liebte er sie wirklich, alles an ihr verzauberte ihn, ihre Jugend, ihre Schönheit, ihre Frische, und vor allem ihre wunderbare Fähigkeit, die grundverschiedensten Dinge zusammenzubringen, Pollo alla Diavola und Küsse, Tränen und Freude, die Schamlosigkeit, mit der sie ihn ansah, wenn sie davon sprachen, was sie in der Hütte am Meer alles tun würden, und die kindliche Unschuld, die in ihr aufblühte, sobald sie abschweifte und wieder etwas für sich tat, eine Katze beobachtete, die auf der Suche nach Essen angelaufen kam, oder mit den Brotkrümeln auf der Tischdecke spielte. »Wie spät ist es?«, fragte sie.

»Viertel nach vier.«

Noch weitere sechs oder sieben Male fragte sie nach der Uhrzeit, bevor es halb fünf war, und sie lachte immer weniger, als würde die Freude nach und nach von der Ungeduld, ans Meer zu gelangen, erstickt, aber dann, als es endlich halb fünf war, wollte sie nicht mehr, dass er telefonieren ging. »Warte noch etwas«, sagte sie. »Noch ein paar Minuten.«

»Aber wenn ich warte, kann es sein, dass er das Haus verlässt, und dann kriegen wir den Schlüssel nicht.«

»Bitte, noch ein paar Minuten«, wiederholte sie mit schmerzlicher Traurigkeit, und es konnte ja sein, dass sie sich in einem Moment so brennender Liebe befand, dass sie lieber das ganze restliche Abenteuer ins Wasser fallen ließ, um sich bloß nicht ausgerechnet jetzt von ihm zu trennen, und das war zweifellos ein schönes und anrührendes Gefühl, aber der Anwalt vergaß nicht, dass es das restliche Abenteuer war, das umso mehr zählte, außerdem war sie es gewesen, die ihn mit ihren ständigen Fragen, was sie in der Hütte alles machen würden, angestachelt hatte, sodass unverständlich war, warum sie ihn jetzt zurückhalten wollte, auf die Gefahr hin, das Beste zu verpassen, und kurz und gut, obwohl er weiterhin dachte, dass diese junge Frau die außergewöhnlichste und wunderbarste war, die ihm je über den Weg gelaufen war, und zwar gerade wegen ihrer unvorhersehbaren Stimm- und Stimmungsschwankungen, so fragte er sich mittlerweile doch auch langsam, ob es nicht vorteilhafter gewesen wäre, wenn ihm eine etwas weniger komplizierte über den Weg gelaufen wäre.

Als es Viertel vor Fünf war, bat sie ihn zwar weiterhin, noch etwas zu warten, er hörte aber nicht mehr auf sie, sondern betrat die Trattoria, wo das Telefon war.

Der befreundete Maler schlief immer noch, aber der Anwalt beharrte der Hausangestellten gegenüber darauf, dass sie ihn wecken solle, und sie weckte ihn tatsächlich, sodass der Maler, weil er mitten an einem schwülen Nachmittag geweckt worden war, ganz schlecht gelaunt und starrsinnig an den Apparat ging. Er fing mit der Forderung an, haargenau über die Identität der jungen Frau informiert zu werden, und der Anwalt konnte ihm nichts weiter sagen, als dass sie Inge heiße und Schwedin sei, ja, nicht aus Stockholm, aus Lulea, einer Stadt Richtung Nordpol, wie es schien, also fragte ihn der Maler, wo er sie denn aufgegabelt habe, und dann wollte er noch, dass er sie ihm beschriebe, und obwohl ihn der Zeitverlust gereizt machte, beschrieb der Anwalt sie ihm, wobei er sich von berechtigter Selbstgefälligkeit packen ließ, denn im Grunde stand er gut da, und er sagte, dass sie nicht einmal zwanzig und göttlich sei, schlank, aber nicht zu sehr, unvorstellbar blond, und ja, auch ihre Beine waren vollkommen, und ihr Busen so lala, er stand ihr aber gut, sie hätte keinen anderen Busen haben können. Nachdem er sie sich nach allen Regeln der Kunst hatte beschreiben lassen, mit der nötigen Fülle an Details, rückte der Maler damit heraus, dass er auch nach Tor San Lorenzo kommen wolle, und der Anwalt musste sich ziemlich viel Mühe geben, um ihm verständlich zu machen, dass das nicht in Frage komme, es handele sich schließlich um ein allgemein als anständig angesehenes Mädchen, eine Internatsschülerin, und wenn man nicht mit äußerster Diskretion vorginge, liefe man Gefahr, alles zu ruinieren, und, wie sehr es ihn auch anwidere, sich auf Vergangenes zu beziehen, dürfe der Maler doch nicht vergessen, dass er ihm schon einen Haufen Gefallen getan, ihn sogar ein paar Mal vor Gericht verteidigt habe, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen, und wenn er ihm jetzt nicht den Schlüssel gebe, sei er kein richtiger Freund, und der andere widersprach, dass gerade er sich nicht als Freund verhalte, denn wahre Freunde teilen alles, insbesondere ihre Mädchen, aber schließlich ließ er sich überzeugen, ihm den Schlüssel auszuhändigen, er wollte aber, dass er ihm diese vielgerühmte Schwedin wenigsten zeige, wenn er vorbeikäme, um den Schlüssel abzuholen.

Der Anwalt ging wieder raus und fand die junge Frau nicht mehr an ihrem Platz, vielleicht war sie zur Toilette gegangen, um sich nach dem Essen die Lippen nachzuziehen, er bestellte einstweilen die Rechnung, und während er wartete, setzte er sich und fantasierte natürlich weiter rund um die junge Frau und das Meer und die Hütte, und sicher würde es das schönste Abenteuer seines Lebens, aber die junge Frau ließ sich nicht blicken, es konnte auch sein, dass ihr auf der Toilette übel geworden war, denn sie hatte wirklich etwas zu viel getrunken, und das wäre allerdings äußerst ärgerlich. »Haben Sie die junge Dame gesehen, die mit mir hier war?«, fragte er den Kellner, der mit der Rechnung kam.

Mit unbeirrbarer Ruhe, die in diesem Moment sogar unverschämt sein konnte, deutete der zur Straße. »Sie ist gegangen«, sagte er.

Der Anwalt spürte einen ersten Stich im Herzen. Gegangen? Wohin denn? Und vor allem, warum? Da der Kellner nicht in der Lage sein würde, auf diese stürmischen Fragen zu antworten, eilte der Anwalt impulsiv und schwungvoll Richtung Straße, oder in Richtung seines Autos, das im Hof geparkt war, das wusste er selbst nicht so genau, aber der Kellner hielt ihn respektvoll an einem Arm zurück. »Die Rechnung, mein Herr.«

Mehr als recht. Aber ausgerechnet wegen dieser banalen Forderung verspürte der Anwalt einen zweiten, nicht weniger schweren Stich im Herzen, denn er fand sein Portemonnaie weder in der hinteren Hosentasche, wo er es normalerweise hinsteckte, noch in irgendeiner anderen Tasche seines Anzugs. Allem Anschein nach beschränkte sich sein wunderbares, einzigartiges Abenteuer, das er so lange ersehnt und vorbereitet hatte, nun auf eine Dieberei, auf einen Taschendiebstahl, das war schmerzlich und lächerlich zugleich, aber da er momentan nicht in der Lage war, die lächerliche Seite daran zu erfassen, fühlte sich der Anwalt von heiliger Wut gepackt.

Während er Hals über Kopf über jenen letzten, ziemlich schwierigen Teil der Via Cassia Vecchia raste, der zum Piazzale di Ponte Milvio, der Milvischen Brücke am Eingang Roms führt, war der Anwalt Adami vollkommen beherrscht von der Lust, die junge Frau zu erwürgen, und nicht bloß wegen der mehr als siebzigtausend Lire, die sein Portemonnaie enthielt, sondern für die Tat an sich, die von unerhörter Grausamkeit war. Sein maßlos überhöhter Impuls war mehr als natürlich, um nicht zu sagen berechtigt, doch er erkannte selbst, dass er, um ihn in die Tat umzusetzen, zunächst wieder in den Besitz der jungen Frau gelangen musste. Nun, es gab zwei wahrscheinliche Szenarien: Entweder hatte sie ein vorbeifahrendes Auto angehalten, das sie wer weiß wo in der Stadt abgesetzt hatte, oder sie war in den Bus 201 gestiegen, der durch die Via Cassia Vecchia fährt und dessen Endstation die Milvische Brücke ist. Wenn der Anwalt Adami so Hals über Kopf durch eine gefährliche Straße mit lauter Schildern voller Geschwindigkeitsbegrenzungen raste, war das also weniger, um seiner übermäßigen Erregung freien Lauf zu lassen, als vielmehr, um einen dieser Busse einzuholen und zu überholen. Das gelang ihm tatsächlich, und er platzierte sich an der Endstation, bereit, die junge Frau anzufallen, sobald sie auftauchen würde, nur dass sie nicht aus diesem Bus stieg und auch nicht aus dem nächsten, wodurch die Wut des Anwalts, statt sich zu legen, nur immer größer wurde und damit zugleich, wenn auch gänzlich unvernünftiger Weise, seine Hartnäckigkeit wuchs, sie wiederzufinden. Er würde sie in ganz Rom suchen und in jedem Fall würde er sie um zehn Minuten vor Mitternacht vor dem Zug nach Kalabrien schnappen, obwohl auch die Geschichte mit Kalabrien, wenn er genauer darüber nachdachte, eines der unendlichen Märchen sein konnte, die die junge Frau ihm aufgetischt hatte, eigentlich war es nahezu absurd, dass eine Verbrecherin dieses Kalibers, für die Geschicklichkeitsdiebstahl ein echter Beruf sein musste, ihm die Schlinge in die Hand gegeben haben sollte, mit der er sie wieder einfangen konnte. Nein, es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie in ganz Rom zu suchen, und mit diesem festen Vorsatz setzte der Anwalt sein Auto wieder in Bewegung und drang in die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt ein, die so heiß war wie ein Ofen am Ende eines Sommertages.

Die Aufgabe war, nach Denkart des Anwalts, nicht leicht, aber auch nicht so sinnlos schwierig, wie sie anderen, weniger fachkundigen als ihm, hätte erscheinen können, denn eigentlich konnte die Suche, wenn man seinen gesunden Menschenverstand einsetzte, auf jene gut zehn Orte beschränkt werden, die Ausländer in Rom am liebsten aufsuchen. Wenn diese Verbrecherin denn Ausländerin war, dachte der Anwalt bitter, schließlich konnte sie alles sein, auch Mailänderin oder Venezianerin, aber nein, Italien bringt weder so blondes Haar noch so helle Augen hervor, folglich war er bestimmt der erste italienische Staatsbürger, der in seinem Heimatland von einer Schwedin bestohlen worden war. Allein schon wegen des nationalen Ansehens musste er sie unbedingt schnappen.

Einem organischen Plan folgend, erkundete der Anwalt zuerst die Umgebung der Engelsburg und des Petersdoms, fuhr dann auf den Gianicolo-Hügel, von dort wieder runter zum Kolosseum und zu den römischen Kaiserforen und anschließend wieder auf den nächsten Hügel, das Kapitol, wobei er überall anhielt und mit halluzinierendem Blick nach einer dünnen, blonden jungen Frau in Bluejeans mit dem trügerischen Anschein eines anständigen Mädchens Ausschau hielt. Vom Kapitol fuhr er runter zur Piazza Venezia und gurkte dann zunehmend entmutigt über viele Sträßchen und Plätze der Altstadt, die nun voller Autos und voller Leute waren, die das Bisschen Frische genießen wollten, das der Abend brachte. Er kam auch an der Hauptpost vorbei, zwar kein schönes Gebäude, aber einer der von Ausländern meistbesuchten Orte, dann nahm er die im eigentlichen Sinne touristische Route wieder auf, besuchte die Piazza di Spagna und Piazza del Popolo, bis ihm, da inzwischen die Sonne unterging, einfiel, dass die kleine Diebin auf der Terrasse des Pincio sein könnte, wo man den Blick auf berühmte Sonnenuntergänge genießt und wo ein Taschendieb immer Arbeit findet.

Der Pincio wirkte wie ein Jahrmarkt, so viele Menschen und insbesondere junge Frauen waren dort, aber keine trug Bluejeans, und vor allem war keine dünn und blond mit lieblichem Gesicht von einer Art kindlicher Unschuld, so lieblich in der Erinnerung, dass der Anwalt sich gegen seinen Willen von einer stechenden Sehnsucht nach ihr ergreifen ließ, wie schwarz sie in ihrer Seele auch sein mochte, und sich nur fragte, warum Gott eine so harte Mischung aus Schönheit der Form und moralischer Verdorbenheit überhaupt zuließ, und indem er sich auf Gott berief, wusch er sie auf gewisse Weise zumindest teilweise von ihrer Schuld rein und würde sie nun, wenn sie ihm in die Finger fiele, wohl weder erwürgen noch aufs nächste Polizeirevier schleifen, sondern sich damit begnügen, herauszufinden, warum sie so niederträchtig war, und sobald er das verstanden hätte, würde er sie laufen lassen, womöglich gar mit den über siebzigtausend Lire. Und schon war für ihn alles bitter geworden, an diesem Abend, der sich doch so mild auf die Stadt senkte, und nicht allein ihretwegen, denn sie war im Grunde nichts weiter als ein Symbol viel zu vieler Dinge, die in der Welt falsch sind, und man versteht nicht einmal so richtig, warum sie falsch sind.

Vollkommen erfüllt von dieser trübseligen Auffassung des Lebens und des Universums, stieg der Anwalt wieder ins Auto, irrte eher ziellos über die Wege der Villa Borghese, spürte den beißenden Duft der Linden in seiner Nase wie metaphysische Galle, sah tödlichen Verfall selbst in den Kindern, die mit den Hunden auf den Wiesen spielten, und schlug schließlich, vor allem, um sich den Enttäuschungen zu entziehen, die auch die Natur ihm zu bieten schien, den Weg Richtung Porta Pinciana ein, wo er in die Via Veneto fuhr, die um diese Uhrzeit von Lichtern und Leuchtschildern erstrahlte, von Autos verstopft und voller Leute war, die wie in einer Prozession auf den von Cafétischchen verstellten Bürgersteigen entlangliefen. Und ausgerechnet dort, mitten im Gedränge zwischen den zwei Zeitungskiosken, als er an sie schon nicht mehr wie an ein natürliches Wesen dachte, sah er sie, oder besser gesagt erspähte er einen blonden Haarschopf, und durch den Aufruhr widerstreitender Gefühle, der ihn plötzlich ergriff, war er sich sofort sicher, dass sie es wäre, sodass er, ohne groß nachzudenken, aus dem Auto sprang, sich schubsend einen Weg durch die Menge bahnte und wie ein Tobsüchtiger vorankam, bis er, noch bevor er sie erreicht hatte, bemerkte, dass der Blondschopf nicht ihrer war, nicht einmal im Entferntesten ähnelte dieses Blond ihrem Blond, aber unterdessen hatte er schon ein ganz schönes Chaos angerichtet, denn die halbe Via Veneto bestand nur noch aus Gehupe, und ein Polizist, der sich darüber empörte, dass ein gewissenloser Mensch sein Auto zur Stoßzeit mitten auf der Straße hatte stehen lassen, blies in seine Trillerpfeife wie der Gott Aiolus, wenn er Stürme auslösen will.

Der Anwalt befolgte die Aufforderung, sein Auto in eine Seitenstraße zu fahren, und obwohl er sich zornig der Gefahr bewusst war, wegen Beleidigung eines Amtsträgers im Gefängnis zu landen, schickte er sich dort an, einen störrischen Streit mit dem Polizisten anzufangen, weniger, weil er etwa dachte, er wäre auch nur einen Hauch im Recht, sondern vielmehr, weil dieser Vorfall, der ihm als Krönung eines außerordentlichen Pechtags widerfuhr, die tägliche Menge an Unglück überschritt, die ein Mensch vernünftig ertragen kann. Deshalb ging er, als der Polizist mit der Frage ansetzte, ob er vielleicht verrückt sei, gleich an die Decke und brüllte, dass er, ein hoch angesehener Mann ehrbaren Berufs, niemandem erlaube, sein geistiges Gleichgewicht in Zweifel zu ziehen, und dass der Polizist lernen müsse, steuerzahlende Bürger zu respektieren, er solle ruhig seine Pflicht tun, wenn er Wert darauf lege, aber ohne langes Hin und Her, denn er habe keine Zeit zu verlieren. Da bereitete sich der Polizist mit jenem Überlegenheitslächeln, das nur den Mächtigen eigen ist, darauf vor, ihn so viel Zeit wie möglich verlieren zu lassen, und begann mit der Aufforderung, er möge seine Papiere zeigen: Fahrzeugbrief und Führerschein.

Der Anwalt, der aus beruflichen Gründen selbst einen recht wachen Sinn für das Gesetz hatte, begriff, dass er sich eine schöne Suppe eingebrockt hatte, denn ihm fiel plötzlich wieder ein, dass sein Führerschein im Portemonnaie war und er sein Portemonnaie nicht mehr hatte. Er konnte aber auch nicht sagen, dass es ihm zwischen drei und vier Uhr nachmittags gestohlen worden war, denn, abgesehen von den Unannehmlichkeiten, die ihm seine Frau bereiten konnte, wenn sie gewisse Details der Angelegenheit erführe, wäre es seine Pflicht gewesen, den Diebstahl unverzüglich und aus eigenem Antrieb zu melden.

Nachdem er die Lage blitzschnell im Geiste geprüft hatte, stellte der Anwalt fest, dass er, um sich bestmöglich aus der Affäre zu ziehen, eine Komödie spielen musste. Deshalb führte er mit sicherer Geste seine Rechte zur hinteren Hosentasche, um sein Portemonnaie herauszuziehen, und setzte sofort eine verärgerte, vor allem aber verwunderte Miene auf, als wäre er erstaunt, es nicht dort zu finden. Dann gab er seinem Gesichtsausdruck gekonnt eine leicht verwirrte Färbung und sagte dabei zu sich selbst, aber laut genug, dass der Polizist ihn hörte: »Seltsam, ich finde mein Portemonnaie nicht, eben hatte ich es doch noch. Das verstehe ich wirklich nicht, ich werde es doch nicht etwa verloren haben, da war mein Führerschein drin…«

Der Polizist grinste triumphierend, und es war nicht einmal unwahrscheinlich, dass er dachte, er hätte es statt mit einem Anwalt mit einem Autodieb zu tun. »Suchen Sie nochmal gründlicher«, sagte er, ohne auch nur den Versuch, seine grobe Ironie zu verschleiern. »Vielleicht finden Sie es ja doch noch.«

Nun war der Anwalt in einem absurden Kreislauf gefangen, den er selbst verursacht hatte. Theatralisch, mit steigender Erregung, wühlte er in allen seinen Taschen, seufzte, schüttelte den Kopf und lächelte sogar dem Polizisten zu, ein verzweifelter Versuch, dessen Missgunst zu dämpfen, doch der sagte mit immer unfreundlicherem Gesichtsausdruck erneut: »Suchen Sie, suchen Sie gründlicher.«

Da stieg der Anwalt, der sich dabei wie ein Clown und schlimmer als ein Wurm fühlte, aus dem Auto, zog seine Jacke aus und zeigte quasi die Hoffnung, dass das Portemonnaie wie durch ein Wunder irgendwo aus ihm herauskäme, und da der Polizist noch immer nicht zufrieden schien, fing er an, auch im Auto herumzukramen, zwischen Sitz und Rückenlehne und dann sogar unter dem Sitz, und dort, nicht einmal ganz außer Sicht, fand er sein Portemonnaie wieder, offenbar war es ihm heruntergefallen, nachdem er in Acquapendente das Benzin bezahlt hatte, und alles war noch da, sein Führerschein und die über siebzigtausend Lire.

Versteckt hinter einem der Pfeiler, die die Bahnsteigüberdachung von Gleis 7 am Bahnhof Termini stützen, sah der Anwalt sie eine Viertelstunde vor Mitternacht ankommen, das dünne blonde Mädchen, der ein Gepäckträger mit ihrem großen Rucksack voranlief. Sie stieg in den Schlafwagen nach Reggio Calabria und trat beinahe sofort ans Fenster, wo sie die gesamten fünf Minuten blieb, bevor der Zug abfuhr. Schwermütig und vielleicht auch ein wenig unruhig schaute sie sich um, als warte sie, allerdings ohne große Hoffnung, darauf, dass jemand käme, um sich von ihr zu verabschieden.

Der Anwalt wartete hinter dem Pfeiler, bis der Zug abgefahren war, dann verließ er den Bahnhof, stieg in sein Auto und fuhr nach Hause, also zu seiner Frau und seiner Tochter und seinem festgelegten Schicksal, und auch er war schwermütig, aber mit jener rechten Last an Schwermut, die zu tragen sich kein menschliches Wesen weigern kann. Jetzt wusste er, dass die junge Frau wirklich so wunderbar war, wie er es sich gedacht hatte, und sie hatte sich auf diese seltsame Art aus dem Staub gemacht, weil für sie, auch für sie, das fast im Scherz begonnene Abenteuer die Grenzen eines Abenteuers überschritten hatte, und es wäre nicht gut, es zu vollenden, musste es doch in der Reihe der Dinge bleiben, die nicht geschehen und die gerade deshalb von dieser absoluten Vollkommenheit sind, die geschehene Dinge nicht besitzen können.

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