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Gerade in Lektüre: Der Mann im gelben Anorak | Thierry Horguelin
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Thierry Horguelin | aus dem:Französischem

Der Mann im gelben Anorak

Übersetzt von : Volker Zimmermann

Intro von Unsere Redakteure

Wer ist heutzutage nicht nach einer Serie süchtig und fiebert – so wie der Protagonist dieser Erzählung – ungeduldig ihrer nächsten Staffel entgegen? Wer ist nicht schon einmal auf einer Serie hängengeblieben und hat sich besessen eine nach der anderen Folge angeschaut? In seiner Story beschreibt Thierry Horguelin einen Zustand, der allen vertraut ist und einer Grenzüberschreitung gleicht, einer Flucht aus der stressigen Wirklichkeit, manchmal aus der Langeweile, in die fiktive Welt des Fernsehens. In dieser skurril-sympathischen Stories findet der Erzähler einen mysteriösen Partner auf dem Bildschirm, den Mann im gelben Anorak. Was versucht dieser enigmatische Typ dem Protagonisten zu verstehen zu geben, während der seine Nächte vor dem Fernseher verbringt und auf irgendetwas wartet, das seinem Leben einen Sinn verleiht? Wer von den beiden ist in Wirklichkeit der Gefangene?

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Ich bemerkte ihn erst nach ein paar Folgen. Er versuchte, die Tür eines verfallenen Gebäudes aufzubrechen, das an der Ecke einer heruntergekommenen, verlassenen Straße stand. Er war zu weit entfernt, als dass man seine Gesichtszüge hätte erkennen können, aber im Bildhintergrund war sein gelber Anorak ein gut sichtbarer Fleck. Im Vordergrund unterhielten sich Detective Burns und Marion über die laufenden Ermittlungen, ohne ihm auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Vor ihren Mündern bildeten sich Dampfwölkchen. Die Winter sind kalt in Cleveland.

Handlungen von Filmen vergesse ich immer schnell, aber mein Gedächtnis für visuelle Details ist sehr gut. Ich wäre unfähig, die Handlung von Intimidation oder Hors de la Nuit zusammenzufassen, aber ich weiß, dass es in ersterem eine Kamerafahrt gibt, bei der Clive Owen auf der Straße eine schöne kurzhaarige Brünette passiert, die sich im Hintergrund selbstvergessen aber sehr charmant an der Schulter kratzt (Ich würde meinen Kopf darauf verwetten, dass der Regisseur diese Einstellung ausgewählt hat, weil sie ein kleines Körnchen Wahrheit enthielt). Ich weiß auch, dass in Hors de la Nuit, in dem schäbigen Diner, wo sich das flüchtige kriminelle Liebespaar im Morgengrauen versteckt, ein Hopper-artiges Kitschbild an der Wand hängt, das die Einsamkeit der Liebenden widerspiegeln zu scheint. Jedenfalls war ich mir sicher, den Mann im gelben Anorak in einer vorigen Folge von Simple Cops schon einmal gesehen zu haben.

Auf die Serie war ich durch Zufall gestoßen, als ich unter Schlafstörungen litt. Die Medikamente, die ich zu der Zeit einnahm, hatten den Effekt, dass ich tagsüber kaputt und abends bis zu später Stunde voll aufgedreht war. Ich war zum lesen zu müde und zu aufgeregt, um einschlafen zu können, also hängte ich mich vor meinen kleinen Fernseher und ließ mich in das Bermudadreieck des Fernsehprogramms abdriften, diesen audiovisuellen Schiffsfriedhof, den die frühen Morgenstunden darstellen. Vor einer Tierdoku dämmerte ich dahin, nickte bei einer australischen 80er-Soap ein und wachte mitten in der tausendsten Wiederholung von Derrick oder Cash in the Attic wieder auf. Der Bildsalat vermengte sich mit Traumansätzen und schließlich sackte ich auf dem Sofa zusammen. Ich erwachte erst wieder im Morgengrauen, mit schwerem Kopf und schmerzendem Rücken, während auf dem Bildschirm eine flotte Wetterfee mit strahlendem Lachen ankündigte, dass es den ganzen Tag regnen werde.

Eines Nachts wurde ich von Detective Burns’ Stimme aus dem Halbschlaf gerissen. Er war merklich unzufrieden. Ich öffnete ein Auge. Mein Radar lief bereits auf Hochtouren. Kriminalbeamte. Ein lokales Polizeirevier. Wir befinden uns im verglasten Büro des Chefs. Die Alu-Jalousien sind heruntergelassen, damit niemand die Unterhaltung mitbekommt. Es ist der klassische Streit zwischen dem erfahrenen Detective-der-weiß-wie’s-auf-der-Straße-zugeht und seinem Vorschrift-ist-Vorschrift-Vorgesetzten. Nach dem letzten Schlagabtausch öffnet der Detective die Tür und setzt zum Abgang an. Zehn zu eins, dass der Chef ihn nochmal zurückruft, um ein letztes Wort zu platzieren. „Burns?“ Gewonnen. Burns, denn das ist sein Name, dreht sich um und zieht eine Augenbraue hoch. Der Chef gibt ihm zu verstehen, dass er ihn deckt, aber dass er nicht zu viel Staub aufwirbeln soll. Abblende. Es folgt eine Sequenz in der Stadt: Zwei Polizisten, von den Nachbarn alarmiert, entdecken die Leiche einer alten Frau, die seit ein paar Tagen tot in ihrem Sessel sitzt. Ich war inzwischen hellwach und schaute mir den Rest der Folge mit wachsendem Interesse an. Gar nicht so schlecht gemacht. Sogar durchaus anschaubar. Das wäre mal was anderes.

Die Programmzeitschrift, am nächsten Tag besorgt, verriet mir den Titel der Serie, und zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich am darauffolgenden Dienstag um 2:30 Uhr morgens auf die nächste Episode wartete – als hätten mir der dicke Burns und seine Kollegen von jenseits des Bildschirms ein Zeichen gegeben. Ich war einsam und deprimiert, so deprimiert, dass ich manchmal die Zeit damit totschlug, in Maltin’s Movie Guide alle Filme abzuhaken, die ich in meinem Leben schon gesehen hatte. Ich brauchte eine Ablenkung, eine Rettungsboje, an der ich mich festklammern konnte. Simple Cops war vielleicht die Lösung.

Dem ersten Anschein nach stammte die Serie aus den Neunziger Jahren. Sie war eine Art Hill Street Blues für Arme, eine ehrliche, durchschnittliche Krimiserie, weder schlecht noch genial. Ich vermutete darüberhinaus, dass die Macher der Serie auf dem Erfolg der Steven-Bochco-Produktionen mitsurfen wollten, die das Genre gerade grundlegend umgekrempelt hatten. Simple Cops (Was für ein unfassbar schlechter Name) war so etwas wie die Alltagschronik eines Polizeireviers. Im Zentrum standen etwa ein dutzend Cops, die einen repräsentativen Querschnitt des amerikanischen Melting Pots darstellen sollten. Die Polizeiarbeit kollidierte ständig mit ihrem Privatleben und ihren persönlichen Problemen – dieser hatte ein Alkoholproblem, jener Ärger in der Ehe – was genügend Stoff für Parallelhandlungen lieferte. Jede Folge erstreckte sich über genau einen Tag und zeigte zwei, manchmal drei gleichzeitig laufende Fälle, die oft, wie sich im Zuge der Ermittlungen herausstellte, miteinander verknüpft waren. Spektakuläre Verbrechen waren eher selten zu sehen; die Serie strebte einen gewissen Realismus an und versuchte, ein Mosaik der alltäglichen städtischen Gewalt zu zeigen. Gleichzeitig wurde ein Akzent auf die Polizeiroutine und die internen Konflikte zwischen normalen Beamten, ihren Vorgesetzten, den Staatsanwälten und den Anwälten gesetzt. Ohne eine besondere Originalität an den Tag zu legen, bewiesen die Drehbuchautoren im Korsett dieser immer wiederkehrenden Erzählschemata ein gewisses handwerkliches Geschick. Der Eindruck eines permanenten Déjà-vus war darüberhinaus nicht unangenehm, sondern trug noch zum Charme der Sache bei – so sehr, dass man nach ein paar Folgen, wie es so oft passiert, die Figuren ins Herz geschlossen hatte, oder genauer gesagt, die Sympathie erregenden Anstrengungen der Darsteller (Allesamt wackere Fernsehsoldaten, denen das letzte Quäntchen Charisma für eine Filmkarriere gefehlt hatte), ihren Rollen Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Das einzig wirklich Innovative an der Serie war das Setting. Sie spielte weder in New York oder San Francisco, noch in Miami oder Los Angeles, sondern in einer Stadt, die man sonst selten auf der Leinwand sieht. Cleveland, wie es hier erschien, war eine eigenartige, gespenstische Stadt mit nie enden wollenden Verkehrsadern und riesenhaften, seltsam leeren Plätzen. Die Parks, die Vorgebirge, die verlassenen Viertel, der Hafen am Eriesee – alle diese Orte waren durch hervorragende Feldarbeit erschlossen worden und gaben ein breites Spektrum an Drehorten ab. Das offensichtlich limitierte Produktionsbudget verlieh den Außenaufnahmen etwas Dokumentarisches. Eigentlich war die Stadt die Hauptdarstellerin der Serie. Und ihre Erkundung im Laufe der Fälle, die alle gesellschaftlichen Schichten durchquerten, war wie in vielen Krimiserien ein Vorwand, um die sozialen Probleme Amerikas zu durchleuchten: Rassenkonflikte, De-Industrialisierung, Massenarbeitslosigkeit und Armut — Der Ausdruck “Die Ärmste Stadt der Vereinigten Staaten” tauchte leitmotivisch immer wieder in den Dialogen auf, mal mit einem resignierten Unterton, mal mit einer Prise Selbstironie, wie ein Witz, der im Viertel die Runde macht.

Und dann war da der Mann im gelben Anorak.

Dass der gleiche Statist mit demselben, leuchtend gelben Kleidungsstück durch zwei Folgen der gleichen Serie spaziert, war an sich schon außergewöhnlich. War die Produktion wirklich so knapp bei Kasse? Als ich ihn in der folgenden Woche noch einmal sah, glaubte ich meinen Augen kaum. Doch da war er, saß auf einer Parkbank am Rand einer kleinen Grünanlage, und hob eine Schnapsflasche an die Lippen, die in einer braunen Papiertüte verborgen war. Was hatte das zu bedeuten?

Die Einstellung dauerte nur ein paar Sekunden, genug um die Umgebung der Szene zu verorten. Schon verengte sich die Perspektive mit einer Nahaufnahme von Detective Atkinson, der sich gerade diskret mit einem Informanten unterhielt. Ihr Gespräch interessierte mich schon kaum mehr, und auch dem Rest der Folge schenkte ich nur wenig Beachtung, denn mein Geist war ganz mit dem Mann im Anorak beschäftigt. Wie konnte seine geheimnisvolle Präsenz erklärt werden? Nichts schien sie zu rechtfertigen. Er war in keiner Weise an der Handlung beteiligt, und die Helden der Serie schienen ihn nicht zu bemerken. Burns hatte ihn in der vorigen Woche nicht mal mit einem Blick gewürdigt, und Atkinson tat das jetzt genauso wenig. Handelte es sich etwa um eine Nebenfigur, deren Auftritt insgeheim vorbereitet wurde? War der Mann im Anorak ein Bauer, der von den Drehbuchautoren auf dem Schachbrett der Narration unbemerkt vorgeschoben wurde? Könnte sein – aber die Auftritte des Mannes waren so unterschwellig, dass diese Hypothese wenig plausibel war. Oder war seine Präsenz ein Insiderwitz, den sich die Regisseure ausgedacht hatten, so wie es in der großen Zeit des Kinos sicher war, dass in Chabrol-Filmen Attal und Zardi in kleinen Nebenrollen auftauchen und ein Statist “Fascination” summte? Oder handelte es sich – aber das war nun wirklich sehr unwahrscheinlich – um eine selbst auferlegte contrainte, die sich ein Oulipo-verrückter Produzent ausgedacht hatte? Ergo, konnte es sein, dass der Mann mit dem Anorak in allen Folgen von Simple Cops auftauchte?

Während ich auf die nächste Folge wartete, stellte ich in meiner Bibliothek und im Internet Nachforschungen an. Ich musste feststellen, dass Simple Cops keinen besonderen Eindruck in der Welt der Serienfans hinterlassen hatte. Martin Winklers und Christophe Petits unumgängliches Lexikon der Fernsehserien erwähnte Simple Cops mit keinem Wort. Auf Imdb.com gab es eine einzige, eher gedämpfte Zuschauerrezension, die der Serie ankreidete, ein schwacher NYPD-Blue-Abklatsch zu sein. Ganz Unrecht hatte sie damit nicht. Amerikanische Fan-Websites wie tvshows.com führten Simple Cops und hunderte anderer Serien auf, mit vollständiger Liste der Mitwirkenden und einer knappen Zusammenfassung, die so mehr oder weniger von allen Seiten übernommen worden war. Die Rubriken “Anekdoten”, “Trivia” oder “Geheimnisse vom Set”, in denen der Mann im gelben Anorak hätte erwähnt werden können, waren leer. Eine magere Ausbeute. Aber immerhin erfuhr ich, dass der Serie ein nur kurzes Leben beschert gewesen war. Mitten in der zweiten Staffel war sie eingestellt worden, sicher wegen unbefriedigender Quoten. Aus dem gleichen Grund gab es auch keine DVD-Ausgabe – die hätte ich mir sonst natürlich sofort bestellt. Doch da ich mich trotz allem stur daran machte, mehrere Seiten und Links zu durchforsten, fand ich schließlich einen etwas vollständigeren Eintrag auf einer australischen Seite, der eine Liste der Folgen mit kurzen Zusammenfassungen enthielt. Dieser Wegweiser sollte sich als sehr nützlich erweisen, denn die Serie wurde selbstredend nicht in der korrekten Reihenfolge ausgestrahlt – schließlich war sie nur ein Lückenfüller im Nachtprogramm eines drittklassigen Senders.

Von diesem Zeitpunkt an nahm ich die Folgen systematisch auf, ohne jedoch aufzuhören, sie mir dann auch anzuschauen. Mir gefiel dieser Dienstagstermin in der Stille der Nacht: Die schlafende Stadt um mich herum zu wissen verstärkte das Gefühl, dass ich eine besondere Beziehung zu den Cops aus Cleveland hatte. Ich begann auch, die Serie mit anderen Augen zu betrachten. Das Notizbuch lag immer griffbereit. Ich kümmerte mich nicht mehr um die immer gleichen Fälle, und es interessierte mich nicht mehr, ob Burns sich mit seinem auf die schiefe Bahn geratenen Sohn aussöhnen, Atkinson mit der süßen Marion Sanders anbandeln, Morales den Krebs besiegen oder Resnick es schaffen würde, sich von seiner bei jeder Gelegenheit fremdgehenden Ehefrau zu trennen. Stattdessen beobachtete ich die hintersten Winkel jeder Bildsequenz und wartete auf ein Erscheinen des mysteriösen Statisten. Zu meiner Überraschung bestätigte sich die wildeste meiner Hypothesen. Der Mann mit dem gelben Anorak tauchte in jeder Folge auf, zumindest in dem Dutzend, das ich sehen konnte (denn ich hatte die Serie ja erst in der Mitte der Fernsehsaison entdeckt). Er blieb immer im Hintergrund und spielte für die Handlung nicht die geringste Rolle. Und doch zeichnete sich langsam, ein Roter Faden ab, der sich durch seine Auftritte zog. Es war, als erzählten sie mit Unterbrechungen eine parallele Geschichte: Den Abstieg eines armen Kerls in die Obdachlosigkeit.

– In Folge 1.3 (Die früheste, die ich sehen konnte) überquert er zögernd eine Straße und wirft dabei sorgenvolle Blicke um sich.

– In Folge 1.5 ermitteln Sanders und Colson wegen eines bewaffneten Überfalls in einem Ladengeschäft. Man sieht den Mann im Anorak aus dem Nachbargeschäft treten und sofort wieder in der nächsten Tür verschwinden.

– In Folge 1.6 geht er durch die Drehtür des Gerichtsgebäudes, während Bauer im Vordergrund vom Staatsanwalt den Kopf gewaschen bekommt.

– Folge 1.7 war die, in der er mir zum ersten Mal aufgefallen war. Er versucht, sich Zugang zu einem verlassenen Haus zu schaffen.

– In Folge 1.9 füttert er Tauben in einem Park.

– In Folge 1.10 erscheint er im Flur des Polizeireviers und rüttelt wie wild an einer Schranktür (Der Kerl schien wirklich von Türen besessen zu sein).

– Folge 1.12 war die, in der man ihn im Park trinken sieht, während sich Atkinson mit seinem Informanten unterhält.

– Eine Besonderheit: in Episode 1.13 taucht er zweimal auf. Man sieht ihn zuerst auf einem Gehsteig sitzen und betteln, während im Vordergrund Colson und Thaddeus einen Dealer festnehmen. Etwas später schlüpft er durch eine Lücke in einer Baustellenabsperrung.

– In Folge 2.1 verhandelt er auf der Türschwelle eines Hauses mit einem Rentner, der ihm schließlich die Tür vor der Nase zuschlägt.

– In Folge 2.2 verpasste ich ihn fast. Aber er war da, neben anderen Obdachlosen in einer verlassenen Fabrik schlafend, in der Burns und Morales nach einem flüchtigen Zeugen suchen.

– In Folge 2.5 konnte man ihn am besten erkennen. Bauer und Resnick hocken über Nacht in einem Lieferwagen unter einem Highway. Penner wärmen sich an einem Feuer in einer Öltonne. Unter ihnen befindet sich der Mann im gelben Anorak (der jetzt schon nicht mehr gelb ist, sondern eher schmutzig-grau), schlecht rasiert, eingefallene Wangen, verlorener Blick.

Es ist eine eigentümliche Sache, einen Film oder eine Serie zu schauen und dabei nur auf die Hintergründe und Ränder des Bildes zu achten. Es ist, als ob die eigene Aufmerksamkeit zu schielen beginnt, und man stellt fest, dass man die meisten Filme gar nicht wirklich anschaut. Einerseits verfolgt man unwillkürlich den Fall mit – man merkt sich Namen, Fakten, vermutet eine plötzliche Wendung in der Handlung, und versucht, den die Identität des Täters zu erraten. Andererseits entdeckt man, dass sogar die konventionellste Fiktion voller bizarrer, überraschender, unlogischer und berührender Details ist, die mal vom Regisseur absichtlich platziert (ohne dass jedoch notwendigerweise ein klarer Grund zu erkennen war), mal ohne sein wissen von der Kamera aufgezeichnet wurden, wie das schüchterne Mädchen mit den kurzen Haaren: flüchtige, zerbrechliche Momente, für immer auf Zelluloid gebannt. Sind sie nicht unser geheimster Grund, ins Kino zu gehen? Mehrere solcher Details sprangen bei Simple Cops ins Auge. Die schöne Monica am Empfang des Polizeireviers besaß eine scheinbar unerschöpfliche Pulloversammlung. Jede Folge trug sie einen anderen. Thaddeus, Bauer und Mentell waren allesamt Linkshänder – drei Linkshänder in der gleichen Serie? Und was sollte man von den unzähligen Standuhren, Wanduhren und Radioweckern halten? Manchmal wurden sie zu Zwecken des Spannungsaufbaus in Nahaufnahme gezeigt, meistens blieben sie jedoch im Hintergrund und an den Rändern des Bildes, wie eine geheime, nur angedeutete Obsession. Und was hatte es mit den Graffitis auf sich, die immer wieder in den Außenaufnahmen zu sehen waren, mit Spraydosen auf die Mauern gesprüht oder hastig in eine Telefonzelle gekrakelt? Es waren allesamt Hilferufe: “Help!”, “Get me out of this!”

Drei Monate dauerte meine Spurensuche. Dann legte ich mich eines Dienstags mit der Fernbedienung in der Hand aufs Sofa, bereit, die Aufnahme zu starten. Um punkt zwei Uhr dreiunddreißig, nach dem Werbeblock, erwartete ich den altvertrauten Vorspann, doch stattdessen stiegen zwei unbekannte Uniformierte, eine blonde Bohnenstange und ein schwarzer Schrank, aus einem New Yorker Polizeiwagen. Sowas aber auch! Simple Cops war ohne Umschweife eingestellt und durch eine andere alte Lückenfüller-Serie ersetzt worden. Ich war wie von Sinnen.

In den Tagen danach musste ich eine weitere Niederlage einstecken. Als ich alle Folgen noch einmal anschauen wollte, stellte ich fest, dass mein alter Videorekorder ohne mein Wissen begonnen hatte, den Geist aufzugeben (Wie die meisten Menschen nahm ich viele Sendungen auf, schaute sie aber erst Monate später an). Das Bild war verzerrt, verschneit, unbetrachtbar. Unmöglich, unter diesen Bedingungen irgendetwas zu erkennen. Ein Haufen Filme, die ich in der gleichen Zeit aufgenommen hatte, war ebenfalls dahin. Ich dachte an meinen alten Freund Bernard, ein manischer Cineast, der immer sicherstellte, dass der Film, dessen Aufnahme er am Vortag programmiert hatte, auch korrekt aufgenommen worden war. Er hatte Recht gehabt. Ich hätte mich Ohrfeigen können.

Simple Cops hatte so viel Raum in meinem zerfaserten Leben eingenommen, dass ich in eine echte Depression versunken wäre, hätte ich nicht am übernächsten Tag einen Anruf wegen eines Jobs erhalten, auf den ich mich ohne große Illusionen beworben hatte. Es war eine Stelle in einer Kulturdelegation in Deutschland. Ich war einer der vier Kandidaten, deren Bewerbung ausgewählt worden war. Das Vorstellungsgespräch fand einige Tage später statt und verlief erstaunlich gut, vielleicht auch, weil ich mir keinerlei Hoffnungen auf Erfolg machte. Meine Deutschkenntnisse kamen mit einer Leichtigkeit wieder, die mich selbst begeisterte. Eine Woche später rief man mich an, um mir mitzuteilen, dass man trotz meiner sehr interessanten Bewerbung – blablabla – einen anderen eingestellt hatte. Jedoch war eine zweite Stelle, die dringend besetzt werden musste, kurzfristig in Berlin frei geworden. Natürlich war es nicht das gleiche Aufgabenprofil und die Bezahlung würde dementsprechend niedriger sein. Vielleicht sei ich ja der Ansicht, mein Ausbildungsniveau sei für diese Stelle zu hoch? Der Typ am anderen Ende der Leitung schien sich fast zu entschuldigen. Ich tat so, als würde ich einen Moment überlegen müssen, und akzeptierte dann – ohne zu erwähnen, dass mir diese Lösung gelegener nicht hätte kommen können. Ich hatte es noch nie gemocht, in “einer Verantwortungsposition zu stehen”, um seine Worte zu benutzen. Ich musste Packen, stapelweise Formulare ausfüllen, einen Untermieter finden. Plötzlich waren meine Tage ausgelastet.

In Berlin lebte ich mich sofort ein. Ich hatte den Eindruck, aus einem langen Winterschlaf zu erwachen. Es gab sehr viel zu tun, und die Arbeitstage verlängerten sich oft bis in die Abende und Wochenenden, doch das störte mich nicht. Manchmal dachte ich noch an den Mann im gelben Anorak. Es passierte auch, dass ich befreundeten Kollegen von ihm erzählte, doch niemand schien Simple Cops zu kennen. Meine Ausführungen wurden mit einer höflichen, aber skeptischen Stille begrüßt. Das war noch vor dem großen Serienboom, und die meisten Menschen im Kulturbereich interessierten sich nicht für diese Art von Fiktionen. Fernsehserien waren in ihren Augen ein Abfallprodukt der Massenkultur. Und da man mich ohnehin schon für einen komischen Kauz hielt, beharrte ich nicht allzu sehr und lenkte die Unterhaltung auf Bücher und Kunstausstellungen.

Die ersten sechs Monate vergingen wie im Flug. Als ich dann eines Morgens im Herbst das Filmprogramm in der Zeitung las, fiel mir eine Anzeige für einen neuen amerikanischen Film namens The Cleveland Ultimatum ins Auge. Der Regisseur war mir unbekannt, doch da ich in Begleitung von Detective Burns und seinen Kollegen so viele Stunden in der Stadt verbracht hatte, ging ich mir am darauffolgenden Samstagnachmittag den Film anschauen. Es war ein ziemlich uninspirierter Thriller mit endlosen Schießereien und einer Verschwörung, hinter der natürlich ein hohes Tier der CIA steckte. Es wurde diese unerträgliche, heute unerlässliche Schnitttechnik benutzt, bei der keine Einstellung länger als drei Sekunden dauert, um Rhythmus vorzutäuschen und zu verbergen, dass der Regisseur nicht weiß, wo er die Kamera hinstellen soll. Hätte die Handlung nicht in Cleveland gespielt, wäre ich nach zwanzig Minuten rausgegangen. Aber ich war froh, wenn auch nur schemenhaft, den Terminal Tower, den Hafen am Eriesee und die Bögen der Detroit-Superior Bridge erkennen zu können.

Die Einstellung war so schnell vorbei, dass ich zunächst an eine Halluzination glaubte. Doch dieser kleine gelbe Fleck hinten im Bild, war das nicht der Mann im Anorak? Ich ertrug tapfer die Lawine von vorhersehbaren Plot-Twists bis zum Ende des Films und bleib bis zur nächsten Vorstellung im Kino sitzen. Als die Sequenz erneut auf der Leinwand erschien, gab es keinen Zweifel mehr. Viele Jahre waren zwischen den Drehs von Simple Cops und The Cleveland Ultimatum vergangen. Sein Bart war ergraut. Er hatte seine Haare verloren. Doch er war es, in seinem alten gelben Anorak. Zusammen mit zwei anderen Vagabunden stand er an einer Straßenecke. Ich war wie vom Schlag getroffen.

Als ich das Kino verließ, plagten mich Gedanken aller Art, wenn auch nicht besonders tiefgründige. Während mein Leben eine Wendung zum besseren erfahren hatte, waren andere Existenzen für immer in einer Sackgasse steckengeblieben. Etwa wie, wenn man in das Viertel zurückkehrt, in dem man aufgewachsen ist, und feststellt, dass die Bäckersfrau immer noch Bäckersfrau ist. Während sich die Welt weiterdrehte, hatte der Mann im Gelben Anorak seine ziellose Wanderschaft fortgesetzt, ohne Cleveland je verlassen zu können. Oder besser gesagt, und dieser Gedanke bildete sich ganz von allein, so dass ich selbst stutzen musste, ohne das Bild von Cleveland je verlassen zu können.

Manchmal will es der Zufall, dass sich die Dinge überschlagen. Eine Woche später musste ich auf eine Dienstreise nach Köln. Abends kehrte ich erschöpft ins Hotel zurück, warf mich aufs Bett, schaltete den Fernseher ein, ließ meine Schuhe geräuschvoll auf den Boden fallen, und fing an, durch die Kanäle zu schalten. Auf Eurosport wurde eine Partie Snooker in Gänze übertragen. Ich schaute sie bis zu Ende an und versuchte, mich an die Regeln zu erinnern – eine Rote Kugel, dann eine Farbige… dieses Spiel hatte mich schon immer fasziniert. Dann schaltete ich wieder herum, zappte schnell durch fünf oder sechs Kanäle, und schaltete wieder zurück: ich hatte den dicken Burns erkannt. Es war eine Folge von Simple Cops. Eine, die ich noch nie gesehen hatte. Ich drehte lauter. Natürlich war die Folge auf Deutsch synchronisiert, was es noch seltsamer machte, in diesem Hotelzimmer, wenn auch wie zuvor in den frühen Morgenstunden, darauf zu stoßen. Die Handlung folgte einem anderen Rhythmus, sie war etwas behäbig, als wären die Drehbuchautoren noch nicht richtig warm geworden. Die Folge erweckte den Eindruck eines langen Prologs, in dem sich mehrere Handlungsstränge abzeichneten, deren Auflösung ich bereits kannte. Nach einer Viertelstunde ging mir auf, dass ich gerade dabei war, den Pilotfilm der Serie zu schauen.

Also wartete ich auf das Erscheinen des Mannes im gelben Anorak und hoffte, dass sein erster Auftritt noch nicht vorbei war. Bald entdeckte ich ihn: Er schlief auf einer Parkbank. Spaziergänger, Liebespaare und Mütter mit Kinderwagen liefen durch das Bild. Schließlich erschienen Burns und Atkinson und setzten sich. Die beiden Polizisten waren nicht im Dienst und diskutierten ihre persönlichen Probleme, keinen aktuellen Fall. Die Szene endete, wie sie begann, mit einer Totalen des gesamten Parks. Der Mann im Anorak schlief noch immer auf seiner Bank.

Während der Rest der Folge über den Bildschirm flimmerte und mich langsam der Schlaf übermannte, begann ich zu erahnen, was sich an diesem Tag am Set von Simple Cops ereignet hatte. Es war eine Szene mit vielen Statisten gewesen, deren Organisation nicht einfach gewesen war und die mehrere Anläufe gebraucht hatte, um das Ballett der Müßiggänger, die sich auf den Wegen des Parks begegneten, zu koordinieren. Der Regieassistent hatte den Statisten mit dem gelben Anorak gebeten, sich einfach auf eine Bank zu legen und den schlafenden Penner zu mimen. Man probte, veränderte einige Details – die Dame mit dem Kinderwagen bitte schneller, das Liebespaar etwas langsamer – und machte fünf oder sechs Aufnahmen. Unter der warmen Nachmittagssonne war der Mann im Anorak letzten Endes tatsächlich eingeschlafen. Als der Regisseur zufrieden war, gaben die Assistenten den Statisten frei. Der Rest des Teams packte die Ausrüstung ein. Keiner schenkte dem auf der Bank ausgestreckten Kerl im gelben Anorak mehr Beachtung. Als er eine Stunde später wieder aufwachte, hatte er den Park verlassen vorgefunden.

Wann hatte er bemerkt, dass er auf eine andere Realitätsebene gerutscht war? Er muss versucht haben, zu seiner Frau und seinen Kindern nach Hause zu gehen, doch das war nicht mehr möglich, denn sein Haus war nicht gefilmt worden. Er war Tage und Wochen in einem virtuellen Cleveland herumgeirrt, das sich nach und nach vergrößerte, wann immer bei Simple Cops ein neuer Drehort hinzukam. Als sein Geld aufgebraucht war, hatte er gebettelt, um zu überleben, geschlafen wo er konnte, und sich schließlich mit anderen Obdachlosen zusammengetan. Vielleicht hatte er ein paarmal versucht, seinen Leidensgenossen seine Geschichte zu erzählen. Doch die anderen lachten nur, ohne ihm Böses zu wollen, hielten ihn für einen ungefährlichen Irren und reichten ihm die Flasche. Während dieser ganzen Zeit suchte er verzweifelt nach einem Ausgang, der auf die Richtige Seite der Kulisse führte. Also probierte er alle Türen und ging überall hinein wo er konnte, doch vergebens. In einer Lagerhalle, in der er einmal geschlafen hatte, fand er ein paar alte Spraydosen, mit denen er Hilferufe auf die Mauern der Stadt sprühte – wer weiß, vielleicht würde ja jemand eines Tages seine Anwesenheit bemerken? Doch zehn Jahre später, als The Cleveland Ultimatum gedreht wurde, war er immer noch Gefangener dieser seltsamen, nur für die Kameras sichtbaren Zwischenwelt. Und vielleicht irrt er auch noch heute von Straße zu Straße, von Tür zu Tür, in der Hoffnung, eines Tages den Ausgang des Bildschirms zu finden.  


*video: Yuval Ben Bassat            

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