search
Gerade in Lektüre: Die Ermordung Margaret Thatchers | Hilary Mantel
search

Hilary Mantel | aus dem:Englischen

Die Ermordung Margaret Thatchers

Übersetzt von : Werner Löcher-Lawrence

Intro von Nir Baram

Liest man Hilary Mantels fesselnde Erzählung, die die Minuten vor der Ermordung Margaret Thatchers beschreibt (was sie zweifelsfrei zu einem Vertreter des Alternate-History-Genre werden lässt, neben den berühmteren Vertretern wie zum Beispiel Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick), fallen einem zwei Dinge auf. Als Erstes die Einstellung gegenüber Thatcher. Einerseits ist da der vertraute und herablassende Hass der Linken für die Tochter eines Ladenbesitzers, für eine Klassenverräterin, die zu einer Verehrerin der Reichen geworden ist. "Die Art, wie sie mit ihrem Dad, dem Lebensmittelhändler, und dem, was er ihr alles beigebracht hat, angibt, wobei doch klar ist, dass sie es jetzt noch ändern würde, wenn sie könnte, und lieber das Kind reicher Eltern wäre." Andererseits ist da die Bewunderung für Thatchers Macht, für ihr Verhalten, für die Allüren dieser Erzrivalin, der man insgeheim doch nahekommen will und von der man besessen ist. Als Zweites der Gebrauch von Gewalt. Die Kraft dieser Erzählung entsteht aus dem Widerspruch zwischen der wohlgeformten Erzählbewegung, den Beschreibungen, den längeren Dialogen und der Frage nach der Rolle der Gewalt in einer Demokratie. Im Grunde ist die Gewalt nicht wirklich präsent. Stattdessen schwebt sie über allem als ein zukünftiger Moment. Es geht schon nicht mehr darum, über sie zu beraten. Die Entscheidung zur Gewalt wurde längst gefällt. Und das ist eine weitere Stärke der Erzählung: Sie konfrontiert den Leser mit Menschen, die schon längst eine Entscheidung getroffen haben. Es ist nicht noch eine Erzählung über ein schmerzvolles moralisches Dilemma, sondern eine über Menschen, die für sich Gewalt als politisches Mittel gewählt haben. Im Laufe der Erzählung wird dem Leser bewusst, dass er wohl der Einzige ist, der die moralische Debatte über Gewalt wirklich führt, denn die Charaktere scheint das Abwegen längst nicht mehr zu interessieren...

Mehr lesen

25 April 1982, Downing Street: Verkündung der Rückeroberung des zu den Falklandinseln gehörenden South Georgia.

Mrs Thatcher: Der Verteidigungsminister ist gerade gekommen, um mir eine sehr gute Nachricht zu überbringen …

Verteidigungsminister: … die Nachricht, die wir erhalten haben, ist, dass britische Truppen heute Nachmittag kurz nach 16:00 Uhr Londoner Zeit auf South Georgia gelandet sind … Der Kommandant der Operation schickt folgende Nachricht: »Sind erfreut, Ihrer 

Majestät mitteilen zu können, dass unsere Seekriegsflagge neben dem 

Union Jack auf South Georgia flattert. Gott schütze die Königin.«

Mrs Thatcher: Freuen Sie sich über die Neuigkeiten und gratulieren Sie unseren Streitkräften und den Marine-Infanteristen. Gute Nacht.

Mrs Thatcher wendet sich der Tür von Downing Street Nummer 10 zu.

Reporter: Treten wir in einen Krieg mit Argentinien ein, Mrs Thatcher?

Mrs Thatcher (ihre Türschwelle übertretend): Freuen Sie sich.

Die Ermordung Margaret Thatchers: 6. August 1983

Stellen Sie sich zuerst die Straße vor, in der sie ihren letzten Atemzug nahm. Es ist eine ruhige Straße, beschaulich, von alten Bäumen beschattet: eine Straße mit hohen Häusern, die Fassaden wie mit weißem Zuckerguss bestrichen, das Mauerwerk honigfarben. Einige sind georgianisch flach, einige viktorianisch, mit schimmernden Erkern. Die Häuser sind zu groß für moderne Haushalte, und die meisten wurden in Wohnungen unterteilt. Aber das zerstört weder die Eleganz ihrer Proportionen, noch beeinträchtigt es den tiefen Glanz der mit Messing beschlagenen dunkelblauen oder waldgrünen Kassettentüren. Der einzige Nachteil des Viertels ist, dass es mehr Autos als Stellplätze am Straßenrand gibt. Die Anwohner parken Stoßstange an Stoßstange und legen ihre Parkausweise hinter die Scheiben. Wer eine Einfahrt hat, wird oft darin eingeparkt. Aber die Leute sind geduldig. Sie sind stolz auf ihre hübsche Straße und bereit, dafür zu leiden, dass sie hier wohnen. Wer den Blick hebt, sieht ein zerbrechliches georgianisches Oberlicht, einen warmen Bogen Terrakotta-Fliesen oder funkelndes Buntglas. Im Frühling kleiden sich die Kirschbäume in extravagante Blütenrüschen, und wenn der Wind die Blätter abstreift, treiben sie in rosa Wolken durch die Luft und bedecken die Bürgersteige, als hätten Riesen in der Straße Hochzeit gefeiert. Im Sommer weht Musik aus offenen Fenstern: Vivaldi, Mozart, Bach.

Die Straße selbst beschreibt eine sanfte Kurve und vereinigt sich mit der Hauptstraße, die aus der Stadt hinausführt. Die Dreifaltigkeitskirche auf ihrer Insel ist mit Garnisonsflaggen behängt. Aus einem hochgelegenen Fenster über die Stadt sehend (wie ich es am Tag der Ermordung getan habe), spürt man die Nähe von Festung und Burg. Werfen Sie einen Blick nach links, und der runde Turm tritt in den Blick und drückt förmlich gegen die Scheiben. An Tagen mit Nieselregen und treibenden Wolken zieht der Bergfried sich jedoch zurück, der zur Hälfte ausradierten Zeichnung eines Amateurkünstlers gleich. Seine Konturen weichen auf, die Ecken verbleichen, und er versinkt in der vom Fluss aufsteigenden rauen Kälte und scheint eher ein verschleierter Berg als eine Königsburg zu sein.

Die Häuser rechts vom Trinity Place – ich meine, rechts, wenn man aus der Stadt hinaussieht – haben große Gärten, die sich heute jeweils drei oder vier Parteien teilen. In den frühen 1980ern hatte sich England noch nicht dem Brandgeruch ergeben. Der wochenendliche Grillgestank war noch unbekannt, von den am Fluss gelegenen Gin-Palästen Maidenheads und Brays einmal abgesehen. Unsere Gärten, so makellos sie gepflegt waren, wurden kaum betreten. Es gab keine Kinder in der Straße, nur junge Paare, die sich noch nicht fortgepflanzt hatten, sowie ältere Paare, die höchstens einmal die Türen öffneten, um eine abendliche Party auf die Terrasse auszudehnen. An warmen Nachmittagen dörrten die Rasenflächen unbeaufsichtigt vor sich hin, und Katzen rollten sich auf der krümeligen Erde steinerner Pflanzvasen. Im Herbst kompostierte sich das herabfallende Laub selbstständig in den tiefer liegenden Patios der Souterrainwohnungen und wurden von ihren enervierten Eignern weggeschaufelt. Der Winterregen durchnässte die Büsche, ohne dass es jemand gesehen hätte.

Im Sommer 1983 aber fand sich diese vornehme, von Einkaufenden und Touristen missachtete Ecke im Brennpunkt des nationalen Interesses wieder. An die Gärten von Nummer 20 und 21 grenzte das Grundstück eines privaten Krankenhauses, eines anmutigen, hellen, an einer Straßenecke liegenden Gebäudes. Drei Tage vor ihrer Ermordung begab sich die Premierministerin für eine kleine Augenoperation in dieses Krankenhaus, worauf sofort alles kopfstand. Fremde schubsten die Anwohner herum. Zeitungsleute und Fernsehteams blockierten die Straße und parkten ohne Erlaubnis in Einfahrten. Man sah sie den Spinner’s Walk hinauf- und hinunterlaufen und Kabel und Lampen hinter sich herziehen, immer einen Blick auf das zur Clarence Road hinausgehende Eingangstor des Krankenhauses gerichtet, die Hälse mit Kameras behängt. Alle paar Minuten verschmolzen sie zu einer Masse wogender Kampfjacken, als wollten sie sich gegenseitig versichern, dass nichts geschah – aber dass etwas geschehen würde, irgendwann. Sie warteten, und während sie warteten, schlürften sie Orangensaft aus Kartons und Bier aus Flaschen, sie aßen, krümelten sich auf die Bäuche und warfen verschmierte Papiertüten auf die Beete. Der Bäcker am Ende der St Leonard’s Road hatte um zehn Uhr vormittags bereits keine Käsebrötchen mehr, alles andere war mittags verkauft. Leute aus Windsor standen auf dem Trinity Place zusammen, Einkaufstüten drängten sich auf niedrigen Mauern. Wir spekulierten darüber, wie wir zu dieser Ehre kamen und wann sie wohl wieder verschwinden würde.

Windsor ist nicht das, was Sie denken. Es hat seine Intelligenzija. Wenn man sich von der Burg zum Ende der Peascod Street hinunterschlängelt, stößt man nicht mehr nur auf royalistische Speichellecker, und wer über die Abzweigung zur Leonard’s Road wechselt, kann womöglich sogar heimliche Republikaner riechen. Für die örtlichen Sozialisten war das bei den Wahlen jedoch nur ein schwacher Trost, und die Leute murrten, Stimmen für sie seien verschenkte Stimmen. Sie mussten die Stärke ihrer Gefühle durch taktisches Wählen ausdrücken und ihre Einstellung bei extravaganten Veranstaltungen im Arts Centre unter Beweis stellen. Das war erst kürzlich in der alten Feuerwache eingerichtet worden und ein Ort, an dem Dichter im Selbstverlag eine Bühne fanden und saurer weißer Wein aus Kartons ausgeschenkt wurde. Samstagmorgens gab es Selbstbehauptungs-, Yoga- und Bilderrahmkurse.

Aber als Mrs Thatcher zu Besuch kam, gingen die Dissidenten auf die Straße. Sie bildeten Knoten, inspizierten das Pressecorps und wandten dem Krankenhaustor demonstrativ den Rücken zu, wo eine Reihe wertvoller Parkbuchten markiert und mit Schildern versehen waren: DOCTORS ONLY.

Eine Frau sagte: »Ich habe einen Doktortitel und bin oft versucht, dort zu parken.« Es war früh, und ihr Brot war noch warm vom Bäcker. Sie drückte es wie ein Haustier an ihre Brust und sagte: »Hier fliegen einige heftige Meinungen durch die Gegend.«

»Meine ist in Dolch«, erwiderte ich, »und der fliegt geradewegs in ihr Herz.«

»Das«, sagte sie bewundernd, »ist die stärkste Gefühlsäußerung, die ich bisher gehört habe.«

»Ich muss zurück in meine Wohnung«, sagte ich. »Ich warte auf den Handwerker, mein Boiler ist kaputt.«

»Das ist Pech«, sagte sie. »Wen haben Sie? Duggan? Wir haben Duggan. Er erpresst uns alle, aber was soll man machen? Hören Sie, soll ich Ihnen meine Nummer geben?« Sie schrieb sie mir auf den nackten Arm, da wir beide kein Papier dabeihatten. »Rufen Sie mich an. Gehen Sie manchmal ins Arts Centre? Da könnten wir uns auf ein Glas Wein treffen.«

Ich stellte gerade meine Flasche Perrier in den Kühlschrank, als es an der Tür klingelte. Ich dachte, wir wissen es noch nicht, aber wir werden einmal gern an die Zeit zurückdenken, als Mrs Thatcher hier war: Neue Freundschaften bildeten sich auf der Straße, mit Geplauder über Installateure und unsere Erfahrungen mit ihnen. In der Wechselsprechanlage knisterte es wie gewöhnlich, als hätte jemand das Kabel in Brand gesetzt. »Kommen Sie herauf, Mr Duggan«, sagte ich. Es konnte nicht schaden, ihn respektvoll zu behandeln.

Ich wohnte im dritten Stock, die Treppe war steil und Duggan schwergewichtig. Deshalb war ich überrascht, wie schnell er an die Tür klopfte. »Hallo«, sagte ich. »Haben Sie einen Parkplatz für ihren Transporter gefunden?« Auf dem Treppenabsatz stand ein Mann in einer billigen Steppjacke. Mein unschuldiger Gedanke war, das ist Duggans Sohn. »Wegen des Boilers?«, fragte ich.

»Genau«, sagte er.

Er wuchtete sich in die Wohnung, die Installateurstasche in der Hand. In der schuhschachtelgroßen Diele standen wir Nase an Nase. Seine Jacke, mehr als angemessen für den englischen Sommer, füllte den Raum zwischen uns aus. Ich drückte mich nach hinten.

»Was ist denn damit?«, sagte er.

»Er ächzt und knallt. Ich weiß, es ist August, aber …«

»Nein, Sie haben recht, Sie haben ja recht. Dem Wetter ist nicht

zu trauen. Werden die Heizkörper warm?«

»Stellenweise.«

»Sie haben Luft im System«, sagte er. »Ich lasse sie raus, während ich warte. Warum auch nicht. Wenn Sie einen Schlüssel haben.«

Jetzt kam mir ein Verdacht. Während ich warte, hatte er gesagt. Worauf? »Sind Sie Fotograf?«

Er antwortete nicht, befühlte und durchsuchte nur seine Taschen und runzelte die Stirn.

»Ich dachte, Sie sind der Installateur. Sie sollten hier nicht einfach so hereinmarschieren.«

»Sie haben mir aufgemacht.«

»Nicht Ihnen. Im Übrigen weiß ich nicht, warum Sie sich die Mühe machen. Sie können das Eingangstor von dieser Seite aus nicht sehen.  Sie müssen hier raus«, sagte ich eindringlich, »und dann links.«

»Es heißt, sie kommt hinten heraus. Da ist es doch der ideale Platz, um sie zu erwischen.«

Aus meinem Schlafzimmer hatte man einen perfekten Blick auf

den Krankenhausgarten. Jeder, der seitlich ums Haus ging, konnte das sehen.

»Für wen arbeiten Sie?«, sagte ich.

»Das müssen Sie nicht wissen.«

»Vielleicht nicht, aber Sie könnten es mir aus Freundlichkeit sagen.«

Ich wich in die Küche zurück, und er folgte mir. Der Raum war sonnenhell, und ich sah ihn jetzt besser: Er war untersetzt, in seinen Dreißigern, ungepflegt, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und widerspenstiges Haar. Er stellte seine Tasche auf den Tisch und zog die Jacke aus. Plötzlich war er nur noch halb so massig. »Sagen wir, ich bin Freiberufler.«

»Trotzdem«, sagte ich. »Ich sollte etwas dafür bekommen, dass Sie meine Wohnung benutzen. Das wäre nur fair.«

»Das können Sie nicht beziffern«, sagte er.

Seinem Akzent nach zu urteilen, kam er aus Liverpool. Er hörte sich völlig anders an als Duggan oder Duggans Sohn, hatte aber erst etwas gesagt, als er oben vor der Tür stand. Wie hätte ich es also merken sollen? Er hätte der Installateur sein können, sagte ich mir. Ich hatte mich nicht wie eine komplette Idiotin hereinlegen lassen. Einen Moment lang ging es mir nur um meine Selbstachtung. Frage nach einem Ausweis, bevor du einen Fremden hereinlässt, raten einem die Leute. Aber stellen Sie sich den Krawall vor, den Duggan gemacht hätte, hätte ich seinen Jungen auf der Treppe warten lassen, ihn daran gehindert, zum nächsten Boiler auf seiner Liste zu kommen, und damit seine Chancen zum Beutemachen geschmälert.

Aus dem Küchenfenster sah man auf den Trinity Place hinunter, auf dem es von Leuten nur so wimmelte. Wenn ich den Hals reckte, konnte ich links weitere Polizisten ausmachen, die aus Richtung des Privatparks am Clarence Crescent kamen. »Möchten Sie eine?« Mein Besucher hatte seine Zigaretten gefunden.

»Nein. Und es wäre mir lieber, wenn Sie auch nicht rauchten.«

»Verstehe.« Er stopfte die Schachtel zurück in die Tasche und zog ein zusammengeknülltes Taschentuch heraus, trat etwas vom großen Fenster zurück und wischte sich das Gesicht ab, das so grau und zerknittert wie sein Taschentuch war. Dieser Mann war es eindeutig nicht gewohnt, in fremde Wohnungen einzudringen, und ich ärgerte mich mehr über mich als über ihn. Er musste seinen Lebensunterhalt verdienen, und vielleicht konnte man es ihm nicht vorwerfen, in eine fremde Wohnung einzudringen, wenn ihm eine Närrin wie ich die Tür aufhielt. Ich sagte: »Wie lange gedenken Sie zu bleiben?«

»Sie wird in einer Stunde erwartet.«

»Verstehe.« Das erklärte das größer werdende Gedränge und den Tumult unten auf der Straße. »Woher wissen Sie das?«

»Wir haben ein Mädchen drinnen. Eine Schwester.«

Ich gab ihm zwei Stücke Küchenpapier. »Danke.« Er trocknete sich die Stirn. »Sie kommt heraus, und die Ärzte und Schwestern stellen sich in einer Reihe auf, damit sie ihnen ihre Anerkennung zollen kann. Sie wird an ihnen entlanggehen, Danke und Auf Wiedersehen sagen, um die Ecke tappen, in eine Limousine steigen, und schon ist sie weg. So ist es geplant. Eine genaue Zeit habe ich nicht. Deswegen dachte ich, wenn ich frühzeitig hier bin, könnte ich alles aufbauen und mir den besten Platz aussuchen.«

»Wie viel bekommen Sie dafür?«

»Lebenslänglich ohne Bewährung«, sagte er.

Ich lachte. »Es ist kein Verbrechen.«

»Das finde ich auch.«

»Ist es nicht etwas weit?«, sagte ich. »Ich meine, ich weiß, Sie haben besondere Objektive und sind der Einzige hier oben, aber wollen Sie keine Nahaufnahme?«

»Nein«, sagte er. »Solange ich unverstellte Sicht habe, ist das mit der Entfernung ein Kinderspiel.«

Er zerknüllte das Küchenpapier und sah sich nach einem Abfalleimer um. Ich nahm ihm das Papier ab, und er grunzte und machte sich daran, seine Tasche aufzuschnüren. Sie war aus Stoff und hätte, wie ich dachte, auch für Handwerker oder Vertreter getaugt. Und dann holte er nacheinander verschiedene Metallteile heraus, die ganz sicher nicht zu einer Kameraausrüstung gehörten, was selbst ich in meiner Ignoranz erkannte. Er begann sie zusammenzubauen und hatte ganz offenbar handwerkliches Geschick. Er sang bei der Arbeit, kaum hörbar, ein kleines Lied, wie sie es im Fußballstadion singen:

»Du dri-dra-dreckiger Liverpooler

Bist nur glücklich, wenn’s Stütze gibt,

 Dein Vater klaut, deine Mutter dealt,

Lass wenigstens unsere Radkappen dran.«

»Drei Millionen Arbeitslose«, sagte er. »Die meisten davon in unserer Gegend. Hier ist das sicher kein Problem.«

»O nein. Hier gibt’s genug Geschenkartikelläden, um allen einen Job zu geben. Waren Sie drüben in der High Street?«

Ich dachte an die Touristentrauben, die sich gegenseitig von den Bürgersteigen drängten und um Andenkenblech und aufziehbare Beefeater kämpften. Es könnte ein anderes Land sein. Von der Straße unten drangen keine Stimmen herauf. Unser Mann summte selbstvergessen vor sich hin, und ich fragte mich, ob sein Lied noch eine zweite Strophe hatte. Jedes Teil aus seiner Tasche wischte er mit einem Tuch ab, das sauberer als sein Taschentuch war, und behandelte es mit großer Andacht, wie ein Messdiener, der die Kelche fürs Hochamt poliert.

Als das Instrument zusammengesetzt war, hielt er es prüfend vor sich hin. »Ein Klappschaft«, sagte er. »Das ist das Tolle daran. Passt in eine Cornflakes-Schachtel. Sie nennen es einen Witwenmacher. Allerdings nicht in diesem Fall. Der arme, verdammte Dennis, was?  Er wird sich seine Eier von jetzt an selbst kochen müssen.«

Im Nachhinein betrachtet, fühlt es sich an, als hätten wir Stunden im Schlafzimmer zusammengesessen, er auf einem Klappstuhl am Schiebefenster, seinen Becher Tee in beiden Händen, den Witwenmacher zu seinen Füßen. Ich selbst saß auf dem Rand des Betts,

über das ich schnell die Decke gezogen hatte, damit es einigermaßen ordentlich aussah.

Er hatte seine Jacke aus der Küche mitgebracht, vielleicht waren die Taschen voller Attentäter-Requisiten. Als er sie aufs Bett warf, rutschte sie gleich wieder hinunter. Ich versuchte sie festzuhalten, und meine Hand wischte über das Nylon, das sich wie ein Reptil anfühlte. Die Jacke schien ein eigenes Leben zu haben. Ich zog sie aufs Bett neben mich und hielt den Kragen fest, was er mit einem anerkennenden Blick bedachte.

Er sah immer wieder auf die Uhr, obwohl er doch sagte, dass er keine genaue Zeit habe. Einmal rieb er mit dem Handteller darüber, als wäre das Glas vernebelt. Aus dem Augenwinkel versicherte er sich, dass ich noch war, wo ich sein sollte, und behielt auch meine Hände im Blick: wo er sie, wie er mir erklärte, gerne habe. Dann richtete er den Blick wieder auf den Rasen unten und die hinteren Zäune. Wie um seinem Ziel näher zu kommen, wippte er mit dem Stuhl nach vorn.

Ich sagte: »Es ist die falsche Weiblichkeit, die ich nicht ertrage, und die aufgesetzte Stimme. Die Art, wie sie mit ihrem Dad, dem Lebensmittelhändler, und dem, was er ihr alles beigebracht hat, angibt, wobei doch klar ist, dass sie es jetzt noch ändern würde, wenn sie könnte, und lieber das Kind reicher Eltern wäre. Es ist die Art, wie sie die Reichen vergöttert und ihnen huldigt. Ihr Philistertum und ihre Ignoranz und wie sie sich darin suhlt. Es ist ihr fehlendes Mitleid. Warum braucht sie eine Augenoperation? Weil sie nicht weinen kann?«

Als das Telefon klingelte, zuckten wir beide zusammen. Ich verstummte mitten im Satz.

»Gehen Sie ran«, sagte er. »Es wird für mich sein.«

Es war schwer für mich, mir das Netzwerk und all die Vorkehrungen vorzustellen, die hinter den Plänen für diesen Tag steckten. »Moment«, sagte ich, als ich ihn fragte, ob er Tee oder Kaffee wolle, und den Kessel einschaltete. »Sie wissen, dass ich den Installateur erwarte? Ich bin sicher, er kommt jeden Moment.«

»Duggan?«, sagte er. »Nein, nein.«

»Sie kennen Duggan?«

»Ich weiß, dass er nicht kommen wird.«

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Oh, Himmel noch mal.« Er schnaubte. »Warum sollten wir ihm was tun? Das ist nicht nötig. Er hat Bescheid bekommen. Wir haben überall Kumpel.«

Kumpel. Ein angenehmes Wort. Fast schon archaisch. Lieber Gott, dachte ich, Duggan ist ein IRA-Mann. Nicht, dass mein Besucher es ausgesprochen hätte, aber ich sagte es laut in meinem Kopf. Das Wort, die drei Buchstaben, schockierte oder bestürzte mich nicht so, wie es vielleicht bei Ihnen der Fall gewesen wäre. Das sagte ich ihm, während ich die Milch aus dem Kühlschrank holte und darauf wartete, dass das Wasser kochte. Ich sagte, ich würde Sie aufhalten, wenn ich könnte, aber es wäre allein aus Angst um mich selbst und davor, was mit mir geschehen wird, wenn Sie es getan haben. Was übrigens was sein wird? Ich bin kein Freund dieser Frau, allerdings glaube ich nicht (fühlte ich mich gezwungen hinzuzufügen), dass Gewalt irgendetwas löst. Aber ich würde Sie nicht verraten, weil …

»Ja, ja«, sagte er. »Alle haben sie eine irische Oma. Das garantiert gar nichts. Ich bin wegen Ihrer Aussicht hier, und mir ist egal, wem gegenüber Sie eine Affinität haben. Bleiben Sie vom Fenster vorn weg und fassen Sie das Telefon nicht an, oder ich schlage Sie tot. Mich interessieren die Lieder nicht, die ihre verdammten Großonkel samstagabends gesungen haben.«

Ich nickte.  Es waren nur meine eigenen Gedanken gewesen.

Rührseligkeit ohne Substanz.

»Der Bänkelsänger zieht in den Krieg,

In den Reihen des Todes wirst du ihn finden.

Das Schwert des Vaters hat er umgebunden

Und die wilde Harfe auf dem Rücken.«

Meine Großonkel (er hatte recht, was sie betraf) hätten keine wilde Harfe erkannt, selbst wenn eine auf sie losgegangen wäre und sie in den Hintern gebissen hätte. Ihr Patriotismus war nur eine Ausrede dafür, sich den Blick schief zu trinken, so ähnlich nannten sie

es, während ihre Frauen Tee schlürften, Ingwerplätzchen aßen und anschließend hinten in der Küche den Rosenkranz beteten. Die ganze Sache war eine Ausrede. Dafür, dass wir unterdrückt werden. Dass wir hier sitzen und unterdrückt werden, während andere Leute auf ihre unchristliche Weise etwas aus sich machen und sich dreiteilige Anzüge kaufen. Während wir hier sitzen und »La-la-la auld Ireland« singen (weil wir nach all der Zeit den Text vergessen haben), schlichten unsere Nachbarn ihren Streit, lassen ihre Herkunft hinter sich und greifen zu modernen, nicht sektiererischen Formen der Stigmatisierung, die sich in modernen Liedern niederschlagen: »Du dri-dra-dreckiger Liverpooler«. Ich persönlich bin keine Liverpoolerin, aber den Norden scheren im Süden alle über einen Kamm. Und in Berkshire und in der Gegend um London sind alle Gründe, alle Ideen, für die ein Mensch sterben wollen könnte, nichts als Ärgernisse, Verstöße gegen den Frieden, und wahrscheinlich verursachen sie auch noch Verkehrsstaus und Zugverspätungen.

»Sie scheinen ja gut über mich Bescheid zu wissen«, sagte ich und klang verärgert.

»So weit es nötig ist. Ich meine, nicht dass Sie was Besonderes wären. Sie können helfen, wenn Sie wollen, und wenn Sie es nicht wollen, verhalten wir uns entsprechend.«

Er redete, als hätte er Komplizen. Aber er war allein. Ein Mann. Wenn auch ein massiger, selbst ohne Jacke. Nehmen wir an, ich wäre ein überzeugter Tory gewesen oder eine der frommen Seelen, die keiner Fliege was zuleide tun können: Ich hätte dennoch nichts Heikles probiert. Er hielt mich offenbar für fügsam, oder vielleicht traute er mir sogar ein wenig, seinem Spott zum Trotz. Auf jeden Fall ließ er zu, dass ich ihm mit meinem Becher Tee ins Schlafzimmer folgte. Seinen eigenen Tee hielt er in der linken, sein Gewehr in der rechten Hand. Das Klebeband und die Handschellen blieben auf dem Küchentisch zurück, wo er sie beim Auspacken seiner Tasche hingelegt hatte. Und jetzt ließ er mich an das Telefon auf meinem Nachttisch gehen und ihm den Hörer geben. Ich hörte die Stimme einer Frau, jung, zaghaft und weit weg. Man hätte nicht gedacht, dass sie im Krankenhaus gleich nebenan war. »Brendan?«, sagte sie, und ich nahm nicht an, dass das sein richtiger Name war.

Er legte den Hörer so heftig auf, dass es schepperte. »Es gibt eine verdammte Verzögerung. Sie denkt, so um die zwanzig Minuten. Oder dreißig, es könnten sogar dreißig sein.« Er ließ die Luft aus der Lunge fahren, als hätte er, seit er die Treppe heraufgestampft war, den Atem angehalten. »Verdammt, verdammt. Wo ist das Klo?«

Man kann jemanden überraschen, indem man »Affinität« sagt, dachte ich, und dann »Wo ist das Klo?« folgen lassen. Nicht gerade der gute Windsor-Ton. Eine wirkliche Frage war es auch nicht. Die Wohnung war zu klein, als dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte. Er nahm seine Waffe mit. Ich hörte, wie er urinierte. Den Wasserhahn aufdrehte. Ich hörte es plätschern, hörte ihn herauskommen und den Reißverschluss hochziehen. Sein Gesicht war gerötet, wo er es abgetrocknet hatte. Er ließ sich auf den Klappstuhl fallen, dessen zerbrechliches Rohrgeflecht ein Jammern hören ließ. Er sagte: »Sie haben eine Nummer auf Ihrem Arm stehen.«

»Ja.«

»Von wem ist sie?«

»Von einer Frau.« Ich tupfte mit dem Zeigefinger auf die Zunge und fuhr damit über die Zahlen.

»So kriegen Sie das nicht weg. Dazu brauchen Sie Seife und müssen gut rubbeln.«

»Wie nett, dass Sie so Anteil nehmen.«

»Haben Sie sie aufgeschrieben? Die Nummer?«

»Nein.«

»Sie wollen sie nicht?«

Nur, wenn ich eine Zukunft habe, dachte ich und überlegte, wann es angemessen wäre zu fragen.

»Schütten Sie uns noch einen Tee auf, und diesmal mit etwas Zucker.«

»Oh«, sagte ich. Es machte mich verlegen, eine schlechte Gastgeberin gewesen zu sein. »Ich wusste nicht, dass Sie Zucker nehmen. Es kann sein, dass ich gar keinen weißen habe.«

»Die Bourgeoisie, wie?«

Ich war wütend. »Und Sie sind sich nicht zu schade, aus meinem bourgeoisen Schiebefenster zu schießen, oder?«

Er ruckte vor und griff nach dem Gewehr. Nicht, um mich zu erschießen, obwohl mein Herz kurz aussetzte. Er starrte hinunter in den Garten, und sein Körper spannte sich an, als wollte er die Scheibe mit dem Kopf einschlagen. Er ließ ein leises, unbefriedigtes Grunzen hören und setzte sich wieder hin. »Da war eine verdammte Katze auf dem Zaun.«

»Ich habe Demerara«, sagte ich, »und wahrscheinlich schmeckt der genauso, wenn er hineingerührt ist.«

»Sie kommen doch nicht auf den Gedanken, aus dem Küchenfenster zu rufen?«, sagte er. »Oder die Treppe hinunterzurennen?«

»Was? Nach allem, was ich gesagt habe?«

»Sie denken, Sie sind auf meiner Seite?« Er schwitzte wieder. »Sie kennen meine Seite nicht. Glauben Sie mir, Sie haben keine Ahnung.«

Mir kam der Gedanke, dass er kein Provisorischer war, sondern einer der verrückten Splittergruppen angehörte, von denen man lesen konnte. Allerdings war ich kaum in der Situation, Haarspaltereien zu betreiben. Das Endergebnis würde dasselbe sein. Aber ich sagte: »Bourgeoisie, was für ein Polytechnikumsausdruck ist das denn?«

Ich beleidigte ihn, und ich tat es bewusst. Den Jüngeren sollte ich erklären, dass die Polytechnika-Institute höherer Bildung für all die waren, die es nicht in eine Universität geschafft hatten: für die, die aufgeweckt genug waren, von »Affinität« zu sprechen, aber immer noch billige Nylonjacken trugen.

Er runzelte die Stirn. »Schütten Sie den Tee auf.«

»Ich denke, Sie sollten sich nicht über meine Großonkel lustig machen, weil sie, wie Sie denken, nur vorgetäuschte Iren sind, wenn Sie selbst mit Ausdrücken um sich werfen, die Sie in Müllcontainern gefunden haben.«

»Es war eine Art Witz«, sagte er.

»Oh. War es das?« Ich war verblüfft. »Dann sieht es wohl so aus, als hätte ich auch nicht mehr Sinn für Humor als sie.« Ich deutete mit dem Kopf zum Rasen draußen, auf dem in Kürze die Premierministerin sterben sollte.

»Ich werfe ihr nicht vor, dass sie nicht lacht«, sagte er. »Das nicht.«

»Das sollten Sie aber. Deshalb kann sie nicht sehen, wie lächerlich sie ist.«

»Lächerlich würde ich sie nicht nennen.« Er blieb stur. »Grausam, durchtrieben, aber nicht lächerlich. Was gibt es da zu lachen?«

»Menschen lachen«, sagte ich.

Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: »Jesus hat geweint.«

Er grinste. Ich sah, wie er sich entspannte, da er wusste, dass er wegen der verdammten Verzögerung jetzt noch nicht morden musste. »Wobei«, sagte ich, »sie wahrscheinlich lachen würde, wenn sie uns hier so sähe. Auslachen würde sie uns. Voller Verachtung. Sehen Sie nur Ihren Anorak an. Sie verachtet ihn. Und mein Haar. Sie verachtet mein Haar.«

Er hob den Blick. Er hatte mich bis dahin nicht richtig angesehen. Ich war nur die Teeköchin. »So wie es herunterhängt«, erklärte ich. »Statt in Wellen gelegt zu sein. Ich sollte es waschen und mir eine Dauerwelle machen lassen. Auf abgestufte Rollen sollte ich es wickeln – sie weiß, wie man solches Haar behandelt. Und ich mag auch nicht, wie sie geht. Wie sie ›tappt‹, haben Sie gesagt. Sie wird ›um die Ecke tappen‹. Das haben Sie richtig beobachtet.«

»Was denken Sie, worum es hier geht?«, fragte er.

»Um Irland.«

Er nickte. »Und ich will, dass Sie das verstehen. Ich erschieße sie nicht, weil sie keine Opern mag. Oder weil Ihnen ihre – wie in Dreiteufelsnamen nennen Sie es? – ihre Accessoires nicht gefallen. Es hat nichts mit ihrer Handtasche zu tun. Nichts mit ihrer Frisur. Es geht um Irland. Nur um Irland, okay?«

»Oh, ich weiß nicht«, sagte ich, »Sie haben selbst etwas von einem falschen Iren, denke ich. Sie sind dem alten Land nicht näher als ich. Ihre Großonkel kannten den Text auch nicht. Deswegen wollen Sie vielleicht zusätzliche Gründe. Beigaben.«

»Ich bin traditionell erzogen«, sagte er. »Und das hier ist das Ergebnis.« Er sah sich um, als könnte er es nicht glauben: Die entscheidende Tat seines engagierten Lebens lag nur zehn Minuten entfernt, und er lehnte mit dem Rücken an einem weiß furnierten Pressspanschrank, über sich eine plissierte Papierjalousie. Auf dem ungemachten Bett saß eine fremde Frau, und dem letzten Tee, den er in der Hand hielt, fehlte der Zucker. »Ich denke an die Jungs im Hungerstreik«, sagte er, »der Erste von ihnen starb, fast auf den Tag zwei Jahre nachdem sie das erste Mal gewählt worden war. Wussten Sie das? Bobby brauchte sechsundsechzig Tage, um zu sterben, und kurz darauf folgten neun weitere Jungs. Es heißt, nach fünfundvierzig Tagen wird es besser. Da hörst du auf, Galle zu spucken, und kannst wieder trinken. Aber das ist deine letzte Chance, denn schon fünf Tage später kannst du kaum noch sehen oder hören. Dein Körper verdaut sich selbst. Voller Verzweiflung frisst er sich selbst auf. Und Sie fragen sich, ob sie nicht lachen kann? Ich wüsste nicht, was es zu lachen gäbe.«

»Was soll ich dazu sagen?«, erwiderte ich. »Ich stimme allem zu, was Sie sagen. Gehen Sie und kochen Sie den Tee, ich bleibe hier und passe auf das Gewehr auf.«

Er schien es einen Moment lang in Betracht zu ziehen.

»Sie würden sie verfehlen. Sie sind nicht trainiert.«

»Wie haben Sie trainiert?«

»Mit Zielscheiben.«

»Bei einer lebendigen Person ist es etwas anderes. Sie könnten die Schwestern treffen. Die Ärzte.«

»Vielleicht, ja.«

Ich hörte seinen festsitzenden Raucherhusten. »Oh, richtig, der Tee«, sagte ich. »Aber wissen Sie noch etwas? Die Jungs mögen am Ende ja blind gewesen sein, aber sie haben die Sache offenen Auges angefangen. Sie können einer Regierung wie dieser kein Mitleid abzwingen. Warum sollte sie verhandeln? Wie können Sie das erwarten? Was zählen für diese Leute schon ein Dutzend Iren? Was zählen hundert? Die wollen die Todesstrafe. Sie geben sich modern, aber lass sie frei schalten und walten, und sie stechen ihren Feinden öffentlich die Augen aus.«

»Ist vielleicht gar nicht so schlecht«, sagte er. »Aufgehängt zu werden. Unter gewissen Umständen.«

Ich starrte ihn an. »Um ein irischer Märtyrer zu werden? Okay. Das geht schneller, als sich zu Tode zu hungern.«

»So ist es. Da kann ich nicht widersprechen.«

»Sie wissen, was die Männer im Pub sagen? Sie sagen, nenne mir einen einzigen irischen Märtyrer. Sie sagen, komm schon, komm, du kannst es nicht, oder?«

»Ich könnte Ihnen eine ganze Reihe nennen«, sagte er. »Die Namen standen in der Zeitung. Sind zwei Jahre eine zu lange Zeit, um sich noch zu erinnern?«

»Nein. Aber vergessen Sie nicht: Die Leute, die das sagen, sind Engländer.«

»Sie haben recht. Es sind Engländer«, sagte er traurig. »Sie können sich verdammt noch mal an gar nichts erinnern.«

Zehn Minuten, dachte ich. Etwa zehn Minuten. Ihm zum Trotz trat ich leise ans Küchenfenster. Die Straße war in ihre gewohnte Alltagsstarre verfallen. Die Leute waren alle an der Ecke. Sie mussten sie bald erwarten. Auf der Arbeitsfläche stand das Telefon, direkt neben meiner Hand, aber wenn ich es abnahm, würde er den Apparat im Schlafzimmer einen leisen Piepser von sich geben hören, würde kommen und mich töten, nicht mit einer Kugel, sondern auf eine weniger auffällige Weise, um die Nachbarn nicht zu alarmieren und sich den Tag nicht zu verderben.

Ich stand neben dem Kessel, während er zum Kochen kam, und fragte mich: War die Augenoperation ein Erfolg? Wird sie, wenn sie herauskommt, normal sehen können? Werden Sie sie führen müssen? Werden ihre Augen verbunden sein?

Mir gefiel das Bild nicht, und ich rief zu ihm hinüber, um die Antwort zu bekommen. Nein, rief er zurück, die alten Augen werden so scharf sein wie je.

Ich dachte, sie hat keine Träne in sich. Nicht für die Mutter im Regen an der Bushaltestelle oder für den Seemann, der auf dem Meer verbrennt. Sie schläft vier Stunden pro Nacht und lebt von Whiskydämpfen und dem Eisen im Blut ihrer Beute.

 

Als ich ihm die zweite Tasse Tee, mit Demerara, hineinbrachte, hatte er seinen weiten Pullover ausgezogen, der unten an den Ärmeln aufribbelte. Er ist für das Grab angezogen, dachte ich, Schicht über Schicht, doch das wird die Kälte nicht vertreiben. Unter der Wolle trug er ein verblichenes Flanellhemd. Der verdrehte Kragen stand in die Höhe. Ich dachte, er sieht aus wie ein Mann, der seine Wäsche selbst wäscht. »Ziehen Sie jemanden mit ins Unglück?«, fragte ich.

»Nein«, sagte er, »ich hab keinen großen Erfolg bei Mädchen.« Er fuhr sich mit der Hand über das Haar, als könnte die Geste etwas an seinem Glück ändern. »Keine Kinder, na ja, wenigstens keine, von denen ich wüsste.«

Ich gab ihm seinen Tee. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Hinterher …«, sagte er.

»Ja?«

»Sie werden gleich sehen, woher der Schuss gekommen ist, dazu müssen sie nicht lange herumknobeln. Wenn ich die Treppe runter bin und aus der Tür komme, haben sie mich gleich da auf der Straße. Ich nehme das Gewehr mit, dann erschießen sie mich, sobald sie mich sehen.« Er hielt inne und setzte dann wie gegen einen Einwand von mir nach: »So ist es das Beste.«

»Ah«, sagte ich. »Ich dachte, Sie hätten einen Plan. Ich meine, einen anderen, als sich töten zu lassen.«

»Was für einen besseren Plan könnte ich haben?« Es lag nur ein Hauch Sarkasmus in seiner Stimme. »Das hier ist ein Gottesgeschenk. Das Krankenhaus. Ihre Dachwohnung. Ihr Fenster. Sie. Es ist billig, sauber, schafft diese Frau aus dem Weg und kostet nur einen Mann.«

Ich hatte gesagt, Gewalt löse keine Probleme. Aber das war reine Frömmigkeit, wie das Gebet vor dem Essen. Die Bedeutung hatte mich nicht gekümmert, als ich es sagte, und als ich jetzt darüber nachdachte, fühlte ich mich wie eine Heuchlerin. Es ist nur das, was die Starken den Schwachen predigen, du hörst es nie andersherum: Die Starken legen ihre Waffen nicht weg. »Was, wenn ich Ihnen etwas Zeit verschaffen könnte?«, sagte ich. »Wenn Sie Ihre Jacke beim Schießen trügen und bereit wären zu verschwinden: den Witwenmacher hier ließen, ihre leere Tasche nähmen und das Haus wie ein Installateur verließen? So, wie Sie hereingekommen sind?«

»Sobald ich dieses Haus verlasse, haben sie mich.«

»Und wenn Sie durchs Nebenhaus gingen?«

»Wie sollte das möglich sein?«, sagte er.

Ich sagte: »Kommen Sie mit.«

Es machte ihn nervös, seinen Posten zu verlassen, aber auf diese Aussicht hin musste er es. Wir haben noch fünf Minuten, sagte ich, und das wissen Sie, also kommen Sie und lassen Sie das Gewehr ordentlich unter dem Stuhl liegen. Er folgte mir dicht auf in den Flur, und ich musste ihm sagen, er solle einen Schritt zurücktreten, damit ich die Tür aufmachen konnte. »Arretieren Sie den Riegel«, riet ich ihm. »Es wäre ein Witz, wenn wir uns aussperrten.«

Die Treppen in diesen Häusern sind ohne Tageslicht. Man kann einen Zeitschalter an der Wand drücken und die Treppenabsätze damit in ein grelles gelbliches Licht tauchen. Aber nach den eingestellten zwei Minuten wird es wieder dunkel. Allerdings nicht so dunkel, wie man erst denkt.

Du stehst, atmest ruhig und gleichmäßig, und die Augen gewöhnen sich. Die Füße machen kein Geräusch auf dem dicken Teppich, und du gehst eine halbe Treppe hinab. Du lauschst: Das Haus ist still. Die Mieter, die sich diese Treppe teilen, sind den ganzen Tag nicht da. Die geschlossenen Türen annullieren und dämpfen die Welt draußen, das Geschnatter der Radionachrichten, den Lärm der Stadt, selbst das apokalyptische Dröhnen der Flugzeuge, die nach Heathrow einschwenken. Die stehende Luft riecht nach Kampfer, als öffneten die Leute, die als Erste in diesem Haus gewohnt haben, die Schränke und holten ihre Trauerkleidung heraus. Halb schon draußen, aber noch im Haus, sichtbar, aber ungesehen, könntest du hier ungestört eine Stunde verbringen, oder gar einen ganzen Tag. Schlafen könntest du, träumen. Unschuldig oder nicht, du könntest dich hier jahrzehntelang versteckt halten, während die Töchter der Ratsherren da draußen alt werden: Hier auf den Stufen könntest auch du alt werden und die Henkersschlinge von deinem Namen nehmen. Eines Tages werden die Häuser einstürzen, in einer Wolke aus Putz und Knochenstaub. Die Zeit wird sich auf null zubewegen, auf einen Punkt: Engel werden suchend durch die Ruinen streifen, Blütenblätter aus den Gossen blasen, die Arme in zerfetzte Flaggen gewickelt.

Auf der Treppe die geflüsterten Worte: »Und werden Sie mich auch töten?« Das ist eine Frage, die sich nur im Dunklen stellen lässt.

»Ich lasse Sie gefesselt und geknebelt zurück«, sagt er. »In der Küche. Sie können Ihnen sagen, dass ich es gleich nach meinem gewaltsamen Eindringen gemacht habe.«

»Aber wann wollen Sie es wirklich tun?« Die Stimme ein Murmeln.

»Kurz vorher. Hinterher ist keine Zeit.«

»Das werden Sie nicht. Ich will es sehen. Das verpasse ich nicht.«

»Dann fessele ich Sie im Schlafzimmer, okay? Ich fessele Sie mit Aussicht.«

»Sie könnten mich auch kurz vorher nach unten gehen lassen. Ich nehme eine Einkaufstasche mit, und wenn mich niemand sieht, sage ich, ich war die ganze Zeit weg. Aber dann müssen Sie meine Tür noch aufbrechen, oder? Damit es nach einem Einbruch aussieht.«

»Ich sehe, dass Sie sich mit meinem Job auskennen.«

»Ich lerne.«

»Ich dachte, Sie wollten zusehen.«

»Ich würde es hören können. Es wird wie das Getöse in einem römischen Amphitheater sein.«

»Nein. So machen wir es nicht.« Eine Berührung, eine Hand streicht über meinen Arm. »Zeigen Sie’s mir schon. Womit ich hier

meine Zeit verschwende.«

Zwischen den Etagen ist eine Tür. Sie sieht aus wie der Zugang zu einem Besenschrank. Aber sie ist schwer. Schwer zu öffnen, und die Hand rutscht vom Messingknauf ab.

»Im Falle eines Feuers …«

Er beugt sich an mir vorbei und zieht die Tür auf.

Fünf Zentimeter dahinter eine weitere Tür.

»Drücken Sie.«

Er drückt. Sie schwingt langsam auf, Dunkel ins Dunkel. Der gleiche abgestandene, gestaute Geruch, der Geruch des Grenzbereichs, in dem die private und die öffentliche Welt aufeinandertreffen: Regennässe auf Industrieteppich, klamme Schirme und feuchtes Schuhleder, der Metallgeruch von Schlüsseln, Salz in der Hand. Aber es ist das Nebenhaus, sieh genau in die Düsternis. Es ist die gleiche und auch wieder nicht. Du kannst von einem Rahmen in den anderen treten. Als Mörder betrittst du Nummer 21, als Installateur verlässt du Nummer 20. Hinter der Feuertür sind andere Haushalte mit anderen Leben. Verschiedene Geschichten liegen nahe beieinander: eingerollt wie Tiere im Winterschlaf, mit flachem Atem, der Puls nicht fühlbar.

Was wir tun müssen, ist klar: Wir müssen uns zusätzlich Zeit verschaffen. Die Gnade ein paar zusätzlicher Momente, um uns von der Situation wegzubringen, die nicht verhandelbar ist. Das Haus hat eine unerwartete Eigenart. Sie bietet nur eine kleine Chance, aber eine andere gibt es nicht. Aus dem Nebenhaus tritt er ein paar Meter näher zum Ende der Straße hin ins Freie: näher zum richtigen Ende, weg von Stadt und Burg, weg von der Tat. Wir müssen annehmen, dass er trotz seines Wagemuts nicht sterben will, wenn er es vermeiden kann: dass irgendwo in den umliegenden Straßen, widerrechtlich auf dem Platz eines Anwohners geparkt oder eine Zufahrt versperrend, ein Auto auf ihn wartet, um ihn außer Reichweite zu bringen, ihn verschwinden zu lassen, als hätte es ihn nie gegeben.

Er zögert, blickt in die Dunkelheit.

»Versuchen Sie es. Schalten Sie das Licht nicht ein. Sagen Sie nichts. Gehen Sie nur hindurch.«

Wer hat die Tür in der Wand nicht gesehen? Es ist der Trost des schwachen Kindes, die letzte Hoffnung des Gefangenen. Es ist der einfache Ausgang für den Sterbenden, der nicht im Todesgriff eines rasselnden Keuchens zugrunde geht, sondern mit einem Seufzer verscheidet, wie eine zu Boden fallende Feder. Es ist eine besondere Tür, die nicht den Gesetzen von Holz und Eisen gehorcht. Kein Schlosser kann sie versperren, kein Gerichtsvollzieher eintreten. Patrouillierende Polizisten gehen an ihr vorbei, denn sie ist nur für das glaubende Auge sichtbar. Bist du einmal durch sie hindurch, kommst du als Licht und Luft zurück, als Funken und Flamme. Dass der Attentäter ein Flimmern auf den Rahmen geworfen hat, weißt du. Hinter der Tür löst er sich auf, deswegen siehst du ihn nie in den Nachrichten. Deswegen lernst du seinen Namen nicht kennen, erfährst nicht, wie er aussieht. Deswegen lebte Mrs Thatcher, wie du sicher weißt, bis zu ihrem natürlichen Tod. Aber beachte die Tür; beachte die Wand; beachte die Macht der Tür in der Wand, die du nie gesehen hast. Und beachte den kalten Wind, der durch sie hindurchbläst, wenn du sie einen Spalt öffnest. Die Geschichte hätte immer auch anders sein können. Denn es gibt die Zeit, den Ort, die schwarze Gelegenheit: den Tag, die Stunde, die Neigung des Lichts, das Läuten des Eiswagens in einer fernen Gasse bei der Umgehungsstraße.

Und als er zurück in Nummer 21 tritt, grunzt der Attentäter vor Lachen.

»Pssst«, sage ich.

»Das ist Ihr toller Vorschlag? Dass sie mich ein Stück weiter die Straße hinunter erschießen? Okay, wir probieren es. Verlassen den Ort auf einer anderen Route. Eine kleine Überraschung.«

Die Zeit ist knapp. Wir kehren ins Schlafzimmer zurück. Er hat nicht gesagt, ob ich es überleben werde oder andere Pläne machen sollte. Er schiebt mich zum Fenster. »Machen Sie es auf und treten Sie dann zurück.«

Er fürchtet, ein plötzliches lautes Geräusch könnte unten jemanden aufschrecken. Aber wenn das Fenster auch schwer ist und mitunter an seinem Rahmen rüttelt, fährt es doch ruhig nach oben. Er muss sich keine Sorgen machen. Die Gärten sind leer, und drüben im Krankenhaus, hinter Zäunen und Büschen, tut sich etwas. Sie kommen heraus: zunächst nicht die höheren Herrschaften, sondern eine Schar Schwestern mit Kitteln und Hauben.

Er nimmt den Witwenmacher und legt ihn sich sanft auf die Knie. Er kippelt mit seinem Stuhl vor, und weil ich sehe, dass seine Hände wieder schweißnass sind, bringe ich ihm ein Handtuch, das er ohne ein Wort nimmt. Er wischt sich die Handflächen trocken. Erneut werde ich an etwas Priesterliches erinnert: ein Opfer. Eine Wespe trödelt auf der Fensterbank herum. Der Geruch der Gärten ist wässrig und grün. Lauer Sonnenschein zieht herein, poliert seine schäbigen Halbschuhe und schiebt sich scheu über die 

Oberfläche des Frisiertischs. Ich will ihn fragen: Wenn das, was geschehen soll, geschieht, wird es laut sein? Hier, wo ich sitze? Wenn ich sitze? Oder stehe? Wo stehe? Neben ihm? Vielleicht sollte ich mich hinknien und beten.

Jetzt sind es nur noch Sekunden. Auf der Terrasse, dem Rasen zwitschert das Krankenhauspersonal. Eine Verabschiedungsreihe hat sich gebildet. Ärzte, Schwestern, Bürohocker. Der Chef kommt dazu, in seinem weißen Aufzug und mit einer Haube, wie ich sie bisher nur in Bilderbüchern gesehen habe. Wider Willen muss ich kichern. Ich bin mir jedes Ein- und Ausatmens des Attentäters bewusst. Stille senkt sich nieder: auf den Garten, auf uns.

Hohe Absätze auf dem vermoosten Pfad. Tippi-tapp. Tappe weiter. Sie müht sich, kommt aber nicht schnell voran. Die Tasche an ihrem Arm, wie ein Schild. Der geschneiderte Anzug genau, wie ich ihn mir vorgestellt habe, die Schleife, die lange Perlenkette und – etwas Neues – eine riesige Brille. Schützt sie, ohne Zweifel, vor den Prüfungen des Nachmittags. Die Hand ausgestreckt, bewegt sie sich an der Reihe entlang. Jetzt, da es endlich so weit ist, haben wir alle Zeit dieser Welt. Der Schütze kniet nieder und nimmt seine Position ein. Er sieht, was ich sehe, den glitzernden Helm ihres Haars. Er sieht ihn wie eine Goldmünze in der Gosse leuchten, groß wie den vollen Mond. Die Wespe schwebt über der Fensterbank, hängt in der ruhigen Luft. Ein leichtes Blinzeln des blinden Auges der Welt.

»Freuen Sie sich«, sagt er. »Scheiße noch mal, freuen Sie sich.«


*Aus: Die Ermordung Margaret Thatchers von Hilary Mantel. © der deutschen Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln, S. 133-158.

    arrow2right arrow2right Stories, die zusammengehören :

    Wenn dir diese Story gefallen hat, hier ein paar, die ausgezeichnet dazu passen.

    The Short Story Project © | Ilamor LTD 2017

    Autoren

    Send this to a friend

    Hi, this may be interesting you: Die Ermordung Margaret Thatchers! This is the link: http://www.shortstoryproject.com/de/die-ermordung-margaret-thatchers/