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Gerade in Lektüre: Die Zuseher | Kathrin Röggla
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Kathrin Röggla | aus dem:Deutschen

Die Zuseher

Intro von Petra Gropp

Unsere Welt befindet sich in einem ununterbrochenen Ausnahmezustand. Fortwährend sind wir mit Bildern konfrontiert, die uns den Klimawandel, politische Unruhen, zusammenbrechende Infrastrukturen vor Augen führen. Wir hören die Geräusche der Panik: Finanzkrisen, Seuchen, spektakuläre Entführungen. Und wir schauen auf die Szenen der Panik, auf die Rettungsaktionen und Sicherheitsmaßnahmen, als wären sie Fiktion. Und tatsächlich könnten all diese Katastrophengeschichten als Skript für Filme aus Hollywood herhalten. Sind wir die Helden in einem Katastrophenfilm? Die Anti-Helden? Ist unser Leben ein worst-case-Szenario? Experten, Schaulustige und Betroffene schauen alle gebannt auf die Katastrophe und fragen sich: „Haben wir überlebt?“ Kathrin Röggla denkt nach über die Narration der Katastrophe. Sie analysiert die Sprache der Panik, das Kauderwelsch der Experten und die trügerischen, euphemistischen Sprachregelungen auf dem Gebiet der Sicherheit und erschafft auf diese Weise ein kunstvolles Echo der Apokalypse.

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mal sehen, ob die wälder wieder brennen, mal sehen, ob starke hitze uns entgegenschlägt. mal sehen, ob der rauch die tiere aus den büschen treibt, deren namen wir nicht kennen, mal sehen, ob das eine stille nach sich zieht. mal sehen, ob der regen einsetzt, den ein schwarzer wind ins land drückt, mal sehen, ob sich wassermassen gegen brücken stemmen oder dämme längst gebrochen sind. mal sehen, ob gebäudeteile auf uns niederfallen, ja, mal sehen, ob das ganze runterkommt und eine staubwolke uns entgegenschlägt, die alle farben schluckt. mal sehen, ob sich autos überschlagen und sich metall ineinanderschiebt. mal sehen, ob eine stromleitung auf der fahrbahn liegt. mal sehen, ob sie wieder auf der brücke stehen und hinuntersehen, einen steinwurf weg von ereignissen, die sie doch nicht verstehen. mal sehen, ob sie dann zu anderen dingen übergehen, weil ihnen gar zu langweilig wird. mal sehen, ob sich wieder was tut. 

sitzung: das protokoll ist verschwunden, vermutlich ging es im zusammenhang mit den vorkommnissen um paul kirchstätter verloren. 

sitzung: tagungsraum 7 des hotel safitel, pico boulevard, west l.a., montag, 23.9., 16.30 uhr, anwesende: gerd pregler (CEO, geosick gmbh), berit strebitz (abteilungsleiterin entwicklung, murmur-chemie), faisal aslan (architekt), ricarda vierzig (abteilung bausubstanz des BMFIST), marko keglevic (EU-beauftragter der strukturfondsförderung ost), marianne gerhardt (baumuck AG), karl voss (physiker, uni mainz) sowie der protokollführer. nach dem verschwinden von paul kirchstätter (agentur »desastertourism«) übernimmt herr pregler freundlicherweise die gruppenleitung: 

»fahren wir fort und sehen uns den parkplatz an, den parkplatz mit all seinen menschen! ob das schon die panikeinkäufer sind, die panikeinkäufer mit ihren panikeinkäufen? seht euch die wagen an, in denen sie da aufkreuzen! so viel hat platz in ihnen, so viel wird auch in sie hineingeräumt. all die lebensmittel und putzmittel, all das werkzeug und die kleidung, die desinfektionsmittel und das wasser. sind das schon die wasservorräte, die man unbedingt anlegen muss? ja, haben diese menschen denn an die stromversorgung gedacht, an die externe stromversorgung? an die muss man doch jetzt denken, das weiß hier jedes kind. schon kommen die kanister zum einsatz, die dieselkanister, die ölkanister, die benzinkanister, die über parkplätze getragen werden, über autobahnbrücken und gehwege. und wohin werden sie getragen? zu tankstellen hin, von tankstellen weg, das ist doch jetzt die devise. eine menge menschen müsste man gleich mit kanistern über den parkplatz da unten laufen sehen, über diesen parkplatz und alle anschließenden parkplätze, die parkplatzerweiterungen, die man eingerichtet hat, als würde man in dieser stadt immer mit einem ausnahmezustand rechnen, als wäre der immer mit einkal kuliert. aber nein, an die energieversorgung wird wieder einmal nicht gedacht, denn schon sind sie alle auf dem weg zurück zu ihren kraftfahrzeugen, zu ihren geländewagen und minitrucks. wagen, über die man jahrelang nur witze gemacht hat, all die bemerkungen, dass das ja keine stadtautos seien und dass man den eindruck habe, ihre besitzer wollten in eine wildnis hinein, aber trauten sich nicht. diese bemerkungen sind jetzt obsolet geworden, haben sich sozusagen von selbst erledigt, verdünnisiert hat sich jeglicher humoristische gehalt.«

trotzdem, er habe sich die panikeinkäufe ein wenig anders vorgestellt. so wirke es allenfalls unentschieden. er meine, alleine, wenn man sich ansehe, wie die sich in die autos setzten, wie sie sich hinter steuerrädern verschanzten und beifahrersitze eingenommen hätten, als ob sie die nie mehr freigeben wollten. und wie sie dann davonführen, als hätten sie alle zeit der welt. ob es nur ihm so seltsam vorkomme, wie die jetzt von der tankstelle wegführen, von ihren supermarktparkplätzen runter, wie sie ihre shoppingzone ver ließen? also ihm komme das komisch vor, mit welcher ruhe die da in die zufahrtsstraße auf den highway bögen, er meine: »sehen so die menschen aus, die bald von der bild fläche verschwunden sein werden?«

*

»sagen sie jetzt nicht, sie denken nicht an die stromleitung, sagen sie nicht, sie sehen nicht, was gleich passieren wird auf dieser kreuzung, behaupten sie nicht, sie sehen nicht ängstlich dorthin, wo der mast gleich kippen wird und die leitung reißen wird. behaupten sie nicht, da wäre ja noch nicht viel zu sehen!«

er glaube kaum, dass sie das beispielsweise kaltlasse, ja, er spreche seine sitznachbarin, frau strebitz, einmal direkt an, denn wer sei hier die expertin, wer sei hier die, die immer alles rausgekriegt habe? er sei ja eher der, der immer die falschen leute gefragt habe, während sie immer die richtigen leute gefragt habe. die gewusst habe, wenn etwas schieflaufe, was da schieflaufe. und wer habe gesagt: ein unternehmen funktioniere heute strikt nach dem muster einer alarmsituation? ja, sie sei doch die, die bisher immer über das stillhalten in alarmsituationen informiert gewesen sei, da müsse sie doch jetzt nicht so tun, als kratze sie das alles nicht. ob sie sich nicht daran erinnern könne, wie sie bis vor kurzem gesagt habe: »es sind die kleinen dinge, die die großen auslösen, die kleinen kräfteverschiebungen, die die großen nach sich ziehen, eine chemische irritation, ein kurzschluss, eine falsche anweisung, ein umgekippter schalter.«

aber ob wir ihm überhaupt zuhörten? oder ob wir mit den gedanken ganz woanders seien. also er denke schon, man solle ihm zuhören, denn wenn man nicht zuhöre, dann mache es keinen sinn, dass er hier weiterrede. dann könne er gleich wieder aufhören und es seinem vorredner gleichtun, der uns so plötzlich und überstürzt verlassen habe. aber er glaube nicht, dass hier irgendjemand etwas verpassen wolle.

*

na, zum beispiel wolle er die menschen nicht verpassen, die jetzt ein interessantes leben erhielten. »wer kann das sein?« um seinen vorredner zu zitieren: »jemand, der durchkommen wird, jemand, der es einfach schafft.« aber er sehe schon, die hier anwesenden interessiere das im augenblick nicht, man sei gerade mit anderen dingen beschäftigt, und so verpasse man eine ganze menge. z. b. falle wegen der ignoranz von frau strebitz der junge mann flach, den man im auto da unten noch hätte bemerken können und womöglich als regierungskerl entlarven, wegen ihr falle die frau neben dem getränkeautomaten flach, die sich sicher gleich als geophysikerin zu erkennen geben würde, ließe man sie nur. sie solle nicht so gucken: in solchen situa tionen komme doch immer eine geophysikerin an, die einem weiß gott was erkläre, die über weiß gott welche sonderinformation verfüge. aber wegen ihrer und der allgemeinen unaufmerksamkeit hier im raum fielen all diese anschlussmöglich keiten flach. hier gehe es doch darum, eine kommunikation über die kommenden ereignisse zu entwickeln, dazu sei man doch hier angereist, dazu sitze man doch vor dieser fensterfront und blicke hinaus, oder habe er da etwas falsch verstanden?

*

er spreche von den dialogen, die man jetzt miteinander führen könne, beispielsweise, warum gewisse dinge gesendet würden und andere nicht? sicher, selbst für diese fragen habe man normalerweise in den medien seine fachleute, die das diskutierten – »doch diese fachleute lassen heute alle aus, nicht? diese fachleute tauchen überhaupt nicht mehr auf. sie sind aus der öffentlichkeit verschwunden seit einiger zeit, zumindest aus dieser stadt, aus diesem land. sie wurden abgelöst von anderen fachleuten, die jetzt dinge erwägen, die angeblich vordringlicher sind. doch das sind keine aktuellen fachleute, sondern gewesene fachleute, weil die wirklichen fachleute mit wichtigeren dingen beschäftigt sind, als das jetzt ausgerechnet im radio zu diskutieren.«

aber gut, er schalte das radio ab. wichtiger sei zu beobachten, was da unten auf unserem parkplatz passiere. ob der asphalt schon risse bekomme, ob ein zittern die grashalme erfasse, die an seinen rändern wüchsen. ob ein kaum vernehmbares knirschen durch den luftraum gehe, irgendein zeichen des kommenden. schließlich sei der parkplatz unsere gruppenaufgabe, und auch wenn einige das nicht glauben wollten, viel könne man in dieser situation einem parkplatz entnehmen.

man solle ihm jetzt bloß nicht mit abstumpfung kommen, denn im augenblick müsse man alles, was mit abstumpfung zu tun habe, ad acta legen, das haben wir ja von herrn kirchstätter zu beginn unserer reise gehört. das sei ja der sinn der übung. sicher würden sich manche hier im raum fragen, wie das gehen solle, nachdem man in den letzten jahren permanent die aufforderung erhalten habe, den dingen aufmerksamkeit zu schenken, eine zusätzliche aufmerksamkeit den zusatzdingen, die herumstehen könnten in bahnhöfen und schnellrestaurants. sich nicht nur die seltsamen gegenstände genauer anzusehen, sondern auch die seltsamen vorgänge rundherum wahrzunehmen sowie den seltsamen gesprächen zu lauschen, die dazu abliefen: »diese aufforderung hat uns wohl alle etwas überfordert, sicher, sie hat zuerst ihre früchte getragen, die aber bald faulig wurden und sich als observationsmatsch am boden ausgebreitet haben, auf den natürlich keiner treten mochte. und doch bewegen wir uns voran, immer an den ereignissen vorbei, immer um die seltsamkeiten herum.«

*

spreche er etwa nicht laut genug, liege es daran? er habe den eindruck, als gebe es hier einige, die überhaupt nicht reagierten. aber gut, vielleicht wolle man das hier auch ignorieren. vielleicht wolle frau strebitz das ignorieren, dass wir hier tatsächlich einen vorfall hätten, ja sie, die jetzt so tue, als wäre nichts, vielleicht wolle der herr neben ihm, der vorhin seine hypothetischen bemerkungen über warnlücken und organisationslücken verbreitet habe, alles ausblenden. ja, sicher, man sitze in keinem zug, der jeden moment entgleisen werde, man sitze nicht einmal in einem bus, der auf einen abgrund zurase. nein, wir säßen immer noch auf sicherem posten in unserem seminarraum mit phantastischem blick auf einen parkplatz und sollten jetzt kopfschüttelnd sagen: man habe nichts gelernt aus den ereignissen in san francisco, man habe nichts gelernt aus den ereignissen in new orleans, man habe nichts gelernt aus den ereignissen in denver.

*

ja, man habe tatsächlich nichts gelernt aus den ereignissen in new orleans, in denver und houston, denn jetzt tue sich was – »leute, es kommt bewegung ins bild!« endlich tue sich was, und hernach könne keiner sagen, es wäre nichts zu sehen gewesen.

es könne keiner sagen, es wäre nichts zu sehen gewesen?

richtig, herr aslan, es könne keiner sagen, es hätte sich nichts getan. denn jetzt komme bewegung ins bild, d. h., einige dinge seien verschwunden, da habe man nur einen kurzen augenblick nicht hingesehen, und weg seien sie, also er könne schwören, da sei gerade noch eine familie gewesen, und jetzt sei sie weg. im umkreis von einem kilometer sehe es jetzt ganz nach verschwundener familie aus, »ja, wo sind sie hin, der mann und die frau? wo sind sie hin, die beiden kinder, die man eben noch aus der shop-ping-mall kommen sah? etwas von ihnen ist mit sicherheit noch da, etwas müssen sie ja zurückgelassen haben.« er meine, das wolle uns ja etwas sagen, also das verschwinden von menschen wolle uns im allgemeinen immer etwas sagen! das passiere nicht einfach so, das passiere nur uns einfach so, weil wir nicht mitarbeiteten, dabei kenne hier im raum jeder die spielregeln: wer hier nicht mitarbeite, müsse uns leider verlassen.

*

was jetzt geschehe? die antwort liege doch auf der hand: »in verschiedenen häusern findet verschiedenes statt, so lautet ein sprichwort, das jetzt aber ausnahmsweise mal nicht zutrifft, denn in allen häusern findet das gleiche statt.

— das gleiche? das gleiche, herr keglevic. aber davon werden die passagiere der boeing 747 keine ahnung haben, deren maschine gerade dabei ist abzuheben, nachdem sie auf 300 km/h beschleunigt hat. mit einem kaum wahrnehmbaren ruck verlässt sie die rollbahn und wird gleich über marina del rey an höhe gewinnen. man wird sie durch die unterschiedlichen schichten des frühabendlichen nebels hindurch sehen können. schon jetzt ist klar, es wird ein phantastischer sonnenuntergang zu sehen sein, schaute jemand hin. doch niemand schaut hin. sie alle starren in eine völlig andere richtung.«

3. sitzung: selber ort, selber tag, 18.45 uhr, anwesende: gerd pregler, berit strebitz, faisal aslan, ricarda vierzig, marko keglevic sowie der protokollführer. gerd pregler übernimmt weiterhin die gruppenleitung, da herr kirchstätter nicht mehr zurückkehrt. 

ach, jetzt habe man nicht aufgepasst, jetzt habe man einen augenblick nicht aufgepasst, und schon sei es geschehen!

d. h., er habe nicht aufgepasst, das gebe er zu, er habe sich tatsächlich ablenken lassen. und so könne er nur fragen: »wo sind sie alle hin? ja, wo sind sie alle hin, die fliehenden menschen, die uns versprochen wurden, wo sind sie hin, die rutschenden hügel, die herunterkollernden felsstücke, die wildgewordenen bienenschwärme, die uns so plastisch vor augen geführt worden sind, wo sind sie, die hereinstürzenden fluten, die unter dem druck des sturmes einfach zusammenbrechen. wo sind sie, die staubwolken, die sturzbäche und die tiere, die in solchen fällen immer aus den gebüschen schießen. all die feldmäuse und nager? wo sind sie hin, diese plötzlichen rehe und hirsche, die koyoten und kriechtiere, die schlangen und vogelschwärme, aus deren formationen man alles mögliche herauslesen kann, lange, bevor menschen zu sehen sind. und wo sind sie, die menschen, die sich gegenseitig umrennen, die stolpern und wieder aufstehen, wo sind sie, die weiterlaufen, die es schaffen werden, sie müssten doch langsam in unserem blickfeld auftauchen? bzw. wie sollten sie vor den supermarkt gelangen, wenn sie noch nicht einmal die hauptstraße erreicht haben?«

vierzig: also auch sie könne menschen einfach nicht ausstehen, die in ihrer fluchtbewegung erstarrten, habe sie das schon gesagt? sie wisse nicht, wie es den anderen hier im raum gehe, aber sie könne das einfach nicht aushalten, sie rege das furchtbar auf. sie müsse sich dann augen und ohren zuhalten, wenn sie sehe, wie die in die falsche richtung guckten. pregler: nun, er könne ebenfalls menschen prinzipiell nicht brauchen, die in ihrer fluchtbewegung erstarrten, denn wo komme man da hin? aber er könne sich so ein verhalten, wie sie das an den tag lege, gar nicht leisten, in seiner position sei ein zurückhaltender ausdruck angebracht, in seiner position reiße man sich eben zusammen. da sei mitgefühl in dieser größenordnung fehl am platz. vierzig: ja, also wie gesagt, sie könne menschen nicht gebrauchen, die in eine art leichenstarre verfielen und in dieser verharrten, auch wenn sie kein vorstandsmitglied sei.

pregler: nicht, dass man ihn falsch verstehe: menschen, die noch nie etwas von reaktionsgeschwindigkeit gehört hätten, sollten jetzt wirklich nicht zu zahlreich sein. auch für uns wäre es beispielsweise empfehlenswert, nicht zu diesen menschen zu gehören, die schon mal ihre leichenstarre durchexerzierten, wenn die situation noch offen sei, aber deswegen brauche man doch nicht so laut zu werden. vierzig: sie fiebere eben mit, sie sei eben nicht völlig gleichgültig dem geschehen gegenüber. pregler: noch einmal: eine solche form von hysterie helfe jetzt nichts. vierzig: welche hysterie? pregler: sie werde es doch nicht leugnen. sie müsse immer gleich auf leichenbergen sitzen, sie müsse ihre leichenberge immer weiter ausbauen. das sei ihre depressive grundausstattung, die sie mitbringe und die uns in situationen wie dieser keinen zentimeter weiterbrächte.

gut, er werde dieser diskussion mal etwas die spitze nehmen, schließlich gehöre er ja auch nicht zu denen, die nachher sagten, man hätte nicht mitzufiebern brauchen mit denen, nur weil die am ende abgekratzt seien. nein, so einer sei er nicht. er fiebere immer mit, auch wenn es vielleicht anders scheine. aber, er sage das frei heraus, er sähe jetzt lieber ein team, das sich auf lösungssuche begebe als diese ansammlung von desorientierten. auch er habe sich ein anderes bild erwartet als einen verlassenen supermarktparkplatz, eine verrammelte supermarktfront und eine verwaiste tankstelle, aber deswegen müsse man seine sitznachbarn ja noch lange nicht in ihrer konzentration stören.

*

also er müsse zugeben, er habe mit allem möglichen gerechnet, er habe mit heckenschützen gerechnet, mit militärkonvois und hubschraubereinsätzen. mit flugzeugträgern vor der küste, der nationalgarde mindestens. eben, dass sie schnell auftauchten, dass sie die stadt sofort einteilen würden in unterschiedliche zonen, in unterschiedliche betretbarkeiten und unbetretbarkeiten, aber es scheine gar keine unterschiedlichen betretbarkeitsgrade zu geben, als hätte sich überall die gleiche unbetretbarkeit herausgestellt! ja, er müsse sogar so weit gehen und sagen: selbst das versagen der sicherheitskräfte habe er sich anders vorgestellt. denn auch das versagen müsse irgendwie in erscheinung treten. er meine, wie gerne würde er jetzt sagen: »unsinn, man mag dem gouverneur nicht viel zutrauen, aber im moment ist er der mann, der die entscheidungen zu treffen hat.« aber das gehe nicht, denn ein gouverneur sei bisher nicht in erscheinung getreten.

»da haben wir noch einmal glück gehabt«, habe immerhin jemand verlautbaren lassen, das sei diese stimme aus dem radio gewesen, die schon wieder verrauscht sei, allerlei technischer lärm habe sich über sie gelegt, und jetzt sei nichts mehr von ihr zu hören . . .

gut beobachtet, herr keglevic! bitte, herr aslan!

also er habe absolut keine ahnung von den übergeordneteten maßnahmen, den evakuierungsplänen, den befehlsketten, den sammelstellen. es müsse ja sammelstellen für familienmitglieder geben oder solche, die als familienmitglieder gerade noch durchgingen.

»ja, halten wir fest!« man habe keinen kontakt zu den nachbarn, keinen kontakt zu den wichtigen stellen, keinen kontakt zu familienangehörigen. keine informationen kämen aus den geräten. noch nicht einmal wir hier wüssten, was mit dem leitungswasser los sei. und mit dem leitungswasser könne unheimlich viel los sein, wenn man daran denke, was da alles hineingeraten könne. er meine, niemand im raum werde ernsthaft daran glauben, dass da noch jemand am anderen ende der leitung sitze und darauf achtgebe.

nein, dieser platz sei leer.

richtig, frau strebitz.

*

wie? die hochrechnungen im fernsehen hätten auch nichts beruhigendes? und doch, wer sitze jetzt nicht in erwartung der genauen zahlen vor dem bildschirm? er meine, wen könne man nicht fluchen hören, dass nichts reinkomme. man müsse sich bloß die ärzte vorstellen, die ärzte, die in den fluren der spitäler herumstünden und auf den großen patientenschwung warteten, obwohl ein jeder wisse, dass bei einem vorfall in dieser größenordnung kein patientenschwung zu erwarten sei. ja, am besten stelle man sich die ärzte vor. am besten warte man den emergencylärm ab. aber tue das irgendjemand hier? nein, er habe den verdacht, wir dächten an ganz andere dinge. wir starrten nur auf unseren parkplatz und auf die menschenleeren straßen und fragten uns, was wir hier noch verloren hätten. dabei vergäßen wir ganz das ausgangsmotto: »keine negativgedanken! nur bloß keine negativgedanken!« er meine, wieso auch? es gebe so viel positives im augenblick.

*

na, z. b., dass mit plünderungen nicht zu rechnen sei, weil die bei geschehnissen in der größenordnung nicht einträten, heiße es. er gebe zu, auch er habe in den letzten minuten nichts als plünderungen im kopf gehabt, weil die doch immer an dieser stelle dran seien. und doch ahne er, so ganz umsonst werde er sich nicht gedanken darüber gemacht haben, so ganz umsonst habe er sich nicht innerlich munitioniert, wie andere sich äußerlich munitioniert hätten, ladenbesitzer oder solche, die sich für ladenbesitzer hielten.

auch das solle man nicht unterschlagen, es sei jetzt mit nachbarschaftshilfe zu rechnen, jeden augenblick treffe nachbarschaftshilfe ein. selbst in dieser gegend, die sich mehr durch bürohäuser auszeichne, gebe es nachbarschaftshilfe.

richtig, herr aslan! die menschen kämen eben wieder beieinander an und suchten gemeinsam nach problemlösungen. daran könne man sich ein beispiel nehmen! was noch?

teambildung!

sehr schön, frau vierzig! ja, langsam könne mal die teambildung einsetzen.

ach, kristallisiere sich langsam ein team heraus? (strebitz)

nein, müsse er antworten, noch sei da draußen niemand zu sehen, der ein team sein wolle. dabei heiße es doch immer wieder: in solchen situationen komme stets ein team zustande. doch hier reagiere niemand mehr richtig. dabei würde es so einfach sein: zum beispiel könne jemand mal endlich ans telefon gehen.

welches telefon? (strebitz) — ob sie das telefon vor dem supermarkt nicht gesehen habe? (keglevic)

aber wer würde dort jetzt abheben können? da sei doch niemand. (strebitz)

nein, anscheinend könne niemand ans telefon gehen. (keglevic)

— könne niemand dieses telefon abschalten? (vierzig)

nein, das glaube er jetzt nicht, dass ausgerechnet in dem moment, wo wir zusammenarbeit brauchten, tatsächlich kompetenzstreitigkeiten ausbrächen! ja, steuerten wir wirklich auf sie zu? ihn nerve nämlich nichts mehr als die streitigkeiten, die konkurrenzkämpfe, das kompetenzgerangel im unpassendsten augenblick, genauso wie der berühmte ehekrach in letzter sekunde. also er könne nicht hinsehen, er werde davon jedes mal ganz aggressiv und müsse dann immer rufen: »hey leute, wisst ihr nicht, worum es hier eigentlich geht?« aber keine sorge, diesmal wisse er sich zu beherrschen. er wolle nur sagen, er könne es prinzipiell nicht verstehen, warum die konkurrenzkämpfe immer dann ausbrächen, wenn sie überhaupt nicht gebraucht würden. er hasse es einfach, wenn er ständig das gefühl habe, er müsse die leute korrigieren, er müsse die leute unterbrechen und sagen: »ja, was macht ihr denn da?«

4. sitzung: selber ort, dienstag, 24.9., 8.45 uhr, anwesende: gerd pregler, marko keglevic sowie der protokollführer. 

»so reden sie nicht«, habe frau strebitz gesagt, »so reden keine sonderermittler, keine sonderbeauftragten und auch kein sondereinsatzkommando«, habe sie gleich fachmännisch festgestellt. nein, so redeten sie nicht, habe sie wiederholt, sie fingen ihre sätze anders an, sie nutzten andere vokabeln, außerdem erklärten sie nicht so schrecklich viel. diese hier schleppten ihre kontexte wie umständliche schwänze durch ihre äußerungen, sie erklärten ihrem gegenüber, was ohnehin schon bekannt sein dürfte. sie habe das gleich erkannt, sie kenne sich eben mit diesen dingen aus. »was soll’s«, habe er ihr geantwortet, »uns bleiben nur diese hier.« doch sie habe nur die luft eingesogen und gesagt: »du verstehst nicht, was ich meine.« dann habe sie einen augenblick geschwiegen, einen augenblick, in dem er tatsächlich nicht gewusst habe, was sie meine, »trotzdem«, habe er es noch mal versucht. und jetzt wisse er, was sie habe andeuten wollen.

in dem augenblick sei er einfach nur wütend gewesen. da habe man sich endlich rausbegeben, da habe man sich runter auf die straße begeben und sei auch glatt auf sowas wie ein team gestoßen, und sie haue einfach ab. er meine, wie lange habe man die sache von oben betrachtet, wie lange habe man auf den parkplatz gestarrt, und es sei einfach nichts passiert. er gebe zu, er habe von diesen leuten auch ein wenig mehr erwartet. aber wir sollten uns nur einmal selbst ansehen: wir redeten auch nicht wie ein sondereinsatzkommando, obwohl wir das langsam einmal tun sollten, finde er.

— »wieso? da ist er doch wieder, der bombenentschärfungston!«

— »richtig, herr keglevic!«, das habe er ihr auch nachgerufen, da seien sie doch wieder, die gepressten stimmen der leute, die unter druck arbeiteten! es habe sie aber nicht zurückgebracht. und jetzt komme er ohne sie zurück.

*

wie? einfach gegangen?, habe auch er sich gefragt, wie das möglich sein könne. anscheinend glaube sie, dass so etwas eine option sei. die meisten unserer seminarteilnehmer wollten ja doch eher hier drinnen bleiben, die meisten seien ja nicht erfreut gewesen, uns verlassen zu müssen. aber sie? er habe das nicht in den kopf gekriegt. er meine, man wolle doch wissen, wer der mann sei, der den trigger gedrückt habe. man wolle doch wissen, ob dies am ende alles bloß ein test gewesen sei, ja, eine art manöver, das aus dem ruder gelaufen sei. ein test auf die reaktionsfähigkeit einer ganzen bevölkerung, von einer regierung verordnet, die sich um dieselbige sorge. sowas höre man doch immer wieder!

*

man müsse es doch mal so sehen: da draußen gebe es ja immer noch menschen, die wüssten nicht, was flüssigsprengstoff sei. die dächten, es wäre nicht notwendig, sich über gewisse bakterien zu informieren. oder viren! ja, viren! warum habe er nicht gleich daran gedacht? viren müssten es gewesen sein. viren tauchten doch immer als letzte möglichkeit auf, wenn alles andere scheitere. aber es sei hier ja überhaupt eine menge schiefgelaufen, und er frage sich natürlich, was da schiefgelaufen sei, hier mit uns. er meine, man müsse sich das auch einmal kritisch vor augen führen, dass das teamwork so ins stocken geraten sei, z. b., sage er, es stimme, er habe den einen oder anderen nicht wirklich zu wort kommen lassen, so viel selbstkritik müsse sein, »herr keglevic, auch, wenn sie mich so skeptisch ansehen«. er solle sich ruhig wieder setzen, er müsse nicht gehen. gut!

*

doch, doch, er könne durchaus kritisch betrachten, was er selbst vermasselt habe. er brauche sich ja nur diese runde hier anzusehen. niemand mehr da, den man als ansprechpartner, geschweige denn als teampartner bezeichnen könne. die gruppe habe sich ja beträchtlich verkleinert, das sei ja nicht der ursprungsplan gewesen, im gegenteil, alle habe man durchbringen wollen. und jetzt müsse der verbleibende rest dem geschehen mit höchster wachsamkeit begegnen und sich nicht etwa zurücklehnen und hoffen, dass man die sache irgendwie überstehe.

*

»herr keglevic, so bleiben sie doch – herr keglevic!«

*

also er warte ja jetzt ohnehin nur noch auf sätze wie: »wölfe tun so etwas nicht und auch keine koyoten! und berglöwen hat man in dieser gegend auch schon eine ewigkeit nicht mehr gesehen. nein, das waren keine tiere, die das angerichtet haben.« oder: »bricht die zeit der selbsternannten sherriffs aus? ist das schon das neue mittelalter, das unweigerlich eintritt?« sowas sei ja zu erwarten. dazu brauche es aber jemanden, der diese sätze ausspreche, habe er recht? aber er ahne, er bleibe gleich alleine zurück, alleine in dieser landschaft »mit ihrer wahnsinnigen geographie«, um seinen vorredner zu zitieren. wie er darauf komme? wir beide sollten doch nur einmal hinhören: alleine, wie die möwen schrien, alleine, wie der wind das gras bewege. man nehme ja nur noch die last wagen in der ferne wahr, wie sie vorüberzögen, dabei könne es gar keine lastwagen mehr geben, die vorüberzögen. es sei ja niemand mehr da. da sei nur das rauschen des windes.

jedenfalls: man könne nun wirklich keine großartigen lebenszeichen erwarten, aber deswegen dürfe man doch nicht gleich aufgeben. nein, das dürfe man nicht. jemand müsse doch davongekommen sein. jemand müsse diese geschichte hier überlebt haben, das sei doch so üblich, oder?

*

niemand? gut – nur so viel müsse er abschließend sagen: von mir zumindest habe er sich anderes erwartet. er habe sich mitarbeit erwartet, er habe sich erwachende ingenieursgefühle erwartet, eine ingenieursvisage, die langsam auf meinem gesicht wachse und dann plötzlich feststehe. ob ich nicht bei den lebenszeichen mitmachen könne, die am ende auftauchen müssten und allen zeigten, dass es doch irgendwie weitergehe? man könne ja schlecht von ihm erwarten, dass er alleine lebenszeichen von sich gebe, nachdem unser EU-beauftragter nun auch verschwunden sei. dass er alleine mit dieser menschenleere zurechtkomme. normalerweise finde sich zu diesem zeitpunkt doch immer ein grüppchen versprengter zusammen, das sich durch diese landschaft mit ihrer wahnsinnigen geographie bewege und irgendwo eine neue zivilisation gründe, um seinen vorredner noch einmal zu zitieren. doch hier tue sich nichts diesbezüglich. im gegenteil, es werde einfach nur sozusagen schwarz. ja, schwarz! es sei aber ein schwarz ohne abspann, ohne musik, ohne musiktitelliste. ein schwarz ohne alles.

*

also wenn dies jetzt das ende gewesen sein solle, dann könne er für nichts mehr garantieren. also er wisse nicht, wie er gleich reagieren werde, wenn dies das ende gewesen sein solle, dann fühle er sich nun wirklich verarscht. also jetzt werde er gleich wirklich sauer, wenn nicht gleich etwas passiere, dann wisse er nicht, dann sei das off the record, sage er mal. weil, dann werde er wirklich – also er werde jetzt richtig sauer!

*

anmerkung in eigener sache: nach der niederschrift der sitzungsprotokolle werde ich, der protokollant, das zimmer verlassen, um hilfe zu holen, auch wenn das gegen sämtliche abkommen der desastertourism-agentur verstößt.


*Aus: Kathrin Roggla, die alarmbereiten. pp.7-28. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010.

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