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Barbara Honigmann | aus dem:Deutschen

Doppeltes Grab

Intro von Amir Engel

Barbara Honigmann wird 1949 als Tochter jüdischer Eltern in Berlin geboren. Die beiden waren während des Holocaust nach Großbritannien geflohen und kehrten nach dem Krieg nach Deutschland zurück, um aktiv am Aufbau eines antifaschistischen Staates in Ostdeutschland teilzuhaben. In den frühen achtziger Jahren, kurz nach der Geburt ihres ersten Sohnes, verspürt Barbara Honigmann den Wunsch, die Verbindung zu ihrem jüdischen Erbe wiederherzustellen. 1984 verlässt sie die DDR und zieht nach Straßburg auf die französische Rheinseite. Honigmann beschrieb diesen Umzug einmal als dreifachen Sprung in den Tod: vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich, von Anpassung zu Orthodoxie. Die vorliegende Erzählung schildert, wie Honigmann Anfang der Achtziger einen Tag in Gesellschaft des renommierten Kabbala-Forschers Gerhard Scholem und seiner Frau Fania verbringt. In der kurzen Erzählung fungiert Scholem sowohl als real-historische Figur als auch als Metapher für das komplexe Gefüge zwischen Heiligem und Säkularem, zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Israel und Deutschland, zwischen Juden und Deutschen nach dem Holocaust. Um das zu bewerkstelligen, benutzt Honigmann eine einfache, schlichte Sprache, kurze Sätze. Doch auch diese Mittel vermögen es kaum, ihre Hoffnung auf spirituelle Tiefe zu verbergen. Und am Ende bleibt die Einsicht, dass jene Welt die einzig mögliche für sie ist.

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Wir standen mit Gerschom Scholem am Grab seiner Eltern und seiner Brüder auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee. Es war kalt, es war Dezember. Gerschom Scholem und Fania, seine Frau, hatten leichte Mäntel an, sie waren gerade aus Jerusalemgekommen. Scholem hätte eigentlich wissen müssen, wie kalt es im Dezember in Berlin ist, er hat ja langegenug hier gelebt, war hier geboren und aufgewachsen. Aber wahrscheinlich war das schon zu lange her. Es war 1923, als er wegging, weil er glaubte, daß er nichts mehr verloren habe in Deutschland.

Wir räumten das Grab frei von altem Laub und den Zweigen, Ästen und halben Bäumen und von dem maßlosen Efeu, das über alle Gräber klettert, von einem zum anderen, von Grab zu Baum und von Baum wieder zu Grab, und sich alles nimmt und allesverschlingt, bis die ganze steinerne Ordnung wieder zu einem Wald verwächst und nicht nur der Körper der Toten, sondern auch dieses ganze Werk der Erinnerung an ihn wieder zu Erde wird. «Da braucht man eine Axt, wenn man das Grab eines Vorfahren besuchen will, um sich einen Weg durch die angewachsene Zeit zu schlagen», sagte Scholem.

Auf dem Grabstein stand:

ARTHUR SCHOLEM

geb. 1863 in Berlin              gest. 1925 in Berlin

BETTY SCHOLEM, geb. Hirsch

geb. 1866 in Berlin              gest. 1946 in Sydney

WERNER SCHOLEM

geb. 1895 in Berlin

erschossen 1942 in Buchenwald

ERICH SCHOLEM

geb. 1893 in Berlin              gest. 1965 in Sydney

 

Scholem erzählte von seinem Vater, von seiner Mutter, von seinen beiden Brüdern, dem, der Kommunist geworden und in Buchenwald umgebracht worden war, und Erich, der nach Australien ausgewandert war. Er stellte sie uns alle vor, einen nach dem anderen. Und dann blieben wir eine kleine Weile stumm für die Zeit vielleicht, in der man hätte «Guten Tag» sagen und sich die Hand geben können. Scholem sprach ein kurzes Gebet. Er sprach es ganzleise, er flüsterte bloß.

Nahe dem Eingang, auf dem Wege zu dem Grab, gab es eine Baustelle, man konnte zwar nicht erkennen, was gebaut wurde, und alles sah aus wie immer, trotzdem war ein großes Stück des Weges abgesperrt mit einem Seil, daran ein Fähnchen, darauf die Aufschrift: «Achtung Baustelle». Fania Scholem nahm das Seil samt Fähnchen ab, ganz einfach, nur so, wie man die Klinke der Tür drückt, durch die man geht, und lief quer über die markierte Baustelle, und Gerschom Scholem rief ihr nach: «Siehst du nicht, daß der Weg gesperrt ist?» Aber Fania antwortete: «Ich lasse mich doch nicht von einem Strick abhalten, meinen Weg zu gehen! Siehst du nicht, daß da gar nichts zu sehen ist?» Scholem schüttelte den Kopf, aber folgte ihr doch auf dem verbotenen Weg über die unsichtbare Baustelle, nicht ohne am Ende das Seil hinter sich wieder einzuhängen.

Vor dem Tor des Friedhofs wartete ein schwarzer Mercedes mit Chauffeur auf Gerschom Scholem und Fania, der war ihnen nämlich von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, die Scholem eingeladen hatte, also von Bölling, oder vielleicht war es auch noch Gaus, für diesen Tag zur Verfügung gestellt worden.

Wir fuhren zur Schönhauser Allee. Scholem wollte sich eine schweinslederne Aktentasche kaufen, so eine, wie er sie früher in Berlin immer gehabt hatte. In Jerusalem gibt es so etwas nicht, und er hatte diese Aktentasche damals so geliebt und sich später immer wieder eine gewünscht, aber nie mehr bekommen. Deshalb wollte er sich jetzt in Berlin eine kaufen. Scholem und Fania, seine Frau, betraten den Ladenschon durch die falsche Tür und wurden wiederzurückgeschickt, um noch einmal durch die richtige Tür, auf der »Eingang» geschrieben steht, hereinzukommen. Dann versäumten sie in dem Selbstbedienungsladen an der bestimmten Stelle einen Einkaufskorb zu nehmen, und wurden wieder gerügt. Siebemerkten es aber gar nicht, weil sie sich laut unterhielten, und darüber ärgerten sich die Verkäuferinnen wohl auch und zeigten nur widerwillig einige Taschen vor. Fania wurde wütend über die Unfreundlichkeit und ständige Zurechtweisung, aber Scholem bat sie, sich zurückzuhalten. Zum guten Schluß kauften sie eine Aktentasche und waren sehr froh, weil es ein so alter Wunsch gewesen war und jetzt, nach so langer Zeit, endlich erfüllt.

Fania Scholem sprach deutsch. Aber woher konnte sie es? Ihre Muttersprache ist Hebräisch, später sprach sie polnisch, jiddisch, russisch, und dann als Fremdsprachen Englisch und Französisch, aber kein Deutsch. Also woher konnte sie es jetzt? «Sie hat es im Zusammenleben mit mir irgendwie eingeatmet», sagte Scholem.

Dann saß Scholem bei uns zu Hause im Schaukelstuhl. Er hatte bei der Tante Eva in Jerusalem schon alle unsere Briefe gelesen, und er sagte, ich solle in die Küche gehen und keinen Kaffee kochen, weil man dann nur kostbare Zeit des Gespräches verlieren würde. Er fragte und erzählte, und wir fragten und erzählten.

Was hat er nicht alles erzählt, tausend Begebenheiten aus deutscher und jüdischer und deutschjüdischer, alter, neuer und altneuer Geschichte. Von den Frankkisten, der jüdischmessianischen Sekte in Polen, deren Anhänger später alle zum Katholizismus übergetreten sind; über die hatte er gerade gearbeitet. Und von Walter Benjamins Freund Noeggerath aus Berlin, über den er jetzt hier noch etwas herauszufinden hoffte. Dann schimpfte er auf den Lubawitscher Rebben, dem habe er die Fälschung eines angeblich historischen Briefes nachgewiesen, und so etwas rege ihn als Historiker maßlos auf. Und vom Gesamtarchiv der Juden erzählte er noch, das sich heute im Staatsarchiv der DDR in Merseburg befindet, und wie er zum ersten mal dort war und es mit eigenen Augen gesehen hat, und von der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in Berlin, der ehemals riesigen Bibliothek in der Oranienburger Straße 68. Und wir sagten, da ist sie heute wieder, nur ist sie nicht mehrriesig, sondern winzig klein, aber in derselben Straße, in demselben Haus. Dort habe er die ersten Bücher jüdischen Wissens ausgeliehen, sagte Scholem, und wir sagten: wir auch. Und damit habeeigentlich alles angefangen, und wir sagten: bei uns auch.

Und dann erzählte uns Scholem vom Schicksal dieser Bibliothek. Nach dem Krieg nämlich war er im Auftrag des israelischen Staates nach Berlin gekommen, um dieser Bibliothek nachzuforschen und sie, wenn möglich, herüberzubringen. Jüdische Büchersind von den Nazis nicht vernichtet worden, im Gegenteil, sie wurden gesammelt und katalogisiert von zehn eigens dafür angestellten jüdischen Gelehrten (von ihnen haben nur die beiden, die mit deutschen Frauen verheiratet waren, überlebt) . Später wurde die ganze Sammlung nach Prag ausgelagert, weil die Nazis davon ausgingen, daß diese Stadt nichtbombardiert werden würde, und nach dem Krieg, also nach dem Sieg, sollten die zusammengetragenen Bücher wohl den Triumph über die Juden demonstrieren, so wie einst die Tempelschätze des zerstörten Jerusalem in Rom. Die Regierung der Tschechoslowakei, die nach dem Krieg die Sammlung in Pragvorfand, hat sie als ihr Eigentum betrachtet und in aller Welt zum Verkauf angeboten. So sind die Bücher überallhin verstreut worden, kein Menschweiß wohin, hier und da kann man eines oder ein anderes in einer Bibliothek oder einem Antiquariatin irgendeiner Stadt der Welt wiederfinden. Ein paar von ihnen hat Scholem auf seinen Reisen in allen möglichen Städten und Ländern wiedergefunden und wiedergekauft, die stehen jetzt bei ihm zu Hause. Es sollen auch 500 sehr wertvolle hebräische Handschriften darunter gewesen sein, von denen Scholem zwei in Warschau wiederentdeckt hat. «Es ist den Büchern nicht besser ergangen als den Menschen», sagte Scholem. Über seine Nachforschungen hat er einen Bericht verfaßt, den er aber nie veröffentlicht hat.

Später saßen wir im Hotel »Berolina», dort wollten wir Scholem und Fania, seine Frau, zum Esseneinladen, und nachdem er noch erzählt hatte, wie die Franckisten nach ihrem Übertritt zum Katholizismus in den polnischen Adel eingeheiratet und den also vollkommen »verjudet» haben, und darüber gelachthatte, sagte Scholem zu mir und Peter, meinem Mann: «Es heißt: Wandere aus in ein Land der Thorakenntnis (. . . und sprich nicht, daß sie zu dir komme, denn nur, wenn du Gefährten hast, wird siesich dir erhalten. Sprüche der Väter 4, 18). Jerusalemwäre gut, New York wäre gut, London wäre gut, sonstwo wäre gut, aber Deutschland ist nicht mehr gut für Juden. Hier kann man nichts mehr lernen, also hat es keinen Sinn zu bleiben, es ist viel zu schwer. Wie das gehen soll, daß ihr dahin kommt, weiß ich nicht, aber ich werde es mir überlegen.»

Sie lehnten es beide ab, Fleisch zu essen, sie lebten zwar nicht strikt koscher zu Hause, sagten sie, aber hier in Berlin wollten sie doch lieber kein Fleischnehmen. Fisch gab es aber nicht in dem Interhotel, und da konnten wir sie nur zu einem Eiersalateinladen, der auch schon halb vertrocknet war. Scholem und Fania redeten laut und lachten laut, und ichspürte die mißbilligenden Blicke von allen Seiten auf dieses ungenierte alte Paar.

Vor dem Hotel wartete der Chauffeur von der Ständigen Vertretung, und da stiegen sie dann schließlich ein, und wir standen noch eine kleine Weile vor den offenen Wagentüren und sagten, wases für ein schöner Tag gewesen sei, und Scholem zeigte nochmal auf die schweinslederne Aktentasche und sagte, das sei ein großer Erfolg für ihn gewesen, und dann: «Auf Wiedersehen. Na, ob wir uns wiedersehen … »

Am nächsten Tag rannten wir in die Bibliothek in der Oranienburger Straße und holten uns alle Bücher von Scholem nach Hause. Sie standen auch dort tatsächlich, worüber er sich schon vorher bei uns be-schwert hatte, neben denen vom »deutschnationalen» Schoeps, dem er sich doch so fern fühlte.

Bald bekamen wir auch Post von Scholem, er schickte uns sein Buch über die Franckisten, das nun geradeerschienen war, und bat uns, es der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde in seinem Namen zu schenken, wenn wir es gelesen hätten, und das haben wir auch getan.

Wenige Wochen später rief mich meine Freundin an und sagte, sie habe «was Blödes» im Radio gehört. Ich verstand nicht, was sie mir mitteilen wollte, aberda sagte sie schon, daß Gerschom Scholem heute in Jerusalem gestorben sei und morgen sei das Begräbnis. Das war am 21. Februar 1982.

Er war 84 Jahre alt, als er starb. Aber für mich war er gerade auf die Welt gekommen. Jahre und Jahre war Gerschom Scholem nur Schrift gewesen. Schrift seines Namens auf Titeln von Büchern und über Zeitschriftenartikeln, Schrift in der Folge eines kleinen Sternchens im Text, beim Nachschlagen hinten im Buch, einer Anmerkung. Oder manchmal, wenn er von dem oder jenem erwähnt wurde, der Klangseines Namens, dieses seltsamen Namens.

Dieser Name war nun als Mensch erschienen, als wahre Wirklichkeit, laut redend, berlinernd, ein langer Lulatsch mit abstehenden Ohren, die ganze Mystik in unserem Schaukelstuhl. Er hatte die Reiseseines Lebens noch einmal zurückgelegt, noch ein-mal Berlin — Jerusalem retour, und er hatte einen zu leichten Mantel angehabt.

Es ist kalt, es ist Dezember, drei Jahre später. Ich sitze im «Petit Café» auf der Avenue du Général de Gaulle. Es ist also nicht New York und nicht London, aber Frankreich, da sitze ich und denke an Scholem in Berlin. Das Café ist leer, nur am Nebentisch sitzen die drei Araber, die immer da sitzen und die ich schonganz gut kenne, weil wir uns ein paarmal unterhalten haben, und die sehr freundlich sind, obwohl ich ihnen

gleich erklärt habe, daß ich »israélite» bin. Sie haben nur nicht verstanden, warum ich dann kein Hebräisch spreche (es ist doch auch dem Arabischen so ähnlich), so habe ich noch erklären müssen, daß meine Muttersprache Deutsch ist und daß ich aus Deutschland komme und nun hier lebe, weil es in Deutschland so gut wie keine «isradlites» mehr gibt, und da fragten sie: Warum denn nicht?

Nach Scholems Tod, bald danach, bin ich noch einmal auf den Friedhof nach Weißensee gegangen, an das Grab seiner Eltern und seiner Brüder. Ich wollte irgendeine Handlung der Erinnerung vollziehen, und ich nahm denselben Weg, den wir gegangen waren, hängte das Seil mit dem «Achtung Baustelle» Fähnchen ab und lief quer über den abgesperrten Weg, sowie wir es damals getan hatten. Dann stand ichwieder vor dem Grab, und da sah ich, unter all den Namen seiner Familie steht nun auch der seine. Da steht:

GERHARD G. SCHOLEM

geb. 1897 in Berlin              gest. 1982 in Jerusalem

Die meisten Menschen haben nur ein Grab. Gerschom Scholem hat zwei. Eines in Jerusalem und eines in Berlin. Er hatte wohl auch zeit seines Lebens in beiden Städten gelebt. Deshalb hat er ein doppeltes Grab. So ein Leben war das eben.


*Aus: Barbara Honigmann, Roman von einem Kinde. © 2001 dtv Verlagsgesellschaft, München.

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