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Clemens Meyer | aus dem:Deutschen

Draußen vor der Tür

Intro von Petra Gropp

Clemens Meyer ist vermutlich der aufregendste deutsche Autor seiner Generation. In seinen Erzählungen, genau wie in seinen beiden Romanen, macht er Angstgefühle, Kämpfe und die Sehnsucht nach Rettung im Menschen erfahrbar. Meyer wurde 1977 in Halle in der ehemaligen DDR geboren. Sein atemberaubender Debütroman Als wir träumten handelt von einer Gruppe junger Desperados kurz nach dem Mauerfall, als das System kollabiert war und Träume plötzlich alles bestimmten. In einer Zeit der Anarchie feiern seine jungen Helden wilde Partys, sie kämpfen und sie fahren ihr Leben gegen die Wand. Meyers Sprache kann schonungslos sein, irritierend, doch zur gleichen Zeit poetisch und sinnlich. Seine Erzählung „Draußen vor der Tür“ handelt von einem Mann, der verzweifelt versucht in seine abgeschlossene Wohnung zu gelangen. Sie kombiniert Slapstick, mit einem Ausdruck von Eitelkeit und dem Nachsinnen über Tod und Verlust. Clemens Meyer porträtiert so das Menschsein, mit Größe, Stolz und Mitleid.

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I

Ich gehe mit dem Hund raus auf den Hof. Kurz nach zwei Uhr nachts, und die Nacht ist sehr warm, der Sommer ist noch mal zurückgekommen in diesem August, nachdem es lange kühl und regnerisch gewesen ist. Der wärmste Tag des Jahres war in dieser Woche. Tat meinem Hund nicht gut, die Wärme. Tat auch mir nicht gut, dass die Nächte sich nicht abkühlten, wenn ich schrieb. Ich nehme mir immer vor, am Tag zu schreiben, aber dann fange ich doch erst an, wenn alles still wird. Ich wohne im Erdgeschoss, Hochparterre, ein Wort, das kaum noch benutzt wird. Als Kind wusste ich lange nicht, was das heißt, wenn ich es in Büchern las. Dachte an ein Geheimnis. Eine seltsame Zwischenebene in den Häusern.

Mein Hund tut sich schwer, die paar Stufen nach unten zu kommen. Langsam setzt er eine Vorderpfote auf die erste Stufe, greift mit der anderen sehr zögernd zu weit nach unten und findet die Stufe nicht, dass ich ihn festhalten muss; oft stürzt er, wenn ich nicht aufpasse, und rutscht, sich manchmal überschlagend dabei, auf die Fliesen vor der Hoftür. Die Fliesen sind glatt, und seine Hinterläufe rutschen weg, es reißt sie förmlich auseinander, als wollte er einen Spagat machen. Der Körper hält kaum noch zusammen. Ich stehe auf der Türschwelle und sehe, wie er ein paar Meter auf den Hof geht und auf die Stelle des Steinbodens pinkelt, auf die er immer pinkelt. Die Steine sind fast weiß dort inzwischen. Ich trage ihn die Treppe hoch, er hat deutlich Gewicht verloren in den letzten Wochen. Seine Pisse riecht stark nach Schwefel, bis ins Treppenhaus. Die Wohnungstür ist zu. Ich kann mich nicht erinnern, sie zugemacht zu haben. Ich suche in meinen Hosentaschen nach meinem Schlüsselbund. Nichts. Wie komme ich jetzt in die Wohnung? Meine Mutter hat einen Ersatzschlüssel, ich könnte rüber zur Telefonzelle gehen und sie anrufen. Aber sie ist in Afrika, noch bis Ende des Monats, glaube ich.

Meine Wohnungstür ist eine Flügeltür, wenn ich den rechten Flügel, an dem die Klinke und das Schloss sitzen, nach innen drücke, so weit es geht, komme ich mit der Hand durch den Spalt an die beiden Sperrvorrichtungen, die den anderen Flügel mit Hilfe zweier Metallstifte geschlossen halten, der untere senkt sich in den Fußboden, der obere befindet sich in einer schmalen Öffnung im Türrahmen. Wenn es mir gelingt, an die Hebel zu kommen, die die Stifte bewegen, kann ich die Flügel nach innen drücken, das Schnappschloss gibt dann nach. Ein komplizierter Vorgang. Zumal ich einen Korken in die obere Sperrvorrichtung integriert habe, um das Herunterdrücken des dortigen Hebels und das damit verbundene Aufdrücken der Tür zu verhindern. Es reicht nämlich, diesen oberen Stift aus seiner Verankerung im Holz des Rahmens zu ziehen, der untere Stift springt dann von alleine heraus, wenn man seinen Körper heftig genug gegen die beiden Flügel wirft, am besten mittig. Es ist schwierig, Vorgänge technischer oder mechanischer Art exakt zu beschreiben.

Machen wir es ganz simpel an einem Beispiel deutlich: Also, ich hab da schon was vorbereitet, Mach’s mit, Mach’s nach, Mach’s besser, Meyers Training für angewandte Mechanik. Wir haben hier zwei große Bretter. Ein Brett bzw. mein Brett ist im Prinzip nichts anderes als ein dreidimensionales Rechteck. Also da stell ich’s mal hin, hochkant, dann sieht’s nämlich schon mal aus wie eine Tür bzw. wie ein Flügel meiner Tür. Vorne eine große Fläche, auf der Rückseite eine große Fläche. Und dann haben wir zwei lange Innenkanten zwischen diesen beiden Flächen und zwei kurze, oben und unten. Wenn wir jetzt unsere beiden rechteckigen Bretter hochkant nebeneinander stellen, so dass sie sich in der Mitte berühren, treffen die langen schmalen Innenseiten direkt aufeinander, ein winziger Spalt ist nur noch sichtbar zwischen diesen beiden Flügeln. Und dort fährt, vom rechten Flügel in den linken Flügel, die Metallzunge des Türschlosses, wenn man schließt. Und genau in dieser langen schmalen Fläche des dreidimensionalen Rechtecks sitzen die Sperrvorrichtungen. Und jetzt zieh ich die Bretter wieder auseinander, das Heimwerkern ist des Zimmermannsburschen Lust, das Hei-heim-wer-kern!, drehe das Brett, das den linken Flügel meiner Tür darstellen soll, so, dass es mit der langen schmalen Seite Richtung Kamera steht. Gar nicht mehr so kompliziert das Ganze, gelle!, und dort, ins Holz dieser schmalen Seite sind zwei Öffnungen eingelassen, oben und unten, darin sitzen die Stahlstifte mit den beweglichen Hebeln bzw. Schiebern, rein-raus, rein-raus, Flügeltür fest – Flügel beweglich, comprende?

Und in die obere Öffnung habe ich einen Korken gezwängt, der passte da eigentlich gar nicht rein, mit einem Hammer habe ich den Korken in die kleine Öffnung gezwungen, der hält jetzt den Hebel und den Stift schön fest, damit niemand, wenn er an der Tür rumdrückt, in den Spalt greifen kann und einfach den Stift aus seiner Verankerung im Türrahmen ziehen, und dann Tür offen, wenn ich außer Haus, und Wohnung leergeräumt, und ich nix versichert.

Mein Hund steht vor der Tür, tippt ein paar Mal mit der Schnauze gegen das Holz und guckt mich etwas dümmlich an. Er ist sehr alt und steht nicht gerne für längere Zeit, geht schon leicht in die Hocke mit den Hinterbeinen, will in seine Ecke für den Rest der Nacht. Aber was tun? Mutter ist in Afrika, mein Ersatzschlüssel in ihrer Wohnung, ich könnte zu meiner Schwester gehen, die ca. zwanzig Minuten entfernt wohnt, die hat einen Schlüssel für die Wohnung meiner Mutter, die ca. zehn Minuten entfernt wohnt. Aber was soll ich mit dem Hund machen? Der Weg ist viel zu weit für ihn, seit ein paar Wochen schafft er es nicht mal mehr auf die andere Straßenseite, wo der kleine Wald liegt, in den ich seit fast zehn Jahren, so lange wie ich in dieser Wohnung wohne, mit ihm gehe. Vorher lebte ich auch ganz in der Nähe; wenn ich mich richtig erinnere, gehe ich seit 1999 mit dem Hund auf dieses Areal, auf dem bis 1994 eine riesige Fabrik stand, VEB Polygraph, der Patenbetrieb meiner Schule, Druckmaschinen stellten die her, einige Male, zwischen 1986 und 1989 muss das gewesen sein, war ich dort mit meiner Klasse zu Besuch. Wir wurden durch die großen Hallen geführt, überall Maschinen, Straßen zwischen den Hallen und Gebäuden, wie in einer kleinen Stadt, sogar einen Eisenbahnanschluss gab es. Die Schienen kann man heute noch sehen. Quer über die Straße laufen sie und enden vor dem Zaun, hinter dem der kleine Wald seit fünfzehn Jahren wächst. 1999 waren die Bäume und Büsche noch nicht so hoch und dicht. Manchmal blieben die Leute auf den Fußwegen stehen, wenn sie mich und meinen großen schwarzen Hund durch dieses Buschland streifen sahen. Da gab es große Senken, wo die Keller der Fabrik gewesen waren, in einer Senke sammelte sich um 2000 so viel Wasser, Schnee und Regen, dass eine Entenfamilie über ein Jahr dort lebte. Ich konnte ihn immer gerade so zurückrufen, wenn er ihnen an den Kragen wollte, aber eigentlich war er ja nur neugierig und wollte spielen, aber das sagen wohl alle Hundebesitzer, »Ach, der will ja nur spielen«, aber bei meinem Hund stimmte das tatsächlich, er war sehr gutmütig, aber etwas ungestüm, ich habe selten jemanden getroffen, der ähnlich gutmütig war.

Im Lauf der Jahre wurde das Grün gegenüber meinem Haus so dicht, dass ich mich dort im Sommer über Stunden verstecken konnte, mit dem Hund in einer der halb zugewachsenen Senken saß und las oder die Handlungsbögen großer Werke notierte. Und nun scheißt er nur noch auf den Hof, zum Glück ist dort eine kleine, verwilderte Wiese um einen alten Kirschbaum herum, die gehört eigentlich schon zum Nachbargrundstück, aber das Haus haben sie vor zwei oder drei Jahren weggerissen, so dass ich jetzt freien Blick auf einen kleinen Flachbau habe, direkt unterhalb des Bahndamms, der hinterm Haus verläuft, dort werkelt irgendeine Schreinerei, manchmal bis spät in die Nacht, und manchmal stößt die giftig riechende Dämpfe aus einem kleinen Blechschornstein, dass ich die Fenster schließen muss. Gegenüber der Schreinerei verläuft der geschwungene Häuserbogen einer Seitenstraße, die von der großen Hauptstraße, an der mein Haus sehr vereinzelt steht, abgeht. Schöne sanierte Häuser sind das, aber viele Wohnungen stehen leer. Ein paar Russen haben sich dort in einem der Häuser breitgemacht. Die kann ich in den Nächten manchmal hören. Brüllen und Grölen, ab und zu schreit eine Frau. Das scheint aber ihr normaler Alltag zu sein, Feiern und Streiten. Nur einmal, da saß ich abends auf meinem Klappstuhl und sah dem Hund zu, gar nicht so lange her kann das sein, denn da kippte er manchmal auch schon um beim Kacken, weil die Hinterläufe nicht mehr stabil blieben in seiner Hockstellung, da schoss einer der Russen mit einer Knarre aus dem Fenster. Wahrscheinlich nur eine Schreckschusspistole, aber wer weiß das schon. Ich weiß, dass das einer der Russen war, weil er laut fluchte dazu. Als wenn es nicht reichen würde, nachts rumzuballern, da müssen auch noch ein paar deftige Flüche gebrüllt werden. Und die Bullen gerufen hat natürlich keiner, ich mach so was aus Prinzip nicht, da muss schon einer Amok laufen, und zwar richtig.

Und nun steh ich mit dem alten, müden Hund vor meiner Tür und weiß nicht, wie reinkommen, 2 Uhr 15 inzwischen. Ich ziehe den Abtreter von der Türschwelle weg an die Wand gegenüber und sage dem Hund, er soll sich dort drauflegen. Er dreht und wendet sich, bevor er sich niederlegt, steht dann wieder auf und platziert sein Hinterteil erst da und dann wieder am anderen Ende meines großen Fußabtreters, wenigstens muss er nicht auf den blanken Fliesen liegen, wie jeder Alte will er es weich und warm für seine morschen Knochen. Er liegt direkt unter dem Kasten mit den Stromzählern. Wie oft hat da einer von den Stadtwerken gestanden und mir oder jemand anderem im Haus den Saft abgedreht. Wenn ich jetzt zu spät bezahle, weil ich auf Reisen bin oder mich über Wochen der Außenwelt verweigere und schreibe oder auf dem Bett liege und die Geschichten in mir arbeiten lasse, sind sie sehr freundlich, wenn sie kommen, »Ja, Herr Meyer, selbstverständlich kann ich nachher noch mal kommen, wenn Sie auf der Bank waren, welche Zeit wäre Ihnen denn recht?«; vor vier, fünf, sechs Jahren haben sie ohne Kommentar den Schalter umgelegt und verplombt, wenn ich nicht flüssig war, um sie auszuzahlen. Und wenn ich dann, weil jeder Mensch ja Strom braucht, auch wenn er pleite ist, diese Plombe mit Hilfe von etwas Schmieröl vom Schalter flutschen ließ, kamen sie noch mal und bauten eine Sicherung aus dem Innenleben dieses Zählerkastens, die konnt’ ich nicht so einfach überbrücken, da ging’s um zu viel Volt. Einmal wachte ich auf, hatte wohl das Klingeln nicht gehört, stand da tatsächlich so ein Strompolizist meiner Wohnungstür direkt gegenüber und steckte seinen Kopf in den Kasten und war am Fummeln und Schrauben, und als ich meine Tür aufmache, um zu fragen, was das verdammt nochmal soll, drückt sich der Hund an mir vorbei und springt dem Strompolizisten direkt ins Kreuz, dass der hoch und schrill aufschreit vor Angst.

Aber ich sagte ja schon, dass er nur neugierig war und ihn begrüßen wollte auf seine Art.

Ich drücke den rechten Türflügel, so weit es geht, mit der Schulter nach innen Richtung Flur. In dem entstehenden Spalt wird der kleine Hebel sichtbar, unter dem der Korken sitzt. Ich drücke stärker und versuche, den Spalt zu verbreitern. Dann versuche ich, mit der Hand hineinzufahren und irgendwie den Korken zu greifen. Aber sobald ich meinen Körper, und damit den Druck, etwas verlagere, wird der Spalt zu klein für meine Finger.

Also muss eine Art Keil her. Ich gehe wieder auf den Hof. Ich finde ein paar Äste vom Kirschbaum, der auch alt wird. Kirschen trägt er noch im Sommer, aber es werden weniger von Jahr zu Jahr. Im letzten Sommer lagen Hunderte Kirschen auf der Wiese und um den Baum, der Hund aß täglich die vergorenen Früchte, wurde alkoholsüchtig, stand schwankend in der Sonne und glotzte mich dümmlich an mit leerem Blick und suchte noch im Herbst, als alle Früchte längst verschwunden waren, verzweifelt den Boden nach Nachschub ab. Ich breche mir ein paar Holz-stücke zurecht, muss dabei aufpassen, nicht in einen der Scheißhaufen auf der Wiese und zwischen den kleinen Büschen zu treten. Die werden noch den Boden düngen, wenn der Hund längst verschwunden ist. Ich gehe rein. Wieder den Körper gegen die Tür und das stärkste Aststück in den Spalt gerammt. Da steckt es dann also, und ich kann den kleinen Hebel und den Korken darunter sehen. Der Spalt ist aber noch nicht groß genug, um mit der ganzen Hand reingreifen zu können, und ich brauche eine ganze Weile, um ein zweites Stück Holz zwischen die beiden Flügel zu schieben, und weil das immer noch nicht reicht, ein drittes. Ich schwitze schon ziemlich und ziehe das Hemd aus, arbeite im Unterhemd weiter. Jetzt komme ich an den Korken, der Spalt ist vielleicht zwei Finger breit, und mit diesen zwei Fingern versuche ich, den Korken zu greifen. Und dann schreie ich wie ein Vieh. Weil doch tatsächlich einer meiner provisorischen Keile nachgibt und sich nicht im Spalt hält, und die anderen beiden schließen sich an, bevor ich meine Finger rauskriege. Der Hund schaut mich etwas dümmlich, aber doch mehr verwundert mit geneigtem Kopf und dunklen Augen an, wie ich da so schreie und meine Finger aus der hölzernen Umklammerung reiße. Ich renne wieder auf den Hof, kein Ast zu finden, der stark genug ist, ich gehe wieder rein, renne schweißüberströmt in den Keller, der zum Glück offen ist, finde zwischen den Besen und Schaufeln des Hausmeistern einen abgebrochen Holzstiel, von einer Schaufel oder einem Spaten. Wieder hoch zur Tür, ich hebele erst unten und ziehe dort den Metallstift aus seiner Verankerung, aber das Sperrsystem oben hält die Flügel zusammen, sooft ich mich auch gegen sie werfe, jetzt weiß ich, dass ich ein spitzes Werkzeug brauche, einen Schraubenzieher oder eine Ahle, um den Korken aus der Öffnung unter dem Hebel förmlich herauszustechen, denn fest steckt er und blockiert.

Ich renne noch mal in den Keller runter, finde aber weder einen Schraubenzieher noch ein ähnlich geeignetes Werkzeug. Der Schweiß läuft mir in die Augen. Es ist jetzt fast 3 Uhr. Ich überlege, wen ich rausklingeln kann im Haus. Einen Schraubenzieher hat doch eigentlich jeder. Viele Möglichkeiten habe ich nicht. Die beiden ganz oben? Links der lange dünne, fast zahnlose Mann, rechts die dicke Frau. Vielleicht sind sie auch gerade zusammen in einer Wohnung, Genaueres weiß ich nicht über ihr Verhältnis, anfangs dachte ich noch, sie sind Bruder und Schwester, will’s eigentlich gar nicht wissen und beschließe, sie schlafen zu lassen. Sind nette Leute, komme gut mit ihnen aus, auch wenn er Lok-Fan ist. Er hat einen Lok-Aufkleber auf seinem Briefkasten, der Chemie-Aufkleber auf meinem Briefkasten ist mindestens doppelt so groß. Wenn bei mir jemand um 3 Uhr nachts klingelt, ich würde nicht öffnen, bzw. so tun, als wäre ich nicht da. Das Blöde am Erdgeschoss, Hochparterre, ist, dass man das Licht sieht. Eine Zeitlang klingelte Trinker-Thilo regelmäßig, wenn er mein Licht in der Nacht sah. Ein paar Meter die Straße runter ist eine Tankstelle. Das war sein Nachschubweg, viele Jahre lang. Und er war nicht der Einzige. Vor allem in den Sommernächten ziehen endlose Trinkerkolonnen an meinen Fenstern vorbei. Deswegen liebe ich die langen und kalten Winter, die es kaum noch gibt.

Ich könnte bei Ali klingeln. Der ist ein sehr gastfreundlicher Mann, würde mir sicher einen Schraubenzieher leihen. Bis vor zwei, drei Jahren war ich oft bei ihm zu Besuch. In meine Wohnung kam er nicht gern, wegen des Hundes. Hunde sind unreine Tiere, sagte er mir. Wir haben uns trotzdem ganz gut verstanden. Wir haben Wasserpfeife geraucht, Tee getrunken und über den Islam und Gott und die Frauen geredet. Ali ist strenggläubig, ich würde das zumindest so nennen. In seinem Wohnzimmer hängen große Wandteppiche mit den Gesichtern verschiedener Heiliger, Imam Ali, Ajatollah Chomeini und ein paar andere, deren Namen ich vergessen habe. Einige Male, aber das ist jetzt auch schon fünf, sechs Jahre her, bin ich mit ihm in die Moschee gegangen. Nicht, weil er mich bekehrt hat zum wahren Glauben, sondern weil ich noch nie in einer Moschee war und dachte, in den Zeiten des islamistischen Terrors, der Islamphobien und der Islamisierung Europas, Afrikas und der Welt muss man einmal in so einem Raum gewesen sein, um das Geheimnis dieser Gottesportale und der dortigen Gruppentranszendenz zu ergründen. Aber ich war ein wenig enttäuscht von der Leipziger Moschee, nur eine große Wohnung in einem runtergekommenen Mietshaus, aus der die Wände so herausgebrochen waren, dass ein paar kleine Säulen entstanden. Teppiche auf dem Boden, Teppiche an den Wänden, arabische Schriftzeichen, viel Gold, viel Kitsch, viel Tand, Hauptsache, Gott fühlt sich wohl, in der Nachbarwohnung lag die Moschee für die Frauen und Mädchen, wie in den getrennten Umkleidekabinen des Freibads ist das, ein Gott für die Männer und einer für die Mädels, bzw. zeigt er da seine weibliche Seite. Alis deutsche Freundin, die er damals hatte, ging immer in die Frauenmoschee, er hat sie zum wahren Glauben bekehrt, sie ging nur noch verschleiert auf die Straße und durfte mir nicht die Hand geben und erklärte mir das so, dass Gott es nicht gern hat, weil ich ja nicht ihr Mann bin. War gar nicht mein Typ diese Frau, aber sehr nett. Als Ali einmal für längere Zeit nach Kuweit zu seiner Familie fuhr, ging es heiß her zwischen den Heiligenbildern in seinem Wohnzimmer, ständig traf ich junge Leute im Treppenhaus, dröhnte Musik, waren die Aschentonnen voller leerer Flaschen … auch wenn wir uns in den letzten Jahren kaum noch sahen, habe ich selten so einen freundlichen Menschen getroffen, und auch in der Moschee war ich als Christ immer willkommen und wurde nach den Predigten (von denen ich kein Wort verstand natürlich, da auf Arabisch gehalten, der Sprache Gottes, manchmal meinst du dann Sachen zu hören wie »Bin Laden!« oder »DschihadkommtnachEuropa!«, aber ich glaube, diese schiitische Gemeinde war kein Schlupfloch für Hardliner, die Schiiten haben mit dem wahabitischen Bin Laden & Co. sowieso wenig am Hut, mit dem Imam habe ich ein paar Mal gesprochen und starke arabische Zigaretten geraucht, die waren nicht rund, sonder oval) zum Essen eingeladen, auf dem Fußboden, auf einer großen Plastikplane aßen wir, und die größte Freundlichkeit war es, seinem Nebenmann ungefragt etwas Fleisch und Reis auf den Teller zu schieben, das wurde mit einer angedeuteten Verbeugung und gefalteten Händen lächelnd bedankt. Und deshalb klingele ich auch nicht bei ihm, um nach einem Schraubenzieher zu fragen, ich weiß, dass er früh aus dem Haus muss, um zu arbeiten.

Und das war’s auch schon an Möglichkeiten, die ich habe. Die Wohnung über mir ist leer, die Wohnung neben Ali ist auch unbewohnt zur Zeit, der Typ ist im Knast, weiß nicht, wie lange noch. Ist eine Art Unglückswohnung, würde ich sagen, denn der Typ, der da vorher drin wohnte, ist auch im Knast. Es muss vor zwei, drei Jahren gewesen sein, als ihn die Bullen abholten. Ein Türke, der eine ältere Dame in Leipzig geheiratet hat wegen der Aufenthaltsgenehmigung, Geld hat’s wohl auch gekostet. Ich habe die Briefe vom Gericht und vom Scheidungsanwalt mit großem Interesse gelesen, als sein Briefkasten überquoll, nach dem er eingefahren war. Ich weiß nicht genau, wegen was sie ihn drankriegten. Vielleicht was mit Drogen, ich habe ihn ein paar Mal auf der Eisenbahnstraße flanieren sehen, verdächtig langsam, das ist seit vielen Jahren schon ein Umschlagplatz. Er hat auch viel getrunken, obwohl er mir, als ich mal auf einen Tee in seiner Wohnung war, sagte, dass er die übermäßige Trinkerei der Deutschen nicht verstehe, »Ab und an ein kleines Bier, o.k., aber Schnaps, so viel Schnaps, da werden die Leute böse.« Ein paar Wochen später nur dröhnte der Streit, den er mit seiner Freundin hatte, durchs ganze Haus. Wurde immer lauter und schlimmer, die Frau kreischte und schrie wie am Spieß, er fluchte, schimpfte, ab und an krachte was, jetzt geht das gute Geschirr zu Bruch, dachte ich, dachte auch daran, hochzugehen und zu schlichten, hatte aber genug eigenen Kram zu tun. Bis dann, auf dem Höhepunkt des Lärms, ein Schatten an meinem Hochparterre-Fenster zur Straße vorbeiflog, von oben kommend, nicht genau zu erkennen, und mit einem dumpfen Knall irgendwo neben dem Haus aufschlug. Das war’s, dachte ich, er oder sie. Und traute mich kaum, auf die Straße zu gehen, in Erwartung eines zertrümmerten Körpers. War aber nur ein Tisch bzw. die Reste eines Tisches. Ein Couchtisch mit Fliesenoberfläche, die Fliesenteile lagen wie Granatsplitter mehrere Meter im Umkreis der Detonation. Ein Mann auf der anderen Straßenseite schaute mit offenem Mund zu mir rüber, volle Punktzahl, der Kandidat hat den richtigen Fuß-weg gewählt!

Bin ich dann doch hochgegangen. Ein aufgeklapptes Messer hinter meinem Rücken. Wer weiß, mit was der öffnet … Er trug nur eine Unterhose und stank übel nach Schnaps, und als ich ihm sagte »Dir ist da eben was aus dem Fenster gefallen«, versprach er mir schwankend und lallend, sofort alles wegzumachen. Die Frau war nicht zu sehen.

Ich arbeite schwitzend an meiner Tür. Der Hund schläft auf dem Abtreter unterm Sicherungskasten. Mit einer Hand stemme ich den Schaufelstiel zwischen die Flügel und hebele sie auseinander, so weit es geht, mit der anderen Hand treibe ich mein neues spitzes Werkzeug in den Korken. Lack splittert vom Holz, kleine Stücke brechen bereits aus dem Korken raus. Ich habe einen lockeren Halterungshaken von der Regenrinne im Hof gezogen, mein Unterhemd ist schmutzig und mit Rost verschmiert, aber der Korken bröselt, die Blockade bricht, 3 Uhr 17, die Tür öffnet sich polternd, der Hund wacht auf.

II

Draußen vor der Tür, auf meinem Hof, direkt neben dem alten Kirschbaum, ist ein kleines Grabmal aus roten Ziegelsteinen. Dort liegt mein Hund Piet. Ich habe ihn verbrennen lassen und die Urne dort begraben. Er ist über vierzehn Jahre alt geworden. Am 19. Oktober in den Abendstunden hielt der Arzt sein Herz an. Die Tage zuvor hatte er nur noch wenig gegessen, und auch seine letzte Mahlzeit beroch er nur, und aß dann ein paar kleine Happen, als würde er etwas ahnen.

Der Arzt spritzte ihm erst ein Narkosemittel, nicht zu stark, damit er ganz langsam anfängt wegzudämmern. Und dann saß ich noch eine Weile neben ihm, die Hunde-decken hatte ich frisch gewaschen, damit er sauber und weich stirbt, der Arzt fragte, und ich bejahte, und dann nahm er eine andere Spritze, mit langer, dünner Nadel, befühlte seine Rippen, suchte das Herz, und injizierte direkt dort hinein. Ich lege meine Hand auf seine Schnauze, damit er mich riechen kann. Kurz bäumt er sich auf, öffnet den Mund, ich lege mein Hand hinein, will, dass er mich wittert in seinen letzten Sekunden. Und er wird ruhig, ich kann den Moment spüren, seine Zähne berühren meine Haut. Er ist weg.


*Aus: Clemens Meyer, „Draußen vor der Tür“ from: Clemens Meyer, Gewalten. Ein Tagebuch.pp. 201-223. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2010.

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