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Gerade in Lektüre: Gespräche mit der Mutter (Notizen) | Lorrie Moore
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Lorrie Moore | aus dem:Englischen

Gespräche mit der Mutter (Notizen)

Übersetzt von : Brigitte Jakobeit

Intro von Yaara Shehori

Lorrie Moore bringt uns Tanzschritte bei für einen der wohl natürlichsten Tänze überhaupt, sie legt ausgeschnittene Fußabdrücke vor uns auf den Boden und sagt: "Genau so, so stehen, jetzt vor." Sie gibt uns Anleitung für etwas, das vermutlich keine Anleitung braucht, für etwas, das vor dem Sprechen existiert: Gespräche mit der Mutter. Die einzelnen Anweisungen sind ganz allgemein gehalten und bauen auf Ereignissen des Weltgeschehens auf, doch sind sie in Wirklichkeit unmöglich zu befolgen. Denn die Geschichte, die erzählt wird, ist äußerst privat. Auch wenn man den Anweisungen dieser Geschichte Schritt für Schritt folgt, auch wenn man wie die Protagonistin im Jahr 1939 geboren ist, den ersten Apfelkuchen ebenfalls 1972 gebacken hat, wird man dennoch immer wieder an der Aufgabe, mit Mutter zu sprechen, scheitern.

Es ist kein Zufall, dass die Erzählung vom Ende zum Anfang hin geschrieben ist, wenn auch nur, um uns vor Augen zu führen, dass der Wunsch, einen eindeutigen Weg zu beschreiben, ziemlich absurd ist. Was hier literarisch bewerkstelligt wird, kann mit dem Auseinandernehmen eines Motors verglichen werden, vor uns liegt der Motor eines Autos oder eines Rasenmähers in Einzelteile zerlegt, oder die Komponenten eines Chemiebaukastens, oder ein künstliches Herz. Nun liegt es an einem selbst, das Ganze sorgfältig wieder zusammenzusetzen. Wenn alles an der richtigen Stelle sitzt, der Stromkreislauf geschlossen ist, dann wird das Herz wahrscheinlich erneut anfangen zu schlagen, auch außerhalb seines Behälters, wenn es den überhaupt gibt.

"Gespräche mit Mutter" ist nicht die einzige Erzählung im Band, die einer Anleitung ähnelt, "Wie werde ich Schriftsteller", "Eine andere Frau" ebenso. Lorrie Moores Anleitungen wollen Ordnung in Dinge bringen, die keiner Ordnung folgen können. In ihrem Text verwandelt sie dieses von vornherein eingebaute Scheitern in etwas, das auf seltsame Weise Freude und Hoffnung birgt. Als ob jede nochmalige Lektüre das gleiche Versprechen bereithält. Wenn ich mein Leben nochmal lebe, und sei es nur durch die Literatur, wenn ich der Anleitung mit all seinen Anweisungen nur ganz genau folge, dann wird vielleicht dieses eine Mal ein Gespräch möglich sein. Das Summen einer Mutter für ihr Baby auf dem Arm vermischt sich mit dem Brummen des Kühlschranks, das Gespräch nach dem Tod wird zu einem ursprünglichen Sprechen ohne Worte, nur sanftes Gurren. Und Anleitungen.

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1982. Schon jahrelang ohne sie, murmelst du am abtauenden Kühlschrank »Was?« »Wie?« »Ruhe jetzt«, während es knarrt, weh tut, ächzt, bis der letzte Eisblock ergeben von der Decke des Gefrierfachs tropft.

Du träumst, und in deinen Träumen schweben Babys an den Baumwipfeln vorbei, sie haben die Ausstrahlung von Dackeln und sind fett wie Luftballons von Macy.

Das erste Kunststoffherz wird chirurgisch eingepflanzt.

Oben hat jemand »You’ll Never Walk Alone« aufgelegt. Jetzt »Oklahoma!« Die müssen eine Rodgers und Hammerstein- Sammlung haben.

1981. In öffentlichen Verkehrsmitteln schauen dich Mütter mit weichen, seifigen Engeln in Kord an, ihre Gesichter sind Dominosteine der Innigkeit. Ihre Engel sind klein und ruhig, oder aber sie zählen endlos die Farben der Bussitze: »Blau-Blau-Blau, Gelb-Gelb-Gelb, Glün-Glün-glün.« Die Mütter sehen, wie du die Kinder beäugst. Sie lächeln wohlwollend. Sie glauben, du bist kinderlos. Sie glauben zu wissen warum. Du siehst schnell weg, zur schmutzigen Fensterscheibe hinaus.

1980. Das Brummen, Brausen und Klappern von Gegenständen in der Küche. Es sind ein paar der Geräusche, die dein Leben organisieren. Das Klimpern des Silbers in der Schublade, aufeinandergetürmt wie Knochen in einem Massengrab. Deine Vergleiche werden düster,

werden müde.

Reagan wird zum Präsidenten gewählt, obwohl du Donuts und Flugblätter für Carter verteilt hast.

Du verabredest dich mit einem Italiener. Er reibt deinen Bauch und sagt: »Deine Haut ist weich wie Samt.« Und in deinem wirren Kopf denkst du: weit wie das Land, weiß wie die Wand, heiß wie die Hand, nimm dich in acht.

Er pflanzt Küsse in die Schräge deines Genicks, und du schläfst bei ihm ein, deine Unterhose ist um einen Oberschenkel gestreift und gerollt wie der Strumpfhalter einer Braut.

1979. Manchmal unternimmst du abendliche Ausflüge zu dem alten, unverkauften Haus, in dem du aufgewachsen bist, in das verspukte, ländliche Nest, das zwei Stunden von deiner jetzigen Wohnung entfernt liegt. Es ist wie Halloween: der geharkte, mondbeleuchtete Rasen, die geblähten Riesenbäume, deren Arme und Finger sich in den sternenlosen Himmelsstreifen strecken wie Wunden, Risse, Landkartenflüsse. Ihre schwarzen Schatten schaukeln zu der Veranda im Osten hin. Du biegst langsam um die Ecke, siehst aber weiter aus dem Autofenster. Dieses Haus ist tief in dir vergraben, noch ist etwas hier, das du kennst, das du glaubst zu kennen, eine Stimme ganz oben auf jener Treppe, vielleicht, eine Gestalt auf der Veranda, eine seltsame Schürze, die sich in den Zweigen verfangen hat, in der für eine Herbstnacht zu warmen Brise, irgend etwas stimmt nicht, dieses Turmfenster, das von hier aus, von außen, zu sehen, von innen jedoch nicht erreichbar ist. (Die Geisterangeberei deiner Kindheit: »Wir haben ein Zauberzimmer. Das Fenster ist vorne zu sehen, aber man kann nicht reingehen, es gibt keine Tür. Vor vielen Jahren hat ein Arzt da gewohnt und heimlich operiert, und jetzt ist es zugemauert.«) Das Fenster sitzt wie ein totes Auge im Turm. Du siehst einen Geist, eine sich drehende Statue neben einem Strauch.

1978. Du beerdigst sie in dem kalten südlichen Seitenhof dieses unheimlichen Hauses. Dein Bruder und seine Kinder sind da. Du umarmst sie alle. Der Pfarrer im sportlichen Tweedmantel, die nachbarlosen Felder, die Straßenkreuzungen, das alles ist trostlos wie Kansas. Es wird gebetet, dann schaufelt jemand. Die Leute gehen zu den Autos und umarmen sich wieder. Du steigst mit deiner Nichte in deinen Wagen. Wartest. Schaust durch die Windschutzscheibe nach oben. Am Novemberhimmel zieht ein Keil von Zaunkönigen gen Süden, die Linien ihrer Formation, die äußersten Flanken und die Spitze folgen einer geheimnisvollen Choreographie, fließen, verändern, kreuzen sich wie die Beine eines Schlittschuhläufers. »Irgendwo werden sie sich instinktiv auf einem Baum niederlassen«, sagst du, »aber das wird noch lange dauern.« Du staunst, beobachtest, bis sie amöbisch-langsam dunkle, weit entfernte Stiche im Horizont bilden. Du läßt den Wagen nicht an. Endlich spricht die schweigsame Nichte neben dir: »Tante Ginnie, gehen wir zu den anderen ins Restaurant?« Du siehst sie an. Erkennst sie: neun, in einem Parka aus Webpelz. Du lächelst und fährst los.

1977. Sie wird alt, schaukelt in deinem Schaukelstuhl, lautlos wie Wind. Die vorderen Strähnen ihres weißen Haares baumeln gelb von zu vielen Zigaretten vor ihren Augen. Sie raucht sogar jetzt, da ihre Stimme heiser vom Schleim ist. Manchmal, wenn ihr in deiner winzigen Küche zu Abend eßt, wird sie einfach auf dich starren, mit feuchten Augen, und dann in einen Hustenanfall ausbrechen, der ihren schmächtigen Altmännerkörper wie ein Sturm peinigt.

Du ißt deine gebackene Kartoffel nicht weiter. Fragst, ob alles in Ordnung ist.

Sie wird krächzen: »Weißt du noch, Ginnie, wie dein Vater immer sagte, daß ich eines Tages, bei den vielen Zigaretten, ›mit dem Schleim leben‹ würde?« Bei diesen Worten gluckst, würgt, keucht sie wieder.

Hilf ihr beim Aufstehen. Stütze sie gegen dich.

Klopfe ihr leicht auf den gewölbten Hügel ihres Rückens. Bitte sie, um Gottes willen mit dem

Rauchen aufzuhören.

Sie wird lächeln und sagen: »Um Gottes willen? Ist das eine Art, mit deiner Mutter zu reden?«

In der Nacht gehst du rein und siehst nach ihr. Sie liegt wach, ihre Lippen sind auseinander, offen und vertrocknet. Bringe ihr etwas Saft. Sie murmelt: »Danke, Liebling.« Ihr Mund riecht, wölbt sich wie ein Grab.

1976. Die Zweihundertjahrfeier. Im Waschsalon wartest du, daß die Zeit für deine Münzen abläuft. Du beobachtest durch das Bullauge des Trockners, wie deine verhexten Handtücher und Laken hochspringen und fallen. Von der Decke tönt Radiomusik, langsamer, trauriger Motown; er umgibt dich mit dem verzweifelten Optimismus eines jungen Mannes auf einem Ball, und er bringt dich zum Weinen. Sobald du in deinem Appartement bist, kippst du alles auf dein Bett. Deine Mutter strickt gekrümmt: Rot, Weiß und Blau. Du gibst ihr einen Begrüßungskuß. Sagst: »War sehr warm dort.« Anscheinend hört sie dich nicht.

1975. Du gehst allein zu Dichterlesungen in die Stadtbibliothek. Merkst, daß du nicht richtig zuhörst. Starrst auf deine überkreuzten Oberschenkel. Denkst über deine Mutter nach. Manchmal verwechselst du sie mit dem ersten Mann, den du jemals geliebt hast, der dich jemals geliebt hat, der seinen Kopf in die Flusen deines Pullovers vergrub und so herrliche Dinge sagte wie »O Gott, o Gott«, der dich bedingungslos, fürchterlich liebte, wie eine Mutter.

Der Dichter verliert einen Augenblick lang die Nerven, ein roter Schwall überzieht seinen Nacken und seine Ohren, aber er gewinnt seine Fassung wieder. Als er fertig ist, klatschen die Leute. Es gibt Wein und Käse.

Du brichst allein auf, gehst allein nach Hause. Die Straßen im Zentrum sind Lichtgalerien, die

dich halten, sie halten dich, an der Kirche, beim Gemeindezentrum. Du marschierst, wie Stella Dallas, kerzengerade, durch das Melodrama von Straßenlaternen, Telefonmasten, in Richtung des grünen Hauses hinter der Borealis Avenue, zu dem hinteren Appartement mit dem abschüssigen Boden und dem Kürbis auf dem Herd.

In deinem Horoskop steht: Sei nett, faß dich kurz.

Du bist wieder schwanger. Entscheide, was du tun sollst.

1974. Sie hat Anfälle, eine verrückte Art von Altersschwachsinn. Sie ruft dich bei der Arbeit an. »Hier ist nichts zu essen! Hilf mir! Ich verhungere!«, obwohl du erst gestern Lebensmittel für vierzig Dollar gekauft hast. »Mom, es ist doch was zu essen da!«

Als du nach Hause kommst, ist der Kühlschrank fast völlig leer. »Mom, wo hast du die ganze Milch und den Käse und das Zeug hingetan?« Deine Mutter sitzt da, starrt dich von ihrem Platz vor dem Fernsehapparat aus an. Tränen strömen aus ihren Augen. »Es ist nichts zu essen da, Ginnie.«

Aus der Spülmaschine dringen raschelnde, kratzende Geräusche. Du öffnest sie, und die Augen eines kleinen Nagetiers strahlen dich an. Es krabbelt heraus und verschwindet bei der Fußleiste hinter dem Kühlschrank. Deine Mutter hat, offensichtlich, sämtliche Lebensmittel in die Spülmaschine gestellt. Die Milch ist verschüttet, eine weiße Lache auf Blau, und Sachen wie Käse und Mortadella und Äpfel sind angeknabbert.

1973. Auf einer Party erzählt dir eine Frau, wo sie ein wunderschönes Paar Schuhe gekauft hat, und du sagst, deiner Meinung nach sei Kleiderkaufen wie Masturbieren – jeder tue es, aber es sei nicht besonders interessant und sollte daher allein erledigt werden, auf eine intime Art, und nie Thema eines Partygesprächs sein. Die Frau kneift Lippen und Augen zusammen und sagt: »Oh, vermutlich können Sie über spannendere Dinge reden.« Du wirst unbeholfen und nervös. Sagst »nein« und steuerst auf das Ginger Ale zu. Den Leuten neben dir erzählst du, daß sich dein Inneres irgendwie nach Versunkenem und Vinyl anfühlt, wie eine Claes Oldenburg-Toilette. Sie sagen »Oh?« und heben das Muster auf deinem Kleid hervor: Paisleys, die andere Paisleys befruchten. Du gießt dir noch mehr Ginger Ale nach.

1972. Nixon erringt einen überwältigenden Wahlsieg. Manchmal nennt dich deine Mutter beim Namen ihrer Schwester. Sag ihr: »Nein, Mom, ich bin’s. Virginia.« Du lernst, Dinge zu wiederholen. Du lernst, daß ihr euch auf eine Art kennt, die seltsamerweise die Art, in der ihr euch nicht kennt, wiedergutmacht.

Du kochst zum ersten Mal Apfelauflauf.

1971. Du unternimmst lange Spaziergänge, um ihr zu entkommen. Gehst durch waldige Gebiete; dort herrscht ein Leben, das du längst vergessen hast. Die Gerüche und Laute erscheinen dir unvermittelt, unverändert, genau, das papierähnliche Knirschen der Blätter, das vermodernde Duftkissen des Schlamms. Die Bäume sind krumm wie Rücken, die Zaunpfähle zersplittert, sicher und zugleich verletzlich in ihrer festen Umarmung, die Astern sind spindeldürr, trocken, welk und weiß vom Frost. Du findest einen wunderschönen rötlichen Stein und nimmst ihn für deine Mutter mit nach Hause. Du küßt sie. Sagst: »Der ist für dich.« Sie packt ihn und lächelt. »Du warst schon immer ein so empfindsames Kind«, sagt sie. Antworte: »Ja, ich weiß.«

1970. Du bist wieder schwanger. Versuche dich zu entscheiden, was du tun sollst. Laß dir dein Haar absäbeln, kurz wie das eines Jungen.

1969. Die Menschheit springt auf den Mond.

Wegwerfwindeln werden zum ersten Mal in Supermärkten verkauft.

Du läßt dich auf gelegentliche Affären mit lächerlichen, dummen Männern ein, die dir sagen, du sollst dein Haar bis zur Taille wachsen lassen, und die dich, wenn du traurig bist, zur Aufmunterung in den Rippen kitzeln. Das Mondlicht zwischen den Rollostäben streift euch wie Zebras. Du lachst. Du heiratest nie.

1968. Ärgere dich nicht über sie. Denk zum Beispiel an die Situation, wenn du die letzte Mülltüte aus der Schachtel nimmst: Du mußt die Schachtel wegwerfen, indem du sie in genau diese Mülltüte schmeißt. Was einmal Inhalt war, muß nun beinhalten. Der Behälter wird dann zum Beinhalteten, zum Eingeschlossenen, Gehaltenen. Du entdeckst zunehmend, wie gern du über solche Dinge nachdenkst.

1967. Deine Mutter ist krank und zieht bei dir ein. Sie weiß nicht, wohin sie sonst gehen könnte. Du spürst viele verschiedene Leerstellen in dir.

In Südafrika wird die erste erfolgreiche Herztransplantation durchgeführt.

1966. Du bringst deine Liebhaber durcheinander, verwechselst, wer welche Narbe, welche Farbe, welche Mutter hatte.

1965. Du rauchst Marihuana. Versuchst herauszufinden, was in deinem Leben falsch gelaufen ist. Es ist, als wolltest du herausfinden, was den Kühlschrank verstänkert. Es könnte alles mögliche sein. Der Drehverschluß der Mayonnaise, Onkel Rons seit vier Jahren in der linken Ecke stehender Honigwein. Vergilbender, schnell blühender Brokkoli. Es sind alles Metaphern. Es sind alles Probleme. In deinem Horoskop steht: Sprich freundlich mit einem geliebten Menschen.

1964. Deine Mutter führt ein Ferngespräch und fragt, ob du Thanksgiving nach Hause kommst, dein Bruder und das Baby seien da. Du erfindest Ausreden.

»Wenn eine Mutter älter wird«, sagt deine Mutter, »werden solche Feiertage immer wichtiger.« Du sagst: »Es tut mir leid, Mom.«

1963. Eines Morgens wachst du mit einem Mann auf, von dem du dachtest, du könntest dein Leben mit ihm verbringen, und erkennst, mit einem Stein im Bauch, daß du ihn nicht mal magst. Du verbringst einen sentimentalen Nachmittag in seinem Badezimmer und gehst nicht raus, wenn er klopft. Du kannst deinen Gefühlen nicht länger trauen. Menschen und Orte, die du zu lieben glaubst, sind vielleicht Menschen und Orte, die du haßt.

Kennedy wird erschossen.

Irgend jemand erfindet ein künstliches Herz, das während der Operation eingesetzt wird.

1962. Zum ersten Mal ißt du chinesisch, mit einem Anwalt aus Kalifornien. Er zeigt dir, wie man die Stäbchen hält. Er tätschelt dein Bein. Du greifst seinen Beruf an. Fragst ihn, ob er denn glaube, das Gesetz mache aus kleinen Leuten große Leute.

1961. Grandma Moses stirbt.

Du bist ein Zoo voll Unsicherheiten. Du gewöhnst dir an, Brandy in den Frühstückskaffee zu kippen und dich zu schnell zu verlieben. Du hast eine Abtreibung.

1960. Vom Testament deines Vaters und seiner Lebensversicherung ist Geld da. Du kaufst ein Auto und ein grünes Samtkleid, das du nicht brauchst. Jeden Samstag fährst du zwei Stunden, um mit deiner Mutter Mittag zu essen. Sie schlägt dir vor, über was du schreiben könntest, Geschichten, die sie im Radio gehört hat: eine Frau mit telepathischen Zwillingen, eine Frau ohne Füße.

1959. Bei der Beerdigung sagt sie: »Er hatte seine Probleme, aber er war ein großzügiger Mann«, obwohl du weißt, daß er kleinlich war wie ein Pfadfinderknoten, niemandem zuhören konnte und du dich nur an ein einziges Mal erinnern kannst, wo du ihn geliebt hast, als er nämlich die Pointe von einem deiner Witze eher als deine Mutter mitbekam, er von seiner wissenschaftlichen Zeitschrift hochsah und wie ein Riese in schallendes Gelächter ausbrach und ihr beide euch, für den Bruchteil einer Sekunde, wie Engel mitten in diesem Raum, in diesem warmen, miteinander geteilten Gedankenlicht verstanden habt. Du sagst: »Er war in Ordnung.«

»Du solltest nicht so bitter sein«, fährt dich deine Mutter an. »Er hat dir und deinem Bruder die Ausbildung am College finanziert.« Sie knöpft ihren Mantel zu. »Außerdem war er der erste Mann, der ein bestimmtes Heliumisotop isoliert hat, ich habe den Namen vergessen, aber er hätte den Nobelpreis verdient.« Sie tippt an ihre Nase.

Du sagst: »Ja, Mom.«

1958. Bei der Hochzeit deines Bruders wird dein Vater mit dem Krankenwagen abgeholt. Eine kleine Cousine flüstert laut ihrer Mutter zu: »Hatte Onkel Will einen Schmerzanfall?« Ganze sieben Tage lang sagst du deiner Mutter Dinge wie: »Ich bin sicher, es wird wieder gut« und »Ich bleibe hier, warum gehst du nicht nach Hause und schläfst ein bißchen.«

1957. Du tanzt Calypso mit Jungs aus einem anderen College. Knallst dich mit New York-Burgunder voll, verlierst deine Jungfräulichkeit und kaufst dir eine der ersten tragbaren elektrischen Schreibmaschinen.

1956. Du erzählst deiner Mutter von all den Büchern, die du im College liest. Das beruhigt sie.

1955. Du machst ein ›Malen nach Zahlen‹-Bild von Elvis Presley. Erzählst deiner Mutter, wie sehr du ihn liebst. Sie wird den Kopf schütteln.

1954. Du klaust einen Kaschmirpullover.

1953. Du rauchst eine Zigarette mit Hillary Swedelson. Ihr erzählt euch gegenseitig, für wen ihr schwärmt. Ihr werdet Blutsschwestern.

1952. Als dich deine Mutter fragt, ob es auch ein paar nette Jungs an der Junior High gibt, fragst du sie, woher du um alles in der Welt so was wissen solltest, wo du doch jeden Abend um neun! zu Hause sein mußt. Ihre Augenbrauen heben sich wie Theatervorhänge. »Du armes, mißbrauchtes Ding«, wird sie sagen.

Sag: »Genau« und knall die Tür zu.

1951. Deine Mutter klärt dich über Menstruation auf. Am nächsten Tag kriegst du prompt deine Periode, anscheinend wartete dein Körper nur auf die Erlaubnis, auf ein Signal. Du wachst morgens auf und bist peinlich berührt.

1949. Du lernst, wie man Kaugummiblasen macht und negative Zahlen addiert.

1947. Die Schriftrollen am Toten Meer werden entdeckt.

Du hast zu viele Hollywood-Musicals gesehen. Du hast zu viele Leute gesehen, die in der Öffentlichkeit singen, und nimmst an, du könntest es ebenfalls. Du übst. Dein Lehrer stellt dir eine Frage. Du trällerst zurück: »Die Antwort auf Frage Nummer zwei ist zwölf.« Die meisten in der Klasse lachen über dich, obwohl ein paar, mit juwelen-stillen Augen, fasziniert staunen.

Zu Hause bittet dich deine Mutter, in deinem Kleiderschrank Staub zu wischen. Du steigerst dich wütend in ein Vibrato, durch das ein Lastwagen fahren könnte. Singst: »Warum muß ich das ausgerechnet jetzt tun?« und steppst durch das Wohnzimmer. Deine Mutter fordert dich auf, daß du dich beruhigst und ein Nickerchen machst. Du schreist: »Ich bin dir egal! Ich bin dir völlig egal!«

1946. Dein Bruder spielt den ganzen Tag »Shoofly Pie« auf der alten Victrola.

Du fragst deine Mutter, oh du bei Ellen essen darfst. »Frag deinen Vater«, wird sie antworten, und du gehst, an den Fingern ziehend, ins Wohnzimmer und wimmerst neben seinem Sessel. Er liest. Du tippst an seinen Arm. »Dad? Daddy? Dad?« Er liest in seiner wissenschaftlichen Zeitschrift weiter. Du ziehst noch stärker an deinen Fingern und rennst in die Küche zurück, um es deiner Mutter zu erzählen, die jetzt ins Wohnzimmer stürmt und sagt: »Warum hörst du eigentlich nie deinen Kindern zu, wenn sie mit dir reden wollen?« Sie streiten sich. Du drückst dein Gesicht in ein Geschirrtuch, schämst dich, und das Brummen des Kühlschrankmotors, das Tröpfeln in der Spüle macht dir angst.

1945. Dein Vater kehrt von seiner Kriegsforschung zurück. Er läßt dich um den gelben verfilzten Rasen im Garten huckepack reiten, und das tote Fenster im Turm, dunkel wie eine Wunde, sieht dir zu. Er schubst dich wortlos auf der Schaukel an.

Dein Bruder hat neue Freunde, verhält sich älter und distanziert, sogar wenn ihr gemeinsam auf den Schulbus wartet.

Du bist zu oft allein. Du erzählst deiner Mutter, daß du deine Babys später, wenn du groß bist, mit nach Australien nimmst und ihnen die Känguruhs zeigst.

In Nagasaki werden vierzigtausend Menschen umgebracht.

1944. Du hast eine kleine Puppe, die »The Sue« heißt, die du anziehst und hätschelst. Du nimmst sie überallhin mit. Ihr verirrt euch auf dem Wilson Creek-Gemüsemarkt, und du rufst leise: »Mom, wo bist du?« Du beobachtest, wie andere Kinder Trauben abzupfen, traust dich selber aber nie. Deine Augen sind kleine dunkle Trichter, deine Hand umklammert The Sue.

1943. Du fragst deine Mutter über Babys aus. Läßt sie nur Geschichten über Babys vorlesen. Fragst sie, ob sie ein Baby bekommt. Fragst sie nach dem Baby, das gestorben ist. Du weinst in ihren Armen.

1940. Du packst ihr Haar in deine Faust. Streichelst deine Wange damit.

1939. Wie durch eine Helix, wie durch ein Ohr, hier bist du den Traumfetzen, den anderen Wesen näher.

Da ist ein Zelt aus Beinen, eine Spaltung zweier Selbst, während ihr beide blind nach Luft ringt. Durch das Helle und Kalte hindurch spürt sie, wenn du mit ihr reden willst, wenngleich du dies nie richtig begriffen hast.

Deutschland marschiert in Polen ein.

Der Song des Jahres heißt »Three Little Fishies«, und irgend jemand spielt ihn, irgendwo.


* Copyright © 1985 by Lorrie Moore. From Self-Help (Knopf). Reprinted with permission by Melanie Jackson Agency, LLC.

*Translation copyright ©2008 by Brigitte Jacobeit. Reprinted by permission by Piper Verlag. All rights reserved.

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