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Gerade in Lektüre: Manche Kontinente wären besser nie entdeckt worden, Europa zum Beispiel, mit Europa gab’s immer nur Ärger. | Michel Decar
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Michel Decar | aus dem:Deutschen

Manche Kontinente wären besser nie entdeckt worden, Europa zum Beispiel, mit Europa gab’s immer nur Ärger.

Aus: The Rules of Attraction (2002), Roger Avary

Intro von Edit

Ein Text wie ein Vergnügungspark: Überall flüchtige Bekanntschaften, blinkende Attrappen und ein Auf und Ab, dass einem schwindelig wird. Hinterher steht man ohne Orientierung da, das Geld wurde einem geklaut und der Pass – aber es war das reinste Vergnügen. Denn obwohl sofort klar wird, dass der Text alle Erwartungen an eine Erzählung unterläuft, schafft Michel Decar etwas, was in dieser Dichte kaum möglich scheint: Überraschungen auf Schritt und Tritt. Hier werden Tonlagen, Aufzählungen und Wiederholungen derart gekonnt eingesetzt, dass man den Hauptsatzketten zwar an keiner Stelle trauen kann, sich aber gern von ihrer Dynamik um die Welt tragen lässt.

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Früher war ich oft zu zweit. Ich war zu dritt. Wir waren vier, fünf oder sechs. Ich hatte Brüder, Schwestern, eine Vogelspinne. Eltern: Ja, auch.

Außerdem war da noch mein Onkel Nikolai und der Typ aus der Nachbarschaft mit den Bommelhandschuhen. Wir haben gelacht, manchmal geweint, die Tauben im Stadtpark sind an unseren Kekskrümeln erstickt. Dann wurde es Winter, dann wieder Sommer und meine Cousine Sonja hat mir allerhand Formen im Playgirl gezeigt. Später, es muss Herbst oder Frühling gewesen sein, fuhr ich mit meinem Cousin Arseny im Riesenrad und wir haben durch den Playboy geblättert, das war auch schön.

Mein Bruder Jewgeni hat das letzte Stück Käsepizza gegessen. Mein Bruder Jewgeni hat mit Lippenstift Idiot auf meine Stirn geschrieben. Jewgeni fährt mit meinen brandneuen Rollschuhen die Straße entlang. Ich schließe die Augen und sehe Jewgeni, wie er auf einen riesigen Abgrund zurollt oder wenigstens ein Atommüllendlager. Vielleicht wäre es auch gut, wenn wirklich alle tot wären. Oder wenigstens weg.

Dann fängt wieder die Schule an und ich bin gut in Mathe. Ich denke an andere Dinge und trinke manchmal Schnaps aus einem Trichter. Später berühre ich ein Mädchen zufällig am Ellbogen und wir fahren zusammen zum Spring Break nach Miami. Ich sage Nein zu Heroin, ich sage Nein zu Heroin, Heroin würde ich wirklich nie ausprobieren.

Dann ist es Oktober, später auch ein anderes Jahr, die Blätter fallen und Halloween habe ich wirklich nie verstanden. Ich verkleide mich als der Velociraptor aus Jurassic Park und küsse ein Mädchen. Ich küsse einen Jungen. Ich küsse meinen Mathelehrer. Ich schlafe mit meinem Mathelehrer. Ich küsse öfter ein Mädchen, das sich als Alf aus der Fernsehserie Alf verkleidet hat. Gemeinsam schauen wir Hör mal wer da hämmert und sind eine sehr kurze Zeit sehr glücklich.

Später gehe ich auf die Uni und lerne einen gutaussehenden Wirtschaftgeologen kennen. Wir unternehmen Wochenendtrips in folgende Städte: Atlanta, Baltimore, Jacksonville. Ich halte Referate und lege LSD-Blättchen auf meine Zunge. Obwohl wir das nicht vorhaben, verlieben wir uns ineinander, aber als ich ihm erzähle, dass es schon immer mein Wunsch war durch Europa zu reisen, lacht er mich aus und bezeichnet mich als konservativ, was mich ziemlich ärgert und ich glaube in diesem Moment ist etwas zerbrochen zwischen uns. Schade, dabei hätten wir so glücklich werden können.

Der Flug nach Montreal ist wirklich unverschämt billig und als ich am Flughafen ankomme, beschließe ich mit dem Rauchen aufzuhören, mir einen Fahrradhelm zu kaufen oder wenigstens ein besserer Mensch zu werden. Die ersten Tage verbringe ich damit im Internet zu surfen und vermeide es vor die Tür zu gehen, aber als ich merke, dass ich gerade auf theguardian.com denselben Artikel gelesen habe, den ich schon gestern auf theguardian.com gelesen habe, reicht es mir mit dem Internet und ich nehme mir fest vor, eine kanadische Indie-Rock-Band zu gründen, die IntercityExperimental oder Monsieur Braunbär heißt. Kanada: Dieses Land kommt mir unglaublich liberal vor.

Noch bevor es Herbst wird, beende ich meinen Bachelor an der NYU und gönne mir zur Belohnung einen Roadtrip nach Venezuela. In Caracas gibt es zwar weder ein funktionierendes Gesundheitssystem, noch Polizisten, die mit den Begriffen Recht und Ordnung vertraut sind, doch dafür gute Partys und eine große sinnliche Naivität, die ich überaus charmant und inspirierend finde. Ich kaufe mir ein Keyboard und gründe mit Juan und dem verdammt niedlichen Ignacio ein Electro-Jazz-Trio. Doch Juan stellt sich schnell als absurd schlechter Bassist heraus und Ignacios Cousins klauen uns irgendwann all unsere Instrumente, unser Geld und meinen Pass, was ich aber ganz okay finde. Immerhin wurde ich noch nie in einem Dritte-Welt-Land überfallen und diese Erfahrung macht mich erwachsener und spirituell reifer, da besteht überhaupt kein Zweifel.

Spontan beschließe ich noch einen Philosophie-Master in Göttingen dranzuhängen und kaufe mir in einem Online-Antiquariat eine kommentierte Gesamtausgabe des deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte. Den ersten Band verschlinge ich wie nichts, doch dann springt mir auf dem letzten Absatz ein grober Denkfehler ins Auge und ich wende mich enttäuscht von der Fichte-Lektüre ab. Später entwickele ich echte Gefühle für meine Mitbewohnerin Susanne, doch ihr Modeljob und das viele Umherreisen machen eine echte Romanze unmöglich, jedenfalls für mich, und als ich das Susanne sage, unternimmt sie einen ziemlich ernst gemeinten Selbstmordversuch, der natürlich trotzdem scheitert, aber das war mir schon vorher klar.

Ich besuche den Karneval in Köln und verkleide mich als der Triceratops aus Vergessene Welt: Jurassic Park 2. Ich küsse einen Ministranten, ich küsse eine Pastorin, ich küsse einen Pfarrer. Köln: Diese Stadt kommt mir unglaublich liberal vor. Als ich endlich auf einer Ausziehcouch in Düsseldorf erwache, merke ich, dass mein ganzes Geld samt Pass weg ist. Und irgendwie finde ich es geil, nichts mehr zu besitzen. Die Wohnung, in der ich bin, gehört der blutjungen Regiestudentin Annika und ist wahnsinnig minimalistisch eingerichtet. Sie sagt, sie hätte das nicht mit Absicht gemacht, aber ich glaube ihr nicht.

Ich bitte meinen Vater, mir Geld zu schicken und fliege in folgende Städte: Prag, Tokio, Barcelona und Venedig. Irgendwie stehe ich auf Städtetrips. Als ich einige Tage später mit der Fähre von Hongkong nach Macao fahre, sehe ich einen Mann, der ins Wasser springt und immerzu schreit: Ciao, ciao! Macht’s gut! Ich liebe euch! Ciao! Und auf einmal werde ich ganz still und furchtbar glücklich und ich glaube, es geht allen so die neben mir stehen, alle werden auf einmal still und furchtbar glücklich und sind irgendwie Eins.

Und dann beschließe ich – wahrscheinlich aus einem ganz spontanen Gefühl heraus – das Geburtshaus von Bruce Willis in Idar-Oberstein zu besuchen. Aber es ist dann natürlich kein richtiges Geburtshaus, sondern ein stinknormales Krankenhaus, was auch sonst, und während meiner Zeit in Idar-Oberstein schlafe ich mit folgenden Personen: Malte und Doktor Inga Jansen. Das war’s auch, so lange war ich schließlich nicht da.

In Tibet mache ich einen kurzen Entzug und mein Vater ist sauer, weil ich mein Philosophie-Studium hingeschmissen habe. In Shenyang, was eine chinesische Millionenstadt ist, die niemand kennt, laufe ich über einen Marktplatz und merke, dass Gott vielleicht wirklich tot ist. Ich wühle mich durch die Menschenmassen in Delhi. Die Fußgängerzone in Braunschweig. Der Karneval in Rio. Ich habe mich als der Flugdinosaurier aus Jurassic Park 3 verkleidet. Manchmal wünsche ich mir, dass alle tot sind. Oder wenigstens weg.

Ich mache eine Kur, ich spanne aus, ich fahre aufs Land. Dann schlafe ich mit der Landwirtin. Daran anschließend wieder Städtetrips, Drogentrips, herkömmliche Reisen. Ich stelle mir vor, dem Vorstandsvorsitzenden von Google Maps aus kurzer Distanz ins Gesicht zu schießen, verwerfe den Gedanken aber schnell wieder, weil mir die Chance, sofort verhaftet zu werden doch recht groß erscheint. Ich mache einen kurzen Entzug zuhause in Key West und bin sehr kurze Zeit sehr glücklich, während ich Wer ist hier der Boss auf dem kleinen Anstaltsfernseher gucke. Dann breche ich aus, klaue den Diplomatenpass meines Vaters und komme drei Wochen später auf der Fastnacht in Mainz zu mir. Seltsamerweise habe ich mich als Chris Pratt aus Jurassic World verkleidet.

Manchmal könnte ich dich wirklich erwürgen, sagt meine Mutter am Telefon, manchmal möchte ich einfach deinen kleinen weichen Kopf gegen das Spülbecken schlagen. Und wahrscheinlich hat sie da Recht, wahrscheinlich könnte sie mich wirklich erwürgen, ich will das überhaupt nicht ausschließen. Denn vielleicht stimmt es ja, vielleicht bin ich ja wirklich ein absurd schlimmer Mensch, der solche Dinge verdient, aber vielleicht stimmt es eben auch nicht und meine Mutter ist an allem Schuld.

Kurzerhand beschließen mein neuer Mitbewohner Sven und ich ein Manifest zu schreiben und das geht so: Unsere Feinde sind Optiker und Eltern, Männer und Frauen, unsere Feinde sind Kohlenhydrate und Nationalstaaten, Uhrzeiten und das Internet und Bahnhofstoiletten für die man bezahlen muss, unsere Feinde sind die Schweine von Google Maps und Bahncard-25 Besitzer, unsere Feinde sind Rechtshänderscheren und deutsche Außenminister, unsere Feinde sind –

Aber leider kommen wir dann nicht weiter, weil wir mit dem Schreiben aufhören müssen, um heftig rumzuknutschen und dann heftig rumzumachen und dann heftig rumzuvögeln und das dauert alles so lange, dass wir danach gar nicht mehr wissen, was wir eigentlich schreiben wollten.

Also beschließe ich Urzeitkrebse zu züchten und überhaupt ein guter Mensch zu werden. Doch egal, was ich mache, diese verdammten Urzeitkrebse sterben mir nach ein paar Tagen immer weg. Manchmal wünsche ich mir auch, dass alle Menschen einfach wegsterben. Ich reiße das Fenster auf und brülle: Sterbt doch einfach weg! Es wäre so schön, wenn ihr weg wärt. Oder wenigstens tot. Dann wird es Oktober und ich erwache auf einer Ausziehcouch in Wiesbaden. Mein ganzes Geld samt Pass ist verschwunden und mein Mitbewohner Sven ebenso. Schade, wir hätten so glücklich werden können.

Als es Abend wird und ich am Rhein spazieren gehe, überfällt mich eine große Sehnsucht oder Traurigkeit und ich wünsche mir insgeheim, mein Geld in der koreanischen Star Craft Liga zu verdienen oder geröstete Kastanien in der Rue Royale in Brüssel zu verkaufen oder wegen Mordes gesucht zu werden oder wegen Flugzeugentführung gesucht zu werden oder wenigstens wegen irgendwas gesucht zu werden, aber dann entschließe ich mich doch dafür, endlich vernünftig zu werden und gründe mit meinem Bruder Jewgeni ein isländisches Modelabel.

Die Steuergesetze in Rejkavik sind wirklich unglaublich liberal und durch ein bisschen Glück und geschicktes Taktieren verkaufen wir das Label nach nur sechs Monaten wieder, werden so in kurzer Zeit mittelmäßig reich und verbringen unsere Zeit damit Popsongs zu produzieren, sowie einige Diversity-Projekte in Kinshasa zu finanzieren. Und ohne es überhaupt zu merken geht unser gesamtes Erspartes für Kokain und Langstreckenflüge drauf.

Völlig abgebrannt komme ich in Saarbrücken an und wünsche mir insgeheim Privatdetektiv zu werden, warum auch immer, ich kann das wirklich nicht erklären. Aber ich erkenne schnell, dass dieser Wunsch auf völlig falschen Erwartungen basiert, und zum anderen damit zusammenhängt, dass mein Vater nie für mich da war, wenn ich ihn mal gebraucht habe. Während meiner kurzen Zeit in Saarbrücken denke ich also viel über Zusammenhänge nach und kaufe mir ein Softeis und ein Bigpack Marlboro Menthol und finde, dass das auch irgendwie zusammenhängt.

In einem Wettbüro gewinne ich 200 Euro, weil ich drei Spiele der türkischen Liga richtig getippt habe und kaufe mir von dem Geld ein InterCity Ticket nach Zürich. Da ich überhaupt niemanden in Zürich kenne und auch überhaupt keine Ahnung habe, was ich hier soll, werde ich nun wirklich Privatdetektiv, jedenfalls für knappe zwei Wochen, weil die ganze Chose doch ziemlich öde ist und noch dazu unterbezahlt. Dann treffe ich meinen ehemaligen Mitbewohner Sven auf einem Rave in Luzern wieder und er sagt, dass es ihm leid täte, wie das damals alles gelaufen sei, aber er danke mir für meine wunderschönen Augen und meine Verlässlichkeit und meinen wunderschönen Hintern, danke.

Mit einem Motorroller fahre ich nach Südfrankreich und mache zwei Wochen Urlaub in einem Luxushotel in Nizza, um diesen ganzen Abfuck mit Sven zu vergessen und weil es gerade Nebensaison ist, ist es auch unverschämt billig. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich mir gar nicht mehr wünsche, dass alle tot oder wenigstens weg wären und frage mich, ob ich inzwischen ein guter Mensch geworden bin. Ich laufe durch die Steppen Afrikas. Ich laufe durch die Steppen Brandenburgs. Ich frage mich, wie es wohl meinen Eltern geht und was jetzt mein Bruder Jewgeni macht und wo er wieder steckt.

Und als ich genau das denke und einen Zug von meiner elektrischen Zigarette nehme, schaue ich aus dem Fenster meines Hotelzimmers und es brennt, egal wohin ich schaue, es brennt den ganzen Morgen und den ganzen Nachmittag. Auch am nächsten und übernächsten Tag brennt es, es müssen Wochen und Monate sein, in denen die Häuser in Flammen stehen, in denen die Dächer und die Menschen und die Galaxien brennen und es gibt kein Ende und keine Gnade und keine Dunkelheit mehr, denn alles ist nur grell und grob und hell.

Und dann, etwas später, sitze ich im Bus von Cincinetti nach Indianapolis und denke an Masculin Things, ich denke an Baumärkte, Rasierapparate, Herzinfarkte. Und dann etwas später, es muss Frühling oder Herbst sein, sitze ich im Zug von Memphis nach Phoenix und denke an Feminin Things, ich denke an Hermeline, Roboter und Ohrläppchen. Und dann, noch etwas später, sitze ich in San Francisco in der Straßenbahn und ich spüre auf einmal dieses große Gefühl in mir, ein  Gefühl der Reinheit, das Gefühl mit einem Maschinengewehr in eine Menge Menschen zu schießen, und den Mond zu fressen und jemand zu sein, der sich auskennt, der für andere da ist, der sich traut, Gefühle zuzulassen und nicht jemand zu sein wie mein Vater, sondern jemand der Bescheid weiß, der zum Beispiel weiß, dass Liebe wichtiger ist als Europa, so jemand würde ich gerne sein, das fühle ich und das ist die Wahrheit.

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