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Gerade in Lektüre: Meine Eltern und meine Kinder | Samanta Schweblin
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Samanta Schweblin | aus dem:Spanischen

Meine Eltern und meine Kinder

Übersetzt von : Marianne Gareis

Intro von Valerie Miles

Seien wir ehrlich: Der Stoff, aus dem unser alltägliches Leben besteht, ist seltsam. Wenn wir genau hinschauen, kann das, was normal ist, ziemlich schnell absolut bizarr erscheinen. Ein Wort wie „Baum“ verliert nach nur wenigen Wiederholungen seine Bedeutung und bestätigt, dass der Sprache auch immer ein Entfremdungseffekt innewohnt, wenn sie einmal frei von Konventionen vorkommt. Samanta Schweblins Prosa ist kantig, ihr Erzählen verläuft in Schlangenlinien, und sie konzentriert sich auf Bilder, die das Gewöhnliche durcheinanderbringen und Bedeutungen verschieben: Großvaters Jogginganzug hängt wie ein Galgenstrick vom Baum des Lebens in einer Szene, die direkt aus einem Film von David Lynch zu stammen scheint; Großmutter ist auch nackt und spielt hingebungsvoll mit dem Gartenschlauch; die Kinder – ebenfalls nackt – verschwinden von einem Moment auf den anderen mit ihren Großeltern; irgendwo scheint ein Seil gerissen zu sein und ein Loch im Sicherheitsnetz entsteht, woraufhin sich die Behörden einmischen in einer Sprache, die man aber gar nicht versteht. Die Senilität in dieser Erzählung spiegelt die Unschuld der Kindheit, ein Mysterium des Lebenszyklus wird aufgerufen: Das Ende und der Anfang sind sich ähnlich, Tanzen, Laufen, Spielen, Genießen – darum geht es. Nur in der Mitte des Lebens bricht alles zusammen, werden die Risse sichtbar und scheitert die Sprache. Auf diesen Seiten ist eine Wahrheit versteckt: Sie geht tiefer als die Bilder an der Oberfläche, sie entlarvt die dünne Schicht, die wir Normalität nennen. Und sind wir zusätzlich noch verliebt, kommen damit gerade auch unsere Ängste und unsere Hysterien zum Vorschein: Ein Fremder stiehlt meine Frau; ich werde verrückt wie meine Eltern; meine Kinder verschwinden spurlos. Jedoch stehen die eigentlich die ganze Zeit nackt hinter dem Fenster zum Garten, beobachten uns und hören nicht auf zu lachen...

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„Wo sind die Klamotten von deinen Eltern?“, fragt Marga.

Sie verschränkt die Arme vor der Brust und wartet auf meine Antwort. Sie weiß, dass ich es nicht weiß, und dass sie mir eine weitere Frage stellen muss. Draußen vor dem Panoramafenster rennen meine Eltern nackt durch den hinteren Garten.

„Es ist gleich sechs, Javier“, sagt Marga. „Was ist, wenn Charly mit den Kindern vom Supermarkt kommt und sie sehen, wie ihre Großeltern sich hier durch die Gegend jagen?“

„Wer ist Charly?“, frage ich.

Ich glaube, ich weiß, wer Charlie ist, es ist der großartige neue Typ von meiner Exfrau, aber ich würde es irgendwann gern von ihr selbst erklärt bekommen.

„Sie werden sich in Grund und Boden schämen für ihre Großeltern, das wird sein.“

„Sie sind krank, Marga.“

Marga seufzt. Ich zähle Schäfchen, um mich nicht aufzuregen, ich will geduldig sein, will Marga die Zeit geben, die sie braucht. Ich sage:

„Du wolltest doch, dass die Kinder ihre Großeltern sehen. Du wolltest, dass ich meine Eltern herbringe, weil man hier, dreihundert Kilometer von meinem Zuhause entfernt, deiner Meinung nach gut Urlaub machen kann.“

„Du hast gesagt, es geht ihnen besser.“

Hinter Marga spritzt mein Vater meine Mutter mit dem Gartenschlauch ab. Meine Mutter hält ihre Brüste fest, als er sie abspritzt, meine Mutter hält sich den Po, als er ihn abspritzt.

„Du weißt doch, wie sie reagieren, wenn man sie aus ihrer gewohnten Umgebung reißt“, sage ich, „und die frische Luft…“

Hält meine Mutter wirklich das fest, was mein Vater abspritzt, oder spritzt mein Vater das ab, was meine Mutter festhält?

„Ach so. Ich muss mir also vorher überlegen, wie sehr das deine Eltern aufregt, wenn ich dich einlade, ein paar Tage mit deinen Kindern zu verbringen, die du ja seit drei Monaten nicht gesehen hast.“

Meine Mutter hebt Margas Pudel hoch bis über ihren Kopf und dreht sich dabei im Kreis. Ich versuche, Margas Blick zu halten, damit sie sich auf keinen Fall zu meinen Eltern umsieht.

„Ich will diesen ganzen Irrsinn nicht mehr, Javier.“

<Diesen Irrsinn>, denke ich.

„Auch wenn das bedeutet, dass du die Kinder weniger siehst… Ich kann ihnen das einfach nicht länger zumuten.“

„Sie sind doch nur nackt, Marga.“

Marga geht nach vorn zur Haustür, ich folge ihr. In meinem Rücken wirbelt noch immer der Pudel durch die Luft. Bevor Marga aufmacht, betrachtet sie sich in der Glasscheibe, streicht sich die Haare glatt und zupft ihr Kleid zurecht. Charly ist groß, stark und schwerfällig. Er sieht aus wie der Typ vom Mittagsjournal, nur mit aufgepumpten Körper. Meine vierjährige Tochter und mein sechsjähriger Sohn hängen wie Schwimmreifen über seinen Armen. Charly lässt sie sanft hinab, indem er seinen mächtigen Gorilla-Body nach vorn absenkt. Dadurch wird er frei, um Marga einen Kuss zu geben. Dann kommt er auf mich zu, und einen Augenblick lang fürchte ich, dass es nicht im Guten ist. Doch er reicht mir die Hand und lächelt.

„Javier, darf ich dir Charly vorstellen?“, sagt Marga.

Ich spüre, wie die Kinder gegen meine Beine trommeln und mich umarmen. Kraftvoll drücke ich Charlys Hand, und er schüttelt mich ordentlich durch. Die Kinder machen sich los und rennen davon.

„Wie findest du das Haus, Javi?“, fragt Charly und schaut über mich hinweg, als hätten sie ein wahres Schloss gemietet.

<Javi>, denke ich. <Dieser Irrsinn>, denke ich.

Da taucht der Pudel auf, leise jaulend und mit eingezogenem Schwanz. Marga nimmt ihn hoch, und während der Hund sie ableckt, zieht sie die Nase kraus und sagt: <Mein kleiner Schnuck, mein kleiner Schnuck>. Charly sieht sie mit schräggelegtem Kopf an, vielleicht versucht er einfach nur zu verstehen, was los ist. Da dreht sie sich abrupt zu ihm um und fragt alarmiert:

„Wo sind die Kinder?“

„Sie sind bestimmt hinten im Garten“, sagt Charly.

„Ich will nicht, dass sie ihre Großeltern so sehen.“

Wir drehen uns alle drei nach rechts und nach links, aber die Kinder sind nicht zu sehen.

„Siehst du, Javier, genau so was will ich vermeiden“, sagt Marga und entfernt sich ein paar Schritte. „Kinder!“

Sie läuft am Haus entlang nach hinten in den Garten. Charly und ich folgen ihr.

„Wie war die Fahrt?“, fragt Charly.

Er tut so, als würde er mit der einen Hand lenken und mit der anderen schalten. An jeder seiner Bewegungen merkt man, wie beschränkt und überdreht er ist.

„Ich habe keinen Führerschein.“

Er bückt sich, um ein paar Spielsachen aufzuheben, die auf dem Weg verstreut sind, und legt sie stirnrunzelnd auf einer Seite ab. Ich fürchte, dass wir in den Garten kommen und dort meine Kinder zusammen mit meinen Eltern antreffen. Nein, was ich fürchte, ist, dass Marga sie zusammen antrifft und ihnen eine Riesenszene macht. Doch Marga steht ganz allein im Garten und wartet auf uns, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Wir folgen ihr ins Haus, sind ihre ergebensten Anhänger, und das schafft eine Verbindung zwischen mir und Charly, eine Art Beziehung. Ob ihm die Fahrt wirklich so viel Spaß gemacht hat?

„Kinder!“, ruft Marga auf der Treppe, sie ist wütend, reißt sich aber zusammen, vielleicht weil Charly sie noch nicht so gut kennt. Sie kommt zurück und setzt sich auf einen der Küchenhocker. „Wir brauchen was zu trinken, oder?“

Charly holt eine Flasche Limonade aus dem Kühlschrank und schenkt drei Gläser ein. Marga nimmt ein paar Schlucke und starrt einen Moment lang in den Garten.

„Das gefällt mir gar nicht.“ Sie steht wieder auf. „Das gefällt mir überhaupt nicht. Ihr könntet doch mal was tun.“ Und jetzt sieht sie auch mich an.

„Lass uns nochmal suchen“, sage ich, aber da eilt sie bereits nach hinten in den Garten.

Ein paar Sekunden später ist sie wieder zurück.

„Sie sind weg“, sagt sie, „mein Gott, Javier, sie sind weg.“

„Sie sind nicht weg, Marga, sie müssen doch irgendwo sein.“

Charly geht vorne raus, läuft durch den Garten und folgt den Reifenspuren, die zum Weg führen. Marga läuft nach oben und ruft von da aus nach den Kindern. Ich gehe hinaus und umrunde das Haus. Komme an den offenen Garagen vorbei, die voller Spielzeug, Eimer und Schippen sind. Durch die Bäume hindurch sehe ich den aufblasbaren Delphin der Kinder erhängt von einem Ast baumeln. Als Galgenstrick dienen die Joggingklamotten meiner Eltern. Marga beugt sich aus einem der Fenster, und eine Sekunde lang kreuzen sich unsere Blicke. Ob sie auch meine Eltern sucht oder nur die Kinder? Durch die Küchentür gelange ich wieder ins Haus. Im selben Augenblick kommt Charly durch die Haustür herein und ruft aus dem Wohnzimmer:

„Vorne sind sie nicht.“

Sein Ausdruck ist nun nicht mehr freundlich. Zwei steile Falten zeichnen sich zwischen seinen Augenbrauen ab, und er übertreibt seine Bewegungen, als würde Marga sie kontrollieren: Er agiert hektisch, bückt sich unter den Tisch, verschwindet hinter der Kommode, späht unter die Treppe, als könnte er die Kinder nur finden, wenn er sie überrascht. Ich sehe mich gezwungen, ihm zu folgen, und kann mich nicht auf meine eigene Suche konzentrieren.

„Draußen sind sie nicht“, sagt Marga. „Sind sie vielleicht zurück zum Auto? Das Auto, Charly, das Auto.“

Ich warte, aber an mich folgt keine Anweisung. Charly geht wieder hinaus, und Marga steigt noch einmal die Treppe zu den Schlafzimmern hoch. Ich folge ihr. Sie betritt das Zimmer, das offensichtlich von Simón bewohnt wird, also suche ich in dem von Lina. Dann wechseln wir die Zimmer und suchen ein weiteres Mal. Als ich gerade unter Simóns Bett nachsehe, höre ich sie fluchen.

„Verdammtes Pack“, sagt sie, woraus ich schließe, dass sie nicht die Kinder gefunden hat. Hat sie vielleicht meine Eltern gefunden?

Gemeinsam suchen wir im Badezimmer, auf dem Dachboden und im Elternschlafzimmer. Marga öffnet die Wandschränke, verschiebt ein paar der Kleidungsstücke, die auf Bügeln hängen. Viele sind es nicht, und alles wirkt sehr ordentlich. Es ist ein Ferienhaus, sage ich mir, doch dann denke ich an das eigentliche Haus meiner Frau und meiner Kinder, an das Haus, das auch einmal meines war, und mir wird klar, dass es in dieser Familie immer so war, dass es nie viel gab und alles immer ordentlich wirkte, dass es nie etwas gebracht hat, die Kleiderbügel zu verschieben, wenn man noch etwas anderes finden wollte. Wir hören Charly wieder hereinkommen und stoßen im Wohnzimmer auf ihn.

„Im Auto sind sie auch nicht“, sagt er zu meiner Frau.

„Deine Alten sind schuld“, sagt Marga.

Sie schlägt mir gegen die Schulter und schubst mich weg.

„Du bist schuld. Verdammte Scheiße, wo sind meine Kinder?“, schreit sie und rennt wieder in den Garten.

Sie ruft zu beiden Seiten des Grundstücks nach ihnen.

„Was ist denn hinter den Büschen da?“, frage ich Charly.

Er sieht erst mich an und dann meine Frau, die immer noch schreit.

„Simón! Lina!“

„Gibt es Nachbarn hinter den Büschen?“

„Ich glaube nicht. Keine Ahnung. Da sind Villen. Baugrundstücke. Die Häuser sind sehr groß.“

Selbst wenn Charly das zurecht bezweifelt, kommt er mir gerade vor wie der dümmste Mensch auf der Welt. Marga taucht wieder auf.

„Ich geh nach vorn“, sagt sie und trennt uns, indem sie zwischen uns durchläuft. „Simón!“

„Papa!“, rufe ich und laufe hinter Marga her. „Mama!“

Marga geht einige Meter vor mir, als sie plötzlich stehen bleibt und etwas vom Boden aufhebt. Es ist etwas Blaues, und sie fasst es mit spitzen Fingern an, als wäre es ein totes Tier. Linas Overall. Sie sieht mich an. Sie will etwas sagen, will mich wieder zusammenstauchen, sieht aber, dass ein Stück weiter noch ein Kleidungsstück liegt und geht dorthin. Ich spüre Charlys enormen Schatten in meinem Rücken. Marga hebt Linas pinkes T-Shirt auf und danach einen ihrer Turnschuhe, dann, noch etwas weiter, Simóns T-Shirt.

Es liegt noch mehr auf dem Weg, doch Marga bleibt abrupt stehen und dreht sich zu uns um.

„Ruf die Polizei, Charly. Ruf sofort die Polizei.“

„Bichi, so schlimm ist das doch nicht…“, sagt Charly.

<Bichi>, denke ich.

„Ruf die Polizei, Charly.“

Charly eilt zum Haus. Marga sammelt weitere Kleidungsstücke auf. Ich folge ihr. Sie hebt noch eines auf und bleibt vor dem letzten stehen. Es ist Simóns kleine Turnhose. Sie ist gelb und irgendwie eingerollt. Marga unternimmt nichts. Vielleicht kann sie sich nicht mehr danach bücken, vielleicht hat sie keine Kraft mehr. Sie wendet sich von mir ab, ihr Körper scheint zu zittern. Ich trete vorsichtig näher, versuche, sie nicht zu erschrecken. Es ist eine sehr kleine Turnhose. Sie könnte auf meine Hand passen, vier Finger in ein Bein, der Daumen in das andere.

„Sie sind in einer Minute hier“, sagt Charly, der aus dem Haus wiederkommt. „Sie rufen die Streife vom Kreisverkehr.“

„Ich werde dich und deine Familie noch…“, sagt Marga und tritt auf mich zu.

„Marga…“

Als ich mich nach der Turnhose bücke, stürzt sich Marga auf mich. Ich versuche, mich auf den Beinen zu halten, verliere aber das Gleichgewicht. Sie schlägt auf mich ein, ich halte schützend die Hände vors Gesicht. Charly ist sofort zur Stelle und versucht, uns zu trennen. Die Streife hält vor der Haustür und lässt kurz die Sirene aufheulen. Zwei Polizisten eilen herbei und kommen Charly zu Hilfe.

„Meine Kinder sind weg, meine Kinder sind weg“, sagt Marga und zeigt auf die Turnhose, die von meiner Hand herabhängt.

„Wer ist dieser Mann?“, fragt der Polizist. „Sind Sie der Ehemann?“, fragen sie Charly.

Wir versuchen, uns zu erklären. Wider Erwarten scheinen weder Marga noch Charly mich zu beschuldigen. Es geht ihnen nur um die Kinder.

„Meine Kinder sind verschwunden, zusammen mit zwei Verrückten“, sagt Marga.

Aber die Polizisten wollen nur wissen, warum wir uns geprügelt haben. Charlys Brust schwillt an, und einen Augenblick lang befürchte ich, dass er sich auf die Polizisten stürzt. Resigniert lasse ich die Arme fallen, wie zuvor Marga, doch ich erreiche nur, dass der zweite Polizist nervös auf die Turnhose starrt, die an meinem Arm hin- und herschwingt.

„Was gucken Sie denn so?“, fragt Charly.

„Was?“, fragt der Polizist zurück.

„Warum gucken Sie die ganze Zeit diese Turnhose an? Wollen Sie nicht vielleicht mal jemandem melden, dass zwei Kinder verschwunden sind?“

„Meine Kinder“, bekräftigt Marga. Sie baut sich vor einem der Polizisten auf und wiederholt es ganz oft, sie will, dass die Polizei sich auf das Wesentliche konzentriert, „meine Kinder, meine Kinder, meine Kinder.“

„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“, fragt schließlich der andere.

„Sie sind nicht im Haus“, sagt Marga, „sie haben sie mitgenommen.“

„Wer hat sie mitgenommen, Señora?“

Ich protestiere und versuche, mich einzumischen, aber sie kommen mir zuvor.

„Sprechen Sie von einer Entführung?“

„Sie könnten mit den Großeltern unterwegs sein“, sage ich.

„Sie sind mit zwei nackten Alten unterwegs“, sagt Marga.

„Und wem gehören diese Kleidungsstücke, Señora?“

„Meinen Kindern.“

„Sie wollen mir also sagen, dass es um nackte Kinder geht, die mit nackten Erwachsenen unterwegs sind?“

„Bitte“, fleht Marga mit versagender Stimme.

Zum ersten Mal frage ich mich, was eigentlich so gefährlich daran ist, wenn deine Kinder nackt mit deinen Eltern herumlaufen.

„Sie können sich auch versteckt haben“, sage ich, „das ist noch nicht auszuschließen.“

„Und Sie, wer sind Sie?“, fragt der Polizist, während der andere bereits über Funk die Zentrale verständigt.

„Ich bin ihr Ehemann“, sage ich.

Daraufhin sieht der Polizist Charly an. Marga wendet sich wieder an den Polizisten, und ich fürchte, dass sie mir widersprechen will, doch sie sagt:

„Meine Kinder, meine Kinder. Bitte!“

Der andere Polizist hört auf zu funken und tritt näher:

„Die Eltern ins Auto, dieser Herr“, er deutet auf Charly, „bleibt hier, falls die Kinder zurückkommen.“

Wir sehen ihn an.

„Ins Auto, los, wir müssen schnell handeln.“

„Auf keinen Fall“, sagt Marga.

„Señora, bitte, wir müssen sicherstellen, dass sie nicht an die Fernstraße gelangen.“

Charly schiebt Marga zum Streifenwagen, und ich laufe hinter ihr her. Wir steigen ein, ich schließe die Tür, während das Auto bereits anfährt. Charly steht da und sieht uns nach, und ich frage mich, ob auf diesen dreihundert Kilometern aufregender Autofahrt wohl meine Kinder auf der Rückbank gesessen haben. Der Streifenwagen setzt kurz zurück, und dann geht es ab in Richtung Fernstraße. In diesem Augenblick drehe ich mich zum Haus um. Und da sehe ich sie, die vier: hinter Charly, am Panoramafenster, meine Eltern und meine Kinder, nackt und nass. Meine Mutter reibt ihre Brüste gegen die Scheibe, Lina schaut fasziniert zu und macht es ihr nach. Sie schreien vor Begeisterung, aber das hört man nicht. Simón macht es den beiden mit den Pobacken nach. Jemand reißt mir die Turnhose aus der Hand, und ich höre, wie Marga den Polizisten beschimpft. Das Funkgerät knackt. Während meine Exfrau mit ihren Fäusten den Fahrersitz bearbeitet, übermitteln die Polizisten der Zentrale schreiend zweimal die Wörter <Erwachsene und Minderjährige>, einmal das Wort <Entführung> und dreimal das Wort <nackt>. <Halt bloß die Klappe>, sage ich mir also, <gib keinen Mucks von dir>, denn ich sehe, wie mein Vater in unsere Richtung blickt, sehe seinen alten, von der Sonne vergoldeten Oberkörper, sein schlaffes Geschlecht zwischen den Beinen. Er lächelt triumphierend und scheint mich zu erkennen. Dann umarmt er meine Mutter und meine Kinder, behutsam, liebevoll, ohne sie von der Scheibe zu lösen.


*Aus: Siete casas vacías 

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2018,

© 2015 by Samanta Schweblin

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