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Michael Lentz | aus dem:Deutschen

Muttersterben

Intro von Oliver Vogel

Die Welt wird, wie wir, von der Sprache umspannt, das heißt geordnet, diszipliniert, domestiziert. Wahrnehmung und Erfahrung werden von der Sprache beherrscht, einer Sprache, die uns nicht gehört. Aber „Sprachliches Ausdrucksvermögen“, so Michael Lentz, „ist beschränkt“. Gibt es das: Ein Vertrauen in Sprachskepsis?  Begonnen hat Lentz mit Gedichten und kürzeren Prosatexten. Es sind Texte, die geprägt sind vom Bemühen, das Überangebot sprachlicher Zeichen zu verdichten, um sich versuchsweise dem Nichtsagbaren der Dinge zu nähern. Man nennt das üblicherweise „experimentell“. Mit der Erzählung "Muttersterben" erreichte Michael Lentz 2001 erstmals ein großes Publikum. "Muttersterben" ist eine Erzählung, die mit großer Genauigkeit versucht, Ordnung im Chaos eines Verlustes zu finden, was nicht gelingt und nicht gelingen kann. "Muttersterben" erzählt unverblümt autobiographisch vom Tod der Mutter. Aber man macht es sich zu leicht, wenn man das glaubt. Sprachliche Fundstücke werden zusammengestellt und erschaffen eine neue Wirklichkeit, die nicht erfunden ist. Die Realität dient als Material, der dabei entstehende Text bildet nicht ab, sondern vermittelt zwischen den Ebenen. Es entsteht eine Abhängigkeit zwischen Literatur und Leben, die zwingend ist. Der Zweifel an der Erfindungskraft und Phantasie, an Kausalität und Chronologie, an der Sprache, an jeder hergebrachten Ordnung lässt Erinnerung zum Experiment werden. Sie wird nicht sortiert und abgeheftet, sie bleibt ungreifbar, also schmerzhaft. "Muttersterben" hält das Sterben der Mutter fest, hält es gewissermaßen am Leben, gibt ihr ein letztes Mal – als Andeutung des Unerreichbaren – eine Stimme.

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Mutter verschwand am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten. Am einundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen acht uhr und dreißig minutenrief Vater an und teilte es mir mit: »Mutter ist gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten diese nacht gestorben.« Ich ging ins bett zurück und setzte die am abend zuvor unterbrochene lektüre des entencomics fort. Mit dem verschwinden Mutters ist seit langem gerechnet worden. Mitte April des jahres neunzehnhundertsiebenundneunzig rief Vater an und sagte, es könnten jetzt jederzeit die organe aussetzen. Am neunzehnten August neunzehnhundertachtundneunzig ist Mutter dann ein letztes mal ins wachkoma gefallen, nachdem sie tage zuvor bereits nichts mehr gegessen hatte und nicht mehr das heißt endgültig nicht mehr umhergelaufen war. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Meine fensterlose Mutter! Nachdem sie wochen und tage meinen Vater beschimpft hatte, er komme nie pünktlich nach hause und die kinder seien nicht artig am tisch, sagte sie plötzlich nur dann und wann noch, »ach, da bist du ja« oder einfach nur »Vater«, oder »Vater« auch fragend, wenn Vater ins krankenhauszimmer trat und mit dem eintritt ins zimmer sie besuchte. Sie war jetzt abgemagert und bettversunken. Sie hatte jetzt flecken überall. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies.

Am achtundzwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr morgens wurde Mutter beerdigt. Ich warf eine gelbe rose in den schacht. Die rose lag vorbereitet in so etwas wie einer schachtel. Man greift in die schachtel hinein und nimmt eine rose heraus. Dann wirft man die rose in den vorbereiteten schacht hinein. Es ist aber nicht so, dass man an ein hineingestoßenes leben denkt, man wirft die rose in den schacht und weint. Ich behalte Mutter mit freundlichen augen zurück. Sie sitzt aufrecht im bett mit einer weißen strickjacke gegen das frieren an. Sie fragt mich, ob es mir gut gehe, und ich bejahe dies. Sie sagt, sie komme wohl nicht mehr heim. Sie ist jetzt insgesamt überraschend klar. Sie ist von einer überraschenden klarheit. Sie ist plötzlich eine alte frau geworden, die sie niemals war. Sie altert jetzt täglich. Sie erinnert sich, dass ich längst nicht mehr zu hause wohne. Auch sie wohne nicht mehr zu hause, sagt sie, sie wisse aber nicht genau, wo sie jetzt eigentlich wohne, und ob sie überhaupt eine wohnung habe noch. Sie wohne halt hier und da.

Als Mutter verschwand, und Vater anrief, Mutter sei diese nacht gestorben, ging ich ins bett zurück und zur lektüre zurück und den mäusen den enten dem geizigen Dagobert. Onkel Dagobert ist gerade wieder einmal dabei, seinen reichtum ins unermessliche zu steigern. Die von ihm dafür aufgebrachte logistik ist die erbärmlichste. Zu dieser logistik gehören auch die neffen. Die es immer wieder im entscheidenden moment rausreißen. Immer hat es Donald jetzt endgültig satt, wenn Dagobert ihn unentgeltlich schuften lässt. So ist das. Ist Donald das leben und Dagobert der tod?

Jetzt kannst du nicht mehr anrufen und nach Mutter fragen, stellte ich fest. Und du bist nie mit Mutter ins kino gegangen und nie mit Mutter ins theater gegangen, stellte ich fest. Überhaupt bist du mit ihr immer nirgendwo hingegangen. Es gibt so viele letzte blicke, dass ich gar nicht mehr weiß, wann genau ich sie zuletzt gesehen habe. Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Ich winke noch einmal zurück, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff gleitet langsam ins sichere schloss. Auf dieser station liegt der gebrochene fuß neben dem tod. Hinaus geht alles den flur entlang. Mutter hat schwierigkeiten mit der zunge, ihre stimme aber ist unmitgenommen. Sie schluckt schlecht und muss künstlichen speichel trinken.

Das erste mal nach ihrer erstmals freiwilligen und zugleich letzten einlieferung besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Sie ist in einem so erbärmlichen zustand, dass ich außerstande bin, anderes zu tun als stundenlang nur wortlos neben ihr zu sitzen. Selbst anschauen ist unmöglich. Auch die hand verstohlen auf die blaue wolldecke legen ist unmöglich. Barbara ist tränendurchschossen direkt aus dem zimmer wieder hinaus, kaum dass sie Mutter so daliegen und so erbärmlich sein und so fast verschwunden eingefallen vertrocknet und knochenschädelig so hat daliegen sehen, sofort wieder aus dem zimmer raus. Was hätte ich Mutter sagen sollen? Dauernd zeigt sie mit dem fliehenden finger auf merkwürdige gestalten da an der wand oder hier auf dem tisch. Sie richtet dabei ihren kopf so gut es geht ein wenig auf und schaut angestrengt mit kleinen augen mitten hinein in ihr geisterreich. Hatte es sinn, ihr zu sagen, da sei nichts als eine blume, ein seifenspender ein fleischfarbenes getier aus holz, das immer bei ihr war? Sie mochte es nicht glauben. Sie nämlich sieht fliegende vögel und gesichter. Als Barbara wieder ins zimmer tritt, hat Mutter gerade etwas tee aus der schnabeltasse getrunken und erbrechen müssen. Barbara wischt das braune zeug, den gallentee, von ihrem mund und ihrem weißen jäckchen. Das sei ja ungehörig, schämt Mutter sich. Sie könne das nicht leiden, sie sei ihr ganzes leben ja immer so etepetete gewesen. Das weiße jäckchen sei jetzt wohl unbrauchbar, überhaupt könne sie das ganze hier nicht mehr leiden, und abends würden über ihr ausgelassene parties gefeiert mit sexueller belästigung und so. Still bewundert sie meinen silbernen ring, den sie gern für sich behalten würde. Ihr finger sei aber sicher zu dünn dafür. Zwischen den sätzen bekommt sie so momentane abwesenheiten, gesichtsstarre, durchblick. Pfingsten war Mutter so erbärmlich, dass mein ganzer körper wie ausgegossen neben ihr saß mit so etwas wie gefühlstaubheit. Mutter schien keine angst zu haben.

Ich werde wohl langsam alt, sagte sie plötzlich vor jahren. Oder sie sagte, ich werde alt, bis sie eines tages sagte, wir sind alt geworden. Sie sitzt zu hause auf dem sofa. Irgend etwas fällt ihr nicht ein. Sie erinnert sich genau, dass ihr ein name nicht einfällt. Doch, sagt sie, ich spüre genau, dass ich alt geworden bin. Es fällt ihr nicht ein. Pfingsten berichtete Mutter von nächtlichen begegnungen mit ihrem vater, von nächtlichen erkundungen und bedenken, ob das hier alles mit rechten dingen zugehe, erblickte dann und wann eine sonderbare gestalt im zimmer, an der decke oder dicht neben ihr am bett, wollte dann und wann ihre sündhaft teure wie sie sagte lieblingscreme gereicht bekommen, um sich die immer trockener werdenden hände einzureiben, die sie ja im gegensatz zu ihren beinen noch passabel bewegen könne, immerhin. Und was ihr keine ruhe ließ, war der verlust ihres silbernen und sündhaft teuren wie sie sagte diamantringes, der ihr spurlos abhanden gekommen sei. Das könne nur an ihren fingern liegen, die sind ja alle so dünn geworden, da falle ja alles ab, was jahrelang nicht draufgepasst habe, schließlich fällt es ab. Jetzt endlich lege ich drucklos meine hand auf die decke, darunter ihre vollkommen abgemagerten beine stecken. Beine erahnen. Sie ist so mager, dass die sehnen des halses wie trockene äste aus ihrem körper wachsen so mager. Ihr kehlkopf ragt hervor, als wolle er für sich sein. Die arme drohen plötzlich wegzuknicken, ihr ganzer körper ist eine regierungslose marionette, deren fäden jemand verworren hat. Sie zeigt mir ihre zeitschriften, die sie immer noch mitgebracht bekommen wolle, die sie aber nicht mehr lesen könne, nur bilder schauen. Das sei jetzt die kommende mode, und ob mir das gefalle. Ihr nicht, sagt sie. Ihre füße jucken, dagegen könne sie aber nichts machen, sie könne nämlich die beine nicht mehr heben und habe das auch schon lange nicht mehr versucht. Nach einigen minuten nur dasitzen daliegen wegdenken überkommt sie die vermutung, scheißen und kotzen gleichzeitig zu müssen, was sie so nicht sagt. Mir ist auf einmal undefinierbar schlecht, schießt es aus ihr raus. Die schwester wird geholt, wir staksen den flur auf und ab, bis es Mutter wieder besser geht. Ihr mattes haar liegt jetzt noch abgebrochener neben dem kopf, fällt mir auf. Macht euch keine sorgen, hatte Mutter gesagt, als ich sie nach ihrer ersten operation wiedersah. Jetzt sagt sie nichts dergleichen. Es ist ihr alles peinlich. Ohne fremde hilfe kann sie nicht aufs klo. Jedes mal werde sie auf einen stuhl gehockt. Früher sei das ja ganz anders gewesen. Sie wisse, dass sie völlig unwillig sei. Das hätte sie sich aber ihr leben nicht gedacht, dass es mal so kommen werde. Sie wünscht uns alles gute. Ob wir die balkontür ein wenig öffnen könnten, die luft sei unerträglich schlecht. Ob wir das nachempfinden könnten. Für kurze zeit fällt sie in schlaf oder dämmerung. Sie hat ihre große brille auf, durch die man unter ihrem linken auge einen fleck sehen kann. Deutlich zu sehen ist ein dunkelroter fleck. Ich habe sie nie gefragt, warum der fleck da unter ihrem auge ist. Fragt man sie geradeaus, wie es gehe, sagt sie stets, es gehe ihr gut. Sie sagt allen, es gehe ihr gut. Es geht mir gut, sagt sie allen, die sie fragen. Ich habe sie nie gefragt, ob sie bald zu sterben denke.

Als die krankheit in der leber war, gab’s wohl keine hoffnung mehr. Zu niemandem hat sie gesagt, dass es das dann wohl gewesen sein werde. Keine mitteilung über den tod. Kein wort. Manchmal brach sie in tränen aus und tat dann so als habe sie sich verschluckt oder einen trockenen mund oder etwas merkwürdiges in der kehle. Vater sagt, sie habe nie über den tod gesprochen. Sie freute sich, wenn man sie besuchen kam. Sie klagte nicht, wenn man gehen musste. Nur über Vater hat sie geklagt, ununterbrochen hat sie ihm und allen vorgehalten, er sei nicht für sie da, er komme und gehe wann und wohin er wolle, er lasse sie hier im stich, er sei immer unpünktlich, das habe es früher nicht gegeben, er halte die abmachungen nicht ein, er bleibe die meiste zeit einfach weg. Vater ertrug diese beschimpfungen stets mit ausgeharrter sanftmut. Sein aufgeräumt kariertes jackett, und sie in ihrer nachthemdhülle. Karriere karies. Gangart des pferdes, schneller galopp. Zerstörung der knochenteile. In voller karriere daherkommen. Morschheit fäulnis. So wie er früher aufs amt gegangen ist, zur arbeit gegangen ist, so wie sie spürbar verschwindet. Ein drittes ist ausgeschlossen. Früher hatte sie öffentlich geweint. Öffentlich war zu hause. Ich schätze das so ein, dass es ein weinen aus verbitterung war. Auch hatte sie da selten grippe oder ›herzgeschichten‹, wie dieses ammenmärchen hieß, lag sie tagsüber und nächtelang über tage im bett bei zugezogenen oder aufgerissenen vorhängen und war unansprechlich auf gnädige art und weise aber so etwas wie empfänglich mal guten tag sagen von Vater vorgeschickt und lag da im nachthemd im bett tagelang mit diesem unwort, das es damals nicht gab, mit depressionen. Mutter, bettliegend, damals schon in zeitschriften geblättert, geheim wie geheimnisvoll. War aber nichts drin außer verweigerung. Modeabschöpfung. Und ging hinaus. Und kam anderswo wieder herein. Nämlich ins krankenzimmer. In die verwesungskammer. Auf den friedhof. In die zerstreuung entfernung. Wurde aus unserer mitte entfernt. Wo das liegen könnte. Notate. Ködersprache. Von Mutter als etwas unediertem zu sprechen. Fragment, randglosse. Bahnung, riss und zug. Form und bruch, schneise und strich.

Eine  krankheit  ist  ja  immer  auch  eine  krankheit  des bewusstseins. Das, auf was alles zusteuert. Zusammenfassung des lebens als mitteilung da ist krebs im darm. Dass da bereits eine fortschreitung ist, wird Mutter aber ganz und gar nicht direkt bekannt gemacht. Bis zu ihrem tod hat sie nur einen inneren bescheid, was sie so fürchterlich ahnte, als sie wochenlang nicht mehr scheißen konnte. Hatte unsägliche schmerzen, die sie genau lokalisierte, nämlich darmwärts. Eines tages geht sie zum arzt und sagt, da ist was. Das spüre sie seit monaten. Der arzt fertigt bilder an. Er tritt vor meine Mutter hin und sagt, da ist was. Kann es so etwas geben wie ein bewusstsein dafür, dass da etwas ist, fragt meine Mutter den arzt. Es ist absolut nicht unmöglich, dass Sie vorher wussten, was ich Ihnen jetzt bejahe. Und ob es schlimm sei. Dass es wirklich schlimm sei. Danach immer zusammenfassung zusammenfassung zusammenfassung. Ein vor augen stellen. Eine tägliche portion abschied.

Am abend des zehnten Januar neunzehnhundertvierundneunzig bin ich zum essen eingeladen. Ente acht kostbarkeiten. Auf den kerzenlichtbestrahlten tisch hat die gastgeberin sich selber aufgedeckt. Sofort will ich ihr mit der zunge zwischen die schenkel langen. Telefon. Hier ist Vater. Mutter ist schwer erkrankt. Sendeschluss. Das war neunzehnhundertvierundneunzig. Da war das essen zu ende. Schwer erkrankt klingt ja auch heute noch nach lebensende. Um nicht zu sagen liegt bereits im sterben. Acht kalte kostbarkeiten. Kein essen mehr. Seit neunzehnhundertvierundneunzig habe ich nicht mehr gegessen. »Ja mehr denn gantz verheeret!« Das sympathetische wissen selbst ist ein krebsgeschwür und hat aller schweiß und fleiß und vorrat aufgezehret. Was ist das was einer denkt? Wohin gehn all diese gedanken, nachdem das betriebssystem erloschen ist? Kreist das dauernd in sich selbst? Sind unsere gedanken wirklich, sind unsere gedanken wirklich fensterlos? Weiß halm nun eine lösung, der jetzt bereits mahl nun ist und lahm nun? Fragen, die Mutter nicht berühren. Mutter nicht berühren! Die Mutter, das fremde denken. Nie reichst du heran! Möglicherweise ist es ja so, dass alles denken gleich – und gleich verloschen ist.

Es hat schöne gespräche gegeben in unserem leben. Aber wovon handelten die schon. Es sind wichtige dinge, vom wetter und vom essen zu reden. Mutter sprach gern vom wetter und vom essen. Setzt euch hin und redet nicht so viel über dinge die man nicht essen kann. Hätte von ihr sein können. Wetter war aber etwas, das in ihr drin war, das konnte sie spüren, das machte sie fertig oder froh. Mutter war nicht von dieser gesellschaft. Ich glaube, sie war aus dem krieg, und sie hat alles mit dem von aus dem krieg verglichen. Und da war wohl wenig deckungsgleich. Sie hat ihre kinder nicht auf der höhe der gesellschaft erzogen, ich meine, diese gesellschaft war ihr beim erziehen immer im weg, ich meine, diese gesellschaft war ihr immer im weg, will heißen, da gab es so voreingenommenheiten, so gegenseitig tote winkel, unlebbare versprochenheiten, sie ist ihren beschwerlichen fahrradweg zur schule gefahren, sie hat pharmazeutische dinge gelernt, danach, und dann kamen so umbrechungen, eine plötzlich so jäh hereinbrechende gegenwart, eine hinübergereichte indieweltstellung, sie ist eigentlich immer mit ihrem fahrradweg zur schule gefahren. Ich würde gerne mal wissen, ob sie einen gedankenhaushalt hatte, wie sie einen haushalthaushalt hatte, in dem alles protokolliert und aufgeschrieben war, aber sie hat wohl nichts weiter aufgeschrieben als den haushalt, die gläser obst, die rezepte, die wenigen briefe mit ihrer schönen blauen schrift, mit ihrer heimat. Ihre haushaltsehe, die schönste denkbare schrift. Grazil geführter fluss. Sie hat schließlich nicht mehr selber telefonieren können, wohl aber gesprochen, wenn jemand in der leitung war. Ihre stimme ihre schrift. Sie hat schließlich das alphabet der zahlen nicht mehr verstanden, ihr ist alles abhanden gekommen, was eine verbindung herstellt nach draußen, wo sie fließend in den köpfen ist.

In ihrem nun verlassenen zimmer öffne ich den schrank sperrangelweit und fische einen letzten zettel mit ihrer verzitterten verknitterten schrift. Da ist sie wieder diese handsame warme führung dieses endlich verlernte alphabet mit spuren nach kindsein im vertrauten gehege als da ein lesen noch auflesen war. Jemand sagte ihr einen namen eine straße ein noch zu erledigendes etwas oder ihr fiel etwas ein und sie schrieb es auf. Eine boje ein standort eine flüchtig ergriffene gelegenheit. Was bleibt ist eine schrift. Sie versucht, den zettel zu entziffern. Sie kann keine landschaft mehr lesen. Was sie immer und immer wiederholt, soll und kann nicht anders als nicht mehr als genug sein. Eine socke, fällt ihr wochen vor ihrem tod ein, hat sie seit jahren vergessen zu stopfen. Sie will jetzt da sie in ihrem sessel sitzt bequem oder verhältnismäßig bequem diese vergessene socke stopfen. Auch die fließende nadel ist ungehörig. Das führt zu nichts. Da sie merkt, dies führt zu nichts als zeit und nichts als verjubelter zeit, sitzt sie plötzlich nur noch da und käme einer mit dem lichtbart dieser unpünktlich zeitlosen patriarchen, sie schämte sich gleich für ihn mit. Hast du denn nichts besseres zu tun? Aderlass. Jetzt wo sie tot ist, ist sie fremd. Wie kommt das, wenn einer tot ist, dass er fremd ist. Jetzt, wo einer tot ist, ist er fremd. Wo denn das wo ist. Ist ihr leben eine erinnerung, die fremd ist, fragt sich jetzt das überbleibsel. Alles sprießt. Es ist eine große verwunderung in der welt, dass jetzt dennoch alles sprießt, wo sie tot ist. Die vom krieg gelockerte Mutter, die unterwegs verloren ging. Wo ein gedanke hingeht wenn er gedacht ist. Ob da nicht ein direktes museum ist, wenn einer seine schränke und türen, seine treppen und verliese zurücklässt, seine verschlusssache. Sie öffnet die lade ihres sekretärs und nichts als schlüssel und fotopapier. Sie hat da immer so hineingekramt. Fundgrube und verschlossene schatztruhe zugleich. Da ist ein zeitmoment ein kindergesicht. Da gibt es schon längst kein schloss mehr für. Wer in aller welt soll das denn noch zusammendenken/-leben? Ein zettel voller namen ein unbeschriebenes namenpaket. Rezepte fotos rezepte. Und das foto mit opa im arztkittel und kleine unverbrauchte dinge die niemand mehr braucht. Aufgesparte gummiringe nie benutzte griffel. Eine welt eine unfertigungshalle. Ein pass. Ein wort. Ein nicht mehr zurückkommen. Ein hinunterfallen. Fotos von Vater in allen jahren. Ordnungssysteme registraturen. Denn was du nie verlierst das musst du stets beweinen. Das hätte von ihr sein können. Sie hat nichts verloren. Sie hat alles abgelegt. Sie hat nicht mal sagen können, meine ordnung sieht immer so unordentlich aus. Ihre ordnung sah aus wie alle ordnung. Ein aufzählen bloß. Ein dahinlegen. Schlüsselsysteme. Schlösser unauffindlich. Metallstangen, mit denen der dachstuhl des sekretärs zu öffnen ist. Mutter machte das mal vor und beeindruckte mich. Fingerfertigkeiten, das mittelgeschoss zu öffnen. Offenbarung, offenbar. Seit jahren gelingt mir das nicht. Seit jahren vermute ich hinter den dingen und in den dingen truhen schachteln kammern einen schatz eine vertrautheit eine fotografische vollnarkose, die mich ins land meiner Mutter entführt, die mich für einen weggeatmeten augenblick mal tapfer in ihrer landschaft stehen lässt Düsseldorf Bitburg Nonnenwerth und Neuerburg da ist sie mal gewesen mit uns, da hat sie mal hingezeigt aus dem vorbeifahrenden auto raus in dem wir saßen dass sie da mal gewesen ist ganz selbst. Den ihrer zungenschläge aber mochte ich am liebsten, der schon lietzeburgisch war. Dem hörte ich stundenlang zu, ohne ein wort zu verstehen. Das konnte sie singen, wenn wir in Geichlingen an der luxemburgischen grenze zu besuch bei Grete waren, der haushälterin von oma und opa. Eines tages hatte Grete ihren bauernhof frisch tünchen lassen. Ich glaubte ihr einen gefallen zu tun die fliegen in hundertschaften mit fliegenpatsche an die frischgetünchte außenmauer zu heften. Sah aus wie von masern befallen diese frischgetünchte fassade. Danach fliege gemacht. Wir sind jung und das war schön, sagte mal jemand.

Auf ihrem letzten foto hat Mutter das kleid schon an, in dem sie später beerdigt wird. Das hat ihr immer gut gestanden, und weil das ihr letztes foto ist, sagt Vater. Vom tod gezeichnet, wie das so landläufig heißt, so schaut Mutter eineindeutig neun monate vor ihrem tod. Als müsse sie in unvorbereitet kürzester zeit stellung beziehen, wo ihr doch schon die bloße anwesenheit die ärgste anstrengung war. Alles gerinnt zu einem sogenannten. Sie steht täglich vor mir. Träume ich, ist sie nicht tot. Ich weiß das in- und auswendig. Ich gelange da nicht hin. Eben nicht zu vergessen Bas Jan Ader, der am neunten Juli neunzehnhundertfünfundsiebzig von Cape Cod mit einem kleinen segelboot in see stach, um den Atlantik in richtung England zu durchqueren. Nix da! Eine halb verfaulte nussschale. Das wars. Kieloben treibend. So westlich von Irland. Er selbst verschwunden. Aderlass. »Mein Körper, das Ertrinken praktizierend«, hat er mal notiert. Und dann »I’m too sad to tell you«, jener wunderbare sechzehn-millimeter-film hemmungslosen weinens. Das ist es. Ein weltraum des weinens. Und ob es danach einen moment der ruhe gibt. Ob nach diesem weltraum alles raus ist. Manchmal ist das mit dem eigenen weinen ja so, dass man es selber nicht von einem filmweinen unterscheiden kann. Man lernt und weint ein leben lang.

Öl. Ein flüssiger kerzenschein eine fünftagesration ewiges licht. Und wiederkommen. Und wiederdenken. Das gedächtnis ist ein baum. Ein blumenstrauß. Angeflogenes, sofort wieder unterbrochenes beten. Ein todestag als gedächtnisring. Eine sprießende frühjahrsblüte mit wurzel. Eine schale. Und wiederkommen. Erde wenden. Und winter werden. Und danebenstehen. Immer mal da so hinkommen bis jemand zu dir kommt. Auf grasnarbenfühlung auf touristenkurs. Vielleicht auch mit diesem unsagbaren bild auf den lippen mit dieser verstarrung oder nicht mehr unternehmbaren kopfbewegung. Da wie sie daliegt. Wie sie nur noch wenig machen kann. So rumdrehen zum beispiel eine unmöglichkeit. Verabschiedung unmöglich. Kurzsichtig ohne wiedergruß. Kurzsichtig und voller raum im gesicht. Betreten. Auf der einen seite stehen. Auf der anderen. Das leben ist eine abgewöhnung. Und ein tod hilft ja auch dabei wie dieser. Liegt mutterseelenallein auf der sterbepritsche. Vater fallen schon die augen zu. Der ihr seit stunden erwartete tod der ihr aber seit tagen schon ausbleibt. Komatös mit nach hinten gestrecktem kopf. Hat ein leibchen an. Keine letzten überlieferten worte. Dagewesen weggegangen. Bloßheit. Und wohin das führt. Vater fallen die augen zu. Er geht jetzt mal nach hause. Ein mutterseelenmenschenleerer raum darin Mutter verschwindet. Sie sagt ja nicht, geh mal eben nach hause, ich muss jetzt sterben. Hinübergehen. Abkratzen. Platte machen. Platz machen. Sich ein leben lang verhört haben. Sich ein leben lang fragen, habe ich das richtig verstanden. Und mal etwas klarstellen wollen. Das betriebssystem Mutter überprüfte sozusagen lebenslänglich seine schnittstellen. Waren vielleicht ja gar keine da. Ein selbst verglühender herd. Was aber schön ist, selig scheint es in sich selbst. Was da so trocken im laken verglüht. So unpolitisch am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig. Wie wir da ins zimmer treten und denken uns trifft der schlag. Wie da plötzlich alles stillsteht. Wie wir im gehörten das hören hören. Vielleicht ist das ja etwas das nie aufhört, dieses STERBEN das nie aufhört. Dieses dünne ärmchen, das aus dem laken schießt. Diese unberingte hand, die nach einem ring sich sehnt. Dieser komplett untergeschossige körper, der es selbst nicht fassen mag. War doch gestern noch kompletter, sagt sich dieser körper abermals und gern. Was ist das denn plötzlich ernsthaft, dass das so nicht mehr geht.

Wiederholt verbucht sie so manches falsch. So zum beispiel das vehemente verneinen auch nur irgendeinen sohn gehabt zu haben. »Wieso mein sohn hat mich besucht!« Bis zuletzt gab’s von Vatter für Mutter ausgesuchtes und zwar eine woche vorher ausgesuchtes mittagessen, nämlich diesmal irgend so was mit dampfsuppe fleisch und tirili. Diäthalber sterbenslangweilig verdaubar und abgangswürdig. Aber was willste machen. Alles auf der welt findet irgendwo in der welt ein katastrophales verständnis. Als Vater zwei tage vor der beerdigung fragte, ob ich sie noch einmal sehen wolle, verneinte ich dies. Ich hätte gern einmal verständnis dafür entwickelt, was da organisch so abgeht, was da so abfällt und aussetzt organisch. Es ist halt so dass ich mit dieser tastatur sehr gerne mal in die eingeweide vorgedrungen wäre, aber es war nicht so, dass mir dies zu lebzeiten auch nur ausgesprochen gelungen gewesen wäre. Die deutsche grammatik versprüht immer so einen ausgestochenen verwesungsgestank. Diese permanent papstgesegnete deutsche sprache. Diese sparsprache. Diese philosophensprache. Diese pfandwertflasche. Dieses sterbekristentum. Dieses abtransportiertwesen. Dieser stolz: »Der wird mir unrecht thun / der meinen tod beweinet.« Ihr tod. Ein tod eine echtzeit und drum herum so etwas wie hermeneutik oder karlsruher karneval. »Es wird der bleiche todt mit seiner kalten hand« habe ich zwar gelesen, erschrickt mich aber nicht.

Besuchten wir sie Pfingsten neunzehnhundertachtundneunzig. Selbst anschauen war unmöglich. DAS jagte einen hinaus als wäre kein platz! Hatte sich aber noch kurz vor ihrem tod in einem unterwäschegeschäft unterwäsche gekauft in rauen mengen und wollte immer einkaufen gehen. Einkaufen war für Mutter stets ein staatsakt. Der oberstadtdirektorvater, und Mutter geht jetzt für die oberstadtdirektorfamilie einkaufen. In diesem verschissenen Düren einkaufen gehen. In diesem geistig total vor den hund gekommenen Düren einkaufen gehen. Mit ausnahme des museums ist diese stadt bitte dringend zu schließen! Eine stadt, die im krieg zu achtundneunzig prozent zerstört wurde, hätte besser nicht mehr aufgebaut werden sollen. Man hätte alles so stehen und liegen und verrotten lassen sollen. Dann hätte man noch fünfzig jahre nach dem krieg menschen und frauen aus aller herren länder da mal hinführen können mit dem satz: DAS ist der krieg. Bitte alle Düren schließen. Eine möchtegernstadt wie ein schweizer käse. Wenig gestalt um viel nichts. Das nichts scheint durch. Immer diese vorstellung des weniger werdens. Und hochschrecken nachts, weil im traum sitzt Mutter noch da, und es ist die rede von einem wunder. Dass sie jetzt wohl über den berg sei. Dass da nicht mehr viel passieren könne. Und da sitzt Mutter also und lässt es sich gut gehen. Nicht totzukriegen. Sitzt da vor sich hin. Besuch aus einer anderen welt. Redet plötzlich ganz anders als im leibhaftigen sinne.

Abermals hochschrecken, weil die finte bemerkt wird. Sofort klar machen, dass Mutter hinüber ist. Beruhigend zu wissen, sozusagen. Alles beim alten. Auch sie hatte vor den nächten angst. Sie wollte eigentlich die nächte gar nicht mehr haben. Nur noch im bett liegen und scheinbar unaussetzlich die füße betrachten. Sie hatte einen blick in den park hinaus, sie blickte aber nicht mehr hin. Dort im krankenhauspark steht eine skulptur. Einmal hat meine Mutter aus dem fenster in den park hinausgeschaut und da hat sie genau dieses ding da gesehen. Das ihr gut gefallen hat. Nachdem Mutter am zwanzigsten August neunzehnhundertachtundneunzig gegen dreiundzwanzig uhr und fünfzig minuten verschwunden ist, erteilt Vater dem skulpturenmacher den auftrag, eine schicke stele fürs grab zu machen. Ein sehr erdenfestes, ums zentrum verzwirbeltes oder verdrehtes gerät aus grauem stein ist es geworden. Hat mittlerweile schon moos angesetzt. Nein, meine Mutter hat mich nicht persönlich angerufen, mir zu sagen, »ich habe krebs«. Ich bekam einige wochen nach Vaters meldung, Mutter sei schwer erkrankt, von ebensolchem Vater eine telefonnummer, mit der ich die bereits operierte und noch krankenhausbettlägrige Mutter besuchen konnte. Niemand von uns hatte eine gute gesprächseinstellung parat. Ihre stimme war eine starke schwäche. Nur kurz telefonieren, hatte Vater gesagt. Ein leben ist immer ja ein wunsch voneinander. Nein, das sind so verbrauchte sätze. Das ist kein ausgang. Den stil verbessern, heißt, die gedanken verbessern, sagte mal jemand. Man wählt diese nummer ja nicht nur einmal nicht ganz so durch, sondern immer nur bis zum anschlag, immer nur bis zur vorletzten nummer, immer nur bis höchstens zur letzten nummer, die aber schon nicht mehr ganz durchgeht, vielmehr längstens ein wenig angeläutet wird, dann schnell den hörer auf die schüssel. Man scheut die erste liebe wie den ersten tod. Es ist alles vermittelt und numerös. Hörer wieder abnehmen, weil es doch die eine einzige stimme ist, die zählt.

Einen einzigen brief gibt es von ihr. Sie kündigt darin an, meine hose aufzubewahren, die ich vergessen habe beim letzten besuch nach dem umzug und die sie mir schicken könne, vorerst. Das ist jahre her. Die mittlerweile längst aus der sogenannten mode gekommene hose hat sie mir höflich in einem karton geschickt. Ich habe ihr nämlich einen brief geschrieben, bitte schicke mir besagte hose, weil es wird kalt, und die hose fehlt mir. Hose ist mittlerweile verrottet, karton habe ich aufbewahrt. Und zwar liegt da so allerhand unzurechnungsfähiges zeug drin rum. Karton also aufbewahrt, aber nicht mehr reingeguckt. Die hose ist von anfang an schon zu kurz gewesen, ich steckte trotzdem mittendrin und nannte diese hose stets ›beinkleider‹. Zwischen dem verrecken einer nahe liegenden person und dem verrecken einer fast identischen person liegt nur das anziehen einer hose. Oder das alphabet. Du ziehst eine hose an und Franz Papaver spricht von identität, die nur variierte wiederholung ist.

Es ist auf jeden fall so, dass ich Mutter am sechsten Juli neunzehnhundertachtundneunzig gegen zehn uhr vormittags das letzte mal gesehen habe. Mutter hatte gerade gefrühstückt, was ihr diesmal anders als die tage zuvor freude zu machen schien, sagte Vater. Ich war mir völlig im klaren darüber, sie das letzte mal gesehen zu haben. Mit einem nochmaligen betreten des zimmers hätte dieses bewusstsein ein anderes werden können. Es hat aber ganz und gar keinen vorwand keinen deckmantel gegeben, den raum erneut zu betreten. Ich muss jetzt gehen, rief ich ihr zu, einmal noch winkend, und die schwere graue tür mit dem handschmeichelnden griff glitt langsam ins sichere schloss. Wohin aber gehen? Das zimmer verlassen, die station verlassen, das gebäude verlassen. Einmal noch notiz nehmen  von  dieser  abgelegenheit. Von  dieser  reparatur-, heilungs-  und  beendigungsstätte. Felsenfest  sagen, hier möchtest du bis an dein lebensende nicht mehr rein. So tun,     als sei nichts gewesen. Auf andere gedanken kommen, sozusagen.  Aber  wohin  denn?  Vorbei  am  alten  abgerissenen schwimmbad, an all diesen wie aus dem hut gezauberten überanstrengungen vorbei, die Düren heißen. An diesem gesamten ensemble der notdurft vorbei. An der mittelstadt vorbei. Vorbei an dir selbst in jenen heruntergekommenen etablissements der innenstadt einen kaffee trinken. Das ist eine durch und durch vergessenswürdige kleinstadt. Sitzt plötzlich aufrecht im bett, nachdem sie bereits stunden zuvor keinen laut mehr von sich gegeben hat. Ob sie wohl wieder einem phantom nachjagt. Fragen, die sie stellt. Ob ich das gehört habe, was opa sagt. Es verwundere sie zutiefst, dass opa hier etwas vor allen leuten sage. Opa sage nämlich nur ihr allein immer was und zwar morgens im bad. Ich solle doch bitte die leute rausschmeißen. Dass es nicht stimme, was ich sage. Dass ich hier nicht allein mir ihr in diesem zimmer sei. Dass diese anderen leute böses im schilde führen. Dass sie manchmal nicht ganz aufmerksam sei. Sie habe wie sie sagt in ihren lichten momenten das gefühl zwar schon seit längerem regelrecht vor sich hin zu altern aber dieses ganze hier das habe doch mit gottes erlaubnis nichts mehr mit altern zu tun, das sei doch was ganz anderes, und ob ich ihr da mal entgegenkommen könne mit einem hinweis was das denn genau nun sei, sie jedenfalls habe zwar vielleicht mal was davon gehört, es mittlerweile aber vergessen, jedenfalls habe sie anderes zu tun. Außerdem, das aber sei nicht dringlich, falle ihr dieses eine wort nicht ein. Das so etwas endgültiges sei. Fällt wieder ins bett zurück wie tot. So also sieht sie aus wenn sie tot ist vielleicht. Jetzt ist sie bereits zehn minuten tot. Ihre haut auf den wangen. Ihre glänzende stirn, die sie mehr und mehr mit einer sagen wir hochprozentigen salbe einreibt. Was ist aus uns geworden. Diese alltagsfrage dieser gesalbte schmerz. Die adern ihrer schläfen die wie ein rinnsal das gebirge hinunterdrängen. Ihr schlaf, der ein gebirge ist. Und aus dem gebirge schaut sie plötzlich auf mit einem fast schon versöhnlichen lächeln, das alles zu überblicken scheint. Sind wir da denn hier noch beizeiten? Ist das denn noch alles rechtzeitig?

Am achtzehnten August zweitausend teilt mir Vater mit, er habe Mutters liebesbriefe wiedergefunden. Sie hätten in einer keksdose gelegen. Jedenfalls in einer blechdose. Mutter und er hätten damals die vernichtung ihrer liebesbriefe beschlossen. Sie hätte SEINE liebesbriefe tadellos verbrannt. Jetzt finde er wie zufällig in einem braunen karton, und sei es auch nur eine unbedeutende alte schachtel, diese IHRE liebesbriefe, die er dann wohl nicht wie es abgemacht gewesen sei vernichtet habe. Er wundere sich wie von selbst. In einer dose hier in diesem braunen karton sind sie dringelegen. Mutter habe alle seine liebesbriefe verbrannt, sagt Vater. Dies zeige sich, sagt Vater. Er habe also aus dem schrank diese kiste hier rausgenommen und anstatt des vermuteten christbaumschmucks seien also diese briefe hier dringelegen. Während all der jahre muss er also und zwar zuletzt an diesem ort ihre an ihn adressierten liebesbriefe aufgehoben haben, während sie wie abgemacht seine liebesbriefe ordnungsgemäß verbrannt habe, mutmaßt er. Finde er also in dieser keksdose Mutters liebesbriefe entferne er sogleich sämtliche noch übriggebliebenen briefumschläge mit all den wechselnden anschriften und adressen und schmeiße sie sofort in den mülleimer, sagt Vater. Er zeigt mir einen aktenordner mit sauber eingelochten handbeschriebenen papierseiten. Mutters liebesbriefe. Das darf doch wohl nicht wahr sein, entgegne ich. Auf die frage, warum er denn die briefe eingelocht und die umschläge weggeschmissen habe anstatt sie unversehrt in der dose im karton aufzubewahren, erwidert Vater, er sei nur an den briefen interessiert. Diese hätten jetzt zwar je zwei löcher, er habe jedoch peinlich darauf geachtet, dass keine textstelle berührt worden sei.


* Michael Lentz, Muttersterben. Prosa. pp. 139 – 157. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2002.

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