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Matthias Brandt | aus dem:Deutschen

Nirgendwo sonst

Intro von Julia Encke

Der Schauspieler und Schriftsteller Matthias Brandt hat die Situation, in der er als jüngster Sohn von Willy Brandt aufgewachsen ist, einmal eine „höfische Situation“ genannt. Allerdings nicht, ohne diese Besonderheit gleich wieder zu relativeren. „Natürlich war das eine sehr spezielle Situation, aber weniger speziell, als man so meint. Mein Vater hatte eben einen komischen Beruf. Ich glaube ja, dass, wenn ich in anderen Umständen aufgewachsen wäre, ich heute derselbe wäre.“ „Nirgendwo sonst“ erzählt von der ersten - und wohl letzten - Übernachtung bei seinem Freund Holger. Das Kind kommt im Bett kaum zur Ruhe, weil der Abend in der wunderbaren Holger-Welt ihm gezeigt hat, wo und wie es eigentlich leben will, nämlich wie hier: Zusammen mit Holgers Eltern hatten sie die Sendung „Drei mal Neun“ mit Wim Thoelke angeschaut und dabei die von Holgers Mutter auf einer Platte angerichteten Champignonstreichkäse- und Salamibrote mit fächerartig aufgeschnittener Gewürzgurke gegessen. Sie hatten Fürst-Pückler-Eis mit Keks-Waffel bekommen, Fischlis und Weingummi. Dann ereilt ihn das Heimweh. Wie Matthias Brandt die geschlossene Welt der Gastfamilie mit dem freien Blick des Kindes einfängt, ist vor allem deshalb so eindrucksvoll, weil es so präzise geschildert ist. Es gibt hier keine überflüssigen Wörter, keine stilistischen Selbstgefälligkeiten, keine Manierismen. Brandt bringt, was er erzählt, tatsächlich auf den Punkt.

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Holgers Eltern hatten sich schon hingelegt.

Den Geschmack der fremden Zahnpasta im Mund saß ich in meinem Schlafanzug auf dem Bett.

Holger stand am Aquarium und fütterte die Guppys. »Och nö, bitte jetzt nicht Jimmi«, sagte er.

Er sprach es deutsch aus, also nicht Dschimmy, sondern Jimmi, wie Jienshosen. 

»Wer?«

»Die machen jetzt wieder Jimmi.«

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach.

Was ich hörte, war ein leises, regelmäßiges Quietschen, das ich aber nicht einordnen konnte. Ein wenig klang es wie der durchdrehende Anlasser eines Autos. Es hätte aber auch ein Vogel sein können. Eine Taube vielleicht, die klangen so ähnlich, nur tiefer. Eine kleine Taube? Andererseits schien das Geräusch direkt aus der Wand oder dem dahinter liegenden Elternzimmer zu kommen, weswegen weder das eine noch das andere in Betracht kamen. Rätselhaft, und Holger machte keine Anstalten, mir zu erklären, was los war. Er verdrehte nur die Augen und tippte weiter mit dem Zeigefinger an die Fischfutterdose.

Nach dem Spiel hatten mich Holger und dessen Vater mitgenommen. Seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, dort zu übernachten. Holger hatte mir schon so viel von seinem prächtigen Zuhause erzählt, dass ich jetzt Lampenfieber empfand. Die beiden Sicherheitsbeamten, die mich begleiteten und beschützten, waren uns in ihrem Wagen gefolgt, unseren Käfer stets im Blick behaltend. Vor dem dreigeschossigen Mehrfamilienhaus, in dem Holgers Familie im mittleren Stock wohnte, waren sie ausgestiegen und hatten kurz mit seinem Vater gesprochen, wahrscheinlich hatten sie den Zeitpunkt meiner morgigen Abholung verabredet. Als sie weggefahren waren, hatte ich ihnen zugewunken, und Herr Danner am Steuer hatte den Winnetougruß gemacht, während sein neuer Kollege Herr Volquardsen auf der anderen Seite zum Fenster hinausgestarrt hatte.

Das Geräusch war jetzt deutlicher vernehmbar. Regelmäßiges Quietschen, offenbar mechanischen, nicht stimmlichen Ursprungs, dessen Ursache ich durch Holgers genervte Schweigsamkeit allmählich ahnte.

Jimmi – jimmi – jimmi – jimmi – jimmi – jimmi.

Er ging vom Aquarium zum Plattenspieler und legte die Platte von Slade auf, die er von der Mannschaft zum Geburtstag bekommen hatte. »Mama, weer all crazee now«. Obwohl die Musik das andere Geräusch nun übertönte, ging meine ganze Aufmerksamkeit zur Wand hin, fast war es, als wartete ich nur auf die Leerrille der LP, die Pause zwischen dem laufenden und dem nächsten Titel, um zu horchen, wie nebenan der Stand der Dinge war.

Unser Torwart Nettekoven hatte vor einiger Zeit davon erzählt, wie seine Eltern, deren Doppelbett wohl in eine Schrankwand integriert und aus dieser auszuklappen war, eine Nacht und einen halben Tag lang lebendig unter ebenjener begraben gewesen waren, weil diese auf sie gestürzt und nicht mehr wegzubewegen gewesen war. Erst der am Sonntagnachmittag heimkehrende Sohn hatte Hilfe holen können, sodass die Eingeklemmten schließlich befreit worden waren. Nettekoven hatte gekreischt, seine Eltern seien »am Poppen« gewesen, als das Unglück geschah, was meinen Verdacht verstärkt hatte, dass er sich das Ganze nur ausgedacht hatte. Bei einer Unterhaltung der Polizisten Stöckl und Danner hatte ich einmal belauscht, wie der Erstere eine ähnliche Geschichte aus dem Express vorgelesen hatte, in der das von Nettekoven verwendete Tätigkeitswort selbstverständlich nicht vorgekommen, sondern launig umschrieben worden war. Hier war ein Paar in einem Auto eingeklemmt gewesen und war aus diesem mithilfe eines Schweißbrenners befreit worden, die Sache hatte sich überdies in England zugetragen. Wie auch immer, Herr Danner hatte sich nicht mehr eingekriegt.

Wir legten uns ins Bett, Holger in seines, auf dem ich bisher gesessen hatte, und ich auf die Schaumgummimatratze am Boden davor. Die Aquariumlampe warf einen violetten Schein an Decke und Wand, sodass eine gemütliche, aber auch etwas spukhafte Atmosphäre entstand. Jimmi und Slade waren verstummt, und ich schaute nach oben zu Holger, sah aber nur dessen borstiges Haar aus dem Kissen emporstehen und sich gegen die Wand abzeichnen. Nach kurzer Zeit hörte ich gleichmäßiges Atmen.

Ich dachte an den herrlichen, hinter uns liegenden Abend: Gemeinsam mit Holgers Eltern hatten wir die Sendung »Drei mal Neun« mit Wim Thoelke angeschaut und dabei die von Holgers Mutter auf einer Platte angerichteten Champignonstreichkäse- und Salamibrote verdrückt. Zwischen den Broten fächerartig aufgeschnittene Gewürzgurken. Die Petersilienröschen und die schon enzymatisch angebräunten Apfelschnitze hatte ich vorsichtig an den Rand meines Tellers geschoben, was Holgers Mutter trotzdem bemerkt hatte. Als sie mich darauf angesprochen hatte – ich war, ertappt, sofort rot geworden –, hatte Holger mich gerettet, indem er das kleine Häufchen genommen und sich komplett in den Mund gesteckt hatte – Gelächter. Später hatte es für jeden noch eine Portion Fürst-Pückler-Eis mit einer hineingesteckten Kekswaffel gegeben, zum Abschluss waren bunte Glasschälchen mit Fischlis und Weingummi auf den Tisch gekommen.

»Schade, dass du morgen nicht noch zum Mittagessen bleibst«, hatte Holgers Mutter gesagt, »da gibt’s Siegfrieds Lieblingsessen, Zunge in Madeira.«

Mein Lächeln hätte alles Mögliche bedeuten können, das hatte ich mir bei meiner Mutter abgeguckt. Jetzt allerdings war ich heilfroh gewesen, morgen Mittag schon sehr weit weg zu sein. Holgers Eltern hatten Bier getrunken, Kurfürsten Kölsch, wir Tri-Top Mandarine, für Gläser und Flaschen hatte es Untersetzer gegeben, die Holgers große Schwester Biggi aus Fimo modelliert und gebrannt hatte, und ich war begeistert gewesen von der Wohlgeordnetheit dieses Lebens.

Alles und jeder schien seinen festen Ablauf und Platz zu haben und wie bei der Märklinbahn in überlegt vorgegebenen Spuren zu laufen, ohne jegliche Gefahr der Abweichung oder des Zusammenstoßes. Es hatte auf mich den Eindruck gemacht, als würde hier eine Handlung, nachdem sie erprobt und für gut befunden worden war, von da an auf immer die gleiche Weise ausgeführt. Fragen, die sich mir täglich stellten und deren Beantwortung einen Großteil meiner Zeit beanspruchte, schien es hier gar nicht zu geben.

Auf ein für mich unsichtbares Zeichen hin, vielleicht zur immer gleichen Uhrzeit, waren zum Beispiel alle Mitglieder der Familie in ihren Zimmern verschwunden, um sich einige Minuten später in verschiedenen Varianten von Freizeitkleidung zum Fernsehschauen im Wohnzimmer einzufinden.

Holger und ich hatten schon unsere Pyjamas getragen, sein Vater einen leuchtend blauen Trainingsanzug mit weiß-schwarzem Adlerwappen und der Aufschrift Bundeswehr über dem Herzen, der seiner ohnehin gedrungenen Gestalt zusätzlich etwas noch Kastigeres verliehen hatte. Die Jacke war geöffnet gewesen, man hatte das Unterhemd und seine starke Brustbehaarung gesehen, in diese sanft eingebettet einen kleinen goldenen Anhänger an einer ebensolchen dünnen Kette, der das Sternzeichen des Widders zeigte. An den Füßen hatte er Cordschlappen der Marke Romika »mit Fußbett« getragen, wie er mir einmal erklärt hatte. Beim Training hatte ich über Schmerzen in der rechten Achillessehne geklagt, und Holgers Vater war sich, als ich ihm davon erzählt hatte, sicher gewesen, es läge daran, dass meinen Schuhen ein anständiges Fußbett fehlte. Das Thema war noch mehrmals aufgekommen, immer wieder hatte er mich mit ernsthaft besorgter Miene gefragt, ob in der Fußbettfrage schon etwas geschehen sei. Er schien davon besessen zu sein. Meine Mutter allerdings hatte, als ich ihr meinen Wunsch nach Schuhen mit anständigem Fußbett vortrug, nur verständnislos mit den Schultern gezuckt.

Nun in einen einteiligen orangefarbenen Frotteeanzug mit goldenem Reißverschluss gekleidet, hatte Holgers Mutter einen weiteren Teller mit Broten gebracht, auch sie hatte Hausschuhe getragen, bei denen kein Zweifel daran bestehen konnte, dass sie den allerhöchsten Ansprüchen an Gelenkstütze und Längsgewölbehalt genügten, möglicherweise war sogar eine Spreizfuß-Pelotte eingearbeitet, wer weiß.

Holgers Schwester Biggi, die schon fünfzehn und heute Abend auf einer Party war, übernachtete ihrerseits bei einer Freundin. Ob ich das bedauerte oder es mich eigentlich erleichterte, war mir nicht ganz klar. Wahrscheinlich beides zugleich.

Die Neubauwohnung von Holgers Familie bestand aus Wohn- und Elternschlafzimmer, den Zimmern von Holger und Biggi, der Küche und dem Bad. Allesamt gingen sie vom Flur ab, in dem neben der Wohnungstür eine Garderobe angebracht war und wo auf Höhe der Küchentür ein Tischchen mit dem brokatbezogenen Telefon und einem ebenso veredelten Nummernverzeichnis stand. Ich war gleich beeindruckt gewesen, dass in dieser Wohnung durch die Sorgfalt ihrer Bewohner alles eine optische als auch praktische Aufwertung erfahren hatte.

Das Wohnzimmer war ein recht kleiner, mit moosgrünem Teppichboden ausgelegter, nahezu quadratischer Raum mit einem Fenster zur Straße und zum Parkplatz hin. Jetzt allerdings waren die Rollläden heruntergelassen worden, wie ich durch die gehäkelten Stores erkannt hatte. Die Wände waren mittel-, die niedrige Decke hellbraun gestrichen.

Wenn man den Raum betrat, stand rechts an der Wand ein mit beigem Cordstoff bezogenes Ecksofa für vier Personen, auf dessen kürzerem, an der Fensterseite gelegenem Teil der Platz von Holgers Vater war. Holger und ich hatten auf dem Hauptteil des Sofas gesessen, vor dem, auf einem kleinen Flokati, ein Couchtisch mit chromfarbenem Gestell und einer dunklen Rauchglasplatte stand. Auf diesem ein Drehaschenbecher aus Kristallglas und ein dazugehöriges Tischfeuerzeug, daneben hatten Zigaretten gelegen, jeweils eine Packung Kim und HB. Über dem Sofa hing die gerahmte Reproduktion eines Ölgemäldes, welches den Leuchtturm von Sankt Peter-Ording zeigte, wie ich beim Hinsetzen gelesen hatte.

Zu unserer linken Seite hatte Holgers Mutter im ebenfalls zur Sitzgarnitur gehörenden gleichfarbigen Sessel Platz genommen. Knapp über dem Couchtisch hing eine Lampe aus glasiertem Ton, ich hatte darauf achten müssen, dass mir deren weißes Spiralkabel beim Fernsehschauen nicht die Sicht nahm. Der Apparat stand nämlich in der, die gesamte gegenüberliegende Wand einnehmenden Eichenholzschrankwand. Tagsüber war er hinter einer Klapptür darin verborgen, welche Holgers Vater, in Vorfreude summend, geöffnet hatte. Oben auf dieser Schrankwand waren Neonröhren angebracht, die, wie die Hängelampe, eingeschaltet waren, sodass es viel heller gewesen war, als ich es von zu Hause kannte. Meine Mutter, die Deckenbeleuchtung hasste, begann bei Einbruch der Dämmerung etliche über den Raum verteilte, zum Teil versteckte Leuchten und Funzeln anzuknipsen, weil sie der Meinung war, das sei so angenehmer. Hier aber war der Fernseher, ein ganz neues Nordmende-Modell, eingeschaltet worden, und Holgers Vater hatte sich händereibend in die Polster fallen lassen.

Die Sendung hatte begonnen, Holger und seine Mutter den Text der Titelmusik mitgesungen, der Vater sie pfeifend begleitet.

»Spiel mit, das Glück macht heut’ eine Show, Spiel mit, heut’ sagt Fortuna nicht No«.

Diese Art der Begeisterung war mir neu gewesen, bei uns zu Hause machte man sich über so etwas eher lustig, schlief gleich ein oder stand nach spätestens fünf Minuten auf und ging kommentarlos, mit hochgezogener Augenbraue höchstens, seiner Wege, sodass ich, wenn meine Mutter sich nicht erbarmte, meist alleine vor dem Fernseher sitzen blieb.

Die gesamte Sendung war mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit verfolgt worden, es war mitgeraten (»Riisikoo«, hatte die Belegschaft des Wohnzimmers im Chor geraunt) und gesungen worden (»Du bringst in mir nie gekannte Akkorde zum Klingen, der Grand Prix d’amour, das bist du für mich«), man hatte seine Einschätzungen über die Verfassung des Showmasters und seiner prominenten Gäste geteilt: »Auch dicker geworden, der Thoelke.«

Nach dem Verklingen des vom Orchester Max Greger intonierten Schlussmedleys hatten sich Holgers Eltern kurz zugenickt, der Fernseher war ausgeschaltet worden, man war aufgestanden, und zügig war nach einem eingespielten Ritual der Tisch abgeräumt worden. Den Regeln dieses Vorgangs hatte ich mich intuitiv anzupassen versucht, leider vergeblich, weswegen ich ständig im Weg herumgestanden hatte. Dann waren Holger und ich Zähne putzen gegangen, und als wir aus dem Bad gekommen waren, war der Flur dunkel und leer gewesen.

Es fiel mir schwer, zur Ruhe zu kommen, während ich nun hier lag und Holgers Atemzügen lauschte, aufgewühlt vom gemeinsamen Abend in dieser wunderbaren Welt. Hatte er mir doch gezeigt, wie und wo ich leben wollte, so wie hier sähe es aus, mein zukünftiges Leben!

Was mir alles durch den Kopf ging. Vielleicht könnte ich ja später auch zur Bundestagsverwaltung gehen und dort als Sachbearbeiter in die Fußstapfen von Holgers Vater treten, warum nicht? Aber erst, nachdem Holger und ich die vier Jahre Bundeswehr hinter uns hätten, was, wie er uns erklärt hatte, neben der Kameradschaft, der körperlichen und charakterlichen Stärkung, auch viele finanzielle Vorteile mit sich brächte. Zum Beispiel, willkürlich herausgegriffen, in Hinsicht auf die Autoversicherung, wo wir ja dann, nachdem wir beim Barras den Autoführerschein plus Motorrad und Lkw für lau gemacht hätten, die günstigen Tarife für den öffentlichen Dienst in Anspruch nehmen könnten! Von den vermögenswirksamen Leistungen gar nicht zu reden. Da legte Vater Staat ja ordentlich was dazu.

Die behagliche Geschlossenheit dieser Gedankenwelt hatte mich sofort eingelullt. Aber ich sah jetzt doch auch, dass dies hier in jeglicher Hinsicht das Gegenteil meines Zuhauses war. Oder musste es nicht besser heißen, meines bisherigen Zuhauses? Einerseits bedauerte ich mich dafür, dass das Schicksal mir diesen Zwiespalt bereitzuhalten schien, zum anderen war ich geradezu euphorisch wegen der am heutigen Abend so lebendig aufgezeigten Alternative jenes Lebens, das auf mich wartete.

Plötzlich musste ich lachen, weil mir eine Geschichte einfiel, die ich nachmittags gehört hatte. Ich hatte den Frotteebezug des Toilettendeckels, der farblich dem kleinen Teppich davor angeglichen war, gelobt und Holger gesagt, wie wohnlich ich das fand, woraufhin er mit mir in die Küche gerannt war, um seine Mutter anzuflehen, mir die Geschichte von Tante Otti zu erzählen, was sie auch bereitwillig getan hatte.

Folgendes hatte sich also zugetragen: Einer in Dresden lebenden Tante von Holgers Vater, Frau Otto, schickte man regelmäßig Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung und anderen im Osten nicht erhältlichen Waren. In einem dieser Pakete hatte sich vor einiger Zeit auch eine der von mir bewunderten Frottee-Toilettengarnituren befunden. Nach einiger Zeit hatten Holgers Eltern von besagter Tante einen Dankesbrief bekommen, der den Satz enthielt: »Danke für den schönen Schal, leider ist mir die Mütze viel zu groß.« Holgers Mutter hatte das kaum zu Ende erzählen können, er selbst sich vor Lachen auf dem Küchenboden gewunden, während ich den Witz der Sache nicht verstand, bis sie ihn mir erklärt hatten: Die alte Dame hatte sich, deren Bestimmung verkennend, anscheinend den Klodeckelbezug auf den Kopf gesetzt und den Vorleger um den Hals gelegt.

Niemand erwartete von mir, dass sie mir leidtat, wie die Reaktion ihrer Verwandten gezeigt hatte. Auch das war für mich ungewohnt und verblüffend gewesen.

Während des Fernsehabends war es mir so gegangen wie schon oft: Wenn es mir irgendwo gefiel, musste ich mich dieser Umgebung vollkommen anverwandeln. Ich wollte dann nicht nur so sein wie die Menschen, unter denen ich mich befand, sondern eigentlich mehr sie sein, als sie selbst es waren! Gleichzeitig spürte ich einen tiefen Zorn auf mein Zuhause aufsteigen, vor allem auf meine Eltern, die mir, wie ich jetzt fand, so vieles vorenthielten. Alles, genau genommen, was das Leben lebenswert machte. Warum musste ich denn am nächsten Vormittag schon wieder aus der Mitte der Familie gerissen werden, mit der ich diesen grandiosen Abend verbracht hatte und als deren Mitglied ich mich längst fühlte?

Für die Meinigen dagegen empfand ich in diesem Augenblick keinerlei Liebe mehr. Aber die bittere Feststellung löste in mir keine Trauer oder Wehmut aus, und es schien, als würde mir die Klarheit und Kälte der Erkenntnis die nötige Stärke für die unausweichliche Loslösung, den Schnitt verleihen, den ich eines Tages zu vollziehen hätte. Würden alle Beteiligten Vernunft walten lassen, fände sich schon eine würdige Form der Trennung, zu der es keine Alternative mehr gab. Letztlich konnte ja niemand etwas dafür, dass der Zufall mich in die für mich gar nicht passende Umgebung meines sogenannten Zuhauses geworfen hatte. Nein, von dem mir nun vorgezeichneten Weg gab es kein Zurück. Gerührt von der eigenen Tapferkeit angesichts dieser mir schon in so jungen Jahren auferlegten Prüfung schlief ich schließlich doch ein, mich dem Unausweichlichen ernst und gefasst stellend.

Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkte, dass es sich bei dem Wimmern, von dem ich aufgewacht war, um mein eigenes handelte. Kurz war ich in dem fremden Zimmer orientierungslos gewesen. Ich hatte mir die Augen gerieben und, als ich mit dem Handrücken mein Kopfkissen berührte, gefühlt, dass es feucht war. Ich richtete mich auf, und ein Luftzug strich mir dabei über die tränennassen Wangen. Es dauerte ein wenig, die Ursache meines Unglücks zu erkennen, dann traf es mich mit Wucht. Stoßartig zog es mir jetzt den Magen zusammen, und ein nächster Schluchzer entrang sich meiner zugeschnürten Kehle.

Und dann, das Bewusstsein war träger als der Körper, kamen mir die Gedanken und Bilder, die diese Aufwallung offenbar schon seit einer Weile bewirkt hatten. Ich hörte meine Mutter mir leise eine gute Nacht wünschen, spürte meine Stirn an der Hemdbrust des Vaters liegen und wusste, dass ich sie und ihre Liebe verraten hatte. Dass ich mich jetzt mehr als nach irgendetwas anderem nach ihnen sehnte, dass sie aber, so meine Angst, für mich verloren waren, weil ich sie vor ein paar Stunden erst so rücksichtslos verleugnet hatte. Ich hielt mir das Kopfkissen vors Gesicht, aus Angst, dass Holger aufwachen würde. Ich wollte nur eines, so schnell wie möglich nach Hause, musste aber hier ausharren, bis die Polizisten mich holten. In diesem Augenblick schien es mir undenkbar, die Stunden bis dahin zu überleben. Ein schwerer Druck lastete auf meiner Brust, und ich fühlte mich so allein wie noch nie zuvor. Wie gerne hätte ich meine Gedanken, die ich vor dem Einschlafen gehabt hatte, ungedacht gemacht. Aber es war aussichtslos.

Nebenan grunzte Holger und wälzte sich herum, schnell wandte ich mich ab. Mein Vater hatte mir einmal – ich hatte ihn gefragt, was eigentlich Heimweh genau ist – eine Geschichte aus alter Zeit von den Schweizer Söldnern in der französischen Armee erzählt, in deren Gegenwart die Regierung bei Todesandrohung verboten hatte, ein bestimmtes Volkslied zu singen, weil diese es dann vor Sehnsucht nicht mehr ausgehalten hatten. Sofort waren sie desertiert und hatten sich auf den Weg nach Hause gemacht.

Ich vermisste Gabor so sehr, die Weite, das Alleinsein, das keine Einsamkeit war.

Vor Erschöpfung schlief ich irgendwann wieder ein, vielleicht auch ein wenig erleichtert, weil ich merkte, dass mein Schmerz nichts anderes war als die Erkenntnis, wohin ich gehörte.

Beim gemeinsamen Frühstück mit Holger und seinen Eltern kaute ich der Form halber an meinem Brötchen herum, obwohl ich eigentlich nichts runterbekam. Ich musste es schaffen, das glibberige Frühstücksei stehen zu lassen, aber da spielte ich auf Zeit. Als sein Vater den Kühlschrank öffnete, um die Marmelade herauszunehmen, schaute ich schnell weg, aus Angst, darin die bläuliche Rinderzunge liegen zu sehen, die hier Mittags kredenzt werden würde. Keinesfalls wollte ich riskieren, gefragt zu werden, was mit mir los sei, und so meine mühsam gewahrte Fassung gefährden lassen.

Immer wieder schaute ich vorsichtig auf die Küchenuhr über der Tür. Komisch – nur, wenn ich sie anguckte, hörte ich, wie laut sie tickte, sonst nicht. Als ob sie meinen Blick beantwortete. Gleichzeitig lauschte ich, ob durch die Glastür das Motorengeräusch des Wagens von Herrn Danner und Herrn Volquardsen, meinen Rettern, zu hören sei. Für zehn Uhr hatten sie die Abholung mit Holgers Vater vereinbart. Nur noch kurze Zeit galt es zu überstehen, und wenn ich erst im Auto saß, war ich erlöst.

Es war Sonntagmorgen, und weil deswegen kaum jemand unterwegs war, hörte ich den Audi schon von Weitem. Ich sprang auf, stürzte zur Balkontür und sah den Wagen auf den Parkplatz rollen. Den Anschein der Gelassenheit konnte ich jetzt beim besten Willen nicht mehr wahren, schon war ich in Holgers Zimmer, um meine längst gepackte Tasche zu holen, und eilte von dort aus in den Flur zur Garderobe, wo ich meine Jacke anzog. Ich gab Holgers Eltern in der Küche schnell die Hand und machte einen Diener. Eigentlich wollte ich mich noch für die Gastfreundschaft und den schönen Abend bedanken, aber als ich den Mund öffnete, begann meine Unterlippe wieder zu zittern, und mir schossen Tränen in die Augen. Wie ein Gaul schnaubte ich laut aus, drehte mich dann wortlos um und ging. Die Familie blieb verwundert zurück.

Zum Glück steckte der Wohnungsschlüssel von innen, sodass ich selbst öffnen und, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten springen konnte. Draußen rannte ich auf Herrn Danner, der ausgestiegen war, zu und umarmte ihn, für ihn unvermittelt. Herr Volquardsen war im Auto sitzen geblieben. »Gutenn Morgenn!«, schnarrte er, den Blick nach vorne gerichtet, auf eine Art, die klarstellte, dass dies sowohl der Anfang wie auch gleichzeitig das Ende unserer Unterhaltung war. Es würde mit uns beiden nichts mehr werden, was mir aber in diesem Moment herzlich egal war. Auch seine schlechte Laune weckte in mir behagliche Heimatgefühle. Seltsam, in meiner jetzigen Euphorie konnte ich mich kaum noch an die vollkommene Verzweiflung einige Stunden zuvor erinnern.

Während der Fahrt schaute ich von der Rückbank aus lange die Christophorusplakette an, die auf das Armaturenbrett geklebt war.

Als sich das Rolltor hinter mir schloss, kam Gabor bellend angelaufen, der, ich wusste es, wegen meines Ausbleibens vor Unruhe krank gewesen sein musste. Ich begrüßte ihn, dann schaute ich auf das zu große weiße Haus, in dem wir alle uns so leicht verpassten.

Hier wollte ich sein.

Bei ihnen. Für mich.

Nirgendwo sonst.


*Aus: „Raumpatrouille“ by Matthias Brandt © 2016, Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co, KG, Cologne/Germany.

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