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Gerade in Lektüre: Schneereisende | Ayfer Tunç
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Schneereisende

Ayfer Tunç | aus dem: Türkischen

Übersetzt von : Sabine Adatepe

Intro von Unsere Redakteure

Bezaubernde Ruhe und eine unendliche weiße Landschaft stehen in Ayfer Tunçs Erzählung in starkem Kontrast zu der Gewalt, von der sie durchzogen ist. In totaler Stille wächst sich die Einsamkeit hier zu tödlichen Spielen und falschen Versprechen aus. Aber zur gleichen Zeit entsteht in der Verlorenheit dieser weißen Wildnis eine Beziehung zwischen zwei „Schiffsbrüchigen“ – bis die Autorin die Leser ein weiteres Mal in die Irre führt. Die Unvorhersehbarkeit, das Ausweichen machen diese Erzählung aus. Sie entfaltet sich zwischen Leichtigkeit und Mühsal, zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, zwischen einem behaglichen Zuhause und den frostigen Bergen mitsamt seiner wilden Tiere …

 

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Längst war der Tag angebrochen. Die Berge, ihre Gipfel von finsteren Wolken verhangen, glitzerten in kaltem Blau, als wollten sie ankündigen, dass die Pause, die der seit Tagen fallende Schnee in der Nacht eingelegt hatte, nun zu Ende ging. Ein Strauß schwacher Sonnenstrahlen schickte sich an, die Welt anderswo zu wärmen, hier funkelte er eiskalt auf den Eisenbahnschienen, die wie aus dem Nichts kommend in die Ewigkeit zu führen schienen, vertrieb und zerschlug die der Natur innewohnende Unberührtheit.

Ein, zwei Züge, die nachts über die Strecke gefahren waren, hatten den Schnee plattgedrückt und in Eis verwandelt. Der Widerschein des Lichts auf den Schienen erfüllte die Fenster von Eşbers einsamer, trister Dienstunterkunft unweit der vergessenen Kleinstadt in den Bergen, das Stellwärterhäuschen mit seinem Wellblechdach, nur hundert Schritt vom Haus entfernt, lag schon im Schatten einer schweren, düsteren Wolke, die bald darauf vollständig den Himmel bedecken würde.

Eşber schob einen dicken Eichenscheit in den Ofen, der das trübselige Zimmer nur noch kläglicher machte, und verschloss sorgsam die Klappe. Auf den Ofen setzte er die mit eiskaltem Wasser gefüllte Kanne. Die Glut würde den Scheit zum Glühen bringen, das Wasser in der Kanne würde sich erhitzen und wenn Eşber am Abend in den vom Schnee verwehten Fußspuren heimkehrte, als wären sie noch da, würde er sich mit warmem Wasser Gesicht und Hände waschen, anschließend den Rücken an den Wandteppich mit den trinkenden Hirschen lehnen, die abgebrannten Streichhölzer, den Leim und seine Zigarettenschachtel bereitlegen, in der Nacht auf die Geräusche der Wölfe lauschen und am nächsten Tag einen weiteren Tag beginnen, der dem vorherigen aufs Haar glich.

Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Schienen, die durch tiefe Täler führten, sich an Wildwassern entlang heranwanden und in völlig andere Leben erstreckten, würde er im unruhigen, engen eigenen Kreis weiterleben, als bestünde die ganze Welt allein aus den Dingen, die sein Leben bestimmten, und aus ungeschliffenen, rohen Gefühlen, als läge nichts hinter den schroffen Bergen, die seinen Horizont umstellten.

Bevor er in die gefütterte Lederjacke schlüpfte, die Mütze aufsetzte und Handschuhe überstreifte, riss er das Kalenderblatt ab, las die Gebetszeiten darauf, einen Ausspruch des Propheten über Zwietracht, Namensvorschläge für an diesem Tag geborene Kinder, die Speise des Tages und die kurze Zusammenfassung der Schlacht von Uhud, ohne sich eine einzige Zeile von all dem zu merken. Das Blatt in seiner Hand war kein gewöhnliches Kalenderblatt, es war ein Dokument, das anzeigte, wie viele Tage es noch bis zum Frühling hin waren, das ihm Kraft zum Durchhalten gab, indem es ihn daran erinnerte, dass die Zeit verging. Der Frühling war kein Traum. Auch wenn das Blatt noch mehr Tage bis zum Frühling auswies, als man auf die Schnelle zählen konnte, es war doch der Beweis dafür, dass er existierte.

Auf dem Kalenderblatt stand geschrieben, dass Winter herrschte, schwer und zu lang, um ihn allein damit herumzubringen, schlafen zu gehen und wieder aufzustehen, Linsensuppe zu kochen, abgebrannte Streichhölzer zu sammeln und daraus Häuser zu basteln, im Stellwärterhäuschen zu hocken und um verspäteter Züge willen zu telefonieren, grüne und rote Fähnchen für Züge zu schwenken, die majestätisch das sich endlos ausdehnende Weiß durchschnitten, mit den Lokführern Grüße auszutauschen, sie um Zeitungen zu bitten, Bestellungen für Salz, Zucker, Streichhölzer aufzugeben, abends vor dem Fernsehapparat mit seinem Bildrauschen einzuschlafen, eine große Schüssel mitten ins Zimmer zu stellen und sich darin zu waschen, nach Spiegel und Rasiermesser zu greifen und sich draußen zu rasieren, wenn unvermutet Sonnenstrahlen die Schneewolken durchdrangen, Tee aufzubrühen und zu schlürfen, im Garten Kartoffeln und Kohl zu ziehen, die Hühner zu füttern, Schnee zu schippen, sonntags ins Städtchen zu wandern, um Käse und Bauernbrot zu besorgen, und nur drei, vier Worte am Tag zu reden. Die zermürbenden Winter über all die Jahre machten sein Leben zu einer schweren Krankheit, zum beständigen Schweben am Rande des Todes.

Er zog die Tür hinter sich zu, verriegeln brauchte er nicht, denn ringsum war kein Mensch. Als er die Spuren der Wölfe erblickte, die er nachts ums Haus hatte schleichen hören, lächelte er. Bei Tagesanbruch hatte erneut Schneefall eingesetzt, gegen Morgen aber wieder aufgehört, bevor er die Spuren der Wölfe bedeckte, die halb wahnsinnig an der Tür gekratzt hatten, als sie die drei Hühner witterten, die er im zweiten, als Speicher benutzten Zimmer hielt.

Zum Glück gab es in seinem Leben die Wölfe. Der Kampf gegen die Wölfe, deren Augen er wild blitzen sah, Blut troff ihnen von den gesunden weißen Zähne, wenn sie jagten, war immer mehr zu einem Lebenszweck geworden, zu einem bizarren Spiel, das zweifellos blutig enden würde. Er tastete nach seiner Flinte und dachte an die Brutalität in ihren Augen.

Der größte Trost in der tödlichen Einsamkeit, die an seiner Seele fraß wie ein bösartiges Geschwür und im Laufe der Zeit sein klares, junges Gesicht in rostiges Gelb verwandelt hatte, das, was sein Leben zu einem Spiel machte, war die Beziehung zu den Wölfen. Die Einsamkeit bereitete ihm unerträgliche Kopfschmerzen. Deshalb nahm er Opium, wenn er welches bekommen konnte, gleich einem über einen Abgrund balancierenden Seiltänzer ließ er dann die Wölfe nah an sich heran. Er genoss es, wenn sie ums Haus strichen, wenn sie sein Leben bedrohten, das er vergeblich mit Sinn zu erfüllen versuchte, seit er seine Tage im Stellwärterhäuschen fristete. Die Hühner kreischten vor Furcht, wenn sie das Heulen hörten, mit dem die vor Hunger irren Wölfe die Nacht zerrissen, während sie aus dem Gebirge herbeischnürten. Das erbarmungswürdige Geschrei der Hühner stachelte die Wölfe nur weiter auf und für Eşber war es eine Lust, das Fenster zu öffnen und einem Wolf, der sich ihm auf eine Pfotenweite näherte, ins funkelnde Auge zu schießen. Nach solchen Nächten fand er morgens blutige Spuren im Schnee. Die Natur bescherte ihm jedes Jahr monatelang nur eine einzige Farbe: weiß. Als wäre man blind. Da waren es die Blutspuren, die ein angeschossener Wolf zurückließ, und ihr die Stille zerreißendes Geheul, die ihn daran erinnerten, dass er lebte. Ohne die Wölfe würde er bezweifeln, im stillen Weiß überhaupt noch zu existieren.

In Gedanken bei ihnen ging er zum Stellwärterhäuschen hinüber, da stach ihm plötzlich das dunkle Blau ins Auge, das schon im Schnee zu verschwinden drohte. Dieses Blau ähnelte weder den Blautönen an Frühlingsmorgen, noch jenen, die an Sommerabenden den Himmel überzogen, wenn die Sonne rot versank. Am ehesten erinnerte es wohl noch an das Blau beim ersten Aufflammen eines angerissenen Streichholzes. Er traute seinen Augen kaum. Ihm war, als wäre dieses Blau, das er in der Ferne zwischen den vergessenen Bergen erblickte, ein Geschenk, wie er nie eines bekommen hatte. Er lief zu dem Blau hin, beinahe schon verwischt vom einsetzenden leichten Schneefall, hob es behutsam auf, als nähme er einen Wellensittich in die Hand, und als er damit nicht ins Stellwärterhäuschen sondern nach Hause stapfte, schlug ihm der dunkelblaue Stoff um die Knie und erfüllte ihn mit unbeschreiblicher Freude.

Dann senkte sich die Nacht herab und schritt voran. Finsternis umfing alles wie ein Spiegel, der den Bewohnern, die in kleinen Städtchen und fernen Dörfern in den Bergen vor sich hin lebten, ihre eigenen verhärmten Gesichter vor Augen hielt. Am Morgen hatte er sie auf seinen Armen in sein Haus getragen, sie mit der Wolldecke zugedeckt und dann an ihrer Seite gewacht, ohne sich um die vorbeirauschenden Züge zu kümmern, vor dem Erfrieren gerettet lag Fidan nun in tiefem, ruhigen Schlaf. In der Ferne heulten die Wölfe. Doch Eşber hörte sie nicht, er wartete nur darauf, dass diese Frau mit dem klaren Gesicht, so schön, wie er nie eines gesehen hatte, erwachte.

Unversehens schlug Fidan die Augen auf. Tödliche Angst huschte ihr übers Gesicht. Dann flackerte ihr Blick in einer Mischung aus Entsetzen und Verwunderung hastig durchs Zimmer. Sie sah den Wandteppich mit den Hirschen, den von der Linsensuppe auf dem Ofen aufsteigenden Dampf, den Fernsehapparat, dessen Flüstertöne ihr ans Ohr drangen, das Modellhäuschen aus abgebrannten Streichhölzern darauf und Eşber, der an ihrem Fußende saß und lächelte.

Nichts lag in diesem Lächeln, vor dem man sich hätte fürchten müssen, das einen Fluchtimpuls ausgelöst hätte. Im Gegenteil, es war unschuldig, zerbrechlich und ziemlich schüchtern. Nichts in diesem Lächeln deutete darauf hin, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen war, sie fühlte sich seltsam erleichtert und brach in Tränen aus.

Eşber ahnte nicht, dass sie seit Monaten von Furcht gejagt war, er wartete, bis sich der Weinkrampf der jungen Frau legte, dann wisperte er: „Haben Sie doch keine Angst, Fräulein, von mir haben Sie nichts zu befürchten.“ Die Worte beruhigten Fidan, sie hob die rechte Hand zum Wandteppich und berührte die Hirsche. Unter Tränen dachte sie an den Morgen, das Ende der düsteren Monate, die sie durchgemacht hatte.

Sie hatte sich noch gefürchtet, als sie den Zug bestieg, der sie zu diesem sonderbaren Haus in den Bergen führen würde. Doch die Musik der zunächst bedächtig anfahrenden und dann immer schneller werdenden Eisenbahn hatte sie als Botschaft der Rettung gedeutet. Die Familie, die ihr Abteil mit Körben, Plastiktüten und Bündeln vollgestopft hatte und neben dem Ausdruck von Resignation und Verletzung auch eine innere Ruhe auf den Mienen trug, flößte ihr Vertrauen ein. Sie würde weit fahren, weit fort. Am schneebedeckten anderen Ende dieses weitläufigen Landes, würde das Zuhause eines ihrer Geschwister sie aufnehmen, die Angst, die sie seit Monaten am Kragen gepackt hielt, würde in diesem Haus im Nu dahinschmelzen wie ein Stück Eis, das auf den wärmenden Ofen fiel.

So jung sie war, hatte sie eine schmutzige Vergangenheit angehäuft und am Ende der Sackgasse, in die sie sich verrannt hatte, um im Handumdrehen ein glänzendes, prachtvolles Leben zu ergattern, hatte Todesangst auf sie gelauert. In der Nacht hatte sie im Halbschlaf über all das, was sie erlebt hatte, nachgedacht, war hin und wieder entsetzt hochgeschreckt, hatte mitunter zwischen Schlafen und Wachen auch erkannt, dass sie gerettet war und den Schritt in ein sicheres Leben hinein gesetzt hatte. Im Halbschlaf entging ihr aber, dass die vielköpfige Familie, die das Abteil mit Leben erfüllt hatte, ausstieg. So packte sie Entsetzen, als sie sich am Morgen allein in dem stickigen Abteil wiederfand. Wehrlos war sie und zu Tode erschrocken.

Im Gegensatz zu der endlosen Weiße, durch die der Zug fuhr, waren ihre Verfolger dunkel und wirklich. Sie waren von finsterer Art und wild entschlossen, sie den Preis dafür zahlen zu lassen, dass sie sich zu Dingen aufgeschwungen hatte, die eine Nummer zu groß für sie waren. In der Hoffnung, erneut eine Familie zu finden wie die, die ihr Vertrauen eingeflößt hatte, bei ihr Zuflucht zu nehmen und sich damit zumindest ein wenig in Sicherheit zu fühlen, streifte sie durch den Zug. Doch da war nur ein Menge Männer, die mit fleischigen Fingern ihre Schnauzer zwirbelten und sie lüstern anstierten.

Es waren viele. Als ihr klar wurde, dass sie in diesem Zug, der kühn in die vergessenen Teile des Landes vordrang, die gesuchte Sicherheit nicht finden würde, geriet sie in Panik. Sie beschloss, sich in ein Abteil zu setzen, in dem besonders viele dieser Männer hockten, von denen sie hoffte, sie würden sie durch ihre bloße Anwesenheit schützen, auch wenn sie ihr lüsterne Blicke zuwarfen und noch so einschüchternd und erdrückend wirkten.

Und da geschah es dann.

Sie kannte den Mann nicht, dessen funkelnde Pistole ihr ins Auge fiel, hatte ihn nie zuvor gesehen, doch es dauerte nicht lange, bis sie begriff, dass er von einem ihrer Verfolger geschickt war mit dem Auftrag, sich ihr in den Weg zu stellen. Dieser Mann im Kamelhaarmantel, der sich ihr Schritt für Schritt näherte, auffallend mit der kräftigen langen Linie schwarzer Brauen unter der schmalen, vorspringenden Stirn, war einer von ihnen. Mit seiner Haltung, seinem Auftreten, seinem nassforschen Gang ohne Hast, vor allem aber seinen Augen, die völlig ausdruckslos schienen, aber die Gier nach Brutalität spiegelten, je näher er kam, konnte dieser Mann in diesem Zug nur ihr auf den Fersen sein.

Der Mann drückte ab, im selben Augenblick riss sie die Tür auf und sprang. Sie rollte durch den weichen Schnee und hörte eine weitere Salve sich in die Musik des Zuges mischen. Gleichmütig schloss sie die Augen. Selbst wenn sie sterben sollte, es war nicht mehr wichtig. Sie war ihnen entkommen. Wäre sie in jenem Moment gestorben, wäre ihr Zustand als friedlicher, ruhiger Übergang in den Tod zu beschreiben gewesen.

Jetzt, in diesem sonderbaren Zimmer, wo ihr seit Tagen verkrampfter Körper sich wohlig entspannte, sie sich geradezu erschlaffen fühlte, weinte sie guten Gewissens und konnte kaum glauben, dem Tod von der Schippe gesprungen zu sein. Sie vermochte die Tränen nicht einmal zurückzuhalten, als sie die Suppe löffelte, die Eşber ihr reichte.

„Danke“, sagte sie. „Du hast mir das Leben gerettet.“

Eşber schwieg. Im Gegensatz zu der groben Derbheit, die dieses Haus aus Kohlenziegeln und Stein, aus Holz und Lehm umgab, lächelte er sie sanft und scheu an. In seiner Welt war das Leben ständig zu retten. In jedem Spiel mit den Wölfen rettete er es aufs Neue. Dank dafür lohnte nicht. Fidan aß ihre Suppe, wischte sich die Tränen ab und musterte die weißen Zähne ihres blassen Lebensretters, sie stimmten ihr Gegenüber fröhlich. Endlich fühlte sie sich in Sicherheit. Eşber setzte Tee auf, hockte sich erneut im Schneidersitz auf den Stuhl und blickte ihr ins Gesicht, als wollte er fragen, was sie denn neben den Gleisen zu suchen hatte. Das Städtchen war weit entfernt und lag nicht an der Bahnlinie, selbst wenn, der Zug hätte nicht in dem winzigen Flecken gehalten, der mitten im Gebirge still vor sich hinlebte. Wie kam es, dass die Frau im blauen Mantel sich auf einen Weg gemacht hatte, der sie in sein karges, klägliches Heim führte?

Fidan spürte, dass sie reden musste, etwas erklären, und erfand eine kleine Geschichte. Sie sei Anwältin, die Brüder des Mannes, den sie hinter Gitter gebracht hatte, seien hinter ihr her, sie habe gerade noch aus dem Zug springen können, als sie ihr den Garaus machen wollten.

Eşber glaubte ihr sofort. Soweit er aus dem Fernsehen wusste, dem er meist nur zuhörte, weil das Bild so arg rauschte, gab es da draußen eine große, komplexe Welt. Viele, sehr viele Menschen lebten dort. Ein erbarmungsloser Krieg herrschte dort, ähnlich seinem Kampf mit den Wölfen. Die Spuren der Angst auf dem Gesicht der schlanken, schönen Frau, die sagte, ihr Name sei Fidan, waren der Beweis dafür. Er löcherte sie mit Fragen über die Welt hinter den Bergen, bemüht, eine andere Art von Bestialität zu verstehen. Fidan antwortete mit sanfter Stimme, die Eşbers Seele streichelte, und erzählte alles Mögliche über Städte voller Menschen zur Unterstützung ihrer obskuren Geschichte. Die teuren Zigaretten in Fidans Tasche gingen in dieser Nacht aus, sie rauchte Eşbers billige und gewöhnte sich rasch daran.

Zu später Stunde hörte sie die Wölfe. Besessen vom tödlichen Spiel kamen sie einer nach dem anderen herbei und schlichen ums Haus, die Hühner gackerten vor Angst. Als die Wölfe heulten, verzog Eşber keine Miene und beruhigte Fidan, es gäbe keinen Grund zur Sorge, auf das Spiel, das die Wölfe begierig erwarteten, verzichtete er. Dann ließ er Fidan im gemütlich warmen Zimmer mit dem bollernden Ofen allein und bereitete sich ein Lager in dem Nebenraum, in dem das Federvieh hauste.

Überzeugt, ihm sei ein Geschenk des Himmels zuteil geworden, schlief Eşber in jener Nacht tief und fest. Fidan dagegen grübelte die ganze Nacht. Sie hatte die Männer, die sie verfolgten, angezeigt. Sie könnte so lange in diesem merkwürdigen Haus bleiben, bis die Männer gefasst wären und man sie selbst für tot hielte. Alle Spuren, dass sie überlebt hatte, könnte sie verwischen. Dann überlegte sie, was zu tun wäre, wenn sie später in ihre Stadt zurückkehrte. Sie lag da, richtete den Blick in die Dunkelheit und tastete mit der Hand über den Wandteppich mit den Hirschen. Sie schauderte bei dem Gedanken an die Tage, da sie unablässig von einem Ort zum anderen gehetzt und jeden Augenblick mit dem Tod konfrontiert war. Angesichts des Gefühls von Brutalität, wie sie es in der Stadt empfunden hatte, kam ihr das grässliche Geheul der Wölfe plötzlich wie ein harmloses Lied vor.

Als sie am Morgen erwachte, sah sie Eşber den Ofen befeuern. Längst war der bleiche Mann auf den Beinen, hatte Tee aufgebrüht und wartete mit umsichtigen Bewegungen darauf, dass sein Gast erwachte. Zum Frühstück gab es Landkäse und Bauernbrot. Danach zeigte Eşber ihr durchs Fenster das Stellwärterhäuschen. Dort würde er den Tag über sein. Sie bräuchte sich nicht zu ängstigen. Sie solle nur sagen, wenn sie etwas benötigte. Er könne es bei den Lokführern bestellen.

Vergnügt verbrachte Fidan den Tag. Seit langem fühlte sie sich zum ersten Mal wohl. Sie lag lange auf dem Sofa und schlief, wachte sie auf, konnte sie noch immer kaum glauben, dass sie am Leben war.

In den folgenden Tagen schneite es immer wieder. Die Pausen zwischen dem Schneefall waren nur kurz. Mitunter wirkte Eşber schon nach zwei Schritten wie ein Schneemann, wenn er losging, um sich in das gerade einmal zwei Quadratmeter große Stellwärterhäuschen zu setzen und Fähnchen für die vorbeifahrenden Züge zu schwenken, manchmal strahlte die Sonne und es sah aus, als wären die Berge mit Goldstaub überpudert. Fidan blieb im Haus, legte Scheite in den Ofen, den Eşber jeden Morgen kräftig anheizte, betrachtete die Hirsche auf dem Wandteppich und dachte über die Zukunft nach. Es langweilte sie zwar, untätig herumzusitzen, doch sie machte sich glauben, sie müsse sich verbergen, um zu überleben. Bei solchen Gedanken riss sie eins nach dem anderen Eşbers Streichhölzer an und pustete sie wieder aus.

Die langen Gespräche jeden Abend ließen die gelbe Blässe allmählich aus Eşbers Gesicht verschwinden, ihn erfüllte sonderbare Freude, die Wölfe hatte er vergessen. Er fühlte sich eigenartig lebendig, die Wölfe brauchte er nicht mehr . Nun waren ihm Haus, Leben und Kopf von einer Frau erfüllt, die Abend für Abend redete, lachte und aß. Plötzlich war ihm sein Gehalt wichtig. Er redete länger mit den Lokführern der auf sein Stellwärterhäuschen zustampfenden Züge, bat sie, Zeitungen, Bücher, Obst, guten Tee und Zigaretten mitzubringen. Er hatte sich verändert. Stets war er in tödlicher Einsamkeit nach Hause geschlurft, nun trug ihn Lebenslust heim. Während er auf einen Zug wartete, für den er die Weiche stellen musste, schaute er durchs Fenster zu seinem Haus hinüber, dass eine Frau darin wohnte, war neu, und das Gefühl begeisterte ihn.

Er dachte an Fidans sonnig strahlendes Haar, an ihr Grübchen, das nur auf einer Wange erschien, wenn sie lachte, an ihre schneeweißen Hände, in der Brust spürte er eine Leere, die, so vermeinte er, nur verginge, wenn er ihr duftendes Haar dagegen drückte. Diese Leere war es, die ihn vor Freude überschäumen ließ, was den Lokführern nicht entging, sie war aber auch der Grund dafür, dass er einen tiefen Schmerz empfand, weil er ihren warmen, blonden Kopf nicht drücken durfte.

Mitunter reizte ihn unerklärlich der Gedanke, dass niemand von der Frau in seinem Haus wusste. Diese Tatsache erregte ihn wie ein wunderbares Geheimnis, das die ganze Welt betraf, zugleich bedrückte ihn schwer, die Existenz dieser Frau nicht in die Berge hinausschreien zu können, niemandem von diesem unglaublichen Phänomen erzählen zu dürfen. Manchmal hatte er den Eindruck, die Stimme der fröhlichen Frau, die seine Nächte erfüllte, und ihre weißen schlanken Finger, die seine Haut wie Feuer verbrannten, wenn sie sie zufällig berührten, wären gar nicht real, all dies hätte sein vor lauter blind machendem Weiß dahinsiechender Verstand sich nur ausgedacht. Immer wieder stürmte er aus der Hütte zum Haus hinüber, kam er außer Atem an und Fidan stand vor ihm, im Blick die Frage, warum er gekommen sei, dann verharrte er wie ein aus dem Tiefschlaf erwachter Schlafwandler verwirrt und ohne Antwort in der Tür.

Seine Stimmung änderte sich jeden Tag mehrmals. Er wartete nicht einmal mehr auf den Frühling, der nun bald bevorstand. In diesem Winter war der Frühling auf unerwartete Weise bereits in sein Haus eingezogen. Er wusste nicht, wie er diesen unvermuteten Frühling glücklich machen sollte, er war zu schüchtern, sie zu fragen, was sie wollte, worauf sie Lust hatte, nachts beobachtete er jede ihrer Bewegungen, um herauszufinden, was sie sich wohl wünschen mochte.

Sein Herz, gewohnt zu schweigen, und verschlossen, als wäre es in eine Kiste gesperrt, hatte sich geöffnet, nun sprach es unverwandt. Eşbers Rede folgte keiner Logik, sie sprang von Zweig zu Zweig. Von der Tochter seiner Schwester im Städtchen, die das R nicht rollen konnte, kam er auf das Geräusch, das der Schnee beim Schmelzen machte, eben noch sprach er von den Eigenarten der Lokführer, davon, dass sein Gehalt niedrig sei, es hier aber auch nicht viel Geld brauche, vom Geschmack des Schafkäses im nahen Dorf, da sprang er unvermutet zu Vogelschwärmen, die ins Gebirge einfielen, und erzählte von Geräuschen, die die Stille vertrieben, und von der Seele der Berge. Die Sprünge, die sonderbaren Beschreibungen verstörten Fidan.

Es war nicht dies allein, was Fidan beunruhigte. Sie sah in Eşbers Augen Leidenschaft aufglimmen. Sie sah, dass Eşber ihr nicht zuhörte, wenn sie sprach, dass er vielmehr versunken war in ihre Augen, ihre Hände, ihre Figur, dass er bei jedem Bissen, den sie schluckte, ihn selbst zu schlucken schien, bei jedem Zug an ihrer Zigarette Eşber in einen wunderlichen Zustand geriet, als täte er selbst diesen Zug. Die Furcht, die sie vergessen hatte, bemächtigte sich ihrer in anderer Gestalt von Neuem.

Eines Abends fragte sie, in welcher Richtung die Kleinstadt liege. Eşber machte eine unbestimmte Geste und sagte: „Hinter dem Berg da …“ Aus seinem Tonfall sprach die krankhafte Überlegenheit, auf einen in alle Ewigkeit unerreichbaren Berg zu verweisen. Auf seiner Miene lag ein derart unheimlicher Ausdruck, dass Fidan außerstande war, die in aller Unschuld gestellte, unbeantwortet gebliebene Frage erneut zu stellen, so dass sie nicht herausbekam, hinter welchem Berg das Städtchen nun lag.

Mit Geräuschen und Stimmen, zahlreich, wie dieses trostlose Heim sie nie vernommen hatte, vergingen viele lange Tage und Nächte.

Dann beschloss Fidan, es sei an der Zeit zu gehen. Das eintönige Weiß, das sie mittlerweile quälte, der unablässig fallende Schnee, von dem sie manchmal fürchtete, er würde das Haus verschlingen, die Wölfe, die Nacht für Nacht ums Haus strichen, deren Stimmen auf einmal nach Blut zu rufen schienen, Eşbers Leidenschaft, die ihr immer krankhafter erschien, die immer selben Tage hatten begonnen, ihr mindestens so viel Furcht einzuflößen wie die finsteren Männer, die sie verfolgten. Eşber würde sich nicht ewig darauf beschränken, sie mit verliebten Augen anzuhimmeln, er würde sie zu einem Teil seines Lebens machen wollen, das spürte sie. Das würde bedeuten, ein anderes Leben zu führen, ein Kleid zu tragen, das ihr nicht passte. In der letzten Nacht konnte sie an nichts anderes mehr denken, sie tat kein Auge zu, so wurde sie gewahr, dass die Stimmen der Wölfe noch weitaus bestialischer waren als gedacht.

Als Eşber am nächsten Morgen das Zimmer betrat, um Tee aufzusetzen, fand er Fidan in dem blauen Mantel vor, der ihm um die Knie geschlagen war, als er sie heimtrug, in der Hand die Tasche, die sie damals um die Schulter getragen hatte und die beim Sprung aus dem Zug ein paar Schritte von ihr geschleudert worden war. Er wurde kreidebleich.

„Was ist los?“, fragte er. „Warum stehst du im Mantel da?“

„Ich muss gehen“, gab Fidan zurück, bemüht, ihre Stimme so herzlich wie möglich klingen zu lassen. „Ich bin dir unendlich dankbar für alles. Aber ich war nun lange genug hier. Sicher suchen meine Eltern nach mir. Sie machen sich Sorgen. Könntest du mich bitte in einen Zug setzen?“

„Unmöglich“, sagte Eşber. „Unmöglich, das geht nicht, du kannst nicht fort.“

„Warum nicht?“

Eşber langte nach ihr, entriss ihr die Tasche und schleuderte sie auf das Sofa.

„Du bist doch zu mir gekommen …“ Er schaute, als könnte er nicht fassen, was geschah.

Er konnte es tatsächlich nicht fassen. Fidan war ein ihm gesandter Frühling, sie war etwas, das auf himmlische Weise zu ihm gekommen war, um seine stillen Stunden, seine leeren Tage zu füllen, seine freudlose Einsamkeit zu verscheuchen. Unerträglich, sie jetzt sehenden Auges ziehen zu lassen, unmöglich, sie eigenhändig in den Zug zu setzen. Fassungslos fragte er mit möglichst sanfter Stimme: „Ist es dir hier nicht gutgegangen?“

Sein Gesichtsausdruck war freundlich und unschuldig, wie der Blick eines gutwilligen, sich seines Besitzrechts voll bewussten Herrn auf seinen Sklaven, und ebenso gnadenlos.

Da begriff Fidan, dass es zu einem entsetzlichen Kampf zwischen ihnen kommen würde, der nur mit dem Tod von einem von ihnen enden konnte. Ihre Knie gaben nach, ihr Körper, der von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse gelaufen, jede Nacht unter einem anderen Dach verbracht und in erbarmungslosem Gerenne tagelang zäh standgehalten hatte, als sie vor ihren Verfolgern geflohen war, fiel angesichts dieser sanften, stillen Frage augenblicklich um.

Was sie als erstes tat, war schweigen. Sie spürte, dass sie diesen Mann nicht durch Reden würde überzeugen können, deshalb sagte sie gar nichts. Berge und Schnee hatten seinen Verstand förmlich aufgesogen, dann hatten sie ihn als ein Teil von sich sich selbst überlassen. Sie fürchtete, ein Wort, das ihm wie eine Nadel in den Geist stach, könnte diesen Mann, diesen Irren einer seltsamen Welt, um den Verstand bringen. Sie war ihm in die Hände gefallen, Eşber war der Herrscher über das unendliche Weiß. In jener Nacht, in der Nacht darauf und in den folgenden Nächten schwieg sie. Eşber aber redete. Längst hatte er alles erzählt, was es über ihn zu sagen gab. Seit Fidan den Wunsch zu gehen geäußert hatte, verlor er von Tag zu Tag an Farbe. Nun erzählte er, was ihm von den Kalenderblättern im Gedächtnis geblieben war, was er von den Eisenbahnern, die aus großen Städten voller Menschen kamen, gehört, was er aus dem Fernsehen erfahren hatte, dessen Ton er gelauscht und das seine Träume für ferne Orte geöffnet hatte. Doch was er auch tat, es gelang ihm nicht, Fidan zum Lächeln zu bringen und das Grübchen auf ihrer Wange, das er so gern berührt oder gar geküsst hätte, hervorzulocken, und er grämte sich sehr.

Eines Tages trat Fidan aus dem Haus und stellte sich in den Schnee. Ihr war, als wäre sie in ein weißes Labyrinth gestürzt. Wo war Osten? Wo lag Westen und wie gelangte man in die Kleinstadt? Sie fand keine Antworten darauf, ihr wurde klar, dass sie wahrhaftig eine Gefangene war. Sie gab sich der Natur ganz hin, um mit der Nase im Wind vielleicht doch einen Ausweg zu erschnuppern oder zu erspüren. Unterdessen beobachtete Eşber sie hinter der von seinem Atem beschlagenen Scheibe des Stellwärterhäuschens, ein krankhaftes Lachen verstärkte den jämmerlichen Ausdruck seiner Miene. Der Sinn seines Lebens bestand nun darin, den zur Unzeit zu ihm gekommenen Frühling zu hüten und für alle Zeiten bei sich zu behalten. Er ließ die Tür seines Hauses nicht aus den Augen, trat Fidan heraus, stand er im Nu neben ihr, er bestellte Geschenke und frisches Obst für sie, auch wenn er nichts dafür zurückbekam, war er zufrieden, das Leben auf diese Weise fortzuführen.

Fidan wurde klar, dass die tagsüber passierenden Züge ihr nichts nützen würden, doch ein Nachtzug erregte ihre Aufmerksamkeit. Kurz vor Mitternacht fuhr dieser bescheidene Zug leise vorüber, sein Brummen klang sanft durchs Zimmer, auf den nachts verhängten Fenstern des Hauses spiegelten sich die Lichter der Abteile nur als vorüberhuschende Abbilder. Da nachts kein weiterer Zug durchfuhr, kam Eşber heim, nachdem er diesem die Fahrt freigegeben hatte. Nach einem leichten Anstieg erreichte der Zug die schneebedeckte Ebene und fuhr auf Höhe von Eşbers Haus ausgesprochen langsam. Fidan spürte, dass dieser Zug ihre Rettung sein würde, doch es gelang ihr nicht herauszufinden, wie sie ihn besteigen könnte.

Es war eine Nacht, in der der Winter sich noch einmal in aller Härte zeigte, obwohl der Frühling schon vor der Tür stand. Der Ofen leckte über die Holzscheite und verschlang sie. Eine dünne Eisschicht überzog die Fensterscheiben. Eşber war verstummt. Er schnitt die Schalen der bei den Lokführern bestellten Apfelsinen in schmale Streifen, wie um Fidan zu drohen, weil sie schwieg. In seiner Haltung lag etwas von einem Gebieter, der am Ende seiner Geduld angelangt war. Fidan überfiel Furcht vor ihm.

Sie wartete auf das Geräusch des Zuges, der so still herankam und durch die Berge in sichere Städte mit Lichtern und Menschenmengen fuhr, da hörte sie die Wölfe heulen. Wieder schnürten sie die Berge herab. Kurz dachte Fidan daran, dass sie frei waren. Wenn sie wollten, konnten sie stundenlang einem Zug hinterherlaufen, sie konnten auch sterben, wenn sie es nur wollten. Sie seufzte. Eşber hingegen spürte allmählich Wut über ihr endloses Schweigen in sich aufsteigen. Er stand auf, als er das Heulen der Wölfe vernahm, und riss das Fenster in einer Weise auf, dass Fidan erschrak. Wie von Eissplittern erfüllt drang ein Luftschwall herein. Die Kälte und das bestialische Geheul ließen Fidan erschauern. Eşber nahm das Gewehr von der Wand, das er täglich bei sich trug, wenn er ins Stellwärterhäuschen ging, und wartete, bis die Wölfe das Haus umringten und nah herankamen. Er lehnte sich aus dem Fenster, brüllte zu den Wölfen hinüber, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich und machte sich bereit für das Spiel, auf das er verzichtet hatte, seit Fidan da war, nun trieb ihn starke Sehnsucht danach. Die Wölfe versammelten sich unter dem Fenster. Ihre Stimmen waren grässlich. Fidan zitterte am ganzen Körper. Sie ängstigte sich zu Tode und wusste nicht, was sie tun sollte. Eşber hob die Flinte und zielte auf das Auge eines der Wölfe, er wollte abdrücken, da schrie Fidan: „Nicht!“, und warf sich auf ihn. Der Schuss löste sich, es war, als zöge ein winziger Funken eine Spur zum Himmel hinauf. Die Wölfe stoben auseinander.

Der Schrei aus Fidans Mund, der erste Laut, den er seit Tagen von ihr hörte, machte Eşber benommen. Er empfand einen Schmerz, als hätte er ihr wehgetan, warf das Gewehr beiseite und blickte sie kläglich an. Er befand sich in einem eigenartigen Zustand, ohne zu wissen, wie ihm geschah. Er ging in die Hocke und starrte Fidan unausgesetzt an. Als erwartete er einen Befehl von ihr. Befremdlich sah er aus und jämmerlich.

Fidan schloss die Augen. Zwei Bilder stiegen in ihr auf. Auf einem die Wölfe, mit ihren stählern glitzernden Augen, ihren kräftigen Gebissen und spitzen Krallen, mit ihrem durch Mark und Bein dringenden Geheul, auf dem anderen Eşber. Dieses war entsetzlich, er beobachtete sie unausgesetzt durchs Fenster seines Stellwärterhäuschens, das Zucken über dem rechten Wangenknochen machte sein krankes Lachen noch schlimmer.

In dem leiser werdenden Wolfsgeheul hörte sie den Zug die Steigung heraufkommen. Sie stellte sich vor, wie Reisende in einem Abteil stark riechenden Käse in einen Fladen wickelten und verzehrten, den Blick versonnen auf einen Punkt in der Ferne richteten, vor sich hin rauchten und in den Fensterscheiben ihre eigenen verhärmten Gesichter erblickten. Am Morgen würden sie in einer hellen Stadt voller Menschen aus dem Zug steigen, ihr Gepäck schultern und in die schlammbedeckten Adern der Stadt hinausströmen, sie würden sich unter die Menge mischen, um ihren Platz in den Szenen einzunehmen, die das Leben für sie bereithielt. Selbst wenn es in diesem Leben finstere Männer gab, fand sich doch stets die Hoffnung auf Rettung. Für sie bedeutete das, die Todesgefahr, die auf sie lauerte, frei anzugehen. All das schoss ihr durch den Kopf, sie schlug die Augen auf und sah Eşber an. Wie hypnotisiert saß er da.

DieserAugenblick würde nicht lange dauern, das spürte sie und sprang jäh auf. Sie trug nur einen dünnen Pullover und Strümpfe an den Füßen. Beherzt riss sie die Tür auf und schlüpfte hinaus. Der Schneefall würde sich bald zu einem Schneesturm steigern, langsam, als zierte er sich, stampfte der Zug, der sie ins Leben führen sollte, heran. Sie sauste durch den Schnee, sank immer wieder tief ein. Sie hörte die Stimmen der Wölfe, doch merkwürdigerweise fürchtete sie sich nicht vor ihnen. Ihr war, als beschützte sie ein Wolf, dem sie kurz zuvor das Auge gerettet hatte, vor allen Gefahren.

Sie sah den Zug über die Schienen vor dem Haus fahren. Sie spurtete los, um das wundersame Vehikel, dessen Räder funken sprühten, diesen brummenden Haufen Eisen zu erreichen, doch der Schnee, in den sie bis zu den Knien einsank, hemmte sie. Sie hörte Eşbers Stimme durch die nächtliche Dunkelheit gellen. Es war keine Stimme, es war ein markerschütternder Schrei: „Geh nicht!“ Er rief sie.

Sie schaffte es zur Tür eines Waggons, konnte sie auch öffnen, kam aber nicht hinauf. Sie hetzte neben dem Zug her. Eşber kam näher und näher, schon spürte sie beinah seinen Atem, aus Angst war sie außerstande zurückzuschauen. Dann griff eine Hand nach ihrem Pullover und zerrte an ihr. Es war ein Zerren in den Tod. Fidan wusste, sie würde sterben, wenn sie diesen Zug nicht bestieg. Eşbers kräftige Hände rissen an ihrem Pullover, dennoch gelang es ihr hinaufzuklettern, mit aller Macht ihrer halb erfrorenen Hände klammerte sie sich an den Eisenriegel der Tür. Schnee wirbelte ihr in die Augen, der eisige Fahrtwind übermannte sie.

Sie hörte das Heulen der Wölfe sich ins Wahnsinnige steigern. Gleich darauf war die Kraft, die von hinten an ihr gezogen hatte, verschwunden. Als Fidan sich umdrehte, sah sie, wie die Wölfe Eşber umringten.

Sie mochte nicht darüber nachdenken, wer das Spiel, dessen Zeuge sie zum ersten Mal wurde, gewann.

 

 

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