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Gerade in Lektüre: Sonntag | Irène Némirovsky
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Sonntag

Irène Némirovsky | aus dem: Französischem

Übersetzt von : Eva Moldenhauer

Intro von Unsere Redakteure

Ein Sonntagmorgen, der in aller Festlichkeit den weiblichen Lebenszyklus wiederspiegelt und vom Ausgeliefertsein erzählt. Némirovsky beschreibt wuchtig und sehnsuchtsvoll zwei Generationen von Frauen, die beide auf ihre Art Gefangene der Liebe sind: Auf der einen Seite die Mutter, die von den Frustrationen genug hat, nur noch nach Ruhe verlangt. Auf der anderen Seite die Tochter, vor der sich die Liebe mit all ihren Enttäuschungen und Entzauberungen zum ersten Mal auftut. In diesem Kreislauf kommt so etwas wie ein Mythos zur Sprache, eine Legende, die vom Schicksal der Frauen erzählt, davon, verurteilt zu sein, im Schatten fauler und verräterischer Männer leben, ihre Kinder gebären und immer bloß im Wohnzimmer warten zu müssen, während die sich mit ihren Geliebten vergnügen. Die Schönheit und Melancholie, die diese Erzählung durchströmen, die Stimmen der Figuren, in denen sich das Echo so vieler Menschen vernehmen lässt, und diese Welt voller Licht, die Némirovsky erschafft – das alles macht diese Erzählung zu einem Meisterwerk.

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Die Rue Las Cases lag ruhig da wie im Hochsommer, jedes offene Fenster wurde von einer gelben Markise geschützt. Die schönen Tage waren zurückgekehrt; es war der erste Frühlingssonntag. Lau, ungeduldig, unruhig trieb er die Menschen aus den Häusern, aus den Städten. Der Himmel strahlte in sanftem Glanz. Man hörte den Gesang der Vögel im Square Sainte-Clotilde, ein erstauntes und träges zartes Piepen, und in den stillen, hallenden Straßen das rauhe Krächzen der Autos, die aufs Land fuhren. Keine andere Wolke als eine kleine, fein gerollte weiße Muschel, die einen Augenblick am Himmel schwebte und im Blau zerschmolz. Mit entzücktem, vertrauensvollem Gesichtsausdruck hoben die Passanten den Kopf und atmeten lächelnd den Wind.

Agnès schloß halb die Fensterläden: Die Sonne war warm, die Rosen würden zu rasch aufblühen und absterben. Die kleine Nanette kam hereingerannt, von einem Fuß auf den andern hüpfend.

»Darf ich rausgehen, Mama? Es ist so schönes Wetter.«

Schon ging die Messe zu Ende. Schon liefen die Kinder in hellen Kleidern mit nackten Armen durch die Rue Las Cases, ihre Gebetbücher in den weißbehandschuhten Händen, und umringten eine kleine Kommunikantin mit dicken roten Wangen unter ihren Schleiern. Rosige und gebräunte Waden, flaumig wie Früchte, schimmerten in der Sonne. Aber noch läuteten die Glocken, langsam und melancholisch schienen sie zu sagen: »Geht, gute Leute, wir bedauern, euch nicht länger behalten zu können. Wir haben euch beschützt, so lange wir konnten, aber nun müssen wir euch der Welt und euren Sorgen zurückgeben. Geht jetzt, die Messe ist gelesen.«

Als sie verstummten, war die Straße vom Duft des warmen Brots erfüllt, der stoßweise aus der offenen Bäckerei drang; man sah die frisch gereinigten Fliesen blinken, und die in die Wände eingelassenen schmalen Spiegel glänzten matt im Dunkel. Dann ging ein jeder nach Hause.

Agnès sagte:

»Nanette, sieh nach, ob Papa fertig ist, und sag Nadine Bescheid, daß das Essen auf dem Tisch steht.«

Guillaume trat ein und verbreitete den Geruch nach edlen Zigarren und Lavendelwasser, den sie immer mit Unbehagen einatmete. Er war, noch mehr als sonst, fett, gesund und glücklich.

Sobald sie bei Tisch saßen, verkündete er:

»Ich will Ihnen gleich sagen, daß ich nach dem Essen wegfahre. Wenn man die ganze Woche in Paris erstickt ist, ist es das mindeste … Verlockt Sie das wirklich nicht?«

»Ich möchte die Kleine nicht allein lassen.«

Guillaume zog Nanette, die ihm gegenübersaß, an den Haaren; sie hatte in der letzten Nacht einen Fieberanfall gehabt, der allerdings so leicht gewesen war, daß ihre frische Farbe nicht gelitten hatte.

»Sie ist nicht sehr krank. Sie hat einen wunderbaren Appetit.«

»Oh, sie macht mir keine Sorgen, Gott sei Dank«, sagte Agnès. »Ich werde sie bis vier Uhr hinausgehen lassen. Wo fahren Sie hin?«

Guillaumes Miene verdüsterte sich.

»Ich … Oh, ich weiß noch nicht … Sie haben die Manie, alles im voraus festzulegen… In die Gegend von Fontainebleau oder Chartres, aufs Geratewohl, ins Blaue… Nun? Begleiten Sie mich?«

›Sein Gesicht möchte ich sehen, wenn ich einwilligte‹, dachte Agnès. Das ein wenig verkrampfte Lächeln im Winkel ihrer zusammengepreßten Lippen irritierte Guillaume. Aber sie antwortete wie gewöhnlich:

»Ich habe im Haus zu tun.«

Und sie dachte: ›Wer ist es diesmal?‹

Guillaumes Mätressen. Ihre eifersüchtige Unruhe, ihre schlaflosen Nächte. Wie fern das alles jetzt war. Er war groß und dick, ein wenig kahl, sein ganzer Körper befand sich in behaglichem, sicherem Gleichgewicht, und sein Kopf saß fest auf einem breiten, kräftigen Hals; er war fünfundvierzig, ein Alter, in dem der Mann am stärksten, am schwersten ist, mit beiden Beinen auf der Erde steht und sein dickes Blut kräftig durch die Adern fließt. Wenn er lachte, schob er seinen Unterkiefer vor und entblößte alle seine weißen Zähne, auf denen kaum Gold zu sehen war.

›Wer‹, überlegte Agnès, ›hat gesagt: Du machst eine Grimasse wie ein Wolf, wie ein wildes Tier, wenn du lachst? Bestimmt war er davon unsäglich geschmeichelt. Früher hatte er diese Gewohnheit nicht.‹

Sie erinnerte sich, wie er jedesmal in ihren Armen weinte, wenn ein Liebesabenteuer zu Ende ging, und an das kurze Stöhnen, das seinen Lippen entwich, während er den Mund leicht öffnete, als wollte er seine Tränen schlürfen. Armer Guillaume…

»Ich, ich…«, sagte Nadine.

So begann sie ihre Sätze immer. Ausgeschlossen, in ihren Gedanken oder in ihren Äußerungen ein Wort, einen Geistesblitz zu finden, der sich nicht auf sie selbst bezog, auf ihre Kleider, ihre Freunde, ihre Strumpfmaschen, ihr Taschengeld, ihre Vergnügungen. Sie war… strahlend. Ihre Haut war so weiß wie bestimmte samtweiche Blüten, blaß und leuchtend zugleich, wie der Jasmin, die Kamelie, aber man sah das pochende junge Blut hindurchscheinen, in ihre Wangen steigen, die Lippen schwellen, die wirkten, als werde gleich ein Saft aus ihnen herausspritzen, rosa und feurig wie Wein. Ihre Augen glitzerten.

›Sie ist zwanzig‹, sagte sich Agnès, die sich ein weiteres Mal bemühte, die Augen zu schließen und von dieser allzu strahlenden, allzu gierigen Schönheit, von diesem schallenden Lachen, diesem Egoismus, diesem jungen Feuer, dieser diamantenen Härte nicht verletzt zu werden. ›Sie ist zwanzig, es ist nicht ihre Schuld … Das Leben wird sie abkühlen, besänftigen, zur Vernunft bringen wie alle anderen.‹

»Mama, darf ich Ihren roten Schal nehmen? Ich werde ihn bestimmt nicht verlieren. Und, Mama, darf ich spät heimkommen?«

»Zuerst einmal, wo gehst du hin?«

»Aber das wissen Sie doch, Mama! Nach Saint-Cloud zu Chantal Aumont! Arlette holt mich ab. Mama, darf ich spät heimkommen? Also, nach acht? Sie werden nicht böse sein?

Denn an einem Sonntag um sieben möchten wir die Steigung von Saint-Cloud vermeiden.«

»Sehr vernünftig«, sagte Guillaume.

Das Essen ging zu Ende. Mariette hatte die Speisen rasch aufgetragen. Sonntag … Sobald das Geschirr gespült war, würde auch sie ausgehen.

Sie aßen mit Orangensaft getränkte Crêpes; Agnès hatte Mariette geholfen, den Teig anzurühren.

»Köstlich«, sagte Guillaume mit Feingefühl.

Schon hörte man durch die offenen Fenster die Teller klirren, manche ganz sachte wie in dem dunklen Erdgeschoß, wo zwei alte Jungfern im Dunkel Zuflucht fanden, andere fröhlicher, lebhafter. So auch im Haus gegenüber, wo samt seinen zwölf Gedecken das große glänzende Damasttischtuch mit den harten Falten schimmerte, in dessen Mitte ein Korb mit weißen Rosen zur Erstkommunion prangte.

»Ich gehe schon und mache mich fertig, Mama. Ich möchte keinen Kaffee.«

Guillaume trank wortlos und hastig seine Tasse aus. Mariette begann den Tisch abzudecken.

›Wie eilig sie es haben‹, dachte Agnès, während ihre flinken, mageren Hände mechanisch Nanettes Serviette falteten, ›nur ich …‹

Nur für sie war der herrliche Sonntag ohne Reiz.

›Ich hätte nie geglaubt, daß sie so häuslich, so abgestumpft werden könnte‹, dachte Guillaume. Er sah sie an, atmete tief ein, blähte den Brustkorb, glücklich und stolz, diesen Andrang an Kraft in sich zu spüren, die die schönen Tage seinem Körper zu verleihen schienen. ›Ich bin wunderbar in Form. Ich halte mich erstaunlich gut‹, sagte er sich noch, als er sich an die vielen Krisen und an die Geldsorgen erinnerte… Germaine, die sich an ihn klammerte, der Teufel soll sie holen… die Steuern… alles, was ihn mit Recht hätte deprimieren, traurig stimmen können. Aber nein! ›So bin ich schon immer gewesen! Ein Sonnenstrahl, die Aussicht auf einen Sonntag außerhalb von Paris, in Freiheit, eine gute Flasche, eine hübsche Frau an meiner Seite, und ich bin zwanzig! Ja, ich lebe‹, beglückwünschte er sich, während er seine Frau mit dumpfer Feindseligkeit betrachtete; ihre kalte Schönheit irritierte ihn, ebenso die spöttische, verkrampfte Falte ihrer schmalen Lippen. Laut sagte er:

»Falls ich in Chartres übernachten sollte, werde ich Sie natürlich anrufen. Jedenfalls bin ich morgen früh wieder zurück. Ich komme hier vorbei, bevor ich ins Büro fahre.«

Mit sonderbarer, schmerzhafter Kälte dachte Agnès: ›Eines Tages wird das Auto mit ihm und der Frau, die er liebkost, nach einem zu üppigen Mahl gegen einen Baum fahren. Ein Telefonanruf aus Senlis oder Auxerre. Wirst du leiden?‹ fragte sie neugierig ein unsichtbares, stummes, aufmerksames Bild ihrer selbst im Dunkel. Aber das Bild, schweigsam und gleichgültig, antwortete nicht, und Guillaumes Gestalt schob sich zwischen sie und den Spiegel.

»Bis bald, meine Liebe.«

»Bis bald, mein Freund.« Dann war er weg.

»Soll ich den Teetisch im Salon herrichten, Madame?« fragte Mariette.

»Nein, lassen Sie nur. Ich werde es selbst tun. Sobald die Küche aufgeräumt ist, können Sie gehen.«

»Danke, Madame«, sagte das junge Mädchen, deren Wangen plötzlich heftig erröteten, als hätte sie sie an ein loderndes Feuer gehalten. »Danke, Madame«, wiederholte sie mit einem schmachtenden Blick, bei dem Agnès spöttisch die Achseln zuckte.

Agnès streichelte das glatte, schwarze Köpfchen von Nanette, die sich abwechselnd in den Falten ihres Kleides verbarg, dann lachend das Gesicht vorstreckte.

»Wir beide werden es schön ruhig haben, mein Liebes.« Unterdessen zog sich Nadine in ihrem Zimmer eilig an, puderte ihren Hals, ihre nackten Arme, den Ansatz ihres Busens, dort, wohin Rémi im Dunkel des Wagens seine trockenen, glühenden Lippen gelegt hatte, die Stelle, die er mit raschen, flammendheißen Küssen bedeckt hatte. Halb drei… Arlette war noch nicht da. ›Bei Arlette wird Mama keinen Verdacht schöpfen.‹ Das Stelldichein war für drei Uhr geplant. ›Wenn man bedenkt, daß Mama nichts sieht. Sie war doch auch einmal jung …‹, dachte sie und versuchte vergebens, sich die Jugend, die Verlobung, die ersten Ehejahre ihrer Mutter vorzustellen.

›Sie ist wohl immer so gewesen. Ordnung, Ruhe. Weiße Leinenkragen … Guillaume, zerbrechen Sie meine Rosen nicht… Ich dagegen…‹

Sie erbebte, biß sich sanft auf die Lippen, näherte ihr Gesicht dem Spiegel. Nichts geiel ihr so sehr wie ihr Körper, ihr Blick, ihre Züge, die Form des weißen und reinen jungen Halses, wie eine Säule. ›Es ist wunderbar, zwanzig zu sein‹, dachte sie iebrig. ›Können alle jungen Mädchen es so sehen wie ich, können sie diese Seligkeit auskosten, diese Glut, diese Kraft, dieses heiße Blut? Dies alles ebenso stark und tief fühlen wie ich? Im Jahre 1934 zwanzig sein, das ist für eine Frau … herrlich‹, sagte sie sich und erinnerte sich undeutlich an die Campingnächte, die Rückfahrt im Morgengrauen in Rémis Wagen (während ihre Eltern sie bei einem Ausflug mit Freunden auf der Île Saint-Louis wähnten, um sich unschuldig den Sonnenaufgang über der Seine anzuschauen) und an das Skifahren, das Schwimmen im Freien, das kalte Wasser auf ihrem jungen Körper, an Rémis Hand, der seine Fingernägel in ihren Nacken grub, ihre kurzen Haare sanft nach hinten zog… ›Und diese Eltern, die nichts sehen! Freilich, zu ihrer Zeit… Ich stelle mir meine Mutter in meinem Alter vor, den ersten Ball, die niedergeschlagenen Augen. Rémi… Ich bin verliebt‹, sagte sie zu ihrem lächelnden Spiegelbild. ›Aber man muß auf Rémi aufpassen, so schön, so von sich eingenommen, verwöhnt von den Frauen, den Huldigungen. Bestimmt läßt er einen gerne leiden.‹

»Aber wir werden ja sehen, wer der Stärkere ist«, murmelte sie, ballte nervös die Fäuste, spürte ihre Liebe tief in ihrem Innern pochen wie einen stürmischen Wunsch nach Kampf, nach einem feurigen, grausamen Spiel.

Sie lachte. Und ihr Lachen klang so hell, so frech, so frisch in der Stille, daß sie bezaubert innehielt und die Ohren spitzte, als lauschte sie dem Echo eines seltenen, vollkommenen Musikinstruments.

›Manchmal scheint mir, als wäre ich vor allem in mich selbst verliebt‹, dachte sie, als sie sich ihre grüne Kette um den Hals legte, deren kleine Kugeln schimmerten und die Sonne reflektierten. Ihre reine, feste und glatte Haut hatte jene glossiness der jungen Tiere, der Blumen, der Pflanzen im Mai, ein Glanz, dessen Vergänglichkeit man fühlte, der jedoch zur äußersten Vollkommenheit gelangt war. ›Nie wieder werde ich so schön sein.‹

Sie parfümierte sich, vergeudete absichtlich das Parfüm, verteilte es auf ihrem Gesicht, ihren Schultern: Alles, was auffällig, extravagant war, stand ihr an diesem Tag! ›Ich möchte ein feuerrotes Kleid haben, Zigeunerschmuck.‹ Sie erinnerte sich an die zarte und matte Stimme ihrer Mutter:

»Alles mit Maßen, Nadine!«

»Diese alten Leute«, sagte sie sich verächtlich.

Auf der Straße vor dem Haus hatte Arlettes Wagen angehalten. Nadine nahm ihre Handtasche, die Baskenmütze, die sie sich im Laufen auf den Kopf setzte, rief vorbeifliegend:

»Auf Wiedersehen, Mama!«, und verschwand.

»Ich möchte, daß du dich ein wenig auf dem Sofa ausruhst, Nanette. Du hast heute nacht so schlecht geschlafen. Ich werde neben dir arbeiten!« sagte Agnès. »Danach kannst du mit Mademoiselle rausgehen.«

Die kleine Nanette rollte einen Augenblick ihre rosa Schürze in den Händen, drehte sich hin und her, rieb ihr Gesicht an den Kissen, gähnte, schlief ein. Sie war fünf Jahre alt. Wie Agnès hatte sie die Haut einer Blondine, blaß und frisch, schwarzes Haar und dunkle Augen.

Leise setzte sich Agnès neben sie. Das Haus war still, verschlafen. Draußen hing der Duft des Filterkaffees in der Luft. Das Zimmer war von einem gelben, warmen, sanften Schatten erfüllt. Agnès hörte, wie Mariette behutsam die Küchentür zumachte und durch die Wohnung ging; sie lauschte ihren Schritten, die sich auf der Dienstbotentreppe entfernten. Sie seufzte; es überkam sie ein seltsames, wehmütiges Glücksgefühl, ein köstlicher Friede. Die Stille, die leeren Zimmer, die Gewißheit, daß bis zum Abend niemand sie stören, daß weder ein Schritt noch eine fremde Stimme in dieses Haus, diese Zuflucht dringen würde … Die Straße war ruhig und menschenleer. Nur eine unsichtbare Frau spielte Klavier, im Schutz ihrer heruntergelassenen Jalousien. Dann verstummte alles. Zur selben Zeit preßte Mariette ihre breiten, nackten Hände um ihre sonntägliche Handtasche aus

»Schweinslederimitat«, eilte zur Metrostation Sèvres-Croix-Rouge, wo ihr Liebhaber sie erwartete, und Guillaume sagte im Wald von Compiègne zu einer üppigen Blondine, die neben ihm saß: »Es ist leicht, mich zu tadeln, dabei bin ich kein schlechter Ehemann, aber meine Frau…« Nadine flitzte in Arlettes kleinem grünem Auto am Gitter des Jardin de Luxembourg entlang. Die Kastanienbäume standen in Blüte. Die Kinder tollten in ärmellosen Frühlingsjäckchen herum. Voller Bitterkeit dachte Arlette, daß niemand auf sie wartete; niemand liebte sie. Man duldete sie wegen ihres kostbaren grünen Wagens und ihrer mit Schildpatt umrandeten runden Augen, die den Müttern Vertrauen einflößten. Glückliche Nadine!

Es blies ein kräftiger Wind; die jäh nach links sich neigenden Wasserstrahlen des Springbrunnens besprühten die Passanten mit glitzerndem Staub. Die jungen Bäume im Square Sainte-Clotilde bewegten sich sachte.

›Welch ein Frieden‹, dachte Agnès.

Sie lächelte; weder ihr Mann noch ihre älteste Tochter kannten dieses langsame und seltene vertrauensvolle Lächeln, das ihre Lippen ein wenig öffnete.

Sie stand auf, um leise das Wasser der Rosen zu wechseln; sorgfältig beschnitt sie die Stengel; die Rosen gingen langsam auf, und die Blütenblätter schienen sich wie mit Bedauern zu öffnen, furchtsam und in einer Art göttlicher Schamhaftigkeit.

›Wie wohl man sich hier fühlt‹, dachte Agnès.

Ihr Haus… Die Zuflucht, die verschlossene, warme Muschel, verschlossen gegen den Lärm von draußen. Wenn sie in der Winterdämmerung die Rue Las Cases entlangging und über der Tür die in den Stein gemeißelte lächelnde Frauenigur erkannte, dieses vertraute, mit schmalen Bändern geschmückte sanfte Gesicht, fühlte sie sich auf geheimnisvolle Weise erleichtert, besänftigt, von ruhigem Glück durchströmt. Ihr Haus… Die köstliche Stille, dieses leichte, flüchtige Knacken der Möbel, die zarten Marketerien, die schwach im Dunkel schimmerten, wie sehr sie das alles liebte. Sie setzte sich, ließ sich tief in einen Sessel sinken, sie, die sich sonst immer so gerade hielt, den Rücken nicht beugte und den Kopf nicht senkte.

›Guillaume sagt, daß ich die Dinge mehr liebe als die Menschen… Das ist möglich!‹

Sie umgaben sie mit süßem, stummem Zauber. Die mit Schildpatt und Kupfer verzierte Standuhr schlug langsam und friedlich in der Stille.

Das musikalische, vertraute Klingen einer silbernen Tasse, die im Dunkel glänzte, antwortete auf jede Bewegung, jeden Seufzer, wie ein Freund.

Das Glück? ›Man verfolgt es, man sucht es, man rackert sich ab, und es ist nur hier‹, sagte sie sich, ›es entsteht in dem Augenblick, wo man nichts mehr erwartet, nichts mehr erhofft, nichts mehr befürchtet. Natürlich, die Gesundheit der Kleinen…‹ Mechanisch beugte sie sich herab, berührte Nanettes Stirn mit den Lippen. ›Frisch wie eine Blume, Gott sei Dank. Auf nichts mehr hoffen, welcher Friede. Wie ich mich verändert habe‹, dachte sie, als sie sich an ihre Vergangenheit erinnerte, an ihre unsinnige Liebe zu Guillaume, an diesen kleinen Square irgendwo in Passy, wo sie an Frühlingsabenden auf ihn gewartet hatte. Ihre Familie, ihre abscheuliche Schwiegermutter, der Lärm ihrer Schwestern in dem traurigen, düsteren kleinen Salon. »Ah, nie werde ich der Stille überdrüssig sein.« Sie lächelte, sagte leise, als ob die Agnès von einst mit ihren schwarzen Zöpfen, die ihr blasses junges Gesicht umrahmten, neben ihr säße und ihr ungläubig lauschte:

»Das wundert dich? Habe ich mich verändert?«

Sie schüttelte den Kopf. In ihrer Erinnerung kam es ihr vor, als wäre jeder Tag der Vergangenheit regnerisch und traurig gewesen, jedes Warten vergeblich, jedes Wort grausam oder verlogen.

›Ah, wie nur kann man der Liebe nachweinen? Glücklicherweise ähnelt Nadine mir nicht. Diese Kleinen sind ja so kalt, so gefühllos. Nadine ist noch ein Kind, aber auch später wird sie nie so lieben, so leiden können wie ich. Um so besser im übrigen, um so besser, mein Gott. Nanette wird wahrscheinlich genauso sein wie ihre Schwester.‹

Sie lächelte; es war so seltsam, sich vorzustellen, daß aus diesen dicken und glatten rosigen Wangen, diesen unbestimmten Zügen einmal das Gesicht einer Frau werden würde. Sie streckte die Hand aus, streichelte sanft das feine schwarze Haar. ›Die einzigen Augenblicke, an denen meine Seele sich ausruht‹, dachte sie, und sie erinnerte sich an eine Jugendfreundin, die immer sagte: »Meine Seele ruht sich aus…«, wobei sie halb die Augen schloß und eine Zigarette anzündete. Aber Agnès rauchte nicht. Nicht das Träumen liebte sie, sondern so dazusitzen und irgendeiner ganz bescheidenen, präzisen Beschäftigung nachzugehen, zu nähen, zu stricken, ihr Denken zu zwingen, sich zu beugen, demütig zu werden, ruhig und still zu sein, die Bücher zu ordnen, sorgfältig die Gläser aus böhmischem Kristall zu spülen und abzutrocknen, eines nach dem andern, die altmodischen, goldumrandeten langen Kelche, aus denen man den Champagner zu trinken pflegte. ›Das Glück… Ja, mit zwanzig kam mir das Glück anders, schrecklicher, größer vor, aber die Wünsche werden auf wundersame Weise kleiner und erfüllbarer, je näher man dem Ende aller Wünsche kommt‹, dachte sie, während sie einen Korb auf ihre Knie stellte, der eine begonnene Handarbeit, Nähseide, ihren Fingerhut, ihre goldene Schere enthielt. ›Braucht eine Frau, die die Liebe nicht liebt, denn mehr?‹

»Laß mich bitte hier raus, Arlette«, bat Nadine.

Es war drei Uhr. ›Ich werde ein wenig zu Fuß gehen‹, sagte sie sich. ›Ich will nicht als erste da sein.‹

Arlette gehorchte. Nadine stieg aus.

»Danke, meine Liebe.«

Das Auto fuhr weiter. Nadine ging die Rue de l’Odéon hinauf, wobei sie sich zwang, die Eile und das fröhliche Feuer zu zähmen, das ihren Körper erfaßte. ›Ich mag die Straße‹, dachte sie und schaute sich dankbar um. ›Zu Hause ersticke ich. Sie können nicht verstehen, daß ich jung bin, daß ich zwanzig bin, daß ich nicht umhinkann zu singen, zu tanzen, laut zu sprechen, zu lachen. Ich bin glücklich.‹ Mit Wonne spürte sie durch den dünnen Stoff ihres Kleides den Wind auf ihren Beinen. Leicht, luftig, frei, beflügelt, nichts hielt sie in diesem Augenblick auf der Erde fest, so schien ihr. ›Es gibt Momente, wo man sich mühelos in die Lüfte erheben könnte‹, dachte sie, von Hoffnung getragen. Wie schön die Welt war, wie liebenswert! Die strahlende Flut der Mittagssonne ließ nach, verwandelte sich in ein fahles, ruhiges Licht; an jeder Straßenecke verkauften Frauen Narzissensträuße, boten den Passanten ihre Körbe an. In den Cafés, auf den Terrassen tranken friedlich beisammensitzende Familien Granatapfelsirup, im Kreis um eine kleine Kommunikantin mit glühenden Wangen und glänzenden Augen. Und langsam, die Trottoirs versperrend, flanierten die Soldaten und Frauen in schwarzen Kleidern, Frauen mit roten und nackten großen Händen. »Hübsch«, sagte ein vorbeikommender Junge und schob wie zu einem Kuß die Lippen vor, während er Nadine gierig ansah. Sie lachte.

Mitunter verschwand die Liebe, sogar Rémis Bild. Es blieb nur eine Schwärmerei, ein Fieber, eine stechende, fast unerträgliche Glückseligkeit, die jedoch in ihren geheimsten Tiefen eine sonderbare, süße Angst zu bergen schien.

›Die Liebe? Liebt mich Rémi?‹ fragte sie sich plötzlich auf der Schwelle des kleinen Bistros, wo sie auf ihn warten sollte. ›Und ich? Vor allem sind wir Freunde, oder? Aber Freundschaft, Vertrauen ist etwas für alte Leute! Sogar Zärtlichkeit ist nichts für uns! Liebe ist etwas ganz anderes‹, dachte sie, als sie sich an den schmerzenden Stachel erinnerte, den die Küsse, die zärtlichsten Worte bisweilen im Innern zu bergen schienen. Sie trat ein.

Das Café war leer. Die Sonne schien. Eine Wanduhr schlug. Der kleine Raum, in dem sie sich setzte, war kühl wie ein Keller und roch nach Wein.

Er war nicht da. Sie fühlte, wie ihr Herz sich langsam zusammenkrampfte. ›Schon Viertel nach drei, das stimmt. Aber hat er denn nicht auf mich gewartet?‹

Sie bestellte aufs Geratewohl ein Getränk.

Jedesmal, wenn die Tür aufging, jedesmal, wenn eine männliche Gestalt auf der Schwelle erschien, klopfte dies ungebärdige Herz freudig und überflutete sie stürmisch mit Glückseligkeit, und jedesmal trat ein Unbekannter ein, betrachtete sie zerstreut und setzte sich ins Dunkel. Nervös preßte sie unter dem Tisch die Hände zusammen.

›Aber wo ist er? Warum kommt er nicht?‹

Dann senkte sie den Kopf und begann wieder zu warten.

Unerbittlich schlug die Uhr jede Viertelstunde. Die Augen auf den Zeiger geheftet, wartete sie bewegungslos, als könnte die vollständige Reglosigkeit den Gang der Zeit verlangsamen. Drei Uhr dreißig. Drei Uhr fünfundvierzig. Das war noch nicht viel. Zu beiden Seiten der halben Stunde besteht ja nur ein ganz kleiner Unterschied, desgleichen bei drei Uhr vierzig, aber wenn man sagt, zwanzig vor vier, Viertel vor vier, dann ist alles verloren, verdorben, unwiederbringlich verloren! Er wird nicht kommen, er hat sich über sie lustig gemacht! Mit wem ist er in diesem Augenblick zusammen? Wem sagt er: »Nadine Padouan? Die habe ich ganz schön an der Nase herumgeführt!« Sie spürte, wie herbe, bittere Tränen in ihren Augen brannten. Nein, nein, das nicht! Vier Uhr. Ihre Lippen bebten. Sie öffnete ihre Handtasche, blies auf die Puderquaste. Der auffliegende Puder umgab sie mit einer erstickenden Duftwolke. Sie sah ihre Züge in dem kleinen Spiegel, zitternd und verzerrt wie auf dem Grund des Wassers. ›Nein, ich werde nicht weinen‹, dachte sie, wild die Zähne zusammenbeißend. Mit bebenden Fingern ergriff sie ihren Lippenstift, fuhr sich damit über den Mund, puderte die seidige, bläuliche, glatte Höhlung unter ihren Augen, genau dort, wo sich später die erste Falte bilden würde. ›Warum hat er das getan?‹ Ein Kuß an einem Abend, war das denn alles, was er wollte? Einen Augenblick wurde sie von verzweifelter Erniedrigung ergriffen. Alle bitteren Erinnerungen, die sogar eine glückliche Kindheit enthalten kann, strömten in ihre Seele: jene unverdiente Ohrfeige ihres Vaters, als sie zwölf war; jener ungerechte Lehrer; jene kleinen englischen Mädchen in der Tiefe ihrer Vergangenheit, die lachend sagten: »We won’t play with you. We  don’t play with kids.«

›Ich leide. Ich wußte nicht, daß man so leiden kann.‹

Sie sah nicht mehr auf die Uhr. Reglos blieb sie sitzen. Wohin gehen? Hier fühlte sie sich geschützt, an ihrem Platz. Wie viele Frauen hatten gewartet wie sie, ihre Tränen heruntergeschluckt wie sie, mechanisch diese alte Moleskinbank gestreichelt, die sich warm und weich anfühlte wie das Fell eines Tiers? Doch plötzlich durchströmte sie wieder ein Gefühl stolzer Kraft. Was bedeutete das? ›Ich leide, ich bin unglücklich.‹ Oh, die schönen, völlig neuen Wörter: Liebe, Unglück, Begehren. Sie bildete sie sanft mit den Lippen.

»Ich möchte, daß er mich liebt. Ich bin jung. Ich bin schön. Er wird mich lieben, und wenn nicht er, dann andere«, murmelte sie und preßte nervös ihre Hände mit den glänzenden, wie Krallen spitzen Nägeln zusammen.

Fünf Uhr… Der kleine dunkle Raum erglühte mit einem Mal in goldenem Licht. Die Sonne hatte sich gedreht, erhellte den goldgelben Likör in ihrem Glas, beleuchtete die kleine Telefonkabine ihr gegenüber.

›Ein Anruf?‹ dachte sie iebrig. ›Vielleicht ist er krank?‹

»Ach was«, sagte sie, wütend die Achseln zuckend.

Sie hatte laut gesprochen; sie erschauerte. ›Aber was habe ich denn?‹ Sie stellte sich vor, er läge blutend, tot auf einer Landstraße. Im Auto raste er immer wie ein Verrückter…

»Soll ich anrufen? Nein!« murmelte sie und fühlte zum ersten Mal die Schwäche, die Feigheit ihres Herzens.

Zur selben Zeit schien tief in ihrem Innern eine Stimme geheimnisvoll zu flüstern: ›Schau genau hin. Hör genau zu. Erinnere dich. Niemals wirst du diesen Tag vergessen. Du wirst älter werden. Aber in der Stunde deines Todes wirst du diese offene, in der Sonne schlagende Tür wiedersehen. Du wirst diese Uhr die Viertelstunden schlagen hören, den Lärm wahrnehmen, die Rufe von der Straße.‹

Sie stand auf und ging in die kleine Telefonkabine, die nach Staub und Kreide roch; die Wände waren mit Bleistiftgekritzel bedeckt. Lange starrte sie auf eine in eine Ecke gezeichnete Frauengestalt. Schließlich wählte sie Jasmin 10-32.

»Hallo«, sagte eine Frauenstimme, eine unbekannte Stimme.

»Die Wohnung von Monsieur Rémi Alquier?« fragte sie, und der Klang ihrer Worte überraschte sie: ihre Stimme zitterte.

»Ja, wer ist am Apparat?«

Nadine schwieg. Undeutlich hörte sie ein träges sanftes Lachen, einen Ruf:

»Rémi, ein junges Mädchen fragt nach dir… Was? Monsieur Alquier ist nicht da, Mademoiselle.«

Langsam hängte Nadine den Hörer ein und ging hinaus. Es war sechs Uhr, und der Glanz der Maisonne hatte sich getrübt; eine traurige, leichte Dämmerung war hereingebrochen. Aus dem Jardin de Luxembourg stieg der Geruch nach frisch besprengten Pflanzen und Blumen. Auf gut Glück ging Nadine in eine Straße, dann in eine andere. Beim Gehen piff sie leise. Die ersten Lampen wurden in den Häusern angezündet, die ersten Gaslaternen in den noch hellen Straßen: ihre verzerrten Lichter blinkten durch ihre Tränen hindurch.

In der Rue Las Cases hatte Agnès Nanette zu Bett gebracht. Das Kind schlief schon fast, aber es sprach in seinem Halbschlaf mit zögernder, sanfter, vertrauensvoller Stimme zu sich selbst, zu ihrem Spielzeug, zu der Dunkelheit. Doch sobald sie den Schritt von Agnès hörte, verstummte sie aus Vorsicht.

›Jetzt schon‹, dachte Agnès.

Sie betrat den dunklen Salon, und ohne die Lampen anzumachen, ging sie zum Fenster. Der Himmel wurde dunkel. Sie seufzte. Der Frühlingstag barg eine Art Bitterkeit, die mit dem Abend zu verströmen schien. So wie rosige, duftende Pirsiche einen bitteren Geschmack im Mund hinterlassen. Wo war Guillaume? »Heute nacht wird er bestimmt nicht heimkommen. Um so besser«, sagte sie und dachte an ein frisches, leeres Bett. Mit der Hand berührte sie die kalte Fensterscheibe. Wie oft hatte sie so auf Guillaume gewartet? Abend für Abend, in der Stille auf das Schlagen der Uhr lauschend, auf das Knarren des Fahrstuhls, der langsam aufstieg, an ihrer Tür vorbeiglitt, wieder hinabfuhr. Abend für Abend, zuerst mit Verzweiflung, dann mit Resignation, dann mit schwerer, tödlicher Gleichgültigkeit.

Und jetzt? Traurig zuckte sie die Achseln.

Die Straße war leer, und ein bläulicher Dunst schien über allen Dingen zu schweben, als hätte vom verschleierten Himmel sachte ein feiner Ascheregen zu fallen begonnen. Der goldene Stern einer Straßenlaterne leuchtete im Dunkeln auf, und die Türme von Sainte-Clotilde schienen zurückzuweichen, sich in der Ferne aufzulösen. Ein kleiner Wagen voller Blumen, der vom Land zurückkehrte, fuhr vorbei; es war gerade noch hell genug, um die an den Scheinwerfern befestigten Narzissensträuße zu erkennen. Die Hausmeister, die auf Strohstühlen an ihren Türschwellen saßen, die Hände lässig auf ihre Knie gestützt, schwiegen. An jedem Fenster wurden die Läden geschlossen, und durch die Zwischenräume schimmerte nur schwach eine rosa Lampe.

›Früher‹, erinnerte sich Agnès, ›als ich so alt war wie Nadine, wartete ich schon stundenlang vergeblich auf Guillaume.‹ Sie schloß die Augen, versuchte, ihn wiederzusehen, wie er damals war, oder zumindest so, wie er ihr erschienen war. War er denn so schön? So charmant? Mein Gott, bestimmt magerer als jetzt, das Gesicht sorgenvoller, hagerer. Schöne Lippen. Seine Küsse… Es entwich ihr ein trauriges und bitteres kurzes Lachen.

›Wie sehr ich ihn liebte… ich Närrin… ich unglückliche Närrin. Er sagte mir keine Liebesworte. Er begnügte sich damit, mich zu küssen, mich so lange zu küssen, bis mein Herz vor Sanftmut und Kummer dahinschmolz. Achtzehn Monate lang hat er mir nicht einmal ›Ich liebe dich‹… oder ›Ich will dich heiraten‹ gesagt. Ich mußte immer für ihn da sein, zu meiner Verfügung, wie er sagte. Und ich törichter Unglückswurm, ich fand Gefallen daran. Ich war in dem Alter, in dem sogar die Niederlage berauscht. Und ich dachte: Er wird mich lieben. Ich werde seine Frau sein. Wegen all meiner Hingabe und Liebe wird er mich schließlich lieben.‹ Ungewöhnlich genau erinnerte sie sich an einen lange zurückliegenden Frühlingsabend. Aber er war nicht so schön und lau gewesen wie heute. Es war einer jener regnerischen oder kalten Pariser Frühlinge, in denen schon am frühen Morgen ein eisiger Regen fällt und durch die belaubten Bäume tropft. Die blühenden Kastanien, die langen Tage und die milde Luft wirkten wie grausamer Hohn. Sie wartete auf einer Bank in einem leeren Square. Der regennasse Buchsbaum verströmte einen bitteren Geruch. Die Tropfen ielen ins Wasserbassin und maßen langsam und melancholisch die unwiederbringlich verstreichenden Minuten; kalte Tränen rannen ihr über die Wangen. Er kam nicht. Eine Frau hatte sich neben sie gesetzt, hatte sie wortlos angesehen, unter dem Regen den Rücken krümmend und bitter die Lippen zusammenpressend, als dächte sie: ›Noch eine‹.

Sie neigte ein wenig den Kopf, legte ihn wie früher mechanisch auf ihren Arm. Eine tiefe Traurigkeit stieg in ihr auf.

›Was ist denn los? Dabei bin ich glücklich, so ruhig, so friedlich. Wozu sich erinnern? Das kann in meiner Seele nur Groll und sinnlosen Zorn wecken, mein Gott!‹

Doch dann tauchte in ihrem Gedächtnis das Bild des Taxis auf, das sie durch die schwarzen, nassen Alleen des Bois de Boulogne fuhr, und ihr schien, als fände sie von neuem die Würze und den Geruch dieser reinen, kalten Luft wieder, die durch die offenen Fenster drang, während Guillaumes Hand sanft und grausam ihre nackte Brust preßte wie eine Frucht, aus der man den Saft spritzen ließ. Streitereien, Versöhnungen, bittere Tränen, Lügen, ungeheure Feigheit und jenes jähe, süße Glück, wenn er ihre Hand berührte und lachend sagte: »Verärgert? Ich liebe es, dich ein wenig leiden zu lassen.«

»Das ist vorbei, das wird nicht wiederkehren«, sagte sie plötzlich laut mit unverständlicher Verzweiflung. Jäh fühlte sie eine Flut von Tränen aus ihren Augen schießen und über ihr Gesicht rinnen. »Ich möchte noch immer leiden.«

›Leiden, verzweifeln, auf jemanden warten! Ich warte auf niemanden mehr in der Welt! Ich bin alt. Ich hasse dieses Haus‹, dachte sie plötzlich wie im Fieber. ›Und diesen Frieden, diese Ruhe! Und die Kleinen? Ja, die mütterliche Illusion ist die hartnäckigste und vergeblichste. Ja, ich liebe sie, ich habe nur sie auf der Welt, aber das genügt nicht. Ich möchte die verlorenen Jahre wiederinden, die verlorenen Leiden. Ich möchte zwanzig Jahre alt sein! Glückliche Nadine! Aber sie ist vermutlich in Saint-Cloud beim Golfspielen! Sie kümmert sich nicht um die Liebe! Glückliche Nadine!‹

Sie zuckte zusammen. Sie hatte die Tür nicht gehört, auch nicht Nadines Schritte auf dem Teppich. Hastig sagte sie, heimlich ihre Augen wischend:

»Mach kein Licht.«

Wortlos setzte sich Nadine neben sie. Die Nacht war hereingebrochen, und jede wandte den Blick ab. Sie sahen nichts.

Nach einer Weile fragte Agnès:

»Hast du dich gut amüsiert, Liebes?«

»Ja, Mama«, sagte Nadine.

»Wie spät ist es denn?«

»Bald sieben, glaube ich.«

»Du kommst früher zurück, als du dachtest«, sagte Agnès zerstreut.

Nadine antwortete nicht, ließ sachte die dünnen goldenen Reifen an ihren nackten Armen klirren.

›Wie still sie ist‹, dachte Agnès, ein wenig erstaunt. Laut sagte sie:

»Was ist los, Liebes? Bist du müde?«

»Ein bißchen.«

»Du wirst früh schlafen gehen. Wasch dir jetzt die Hände. In fünf Minuten setzen wir uns zu Tisch. Mach keinen Lärm, wenn du durch den Flur gehst, Nanette schläft.«

Im selben Augenblick läutete das Telefon. Jäh hob Nadine den Kopf. Mariette kam herein.

»Mademoiselle Nadine wird am Telefon verlangt.«

Mit dumpf klopfendem Herzen ging Nadine leise durch den Salon, sich des Blicks ihrer Mutter bewußt. Geräuschlos schloß sie die Türe des kleinen Büros hinter sich, in dem sich das Telefon befand.

»Nadine?… Hier ist Rémi… Oh, wie verärgert wir sind… So verzeihen Sie mir doch… Seien Sie nicht böse… Wo ich doch um Verzeihung bitte! Na, na«, sagte er, als redete er einem störrischen Tier gut zu. »Ein wenig Nachsicht, bitte sehr, kleines Mädchen… Was wollen Sie? Eine alte Liebschaft, ein Almosen … Ach, Nadine, Sie wollen doch nicht, daß ich mich mit den kleinen Nichtigkeiten zufriedengebe, die Sie mir bieten?… He?… He?« wiederholte er, und sie erkannte das Echo dieses wollüstigen, sanften Lachens zwischen seinen zusammengepreßten Lippen wieder. »Sie müssen mir vergeben. Es ist mir nicht unangenehm, Sie zu küssen, wenn Sie wütend sind und Ihre grünen Augen Funken sprühen. Mir ist, als sähe ich sie. Sie blitzen, nicht wahr? Morgen? Wollen Sie morgen, zur selben Zeit?… Ich werde Sie nicht versetzen, ich schwör’s … Was? … Nicht frei? Was für ein Witz! Morgen? Am selben Ort, um die gleiche Zeit. Aber wenn ich es schwöre… Morgen?« wiederholte er.

Nadine sagte:

»Morgen.« Er lachte:

»There’s a good girl. Good little girlie. Bye-bye.«

Nadine rannte in den Salon. Ihre Mutter hatte sich nicht gerührt.

»Was machen Sie denn da, Mama?« rief Nadine aus, und ihre Stimme, ihr schallendes Lachen weckten in Agnès’ Seele ein unklares, bitteres Gefühl, ähnlich dem Neid. »Es ist ja stockdunkel!«

Sie machte alle Lampen an. Ihre noch tränenfeuchten Augen blitzten; eine düstere Flamme war in ihre Wangen gestiegen. Sie näherte sich trällernd dem Spiegel, brachte ihr Haar in Ordnung, betrachtete lächelnd ihr vom Glück erleuchtetes Gesicht, ihre halb geöffneten, zitternden Lippen.

»Wie fröhlich du auf einmal bist«, sagte Agnès.

Sie bemühte sich zu lachen, aber nur ein trauriges Glucksen kam ihr über die Lippen. Sie dachte: ›Ich war blind! Die Kleine ist ja verliebt! Ah, sie hat zu viele Freiheiten, und ich bin zu schwach, das beunruhigt mich.‹ Aber in ihrem Herzen erkannte sie jene Bitterkeit, jenes Leiden wieder; sie begrüßte es wie einen alten Freund. ›Tatsächlich, ich bin eifersüchtig!‹

»Wer hat dich angerufen? Du weißt genau, daß dein Vater diese Telefonate von Unbekannten und diese mysteriösen Rendezvous nicht mag.«

»Ich verstehe nicht, Mama«, sagte Nadine mit unschuldig glänzenden Augen, die fest auf ihre Mutter gerichtet waren, ohne daß man den in ihrer Tiefe verborgenen Gedanken hätte lesen können: die Mutter, die ewige Feindin, das geschwätzige Alter, das nichts begreift, nichts sieht, sich in seinem Schneckenhaus verkriecht und nur danach trachtet, die Jugend am Leben zu hindern! »Ich versichere Ihnen, daß ich Sie nicht verstehe. Das Tennisspiel, das am Samstag nicht stattgefunden hat, ist bloß auf morgen verschoben worden. Das ist alles.«

»Ach, wirklich alles!« sagte Agnès, aber der schroffe, harte Ton ihrer Worte verwunderte sie selbst.

Sie sah Nadine an. ›Ich bin verrückt. Es sind diese alten Erinnerungen. Sie ist noch ein Kind.‹ Einen Augenblick sah sie im Geist das Bild eines jungen Mädchens mit langen schwarzen Zöpfen wieder, das bei Nebel und Regen in einem verlorenen Square saß; traurig betrachtete sie es und vertrieb es für immer aus ihrem Gedächtnis.

Sanft legte sie ihre Hand auf Nadines Arm.

»Na, komm schon«, sagte sie.

Nadine unterdrückte ein ironisches Lachen. ›Werde ich in ihrem Alter genauso… leichtgläubig sein? Glückliche Mama‹, dachte sie mit süßer Verachtung. ›Wie schön ist doch die Unschuld und der Friede des Herzens.‹


*Aus: Irène Némirovsky, Meistererzählungen.

*Die Rechte an der Nutzung der deutschen Übersetzung von Eva Moldenhauer liegen beim Albrecht Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH.

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