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Georg Klein | aus dem:Deutschen

Zwergenanekdote

Intro von Jutta Person

Dass es spukt im Werk von Georg Klein ist schnell, allzu schnell dahingetippt. Viel eher müsste man sagen: es funkt, es sendet, es brizzelt. Georg Kleins Literatur ist durchzogen von Drähten und Fühlern, Saugern und Rüsseln, Geistern und Geisterbeschwörern, Organischem und Mechanischem – so auch in der „Zwergenanekdote“: Der weltberühmte „würgende Wiener Psycholog“, der frisch operiert die Notfallklingel läuten will, muss feststellen: „Der Knopf ist tot“. Der Faden ist gerissen, der Schaltkreis unterbrochen, die Blechzunge der Klingel entzweigegangen  – aber Hilfe naht, in Gestalt des schwachsinnigen Zwergen Jodi. Vielleicht ist es sein Speichelfaden, der die große Lebensmaschine wieder zum Laufen bringt? Wie der Imbezill die blutende Geistesgröße rettet, das kann niemand so klangvoll und hintersinnig erzählen wie Georg Klein. In allen seinen Romanen und Erzählungen, von „Libidissi“ über „Babar Rosa“ bis zur „Zukunft des Mars“, stellt ein phantastisches Nachtschattenpersonal die lebenswichtigen Übertragungen sicher. Und bis in die kleinste Zwergenanekdote zieht dieser große Spiritist der deutschsprachigen Literatur seine singenden Drähte. Vom Elektrofetisch bis zur Gnomkreatur: Hier wächst auf wunderbare Weise zusammen, was zusammengehört.

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Die folgende Geschichte ist so wahr, wie etwas aus der Welt des Wissens, wie etwas aus dem Reich der toten für unsereins nur wahr sein kann. Zwar nicht derselbe Wandschirm, aber doch ein Wandschirm gleicher Bauart steht im Sanitäts- und Heilkundemuseum Wien. Die einschlägigen Klingelknöpfe kann man noch heute, nach über acht Jahrzehnten, bei Techniktrödlern nicht bloß in Österreich, sondern vielerorts in unserem glücklich neuerstandenen Mitteleuropa finden und für wenig Geld erwerben.

Hinter dem Wandschirm, hinter Wachstuch und weißgebeiztem Weidenholz, den grauhaarigen Schädel armtief unter dem Klingelknopf, liegt in der Nacht, in der die Anekdote spielt, ein über sechzig Jahre alter, ein damals bereits renommierter, in Bälde berühmter, ein heute, lang nach seinem Tode, weiterhin vielgepriesener, ein nun an diesem lauen Wiener Frühlingsabend frisch operierter Mann. Er röchelt leis. Er weiß: Bereits im Lauf der Nacht soll er, nach drei, vier Ruhestunden, in familiäre Pflege entlassen werden.

Dass man ihn provisorisch abgestellt hat, dass er in einer Rumpelkammer liegt, kümmert und kränkt ihn nicht. Er weiß, aus eigener Arbeit, wie es in Krankenhäusern zugeht und wie wenig dort bisweilen Privilegien gelten, wenn etwas schnell und praktisch geregelt werden muss. Sein Abgestelltsein ist schlicht den Umständen des ambulanten Eingriffs zuzuschreiben. Er selber hat im Voraus darauf bestanden, möglichst bald mit dem Automobil nach Hause überstellt zu werden.

Er röchelt, hustet und schluckt frisches Blut. Es ist das Blut der tief in seinen Mund geschnittenen Wunde. Ein ihm freundschaftlich verbundener Professor, ein Mann seines Vertrauens, ein Routinier der allgemeinen Chirurgie, hat ihm eine den geliebten Zigarren geschuldete Geschwulst entfernt. Die reichte weiter ins Gewebe als zunächst angenommen. Und auch die Folgen seines Immer-tiefer-Schneidens hat der Meister der Skalpelle nicht ganz richtig eingeschätzt. Vom Blutverlust elend geschwächt, von Ohnmacht bedroht, begreift der Operierte, der alleingelassene, allmählich den Ernst der Lage. Denn er ist selber Arzt, selber Professor.

Die Blutung droht, ihn umzubringen. In einem wahren Willensakt, in einer letzten Kraftanstrengung quält er den rechten Arm nach oben, fingert über die ölfarbenglatte Wand, ertastet den Klingelknopf, presst dessen Bakelit. aber der Knopf ist tot. Die Blechzunge, die den Kontakt zwischen den Drähten schließen soll, ist tags zuvor beim Alarmruf eines anderen hier abgestellten entzweigebrochen. Jenem uns unbekannten anderen wurde binnen einer Minute beigestanden; unserem stummen, großen Notfall schwappt indes der Lebenssaft mörderisch hoch im Rachen. Die Kehle, zu schwach zum Rufen, kommt eben noch mit Schlucken nach. Ersticken oder Verbluten. Vergeblich versucht der schwindelige Doktor, der längst in eine selbsterfundene Wissenschaft entlaufene einstige Mediziner, sich aufzurichten, dann, ebenso vergeblich, sich umzudrehen. Den zuständigen Muskeln fehlt es bereits an Kraft. Bloß seine Augen schwenken noch gehorsam über den dunklen Plafond und dann zum Paravent und sehen Jodi um die Wachstuchkante lugen.

Jodi sabbert. Jodi sabbert wie stets, der kleine Jodi sabbert – er kann nicht anders! – mehr als nur ein bisschen. Jodi kratzt sich, weil er das gern tut, an seinem großen, akkurat kahl geschorenen Kopf. Er lässt den Speichelfaden länger werden und guckt und horcht. Am Gaumen gluckst das Blut. Wer weiß, was Jodi denkt. ach, allenfalls kann unsereiner heute wissen: Der kleinwüchsige, schmalbrüstige Jodi hat lang schon innigen Umgang mit der Herzenspraxis moderner Wissenschaft, mit ihrem Tun am Leibe. Sein ganzes bisheriges Leben, alle dreiunddreißig Jahre, ist er nicht aus dem allgemeinen Krankenhaus zu Wien hinausgekommen. Die Ordensschwestern haben ihn als Säugling in ihre Obhut übernommen, nachdem ihm seine Mutter, eine ungemein grazile ungarische Hochseilballerina – kaum größer als die Kollegen aus dem Reich Liliput! –, mitten in der Mühsal des Gebärens und Geborenwerdens sang- und klanglos weggestorben war.

Der blutschluckende Professor, unser würgender Wiener Psycholog, erkennt selbstredend auf den ersten Blick, welchen Typus der Zwergenwüchsigkeit er vor Augen hat.

Er denkt an Imbezillität, er denkt «Kretin», er denkt in einer Art von Zwang an hoffnungslosen Schwachsinn und wortlos blödes Lallen und zeitgleich an den Fortschritt des Geistes, der hier, in dieser Rumpelkammer, als gelte es, einen albtraumhaft exquisiten Witz zu reißen, synchron mit ihm die Luft anhält.

Die Kammer ist Jodis Reich. hier hat der feingliedrige, dickschädelige Jodi, seit er sich selber an- und ausziehen kann, inmitten eines Sammelsuriums aus abgestelltem Kram, hinter einem der Rollschirme sein Bettchen. hier steht der Stuhl, über dessen lehne Jodi Hemd und Hose breitet. hier ruht im hübsch geschwungenen Gestell die Schüssel, mit deren Wasser er sich abends den Rotz vom Näschen und den Sabber von den stummen Lippen wäscht. hier schlummert Jodi und träumt Jodis träume, nachdem er – kindisch übereifrig, unermüdlich fleißig, Gang auf, Gang ab – beim Putzen, Räumen und Bettenbeziehen mitgeholfen hat.

Wer weiß, was unser Jodi denkt. Der alte Grauschopf denkt noch einmal in einem atemlosen Kreisschluss an die kaputte Klingel und an die hochspezielle Verhöhnung, die ihr Defekt-Sein nun für ihn und seine junge Lehre darstellt, als sich schon Jodis Linke in schweißverklebte Haare schiebt, als Jodis Rechte unter eine Achsel schlüpft, ein nasses Hemd fest fasst und alle zehn Jodi-Finger – der Speichel sprüht von Jodis Mund! – einen Kopf und einen Oberkörper in die Seitenlage ziehen. Erlöst würgt der Erkenner, der Deuter, der Begründer eines langlebigen Kults sein Blut über den Rand der Liege auf das Linoleum des Abstellraums. Es platscht! Es platscht so herrlich laut, dass wir es alle platschen hören.

Und dann saust unser Jodi los. Er spurtet schnurstracks Hilfe holen. In einem schönen hohen Bogen fliegt dem Rennenden der Schaum vom Mund. Jodi eilt weg, den Gang hinunter, wird gleich eine seiner weißbehelmten Schwestern am Ärmel zupfen, wird sie, weil sie sein Wollen nicht kapiert, am steifgestärkten Ärmel in seine Kammer zerren und mit ihr in der klebrigen Lache vor dem nun glücklich sorglos ohnmächtig Gewordenen stehen.

Herr Doktor Sigmund Freud wurde gerettet, wurde in Folge noch mehrmals an Gaumen und Kiefer operiert und lebte, mit wechselnden Prothesen in Mund und Rachen und an zahllosen Zigarren saugend, weitere anderthalb Jahrzehnte für das Wachsen und Gedeihen seiner Werke. Solange deren Worte Wahrheit stiften, so lang wird unser kleiner Jodi rennen, werden die krummen Beinchen Jodis wackeln, trommelt das Leder seiner blank gewetzten Sohlen auf Stein, Parkett, Linoleum – nicht länger, aber doch genauso lang soll Jodis Speichelfaden, soll dessen blasige Spur durch alle Sätze dieser Zwergenanekdote perlen.


*This story is taken from: Die Logik der Süße by Georg Klein. Copyright © 2010 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

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