Das Mädchen fährt nach Kalabrien

Jonathan Fein On:

Das Mädchen fährt nach Kalabrien von Giuseppe Berto

Ein Anwalt nimmt eine schwedische Anhalterin mit, versucht sie zu verführen und erlebt eine merkwürdige Überraschung, die ihn davon abhält, seine Absichten in die Tat umzusetzen. Die komplette Handlung von „Das Mädchen fährt nach Kalabrien“ ist damit zusammengefasst. Doch spielt sich das eigentliche Drama gar nicht in der Wirklichkeit, sondern im Kopf des Anwalts ab. Von dem Moment an, als die Anhalterin in sein Auto steigt, werden wir Zeuge seiner Überlegungen und erfahren von jedem Hindernis, das zwischen ihm und der Verwirklichung seines Begehrens steht: feststehende Verhaltensnormen, seine eigene Moral, schließlich logistische Schwierigkeiten. Den Anwalt wiederholt dabei zu beobachten, wie er seine moralischen und emotionalen Verrenkungen vollzieht, um diese nicht enden wollenden Hindernisse zu überwinden, ist faszinierend und voller Humor – ein bissiger, ein etwas verlegener Humor, den Berto in himmlisch eloquente Sprache kleidet. Berto vollbringt damit etwas ganz Wunderbares. Er macht deutlich, wie viel Distanz zwischen unseren ureigenen Entscheidungen und den Wörtern und Argumenten liegt, die wir heraufbeschwören, um sie zu rechtfertigen. Diese bescheidene Erzählung erfüllt eine der wichtigsten Absichten der Literatur: das Denkmuster eines Einzelnen zu durchschauen und währenddessen mehr über das Wesen des Menschen herauszufinden.