Die Turnstunde

Gadi Goldberg On:

Die Turnstunde von Rainer Maria Rilke

In erster Linie als Dichter berühmt, ist Rilkes bekanntestes Prosawerk sein Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Wenige wissen, dass Rilke auch Erzählungen verfasste, insbesondere als junger Erwachsener. Rilke schrieb „Die Turnstunde“ am Abend des 5. November 1899 in seinem Tagebuch nieder und stellte folgende Beobachtung voran: „Seltsam, nachts wurde mir plötzlich der Militärroman so dringend, daß ich glaubte, ich würde, wenn nicht sofort, so doch wenigstens heute beginnen müssen, ihn zu schreiben.“ Rilke hatte vor, über seine Erfahrungen an der Militärakademie eingehender zu schreiben, doch sein „Militärroman“ entstand zeit seines Lebens nicht. Die Handlung der „Turnstunde“ ist simpel und konzentriert sich auf eine einzige Episode aus dem Leben der Kadetten. Die Erzählung zielt so dermaßen direkt auf die Angelegenheit, dass sich die ersten Zeilen wie die Bühnenanweisungen für eine Eröffnungsszene lesen. Doch der Konflikt im Zentrum der Erzählung ist keineswegs simpel. Rilke vermag es auf nur wenigen Seiten den wohl quälendsten und problematischsten Aspekt modernen Lebens vorzuführen: die Unterdrückung des Individuums durch die Gemeinschaft. Rilke wählt eine Gemeinschaft, deren Autoritätshörigkeit und Disziplin die Menschlichkeit eines jeden Einzelnen ferner untergraben. Und in dem Moment, in dem das Individuum versucht – und sei es nur ein einziges Mal – die Grenzen militärischen Verhaltens zu übertreten, passiert die Katastrophe. Es scheint, als könne einen lediglich der Tod vor dem Verlust der eigenen Identität bewahren. Und am Ende der Erzählung zeigt sich, die Kadetten wurden ihrer Menschlichkeit längst beraubt. Sogar wenn jemand aus ihren eigenen Reihen stirbt, können sie lediglich mit Witzen darauf reagieren.