Die Waldsteinsonate

Alexander Cammann On:

Die Waldsteinsonate von Hartmut Lange

Kann Kunst das Böse besiegen? Ein kaum vorstellbares Verbrechen verhindern, zum Beispiel sechsfachen Kindsmord? Bei Hartmut Lange nimmt ein weltberühmter Künstler eben diesen Kampf auf. In seiner 1984 veröffentlichten Novelle „Die Waldsteinsonate“ erscheint Franz Liszt am 1. Mai 1945 im Führerbunker. Eigentlich starb der Pianist und Komponist ja bereits 1886, doch Lange schickt ihn an diesem Tag inmitten der Schlacht um Berlin unter die Erde zu einem einzigartigen Konzert, auf Einladung einer gewissen Magda G. Hitler hat bereits am Tag zuvor Selbstmord begangen. Dass es ein Klavierspiel um Leben und Tod sein wird, stellt sich schnell heraus, als Liszt von Magda G. erfährt, was sie und Joseph G., gemeint ist das Ehepaar Goebbels, nach dem Konzert mit ihren sechs Kindern vorhaben. Liszt beschließt, mit Beethovens Sonate den Mord zu vereiteln.

Es ist eine wahrhaft gespenstische Szenerie, die der 1937 geborene und in Berlin lebende Schriftsteller auf wenigen Seiten entfaltet. In schauerlicher Schlichtheit erzeugt er atemberaubende Spannung, schildert er das Ringen des alten Pianisten, der plötzlich mit seiner Kunst eingreifen will, für das Menschliche. Hartmut Lange war Anfang der 1960er Jahre Dramaturg im Ost-Berliner Deutschen Theater, 1965 floh er aus der DDR über Jugoslawien in die Bundesrepublik. Seither hat er sich in zahllosen Novellen und Erzählungen zu einem Großmeister der kleinen Form entwickelt. In der „Waldsteinsonate“ verbindet Lange deutsche Geschichte und deutsche Musik, Moral und Unmenschlichkeit, das Erhabene und das Verbrechen zu einer faszinierenden historischen Phantasie, die eigentlich ein Albtraum ist. Aber seine Frage dahinter ist noch viel umfassender: Welche Macht hat große Kunst?