Erlebnis des Marschalls von Bassompierre

Ijoma Mangold On:

Erlebnis des Marschalls von Bassompierre von Hugo von Hofmannsthal

Man muss diese Erzählung von Hofmannsthal lesen, die ihrerseits auf eine Geschichte aus Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten zurückgreift, der sie seinerseits nach den Memoiren des Marschalls von Bassompierre aufgeschrieben hatte – man muss sie lesen, um wieder eine Vorstellung davon zu bekommen, wie anders Erzählungen orchestriert werden können, als es heute üblich ist. Es ist wie der Unterschied zwischen einem Rokoko-Boudoir und einem Ikea-Schlafzimmer. An welchem Ort einen die verführerischeren erotischen Versprechen erwarten, muss nicht hinzugefügt werden. Als parfümiert, symbolisch überinszeniert, als preziös, verklärend und kitschig würde Hofmannsthals Erzählung von der zeitgenössischen Literaturkritik verurteilt werden – weil wir daran glauben, dass sich die Wahrheit schmucklos, reduziert, knapp, lakonisch und minimalistisch zu erkennen gibt. So armselig sieht diese Wahrheit dann aber auch oft aus. Wie anders erzählt Hofmannsthal um 1900 die Begegnung und anschließende Liebesnacht des Marschalls von Bassompierre mit einer schönen jungen Krämersfrau! Es ist eine kalte Wintersnacht, in Paris herrscht die Pest, aber im Zimmer der Kupplerin wird ein Holzscheit im Kamin nachgelegt, das Feuer flammt auf und wirft einen Schatten an die Wand, der das sich vereinigende Liebespaar zeigt. Das Sinnliche und das Übersinnliche, Stimmung und Symbol gehen ineinander über. Als der Marschall nach dieser Nacht seine Geliebte wiedertreffen will, brennen in der Wohnung nur noch die Strohfeuer, die die Pesterreger ausräuchern sollen. Aus der Libertinage-Szene des ancien regime hat Hofmannsthal eine Fin de Siecle-Todesverklärung gemacht.