Nirgendwo sonst

Julia Encke On:

Nirgendwo sonst von Matthias Brandt

Der Schauspieler und Schriftsteller Matthias Brandt hat die Situation, in der er als jüngster Sohn von Willy Brandt aufgewachsen ist, einmal eine „höfische Situation“ genannt. Allerdings nicht, ohne diese Besonderheit gleich wieder zu relativeren. „Natürlich war das eine sehr spezielle Situation, aber weniger speziell, als man so meint. Mein Vater hatte eben einen komischen Beruf. Ich glaube ja, dass, wenn ich in anderen Umständen aufgewachsen wäre, ich heute derselbe wäre.“ „Nirgendwo sonst“ erzählt von der ersten – und wohl letzten – Übernachtung bei seinem Freund Holger. Das Kind kommt im Bett kaum zur Ruhe, weil der Abend in der wunderbaren Holger-Welt ihm gezeigt hat, wo und wie es eigentlich leben will, nämlich wie hier: Zusammen mit Holgers Eltern hatten sie die Sendung „Drei mal Neun“ mit Wim Thoelke angeschaut und dabei die von Holgers Mutter auf einer Platte angerichteten Champignonstreichkäse- und Salamibrote mit fächerartig aufgeschnittener Gewürzgurke gegessen. Sie hatten Fürst-Pückler-Eis mit Keks-Waffel bekommen, Fischlis und Weingummi. Dann ereilt ihn das Heimweh. Wie Matthias Brandt die geschlossene Welt der Gastfamilie mit dem freien Blick des Kindes einfängt, ist vor allem deshalb so eindrucksvoll, weil es so präzise geschildert ist. Es gibt hier keine überflüssigen Wörter, keine stilistischen Selbstgefälligkeiten, keine Manierismen. Brandt bringt, was er erzählt, tatsächlich auf den Punkt.