Tomer Gardi | aus dem:Hebräischem

Ernte, von Gerschon Schoffmann

Übersetzt von : Mieke Hartmann


Gerschon Schoffmann wurde 1880 in Weissrussland geboren und starb 1972 in Israel. Dazwischen wohnte er 17 Jahre lang, von 1921 bis 1938, in Wetzelsdorf, einem kleinen Dorf in der Nähe von Graz, in Österreich. Er lebte dort mit seiner Frau Annie, ihre Kinder wurden dort geboren, und er schrieb dort einige seiner besten Kurzgeschichten, die er in den großen zeitgenössischen Zeitschriften für hebräische Literatur veröffentlichte. Die hebräischsprachigen Literaten in Palästina drängten Schoffmann, zu ihnen zu kommen und unter seinesgleichen zu leben und zu schreiben, aber Schoffmann bevorzugte das kleine Dorf bei Graz.

Jedoch, wie man weiss, ist das Schwert überzeugender als die Feder, und was die Meister des hebräischen Worts nicht vermochten, gelang Adolf Hitler. Schoffmann verließ Graz mit seiner Familie und landete mit dem Schiff im Hafen von Jaffa, wo ihn das Who is Who der hebräischsprachigen Literatur mit Blumen und Reden empfing. In einem Brief, den Schoffmanns Tochter Trude später ihrem Vater schrieb, erzählt sie einen Holocaust-Witz über die Welt der hebräischen Literatur: „Schoffmann wurde in Palästina so begeistert empfangen, wie Hitler in Österreich. Lustig, nicht?“

Seit meinem ersten Aufenthalt in Graz interessierte ich mich für Gerschon Schoffmann in Wetzelsdorf, das heute kein kleines Dorf mehr ist, sondern ein Stadtteil von Graz. Doch ich kam erst dazu, diesem Interesse nachzugehen, als das Literaturhaus Graz mich einlud, anlässlich seines 15-jährigen Bestehens eine Stadtführung in Graz zu organisieren. Diese Gelegenheit erweckte meine Neugier. Ein Ortsfremder macht eine Stadtführung für die Einheimischen. Das ist auch eine ziemlich genaue Beschreibung für meine Art Literatur zu schreiben.  

So beschloss ich, als ich die Einladung erhielt, eine Tour in den Spuren einer Geschichte zu organisieren, die ich nicht kannte: Gerschon Schoffmann und sein Leben in Graz. Ich ging in das Gnasim Archiv des hebräischen Schriftstellerverbands in Tel Aviv und suchte dort in Briefen, die Schoffmann schrieb und erhielt. Das Archiv entpuppte sich als Schatzkammer. Schoffmann war stets begierig nach Besuch, und seine Briefe sind voll von detaillierten Schilderungen, wie man zu seinem Haus gelangte. Wir brauchten bloss – der fremde Stadtführer und die einheimischen Touristen – den Wegbeschreibungen folgen, die Schoffmann in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts seinen Bekannten geschickt hatte. In Graz halfen mir bei der Vorbereitung der Tour die autorin und literaturwissenschaftlerin Britta Wedam, sowie der Schauspieler Werner Halbedl, der während der Stadtführung aus den ins Deutsche übersetzten Geschichten Schoffmanns las.

Doch ich brauchte noch etwas Zusätzliches, um dorthin gehen zu können, wo Schoffmann gelebt und geschrieben hatte, bevor Hitler und die österreichischen Nazis ihn aus seinem geliebten Ort vertrieben. Auf gar keinen Fall wäre ich bereit gewesen, eine förmliche und trübselige Gedenkstunde zu veranstalten, auf der alle eine traurige und leidvolle Miene tragen müssen, bis die Zeremonie endlich vorbei ist. Ich wollte mich über Schoffmanns Literatur freuen, ich wollte sie an dem Ort feiern, wo er sie geschrieben hatte, ich wollte sie zum Leben erwecken, nicht begraben, ich wollte zum Wohl rufen, ich wollte ihm zu Ehren anstossen.

Ich suchte in Schoffmanns Schriften, in seinen Geschichten, in seinen Briefen im Archiv, nach Anzeichen für seine Liebe zum Trunk, Anzeichen, die mir den Vorwand hätten liefern können, eine Tour zu seinen Ehren zu organisieren, die gleichzeitig auch ein feuchtfröhliches Fest wäre. Aber ich fand keine. Also beschloss ich, dass eine Stadtführung, die ein Schriftsteller zu Ehren eines anderen veranstaltet, zwei Menschen, deren Kunst das Flunkern ist, auch eine Flunkerei beinhalten kann. Wenn ich keine solche Geschichte finden konnte, würde ich eben nachträglich eine passende Geschichte von Schoffmann schreiben.

Ich bin kein Experte für die Poetik von Schoffmann, aber ich kenne seinen Stil und den Inhalt seiner Geschichten, und so habe ich mich hingesetzt und diese Geschichte geschrieben. Ernte, von Gerschon Schoffmann. Pseudepigraphie ist eine alte Tradition, nach der Texte verfasst und dann einer anderen Person zugeschrieben werden. Es gibt zahllose Beispiele solcher Texte, der Zohar ist nur eines von ihnen. Für viele Menschen hat die Tatsache, dass der Zohar nicht von Rabbi Shimon Bar Jochai im zweiten Jahrhundert geschrieben wurde, sondern von einer Gruppe Gelehrter unter der Führung Rabbi de Léons im 13. Jahrhundert, keine Auswirkung auf die Aussagekraft und Heiligkeit des Werks. In der Geschichte der Pseudepigraphie ist die Frage, ob die als Autor angegebene Person den betreffenden Text wirklich geschrieben hat, oder nicht, nebensächlich im Vergleich zur Frage, was der Text in der Welt macht. Die Frage nach der Eigentümerschaft und nach dem Ursprung des Werks ist zweitrangig. Was mich betrifft, ist dies hier eine Geschichte aus dem Nachlass Gerschon Schoffmanns. Ich bin nur ihr Herausgeber, ihr betrunkener Wegweiser.

 

Ernte, von Gerschon Schoffmann

Im Sommer schlüpfen die Wespen. Den ganzen Winter haben die Königinnen erstarrt in ihren Verstecken verbracht, darauf wartend, daß die Kälte vergeht, und sowie der Frühling kommt, legen sie ihre Eier. Aus Wandspalten, unter loser Baumrinde her, aus Erdhöhlen, wird die neue Generation geboren. Dieses Tier, das schon immer in diesem Land lebt, und das noch niemals Schnee gesehen hat.

Der Frühling ist vergangen, und die Luft ist voller Leben. Die Insekten summen – schöne Tage für Ausflüge. Der Bauer Maritschnig steht da und schaut auf seine Zwetschgenbäume, voller blauschwarzer Früchte, in der großen Wiese. „Die Wespen“, lehrt er mich, „füttern ihre Larven mit Fleisch, und sie selber fressen Obst.“ Morgen kommen seine drei Söhne aus den umliegenden Dörfern, um ihm zur Hand zu gehen. Wenn die Früchte zu lange hängen bleiben werden sie von den Wespen gefressen, und was zurückbleibt verrottet am Baum. Eine Woche lang werden ihm seine Söhne beim Pflücken helfen. „Den Baum hat der Bauer gezüchtet“, sagt Maritschnig, „doch die Wespe hat er nicht gezähmt.“ Er sieht mich an. „Wenn sie mir helfen werde ich sie großzügig entlohnen.“ Die schönsten Früchte schickt er auf den Markt in Graz, der Rest wird gebrannt und in hölzerne Fässer gefüllt. „Haben sie schon einmal Wetzelsdorfer Zwetschgenschnaps gekostet? Seinesgleichen finden sie nirgendwo auf der Welt“, sagt er, mit dem Stolz des Bauern.

Da ich in der Seele mit dem Bauern und seiner bodenständigen Art verbunden bin, finde ich mich am nächsten Morgen zur Erntearbeit ein. Die klare Luft ist voller Insekten, die Wiesen von ihrem Summen erfüllt. Er und seine drei Söhne stehen schon auf den Leitern, jeder in einem Baum, über der Schulter einen Leinensack, in den sie die blauen Früchte füllen. Da sie keine fünfte Leiter haben gibt Maritschnig mir einen Sack, in den ich die niedrighängenden Zwetschgen pflücken soll. Den halben Tag arbeiten wir so, bis ich plötzlich einen stechenden Schmerz verspüre, und gleich darauf erleide ich noch viele weitere Stiche. Hastig fliehe ich von dem summenden Baum. Ich habe in ein Wespennest gegriffen. Maritschnig stützt mich auf dem Weg nach Hause, während einer seiner Söhne zur Weinstube eilt und dann beschämt mit einem Klumpen Eis in der Tasche zu mir kommt, um mir Rücken und Schultern zu kühlen.

Zwei Tage vergehen, und Maritschnig kommt zu Besuch, in seinem besten Anzug. Unter dem Arm trägt er eine Flasche. „Zwetschgenschnaps, der beste unter den besten, zwanzig Jahre im Faß gereift“, sagt er frohgemut und übergibt mir das Geschenk. Wir setzen uns auf die Terasse, vor uns die Berge im Schein der untergehenden Sonne, und trinken das köstliche Wasser. So lebe ich hier. In der einen Hand halte ich alles Gute und Wundervolle und mit der anderen reibe ich meinen schmerzenden Leib.


*Image: Ivo Velchev

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