Zsuzsa Bánk | aus dem:Deutschen

Lydia

Damals sind wir gesprungen, Lydia und ich, so hoch und so oft wir konnten, die Hände über unseren Köpfen, in bunten Kleidern, die Beine angezogen, die Füße in dicken Schuhen, die wir beim Springen anlassen durften und die sich manchmal lösten und hinabfielen. Dort unten am Hafen, wo hinter großen Gittern und Verbotsschildern vier, fünf kleine Boote auf dem Wasser schaukelten, nicht mehr, vielleicht, weil es kein wirklicher Hafen war, nur braunes Wasser vor einem endlosen Platz aus Beton, auf den ein Zirkus seine Wagen und Zelte und Buden stellte, in den Sommermonaten. Und ein Trampolin, ein großes Trampolin, auf dem wir für fünfzig Pfennig springen konnten, Lydia und ich.

Lydia schaute durch das Fernrohr, das man ans Wasser gestellt hatte, neben ein Gitter, lange vor unserer Zeit, als es hier noch Kräne und Schiffe und Hallen und Waggons gegeben hatte, und sie schaute auch durch andere Fernrohre, bei jeder Gelegenheit, wo immer wir waren. Ich begriff nicht, was sie daran mochte, an diesem Schauen durch ein dunkles Rohr, das die Welt verkleinerte, nur einen Ausschnitt zeigte, aber vielleicht mochte ich es bloß deshalb nicht, weil Lydia es so sehr mochte, und weil ich wollte, daß mir einmal etwas nicht gefiel, das ihr gefiel, und wenn es bloß das Schauen durch ein Fernrohr war. Ich verstand nicht, was Lydia sehen konnte, was überhaupt irgendwer sehen konnte – außer der Farbe Grün konnte ich nie etwas erkennen, und bis ich begriffen hatte, wie ich es halten und drehen mußte, klappte die Linse zu, und es wurde schwarz.

Lydia tat jedesmal so, als sehe nur sie, was sie sah, als könne es kein anderer sehen, als sei das Fernrohr, durch das sie schaute, kein einfaches Fernrohr, in das jeder eine Münze werfen konnte, sondern nur für Lydia gemacht, nur für sie da, nur von ihr zu bedienen. Auf unseren Spaziergängen, Streifzügen, Ausflügen ließ sie keines aus, nicht das auf dem Aussichtsturm im nahen Wald, nicht das auf der Besucherterrasse des Flughafens. Jedesmal stellte sie sich auf dieses winzige Podest aus Stahl, mit ihren dicken Schuhen, Sommer und Winter, hielt sich fest an den Griffen, die ein Rot auf ihren Fingern ließen, rechts und links, und zog sich hoch daran.

Irgendwann gefielen Lydia diese Dinge nicht mehr, ohne daß sie oder ich gewußt hätten, warum, nicht das Fernglas, nicht das Springen, nicht die Zuckerwatte, rosa und weiß, aus der wir mit spitzen Fingern zupften und die einen Film aus Kristall auf unseren Zähnen ließ, nicht einmal mehr der Sommerhimmel, weit über uns, mit seinen Wolken, seinen wenigen Möwen und den Spuren der Flugzeuge, dieser Himmel, den Lydia immer gemocht hatte, weil er seine Farbe änderte, jedesmal wenn wir hochschauten. Davor hatte es uns gereicht, auf diesem Beton neben Booten zu liegen, und zum Himmel zu sehen, in dem die anderen Kinder zwischen Quellwolken und Möwen Drachen fliegen ließen, die sie von den Zirkusleuten hatten und die, sobald sich der Wind änderte, neben unseren Köpfen auf den Beton krachten, mit der spitzen Seite nach unten, wie ein Pfeil, den man abgeschossen hat. Wir nannten diesen Sommerhimmel unseren Himmel, weil es uns gefiel, wie er es zuließ, daß wir Drachen hochschickten, hochjagten, hoch zu ihm, und daß er seine Farbe änderte, von Augenblick zu Augenblick.

An ihrem sechzehnten Geburtstag legte Lydia die Kleider ab, die ihre Mutter für uns gekauft hatte, und faßte sie nicht mehr an. Kleider, die Lydias Mutter damals für uns bestellt hatte, mit dem wenigen Geld, das ihr blieb, aus Katalogen, die in den Hauseingängen lagen, im Frühling, im Herbst, und durch die Lydias Mutter tagelang, wochenlang blätterte, um Klammern an die Seiten zu stecken, Büroklammern aus Metall, jedesmal wenn ihr etwas gefiel, wenn sie glaubte, es könnte hübsch aussehen, an Lydia und an mir.

Zwei Jahre später packte Lydia ihre Taschen, die zwei kleinen, die sie hatte, mit dem Nötigsten, zwei Büchern, zwei Heften, einem Foto, nur wenigen Kleidern. Sie hatte uns, ihrer Mutter und mir, lange genug ihr neues Leben angekündigt, und ausgemalt, wie sie es sich vorstellte. Sie kannte es schon, jetzt, da es noch nicht angefangen hatte, selbst ihr neues Zimmer, das sie bald haben würde, richtete sie ein, in Gedanken, mit Möbeln und Teppichen, die anders aussehen würden als die ihrer Mutter. Handschuhe würde sie tragen, sagte Lydia damals, aus hellem Leder, zu jeder Jahreszeit, ihre Kleider würde sie in London kaufen, und nur noch dort, in keiner anderen Stadt der Welt. Und wir, Lydias Mutter und ich, ließen sie reden und glaubten nichts davon, weil Lydia oft von Dingen redete, die sie zu vergessen schien, sobald sie ausgesprochen waren, die auch nie eintrafen, wenigstens nicht so, wie Lydia es sich ausgemalt, wie sie es sich vorgestellt hatte. Vielleicht wollten wir ihr auch nicht glauben, weil wir nicht wollten, daß unser Leben eins ohne Lydia sein würde. Zu mir sagte Lydia, wenn wir alt sind, du und ich, ganz alt, werden wir einander haben, immer noch, oder wieder, und dann wird uns nichts mehr etwas ausmachen, nicht der Herbst, nicht der Winter, nicht unser weißes Haar. Wir werden einander haben, wiederholte sie, zwei Monate bevor sie verschwand und mich zurückließ mit der Frage, wann.

Lydias Mutter saß lange vor dem Fenster auf einem Stuhl, auf einem, den Lydia und ich weiß gestrichen hatten, im Sommer davor, weil wir in jenem Sommer alle Möbel von Lydias Mutter weiß strichen. Lydias Mutter hatte es erlaubt, wie sie alles erlaubte, was Lydia vorhatte, und dann, nachdem Lydia gegangen war, saß sie vor dem Fenster, auf diesem einen Stuhl, auf den Lydia mitten ins Weiß einen Streifen und zwei Blumen in Blaß- rosa gesetzt hatte, mit einer selbstgeschnittenen Schablone. Sie zog ihren Mantel nicht mehr aus, ihren alten karierten Mantel, der nicht zu ihrem Rock paßte und den Lydia immer schon hatte verstecken, verbrennen wollen, auch die Handschuhe ließ sie an und hielt sich mit einer Hand fest, an ihrem Mantel, als könne dieses Stück Stoff sie halten.

Wir warteten, Lydias Mutter und ich, und es dauerte, bis wir begriffen, daß Lydia nicht mehr da war, daß sie die Tür hatte hinter sich ins Schloß fallen lassen und weggeschwebt war, in ihrer dunklen Jacke, ihrer Mütze, die Treppe hinab, die Straße hinunter, bis zur Haltestelle, mit ihren zwei kleinen Taschen und ihrem Ticket, für das sie lange gespart hatte und mit dem sie jetzt zum Flughafen fuhr und dann in einer Maschine saß, der wir nicht nachschauen wollten, Lydias Mutter und ich.

Aber wir stellten uns all das vor, während wir weiter auf weißen Stühlen am Fenster saßen, auch in den Tagen und Wochen danach, wir stellten uns auch vor, wie Lydia mit ihren zwei Taschen vor dem Einsteigen zur Besucherterrasse geeilt war, in den letzten Minuten, die ihr blieben, bevor ihr Flug aufgerufen wurde, um noch einmal durch dieses Fernrohr zu schauen, die Hände an den Griffen, rechts und links, ein letztes Mal.

Und jetzt liegt diese Karte auf meinem Bett, daneben ein Schlüssel, an einem roten Band, einem feuerroten, und eine Adresse, eine Londoner Adresse, Lydias Kußmund, auch in Feuerrot, den sie auf all ihre Briefe setzt, daneben der Pin-Code, den man eingeben muß, wenn man will, daß sich ihre Haustür öffnet, und sechs Worte, so wie sie immer schreibt, kein Brief, eher eine Parole, die sie ausgibt: Come to see – fall and me.

Es dauert, bis ich anrufe, vielleicht, weil ich zu oft daran denke, daß Lydia nie zu uns gekommen ist, nicht für einen Tag, nicht einmal, um ihre Mutter zu sehen, daß sie jeden Sommer Erklärungen fand, die nie Erklärungen waren, und weil ich immer noch zu oft daran denke, daß sie nicht nur so tat, als paßten wir nicht länger zu ihr, sondern weil sie mich glauben ließ, es habe nie gepaßt, mit uns, es habe sie und mich nie gegeben, keine Kleider aus Katalogen, keinen Platz, den wir Hafen nannten, keinen Zirkus, der ein Trampolin aufstellte und Drachen verteilte, keine Fernrohre, durch die Lydia sehen konnte. Ich bin erleichtert, jetzt, da nur das Band anspringt und Lydias Stimme auf Englisch die Telefon-nummer wiederholt, die ich gewählt habe, und ich sage etwas, mit schwacher, zögerlicher Stimme, etwas, das anfängt mit: Hallo, Lydia, ja, mit einem schwachsinnigen, nichtssagenden Ja, das nichts einleitet, und später, wenige Stunden später, ruft Lydia zurück und fragt: Hast du was, du klingst so komisch?

Sie holt mich ab am Flughafen, lacht ihr weites Lachen, hört nicht auf damit, legt den Arm um meine Schulter, nimmt ihn nicht mehr weg, auch nicht später, in der Bahn, nicht auf der Rolltreppe, nicht im Hausflur, neben den Briefkästen, in dem kleinen Aufzug, der seine schwarzen Scherengitter schließt, uns nach oben trägt. Sie läßt mich aufschließen, mit dem Schlüssel an dem roten Bändchen, den sie mir geschickt hat, steht daneben, schaut auf meine Hände, darauf, wie ich den Schlüssel drehe, und sieht aus dabei, als habe sie auf diesen Augenblick gehofft, ihn herbeigesehnt.

Ihre Wohnung ist weiß gestrichen, in einem Weiß, das ins Cremefarbene kippt, ihr Bett mit weißer Wäsche bezogen, die Tücher in Bad und Küche sind weiß. Lydia sagt, eine andere Farbe kann sie nicht ertragen, nicht an Möbeln und Wänden. Ein Foto hat sie an die Wand gesteckt, mit zwei Nadeln, in der Küche, über der Spüle, neben weißen Kacheln, eines, das Lydias Mutter damals von uns gemacht hatte: Lydia und ich, ohne Köpfe. Der Ausschnitt zeigt nicht uns, er zeigt die neuen Kleider an uns, aus einem Stoff voller Blumen, voller winziger Blumen. Jeder kann uns sofort unterscheiden, auch ohne Köpfe, schon weil wir unsere Hände so halten, wie wir sie halten, jede auf ihre Art. Meine Hände sind geballt, es sieht aus, als wollte ich sie verstecken, zurückziehen. Lydias Hände sind offen, selbst beim Stehen in Bewegung. Lydia fragt: Weißt du noch, diese Kataloge?, und versucht ein Lachen, sieht aber aus, als ärgere sie sich, immer noch. Mädchenkleider, sagte Lydias Mutter damals dazu, und Mädchenkleider sagte damals auch Lydia, aber in einem ganz anderen Ton, und ich bin sicher, in dem Augenblick, in dem Lydias Mutter dieses Foto gemacht hatte, wollte sie nicht, daß Lydias Gesicht, ihr Blick zu sehen sein würden, sondern bloß die Kleider, die uns länger als einen Sommer paßten, mit schmalen weißen Gürteln aus Plastik und grauen Cardigans. Lydia hat mit dickem Bleistift in eine Ecke geschrieben: Lydia und Vicki – schön, auch ohne Köpfe.

Sie geht durch die Wohnung, setzt Kaffee auf, fragt: Trinkst du ihn noch so?, und dann sagt sie, einen Ring habe sie für mich, einen Ring, den sie für mich entworfen habe, nur für mich, in einem blassen Blau, weil Blau doch meine Farbe sei, Blau wie dieses Blau des Himmels, das wir kennen, von damals noch, dieses Blau, das sich immerzu ändern konnte, genau dieses Blau sei es, ob ich mich erinnere? Ich streife den Ring über meinen Finger, frage mich, wie ihr das gelungen ist, nach all den Jahren, einen Ring für mich zu entwerfen, zusammenzusetzen, hier, unter ihrer kleinen weißen Lampe, mit ihrer kleinen Zange, einen Ring aus Drähten und Steinen, durch die ich hindurchsehen kann, der mir sofort gefällt, weil er mein Blau trägt, und der mir paßt, auf Anhieb, und Lydia sagt, schön sieht er aus, dieser Ring, an dir, an deinem Finger, und schaut auf meine Hände, wie nur sie schaut, die Augen etwas kleiner als sonst, den Kopf zur Seite gekippt, die Hände in die Hüften gestemmt.

Lydia sieht aus, wie sie aussieht, weil sie nicht ißt, weil sie sich den Hunger verkneift, weil sie mit Kräutertee getränkte Watte in ihren Mund legt, wenn ich sie nicht davon abhalte. Ihr kleiner Kühlschrank ist leer, fast leer, eine Flasche mit altem Saft, längst abgelaufen, eine Gel- Augenmaske, die Lydia morgens auf ihre Lider legt, wenn sie ihren Kaffee ohne Koffein trinkt, in ihrem weißen Bademantel, ihrem weißen Tuch, das sie sich als Turban um die nassen Haare gewickelt hat, in ihren weißen Schühchen aus Frottee, die ihre Zehen zeigen, die weißlackierten Nägel. Wenn sie morgens so sitzt, mir gegenüber, vor diesem Fenster, das weiße Sprossen zerteilen und das Lydia hochschiebt, nach jeder dritten, vierten Zigarette, kommt mir immer wieder der Gedanke, es wird kein Alter geben für uns zwei, jedenfalls nicht so, wie Lydia es sich gedacht, wie sie es sich ausgedacht hat, damals, kurz bevor sie gegangen war: sie und ich, gebeugt, gebückt, uns festhaltend, aneinander. Später, über den Tag verteilt, ist es immer wieder dieser Satz, der zurückkehrt, in meinen Kopf: Es wird kein Alter für uns geben.

Ich denke es auch, als wir die Wohnung verlassen und Lydia von einem Laden zum anderen jagt, von einem coffeeshop zum nächsten, hinein und hinaus, mit diesem Klingeln an der Tür, das uns ankündigt, und ihrem lauten Hello-o-o, mit einem langgezogenen, ausklingenden o, wie nur Lydia es spricht, dieses Hello-o-o, ein bißchen wie eine Einladung, eine Aufforderung, ein bißchen auch als Drohung, als seien die anderen da, um sie zu unterhalten. Ich denke, es wird kein Alter geben für uns, vielleicht, weil ich glaube, Lydia ist kein Mensch, der alt wird, der irgendwann alt aussieht, der eine Falte im Gesicht zuläßt, ich denke es jetzt, da ich ihr dabei zusehe, wie sie diesen Laden durchquert, in der Diagonalen, mit ihrer Jackie-O.-Brille, mit dieser einen gefärbten Strähne, die auf ihrer Stirn klebt, ihrem schwarzen Kostümchen, mit diesem Rock, der ihr gerade über die Knie reicht und noch so viel Bein zeigt, daß mir ein bißchen schlecht wird davon, vielleicht, weil ihre Beine so sind, wie sie sind, und mit diesen Schuhen, ihren hohen Absätzen und Riemchen, die auf den Knöcheln liegen und Lydias Bein einteilen, in ein Oben und ein Unten.

Damals, mit fünfzehn, sechzehn, siebzehn, als wir einander hatten, jeden Tag, jede Stunde, hat es mich nie gestört, wenn man Lydia und mich für ein Paar hielt. Mir gefiel, daß man glaubte, ich könne mit jemandem wie Lydia zusammensein, und daß man von Lydia dachte, sie wolle jemanden wie mich. Uns machte es Spaß, Gerüchte und Lügen und Geschichten in die Welt zu setzen, und wir lachten, wenn die anderen uns glaubten und hinter uns flüsterten und kicherten und auf uns zeigten. Aber jetzt stört es mich, zum ersten Mal stört es mich, daß man uns für ein Paar halten könnte, in jedem dieser coffeeshops, in jedem dieser Geschäfte stört es mich, jedesmal wenn Lydia die Tür aufstößt, mit diesem Klingeln, und wenn sich die Blicke dann auf uns richten, auf Lydia und mich.

Wir gehen Tee trinken, den sie in einer Kanne aus Silber bringen, dazu Scones, von denen Lydia nicht einen ißt. Später gehen wir durch einen großen Park, weil ich darauf bestehe, und in dem Lydia aussieht, als langweile es sie, ohne Menschen, ohne Geschäfte. Blätter segeln hinab, gelbe, braune Herbstblätter. Du hast ein Blatt in deinem Haar, sage ich, soll ich es wegnehmen? Lydia nickt, ich greife in ihr Haar, zeige ihr das Blatt, ein kleines rotes, und dann segelt es vor uns auf den Boden. Ein Junge in einem dieser dunklen kurzen Mäntel, wie sie die Kinder hier tragen, läuft über den Rasen, über diesen leuchtend grünen, dichten Rasen. Er hält ein Seil in seiner Hand. Sein Drachen flattert in einem farblosen Himmel, weit oben, ein Drachen, wie wir ihn damals gesehen haben, wenn wir auf dem Beton am Hafen lagen, die Arme hinter unseren Köpfen verschränkt. Lydia bleibt stehen, sieht hoch, diesem rosafarbenen Drachen nach, den ein Wind wegträgt und der an dem Jungen, der kleiner wird und immer schneller läuft, zerrt und zieht, und so stehen wir eine Weile, bis Lydia sagt, es sieht aus, als wolle er ihn mitnehmen.

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