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David Jacobs

Therapie

… 
14. Sitzung 
“Wenn ich Sie also richtig verstanden habe, ist nichts von dem wahr, was Sie mir in den vergangenen drei Monaten unserer Zusammenarbeit erzählt haben. Falls das stimmt, was Sie da behaupten, warum sollte ich Ihnen dann jetzt glauben?” Henner strich sich das schwarze Haar aus der Stirn und dachte kurz daran, dass er es heute Abend nachfärben musste. Er hatte fast schon zu lange damit gewartet. 
“Ich versteh, dass Sie jetzt irritiert sind. Das ist wie bei dem Paradoxon der lügenden Kreter …” entgegnete Florian mit einem leichten Stocken in der Stimme “Verschonen Sie mich, mit ihren philosophischen Platzhaltern” fuhr Henner dazwischen. “Tatsache ist, dass Sie mir meine Zeit stehlen. Und mit Sicherheit gäbe es genug Leute, die heilfroh wären, einen Therapieplatz …” “Ich verstehe ja Ihre Erregung. Ich habe Ihnen so viel zugemutet, dass sie jetzt selbst mein Geständnis anzweifeln müssen, das liegt ja auf der Hand. Es ist einfach …. Ich weiß, dass ich uns beide da in eine unmögliche Situation hineinmanövriert habe. Aber geben Sie mir doch bitte noch eine Chance.”  
Beide hielten inne. Das Gespräch verstummte. “Unsere Treffen haben mir immer viel bedeutet” unterbrach Florian das Schweigen. Henner war sich inzwischen nicht einmal sicher, ob der Name, mit dem sich sein Gegenüber vor mehr als 3 Monaten bei ihm vorgestellt und um einen Termin gebeten hatte, nicht auch nur eine Lüge war.  
 
“Auch wenn ich nie die Wahrheit gesagt habe. Sie haben mir sehr geholfen. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Sie nicht… ” Florian starrte Henner hilfesuchend an. Er verstummte mitten im Satz, atmete tief durch. “Ich bin so froh, dass ich Ihnen endlich reinen Wein eingeschenkt habe”   
“Und wenn das eine weitere Lüge ist? Schmutziger Wein in nagelneuen Schläuchen? Woran könnte ich denn bitteschön erkennen, dass Sie es abwechslungsweise mal mit der Wahrheit versuchten, Florian? Heißen Sie eigentlich Florian? Vielleicht stimmt ja selbst dieser Name nicht …” Henner hatte den Stift sinken lassen. “Ich hätte gute Lust, mir von Ihnen den Personalausweis zeigen zu lassen. Aber sie sind ja gerissen. Wie könnte ich sicher sein, dass der Ausweis nicht seinerseits gefälscht ist – wie es aussieht, bin ich nicht sehr gut darin gewesen, Dichtung und Wahrheit bei Ihnen auseinander zu halten”.  
Was hatte es für einen Sinn, alles mitzuschreiben, was ein Klient erzählte, wenn er systematisch von ihm belogen wurde. Er spürte seinen Ärger aufs neue heranrollen und ließ den Block jetzt einfach zu Boden fallen. Nun, wenn alles erstunken und erlogen war, warum noch mitschreiben? 
“Henner, Sie sind doch vom Fach. Sie wissen doch, dass das Verbergen und Verschweigen zu den Grundkonstanten jeder Psychotherapie gehören. Dass aber gerade das Aufdecken und das Entdecken wahrhaftigerer Motive zu einem tieferen Verständnis führen muss, äh, führen kann, was die eigentliche Triebfeder meines Handelns …” “Erklären Sie mir nicht, was ich als Therapeut zu tun und zu lassen habe” entgegnete Henner schroff.  
“Mein lieber Herr Florian, das wäre ja noch schöner, wenn jeder dahergelaufene Klient …” Henner erschrak über sich selber. So eine Wortwahl war ihm sehr lange nicht passiert. “Entschuldigen Sie, ich habe mich von meinem Ärger hinreißen lassen. Wenn Sie erlauben, würde ich den “dahergelaufenen Klienten” gerne zurücknehmen. Es ist mir sehr unangenehm, dass ich Sie …. Wissen Sie, für mich sind Ehrlichkeit, Respekt und Vertrauen die Grundvoraussetzung für die therapeutische ….” Florian unterbrach ihn. “Henner, ich bitte Sie. Das ist doch das Mindeste, was ich tun kann. Vergessen wir das böse Wort. Beginnen wir unser Gespräch noch einmal neu und … – und nennen Sie mich Michael. In Wirklichkeit heiße ich Michael.” “Jetzt also Michael” Henner versuchte jetzt mit Ironie die entglittene Kontrolle über ihr Gespräch zurück zu gewinnen.  Durch Spott zur Distanz. Nicht sehr elegant, aber höchst wirkungsvoll. So hatte es ihm sein Lehrtherapeut für schwierige Situationen empfohlen. Henner hatte damals diesen Kunstgriff als zutiefst manipulativ und unethisch abgelehnt aber in der täglichen Praxis erwies sich das Vorgehen als überaus effizient.  
Wäre doch gelacht, wenn er diesen Florian-Michael nicht würde eindeichen können. “ … und Morgen heißen Sie dann vielleicht Ansgar, ab Freitag wahrscheinlich Fritz. Das ist doch lächerlich” Florian-Michael blickte betreten zur Seite.  “Nein, Michael stimmt. Diesmal wirklich. Sie müssen mir vertrauen. Der Nachname tut nichts zur Sache. Wir vermeiden eine weitere Lüge, wenn wir auf den Nachnamen verzichten können. Sehen Sie, ich kann nicht …, nein ich muss auf Anonymität bestehen.”   
“Das heißt dann wohl auch: die Adresse, die Sie angegeben haben, stimmt ebenso nicht?” “Nein. Doch. Also … Ich bitte Sie. Sie schicken ihre Rechnungen ja regelmäßig dort hin. Und habe ich nicht immer pünktlich gezahlt?” Henner zögerte. “Sie haben also unter falschem Namen den Mietvertrag unterzeichnet!” entfuhr es ihm. “Das schon, aber …” < 
“Und die Geschichte mit dem sehr frühen Tod der Mutter, den Sie sich so zu Herzen genommen haben wollen?” “Gelogen” Florian-Michael sackte etwas in sich zusammen ”Meine wirkliche Mutter starb erst letztes Jahr. Wir hatten ein inniges Verhältnis” “Ihr Bericht vom angeblich beobachteten Geschlechtsverkehr ihrer Eltern …” Florian-Michael konnte ein diskretes Grinsen nicht ganz unterdrücken. “Das hab´ ich aus einem Lehrbuch der Psychoanalyse exzerpiert. Den Zettel habe ich noch. Ehrlich gesagt, hat mich gewundert, dass sie das so mir nichts dir nichts geschluckt haben” Henner wurde normalerweise nicht rot. Im Grunde war er zunächst einmal nur sprachlos. Was, zum Teufel, konnte man auf so eine Unverschämtheit entgegnen? Und als er realisiert hatte, dass es hier nichts zu sagen gab, überzog zunächst eine zarte Röte sein Gesicht und verdichtete sich, je länger das Schweigen anhielt. “Entschuldigen Sie, das war frech von mir. Sie haben sich fachlich völlig korrekt verhalten. Vielleicht etwas zu erwartbar, aber ich hatte keinen Anlass zu Kritik. Sie waren immer empathisch, verständnisvoll. Sehen Sie, die Wertschätzung, die sie mir haben angedeihen lassen, sie hat mir so wohlgetan, dass ich am liebsten selber an meine vorgeblichen Erinnerungen zu glauben beginnen möchte …” 
“Ich werde Sie Henry nennen”. Henner hatte ganz unvermittelt diesen Satz in das nachdenkliche Schweigen hineingesprochen, das sich zwischen ihnen aufgetan hatte. Er war von sich selber überrascht. Er hatte nicht gründlich darüber nachgedacht. Es steckte kein Plan dahinter; nur die Gewissheit war mit Händen zu greifen, dass er die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen musste. “Beyer. Ich werde sie Henry Beyer nennen. Sie werden ein Postfach unter diesem Namen einrichten. Meine Honorarforderungen schicke ich zukünftig an das Postfach, das Sie mir nennen werden. Wenn sie die Rechnung für die heutige Stunde beglichen haben, werde ich Ihnen Ihren nächsten Termin mitteilen. Und jetzt raus, Herr Beyer. Ihre Stunde ist beendet.”  
 
 
15. Sitzung 
Es hatte drei Wochen gedauert, bis Henry Beyer ihm die Adresse des Postfachs mitteilte und dann noch mal 2 Wochen, bis die Honorarforderung beglichen war. Henner wählte einen eher unbeliebten Termin für die nächste Sitzung, Dienstag um 11:30 und teilte ihn postalisch mit. Er war sich nicht sicher gewesen, ob Florian/Michael/Henry, wie er ihn inzwischen bei sich nannte, denn nun wirklich erscheinen würde. Insgeheim wäre Henner froh gewesen, wenn dieser sich durch dieses Manöver hätte abschütteln lassen. Aber er war überzeugt, durch sein Vorgehen wieder zu der für seine Arbeit unbedingt nötigen Souveränität zurück gefunden zu haben. Henry hatte den Termin nicht bestätigt, klingelte aber 5 Minuten vor der Zeit. Henner ließ ihn warten und betätigte den Türöffner pünktlich um halbzwölf.  
“Ah, Henry. Ich war mir nicht im Klaren darüber, ob Sie kommen würden” “Ich bin ja so froh, dass Sie trotz allem bereit sind, weiterhin mit mir zu sprechen” erwiderte Henry. ”Ich gebe zu, dass ich nicht übel Lust gehabt hätte, Ihre Therapie abzubrechen” “Nun, ich bin mir sicher, dass sie es bereut hätten, wenn Sie mich einfach fortgeschickt hätten”  
Henner registrierte genau diese kleine Spitze, die sich gegen ihn zu richten schien. Das war ihm bereits mehrfach aufgefallen: diese unvermittelt aufleuchtende Frechheit, diese latente Bereitschaft seines Gegenübers, spontan in Opposition zu treten, ein Schritt, der immer sofort wieder zurückgenommen wurde aber stets bei Henner zu einem gewissen Missbehagen führte.  Er nahm sich Zeit, seinen Klienten genauer zu betrachten, während sie in den zwei bequemen halbhohen Besprechungsstühlen Platz nahmen. Florian/Michael/Henry war etwas älter als er, so um die Mittevierzig, mit einem Drang zur Korpulenz, die er durch seine Bemühungen gerade noch in Schach zu halten vermochte. Seine Kleidung war sauber und praktisch. Sie verriet wenig über seinen Charakter. Am ehesten vielleicht schien sie auf eine gewisse Sparsamkeit hinzudeuten. Das Gesicht war nichtssagend. Nur in den Augen blitzte manchmal ein gewisser Schalk auf, stets verbunden mit der Neigung, Widerstand geltend zu machen und kurz die Deckung seiner Höflichkeit, oder sollte er besser von Unterwürfigkeit sprechen, herabsinken zu lassen, wie ein Boxer, der zum Angriff übergeht. Auf den ersten Blick ein langweiliger Mensch, den man leicht zu vergessen drohte, der aber bei näherem Hinsehen seine Geheimnisse so offensichtlich verbarg, dass es für Henner schon fast wieder ärgerlich war.  
Er überlegte kurz, ob er ihm schon einmal begegnet sein konnte. Eine innere Stimme riet ihm zu Vorsicht, ohne dass sie mehr zu erzählen bereit war, als eben von diesem latenten Misstrauen. Henner strich seine schwarze Stirnlocke zurück. Sein Haar war voll und leuchtete in einem satten jugendlichen Schwarz, das im Kontrast zu seiner offensichtlichen Lebenserfahrung stand. Er war das, was man als einen Mann am Ende seiner besten Jahre bezeichnet hätte, wenn man daran interessiert sein sollte, seine Selbstliebe etwas zu stören. Die meisten seiner Klienten bezeichneten ihn allerdings als überaus beschlagen und warmherzig und betonten die Wachheit, mit der er ihnen im Gespräch begegnete. Bei seinen Kollegen galt er als erfahren aber eitel.  Henner fragte sich, wie Florian/Michael/Henry ihn wohl seinen Freunden beschreiben würde. 
“Nun, ich habe mich entschieden, die Therapie weiterzuführen, da mich ihr Fall interessiert. Angesichts der Vorgeschichte schlage ich vor, dass wir in der weiteren Zusammenarbeit stets davon ausgehen, dass der jeweils andere zwar nie die Wahrheit erzählt aber stets von verstehbaren und achtenswerten Motiven geleitet wird.” Henner hatte sich entschieden, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten. 
“Das erscheint mir nur recht und billig. Verstehe ich Sie richtig, dass Sie sich ihrerseits das Recht zubilligen, mich zu täuschen oder über gewisse Sachverhalte im Unklaren zu halten?” “Nun, ich bin für Waffengleichheit, wie Sie sehen. Lassen Sie uns beginnen. Ich bin gespannt, was Sie mir heute auftischen werden. Noch eins …, wie Sie sehen, habe ich mein Schreibzeug im Büro gelassen. Solange wir uns auf dieser Basis begegnen, werde ich keine Notizen machen.” “Nun, Sie werden schon wissen, wie Situationen wie diese zu handhaben sind. Lassen Sie uns beginnen”    
Aber anstatt sich in das Gespräch zu stürzen, blieben beide zunächst stumm, blickten vor sich hin und Henner empfand dieses Schweigen überraschenderweise als angenehm.  
 
Hätte ihn ein Kollege gefragt, auf welche Hypothesen seine schroffe Intervention beruhte, wäre ihm mit Sicherheit im nach hinein noch eine Antwort eingefallen. Aber Henner hatte gelernt, seiner Intuition zwar mit einem leichten Vorbehalt zu begegnen, ihr aber in der Regel zu folgen. Ohne zu wissen, was genau er da tat, fand er erstaunlich häufig die passenden Worte und konnte aber oft erst im nach hinein erklären, warum sein Vorgehen den therapeutischen Prozess vorangetrieben hatte. Er hatte das Gefühl, die Situation mit Florian/Michael/Henry zwar noch nicht ganz zu verstehen, aber zu diesem Zeitpunkt war er noch überzeugt, alles im Griff zu haben. Es gab da immer einen kleinen Funken von Stolz, wenn er sich von seinem Gefühl leiten ließ. “Intuition, das ist Verstand in Eile”, so hatte einer seiner Ausbilder immer gesagt und sie ermutigt, diesem Gefühl zu vertrauen. 
“Sie müssen wissen, ich habe einst selbst mit dem Gedanken gespielt, therapeutisch zu arbeiten. Das wird Sie vielleicht wundern, aber …”  “Mitnichten, Henry. Das verwundert mich überhaupt nicht. Sehen Sie, die meisten meiner Klienten haben in völliger Verkennung der eigenen Bedürftigkeit zunächst versucht, anderen zu helfen, in der uneingestandenen Hoffnung, dadurch selbst Linderung ihrer seelischen Leiden zu erfahren.”  Henner hatte Henry gleich zu Beginn unterbrochen. Da war wieder dieses Störgefühl aufgetaucht. Er hatte eine leichte Stockung des eigenen Atems verspürt, die ihn davor warnte, Florian/Michael/Henry zu erlauben eine kollegiale Perspektive einzunehmen. Und sofort hatte er sich entschlossen, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. “Nach meiner Erfahrung haben sich gut 50% meiner Klienten in diesen Gedankenspielen versucht. Knapp die Hälfte davon macht sich dann tatsächlich daran, nach einer eigenen Therapie die entsprechenden Qualifikationen mühsam zu erwerben. Von denen wiederum scheitern nahezu zwei Drittel. Oft kann ein erfahrener Ausbilder schon in den Vorgesprächen erkennen, wer Erfolg haben und wer letztendlich versagen wird, aber selten wird einem Bewerber tatsächlich abgeraten …” Henner unterbrach sich. Warum fühlte er sich genötigt, soviel Worte zu machen? ” … aber zurück zu Ihnen.” Henry griff den angebotenen Gedanken auf  “Nun, wenn Ihre Erfahrung stimmen sollte (ich darf mir erlauben, an die Prämissen zu erinnern, unter denen wir dieses Gespräch führen) nun, also wenn ihre Erfahrung also stimmen sollte, gehöre ich zu dem überschaubaren Anteil, der Ausbildungswilligen, der sehr früh erkannt hat, dass es zwischen eigenem und fremdem Leid zu unterscheiden gilt.” “Und damit haben Sie möglicherweise eine sehr heilsame Entscheidung für sich selbst getroffen und auf eine therapeutische Ausbildung verzichtet?” nickte ihm Henner fragend zu. “Möglicherweise heilsam. In jedem Falle aber schmerzhaft”  
“Nun haben Sie sich allerdings erneut in therapeutische Behandlung, in meine therapeutische Behandlung begeben und wenn nun auch nichts von dem stimmt, was Sie mir bisher erzählten, muss es ja ein Ziel Ihres Verlangens geben. Und Sie haben berichtet, die von mir erfahrene Wertschätzung habe Ihnen gut getan”  “Ja,  das habe ich gesagt …”  stimmte ihm Florian/Michael/Henry zu “Ich muss allerdings auch sagen, dass mich die ganze Psychotherapie im Grunde genommen kein bisschen interessiert, auch wenn Sie ein aufmerksamer und zuvorkommender Gesprächspartner sind.” Henry hatte die Schultern hochgezogen und ließ Sie mit einem tiefen Ausatmen fallen. “Ihr ganzer therapeutischer Prozess, auf den Sie sich ständig beziehen, ist völlig unerheblich für mich. Für mich war diese Therapie nur ein Vorwand, um mit Ihnen in Kontakt zu kommen” 
Henner war alarmiert. Er versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren. Sein Instinkt hatte ihn also nicht getrogen. Es hieß auf der Hut zu sein, “Ich nehme an, dass Sie jetzt gerade ausnahmsweise nicht gelogen haben, sondern …” Henner ließ den Satz unfertig in der Luft schweben. Er hoffte, dass sein Gegenüber den Ball aufnähme, den angefangenen Satz vollenden würde, um ihm einen Hinweis darauf zu geben, was hier denn eigentlich vor sich ginge. “Je nun, die Ehrlichkeit. Es ist so eine Sache mit der Ehrlichkeit. Hat man Sie einmal verloren … Es ist mit ihr fast so, wie mit der Jungfräulichkeit, wenn Sie dieses etwas krude Bild gestatten.”  Henner wurde ungeduldig. “Was dann also? Was lässt sie herkommen, was lässt sie so viel Geld bezahlen, um mit mir reden zu können…” 
Florian/Michael/Henry schien ihn gar nicht gehört zu haben. Er war aufgestanden und ans Fenster getreten. Er blickte prüfend in den Garten, nickte anerkennend und wandte sich ihm zu. “Schön haben Sie es hier. Muss ein Vermögen gekostet haben, das Haus”  
Henner erstarrte. Er starrte auf seine Hände, rieb an dem Nagel des rechten Ringfingers, blieb an der rauen Stelle hängen, an denen die Hornhaut im Winter immer einriss, blickte vor sich auf den Boden. “Nun, wenn es nicht um ein seelisches Leiden geht, habe ich keine Veranlassung unser Gespräch fort zu führen” Sein Gegenüber sah ihn unverwandt und interessiert an. “Wer sagt denn, dass kein seelisches Leiden einhergeht mit dem Sachverhalt, den ich mit Ihnen zu besprechen habe. Und …” an dieser Stelle räusperte er sich und blickte Henner offen ins Gesicht. “Schönes Haus, das. Muss eine Stange Geld gekostet haben” 
Henner verstummte. Seine Gedanken wanderten zurück in die Zeit kurz nach der Wende. Wie so manch anderer war er mit grenzenlosem Optimismus in die neuen Bundesländer gezogen, um dort sein Glück zu versuchen. Zunächst war es Neugier gewesen, die ihn bei seinem Berufsstart in ein Krankenhaus führte, das gerade in eine Rehaklinik der Rentenversicherung umgewandelt wurde.  Dann hatte er sich von der Goldgräberstimmung anstecken lassen, die sich damals unter einem kleinen Teil der Westdeutschen breitgemacht hatte. Er hatte gerade erst seine therapeutische Ausbildung abgeschlossen. Kassenzulassungen gab es nur noch im Osten oder in ausgesprochen strukturschwachen ländlichen Regionen in den alten Bundesländern. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt und eine psychotherapeutische Praxis in Leipzig eröffnet. Die Praxis lief nach einem zögerlichen Start zunehmend besser. Die Nachfrage entwickelte sich sprunghaft. Dann hatte eines Tages Holger bei ihm einen Therapieplatz bekommen und eins hatte zum anderen geführt.  
Als er die Villa zum ersten Mal sah, hatte er gewusst, dass er hier glücklich werden könne. Das Haus hatte Holgers Eltern gehört. Es gab Erbstreitigkeiten zwischen Holger und seinem Bruder Thomas und Henner hatte angefangen, ihn bei seinen Versuchen zu unterstützen, den Bruder zu übervorteilen. Sein Verhalten war nicht nachgerade kriminell, aber er fing an, sich in einer Grauzone zu bewegen, die ihn in die äußerste Nähe des Strafrechts führte, ohne dass er, wie er vor sich selber immer betonte, diese hauchdünne Linie je überschritten hätte, die ihn von einem Kriminellen unterschied. Holger hatte seinen Bruder mit dem Pflichtteil abgefunden und hatte die Villa zwei Jahre später in großer Dankbarkeit überaus günstig an Henner verkauft. Nach dem Verkauf hatte Holger Leipzig und seine Familie hinter sich gelassen, und war nicht mehr zurückgekehrt.  
Gegenüber Dritten sprach Henner davon, es sei ihm gelungen, aufgrund eines glücklichen Zufalls, die Villa zu einem Preis käuflich zu erwerben, der zwar seine Verhältnisse eigentlich überstiegen habe, aber gerade so eben noch für ihn finanzierbar gewesen sei. Dass er sie von einem Klienten gekauft hatte, verschwieg er geflissentlich.  
Er hatte nie wirklich ein schlechtes Gewissen deswegen gehabt. Vielleicht den Anflug eines moralischen Leibgrimmens, welches sicherstellte, dass er sich in Bezug auf den Erwerb der Immobilie stets aufs äußerste bedeckt hielt. Selbst seine Frau, die er zwei Jahre später kennengelernt hatte, kannte keine Details.   
Henner hatte sich entschlossen, nicht allzu gründlich über diese Episode in seinem Leben nach zu denken.  
“Schönes Haus, das. ” sagte Florian/Michael/Henry.  
“Wer sind Sie” fragte Henner mit belegter Stimme. “Sie wissen es immer noch nicht? Ich hätte Sie für klüger gehalten” Henner grübelte fieberhaft.  
Was dann folgte, war ein langes, ein lastendes Schweigen. Wo ihn vorhin noch sein Stolz auf die eigene Intuition gewärmt hatte, erfasste ihn jetzt ein Schauer. “Nun, …” seine Stimme klang rau als er leise zu sprechen begann. Er versuchte Zeit zu gewinnen, sich Worte zurecht zu legen, die ihm aber jetzt nicht zu Gebote standen “nun, also … demnach wären Sie, wenn Ihre Geschichte entgegen ihrer bisherigen Gepflogenheiten der Wahrheit entsprechen sollte, jemand von dem Sie erwarten würden, dass er von mir doch zuverlässig zu erkennen sein müsste.” “Das sind ein bisschen viel Konjunktive in einem einzigen Satz, aber ja, ich bin überzeugt, dass Sie längst ahnen, mit wem Sie es zu tun haben ” antwortete Florian/Michael/Henry.  
Henner war sich sicher, dass es nicht Holgers Bruder sein könne, der da vor ihm saß.  Der musste inzwischen Ende Sechzig sein.  Florian/Michael/Henry war eindeutig zu jung. Aber hatte der Bruder nicht einen Sohn gehabt? Zuzugeben, dass er ahnte, wen er da vor sich hatte, hieße einzugestehen, dass er wusste, warum dieser Eindringling in seinem Leben getreten war. 
“Nun, wenn Sie wünschen, können wir unser kleines Spiel noch ein wenig fortführen” gestand ihm sein Gegenüber zu. Wenn es leichter für Sie ist, können wir gerne davon ausgehen, dass Sie sich noch nicht dazu in der Lage gesehen haben, zu erkennen, wer Ihnen hier gegenüber sitzt” Da war wieder dieser Spott, diese Bereitschaft Ihn zu reizen, aber diesmal wurde sie nicht sofort durch eine Geste der Unterwürfigkeit abgemildert, sondern die Frechheit verblieb im Raum, um kein Jota geschmälert und zwang Henner, sich zu stellen. 
 
“Wenn denn nun Ihre Geschichte, sie ist zwar noch nicht erzählt, aber sie scheint ja nun einmal bedeutsam für Sie zu sein, wenn nun also Ihre Geschichte der Wahrheit entspräche, was wären Ihre Motive, oder um es nicht in Konjunktiven auszudrücken: Was, zum Teufel, wollen Sie von mir und wer sind Sie!” Florian/Michael/Henry lachte kurz auf. “Sie scheinen Ihre Sprache in dem Maße zurück zu gewinnen, in dem Sie erkennen, was hier mit Ihnen geschieht. Aber nein, ich tue Ihnen nicht den Gefallen, mich zu erkennen zu geben. Ich will schon, dass Sie Ihre Vermutungen selbst aussprechen” “Warum sollte ich mich auf Ihr Ansinnen einlassen. Sie würden es sogleich als Eingeständnis einer vermeintlichen Schuld bewertet wissen wollen. Nein, ich ziehe es vor, die Dinge unausgesprochen zu lassen” 
“Zunächst einmal will ich, dass Sie erkennen, dass es für Sie keinen Ausweg gibt” Er griff in seine Aktentasche, die er neben sich auf den Boden gestellt hatte, nahm die aktuelle Ausgabe der Leipziger Volkszeitung in die Hand und schob Sie Henner zu. “Vielleicht hilft Ihnen das weiter” Henner nahm das Blatt auf, studierte widerwillig die erste Seite und ließ die Zeitung sinken, als er die Ankündigung einer Artikelserie gelesen hatte, die unter dem reißerischen Titel “Die Verbrechen der Wendezeit” angekündigt wurde. “Morgen wird ein Artikel über die Umstände erscheinen, unter denen dieses Gebäude, das Sie heute gerne als Ihr Haus bezeichnen, 1991 den Besitzer gewechselt hat. Ihr Name wird im Text in einem Zusammenhang genannt werden, der sich mit ziemlicher Sicherheit als desaströs für Sie herausstellen wird. Ich habe heute, als Sie mich an der Tür warten ließen, die letzten Fotos gemacht. Heute Nachmittag stimme ich die endgültige Textfassung mit dem Redakteur und einem Rechtsanwalt ab. Sie müssen wissen, Henner, ich musste noch ein paar Details nachprüfen. Deswegen habe ich Sie aufgesucht …”  
“Was, zum Teufel wollen Sie von mir!” unterbrach ihn Henner. “Nichts. Von Ihnen will ich nichts. Da ist nichts, was Sie mir anbieten könnten, nichts was mich zögern ließe. Ich will Genugtuung für das, was Sie meinem Vater angetan haben. Und Ihr tiefer Sturz von diesem allzu hohen Ross, das ist es, was mir diese Genugtuung verschaffen wird.”  
… 
 
“Sein Sohn? Sie sind sein …” Henner blickte ihn fragend an. “Also begreifen Sie nun endlich doch?” unterbrach der ihn. “Sich zu erinnern, das wissen Sie selber am besten, kann schmerzlich sein. Nun, ich sehe, dass Sie verstanden haben. Ich bin Thomas” fuhr er fort.  
“Thomas …” Henner schien sich ein wenig gefasst zu haben “ … ich möchte Ihnen sagen, dass ich glaube, zu verstehen, was in Ihnen an Schmerzhaftem vorgegangen sein muss, in der Folge dieses quälenden Konflikts, den Ihr Vater mit seinem Bruder nie wirklich ausgetragen hat, den er nie wirklich mit ihm austragen konnte. Ich hätte längst versuchen sollen, Sie …” fieberhaft versuchte er, wieder so etwas wie die Kontrolle über dieses Gespräch zu gewinnen.  
 
”Lassen Sie stecken, Henner. Am besten, wenn Sie es erst gar nicht versuchen. Sie kränken mich, wenn Sie glauben, dass Sie mich mit ein wenig empathischer Taschenspielerei davon abhalten könnten, die nächsten Schritte zu gehen.”  
 
“Wenn Sie das, was Sie verstanden zu haben glauben, in der Art veröffentlichen, wie ich mich zu befürchten gezwungen sehe, dann käme das meiner öffentlichen Hinrichtung gleich. Sie werden verstehen, dass ich mich mit allen Mitteln zur Wehr setzen müsste und ich würde keine Sekunde zögern, Sie meinerseits … – aber muss es denn so weit kommen? Könnten wir uns nicht anderweitig einigen? Ich wäre bereit, Ihnen sehr weit entgegen zu kommen, wenn wir …” “Sehen Sie Henner. Mir war klar, dass wir unausweichlich diesen Punkt erreichen würden und ich freue mich, feststellen zu können, dass es bei Ihnen scheinbar doch so etwas wie ein rudimentäres, wenn auch rein taktisch ausgerichtetes Schuldbewusstsein zu geben scheint, aber ich muss Sie enttäuschen.  Kein Betrag, den zu nennen Sie sich in der Lage sehen, könnte mich abhalten, das zu tun, was ich mir vorgenommen habe” 
 
“Und Sie? Wie mir scheint, genießen Sie unser Gespräch außerordentlich. Quasi ein Vorgeschmack auf die Genugtuung, die Sie sich von der morgigen Veröffentlichung dieses Artikels versprechen.” “So lässt es sich sagen” Thomas nickte zustimmend. Henner stand auf und ging hastig auf und ab. “Ihnen muss doch klar sein, dass ich das so nicht akzeptieren kann” Henners Stimme klang mit einem Mal hart “Sie denken doch nicht, dass ich Sie nach allem was sie gesagt und mir angedroht haben, jetzt einfach so durch diese Tür hinaus gehen lassen kann” Er starrte vor sich hin. “Man muss sich doch einigen können. Wir sind doch vernünftige Menschen” Thomas nickte leicht. “Schön, dass Sie von Vernunft sprechen. Es ist allerdings so, dass der Wunsch nach Rache, und um einen solchen handelt es sich hier, ein zutiefst irrationales Begehren darstellt, das zudem fast ausschließlich emotional motiviert ist. Was mich nicht hindert, mich meiner Vernunft zu bedienen, um mein Ziel zu erreichen” Henner hatte sich wieder gesetzt. Stand wieder auf, ging zum Schreibtisch. “Und die gleiche Vernunft hat mich bewogen, mit meinem Anwalt zu vereinbaren, dass er die Polizei verständigt, wenn ich mich nicht spätestens um 13 Uhr bei ihm melde. Aber wir haben noch etwas Zeit. Wenn ich es richtig sehe, ist es erst 12:50”  
 
“Hatten Sie allen Ernstes befürchtet, ich könnte versucht sein, Ihnen etwas anzutun” Thomas blickte ihn unverwandt an. Henner hatte den Kopf in die Hand gestützt. “Nun ja, es erschien mir klug, alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Aber vielleicht habe ich Ihnen mit diesem Argwohn Unrecht getan. Man sollte schließlich nicht zu schlecht von seinen Mitmenschen denken. Nicht jeder Betrüger hat das Zeug zum Mörder”   
“Ich sehe, wir sind an dem Punkt angekommen, wo wir völlig offen miteinander reden können. Ich glaube, wir können meine Ausgangshypothese getrost revidieren Wahrscheinlich ist wahr, was wir jetzt miteinander verhandeln. Gleichwohl bin ich mir bei der jeweiligen Lauterkeit Ihrer Motive noch nicht ganz sicher. … würden Sie mich kurz entschuldigen. Ich würde gerne die Toilette aufsuchen. Unser Gespräch scheint mir an die Nieren zu gehen” Henner hatte seine Bitte mit einem Blick, der eine gewisse peinliche Berührung ausdrückte, unterstrichen. “Und haben Sie keine Sorge, ich werde nicht mit einer entsicherten Pistole zurückkehren, um Sie über den Haufen zu schießen. Wir sind doch vernünftige Leute” Er stand auf und ging zu Tür. “Gehen Sie nur. Ich werde auf Sie warten.” 
Als Henner zurückkehrte hielt Thomas sein Handy in der Hand. “Ich habe meinen Anwalt gebeten, sich noch etwas zu gedulden. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, um uns zu unterhalten”   “Das ist gut. Ich werde Ihnen diese 30 Minuten nicht in Rechnung stellen” antwortete Henner mit einem etwas gequälten Lächeln. “Sie entschuldigen bitte, ein Anfall von Galgenhumor. Würde es Sie stören, wenn ich mir einen Zigarillo anstecke? Das würde mich etwas beruhigen” Thomas musterte ihn nachdenklich. “Mein Vater hatte mir erzählt, Sie hätten damals mit dem Rauchen aufgehört …?” Henner nickte. “Das ist richtig. Aber ich habe, um mir selber meine Willenskraft vor Augen zu führen, stets eine unangebrochene Schachtel in meinem Schreibtisch aufbewahrt – und ich fürchte, mein Wille erweist sich als schwächer, als ich gehofft hatte” Thomas griff in seine Tasche, zog selber eine Packung hervor und bot Henner an, sich zu bedienen “Wenn schon rückfällig werden, dann doch nicht mit so einem ausgetrockneten Stengel, der sofort in Flammen aufgeht, wenn man sich ihm mit dem Streichholz auch nur nähert.” Henner legte die Streichhölzer zur Seite mit denen er bereits eine Zeit lang nervös herumgespielt hatte und griff nach der angebotenen Schachtel. “Thomas, eine Frage hätte ich noch. Sie glauben also, entschuldigen Sie bitte meine grobe Ausdrucksweise – aber es sind besondere Umstände – Sie denken also, Sie hätten mich jetzt bei den Eiern.” Thomas zuckte mit den Schultern “Nun, ehrlich gesagt, Ihre Wortwahl überrascht mich, schließlich sind Sie ja wohl Analytiker, aber im Prinzip haben Sie recht.”  
Beide spielten sie etwas nervös, mit den unangezündeten Zigarillos in den Händen. Henner hielt die Streichholzschachtel umklammert, beide verwundert darüber, dass nun, nach dem alles gesagt war, Raum zu sein schien für eine merkwürdige Kameraderie. “Sehen Sie Thomas, ich denke, Sie irren an einem zentralen Punkt” Er hatte ein Streichholz aus der Schachtel genommen und den Zigarillo zwischen die Lippen gesteckt. Mit einem auffordernden Blick hatte er Thomas angeboten, ihm zunächst Feuer zu geben, bevor er seinen eigenen Zigarillo anzünden würde. Beide neigten in einer erstaunlichen aber unter Rauchern üblichen Intimität die Köpfe zueinander. Das Streichholz schwebte über der Anreibefläche. Henners Hand zitterte ein klein wenig. “Sie müssen wissen, Thomas. Auf dem Weg zur Toilette habe ich ernsthaft daran gedacht, den Gashaupthahn im Flur weit aufzudrehen”  
“Und? Haben Sie es getan?” 
Das Streichholz flammte auf. 
 

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