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David Jacobs

Ravel: Streichquartett in F-Dur

 
Heiner liebte dieses Stück. Er hatte die Komposition während seiner Studentenzeit zum ersten Mal gehört. Sie hatte ihn sofort tief berührt.  Er besorgte immer Karten, wenn eine Aufführung in ihrer Stadt angekündigt wurde. Vor zwei Jahren hatte er das Werk das letzte Mal live erlebt. Heute würde er mit Edith ins Stadtmuseum gehen, um ein junges, noch unbekanntes Ensemble das Stück spielen zu hören.  Bei jedem Konzert entdeckte er etwas Neues daran. Dabei kannte er es fast auswendig. Sie freuten sich beide auf diesen Abend. Vielleicht würde es sie etwas ablenken. 
Er hatte sich damals sogar gemeinsam mit Freunden daran versucht. Martin, Carla und er hatten bis dahin ganz passabel als Streichtrio zusammengespielt.  Sie hatten sich sogar einen Namen gegeben, nannten sich RioTriO. Es war schwer gewesen, jemand zu finden, der für das Quartett die zweite Geigenstimme übernehmen konnte. Frieder hatte sich den Part nicht wirklich zugetraut. Trotzdem hatten sie es gewagt und waren in Ehren gescheitert. Seine Zuneigung zu diesem Stück war dadurch nur noch gewachsen.  
Martin spielte heute noch Geige. Er selbst hatte in den ersten Jahren nach der Doktorarbeit noch weitergemacht. Aber als er Stationsarzt wurde, gab er das Cello auf. Er hatte schon immer viel üben müssen, um mit den anderen mithalten zu können. “Ich bin ein Handwerker am Cello – kein Künstler” hatte er über sich selbst gesagt. Ihm hatte einfach die Zeit gefehlt. 
Edith und er lernten sich erst später kennen. 
Das Licht im Saal verlosch. Die Gespräche verstummten. Nur die kleine Bühne war noch beleuchtet.  Er liebte diese spannungsvolle Stille, den Moment, kurz bevor die Musik einsetzt. Die Musiker hatten ihre Instrumente gestimmt, hielten nun inne, sammelten sich. In diesen Sekunden vergaß Heiner für einen Moment alles, was ihn noch eben bedrückt hatte.  
 
moderato, tres doux  
ruhig, sehr sanft 
Still begannen die ersten Takte. Er lauschte der großen Erzählung, die sich vor ihm ausbreitete. Die Musiker holten gelassen zu ihren ersten Läufen aus und immer schien es ihm so, als ob diese melodischen Bögen von seinem eigenen Leben erzählten. In ihm wurde es still.  
 
Es war ein arbeitsreiches, aber auch ein maßvolles Leben gewesen. Bis zum heutigen Tag. Das wichtigste, was er über sein Leben zu sagen hatte, war folgendes:  er hat Edith seit dem Tag, an dem er sie kennenlernte, immer geliebt. Dafür mochte er sein Leben. 
Er war jetzt 74. Die Kollegen, die ihn behandelten, machten ihm wenig Hoffnung, dass es noch mehr Jahre werden würden. Besser wäre es, sagten sie, jetzt all das zu ordnen, was er selber noch regeln wolle.  “Wie oft habe ich selbst diesen Satz gesagt” fuhr es ihm durch den Kopf, als er die Diagnose hörte. Er hatte geschwiegen und auf den Boden geblickt, bis der Arzt leise das Zimmer verlassen hatte. Er wollte nicht, dass der Kollege sah, wie er weinte. 
Er versuchte, seine Furcht vor dem, was kommen würde, von sich zu weisen und sich auf das Konzert zu konzentrieren. Die Musik drängte jetzt voran, nahm Anlauf zu einem ersten vorläufigen Höhepunkt.  
Heiner hatte versucht mit Edith über die Diagnose zu reden. Es gelang ihm nicht. “Du hast Angst, oder?” hatte sie gesagt und seine Hand genommen. “Ja” und nach langem Schweigen hatte er noch ganz leise gesagt “… und keine Schläuche. Ich habe nicht genug Mut für so ein langes Sterben. Bitte keine Schläuche!” Aber als sie mit ihm die Patientenverfügung durchging, konnte er nicht unterschreiben.  
Die Musik steigerte sich, doch dieser erste Anstieg verebbte genauso sacht, wie er sich entfaltet hatte. Die Klänge fanden wieder in ihre ruhige Erzählstimme zurück und der erste Satz klang mit einer sanften und sehnsüchtigen Melodie aus. 
 
assez vif,  tres rhythme´ 
sehr bewegt und rhythmisch 
Was dann kam, verblüffte ihn immer wieder. Gerade erst waren die Abschiedstöne des ersten Satzes verstummt, da setzte nach einer knappen Zäsur energische Pizzicati ein. Kraftvoll und tänzerisch trieben sie die harmonische Entwicklung voran, um gleich darauf von einer einfachen und zauberhaften Melodie abgelöst zu werden. Der ganze zweite Satz changierte ein ums andere Mal zwischen diesen Polen von Sehnsucht und Kraft.  
Heiner war erstaunt gewesen, wie sehr er sich der Furcht vor dem eigenen Sterben auslieferte. In der Klinik hatte der Tod zu seinem Alltag gehört. Er hatte ihn nie kalt gelassen. Aber es waren immer die Anderen, die starben. Man stemmte sich als Mediziner mit aller Kraft gegen den Tod. Aber ein erfahrener Arzt wusste, wann er mit seiner Kunst und seiner Hoffnung am Ende war. Im Laufe der Jahre hatte Heiner gelernt, diesen Moment immer klarer zu erkennen.   
Das Quartett beschleunigte inzwischen das Tempo. Die Akkorde wirbelten durcheinander und gingen dann in eine melancholische Episode über, die wiederum in einen schwermütigen Tanz mündete. Er lauschte dieser Trauer nach, hörte sie behutsam an- und abschwellen. Dann flammte sie noch einmal auf, mündete in einen kraftvollen Reigen …. und brach unvermittelt ab.        
Er hatte die ersten Symptome nicht wirklich wahrgenommen. Es war Edith gewesen, die ihn genötigt hatte, zum Arzt zu gehen. “Sie kommen sehr spät …” hatte der Kollege gesagt, nachdem er ihn untersucht hatte. “Sie haben ja recht, aber wissen Sie nicht selbst, wie es bei uns ist. Ärzte sind schlechte Patienten” hatte Heiner erwidert. Der andere hatte genickt. “Sie wissen Bescheid über den Verlauf?” “Ja, die Details kann ich nachlesen, … aber was denken Sie, wie lange werde ich noch …” Er selber hatte es immer verweigert, sich auf diese letzte Frist festlegen zu lassen. “Ich würde raten, die Dinge zu regeln, die noch geordnet werden müssen” hatte der Kollege erwidert. 
Edith hatte ihn umarmt und einfach nur gehalten, als er abends stumm in der Tür ihres Hauses stand. Die Wochen die folgten, waren die wertvollsten Tage seines Lebens. Sie waren sich lange nicht so nahe gewesen. Manchmal konnten sie sogar zusammen lachen.  
Sie frühstückten gerade, als er plötzlich innehielt und sie anblickte. “Lass den dritten Satz spielen, wenn ihr mich eingrabt. Du weißt, welcher …” sagte er leise. Edith hatte genickt.  
 
 
 
 
tres lent 
sehr langsam 
Als der dritte Satz behutsam einsetzte, merkte er, wie ihn ein leichter Schwindel erfasste. Heiner stutzte. Er spürte seinen rechten Arm nicht mehr. Das rechte Bein wurde taub, als hätte er eine örtliche Betäubung vornehmen lassen. Er spürte einen diffusen Druck in den Schläfen und ihm wurde übel. Er wusste sofort, dass es ein Schlaganfall war. Er blickte still vor sich hin und registrierte, wie sein Sehvermögen sich langsam einzutrüben begann. 
 
Der Cellist begann jetzt eine kurze Solopassage. Man musste das sehr langsam spielen. Heiner hatte diese Stelle immer für die schwierigste gehalten. Alle blickten bei diesen Takten auf das Cello. Er fragte sich immer, wie es ihm gelingen könnte, diesen hauchdünnen Spannungsbogen zu halten.   
Heiner atmete flach, vorsichtig, fast tastend. Bei einem Schlaganfall ist schnelle Hilfe das wichtigste. Er zögerte nur kurz, dann traf er eine Entscheidung. Er würde den Dingen ihren Lauf lassen.   
 
Edith erwiderte sanft den Druck seiner linken Hand. Er war dankbar, dass sie nicht merkte, was mit ihm passierte. 
 
Damals, als sie selbst versucht hatten, dieses Quartett zu spielen, war der dritte Satz ihre größte Herausforderung gewesen. Letztendlich waren sie an ihm gescheitert. Nicht in technischer Hinsicht. Aber Musikalisch gesehen war der dritte Satz ausgesprochen komplex. Man braucht da eine gemeinsame Sprache, sonst verliert man. 
Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, die Musiker zu fixieren, aber ihre Konturen schienen zu verschwimmen. Seine Wahrnehmung begann, sich einzutrüben. Er spürte wie etwas in ihm klemmte. Als wäre es nicht möglich eine Tür zu öffnen, weil sich irgendetwas verzogen hatte. Er drückte gegen eine Tür? Was für eine Tür eigentlich? Sein Denken wurde brüchig. 
 
Heiner versuchte, zurück in den dritten Satz zu finden. Er hörte, wie sich der Klang der Geigen langsam hinaufschwang und von Bratsche und Cello aufgenommen wurde, sich sanft auffächerte und mit einem Flirren leise zu Ende ging. 
 
Er spürte, wie sich etwas in ihm löste.     
 
vif et agite 
lebendig und erregt 
Der Musik setzte mit einem abrupten Ruck ein. In den ersten drei Sätzen hatten sich die Themen noch alle Zeit genommen, die sie für ihre Entwicklung zu brauchen schien. Aber im vierten Satz gilt nur noch der Augenblick. Unaufhaltsam treibt das Stück voran. Der vierte ist der kürzeste und der dynamischste Satz dieses Quartetts. Nur kurz wird er von lyrischen Passagen unterbrochen, schöpft dort Atem und stürzt sich von da aus in wirbelnde Strudel.  
 
Heiner versuchte die klemmende Tür zu öffnen. Er stemmte sich dagegen, rannte dagegen an, versuchte sie aufzusprengen. Seine Schulter schmerzte.  Dann gab etwas in ihm nach. Die Tür gab nach. Gleißendes Licht blendete ihn. Er hörte noch, wie sich die Musik immer unerschrockener in das Finale stürzte. Er sah sich selbst, wie er in seinem Sitz zusammensank, spürte den Schreck des Erkennens, als sein Tod entdeckt und das Konzert abgebrochen wurde. Sah wie die Musiker die Instrumente zur Seite legten, hörte Rufe um Hilfe. 
“Ein Arzt! Ist ein Arzt im Publikum?”, Heiner hörte Martinshörner näherkommen. In ihm war es still. Er lauschte der Musik, die immer noch in ihm nachhallte. Er suchte und fand Ediths Blick. Edith, die ihm nun zulächelte, die immer noch seine linke Hand hielt. Er sah wie sich ihre Lippen bewegten, wie sie Abschiedsworte flüsterte. Worte, die nur er hören konnte. 
Dann sah er nichts mehr. Heiner lauschte, wie die Welt immer leiser wurde, wie sie zurücktrat, spürte die Stille näherkommen … 
Er hatte nie geglaubt, dass Sterben so einfach sei. 

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